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Schiller: Geschichte des 30jährigen Kriegs

Inhalt

Erster Theil.

[Erstes Buch.] [Zweites Buch.]

Zweiter Theil.

[Drittes Buch.] [Viertes Buch.] [Fünftes Buch.]

Zweiter Theil.

Drittes Buch.

Die glorreiche Schlacht Gustav Adolphs bei Leipzig hatte in dem ganzen nachfolgenden Betragen dieses Monarchen, sowie in der Denkart seiner Feinde und Freunde, eine große Veränderung gewirkt. Er hatte sich jetzt mit dem größten Heerführer seiner Zeit gemessen, er hatte die Kraft seiner Taktik und den Muth seiner Schweden an dem Kern der kaiserlichen Truppen, den geübtesten Europens, versucht und in diesem Wettkampf überwunden. Von diesem Augenblick an schöpfte er eine feste Zuversicht zu sich selbst, und Zuversicht ist die Mutter großer Thaten. Man bemerkt fortan in allen Kriegsunternehmungen des schwedischen Königs einen kühnern und sicherern Schritt, mehr Entschlossenheit auch in den mißlichsten Lagen, mehr trotzige Verhöhnung der Gefahr, eine stolzere Sprache gegen seinen Feind, mehr Selbstgefühl gegen seine Bundesgenossen und in seiner Milde selbst mehr die Herablassung des Gebieters. Seinem natürlichen Muth kam der andächtige Schwung seiner Einbildung zu Hilfe; gern verwechselte er seine Sache mit der Sache des Himmels, erblickte in Tillys Niederlage ein entscheidendes Urtheil Gottes zum Nachtheil seiner Gegner, in sich selbst aber ein Werkzeug der göttlichen Rache. Seine Krone, seinen vaterländischen Boden weit hinter sich, drang er jetzt auf den Flügeln des Siegs in das Innere von Deutschland, das seit Jahrhunderten keinen auswärtigen Eroberer in seinem Schooße gesehen hatte. Der kriegerische Muth seiner Bewohner, die Wachsamkeit seiner zahlreichen Fürsten, der künstliche Zusammenhang seiner Staaten, die Menge seiner festen Schlösser, der Lauf seiner vielen Ströme hatten schon seit undenklichen Zeiten die Ländersucht der Nachbarn in Schranken gehalten; und so oft es auch an den Grenzen dieses weitläufigen Staatskörpers gestürmt hatte, so war doch sein Inneres von jedem fremden Einbruch verschont geblieben. Von jeher genoß dieses Reich das zweideutige Vorrecht, nur sein eigner Feind zu sein und von außen unüberwunden zu bleiben. Auch jetzt war es bloß die Uneinigkeit seiner Glieder und ein unduldsamer Glaubenseifer, was dem schwedischen Eroberer die Brücke in seine innersten Staaten baute. Aufgelöst war längst schon das harmonische Band unter den Ständen, wodurch allein das Reich unbezwinglich war, und von Deutschland selbst entlehnte Gustav Adolph die Kräfte, womit er Deutschland sich unterwürfig machte. Mit so viel Klugheit als Muth benutzte er, was ihm die Gunst des Augenblicks darbot, und gleich geschickt im Kabinet wie im Felde, zerriß er die Fallstricke einer hinterlistigen Staatskunst, wie er die Mauern der Städte mit dem Donner seines Geschützes zu Boden stürzte. Unaufgehalten verfolgte er seine Siege von einer Grenze Deutschlands zur andern, ohne den Ariadnischen Faden zu verlieren, der ihn sicher zurückleiten konnte, und an den Ufern des Rheins wie an der Mündung des Lechs hörte er niemals auf, seinen Erbländern nahe zu bleiben.

