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Schiller: Geschichte des 30jährigen Kriegs

Inhalt

Erster Theil.

[Erstes Buch.] [Zweites Buch.]

Zweiter Theil.

[Drittes Buch.] [Viertes Buch.] [Fünftes Buch.]

Erster Theil.

Erstes Buch.

Seit dem Anfang des Religionskriegs in Deutschland bis zum Münsterischen Frieden ist in der politischen Welt Europens kaum etwas Großes und Merkwürdiges geschehen, woran die Reformation nicht den vornehmsten Antheil gehabt hätte. Alle Weltbegebenheiten, welche sich in diesem Zeitraum ereignen, schließen sich an die Glaubensverbesserung an, wo sie nicht ursprünglich daraus herflossen, und jeder noch so große und noch so kleine Staat hat mehr oder weniger, mittelbarer oder unmittelbarer, den Einfluß derselben empfunden.

Beinahe der ganze Gebrauch, den das spanische Haus von seinen ungeheuren politischen Kräften machte, war gegen die neuen Meinungen oder ihre Bekenner gerichtet. Durch die Reformation wurde der Bürgerkrieg entzündet, welcher Frankreich unter vier stürmischen Regierungen in seinen Grundfesten erschütterte, ausländische Waffen in das Herz dieses Königreichs zog und es ein halbes Jahrhundert lang zu einem Schauplatz der traurigsten Zerrüttung machte. Die Reformation machte den Niederländern das spanische Joch unerträglich und weckte bei diesem Volke das Verlangen und den Muth, dieses Joch zu zerbrechen, so wie sie ihm größtenteils auch die Kräfte dazugab. Alles Böse, welches Philipp der Zweite gegen die Königin Elisabeth von England beschloß, war Rache, die er dafür nahm, daß sie seine protestantischen Unterthanen gegen ihn in Schutz genommen und sich an die Spitze einer Religionspartei gestellt hatte, die er zu vertilgen strebte. Die Trennung in der Kirche hatte in Deutschland eine fortdauernde politische Trennung zur Folge, welche dieses Land zwar länger als ein Jahrhundert der Verwirrung dahingab, aber auch zugleich gegen politische Unterdrückung einen bleibenden Damm aufthürmte. Die Reformation war es großenteils, was die nordischen Mächte, Dänemark und Schweden zuerst in das Staatssystem von Europa zog, weil sich der protestantische Staatenbund durch ihren Beitritt verstärkte, und weil dieser Bund ihnen selbst unentbehrlich ward. Staaten, die vorher kaum für einander vorhanden gewesen, fingen an, durch die Reformation einen wichtigen Berührungspunkt zu erhalten und sich in einer neuen politischen Sympathie an einander zu schließen. So wie Bürger gegen Bürger, Herrscher gegen ihre Unterthanen durch die Reformation in andre Verhältnisse kamen, rückten durch sie auch ganze Staaten in neue Stellengen gegen einander. Und so mußte es durch einen seltsamen Gang der Dinge die Kirchentrennung sein, was die Staaten unter sich zu einer engern Vereinigung führte. Schrecklich zwar und verderblich war die erste Wirkung, durch welche diese allgemeine politische Sympathie sich verkündigte – ein dreißigjähriger verheerender Krieg, der von dem Innern des Böhmerlandes bis an die Mündung der Schelde, von den Ufern des Po bis an die Küsten der Ostsee Länder entvölkerte, Ernten zertrat, Städte und Dörfer in die Asche legte; ein Krieg, in welchem viele Tausend Streiter ihren Untergang fanden, der den aufglimmenden Funken der Cultur in Deutschland auf ein halbes Jahrhundert verlöschte und die kaum auflebenden bessern Sitten der alten barbarischen Wildheit zurückgab. Aber Europa ging ununterdrückt und frei aus diesem fürchterlichen Krieg, in welchem es sich zum erstenmal als eine znsammenhängende Staatengesellschaft erkannt hatte; und diese Theilnehmung der Staaten an einander, welche sich in diesem Krieg eigentlich erst bildete, wäre allein schon Gewinn genug, den Weltbürger mit seinen Schrecken zu versöhnen. Die Hand des Fleißes hat unvermerkt alle verderbliche Spuren dieses Kriegs wieder ausgelöscht; aber die wohlthätigen Folgen, von denen er begleitet war, sind geblieben. Eben diese allgemeine Staatensympathie, welche den Stoß in Böhmen dem halben Europa mittheilte, bewacht jetzt den Frieden, der diesem Krieg ein Ende machte. So wie die Flamme der Verwüstung aus dem Innern Böhmens, Mährens und Oesterreichs einen Weg fand, Deutschland, Frankreich, das halbe Europa zu entzünden, so wird die Fackel der Cultur von diesen Staaten aus einen Weg sich öffnen, jene Länder zu erleuchten.

Die Religion wirkte dieses alles. Durch sie allein wurde möglich, was geschah, aber es fehlte viel, daß es für sie und ihrentwegen unternommen worden wäre. Hätte nicht der Privatvortheil, nicht das Staatsinteresse sich schnell damit vereinigt, nie würde die Stimme der Theologen und des Volks so bereitwillige Fürsten, nie die neue Lehre so zahlreiche, so tapfere, so beharrliche Verfechter gefunden haben. Ein großer Antheil an der Kirchenrevolution gebührt unstreitig der siegenden Gewalt der Wahrheit, oder dessen, was mit Wahrheit verwechselt wurde. Die Mißbräuche in der alten Kirche, das Abgeschmackte mancher ihrer Lehren, das Uebertriebene in ihren Forderungen mußte nothwendig ein Gemüth empören, das von der Ahnung eines bessern Lichts schon gewonnen war, mußte es geneigt machen, die verbesserte Religion zu umfassen.

Der Reiz der Unabhängigkeit, die reiche Beute der geistlichen Stifter mußte die Regenten nach einer Religionsveränderung lüstern machen und das Gewicht der innern Ueberzeugung nicht wenig bei ihnen verstärken; aber die Staatsräson allein konnte sie dazu drängen. Hätte nicht Karl der Fünfte im Uebermuth seines Glücks an die Reichsfreiheit der deutschen Stände gegriffen, schwerlich hätte sich ein protestantischer Bund für die Glaubensfreiheit bewaffnet. Ohne die Herrschbegierde der Guisen hätten die Calvinisten in Frankreich nie einen Condé oder Coligny an ihrer Spitze gesehen; ohne die Auflage des zehenten und zwanzigsten Pfennigs hätte der Stuhl zu Rom nie die vereinigten Niederlande verloren. Die Regenten kämpften zu ihrer Selbstverteidigung oder Vergrößerung; der Religionsenthusiasmus warb ihnen die Armeen und öffnete ihnen die Schätze ihres Volks. Der große Haufe, wo ihn nicht Hoffnung der Beute unter ihre Fahnen lockte, glaubte für die Wahrheit sein Blut zu vergießen, indem er es zum Vortheil seines Fürsten verspritzte.

Und Wohlthat genug für die Völker, daß diesmal der Vortheil der Fürsten Hand in Hand mit dem ihrigen ging! Diesem Zufall allein haben sie ihre Befreiung vom Papstthum zu danken. Glück genug für die Fürsten, daß der Unterthan für seine eigene Sache stritt, indem er für die ihrige kämpfte! In dem Zeitalter, wovon jetzt die Rede ist, regierte in Europa kein Fürst so absolut, um über den guten Willen seiner Unterthanen hinweggesetzt zu sein, wenn er seine politischen Entwürfe verfolgte. Aber wie schwer hielt es, diesen guten Willen der Nation für seine poetischen Entwürfe zu gewinnen und in Handlung zu setzen! Die nachdrücklichsten Beweggründe, welche von der Staatsräson entlehnt sind, lassen den Unterthan kalt, der sie selten einsieht, und den sie noch seltener interessieren. In diesem Fall bleibt einem staatsklugen Regenten nichts übrig, als das Interesse des Cabinets an irgend ein anderes Interesse, das dem Volke näher liegt, anzuknüpfen, wenn etwa ein solches schon vorhanden ist, oder, wenn es nicht ist, es zu erschaffen.

Dies war der Fall, worin sich ein großer Theil derjenigen Regenten befand, die für die Reformation handelnd aufgetreten sind. Durch eine sonderbare Verkettung der Dinge mußte es sich fügen, daß die Kirchentrennung mit zwei politischen Umständen zusammentraf, ohne welche sie vermutlich eine ganz andere Entwicklung gehabt haben würde. Diese waren: die auf einmal hervorspringende Uebermacht des Hauses Oesterreich, welche die Freiheit Europens bedrohte, und der thätige Eifer dieses Hauses für die alte Religion. Das Erste weckte die Regenten, das Zweite bewaffnete ihnen die Nationen.

Die Aufhebung einer fremden Gerichtsbarkeit in ihren Staaten, die höchste Gewalt in geistlichen Dingen, der gehemmte Abfluß des Geldes nach Rom, die reiche Beute der geistlichen Stifter waren Vortheile, die für jeden Souverän auf gleiche Art verführerisch sein mußten; warum, könnte man fragen, wirkten sie nicht eben so gut auf die Prinzen des Hauses Oesterreich? Was hinderte dieses Haus, und insbesondere die deutsche Linie desselben, den dringenden Anforderungen so vieler seiner Unterthanen Gehör zu geben und sich nach dem Beispiel Andrer auf Unkosten einer wehrlosen Geistlichkeit zu verbessern? Es ist schwer zu glauben, daß die Ueberzeugung von der Unfehlbarkeit der römischen Kirche an der frommen Standhaftigkeit dieses Hauses einen größern Antheil gehabt haben sollte, als die Ueberzeugung vom Gegentheil an dem Abfalle der protestantischen Fürsten. Mehrere Gründe vereinigten sich, die österreichischen Prinzen zu Stützen des Papstthums zu machen. Spanien und Italien, aus welchen Ländern die österreichische Macht einen großen Theil ihrer Stärke zog, waren dem Stuhle zu Rom mit blinder Anhänglichkeit ergeben, welche die Spanier insbesondere schon zu den Zeiten der gothischen Herrschaft ausgezeichnet hat. Die geringste Annäherung an die verabscheuten Lehren Luthers und Calvins mußte dem Beherrscher von Spanien die Herzen seiner Unterthanen unwiederbringlich entreißen; der Abfall von dem Papstthum konnte ihm dieses Königreich kosten. Ein spanischer König mußte ein rechtgläubiger Prinz sein, oder er mußte von diesem Throne steigen. Den nämlichen Zwang legten ihm seine italienischen Staaten auf, die er fast noch mehr schonen mußte, als seine Spanier, weil sie das auswärtige Joch am ungeduldigsten trugen und es am leichtesten abschütteln konnten. Dazu kam, daß ihm diese Staaten Frankreich zum Mitbewerber und den Papst zum Nachbar gaben; Gründe genug, die ihn hinderten, sich für eine Partei zu erklären, welche das Ansehen des Papstes zernichtete – die ihn aufforderten, sich letztern durch den thätigsten Eifer für die alte Religion zu verpflichten.

Diese allgemeinen Gründe, welche bei jedem spanischen Monarchen von gleichem Gewichte sein mußten, wurden bei jedem insbesondere noch durch besondere Gründe unterstützt. Karl der Fünfte hatte in Italien einen gefährlichen Nebenbuhler an dem König von Frankreich, dem dieses Land sich in eben dem Augenblick in die Arme warf, wo Karl sich ketzerischer Grundsätze verdächtig machte. Gerade an denjenigen Entwürfen, welche Karl mit der meisten Hitze verfolgte, würde das Mißtrauen der Katholischen und der Streit mit der Kirche ihm durchaus hinderlich gewesen sein. Als Karl der Fünfte in den Fall kam, zwischen beiden Religionsparteien zu wählen, hatte sich die neue Religion noch nicht bei ihm in Achtung setzen können, und überdem war zu einer gütlichen Vergleichung beider Kirchen damals noch die wahrscheinlichste Hoffnung vorhanden. Bei seinem Sohn und Nachfolger Philipp dem Zweiten vereinigte sich eine mönchische Erziehung mit einem despotischen finstern Charakter, einen unversöhnlichen Haß aller Neuerungen in Glaubenssachen bei diesem Fürsten zu unterhalten, den der Umstand, daß seine schlimmsten politischen Gegner auch zugleich Feinde seiner Religion waren, nicht wohl vermindern konnte. Da seine europäischen Länder, durch so viele fremde Staaten zerstreut, dem Einfluß fremder Meinungen überall offen lagen, so konnte er dem Fortgange der Reformation in andern Ländern nicht gleichgültig zusehen, und sein eigener näherer Staatsvortheil forderte ihn auf, sich der alten Kirche überhaupt anzunehmen, um die Quellen der ketzerischen Ansteckung zu verstopfen. Der natürlichste Gang der Dinge stellte also diesen Fürsten an die Spitze des katholischen Glaubens und des Bundes, den die Papisten gegen die Neuerer schlossen. Was unter Karls des Fünften und Philipps des Zweiten langen und thatenvollen Regierungen beobachtet wurde, blieb für die folgenden Gesetz; und je mehr sich der Riß in der Kirche erweiterte, desto fester mußte Spanien an dem Katholicismus halten.

Freier schien die deutsche Linie des Hauses Oesterreich gewesen zu sein; aber wenn bei dieser auch mehrere von jenen Hindernissen wegfielen, so wurde sie durch andere Verhältnisse in Fesseln gehalten. Der Besitz der Kaiserkrone, die auf einem protestantischen Haupte ganz undenkbar war (denn wie konnte ein Apostat der römischen Kirche die römische Kaiserkrone tragen?) knüpfte die Nachfolger Ferdinands des Ersten an den päpstlichen Stuhl; Ferdinand selbst war diesem Stuhl aus Gründen des Gewissens und aufrichtig ergeben. Ueberdem waren die deutsch-österreichischen Prinzen nicht mächtig genug, der spanischen Unterstützung zu entbehren, die aber durch eine Begünstigung der neuen Religion durchaus verscherzt war. Auch forderte ihre Kaiserwürde sie auf, das deutsche Reichssystem zu beschützen, wodurch sie selbst sich als Kaiser behaupteten, und welches der protestantische Reichstheil zu stürzen strebte. Rechnet man dazu die Kälte der Protestanten gegen die Bedrängnisse der Kaiser und gegen die gemeinschaftlichen Gefahren des Reichs, ihre gewaltsamen Eingriffe in das Zeitliche der Kirche und ihre Feindseligkeiten, wo sie sich als die Stärkeren fühlten; so begreift man, wie so viele zusammenwirkende Gründe die Kaiser auf der Seite des Papstthums erhalten, wie sich ihr eigner Vortheil mit dem Vortheile der katholischen Religion aufs genauste vermengen mußte. Da vielleicht das ganze Schicksal dieser Religion von dem Entschlusse abhing, den das Haus Oesterreich ergriff, so mußte man die österreichischen Prinzen durch ganz Europa als die Säulen des Papstthums betrachten. Der Haß der Protestanten gegen letzteres kehrte sich darum auch einstimmig gegen Oesterreich und vermengte nach und nach den Beschützer mit der Sache, die er beschützte.

Aber eben dieses Hans Oesterreich, der unversöhnliche Gegner der Reformation, setzte zugleich durch seine ehrgeizigen Entwürfe, die von einer überlegenen Macht unterstützt waren, die politische Freiheit der europäischen Steten, und besonders der deutschen Stände, in nicht geringe Gefahr. Dieser Umstand mußte letztere aus ihrer Sicherheit aufschrecken und auf ihre Selbstverteidigung aufmerksam machen. Ihre gewöhnlichen Hilfsmittel würden nimmermehr hingereicht haben, einer so drohenden Macht zu widerstehen. Außerordentliche Anstrengungen mußten sie von ihren Unterthanen verlangen und, da auch diese bei weitem nicht hinreichten, von ihren Nachbarn Kräfte entlehnen und durch Bündnisse unter einander eine Macht aufzuwägen suchen, gegen welche sie einzeln nicht bestanden.

Aber die großen politischen Aufforderungen, welche die Regenten hatten, sich den Fortschritten Oesterreichs zu widersetzen, hatten ihre Unterthanen nicht. Nur gegenwärtige Vortheile oder gegenwärtige Uebel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Oesterreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte; Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zum Gewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüther versetzte, fühlte der Unterthan die Schwere der Lasten nicht, die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigeren Gemüthslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der brittischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hilfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.

Mit noch so großen eignen Anstrengungen aber würde man gegen eine Macht wenig ausgerichtet haben, die auch dem mächtigsten Fürsten, wenn er einzeln stand. überlegen war. In den Zeiten einer noch wenig ausgebildeten Politik konnten aber nur zufällige Umstände entfernte Staaten zu einer wechselseitigen Hilfsleistung vermögen. Die Verschiedenheit der Verfassung, der Gesetze, der Sprache, der Sitten, des Nationalcharakters, welche die Nationen und Länder in eben so viele verschiedene Ganze absonderte und eine fortdauernde Scheidewand zwischen sie stellte, machte den einen Staat unempfindlich gegen die Bedrängnisse des andern, wo ihn nicht gar die Nationaleifersucht zu einer feindseligen Schadenfreude reizte. Die Reformation stürzte diese Scheidewand. Ein lebhafteres, näher liegendes Interesse als der Nationalvortheil oder die Vaterlandsliebe, und welches von bürgerlichen Verhältnissen durchaus unabhängig war, fing an, die einzelnen Bürger und ganze Staaten zu beseelen. Dieses Interesse konnte mehrere und selbst die entlegensten Staaten mit einander verbinden, und bei Unterthanen des nämlichen Staats konnte dieses Band wegfallen. Der französische Calvinist hatte also mit dem reformierten Genfer, Engländer, Deutschen oder Holländer einen Berührungspunkt, den er mit seinem eigenen katholischen Mitbürger nicht hatte. Er hörte also in einem sehr wichtigen Punkte auf, Bürger eines einzelnen Staats zu sein, seine Aufmerksamkeit und Theilnahme auf diesen einzelnen Staat einzuschränken. Sein Kreis erweitert sich; er fängt an, aus dem Schicksale fremder Länder, die seines Glaubens sind, sich sein eigenes zu weissagen und ihre Sache zu der seinigen zu machen. Nun erst dürfen die Regenten es wagen, auswärtige Angelegenheiten vor die Versammlung ihrer Landstände zu bringen, nun erst hoffen, ein williges Ohr und schnelle Hilfe zu finden. Diese auswärtigen Angelegenheiten sind jetzt zu einheimischen geworden, und gerne reicht man dem Glaubensverwandten eine hilfreiche Hand, die man dem bloßen Nachbar, und noch mehr dem fernen Ausländer verweigert hätte. Jetzt verläßt der Pfälzer seine Heimath, um für seinen französischen Glaubensbruder gegen den gemeinschaftlichen Religionsfeind zu fechten. Der französische Unterthan zieht das Schwert gegen ein Vaterland, das ihn mißhandelt, und geht hin, für Hollands Freiheit zu bluten. Jetzt sieht man Schweizer gegen Schweizer, Deutsche gegen Deutsche im Streit gerüstet, um an den Ufern der Loire und der Seine die Thronfolge in Frankreich zu entscheiden. Der Däne geht über die Eider, der Schwede über den Belt, um die Ketten zu zerbrechen, die für Deutschland geschmiedet sind.

Es ist sehr schwer zu sagen, was mit der Reformation, was mit der Freiheit des deutschen Reichs wohl geworden sein würde, wenn das gefürchtete Haus Oesterreich nicht Partei gegen sie genommen hätte. So viel aber scheint erwiesen, daß sich die österreichischen Prinzen auf ihrem Wege zur Universalmonarchie durch nichts mehr gehindert haben, als durch den hartnäckigen Krieg, den sie gegen die neuen Meinungen führten. In keinem andere Falle, als unter diesem, war es den schwächern Fürsten möglich, die außerordentlichen Anstrengungen von ihren Ständen zu erzwingen, wodurch sie der österreichischen Macht widerstanden; in keinem andern Falle den Staaten möglich, sich gegen einen gemeinschaftlichen Feind zu vereinigen.

Höher war die österreichische Macht nie gestanden, als nach dem Siege Karls des Fünften bei Mühlberg, nachdem er die Deutschen überwunden hatte. Mit dem Schmalkaldischen Bunde lag die deutsche Freiheit, wie es schien, auf ewig darnieder; aber sie lebte wieder auf in Moritz von Sachsen, ihrem gefährlichsten Feinde. Alle Früchte des Mühlbergischen Sieges gehen auf dem Congreß zu Passau und dem Reichstag zu Augsburg verloren, und alle Anstalten zur weltlichen und geistlichen Unterdrückung endigen in einem nachgebenden Frieden.

Deutschland zerriß auf diesem Reichstage zu Augsburg in zwei Religionen und in zwei politische Parteien; jetzt erst zerriß es, weil die Trennung jetzt erst gesetzlich war. Bis hieher waren die Protestanten als Rebellen angesehen worden; jetzt beschloß man, sie als Brüder zu behandeln, nicht als ob man sie dafür anerkannt hätte, sondern weil man dazu genöthigt war. Die Augsburgische Confession durfte sich von jetzt an neben den katholischen Glauben stellen, doch nur als eine geduldete Nachbarin, mit einstweiligen schwesterlichen Rechten. Jedem weltlichen Reichsstande war das Recht zugestanden, die Religion, zu der er sich bekannte, auf seinem Grund und Boden zur herrschenden und einzigen zu machen und die entgegengesetzte der freien Ausübung zu berauben; jedem Unterthan vergönnt, das Land zu verlassen, wo seine Religion unterdrückt war. Jetzt zum erstenmal erfreute sich also die Lehre Luthers einer positiven Sanktion, und wenn sie auch in Bayern oder in Oesterreich im Staube lag, so konnte sie sich damit trösten, daß sie in Sachsen und in Thüringen thronte. Den Regenten war es aber nun doch allein überlassen, welche Religion in ihren Landen gelten und welche darnieder liegen sollte; für den Unterthan, der auf dem Reichstage keinen Repräsentanten hatte, war in diesem Frieden gar wenig gesorgt. Bloß allein in geistlichen Ländern, in welchen die katholische Religion unwiderruflich die herrschende blieb, wurde den protestantischen Unterthanen (welche es damals schon waren) die freie Religionsübung ausgewirkt; aber auch diese nur durch eine persönliche Versicherung des römischen Königs Ferdinand, der diesen Frieden zu Staude brachte – eine Versicherung, die, von dem katholischen Reichstheile widersprochen und mit diesem Widerspruch in das Friedensinstrument eingetragen, keine Gesetzeskraft erhielt.

Wären es übrigens nur Meinungen gewesen, was die Gemüther trennte – wie gleichgültig hätte man dieser Trennung zugesehen! Aber an diesen Meinungen hingen Reichthümer, Würden und Rechte; ein Umstand, der die Scheidung unendlich erschwerte. Von zwei Brüdern, die das väterliche Vermögen bis hieher gemeinschaftlich genossen, verließ jetzt einer das väterliche Hans, und die Notwendigkeit trat ein, mit dem daheimbleibenden Bruder abzutheilen. Der Vater hatte für den Fall der Trennung nichts bestimmt, weil ihm von dieser Trennung nichts ahnen konnte. Aus den wohlthätigen Stiftungen der Voreltern war der Reichthum der Kirche innerhalb eines Jahrtausends zusammengeflossen, und diese Voreltern gehörten dem Weggehenden eben so gut an, als Dem, der zurückblieb. Haftete nun das Erbrecht bloß an dem väterlichen Hause, oder haftete es an dem Blute? Die Stiftungen waren an die katholische Kirche geschehen, weil damals noch keine andere vorhanden war; an den erstgebornen Bruder, weil er damals noch der einzige Sohn war. Galt nun in der Kirche ein Recht der Erstgeburt, wie in adeligen Geschlechtern? Galt die Begünstigung des einen Theils, wenn ihm der andere noch nicht gegenüberstehen konnte? Konnten die Lutheraner von dem Genuß dieser Güter ausgeschlossen sein, an denen doch ihre Vorfahren mitstiften halfen, bloß allein deßwegen ausgeschlossen sein, weil zu den Zeiten der Stiftung noch kein Unterschied zwischen Lutheranern und Katholischen stattfand? Beide Religionsparteien haben über diese Streitsache mit scheinbaren Gründen gegen einander gerechtet und rechten noch immer; aber es dürfte dem einen Theile so schwer fallen, als dem andern, sein Recht zu erweisen. Das Recht hat nur Entscheidungen für denkbare Fälle, und vielleicht gehören geistliche Stiftungen nicht unter diese; zum wenigsten dann nicht, wenn man die Forderungen ihrer Stifter auch auf dogmatische Sätze erstreckt – wie ist es denkbar, eine ewige Schenkung an eine wandelbare Meinung zu machen?

Wenn das Recht nicht entscheiden kann, so thut es die Stärke, und so geschah es hier. Der eine Theil behielt, was ihm nicht mehr zu nehmen war; der andere verteidigte, was er noch hatte. Alle vor dem Frieden weltlich gemachten Bisthümer und Abteien verblieben den Protestanten; aber die Papisten verwahrten sich in einem eigenen Vorbehalt, daß künftig keine mehr weltlich gemacht würden. Jeder Besitzer eines geistlichen Stiftes, das dem Reich unmittelbar unterworfen war, Kurfürst, Bischof oder Abt, hat seine Beneficien und Würden verwirkt, sobald er zur protestantischen Kirche abfällt. Sogleich muß er seine Besitzungen räumen, und das Kapitel schreitet zu einer neuen Wahl, gleich als wäre seine Stelle durch einen Todesfall erledigt worden. An diesem heiligen Anker des geistlichen Vorbehalts, der die ganze zeitliche Existenz eines geistlichen Fürsten von seinem Glaubensbekenntniß abhängig machte, ist noch bis heute die katholische Kirche in Deutschland befestigt – und was würde aus ihr werden, wenn dieser Anker zerrisse? Der geistliche Vorbehalt erlitt einen hartnäckigen Widerspruch von Seiten der protestantischen Stände, und obgleich sie ihn zuletzt noch in das Friedensinstrument mit aufnahmen, so geschah es mit dem ausdrücklichen Beisatz, daß beide Parteien sich über diesen Punkt nicht verglichen hätten. Konnte er für den protestantischen Theil mehr verbindlich sein, als jene Versicherung Ferdinands zum Vortheil der protestantischen Unterthanen in geistlichen Stiftern es für die katholischen war? Zwei Streitpunkte blieben also in dem Frieden zurück, und an diesen entzündete sich auch der Krieg.

So war es mit der Religionsfreiheit und mit den geistlichen Gütern; mit den Rechten und Würden war es nicht anders. Auf eine einzige Kirche war das deutsche Reichssystem berechnet, weil nur eine da war, als es sich bildete. Die Kirche hat sich getrennt, der Reichstag sich in zwei Religionsparteien geschieden – und doch soll das ganze Reichssystem ausschließend einer einzigen folgen? Alle bisherigen Kaiser waren Söhne der römischen Kirche gewesen, weil die römische Kirche in Deutschland bis jetzt ohne Nebenbuhlerin war. War es aber das Verhältniß mit Rom, was den Kaiser der Deutschen aufmachte, oder war es nicht vielmehr Deutschland, welches sich in seinem Kaiser repräsentierte? Zu dem ganzen Deutschland gehört aber auch der protestantische Theil – und wie repräsentiert sich nun dieser in einer ununterbrochenen Reihe katholischer Kaiser? – In dem höchsten Reichsgerichte richten die deutschen Stände sich selbst, weil sie selbst die Richter dazu stellen; daß sie sich selbst richteten, daß eine gleiche Gerechtigkeit allen zu Statten käme, war der Sinn seiner Stiftung – kann dieser Sinn erfüllt werden, wenn nicht beide Religionen darin sitzen? Daß zur Zeit der Stiftung in Deutschland noch ein einziger Glaube herrschte, war Zufall, – daß kein Stand den andern auf rechtlichem Wege unterdrücken sollte, war der wesentliche Zweck dieser Stiftung. Dieser Zweck aber ist verfehlt, wenn ein Religionstheil im ausschließenden Besitz ist, den andern zu richten – darf nun ein Zweck aufgeopfert werden, wenn sich ein Zufall verändert? – Endlich und mit Mühe erfochten die Protestanten ihrer Religion einen Sitz im Kammergerichte, aber noch immer keine ganz gleiche Stimmenzahl. – Zur Kaiserkrone hat noch kein protestantisches Haupt sich erhoben.

Was man auch von der Gleichheit sagen mag, welche der Religionsfriede zu Augsburg zwischen beiden deutschen Kirchen einführte, so ging die katholische doch unwidersprechlich als Siegerin davon. Alles, was die lutherische erhielt, war – Duldung; alles, was die katholische hingab, opferte sie der Noth, und nicht der Gerechtigkeit. Immer war es noch kein Friede zwischen zwei gleichgeachteten Mächten, bloß ein Vertrag zwischen dem Herrn und einem unüberwundenen Rebellen! Aus diesem Princip scheinen alle Proceduren der katholischen Kirche gegen die protestantische hergeflossen zu sein und noch herzufließen. Immer noch war es ein Verbrechen, zur protestantischen Kirche abzufallen, weil es mit einem so schweren Verluste geahndet wurde, als der geistliche Vorbehalt über abtrünnige geistliche Fürsten verhängt. Auch in den folgenden Zeiten setzte sich die katholische Kirche lieber aus, alles durch Gewalt zu verlieren, als einen kleinen Vortheil freiwillig und rechtlich aufzugeben; denn einen Raub zurückzunehmen, war noch Hoffnung, und immer war es nur ein zufälliger Verlust; aber ein aufgegebener Anspruch, ein den Protestanten zugestandenes Recht erschütterte die Grundpfeiler der katholischen Kirche. Bei dem Religionsfrieden selbst setzte man diesen Grundsatz nicht aus den Augen. Was man in diesem Frieden den Evangelischen preisgab, war nicht unbedingt aufgegeben. Alles, hieß es ausdrücklich, sollte nur bis auf die nächste allgemeine Kirchenversammlung gelten, welche sich beschäftigen würde, beide Kirchen wieder zu vereinigen. Dann erst, wenn dieser letzte Versuch mißlänge, sollte der Religionsfriede eine absolute Gültigkeit haben. So wenig Hoffnung zu dieser Wiedervereinigung da war, so wenig es vielleicht den Katholischen selbst damit Ernst war, so viel hatte man dessen ungeachtet schon gewonnen, daß man den Frieden durch diese Bedingung beschränkte.

Dieser Religionsfriede also, der die Flamme des Bürgerkriegs auf ewige Zeiten ersticken sollte, war im Grunde nur eine temporäre Auskunft, ein Werk der Noth und der Gewalt, nicht vom Gesetz der Gerechtigkeit dictiert, nicht die Frucht berichtigter Ideen über Religion und Religionsfreiheit. Einen Religionsfrieden von der letzten Art konnten die Katholischen nicht geben, und wenn man aufrichtig sein will. einen solchen vertrugen die Evangelischen noch nicht. Weit entfernt, gegen die Katholischen eine uneingeschränkte Billigkeit zu beweisen, unterdrückten sie, wo es in ihrer Macht stand, die Calvinisten, welche freilich eben so wenig eine Duldung in jenem bessern Sinne verdienten, da sie eben so weit entfernt waren, sie selbst auszuüben. Zu einem Religionsfrieden von dieser Natur waren jene Zeiten noch nicht reif und die Köpfe noch zu trübe. Wie konnte ein Theil von dem andern fordern, was er selbst zu leisten unvermögend war? Was eine jede Religionspartei in dem Augsburger Frieden rettete oder gewann, verdankte sie der Gewalt, dem zufälligen Machtverhältniß, in welchem beide bei Gründung des Friedens zu einander gestanden. Was durch Gewalt gewonnen wurde, mußte behauptet werden durch Gewalt; jenes Machtverhältniß mußte also auch fürs künftige fortdauern, oder der Friede verlor seine Kraft. Mit dem Schwerte in der Hand wurden die Grenzen zwischen beiden Kirchen gezeichnet; mit dem Schwerte mußten sie bewacht werden – oder wehe der früher entwaffneten Partei! Eine zweifelhafte schreckenvolle Aussicht für Deutschlands Ruhe, die aus dem Frieden selbst schon hervordrohte!

In dem Reiche erfolgte jetzt eine augenblickliche Stille, und ein flüchtiges Band der Eintracht schien die getrennten Glieder wieder in einen Reichskörper zu verknüpfen, daß auch das Gefühl für die gemeinschaftliche Wohlfahrt auf eine Zeitlang zurückkam. Aber die Trennung hatte das innerste Wesen getroffen, und die erste Harmonie wieder herzustellen, war vorbei. So genau der Friede die Rechtsgrenzen beider Theile bestimmt zu haben schien, so ungleichen Auslegungen blieb er nichtsdestoweniger unterworfen. Mitten in ihrem hitzigsten Kampfe hatte er den streitenden Parteien Stillstand auferlegt, er hatte den Feuerbrand zugedeckt, nicht gelöscht, und unbefriedigte Ansprüche blieben auf beiden Seiten zurück. Die Katholischen glaubten zu viel verloren, die Evangelischen zu wenig errungen zu haben; beide halfen sich damit, den Frieden, den sie jetzt noch nicht zu verletzen wagten, nach ihren Absichten zu erklären.

Dasselbe mächtige Motiv, welches so manche protestantische Fürsten so geneigt gemacht hatte, Luthers Lehre zu umfassen, die Besitznehmung von den geistlichen Stiftern, war nach geschlossenem Frieden nicht weniger wirksam als vorher, und was von mittelbaren Stiftern noch nicht in ihren Händen war, mußte bald in dieselben wandern. Ganz Niederdeutschland war in kurzer Zeit weltlich gemacht; und wenn es mit Oberdeutschland anders war, so lag es an dem lebhaftesten Widerstande der Katholischen, die hier das Uebergewicht hatten. Jede Partei drückte oder unterdrückte, wo sie die mächtigere war, die Anhänger der andern; die geistlichen Fürsten besonders, als die wehrlosesten Glieder des Reicht, wurden unaufhörlich durch die Vergrößerungsbegierde ihrer unkatholischen Nachbarn geängstigt. Wer zu ohnmächtig war, Gewalt durch Gewalt abzuwenden, flüchtete sich unter die Flügel der Justiz, und die Spolienklagen gegen protestantische Stände häuften sich auf dem Reichsgerichte an, welches bereitwillig genug war, den angeklagten Theil mit Sentenzen zu verfolgen, aber zu wenig unterstützt, um sie geltend zu machen. Der Friede, welcher den Ständen des Reichs die vollkommene Religionsfreiheit einräumte, hatte doch einigermaßen auch für den Unterthan gesorgt, indem er ihm das Recht ausbedung, das Land, in welchem seine Religion unterdrückt war, unangefochten zu verlassen. Aber vor den Gewalttätigkeiten, womit der Landesherr einen gehaßten Unterthan drücken, vor den namenlosen Drangsalen, wodurch er dem Auswandernden den Abzug erschweren, vor den künstlich gelegten Schlingen, worein die Arglist, mit der Stärke verbunden, die Gemüther verstricken kann, konnte der todte Buchstabe dieses Friedas ihn nicht schützen. Der katholische Unterthan protestantischer Herren klagte laut über Verletzung des Religionsfriedens – der evangelische noch lauter über die Bedrückungen, welche ihm von seiner katholischen Obrigkeit widerfuhren. Die Erbitterung und Streitsucht der Theologen vergiftete jeden Vorfall, der an sich unbedeutend war, und setzte die Gemüther in Flammen; glücklich genug, wenn sich diese theologische Wuth an dem gemeinschaftlichen Religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen Religionsverwandten ihr Gift auszuspritzen.

Die Einigkeit der Protestanten unter sich selbst würde doch endlich hingereicht haben, beide streitende Parteien in einer gleichen Schwankung zu erhalten und dadurch den Frieden zu verlängern; aber, um die Verwirrung vollkommen zu machen, verschwand diese Eintracht bald. Die Lehre, welche Zwingli in Zürich und Calvin in Genf verbreitet hatten, fing bald auch in Deutschland an, festen Boden zu gewinnen und die Protestanten unter sich selbst zu entzweien, daß sie einander kaum mehr an etwas anderm als dem gemeinschaftlichen Hasse gegen das Papstthum erkannten. Die Protestanten in diesem Zeitraume glichen denjenigen nicht mehr, welche fünfzig Jahre vorher ihr Bekenntniß zu Augsburg übergeben hatten, und die Ursache dieser Veränderung ist – in eben diesem Augsburgischen Bekenntniß zu suchen. Dieses Bekenntniß setzte dem protestantischen Glauben eine positive Grenze, ehe noch der erwachte Forschungsgeist sich diese Grenze gefallen ließ, und die Protestanten verscherzten unwissend einen Theil des Gewinns, den ihnen der Abfall von dem Papstthum versicherte. Gleiche Beschwerden gegen die römische Hierarchie und gegen die Mißbräuche in dieser Kirche, eine gleiche Mißbilligung der katholischen Lehrbegriffe würden hinreichend gewesen sein, den Vereinigungspunkt für die protestantische Kirche abzugeben; aber sie suchten diesen Vereinigungspunkt in einem neuen positiven Glaubenssystem, setzten in dieses das Unterscheidungszeichen, den Vorzug, das Wesen ihrer Kirche und bezogen auf dieses den Vertrag, den sie mit den Katholischen schlossen. Bloß als Anhänger der Confession gingen sie den Religionsfrieden ein; die Confessionsverwandten allein hatten Theil an der Wohlthat dieses Friedens. Wie also auch der Erfolg sein mochte, so stand es gleich schlimm um die Confessionsverwandten. Dem Geist der Forschung war eine bleibende Schranke gesetzt, wenn den Vorschriften der Confession ein blinder Gehorsam geleistet wurde; der Vereinigungspunkt aber war verloren, wenn man sich über die festgesetzte Formel entzweite. Zum Unglück ereignete sich Beides, und die schlimmen Folgen von Beidem stellten sich ein. Eine Partei hielt standhaft fest an dem ersten Bekenntniß; und wenn sich die Calvinisten davon entfernten, so geschah es nur, um sich auf ähnliche Art in einen neuen Lehrbegriff einzuschließen.

Keinen scheinbarern Vorwand hätten die Protestanten ihrem gemeinschaftlichen Feinde geben können, als diese Uneinigkeit unter sich selbst, kein erfreuenderes Schauspiel, als die Erbitterung, womit sie einander wechselseitig verfolgten. Wer konnte es nun den Katholischen zum Verbrechen machen, wenn sie die Dreistigkeit lächerlich fanden, mit welcher die Glaubensverbesserer sich angemaßt hatten, das einzig wahre Religionssystem zu verkündigen? wenn sie von Protestanten selbst die Waffen gegen Protestanten entlehnten? wenn sie sich bei diesem Widerspruche der Meinungen an die Autorität ihres Glaubens festhielten, für welchen zum Theil doch ein ehrwürdiges Alterthum und eine noch ehrwürdigere Stimmenmehrheit sprach? Aber die Protestanten kamen bei dieser Trennung auf eine noch ernsthaftere Art ins Gedränge. Auf die Confessionsverwandten allein war der Religionsfriede gestellt, und die Katholischen drangen nun auf Erklärung, wen diese für ihren Glaubensgenossen erkannt wissen wollten. Die Evangelischen konnten die Reformierten in ihren Bund nicht einschließen, ohne ihr Gewissen zu beschweren; sie konnten sie nicht davon ausschließen, ohne einen nützlichen Freund in einen gefährlichen Feind zu verwandeln. So zeigte diese unselige Trennung den Machinationen der Jesuiten einen Weg, Mißtrauen zwischen beide Parteien zu pflanzen und die Eintracht ihrer Maßregeln zu zerstören. Durch die doppelte Furcht vor den Katholiken und vor ihren eigenen protestantischen Gegnern gebunden, versäumten die Protestanten den nimmer wiederkehrenden Moment, ihrer Kirche ein durchaus gleiches Recht mit der römischen zu erfechten. Und allen diesen Verlegenheiten wären sie entgangen, der Abfall der Reformierten wäre für die gemeine Sache ganz unschädlich gewesen, wenn man den Vereinigungspunkt allein in der Entfernung von dem Papstthum, nicht in Augsburgischen Confessionen, nicht in Concordienwerken gesucht hätte.

So sehr man aber auch in allem Andern getheilt war, so begriff man doch einstimmig, daß eine Sicherheit, die man bloß der Machtgleichheit zu danken gehabt hatte, auch nur durch diese Machtgleichheit allein erhalten werden könne. Die fortwährenden Reformationen der einen Partei, die Gegenbemühungen der andern unterhielten die Wachsamkeit auf beiden Seiten, und der Inhalt des Religionsfriedens war die Losung eines ewigen Streits. Jeder Schritt, den der andere Theil that, mußte zu Kränkung dieses Friedens abzielen; jeder, den man sich selbst erlaubte, geschah zur Aufrechthaltung dieses Friedens. Nicht alle Bewegungen der katholischen hatten eine angreifende Absicht, wie ihnen von der Gegenpartei Schuld gegeben wird; Vieles, was sie thaten, machte ihnen die Selbstvertheidigung zur Pflicht. Die Protestanten hatten auf eine nicht zweideutige Art gezeigt, wozu die Katholischen sich zu versehen hätten, wenn sie das Unglück haben sollten, der unterliegende Theil zu sein. Die Lüsternheit der Protestanten nach den geistlichen Gütern ließ sie keine Schonung, ihr Haß keine Großmuth, keine Duldung erwarten.

Aber auch den Protestanten war es zu verzeihen, wenn sie zu der Redlichkeit der Papisten wenig Vertrauen zeigten. Durch die treulose und barbarische Behandlungsart, welche man sich in Spanien, Frankreich und den Niederlanden gegen ihre Glaubensgenossen erlaubte, durch die schändliche Ausflucht katholischer Fürsten, sich von den heiligsten Eiden durch den Papst lossprechen zu lassen, durch den abscheulichen Grundsatz, daß gegen Ketzer kein Treu und Glaube zu beobachten sei, hatte die katholische Kirche in den Augen aller Redlichen ihre Ehre verloren. Keine Versicherung, kein noch so fürchterlicher Eid konnte aus dem Munde eines Papisten den Protestanten beruhigen. Wie hätte der Religionsfriede es gekonnt, den die Jesuiten durch ganz Deutschland nur als ein Interim, als eine einstweilige Convenienz abschilderten, der in Rom selbst feierlich verworfen ward!

Die allgemeine Kirchenversammlung, auf welche in diesem Frieden hingewiesen worden, war unterdessen in der Stadt Trident vor sich gegangen; aber, wie man nicht anders erwartet hatte, ohne die streitenden Religionen vereinigt, ohne auch nur einen Schritt zu dieser Vereinigung gethan zu haben, ohne von den Protestanten auch nur beschickt worden zu sein. Feierlich waren diese nunmehr von der Kirche verdammt, für deren Repräsentanten sich das Concilium ausgab. – Konnte ihnen ein profaner und noch dazu durch die Waffen erzwungener Vertrag vor dem Bann der Kirche eine hinlängliche Sicherheit geben – ein Vertrag, der sich auf eine Bedingung stützte, welche der Schluß des Conciliums aufzuheben schien? An einem Scheine des Rechts fehlte es also nicht mehr, wenn sich die Katholischen sonst mächtig genug fühlten, den Religionsfrieden zu verletzen – von jetzt an schützte die Protestanten nichts mehr, als der Respekt vor ihrer Macht.

Mehreres kam dazu, das Mißtrauen zu vermehren. Spanien, an welche Macht das katholische Deutschland sich lehnte, lag damals mit den Niederländern in einem heftigen Kriege, der den Kern der spanischen Macht an die Grenzen Deutschlands gezogen hatte. Wie schnell standen diese Truppen im Reiche, wenn ein entscheidender Streich sie hier notwendig machte! Deutschland war damals eine Vorratskammer des Kriegs für fast alle europäische Mächte. Der Religionskrieg hatte Soldaten darin angehäuft, die der Friede außer Brod setzte. So vielen von einander unabhängigen Fürsten war es leicht, Kriegsheere zusammenzubringen, welche sie alsdann, sei's aus Gewinnsucht oder aus Parteigeist, an fremde Mächte verliehen. Mit deutschen Truppen bekriegte Philipp der Zweite die Niederlande, und mit deutschen Truppen vertheidigten sie sich. Eine jede solche Truppenwerbung in Deutschland schreckte immer eine von beiden Religionsparteien auf; sie konnte zu ihrer Unterdrückung abzielen. Ein herumwandernder Gesandte, ein außerordentlicher päpstlicher Legat, eine Zusammenkunft von Fürsten, jede ungewöhnliche Erscheinung mußte dem einen oder dem andern Theile Verderben bereiten. So stand Deutschland gegen ein halbes Jahrhundert, die Hand an dem Schwert; jedes rankende Blatt erschreckte.

Ferdinand der Erste, König von Ungarn, und sein vortrefflicher Sohn, Maximilian der Zweite, hielten in dieser bedenklichen Epoche die Zügel des Reichs. Mit einem Herzen voll Aufrichtigkeit, mit einer wirklich heroischen Geduld hatte Ferdinand den Religionsfrieden zu Augsburg vermittelt und an den undankbaren Versuch, beide Kirchen auf dem Concilium zu Trident zu vereinigen, eine vergebliche Mühe verschwendet. Von seinem Neffen, dem spanischen Philipp, im Stich gelassen, zugleich in Siebenbürgen und Ungarn von den siegreichen Waffen der Türken bedrängt, wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn kommen lassen, den Religionsfrieden zu verletzen und sein eigenes mühevolles Werk zu vernichten? Der große Aufwand des immer sich erneuernden Türkenkriegs konnte von den sparsamen Beiträgen seiner erschöpften Erblande nicht bestritten werden; er brauchte also den Beistand des Reichs, und der Religionsfriede allein hielt das getheilte Reich noch in einem Körper zusammen. Das ökonomische Bedürfniß machte ihm die Protestanten nicht weniger nöthig, als die Katholischen, und legte ihm also auf, beide Theile mit gleicher Gerechtigkeit zu behandeln, welches bei so sehr widerstreitenden Forderungen ein wahres Riesenwerk war. Auch fehlte viel, daß der Erfolg seinen Wünschen entsprochen hätte: seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten hatte bloß dazu gedient, seinen Enkeln den Krieg aufzuheben, der sein sterbendes Auge verschonte. Nicht viel glücklicher war sein Sohn Maximilian, den vielleicht nur der Zwang der Umstände hinderte, dem vielleicht nur ein längeres Leben fehlte, um die neue Religion auf den Kaiserthron zu erheben. Den Vater hatte die Notwendigkeit Schonung gegen die Protestanten gelehrt; die Notwendigkeit und die Billigkeit dictierten sie seinem Sohne. Der Enkel büßte es theuer, daß er weder die Billigkeit hörte, noch der Notwendigkeit gehorchte.

Sechs Söhne hinterließ Maximilian, aber nur der älteste von diesen, Erzherzog Rudolph, erbte seine Staaten und bestieg den kaiserlichen Thron; die übrigen Brüder wurden mit schwachen Apanagen abgefunden. Wenige Nebenländer gehörten einer Seitenlinie an, welche Karl von Steyermark, ihr Oheim, fortführte; doch wurden auch diese schon unter Ferdinand dem Zweiten, seinem Sohne, mit der übrigen Erbschaft vereinigt. Diese Länder also ausgenommen versammelte sich nunmehr die ganze ansehnliche Macht des Hauses Oesterreich in einer einzigen Hand, aber zum Unglück in einer schwachen.

Rudolph der Zweite war nicht ohne Tugenden, die ihm die Liebe der Menschen hätten erwerben müssen, wenn ihm das Loos eines Privatmannes gefallen wäre. Sein Charakter war mild, er liebte den Frieden, und den Wissenschaften – besonders der Astronomie, Naturlehre, Chemie und dem Studium der Antiquitäten – ergab er sich mit einem leidenschaftlichen Hange, der ihn aber zu einer Zeit, wo die bedenkliche Lage der Dinge die angestrengteste Aufmerksamkeit heischte und seine erschöpften Finanzen die höchste Sparsamkeit nöthig machten, von Regierungsgeschäften zurückzog und zu einer höchst schädlichen Verschwendung reizte. Sein Geschmack an der Sternkunst verirrte sich in astrologische Träumereien, denen sich ein melancholisches und furchtsames Gemüth, wie das seinige war, so leicht überliefert. Dieses und eine in Spanien zugebrachte Jugend öffnete sein Ohr den schlimmen Ratschlägen der Jesuiten und den Eingebungen des spanischen Hofs, die ihn zuletzt unumschränkt beherrschten. Von Liebhabereien angezogen, die seines großen Postens so wenig würdig waren, und von lächerlichen Wahrsagungen geschreckt, verschwand er nach spanischer Sitte vor seinen Unterthanen, um sich unter seinen Gemmen und Antiken, in seinem Laboratorium, in seinem Marstalle zu verbergen, während daß die gefährlichste Zwietracht alle Bande des deutschen Staatskörpers auflöste und die Flamme der Empörung schon anfing, an die Stufen seines Thrones zu schlagen. Der Zugang zu ihm war Jedem ohne Ausnahme versperrt; unausgefertigt lagen die dringendsten Geschäfte; die Aussicht auf die reiche spanische Erbschaft verschwand, weil er unschlüssig blieb, der Infantin Isabella seine Hand zu geben; dem Reiche drohte die fürchterlichste Anarchie, weil er, obgleich selbst ohne Erben, nicht dahin zu bringen war, einen römischen König erwählen zu lassen. Die österreichischen Landstände sagten ihm den Gehorsam auf, Ungarn und Siebenbürgen entrissen sich seiner Hoheit, und Böhmen säumte nicht lange, diesem Beispiel zu folgen. Die Nachkommenschaft des so gefürchteten Karls des Fünften schwebte in Gefahr, einen Theil ihrer Besitzungen an die Türken, den andern an die Protestanten zu verlieren und unter einem furchtbaren Fürstenbund, den ein großer Monarch in Europa gegen sie zusammenzog, ohne Rettung zu erliegen. In dem Innern Deutschlands geschah, was von jeher geschehen war, wenn es dem Thron an einem Kaiser, oder dem Kaiser an einem Kaisersinne fehlte. Gekränkt oder im Stich gelassen von dem Reichsoberhaupt, helfen die Stände sich selbst, und Bündnisse müssen ihnen die fehlende Autorität des Kaisers ersetzen. Deutschland theilt sich in zwei Unionen, die einander gewaffnet gegenüberstehen; Rudolph, ein verachteter Gegner der einen und ein ohnmächtiger Beschützer der andern, steht müßig und überflüssig zwischen beiden, gleich unfähig, die erste zu zerstreuen und über die andere zu herrschen. Was hätte auch das deutsche Reich von einem Fürsten erwarten sollen, der nicht einmal vermögend war, seine eigenen Erbländer gegen einen innerlichen Feind zu behaupten? Den gänzlichen Ruin des österreichischen Geschlechts aufzuhalten, tritt sein eigenes Haus gegen ihn zusammen, und eine mächtige Faktion wirft sich seinem Bruder in die Arme. Aus allen seinen Erbstaaten vertrieben, bleibt ihm nichts mehr zu verlieren, als der Kaiserthron, und der Tod reißt ihn noch eben zeitig genug weg, um ihm diese letzte Schande zu ersparen.

Deutschlands schlimmer Genius war es, der ihm gerade in dieser bedenklichen Epoche, wo nur eine geschmeidige Klugheit und ein mächtiger Arm den Frieden des Reichs retten konnte, einen Rudolph zum Kaiser gab. In einem ruhigern Zeitpunkt hätte der deutsche Staatskörper sich selbst geholfen, und in einer mystischen Dunkelheit hätte Rudolph, wie so viele Andre seines Ranges, seine Blößen versteckt. Das dringende Bedürfniß der Tugenden, die ihm fehlten, riß seine Unfähigkeit ans Licht. Deutschlands Lage forderte einen Kaiser, der durch eigne Hilfsmittel seinen Entscheidungen Gewicht geben konnte, und die Erbstaaten Rudolphs, so ansehnlich sie auch waren, befanden sich in einer Lage, die den Regenten in die äußerste Verlegenheit setzte.

Die österreichischen Prinzen waren zwar katholische Fürsten, und noch dazu Stützen des Papstthums; aber es fehlte viel, daß ihre Länder katholische Länder gewesen wären. Auch in diese Gegenden waren die neuen Meinungen eingedrungen, und begünstigt von Ferdinands Bedrängnissen und Maximilians Güte, hatten sie sich mit schnellem Glück in denselben verbreitet. Die österreichischen Länder zeigten im Kleinen, was Deutschland im Großen war. Der größere Theil des Herren- und Ritterstandes war evangelisch, und in den Städten hatten die Protestanten bei weitem das Uebergewicht errungen. Nachdem es ihnen geglückt war, Einige aus ihrem Mittel in die Landschaft zu bringen, so wurde unvermerkt eine landschaftliche Stelle nach der andern, ein Collegium nach dem andern mit Protestanten besetzt und die Katholiken daraus verdrängt. Gegen den zahlreichen Herren- und Ritterstand und die Abgeordneten der Städte war die Stimme weniger Prälaten zu schwach, welche das ungezogene Gespötte und die kränkende Verachtung der Uebrigen noch vollends von dem Landtage verscheuchte. So war unvermerkt der ganze österreichische Landtag protestantisch, und die Reformation that von jetzt an die schnellsten Schritte zu einer öffentlichen Existenz. Von den Landständen war der Regent abhängig weil sie es waren, die ihm die Steuern abschlagen und bewilligen konnten. Sie benutzten die Geldbedürfnisse, in denen sich Ferdinand und sein Sohn befanden, eine Religionsfreiheit nach der andern von diesen Fürsten zu erpressen. Dem Herren- und Ritterstand gestattete endlich Maximilian die freie Ausübung ihrer Religion, doch nur auf ihren eigenen Territorien und Schlössern. Der unbescheidene Schwärmereifer der evangelischen Prediger überschritt dieses von der Weisheit gesteckte Ziel. Dem ausdrücklichen Verbot zuwider ließen sich mehrere derselben in den Landstädten und selbst zu Wien öffentlich hören, und das Volk drängte sich schaarenweise zu diesem neuen Evangelium, dessen beste Würze Anzüglichkeiten und Schimpfreden ausmachten. So wurde dem Fanatismus eine immerwährende Nahrung gegeben und der Haß beider einander so nahestehenden Kirchen durch den Stachel ihres unreinen Eifers vergiftet.

Unter den Erbstaaten des Hauses Oesterreich war Ungarn nebst Siebenbürgen die unsicherste und am schwersten zu behauptende Besitzung. Die Unmöglichkeit, diese beiden Länder gegen die nahe und überlegene Macht der Türken zu behaupten, hatte schon Ferdinanden zu dem unrühmlichen Schritte vermocht, der Pforte durch einen jährlichen Tribut die oberste Hoheit über Siebenbürgen einzugestehen – ein schädliches Bekenntniß der Ohnmacht und eine noch gefährlichere Anreizung für den unruhigen Adel, wenn er Ursache zu haben glaubte, sich über seinen Herrn zu beschweren. Die Ungarn hatten sich dem Hause Oesterreich nicht unbedingt unterworfen. Sie behaupteten die Wahlfreiheit ihrer Krone und forderten trotzig alle ständischen Rechte, welche von dieser Wahlfreiheit unzertrennlich sind. Die nahe Nachbarschaft des türkischen Reichs und die Leichtigkeit, ungestraft ihren Herrn zu wechseln, bestärkte die Magnaten noch mehr in diesem Trotze; unzufrieden mit der österreichischen Regierung, warfen sie sich den Osmanen in die Arme; unbefriedigt von diesen, kehrten sie unter deutsche Hoheit zurück. Der öftere und rasche Uebergang von einer Herrschaft zur andern hatte sich auch ihrer Denkungsart mitgetheilt; ungewiß, wie ihr Land zwischen deutscher und ottomanischer Hoheit schwebte, schwankte auch ihr Sinn zwischen Abfall und Unterwerfung. Je unglücklicher beide Länder sich fühlten, zu Provinzen einer auswärtigen Monarchie herabgesetzt zu sein, desto unüberwindlicher war ihr Bestreben, einem Herrn aus ihrer Mitte zu gehorchen; und so wurde es einem unternehmenden Edelmann nicht schwer, ihre Huldigung zu erhalten. Voll Bereitwilligkeit reichte der nächste türkische Bassa einem Rebellen gegen Oesterreich Scepter und Krone; eben so bereitwillig bestätigte man in Oesterreich einem andern den Besitz der Provinzen, die er der Pforte entrissen hatte, zufrieden, auch nur einen Schatten von Hoheit gerettet und eine Vormauer gegen die Türken dadurch gewonnen zu haben. Mehrere solcher Magnaten, Bathori, Boschkai, Ragoczi, Bethlen, standen auf diese Art nach einander in Siebenbürgen und Ungarn als zinsbare Könige auf, welche sich durch keine andere Staatskunst erhielten, als diese: sich an den Feind anzuschließen, um ihrem Herrn desto furchtbarer zu sein.

Ferdinand, Maximilian und Rudolph, alle Drei Beherrscher von Siebenbürgen und Ungarn, erschöpften das Mark ihrer übrigen Länder, um diese beiden gegen die Ueberschwemmungen der Türken und gegen innere Rebellionen zu behaupten. Verheerende Kriege wechselten auf diesem Boden mit kurzen Waffenstillständen ab, die nicht viel besser waren. Verwüstet lag weit und breit das Land, und der mißhandelte Unterthan führte gleich große Beschwerden über seinen Feind und seinen Beschützer. Auch in diese Länder war die Reformation eingedrungen, wo sie unter dem Schutze der ständischen Freiheit, unter der Decke des Tumults, merkliche Fortschritte machte. Auch diese tastete man jetzt unvorsichtig an, und der politische Faktionsgeist wurde gefährlicher durch religiöse Schwärmerei. Der siebenbürgische und ungarische Adel erhebt, von einem kühnen Rebellen Boschkai angeführt, die Fahne der Empörung. Die Aufrührer in Ungarn sind im Begriff, mit den mißvergnügten Protestanten in Oesterreich, Mähren und Böhmen gemeine Sache zu machen und alle diese Länder in einer furchtbaren Rebellion fortzureißen. Dann war der Untergang des Hauses Oesterreich gewiß, der Untergang des Papstthums in diesen Ländern unvermeidlich.

Längst schon hatten die Erzherzoge von Oesterreich, des Kaisers Brüder, dem Verderben ihres Hauses mit stillem Unwillen zugesehen; dieser letzte Vorfall bestimmte ihren Entschluß. Erzherzog Matthias, Maximilians zweiter Sohn, Statthalter in Ungarn und Rudolphs vermuthlicher Erbe, trat hervor, Habsburgs sinkendem Hause sich zur Stütze anzubieten. In jugendlichen Jahren und von einer falschen Ruhmbegierde übereilt, hatte dieser Prinz, dem Interesse seines Hauses zuwider, den Einladungen einiger niederländischen Rebellen Gehör gegeben, welche ihn in ihr Vaterland riefen, um die Freiheiten der Nation gegen seinen eigenen Anverwandten, Philipp den Zweiten, zu vertheidigen. Matthias, der in der Stimme einer einzelnen Faktion die Stimme des ganzen niederländischen Volks zu vernehmen glaubte, erschien auf diesen Ruf in den Niederlanden. Aber der Erfolg entsprach ebenso wenig den Wünschen der Brabanter, als seinen eigenen Erwartungen, und ruhmlos zog er sich aus einer unweisen Unternehmung. Desto ehrenvoller war seine zweite Erscheinung in der politischen Welt.

Nachdem seine wiederholtesten Aufforderungen an den Kaiser ohne Wirkung geblieben, berief er die Erzherzoge, seine Brüder und Vettern, nach Preßburg und pflog Rath mit ihnen über des Hauses wachsende Gefahr. Einstimmig übertragen die Brüder ihm, als dem Aeltesten, die Verteidigung ihres Erbtheils, das ein blödsinniger Bruder verwahrloste. Alle ihre Gewalt und Rechte legen sie in die Hand dieses Aeltesten und bekleiden ihn mit souveräner Vollmacht, über das gemeine Beste nach Einsicht zu verfügen. Alsobald eröffnet Matthias Unterhandlungen mit der Pforte und mit den ungarischen Rebellen, und seiner Geschicklichkeit gelingt es, den Ueberrest Ungarns durch einen Frieden mit den Türken und durch einen Vertrag mit den Rebellen Oesterreichs Ansprüche auf die verlornen Provinzen zu retten. Aber Rudolph, ebenso eifersüchtig auf seine landesherrliche Gewalt, als nachlässig, sie zu behaupten, hält mit der Bestätigung dieses Friedens zurück, den er als einen strafbaren Eingriff in seine Hoheit betrachtet. Er beschuldigt den Erzherzog eines Verständnisses mit dem Feinde und verräterischer Absichten auf die ungarische Krone.

Die Geschäftigkeit des Matthias war nichts weniger als frei von eigennützigen Entwürfen gewesen; aber das Betragen des Kaisers beschleunigte die Ausführung dieser Entwürfe. Der Zuneigung der Ungarn, denen er kürzlich den Frieden geschenkt hatte, durch Dankbarkeit, durch seine Unterhändler der Ergebenheit des Adels versichert und in Oesterreich selbst eines zahlreichen Anhangs gewiß, wagt er es nun, mit seinen Absichten lauter hervorzutreten und, die Waffen in der Hand, mit dem Kaiser zu rechten. Die Protestanten in Oesterreich und Mähren, lange schon zum Aufstand bereit und jetzt von dem Erzherzog durch die versprochene Religionsfreiheit gewonnen, nehmen laut und öffentlich seine Partei, und ihre längst gedrohte Verbindung mit den rebellischen Ungarn kommt wirklich zu Stande. Eine furchtbare Verschwörung hat sich auf einmal gegen den Kaiser gebildet. Zu spät entschließt er sich, den begangenen Fehler zu verbessern; umsonst versucht er, diesen verderblichen Bund aufzulösen. Schon hat alles die Waffen in der Hand; Ungarn, Oesterreich und Mähren haben dem Matthias gehuldigt, welcher schon auf dem Wege nach Böhmen ist, um dort den Kaiser in seiner Burg aufzusuchen und die Nerven seiner Macht zu zerschneiden.

Das Königreich Böhmen war für Oesterreich eine nicht viel ruhigere Besitzung als Ungarn, nur mit dem Unterschied, daß hier mehr politische Ursachen, dort mehr die Religion die Zwietracht unterhielten. In Böhmen war ein Jahrhundert vor Luthern das erste Feuer der Religionskriege ausgebrochen, in Böhmen entzündete sich ein Jahrhundert nach Luthern die Flamme des dreißigjährigen Kriegs. Die Sekte, welcher Johann Huß die Entstehung gegeben, lebte seitdem noch fort in Böhmen, einig mit der römischen Kirche in Ceremonie und Lehre, den einzigen Artikel des Abendmahls ausgenommen, welches der Hussite in beiden Gestalten genoß. Dieses Vorrecht hatte die Baselische Kirchenversammlung in einem eigenen Vertrage (den böhmischen Compactaten) Hussens Anhängern zugestanden, und wiewohl es nachher von den Päpsten widersprochen wurde, so fuhren sie dennoch fort, es unter dem Schutz der Gesetze zu genießen. Da der Gebrauch des Kelchs das einzige erhebliche Unterscheidungszeichen dieser Sekte ausmachte, so bezeichnete man sie mit dem Namen der Utraquisten (der in beiderlei Gestalt Communicierenden), und sie gefielen sich in diesem Namen, weil er sie an ihr so theures Vorrecht erinnerte. Aber in diesem Namen verbarg sich auch die weit strengere Sekte der böhmischen und mährischen Brüder, welche in weit bedeutendern Punkten von der herrschenden Kirche abwichen und mit den deutschen Protestanten sehr viel Aehnliches hatten. Bei beiden machten die deutschen sowohl als die schweizerischen Religionsneuerungen ein schnelles Glück, und der Name der Utraquisten, womit sie ihre veränderten Grundsätze noch immer zu bedecken wußten, schützte sie vor der Verfolgung.

Im Grunde war es nichts mehr als der Name, was sie mit jenen Utraquisten gemein hatten; dem Wesen nach waren sie ganz Protestanten. Voll Zuversicht auf ihren mächtigen Anhang und auf des Kaisers Toleranz, wagten sie sich unter Maximilians Regierung mit ihren wahren Gesinnungen an das Licht. Sie setzten nach dem Beispiel der Deutschen eine eigene Confession auf, in welcher sowohl Lutheraner als Reformierte ihre Meinungen erkannten, und wollten alle Privilegien der ehemaligen utraquistischen Kirche auf diese neue Confession übertragen haben. Dieses Gesuch fand Widerspruch bei ihren katholischen Mitständen, und sie mußten sich mit einem bloßen Wort der Versicherung aus dem Munde des Kaisers begnügen.

So lange Maximilian lebte, genossen sie einer vollkommenen Duldung auch in ihrer neuen Gestalt; unter seinem Nachfolger änderte sich die Scene. Ein kaiserliches Edikt erschien, welches den sogenannten böhmischen Brüdern die Religionsfreiheit absprach. Die böhmischen Brüder unterschieden sich in nichts von den übrigen Utraquisten; das Urtheil ihrer Verdammung mußte daher alle böhmischen Confessionsverwandten auf gleiche Art treffen. Alle setzten sich deßwegen dem kaiserlichen Mandat auf dem Landtag entgegen, aber ohne es umstoßen zu können. Der Kaiser und die katholischen Stände stützten sich auf die Compactaten und auf das böhmische Landrecht, worin sich freilich zum Vortheil einer Religion noch nichts fand, die damals die Stimme der Nation noch nicht für sich hatte. Aber wie viel hatte sich seitdem verändert! Was damals bloß eine unbedeutende Sekte war, war jetzt herrschende Kirche geworden – und war es nun etwas anders, als Chikane, die Grenzen einer neu aufgekommenen Religion durch alte Verträge bestimmen zu wollen? Die böhmischen Protestanten beriefen sich auf die mündliche Versicherung Maximilians und auf die Religionsfreiheit der Deutschen, denen sie in keinem Stücke nachgesetzt sein wollten. Umsonst, sie wurden abgewiesen.

So standen die Sachen in Böhmen, als Matthias, bereits Herr von Ungarn, Oesterreich und Mähren, bei Kollin erschien, auch die böhmischen Landstände gegen den Kaiser zu empören. Des Letztern Verlegenheit stieg aufs höchste. Von allen seinen übrigen Erbstaaten verlassen, setzte er seine letzte Hoffnung auf die böhmischen Stände, von denen vorauszusehen war, daß sie seiner Noth zu Durchsetzung ihrer Forderungen mißbrauchen würden. Nach langen Jahren erschien er zu Prag wieder öffentlich auf dem Landtag, und um auch dem Volke zu zeigen, daß er wirklich noch lebe, mußten alle Fensterläden auf dem Hofgang geöffnet werden, den er passierte; Beweis genug, wie weit es mit ihm gekommen war. Was er befürchtet hatte, geschah. Die Stände, welche ihre Wichtigkeit fühlten, wollten sich nicht eher zu einem Schritte verstehen, bis man ihnen über ihre ständischen Privilegien und die Religionsfreiheit vollkommene Sicherheit geleistet hätte. Es war vergeblich, sich jetzt noch hinter die alten Ausflüchte zu verkriechen; des Kaisers Schicksal war in ihrer Gewalt, und er mußte sich in die Notwendigkeit fügen. Doch geschah dieses nur in Betreff ihrer übrigen Forderungen; die Religionsangelegenheiten behielt er sich vor auf dem nächsten Landtage zu berichtigen.

Nun ergriffen die Böhmen die Waffen zu seiner Vertheidigung, und ein blutiger Bürgerkrieg sollte sich nun zwischen beiden Brüdern entzünden. Aber Rudolph, der nichts so sehr fürchtete, als in dieser sklavischen Abhängigkeit von den Ständen zu bleiben, erwartete diesen nicht, sondern eilte, sich mit dem Erzherzog, seinem Bruder, auf einem friedlichen Wege abzufinden. In einer förmlichen Entsagungsakte überließ er demselben, was ihm nicht mehr zu nehmen war, Oesterreich und das Königreich Ungarn, und erkannte ihn als seinen Nachfolger auf dem böhmischen Throne.

Theuer genug hatte sich der Kaiser aus diesem Bedrängniß gezogen, um sich unmittelbar darauf in einem neuen zu verwickeln. Die Religionsangelegenheiten der Böhmen waren auf den nächsten Landtag verwiesen worden; dieser Landtag erschien 1609. Sie forderten dieselbe freie Religionsübung, wie unter dem vorigen Kaiser, ein eigenes Consistorium, die Einräumung der Prager Akademie und die Erlaubniß, Defensoren oder Freiheitsbeschützer aus ihrem Mittel aufzustellen. Es blieb bei der ersten Antwort; denn der katholische Theil hatte alle Entschließungen des furchtsamen Kaisers gefesselt. So oft und in so drohender Sprache auch die Stände ihre Vorstellungen erneuerten, Rudolph beharrte auf der ersten Erklärung, nichts über die alten Verträge zu bewilligen. Der Landtag ging unverrichteter Dinge auseinander, und die Stände, aufgebracht über den Kaiser, verabredeten unter sich eine eigenmächtige Zusammenkunft zu Prag, um sich selbst zu helfen.

In großer Anzahl erschienen sie zu Prag. Des kaiserlichen Verbots ungeachtet, gingen die Beratschlagungen vor sich, und fast unter den Augen des Kaisers. Die Nachgiebigkeit, die er anfing zu zeigen, bewies ihnen nur, wie sehr sie gefürchtet waren, und vermehrte ihren Trotz; in der Hauptsache blieb er unbeweglich. Sie erfüllten ihre Drohungen und faßten ernstlich den Entschluß, die freie Ausübung ihrer Religion an allen Orten von selbst anzustellen und den Kaiser so lange in seinen Bedürfnissen zu verlassen, bis er diese Verfügung bestätigt hätte. Sie gingen weiter und gaben sich selbst die Defensoren, die der Kaiser ihnen verweigerte. Zehen aus jedem der drei Stände wurden ernannt; man beschloß, auf das schleunigste eine militärische Macht zu errichten, wobei der Hauptbeförderer dieses Aufstands, der Graf von Thurn, als Generalwachtmeister angestellt wurde. Dieser Ernst brachte endlich den Kaiser zum Nachgeben, wozu jetzt sogar die Spanier ihm riethen. Aus Furcht, daß die aufs Aeußerste gebrachten Stände sich endlich gar dem Könige von Ungarn in die Arme werfen möchten, unterzeichnete er den merkwürdigen Majestätsbrief der Böhmen, durch welchen sie unter den Nachfolgern dieses Kaisers ihren Aufruhr gerechtfertigt haben.

Die böhmische Confession, welche die Stände dem Kaiser Maximilian vorgelegt hatten, erhielt in diesem Majestätsbrief vollkommen gleiche Rechte mit der katholischen Kirche. Den Utraquisten, wie die böhmischen Protestanten noch immer fortfuhren sich zu nennen, wird die Prager Universität und ein eigenes Consistorium zugestanden, welches von dem erzbischöflichen Stuhle zu Prag durchaus unabhängig ist. Alle Kirchen, die sie zur Zeit der Ausstellung dieses Briefes in Städten, Dörfern und Märkten bereits inne haben, sollen ihnen bleiben, und wenn sie über diese Zahl noch neue erbauen lassen wollten, so soll dieses dem Herren- und Ritterstande und allen Städten unverboten sein. Diese letzte Stelle im Majestätsbriefe ist es, über welche sich nachher der unglückliche Streit entspann, der Europa in Flammen setzte.

Der Majestätsbrief machte das protestantische Böhmen zu einer Art von Republik. Die Stände hatten die Macht kennen lernen, die sie durch Standhaftigkeit, Eintracht und Harmonie in ihren Maßregeln gewannen. Dem Kaiser blieb nicht viel mehr, als ein Schatten seiner landesherrlichen Gewalt; in der Person der sogenannten Freiheitsbeschützer wurde dem Geist des Aufruhrs eine gefährliche Aufmunterung gegeben. Böhmens Beispiel und Glück war ein verführerischer Wink für die übrigen Erbstaaten Oesterreichs, und alle schickten sich an, ähnliche Privilegien auf einem ähnlichen Wege zu erpressen. Der Geist der Freiheit durchlief eine Provinz nach der andern; und da es vorzüglich die Uneinigkeit zwischen den österreichischen Prinzen war, was die Protestanten so glücklich zu benutzen gewußt hatten, so eilte man, den Kaiser mit dem König von Ungarn zu versöhnen.

Aber diese Versöhnung konnte nimmermehr aufrichtig sein. Die Beleidigung war zu schwer, um vergeben zu werden, und Rudolph fuhr fort, einen unauslöschlichen Haß gegen Matthias in seinem Herzen zu nähren. Mit Schmerz und Unwillen verweilte er bei dem Gedanken, daß endlich auch das böhmische Szepter in eine so verhaßte Hand kommen sollte; und die Aussicht war nicht viel tröstlicher für ihn, wenn Matthias ohne Erben abginge. Alsdann war Ferdinand, Erzherzog von Grätz, das Haupt der Familie, den er eben so wenig liebte. Diesen sowohl als den Matthias von der böhmischen Thronfolge auszuschließen, verfiel er auf den Entwurf, Ferdinands Bruder, dem Erzherzog Leopold, Bischof von Passau, der ihm unter allen seinen Agnaten der liebste und der verdienteste um seine Person war, diese Erbschaft zuzuwenden. Die Begriffe der Böhmen von der Wahlfreiheit ihres Königreichs und ihre Neigung zu Leopolds Person schienen diesen Entwurf zu begünstigen, bei welchem Rudolph mehr seine Parteilichkeit und Rachgier als das Beste seines Hauses zu Rath gezogen hatte. Aber um dieses Projekt durchzusetzen, bedurfte es einer militärischen Macht, welche Rudolph auch wirklich im Bisthum Passau zusammenzog. Die Bestimmung dieses Corps wußte Niemand; aber ein unversehener Einfall, den es, aus Abgang des Soldes und ohne Wissen des Kaisers, in Böhmen that, und die Ausschweifungen, die es da verübte, brachte dieses ganze Königreich in Aufruhr gegen den Kaiser. Umsonst versicherte dieser die böhmischen Stände seiner Unschuld – sie glaubten ihm nicht; umsonst versuchte er den eigenmächtigen Gewaltthätigkeiten seiner Soldaten Einhalt zu thun – sie hörten ihn nicht. In der Voraussetzung, daß es auf Vernichtung des Majestätsbriefes abgesehen sei, bewaffneten die Freiheitsbeschützer das ganze protestantische Böhmen, und Matthias wurde ins Land gerufen. Nach Verjagung seiner Passauischen Truppen blieb der Kaiser, entblößt von aller Hilfe, zu Prag, wo man ihn, gleich einem Gefangenen, in seinem eigenen Schlosse bewachte und alle seine Räthe von ihm entfernte. Matthias war unterdessen unter allgemeinem Frohlocken in Prag eingezogen, wo Rudolph kurz nachher kleinmüthig genug war, ihn als König von Böhmen anzuerkennen. So hart strafte diesen Kaiser das Schicksal, daß er seinem Feinde noch lebend einen Thron überlassen mußte, den er ihm nach seinem Tode nicht gegönnt hatte. Seine Demüthigung zu vollenden, nöthigte man ihn, seine Unterthanen in Böhmen, Schlesien und der Lausitz durch eine eigenhändige Entsagungsakte aller ihrer Pflichten zu entlassen; und er that dieses mit zerrissener Seele. Alles, auch die er sich am meisten verpflichtet zu haben glaubte, hatte ihn verlassen. Als die Unterzeichnung geschehen war, warf er den Hut zur Erde und zerbiß die Feder, die ihm einen so schimpflichen Dienst geleistet hatte.

Indem Rudolph eines seiner Erbländer nach dem andern verlor, wurde die Kaiserwürde nicht viel besser von ihm behauptet. Jede der Religionsparteien, unter welche Deutschland vertheilt war, fuhr in ihrem Bestreben fort, sich auf Unkosten der andern zu verbessern, oder gegen ihre Angriffe zu verwahren. Je schwächer die Hand war, welche das Scepter des Reichs hielt, und je mehr sich Protestanten und Katholiken sich selbst überlassen fühlten, desto mehr mußte ihre Aufmerksamkeit auf einander gespannt werden, desto mehr das gegenseitige Mißtrauen wachsen. Es war genug, daß der Kaiser durch Jesuiten regiert und durch spanische Ratschläge geleitet wurde, um den Protestanten Ursache zur Furcht und einen Vorwand zu Feindseligkeiten zu geben. Der unbesonnene Eifer der Jesuiten. welche in Schriften und auf der Kanzel die Gültigkeit des Religionsfriedens zweifelhaft machten, schürte ihr Mißtrauen immer mehr und ließ sie in jedem gleichgültigen Schritt der Katholischen gefährliche Zwecke vermuthen. Alles, was in den kaiserlichen Erblanden zu Einschränkung der evangelischen Religion unternommen wurde, machte die Aufmerksamkeit des ganzen protestantischen Deutschlands rege; und eben dieser mächtige Rückhalt, den die evangelischen Untertanen Oesterreichs an ihren Religionsverwandten im übrigen Deutschland fanden oder zu finden erwarteten, hatte einen großen Antheil an ihrem Trotz und an dem schnellen Glück des Matthias. Man glaubte in dem Reiche, daß man den längern Genuß des Religionsfriedens nur den Verlegenheiten zu danken hätte, worein den Kaiser die innerlichen Unruhen in seinen Ländern versetzten; und eben darum eilte man nicht, ihn aus diesen Verlegenheiten zu reißen.

Fast alle Angelegenheiten des Reichstags blieben entweder aus Saumseligkeit des Kaisers oder durch die Schuld der protestantischen Reichsstände liegen, welche es sich zum Gesetze gemacht hatten, nicht eher zu den gemeinschaftlichen Bedürfnissen des Reichs etwas beizutragen, bis ihre Beschwerden gehoben wären. Diese Beschwerden wurden vorzüglich über das schlechte Regiment des Kaisers, über Kränkung des Religionsfriedens und über die neuen Anmaßungen des Reichshofraths geführt, welcher unter dieser Regierung angefangen hatte, zum Nachtheil des Kammergerichts seine Gerichtsbarkeit zu erweitern. Sonst hatten die Kaiser in unwichtigen Fällen für sich allein, in wichtigen mit Zuziehung der Fürsten, alle Rechtshändel zwischen den Ständen, die das Faustrecht nicht ohne sie ausmachte, in höchster Instanz entschieden oder durch kaiserliche Richter, die ihrem Hoflager folgten, entscheiden lassen. Dieses oberrichterliche Amt hatten sie am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts einem regelmäßigen, fortdauernden und stehenden Tribunal, dem Kammergericht zu Speier, übertragen, zu welchem die Stände des Reichs, um nicht durch die Willkür des Kaisers unterdrückt zu werden, sich vorbehielten, die Beisitzer zu stellen, auch die Aussprüche des Gerichts durch periodische Revisionen zu untersuchen. Durch den Religionsfrieden war dieses Recht der Stände, das Präsentations- und Visitationsrecht genannt, auch auf die Lutherischen ausgedehnt worden, so daß nunmehr auch protestantische Richter in protestantischen Rechtshändeln sprachen und ein scheinbares Gleichgewicht beider Religionen in diesem höchsten Reichsgericht statt fand.

Aber die Feinde der Reformation und der ständischen Freiheit, wachsam auf jeden Umstand, der ihre Zwecke begünstigte, fanden bald einen Ausweg, den Nutzen dieser Einrichtung zu zerstören. Nach und nach kam es auf, daß ein Privatgerichtshof des Kaisers, der Reichshofrath in Wien – anfänglich zu nichts Anderm bestimmt, als dem Kaiser in Ausübung seiner unbezweifelten persönlichen Kaiserrechte mit Rath an die Hand zu gehen– ein Tribunal, dessen Mitglieder, von dem Kaiser allein willkürlich aufgestellt und von ihm allein besoldet, den Vorteil ihres Herrn zu ihrem höchsten Gesetze und das Beste der katholischen Religion, zu welcher sie sich bekannten, zu ihrer einzigen Richtschnur machen mußten – die höchste Justiz über die Reichsstände ausübte. Vor den Reichshofrath wurden nunmehr viele Rechtshändel zwischen Ständen ungleicher Religion gezogen, über welche zu sprechen nur dem Kammergericht gebührte und vor Entstehung desselben dem Fürstenrathe gebührt hatte. Kein Wunder, wenn die Aussprüche dieses Gerichtshof ihren Ursprung verriethen, wenn von katholischen Richtern und von Creaturen des Kaisers dem Interesse der katholischen Religion und des Kaisers die Gerechtigkeit aufgeopfert wurde. Obgleich alle Reichsstände Deutschlands Ursache zu haben schienen, einem so gefährlichen Mißbrauche in Zeiten zu begegnen, so stellten sich doch bloß allein die Protestanten, welche er am empfindlichsten drückte, und unter diesen nicht einmal alle, als Vertheidiger der deutschen Freiheit auf, die ein so willkürliches Institut an ihrer heiligsten Stelle, an der Gerechtigkeitspflege, verletzte. In der That würde Deutschland gar wenig Ursache gehabt haben, sich zu Abschaffung des Faustrechts und Einsetzung des Kammergerichts Glück zu wünschen, wenn neben dem letztern noch eine willkürliche kaiserliche Gerichtsbarkeit stattfinden durfte. Die deutschen Reichsstände würden sich gegen jene Zeiten der Barbarei gar wenig verbessert haben, wenn das Kammergericht, wo sie zugleich mit dem Kaiser zu Gerichte saßen, für welches sie doch das ehemalige Fürstenrecht aufgegeben hatten, aufhören sollte, eine notwendige Instanz zu sein. Aber in den Köpfen dieses Zeitalters wurden oft die seltsamsten Widersprüche vereinigt. Dem Namen Kaiser, einem Vermächtnisse des despotischen Roms, klebte damals noch ein Begriff von Machtvollkommenheit an, der gegen das übrige Staatsrecht der Deutschen den lächerlichsten Abstich machte, aber nichts destoweniger von den Juristen in Schutz genommen, von den Beförderern des Despotismus verbreitet und von den Schwachen geglaubt wurde.

An diese allgemeinen Beschwerden schloß sich nach und nach eine Reihe von besondern Vorfällen an, welche die Besorglichkeit der Protestanten zuletzt bis zu dem höchsten Mißtrauen spannten. Während der spanischen Religionsverfolgungen in den Niederlanden hatten sich einige protestantische Familien in die katholische Reichsstadt Aachen geflüchtet, wo sie sich bleibend niederließen und unvermerkt ihren Anhang vermehrten. Nachdem es ihnen durch List gelungen war, einige ihres Glaubens in den Stadtrath zu bringen, so forderten sie eine eigene Kirche und einen öffentlichen Gottesdienst, welchen sie sich, da sie eine abschlägige Antwort erhielten, nebst dem ganzen Stadtregiment auf einem gewaltsamen Wege verschafften. Eine so ansehnliche Stadt in protestantischen Händen zu sehen, war ein zu harter Schlag für den Kaiser und die ganze katholische Partei. Nachdem alle kaiserlichen Ermahnungen und Befehle zur Wiederherstellung des vorigen Zustandes fruchtlos geblieben, erklärte ein Schluß des Reichshofraths die Stadt in die Reichsacht, welche aber erst unter der folgenden Regierung vollzogen wurde.

Von größerer Bedeutung waren zwei andre Versuche der Protestanten, ihr Gebiet und ihre Macht zu erweitern. Kurfürst Gebhard zu Köln, geborner Truchseß von Waldburg, empfand für die junge Gräfin Agnes von Mannsfeld, Kanonissin zu Gerresheim, eine heftige Liebe, die nicht unerwidert blieb. Da die Augen von ganz Deutschland auf dieses Verständniß gerichtet waren, so forderten die Brüder der Gräfin, zwei eifrige Calvinisten, Genugtuung für die beleidigte Ehre ihres Hauses, die, so lange der Kurfürst ein katholischer Bischof blieb, durch keine Heirath gerettet werden konnte. Sie drohten dem Kurfürsten, in seinem und ihrer Schwester Blut diese Schande zu tilgen, wenn er nicht sogleich allem Umgang mit der Gräfin entsagte oder ihre Ehre vor dem Altar wiederherstellte. Der Kurfürst, gleichgültig gegen alle Folgen dieses Schrittes, hörte nichts, als die Stimme der Liebe. Sei es, daß er der reformierten Religion überhaupt schon geneigt war, oder daß die Reize seiner Geliebten allein dieses Wunder wirkten – er schwur den katholischen Glauben ab und führte die schöne Agnes zum Altare.

Der Fall war von der höchsten Bedenklichkeit. Nach dem Buchstaben des geistlichen Vorbehalts hatte der Kurfürst durch diese Apostasie alle Rechte an sein Erzstift verloren, und wenn es den Katholiken bei irgend einer Gelegenheit wichtig war, den geistlichen Vorbehalt durchzusetzen, so war es bei Kurfürstentümern wichtig. Auf der andern Seite war die Scheidung von der höchsten Gewalt ein so harter Schritt, und um so härter für einen so zärtlichen Gemahl, der den Werth seines Herzens und seiner Hand durch das Geschenk eines Fürstentums so gern zu erhöhen gewünscht hätte. Der geistliche Vorbehalt war ohnehin ein bestrittener Artikel des Augsburger Friedens, und dem ganzen protestantischen Deutschland schien es von äußerster Wichtigkeit zu sein, dem katholischen Theile diese vierte Kur zu entreißen. Das Beispiel selbst war schon in mehrern geistlichen Stiftern Niederdeutschlands gegeben und glücklich durchgesetzt worden. Mehrere Domcapitularen aus Köln waren bereits Protestanten und auf des Kurfürsten Seite; in der Stadt selbst war ihm ein zahlreicher protestantischer Anhang gewiß. Alle diese Gründe, denen das Zureden seiner Freunde und Verwandten und die Versprechungen vieler deutschen Höfe noch mehr Stärke gaben, brachten den Kurfürsten zu dem Entschluß, auch bei veränderter Religion sein Erzstift beizubehalten.

Aber bald genug zeigte sich, daß er einen Kampf unternommen hatte, den er nicht endigen konnte. Schon die Freigebung des protestantischen Gottesdienstes in den Kölnischen Landen hatte bei den katholischen Landständen und Domcapitularen den heftigsten Widerspruch gefunden. Die Dazwischenkunft des Kaisers und ein Bannstrahl aus Rom, der ihn als einen Apostaten verfluchte und aller seiner sowohl geistlichen als weltlichen Würden entsetzte, bewaffnete gegen ihn seine Landstände und sein Capitel. Der Kurfürst sammelte eine militärische Macht; die Capitularen thaten ein Gleiches. Um sich schnell eines mächtigen Arms zu versichern, eilten sie zu einer neuen Kurfürstenwahl, welche für den Bischof von Lüttich, einen bayerischen Prinzen, entschieden wurde.

Ein bürgerlicher Krieg fing jetzt an, der, bei dem großen Antheil, den beide Religionsparteien in Deutschland an diesem Vorfalle nothwendig nehmen mußten, leicht in eine allgemeine Auflösung des Reichsfriedens endigen konnte. Am meisten empörte es die Protestanten, daß der Papst sich hatte herausnehmen dürfen, aus angemaßter apostolischer Gewalt einen Reichsfürsten seiner Reichswürden zu entkleiden. Noch in den goldnen Zeiten ihrer geistlichen Herrschaft war den Päpsten dieses Recht widersprochen worden; wie viel mehr in einem Jahrhundert, wo ihr Ansehen bei einem Theile gänzlich gestürzt war und bei dem andern auf sehr schwachen Pfeilern ruhte! Alle protestantischen Höfe Deutschlands nahmen sich dieser Sache nachdrücklich bei dem Kaiser an; Heinrich der Vierte von Frankreich, damals noch König von Navarra, ließ keinen Weg der Unterhandlung unversucht, den deutschen Fürsten die Handhabung ihrer Rechte kräftig zu empfehlen. Der Fall war entscheidend für Deutschlands Freiheit. Vier protestantische Stimmen gegen drei katholische im Kurfürstenrathe mußten das Uebergewicht der Macht auf protestantische Seite neigen und dem österreichischen Hause den Weg zum Kaiserthron auf ewig versperren.

Aber Kurfürst Gebhard hatte die reformierte und nicht die lutherische Religion ergriffen; dieser einzige Umstand machte sein Unglück. Die Erbitterung dieser beiden Kirchen gegen einander ließ es nicht zu, daß die evangelischen Reichsstände den Kurfürsten als den Ihrigen ansahen und als einen solchen mit Nachdruck unterstützten. Alle hatten ihm zwar Muth zugesprochen und Hilfe zugesagt; aber nur ein apanagierter Prinz des pfälzischen Hauses, Pfalzgraf Johann Casimir, ein calvinischer Eiferer, hielt ihm Wort. Dieser eilte, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, mit seinem kleinen Heer ins Kölnische, doch ohne etwas Erhebliches auszurichten, weil ihn der Kurfürst, selbst von dem Notwendigsten entblößt, ganz und gar ohne Hilfe ließ. Desto schnellere Fortschritte machte der neupostulierte Kurfürst, den seine bayerischen Verwandten und die Spanier von den Niederlanden aus aufs kräftigste unterstützten. Die Gebhardischen Truppen, von ihrem Herrn ohne Sold gelassen, lieferten dem Feind einen Platz nach dem andern aus; andere wurden zur Uebergabe gezwungen. Gebhard hielt sich noch etwas länger in seinen westphälischen Landen, bis er auch hier der Uebermacht zu weichen gezwungen war. Nachdem er in Holland und England mehrere vergebliche Versuche zu seiner Wiederherstellung gethan, zog er sich in das Stift Straßburg zurück, um dort als Domdechant zu sterben; das erste Opfer des geistlichen Vorbehalts, oder vielmehr der schlechten Harmonie unter den deutschen Protestanten.

An diese kölnische Streitigkeit knüpfte sich kurz nachher eine neue in Straßburg an. Mehrere protestantische Domcapitularen aus Köln, die der päpstliche Bannstrahl zugleich mit dem Kurfürsten getroffen hatte, hatten sich in dieses Bisthum geflüchtet, wo sie gleichfalls Präbenden besaßen. Da die katholischen Capitularen in dem Straßburger Stifte Bedenken trugen, ihnen als Geächteten den Genuß ihrer Präbenden zu gestatten, so setzten sie sich eigenmächtig und gewaltsam in Besitz, und ein mächtiger protestantischer Anhang unter den Bürgern von Straßburg verschaffte ihnen bald die Oberhand in dem Stifte. Die katholischen Domherren entwichen nach Elsaß-Zabern, wo sie unter dem Schutz ihres Bischofs ihr Capitel als das einzig rechtmäßige fortführten und die in Straßburg Zurückgebliebenen für unecht erklärten. Unterdessen hatten sich diese Letztern durch Aufnahme mehrerer protestantischer Mitglieder von hohem Range verstärkt, daß sie sich nach dem Absterben des Bischofs herausnehmen konnten, in der Person des Prinzen Johann Georg von Brandenburg einen neuen protestantischen Bischof zu postulieren. Die katholischen Domherren, weit entfernt, diese Wahl zu genehmigen, postulierten den Bischof von Metz, einen Prinzen von Lothringen, zu dieser Würde, der seine Erhebung sogleich durch Feindseligkeiten gegen das Gebiet von Straßburg verkündigte.

Da die Stadt Straßburg für das protestantische Capitel und den Prinzen von Brandenburg zu den Waffen griff, die Gegenpartei aber mit Hilfe lothringischer Truppen die Stiftsgüter an sich zu reißen suchte, so kam es zu einem langwierigen Kriege, der, nach dem Geiste jener Zeiten, von einer barbarischen Verheerung begleitet war. Umsonst trat der Kaiser mit seiner höchsten Autorität dazwischen, den Streit zu entscheiden: die Stiftsgüter blieben noch lange Zeit zwischen beiden Parteien getheilt, bis endlich der protestantische Prinz für ein mäßiges Aequivalent an Geld seinen Ansprüchen entsagte und also auch hier die katholische Kirche siegreich davon ging.

Noch bedenklicher war für das ganze protestantische Deutschland, was sich, bald nach Schlichtung des vorigen Streits, mit Donauwörth, einer schwäbischen Reichsstadt, ereignete. In dieser sonst katholischen Stadt war unter Ferdinands und seines Sohnes Regierung die protestantische Religionspartei auf dem gewöhnlichen Wege so sehr die herrschende geworden, daß sich die katholischen Einwohner mit einer Nebenkirche im Kloster des heiligen Kreuzes begnügen und dem Aergerniß der Protestanten ihre meisten gottesdienstlichen Gebräuche entziehen mußten. Endlich wagte es ein fanatischer Abt dieses Klosters, der Volksstimme zu trotzen und eine öffentliche Procession mit Vortragung des Kreuzes und fliegenden Fahnen anzustellen; aber man zwang ihn bald, von diesem Vorhaben abzustehen. Als dieser nämliche Abt, durch eine günstige kaiserliche Erklärung ermuntert, ein Jahr darauf diese Procession wiederholte, schritt man zu offenbarer Gewalt. Der fanatische Pöbel sperrte den zurückkommenden Klosterbrüdern das Thor, schlug ihre Fahnen zu Boden und begleitete sie unter Schreien und Schimpfen nach Hause. Eine kaiserliche Citation war die Folge dieser Gewalttätigkeit; und als das aufgebrachte Volk sogar Miene machte, sich an den kaiserlichen Commissarien zu vergreifen, als alle Versuche einer gütlichen Beilegung von dem fanatischen Haufen rückgängig gemacht wurden, so erfolgte endlich die förmliche Reichsacht gegen die Stadt, welche zu vollstrecken dem Herzog Maximilian von Bayern übertragen wurde. Kleinmuth ergriff die sonst so trotzige Bürgerschaft bei Annäherung des bayerischen Heeres, und ohne Widerstand streckte sie die Waffen. Die gänzliche Abschaffung der protestantischen Religion in ihren Mauern war die Strafe ihres Vergehens. Die Stadt verlor ihre Privilegien und wurde aus einer schwäbischen Reichsstadt in eine bayerische Landstadt verwandelt.

Zwei Umstände begleiteten diesen Vorgang, welche die höchste Aufmerksamkeit der Protestanten erregen mußten, wenn auch das Interesse der Religion weniger wirksam bei ihnen gewesen wäre. Der Reichshofrath, ein willkürliches und durchaus katholisches Tribunal, dessen Gerichtsbarkeit ohnehin so heftig von ihnen bestritten wurde, hatte das Urtheil gefällt, und dem Herzog von Bayern, dem Chef eines fremden Kreises, hatte man die Vollstreckung desselben übertragen. So constitutionswidrige Schritte kündigten ihnen von katholischer Seite gewaltthätige Maßregeln an, welche sich leicht auf geheime Verabredungen und einen gefährlichen Plan stützen und mit der gänzlichen Unterdrückung ihrer Religionsfreiheit endigen konnten.

In einem Zustande, wo das Recht der Stärke gebietet und auf der Macht allein alle Sicherheit beruht, wird immer der schwächste Theil der geschäftigste sein, sich in Vertheidigungsstand zu setzen Dieses war jetzt der Fall auch in Deutschland. Wenn von den Katholiken wirklich etwas Schlimmes gegen die Protestanten beschlossen war, so mußte, der vernünftigsten Berechnung nach, der erste Streich vielmehr in das südliche als in das nördliche Deutschland schlagen, weil die niederdeutschen Protestanten in einer langen unterbrochenen Länderstrecke mit einander zusammenhingen und sich also sehr leicht unterstützen konnten, die oberdeutschen aber, von den übrigen abgetrennt und um und um von katholischen Staaten umlagert, jedem Einfall bloßgestellt waren. Wenn ferner, wie zu vermuthen war, die Katholiken die innern Trennungen der Protestanten benutzen und ihren Angriff gegen eine einzelne Religionspartei richten würden, so waren die Calvinisten, als die Schwächern und welche ohnehin vom Religionsfrieden abgeschlossen waren, augenscheinlich in einer nähern Gefahr, und auf sie mußte der erste Streich niederfallen.

Beides traf in den kurpfälzischen Landen zusammen, welche an dem Herzog von Bayern einen sehr bedenklichen Nachbar hatten, wegen ihres Rückfalls zum Calvinismus aber von dem Religionsfrieden keinen Schutz und von den evangelischen Ständen wenig Beistand hoffen konnten. Kein deutsches Land hat in so kurzer Zeit so schnelle Religionswechsel erfahren, als die Pfalz in damaligen Zeiten. In dem kurzen Zeitraum von sechzig Jahren sah man dieses Land, ein unglückliches Spielwerk seiner Beherrscher, zweimal zu Luthers Glaubenslehre schwören und diese Lehre zweimal für den Calvinismus verlassen. Kurfürst Friedrich der Dritte war der Augsburgischen Confession zuerst ungetreu geworden, welche sein erstgeborner Sohn und Nachfolger, Ludwig, schnell und gewaltsam wieder zur herrschenden machte. Im ganzen Lande wurden die Calvinisten ihrer Kirchen beraubt, ihre Prediger und selbst die Schullehrer ihrer Religion aus den Grenzen verwiesen, und auch noch in seinem Testamente verfolgte sie der eifrig evangelische Fürst, indem er nur streng orthodoxe Lutheraner zu Vormündern seines minderjährigen Prinzen ernannte. Aber dieses gesetzwidrige Testament vernichtete Pfalzgraf Johann Casimir, sein Bruder, und nahm nach den Vorschriften der goldnen Bulle Besitz von der Vormundschaft und der ganzen Verwaltung des Landes. Dem neunjährigen Kurfürsten (Friedrich dem Vierten) gab man Calvinische Lehrer, denen aufgetragen war, den lutherischen Ketzerglauben, selbst, wenn es sein müßte, mit Schlägen, aus der Seele ihres Zöglings herauszutreiben. Wenn man so mit dem Herrn verfuhr, so läßt sich leicht auf die Behandlung des Unterthans schließen.

Unter diesem Friedrich dem Vierten war es, wo sich der pfälzische Hof ganz besonders geschäftig zeigte, die protestantischen Stände Deutschlands zu einträchtigen Maßregeln gegen das Haus Oesterreich zu vermögen und wo möglich einen allgemeinen Zusammentritt derselben zu Stande zu bringen. Neben dem, daß dieser Hof durch französische Ratschläge geleitet wurde, von denen immer der Haß gegen Oesterreich die Seele war, zwang ihn die Sorge für seine eigne Sicherheit, sich gegen einen nahen und überlegenen Feind des so zweifelhaften Schutzes der Evangelischen bei Zeiten zu versichern. Große Schwierigkeiten setzten sich dieser Vereinigung entgegen; weil die Abneigung der Evangelischen gegen die Reformierten kaum geringer war, als ihr gemeinschaftlicher Abscheu vor den Papisten. Man versuchte also zuerst, die Religionen zu vereinigen, um dadurch die politische Verbindung zu erleichtern; aber alle diese Versuche schlugen fehl und endigten gewöhnlich damit, daß sich jeder Theil nur desto mehr in seiner Meinung befestigte. Nichts blieb also übrig, als die Furcht und das Mißtrauen der Evangelischen zu vermehren und dadurch die Nothwendigkeit einer solchen Vereinigung herbei zu führen. Man vergrößerte die Macht der katholischen; man übertrieb die Gefahr; zufällige Ereignisse wurden einem überdachten Plane zugeschrieben, unschuldige Vorfälle durch gehässige Auslegungen entstellt und dem ganzen Betragen der Katholischen eine Uebereinstimmung und Planmäßigkeit geliehen, wovon sie wahrscheinlich weit entfernt gewesen sind.

Der Reichstag zu Regensburg, auf welchem die Protestanten sich Hoffnung gemacht hatten die Erneuerung des Religionsfriedens durchzusetzen, hatte sich fruchtlos zerschlagen, und zu ihren bisherigen Beschwerden war noch die neuerliche Unterdrückung von Donauwörth hinzugekommen. Unglaublich schnell kam die so lange gesuchte Vereinigung zu Stande. Zu Anhausen in Franken traten (1608) der Kurfürst Friedrich der Vierte von der Pfalz, der Pfalzgraf von Neuburg, zwei Markgrafen von Brandenburg, der Markgraf von Baden und der Herzog Johann Friedrich von Wirtenberg – also Lutheraner mit Calvinisten – für sich und ihre Erben in ein enges Bündniß, die evangelische Union genannt, zusammen. Der Inhalt derselben war, daß die unierten Fürsten, in Angelegenheiten der Religion und ihrer ständischen Rechte, einander wechselsweise gegen jeden Beleidiger mit Rath und That unterstützen und alle für einen Mann stehen sollten; daß einem jeden mit Krieg überzogenen Mitgliede der Union von den übrigen sogleich mit einer kriegerischen Macht sollte beigesprungen, jedem im Nothfall für seine Truppen die Ländereien, die Städte und Schlösser der mitunierten Stände geöffnet, was erobert würde aber, nach Verhältniß des Beitrags, den ein jedes dazu gegeben, unter sämmtliche Glieder vertheilt werden sollte. Die Direction des ganzen Bundes wurde in Friedenszeiten Kurpfalz überlassen, doch mit eingeschränkter Gewalt, zu Bestreitung der Unkosten Vorschüsse gefordert und ein Fond niedergelegt. Die Religionsverschiedenheit (zwischen Lutheranern und Calvinisten) sollte auf den Bund keinen Einfluß haben, das Ganze auf zehn Jahre gelten. Jedes Mitglied der Union hatte sich zugleich anheischig machen müssen, neue Mitglieder anzuwerben. Kurbrandenburg ließ sich bereitwillig finden; Kursachsen mißbilligte den Bund. Hessen konnte keine freie Entschließung fassen; die Herzoge von Braunschweig und Lüneburg hatten gleichfalls Bedenklichkeiten. Aber die drei Reichsstädte Straßburg, Nürnberg und Ulm waren keine unwichtige Eroberung für den Bund, weil man ihres Geldes sehr bedürftig war und ihr Beispiel von mehrern andern Reichsstädten nachgeahmt werden konnte.

Die unierten Stände, einzeln muthlos und wenig gefürchtet, führten nach geschlossener Vereinigung eine kühnere Sprache. Sie brachten durch den Fürsten Christian von Anhalt ihre gemeinschaftlichen Beschwerden und Forderungen vor den Kaiser, unter denen die Wiederherstellung Donauwörths, die Aufhebung der kaiserlichen Hofprocesse und die Reformen seines eignen Regiments und seiner Rathgeber den obersten Platz einnahmen. Zu diesen Vorstellungen hatten sie gerade die Zeit gewählt, wo der Kaiser von den Unruhen in seinen Erbländern kaum zu Athem kommen konnte; wo er Oesterreich und Ungarn kürzlich an Matthias verloren und seine böhmische Krone bloß durch Bewilligung des Majestätsbriefs gerettet hatte; wo endlich durch die jülichische Succession schon von fern ein neues Kriegsfeuer zubereitet wurde. Kein Wunder, daß dieser langsame Fürst sich jetzt weniger als je in seinen Entschließungen übereilte, und die Union früher zu dem Schwerte griff, als der Kaiser sich besonnen hatte.

Die Katholiken bewachten mit Blicken voll Argwohn die Union; die Union hütete eben so mißtrauisch die Katholiken und den Kaiser; der Kaiser beide; und auf allen Seiten waren Furcht und Erbitterung aufs höchste gestiegen. Und gerade in diesem bedenklichen Zeitpunkt mußte sich durch den Tod des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich eine höchst streitige Erbfolge in den jülich-clevischen Landen eröffnen.

Acht Competenten meldeten sich zu dieser Erbschaft, deren Unzertrennlichkeit durch solenne Verträge festgesetzt worden war; und der Kaiser, der Lust bezeigte, sie als ein erledigtes Reichslehen einzuziehen, konnte für den neunten gelten. Vier von diesen, der Kurfürst von Brandenburg, der Pfalzgraf von Neuburg, der Pfalzgraf von Zweibrücken und der Markgraf von Burgau, ein österreichischer Prinz, forderten es als ein Weiberlehen, im Namen von vier Prinzessinnen, Schwestern des verstorbenen Herzogs. Zwei andere, der Kurfürst von Sachsen, albertinischer, und die Herzoge von Sachsen, ernestinischer Linie, beriefen sich auf eine frühere Anwartschaft, welche ihnen Kaiser Friedrich der Dritte auf diese Erbschaft ertheilt und Maximilian der Erste beiden sächsischen Häusern bestätigt hatte. Auf die Ansprüche einiger auswärtiger Prinzen wurde wenig geachtet. Das nächste Recht war vielleicht auf der Seite Brandenburgs und Neuburgs, und es schien beide Theile ziemlich gleich zu begünstigen. Beide Höfe ließen auch sogleich nach Eröffnung der Erbschaft Besitz ergreifen; den Anfang machte Brandenburg, und Neuburg folgte. Beide fingen ihren Streit mit der Feder an und würden ihn wahrscheinlich mit dem Degen geendigt haben; aber die Dazwischenkunft des Kaisers, der diesen Rechtshandel vor seinen Thron ziehen, einstweilen aber die streitigen Länder in Sequester nehmen wollte, brachte beide streitende Parteien zu einem schnellen Vergleich, um die gemeinschaftliche Gefahr abzuwenden. Man kam überein, das Herzogthum in Gemeinschaft zu regieren. Umsonst, daß der Kaiser die Landstände auffordern ließ, ihren neuen Herren die Huldigung zu verweigern – umsonst, daß er seinen eignen Anverwandten, den Erzherzog Leopold, Bischof von Passau und Straßburg, ins Jülichische schickte, um dort durch seine persönliche Gegenwart der kaiserlichen Partei aufzuhelfen. Das ganze Land, außer Jülich, hatte sich den protestantischen Prinzen unterworfen, und die kaiserliche Partei wurde in dieser Hauptstadt belagert.

Die jülichische Streitigkeit war dem ganzen deutschen Reiche wichtig und erregte sogar die Aufmerksamkeit mehrerer europäischer Höfe. Es war nicht sowohl die Frage, wer das jülichische Herzogtum besitzen und wer es nicht besitzen sollte? – die Frage war, welche von beiden Parteien in Deutschland, die katholische oder die protestantische, sich um eine so ansehnliche Besitzung vergrößern, für welche von beiden Religionen dieser Landstrich gewonnen oder verloren werden sollte? Die Frage war, ob Oesterreich abermals in seinen Anmaßungen durchdringen und seine Ländersucht mit einem neuen Raube vergnügen, oder ob Deutschlands Freiheit und das Gleichgewicht seiner Macht gegen die Anmaßungen Oesterreichs behauptet werden sollte? Der jülichische Erbfolgestreit war also eine Angelegenheit für alle Mächte, welche Freiheit begünstigten und Oesterreich anfeindeten. Die evangelische Union, Holland, England und vorzüglich Heinrich der Vierte von Frankreich wurden darein gezogen

Dieser Monarch, der die schönste Hälfte seines Lebens an das Haus Oesterreich und Spanien verloren, der nur mit ausdauernder Heldenkraft endlich alle Berge erstiegen, welche dieses Haus zwischen ihn und den französischen Thron gewälzt hatte, war bis hieher kein müßiger Zuschauer der Unruhen in Deutschland gewesen. Eben dieser Kampf der Stände mit dem Kaiser schenkte und sicherte seinem Frankreich den Frieden. Die Protestanten und Türken waren die zwei heilsamen Gewichte, welche die österreichische Macht in Osten und Westen darniederzogen, aber in ihrer ganzen Schreckbarkeit stand sie wieder auf, sobald man ihr vergönnte, diesen Zwang abzuwerfen. Heinrich der Vierte hatte ein halbes Menschenalter lang das ununterbrochene Schauspiel von österreichischer Herrschbegierde und österreichischem Länderdurst vor Augen, den weder Widerwärtigkeit, noch selbst Geistesarmuth, die doch sonst alle Leidenschaften mäßigt, in einer Brust löschen konnten, worin nur ein Tropfen von dem Blute Ferdinands des Arragoniers floß. Die österreichische Ländersucht hatte schon seit einem Jahrhundert Europa aus einem glücklichen Frieden gerissen und in dem Innern seiner vornehmsten Staaten eine gewaltsame Veränderung bewirkt. Sie hatte die Aecker von Pflügern, die Werkstätten von Künstlern entblößt, um die Länder mit ungeheuern, nie gesehenen Heeresmassen, kaufmännische Meere mit feindseligen Flotten zu bedecken. Sie hatte den europäischen Fürsten die Notwendigkeit auferlegt, den Fleiß ihrer Unterthanen mit nie erhörten Schatzungen zu beschweren und die beste Kraft ihrer Staaten, für die Glückseligkeit ihrer Bewohner verloren, in einer nothgedrungenen Verteidigung zu erschöpfen. Für Europa war kein Friede, für seine Staaten kein Gedeihen, kein Plan von Dauer für der Völker Glück, so lange es diesem gefährlichen Geschlecht überlassen blieb, nach Gefallen die Ruhe dieses Welttheils zu stören.

Betrachtungen dieser Art umwölkten Heinrichs Gemüth am Abend eines glorreich geführten Lebens. Was hatte es ihm nicht gekostet, das trübe Chaos zu ordnen, worin der Tumult eines langwierigen Bürgerkriegs, von eben diesem Oesterreich angefacht und unterhalten, Frankreich gestürzt hatte! Jeder große Mensch will für die Ewigkeit gearbeitet haben, und wer bürgte diesem König für die Dauer des Wohlstandes, worin er Frankreich verließ, so lange Oesterreich und Spanien eine einzige Macht blieben, die jetzt zwar entkräftet darniederlag, aber nur ein einziges glückliches Ohngefähr brauchte, um sich schnell wieder in Einen Körper zusammenzuziehen und in ihrer ganzen Furchtbarkeit wieder aufzuleben? Wollte er seinem Nachfolger einen fest gegründeten Thron, seinem Volk einen dauerhaften Frieden zurücklassen, so mußte diese gefährliche Macht auf immer entwaffnet werden. Aus dieser Quelle floß der unversöhnliche Haß, welchen Heinrich der Vierte dem Hause Oesterreich geschworen – unauslöschlich, glühend und gerecht, wie Hannibals Feindschaft gegen Romulus' Volk, aber durch einen edleren Ursprung geadelt.

Alle Mächte Europens hatten diese große Aufforderung mit Heinrich gemein; aber nicht alle diese lichtvolle Politik, nicht alle den uneigennützigen Muth, nach einer solchen Aufforderung sich in Handlung zu setzen. Jeden ohne Unterschied reizt der nahe Gewinn, aber nur große Seelen wird das entfernte Gute bewegen. So lange die Weisheit bei ihrem Vorhaben auf Weisheit rechnet oder sich auf ihre eignen Kräfte verläßt, entwirft sie keine anderen als chimärische Plane, und die Weisheit läuft Gefahr, sich zum Gelächter der Welt zu machen – aber ein glücklicher Erfolg ist ihr gewiß, und sie kann auf Beifall und Bewunderung zählen, sobald sie in ihren geistreichen Planen eine Rolle für Barbarei, Habsucht und Aberglauben hat und die Umstände ihr vergönnen, eigennützige Leidenschaften zu Vollstreckern ihrer schönen Zwecke zu machen.

In dem erstern Falle hätte Heinrichs bekanntes Projekt, das österreichische Haus aus allen seinen Besitzungen zu verjagen und unter die europäischen Mächte seinen Raub zu vertheilen, den Namen einer Chimäre wirklich verdient, womit man immer so freigebig gegen dasselbe gewesen ist; aber verdiente es ihn auch in dem andern? Dem vortrefflichen König war es wohl nie eingefallen, bei den Vollstreckern seines Projekts auf einen Beweggrund zu zählen, welcher demjenigen ähnlich gewesen wäre, der ihn selbst und seinen Sully bei dieser Unternehmung beseelte. Alle Staaten, deren Mitwirkung dabei nöthig war, wurden durch die stärksten Motive, die eine politische Macht nur immer in Handlung setzen können, zu der Rolle vermocht, die sie dabei zu übernehmen hatten. Von den Protestanten im Oesterreichischen verlangte man nichts, als was ohnehin das Ziel ihres Bestrebens schien, die Abwerfung des österreichischen Joches; von den Niederländern nichts, als einen ähnlichen Abfall von dem spanischen. Dem Papst und allen Republiken Italiens war keine Angelegenheit wichtiger, als die spanische Tyrannei auf immer von ihrer Halbinsel zu verjagen; für England konnte nichts wünschenswürdiger sein, als eine Revolution, welche es von seinem abgesagtesten Feinde befreite. Jede Macht gewann bei dieser Theilung des österreichischen Raubes entweder Land oder Freiheit, neues Eigenthum oder Sicherheit für das alte; und weil Alle gewannen, so blieb das Gleichgewicht unverletzt. Frankreich konnte großmüthig jeden Antheil an der Beute verschmähen, weil es durch Oesterreichs Untergang sich selbst wenigstens zweifach gewann und am mächtigsten war, wenn es nicht mächtiger wurde. Endlich um den Preis, daß sie Europa von ihrer Gegenwart befreiten, gab man den Nachkömmlingen von Habsburg die Freiheit, in allen übrigen entdeckten und noch zu entdeckenden Welten sich auszubreiten. Ravaillacs Messerstiche retteten Oesterreich, um die Ruhe von Europa noch um einige Jahrhunderte zu verspäten.