Die Bestürzung des Kaisers und der katholischen Ligue über die Niederlage des Tilly bei Leipzig konnte kaum größer sein, als das Erstaunen und die Verlegenheit der schwedischen Bundesgenossen über das unerwartete Glück des Königs. Es war größer, als man berechnet, größer, als man gewünscht hatte. Vernichtet war auf einmal das furchtbare Heer, das seine Fortschritte gehemmt, seinem Ehrgeiz Schranken gesetzt, ihn von ihrem guten Willen abhängig gemacht hatte. Einzig ohne Nebenbuhler, ohne einen ihm gewachsenen Gegner, stand er jetzt da in der Mitte von Deutschland; nichts konnte seinen Lauf aufhalten, nichts seine Anmaßungen beschränken, wenn die Trunkenheit des Glücks ihn zum Mißbrauch versuchen sollte. Hatte man anfangs vor der Uebermacht des Kaisers gezittert, so war jetzt nicht viel weniger Grund vorhanden, von dem Ungestüm eines fremden Eroberers alles für die Reichsverfassung, von dem Religionseifer eines protestantischen Königs alles für die katholische Kirche Deutschlands zu fürchten. Das Mißtrauen und die Eifersucht einiger von den verbundenen Mächten, durch die größere Furcht vor dem Kaiser auf eine Zeit lang eingeschläfert, erwachte bald wieder, und kaum hatte Gustav Adolph durch seinen Muth und sein Glück ihr Vertrauen gerechtfertigt, so wurde von ferne schon an dem Umsturz seiner Entwürfe gearbeitet. In beständigem Kampfe mit der Hinterlist der Feinde und dem Mißtrauen seiner eigenen Bundesverwandten mußte er seine Siege erringen; aber sein entschlossner Muth, seine tiefdringende Klugheit machte sich durch alle diese Hindernisse Bahn. Indem der glückliche Erfolg seiner Waffen seine mächtigern Alliierten, Frankreich und Sachsen, besorglich machte, belebte er den Muth der schwächern, die sich jetzt erst erdreisteten, mit ihren wahren Gesinnungen an das Licht zu treten und öffentlich seine Partei zu ergreifen. Sie, welche weder mit Gustav Adolphs Größe wetteifern, noch durch seine Ehrbegier leiden konnten, erwarteten desto mehr von der Großmuth dieses mächtigen Freundes, der sie mit dem Raub ihrer Feinde bereicherte und gegen die Unterdrückung der Mächtigen in Schutz nahm. Seine Stärke verbarg ihre Unmacht, und unbedeutend für sich selbst, erlangten sie ein Gewicht durch ihre Vereinigung mit dem schwedischen Helden. Dies war der Fall mit den meisten Reichsstädten und überhaupt mit den schwächern protestantischen Ständen. Sie waren es, die den König in das Innere von Deutschland führten und die ihm den Rücken deckten, die seine Heere versorgten, seine Truppen in ihre Festungen aufnahmen, in seinen Schlachten ihr Blut für ihn verspritzten. Seine staatskluge Schonung des deutschen Stolzes, sein leutseliges Betragen, einige glänzende Handlungen der Gerechtigkeit, seine Achtung für die Gesetze waren eben so viele Fesseln, die er dem besorglichen Geiste der deutschen Protestanten anlegte, und die schreienden Barbareien der Kaiserlichen, der Spanier und der Lothringer wirkten kräftig mit, seine und seiner Truppen Mäßigung in das günstigste Licht zu setzen.

Wenn Gustav Adolph seinem eigenen Genie das Meiste zu danken hatte, so darf man doch nicht in Abrede sein, daß das Glück und die Lage der Umstände ihn nicht wenig begünstigten. Er hatte zwei große Vortheile auf seiner Seite, die ihm ein entscheidendes Uebergewicht über den Feind verschafften. Indem er den Schauplatz des Kriegs in die liguistischen Länder versetzte, die junge Mannschaft derselben an sich zog, sich mit Beute bereicherte und über die Einkünfte der geflüchteten Fürsten als über sein Eigenthum schaltete, entzog er dem Feind alle Hilfsmittel, ihm mit Nachdruck zu widerstehen, und sich selbst machte er es dadurch möglich, einen kostbaren Krieg mit wenigem Aufwand zu unterhalten. Wenn ferner seine Gegner, die Fürsten der Ligue, unter sich selbst getheilt, von ganz verschiedenem, oft streitendem Interesse geleitet, ohne Einstimmigkeit und eben darum auch ohne Nachdruck handelten; wenn es ihren Feldherrn an Vollmacht, ihren Truppen an Gehorsam, ihren zerstreuten Heeren an Zusammenhang fehlte; wenn der Heerführer von dem Gesetzgeber und Staatsmann getrennt war: so war hingegen in Gustav Adolph Beides vereinigt, er die einzige Quelle, aus welcher alle Autorität floß, das einzige Ziel, auf welches der handelnde Krieger die Augen richtete, er allein die Seele seiner ganzen Partei, der Schöpfer des Kriegsplans und zugleich der Vollstrecker desselben. In ihm erhielt also die Sache der Protestanten eine Einheit und Harmonie, welche durchaus der Gegenpartei mangelte. Kein Wunder, daß, von solchen Vortheilen begünstigt, an der Spitze einer solchen Armee, mit einem solchen Genie begabt, sie zu gebrauchen, und von einer solchen politischen Klugheit geleitet, Gustav Adolph unwiderstehlich war.