Die Augen auf einen solchen Entwurf geheftet, mußte Heinrich die evangelische Union in Deutschland und den Erbfolgestreit wegen Jülich nothwendig als die wichtigsten Ereignisse mit schnellem, thätigem Antheil ergreifen. Seine Unterhändler waren an allen protestantischen Höfen Deutschlands geschäftig, und das Wenige, was sie von dem großen politischen Geheimniß ihres Monarchen preisgaben oder ahnen ließen, war hinlänglich, Gemüther zu gewinnen, die ein so feuriger Haß gegen Oesterreich beseelte und die Vergrößerungsbegierde so mächtig beherrschte. Heinrichs staatskluge Bemühungen zogen die Union noch enger zusammen, und der mächtige Beistand, wozu er sich anheischig machte, erhob den Muth der Verbundenen zur festesten Zuversicht. Eine zahlreiche französische Armee, von dem König in Person angeführt, sollte den Truppen der Union am Rheine begegnen und zuerst die Eroberung der jülich-clevischen Lande vollenden helfen; alsdann in Vereinigung mit den Deutschen nach Italien rücken (wo Savoyen, Venedig und der Papst schon einen mächtigen Beistand bereit hielten), um dort alle spanischen Throne umzustürzen. Diese siegreiche Armee sollte dann, von der Lombardei aus, in das habsburgische Erbtheil eindringen und dort, von einem allgemeinen Aufstand der Protestanten begünstigt, in allen seinen deutschen Landen, in Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen, das österreichische Scepter zerbrechen. Die Brabanter und Holländer, durch französischen Beistand gestärkt, hätten sich unterdessen ihrer spanischen Tyrannen gleichfalls entledigt, und dieser fürchterlich über seine Ufer getretene Strom, der noch kürzlich gedroht hatte, Europens Freiheit unter seinen trüben Strudeln zu begraben, rollte dann still und vergessen hinter den pyrenäischen Bergen.

Die Franzosen rühmten sich sonst der Geschwindigkeit; diesmal wurden sie von den Deutschen übertroffen. Eine Armee der Union war im Elsaß, ehe noch Heinrich sich dort zeigte, und ein österreichisches Heer, welches der Bischof von Straßburg und Passau in dieser Gegend zusammengezogen hatte, um es ins Jülichische zu führen, wurde zerstreut. Heinrich der Vierte hatte seinen Plan als Staatsmann und König entworfen, aber er hatte ihn Räubern zur Ausführung übergeben. Seiner Meinung nach sollte keinem katholischen Reichsstände Ursache gegeben werden, diese Rüstung auf sich zu deuten und die Sache Oesterreichs zu der seinigen zu machen; die Religion sollte ganz und gar nicht in diese Angelegenheit gemischt werden. Aber wie sollten die deutschen Fürsten über Heinrichs Entwürfen ihre eigenen Zwecke vergessen? Von Vergrößerungsbegierde, von Religionshaß gingen sie ja aus – sollten sie nicht für ihre herrschende Leidenschaft unterwegs so viel mitnehmen, als sie konnten? Wie Raubadler legten sie sich über die Länder der geistlichen Fürsten und erwählten sich, kostete es auch einen noch so großen Umweg, diese fetten Triften zu ihren Lagerplätzen. Als wäre es in Feindeslande, schrieben sie Brandschatzungen darinnen aus, bezogen eigenmächtig die Landesgefälle und nahmen, was gutwillig nicht gegeben wurde, mit Gewalt. Um ja die Katholiken über die wahren Triebfedern ihrer Ausrüstung nicht in Zweifel zu lassen, ließen sie laut und deutlich genug hören, was für ein Schicksal den geistlichen Stiftern von ihnen bereitet sei. So wenig hatten sich Heinrich der Vierte und die deutschen Prinzen in diesem Operationsplane verstanden; so sehr hatte der vortreffliche König in seinen Werkzeugen sich geirrt. Es bleibt eine ewige Wahrheit, daß eine Gewalttätigkeit, wenn die Weisheit sie gebietet, nie dem Gewalttätigen darf aufgetragen werden, daß nur Demjenigen anvertraut werden darf, die Ordnung zu verletzen, dem sie heilig ist.

Das Betragen der Union, welches selbst für mehrere evangelische Stände empörend war, und die Furcht einer noch schlimmern Begegnung bewirkte bei den Katholiken etwas mehr, als eine müßige Entrüstung. Das tief gefallene Ansehen des Kaisers konnte ihnen gegen einen solchen Feind keinen Schutz gewähren. Ihr Bund war, was die Unierten so gefürchtet und trotzig machte; einen Bund mußte man ihnen wieder entgegenstellen.

Der Bischof von Würzburg entwarf den Plan zu dieser katholischen Union, die durch den Namen der Ligue von der evangelischen unterschieden wurde. Die Punkte, worüber man übereinkam, waren ungefähr dieselben, welche die Union zum Grund legte, Bischöfe ihre mehresten Glieder; an die Spitze des Bundes stellte sich der Herzog Maximilian von Bayern, aber als das einzige weltliche Bundesglied von Bedeutung, mit einer ungleich größern Gewalt, als die Unierten ihrem Vorsteher eingeräumt hatten. Außer diesem Umstande, daß der einzige Herzog von Bayern Herr der ganzen liguistischen Kriegsmacht war, wodurch die Operationen der Ligue eine Schnelligkeit und einen Nachdruck bekommen mußten, die bei der Union nicht so leicht möglich waren, hatte die Ligue noch den Vortheil, daß die Geldbeiträge von den reichen Prälaten weit richtiger einflossen, als bei der Union von den armen evangelischen Ständen. Ohne dem Kaiser, als einem katholischen Reichsstand, einen Antheil an ihrem Bund anzubieten, ohne ihm, als Kaiser, davon Rechenschaft zu geben, stand die Ligue auf einmal überraschend und drohend da, mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet, um endlich die Union zu begraben und unter drei Kaisern fortzudauern. Die Ligue stritt zwar für Oesterreich, weil sie gegen protestantische Fürsten gerichtet war; aber Oesterreich selbst mußte bald vor ihr zittern.

Unterdessen waren die Waffen der Unierten im Jülichischen und im Elsaß ziemlich glücklich gewesen; Jülich war eng eingeschlossen und das ganze Bisthum Straßburg in ihrer Gewalt. Jetzt aber war es mit ihren glänzenden Verrichtungen auch am Ende. Kein französisches Heer erschien am Rhein; denn, der es anführen sollte, der überhaupt die ganze Unternehmung beseelen sollte – Heinrich der Vierte war nicht mehr. Ihr Geld ging auf die Neige; neues zuzuschießen weigerten sich ihre Landstände, und die mitunierten Reichsstädte hatten es sehr übel aufgenommen, daß man immer nur ihr Geld, und nie ihren Rath verlangt hatte. Besonders brachte es sie auf, daß sie sich wegen der jülichischen Streitsache in Unkosten gesetzt haben sollten, die doch ausdrücklich von den Angelegenheiten der Union war ausgeschlossen worden; daß sich die unierten Fürsten aus der gemeinen Kasse große Pensionen zulegten; und vor allen Dingen, daß ihnen über die Anwendung der Gelder keine Rechnung von den Fürsten abgelegt wurde.

Die Union neigte sich also zu ihrem Falle, eben als die Ligue mit neuen und frischen Kräften sich ihr entgegenstellte. Länger im Felde zu bleiben, erlaubte den Unierten der einreißende Geldmangel nicht; und doch war es gefährlich, im Angesicht eines streitfertigen Feindes die Waffen wegzulegen. Um sich von Einer Seite wenigstens sicher zu stellen, verglich man sich schnell mit dem ältern Feinde, dem Erzherzog Leopold, und beide Theile kamen überein, ihre Truppen aus dem Elsaß zu führen, die Gefangenen loszugeben und das Geschehene in Vergessenheit zu begraben. In ein solches Nichts zerrann diese vielversprechende Rüstung.

Eben die gebieterische Sprache, womit sich die Union, im Vertrauen auf ihre Kräfte, dem katholischen Deutschland angekündigt hatte, wurde jetzt von der Ligue gegen die Union und ihre Truppen geführt. Man zeigte ihnen die Fußtapfen ihres Zugs und brandmarkte sie rund heraus mit den härtesten Namen, die sie verdienten. Die Stifter von Würzburg, Bamberg, Straßburg, Mainz, Trier, Köln und viele andre hatten ihre verwüstende Gegenwart empfunden. Allen diesen sollte der zugefügte Schaden vergütet, der Paß zu Wasser und zu Lande (denn auch der rheinischen Schifffahrt hatten sie sich bemächtigt) wieder freigegeben, alles in seinen vorigen Stand gestellt werden. Vor allem aber verlangte man von den Unionsverwandten eine runde und feste Erklärung, wessen man sich zu ihrem Bunde zu versehen habe? Die Reihe war jetzt an den Unierten, der Stärke nachzugeben. Auf einen so wohl gerüsteten Feind waren sie nicht gefaßt; aber sie selbst hatten den Katholischen das Geheimniß ihrer Stärke verrathen. Zwar beleidigte es ihren Stolz, um den Frieden zu betteln; aber sie durften sich glücklich preisen, ihn zu erhalten. Der eine Theil versprach Ersatz, der andere Vergebung. Man legte die Waffen nieder. Das Kriegsgewitter verzog sich noch einmal, und eine augenblickliche Stille erfolgte. Der Aufstand in Böhmen brach jetzt aus, der dem Kaiser das letzte seiner Erbländer kostete; aber weder die Union noch die Ligue mischten sich in diesen böhmischen Streit.

Endlich starb der Kaiser (1612), eben so wenig vermißt im Sarge, als wahrgenommen auf dem Throne. Lange, nachdem das Elend der folgenden Regierungen das Elend der seinigen vergessen gemacht hatte, zog sich eine Glorie um sein Andenken, und eine so schreckliche Nacht legte sich jetzt über Deutschland, daß man einen solchen Kaiser mit blutigen Thränen sich zurückwünschte.

Nie hatte man von Rudolph erhalten können, seinen Nachfolger im Reiche wählen zu lassen, und alles erwartete daher mit bangen Sorgen die nahe Erledigung des Kaiserthrons; doch über alle Hoffnung schnell und ruhig bestieg ihn Matthias. Die Katholiken gaben ihm ihre Stimmen, weil sie von der frischen Thätigkeit dieses Fürsten das Beste hofften; die Protestanten gaben ihm die ihrigen, weil sie alles von seiner Hinfälligkeit hofften. Es ist nicht schwer, diesen Widerspruch zu vereinigen. Jene verließen sich auf das, was er gezeigt hatte, diese urtheilten nach dem, was erzeigte.

Der Augenblick einer neuen Thronbesetzung ist immer ein wichtiger Ziehungstag für die Hoffnung, der erste Reichstag eines Königs in Wahlreichen gewöhnlich seine härteste Prüfung. Jede alte Beschwerde kommt da zur Sprache, und neue werden aufgesucht, um sie der gehofften Reform mit theilhaftig zu machen; eine ganz neue Schöpfung soll mit dem neuen König beginnen. Die großen Dienste, welche ihre Glaubensbrüder in Oesterreich dem Matthias bei seinem Aufruhr geleistet, lebten bei den protestantischen Reichsständen noch in frischer Erinnerung, und besonders schien die Art, wie sich jene für diese Dienste bezahlt gemacht hatten, auch ihnen jetzt zum Muster zu dienen.

Durch Begünstigung der protestantischen Stände in Oesterreich und Mähren hatte Matthias den Weg zu seines Bruders Thronen gesucht und auch wirklich gefunden; aber, von seinen ehrgeizigen Entwürfen hingerissen, hatte er nicht bedacht, daß auch den Ständen dadurch der Weg war geöffnet worden, ihrem Herrn Gesetze vorzuschreiben. Diese Entdeckung riß ihn frühzeitig aus der Trunkenheit seinem Glücks. Kaum zeigte er sich triumphierend nach dem böhmischen Zuge seinen österreichischen Unterthanen wieder, so wartete schon ein gehorsamstes Anbringen auf ihn, welches hinreichend war, ihm seinen ganzen Triumph zu verleiden. Man forderte, ehe zur Huldigung geschritten würde, eine uneingeschränkte Religionsfreiheit in Städten und Märkten, eine vollkommene Gleichheit aller Rechte zwischen Katholiken und Protestanten und einen völlig gleichen Zutritt der letztern zu allen Bedienungen. An mehreren Orten nahm man sich diese Freiheit von selbst und stellte, voll Zuversicht auf die veränderte Regierung, den evangelischen Gottesdienst eigenmächtig wieder her, wo ihn der Kaiser aufgehoben hatte. Matthias hatte zwar nicht verschmäht, die Beschwerden der Protestanten gegen den Kaiser zu benutzen; aber es konnte ihm nie eingefallen sein, sie zu heben. Durch einen festen und entschlossenen Ton hoffte er diese Anmaßungen gleich am Anfange niederzuschlagen. Er sprach von seinen erblichen Ansprüchen auf das Land und wollte von keinen Bedingungen vor der Huldigung hören. Eine solche unbedingte Huldigung hatten ihre Nachbarn, die Stände von Steyermark, dem Erzherzog Ferdinand geleistet; aber sie hatten bald Ursache gehabt, es zu bereuen. Von diesem Beispiel gewarnt, beharrten die österreichischen Stände auf ihrer Weigerung; ja, um nicht gewaltsam zur Huldigung gezwungen zu werden, verließen sie sogar die Hauptstadt, boten ihre katholischen Mitstände zu einer ähnlichen Widersetzung auf und fingen an, Truppen zu werben. Sie thaten Schritte, ihr altes Bündniß mit den Ungarn zu erneuern; sie zogen die protestantischen Reichsfürsten in ihr Interesse und schickten sich in vollem Ernste an, ihr Gesuch mit den Waffen durchzusetzen.

Matthias hatte keinen Anstand genommen, die weit höheren Forderungen der Ungarn zu bewilligen. Aber Ungarn war ein Wahlreich, und die republikanische Verfassung dieses Landes rechtfertigte die Forderungen der Stände vor ihm selbst, und seine Nachgiebigkeit gegen die Stände vor der ganzen katholischen Welt. In Oesterreich hingegen hatten seine Vorgänger weit größere Souveränetätsrechte ausgeübt, die er, ohne sich vor dem ganzen katholischen Europa zu beschimpfen, ohne den Unwillen Spaniens und Roms, ohne die Verachtung seiner eigenen katholischen Unterthanen auf sich zu laden, nicht an die Stände verlieren konnte. Seine streng katholischen Räthe, unter denen der Bischof von Wien, Melchior Clesel, ihn am meisten beherrschte, munterten ihn auf, eher alle Kirchen gewaltsam von den Protestanten sich entreißen zu lassen, als ihnen eine einzige rechtlich einzuräumen.

Aber unglücklicher Weise betraf ihn diese Verlegenheit in einer Zeit, wo Kaiser Rudolph noch lebte und ein Zuschauer dieses Auftritts war – wo dieser also leicht versucht werden konnte, sich der nämlichen Waffen gegen seinen Bruder zu bedienen, womit dieser über ihn gesiegt hatte – eines Verständnisses nämlich mit seinen aufrührerischen Unterthanen. Diesem Streiche zu entgehen, nahm Matthias den Antrag der mährischen Landstände bereitwillig an, welche sich zwischen den österreichischen und ihm zu Mittlern anboten. Ein Ausschuß von beiden versammelte sich in Wien, wo von den österreichischen Deputirten eine Sprache gehört wurde, die selbst im Londner Parlament überrascht haben würde. »Die Protestanten,« hieß es am Schlusse, »wollten nicht schlechter geachtet sein, als die Handvoll Katholiken in ihrem Vaterlande. Durch seinen protestantischen Adel habe Matthias den Kaiser zum Nachgeben gezwungen; wo man achtzig Papisten fände, würde man dreihundert evangelische Baronen zählen. Das Beispiel Rudolphs solle dem Matthias eine Warnung sein. Er möge sich hüten, daß er das Irdische nicht verliere, um Eroberungen für den Himmel zu machen.« Da die mährischen Stände, anstatt ihr Mittleramt zum Vortheil des Kaisers zu erfüllen, endlich selbst zur Partei ihrer österreichischen Glaubensbrüder übertraten, da die Union in Deutschland sich aufs nachdrücklichste für diese ins Mittel schlug und die Furcht vor Repressalien des Kaisers den Matthias in die Enge trieb, so ließ er sich endlich die gewünschte Erklärung zum Vortheil der Evangelischen entreißen.

Dieses Betragen der österreichischen Landstände gegen ihren Erzherzog nahmen sich nun die protestantischen Reichsstände in Deutschland zum Muster gegen ihren Kaiser, und sie versprachen sich denselben glücklichen Erfolg. Auf seinem ersten Reichstage zu Regensburg (1613), wo die dringendsten Angelegenheiten auf Entscheidung warteten, wo ein Krieg gegen die Türken und gegen den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen, der sich unterdessen mit türkischem Beistand zum Herrn dieses Landes aufgeworfen hatte und sogar Ungarn bedrohte, einen allgemeinen Geldbeitrag nothwendig machte, überraschten sie ihn mit einer ganz neuen Forderung. Die katholischen Stimmen waren noch immer die zahlreichern im Fürstenrath; und weil alles nach der Stimmenmehrheit entschieden wurde, so pflegten die evangelischen, auch wenn sie noch so sehr unter sich einig waren, gewöhnlich in keine Betrachtung zu kommen. Dieses Vortheils der Stimmenmehrheit sollten sich nun die Katholischen begeben, und keiner einzelnen Religionspartei sollte es künftig erlaubt sein, die Stimmen der andern durch ihre unwandelbare Mehrheit nach sich zu ziehen. Und in Wahrheit, wenn die evangelische Religion auf dem Reichstage repräsentiert werden sollte, so schien es sich von selbst zu verstehen, daß ihr durch die Verfassung des Reichstags selbst nicht die Möglichkeit abgeschnitten würde, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Beschwerden über die angemaßte Gerichtsbarkeit des Reichshofraths und über Unterdrückung der Protestanten begleiteten diese Forderung, und die Bevollmächtigten der Stände hatten Befehl, so lange von allen gemeinschaftlichen Beratschlagungen wegzubleiben, bis eine günstige Antwort auf diesen vorläufigen Punkt erfolgte.

Diese gefährliche Trennung zerriß den Reichstag und drohte auf immer alle Einheit der Beratschlagungen zu zerstören. So aufrichtig der Kaiser gewünscht hatte, nach dem Beispiele Maximilians, seines Vaters, zwischen beiden Religionen eine staatskluge Mitte zu halten, so ließ ihm das jetzige Betragen der Protestanten nur eine bedenkliche Wahl zwischen beiden. Zu seinen dringenden Bedürfnissen war ihm ein allgemeiner Beitrag der Reichsstände unentbehrlich; und doch konnte er sich die eine Partei nicht verpflichten, ohne die Hilfe der andern zu verscherzen. Da er in seinen eigenen Erblanden so wenig befestigt war, so mußte er schon vor dem entfernten Gedanken zittern, mit den Protestanten in einen öffentlichen Krieg zu gerathen. Aber die Augen der ganzen katholischen Welt, die auf seine jetzige Entschließung geheftet waren, die Vorstellungen der katholischen Stände, des römischen und spanischen Hofes, erlaubten ihm eben so wenig, die Protestanten zum Nachtheil der katholischen Religion zu begünstigen. Eine so mißliche Situation mußte einen größeren Geist, als Matthias war, niederschlagen, und schwerlich hätte er sich mit eigener Klugheit daraus gezogen. Der Vortheil der Katholiken war aber aufs engste mit dem Ansehen des Kaisers verflochten; und ließen sie dieses sinken, so hatten besonders die geistlichen Fürsten gegen die Eingriffe der Protestanten keine Schutzwehre mehr.

Jetzt also, wie sie den Kaiser unschlüssig wanken sahen, glaubten sie, daß die höchste Zeit vorhanden sei, seinen sinkenden Muth zu stärken. Sie ließen ihn einen Blick in das Geheimniß der Ligue thun und zeigten ihm die ganze Verfassung derselben, ihre Hilfsmittel und Kräfte. So wenig tröstlich diese Entdeckung für den Kaiser sein mochte, so ließ ihn doch die Aussicht auf einen so mächtigen Schutz etwas mehr Muth gegen die Evangelischen fassen. Ihre Forderungen wurden abgewiesen, und der Reichstag endigte sich ohne Entscheidung. Aber Matthias wurde das Opfer dieses Streits. Die Protestanten verweigerten ihm ihre Geldhilfe und ließen es ihn entgelten, daß die Katholischen unbeweglich geblieben waren.

Die Türken selbst zeigten sich indessen geneigt, den Waffenstillstand zu verlängern, und den Fürsten Bethlen Gabor ließ man im ruhigen Besitz von Siebenbürgen. Vor auswärtiger Gefahr war das Reich jetzt gedeckt, und auch im Innern desselben herrschte, bei allen noch so gefährlichen Spaltungen, dennoch Friede. Dem jülichischen Erbfolgestreit hatte ein sehr unerwarteter Zufall eine überraschende Wendung gegeben. Noch immer wurde dieses Herzogthum von dem Kurhause Brandenburg und dem Pfalzgrafen von Neuburg in Gemeinschaft besessen; eine Heirath zwischen dem Prinzen von Neuburg und einer brandenburgischen Prinzessin sollte das Interesse beider Häuser unzertrennlich verknüpfen. Diesen ganzen Plan zerstörte eine – Ohrfeige, welche der Kurfürst von Brandenburg das Unglück hatte seinem Eidam im Weinrausch zu geben. Von jetzt an war das gute Vernehmen zwischen beiden Häusern dahin. Der Prinz von Neuburg trat zu dem Papstthum über. Eine Prinzessin von Bayern belohnte ihn für diese Apostasie, und der mächtige Schutz Bayerns und Spaniens war die natürliche Folge von Beidem. Um dem Pfalzgrafen zum ausschließenden Besitz der jülichischen Lande zu verhelfen, wurden die spanischen Waffen von den Niederlanden aus in das Herzogthum gezogen. Um sich dieser Gäste zu entladen, rief der Kurfürst von Brandenburg die Holländer in das Land, denen er durch Annahme der reformierten Religion zu gefallen suchte. Beide, die spanischen und holländischen Truppen, erschienen; aber, wie es schien, bloß um für sich selbst zu erobern.

Der nahe niederländische Krieg schien sich nun auf deutschen Boden spielen zu wollen, und welch ein unerschöpflicher Zunder lag hier für ihn bereit! Mit Schrecken sah das protestantische Deutschland die Spanier an dem Unterrhein festen Fuß gewinnen – mit noch größerem das katholische die Holländer über die Reichsgrenzen hereinbrechen. Im Westen sollte sich die Mine entzünden, welche längst schon das ganze Deutschland unterhöhlte – nach den westlichen Gegenden waren Furcht und Erwartung hingeneigt – und aus Osten kam der Schlag, der sie in Flammen setzte.

Die Ruhe, welche der Majestätsbrief Rudolphs des Zweiten Böhmen gegeben hatte, dauerte auch unter Matthias' Regierung noch eine Zeit lang fort, bis in der Person Ferdinands von Grätz ein neuer Thronfolger in diesem Königreich ernannt wurde.

Dieser Prinz, den man in der Folge unter dem Namen Kaiser Ferdinand der Zweite näher kennen lernen wird, hatte sich durch gewaltsame Ausrottung der protestantischen Religion in seinen Erbländern als einen unerbittlichen Eiferer für das Papstthum angekündigt und wurde deßwegen von dem katholischen Theile der böhmischen Nation als die künftige Stütze dieser Kirche betrachtet. Die hinfällige Gesundheit des Kaisers rückte diesen Zeitpunkt nahe herbei, und im Vertrauen auf einen so mächtigen Beschützer fingen die böhmischen Papisten an, den Protestanten mit weniger Schonung zu begegnen. Die evangelischen Unterthanen katholischer Gutsherren besonders erfuhren die härteste Behandlung. Zugleich begingen mehrere von den Katholiken die Unvorsichtigkeit, etwas laut von ihren Hoffnungen zu reden und durch hingeworfene Drohworte bei den Protestanten ein schlimmes Mißtrauen gegen ihren künftigen Herrn zu erwecken. Aber nie würde dieses Mißtrauen in Thätlichkeiten ausgebrochen sein, wenn man nur im Allgemeinen geblieben wäre, und nicht durch besondere Angriffe auf einzelne Glieder dem Murren des Volks unternehmende Anführer gegeben hätte.

Heinrich Matthias, Graf von Thurn, kein geborner Böhme, aber Besitzer einiger Güter in diesem Königreiche, hatte sich durch Eifer für die protestantische Religion und durch eine schwärmerische Anhänglichkeit an sein neues Vaterland des ganzen Vertrauens der Utraquisten bemächtigt, welches ihm den Weg zu den wichtigsten Posten bahnte. Seinen Degen hatte er gegen die Türken mit vielem Ruhme geführt; durch ein einschmeichelndes Betragen gewann er sich die Herzen der Menge. Ein heißer, ungestümer Kopf, der die Verwirrung liebte, weil seine Talente darin glänzten, unbesonnen und tolldreist genug, Dinge zu unternehmen, die eine kalte Klugheit und ein ruhigeres Blut nicht wagt; ungewissenhaft genug, wenn es die Befriedigung seiner Leidenschaften galt, mit dem Schicksale von Tausenden zu spielen, und eben fein genug, eine Nation, wie damals die böhmische war, an seinem Gängelbande zu führen. Schon an den Unruhen unter Rudolphs Regierung hatte er den thätigsten Antheil genommen, und der Majestätsbrief, den die Stände von diesem Kaiser erpreßten, war vorzüglich sein Verdienst. Der Hof hatte ihm, als Burggrafen von Karlstein, die böhmische Krone und die Freiheitsbriefe des Königreichs zur Bewahrung anvertraut; aber etwas weit Wichtigeres – sich selbst – hatte ihm die Nation mit der Stelle eines Defensors oder Glaubensbeschützers übergeben. Die Aristokraten, welche den Kaiser beherrschten, entrissen ihm unklug die Aufsicht über das Todte, um ihm den Einfluß auf das Lebendige zu lassen. Sie nahmen ihm die Burggrafenstelle, die ihn von der Hofgunst abhängig machte, um ihm die Augen über die Wichtigkeit der andern zu öffnen, die ihm übrig blieb, und kränkten seine Eitelkeit, die doch seinen Ehrgeiz unschädlich machte. Von dieser Zeit an beherrschte ihn die Begierde nach Rache, und die Gelegenheit fehlte nicht lange, sie zu befriedigen.

Im Majestätsbriefe, welchen die Böhmen von Rudolph dem Zweiten erpreßt hatten, war eben so, wie in dem Religionsfrieden der Deutschen, ein Hauptartikel unausgemacht geblieben. Alle Rechte, welche der letztere den Protestanten bewilligte, kamen nur den Ständen, nicht den Unterthanen zu gute: bloß für die Unterthanen geistlicher Länder hatte man eine schwankende Gewissensfreiheit ausbedungen. Auch der böhmische Majestätsbrief sprach nur von den Ständen und von den königlichen Städten, deren Magistrate sich gleiche Rechte mit den Ständen zu erringen gewußt hatten. Diesen allein wurde die Freiheit eingeräumt, Kirchen und Schulen zu errichten und ihren protestantischen Gottesdienst öffentlich auszuüben; in allen übrigen Städten blieb es dem Landstande überlassen, dem sie angehörten, welche Religionsfreiheit er den Unterthanen vergönnen wollte. Dieses Rechts hatten sich die Deutschen Reichsstände in seinem ganzen Umfange bedient, und zwar die weltlichen ohne Widerspruch, die geistlichen, denen eine Erklärung Kaiser Ferdinands dasselbe streitig machte, hatten nicht ohne Grund die Verbindlichkeit dieser Erklärung bestritten. Was im Religionsfrieden ein bestrittener Punkt war, war ein unbestimmter im Majestätsbriefe; dort war die Auslegung nicht zweifelhaft, aber es war zweifelhaft, ob man zu gehorchen hätte; hier war die Deutung den Ständen überlassen. Die Unterthanen geistlicher Landstände in Böhmen glaubten daher, eben das Recht zu besitzen, das die Ferdinandische Erklärung den Unterthanen deutscher Bischöfe einräumte; sie achteten sich den Unterthanen in den königlichen Städten gleich, weil sie die geistlichen Güter unter die Krongüter zählten. In der kleinen Stadt Klostergrab, die dem Erzbischof zu Prag, und in Braunau, welches dem Abt dieses Klosters abgehörte, wurden von den protestantischen Unterthanen eigenmächtig Kirchen aufgeführt und, ungeachtet des Widerspruchs ihrer Gutsherren und selbst der Mißbilligung des Kaisers, der Bau derselben vollendet.

Unterdessen hatte sich die Wachsamkeit der Defensoren in etwas gemindert, und der Hof glaubte, einen ernstlichen Schritt wagen zu können. Auf Befehl des Kaisers wurde die Kirche zu Klostergrab niedergerissen, die zu Braunau gewaltsam gesperrt und die unruhigsten Köpfe unter den Bürgern ins Gefängniß geworfen. Eine allgemeine Bewegung unter den Protestanten war die Folge dieses Schrittes; man schrie über Verletzung des Majestätsbriefs, und der Graf von Thurn, von Rachgier beseelt und durch sein Defensoramt noch mehr aufgefordert, zeigte sich besonders geschäftig, die Gemüther zu erhitzen. Aus allen Kreisen des Königreichs wurden auf seinen Antrieb Deputierte nach Prag gerufen, um dieser gemeinschaftlichen Gefahr wegen die nöthigen Maßregeln zu nehmen. Man kam überein, eine Supplik an den Kaiser aufzusetzen und auf Loslassung der Gefangenen zu dringen. Die Antwort des Kaisers, schon darum von den Ständen sehr übel aufgenommen, weil sie nicht an sie selbst, sondern an seine Statthalter gerichtet war, verwies ihnen ihr Betragen als gesetzwidrig und rebellisch, rechtfertigte den Vorgang in Klostergrab und Braunau durch einen kaiserlichen Befehl und enthielt einige Stellen, welche drohend gedeutet werden konnten.

Der Graf von Thurn unterließ nicht, den schlimmen Eindruck zu vermehren, den dieses kaiserliche Schreiben unter den versammelten Ständen machte. Er zeigte ihnen die Gefahr, worin alle Theilnehmer an dieser Bittschrift schwebten, und wußte sie durch Erbitterung und Furcht zu gewaltsamen Entschließungen hinzureißen. Sie unmittelbar gegen den Kaiser zu empören, wäre jetzt noch ein zu gewagter Schritt gewesen. Nur von Stufe zu Stufe führte er sie an dieses unvermeidliche Ziel. Er fand daher für gut, ihren Unwillen zuerst auf die Räthe des Kaisers abzuleiten, und verbreitete zu dem Ende die Meinung, daß das kaiserliche Schreiben in der Statthalterei zu Prag aufgesetzt und nur zu Wien unterschrieben worden sei. Unter den kaiserlichen Statthaltern waren der Kammerpräsident Slawata und der an Thurns Statt zum Burggrafen von Karlstein erwählte Freiherr von Martinitz das Ziel des allgemeinen Hasses. Beide hatten den protestantischen Ständen schon ehedem ihre feindseligen Gesinnungen dadurch ziemlich laut an den Tag gelegt. daß sie allein sich geweigert hatten, der Sitzung beizuwohnen, in welcher der Majestätsbrief in das böhmische Landrecht eingetragen ward. Schon damals drohte man ihnen, sie für jede künftige Verletzung des Majestätsbriefes verantwortlich zu machen, und was von dieser Zeit an den Protestanten Schlimmes widerfuhr, wurde, und zwar nicht ohne Grund, auf ihre Rechnung geschrieben. Unter allen katholischen Gutsbesitzern waren diese beiden gegen ihre protestantischen Unterthanen am härtesten verfahren. Man beschuldigte sie, daß sie diese mit Hunden in die Messe hetzen ließen und durch Versagung der Taufe, der Heirathen und Begräbnisse zum Papstthum zu zwingen suchten. Gegen zwei so verhaßte Häupter war der Zorn der Nation leicht entflammt, und man bestimmte sie dem allgemeinen Unwillen zum Opfer.

Am 23sten Mai 1618 erschienen die Deputierten bewaffnet und in zahlreicher Begleitung auf dem königlichen Schloß und drangen mit Ungestüm in den Saal, wo die Statthalter Sternberg, Martinitz, Lobkowitz und Slawata versammelt waren. Mit drohendem Tone verlangten sie eine Erklärung von jedem Einzelnen, ob er an dem kaiserlichen Schreiben einen Antheil gehabt und seine Stimme dazu gegeben? Mit Mäßigung empfing sie Sternberg; Martinitz und Slawata antworteten trotzig. Dieses bestimmte ihr Geschick. Sternberg und Lobkowitz, weniger gehaßt und mehr gefürchtet, wurden beim Arme aus dem Zimmer geführt, und nun ergriff man Slawata und Martinitz, schleppte sie an ein Fenster und stürzte sie achtzig Fuß tief in den Schloßgraben hinunter. Den Sekretär Fabricius, eine Kreatur von Beiden, schickte man ihnen nach. Ueber eine so seltsame Art zu exequieren verwunderte sich die ganze gesittete Welt, wie billig; die Böhmen entschuldigten sie als einen landüblichen Gebrauch und fanden an dem ganzen Vorfalle nichts wunderbar, als daß man von einem so hohen Sprunge so gesund wieder aufstehen konnte. Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet.

Es war nicht zu erwarten, daß man sich durch diese rasche Execution in der Gnade des Kaisers sehr verbessert haben würde; aber ebendahin hatte der Graf von Thurn die Stände gewollt. Hatten sich diese, aus Furcht einer noch ungewissen Gefahr, eine solche Gewalttätigkeit erlaubt, so mußte jetzt die gewisse Erwartung der Strafe und das dringender gewordene Bedürfniß der Sicherheit sie noch tiefer hineinreißen. Durch diese brutale Handlung der Selbsthilfe war der Unentschlossenheit und Reue jeder Rückweg versperrt, und ein einzelnes Verbrechen schien nur durch eine Kette von Gewalttaten ausgesöhnt werden zu können. Da die That selbst nicht ungeschehen zu machen war, so mußte man die strafende Macht entwaffnen. Dreißig Direktoren wurden ernannt, den Aufstand gesetzmäßig fortzuführen. Man bemächtigte sich aller Regierungsgeschäfte und aller königlichen Gefälle, nahm alle königlichen Beamten und Soldaten in Pflichten und ließ ein Aufgebot an die ganze böhmische Nation ergehen, sich der gemeinschaftlichen Sache anzunehmen. Die Jesuiten, welche der allgemeine Haß als die Urheber aller bisherigen Unterdrückungen anklagte, wurden aus dem ganzen Königreiche verbannt, und die Stände fanden für nöthig, sich dieses harten Schlusses wegen in einem eigenen Manifest zu verantworten. Alle diese Schritte geschahen zur Aufrechthaltung der königlichen Macht und der Gesetze – die Sprache aller Rebellen, bis sich das Glück für sie entschieden hat.

Die Bewegungen, welche die Zeitung des böhmischen Aufstandes am kaiserlichen Hofe verursachte, waren bei weitem nicht so lebhaft, als eine solche Aufforderung es verdient hätte. Kaiser Matthias war der entschlossene Geist nicht mehr, der ehedem seinen König und Herrn mitten im Schooße seines Volks aufsuchen und von drei Thronen herunterstürzen konnte. Der zuversichtliche Muth, der ihn bei einer Usurpation beseelt hatte, verließ ihn bei einer rechtmäßigen Verteidigung. Die böhmischen Rebellen hatten sich zuerst bewaffnet, und die Natur der Dinge brachte es mit sich, daß er folgte. Aber er konnte nicht hoffen, den Krieg in Böhmen einzuschließen. In allen Ländern seiner Herrschaft hingen die Protestanten durch eine gefährliche Sympathie zusammen – die gemeinschaftliche Religionsgefahr konnte alle mit einander schnell zu einer furchtbaren Republik verknüpfen. Was hatte er einem solchen Feinde entgegen zu setzen, wenn der protestantische Theil seiner Unterthanen sich von ihm trennte? Und erschöpften sich nicht beide Theile in einem so verderblichen Bürgerkriege? Was war nicht alles auf dem Spiele, wenn er unterlag, und wen anders als seine eigenen Unterthanen hatte er zu Grunde gerichtet, wenn er siegte?

Ueberlegungen dieser Art stimmten den Kaiser und seine Räthe zur Nachgiebigkeit und zu Gedanken des Friedens; aber eben in dieser Nachgiebigkeit wollten Andre die Ursache des Uebels gefunden haben. Erzherzog Ferdinand von Grätz wünschte dem Kaiser vielmehr zu einer Begebenheit Glück, die jede Gewaltthat gegen die böhmischen Protestanten vor ganz Europa rechtfertigen würde. »Der Ungehorsam,« hieß es, »die Gesetzlosigkeit und der Aufruhr seien immer Hand in Hand mit dem Protestantismus gegangen. Alle Freiheiten, welche von ihm selbst und dem vorigen Kaiser den Ständen bewilligt worden, hätten keine andere Wirkung gehabt, als ihre Forderungen zu vermehren. Gegen die landesherrliche Gewalt seien alle Schritte der Ketzer gerichtet; stufenweise seien sie von Trotz zu Trotz bis zu diesem letzten Angriff hinauf gestiegen; in kurzem würden sie auch an die noch einzig übrige Person des Kaisers greifen. In den Waffen allein sei Hilfe gegen einen solchen Feind – Ruhe und Unterwerfung nur über den Trümmern ihrer gefährlichen Privilegien – nur in dem völligen Untergange dieser Sekte Sicherheit für den katholischen Glauben. Ungewiß zwar sei der Ausgang des Krieges, aber gewiß das Verderben bei Unterlassung desselben. Die eingezogenen Güter der Rebellen würden die Unkosten reichlich erstatten und der Schrecken der Hinrichtungen die übrigen Landstände künftig einen schnellern Gehorsam lehren.« – War es den böhmischen Protestanten zu verdenken, wenn sie sich gegen die Wirkungen solcher Grundsätze in Zeiten verwahrten? – Und auch nur gegen den Thronfolger des Kaisers, nicht gegen ihn selbst, der nichts gethan hatte, die Besorgnisse der Protestanten zu rechtfertigen, war der böhmische Aufstand gerichtet. Jenem den Weg zu dem böhmischen Throne zu verschließen, ergriff man die Waffen schon unter Matthias, aber so lange dieser Kaiser lebte, wollte man sich in den Schranken einer scheinbaren Unterwürfigkeit halten.

Aber die Böhmen hatten zu den Waffen gegriffen, und unbewaffnet durfte ihnen der Kaiser nicht einmal den Frieden anbieten. Spanien schoß Geld zur Rüstung her und versprach Truppen von Italien und den Niederlanden aus zu schicken. Zum Generalissimus ernannte man den Grafen von Boucquoi, einen Niederländer, weil keinem Eingebornen zu trauen war, und Graf Dampierre, ein anderer Ausländer, commandierte unter seinen Befehlen. Ehe sich diese Armee in Bewegung setzte, versuchte der Kaiser den Weg der Güte durch ein vorausgeschicktes Manifest. In diesem erklärte er den Böhmen: »daß der Majestätsbrief ihm heilig sei, daß er nie etwas gegen ihre Religion oder ihre Privilegien beschlossen, daß selbst seine jetzige Rüstung ihm durch die ihrige sei abgedrungen worden. Sobald die Nation die Waffen von sich lege, würde auch er sein Heer verabschieden.« Aber dieser gnädige Brief verfehlte seine Wirkung – weil die Häupter des Aufruhrs für rathsam fanden, den guten Willen des Kaisers dem Volke zu verbergen. Anstatt desselben verbreiteten sie auf den Kanzeln und in fliegenden Blättern die giftigsten Gerüchte und ließen das hintergangene Volk vor Bartholomäusnächten zittern, die nirgends als in ihrem Kopfe existierten. Ganz Böhmen, mit Ausnahme dreier Städte, Budweiß, Krummau und Pilsen, nahm Theil an dem Aufruhr. Diese drei Städte, größtenteils katholisch, hatten allein den Muth, bei diesem allgemeinen Abfall dem Kaiser getreu zu bleiben, der ihnen Hilfe versprach. Aber dem Grafen von Thurn konnte es nicht entgehen, wie gefährlich es wäre, drei Plätze von solcher Wichtigkeit in feindlichen Händen zu lassen, die den kaiserlichen Waffen zu jeder Zeit den Eingang in das Königreich offen hielten. Mit schneller Entschlossenheit erschien er vor Budweiß und Krummau und hoffte beide Plätze durch Schrecken zu überwältigen. Krummau ergab sich ihm, aber von Budweiß wurden alle seine Angriffe standhaft zurückgeschlagen.

Und nun fing auch der Kaiser an, etwas mehr Ernst und Thätigkeit zu zeigen. Boucquoi und Dampierre fielen mit zwei Heeren ins böhmische Gebiet und fingen an, es feindselig zu behandeln. Aber die kaiserlichen Generale fanden den Weg nach Prag schwerer, als sie erwartet hatten. Jeder Paß, jeder nur irgend haltbare Ort mußte mit dem Degen geöffnet werden, und der Widerstand mehrte sich mit jedem neuen Schritte, den sie machten, weil die Ausschweifungen ihrer Truppen, meistens Ungarn und Wallonen, den Freund zum Abfall und den Feind zur Verzweiflung brachten. Aber auch noch dann, als seine Truppen schon in Böhmen vordrangen, fuhr der Kaiser fort, den Ständen den Frieden zu zeigen und zu einem gütlichen Vergleich die Hände zu bieten. Neue Ansichten, die sich ihnen aufthaten, erhoben den Muth der Rebellen. Die Stände von Mähren ergriffen ihre Partei, und aus Deutschland erschien ihnen in der Person des Grafen von Mannsfeld ein eben so unverhoffter als tapferer Beschützer.

Die Häupter der evangelischen Union hatten den bisherigen Bewegungen in Böhmen schweigend, aber nicht müßig zugesehen. Beide kämpften für dieselbe Sache, gegen denselben Feind. In dem Schicksale der Böhmen ließen sie ihre Bundsverwandten ihr eigenes Schicksal lesen, und die Sache dieses Volks wurde von ihnen als die heiligste Angelegenheit des deutschen Bundes abgeschildert. Diesem Grundsatz getreu, stärkten sie den Muth der Rebellen durch Beistandsversprechungen, und ein glücklicher Zufall setzte sie in Stand, dieselben unverhofft in Erfüllung zu bringen.

Graf Peter Ernst von Mannsfeld, der Sohn eines verdienstvollen österreichischen Dieners, Ernst von Mannsfeld, der die spanische Armee in den Niederlanden eine Zeit lang mit vielem Ruhme befehligt hatte, wurde das Werkzeug, das österreichische Haus in Deutschland zu demüthigen. Er selbst hatte dem Dienste dieses Hauses seine ersten Feldzüge gewidmet und unter den Fahnen Erzherzog Leopolds in Jülich und im Elsaß gegen die protestantische Religion und die deutsche Freiheit gefochten. Aber unvermerkt für die Grundsätze dieser Religion gewonnen, verließ er einen Chef, dessen Eigennutz ihm die geforderte Entschädigung für den in seinem Dienste gemachten Aufwand versagte, und widmete der evangelischen Union seinen Eifer und einen siegreichen Degen. Es fügte sich eben, daß der Herzog von Savoyen, ein Alliierter der Union, in einem Kriege gegen Spanien ihren Beistand verlangte. Sie überließ ihm ihre neue Eroberung, und Mannsfeld bekam den Auftrag, ein Heer von viertausend Mann, zum Gebrauch und auf Kosten des Herzogs, in Deutschland bereit zu halten. Dieses Heer stand eben marschfertig da, als das Kriegsfeuer in Böhmen aufloderte, und der Herzog, der gerade jetzt keiner Verstärkung bedurfte, überließ es der Union zu freiem Gebrauche. Nichts konnte dieser willkommener sein, als ihren Bundesgenossen in Böhmen auf fremde Kosten zu dienen. Sogleich erhielt Graf Mannsfeld Befehl, diese viertausend Mann in das Königreich zu führen, und eine vorgegebene böhmische Bestallung mußte den Augen der Welt die wahren Urheber seiner Rüstung verbergen.

Dieser Mannsfeld zeigte sich jetzt in Böhmen und faßte durch Einnahme der festen und kaiserlich gesinnten Stadt Pilsen in diesem Königreiche festen Fuß. Der Muth der Rebellen wurde noch durch einen andern Succurs aufgerichtet, den die schlesischen Stände ihnen zu Hilfe schickten. Zwischen diesen und den kaiserlichen Truppen kam es nun zu wenig entscheidenden, aber desto verheerendern Gefechten, welche einem ernstlichern Kriege zum Vorspiele dienten. Um die Lebhaftigkeit seiner Kriegsoperationen zu schwächen, unterhandelte man mit dem Kaiser und ließ sich sogar die angebotene sächsische Vermittlung gefallen. Aber ehe der Ausgang beweisen konnte, wie wenig aufrichtig man verfuhr, raffte der Tod den Kaiser von der Scene.

Was hatte Matthias nun gethan, um die Erwartungen der Welt zu rechtfertigen, die er durch den Sturz seines Vorgängers herausgefordert hatte? War es der Mühe werth, den Thron Rudolphs durch ein Verbrechen zu besteigen, um ihn so schlecht zu besitzen und mit so wenig Ruhm zu verlassen? So lange Matthias König war, büßte er für die Unklugheit, durch die er es geworden. Einige Jahre früher sie zu tragen, hatte er die ganze Freiheit seiner Krone verscherzt. Was ihm die vergrößerte Macht der Stände an Selbstthätigkeit noch übrig ließ, hielten seine eignen Agnaten unter einem schimpflichen Zwange. Krank und kinderlos, sah er die Aufmerksamkeit der Welt einem stolzen Erben entgegeneilen, der ungeduldig dem Schicksal vorgriff und in des Greisen absterbender Regierung schon die seinige eröffnete.

Mit Matthias war die regierende Linie des deutschen Hauses Oesterreich so gut als erloschen; denn von allen Söhnen Maximilians lebte nur noch der einzige kinderlose und schwächliche Erzherzog Albrecht in den Niederlanden, der aber seine nähern Rechte auf diese Erbschaft an die Grätzische Linie abgetreten hatte. Auch das spanische Haus hatte sich in einem geheimen Reverse aller seiner Ansprüche auf die österreichischen Besitzungen zum Vortheil des Erzherzogs Ferdinand von Steyermark begeben, in welchem nunmehr der Habsburgische Stamm in Deutschland frische Zweige treiben und die ehemalige Größe Oesterreichs wieder aufleben sollte.

Ferdinand hatte den jüngsten Bruder Kaiser Maximilians des Zweiten, Erzherzog Karl von Krain, Kärnthen und Steyermark, zum Vater, zur Mutter eine Prinzessin von Bayern. Da er den ersten schon im zwölften Jahre verlor, so übergab ihn die Erzherzogin der Aufsicht ihres Bruders, des Herzogs Wilhelm von Bayern, unter dessen Augen er auf der Akademie zu Ingolstadt durch Jesuiten erzogen und unterrichtet wurde. Was für Grundsätze er aus dem Umgang eines Fürsten schöpfen mußte, der sich Andachts wegen der Regierung entschlagen, ist nicht schwer zu begreifen. Man zeigte ihm auf der einen Seite die Nachsicht der Maximilianischen Prinzen gegen die Anhänger der neuen Lehre und die Verwirrung in ihren Landen; auf der andern den Segen Bayerns und den unerbittlichen Religionseifer seiner Beherrscher; zwischen diesen beiden Mustern ließ man ihn wählen.

In dieser Schule zu einem mannhaften Streiter für Gott, zu einem rüstigen Werkzeuge der Kirche zubereitet, verließ er Bayern nach einem fünfjährigen Aufenthalte, um die Regierung seiner Erbländer zu übernehmen. Die Stände von Krain, Kärnthen und Steyermark, welche vor Ablegung ihres Huldigungseides die Bestätigung ihrer Religionsfreiheit forderten, erhielten zur Antwort, daß die Religionsfreiheit mit der Huldigung nichts zu thun habe. Der Eid wurde ohne Bedingung gefordert und auch wirklich geleistet. Mehrere Jahre gingen hin, ehe die Unternehmung, wozu in Ingolstadt der Entwurf gemacht worden, zur Ausführung reif schien. Ehe Ferdinand mit derselben ans Licht trat, holte er erst selbst in Person zu Loretto die Gnade der Jungfrau Maria und zu den Füßen Clemens' des Achten in Rom den apostolischen Segen.

Es galt aber auch nichts Geringeres, als den Protestantismus aus einem Distrikte zu vertreiben, wo er die überlegene Anzahl auf seiner Seite hatte und durch eine förmliche Duldungsakte, welche Ferdinands Vater dem Herren- und Ritterstande dieser Länder bewilligt hatte, gesetzmäßig geworden war. Eine so feierlich ausgestellte Bewilligung konnte ohne Gefahr nicht zurückgenommen werden; aber den frommen Zögling der Jesuiten schreckte keine Schwierigkeit zurück. Das Beispiel der übrigen, sowohl katholischen als protestantischen Reichsstände, welche das Reformationsrecht in ihren Ländern ohne Widerspruch ausgeübt, und die Mißbräuche, welche die steyerischen Stände von ihrer Religionsfreiheit gemacht hatten, mußten dieser Gewalttätigkeit zur Rechtfertigung dienen. Unter dem Schutze eines ungereimten positiven Gesetzes glaubte man ohne Scheu das Gesetz der Vernunft und Billigkeit verhöhnen zu dürfen. Bei dieser ungerechten Unternehmung zeigte Ferdinand übrigens einen bewundernswürdigen Muth, eine lobenswerthe Standhaftigkeit. Ohne Geräusch und, man darf hinzusetzen, ohne Grausamkeit, unterdrückte er den protestantischen Gottesdienst in einer Stadt nach der andern, und in wenigen Jahren war dieses gefahrvolle Werk zum Erstaunen des ganzen Deutschlands vollendet.

Aber indem die Katholischen den Helden und Ritter ihrer Kirche in ihm bewunderten, fingen die Protestanten an, sich gegen ihn, als ihren gefährlichsten Feind, zu rüsten. Nichtsdestoweniger fand das Gesuch des Matthias, ihm die Nachfolge zuzuwenden, in den Wahlstaaten Oesterreichs keinen oder nur einen sehr geringen Widerspruch, und selbst die Böhmen krönten ihn, unter sehr annehmlichen Bedingungen, zu ihrem künftigen König. Später erst, nachdem sie den schlimmen Einfluß seiner Rathschläge auf die Regierung des Kaisers erfahren hatten, wachten ihre Besorgnisse auf; und verschiedene handschriftliche Aufsätze von ihm, die ein böser Wille in ihre Hände spielte und die seine Gesinnungen nur zu deutlich verriethen, trieben ihre Furcht aufs Höchste. Besonders entrüstete sie ein geheimer Familienvertrag mit Spanien, worin Ferdinand dieser Krone, nach Abgang männlicher Erben, das Königreich Böhmen verschrieben hatte, ohne die Nation erst zu hören, ohne die Wahlfreiheit ihrer Krone zu achten. Die vielen Feinde, welche sich dieser Prinz durch seine Reformation in Steyermark unter den Protestanten überhaupt gemacht hatte, thaten ihm bei den Böhmen die schlimmsten Dienste; und besonders zeigten sich einige dahin geflüchtete steyermärkische Emigranten, welche ein racherfülltes Herz in ihr neues Vaterland mitbrachten, geschäftig, das Feuer der Empörung zu nähren. In so widriger Stimmung fand König Ferdinand die böhmische Nation, als Kaiser Matthias ihm Platz machte.

Ein so schlimmes Verhältniß zwischen der Nation und dem Thronkandidaten würde auch bei der ruhigsten Thronfolge Stürme erweckt haben – wie vielmehr aber jetzt im vollen Feuer des Aufruhrs, jetzt, da die Nation ihre Majestät zurückgenommen hatte und in den Zustand des natürlichen Rechts zurückgetreten war; jetzt, da sie die Waffen in Händen hatte, da durch das Gefühl ihrer Einigkeit ein begeisterndes Selbstvertrauen in ihr erwacht, ihr Muth durch die glücklichsten Erfolge, durch fremde Beistandsversprechungen und schwindlige Hoffnungen zur festesten Zuversicht erhoben war. Uneingedenk des an Ferdinand bereits übertragenen Rechts, erklärten die Stände ihren Thron für erledigt, ihre Wahl für völlig ungebunden. Zu einer friedlichen Unterwerfung war kein Anschein vorhanden, und wollte sich Ferdinand im Besitz der böhmischen Krone sehen, so hatte er die Wahl, sie entweder mit allem dem zu erkaufen, was eine Krone wünschenswerth macht, oder mit dem Schwert in der Hand zu erobern.

Aber mit welchen Hilfsmitteln sie erobern? Auf welches seiner Länder er seine Augen kehrte, stand alles in hellen Flammen. Schlesien war in den böhmischen Aufstand zugleich mit hineingerissen; Mähren war im Begriff, diesem Beispiel zu folgen. In Ober- und Unterösterreich regte sich, wie unter Rudolph, der Geist der Freiheit, und kein Landstand wollte huldigen. Ungarn bedrohte der Fürst Bethlen Gabor von Siebenbürgen mit einem Ueberfall: eine geheimnißvolle Rüstung der Türken erschreckte alle östlich gelegenen Provinzen; damit das Bedrängniß vollkommen würde, so mußten auch, von dem allgemeinen Beispiel geweckt, die Protestanten in seinen väterlichen Erbstaaten ihr Haupt erheben. In diesen Ländern war die Zahl der Protestanten überwiegend, in den meisten hatten sie die Einkünfte im Besitz, mit denen Ferdinand seinen Krieg führen sollte. Die Neutralen fingen an zu wanken, die Getreuen zu verzagen, nur die Schlimmgesinnten hatten Muth; die eine Hälfte von Deutschland winkte den Rebellen Ermunterung, die andere erwartete müßig den Anschlag; spanische Hilfe stand noch in fernen Landen. Der Augenblick, der ihm alles brachte, drohte, ihm alles zu entreißen.

Was er auch jetzt, von dem harten Gesetz der Noth unterjocht, den böhmischen Rebellen anbietet – alle seine Vorschläge zum Frieden werden mit Uebermuth verschmäht. An der Spitze eines Heeres zeigt sich der Graf von Thurn schon in Mähren, diese einzige noch wankende Provinz zur Entscheidung zu bringen. Die Erscheinung der Freunde gibt den mährischen Protestanten das Signal der Empörung. Brünn wird erobert, das übrige Land folgt freiwillig nach; in der ganzen Provinz ändert man Religion und Regierung. Wachsend in seinem Lande, stürzt der Rebellenstrom in Oberösterreich, wo eine gleichgesinnt Partei ihn mit freudigem Beifall empfängt. »Kein Unterschied der Religion soll mehr sein, gleiche Rechte für alle christlichen Kirchen. – Man habe gehört, daß fremdes Volk in dem Lande geworben werde, die Böhmen zu unterdrücken. Dieses suche man auf, und bis nach Jerusalem werde man den Feind der Freiheit verfolgen.« – Kein Arm wird gerührt, den Erzherzog zu verteidigen; endlich lagern sich die Rebellen vor Wien, ihren Herrn zu belagern.

Seine Kinder hatte Ferdinand von Grätz, wo sie ihm nicht mehr sicher waren, nach Tirol geflüchtet; er selbst erwartete in seiner Kaiserstadt den Aufruhr. Eine Handvoll Soldaten war alles, was er dem wüthenden Schwarme entgegenstellen konnte. Diesen Wenigen fehlte der gute Wille, weil es an Sold und selbst an Brod fehlte. Auf eine lange Belagerung war Wien nicht bereitet. Die Partei der Protestanten, jeden Augenblick bereit, sich an die Böhmen anzuschließen, war in der Stadt die überwiegende; die auf dem Lande zogen schon Truppen gegen ihn zusammen. Schon sah der protestantische Pöbel den Erzherzog in einem Mönchskloster eingesperrt, seine Staaten getheilt, seine Kinder protestantisch erzogen. Heimlichen Feinden anvertraut und von öffentlichen umgeben, sah er jeden Augenblick den Abgrund sich öffnen, der alle seine Hoffnungen, der ihn selbst verschlingen sollte. Die böhmischen Kugeln flogen in die kaiserliche Burg, wo sechzehn österreichische Baronen sich in sein Zimmer drängten, mit Vorwürfen in ihn stürmten und zu einer Conföderation mit den Böhmen seine Einwilligung zu ertrotzen strebten. Einer von diesen ergriff ihn bei den Knöpfen seines Wamms. »Ferdinand!« schnaubte er ihn an, »wirst du unterschreiben?«

Wem hätte man es nicht verziehen, in dieser schrecklichen Lage gewankt zu haben? – Ferdinand dachte nach, wie er römischer Kaiser werden wollte. Nichts schien ihm übrig zu sein, als schnelle Flucht oder Nachgiebigkeit; zu jener riethen Männer – zu dieser katholische Priester. Verließ er die Stadt, so fiel sie in Feindes Hände; mit Wien war Oesterreich, mit Oesterreich der Kaiserthron verloren. Ferdinand verließ seine Hauptstadt nicht und wollte eben so wenig von Bedingungen hören.

Der Erzherzog war noch im Wortwechsel mit den deputierten Baronen, als auf einmal Trompetenschall den Burgplatz erfüllte. Unter den Anwesenden wechseln Furcht und Erstaunen – ein erschreckendes Gerücht durchläuft die Burg – ein Deputierter nach dem andern verschwindet. Viele von Adel und der Bürgerschaft hörte man eilfertig in das Thurnische Lager fliehen. Diese schnelle Veränderung wirkte ein Regiment Dampierrischer Kürassiere, welches in diesem wichtigen Augenblick in die Stadt einrückte, den Erzherzog zu verteidigen. Bald folgte auch Fußvolk nach; viele katholische Bürger, durch diese Erscheinung mit neuem Muth belebt, und die Studierenden selbst ergriffen die Waffen. Eine Nachricht, die so eben aus Böhmen einlief, vollendete seine Errettung. Der niederländische General Boucquoi hatte den Grafen Mannsfeld bei Budweiß aufs Haupt geschlagen und war im Anzuge gegen Prag. Eilfertig brachen die Böhmen ihre Gezelte ab, um ihre Hauptstadt zu entsetzen.

Und jetzt waren auch die Pässe wieder frei, die der Feind besetzt gehalten, um Ferdinanden den Weg nach Frankfurt zur Kaiserwahl zu verlegen. Wenn es dem Könige von Ungarn für seinen ganzen Plan wichtig war, den deutschen Thron zu besteigen, so war es jetzt um so wichtiger, da seine Ernennung zum Kaiser das unverdächtigste und entscheidendste Zeugniß für die Würdigkeit seiner Person und die Gerechtigkeit seiner Sache ablegte und ihm zugleich zu einem Beistande des Reichs Hoffnung machte. Aber dieselbe Kabale, welche ihn in seinen Erbstaaten verfolgte, arbeitete ihm auch bei seiner Bewerbung um die Kaiserwürde entgegen. Kein österreichischer Prinz sollte den deutschen Thron mehr besteigen, am wenigsten aber Ferdinand, der entschlossene Verfolger ihrer Religion, der Sklave Spaniens und der Jesuiten. Dieses zu verhindern, hatte man noch bei Lebzeiten des Matthias dem Herzog von Bayern. und nach der Weigerung desselben dem Herzog von Savoyen die deutsche Krone angetragen. Da man mit dem Letztern über die Bedingungen nicht so leicht einig werden konnte, so suchte man wenigstens die Wahl aufzuhalten, bis ein entscheidender Streich in Böhmen oder Oesterreich alle Hoffnungen Ferdinands zu Grunde gerichtet und ihn zu dieser Würde unfähig gemacht hätte. Die Unierten ließen nichts unversucht, Kursachsen, welches an das österreichische Interesse gefesselt war, gegen Ferdinand einzunehmen und diesem Hofe die Gefahr vorzustellen, womit die Grundsätze dieses Fürsten und seine spanischen Verbindungen die protestantische Religion und die Reichsverfassung bedrohten. Durch Erhebung Ferdinands auf den Kaiserthron, stellten sie weiter vor, würde sich Deutschland in die Privatangelegenheiten dieses Prinzen verflochten sehen und die Waffen der Böhmen gegen sich reizen. Aber aller Gegenbemühungen ungeachtet wurde der Wahltag ausgeschrieben, Ferdinand als rechtmäßiger König von Böhmen dazu berufen und seine Kurstimme, mit vergeblichem Widerspruch der böhmischen Stände, für gültig erkannt. Die drei geistlichen Kurstimmen waren sein, auch die sächsische war ihm günstig, die brandenburgische nicht entgegen, und die entschiedenste Mehrheit erklärte ihn 1619 zum Kaiser. So sah er die zweifelhafteste von allen seinen Kronen zuerst auf seinem Haupte, um wenige Tage nachher diejenige zu verlieren, welche er schon unter seine gewissen Besitzungen zählte. Während daß man ihn in Frankfurt zum Kaiser machte, stürzte man ihn in Prag von dem böhmischen Throne.

Fast alle seine deutschen Erbländer hatten sich unterdessen in einer allgemeinen furchtbaren Conföderation mit den Böhmen vereinigt, deren Trotz jetzt alle Schranken durchbrach. Am 17. August 1619 erklärten sie den Kaiser auf einer Reichsversammlung für einen Feind der böhmischen Religion und Freiheit, der durch seine verderblichen Rathschläge den verstorbenen König gegen sie aufgewiegelt, zu ihrer Unterdrückung Truppen geliehen, Ausländern das Königreich zum Raube gegeben und es zuletzt gar, mit Verspottung ihrer Volksmajestät, in einem heimlichen Vertrag an die Spanier verschrieben hatte, aller Ansprüche auf ihre Krone verlustig und schritten ohne Aufschub zu einer neuen Wahl. Da Protestanten diesen Ausspruch thaten, so konnte die Wahl nicht wohl auf einen katholischen Prinzen fallen, obgleich zum Scheine für Bayern und Savoyen einige Stimmen gehört wurden. Aber der bittere Religionshaß, welcher die Evangelischen und Reformierten unter einander selbst entzweite, machte eine Zeit lang auch die Wahl eines protestantischen Königs schwer, bis endlich die Feinheit und Thätigkeit der Calvinisten über die überlegene Anzahl der Lutheraner den Sieg davon trug.

Unter allen Prinzen, welche zu dieser Würde in Vorschlag kamen, hatte sich Kurfürst Friedrich der Fünfte von der Pfalz die gegründetsten Ansprüche auf das Vertrauen und die Dankbarkeit der Böhmen erworben, und unter allen war keiner, bei welchem das Privatinteresse einzelner Stände und die Zuneigung des Volks durch so viele Staatsvortheile gerechtfertigt zu werden schienen. Friedrich der Fünfte war von einem freien und aufgeweckten Geist, vieler Herzensgüte, einer königlichen Freigebigkeit. Er war das Haupt der Reformierten in Deutschland, der Anführer der Union, deren Kräfte ihm zu Gebote standen, ein naher Anverwandter des Herzogs von Bayern, ein Eidam des Königs von Großbritannien, der ihn mächtig unterstützen konnte. Alle diese Vorzüge wurden von der calvinistischen Partei mit dem besten Erfolge geltend gemacht, und die Reichsversammlung zu Prag erwählte Friedrich den Fünften unter Gebet und Freudenthränen zum König.

Alles, was auf dem Prager Reichstag geschah, war ein zu vorbereitetes Werk, und Friedrich selbst war bei der ganzen Verhandlung zu thätig gewesen, als daß er von dem Antrage der Böhmen hätte überrascht werden sollen. Dennoch erschreckte ihn der gegenwärtige Glanz dieser Krone, und die zweifache Größe des Verbrechens und des Glücks brachte seinen Kleinmuth zum Zittern. Nach der gewöhnlichen Art schwacher Seelen wollte er sich erst durch fremdes Urtheil zu seinem Vorhaben stärken; aber es hatte keine Gewalt über ihn, wenn es gegen seine Leidenschaft ausfiel. Sachsen und Bayern, wo er Rath verlangt hatte, alle seine Mitkurfürsten, alle, welche diese Unternehmung mit seinen Fähigkeiten und Kräften abwogen, warnten ihn vor dem Abgrund, in den er sich stürze. Selbst König Jakob von England wollte seinem Eidam lieber eine Krone entrissen sehen, als die geheiligte Majestät der Könige durch ein so schlimmes Beispiel verletzen helfen. Aber was vermochte die Stimme der Klugheit gegen den verführerischen Glanz einer Königskrone? Im Augenblick ihrer höchsten Kraftäußerung. wo sie den geheiligten Zweig eines zweihundertjährigen Regentengeschlechts von sich stößt, wirft sich ihm eine freie Nation in die Arme; auf seinen Muth vertrauend, wählt sie ihn zu ihrem Führer auf der gefährlichen Bahn des Ruhms und der Freiheit; von ihm, ihrem gebornen Beschützer, erwartet eine unterdrückte Religion Schutz und Schirm gegen ihren Verfolger – soll er kleinmüthig seine Furcht bekennen, soll er feigherzig Religion und Freiheit verrathen? Eben diese Nation zeigt ihm die Ueberlegenheit ihrer Kräfte und die Ohnmacht ihres Feindes – zwei Drittheile der österreichischen Macht gegen Oesterreich bewaffnet und einen streitbaren Bundesgenossen von Siebenbürgen aus bereit, den schwachen Ueberrest dieser Macht noch durch einen feindlichen Angriff zu theilen. Jene Anforderungen sollten seinen Ehrgeiz nicht wecken? diese Hoffnungen seinen Muth nicht entzünden?

Wenige Augenblicke gelassenen Nachdenkens würden hingereicht haben, ihm die Größe des Wagestücks und den geringen Werth des Preises zu zeigen – aber die Aufmunterung sprach zu seinen Sinnen, und die Warnung nur zu seiner Vernunft. Es war sein Unglück, daß die zunächst ihn umgebenden und hörbarsten Stimmen die Partei seiner Leidenschaft nahmen. Diese Machtvergrößerung ihres Herrn öffnete dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht aller seiner pfälzischen Diener ein unermeßliches Feld der Befriedigung. Dieser Triumph seiner Kirche mußte jeden calvinischen Schwärmer erhitzen. Konnte ein so schwacher Kopf den Vorspiegelungen seiner Räthe widerstehen, die seine Hilfsmittel und Kräfte eben so unmäßig übertrieben, als sie die Macht des Feindes heruntersetzten? den Aufforderungen seiner Hofprediger, die ihm die Eingebungen ihres fanatischen Eifers als den Willen des Himmels verkündigten? Astrologische Träumereien erfüllten seinen Kopf mit chimärischen Hoffnungen; selbst durch den unwiderstehlichen Mund der Liebe bestürmte ihn die Verführung. »Konntest du dich vermessen,« sagte die Kurfürstin zu ihm, »die Hand einer Königstochter anzunehmen, und dir bangt vor einer Krone, die man freiwillig dir entgegenbringt? Ich will lieber Brod essen an deiner königlichen Tafel, als an deinem kurfürstlichen Tische schwelgen.«

Friedrich nahm die böhmische Krone. Mit beispiellosem Pomp geschah zu Prag die königliche Krönung; die Nation stellte alle ihre Reichthümer aus, ihr eignes Werk zu ehren. Schlesien und Mähren, Nebenländer Böhmens, folgten dem Beispiele des Hauptstaats und huldigten. Die Reformation thronte in allen Kirchen des Königreichs, das Frohlocken war ohne Grenzen, die Freude an dem neuen König ging bis zur Anbetung. Dänemark und Schweden, Holland und Venedig, mehrere deutsche Staaten erkannten ihn als rechtmäßigen König; und Friedrich schickte sich nun an, seinen neuen Thron zu behaupten.

Auf den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen war seine größte Hoffnung gerichtet. Dieser furchtbare Feind Oesterreichs und der katholischen Kirche, nicht zufrieden mit seinem Fürstenthum, das er seinem rechtmäßigen Herrn, Gabriel Bathori, mit Hilfe der Türken entrissen hatte, ergriff mit Begierde diese Gelegenheit, sich auf Unkosten der österreichischen Prinzen zu vergrößern, die sich geweigert hatten, ihn als Herrn von Siebenbürgen anzuerkennen. Ein Angriff auf Ungarn und Oesterreich war mit den böhmischen Rebellen verabredet, und vor der Hauptstadt sollten beide Heere zusammenstoßen. Unterdessen verbarg Bethlen Gabor unter der Maske der Freundschaft den wahren Zweck seiner Kriegsrüstung und versprach voller Arglist dem Kaiser, durch eine verstellte Hilfleistung die Böhmen in die Schlinge zu locken und ihre Anführer ihm lebendig zu überliefern. Auf einmal aber stand er als Feind in Ober-Ungarn; der Schrecken ging vor ihm her, hinter ihm die Verwüstung; alles unterwarf sich; zu Preßburg empfing er die ungarische Krone. Des Kaisers Bruder, Statthalter in Wien, zitterte für diese Hauptstadt. Eilfertig rief er den General Boucquoi zu Hilfe; der Abzug der Kaiserlichen zog die böhmische Armee zum zweitenmal vor Wien. Durch zwölftausend Siebenbürgen verstärkt und bald darauf mit dem siegreichen Heere Bethlen Gabors vereinigt, drohte sie aufs neue, diese Hauptstadt zu überwältigen. Alles um Wien ward verwüstet, die Donau gesperrt, alle Zufuhr abgeschnitten, die Schrecken des Hungers stellten sich ein. Ferdinand, den diese dringende Gefahr eiligst in seine Hauptstadt zurückgeführt hatte, sah sich zum zweitenmal am Rand des Verderbens. Mangel und rauhe Witterung zogen endlich die Böhmen nach Hause; ein Verlust in Ungarn rief Bethlen Gabor zurück; zum zweitenmal hatte das Glück den Kaiser gerettet.

In wenigen Wochen änderte sich nun alles, und durch seine staatskluge Thätigkeit verbesserte Ferdinand seine Sache in eben dem Maße, als Friedrich die seinige durch Saumseligkeit und schlechte Maßregeln herunterbrachte. Die Stände von Nieder-Oesterreich wurden durch Bestätigung ihrer Privilegien zur Huldigung gebracht und die Wenigen, welche ausblieben, der beleidigten Majestät und des Hochverrats schuldig erklärt. So faßte der Kaiser in einem seiner Erblande wieder festen Fuß, und zugleich wurde alles in Bewegung gesetzt, sich auswärtiger Hilfe zu versichern. Schon bei der Kaiserwahl zu Frankfurt war es ihm durch mündliche Vorstellungen gelungen, die geistlichen Kurfürsten und zu München den Herzog Maximilian von Bayern für seine Sache zu gewinnen. Auf dem Antheil, den die Union und Ligue an dem böhmischen Kriege nahmen, beruhte der ganze Ausschlag dieses Krieges, das Schicksal Friedrichs und des Kaisers. Dem ganzen protestantischen Deutschland schien es wichtig zu sein, den König von Böhmen zu unterstützen; den Kaiser nicht unterliegen zu lassen, schien das Interesse der katholischen Religion zu erheischen. Siegten die Protestanten in Böhmen, so hatten alle katholischen Prinzen in Deutschland für ihre Besitzungen zu zittern; unterlagen sie, so konnte der Kaiser dem protestantische Deutschland Gesetze vorschreiben. Ferdinand setzte also die Ligue, Friedrich die Union in Bewegung. Das Band der Verwandtschaft und persönliche Anhänglichkeit an den Kaiser, seinen Schwager, mit dem er in Ingolstadt aufgewachsen war, Eifer für die katholische Religion, die in der augenscheinlichsten Gefahr zu schweben schien, die Eingebungen der Jesuiten, verbunden mit den verdächtigen Bewegungen der Union, bewogen den Herzog von Bayern und alle Fürsten der Ligue, die Sache Ferdinands zu der ihrigen zu machen.

Nach einem mit dem Letztern geschlossenen Vertrage, welcher ihm den Ersatz aller Kriegsunkosten und aller zu erleidenden Verluste versicherte, übernahm Maximilian mit uneingeschränkter Gewalt das Commando der liguistischen Truppen, welche dem Kaiser gegen die böhmischen Rebellen zu Hilfe eilen sollten. Die Häupter der Union, anstatt diese gefährliche Vereinigung der Ligue mit dem Kaiser zu hintertreiben, wendeten vielmehr alles an, sie zu beschleunigen. Konnten sie die katholische Ligue zu einem erklärten Anteil an dem böhmischen Kriege vermögen, so hatten sie sich von allen Mitgliedern und Alliierten der Union das Nämliche zu versprechen. Ohne einen öffentlichen Schritt der Katholischen gegen die Union war keine Machtvereinigung unter den Protestanten zu hoffen. Sie erwählten also den bedenklichen Zeitpunkt der böhmischen Unruhen, eine Abstellung aller bisherigen Beschwerden und eine vollkommene Religionsversicherung von den Katholischen zu fordern. Diese Forderung, welche in einem drohenden Tone abgefaßt war, richteten sie an den Herzog von Bayern, als das Haupt der Katholischen, und drangen auf eine schnelle unbedingte Erklärung. Maximilian mochte sich nun für oder wider sie entscheiden, so war ihre Absicht erreicht: seine Nachgiebigkeit beraubte die katholische Partei ihres mächtigsten Beschützers; seine Widersetzung bewaffnete die ganze protestantische Partei und machte den Krieg unvermeidlich, durch welchen sie zu gewinnen hofften. Maximilian, durch so viele andere Beweggründe ohnehin auf die entgegengesetzte Seite gezogen, nahm die Aufforderung der Union als eine förmliche Kriegserklärung auf, und die Rüstung wurde beschleunigt. Während daß Bayern und die Ligue sich für den Kaiser bewaffneten, wurde auch mit dem spanischen Hofe wegen Subsidien unterhandelt. Alle Schwierigkeiten, welche die schläfrige Politik des Ministeriums diesem Gesuch entgegensetzte, überwand der kaiserliche Gesandte in Madrid, Graf von Khevenhüller, glücklich. Außer einem Geldvorschuß von einer Million Gulden, welche man diesem Hofe nach und nach zu entlocken wußte, ward noch zugleich ein Angriff auf die untere Pfalz, von den spanischen Niederlanden aus, beschlossen.

Indem man alle katholischen Mächte in das Bündniß zu ziehen suchte, arbeitete man zu gleicher Zeit dem Gegenbündniß der protestantischen auf das nachdrücklichste entgegen. Es kam darauf an, dem Kurfürsten von Sachsen und mehreren evangelischen Ständen die Besorgnisse zu benehmen, welche die Union ausgestreut hatte, daß die Rüstung der Ligue darauf abgesehen sei, ihnen die säcularisierten Stifter wieder zu entreißen. Eine schriftliche Versicherung des Gegentheils beruhigte den Kurfürsten von Sachsen, den die Privateifersucht gegen Pfalz, die Eingebungen seines Hofpredigers, der von Oesterreich erkauft war, und der Verdruß, von den Böhmen bei der Königswahl übergangen worden zu sein, ohnehin schon auf Oesterreichs Seite neigten. Nimmer konnte es der lutherische Fanatismus dem reformierten vergeben, daß so viele edle Länder, wie man sich ausdrückte, dem Calvinismus in den Rachen fliegen und der römische Antichrist nur dem helvetischen Platz machen sollte.

Indem Ferdinand alles that, seine mißlichen Umstände zu verbessern, unterließ Friedrich nichts, seine gute Sache zu verschlimmern. Durch ein anstößiges enges Bündniß mit dem Fürsten von Siebenbürgen, dem offenbaren Alliierten der Pforte, ärgerte er die schwachen Gemüther, und das allgemeine Gerücht klagte ihn an, daß er auf Unkosten der Christenheit seine eigene Vergrößerung suche, daß er die Türken gegen Deutschland bewaffnet habe. Sein unbesonnener Eifer für die reformierte Religion brachte die Lutheraner in Böhmen, sein Angriff auf die Bilder die Papisten dieses Königreichs gegen ihn auf. Neue drückende Auflagen entzogen ihm die Liebe des Volks. Die fehlgeschlagene Erwartung der böhmischen Großen erkaltete ihren Eifer, das Ausbleiben fremden Beistandes stimmte ihre Zuversicht herab. Anstatt sich mit unermüdetem Eifer der Reichsverwaltung zu widmen, verschwendete Friedrich seine Zeit in Ergötzlichkeiten; anstatt durch eine weise Sparsamkeit seinen Schatz zu vergrößern, zerstreute er in unnützem theatralischem Prunk und übel angewandter Freigebigkeit die Einkünfte seiner Länder. Mit sorglosem Leichtsinn bespiegelte er sich in seiner neuen Würde, und über dem unzeitigen Bestreben, seiner Krone froh zu werden, vergaß er die dringendere Sorge, sie auf seinem Haupte zu befestigen.

So sehr man sich in ihm geirrt hatte, so unglücklich hatte sich Friedrich selbst in seinen Erwartungen von auswärtigem Beistand verrechnet. Die meisten Mitglieder der Union trennten die böhmischen Angelegenheiten von dem Zweck ihres Bundes; andere ihm ergebene Reichsstände fesselte blinde Furcht vor dem Kaiser. Kursachsen und Hessen-Darmstadt hatte Ferdinand für sich gewonnen; Niederösterreich, von wo aus man eine nachdrückliche Diversion erwartete, hatte dem Kaiser gehuldigt, Bethlen Gabor einen Waffenstillstand mit ihm geschlossen. Dänemark wußte der Wiener Hof durch Gesandtschaften einzuschläfern, Schweden durch einen Krieg mit Polen zu beschäftigen. Die Republik Holland hatte Mühe, sich der spanischen Waffen zu erwehren; Venedig und Savoyen blieben unthätig; König Jakob von England wurde von der spanischen Arglist betrogen. Ein Freund nach dem andern zog sich zurück, eine Hoffnung nach der andern verschwand. – So hatte sich alles in wenigen Monaten verändert!

Indessen versammelten die Häupter der Union eine Kriegsmacht; der Kaiser und die Ligue thaten ein Gleiches. Die Macht der letztern stand unter Maximilians Fahnen bei Donauwörth versammelt; die Macht der Unierten bei Ulm, unter dem Markgrafen von Ansbach. Der entscheidende Augenblick schien endlich herbeigekommen zu sein, der diese lange Zwistigkeit durch einen Hauptstreich endigen und das Verhältniß beider Kirchen in Deutschland unwiderruflich bestimmen sollte. Aengstlich war auf beiden Seiten die Erwartung gespannt. Wie sehr aber erstaunte man, als auf einmal die Botschaft des Friedens kam und beide Armeen ohne Schwertschlag auseinander gingen!

Frankreichs Dazwischenkunft hatte diesen Frieden bewirkt, welchen beide Theile mit gleicher Bereitwilligkeit umfaßten. Das französische Ministerium, durch keinen Heinrich den Großen mehr geleitet, dessen Staatsmaxime vielleicht auch auf die damalige Lage des Königreichs nicht mehr anzuwenden war, fürchtete jetzt das Wachsthum des österreichischen Hauses viel weniger, als die Machtvergrößerung der Calvinisten, wenn sich das pfälzische Haus auf dem böhmischen Throne behaupten sollte. Mit seinen eignen Calvinisten eben damals in einen gefährlichen Streit verwickelt, hatte es keine dringendere Angelegenheit, als die protestantische Faktion in Böhmen so schnell als möglich unterdrückt zu sehen, ehe die Faktion der Hugenotten in Frankreich sich ein gefährliches Muster daran nähme. Um also dem Kaiser gegen die Böhmen geschwind freie Hände zu machen, stellte es sich zwischen der Union und Ligue als Mittelsperson dar und verglich jenen unerwarteten Frieden, dessen wichtigster Artikel war, »daß die Union sich jedes Antheils an den böhmischen Händeln begeben und den Beistand, welchen sie Friedrich dem Fünften leisten würde, nicht über die pfälzischen Länder desselben erstrecken sollte.« Maximilians Entschlossenheit und die Furcht, zwischen den liguistischen Truppen und einem neuen kaiserlichen Heere, welches aus den Niederlanden im Anmarsch war, ins Gedränge zu gerathen, bewog die Union zu diesem schimpflichen Frieden.

Die ganze Macht Bayerns und der Ligue stand jetzt dem Kaiser gegen die Böhmen zu Gebote, welche der Ulmische Vergleich ihrem Schicksal überließ. Schneller, als das Gerücht den Vorgang zu Ulm dort verbreiten konnte, erschien Maximilian in Oberösterreich, wo die bestürzten Stände, auf keinen Feind gefaßt, die Gnade des Kaisers mit einer schnellen und unbedingten Huldigung erkauften. In Niederösterreich zog der Herzog die niederländischen Truppen des Grafen von Boucquoi an sich, und diese kaiserlich bayerische Armee, nach ihrer Vereinigung zu fünfzigtausend Mann angewachsen, drang ohne Zeitverlust in das böhmische Gebiet. Alle böhmischen Geschwader, welche in Niederösterreich und Mähren zerstreut waren, trieb sie fliehend vor sich her, alle Städte, welche es wagten, Widerstand zu thun, wurden mit stürmender Hand erobert; andere, durch das Gerücht ihrer Züchtigung erschreckt, öffneten freiwillig ihre Thore; nichts hinderte den reißenden Lauf Maximilians. Weichend zog sich die böhmische Armee, welche der tapfere Fürst Christian von Anhalt kommandierte, in die Nachbarschaft von Prag, wo ihr Maximilian an den Mauern dieser Hauptstadt ein Treffen lieferte.

Die schlechte Verfassung, in welcher er die Armee der Rebellen zu überraschen hoffte, rechtfertigte diese Schnelligkeit des Herzogs und versicherte ihm den Sieg. Nicht dreißigtausend Mann hatte Friedrich beisammen; achttausend hatte der Fürst von Anhalt ihm zugeführt, zehntausend Ungarn ließ Bethlen Gabor zu seinen Fahnen stoßen. Ein Einfall des Kurfürsten von Sachsen in die Lausitz hatte ihm alle Hilfe abgeschnitten, welche er von diesem Land und von Schlesien her erwartete, die Beruhigung Oesterreichs alle, welche er sich von dorther versprach. Bethlen Gabor, sein wichtigster Bundesgenosse, verhielt sich ruhig; die Union hatte ihn an den Kaiser verraten. Nichts blieb ihm übrig, als seine Böhmen, und diesen fehlte es an gutem Willen, Eintracht und Muth. Die böhmischen Magnaten sahen sich mit Verdruß gegen deutsche Generale zurückgesetzt, Graf Mannsfeld blieb, von dem böhmischen Hauptlager getrennt, in Pilsen zurück, um nicht unter Anhalt und Hohenlohe zu dienen. Dem Soldaten, welchem auch das Notwendigste fehlte, entfiel aller freudige Muth, und die schlechte Mannszucht unter dem Heere gab dem Landmann Ursache zu den bittersten Klagen. Umsonst zeigte sich Friedrich in dem Lager, den Muth der Soldaten durch seine Gegenwart, die Nacheiferung des Adels durch sein Beispiel zu ermuntern.

Auf dem weißen Berge, unweit Prag, fingen die Böhmen an, sich zu verschanzen, als von der vereinigten kaiserlich-bayerischen Armee (am 8. November 1620) der Angriff geschah. Am Anfange des Treffens wurden einige Vortheile von der Reiterei des Prinzen von Anhalt erfochten; aber die Uebermacht des Feindes vernichtete sie bald. Unwiderstehlich drangen die Bayern und Wallonen vor, und die ungarische Reiterei war die erste, welche den Rücken wandte. Das böhmische Fußvolk folgte bald ihrem Beispiel, und in der allgemeinen Flucht wurden endlich auch die Deutschen mit fortgerissen. Zehn Kanonen, welche die ganze Artillerie Friedrichs ausmachten, fielen in Feindes Hände. Viertausend Böhmen blieben auf der Flucht und im Treffen, kaum etliche Hundert von den Kaiserlichen und Liguisten. In weniger als einer Stunde war dieser entscheidende Sieg erfochten.

Friedrich saß zu Prag bei der Mittagstafel, als seine Armee an den Mauern sich für ihn niederschießen ließ. Vermutlich hatte er an diesem Tage noch keinen Angriff erwartet, weil er eben heute ein Gastmahl bestellte. Ein Eilbote zog ihn endlich vom Tische, und von dem Wall herab zeigte sich ihm die ganze schreckliche Scene. Um einen überlegten Entschluß zu fassen, erbat er sich einen Stillstand von vier und zwanzig Stunden; achte waren alles, was der Herzog ihm bewilligte. Friedrich benutzte sie, sich mit seiner Gemahlin und den Vornehmsten der Armee des Nachts aus der Hauptstadt zu flüchten. Diese Flucht geschah mit solcher Eilfertigkeit, daß der Fürst von Anhalt seine geheimsten Papiere und Friedrich seine Krone zurückließ. »Ich weiß nun, wer ich bin,« sagte dieser unglückliche Fürst zu Denen, welche ihm Trost zusprachen. »Es gibt Tugenden, welche nur das Unglück uns lehren kann, und nur in der Widerwärtigkeit erfahren wir Fürsten, wer wir sind.«

Prag war noch nicht ohne Rettung verloren, als Friedrichs Kleinmuth es aufgab. Mannsfelds fliegendes Commando stand noch in Pilsen und hatte die Schlacht nicht gesehen. Bethlen Gabor konnte jeden Augenblick sich feindselig erklären und die Macht des Kaisers nach der ungarischen Grenze abrufen. Die geschlagenen Böhmen konnten sich erholen, Krankheiten, Hunger und rauhe Witterung den Feind aufreiben – alle diese Hoffnungen verschwanden vor der gegenwärtigen Furcht. Friedrich fürchtete den Unbestand der Böhmen, welche leicht der Versuchung unterliegen konnten, mit Auslieferung seiner Person die Verzeihung des Kaisers zu erkaufen.

Thurn und die in gleicher Verdammniß mit ihm waren, fanden es eben so wenig rathsam, in den Mauern von Prag ihr Schicksal zu erwarten. Sie entwichen nach Mähren, um bald darauf ihre Rettung in Siebenbürgen zu suchen. Friedrich entfloh nach Breslau, wo er aber nur kurze Zeit verweilte, um an dem Hofe des Kurfürsten von Brandenburg und endlich in Holland eine Zuflucht zu finden.

Das Treffen bei Prag hatte das ganze Schicksal Böhmens entschieden. Prag ergab sich gleich den andern Tag an den Sieger; die übrigen Städte folgten dem Beispiel der Hauptstadt. Die Stände huldigten ohne Bedingung; das Nämliche thaten die Schlesier und Mährer. Drei Monate ließ der Kaiser verstreichen, ehe er eine Untersuchung über das Vergangene anstellte. Viele von Denen, welche im ersten Schrecken flüchtig geworden, zeigten sich, voll Vertrauen auf diese scheinbare Mäßigung, wieder in der Hauptstadt. Aber an Einem Tage und zu derselben Stunde brach das Ungewitter aus. Achtundvierzig der thätigsten Beförderer des Aufstands wurden gefangen genommen und vor eine außerordentliche Commission gezogen, die aus gebornen Böhmen und Oesterreichern niedergesetzt war. Siebenundzwanzig von ihnen starben auf dem Blutgerüste, von dem gemeinen Volk eine unzählige Menge. Die Abwesenden wurden vorgeladen, zu erscheinen, und, da keiner sich meldete, als Hochverräther und Beleidiger der kaiserlichen Majestät zum Tode verurtheilt, ihre Güter confisciert, ihre Namen an den Galgen geschlagen. Auch die Güter schon verstorbener Rebellen zog man ein. Diese Tyrannei war zu ertragen, weil sie nur einzelne Privatpersonen traf und der Raub des Einen den Andern bereicherte; desto schmerzhafter aber war der Druck, der ohne Unterschied über das ganze Königreich erging. Alle protestantischen Prediger wurden des Landes verwiesen; die böhmischen sogleich, etwas später die deutschen. Den Majestätsbrief durchschnitt Ferdinand mit eigener Hand und verbrannte das Siegel. Sieben Jahre nach der Prager Schlacht war alle Religionsduldung gegen die Protestanten in dem Königreich aufgehoben. Die Gewaltthätigkeiten, welche sich der Kaiser gegen die Religionsprivilegien der Böhmen erlaubte, untersagte er sich gegen ihre politische Constitution, und indem er ihnen die Freiheit des Denkens nahm, ließ er ihnen großmüthig noch das Recht, sich selbst zu taxieren.

Der Sieg auf dem weißen Berge setzte Ferdinanden in den Besitz aller seiner Staaten; ja, er gab sie ihm sogar mit einer größern Gewalt zurück, als sein Vorgänger darin besessen hatte, weil die Huldigung ohne Bedingung geleistet wurde und kein Majestätsbrief seine landesherrliche Hoheit mehr beschränkte. Das Ziel aller seiner gerechten Wünsche war also erfüllt, und über alle seine Erwartungen.

Jetzt konnte er seine Bundesgenossen entlassen und seine Armeen zurückrufen. Der Krieg war geendigt, wenn er auch nichts als gerecht war, wenn er großmüthig und gerecht war, so war's auch die Strafe. Das ganze Schicksal Deutschlands lag jetzt in seiner Hand, und vieler Millionen Glück und Elend beruhte auf dem Entschluß, den er faßte. Nie lag eine so große Entscheidung in eines Menschen Hand; nie stiftete eines Menschen Verblendung so viel Verderben.

Zweites Buch.

Der Entschluß, welchen Ferdinand jetzt faßte, gab dem Krieg eine ganz andere Richtung, einen andern Schauplatz und andere Spieler. Aus einer Rebellion in Böhmen und einem Executionszug gegen Rebellen ward ein deutscher und bald ein europäischer Krieg. Jetzt also ist es Zeit, einen Blick auf Deutschland und das übrige Europa zu werfen.

So ungleich der Grund und Boden des deutschen Reichs und die Vorrechte seiner Glieder unter Katholiken und Protestanten vertheilt waren, so durfte jede Partei nur ihre eigentümlichen Vortheile nutzen, nur in staatskluger Eintracht zusammenhalten, um ihrer Gegenpartei hinlänglich gewachsen zu bleiben. Wenn die katholische die überlegene Zahl für sich hatte und von der Reichsconstitution mehr begünstigt war, so besaß die protestantische eine zusammenhängende Strecke volkreicher Länder, streitbare Fürsten, einen kriegerischen Adel, zahlreiche Armeen, wohlhabende Reichsstädte, die Herrschaft des Meers und auf den schlimmsten Fall einen zuverlässigen Anhang in den Ländern katholischer Fürsten. Wenn die katholische Spanien und Italien zu ihrem Beistand bewaffnen konnte, so öffneten die Republiken Venedig, Holland und England der protestantischen ihre Schätze, so fand sie die Staaten des Nordens und die furchtbare türkische Macht zu schneller Hilfe bereit. Brandenburg, Sachsen und Pfalz setzten den drei geistlichen Stimmen im Kurfürstenrathe drei bedeutende protestantische Stimmen entgegen, und für den Kurfürsten von Böhmen, wie für den Erzherzog von Oesterreich, war die Kaiserwürde eine Fessel, wenn die protestantischen Reichsstände ihre Wichtigkeit zu benutzen verstanden. Das Schwert der Union konnte das Schwert der Ligue in der Scheide halten, oder doch den Ausschlag des Krieges, wenn es wirklich dazu kam, zweifelhaft machen. Aber Privatverhältnisse zerrissen leider das allgemeine politische Band, welches die protestantischen Reichsglieder zusammenhalten sollte. Der große Zeitpunkt fand nur mittelmäßige Geister auf der Bühne, und unbenutzt blieb der entscheidende Moment, weil es den Muthigen an Macht, den Mächtigen an Einsicht, Muth und Entschlossenheit fehlte.

Das Verdienst seines Ahnherrn Moriz, der Umfang seiner Länder und das Gewicht seiner Stimme stellten den Kurfürsten von Sachsen an die Spitze des protestantischen Deutschlands. Von dem Entschlusse, den dieser Prinz faßte, hing es ab, welche von beiden streitenden Parteien den Sieg behalten sollte; auch war Johann Georg nicht unempfindlich gegen die Vortheile, welche ihm dieses wichtige Verhältniß verschaffte. Eine gleich bedeutende Eroberung für den Kaiser und für den protestantischen Bund, vermied er sorgfältig sich an einen von beiden ganz zu verschenken und durch eine unwiderrufliche Erklärung sich entweder der Dankbarkeit des Kaisers anzuvertrauen, oder die Vortheile aufzugeben, welche von der Furcht dieses Fürsten zu gewinnen waren. Unangesteckt von dem Schwindel ritterlicher oder religiöser Begeisterung, welcher einen Souverän nach dem andern dahinriß, Krone und Leben an das Glücksspiel des Kriegs zu wagen, strebte Johann Georg dem solidern Ruhme nach, das Seinige zu Rath zu halten und zu verbessern. Wenn seine Zeitgenossen ihn anklagten, daß er mitten im Sturme die protestantische Sache verlassen; daß er der Vergrößerung seines Hauses die Errettung des Vaterlands nachgesetzt; daß er die ganze evangelische Kirche in Deutschland dem Untergange bloßgestellt habe, um nur für die reformierte den Arm nicht zu erheben; wenn sie ihn anklagten, daß er der gemeinen Sache als ein unzuverlässig er Freund nicht viel weniger geschadet habe, als ihre erklärtesten Feinde: so war es die Schuld dieser Fürsten, welche sich Johann Georgs weise Politik nicht zum Muster nahmen. Wenn, dieser weisen Politik ungeachtet, der sächsische Landmann, wie jeder andere, über die Gräuel der kaiserlichen Durchzüge seufzte, wenn ganz Deutschland Zeuge war, wie Ferdinand seinen Bundesgenossen täuschte und seiner Versprechungen spottete – wenn Johann Georg dieses endlich selbst zu bemerken glaubte – desto mehr Schande für den Kaiser, der ein so redliches Vertrauen so grausam hinterging.

Wenn übertriebenes Vertrauen auf Oesterreich und Hoffnung, seine Länder zu vermehren, dem Kurfürsten von Sachsen die Hände banden, so hielten Furcht vor Oesterreich und Angst, seine Länder zu verlieren, den schwachen Georg Wilhelm von Brandenburg in weit schimpflicheren Fesseln. Was man diesen beiden Fürsten zum Vorwurf machte, hätte dem Kurfürsten von der Pfalz seinen Ruhm und seine Länder gerettet. Rasches Vertrauen auf ungeprüfte Kräfte, der Einfluß französischer Rathschläge und der verführerische Glanz einer Krone hatten diesen unglücklichen Fürsten zu einem Wagestück hingerissen, dem weder sein Genie noch seine politische Verfassung gewachsen war. Durch Zertheilung seiner Lande und die schlechte Harmonie seiner Beherrscher wurde die Macht des pfälzischen Hauses geschwächt, welche, in einer einzigen Hand versammelt, den Ausschlag des Kriegs noch lange Zeit hätte zweifelhaft machen können.

Eben diese Zerstückelung der Lande entkräftete auch das Fürstenhaus Hessen, und die Verschiedenheit der Religion unterhielt zwischen Darmstadt und Kassel eine verderbliche Trennung. Die Linie Darmstadt, der Augsburgischen Confession zugethan, hatte sich unter die Flügel des Kaisers geflüchtet, der sie auf Unkosten der reformierten Linie Kassel begünstigte. Während daß seine Religionsverwandten für Glauben und Freiheit ihr Blut verspritzten, zog Landgraf Georg von Darmstadt Sold von dem Kaiser. Aber ganz seines Ahnherrn werth, der hundert Jahre früher unternommen hatte, Deutschlands Freiheit gegen den furchtbaren Karl zu vertheidigen, erwählte Wilhelm von Kassel die Partei der Gefahr und der Ehre. Ueber den Kleinmuth erhaben, der ungleich mächtigere Fürsten unter Ferdinands Allgewalt beugte, war Landgraf Wilhelm der Erste, der seinen Heldenarm freiwillig dem schwedischen Helden brachte und Deutschlands Fürsten ein Beispiel gab, mit welchem keiner den Anfang machen wollte. So viel Muth sein Entschluß verrieth, so viel Standhaftigkeit zeigte seine Beharrung, so viel Tapferkeit seine Thaten. Mit kühner Entschlossenheit stellte er sich vor sein blutendes Land und empfing einen Feind mit Spott, dessen Hände noch von dem Mordbrande zu Magdeburg rauchten.

Landgraf Wilhelm ist es werth, neben dem heldenreichen Stamme der Ernestinen zur Unsterblichkeit zu gehen. Langsam erschien dir der Tag der Rache, unglücklicher Johann Friedrich, edler, unvergeßlicher Fürst! Langsam, aber glorreich ging er auf. Deine Zeiten kamen wieder, und auf deine Enkel stieg dein Heldengeist herab. Ein tapferes Geschlecht von Fürsten geht hervor aus Thüringens Wäldern, durch unsterbliche Thaten das Urtheil zu beschämen, das den Kurhut von deinem Haupte stieß, durch aufgehäufte blutige Todtenopfer deinen zürnenden Schatten zu versöhnen. Deine Länder konnte der Spruch des Siegers ihnen rauben; aber nicht die patriotische Tugend, wodurch du sie verwirktest, nicht den ritterlichen Muth, der, ein Jahrhundert später, den Thron seines Enkels wanken machen wird. Deine und Deutschlands Rache schliff ihnen gegen Habsburgs Geschlecht einen heiligen Degen, und von einer Heldenhand zur andern erbt sich der unbesiegte Stahl. Als Männer vollführen sie, was sie als Herrscher nicht vermögen, und sterben einen glorreichen Tod – als die tapfersten Soldaten der Freiheit. Zu schwach an Ländern, um mit eigenen Heeren ihren Feind anzufallen, richten sie fremde Donner gegen ihn und führen fremde Fahnen zum Siege.

Deutschlands Freiheit, aufgegeben von den mächtigen Ständen, auf welche doch allein ihre Wohlthat zurück floß, wurde von einer kleinen Anzahl Prinzen vertheidigt, für welche sie kaum einen Werth besaß. Der Besitz von Ländern und Würden ertödtete den Muth; Mangel an beiden machte Helden. Wenn Sachsen, Brandenburg u. a. m. sich schüchtern zurückzogen, so sah man die Anhalt, die Mannsfeld, die Prinzen von Weimar u. a. ihr Blut in mörderischen Schlachten verschwenden. Die Herzoge von Pommern, von Mecklenburg, von Lüneburg, von Wirtenberg, die Reichsstädte in Oberdeutschland, denen das Reichsoberhaupt von jeher ein gefürchteter Name war, entzogen sich furchtsam dem Kampf mit dem Kaiser und beugten sich murrend unter seine zermalmende Hand.

Oesterreich und das katholische Deutschland hatten an dem Herzog Maximilian von Bayern einen ebenso mächtigen als staatsklugen und tapfern Beschützer. Im ganzen Laufe dieses Krieges einem einzigen überlegten Plane getreu, nie ungewiß zwischen seinem Staatsvortheil und seiner Religion, nie Sklave Oesterreichs, das für seine Größe arbeitete und vor seinem rettenden Arme zitterte, hätte Maximilian es verdient, die Würden und Länder, welche ihn belohnten, von einer bessern Hand, als der Willkür, zu empfangen. Die übrigen katholischen Stände, größtenteils geistliche Fürsten, zu unkriegerisch, um den Schwärmen zu widerstehen, die der Wohlstand ihrer Länder anlockte, wurden nach einander Opfer des Kriegs und begnügten sich, im Kabinet und auf ihren Kanzeln einen Feind zu verfolgen, vor welchem sie sich im Felde nicht zu stellen wagten. Alle, entweder Sklaven Oesterreichs oder Bayerns, wichen neben Maximilian in Schatten zurück; erst in den Händen dieses Fürsten wurde ihre versammelte Macht von Bedeutung.

Die furchtbare Monarchie, welche Karl der Fünfte und sein Sohn aus den Niederlanden, aus Mailand und beiden Sizilien, aus den weitläufigen ost- und westindischen Ländern unnatürlich zusammen zwangen, neigte sich schon unter Philipp dem Dritten und Vierten zu ihrem Falle. Von unfruchtbarem Golde zu einer schnellen Größe gebläht, sah man diese Monarchie an einer langsamen Zehrung schwinden, weil ihr die Milch der Staaten, der Feldbau, entzogen wurde. Die westindischen Eroberungen hatten Spanien in Armuth gestürzt, um alle Märkte Europens zu bereichern, und Wechsler zu Antwerpen, Venedig und Genua wucherten längst mit dem Golde, das noch in den Schachten von Peru schlief. Indiens wegen hatte man die spanischen Länder entvölkert, Indiens Schätze an die Wiedereroberung Hollands, an das chimärische Projekt, die französische Thronfolge umzustoßen, an einen verunglückten Angriff auf England verschwendet. Aber der Stolz dieses Hofes hatte den Zeitpunkt seiner Größe, der Haß seiner Feinde seine Furchtbarkeit überlebt, und der Schrecken schien noch um die verlassene Höhle des Löwen zu schweben. Das Mißtrauen der Protestanten lieh dem Ministerium Philipps des Dritten die gefährliche Staatskunst seines Vaters, und bei den deutschen Katholiken bestand noch immer das Vertrauen auf spanische Hilfe, wie der Wunderglaube an die Knochen der Märtyrer. Aeußerliches Gepränge verbarg die Wunden, an denen diese Monarchie sich verblutete, und die Meinung von ihren Kräften blieb, weil sie den hohen Ton ihrer goldnen Tage fortführte. Sklaven zu Hause und Fremdlinge auf ihrem eigenen Thron, gaben die spanischen Schattenkönige ihren deutschen Verwandten Gesetze; und es ist erlaubt, zu zweifeln, ob der Beistand, den sie leisteten, die schimpfliche Abhängigkeit werth war, womit die deutschen Kaiser denselben erkaufen mußten. Hinter den Pyrenäen wurde von unwissenden Mönchen und ränkevollen Günstlingen Europens Schicksal gesponnen. Aber auch in ihrem tiefsten Verfalle mußte eine Macht furchtbar bleiben, die den ersten an Umfang nicht wich, die, wo nicht aus standhafter Politik, doch aus Gewohnheit demselben Staatssystem unverändert getreu blieb, die geübte Armeen und treffliche Generale besaß, die, wo der Krieg nicht zureichte, zu dem Dolche der Banditen griff und ihre öffentlichen Gesandten als Mordbrenner zu gebrauchen wußte. Was sie gegen drei Weltgegenden einbüßte, suchte sie gegen Osten wieder zu gewinnen, und Europa lag in ihrer Schlinge, wenn ihr der lang vorbereitete Anschlag gelang, zwischen den Alpen und dem adriatischen Meere mit den Erblanden Oesterreichs zusammenzufließen.

Zu großer Beunruhigung der dortigen Staaten hatte sich diese beschwerliche Macht in Italien eingedrungen, wo ihr fortgesetztes Streben nach Vergrößerung alle benachbarten Souveräns für ihre Besitzungen zittern machte. In der gefährlichsten Lage befand sich der Papst, den die spanischen Vicekönige zwischen Neapel und Mailand in die Mitte nahmen. Die Republik Venedig sah sich zwischen dem österreichischen Tirol und dem spanischen Mailand gepreßt; Savoyen kam zwischen eben diesem Lande und Frankreich ins Gedränge. Daher die wandelbare und zweideutige Politik, welche seit Karls des Fünften Tagen von den Staaten Italiens beobachtet wurde. Die doppelte Person, welche die Päpste vorstellten, erhielt sie schwankend zwischen zwei ganz widersprechenden Staatssystemen. Wenn der Nachfolger Petri in den spanischen Prinzen seine folgsamsten Söhne, die standhaftesten Vertheidiger seines Stuhls verehrte, so hatte der Fürst des Kirchenstaats in eben diesen Prinzen seine schlimmsten Nachbarn, seine gefährlichsten Gegner zu fürchten. Wenn dem Erstern keine Angelegenheit näher ging, als die Protestanten vertilgt und die österreichischen Waffen siegreich zu sehen, so hatte der Letztere Ursache, die Waffen der Protestanten zu segnen, die seinen Nachbar außer Stand setzten, ihm gefährlich zu werden. Das Eine oder das Andere behielt die Oberhand, je nachdem die Päpste mehr um ihre weltliche Macht oder um ihre geistliche Herrschaft bekümmert waren – im Ganzen aber richtete sich die römische Staatskunst nach der dringenderen Gefahr – und es ist bekannt, wie viel mächtiger die Furcht, ein gegenwärtiges Gut zu verlieren, das Gemüth zu bestimmen pflegt, als die Begierde, ein längst verlorenes wieder zu gewinnen. So wird es begreiflich, wie sich der Statthalter Christi mit dem österreichischen Hause zum Untergang der Ketzer, und wie sich eben dieser Statthalter Christi mit eben diesen Ketzern zum Untergang des österreichischen Hauses verschwören konnte. Bewundernswürdig verflochten ist der Faden der Weltgeschichte! Was möchte wohl aus der Reformation – was aus der Freiheit der deutschen Fürsten geworden sein, wenn der Bischof zu Rom und der Fürst zu Rom beständig ein Interesse gehabt hätten?

Frankreich hatte mit seinem vortrefflichen Heinrich seine ganze Größe und sein ganzes Gewicht auf der politischen Wage Europens verloren. Eine stürmische Minderjährigkeit zernichtete alle Wohlthaten der vorhergehenden kraftvollen Regierung. Unfähige Minister, Geschöpfe der Gunst und Intrigue, zerstreuten in wenigen Jahren die Schätze, welche Sullys Oekonomie und Heinrichs Sparsamkeit aufgehäuft hatten. Kaum vermögend, ihre erschlichene Gewalt gegen innere Faktionen zu behaupten, mußten sie es aufgeben, das große Steuer Europens zu lenken. Der nämliche Bürgerkrieg, welcher Deutschland gegen Deutschland bewaffnete, brachte auch Frankreich gegen Frankreich in Aufruhr, und Ludwig der Dreizehnte tritt seine Volljährigkeit nur an, um seine eigene Mutter und seine protestantischen Unterthanen zu bekriegen. Diese, durch Heinrichs erleuchtete Politik in Fesseln gehalten, greifen jetzt, durch die Gelegenheit aufgeweckt und von einigen unternehmenden Führern ermuntert, zum Gewehr, ziehen sich im Staat zu einem eignen Staat zusammen und bestimmen die feste und mächtige Stadt Rochelle zum Mittelpunkt ihres werdenden Reichs. Zu wenig Staatsmann, um durch eine weise Toleranz diesen Bürgerkrieg in der Geburt zu ersticken, und doch viel zu wenig Herr über die Kräfte seines Staats, um ihn mit Nachdruck zu führen, sieht sich Ludwig der Dreizehnte bald zu dem erniedrigenden Schritt gebracht, die Unterwerfung der Rebellen durch große Geldsummen zu erkaufen. So sehr ihm auch die Staatsklugheit rathen mochte, die Rebellen in Böhmen gegen Oesterreich zu unterstützen, so unthätig mußte Heinrichs des Vierten Sohn für jetzt noch ihrem Untergange zusehen, glücklich genug, wenn sich die Calvinisten in seinem Reiche ihrer Glaubensgenossen jenseits des Rheins nicht zur Unzeit erinnerten. Ein großer Geist am Ruder des Staats würde die Protestanten in Frankreich zum Gehorsam gebracht und ihren Brüdern in Deutschland die Freiheit erfochten haben; aber Heinrich der Vierte war nicht mehr, und erst Richelieu sollte seine Staatskunst wieder hervorrufen.

Indem Frankreich von der Höhe seines Ruhms wieder heruntersank, vollendete das freigewordene Holland den Bau seiner Größe. Noch war der begeisterte Muth nicht verraucht, der, von dem Geschlecht der Oranier entzündet, diese kaufmännische Nation in ein Heldenvolk verwandelt und sie fähig gemacht hatte, ihre Unabhängigkeit in einem mörderischen Kriege gegen das spanische Haus zu behaupten. Eingedenk, wie viel sie selbst bei ihrer Befreiung fremdem Beistande schuldig wären, brannten diese Republikaner von Begierde, ihren deutschen Brüdern zu einem ähnlichen Schicksal zu verhelfen, und dies um so mehr, da beide gegen den nämlichen Feind stritten und Deutschlands Freiheit der Freiheit Hollands zur besten Brustwehr diente. Aber eine Republik, die noch um ihr eigenes Dasein kämpfte, die mit den bewundernswürdigsten Anstrengungen einem überlegenen Feinde in ihrem eigenen Gebiete kaum gewachsen blieb, durfte ihre Kräfte der notwendigen Selbstvertheidigung nicht entziehen, um sie mit großmüthiger Politik für fremde Staaten zu verschwenden.

Auch England, obgleich unterdessen durch Schottland vergrößert, hatte unter seinem schwachen Jakob in Europa das Gewicht nicht mehr, welches ihm der Herrschergeist seiner Elisabeth zu verschaffen gewußt hatte. Ueberzeugt, daß die Wohlfahrt ihrer Insel an der Sicherheit der Protestanten befestigt sei, hatte sich diese staatskluge Königin nie von dem Grundsatz entfernt, jede Unternehmung zu befördern, die auf Verringerung der österreichischen Macht abzielte. Ihrem Nachfolger fehlte es sowohl an Geist, diesen Grundsatz zu fassen, als an Macht, ihn in Ausübung zu bringen. Wenn die sparsame Elisabeth ihre Schätze nicht schonte, um den Niederlanden gegen Spanien, Heinrich dem Vierten gegen die Wuth der Ligue beizuspringen, so überließ Jakob – Tochter, Enkel und Eidam der Willkür eines unversöhnlichen Siegers. Während daß dieser König seine Gelehrsamkeit erschöpfte, um den Ursprung der königlichen Majestät im Himmel aufzusuchen, ließ er die seinige auf Erden verfallen. Indem er seine Beredsamkeit anstrengte, um das unumschränkte Recht der Könige zu erweisen, erinnerte er die englische Nation an das ihrige und verscherzte durch eine unnütze Geldverschwendung sein wichtigstes Regal, das Parlament zu entbehren und der Freiheit ihre Stimme zu nehmen. Ein angebornes Grauen vor jeder bloßen Klinge schreckte ihn auch von dem gerechtesten Kriege zurück; sein Liebling Buckingham spielte mit seinen Schwächen, und seine selbstgefällige Eitelkeit machte es der spanischen Arglist leicht, ihn zu betrügen. Während daß man seinen Eidam in Deutschland zu Grunde richtete und das Erbtheil seiner Enkel an Andere verschenkte, zog dieser blödsinnige Fürst mit glückseligem Wohlgefallen den Weihrauch ein, den ihm Oesterreich und Spanien streuten. Um seine Aufmerksamkeit von dem deutschen Kriege abzulenken, zeigte man ihm eine Schwiegertochter in Madrid, und der spaßhafte Vater rüstete seinen abenteuerlichen Sohn selbst zu dem Gaukelspiel aus, mit welchem dieser seine spanische Braut überraschte. Die spanische Braut verschwand seinem Sohne, wie die böhmische Krone und der pfälzische Kurhut seinem Eidam, und nur der Tod entriß ihn der Gefahr, seine friedfertige Regierung mit einem Kriege zu beschließen, bloß weil er den Muth nicht gehabt hatte, ihn von weitem zu zeigen.

Die bürgerlichen Stürme, durch sein ungeschicktes Regiment vorbereitet, erwachten unter seinem unglücklichen Sohn und nöthigten diesen bald, nach einigen unerheblichen Versuchen, jedem Antheil an dem deutschen Kriege zu entsagen, um die Wuth der Faktionen in seinem eigenen Reiche zu löschen, von denen er endlich ein beklagenswertes Opfer ward.

Zwei verdienstvolle Könige, an persönlichem Ruhm einander zwar bei weitem nicht gleich, aber gleich an Macht und an Ruhmbegierde, setzten damals den europäischen Norden in Achtung. Unter der langen und thätigen Regierung Christians des Vierten wuchs Dänemark zu einer bedeutenden Macht empor. Die persönlichen Eigenschaften dieses Fürsten, eine vortreffliche Marine, auserlesene Truppen, wohlbestellte Finanzen und staatskluge Bündnisse vereinigten sich, diesem Staate einen blühenden Wohlstand von innen und Ansehen von außen zu verschaffen. Schweden hatte Gustav Wasa aus der Knechtschaft gerissen, durch eine weise Gesetzgebung umgestaltet und den neugeschaffene Staat zuerst an den Tag der Weltgeschichte hervorgezogen. Was dieser große Prinz nur im rohen Grundrisse andeutete, wurde durch seinen größern Enkel, Gustav Adolph, vollendet.

Beide Reiche, vormals in eine einzige Monarchie unnatürlich zusammengezwungen und kraftlos in dieser Vereinigung, hatten sich zu den Zeiten der Reformation gewaltsam von einander getrennt, und diese Trennung war die Epoche ihres Gedeihens. So schädlich sich jene gezwungene Vereinigung für beide Reiche erwiesen, so nothwendig war den getrennten Staaten nachbarliche Freundschaft und Harmonie. Auf beide stützte sich die evangelische Kirche, beide hatten dieselben Meere zu bewachen; ein Interesse hätte sie gegen denselben Feind vereinigen sollen. Aber der Haß. welcher die Verbindung beider Monarchien aufgelöst hatte, fuhr fort, die längst getrennten Nationen feindselig zu entzweien. Noch immer konnten die dänischen Könige ihren Ansprüchen auf das schwedische Reich nicht entsagen, Schweden das Andenken der vormaligen dänischen Tyrannei nicht verbannen. Die zusammenfließenden Grenzen beider Reiche boten der Nationalfeindschaft einen ewigen Zunder dar; die wachsame Eifersucht beider Könige und unvermeidliche Handelscollisionen in den nordischen Meeren ließen die Quelle des Streits nie versiegen.

Unter den Hilfsmitteln, wodurch Gustav Wasa, der Stifter des schwedischen Reichs, seiner neuen Schöpfung Festigkeit zu geben gesucht hatte, war die Kirchenreformation eines der wirksamsten gewesen. Ein Reichsgrundgesetz schloß die Anhänger des Papstthums von allen Staatsämtern aus und verbot jedem künftigen Beherrscher Schwedens, den Religionszustand des Reichs abzuändern. Aber schon Gustavs zweiter Sohn und zweiter Nachfolger, Johann, trat zu dem Papstthum zurück, und dessen Sohn Sigismund, zugleich König von Polen, erlaubte sich Schritte, welche zum Untergang der Verfassung und der herrschenden Kirche abzielten. Karln, Herzog von Südermannland, Gustavs dritten Sohn, an ihrer Spitze, thaten die Stände einen herzhaften Widerstand, woraus zuletzt ein offenbarer Bürgerkrieg zwischen dem Oheim und Neffen, zwischen dem König und der Nation sich entzündete. Herzog Karl, während der Abwesenheit des Königs Verweser des Reichs, benutzte Sigismunds lange Residenz in Polen und den gerechten Unwillen der Stände, die Nation sich aufs engste zu verbinden und seinem eigenen Hause unvermerkt den Weg zum Throne zu bahnen. Die schlechten Maßregeln Sigismunds beförderten seine Absicht nicht wenig. Eine allgemeine Reichsversammlung erlaubte sich, zum Vortheil des Reichsverwesers von dem Recht der Erstgeburt abzuweichen, welches Gustav Wasa in der schwedischen Thronfolge eingeführt hatte, und setzte den Herzog von Südermannland auf den Thron, von welchem Sigismund mit seiner ganzen Nachkommenschaft feierlich ausgeschlossen wurde. Der Sohn des neuen Königs, der unter dem Namen Karls des Neunten regierte, war Gustav Adolph, dem aus eben diesem Grunde die Anhänger Sigismunds, als dem Sohn eines Thronräubers, die Anerkennung versagten. Aber wenn die Verbindlichkeit zwischen König und Volk gegenseitig ist, wenn sich Staaten nicht wie eine todte Waare von einer Hand zur andern forterben, so muß es einer ganzen, einstimmig handelnden Nation erlaubt sein, einem eidbrüchigen Beherrscher ihre Pflicht aufzukündigen und seinen Platz durch einen Würdigern zu besetzen.

Gustav Adolph hatte das siebzehnte Jahr noch nicht vollendet, als der schwedische Thron durch den Tod seines Vaters erledigt wurde; aber die frühe Reife seines Geistes vermochte die Stände, den gesetzmäßigen Zeitraum der Minderjährigkeit zu seinem Vortheil zu verkürzen. Mit einem glorreichen Siege über sich selbst eröffnete er eine Regierung, die den Sieg zum beständigen Begleiter haben und siegend endigen sollte. Die junge Gräfin von Brahe, eine Tochter seines Unterthans, hatte die Erstlinge seines großen Herzens, und sein Entschluß war aufrichtig, den schwedischen Thron mit ihr zu theilen. Aber von Zeit und Umständen bezwungen, unterwarf sich seine Neigung der höhern Regentenpflicht, und die Heldentugend gewann wieder ausschließend ein Herz, das nicht bestimmt war, sich auf das stille häusliche Glück einzuschränken.

Christian der Vierte von Dänemark, König schon, ehe Gustav das Licht der Welt erblickte, hatte die schwedischen Grenzen angefallen und über den Vater dieses Helden wichtige Vortheile errungen. Gustav Adolph eilte, diesen verderblichen Krieg zu endigen, und erkaufte durch weise Aufopferungen den Frieden, um seine Waffen gegen den Czar von Moskau zu kehren. Nie versuchte ihn der zweideutige Ruhm eines Eroberers, das Blut seiner Völker in ungerechten Kriegen zu verspritzen; aber ein gerechter wurde nie von ihm verschmäht. Seine Waffen waren glücklich gegen Rußland, und das schwedische Reich sah sich mit wichtigen Provinzen gegen Osten vergrößert.

Unterdessen setzte König Sigismund von Polen gegen den Sohn die feindseligen Gesinnungen fort, wozu der Vater ihn berechtigt hatte, und ließ keinen Kunstgriff unversucht, die Unterthanen Gustav Adolphs in ihrer Treue wankend, seine Freunde kaltsinnig, seine Feinde unversöhnlich zu machen. Weder die großen Eigenschaften seines Gegners, noch die gehäuftesten Merkmale von Ergebenheit, welche Schweden seinem angebeteten Könige gab, konnten jenen verblendeten Fürsten von der thörichten Hoffnung heilen, den verloren Thron wieder zu besteigen. Alle Friedensvorschläge Gustavs wurden mit Uebermuth verschmäht. Unwillkürlich sah sich dieser friedliebende Held in einen langwierigen Krieg mit Polen verwickelt, in welchem nach und nach ganz Livland und Polnisch-Preußen der schwedischen Herrschaft unterworfen wurden. Immer Sieger, war Gustav Adolph immer der Erste bereit, die Hand zum Frieden zu bieten.

Dieser schwedisch-polnische Krieg fällt in den Anfang des dreißigjährigen in Deutschland, mit welchem er in Verbindung steht. Es war genug, daß König Sigismund, ein Katholik, die schwedische Krone einem protestantischen Prinzen streitig machte, um sich der thätigsten Freundschaft Spaniens und Oesterreichs versichert halten zu können; eine doppelte Verwandtschaft mit dem Kaiser gab ihm noch ein näheres Recht an seinen Schutz. Das Vertrauen auf eine so mächtige Stütze war es auch vorzüglich, was den König von Polen zur Fortsetzung eines Krieges aufmunterte, der sich so sehr zu seinem Nachtheil erklärte; und die Höfe zu Madrid und Wien unterließen nicht, ihn durch prahlerische Versprechungen bei gutem Muthe zu erhalten. Indem Sigismund in Livland, Kurland und Preußen einen Platz nach dem andern verlor, sah er seinen Bundesgenossen in Deutschland zu der nämlichen Zeit von Sieg zu Sieg der unumschränkten Herrschaft entgegeneilen – kein Wunder, wenn seine Abneigung gegen den Frieden in gleichem Verhältniß mit seinen Niederlagen stieg. Die Heftigkeit, mit der er seine chimärische Hoffnung verfolgte, verblendete ihm die Augen gegen die arglistige Politik seines Bundesgenossen, der auf seine Unkosten nur den schwedischen Helden beschäftigte, um desto ungestörter die Freiheit des deutschen Reichs umzustürzen und alsdann den erschöpften Norden als eine leichte Eroberung an sich zu reißen. Ein Umstand, auf den man allein nicht gerechnet hatte – Gustavs Heldengröße, zerriß das Gewebe dieser betrügerischen Staatskunst. Dieser achtjährige polnische Krieg, weit entfernt, die schwedische Macht zu erschöpfen, hatte bloß dazu gedient, das Feldherrngenie Gustav Adolphs zu zeitigen, in einer langen Fechtübung die schwedischen Heere zu stählen und unvermerkt die neue Kriegskunst in Gang zu bringen, durch welche sie nachher auf deutschem Boden Wunder thun sollten.

Nach dieser notwendigen Digression über den damaligen Zustand der europäischen Staaten sei mir erlaubt, den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen.

Seine Staaten hatte Ferdinand wieder, aber noch nicht den Aufwand, den ihre Wiedereroberung ihm gekostet hatte. Eine Summe von vierzig Millionen Gulden, welche die Confiscationen in Böhmen und Mähren in seine Hände brachten, würde hinreichend gewesen sein, ihm und seinen Alliierten alle Unkosten zu vergüten; aber diese unermeßliche Summe war bald in den Händen der Jesuiten und seiner Günstlinge zerronnen. Herzog Maximilian von Bayern, dessen siegreichem Arme der Kaiser fast allein den Besitz seiner Staaten verdankte, der, um seiner Religion und seinem Kaiser zu dienen, einen nahen Verwandten aufgeopfert hatte, Maximilian hatte die gegründetsten Ansprüche auf seine Dankbarkeit; und in einem Vertrage, den der Herzog noch vor dem Ausbruch des Kriegs mit dem Kaiser schloß, hatte er sich ausdrücklich den Ersatz aller Unkosten ausbedungen. Ferdinand fühlte die ganze Verbindlichkeit, welche dieser Vertrag und jene Dienste ihm auflegten; aber er hatte nicht Lust, sie mit eigenem Verlust zu erfüllen. Seine Absicht war, den Herzog auf das glänzendste zu belohnen, aber ohne sich selbst zu berauben. Wie konnte dieses besser geschehen, als auf Unkosten desjenigen Fürsten, gegen welchen ihm der Krieg dieses Recht zu geben schien, dessen Vergehungen schwer genug abgeschildert werden konnten, um jede Gewalttätigkeit durch das Ansehen der Gesetze zu rechtfertigen? Friedrich mußte also weiter verfolgt, Friedrich zu Grunde gerichtet werden, damit Maximilian belohnt werden könnte, und ein neuer Krieg ward eröffnet, um den alten zu bezahlen.

Aber ein ungleich wichtigerer Beweggrund kam hinzu, das Gewicht dieses erstern zu verstärken. Bis hieher hatte Ferdinand bloß für seine Existenz gefochten und keine andern Pflichten, als die der Selbstvertheidigung, erfüllt. Jetzt aber, da der Sieg ihm Freiheit zu handeln gab, gedachte er seiner vermeintlich höheren Pflichten und erinnerte sich an das Gelübde, das er zu Loretto und Rom seiner Generalissima, der heiligen Jungfrau, gethan, mit Gefahr seiner Kronen und seines Lebens ihre Verehrung auszubreiten. Die Unterdrückung der Protestanten war mit diesem Gelübde unzertrennlich verknüpft. Günstigere Umstände konnten sich zu Erfüllung desselben nicht vereinigen, als sich jetzt nach Endigung des böhmischen Kriegs beisammen fanden. Die pfälzischen Lande in katholische Hände zu bringen, fehlte es ihm weder an Macht noch an einem Schein des Rechts, und unübersehlich wichtig waren die Folgen dieser Veränderung für das ganze katholische Deutschland. Indem er den Herzog von Bayern mit dem Raube seines Verwandten belohnte, befriedigte er zugleich seine niedrigsten Begierden und erfüllte seine erhabenste Pflicht: er zermalmte einen Feind, den er haßte; er ersparte seinem Eigennutz ein schmerzhaftes Opfer, indem er sich die himmlische Krone verdiente.

Friedrichs Untergang war längst im Cabinet des Kaisers beschlossen, ehe das Schicksal sich gegen ihn erklärte; aber erst, nachdem dieses Letzte geschehen war, wagte man es, diesen Donner der willkürlichen Gewalt gegen ihn zu schleudern. Ein Schluß des Kaisers, dem alle Formalitäten fehlten, welche die Reichsgesetze in einem solchen Falle nothwendig machen, erklärte den Kurfürsten und drei andere Prinzen, welche in Schlesien und Böhmen für ihn die Waffen geführt hatten, als Beleidiger der kaiserlichen Majestät und Störer des Landfriedens in die Reichsacht und aller ihrer Würden und Länder verlustig. Die Vollstreckung dieser Sentenz gegen Friedrich, nämlich die Eroberung seiner Länder, wurde, mit einer ähnlichen Verspottung der Reichsgesetze, der Krone Spanien, als Besitzerin des burgundischen Kreises, dem Herzog von Bayern und der Ligue aufgetragen. Wäre die evangelische Union des Namens werth gewesen, den sie trug, und der Sache, die sie vertheidigte, so würde man bei Vollstreckung der Reichsacht unüberwindliche Hindernisse gefunden haben; aber eine so verächtliche Macht, die den spanischen Truppen in der Unterpfalz kaum gewachsen war, mußte es aufgeben, gegen die vereinigte Macht des Kaisers, Bayerns und der Ligue zu streiten. Das Urtheil der Reichsacht, welches über den Kurfürsten ausgesprochen war, scheuchte sogleich alle Reichsstädte von dem Bündniß hinweg, und die Fürsten folgen bald ihrem Beispiele. Glücklich genug, ihre eigenen Länder zu retten, überließen sie den Kurfürsten, ihr ehemaliges Oberhaupt, der Willkür des Kaisers, schwuren die Union ab und gelobten, sie nie wieder zu erneuern.

Unrühmlich hatten die deutschen Fürsten den unglücklichen Friedrich verlassen, Böhmen, Schlesien und Mähren der furchtbaren Macht des Kaisers gehuldigt; ein einziger Mann, ein Glücksritter, dessen ganzer Reichthum sein Degen war, Ernst Graf von Mannsfeld, wagte es, in der böhmischen Stadt Pilsen der ganzen Macht des Kaisers zu trotzen. Von dem Kurfürsten, dem er seine Dienste gewidmet hatte, nach der Prager Schlacht ohne alle Hilfe gelassen, unwissend sogar, ob ihm Friedrich seine Beharrlichkeit dankte, hielt er noch eine Zeitlang allein gegen die Kaiserlichen Stand, bis seine Truppen, von der Geldnoth getrieben, die Stadt Pilsen an den Kaiser verkauften; von diesem Schlage nicht erschüttert, sah man ihn bald darauf in der Oberpfalz neue Werbeplätze anlegen, um die Truppen an sich zu ziehen, welche die Union verabschiedet hatte. Ein neues, zwanzigtausend Mann starkes Heer entstand in kurzem unter seinen Fahnen, um so furchtbarer für alle Provinzen, auf die es sich warf, weil es durch Raub allein sich erhalten konnte. Unwissend, wohin dieser Schwarm stürzen würde, zitterten schon alle benachbarten Bisthümer, deren Reichthum ihn anlocken konnte. Aber ins Gedränge gebracht von dem Herzog von Bayern, der als Vollstrecker der Reichsacht in die Oberpfalz eindrang, mußte Mannsfeld aus dieser Gegend entweichen. Durch einen glücklichen Betrug dem nacheilenden bayerischen General Tilly entsprungen, erschien er auf einmal in der Unterpfalz und übte dort an den rheinischen Bisthümern die Mißhandlungen aus, die er den fränkischen zugedacht hatte. Während daß die kaiserlich-bayerische Armee Böhmen überschwemmte, war der spanische General Ambros Spinola von den Niederlanden aus mit einem ansehnlichen Heer in die Unterpfalz eingefallen, welche der Ulmer Vergleich der Union zu vertheidigen erlaubte. Aber die Maßregeln waren so schlecht genommen, daß ein Platz nach dem andern in spanische Hände fiel und endlich, als die Union auseinander gegangen war, der größte Theil des Landes von spanischen Truppen besetzt blieb. Der spanische General Corduba, welcher diese Truppen nach dem Abzug des Spinola befehligte, hob eiligst die Belagerung Frankenthals auf, als Mannsfeld in die Unterpfalz eintrat. Aber anstatt die Spanier aus dieser Provinz zu vertreiben, eilte dieser über den Rhein, um seinen bedürftigen Truppen in dem Elsaß ein Fest zu bereiten. Zur fürchterlichsten Einöde wurden alle offnen Länder, über welche sich dieser Räuberschwarm ergoß, und nur durch ungeheure Summen konnten sich die Städte von der Plünderung loskaufen. Gestärkt von diesem Zuge, zeigte sich Mannsfeld wieder am Rhein, die Unterpfalz zu decken.

So lange ein solcher Arm für ihn stritt, war Kurfürst Friedrich nicht unrettbar verloren. Neue Aussichten fingen an, sich ihm zu zeigen, und das Unglück weckte ihm Freunde auf, die ihm in seinem Glücke geschwiegen hatten. König Jakob von England, der gleichgültig zugesehen hatte, wie sein Eidam die böhmische Krone verlor, erwachte aus seiner Fühllosigkeit, da es die ganze Existenz seiner Tochter und seiner Enkel galt und der siegreiche Feind einen Angriff auf die Kurlande wagte. Spät genug öffnete er jetzt seine Schätze und eilte, die Union, die damals die Unterpfalz noch vertheidigte, und, als diese dahin war, den Grafen von Mannsfeld mit Geld und Truppen zu unterstützen. Durch ihn wurde auch sein naher Anverwandter, König Christian von Dänemark, zu thätiger Hilfe aufgefordert. Der ablaufende Stillstand zwischen Spanien und Holland beraubte zugleich den Kaiser alles Beistandes, den er von den Niederlanden aus zu erwarten gehabt hätte. Wichtiger als alles dieses war die Hilfe, die dem Pfalzgrafen von Siebenbürgen und Ungarn aus erschien. Der Stillstand Gabors mit dem Kaiser war kaum zu Ende, als dieser furchtbare alte Feind Oesterreichs Ungarn aufs neue überschwemmte und sich in Preßburg zum König krönen ließ. Reißend schnell waren seine Fortschritte, daß Boucquoi Böhmen verlassen mußte, um Ungarn und Oesterreich gegen Gaborn zu vertheidigen. Dieser tapfere General fand bei der Belagerung von Neuhäusel seinen Tod; schon vorher war der eben so tapfere Dampierre vor Preßburg geblieben. Unaufgehalten drang Gabor an die österreichische Grenze vor; der alte Graf von Thurn und mehrere geächtete Böhmen hatten ihren Haß und ihren Arm mit diesem Feind ihres Feindes vereinigt. Ein nachdrücklicher Angriff von deutscher Seite, während daß Gabor den Kaiser von Ungarn aus bedrängte, hätte Friedrichs Glück schnell wiederherstellen können; aber immer hatten die Böhmen und die Deutschen die Waffen aus den Händen gelegt, wenn Gabor ins Feld rückte; immer hatte sich dieser Letztere erschöpft, wenn jene anfingen, sich zu erholen.

Friedrich hatte indessen nicht gesäumt, sich seinem neuen Beschützer Mannsfeld in die Arme zu werfen. Verkleidet erschien er in der Unterpfalz, um welche Mannsfeld und der bayerische General Tilly sich rissen; die Oberpfalz hatte man längst überwältigt. Ein Strahl von Hoffnung ging ihm auf, als aus den Trümmern der Union neue Freunde für ihn erstanden. Markgraf Georg Friedrich von Baden, ein ehemaliges Mitglied derselben, fing seit einiger Zeit an, eine Kriegsmacht zusammenzuziehen, welche sich bald zu einem ansehnlichen Heere vermehrte. Niemand wußte, wem es galt, als er unversehens ins Feld rückte und sich mit dem Grafen Mannsfeld vereinigte. Seine Markgrafschaft hatte er, ehe er in den Krieg zog, seinem Sohne abgetreten, um sie durch diesen Kunstgriff der Rache des Kaisers zu entziehen, wenn das Glück etwas Menschliches über ihn verhängen sollte. Auch der benachbarte Herzog von Wirtenberg fing an, seine Kriegsmacht zu verstärken. Dem Pfalzgrafen wuchs dadurch der Muth, und er arbeitete mit allem Ernste daran, die Union wieder ins Leben zu rufen. Jetzt war die Reihe an Tilly, auf seine Sicherheit zu denken. In größter Eile zog er die Truppen des spanischen Generals Corduba an sich. Aber indem der Feind seine Macht vereinigte, trennten sich Mannsfeld und der Markgraf von Baden, und der Letztere wurde von dem bayerischen General bei Wimpfen geschlagen (1622).

Ein Aventurier ohne Geld, dem man selbst die rechtmäßige Geburt streitig machte, hatte sich zum Vertheidiger eines Königs aufgestellt, den einer seiner nächsten Verwandten zu Grunde richtete und der Vater seiner Gemahlin im Stich ließ. Ein regierender Prinz begab sich seiner Länder, die er ruhig beherrschte, um für einen andern, der ihm fremd war, das ungewisse Glück des Krieges zu versuchen. Ein neuer Glücksritter, an Staaten arm, desto reicher an glorreichen Ahnen, übernimmt nach ihm die Verteidigung einer Sache, welche jener auszuführen verzweifelte. Herzog Christian von Braunschweig, Administrator von Halberstadt, glaubte dem Grafen von Mannsfeld das Geheimniß abgelernt zu haben, eine Armee von zwanzigtausend Mann ohne Geld auf den Beinen zu erhalten. Von jugendlichem Uebermuthe getrieben und voll Begierde, sich auf Kosten der katholischen Geistlichkeit, die er ritterlich haßte, einen Namen zu machen und Beute zu erwerben, versammelte er in Niedersachsen ein beträchtliches Heer, welchem die Verteidigung Friedrichs und der deutschen Freiheit den Namen leihen mußte. Gottes Freund und der Pfaffen Feind war der Wahlspruch, den er auf seinen Münzen von eingeschmolzenem Kirchensilber führte, und dem er durch seine Thaten keine Schande machte.

Der Weg, den diese Räuberbande nahm, war wie gewöhnlich mit der schrecklichsten Verheerung bezeichnet. Durch Plünderung der niedersächsischen und westphälischen Stifter sammelte sie Kräfte, die Bisthümer am Oberrhein zu plündern. Von Freund und Feind dort vertrieben, näherte sich der Administrator bei der Mainzischen Stadt Höchst dem Mainstrome, den er nach einem mörderischen Gefechte mit Tilly, der ihm den Uebergang streitig machen wollte, passierte. Mit Verlust seines halben Heers erreichte er das jenseitige Ufer, wo er den Ueberrest seiner Treppen schnell wieder sammelte und mit demselben zu dem Grafen von Mannsfeld stieß. Verfolgt von Tilly, stürzte sich dieser vereinigte Schwarm zum zweitenmal über das Elsaß, um die Verwüstungen nachzuholen, die bei dem ersten Einfall unterblieben waren. Während daß der Kurfürst Friedrich, nicht viel anders als ein flüchtiger Bettler, mit dem Heere herumzog, das ihn als seinen Herrn erkannte und mit seinem Namen sich schmückte, waren seine Freunde geschäftig, ihn mit dem Kaiser zu versöhnen. Ferdinand wollte diesen noch nicht alle Hoffnung benehmen, den Pfalzgrafen wieder eingesetzt zu sehen. Voll Arglist und Verstellung, zeigte er sich bereitwillig zu Unterhandlungen, wodurch er ihren Eifer im Felde zu erkälten und das Aeußerste zu verhindern hoffte. König Jakob, das Spiel der österreichischen Arglist, wie immer, [verkennend,] trug durch seine thörichte Geschäftigkeit nicht wenig dazu bei, die Maßregeln des Kaisers zu unterstützen. Vor allem verlangte Ferdinand, daß Friedrich die Waffen von sich legte, wenn er an die Gnade des Kaisers appelliere, und Jakob fand diese Forderung äußerst billig. Auf sein Geheiß ertheilte der Pfalzgraf seinen einzigen wahren Beschützern, dem Grafen von Mannsfeld und dem Administrator, den Abschied und erwartete in Holland sein Schicksal von der Barmherzigkeit des Kaisers.

Mannsfeld und Herzog Christian waren bloß eines neuen Namens wegen verlegen; die Sache des Pfalzgrafen hatte sie nicht in Rüstung gesetzt, also konnte sein Abschied sie nicht entwaffnen. Der Krieg war ihr Zweck, gleich viel, für wessen Sache sie kriegten. Nach einem vergeblichen Versuch des Grafen Mannsfeld, in die Dienste des Kaisers zu treten, zogen sich Beide nach Lothringen, wo die Ausschweifungen ihrer Truppen bis in das innerste Frankreich Schrecken verbreiteten. Eine Zeit lang harrten sie hier vergebens auf einen Herrn, der sie dingen sollte, als die Holländer, von dem spanischen General Spinola bedrängt, ihnen Dienste anboten. Nach einem mörderischen Gefechte bei Fleurus mit den Spaniern, die ihnen den Weg verlegen wollten, erreichten sie Holland, wo ihre Erscheinung den spanischen General sogleich vermochte, die Belagerung von Bergen op Zoom aufzuheben. Aber auch Holland war dieser schlimmen Gäste bald müde und benutzte den ersten Augenblick von Erholung, sich ihres gefährlichen Beistandes zu entledigen. Mannsfeld ließ seine Truppen in der fetten Provinz Ostfriesland zu neuen Thaten sich stärken. Herzog Christian, voll Leidenschaft für die Pfalzgräfin, die er in Holland hatte kennen lernen, und kriegslustiger als je, führte die seinigen nach Niedersachsen zurück, den Handschuh dieser Prinzessin auf seinem Hut, und die Devise: Alles für Gott und sie! auf seinen Fahnen. Beide hatten ihre Rolle in diesem Kriege noch lange nicht geendigt.

Alle kaiserlichen Staaten waren jetzt endlich von Feinden gereinigt, die Union aufgelöst, der Markgraf von Baden, Graf Mannsfeld und Herzog Christian aus dem Felde geschlagen und die pfälzischen Lande von den Truppen der Reichsexecution überschwemmt. Mannheim und Heidelberg hatten die Bayern im Besitze, und bald wurde auch Frankenthal den Spaniern geräumt. In einem Winkel von Holland harrte der Pfalzgraf auf die schimpfliche Erlaubniß, durch einen Fußfall den Zorn des Kaisers versöhnen zu dürfen; und ein sogenannter Kurfürstentag zu Regensburg sollte endlich sein Schicksal bestimmen. Längst war dieses am Hofe des Kaisers entschieden; aber jetzt erst waren die Umstände günstig genug, mit dieser ganzen Entscheidung an das Licht hervorzutreten. Nach allem dem, was bis jetzt von dem Kaiser gegen den Kurfürsten geschehen war, glaubte Ferdinand keine aufrichtige Versöhnung mehr hoffen zu können. Nur indem man die Gewalttätigkeit vollendete, glaubte man sie unschädlich zu machen. Verloren mußte also bleiben, was verloren war; Friedrich durfte seine Länder nicht wieder sehen, und ein Fürst ohne Land und Volk konnte den Kurhut nicht mehr tragen. So schwer sich der Pfalzgraf gegen das Haus Oesterreich verschuldet hatte, so ein herrliches Verdienst hatte sich der Herzog von Bayern um dasselbe erworben. So viel das Haus Oesterreich und die katholische Kirche von der Rachbegierde und dem Religionshaß des pfälzischen Hauses zu fürchten haben mochten, so viel hatten beide von der Dankbarkeit und dem Religionseifer des bayerischen zu hoffen. Endlich wurde, durch Uebertragung der pfälzischen Kurwürde an Bayern, der katholischen Religion das entschiedenste Uebergewicht im Kurfürstenrathe und ein bleibender Sieg in Deutschland versichert.

Dieses Letzte war genug. die drei geistlichen Kurfürsten dieser Neuerung günstig zu machen; unter den protestantischen war nur die einzige Stimme Kursachsens wichtig. Konnte aber Johann Georg dem Kaiser ein Recht streitig machen, ohne welches er sein eigenes an den Kurhut dem Zweifel aussetzte? Einem Fürsten zwar, den seine Abkunft, seine Würde und seine Macht an die Spitze der protestantischen Kirche in Deutschland stellten, hätte, wie es schien, nichts heiliger sein sollen, als die Rechte dieser Kirche gegen alle Angriffe der katholischen zu behaupten; aber die Frage war jetzt nicht sowohl, wie man das Interesse der protestantischen Religion gegen die Katholiken wahrnehmen, sondern welcher von zwei gleich gehaßten Religionen, der calvinischen oder der päpstlichen, man den Sieg über die andere gönnen, welchem von zwei gleich schlimmen Feinden man die pfälzische Kur zusprechen sollte; und im Gedränge zwischen zwei entgegengesetzten Pflichten war es ja wohl natürlich – dem Privathaß und dem Privatnutzen den Ausschlag heimzustellen. Der geborne Beschützer der deutschen Freiheit und der protestantischen Religion ermunterte den Kaiser, über die pfälzische Kur nach kaiserlicher Machtvollkommenheit zu verfügen und sich im geringsten nicht irren zu lassen, wenn man von Seiten Kursachsens, der Form wegen, sich seinen Maßregeln entgegensetzen sollte. Wenn Johann Georg in der Folge mit seiner Einwilligung zurückhielt, so hatte Ferdinand selbst durch Vertreibung der evangelischen Prediger aus Böhmen zu dieser Sinnesänderung Anlaß gegeben; und die Belehnung Bayerns mit der pfälzischen Kur hörte auf, eine gesetzwidrige Handlung zu sein, sobald der Kaiser sich dazu verstand, dem Kurfürsten von Sachsen für eine Rechnung von sechs Millionen Thaler Kriegskosten die Lausitz einzuräumen.

Ferdinand belehnte also, mit Widerspruch des ganzen protestantischen Deutschlands, mit Verspottung der Reichsgrundgesetze, die er in der Wahlkapitulation beschworen, den Herzog von Bayern zu Regensburg feierlich mit der pfälzischen Kur, doch, wie es hieß, uubeschadet der Ansprüche, welche die Agnaten und Nachkommen Friedrichs darauf geltend machen möchten. Dieser unglückliche Fürst sah sich jetzt unwiderruflich aus dem Besitz seiner Staaten vertrieben, ohne vor dem Gerichte, das ihn verdammte, zuvor gehört worden zu sein, eine Gerechtigkeit, welche die Gesetze auch dem geringsten Unterthan, auch dem schwärzesten Verbrecher vergönnen.

Dieser gewaltsame Schritt öffnete endlich dem König von England die Augen, und da um eben diese Zeit die Unterhandlungen zerrissen wurden, welche wegen einer Heirath seines Sohnes mit einer spanischen Tochter angesponnen waren, so nahm endlich Jakob mit Lebhaftigkeit die Partei seines Eidams. Eine Revolution im französischen Ministerium hatte den Cardinal Richelieu zum Herrn der Geschäfte gemacht, und dieses tiefgesunkene Königreich fing bald an zu fühlen, daß ein Mann an seinem Ruder saß. Die Bewegungen des spanischen Statthalters in Mailand, sich des Veltlins zu bemächtigen, um von hier aus einen Vereinigungspunkt mit den Erbstaaten Oesterreichs zu finden, erweckten wieder die alte Furcht vor dieser Macht und mit ihr die Staatsmaximen Heinrichs des Großen. Eine Heirath des Prinzen von Wallis mit Henrietten von Frankreich stiftete zwischen diesen beiden Kronen eine engere Vereinigung, zu welcher auch Holland, Dänemark und einige Staaten Italiens traten. Der Entwurf wurde gemacht, Spanien mit gewaffneter Hand zur Herausgabe des Veltlins, und Oesterreich zur Wiederherstellung Friedrichs zu zwingen; aber nur für das Erste wurde einige Thätigkeit gezeigt. Jakob der Erste starb, und Karl der Erste, im Streit mit seinem Parlamente, konnte den Angelegenheiten Deutschlands keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Savoyen und Venedig hielten ihren Beistand zurück, und der französische Minister glaubte die Hugenotten in seinem Vaterlande erst unterwerfen zu müssen, ehe er es wagen dürfte, die Protestanten in Deutschland gegen den Kaiser zu beschützen. So große Hoffnungen man von dieser Allianz geschöpft hatte, so wenig entsprach ihnen der Erfolg.

Graf Mannsfeld, von aller Hilfe entblößt, stand unthätig am Unterrhein, und Herzog Christian von Braunschweig sah sich nach einem verunglückten Feldzug aufs neue vom deutschen Boden vertrieben. Ein abermaliger Einfall Bethlen Gabors in Mähren hatte sich, weil er von Deutschland aus nicht unterstützt wurde, fruchtlos, wie alle vorigen, in einen förmlichen Frieden mit dem Kaiser geendigt. Die Union war nicht mehr, kein protestantischer Fürst mehr unter den Waffen, und an den Grenzen von Niederdeutschland stand der bayerische General Tilly mit einem sieggewohnten Heer auf protestantischem Boden. Die Bewegungen Herzog Christians von Braunschweig hatten ihn nach dieser Gegend und einmal schon in den niedersächsischen Kreis gezogen, wo er Lippstadt, den Waffenplatz des Administrators, überwältigte. Die Notwendigkeit, diesen Feind zu beobachten und von neuen Einfällen abzuhalten, sollte auch noch jetzt seinen Aufenthalt auf diesem Boden rechtfertigen. Aber Mannsfeld und Christian hatten aus Geldmangel ihre Heere entlassen, und die Armee des Grafen Tilly sah weit und breit keinen Feind mehr. Warum belästigte sie noch das Land, in dem sie stand?

Schwer ist es, aus dem Geschrei erhitzter Parteien die Stimme der Wahrheit zu unterscheiden – aber bedenklich war es, daß die Ligue sich nicht entwaffnete. Das voreilige Frohlocken der Katholiken mußte die Bestürzung vermehren. Der Kaiser und die Ligue standen gewaffnet und siegreich in Deutschland, und nirgends eine Macht, die ihnen Widerstand leisten konnte, wenn sie einen Versuch wagen sollten, die protestantischen Stände anzufallen, oder gar den Religionsfrieden umzustürzen. Wenn Kaiser Ferdinand auch wirklich von dem Gedanken weit entfernt war, seine Siege zu mißbrauchen, so mußte die Wehrlosigkeit der Protestanten den ersten Gedanken in ihm aufwecken. Veraltete Verträge konnten kein Zügel für einen Fürsten sein, der seiner Religion alles schuldig zu sein glaubte und jede Gewalttätigkeit durch die religiöse Absicht für geheiligt hielt. Oberdeutschland war überwältigt, und Niederdeutschland allein konnte seiner Alleingewalt noch im Wege stehen. Hier waren die Protestanten die herrschende Macht, hier waren der katholischen Kirche die meisten Stifter entrissen worden, und der Zeitpunkt schien jetzt gekommen zu sein, diese verlornen Besitzungen wieder an die Kirche zurückzubringen. In diesen von den niederdeutschen Fürsten eingezogenen Stiftern bestand zugleich ein nicht geringer Theil ihrer Macht, und der Kirche zu dem Ihrigen zu verhelfen, gab zugleich einen trefflichen Vorwand her, diese Fürsten zu schwächen.

Unverzeihliche Sorglosigkeit würde es gewesen sein, in dieser gefahrvollen Lage sich müßig zu verhalten. Das Andenken an die Gewaltthätigkeiten, die das Tilly'sche Heer in Niedersachsen ausgeübt hatte, war noch zu neu, um die Stände nicht zu ihrer Selbstvertheidigung zu ermuntern. In möglichster Eilfertigkeit bewaffnete sich der niedersächsische Kreis. Außerordentliche Kriegssteuern wurden gehoben, Truppen geworben und Magazine angefüllt. Man unterhandelte mit Venedig, mit Holland, mit England wegen Subsidien. Man berathschlagte, welche Macht man an die Spitze des Bundes stellen sollte. Die Könige des Sundes und des baltischen Meers, natürliche Bundesgenossen dieses Kreises, konnten nicht gleichgültig zusehen, wenn ihn der Kaiser als Eroberer betreten und an den Küsten der nordischen Meere ihr Nachbar werden sollte. Das doppelte Interesse der Religion und der Staatsklugheit forderte sie auf, die Fortschritte dieses Monarchen in Niederdeutschland zu begrenzen. Christian der Vierte, König von Dänemark, zählte sich als Herzog von Holstein selbst zu den Ständen dieses Kreises; durch gleich starke Gründe wurde Gustav Adolph von Schweden zu einem Antheil an diesem Bündniß bewogen.

Beide Könige bewarben sich wetteifernd um die Ehre, den niedersächsischen Kreis zu vertheidigen und die furchtbare österreichische Macht zu bekriegen. Jeder bot sich an, eine wohlgerüstete Armee anzustellen und in eigener Person anzuführen. Siegreiche Feldzüge gegen Moskau und Polen gaben dem Versprechen des schwedischen Königs Nachdruck; die ganze Küste des Belt war von dem Namen Gustav Adolphs erfüllt. Aber der Ruhm dieses Nebenbuhlers nagte am Herzen des dänischen Königs, und je mehr Lorbeern er sich selbst in diesem Feldzuge versprach, desto weniger konnte Christian der Vierte es von sich erhalten, sie seinem beneideten Nachbar zu gönnen. Beide brachten ihre Vorschläge und Bedingungen vor das englische Ministerium, wo es endlich Christian dem Vierten gelang, seinen Mitwerber zu überbieten. Gustav Adolph forderte zu seiner Sicherheit die Einräumung einiger festen Plätze in Deutschland, wo er selbst keinen Fuß breit Landes besaß, um seinen Truppen im Fall eines Unglücks die nöthige Zuflucht zu gewähren. Christian der Vierte hatte Holstein und Jütland, durch welche Länder er sich nach einer verlornen Schlacht sicher zurückziehen konnte.

Um seinem Nebenbuhler den Rang abzulaufen, eilte der König von Dänemark, sich im Felde zu zeigen. Zum Obersten des niedersächsischen Kreises ernannt, hatte er in kurzem ein sechstausend Mann starkes Heer auf den Beinen; der Administrator von Magdeburg, die Herzoge von Braunschweig, die Herzoge von Mecklenburg traten mit ihm in Verbindung. Der Beistand, zu welchem England Hoffnung gemacht hatte, erhöhte seinen Muth, und mit einer solchen Macht ausgerüstet, schmeichelte er sich, diesen Krieg in einem Feldzuge zu endigen. Nach Wien berichtete man, daß die Bewaffnung nur zur Absicht habe, den Kreis zu vertheidigen und die Ruhe in dieser Gegend aufrecht zu erhalten. Aber die Unterhandlungen mit Holland, mit England, selbst mit Frankreich, die außerordentlichen Anstrengungen des Kreises und die furchtbare Armee, welche man aufstellte, schienen etwas mehr als bloße Verteidigung, schienen die gänzliche Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz und die Demüthigung des zu mächtig gewordenen Kaisers zum Endzweck zu haben.

Nachdem der Kaiser Unterhandlungen, Ermahnungen, Drohungen und Befehle fruchtlos erschöpft hatte, den König von Dänemark und den niedersächsischen Kreis zu Niederlegung der Waffen zu vermögen, fingen die Feindseligkeiten an, und Niederdeutschland wurde nun der Schauplatz des Krieges. Graf Tilly folgte dem linken Ufer des Weserstroms und bemächtigte sich aller Pässe bis Minden; nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf Nienburg und seinem Uebergange über den Strom, überschwemmte er das Fürstentum Calemberg und ließ es durch seine Truppen besetzen. Am rechten Ufer der Weser agierte der König und verbreitete sich in den braunschweigischen Landen. Aber durch zu starke Detachements hatte er sein Hauptheer geschwächt, daß er mit dem Ueberrest nichts Erhebliches ausrichten konnte. Der Ueberlegenheit seines Gegners bewußt, vermied er eben so sorgfältig eine entscheidende Schlacht, als der liguistische Feldherr sie suchte.

Bisher hatte der Kaiser bloß mit den Waffen Bayerns und der Ligue in Deutschland gestritten, wenn man die spanisch-niederländischen Hilfsvölker ausnimmt, welche die Unterpfalz überfielen. Maximilian führte den Krieg als Oberster der Reichsexecution, und Tilly, der sie befehligte, war ein bayerischer Diener. Alle seine Ueberlegenheit im Felde hatte der Kaiser den Waffen Bayerns und der Ligue zu danken; diese hatten also sein ganzes Glück und Ansehen in Händen. Diese Abhängigkeit von dem guten Willen Bayerns und der Ligue vertrug sich nicht mit den weit aussehenden Entwürfen, denen man nach einem so glänzenden Anfang am kaiserlichen Hofe Raum zu geben begann.

So bereitwillig die Ligue sich gezeigt hatte, die Verteidigung des Kaisers zu übernehmen, an welcher ihre eigene Wohlfahrt befestigt war, so wenig war zu erwarten, daß sie diese Bereitwilligkeit auch auf die kaiserlichen Eroberungsplane erstrecken würde. Oder wenn sie auch ihre Armeen künftig zu Eroberungen hergab, so war zu fürchten, daß sie mit dem Kaiser nichts als den allgemeinen Haß theilen würde, um für sich allein alle Vortheile davon zu ernten. Nur eine ansehnliche Heeresmacht, von ihm selbst aufgestellt, konnte ihn dieser drückenden Abhängigkeit von Bayern überheben und ihm seine bisherige Ueberlegenheit in Deutschland behaupten helfen. Aber der Krieg hatte die kaiserlichen Lande viel zu sehr erschöpft, um die unermeßlichen Kosten einer solchen Kriegsrüstung bestreiten zu können. Unter diesen Umständen konnte dem Kaiser nichts willkommner sein, als der Antrag, womit einer seiner Officiere ihn überraschte.

Graf Wallenstein war es, ein verdienter Officier, der reichste Edelmann in Böhmen. Er hatte dem kaiserlichen Hause von früher Jugend an gedient und sich in mehreren Feldzügen gegen Türken, Venetianer, Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen auf das rühmlichste ausgezeichnet. Der Prager Schlacht hatte er als Oberster beigewohnt und nachher als Generalmajor eine ungarische Armee in Mähren geschlagen. Die Dankbarkeit des Kaisers kam diesen Diensten gleich, und ein beträchtlicher Theil der nach dem böhmischen Aufruhr confiscierten Güter war seine Belohnung. Im Besitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuversicht auf seine glücklichen Sterne und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumstände, erbot er sich, für den Kaiser, auf eigene und seiner Freunde Kosten, eine Armee auszurüsten und völlig zu bekleiden, ja selbst die Sorge für ihren Unterhalt dem Kaiser zu ersparen, wenn ihm gestattet würde, sie bis auf fünfzigtausend Mann zu vergrößern. Niemand war, der diesen Vorschlag nicht als die chimärische Geburt eines brausenden Kopfes verlachte – aber der Versuch war noch immer reichlich belohnt, wenn auch nur ein Theil des Versprechens erfüllt würde. Man überließ ihm einige Kreise in Böhmen zu Musterplätzen und fügte die Erlaubniß hinzu, Officiersstellen zu vergeben. Wenige Monate, so standen zwanzigtausend Mann unter den Waffen, mit welchen er die österreichischen Grenzen verließ; bald darauf erschien er schon mit dreißigtausend an der Grenze von Niedersachsen. Der Kaiser hatte zu der ganzen Ausrüstung nichts gegeben, als seinen Namen. Der Ruf des Feldherrn, Aussicht auf glänzende Beförderung und Hoffnung der Beute lockte aus allen Gegenden Deutschlands Abenteurer unter seine Fahnen, und sogar regierende Fürsten, von Ruhmbegierde oder Gewinnsucht gereizt, erboten sich jetzt, Regimenter für Oesterreich aufzustellen.

Jetzt also – zum erstenmal in diesem Kriege – erschien eine kaiserliche Armee in Deutschland; eine schreckenvolle Erscheinung für die Protestanten, eine nicht viel erfreulichere für die Katholischen. Wallenstein hatte Befehl, seine Armee mit den Truppen der Ligue zu vereinigen und in Gemeinschaft mit dem bayerischen General den König von Dänemark anzugreifen. Aber längst schon eifersüchtig auf Tillys Kriegsruhm, bezeigte er keine Lust, die Lorbeern dieses Feldzugs mit ihm zu theilen und im Schimmer von Tillys Thaten den Ruhm der seinigen zu verlieren. Sein Kriegsplan unterstützte zwar die Operationen des Letztern, aber ganz unabhängig von denselben führte er ihn aus. Da ihm die Quellen fehlten, aus welchen Tilly die Bedürfnisse seines Heeres bestritt, so mußte er das seinige in wohlhabende Länder führen, die von dem Kriege noch nicht gelitten hatten. Ohne also, wie ihm befohlen war, zu dem liguistischen Feldherrn zu stoßen, rückte er in das Halberstädtische und Magdeburgische Gebiet und bemächtigte sich bei Dessau der Elbe. Alle Länder an beiden Ufern dieses Stroms lagen nun seinen Erpressungen offen; er konnte von da dem Könige von Dänemark in den Rücken fallen, ja, wenn es nöthig war, in die eigenen Länder desselben einen Weg sich bahnen.

Christian der Vierte fühlte die ganze Gefahr seiner Lage zwischen zwei so furchtbaren Heeren. Er hatte schon vorher den Administrator von Halberstadt, der kürzlich aus Holland zurückgekehrt war, an sich gezogen; jetzt erklärte er sich auch öffentlich für den Grafen Mannsfeld, den er bisher verleugnet hatte, und unterstützte ihn nach Vermögen. Reichlich erstattete ihm Mannsfeld diesen Dienst. Er ganz allein beschäftigte die Wallensteinische Macht an der Elbe und verhinderte sie, in Gemeinschaft mit Tilly den König aufzureiben. Dieser muthige General näherte sich sogar, der feindlichen Ueberlegenheit ungeachtet, der Dessauer Brücke und wagte es, den kaiserlichen Schanzen gegenüber, sich gleichfalls zu verschanzen. Aber von der ganzen feindlichen Macht im Rücken angefallen, mußte er der überlegenen Anzahl weichen und mit einem Verlust von dreitausend Todten seinen Posten verlassen. Nach dieser Niederlage zog sich Mannsfeld in die Mark Brandenburg, wo er sich nach einer kurzen Erholung mit neuen Truppen verstärkte und dann plötzlich nach Schlesien drehte, um von dort aus in Ungarn einzudringen und in Verbindung mit Bethlen Gaborn den Krieg in das Herz der österreichischen Staaten zu versetzen. Da die kaiserlichen Erblande gegen einen solchen Feind unvertheidigt waren, so erhielt Wallenstein schleunigen Befehl, den König von Dänemark für jetzt ganz aus den Augen zu lassen, um Mannsfelden, wo möglich, den Weg durch Schlesien zu verlegen.

Die Diversion, welche den Wallensteinischen Truppen durch Mannsfeld gemacht wurde, erlaubte dem König, einen Theil seines Heeres in das Westphälische zu schicken, um dort die Bisthümer Münster und Osnabrück zu besetzen. Dies zu verhindern, verließ Tilly eilig den Weserstrom; aber die Bewegungen Herzog Christians, welcher Miene machte, durch Hessen in die liguistischen Länder einzudringen und dahin den Krieg zu versetzen, riefen ihn aufs schnellste wieder aus Westphalen zurück. Um nicht von diesen Ländern abgeschnitten zu werden und eine gefährliche Vereinigung des Landgrafen von Hessen mit dem Feinde zu verhüten, bemächtigte sich Tilly eiligst aller haltbaren Plätze an der Werra und Fulda und versicherte sich der Stadt Münden am Eingange der hessischen Gebirge, wo beide Ströme in die Weser zusammenfließen. Er eroberte kurz darauf Göttingen, den Schlüssel zu Braunschweig und Hessen, und hatte Nordheim dasselbe Schicksal zugedacht, welches aber zu verhindern der König mit seiner ganzen Armee herbeieilte. Nachdem er diesen Ort mit allem Nöthigen versehen, um eine lange Belagerung auszuhalten, suchte er sich durch das Eichsfeld und Thüringen einen neuen Weg in die liguistischen Länder zu eröffnen. Schon war er Duderstadt vorbei; aber durch schnelle Märsche hatte ihm Graf Tilly den Vorsprung abgewonnen. Da die Armee des Letzten, durch einige Wallensteinische Regimenter verstärkt, der seinigen an Zahl weit überlegen war, so wendete sich der König in das Braunschweigische zurück, um eine Schlacht zu vermeiden. Aber auf eben diesem Rückzuge verfolgte ihn Tilly ohne Unterlaß, und nach einem dreitägigen Scharmützel mußte er endlich bei dem Dorfe Lutter, am Barenberg, dem Feinde stehen. Die Dänen thaten den Angriff mit vieler Tapferkeit, und dreimal führte sie der muthvolle König gegen den Feind; endlich aber mußte der schwächere Theil der überlegenen Anzahl und bessern Kriegsübung des Feindes weichen, und ein vollkommener Sieg wurde von dem liguistischen Feldherrn erfochten. Sechzig Fahnen und die ganze Artillerie, Bagage und Munition ging verloren; viele edle Officiere blieben todt auf dem Platze, gegen viertausend von den Gemeinen; mehrere Compagnieen Fußvolk, die sich auf der Flucht in das Amthaus zu Lutter geworfen, streckten das Gewehr und ergaben sich dem Sieger.

Der König entfloh mit seiner Reiterei und sammelte sich nach diesem empfindlichen Schlage bald wieder. Tilly verfolgte seinen Sieg, bemächtigte sich der Weser und der braunschweigischen Lande und trieb den König bis in das Bremische zurück. Durch seine Niederlage schüchtern gemacht, wollte dieser nur vertheidigungsweise verfahren, besonders aber dem Feinde den Uebergang über die Elbe verwehren. Aber indem er in alle haltbaren Plätze Besatzungen warf, blieb er unthätig mit einer getheilten Macht; die zerstreuten Corps wurden nach einander von dem Feinde zerstreut oder aufgerieben. Die liguistischen Truppen, des ganzen Weserstroms mächtig, verbreiteten sich über die Elbe und Havel, und die dänischen sahen sich aus einem Posten nach dem andern verjagt. Tilly selbst war über die Elbe gegangen und hatte bis weit in das Brandenburgische seine siegreichen Waffen verbreitet, indem Wallenstein von der andern Seite in Holstein eindrang, den Krieg in die eigenen Länder des Königs zu spielen.

Dieser General kam eben aus Ungarn zurück, bis wohin er dem Grafen Mannsfeld gefolgt war, ohne seinen Marsch aufhalten oder seine Vereinigung mit Bethlen Gaborn verhindern zu können. Immer von dem Schicksal verfolgt, und immer größer als sein Schicksal, hatte sich dieser unter unendlichen Schwierigkeiten glücklich durch Schlesien und Ungarn zu dem Fürsten von Siebenbürgen hindurchgeschlagen, wo er aber nicht sehr willkommen war. Im Vertrauen auf englischen Beistand und auf eine mächtige Diversion in Niedersachsen, hatte Gabor aufs neue den Waffenstillstand mit dem Kaiser gebrochen, und anstatt dieser gehofften Diversion brachte ihm jetzt Mannsfeld die ganze Wallensteinische Macht mit und forderte Geld von ihm, anstatt es zu bringen. Diese wenige Uebereinstimmung unter den protestantischen Fürsten erkältete Gabors Eifer, und er eilte, wie gewöhnlich, sich der überlegenen Macht des Kaisers durch einen geschwinden Frieden zu entledigen. Fest entschlossen, denselben bei dem ersten Strahl von Hoffnung wieder zu brechen, wies er den Grafen von Mannsfeld an die Republik Venedig, um dort vor allem andern Geld aufzubringen.

Von Deutschland abgeschnitten und ganz außer Stande, den schwachen Ueberrest seiner Truppen in Ungarn zu ernähren, verkaufte Mannsfeld Geschütz und Heergeräthe und ließ seine Soldaten auseinander gehen. Er selbst nahm mit einem kleinen Gefolge den Weg durch Bosnien und Dalmatien nach Venedig. neue Entwürfe schwellten seinen Muth; aber sein Lauf war vollendet. Das Schicksal, das ihn im Leben so unstät herumwarf, hatte ihm ein Grab in Dalmatien bereitet. Nicht weit von Zara übereilte ihn der Tod (1626). Kurz vorher war sein treuer Schicksalsgenosse, Herzog Christian von Braunschweig, gestorben – zwei Männer, der Unsterblichkeit werth, hätten sie sich eben so über ihr Zeitalter als über ihr Schicksal erhoben.

Der König von Dänemark hatte mit einer vollzähligen Macht dem einzigen Tilly nicht Stand halten können; wie viel weniger jetzt beiden kaiserlichen Generalen mit einer geschwächten! Die Dänen wichen aus allen ihren Posten an der Weser, Elbe und Havel, und die Armee Wallensteins ergoß sich über Brandenburg, Mecklenburg, Holstein und Schleswig wie ein reißender Strom. Dieser General, allzu übermüthig, um mit einem Andern gemeinschaftlich zu agieren, hatte den liguistischen Feldherrn über die Elbe geschickt, um dort die Holländer zu beobachten; eigentlich aber, damit er selbst den Krieg gegen den König endigen und die Früchte der von Tilly erfochtenen Siege für sich allein ernten möchte. Alle festen Plätze in seinen deutschen Staaten, Glückstadt allein ausgenommen, hatte Christian verloren, seine Heere waren geschlagen oder zerstreut, von Deutschland aus keine Hilfe, von England wenig Trost, seine Bundesgenossen in Niedersachsen der Wuth des Siegers preisgegeben. Den Landgrafen von Hessen-Kassel hatte Tilly gleich nach dem Siege bei Lutter gezwungen, der dänischen Allianz zu entsagen. Wallensteins furchtbare Erscheinung vor Berlin brachte den Kurfürsten von Brandenburg zur Unterwerfung und zwang ihn, Maximilian von Bayern als rechtmäßigen Kurfürsten anzuerkennen. Der größte Theil Mecklenburgs ward jetzt von den kaiserlichen Truppen überschwemmt, beide Herzoge, als Anhänger des Königs von Dänemark, in die Reichsacht erklärt und aus ihren Staaten vertrieben. Die deutsche Freiheit gegen widerrechtliche Eingriffe vertheidigt zu haben, wurde als ein Verbrechen behandelt, das den Verlust aller Würden und Länder nach sich zog. Und doch war alles dies nur das Vorspiel schreienderer Gewaltthätigkeiten, welche bald darauf folgen sollten.

Jetzt kam das Geheimniß an den Tag, auf welche Art Wallenstein seine ausschweifenden Versprechungen zu erfüllen meinte. Dem Grafen Mannsfeld war es abgelernt; aber der Schüler übertraf seinen Meister. Dem Grundsatze gemäß, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse, hatten Mannsfeld und Herzog Christian mit den Brandschatzungen, die sie von Freund und Feind ohne Unterschied erpreßten, die Bedürfnisse ihrer Truppen bestritten; aber diese räuberische Lebensart war auch von allem Ungemach und aller Unsicherheit des Räuberlebens begleitet. Gleich flüchtigen Dieben mußten sie sich durch wachsame und erbitterte Feinde stehlen, von einem Ende Deutschlands zum andern fliehen, ängstlich auf die Gelegenheit lauern und gerade die wohlhabendsten Länder meiden, weil eine stärkere Macht diese verteidigte. Hatten Mannsfeld und Herzog Christian, im Kampfe mit so furchtbaren Hindernissen, doch so erstaunlich viel gethan, was mußte sich dann nicht ausrichten lassen, wenn man aller dieser Hindernisse überhoben war, – wenn die Armee, die man aufstellte, zahlreich genug war, auch den mächtigsten einzelnen Reichsstand in Furcht zu setzen, – wenn der Name des Kaisers allen Gewalttätigkeiten die Straflosigkeit versicherte, – kurz – wenn man, unter der höchsten Autorität im Reiche und an der Spitze eines überlegenen Heeres, denselben Kriegsplan befolgte, welchen jene beiden Abenteurer auf eigne Gefahr und mit einer zusammengelaufenen Bande in Ausübung gebracht hatten!

Dies hatte Wallenstein im Auge, da er dem Kaiser sein kühnes Anerbieten that, und jetzt wird es Niemand mehr übertrieben finden. Je mehr man das Heer verstärkte, desto weniger durfte man um den Unterhalt desselben bekümmert sein, denn desto mehr brachte es die widersetzlichen Stände zum Zittern; je schreiender die Gewalttätigkeiten, desto ungestrafter konnte man sie verüben. Gegen feindlich gesinnte Reichsstände hatten sie einen Schein des Rechts; gegen getreue konnte die vorgeschützte Notwendigkeit sie entschuldigen. Die ungleiche Vertheilung dieses Druckes verhinderte eine gefährliche Einigkeit unter den Ständen; die Erschöpfung ihrer Länder entzog ihnen zugleich die Mittel, sie zu rügen. Ganz Deutschland wurde auf diese Art ein Proviantmagazin für die Heere des Kaisers, und er konnte mit allen Territorien wie mit seinen Erblanden schalten. Allgemein war das Geschrei um Gerechtigkeit am Throne des Kaisers; aber man war vor der Selbstrache der gemißhandelten Fürsten sicher, so lange sie um Gerechtigkeit riefen. Der allgemeine Unwille zertheilte sich zwischen dem Kaiser, der seinen Namen zu diesen Gräueln gab, und dem Feldherrn, der seine Vollmacht überschritt und offenbar die Autorität seines Herrn mißbrauchte. Durch den Kaiser nahm man den Weg, um gegen seinen Feldherrn Schutz zu erhalten; aber sobald er sich durch seine Trnppen allmächtig wußte, hatte Wallenstein auch den Gehorsam gegen den Kaiser abgeworfen.

Die Erschöpfung des Feindes ließ einen nahen Frieden mit Wahrscheinlichkeit erwarten; dennoch fuhr Wallenstein fort, die kaiserlichen Heere immer mehr, zuletzt bis auf hunderttausend Mann, zu verstärken. Obersten- und Officierspatente ohne Zahl, ein königlicher Staat des Generals, unmäßige Verschwendungen an seine Creaturen (nie schenkte er unter tausend Gulden), unglaubliche Summen für Bestechungen am Hofe des Kaisers, um dort seinen Einfluß zu erhalten – alles dieses ohne den Kaiser zu beschweren. Aus den Brandschatzungen der niederdeutschen Provinzen wurden alle diese unermeßlichen Summen gezogen; kein Unterschied zwischen Freund und Feind, gleich eigenmächtige Durchzüge und Einquartierungen in aller Herren Ländern, gleiche Erpressungen und Gewalttätigkeiten. Dürfte man einer ausschweifenden Angabe aus jenen Zeiten trauen, so hätte Wallenstein in einem siebenjährigen Commando sechstausend Millionen Thaler aus einer Hälfte Deutschlands an Contributionen erhoben. Je ungeheurer die Erpressung, desto mehr Vorrath für seine Heere, desto stärker also der Zulauf zu seinen Fahnen; alle Welt fliegt nach dem Glücke. Seine Armeen schwollen an, indem alle Länder welkten, durch die sie zogen. Was kümmerte ihn nun der Fluch der Provinzen und das Klaggeschrei der Fürsten? Sein Heer betete ihn an, und das Verbrechen selbst setzte ihn in den Stand alle Folgen desselben zu verlachen.

Man würde dem Kaiser unrecht thun, wenn man alle die Ausschweifungen seiner Armeen auf seine Rechnung setzen wollte. Wußte es Ferdinand vorher, daß er seinem Feldherrn alle deutschen Staaten zum Raube gab, so hätte ihm nicht verborgen bleiben können, wie viel er selbst bei einem so unumschränkten Feldherrn Gefahr lief. Je enger sich das Band zwischen der Armee und ihrem Anführer zusammenzog, von dem allein alles Glück, alle Beförderung ausfloß, desto mehr mußte es zwischen Beiden und dem Kaiser erschlaffen. Zwar geschah alles im Namen des Letztern; aber die Majestät des Reichsoberhaupts wurde von Wallenstein nur gebraucht, um jede andere Autorität in Deutschland zu zermalmen. Daher der überlegte Grundsatz dieses Mannes, die deutschen Reichsfürsten sichtbar zu erniedrigen, alle Stufen und Ordnungen zwischen diesen Fürsten und dem Reichsoberhaupte zu zerbrechen und das Ansehen des Letztern über alle Vergleichung zu erhöhen. War der Kaiser die einzige gesetzgebende Macht in Deutschland, wer reichte alsdann hinauf an den Vezier, den er zum Vollzieher seines Willens gemacht hatte? Die Höhe, auf welche Wallenstein ihn stellte, überraschte sogar den Kaiser; aber eben weil diese Größe des Herrn das Werk seines Dieners war, so sollte diese Wallensteinische Schöpfung wieder in ihr Nichts zurücksinken, sobald ihr die Hand ihres Schöpfers fehlte. Nicht umsonst empörte er alle Reichsfürsten Deutschlands gegen den Kaiser – je heftiger ihr Haß gegen Ferdinand, desto nothwendiger mußte ihm derjenige Mann bleiben, der allein ihren schlimmen Willen unschädlich machte. Seine Absicht ging unverkennbar dahin, daß sein Oberherr in ganz Deutschland keinen Menschen mehr zu fürchten haben sollte, als – den einzigen, dem er diese Allmacht verdankte.

Ein Schritt zu diesem Ziele war, daß Wallenstein das eben eroberte Mecklenburg zum einstweiligen Unterpfand für sich verlangte, bis die Geldvorschüsse, welche er dem Kaiser in dem bisherigen Feldzug gethan, erstattet sein würden. Schon vorher hatte ihn Ferdinand, wahrscheinlich, um seinem General einen Vorzug mehr vor dem bayerischen zu geben, zum Herzog von Friedland erhoben; aber eine gewöhnliche Belohnung konnte den Ehrgeiz eines Wallenstein nicht ersättigen. Vergebens erhoben sich selbst in dem kaiserlichen Rath unwillige Stimmen gegen diese neue Beförderung, die auf Unkosten zweier Reichsfürsten geschehen sollte; umsonst widersetzten sich selbst die Spanier, welche längst schon sein Stolz beleidigt hatte, seiner Erhebung. Der mächtige Anhang, welchen sich Wallenstein unter den Rathgebern des Kaisers erkauft hatte, behielt die Oberhand; Ferdinand wollte sich, auf welche Art es auch sein möchte, diesen unentbehrlichen Diener verpflichten. Man stieß eines leichten Vergehens wegen die Nachkömmlinge eines der ältesten deutschen Fürstenhäuser aus ihrem Erbtheil, um eine Creatur der kaiserlichen Gnade mit ihrem Raube zu bekleiden (1628).

Bald darauf fing Wallenstein an, sich einen Generalissimus des Kaisers zu Wasser und zu Lande zu nennen. Die Stadt Wismar wurde erobert und fester Fuß an der Ostsee gewonnen. Von Polen und den Hansestädten wurden Schiffe gefordert, um den Krieg jenseit des baltischen Meeres zu spielen, die Dänen in das Innerste ihres Reichs zu verfolgen und einen Frieden zu erzwingen, der zu größern Eroberungen den Weg bahnen sollte. Der Zusammenhang der niederdeutschen Stände mit den nordischen Reichen war zerrissen, wenn es dem Kaiser gelang, sich in die Mitte zwischen beiden zu lagern und von dem adriatischen Meere bis an den Sund (das dazwischen liegende Polen stand in seiner Abhängigkeit) Deutschland mit einer fortlaufenden Länderkette zu umgeben. Wenn dies die Absicht des Kaisers war, so hatte Wallenstein seine besondere, den nämlichen Plan zu befolgen. Besitzungen an der Ostsee sollten den Grundstein zu einer Macht abgeben, womit sich schon längst seine Ehrsucht trug, und welche ihn in den Stand setzen sollte, seinen Herrn zu entbehren.

Diese Zwecke zu erreichen, war es von äußerster Wichtigkeit, die Stadt Stralsund am baltischen Meere in Besitz zu bekommen. Ihr vortrefflicher Hafen, die leichte Ueberfahrt von da nach den schwedischen und dänischen Küsten machte sie vorzüglich geschickt, in einem Kriege mit beiden Kronen einen Waffenplatz abzugeben. Diese Stadt, die sechste des Hanseatischen Bundes, genoß unter dem Schutze des Herzogs von Pommern die wichtigsten Privilegien, und völlig außer aller Verbindung mit Dänemark, hatte sie an dem bisherigen Kriege auch nicht den entferntesten Antheil genommen. Aber weder diese Neutralität noch ihre Privilegien konnten sie vor den Anmaßungen Wallensteins schützen, der seine Absicht auf sie gerichtet hatte.

Einen Antrag dieses Generals, kaiserliche Besatzungen anzunehmen, hatte der Magistrat von Stralsund mit rühmlicher Standhaftigkeit verworfen, auch seinen Truppen den arglistig verlangten Durchmarsch verweigert. Jetzt schickte Wallenstein sich an, die Stadt zu belagern.

Für beide nordische Könige war es von gleicher Wichtigkeit, Stralsund bei seiner Unabhängigkeit zu schützen, ohne welche die freie Schifffahrt auf dem Belte nicht behauptet werden konnte. Die gemeinschaftliche Gefahr besiegte endlich die Privateifersucht, welche schon längst beide Könige entzweite. In einem Vertrage zu Kopenhagen (1628) versprachen sie einander, Stralsund mit vereinigten Kräften aufrecht zu erhalten und gemeinschaftlich jede fremde Macht abzuwehren, welche in feindlicher Absicht in der Ostsee erscheinen würde. Christian der Vierte warf sogleich eine hinreichende Besatzung in Stralsund und stärkte durch seinen persönlichen Besuch den Muth der Bürger. Einige Kriegsschiffe, welche König Sigismund von Polen dem kaiserlichen Feldherrn zu Hilfe schickte, wurden von der dänischen Flotte in Grund gebohrt, und da ihm nun auch die Stadt Lübeck die ihrigen abschlug, so hatte der kaiserliche Generalissimus zur See nicht einmal Schiffe genug, den Hafen einer einzigen Stadt einzuschließen.

Nichts scheint abenteuerlicher zu sein, als einen Seeplatz, der aufs vortrefflichste befestigt war, erobern zu wollen, ohne seinen Hafen einzuschließen. Wallenstein, der noch nie einen Widerstand erfahren, wollte nun auch die Natur überwinden und das Unmögliche besiegen. Stralsund, von der Seeseite frei, fuhr ungehindert fort, sich mit Lebensmitteln zu versehen und mit neuen Truppen zu verstärken; nichts destoweniger umzingelte es Wallenstein zu Lande und suchte durch prahlerische Drohungen den Mangel gründlicherer Mittel zu ersetzen. »Ich will,« sagte er, »diese Stadt wegnehmen, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden.« Der Kaiser selbst, welcher eine Unternehmung bereuen mochte, wovon er sich keinen rühmlichen Ausgang versprach, ergriff mit Begierde die scheinbare Unterwürfigkeit und einige annehmliche Erbietungen der Stralsunder, seinem General den Abzug von der Stadt zu befehlen. Wallenstein verachtete diesen Befehl und fuhr fort, den Belagerten durch unablässige Stürme zuzusetzen. Da die dänische Besatzung schon stark geschmolzen, der Ueberrest der rastlosen Arbeit nicht gewachsen war und der König sich außer Stand befand, eine größere Anzahl von Truppen an diese Stadt zu wagen, so warf sich Stralsund, mit Christians Genehmigung, dem König von Schweden in die Arme. Der dänische Commandant verließ die Festung, um einem schwedischen Platz zu machen, der sie mit dem glücklichsten Erfolge vertheidigte. Wallensteins Glück scheiterte vor dieser Stadt, und zum erstenmal erlebte sein Stolz die empfindliche Kränkung, nach mehreren verlornen Monaten, nach einem Verlust von zwölftausend Todten, seinem Vorhaben zu entsagen. Aber die Nothwendigkeit, in welche er diese Stadt gesetzt hatte, den schwedischen Schutz anzurufen, veranlaßte ein enges Bündniß zwischen Gustav Adolph und Stralsund, welches in der Folge den Eintritt der Schweden in Deutschland nicht wenig erleichterte.

Bis hierher hatte das Glück die Waffen der Ligue und des Kaisers begleitet, und Christian der Vierte, in Deutschland überwunden, mußte sich in seinen Inseln verbergen; aber die Ostsee setzte diesen Eroberungen eine Grenze. Der Abgang der Schiffe hinderte nicht nur, den König weiter zu verfolgen, sondern setzte auch den Sieger noch in Gefahr, die gemachten Eroberungen zu verlieren. Am meisten hatte man von der Vereinigung beider nordischen Monarchen zu fürchten, welche es, wenn sie Bestand hatte, dem Kaiser und seinem Feldherrn unmöglich machte, auf der Ostsee eine Rolle zu spielen, oder gar eine Landung in Schweden zu thun. Gelang es aber, die Sache dieser beiden Fürsten zu trennen und sich der Freundschaft des dänischen Königs insbesondere zu versichern, so konnte man die einzelne schwedische Macht desto leichter zu überwältigen hoffen. Furcht vor Einmischung fremder Mächte, aufrührerische Bewegungen der Protestanten in seinen eigenen Staaten, die ungeheuren Kosten des bisher geführten Kriegs und noch mehr der Sturm, den man im ganzen protestantischen Deutschland im Begriff war zu erregen, stimmten das Gemüth des Kaisers zum Frieden, und aus ganz entgegengesetzten Gründen beeiferte sich sein Feldherr, diesen Wunsch zu erfüllen. Weit entfernt, einen Frieden zu wünschen, der ihn aus dem Mittagsglanze der Größe und Gewalt in die Dunkelheit des Privatstandes herunterstürzte, wollte er nur den Schauplatz des Kriegs verändern und durch diesen einseitigen Frieden die Verwirrung verlängern. Die Freundschaft Dänemarks, dessen Nachbar er als Herzog von Mecklenburg geworden, war ihm für seine weit aussehenden Entwürfe sehr wichtig, und er beschloß, selbst mit Hintansetzung der Vortheile seines Herrn, sich diesen Monarchen zu verpachten.

Christian der Vierte hatte sich in dem Vertrag von Kopenhagen verbindlich gemacht, ohne Zuziehung Schwedens keinen einseitigen Frieden mit dem Kaiser zu schließen. Dessen ungeachtet wurde der Antrag, den ihm Wallenstein that, mit Bereitwilligkeit angenommen. Auf einem Congreß zu Lübeck (1629), von welchem Wallenstein die schwedischen Gesandten, die für Mecklenburg zu intercedieren kamen, mit ausstudierter Geringschätzung abwies, wurden von kaiserlicher Seite alle den Dänen weggenommenen Länder zurückgegeben. Man legte dem König auf, sich in die Angelegenheiten Deutschlands fernerhin nicht weiter einzumengen, als ihm der Name eines Herzogs von Holstein gestattete, sich der niederdeutschen Stifter unter keinem Namen mehr anzumaßen und die mecklenburgischen Herzoge ihrem Schicksal zu überlassen. Christian selbst hatte diese beiden Fürsten in den Krieg mit dem Kaiser verwickelt; jetzt opferte er sie auf, um sich den Räuber ihrer Staaten zu verpflichten. Unter den Beweggründen, welche ihn zum Krieg gegen den Kaiser veranlaßten, war die Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz, seines Verwandten. nicht der unerheblichste gewesen – auch diesem Fürsten wurde in dem Lübecker Frieden mit keiner Sylbe gedacht und in einem Artikel desselben sogar die Rechtmäßigkeit der bayerischen Kurwürde eingestanden. Mit so wenig Ruhm trat Christian der Vierte vom Schauplatze.

Zum zweitenmal hatte Ferdinand jetzt die Ruhe Deutschlands in Händen, und es stand nur bei ihm, den Frieden mit Dänemark in einen allgemeinen zu verwandeln. Aus allen Gegenden Deutschlands schallte ihm das Jammern der Unglücklichen entgegen, die um das Ende ihrer Drangsale flehten; die Gräuel seiner Soldaten, die Habsucht seiner Feldherren hatten alle Grenzen überstiegen. Deutschland – von den verwüstenden Schwärmen Mannsfelds und Christians von Braunschweig, von den schrecklichen Heerschaaren Tillys und Wallensteins durchzogen, lag erschöpft, blutend, verödet und seufzte nach Erholung. Mächtig war der Wunsch des Friedens bei allen Ständen des Reichs, mächtig selbst bei dem Kaiser, der, in Oberitalien mit Frankreich in Krieg verwickelt, durch den bisherigen in Deutschland entkräftet und vor den Rechnungen bange war, die seiner warteten. Aber unglücklicherweise widersprachen sich die Bedingungen, unter welchen beide Religionsparteien das Schwert in die Scheide stecken wollten. Die Katholischen wollten mit Vortheil aus diesem Kriege gehen; die Protestanten wollten nicht schlimmer daraus gehen – der Kaiser, anstatt beide Theile mit kluger Mäßigung zu vereinigen, nahm Partei; und so stürzte Deutschland aufs neue in die Schrecken eines entsetzlichen Krieges.

Schon seit Endigung der böhmischen Unruhen hatte Ferdinand die Gegenreformation in seinen Erbstaaten angefangen; wobei jedoch aus Rücksicht gegen einige evangelische Stände mit Mäßigung verfahren wurde. Aber die Siege, welche seine Feldherren in Niederdeutschland erfochten, machten ihm Muth, allen bisherigen Zwang abzuwerfen. Allen Protestanten in seinen Erbländern wurde, diesem Entschluß gemäß, angekündigt, entweder ihrer Religion oder ihrem Vaterlande zu entsagen – eine bittere, schreckliche Wahl, welche die fürchterlichsten Empörungen unter den Landleuten in Oesterreich erregte. In den pfälzischen Landen wurde gleich nach Vertreibung Friedrichs des Fünften der reformierte Gottesdienst aufgehoben, und die Lehrer dieser Religion von der hohen Schule zu Heidelberg vertrieben.

Diese Neuerungen waren nur das Vorspiel zu größern. Auf einem Kurfürstenconvent zu Mühlhausen forderten die Katholiken den Kaiser auf, alle seit dem Religionsfrieden zu Augsburg von den Protestanten eingezogenen Erzbisthümer, Bisthümer, mittelbare und unmittelbare Abteien und Klöster wieder an die katholische Kirche zurückzubringen und dadurch die katholischen Stände für die Verluste und Bedrückungen zu entschädigen, welche sie in dem bisherigen Kriege erlitten hätten. Bei einem so streng katholischen Fürsten, wie es Ferdinand war, konnte ein solcher Wink nicht zur Erde fallen; aber noch schien es ihm zu früh, das ganze protestantische Deutschland durch einen so entscheidenden Schritt zu empören. Kein einziger protestantischer Fürst war, dem diese Zurückforderung der geistlichen Stifter nicht einen Theil seiner Lande nahm. Wo man die Einkünfte derselben auch nicht ganz zu weltlichen Zwecken bestimmt hatte, hatte man sie zum Nutzen der protestantischen Kirche verwendet. Mehrere Fürsten dankten diesen Erwerbungen einen großen Theil ihrer Einkünfte und Macht. Alle ohne Unterschied mußten durch die Zurückforderung derselben in Aufruhr gebracht werden. Der Religionsfriede sprach ihnen das Recht an diese Stifter nicht ab – obgleich er es eben so wenig außer Zweifel setzte. Aber ein langer, bei vielen fast ein Jahrhundert langer Besitz, das Stillschweigen von vier bisherigen Kaisern, das Gesetz der Billigkeit, welches ihnen an den Stiftungen ihrer Voreltern einen gleichen Antheil mit den Katholischen zusprach, konnte als ein vollgültiger Grund des Rechts von ihnen angeführt werden. Außer dem wirklichen Verlust, den sie durch Zurückgabe dieser Stifter an ihrer Macht und Gerichtsbarkeit erlitten, außer den unübersehlichen Verwirrungen, welche die Folge davon sein mußten, war dies kein geringer Nachtheil für sie, daß die wiedereingesetzten katholischen Bischöfe die katholische Partei auf dem Reichstage mit eben so viel neuen Stimmen verstärken sollten. So empfindliche Verluste auf Seiten der Evangelischen ließen den Kaiser die heftigste Widersetzung befürchten, und ehe das Kriegsfeuer in Deutschland gedämpft war, wollte er eine ganze, in ihrer Vereinigung furchtbare Partei, welche an dem Kurfürsten von Sachsen eine mächtige Stütze hatte, nicht zur Unzeit gegen sich reizen. Er versuchte es also vorerst im Kleinen, um zu erfahren, wie man es im Großen aufnehmen würde. Einige Reichsstädte in Oberdeutschland und der Herzog von Wirtenberg erhielten Mandate, verschiedene solcher eingezogenen Stifter herauszugeben.

Die Lage der Umstände in Sachsen ließ ihn dort noch einige kühnere Versuche wagen. In den Bisthümern Magdeburg und Halberstadt hatten die protestantischen Domherren keinen Anstand genommen, Bischöfe von ihrer Religion aufzustellen. Beide Bisthümer, die Stadt Magdeburg allein ausgenommen, hatten Wallensteinische Treppen jetzt überschwemmt. Zufälligerweise war Halberstadt durch den Tod des Administrators, Herzogs Christian von Braunschweig, das Erzstift Magdeburg durch Absetzung Christian Wilhelms, eines brandenburgischen Prinzen, erledigt. Ferdinand benutzte diese beiden Umstände, um das Halberstädtische Stift einem katholischen Bischof, und noch dazu einem Prinzen aus seinem eigenen Hause, zuzuwenden. Um nicht einen ähnlichen Zwang zu erleiden, eilte das Capitel zu Magdeburg, einen Sohn des Kurfürsten von Sachsen zum Erzbischof zu erwählen. Aber der Papst, der sich aus angemaßter Gewalt in diese Angelegenheit mengte, sprach dem österreichischen Prinzen auch das magdeburgische Erzstift zu; und man konnte sich nicht enthalten, die Geschicklichkeit Ferdinands zu bewundern, der über dem heiligsten Eifer für seine Religion nicht vergaß, für das Beste seines Hauses zu sorgen.

Endlich, als der Lübecker Friede den Kaiser von Seiten Dänemarks außer aller Furcht gesetzt hatte, die Protestanten in Deutschland gänzlich daniederzuliegen schienen, die Forderungen der Ligue aber immer lauter und dringender wurden, unterzeichnete Ferdinand das durch so viel Unglück berüchtigte Restitutionsedikt (1629), nachdem er es vorher jedem der vier katholischen Kurfürsten zur Genehmigung vorgelegt hatte. In dem Eingange spricht er sich das Recht zu, den Sinn des Religionsfriedens, dessen ungleiche Deutung zu allen bisherigen Irrungen Anlaß gegeben, vermittelst kaiserlicher Machtvollkommenheit zu erklären und als oberster Schiedsmann und Richter zwischen beide streitende Parteien zu treten. Dieses Recht gründete er auf die Observanz seiner Vorfahren und auf die ehemals geschehene Einwilligung selbst protestantischer Stände. Kursachsen hatte dem Kaiser wirklich dieses Recht zugestanden; jetzt ergab es sich, wie großen Schaden dieser Hof durch seine Anhänglichkeit an Oesterreich der protestantischen Sache zugefügt hatte. Wenn aber der Buchstabe des Religionsfriedens wirklich einer ungleichen Auslegung unterworfen war, wie der ein Jahrhundert lange Zwist beider Religionsparteien es genugsam bezeugte, so konnte doch auf keine Weise der Kaiser, der entweder ein katholischer oder ein protestantischer Reichsfürst und also selbst Partei war, zwischen katholischen und protestantischen Ständen einen Religionsstreit entscheiden – ohne den wesentlichen Artikel des Religionsfriedens zu verletzen. Er konnte in seiner eigenen Sache nicht Richter sein, ohne die Freiheit des deutschen Reichs in einen leeren Schall zu verwandeln.

Und nun in Kraft dieses angemaßten Rechts, den Religionsfrieden auszulegen, gab Ferdinand die Entscheidung: »daß jede nach dem Datum dieses Friedens von den Protestanten geschehene Einziehung sowohl mittelbarer als unmittelbarer Stifter dem Sinn dieses Friedens zuwiderlaufe und als eine Verletzung desselben widerrufen sei.« Er gab ferner die Entscheidung: »daß der Religionsfriede keinem katholischen Landesherrn auflege, protestantischen Unterthanen etwas mehr als freien Abzug aus seinen Landen zu bewilligen.« Diesem Ausspruche gemäß wurde allen unrechtmäßigen Besitzern geistlicher Stifter – also allen protestantischen Reichsständen ohne Unterschied – bei Strafe des Reichsbannes anbefohlen, dieses unrechte Gut an die kaiserlichen Commissarien unverzüglich herauszugeben.

Nicht weniger als zwei Erzbisthümer und zwölf Bisthümer standen auf der Liste, außer diesen eine unübersehliche Anzahl von Klöstern, welche die Protestanten sich zugeeignet hatten. Dieses Edikt war ein Donnerschlag für das ganze protestantische Deutschland; schrecklich schon an sich selbst durch das, was es wirklich nahm, schrecklicher noch durch das, was es für die Zukunft befürchten ließ, und wovon man es nur als einen Vorläufer betrachtete. Jetzt sahen es die Protestanten als ausgemacht an, daß der Untergang ihrer Religion von dem Kaiser und der katholischen Ligue beschlossen sei, und daß der Untergang deutscher Freiheit ihr bald nachfolgen werde. Auf keine Gegenvorstellung wurde geachtet, die Commissarien wurden ernannt und eine Armee zusammengezogen, ihnen Gehorsam zu verschaffen. Mit Augsburg, wo der Friede geschlossen worden, machte man den Anfang; die Stadt mußte unter die Gerichtsbarkeit ihres Bischofs zurücktreten, und sechs protestantische Kirchen wurden darin geschlossen. Ebenso mußte der Herzog von Wirtenberg seine Klöster herausgeben. Dieser Ernst schreckte alle evangelischen Reichsstände auf, aber ohne sie zu einem thätigen Widerstand begeistern zu können. Die Furcht vor des Kaisers Macht wirkte zu mächtig; schon fing ein großer Theil an, sich zur Nachgiebigkeit zu neigen. Die Hoffnung, auf einem friedlichen Wege zu Erfüllung ihres Wunsches zu gelangen, bewog deßwegen die Katholischen, mit Vollstreckung des Edikts noch ein Jahr lang zu zögern, und dies rettete die Protestanten. Ehe diese Frist um war, hatte das Glück der schwedischen Waffen die ganze Gestalt der Dinge verändert.

Auf einer Kurfürstenversammlung zu Regensburg, welcher Ferdinand in Person beiwohnte (1630), sollte nun mit allem Ernst an der gänzlichen Beruhigung Deutschlands und an Hebung aller Beschwerden gearbeitet werden. Diese waren von Seiten der Katholischen nicht viel geringer, als von Seiten der Evangelischen, so sehr auch Ferdinand sich überredete, alle Mitglieder der Ligue durch das Restitutionsedikt und den Anführer derselben durch Ertheilung der Kurwürde und durch Einräumung des größten Theils der pfälzischen Lande sich verpflichtet zu haben. Das gute Verständniß zwischen dem Kaiser und den Fürsten der Ligue hatte seit Wallensteins Erscheinung unendlich gelitten. Gewohnt, den Gesetzgeber in Deutschland zu spielen und selbst über das Schicksal des Kaisers zu gebieten, sah sich der stolze Kurfürst von Bayern durch den kaiserlichen Feldherrn auf einmal entbehrlich gemacht und seine ganze bisherige Wichtigkeit zugleich mit dem Ansehen der Ligue verschwunden. Ein Anderer trat jetzt auf, die Früchte seiner Siege zu ernten und alle seine vergangenen Dienste in Vergessenheit zu stürzen. Der übermüthige Charakter des Herzogs von Friedland, dessen süßester Triumph war, dem Ansehen der Fürsten Hohn zu sprechen und der Autorität seines Herrn eine verhaßte Ausdehnung zu geben, trug nicht wenig dazu bei, die Empfindlichkeit des Kurfürsten zu vermehren. Unzufrieden mit dem Kaiser und voll Mißtrauen gegen seine Gesinnungen, hatte er sich in ein Bündniß mit Frankreich eingelassen, dessen sich auch die übrigen Fürsten der Ligue verdächtig machten. Die Furcht vor den Vergrößerungsplanen des Kaisers, der Unwille über die gegenwärtigen schreienden Uebel hatte bei diesen jedes Gefühl der Dankbarkeit erstickt. Wallensteins Erpressungen waren bis zum Unerträglichen gegangen. Brandenburg gab den erlittenen Schaden auf zwanzig, Pommern auf zehn, Hessen auf sieben Millionen an, die Uebrigen nach Verhältniß. Allgemein, nachdrücklich, heftig war das Geschrei um Hilfe, umsonst alle Gegenvorstellungen, kein Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten, alles über diesen Punkt nur eine einzige Stimme. Mit Fluthen von Bittschriften, alle wider Wallenstein gerichtet, stürmte man auf den erschrockenen Kaiser ein und erschütterte sein Ohr durch die schauderhaftesten Beschreibungen der erlittenen Gewalttätigkeiten. Ferdinand war kein Barbar. Wenn auch nicht unschuldig an den Abscheulichkeiten, die sein Name in Deutschland verübte, doch unbekannt mit dem Uebermaße derselben, besann er sich nicht lange, den Forderungen der Fürsten zu willfahren und von seinen im Felde stehenden Heeren sogleich achtzehntausend Mann Reiterei abzudanken. Als diese Truppenverminderung geschah, rüsteten sich die Schweden schon lebhaft zu ihrem Einmarsch in Deutschland. und der größte Theil der entlassenen kaiserlichen Soldaten eilte unter ihre Fahnen.

Diese Nachgiebigkeit Ferdinands diente nur dazu, den Kurfürsten von Bayern zu kühnern Forderungen zu ermuntern. Der Triumph über das Ansehn des Kaisers war unvollkommen, so lange der Herzog von Friedland das oberste Commando behielt. Schwer rächten sich jetzt die Fürsten an dem Uebermuthe diesem Feldherrn, den sie alle ohne Unterschied hatten fühlen müssen. Die Absetzung desselben wurde daher von dem ganzen Kurfürstencollegium, selbst von den Spaniern, mit einer Einstimmigkeit und Hitze gefordert, die den Kaiser in Erstaunen setzte. Aber selbst diese Einstimmigkeit, diese Heftigkeit, mit welcher die Neider des Kaisers auf Wallensteins Absetzung drangen, mußte ihn von der Wichtigkeit dieses Dieners überzeugen. Wallenstein, von den Kabalen unterrichtet, welche in Regensburg gegen ihn geschmiedet wurden, verabsäumte nichts, dem Kaiser über die wahren Absichten des Kurfürsten von Bayern die Augen zu öffnen. Er erschien selbst in Regensburg, aber mit einem Prunke, der selbst den Kaiser verdunkelte und dem Haß seiner Gegner nur neue Nahrung gab.

Lange Zeit konnte der Kaiser sich nicht entschließen. Schmerzlich war das Opfer, das man von ihm forderte. Seine ganze Ueberlegenheit hatte er dem Herzog von Friedland zu danken; er fühlte, wie viel er hingab, wenn er ihn dem Hasse der Fürsten aufopferte. Aber zum Unglück bedurfte er gerade jetzt den guten Willen der Kurfürsten. Er ging damit um, seinem Sohne Ferdinand, erwähltem König von Ungarn, die Nachfolge im Reiche zuzuwenden, wozu ihm die Einwilligung Maximilians unentbehrlich war. Diese Angelegenheit war ihm die dringendste, und er scheute sich nicht, seinen wichtigsten Diener aufzuopfern, um den Kurfürsten von Bayern zu verpflichten.

Auf eben diesem Kurfürstentage zu Regensburg befanden sich auch Abgeordnete aus Frankreich, bevollmächtigt, einen Krieg beizulegen, der sich zwischen dem Kaiser und ihrem Herrn in Italien zu entzünden drohte. Herzog Vincenz von Mantua und Montferrat war gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen. Sein nächster Anverwandter, Karl Herzog von Nevers hatte sogleich von dieser Erbschaft Besitz genommen, ohne dem Kaiser als oberstem Lehnsherrn dieser Fürstenthümer die schuldige Pflicht zu erweisen. Auf französischen und venetianischen Beistand gestützt, beharrte er auf seiner Weigerung, diese Länder bis zur Entscheidung seines Rechts in die Hände der kaiserlichen Commissarien zu übergeben. Ferdinand, in Feuer gesetzt von den Spaniern, denen, als Besitzern von Mailand, die nahe Nachbarschaft eines französischen Vasallen äußerst bedenklich und die Gelegenheit willkommen war, mit Hilfe des Kaisers Eroberungen in diesem Theile Italiens zu machen, griff zu den Waffen. Aller Gegenbemühungen Papst Urbans des Achten ungeachtet, der den Krieg ängstlich von diesen Gegenden zu entfernen suchte, schickte er eine deutsche Armee über die Alpen, deren unerwartete Erscheinung alle italienischen Staaten in Schrecken setzte. Seine Waffen waren siegreich durch ganz Deutschland, als dies in Italien geschah, und die alles vergrößernde Furcht glaubte nun, die alten Entwürfe Oesterreichs zur Universalmonarchie auf einmal wieder aufleben zu sehen. Die Schrecken des deutschen Kriegs verbreiteten sich nun auch über die gesegneten Fluren, welche der Po durchströmt; die Stadt Mantua wurde mit Sturm erobert, und alles Land umher mußte die verwüstende Gegenwart gesetzloser Schaaren empfinden. Zu den Verwünschungen, welche weit und breit durch ganz Deutschland wider den Kaiser erschallten, gesellten sich nunmehr auch die Flüche Italiens, und im Conclave selbst stiegen von jetzt an stille Wünsche für das Glück der protestantischen Waffen zum Himmel.

Abgeschreckt durch den allgemeinen Haß, welchen dieser italienische Feldzug ihm zugezogen, und durch das dringende Anliegen der Kurfürsten ermüdet, die das Gesuch der französischen Minister mit Eifer unterstützten, gab der Kaiser den Vorschlägen Frankreichs Gehör und versprach dem neuen Herzog von Mantua die Belehnung.

Dieser wichtige Dienst von Seiten Bayerns war von französischer Seite einen Gegendienst werth. Die Schließung des Traktats gab den Bevollmächtigten Richelieus eine erwünschte Gelegenheit, den Kaiser während ihrer Anwesenheit zu Regensburg mit den gefährlichsten Intriguen zu umspinnen, die mißvergnügten Fürsten der Ligue immer mehr gegen ihn zu reizen und alle Verhandlungen dieses Kurfürstentages zum Nachtheil des Kaisers zu leiten. Zu diesem Geschäfte hatte sich Richelieu in der Person des Capuciner-Paters Joseph, der dem Gesandten als ein ganz unverdächtiger Begleiter an die Seite gegeben war, ein treffliches Werkzeug auserlesen. Eine seiner ersten Instruktionen war, die Absetzung Wallensteins mit Eifer zu betreiben. Mit dem General, der sie zum Sieg geführt hatte, verloren die österreichischen Armeen den größten Theil ihrer Stärke; ganze Heere konnten den Verlust dieses einzigen Mannes nicht ersetzen. Ein Hauptstreich der Politik war es also, zu eben der Zeit, wo ein siegreicher König, unumschränkter Herr seiner Kriegsoperationen, sich gegen den Kaiser rüstete, den einzigen Feldherrn, der ihm an Kriegserfahrung und an Ansehn gleich war, von der Spitze der kaiserlichen Armeen wegzureißen. Pater Joseph, mit dem Kurfürsten von Bayern einverstanden, unternahm es, die Unentschlossenheit des Kaisers zu besiegen, der von den Spaniern und dem ganzen Kurfürstenrathe wie belagert war. »Es würde gut gethan sein,« meinte er, »den Fürsten in diesem Stücke zu Gefallen zu leben, um desto eher zu der römischen Königswahl seines Sohnes ihre Stimme zu erhalten. Würde nur dieser Sturm erst vorüber sein, so fände sich Wallenstein alsdann schnell genug wieder, um seinen vorigen Platz einzunehmen.« – Der listige Capuciner war seines Mannes zu gewiß, um bei diesem Trostgrunde etwas zu wagen.

Die Stimme eines Mönchs war für Ferdinand den Zweiten die Stimme Gottes. »Nichts auf Erden,« schreibt sein eigener Beichtvater, »war ihm heiliger, als ein priesterliches Haupt. Geschähe es, pflegte er oft zu sagen, daß ein Engel und ein Ordensmann zu Einer Zeit und an Einem Ort ihm begegneten, so würde der Ordensmann die erste und der Engel die zweite Verbeugung von ihm erhalten.« Wallensteins Absetzung wurde beschlossen.

Zum Dank für dieses fromme Vertrauen arbeitete ihm der Capuciner mit solcher Geschicklichkeit in Regensburg entgegen, daß seine Bemühungen, dem Könige von Ungarn die römische Königswürde zu verschaffen, gänzlich mißlangen. In einem eigenen Artikel des eben geschlossenen Vertrags hatten sich die französischen Minister im Namen dieser Krone verbindlich gemacht, gegen alle Feinde des Kaisers die vollkommenste Neutralität zu beobachten – während daß Richelieu mit dem Könige von Schweden bereits in Traktaten stand, ihn zum Krieg aufmunterte und ihm die Allianz seines Herrn aufdrang. Auch nahm er diese Lüge zurück, sobald sie ihre Wirkung gethan hatte, und Pater Joseph mußte in einem Kloster die Verwegenheit büßen, seine Vollmacht überschritten zu haben. Zu spät wurde Ferdinand gewahr, wie sehr man seiner gespottet hatte. »Ein schlechter Capuciner,« hörte man ihn sagen, »hat mich durch seinen Rosenkranz entwaffnet und nicht weniger als sechs Kurhüte in seine enge Capuze geschoben.«

Betrug und List triumphierten also über diesen Kaiser zu einer Zeit, wo man ihn in Deutschland allmächtig glaubte und wo er es durch seine Waffen wirklich war. Um fünfzehntausend Mann ärmer, ärmer um einen Feldherrn, der ihm den Verlust eines Heers ersetzte, verließ er Regensburg, ohne den Wunsch erfüllt zu sehen, um derentwillen er alle diese Opfer brachte. Ehe ihn die Schweden im Felde schlugen, hatten ihn Maximilian von Bayern und Pater Joseph unheilbar verwundet. Auf eben dieser merkwürdigen Versammlung zu Regensburg wurde der Krieg mit Schweden entschieden und der in Mantua geendigt. Fruchtlos hatten sich auf demselben die Fürsten für die Herzoge von Mecklenburg bei dem Kaiser verwendet, englische Gesandte eben so fruchtlos um einen Jahrgehalt für den Pfalzgrafen Friedrich gebettelt.

Wallenstein hatte über eine Armee von beinahe hunderttausend Mann zu gebieten, von denen er angebetet wurde, als das Urtheil der Absetzung ihm verkündigt werden sollte. Die meisten Offiziere waren seine Geschöpfe, seine Winke Aussprüche des Schicksals für den gemeinen Soldaten. Grenzenlos war sein Ehrgeiz, unbeugsam sein Stolz, sein gebieterischer Geist nicht fähig, eine Kränkung ungerochen zu erdulden. Ein Augenblick sollte ihn jetzt von der Fülle der Gewalt in das Nichts des Privatstandes herunterstürzen. Eine solche Sentenz gegen einen solchen Verbrecher zu vorstrecken, schien nicht viel weniger Kunst zu kosten, als es gekostet hatte, sie dem Richter zu entreißen. Auch hatte man deßwegen die Vorsicht gebraucht, zwei von Wallensteins genauesten Freunden zu Ueberbringern dieser schlimmen Botschaft zu wählen, welche durch die schmeichelhaftesten Zusicherungen der fortdauernden kaiserlichen Gnade so sehr als möglich gemildert werden sollte.

Wallenstein wußte längst den ganzen Inhalt ihrer Sendung, als die Abgesandten des Kaisers ihm vor die Augen traten. Er hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln, und sein Gesicht zeigte Heiterkeit, während daß Schmerz und Wuth in seinem Busen stürmten. Aber er hatte beschlossen, zu gehorchen. Dieser Urtheilsspruch überraschte ihn, ehe zu einem kühnen Schritte die Umstände reif und die Anstalten fertig waren. Seine weitläuftigen Güter waren in Böhmen und Mähren zerstreut; durch Einziehung derselben konnte der Kaiser ihm den Nerven seiner Macht zerschneiden. Von der Zukunft erwartete er Genugthuung, und in dieser Hoffnung bestärkten ihn die Prophezeiungen eines italienischen Astrologen, der diesen ungebändigten Geist, gleich einem Knaben, am Gängelbande führte. Seni, so hieß er, hatte es in den Sternen gelesen, daß die glänzende Laufbahn seines Herrn noch lange nicht geendigt sei, daß ihm die Zukunft noch ein schimmerndes Glück aufbewahre. Man brauchte die Sterne nicht zu bemühen, um mit Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, daß ein Feind wie Gustav Adolph einen General wie Wallenstein nicht lange entbehrlich lassen würde.

»Der Kaiser ist verrathen,« antwortete Wallenstein den Gesandten; »ich bedaure ihn, aber ich vergeb' ihm. Es ist klar, daß ihn der hochfahrende Sinn des Bayern dominiert. Zwar thut mir's wehe, daß er mich mit so wenigem Widerstande hingegeben hat, aber ich will gehorchen.« Die Abgeordneten entließ er fürstlich beschenkt, und den Kaiser ersuchte er in einem demüthigen Schreiben, ihn seiner Gunst nicht zu berauben und bei den erworbenen Würden zu schützen. Allgemein war das Murren der Armee, als die Absetzung ihres Feldherrn bekannt wurde, und der beste Theil seiner Officiere trat sogleich aus dem kaiserlichen Dienst. Viele folgten ihm auf seine Güter nach Böhmen und Mähren; andere fesselte er durch beträchtliche Pensionen, um sich ihrer bei Gelegenheit sogleich bedienen zu können.

Sein Plan war nichts weniger als Ruhe, da er in die Stille des Privatstandes zurücktrat. Der Pomp eines Königs umgab ihn in dieser Einsamkeit und schien dem Urtheilsspruch seiner Erniedrigung Hohn zu sprechen. Sechs Pforten führten zu dem Palaste, den er in Prag bewohnte, und hundert Häuser mußten niedergerissen werden, um dem Schloßhofe Raum zu machen. Aehnliche Paläste wurden auf seinen übrigen zahlreichen Gütern erbaut. Cavaliere aus den edelsten Häusern wetteiferten um die Ehre, ihn zu bedienen, und man sah kaiserliche Kammerherren den goldenen Schlüssel zurückgeben, um bei Wallenstein eben dieses Amt zu bekleiden. Er hielt sechzig Pagen, die von den trefflichsten Meistern unterrichtet wurden; sein Vorzimmer wurde stets durch fünfzig Trabanten bewacht. Seine gewöhnliche Tafel war nie unter hundert Gängen, sein Haushofmeister eine vornehme Standesperson. Reiste er über Land, so wurde ihm Geräte und Gefolge auf hundert sechs- und vierspännigen Wagen nachgefahren; in sechzig Carrossen mit fünfzig Handpferden folgte ihm sein Hof. Die Pracht der Livereien, der Glanz der Equipage und der Schmuck der Zimmer war dem übrigen Aufwande gemäß. Sechs Barone und eben so viel Ritter mußten beständig seine Person umgeben, um jeden Wink zu vollziehen – zwölf Patrouillen die Runde um seinen Palast machen, um jeden Lärm abzuhalten. Sein immer arbeitender Kopf brauchte Stille; kein Gerassel der Wagen durfte seiner Wohnung nahe kommen, und die Straßen wurden nicht selten durch Ketten gesperrt. Stumm, wie die Zugänge zu ihm, war auch sein Umgang. Finster, verschlossen, unergründlich, sparte er seine Worte mehr als seine Geschenke, und das Wenige, was er sprach, wurde mit einem widrigen Ton ausgestoßen. Er lachte niemals, und den Verführungen der Sinne widerstand die Kälte seines Bluts. Immer geschäftig und von großen Entwürfen bewegt, entsagte er allen leeren Zerstreuungen, wodurch Andere das kostbare Leben vergeuden. Einen durch ganz Europa ausgebreiteten Briefwechsel besorgte er selbst; die meisten Aufsätze schrieb er mit eigener Hand nieder, um der Verschwiegenheit Anderer so wenig als möglich anzuvertrauen. Er war von großer Statur und hager, von gelblicher Gesichtsfarbe, röthlichen kurzen Haaren, kleinen, aber funkelnden Augen. Ein furchtbarer, zurückschreckender Ernst saß auf seiner Stirne, und nur das Uebermaß seiner Belohnungen konnte die zitternde Schaar seiner Diener festhalten.

In dieser prahlerischen Dunkelheit erwartete Wallenstein still, doch nicht müßig, seine glänzende Stunde und der Rache aufgehenden Tag; bald ließ ihn Gustav Adolphs reißender Siegeslauf ein Vorgefühl desselben genießen. Von seinen hochfliegenden Planen ward kein einziger aufgegeben; der Undank des Kaisers hatte seinen Ehrgeiz von einem lästigen Zügel befreit. Der blendende Schimmer seines Privatlebens verrieth den stolzen Schwung seiner Entwürfe, und verschwenderisch, wie ein Monarch, schien er die Güter seiner Hoffnung schon unter seine gewissen Besitzungen zu zählen.

Nach Wallensteins Abdankung und Gustav Adolphs Landung mußte ein neuer Generalissimus aufgestellt werden; zugleich schien es nöthig zu sein, das bisher getrennte Commando der kaiserlichen und liguistischen Truppen in einer einzigen Hand zu vereinigen. Maximilian von Bayern trachtete nach diesem wichtigen Posten, der ihn zum Herrn des Kaisers machen konnte; aber eben dies bewog Letztern, sich für den König von Ungarn, seinen älteren Sohn, darum zu bewerben. Endlich, um beide Competenten zu entfernen und keinen Theil ganz unbefriedigt zu lassen, übergab man das Commando dem liguistischen General Tilly, der nunmehr den bayerischen Dienst gegen den österreichischen vertauschte. Die Armeen, welche Ferdinand auf deutschem Boden stehen hatte, beliefen sich, nach Abgang der Wallensteinischen Truppen, auf etwa vierzigtausend Mann; nicht viel schwächer war die liguistische Kriegsmacht; beide durch treffliche Officiere befehligt, durch viele Feldzüge geübt, und stolz auf eine lange Reihe von Siegen. Mit dieser Macht glaubte man um so weniger Ursache zu haben, vor der Annäherung des Königs von Schweden zu zittern, da man Pommern und Mecklenburg inne hatte, die einzigen Pforten, durch welche er in Deutschland hereinbrechen konnte.

Nach dem unglücklichen Versuche des Königs von Dänemark, die Progressen des Kaisers zu hemmen, war Gustav Adolph der einzige Fürst in Europa, von welchem die unterliegende Freiheit Rettung zu hoffen hatte, der einzige zugleich, der durch die stärksten politischen Gründe dazu aufgefordert, durch erlittene Beleidigungen dazu berechtigt und durch persönliche Fähigkeiten dieser gewagten Unternehmung gewachsen war. Wichtige Staatsgründe, welche er mit Dänemark gemein hatte, hatten ihn, schon vor dem Ausbruche des Kriegs in Niedersachsen, bewogen, seine Person und seine Heere zur Verteidigung Deutschlands anzubieten; damals hatte ihn der König von Dänemark zu seinem eigenen Unglücke verdrängt. Seit dieser Zeit hatte der Uebermuth Wallensteins und der despotische Stolz des Kaisers es nicht an Aufforderungen fehlen lassen, die ihn persönlich erhitzen und als König bestimmen mußten. Kaiserliche Truppen waren dem polnischen König Sigismund zu Hilfe geschickt worden, um Preußen gegen die Schweden zu vertheidigen. Dem König, welcher sich über diese Feindseligkeit gegen Wallenstein beklagte, wurde geantwortet: »Der Kaiser habe der Soldaten zu viel. Er müsse seinen guten Freunden damit aushelfen.« Von dem Congresse mit Dänemark zu Lübeck hatte eben dieser Wallenstein die schwedischen Gesandten mit beleidigendem Trotz abgewiesen und, da sie sich dadurch nicht schrecken ließen, mit einer Behandlung bedroht, welche das Völkerrecht verletzte. Ferdinand hatte die schwedischen Flaggen insultieren und Depeschen des Königs nach Siebenbürgen auffangen lassen. Er fuhr fort, den Frieden zwischen Polen und Schweden zu erschweren, die Anmaßungen Sigismunds auf den schwedischen Thron zu unterstützen und Gustav Adolphen den königlichen Titel zu verweigern. Die wiederholtesten Gegenvorstellungen Gustavs hatte er keiner Aufmerksamkeit gewürdigt und neue Beleidigungen hinzugefügt, anstatt die verlangte Genugthuung für die alten zu leisten.

So viele persönliche Aufforderungen, durch die wichtigsten Staats- und Gewissensgründe unterstützt und verstärkt durch die dringendsten Einladungen aus Deutschland, mußten auf das Gemüth eines Fürsten Eindruck machen, der auf seine königliche Ehre desto eifersüchtiger war, je mehr man geneigt sein konnte, sie ihm streitig zu machen; der sich durch den Ruhm, die Unterdrückten zu beschützen, unendlich geschmeichelt fand und den Krieg, als das eigentliche Element seines Genies, mit Leidenschaft liebte. Aber ehe ein Waffenstillstand oder Friede mit Polen ihm freie Hände gab, konnte an einen neuen und gefahrvollen Krieg mit Ernst nicht gedacht werden.

Der Cardinal Richelieu hatte das Verdienst, diesen Waffenstillstand mit Polen herbeizuführen. Dieser große Staatsmann, das Steuer Europens in der einen Hand, indem er die Wuth der Faktionen und den Dünkel der Großen in dem Innern Frankreichs mit der andern darniederbeugte, verfolgte mitten unter den Sorgen einer stürmischen Staatsverwaltung unerschütterlich seinen Plan, die anwachsende Macht Oesterreichs in ihrem stolzen Laufe zu hemmen. Aber die Umstände, welche ihn umgaben, setzten diesen Entwürfen nicht geringe Hindernisse in der Ausführung entgegen, denn auch dem größten Geist möchte es ungestraft nicht hingehen, den Wahnbegriffen seiner Zeit Hohn zu sprechen. Minister eines katholischen Königs und durch den Purpur, den er trug, selbst Fürst der römischen Kirche, durfte er es jetzt noch nicht wagen, im Bündniß mit dem Feinde seiner Kirche öffentlich eine Macht anzugreifen, welche die Anmaßungen ihres Ehrgeizes durch den Namen der Religion vor der Menge zu heiligen gewußt hatte. Die Schonung, welche Richelieu den eingeschränkten Begriffen seiner Zeitgenossen schuldig war, schränkte seine politische Thätigkeit auf die behutsamen Versuche ein, hinter der Decke verborgen zu wirken und die Entwürfe seines erleuchteten Geistes durch eine fremde Hand zu vollstrecken. Nachdem er sich umsonst bemüht hatte, den Frieden Dänemarks mit dem Kaiser zu hindern, nahm er seine Zuflucht zu Gustav Adolph, dem Helden seines Jahrhunderts. Nichts wurde gespart, diesen König zur Entschließung zu bringen und ihm zugleich die Mittel zur Ausführung zu erleichtern. Charnasse, ein unverdächtiger Unterhändler des Cardinals, erschien in Polnischpreußen, wo Gustav Adolph gegen Sigismund Krieg führte, und wanderte von einem der beiden Könige zum andern, um einen Waffenstillstand oder Frieden zwischen ihnen zu Stande zu bringen. Gustav Adolph war längst dazu bereit, und endlich gelang es dem französischen Minister, auch dem König Sigismund über sein wahres Interesse und die betrügerische Politik des Kaisers die Augen zu öffnen. Ein Waffenstillstand wurde auf sechs Jahre zwischen beiden Königen geschlossen, durch welchen Gustav im Besitz aller seiner Eroberungen blieb und die lang gewünschte Freiheit erhielt, seine Waffen gegen den Kaiser zu kehren. Der französische Unterhändler bot ihm zu dieser Unternehmung die Allianz seines Königs und beträchtliche Hilfsgelder an, welche nicht zu verachten waren. Aber Gustav Adolph fürchtete nicht ohne Grund, sich durch Annehmung derselben in eine Abhängigkeit von Frankreich zu setzen, die ihm vielleicht mitten im Laufe seiner Siege Fesseln anlegte, und durch das Bündniß mit einer katholischen Macht Mißtrauen bei den Protestanten zu erwecken.

So dringend und gerecht dieser Krieg war, so vielversprechend waren die Umstände, unter welchen Gustav Adolph ihn unternahm. Furchtbar zwar war der Name des Kaisers, unerschöpflich seine Hilfsquellen, unüberwindlich bisher seine Macht; jeden Andern, als Gustav, würde ein so gefahrvolles Spiel zurückgeschreckt haben. Gustav übersah alle Hindernisse und Gefahren, welche sich seinem Unternehmen entgegenstellten; aber er kannte auch die Mittel, wodurch er sie zu besiegen hoffte. Nicht beträchtlich, aber wohl discipliniert war seine Kriegsmacht, durch ein strenges Klima und anhaltende Feldzüge abgehärtet, in dem polnischen Kriege zum Sieg gebildet. Schweden, obgleich arm an Geld und an Menschen und durch einen achtjährigen Krieg über Vermögen angestrengt, war seinem König mit einem Enthusiasmus ergeben, der ihn die bereitwilligste Unterstützung von seinen Reichsständen hoffen ließ. In Deutschland war der Name des Kaisers wenigstens eben so sehr gehaßt, als gefürchtet. Die protestantischen Fürsten schienen nur die Ankunft eines Befreiers zu erwarten, um das unleidliche Joch der Tyrannei abzuwerfen und sich öffentlich für Schweden zu erklären. Selbst den katholischen Ständen konnte die Erscheinung eines Gegners nicht unwillkommen sein, der die überwiegende Macht des Kaisers beschränkte. Der erste Sieg, auf deutschem Boden erfochten, mußte für seine Sache entscheidend sein, die noch zweifelnden Fürsten zur Erklärung bringen, den Muth seiner Anhänger stärken, den Zulauf zu seinen Fahnen vermehren und zu Fortsetzung des Krieges reichliche Hilfsquellen eröffnen. Hatten gleich die mehrsten deutschen Länder durch die bisherigen Bedrückungen unendlich gelitten, so waren doch die wohlhabenden hanseatischen Städte bis jetzt davon frei geblieben, die kein Bedenken tragen konnten, mit einem freiwilligen mäßigen Opfer einem allgemeinen Ruin vorzubeugen. Aus je mehrern Ländern man die Kaiserlichen verjagte, desto mehr mußten ihre Heere schmelzen, die nur allein von den Ländern lebten, in denen sie standen. Unzeitige Truppenversendungen nach Italien und den Niederlanden hatten ohnehin die Macht des Kaisers vermindert; Spanien, durch den Verlust seiner amerikanischen Silberflotte geschwächt und durch einen ernstlichen Krieg in den Niederlanden beschäftigt, konnte ihm wenig Unterstützung gewähren. Dagegen machte Großbritannien dem Könige von Schweden zu beträchtlichen Subsidien Hoffnung, und Frankreich, welches eben jetzt mit sich selbst Frieden machte, kam ihm mit den vorteilhaftesten Anerbietungen bei seiner Unternehmung entgegen.

Aber die sicherste Bürgschaft für den glücklichen Erfolg seiner Unternehmung fand Gustav Adolph – in sich selbst. Die Klugheit erforderte es, sich aller äußerlichen Hilfsmittel zu versichern und dadurch sein Unternehmen vor dem Vorwurf der Verwegenheit zu schützen; aus seinem Busen allein nahm er seine Zuversicht und seinen Muth. Gustav Adolph war ohne Widerspruch der erste Feldherr seines Jahrhunderts und der tapferste Soldat in seinem Heere, das er sich selbst erst geschaffen hatte. Mit der Taktik der Griechen und Römer vertraut, hatte er eine bessere Kriegskunst erfunden, welche den größten Feldherren der folgenden Zeiten zum Muster diente. Die unbehilflichen großen Escadrons verringerte er, um die Bewegungen der Reiterei leichter und schneller zu machen; zu eben dem Zwecke rückte er die Bataillons in weitere Entfernungen aus einander. Er stellte seine Armee, welche gewöhnlich nur eine einzige Linie einnahm, in einer gedoppelten Linie in Schlachtordnung, daß die zweite anrücken konnte, wenn die erste zum Weichen gebracht war. Den Mangel an Reiterei wußte er dadurch zu ersetzen, daß er Fußgänger zwischen die Reiter stellte, welches sehr oft den Sieg entschied; die Wichtigkeit des Fußvolks in Schlachten lernte Europa erst von ihm. Ganz Deutschland hat die Mannszucht bewundert, durch welche sich die schwedischen Heere auf deutschem Boden in den ersten Zeiten so rühmlich unterschieden. Alle Ausschweifungen wurden aufs strengste geahndet; am strengsten Gotteslästerung, Raub, Spiel und Duelle. In den schwedischen Kriegsgesetzen wurde die Mäßigkeit befohlen; auch erblickte man in dem schwedischen Lager, das Gezelt des Königs nicht ausgenommen, weder Silber noch Gold. Das Auge des Feldherrn wachte mit eben der Sorgfalt über die Sitten des Soldaten, wie über die kriegerische Tapferkeit. Jedes Regiment mußte zum Morgen- und Abendgebet einen Kreis um seinen Prediger schließen und unter freiem Himmel seine Andacht halten. In allem diesem war der Gesetzgeber zugleich Muster. Eine ungekünstelte lebendige Gottesfurcht erhöhte den Muth, der sein großes Herz beseelte. Gleich frei von dem rohen Unglauben, der den wilden Begierden des Barbaren ihren notwendigen Zügel nimmt, und von der kriechenden Andächtelei eines Ferdinand, die sich vor der Gottheit zum Wurm erniedrigt und auf dem Nacken der Menschheit trotzig einherwandelt, blieb er auch in der Trunkenheit seines Glücks noch Mensch und noch Christ, aber auch in seiner Andacht noch Held und noch König. Alles Ungemach des Kriegs ertrug er gleich dem Geringsten aus dem Heere, mitten in dem schwärzesten Dunkel der Schlacht war es licht in seinem Geiste; allgegenwärtig mit seinem Blicke, vergaß er den Tod, der ihn umringte; stets fand man ihn auf dem Wege der furchtbarsten Gefahr. Seine natürliche Herzhaftigkeit ließ ihn nur allzuoft vergessen, was er dem Feldherrn schuldig war, und dieses königliche Leben endigte der Tod eines Gemeinen. Aber einem solchen Führer folgte der Feige wie der Muthige zum Sieg, und seinem alles beleuchtenden Adlerblick entging keine Heldenthat, die sein Beispiel geweckt hatte. Der Ruhm ihres Beherrschers entzündete in der Nation ein begeisterndes Selbstgefühl; stolz auf diesen König, gab der Bauer in Finnland und Gothland freudig seine Armuth hin, verspritzte der Soldat freudig sein Blut, und der hohe Schwung, den der Geist dieses einzigen Mannes der Nation gegeben, überlebte noch lange Zeit seinen Schöpfer.

So wenig man über die Notwendigkeit des Krieges in Zweifel war, so sehr war man es über die Art, wie er geführt werden sollte. Ein angreifender Krieg schien selbst dem muthvollen Kanzler Oxenstierna zu gewagt, die Kräfte seines geldarmen und gewissenhaften Königs zu ungleich den unermeßlichen Hilfsmitteln eines Despoten, der mit ganz Deutschland wie mit seinem Eigenthum schaltete. Diese furchtsamen Bedenklichkeiten des Ministers widerlegte die weiter sehende Klugheit des Helden. » Erwarten wir den Feind in Schweden,« sagte Gustav, »so ist alles verloren, wenn eine Schlacht verloren ist; alles ist gewonnen, wenn wir in Deutschland einen glücklichen Anfang machen. Das Meer ist groß, und wir haben in Schweden weitläufige Küsten zu bewachen. Entwischte uns die feindliche Flotte – oder würde die unsrige geschlagen, so wäre es dann umsonst, die feindliche Landung zu verhindern. An der Erhaltung Stralsunds muß uns alles liegen. So lange dieser Hafen uns offen steht, werden wir unser Ansehen auf der Ostsee behaupten und einen freien Verkehr mit Deutschland unterhalten. Aber um Stralsund zu beschützen, dürfen wir uns nicht in Schweden verkriechen, sondern müssen mit einer Armee nach Pommern hinübergehen. Redet mir also nichts mehr von einem Verteidigungskriege, durch den wir unsere herrlichsten Vortheile verscherzen. Schweden selbst darf keine feindliche Fahne sehen; und werden wir in Deutschland besiegt, so ist es alsdann noch Zeit, euern Plan zu befolgen.«

Beschlossen wurde also der Uebergang nach Deutschland und der Angriff des Kaisers. Die Zurüstungen wurden aufs lebhafteste betrieben, und die Vorkehrungen, welche Gustav traf, verriethen nicht weniger Vorsicht, als der Entschluß Kühnheit und Größe zeigte. Vor allem war es nöthig, in einem so weit entlegenen Kriege Schweden selbst gegen die zweideutigen Gesinnungen der Nachbarn in Sicherheit zu setzen. Auf einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige von Dänemark zu Markaröd versicherte sich Gustav der Freundschaft dieses Monarchen; gegen Moskau wurden die Grenzen gedeckt; Polen konnte man von Deutschland aus in Furcht erhalten, wenn es Lust bekommen sollte, den Waffenstillstand zu verletzen. Ein schwedischer Unterhändler, von Falkenberg, welcher Holland und die deutschen Höfe bereiste, machte seinem Herrn von Seiten mehrerer protestantischen Fürsten, die schmeichelhaftesten Hoffnungen, obgleich noch keiner Muth und Verleugnung genug hatte, ein förmliches Bündniß mit ihm einzugehen. Die Städte Lübeck und Hamburg zeigten sich bereitwillig, Geld vorzuschießen und an Zahlungs Statt schwedisches Kupfer anzunehmen. Auch an den Fürsten von Siebenbürgen wurden vertraute Personen abgeschickt, diesen unversöhnlichen Feind Oesterreichs gegen den Kaiser in Waffen zu bringen.

Unterdessen wurden in den Niederlanden und Deutschland schwedische Werbungen eröffnet, die Regimenter vollzählig gemacht, neue errichtet, Schiffe herbeigeschafft, die Flotte gehörig ausgerüstet, Lebensmittel, Kriegsbedürfnisse und Geld so viel nur möglich herbeigetrieben. Dreißig Kriegsschisse waren in kurzer Zeit zum Auslaufen fertig, eine Armee von fünfzehntausend Mann stand bereit, und zweihundert Transportschiffe waren bestimmt, sie überzusetzen. Eine größere Macht wollte Gustav Adolph nicht nach Deutschland hinüberführen, und der Unterhalt derselben hätte auch bis jetzt die Kräfte seines Königreichs überstiegen. Aber so klein diese Armee war, so vortrefflich war die Auswahl seiner Truppen in Disciplin, kriegerischem Muth und Erfahrung, die einen festen Kern zu einer größern Kriegsmacht abgeben konnte, wenn er den deutschen Boden erst erreicht und das Glück seinen ersten Anfang begünstigt haben würde. Oxenstierna, zugleich General und Kanzler, stand mit etwa zehntausend Mann in Preußen, diese Provinz gegen Polen zu vertheidigen. Einige reguläre Trnppen und ein ansehnliches Corps Landmiliz, welches der Hauptarmee zur Pflanzschule diente, blieb in Schweden zurück, damit ein bundbrüchiger Nachbar bei einem schnellen Ueberfall das Königreich nicht unvorbereitet fände.

Dadurch war für die Verteidigung des Reichs gesorgt. Nicht weniger Sorgfalt bewies Gustav Adolph bei Anordnung der innern Regierung. Die Regentschaft wurde dem Reichsrath, das Finanzwesen dem Pfalzgrafen Johann Casimir, dem Schwager des Königs, übertragen; seine Gemahlin, so zärtlich er sie liebte, von allen Regierungsgeschäften entfernt, denen ihre eingeschränkten Fähigkeiten nicht gewachsen waren. Gleich einem Sterbenden bestellte er sein Haus. Am 20sten Mai 1630, nachdem alle Vorkehrungen getroffen und alles zur Abfahrt in Bereitschaft war, erschien der König zu Stockholm in der Reichsversammlung, den Ständen ein feierliches Lebewohl zu sagen. Er nahm hier seine vierjährige Tochter Christina, die in der Wiege schon zu seiner Nachfolgerin erklärt war, auf die Arme, zeigte sie den Ständen als ihre künftige Beherrscherin, ließ ihr auf den Fall, daß er selbst nimmer wiederkehrte, den Eid der Treue erneuern und darauf die Verordnung ablesen, wie es während seiner Abwesenheit oder der Minderjährigkeit seiner Tochter mit der Regentschaft des Reichs gehalten werden sollte. In Thränen zerfloß die ganze Versammlung, und der König selbst brauchte Zeit, um zu seiner Abschiedsrede an die Stände die nöthige Fassung zu erhalten.

»Nicht leichtsinniger Weise,« fing er an, »stürze ich mich und euch in diesen neuen gefahrvollen Krieg. Mein Zeuge ist der allmächtige Gott, daß ich nicht aus Vergnügen fechte. Der Kaiser hat mich in der Person meiner Gesandten aufs grausamste beleidigt, er hat meine Feinde unterstützt, er verfolgt meine Freunde und Brüder, drückt meine Religion in den Staub und streckt die Hand aus nach meiner Krone. Dringend flehen uns die unterdrückten Stände Deutschlands um Hilfe, und wenn es Gott gefällt, so wollen wir sie ihnen geben.

»Ich kenne die Gefahren, denen mein Leben ausgesetzt sein wird. Nie habe ich sie gemieden, und schwerlich werde ich ihnen ganz entgehen. Bis jetzt zwar hat mich die Allmacht wunderbar behütet; aber ich werde doch endlich sterben in der Verteidigung meines Vaterlandes. Ich übergebe euch dem Schutz des Himmels. Seid gerecht, seid gewissenhaft, wandelt unsträflich, so werden wir uns in der Ewigkeit wieder begegnen.

»An euch, meine Reichsräthe, wende ich mich zuerst. Gott erleuchte euch und erfülle euch mit Weisheit, meinem Königreiche stets das Beste zu rathen. Euch, tapfrer Adel, empfehle ich dem göttlichen Schutz. Fahret fort, euch als würdige Nachkommen jener heldenmüthigen Gothen zu erweisen, deren Tapferkeit das alte Rom in den Staub stürzte. Euch, Diener der Kirche, ermahne ich zur Verträglichkeit und Eintracht; seid selbst Muster der Tugenden, die ihr predigt, und mißbraucht nie eure Herrschaft über die Herzen meines Volks. Euch, Deputirte des Bürger- und Bauernstandes, wünsche ich den Segen des Himmels, euerm Fleiß eine erfreuende Ernte, Fülle euern Scheunen, Ueberfluß an allen Gütern des Lebens. Für euch alle, Abwesende und Gegenwärtige, schicke ich aufrichtige Wünsche zum Himmel. Ich sage euch allen mein zärtliches Lebewohl. Ich sage es vielleicht auf ewig.«

Zu Elfsnaben, wo die Flotte vor Anker lag, erfolgte die Einschiffung der Truppen; eine unzählige Menge Volks war herbeigeströmt, dieses eben so prächtige als rührende Schauspiel zu sehen. Die Herzen der Zuschauer waren von den verschiedensten Empfindungen bewegt, je nachdem sie bei der Größe des Wagestücks oder bei der Größe des Mannes verweilten. Unter den hohen Officieren, welche bei diesem Heere commandierten, haben sich Gustav Horn, Rheingraf Otto Ludwig, Heinrich Matthias Graf von Thurn, Ortenburg, Baudissen, Banner, Teufel, Tott, Mutsenfahl, Falkenberg, Kniphausen und Andere mehr einen glänzenden Namen erworben. Die Flotte, von widrigen Winden aufgehalten, konnte erst im Junius unter Segel gehen und erreichte am 24sten dieses Monats die Insel Ruden an der Küste von Pommern.

Gustav Adolph war der Erste, der hier ans Land stieg. Im Angesicht seines Gefolges kniete er nieder auf Deutschlands Erde und dankte der Allmacht für die Erhaltung seiner Armee und seiner Flotte. Auf den Inseln Wollin und Usedom setzte er seine Truppen ans Land; die kaiserlichen Besatzungen verließen sogleich bei seiner Annäherung ihre Schanzen und entflohen. Gleich sein erster Eintritt in Deutschland war Eroberung. Mit Blitzesschnelligkeit erschien er vor Stettin, sich dieses wichtigen Platzes zu versichern, ehe die Kaiserlichen ihm zuvorkämen. Bogisla der Vierzehnte, Herzog von Pommern, ein schwacher und alternder Prinz, war lange schon der Mißhandlungen müde, welche die Kaiserlichen in seinem Lande ausgeübt hatten und fortfuhren auszuüben; aber zu kraftlos, ihnen Widerstand zu thun, hatte er sich mit stillem Murren unter die Uebermacht gebeugt. Die Erscheinung seines Retters, anstatt seinen Muth zu beleben, erfüllte ihn mit Furcht und Zweifeln. So sehr sein Land noch von den Wunden blutete, welche die Kaiserlichen ihm geschlagen, so wenig konnte dieser Fürst sich entschließen, durch offenbare Begünstigung der Schweden die Rache des Kaisers gegen sich zu reizen. Gustav Adolph, unter den Kanonen von Stettin gelagert, forderte diese Stadt auf, schwedische Garnison einzunehmen. Bogisla erschien selbst in dem Lager des Königs, sich diese Einquartierung zu verbitten. »Ich komme als Freund und nicht als Feind zu Ihnen,« antwortete Gustav; »nicht mit Pommern, nicht mit dem deutschen Reiche, nur mit den Feinden desselben führe ich Krieg. In meinen Händen soll dieses Herzogthum heilig aufgehoben sein, und sicherer als von jedem Andern werden Sie es nach geendigtem Feldzug von mir zurückerhalten. Sehen Sie die Fußstapfen der kaiserlichen Truppen in Ihrem Lande, sehen Sie die Spuren der meinigen in Usedom, und wählen Sie, ob Sie den Kaiser oder mich zum Freund haben wollen. Was erwarten Sie, wenn der Kaiser sich Ihrer Hauptstadt bemächtigen sollte? Wird er gnädiger damit verfahren als ich? Oder wollen Sie meinen Siegen Grenzen setzen? Die Sache ist dringend – fassen Sie einen Entschluß, und nöthigen Sie mich nicht, wirksamere Mittel zu ergreifen.«

Die Wahl war schmerzlich für den Herzog von Pommern. Hier der König von Schweden mit einer furchtbaren Armee vor den Thoren seiner Hauptstadt; dort die unausbleibliche Rache des Kaisers und das schreckenvolle Beispiel so vieler deutschen Fürsten, welche als Opfer dieser Rache im Elend herumwanderten. Die dringendere Gefahr bestimmte seinen Entschluß. Die Thore von Stettin wurden dem Könige geöffnet, schwedische Truppen rückten ein, und den Kaiserlichen, die schon in starken Märschen herbeieilten, wurde der Vorsprung abgewonnen. Stettins Einnahme verschaffte dem König in Pommern festen Fuß, den Gebrauch der Oder und einen Waffenplatz für seine Armee. Herzog Bogisla säumte nicht, den gethanen Schritt bei dem Kaiser durch die Notwendigkeit zu entschuldigen und dem Vorwurfe der Verrätherei im Voraus zu begegnen; aber von der Unversöhnlichkeit dieses Monarchen überzeugt, trat er mit seinem neuen Schutzherrn in eine enge Verbindung, um durch die schwedische Freundschaft sich gegen die Rache Oesterreichs in Sicherheit zusetzen. Der König gewann durch diese Allianz mit Pommern einen wichtigen Freund auf deutschem Boden, der ihm den Rücken deckte und den Zusammenhang mit Schweden offen hielt.

Gustav Adolph glaubte sich gegen Ferdinand, der ihn in Preußen zuerst feindlich angegriffen hatte, der hergebrachten Formalitäten überhoben und fing ohne Kriegserklärung die Feindseligkeiten an. Gegen die europäischen Fürsten rechtfertigte er sein Betragen in einem eigenen Manifest, in welchem alle schon angeführten Gründe, die ihn zur Ergreifung der Waffen bewogen, hererzählt wurden. Unterdessen setzte er seine Progressen in Pommern fort und sah mit jedem Tage seine Heere sich vermehren. Von den Truppen, welche unter Mannsfeld, Herzog Christian von Braunschweig, dem Könige von Dänemark und unter Wallenstein gefochten, stellten sich Officiere sowohl als Soldaten schaarenweise dar, unter seinen siegreichen Fahnen zu streiten.

Der Einfall des Königs von Schweden wurde am kaiserlichen Hofe der Aufmerksamkeit bei weitem nicht gewürdigt, welche er bald darauf zu verdienen schien. Der österreichische Stolz, durch das bisherige unerhörte Glück auf den höchsten Gipfel getrieben, sah mit Geringschätzung auf einen Fürsten herab, der mit einer Handvoll Menschen aus einem verachteten Winkel Europens hervorkam und, wie man sich einbildete, seinen bisher erlangten Kriegsruhm bloß der Ungeschicklichkeit eines noch schwächern Feindes verdankte, Die herabsetzende Schilderung, welche Wallenstein, nicht ohne Absicht, von der schwedischen Macht entworfen, vermehrte die Sicherheit des Kaisers; wie hätte er einen Feind achten sollen, den sein Feldherr sich getraute mit Ruthen aus Deutschland zu verjagen? Selbst die reißenden Fortschritte Gustav Adolphs in Pommern konnten dieses Vorurtheil nicht ganz besiegen, welchem der Spott der Höflinge stets neue Nahrung gab. Man nannte ihn in Wien nur die Schneemajestät, welche die Kälte des Nords jetzt zusammenhalte, die aber zusehends schmelzen würde, je näher sie gegen Süden rückte. Die Kurfürsten selbst, welche in Regensburg versammelt waren, würdigten seine Vorstellungen keiner Aufmerksamkeit und verweigerten ihm, aus blinder Gefälligkeit gegen Ferdinand, sogar den Titel eines Königs. Während man in Regensburg und Wien seiner spottete, ging in Pommern und Mecklenburg ein fester Ort nach dem andern an ihn verloren.

Dieser Geringschätzung ungeachtet hatte sich der Kaiser bereitwillig finden lassen, die Mißhelligkeiten mit Schweden durch Unterhandlungen beizulegen, auch zu diesem Ende Bevollmächtigte nach Danzig gesendet. Aber aus ihren Instruktionen erhellte deutlich, wie wenig es ihm damit Ernst war, da er Gustaven noch immer den königlichen Titel verweigerte. Seine Absicht schien bloß dahin zu gehen, das Verhaßte des Angriffs von sich selbst auf den König von Schweden abzuwälzen und sich dadurch auf den Beistand der Reichsstände desto eher Rechnung machen zu können. Fruchtlos, wie zu erwarten gewesen war, zerschlug sich also dieser Congreß zu Danzig, und die Erbitterung beider Theile wurde durch einen heftigen Schriftwechsel aufs höchste getrieben.

Ein kaiserlicher General, Torquato Conti, der die Armee in Pommern commandierte, hatte sich unterdessen vergeblich bemüht, den Schweden Stettin wieder zu entreißen. Aus einem Platz nach dem andern wurden die Kaiserlichen vertrieben; Damm, Stargard, Camin, Wolgast fielen schnell nach einander in des Königs Hand. Um sich an dem Herzog von Pommern zu rächen, ließ der kaiserliche General auf dem Rückzuge seine Truppen die schreiendsten Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner Pommerns verüben, welche sein Geiz längst schon aufs grausamste gemißhandelt hatte. Unter dem Vorwande, den Schweden alle Lebensmittel zu entziehen, wurde alles verheert und geplündert, und oft, wenn die Kaiserlichen einen Platz nicht länger zu behaupten wußten, ließen sie ihn in Rauch aufgehen, um dem Feinde nichts als den Schutt zurückzulassen. Aber diese Barbareien dienten nur dazu, das entgegengesetzte Betragen der Schweden in ein desto glänzenderes Licht zu setzen und dem menschenfreundlichen König alle Herzen zu gewinnen. Der schwedische Soldat bezahlte alles, was er brauchte, und von fremdem Eigenthum wurde auf seinem Durchmarsche nichts berührt. In Stadt und Land empfing man daher die schwedischen Heere mit offenen Armen; alle kaiserlichen Soldaten, welche dem pommerischen Landvolk in die Hände fielen, wurden ohne Barmherzigkeit ermordet. Viele Pommern traten in schwedischen Dienst, und die Stände dieses so sehr erschöpften Landes ließen es sich mit Freuden gefallen, dem König eine Contribution von hunderttausend Gulden zu bewilligen.

Torquato Conti, bei aller Härte seines Charakters ein vortrefflicher General, suchte dem König von Schweden den Besitz von Stettin wenigstens unnütz zu machen, da er ihn nicht von diesem Ort zu vertreiben vermochte. Er verschanzte sich zu Garz, oberhalb Stettin, an der Oder, um diesen Fluß zu beherrschen und jener Stadt die Communication zu Wasser mit dem übrigen Deutschland abzuschneiden. Nichts konnte ihn dahin bringen, mit dem Könige von Schweden zu schlagen, der ihm an Mannschaft überlegen war; noch weniger wollte es diesem gelingen, die festen kaiserlichen Verschanzungen zu stürmen. Torquato, von Truppen und Geld allzusehr entblößt, um angriffsweise gegen den König zu agieren, gedachte mit Hilfe dieses Operationsplans dem Grafen Tilly Zeit zu verschaffen, zur Verteidigung Pommerns herbeizueilen und alsdann in Vereinigung mit diesem General auf den König von Schweden loszugehen. Er benutzte sogar einmal die Entfernung des Königs, um sich durch einen unvermuteten Ueberfall Stettins zu bemächtigen. Aber die Schweden ließen sich nicht unvorbereitet finden. Ein lebhafter Angriff der Kaiserlichen wurde mit Standhaftigkeit zurückgeschlagen, und Torquato verschwand mit einem großen Verluste. Nicht zu leugnen ist es, daß Gustav Adolph bei diesem günstigen Anfang ebenso viel dem Glück als seiner Kriegserfahrenheit dankte. Die kaiserlichen Truppen in Pommern waren seit Wallensteins Abdankung aufs tiefste heruntergekommen. Grausam rächten sich ihre Ausschweifungen jetzt an ihnen selbst; ein ausgezehrtes verödetes Land konnte ihnen keinen Unterhalt mehr darbieten. Alle Mannszucht war dahin, keine Achtung mehr für die Befehle der Officiere; zusehends schmolz ihre Anzahl durch häufige Desertionen und durch ein allgemeines Sterben, welches die schneidende Kälte in diesem ungewohnten Klima verursachte. Unter diesen Umständen sehnte sich der kaiserliche General nach Ruhe, um seine Truppen durch die Winterquartiere zu erquicken; aber er hatte mit einem Feinde zu thun, für den unter deutschem Himmel gar kein Winter war. Zur Vorsorge hatte Gustav seine Soldaten mit Schafspelzen versehen lassen, um auch die rauheste Jahreszeit über im Felde zu bleiben. Die kaiserlichen Bevollmächtigten, welche wegen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln kamen, erhielten daher die trostlose Antwort: »Die Schweden seien im Winter wie im Sommer Soldaten und nicht geneigt, den armen Landmann noch mehr auszusaugen. Die Kaiserlichen möchten es mit sich halten, wie sie wollten; sie aber gedächten nicht, sich müßig zu verhalten.« Torquato Conti legte bald darauf sein Commando, wobei wenig Ruhm und nun auch kein Geld mehr zu gewinnen war, nieder.

Bei dieser Ungleichheit mußte sich der Vortheil notwendiger Weise auf schwedischer Seite befinden. Unaufhörlich wurden die Kaiserlichen in ihren Winterquartieren beunruhigt, Greifenhagen, ein wichtiger Platz an der Oder, mit Sturm erobert, zuletzt auch die Städte Garz und Pyritz von den Feinden verlassen. Von ganz Pommern waren nur noch Greifswalde, Demmin und Kolberg in ihren Händen, zu deren Belagerung der König ungesäumt die nachdrücklichsten Anstalten machte. Der fliehende Feind nahm seinen Weg nach der Mark Brandenburg, nicht ohne großen Verlust an Artillerie, Bagage und Mannschaft, welche den nacheilenden Schweden in die Hände fielen.

Durch Einnahme der Pässe bei Ribnitz und Damgarten hatte sich Gustav den Eingang in das Herzogthum Mecklenburg eröffnet, dessen Untertanen durch ein vorangeschicktes Manifest aufgefordert wurden, unter die Herrschaft ihrer rechtmäßigen Regenten zurückzukehren und alles, was Wallensteinisch wäre, zu verjagen. Durch Betrug bekamen aber die kaiserlichen die wichtige Stadt Rostock in ihre Gewalt, welches den König, der seine Macht nicht gern theilen wollte, an fernerem Vorrücken hinderte. Vergebens hatten indessen die vertriebenen Herzoge von Mecklenburg, durch die zu Regensburg versammelten Fürsten, bei dem Kaiser fürsprechen lassen; vergebens hatten sie, um den Kaiser durch Unterwürfigkeit zu gewinnen, das Bündniß mit Schweden und jeden Weg der Selbsthilfe verschmäht. Durch die hartnäckige Weigerung des Kaisers zur Verzweiflung gebracht, ergriffen sie jetzt öffentlich die Partei des Königs von Schweden, warben Truppen und übertrugen das Commando darüber dem Herzog Franz Karl von Sachsen-Lauenburg. Dieser bemächtigte sich auch wirklich einiger festen Plätze an der Elbe, verlor sie aber bald wieder an den kaiserlichen General Pappenheim, der gegen ihn geschickt wurde. Bald darauf, in der Stadt Ratzeburg von letzterm belagert, sah er sich, nach einem vergeblichen Versuch zu entfliehen, genöthigt, sich mit seiner ganzen Mannschaft zu Gefangenen zu ergeben. So verschwand denn aufs neue die Hoffnung dieser unglücklichen Fürsten zum Wiedereintritt in ihre Lande, und dem siegreichen Arme Gustav Adolphs allein war es aufbehalten, ihnen diese glänzende Gerechtigkeit zu erzeigen.

Die flüchtigen kaiserlichen Schaaren hatten sich in die Mark Brandenburg geworfen, welche sie jetzt zum Schauplatz ihrer Gräuelthaten machten. Nicht zufrieden, die willkürlichsten Schatzungen einzufordern und den Bürger durch Einquartierungen zu drücken, durchwühlten diese Unmenschen auch noch das Innere der Häuser, zerschlugen, erbrachen alles, was verschlossen war, raubten allen Vorrath, den sie fanden, mißhandelten auf das entsetzlichste, wer sich zu widersetzen wagte, entehrten das Frauenzimmer, selbst an heiliger Stätte. Und alles dies geschah nicht in Feindes Land – es geschah gegen die Unterthanen eines Fürsten, von welchem der Kaiser nicht beleidigt war, dem er trotz diesem allen noch zumuthete, die Waffen gegen den König von Schweden zu ergreifen. Der Anblick dieser entsetzlichen Ausschweifungen, welche sie aus Mangel an Ansehen und aus Geldnoth geschehen lassen mußten, erweckte selbst den Unwillen der kaiserlichen Generale, und ihr oberster Chef, Graf von Schaumburg, wollte schamroth das Commando niederlegen. Zu arm an Soldaten, um sein Land zu vertheidigen, und ohne Hilfe gelassen von dem Kaiser, der zu den beweglichsten Vorstellungen schwieg, befahl endlich der Kurfürst von Brandenburg seinen Unterthanen in einem Edikt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben und jeden kaiserlichen Soldaten, der über der Plünderung ergriffen würde, ohne Schonung zu ermorden. Zu einem solchen Grade war der Gräuel der Mißhandlung und das Elend der Regierung gestiegen, daß dem Landesherrn nur das verzweifelte Mittel übrig blieb, die Selbstrache zu befehlen.

Die Kaiserlichen hatten die Schweden in die Mark Brandenburg nachgezogen, und nur die Weigerung des Kurfürsten, ihm die Festung Küstrin zum Durchmarsch zu öffnen, hatte den König abhalten können, Frankfurt an der Oder zu belagern. Er ging zurück, die Eroberung Pommerns durch Einnahme von Demmin und Kolberg zu vollenden; unterdessen war der Feldmarschall Tilly im Anzuge, die Mark Brandenburg zu vertheidigen.

Dieser General, der sich rühmen konnte, noch keine Schlacht verloren zu haben, der Ueberwinder Mannsfelds, Christians von Braunschweig, des Markgrafen von Baden und des Königs von Dänemark, sollte jetzt an dem König von Schweden einen würdigen Gegner finden. Tilly stammte aus einer edlen Familie in Lüttich und hatte in dem niederländischen Kriege, der damaligen Feldherrnschule, seine Talente ausgebildet. Bald darauf fand er Gelegenheit, seine erlangten Fähigkeiten unter Kaiser Rudolph dem Zweiten in Ungarn zu zeigen, wo er sich schnell von einer Stufe zur andern emporschwang. Nach geschlossenem Frieden trat er in die Dienste Maximilians von Bayern, der ihn zum Oberfeldherrn mit unumschränkter Gewalt ernannte. Tilly wurde durch seine vortrefflichen Einrichtungen der Schöpfer der bayerischen Kriegsmacht, und ihm vorzüglich hatte Maximilian seine bisherige Ueberlegenheit im Felde zu danken. Nach geendigtem böhmischen Kriege wurde ihm das Commando der liguistischen Truppen und jetzt, nach Wallensteins Abgang, das Generalat über die ganze kaiserliche Armee übertragen. Eben so streng gegen seine Truppen, eben so blutdürstig gegen den Feind, von eben so finsterer Gemüthsart als Wallenstein, ließ er diesen an Bescheidenheit und Uneigennützigkeit weit hinter sich zurück. Ein blinder Religionseifer und ein blutdürstiger Verfolgungsgeist vereinigten sich mit der natürlichen Wildheit seines Charakters, ihn zum Schrecken der Protestanten zu machen. Ein bizarres und schreckhaftes Aeußere entsprach dieser Gemüthsart. Klein, hager, mit eingefallenen Wangen, langer Nase, breiter gerunzelter Stirn, starkem Knebelbart und unten zugespitztem Gesichte, zeigte er sich gewöhnlich in einem spanischen Wamms von hellgrünem Atlaß mit aufgeschlitzten Aermeln. auf dem Kopfe einen kleinen, hoch aufgestutzten Hut, mit einer rothen Straußfeder geziert, die bis auf den Rücken niederwallte. Sein ganzer Anblick erinnerte an den Herzog von Alba, den Zuchtmeister der Flamänder, und es fehlte viel, daß seine Thaten diesen Eindruck auslöschten. So war der Feldherr beschaffen, der sich dem nordischen Heroen jetzt entgegenstellte.

Tilly war weit entfernt, seinen Gegner gering zu schätzen. »Der König von Schweden,« erklärte er auf der Kurfürstenversammlung zu Regensburg, »ist ein Feind von eben so großer Klugheit als Tapferkeit, abgehärtet zum Krieg, in der besten Blüthe seiner Jahre. Seine Anstalten sind vortrefflich, seine Hilfsmittel nicht gering; die Stände seines Reichs sind äußerst willfährig gegen ihn gewesen. Seine Armee, aus Schweden, Deutschen, Livländern, Finnländern, Schotten und Engländern zusammengegossen, ist zu einer einzigen Nation gemacht durch blinden Gehorsam. Dies ist ein Spieler, gegen welchen nicht verloren zu haben, schon überaus viel gewonnen ist.«

Die Fortschritte des Königs von Schweden in Brandenburg und Pommern ließen den neuen Generalissimus keine Zeit verlieren, und dringend forderten die dort commandierenden Feldherren seine Gegenwart. In möglichster Schnelligkeit zog er die kaiserlichen Truppen, die durch ganz Deutschland zerstreut waren, an sich; aber es kostete viel Zeit, aus den verödeten und verarmten Provinzen die nöthigen Kriegsbedürfnisse zusammenzubringen. Endlich erschien er in der Mitte des Winters an der Spitze von zwanzigtausend Mann vor Frankfurt an der Oder, wo er sich mit dem Ueberrest der Schaumburgischen Truppen vereinigte. Er übergab diesem Feldherrn die Verteidigung Frankfurts mit einer hinlänglich starken Besatzung, und er selbst wollte nach Pommern eilen, um Demmin zu retten und Kolberg zu entsetzen, welche Stadt von den Schweden schon aufs äußerste gebracht war. Aber noch ehe er Brandenburg verließ, hatte sich Demmin, von dem Herzog Savelli äußerst schlecht verteidigt, an den König ergeben, und auch Kolberg ging wegen Hungersnoth nach fünfmonatlicher Belagerung über. Da die Pässe nach Vorpommern aufs beste besetzt waren und das Lager des Königs bei Schwedt jedem Angriffe Trotz bot, so entsagte Tilly seinem ersten angreifenden Plan und zog sich rückwärts nach der Elbe – um Magdeburg zu belagern.

Durch Wegnahme von Demmin stand es dem König frei, unaufgehalten ins Mecklenburgische zu dringen; aber ein wichtigeres Unternehmen zog seine Waffen nach einer andern Gegend. Tilly hatte kaum seinen Rückmarsch angetreten, als er sein Lager zu Schwedt plötzlich aufhob und mit seiner ganzen Macht gegen Frankfurt an der Oder anrückte. Diese Stadt war schlecht befestigt, aber durch eine achttausend Mann starke Besatzung vertheidigt, größtenteils Ueberrest jener wüthenden Banden, welche Pommern und Brandenburg gemißhandelt hatten. Der Angriff geschah mit Lebhaftigkeit, und schon am dritten Tage wurde die Stadt mit stürmender Hand erobert. Die Schweden, des Sieges gewiß, verwarfen, obgleich die Feinde zweimal Schamade schlugen, die Capitulation, um das schreckliche Recht der Wiedervergeltung auszuüben. Tilly hatte nämlich gleich nach seiner Ankunft in diesen Gegenden eine schwedische Besatzung, die sich verspätet hatte, in Neubrandenburg aufgehoben und, durch ihren lebhaften Widerstand gereizt, bis auf den letzten Mann niederhauen lassen. Dieser Grausamkeit erinnerten sich jetzt die Schweden, als Frankfurt erstiegen ward. Neubrandenburgisch Quartier! antwortete man jedem kaiserlichen Soldaten, der um sein Leben bat, und stieß ihn ohne Barmherzigkeit nieder. Einige tausend wurden erschlagen oder gefangen, viele ertranken in der Oder, der Ueberrest floh nach Schlesien, die ganze Artillerie gerieth in schwedische Hände. Dem Ungestüm seiner Soldaten nachzugeben, mußte Gustav Adolph eine dreistündige Plünderung erlauben.

Indem dieser König von einem Siege zum andern forteilte, der Muth der protestantischen Stände dadurch wuchs und ihr Widerstand lebhafter wurde, fuhr der Kaiser noch unverändert fort, durch Vollstreckung des Restitutionsedikts und durch übertriebene Zumuthungen an die Stände ihre Geduld aufs Aeußerste zu treiben. Notgedrungen schritt er jetzt auf den gewalttätigen Wegen fort, die er anfangs aus Uebermuth betreten hatte; den Verlegenheiten, in welche ihn sein willkürliches Verfahren gestürzt hatte, wußte er jetzt nicht anders als durch eben so willkürliche Mittel zu entgehen. Aber in einem so künstlich organisierten Staatskörper, wie der deutsche ist und immer war, mußte die Hand des Despotismus die unübersehlichsten Zerrüttungen anrichten. Mit Erstaunen sahen die Fürsten unvermerkt die ganze Reichsverfassung umgekehrt, und der eintretende Zustand der Natur führte sie zur Selbsthilfe, dem einzigen Rettungsmittel in dem Zustand der Natur. Endlich hatten doch die offenbaren Schritte des Kaisers gegen die evangelische Kirche von den Augen Johann Georgs die Binde weggezogen, welche ihm so lange die betrügerische Politik dieses Prinzen verbarg. Durch Ausschließung seines Sohnes von dem Erzstifte zu Magdeburg hatte ihn Ferdinand persönlich beleidigt, und der Feldmarschall von Arnheim, sein neuer Günstling und Minister, verabsäumte nichts, die Empfindlichkeit seines Herrn aufs Höchste zu treiben. Vormals kaiserlicher General unter Wallensteins Commando und noch immer dessen eifrig ergebener Freund, suchte er seinen alten Wohlthäter und sich selbst an dem Kaiser zu rächen und den Kurfürsten von Sachsen von dem österreichischen Interesse abzuziehen. Die Erscheinung der Schweden in Deutschland mußte ihm die Mittel dazu darbieten. Gustav Adolph war unüberwindlich, sobald sich die protestantischen Stände mit ihm vereinigten, und nichts beunruhigte den Kaiser mehr. Kursachsens Beispiel konnte die Erklärung aller übrigen nach sich ziehen, und das Schicksal des Kaisers schien sich gewissermaßen in den Händen Johann Georgs zu befinden. Der listige Günstling machte dem Ehrgeize seines Herrn diese seine Wichtigkeit fühlbar und ertheilte ihm den Rath, den Kaiser durch ein angedrohtes Bündniß mit Schweden in Schrecken zu setzen, um von der Furcht dieses Prinzen zu erhalten, was von der Dankbarkeit desselben nicht zu erwarten sei. Doch hielt er dafür, die Allianz mit Schweden nicht wirklich abschließen, um immer wichtig zu sein und immer freie Hand zu behalten. Er begeisterte ihn für den stolzen Plan (dem nichts als eine verständigere Hand zur Vollstreckung fehlte), die ganze Partei der Protestanten an sich zu ziehen, eine dritte Macht in Deutschland aufzustellen und in der Mitte zwischen Schweden und Oesterreich die Entscheidung in den Händen zu tragen.

Dieser Plan mußte der Eigenliebe Johann Georgs um so mehr schmeicheln, da es ihm gleich unerträglich war, in die Abhängigkeit von Schweden zu gerathen und länger unter der Tyrannei des Kaisers zu bleiben. Nicht mit Gleichgültigkeit konnte er sich die Führung der deutschen Angelegenheiten von einem auswärtigen Prinzen entrissen sehen, und so wenig Fähigkeit er auch besaß, die erste Rolle zu spielen, so wenig ertrug es seine Eitelkeit, sich mit der zweiten zu begnügen. Er beschloß also, von den Progressen des schwedischen Königs die möglichsten Vortheile für seine eigene Lage zu ziehen, aber unabhängig von diesem seinen eigenen Plan zu verfolgen. Zu diesem Ende besprach er sich mit dem Kurfürsten von Brandenburg, der aus ähnlichen Ursachen gegen den Kaiser entrüstet und auf Schweden mißtrauisch war. Nachdem er sich auf einem Landtage zu Torgau seiner eigenen Landstände versichert hatte, deren Beistimmung ihm zur Ausführung seines Plans unentbehrlich war, so lud er alle evangelischen Stände des Reichs zu einem Generalconvent ein, welcher am 6ten Februar 1631 zu Leipzig eröffnet werden sollte. Brandenburg, Hessen-Kassel, mehrere Fürsten, Grafen, Reichsstände, protestantische Bischöfe erschienen entweder selbst oder durch Bevollmächtigte auf dieser Versammlung, welche der sächsische Hofprediger, Dr. Hohe von Hohenegg, mit einer heftigen Kanzelrede eröffnete. Vergebens hatte sich der Kaiser bemüht, diese eigenmächtige Zusammenkunft, welche augenscheinlich auf Selbsthilfe zielte und bei der Anwesenheit der Schweden in Deutschland höchst bedenklich war, zu hintertreiben. Die versammelten Fürsten, von den Fortschritten Gustav Adolphs belebt, behaupteten ihre Rechte und gingen nach Verlauf zweier Monate mit einem merkwürdigen Schluß auseinander, der den Kaiser in nicht geringe Verlegenheit setzte. Der Inhalt desselben war, den Kaiser in einem gemeinschaftlichen Schreiben um Aufhebung des Restitutionsediktes, Zurückziehung seiner Truppen aus ihren Residenzen und Festungen, Einstellung der Exekutionen und Abstellung aller bisherigen Mißbräuche nachdrücklich zu ersuchen – einstweilen aber eine vierzigtausend Mann starke Armee zusammenzubringen, um sich selbst Recht zu schaffen, wenn der Kaiser es ihnen verweigerte.

Ein Umstand kam noch hinzu, der nicht wenig dazu beitrug, die Entschlossenheit der protestantischen Fürsten zu vermehren. Endlich hatte der König von Schweden die Bedenklichkeiten besiegt, welche ihn bisher von einer nähern Verbindung mit Frankreich zurückschreckten, und war am 13ten Jänner dieses 1631sten Jahres in eine förmliche Allianz mit dieser Krone getreten. Nach einem sehr ernsthaften Streite über die künftige Behandlungsart der katholischen Reichsfürsten, welche Frankreich in Schutz nahm, Gustav hingegen das Recht der Wiedervergeltung empfinden lassen wollte, und nach einem minder wichtigen Zank über den Titel Majestät, den der französische Hochmuth dem schwedischen Stolze verweigerte, gab endlich Richelieu in dem zweiten, Gustav Adolph in dem ersten Artikel nach, und zu Beerwald in der Neumark wurde der Allianztraktat unterzeichnet. Beide Mächte verpflichteten sich in demselben, sich wechselseitig und mit gewaffneter Hand zu beschützen, ihre gemeinschaftlichen Freunde zu vertheidigen, den vertriebenen Reichsfürsten wieder zu ihren Ländern zu helfen und an den Grenzen, wie in dem Innern Deutschlands, alles eben so wieder herzustellen, wie es vor dem Ausbruch des Krieges gewesen war. Zu diesem Ende sollte Schweden eine Armee von dreißigtausend Mann auf eigene Kosten in Deutschland unterhalten, Frankreich hingegen viermalhunderttausend Thaler jährlicher Hilfsgelder den Schweden entrichten. Würde das Glück die Waffen Gustavs begünstigen, so sollten in den eroberten Plätzen die katholische Religion und die Reichsgesetze ihm heilig sein und gegen beide nichts unternommen werden, allen Ständen und Fürsten in und außer Deutschland, selbst den katholischen, der Zutritt zu diesem Bündnisse offenstehen, kein Theil ohne Wissen und Willen des andern einen einseitigen Frieden mit dem Feinde schließen, das Bündniß selbst fünf Jahre dauern.

So großen Kampf es dem König von Schweden gekostet hatte, von Frankreich Sold anzunehmen und einer ungebundenen Freiheit in Führung des Krieges zu entsagen, so entscheidend war diese französische Allianz für seine Angelegenheiten in Deutschland. Jetzt erst, nachdem er durch die ansehnlichste Macht in Europa gedeckt war, fingen die deutschen Reichsstände an, Vertrauen zu seiner Unternehmung zu fassen, für deren Erfolg sie bisher nicht ohne Ursache gezittert hatten. Jetzt erst wurde er dem Kaiser fürchterlich. Selbst die katholischen Fürsten, welche Oesterreichs Demüthigung wünschten, sahen ihn jetzt mit weniger Mißtrauen in Deutschland Fortschritte machen, weil ihm das Bündniß mit einer katholischen Macht Schonung gegen ihre Religion auferlegte. So wie Gustav Adolphs Erscheinung die evangelische Religion und deutsche Freiheit gegen die Uebermacht Kaiser Ferdinands beschützte, ebenso konnte nunmehr Frankreichs Dazwischenkunft die katholische Religion und deutsche Freiheit gegen eben diesen Gustav Adolph in Schutz nehmen, wenn ihn die Trunkenheit des Glücks über die Schranken der Mäßigung hiuwegführen sollte

Der König von Schweden säumte nicht, die Fürsten des Leipziger Bundes von dem mit Frankreich geschlossenen Traktat zu unterrichten und sie zugleich zu einer näheren Verbindung mit ihm einzuladen. Auch Frankreich unterstützte ihn in diesem Gesuch und sparte keine Vorstellungen, den Kurfürsten von Sachsen zu bewegen. Gustav Adolph wollte sich mit einer heimlichen Unterstützung begnügen, wenn die Fürsten es jetzt noch für zu gewagt halten sollten, sich öffentlich für seine Partei zu erklären. Mehrere Fürsten machten ihm zu Annehmung seiner Vorschläge Hoffnung, sobald sie nur Lust bekommen sollten; Johann Georg, immer voll Eifersucht und Mißtrauen gegen den König von Schweden, immer seiner eigennützigen Politik getreu, konnte sich zu keiner entscheidenden Erklärung entschließen.

Der Schluß des Leipziger Convents und das Bündniß zwischen Frankreich und Schweden waren zwei gleich schlimme Zeitungen für den Kaiser. Gegen jenen nahm er die Donner seiner kaiserlichen Machtsprüche zu Hilfe, und bloß eine Armee fehlte ihm, um Frankreich wegen dieser seinen ganzen Unwillen empfinden zu lassen. Abmahnungsschreiben ergingen an alle Theilnehmer des Leipziger Bundes, welche ihnen die Truppenwerbung aufs strengste untersagten. Sie antworteten mit heftigen Widerklagen, rechtfertigten ihr Betragen durch das natürliche Recht und fuhren fort, sich in Rüstung zu setzen.

Die Generale des Kaisers sahen sich unterdessen aus Mangel an Truppen und an Geld zu der mißlichen Wahl gebracht, entweder den König von Schweden oder die deutschen Reichsstände außer Augen zu lassen, da sie mit einer getheilten Macht beiden zugleich nicht gewachsen waren. Die Bewegungen der Protestanten zogen ihre Aufmerksamkeit nach dem Innern des Reichs; die Progressen des Königs in der Mark Brandenburg, welcher die kaiserlichen Erblande schon in der Nähe bedrohte, forderten sie dringend auf, dorthin ihre Waffen zu kehren. Nach Frankfurts Eroberung hatte sich der König gegen Landsberg an der Wartha gewendet, und Tilly kehrte nun, nach einem zu späten Versuche, jene Stadt zu retten, nach Magdeburg zurück, die angefangene Belagerung mit Ernst fortzusetzen.

Das reiche Erzbisthum, dessen Hauptsitz die Stadt Magdeburg war, hatten schon seit geraumer Zeit evangelische Prinzen aus dem brandenburgischen Hause besessen, welche ihre Religion darin einführten. Christian Wilhelm, der letzte Administrator, war durch seine Verbindung mit Dänemark in die Reichsacht verfallen, wodurch das Domcapitel sich bewogen sah, um nicht die Rache des Kaisers gegen das Erzstift zu reizen, ihn förmlich seiner Würde zu entsetzen. An seiner Statt postulierte es den Prinzen Johann August, zweiten Sohn des Kurfürsten von Sachsen, den aber der Kaiser verwarf, um seinem eigenen Sohne Leopold dieses Erzbisthum zuzuwenden. Der Kurfürst von Sachsen ließ darüber ohnmächtige Klagen an dem kaiserlichen Hofe erschallen; Christian Wilhelm von Brandenburg ergriff thätigere Maßregeln. Der Zuneigung des Volks und Magistrats zu Magdeburg versichert und von chimärischen Hoffnungen erhitzt, glaubte er sich im Stande, alte Hindernisse zu besiegen, welche der Ausspruch des Capitels, die Concurrenz mit zwei mächtigen Mitbewerbern und das Restitutionsedikt seiner Wiederherstellung entgegensetzten. Er that eine Reise nach Schweden und suchte sich durch das Versprechen einer wichtigen Diversion in Deutschland der Unterstützung Gustavs zu versichern. Dieser König entließ ihn nicht ohne Hoffnung seines nachdrücklichen Schutzes, schärfte ihm aber dabei ein, mit Klugheit zu verfahren.

Kaum hatte Christian Wilhelm die Landung seines Beschützers in Pommern erfahren, so schlich er sich, mit Hilfe einer Verkleidung, in Magdeburg ein. Er erschien plötzlich in der Rathsversammlung. erinnerte den Magistrat an alle Drangsale, welche Stadt und Land seitdem von den kaiserlichen Truppen erfahren, an die verderblichen Anschläge Ferdinands, an die Gefahr der evangelischen Kirche. Nach diesem Eingange entdeckte er ihnen, daß der Zeitpunkt ihrer Befreiung erschienen sei, und daß ihnen Gustav Adolph seine Allianz und allen Beistand anbiete. Magdeburg, eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands, genoß unter der Regierung seines Magistrats einer republikanischen Freiheit, welche seine Bürger mit einer heroischen Kühnheit beseelte. Davon hatten sie bereits gegen Wallenstein, der, von ihrem Reichthum angelockt, die übertriebensten Forderungen an sie machte, rühmliche Proben abgelegt und in einem muthigen Widerstand ihre Rechte behauptet. Ihr ganzes Gebiet hatte zwar die zerstörende Wuth seiner Truppen erfahren, aber Magdeburg selbst entging seiner Rache. Es war also dem Administrator nicht schwer, Gemüther zu gewinnen, denen die erlittenen Mißhandlungen noch in frischem Andenken waren. Zwischen der Stadt und dem König von Schweden kam ein Bündniß zu Stande, in welchem Magdeburg dem König ungehinderten Durchzug durch ihr Gebiet und ihre Thore und die Werbefreiheit auf ihrem Grund und Boden verstattete und die Gegenversicherung erhielt, bei ihrer Religion und ihren Privilegien aufs gewissenhafteste geschützt zu werden.

Sogleich zog der Administrator Kriegsvölker zusammen und fing die Feindseligkeiten voreilig an, ehe Gustav Adolph nahe genug war, ihn mit seiner Macht zu unterstützen. Es glückte ihm, einige kaiserliche Corps in der Nachbarschaft aufzuheben, kleine Eroberungen zu machen und sogar Halle zu überrumpeln. Aber die Annäherung eines kaiserlichen Heeres nöthigte ihn bald, in aller Eilfertigkeit und nicht ohne Verlust den Rückweg nach Magdeburg zu nehmen. Gustav Adolph, obgleich unzufrieden über diese Voreiligkeit, schickte ihm in der Person Dietrichs von Falkenberg einen erfahrenen Officier, um die Kriegsoperationen zu leiten und dem Administrator mit seinem Rathe beizustehen. Eben diesen Falkenberg ernannte der Magistrat zum Commandanten der Stadt, so lange der Krieg dauern würde. Das Heer des Prinzen sah sich von Tag zu Tag durch den Zulauf aus den benachbarten Städten vergrößert, erhielt mehrere Vortheile über die kaiserlichen Regimenter, welche dagegen geschickt wurden, und konnte mehrere Monate einen kleinen Krieg mit vielem Glück unterhalten.

Endlich näherte sich der Graf von Pappenheim, nach beendigtem Zuge gegen den Herzog von Sachsen-Lauenburg, der Stadt, vertrieb in kurzer Zeit die Truppen des Administrators aus allen umliegenden Schanzen, hemmte dadurch alle Communication mit Sachsen und schickte sich ernstlich an, die Stadt einzuschließen. Bald nach ihm kam auch Tilly, forderte den Administrator in einem drohenden Schreiben auf, sich dem Restitutionsedikt nicht länger zu widersetzen, den Befehlen des Kaisers sich zu unterwerfen und Magdeburg zu übergeben. Die Antwort des Prinzen war lebhaft und kühn und bestimmte den kaiserlichen Feldherrn, ihm den Ernst der Waffen zu zeigen.

Indessen wurde die Belagerung wegen der Fortschritte des Königs von Schweden, die den kaiserlichen Feldherrn von der Stadt abriefen, eine Zeit lang verzögert, und die Eifersucht der in seiner Abwesenheit commandierenden Generale verschaffte Magdeburg noch auf einige Monate Frist. Am 30sten März 1631 erschien endlich Tilly wieder, um von jetzt an die Belagerung mit Eifer zu betreiben.

In kurzer Zeit waren alle Außenwerke erobert, und Falkenberg selbst hatte die Besatzungen, welche nicht mehr zu retten waren, zurückgezogen und die Elbbrücke abwerfen lassen. Da es an hinlänglichen Truppen fehlte, die weitläufige Festung mit den Vorstädten zu vertheidigen, so wurden auch die Vorstädte Sudenburg und Neustadt dem Feinde preisgegeben, der sie sogleich in die Asche legte. Pappenheim trennte sich von Tilly, ging bei Schönebeck über die Elbe, um von der andern Seite die Stadt anzugreifen.

Die Besatzung, durch die vorhergehenden Gefechte in den Außenwerken geschwächt, belief sich nicht über zweitausend Mann Fußvolks und einige Hundert Reiterei: eine sehr schwache Anzahl für eine so große und noch dazu unregelmäßige Festung. Diesen Mangel zu ersetzen, bewaffnete man die Bürger; ein verzweifelter Ausweg, der größern Schaden anrichtete, als er verhütete. Die Bürger, an sich selbst schon sehr mittelmäßige Soldaten, stürzten durch ihre Uneinigkeit die Stadt ins Verderben. Dem Aermern that es weh, daß man ihm allein alle Lasten aufwälzte, ihn allein allem Ungemach, allen Gefahren bloßstellte, während der Reiche seine Dienerschaft schickte und sich in seinem Hause gütlich that. Der Unwille brach zuletzt in ein allgemeines Murren aus; Gleichgültigkeit trat an die Stelle des Eifers, Ueberdruß und Nachlässigkeit im Dienst an die Stelle der wachsamen Vorsicht. Diese Trennung der Gemüther, mit der steigenden Noth verbunden, gab nach und nach einer kleinmüthigen Ueberlegung Raum, daß Mehrere schon anfingen, über die Verwegenheit ihres Unternehmens aufgeschreckt zu werden und vor der Allmacht des Kaisers zu erbeben, gegen welchen man im Streit begriffen sei. Aber der Religionsfanatismus, die feurige Liebe der Freiheit, der unüberwindliche Widerwille gegen den kaiserlichen Namen, die wahrscheinliche Hoffnung eines nahen Entsatzes entfernten jeden Gedanken an Uebergabe; und so sehr man in allem Andern getrennt sein mochte, so einig war man, sich bis aufs Aeußerste zu vertheidigen.

Die Hoffnung der Belagerten, sich entsetzt zu sehen, war auf die höchste Wahrscheinlichkeit gegründet. Sie wußten um die Bewaffnung des Leipziger Bundes, sie wußten um die Annäherung Gustav Adolphs; beiden war die Erhaltung Magdeburgs gleich wichtig, und wenige Tagemärsche konnten den König von Schweden vor ihre Mauern bringen. Alles dieses war dem Grafen Tilly nicht unbekannt, und eben darum eilte er so sehr, sich, auf welche Art es auch sein möchte, von Magdeburg Meister zu machen. Schon hatte er, der Uebergabe wegen, einen Trompeter mit verschiedenen Schreiben an den Administrator, Commandanten und Magistrat abgesendet, aber zur Antwort erhalten, daß man lieber sterben als sich ergeben würde. Ein lebhafter Ausfall der Bürger zeigte ihm, daß der Muth der Belagerten nichts weniger als erkaltet sei, und die Ankunft des Königs zu Potsdam, die Streifereien der Schweden selbst bis vor Zerbst mußten ihn mit Unruhe so wie die Einwohner Magdeburgs mit den frohesten Hoffnungen erfüllen. Ein zweiter Trompeter, den er an sie abschickte, und der gemäßigtere Ton seiner Schreibart bestärkte sie noch mehr in ihrer Zuversicht – aber nur, um sie in eine desto tiefere Sorglosigkeit zu stürzen.

Die Belagerer waren unterdessen mit ihren Approchen bis an den Stadtgraben vorgedrungen und beschossen von den aufgeworfenen Batterien aufs heftigste Wall und Thürme. Ein Thurm wurde ganz eingestürzt, aber ohne den Angriff zu erleichtern, da er nicht in den Graben fiel, sondern sich seitwärts an den Wall anlehnte. Des anhaltenden Bombardierens ungeachtet, hatte der Wall nicht viel gelitten, und die Wirkung der Feuerkugeln, welche die Stadt in Brand stecken sollten, wurde durch vortreffliche Gegenanstalten vereitelt. Aber der Pulvervorrath der Belagerten war bald zu Ende, und das Geschütz der Festung hörte nach und nach auf, den Belagerern zu antworten. Ehe neues Pulver bereitet war, mußte Magdeburg entsetzt sein, oder es war verloren. Jetzt war die Hoffnung in der Stadt aufs höchste gestiegen und mit heftiger Sehnsucht alle Blicke nach der Gegend hingekehrt, von welcher die schwedischen Fahnen wehen sollten. Gustav Adolph hielt sich nahe genug auf, um am dritten Tage vor Magdeburg zu stehen. Die Sicherheit steigt mit der Hoffnung, und alles trägt dazu bei, sie zu verstärken. Am 9ten Mai fängt unerwartet die feindliche Kanonade an zu schweigen, von mehrern Batterieen werden die Stücke abgeführt. Todte Stille im kaiserlichen Lager. Alles überzeugt die Belagerten, daß ihre Rettung nahe sei. Der größte Theil der Bürger und Soldatenwache verläßt früh Morgens seinen Posten auf dem Wall, um endlich einmal nach langer Arbeit des süßen Schlafs sich zu erfreuen – aber ein theurer Schlaf und ein entsetzliches Erwachen!

Tilly hatte endlich der Hoffnung entsagt, auf dem bisherigen Wege der Belagerung sich noch vor Ankunft der Schweden der Stadt bemeistern zu können; er beschloß also, sein Lager aufzuheben, zuvor aber noch einen Generalsturm zu wagen. Die Schwierigkeiten waren groß, da keine Bresche noch geschossen und die Festungswerke kaum beschädigt waren. Aber der Kriegsrath, den er versammelte, erklärte sich für den Sturm und stützte sich dabei auf das Beispiel von Mastricht, welche Stadt früh Morgens, da Bürger und Soldaten sich zur Ruhe begeben, mit stürmender Hand überwältigt worden sei. An vier Orten zugleich sollte der Angriff geschehen; die ganze Nacht zwischen dem 9ten und 10ten wurde mit den nöthigen Anstalten zugebracht. Alles war in Bereitschaft und erwartete, der Abrede gemäß, früh um fünf Uhr das Zeichen mit den Kanonen. Dieses erfolgte, aber erst zwei Stunden später, indem Tilly, noch immer zweifelhaft wegen des Erfolgs, noch einmal den Kriegsrath versammelte. Pappenheim wurde beordert, auf die neustädtischen Werke den Angriff zu thun; ein abhängiger Wall und ein trockner, nicht allzu tiefer Graben kamen ihm dabei zu Statten. Der größte Theil der Bürger und Soldaten hatte die Wälle verlassen, und die wenigen Zurückgebliebenen fesselte der Schlaf. So wurde es diesem General nicht schwer, der Erste den Wall zu ersteigen.

Falkenberg, aufgeschreckt durch das Knallen des Musketenfeuers, eilte von dem Rathhause, wo er eben beschäftigt war, den zweiten Trompeter des Tilly abzufertigen, mit einer zusammengerafften Mannschaft nach dem neustädtischen Thore, das der Feind schon überwältigt hatte. Hier zurückgeschlagen, flog dieser tapfere General nach einer andern Seite, wo eine zweite feindliche Partei schon im Begriff war, die Werke zu ersteigen. Umsonst ist sein Widerstand; schon zu Anfang des Gefechts strecken die feindlichen Kugeln ihn zu Boden. Das heftige Musketenfeuer, das Läuten der Sturmglocken, das überhand nehmende Getöse machen endlich den erwachenden Bürgern die drohende Gefahr bekannt. Eilfertig werfen sie sich in ihre Kleider, greifen zum Gewehr, stürzen in blinder Betäubung dem Feind entgegen. Noch war Hoffnung übrig, ihn zurückzutreiben, aber der Commandant getödtet, kein Plan im Angriff, keine Reiterei, in seine verwirrten Glieder einzubrechen, endlich kein Pulver mehr, das Feuer fortzusetzen. Zwei andere Thore, bis jetzt noch unangegriffen, werden von Verteidigern entblößt, um der dringenden Noth in der Stadt zu begegnen. Schnell benutzt der Feind die dadurch entstandene Verwirrung, um auch diese Posten anzugreifen. Der Widerstand ist lebhaft und hartnäckig, bis endlich vier kaiserliche Regimenter, des Walles Meister, den Magdeburgern in den Rücken fallen und so ihre Niederlage vollenden. Ein tapferer Capitän, Namens Schmidt, der in dieser allgemeinen Verwirrung die Entschlossensten noch einmal gegen den Feind führt und glücklich genug ist, ihn bis an das Thor zurückzutreiben, fällt tödtlich verwundet, Magdeburgs letzte Hoffnung mit ihm. Alle Werke sind noch vor Mittag erobert, die Stadt in Feindes Händen.

Zwei Thore werden jetzt von den Stürmenden der Hauptarmee geöffnet, und Tilly läßt einen Theil seines Fußvolks einmarschieren. Es besetzt sogleich die Hauptstraßen, und das aufgepflanzte Geschütz scheucht alle Bürger in ihre Wohnungen, dort ihr Schicksal zu erwarten. Nicht lange läßt man sie im Zweifel; zwei Worte des Grafen Tilly bestimmen Magdeburgs Geschick. Ein nur etwas menschlicher Feldherr würde solchen Truppen vergeblich Schonung anbefohlen haben; Tilly gab sich auch nicht die Mühe, es zu versuchen. Durch das Stillschweigen seines Generals zum Herrn über das Leben aller Bürger gemacht, stürzte der Soldat in das Innere der Häuser, um ungebunden alle Begierden einer viehischen Seele zu kühlen. Vor manchem deutschen Ohre fand die flehende Unschuld Erbarmen, keines vor dem tauben Grimm der Wallonen aus Pappenheims Heer. Kaum hatte dieses Blutbad seinen Anfang genommen, als alle übrigen Thore aufgingen, die ganze Reiterei und der Croaten fürchterliche Banden gegen die unglückliche Stadt losgelassen wurden.

Eine Würgescene fing jetzt an, für welche die Geschichte keine Sprache und die Dichtkunst keinen Pinsel hat. Nicht die schuldfreie Kindheit, nicht das hilflose Alter, nicht Jugend, nicht Geschlecht, nicht Stand, nicht Schönheit können die Wuth des Siegers entwaffnen. Frauen werden in den Armen ihrer Männer, Töchter zu den Füßen ihrer Väter mißhandelt, und das wehrlose Geschlecht hat bloß das Vorrecht, einer gedoppelten Wuth zum Opfer zu dienen. Keine noch so verborgene, keine noch so geheiligte Stätte konnte vor der alles durchforschenden Habsucht sichern. Dreiundfünfzig Frauenspersonen fand man in einer Kirche enthauptet. Croaten vergnügten sich, Kinder in die Flammen zu werfen – Pappenheims Wallonen, Säuglinge an den Brüsten ihrer Mütter zu spießen. Einige liguistische Offiziere, von diesem grausenvollen Anblick empört, unterstanden sich, den Grafen Tilly zu erinnern, daß er dem Blutbad möchte Einhalt thun lassen. »Kommt in einer Stunde wieder,« war seine Antwort, »ich werde dann sehen, was ich thun werde. Der Soldat muß für seine Gefahr und Arbeit etwas haben.« In ununterbrochener Wuth dauerten diese Gräuel fort, bis endlich Rauch und Flammen der Raubsucht Grenzen setzten. Um die Verwirrung zu vermehren und den Widerstand der Bürger zu brechen, hatte man gleich Anfangs an verschiedenen Orten Feuer angelegt. Jetzt erhob sich ein Sturmwind, der die Flammen mit reißender Schnelligkeit durch die ganze Stadt verbreitete und den Brand allgemein machte. Fürchterlich war das Gedränge durch Qualm und Leichen, durch gezückte Schwerter, durch stürzende Trümmer, durch das strömende Blut. Die Atmosphäre kochte, und die unerträgliche Glut zwang endlich selbst die Würger, sich in das Lager zu flüchten. In weniger als zwölf Stunden lag diese volkreiche, feste, große Stadt, eine der schönsten Deutschlands, in der Asche, zwei Kirchen und einige Hütten ausgenommen. Der Administrator Christian Wilhelm ward mit drei Bürgermeistern nach vielen empfangenen Wunden gefangen; viele tapfere Officiere und Magistrate hatten fechtend einen beneideten Tod gefunden. Vierhundert der reichsten Bürger entriß die Habsucht der Officiere dem Tod, um ein theures Lösegeld von ihnen zu erpressen. Noch dazu waren es meistens Officiere der Ligue, welche diese Menschlichkeit zeigten, und die blinde Mordbegier der kaiserlichen Soldaten ließ sie als rettende Engel betrachten.

Kaum hatte sich die Wuth des Brandes gemindert, als die kaiserlichen Schaaren mit erneuertem Hunger zurückkehrten, um unter Schutt und Asche ihren Raub aufzuwühlen. Manche erstickte der Dampf; viele machten große Beute, da die Bürger ihr Bestes in die Keller geflüchtet hatten. Am 13ten Mai erschien endlich Tilly selbst in der Stadt, nachdem die Hauptstraßen von Schutt und Leichen gereinigt waren. Schauderhaft gräßlich, empörend war die Scene, welche sich jetzt der Menschlichkeit darstellte! Lebende, die unter den Leichen hervorkrochen, herumirrende Kinder, die mit herzzerschneidendem Geschrei ihre Eltern suchten, Säuglinge, die an den todten Brüsten ihrer Mütter saugten! Mehr als sechstausend Leichen mußte man in die Elbe werfen, um die Gassen zu räumen; eine ungleich größere Menge von Lebenden und Leichen hatte das Feuer verzehrt; die ganze Zahl der Getödteten wird auf dreißigtausend angegeben.

Der Einzug des Generals, welcher am 14ten erfolgte, machte der Plünderung ein Ende, und was bis dahin gerettet war, blieb leben. Gegen tausend Menschen wurden aus der Domkirche gezogen, wo sie drei Tage und zwei Nächte in beständiger Todesfurcht und ohne Nahrung zugebracht hatten. Tilly ließ ihnen Pardon ankündigen und Brod unter sie vertheilen. Den Tag darauf ward in dieser Domkirche feierliche Messe gehalten und unter Abfeuerung der Kanonen das Te Deum angestimmt. Der kaiserliche General durchritt die Straßen, um als Augenzeuge seinem Herrn berichten zu können, daß seit Trojas und Jerusalems Zerstörung kein solcher Sieg gesehen worden sei. Und in diesem Vorgeben war nichts Uebertriebenes, wenn man die Größe, den Wohlstand und die Wichtigkeit der Stadt, welche unterging, mit der Wuth ihrer Zerstörer zusammendenkt.

Das Gerücht von Magdeburgs grausenvollem Schicksal verbreitete Frohlocken durch das katholische, Entsetzen und Furcht durch das ganze protestantische Deutschland. Aber Schmerz und Unwillen klagten allgemein den König von Schweden an, der, so nahe und so mächtig, diese bundesverwandte Stadt hilflos gelassen hatte. Auch der Billigste fand diese Unthätigkeit des Königs unerklärbar, und Gustav Adolph, um nicht unwiederbringlich die Herzen des Volks zu verlieren, zu dessen Befreiung er erschienen war, sah sich gezwungen, in einer eigenen Schutzschrift die Gründe seines Betragens der Welt vorzulegen.

Er hatte eben Landsberg angegriffen und am 16ten April erobert, als er die Gefahr vernahm, in welcher Magdeburg schwebte. Sogleich ward sein Entschluß gefaßt, diese bedrängte Stadt zu befreien, und er setzte sich deswegen mit seiner ganzen Reiterei und zehn Regimentern Fußvolk nach der Spree in Bewegung. Die Situation, in welcher sich dieser König auf deutschem Boden befand, machte ihm zum unverbrüchlichen Klugheitsgesetze, keinen Schritt vorwärts zu thun, ohne den Rücken frei zu haben. Mit der mißtrauischsten Behutsamkeit mußte er ein Land durchziehen, wo er von zweideutigen Freunden und mächtigen offenbaren Feinden umgeben war, wo ein einziger übereilter Schritt ihn von seinem Königreich abschneiden konnte. Der Kurfürst von Brandenburg hatte vormals schon seine Festung Küstrin den flüchtigen Kaiserlichen aufgethan und den nacheilenden Schweden verschlossen. Sollte Gustav jetzt gegen Tilly verunglücken, so konnte eben dieser Kurfürst den Kaiserlichen seine Festungen öffnen, und dann war der König, Feinde vor sich und hinter sich, ohne Rettung verloren. Diesem Zufall bei gegenwärtiger Unternehmung nicht ausgesetzt zu sein, verlangte er, ehe er sich zu der Befreiung Magdeburgs aufmachte, daß ihm von dem Kurfürsten die beiden Festungen Küstrin und Spandau eingeräumt würden, bis er Magdeburg in Freiheit gesetzt hätte.

Nichts schien gerechter zu sein, als diese Forderung. Der große Dienst, welchen Gustav Adolph dem Kurfürsten kürzlich erst durch Vertreibung der Kaiserlichen aus den brandenburgischen Landen geleistet, schien ihm ein Recht an seine Dankbarkeit, das bisherige Betragen der Schweden in Deutschland einen Anspruch auf sein Vertrauen zu geben. Aber durch Uebergabe seiner Festungen machte der Kurfürst den König von Schweden gewissermaßen zum Herrn seines Landes, nicht zu gedenken, daß er eben dadurch zugleich mit dem Kaiser brach und seine Staaten der ganzen künftigen Rache der kaiserlichen Heere bloßstellte. Georg Wilhelm kämpfte lange Zeit einen grausamen Kampf mit sich selbst, aber Kleinmuth und Eigennutz schienen endlich die Oberhand zu gewinnen. Ungerührt von Magdeburgs Schicksal, kalt gegen Religion und deutsche Freiheit, sah er nichts, als seine eigene Gefahr, und diese Besorglichkeit wurde durch seinen Minister von Schwarzenberg, der einen heimlichen Sold von dem Kaiser zog, aufs Höchste getrieben. Unterdessen näherten sich die schwedischen Truppen Berlin, und der König nahm bei dem Kurfürsten seine Wohnung. Als er die furchtsame Bedenklichkeit dieses Prinzen wahrnahm, konnte er sich des Unwillens nicht enthalten. »Mein Weg geht auf Magdeburg,« sagte er, »nicht mir, sondern den Evangelischen zum Besten. Will Niemand mir beistehen, so nehme ich sogleich meinen Rückweg, biete dem Kaiser einen Vergleich an und ziehe wieder nach Stockholm. Ich bin gewiß, der Kaiser soll einen Frieden mit mir eingehen, wie ich ihn immer nur verlangen kann – aber geht Magdeburg verloren und ist der Kaiser der Furcht vor mir erst entledigt, so sehet zu, wie es euch ergehen wird.« Diese zu rechter Zeit hingeworfene Drohung, vielleicht auch der Blick auf die schwedische Armee, welche mächtig genug war, dem Könige durch Gewalt zu verschaffen, was man ihm auf dem Wege der Güte verweigerte, brachte endlich den Kurfürsten zum Entschluß, Spandau in seine Hände zu übergeben.

Nun standen dem König zwei Wege nach Magdeburg offen, wovon der eine gegen Abend durch ein erschöpftes Land und mitten durch feindliche Truppen führte, die ihm den Uebergang über die Elbe streitig machen konnten. Der andere, gegen Mittag, ging über Dessau oder Wittenberg, wo er Brücken fand, die Elbe zu passieren, und aus Sachsen Lebensmittel ziehen konnte. Aber dies konnte ohne Einwilligung des Kurfürsten von Sachsen nicht geschehen, in welchen Gustav ein gegründetes Mißtrauen setzte. Ehe er sich also in Marsch setzte, ließ er diesen Prinzen um einen freien Durchzug und um das Nöthige für seine Truppen gegen baare Bezahlung ersuchen. Sein Verlangen wurde ihm abgeschlagen, und keine Vorstellung konnte den Kurfürsten bewegen, seinem Neutralitätssystem zu entsagen. Indem man noch im Streit darüber begriffen war, kam die Nachricht von Magdeburgs entsetzlichem Schicksal.

Tilly verkündigte sie mit dem Tone eines Siegers allen protestantischen Fürsten und verlor keinen Augenblick, den allgemeinen Schrecken aufs beste zu benutzen. Das Ansehen des Kaisers, durch die bisherigen Progressen Gustavs merklich heruntergebracht, erhob sich furchtbarer als je nach diesem entscheidenden Vorgang, und schnell offenbarte sich diese Veränderung in der gebieterischen Sprache, welche er gegen die protestantischen Reichsstände führte. Die Schlüsse des Leipziger Bundes wurden durch einen Machtspruch vernichtet, der Bund selbst durch ein kaiserliches Dekret aufgehoben, allen widersetzlichen Ständen Magdeburgs Schicksal angedroht. Als Vollzieher dieses kaiserlichen Schlusses ließ Tilly sogleich Truppen gegen den Bischof von Bremen marschieren, der ein Mitglied des Leipziger Bundes war und Soldaten geworben hatte. Der in Furcht gesetzte Bischof übergab die letzteren sogleich in die Hände des Tilly und unterzeichnete die Cassation der Leipziger Schlüsse. Eine kaiserliche Armee, welche unter dem Commando des Grafen von Fürstenberg zu eben der Zeit ans Italien zurückkam, verfuhr auf gleiche Art gegen den Administrator von Wirtenberg. Der Herzog mußte sich dem Restitutionsedikt und allen Dekreten des Kaisers unterwerfen, ja noch außerdem zu Unterhaltung der kaiserlichen Truppen einen monatlichen Geldbeitrag von hunderttausend Thalern erlegen. Aehnliche Lasten wurden der Stadt Ulm und Nürnberg, dem ganzen fränkischen und schwäbischen Kreise auferlegt. Schrecklich war die Hand des Kaisers über Deutschland. Die schnelle Uebermacht, welche er durch diesen Vorfall erlangte, mehr scheinbar als in der Wirklichkeit gegründet, führte ihn über die Grenzen der bisherigen Mäßigung hinweg und verleitete ihn zu einem gewaltsamen übereilten Verfahren, welches endlich die Unentschlossenheit der deutschen Fürsten zum Vortheil Gustav Adolphs besiegte. So unglücklich also die nächsten Folgen von Magdeburgs Untergang für die Protestanten auch sein mochten, so wohlthätig waren die spätern. Die erste Ueberraschung machte bald einem thätigen Unwillen Platz; die Verzweiflung gab Kräfte, und die deutsche Freiheit erhob sich aus Magdeburgs Asche.

Unter den Fürsten des Leipziger Bundes waren der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen bei weitem am meisten zu fürchten, und die Herrschaft des Kaisers war in diesen Gegenden nicht befestigt, so lange er diese Beiden nicht entwaffnet sah. Gegen den Landgrafen richtete Tilly seine Waffen zuerst und brach unmittelbar von Magdeburg nach Thüringen auf. Die sächsisch-ernestinischen und schwarzburgischen Lande wurden auf diesem Zuge äußerst gemißhandelt, Frankenhausen, selbst unter den Augen des Tilly, von seinen Soldaten ungestraft geplündert und in die Asche gelegt; schrecklich mußte der unglückliche Landmann dafür büßen, daß sein Landesherr die Schweden begünstigte. Erfurt, der Schlüssel zwischen Sachsen und Franken, wurde mit einer Belagerung bedroht, wovon es sich aber durch eine freiwillige Lieferung von Proviant und eine Geldsumme loskaufte. Von da schickte Tilly seinen Abgesandten an den Landgrafen von Kassel, mit der Forderung, ungesäumt seine Truppen zu entlassen, dem Leipziger Bund zu entsagen, kaiserliche Regimenter in sein Land und seine Festungen aufzunehmen, Contributionen zu entrichten und sich entweder als Freund oder Feind zu erklären. So mußte sich ein deutscher Reichsfürst von einem kaiserlichen Diener behandelt sehen. Aber diese ausschweifende Forderung bekam ein furchtbares Gewicht durch die Heeresmacht, von der sie begleitet wurde, und das noch frische Andenken von Magdeburgs schauderhaftem Schicksal mußte den Nachdruck desselben vergrößern. Um so mehr Lob verdient die Unerschrockenheit, mit welcher der Landgraf diesen Antrag beantwortete: »Fremde Soldaten in seine Festungen und in seine Residenz aufzunehmen, sei er ganz und gar nicht gesonnen – Seine Truppen brauche er selbst – Gegen einen Angriff würde er sich zu vertheidigen wissen. Fehlte es dem General Tilly an Geld und an Lebensmitteln, so möchte er nur nach München aufbrechen, wo Vorrath an beidem sei.« Der Einbruch zweier kaiserlichen Schaaren in Hessen war die nächste Folge dieser herausfordernden Antwort; aber der Landgraf wußte ihnen so gut zu begegnen, daß nichts Erhebliches ausgerichtet wurde. Nachdem aber Tilly selbst im Begriff stand, ihnen mit seiner ganzen Macht nachzufolgen, so würde das unglückliche Land für die Sündhaftigkeit seines Fürsten theuer genug haben büßen müssen, wenn nicht die Bewegungen des Königs von Schweden diesen General noch zu rechter Zeit zurückgerufen hätten.

Gustav Adolph hatte den Untergang Magdeburgs mit dem empfindlichsten Schmerz erfahren, der dadurch vergrößert wurde, daß Georg Wilhelm nun, dem Vertrage gemäß, die Festung Spandau zurück verlangte. Der Verlust von Magdeburg hatte die Gründe, um derentwillen dem König der Besitz dieser Festung so wichtig war, eher vermehrt, als vermindert; und je näher die Notwendigkeit einer entscheidenden Schlacht zwischen ihm und Tilly heranrückte, desto schwerer ward es ihm, der einzigen Zuflucht zu entsagen, welche nach einem unglücklichen Ausgange für ihn übrig war. Nachdem er Vorstellungen und Bitten bei dem Kurfürsten von Brandenburg fruchtlos erschöpft hatte und die Kaltsinnigkeit desselben vielmehr mit jedem Tage stieg, so schickte er endlich seinem Commandanten den Befehl zu, Spandau zu räumen, erklärte aber zugleich, daß von demselben Tage an der Kurfürst als Feind behandelt werden sollte.

Dieser Erklärung Nachdruck zu geben, erschien er mit seiner ganzen Armee vor Berlin. »Ich will nicht schlechter behandelt sein, als die Generale des Kaisers,« antwortete er den Abgesandten, die der bestürzte Kurfürst in sein Lager schickte. »Euer Herr hat sie in seine Staaten aufgenommen, mit allen Bedürfnissen versorgt, ihnen alle Plätze, welche sie nur wollten, übergeben und durch alle diese Gefälligkeiten nicht erhalten können, daß sie menschlicher mit seinem Volke verfahren wären. Alles, was ich von ihm verlange, ist Sicherheit, eine mäßige Geldsumme und Brod für meine Truppen; dagegen verspreche ich ihm, seine Staaten zu beschützen und den Krieg von ihm zu entfernen. Auf diesen Punkten aber muß ich bestehen, und mein Bruder, der Kurfürst, entschließe sich eilends, ob er mich zum Freunde haben oder seine Hauptstadt geplündert sehen will.« Dieser entschlossene Ton machte Eindruck, und die Richtung der Kanonen gegen die Stadt besiegte alle Zweifel Georg Wilhelms. In wenigen Tagen ward eine Allianz unterzeichnet, in welcher sich der Kurfürst zu einer monatlichen Zahlung von dreißigtausend Thalern verstand, Spandau in den Händen des Königs ließ und sich anheischig machte, auch Küstrin seinen Truppen zu allen Zeiten zu öffnen. Diese nunmehr entschiedene Verbindung des Kurfürsten von Brandenburg mit den Schweden fand in Wien keine bessere Aufnahme, als der ähnliche Entschluß des Herzogs von Pommern vormals gefunden hatte; aber der ungünstige Wechsel des Glücks, den seine Waffen bald nachher erfuhren, erlaubte dem Kaiser nicht, seine Empfindlichkeit anders als durch Worte zu zeigen.

Das Vergnügen des Königs über diese glückliche Begebenheit wurde bald durch die angenehme Botschaft vergrößert, daß Greifswalde, der einzige feste Platz, den die kaiserlichen noch in Pommern besaßen, übergegangen und nunmehr das ganze Land von diesen schlimmen Feinden gereinigt sei. Er erschien selbst wieder in diesem Herzogthum und genoß das entzückende Schauspiel der allgemeinen Volksfreude, deren Schöpfer er war. Ein Jahr war jetzt verstrichen, daß Gustav Deutschland betreten hatte, und diese Begebenheit wurde in dem ganzen Herzogthume Pommern durch ein allgemeines Dankfest gefeiert. Kurz vorher hatte ihn der Czar von Moskau durch Gesandte begrüßen, seine Freundschaft erneuern und sogar Hilfstruppen antragen lassen. Zu diesen friedfertigen Gesinnungen der Russen durfte er sich um so mehr Glück wünschen, je wichtiger es ihm war, bei dem gefahrvollen Kriege, dem er entgegenging, durch keinen feindseligen Nachbar beunruhigt zu werden. Nicht lange darauf landete die Königin Maria Eleonora, seine Gemahlin, mit einer Verstärkung von achttausend Schweden in Pommern; und die Ankunft von sechstausend Engländern unter der Anführung des Marquis von Hamilton darf um so weniger übergangen werden, da ihre Ankunft alles ist, was die Geschichte von den Thaten der Engländer in dem dreißigjährigen Kriege zu berichten hat.

Pappenheim behauptete während des thüringischen Zugs des Tilly das Magdeburgische Gebiet, hatte aber nicht verhindern können, daß die Schweden nicht mehrmalen die Elbe passierten, einige kaiserliche Detachements niederhieben und mehrere Plätze in Besitz nahmen. Er selbst, von der Annäherung des Königs geängstigt, rief den Grafen Tilly auf das dringendste zurück und bewog ihn auch wirklich, in schnellen Märschen nach Magdeburg umzukehren. Tilly nahm sein Lager diesseits des Flusses zu Wolmirstädt; Gustav Adolph hatte das seinige auf eben dieser Seite bei Werben, unweit dem Einfluß der Havel in die Elbe, bezogen. Gleich seine Ankunft in diesen Gegenden verkündigte dem Tilly nichts Gutes. Die Schweden zerstreuten drei seiner Regimenter, welche entfernt von der Hauptarmee in Dörfern postiert standen, nahmen die eine Hälfte ihrer Bagage hinweg und verbrannten die übrige. Umsonst näherte sich Tilly mit seiner Armee auf einen Kanonenschuß weit dem Lager des Königs, um ihm eine Schlacht anzubieten; Gustav, um die Hälfte schwächer als Tilly, vermied sie mit Weisheit; sein Lager war zu fest, um dem Feind einen gewaltsamen Angriff zu erlauben. Es blieb bei einer bloßen Kanonade und einigen Scharmützeln, in welchen allen die Schweden die Oberhand behielten. Auf seinem Rückzuge nach Wolmirstädt verminderte sich die Armee des Tilly durch häufige Desertionen. Seit dem Blutbade zu Magdeburg floh ihn das Glück.

Desto ununterbrochener begleitete es von nun an den König von Schweden. Während er zu Werben im Lager stand, wurde das ganze Mecklenburg, bis auf wenige Plätze, durch seinen General Tott und den Herzog Adolph Friedrich erobert, und er genoß die königliche Lust, beide Herzoge in ihre Staaten wieder einzusetzen. Er reiste selbst nach Güstrow, wo die Einsetzung vor sich ging, um durch seine Gegenwart den Glanz dieser Handlung zu erheben. Von beiden Herzogen wurde, ihren Erretter in der Mitte und ein glänzendes Gefolge von Fürsten um sich her, ein festlicher Einzug gehalten, den die Freude der Unterthanen zu dem rührendsten Feste machte. Bald nach seiner Zurückkunft nach Werben erschien der Landgraf von Hessen-Kassel in seinem Lager, um ein enges Bündniß aus Verteidigung und Angriff mit ihm zu schließen: der erste regierende Fürst in Deutschland, der sich von freien Stücken und öffentlich gegen den Kaiser erklärte, aber auch durch die triftigsten Gründe dazu aufgefordert war. Landgraf Wilhelm machte sich verbindlich, den Feinden des Königs als seinen eigenen zu begegnen, ihm seine Städte und sein ganzes Land aufzuthun, Proviant und alles Nothwendige zu liefern. Dagegen erklärte sich der König zu seinem Freunde und Beschützer und versprach, keinen Frieden einzugehen, ohne dem Landgrafen völlige Genugthuung von dem Kaiser verschafft zu haben. Beide Theile hielten redlich Wort. Hessen-Kassel beharrte in diesem langen Kriege bei der schwedischen Allianz bis ans Ende, und es hatte Ursache, sich im westphälischen Frieden der schwedischen Freundschaft zu rühmen.

Tilly, dem dieser kühne Schritt des Landgrafen nicht lange verborgen blieb, schickte den Grafen Fugger mit einigen Regimentern gegen ihn; zugleich versuchte er, die hessischen Untertanen durch aufrührerische Briefe gegen ihren Herrn zu empören. Seine Briefe fruchteten eben so wenig, als seine Regimenter, welche ihm nachher in der Breitenfelder Schlacht sehr zur Unzeit fehlten – und die hessischen Landstände konnten keinen Augenblick zweifelhaft sein, ob sie den Beschützer ihres Eigenthums dem Räuber desselben vorziehen sollten.

Aber weit mehr als Hessen-Kassel beunruhigte den kaiserlichen General die zweideutige Gesinnung des Kurfürsten von Sachsen, der, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, seine Rüstungen fortsetzte und den Leipziger Bund aufrecht hielt. Jetzt, in dieser Nähe des Königs von Schweden, da es in kurzer Zeit zu einer entscheidenden Schlacht kommen mußte, schien es ihm äußerst bedenklich, Kursachsen in Waffen stehen zu lassen, jeden Augenblick bereit, sich für den Feind zu erklären. Eben hatte sich Tilly mit fünfundzwanzigtausend Mann alter Truppen verstärkt, welche ihm Fürstenberg zuführte, und voll Zuversicht auf seine Macht glaubte er, den Kurfürsten entweder durch das bloße Schrecken seiner Ankunft entwaffnen, oder doch ohne Mühe überwinden zu können. Ehe er aber sein Lager bei Wolmirstädt verließ, forderte er ihn durch eine eigene Gesandtschaft auf, sein Land den kaiserlichen Truppen zu öffnen, seine eigenen zu entlassen oder mit der kaiserlichen Armee zu vereinigen und in Gemeinschaft mit ihr den König von Schweden aus Deutschland zu verjagen. Er brachte ihm in Erinnerung, daß Kursachsen bisher unter allen deutschen Ländern am meisten geschont worden sei, und bedrohte ihn im Weigerungsfalle mit der schrecklichsten Verheerung.

Tilly hatte zu diesem gebieterischen Antrag den ungünstigsten Zeitpunkt gewählt. Die Mißhandlung seiner Religions- und Bundesverwandten, Magdeburgs Zerstörung, die Ausschweifungen der Kaiserlichen in der Lausitz, alles kam zusammen, den Kurfürsten gegen den Kaiser zu entrüsten. Gustav Adolphs Nähe, wie wenig Recht er auch an den Schutz dieses Fürsten haben mochte, belebte ihn mit Muth. Er verbat sich die kaiserlichen Einquartierungen und erklärte seinen standhaften Entschluß, in Rüstung zu bleiben. »So sehr es ihm auch auffallen müsse (setzte er hinzu), die kaiserliche Armee zu einer Zeit gegen seine Lande im Anmarsch zu sehen, wo diese Armee genug zu thun hätte, den König von Schweden zu verfolgen, so erwarte er dennoch nicht, anstatt der versprochenen und wohlverdienten Belohnungen mit Undank und mit dem Ruin seines Landes bezahlt zu werden.« Den Abgesandten des Tilly, welche prächtig bewirthet wurden, gab er eine noch verständlichere Antwort auf den Weg. »Meine Herren,« sagte er, »ich sehe wohl, daß man gesonnen ist, das lange gesparte sächsische Confekt endlich auch auf die Tafel zu setzen. Aber man pflegt dabei allerlei Nüsse und Schauessen aufzutragen, die hart zu beißen sind, und sehen Sie sich wohl vor, daß Sie sich die Zähne nicht daran ausbeißen.«

Jetzt brach Tilly aus seinem Lager auf, rückte vor bis nach Halle unter fürchterlichen Verheerungen und ließ von hier aus seinen Antrag an den Kurfürsten in noch dringenderm und drohenderm Tone erneuern. Erinnert man sich der ganzen bisherigen Denkungsart dieses Fürsten, der durch eigene Neigung und durch die Eingebungen seiner bestochenen Minister dem Interesse des Kaisers, selbst auf Unkosten seiner heiligsten Pflichten, ergeben war, den man bisher mit so geringem Aufwand von Kunst in Unthätigkeit erhalten, so muß man über die Verblendung des Kaisers oder seiner Minister erstaunen, ihrer bisherigen Politik gerade in dem bedenklichsten Zeitpunkte zu entsagen und durch ein gewaltthätiges Verfahren diesen so leicht zu lenkenden Fürsten aufs Aeußerste zu bringen. Oder war eben dieses die Absicht des Tilly? War es ihm darum zu thun, einen zweideutigen Freund in einen offenbaren Feind zu verwandeln, um dadurch der Schonung überhoben zu sein, welche der geheime Befehl des Kaisers ihm bisher gegen die Länder dieses Fürsten aufgelegt hatte? War es vielleicht gar die Absicht des Kaisers, den Kurfürsten zu einem feindseligen Schritt zu reizen, um seiner Verbindlichkeit dadurch quitt zu sein und eine beschwerliche Rechnung mit guter Art zerreißen zu können? so müßte man nicht weniger über den verwegenen Uebermuth des Tilly erstaunen, der kein Bedenken trug, im Angesicht eines furchtbaren Feindes sich einen neuen zu machen, und über die Sorglosigkeit eben dieses Feldherrn, die Vereinigung beider ohne Widerstand zu gestatten.

Johann Georg, durch den Eintritt des Tilly in seine Staaten zur Verzweiflung gebracht, warf sich, nicht ohne großes Widerstreben, dem König von Schweden in die Arme.

Gleich nach Abfertigung der ersten Gesandtschaft des Tilly hatte er seinen Feldmarschall von Arnheim aufs eilfertigste in Gustavs Lager gesendet, diesen lange vernachlässigten Monarchen um schleunige Hilfe anzugehen. Der König verbarg die innere Zufriedenheit, welche ihm diese sehnlich gewünschte Entwicklung gewährte. »Mir thut es leid um den Kurfürsten,« gab er dem Abgesandten mit verstelltem Kaltsinn zur Antwort. »Hätte er meine wiederholten Vorstellungen geachtet, so würde sein Land keinen Feind gesehen haben, und auch Magdeburg würde noch stehen. Jetzt, da die höchste Noth ihm keinen andern Ausweg mehr übrig läßt, jetzt wendet man sich an den König von Schweden. Aber melden Sie ihm, daß ich weit entfernt sei, um des Kurfürsten von Sachsen willen mich und meine Bundesgenossen ins Verderben zu stürzen. Und wer leistet mir für die Treue eines Prinzen Gewähr, dessen Minister in österreichischem Solde stehen, und der mich verlassen wird, sobald ihm der Kaiser schmeichelt und seine Armee von den Grenzen zurückzieht? Tilly hat seitdem durch eine ansehnliche Verstärkung sein Heer vergrößert, welches mich aber nicht hindern soll, ihm herzhaft entgegen zu gehen, sobald ich nur meinen Rücken gedeckt weiß.«

Der sächsische Minister wußte auf diese Vorwürfe nichts zu antworten, als daß es am besten gethan sei, geschehene Dinge in Vergessenheit zu begraben. Er drang in den König, sich über die Bedingungen zu erklären, unter welchen er Sachsen zu Hilfe kommen wolle, und verbürgte sich im Voraus für die Gewährung derselben. »Ich verlange,« erwiderte Gustav, »daß mir der Kurfürst die Festung Wittenberg einräume, mir seinen ältesten Prinzen als Geißel übergebe, meinen Truppen einen dreimonatlichen Sold auszahle und mir die Verräther in seinem Ministerium ausliefere. Unter diesen Bedingungen bin ich bereit, ihm Beistand zu leisten.«

»Nicht nur Wittenberg,« rief der Kurfürst, als ihm diese Antwort hinterbracht wurde, und trieb seinen Minister in das schwedische Lager zurück; »nicht bloß Wittenberg, auch Torgau, ganz Sachsen soll ihm offen stehen; meine ganze Familie will ich ihm als Geißel übergeben; und wenn ihm das noch nicht genug ist, so will ich mich selbst ihm darbieten. Eilen Sie zurück und sagen ihm, daß ich bereit sei, ihm die Verräther, die er mir nennen wird, anzuliefern, seiner Armee den verlangten Sold zu bezahlen und Leben und Vermögen an die gute Sache zu setzen.«

Der König hatte die neuen Gesinnungen Johann Georgs nur auf die Probe stellen wollen; von dieser Aufrichtigkeit gerührt, nahm er seine harten Forderungen zurück. »Das Mißtrauen,« sagte er, »welches man in mich setzte, als ich Magdeburg zu Hilfe kommen wollte, hat das meinige erweckt; das jetzige Vertrauen des Kurfürsten verdient, daß ich es erwiedre. Ich bin zufrieden, wenn er meiner Armee einen monatlichen Sold entrichtet, und ich hoffe, ihn auch für diese Ausgabe schadlos zu halten.«

Gleich nach geschlossener Allianz ging der König über die Elbe und vereinigte sich schon am folgenden Tage mit den Sachsen. Anstatt diese Vereinigung zu hindern, war Tilly gegen Leipzig vorgerückt, welches er aufforderte, kaiserliche Besatzung einzunehmen. In Hoffnung eines schleunigen Entsatzes machte der Commandant, Hans von der Pforta, Anstalt, sich zu vertheidigen, und ließ zu dem Ende die hallische Vorstadt in die Asche legen. Aber der schlechte Zustand der Festungswerke machte den Widerstand vergeblich, und schon am zweiten Tage wurden die Thore geöffnet. Im Hause eines Todtengräbers, dem einzigen, welches in der hallischen Vorstadt stehen geblieben war, hatte Tilly sein Quartier genommen; hier unterzeichnete er die Capitulation, und hier wurde auch der Angriff des Königs von Schweden beschlossen. Beim Anblick der abgemalten Schädel und Gebeine, mit denen der Besitzer sein Haus geschmückt hatte, entfärbte sich Tilly, Leipzig erfuhr eine über alle Erwartung gnädige Behandlung.

Unterdessen wurde zu Torgau von dem König von Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen, im Beisein des Kurfürsten von Brandenburg, großer Kriegsrath gehalten. Eine Entschließung sollte jetzt gefaßt werden, welche das Schicksal Deutschlands und der evangelischen Religion, das Glück vieler Völker und das Loos ihrer Fürsten unwiderruflich bestimmte. Die Bangigkeit der Erwartung, die auch die Brust des Helden vor jeder großen Entscheidung beklemmt, schien jetzt die Seele Gustav Adolphs in einem Augenblick zu umwölken. »Wenn wir uns jetzt zu einer Schlacht entschließen,« sagte er, »so steht nicht weniger als eine Krone und zwei Kurhüte auf dem Spiele. Das Glück ist wandelbar, und der unerforschliche Rathschluß des Himmels kann, unsrer Sünden wegen, dem Feinde den Sieg verleihen. Zwar möchte meine Krone, wenn sie meine Armee und mich selbst auch verlöre, noch eine Schanze zum Besten haben. Weit entlegen, durch eine ansehnliche Flotte beschützt, in ihren Grenzen wohl verwahrt und durch ein streitbares Volk vertheidigt, würde sie wenigstens vor dem Aergsten gesichert sein. Wo aber Rettung für euch, denen der Feind auf dem Nacken liegt, wenn das Treffen verunglücken sollte?«

Gustav Adolph zeigte das bescheidene Mißtrauen eines Helden, den das Bewußtsein seiner Stärke gegen die Größe der Gefahr nicht verblendet; Johann Georg die Zuversicht eines Schwachen, der einen Helden an seiner Seite weiß. Voll Ungeduld, seine Lande von zwei beschwerlichen Armeen baldmöglichst befreit zu sehen, brannte er nach einer Schlacht, in welcher keine alten Lorbeern für ihn zu verlieren waren. Er wollte mit seinen Sachsen allein gegen Leipzig vorrücken und mit Tilly schlagen. Endlich trat Gustav Adolph seiner Meinung bei, und beschlossen war es, ohne Aufschub den Feind anzugreifen, ehe er die Verstärkungen, welche die Generale Altringer und Tiefenbach ihm zuführten, an sich gezogen hätte. Die vereinigte schwedisch-sächsische Armee setzte über die Mulde; der Kurfürst von Brandenburg reiste wieder in sein Land.

Früh Morgens am 7ten September 1631 bekamen die feindlichen Armeen einander zu Gesichte. Tilly, entschlossen, die herbeieilenden Hilfstruppen zu erwarten, nachdem er versäumt hatte, die sächsische Armee vor ihrer Vereinigung mit den Schweden niederzuwerfen, hatte unweit Leipzig ein festes und vorteilhaftes Lager bezogen, wo er hoffen konnte, zu keiner Schlacht gezwungen zu werden. Das ungestüme Anhalten Pappenheims vermochte ihn endlich doch, sobald die feindlichen Armeen im Anzug begriffen waren, seine Stellung zu verändern und sich linker Hand gegen die Hügel hin zu ziehen, welche sich vom Dorfe Wahren bis nach Lindenthal erheben. Am Fuß dieser Anhöhen war seine Armee in einer einzigen Linie ausgebreitet; seine Artillerie, auf den Hügeln vertheilt, konnte die ganze große Ebene von Breitenfeld bestreichen. Von daher näherte sich in zwei Colonnen die schwedisch-sächsische Armee und hatte bei Podelwitz, einem vor der Tilly'schen Fronte liegenden Dorfe, die Lober zu passieren. Um ihr den Uebergang über diesen Bach zu erschweren, wurde Pappenheim mit zweitausend Kürassieren gegen sie beordert, doch erst nach langem Widerstreben des Tilly und mit dem ausdrücklichen Befehl, ja keine Schlacht anzufangen. Dieses Verbots ungeachtet wurde Pappenheim mit dem schwedischen Vortrabe handgemein, aber nach einem kurzen Widerstand zum Rückzuge genöthigt. Um den Feind aufzuhalten, steckte er Podelwitz in Brand, welches jedoch die beiden Armeen nicht hinderte, vorzurücken und ihre Schlachtordnung zu machen.

Zur Rechten sollten sich die Schweden, in zwei Treffen abgetheilt, das Fußvolk in der Mitte, in kleine Bataillons zerstückelt, welche leicht zu bewegen und, ohne die Ordnung zu stören, der schnellsten Wendungen fähig waren; die Reiterei auf den Flügeln, auf ähnliche Art in kleine Schwadronen abgesondert und durch mehrere Haufen Musketiere unterbrochen, welche ihre schwache Anzahl verbergen und die feindlichen Reiter herunter schießen sollten. In der Mitte commandierte der Oberste Teufel, auf dem linken Flügel Gustav Horn, der König selbst auf dem rechten, dem Grafen Pappenheim gegenüber.

Die Sachsen standen durch einen breiten Zwischenraum von den Schweden getrennt; eine Veranstaltung Gustavs, welche der Ausgang rechtfertigte. Den Plan der Schlachtordnung hatte der Kurfürst selbst mit seinem Feldmarschall entworfen und der König sich bloß begnügt, ihn zu genehmigen. Sorgfältig, schien es, wollte er die schwedische Tapferkeit von der sächsischen absondern, und das Glück vermengte sie nicht.

Unter den Anhöhen gegen Abend breitete sich der Feind aus in einer langen unübersehbaren Linie, welche weit genug reichte, das schwedische Heer zu überflügeln; das Fußvolk in große Bataillons abgetheilt, die Reiterei in eben so große unbehilfliche Schwadronen. Sein Geschütz hatte er hinter sich auf den Anhöhen, und so stand er unter dem Gebiet seiner eigenen Kugeln, die über ihn hinweg ihren Bogen machten. Aus dieser Stellung des Geschützes, wenn anders dieser ganzen Nachricht zu trauen ist, sollte man beinahe schließen, daß Tillys Absicht vielmehr gewesen sei, den Feind zu erwarten, als anzugreifen, da diese Anordnung es ihm unmöglich machte, in die feindlichen Glieder einzubrechen, ohne sich in das Feuer seiner eigenen Kanonen zu stürzen. Tilly selbst befehligte das Mittel, Pappenheim den linken Flügel, den rechten der Graf von Fürstenberg. Sämmtliche Truppen des Kaisers und der Ligue betrugen an diesem Tage nicht über vierunddreißig bis fünfunddreißigtausend Mann; von gleicher Stärke war die vereinigte Armee der Schweden und Sachsen.

Aber wäre auch eine Million der andern gegenüber gestanden – es hätte diesen Tag blutiger, nicht wichtiger, nicht entscheidender machen können. – Dieser Tag war es, um dessentwillen Gustav das baltische Meer durchschiffte, auf entlegener Erde der Gefahr nachjagte, Krone und Leben dem untreuen Glück anvertraute. Die zwei größten Heerführer ihrer Zeit, beide bis hieher unüberwunden, sollen jetzt in einem lange vermiedenen Kampfe mit einander ihre letzte Probe bestehen; einer von beiden muß seinen Ruhm auf dem Schlachtfelde zurücklassen. Beide Hälften von Deutschland haben mit Furcht und Zittern diesen Tag herannahen sehen; bang erwartet die ganze Mitwelt den Ausschlag desselben, und die späte Nachwelt wird ihn segnen oder beweinen.

Die Entschlossenheit, welche den Grafen Tilly sonst nie verließ, fehlte ihm an diesem Tage. Kein fester Vorsatz, mit dem Könige zu schlagen, eben so wenig Standhaftigkeit, es zu vermeiden. Wider seinen Willen riß ihn Pappenheim dahin. Nie gefühlte Zweifel kämpften in seiner Brust, schwarze Ahnungen umwölkten seine immer freie Stirne. Der Geist von Magdeburg schien über ihm zu schweben.

Ein zweistündiges Kanonenfeuer eröffnete die Schlacht. Der Wind wehte von Abend und trieb aus dem frisch beackerten, ausgedörrten Gefilde dicke Wolken von Staub und Pulverrauch den Schweden entgegen. Dies bewog den König, sich unvermerkt gegen Norden zu schwenken, und die Schnelligkeit, mit der solches ausgeführt war, ließ dem Feinde nicht Zeit, es zu verhindern.

Endlich verließ Tilly seine Hügel und wagte den ersten Angriff auf die Schweden; aber von der Heftigkeit ihres Feuers wendete er sich zur Rechten und fiel in die Sachsen mit solchem Ungestüm, daß ihre Glieder sich trennten und Verwirrung das ganze Heer ergriff. Der Kurfürst selbst besann sich erst in Eilenburg wieder; wenige Regimenter hielten noch eine Zeit lang auf dem Schlachtfelde Stand und retteten durch ihren männlichen Widerstand die Ehre der Sachsen. Kaum sah man diese in Unordnung gerathen, so stürzten die Kroaten zur Plünderung, und Eilboten wurden schon abgefertigt, die Zeitung des Siegs zu München und Wien zu verkündigen.

Auf den rechten Flügel der Schweden stürzte sich Graf Pappenheim mit der ganzen Stärke seiner Reiterei, aber ohne ihn zum Wanken zu bringen. Hier commandierte der König selbst, und unter ihm der General Banner. Siebenmal erneuerte Pappenheim seinen Angriff, und siebenmal schlug man ihn zurück. Er entfloh mit einem großen Verlust und überließ das Schlachtfeld dem Sieger.

Unterdessen hatte Tilly den Ueberrest der Sachsen niedergeworfen und brach nunmehr in den linken Flügel der Schweden mit seinen siegenden Truppen. Diesem Flügel hatte der König, sobald sich die Verwirrung unter dem sächsischen Heere entdeckte, mit schneller Besonnenheit drei Regimenter zur Verstärkung gesendet, um die Flanke zu decken, welche die Flucht der Sachsen entblößte. Gustav Horn, der hier das Commando führte, leistete den feindlichen Kürassieren einen herzhaften Widerstand, den die Vertheilung des Fußvolks zwischen den Schwadronen nicht wenig unterstützte. Schon fing der Feind an, zu ermatten, als Gustav Adolph erschien, dem Treffen den Ausschlag zu geben. Der linke Flügel der Kaiserlichen war geschlagen, und seine Truppen, die jetzt keinen Feind mehr hatten, konnten anderswo besser gebraucht werden. Er schwenkte sich also mit seinem rechten Flügel und dem Hauptcorps zur Linken und griff die Hügel an, auf welche das feindliche Geschütz gepflanzt war. In kurzer Zeit war es in seinen Händen, und der Feind mußte jetzt das Feuer seiner eigenen Kanonen erfahren. Auf seiner Flanke das Feuer des Geschützes, von vorne den fürchterlichen Andrang der Schweden, trennte sich das nie überwundene Heer. Schneller Rückzug war alles, was dem Tilly nun übrig blieb; aber der Rückzug selbst mußte mitten durch den Feind genommen werden. Verwirrung ergriff jetzt die ganze Armee, vier Regimenter ausgenommen, grauer versuchter Soldaten, welche nie von einem Schlachtfelde geflohen waren und es auch jetzt nicht wollten. In geschlossenen Gliedern drangen sie mitten durch die siegende Armee und erreichten fechtend ein kleines Gehölz, wo sie aufs neue Front gegen die Schweden machten und bis zu einbrechender Nacht, bis sie auf sechshundert geschmolzen waren, Widerstand leisteten. Mit ihnen entfloh der ganze Ueberrest des Tilly'schen Heers, und die Schlacht war entschieden.

Mitten unter Verwundeten und Todten warf Gustav Adolph sich nieder, und die erste feurigste Siegesfreude ergoß sich in einem glühenden Gebete. Den flüchtigen Feind ließ er, so weit das tiefe Dunkel der Nacht es verstattete, durch seine Reiterei verfolgen. Das Geläute der Sturmglocken brachte in allen umliegenden Dörfern das Landvolk in Bewegung. und verloren war der Unglückliche, der dem ergrimmten Bauer in die Hände fiel. Mit dem übrigen Heere lagerte sich der König zwischen dem Schlachtfeld und Leipzig, da es nicht möglich war, die Stadt noch in derselben Nacht anzugreifen. Siebentausend waren von den Feinden auf dem Platze geblieben, über fünftausend theils gefangen, theils verwundet. Ihre ganze Artillerie, ihr ganzes Lager war erobert, über hundert Fahnen und Standarten erbeutet. Von den Sachsen wurden zweitausend, von den Schweden nicht über siebenhundert vermißt. Die Niederlage der Kaiserlichen war so groß, daß Tilly auf seiner Flucht nach Halle und Halberstadt nicht über sechshundert Mann, Pappenheim nicht über vierzehnhundert zusammenbringen konnte. So schnell war dieses furchtbare Heer zergangen, welches noch kürzlich ganz Italien und Deutschland in Schrecken gesetzt hatte.

Tilly selbst dankte seine Rettung nur dem Ungefähr. Obgleich von vielen Wunden ermattet, wollte er sich einem schwedischen Rittmeister, der ihn einholte, nicht gefangen geben, und schon war dieser im Begriff, ihn zu tödten, als ein Pistolenschuß ihn noch zu rechter Zeit zu Boden streckte. Aber schrecklicher als Todesgefahr und Wunden war ihm der Schmerz, seinen Ruhm zu überleben und an einem einzigen Tage die Arbeit eines ganzen langen Lebens zu verlieren. Nichts waren jetzt alle seine vergangenen Siege, da ihm der einzige entging, der jenen allen erst die Krone aufsetzen sollte. Nichts blieb ihm übrig von seinen glänzenden Kriegsthaten, als die Flüche der Menschheit, von denen sie begleitet waren. Von diesem Tage an gewann Tilly seine Heiterkeit nicht wieder, und das Glück kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Selbst seinen letzten Trost, die Rache, entzog ihm das ausdrückliche Verbot seines Herrn, kein entscheidendes Treffen mehr zu wagen. – Drei Fehler sind es vorzüglich, denen das Unglück dieses Tages beigemessen wird: daß er sein Geschütz hinter der Armee auf die Hügel pflanzte, daß er sich nachher von diesen Hügeln entfernte, und daß er den Feind ungehindert sich in Schlachtordnung stellen ließ. Aber wie bald waren diese Fehler, ohne die kaltblütige Besonnenheit, ohne das überlegene Genie seines Gegners verbessert! – Tilly entfloh eilig von Halle nach Halberstadt, wo er sich kaum Zeit nahm, die Heilung von seinen Wunden abzuwarten, und gegen die Weser eilte, sich mit den kaiserlichen Besatzungen in Niedersachsen zu verstärken.

Der Kurfürst von Sachsen hatte nicht gesäumt, sogleich nach überstandener Gefahr im Lager des Königs zu erscheinen. Der König dankte ihm, daß er zur Schlacht gerathen hätte, und Johann Georg, überrascht von diesem gütigen Empfang, versprach ihm in der ersten Freude – die römische Königskrone. Gleich den folgenden Tag rückte Gustav gegen Merseburg, nachdem er es dem Kurfürsten überlassen hatte, Leipzig wieder zu erobern. Fünftausend Kaiserliche, welche sich wieder zusammengezogen hatten und ihm unterwegs in die Hände fielen, wurden theils niedergehauen, theils gefangen, und die meisten von diesen traten in seinen Dienst. Merseburg ergab sich sogleich, bald darauf wurde Halle erobert, wo sich der Kurfürst von Sachsen nach der Einnahme von Leipzig bei dem Könige einfand, um über den künftigen Operationsplan das Weitere zu beratschlagen.

Erfochten war der Sieg, aber nur eine weise Benutzung konnte ihn entscheidend machen. Die kaiserliche Armee war aufgerieben, Sachsen sah keinen Feind mehr, und der flüchtige Tilly hatte sich nach Braunschweig gezogen. Ihn bis dahin zu verfolgen, hätte den Krieg in Niedersachsen erneuert, welches von den Drangsalen des vorhergehenden Kriegs kaum erstanden war. Es wurde also beschlossen, den Krieg in die feindlichen Lande zu wälzen, welche, unvertheidigt und offen bis nach Wien, den Sieger einluden. Man konnte zur Rechten in die Länder der katholischen Fürsten fallen, man konnte zur Linken in die kaiserlichen Erbstaaten dringen und den Kaiser selbst in seiner Residenz zittern machen. Beides wurde erwählt, und jetzt war die Frage, wie die Rollen vertheilt werden sollten. Gustav Adolph, an der Spitze einer siegenden Armee, hätte von Leipzig bis Prag, Wien und Preßburg wenig Widerstand gefunden. Böhmen, Mähren, Oesterreich, Ungarn waren von Verteidigern entblößt, die unterdrückten Protestanten dieser Länder nach einer Veränderung lüstern; der Kaiser selbst nicht mehr sicher in seiner Burg; in dem Schrecken des ersten Ueberfalls hätte Wien seine Thore geöffnet. Mit den Staaten, die er dem Feind entzog, vertrockneten diesem auch die Quellen, aus denen der Krieg bestritten werden sollte, und bereitwillig hätte sich Ferdinand zu einem Frieden verstanden, der einen furchtbaren Feind aus dem Herzen seiner Staaten entfernte. Einem Eroberer hätte dieser kühne Kriegsplan geschmeichelt und vielleicht auch ein glücklicher Erfolg ihn gerechtfertigt. Gustav Adolph, eben so vorsichtig als kühn, und mehr Staatsmann als Eroberer, verwarf ihn, weil er einen höheren Zweck zu verfolgen fand, weil er dem Glück und der Tapferkeit allein den Ausschlag nicht anvertrauen wollte.

Erwählte Gustav den Weg nach Böhmen, so mußte Franken und der Oberrhein dem Kurfürsten von Sachsen überlassen werden. Aber schon fing Tilly an, aus den Trümmern seiner geschlagenen Armee, aus den Besatzungen in Niedersachsen und den Verstärkungen, die ihm zugeführt wurden, ein neues Heer an der Weser zusammen zu ziehen, an dessen Spitze er wohl schwerlich lange säumen konnte, den Feind aufzusuchen. Einem so erfahrnen General durfte kein Arnheim entgegengestellt werden, von dessen Fähigkeiten die Leipziger Schlacht ein sehr zweideutiges Zeugniß ablegte. Was halfen aber dem König noch so rasche und glänzende Fortschritte in Böhmen und Oesterreich, wenn Tilly in den Reichslanden wieder mächtig wurde, wenn er den Muth der katholischen durch neue Siege belebte und die Bundesgenossen des Königs entwaffnete? Wozu diente es ihm, den Kaiser aus seinen Erbstaaten vertrieben zu haben, wenn Tilly eben diesem Kaiser Deutschland eroberte? Konnte er hoffen, den Kaiser mehr zu bedrängen, als vor zwölf Jahren der böhmische Aufruhr gethan hatte, der doch die Standhaftigkeit dieses Prinzen nicht erschütterte, der seine Hilfsquellen nicht erschöpfte, aus dem er nur desto furchtbarer erstand?

Weniger glänzend, aber weit gründlicher waren die Vortheile, welche er von einem persönlichen Einfall in die liguistischen Länder zu erwarten hatte. Entscheidend war hier seine gewaffnete Ankunft. Eben waren die Fürsten, des Restitutionsediktes wegen, auf einem Reichstage zu Frankfurt versammelt, wo Ferdinand alle Künste seiner arglistigen Politik in Bewegung setzte, die in Furcht gesetzten Protestanten zu einem schnellen und nachtheiligen Vergleich zu bereden. Nur die Annäherung ihres Beschützers konnte sie zu einem standhaften Widerstand ermuntern und die Anschläge des Kaisers zernichten. Gustav Adolph konnte hoffen, alle diese mißvergnügten Fürsten durch seine siegreiche Gegenwart zu vereinigen, die übrigen durch das Schrecken seiner Waffen von dem Kaiser zu trennen. Hier, im Mittelpunkte Deutschlands, zerschnitt er die Nerven der kaiserlichen Macht, die sich ohne den Beistand der Ligue nicht behaupten konnte. Hier konnte er Frankreich, einen zweideutigen Bundesgenossen, in der Nähe bewachen; und wenn ihm zu Erreichung eines geheimen Wunsches die Freundschaft der katholischen Kurfürsten wichtig war, so mußte er sich vor allen Dingen zum Herrn ihres Schicksals machen, um durch eine großmüthige Schonung sich einen Anspruch auf ihre Dankbarkeit zu erwerben.

Er erwählte also für sich selbst den Weg nach Franken und dem Rhein und überließ dem Kurfürsten von Sachsen die Eroberung Böhmens.


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