In der einen Hand das Schwert, in der andern die Gnade, sieht man ihn jetzt Deutschland von einem Ende zum andern als Eroberer, Gesetzgeber und Richter durchschreiten, in nicht viel mehr Zeit durchschreiten, als ein Anderer gebraucht hätte, es auf einer Lustreise zu besehen; gleich dem gebornen Landesherrn werden ihm von Städten und Festungen die Schlüssel entgegen getragen. Kein Schloß ist ihm unersteiglich, kein Strom hemmt seine siegreiche Bahn, oft siegt er schon durch seinen gefürchteten Namen. Längs dem ganzen Mainstrom sieht man die schwedischen Fahnen aufgepflanzt, die untere Pfalz ist frei, die Spanier und Lothringer über den Rhein und die Mosel gewichen. Ueber die kurmainzischen. würzburgischen und bambergischen Lande haben sich Schweden und Hessen wie eine reißende Fluth ergossen, und drei flüchtige Bischöfe büßen, ferne von ihren Sitzen, ihre unglückliche Ergebenheit gegen den Kaiser. Die Reihe trifft endlich auch den Anführer der Ligue, Maximilian, auf seinem eigenen Boden das Elend zu erfahren, das er Andern bereitet hatte. Weder das abschreckende Schicksal seiner Bundesgenossen, noch die gütlichen Anerbietungen Gustavs, der mitten im Laufe seiner Eroberungen die Hände zum Frieden bot, hatten die Hartnäckigkeit dieses Prinzen besiegen können. Ueber den Leichnam des Tilly, der sich wie ein bewachender Cherub vor den Eingang derselben stellt, wälzt sich der Krieg in die bayerischen Lande. Gleich den Ufern des Rheins, wimmeln jetzt die Ufer des Lechs und der Donau von schwedischen Kriegern; in seine festen Schlösser verkrochen, überläßt der geschlagene Kurfürst seine entblößten Staaten dem Feinde, den die gesegneten, von keinem Krieg noch verheerten Fluren zum Raube und die Religionswuth des bayerischen Landmanns zu gleichen Gewalttaten einladen. München selbst öffnet seine Thore dem unüberwindlichen König, und der flüchtige Pfalzgraf Friedrich der Fünfte tröstet sich einige Augenblicke in der verlassenen Residenz seines Nebenbuhlers über den Verlust seiner Länder.

Indem Gustav Adolph in den südlichen Grenzen des Reichs seine Eroberungen ausbreitet und mit unaufhaltsamer Gewalt jeden Feind vor sich niederwirft, werden von seinen Bundesgenossen und Feldherren ähnliche Triumphe in den übrigen Provinzen erfochten. Niedersachsen entzieht sich dem kaiserlichen Joche; die Feinde verlassen Mecklenburg; von allen Ufern der Weser und Elbe weichen die österreichischen Garnisonen. In Westphalen und am obern Rhein macht sich Landgraf Wilhelm von Hessen, in Thüringen die Herzoge von Weimar, in Kur-Trier die Franzosen furchtbar; ostwärts wird beinahe das ganze Königreich Böhmen von den Sachsen bezwungen. Schon rüsten sich die Türken zu einem Angriff auf Ungarn, und in dem Mittelpunkt der österreichischen Lande will sich ein gefährlicher Aufruhr entzünden. Trostlos blickt Kaiser Ferdinand an allen Höfen Europens umher, sich gegen so zahlreiche Feinde durch fremden Beistand zu stärken. Umsonst ruft er die Waffen der Spanier herbei, welche die niederländische Tapferkeit jenseit des Rheins beschäftiget; umsonst strebt er, den römischen Hof und die ganze katholische Kirche zu seiner Rettung aufzubieten. Der beleidigte Papst spottet mit geprängvollen Processionen und eiteln Anathemen der Verlegenheit Ferdinands, und statt des geforderten Geldes zeigt man ihm Mantuas verwüstete Fluren.

Von allen Enden seiner weitläufigen Monarchie umfangen ihn feindliche Waffen; mit den voran liegenden liguistischen Staaten, welche der Feind überschwemmt hat, sind alle Brustwehren eingestürzt, hinter welchen sich die österreichische Macht so lange Zeit sicher wußte, und das Kriegsfeuer lodert schon nahe an den unvertheidigten Grenzen. Entwaffnet sind seine eifrigsten Bundesgenossen; Maximilian von Bayern, seine mächtigste Stütze, kaum noch fähig, sich selbst zu vertheidigen. Seine Armeen, durch Desertion und wiederholte Niederlagen geschmolzen und durch ein langes Mißgeschick muthlos, haben unter geschlagenen Generalen jenes kriegerische Ungestüm verlernt, das, eine Frucht des Siegs, im Voraus den Sieg versichert. Die Gefahr ist die höchste; nur ein außerordentliches Mittel kann die kaiserliche Macht ans ihrer tiefen Erniedrigung reißen. Das dringendste Bedürfniß ist ein Feldherr, und den einzigen, von dem die Wiederherstellung des vorigen Ruhms zu erwarten steht, hat die Kabale des Neides von der Spitze der Armee hinweggerissen. So tief sank der so furchtbare Kaiser herab, daß er mit seinem beleidigten Diener und Unterthan beschämende Verträge errichten und dem hochmüthigen Friedland eine Gewalt, die er ihm schimpflich raubte, schimpflicher jetzt aufdringen muß. Ein neuer Geist fängt jetzt an, den halb erstorbenen Körper der österreichischen Macht zu beseelen, und die schnelle Umwandlung der Dinge verräth die feste Hand, die sie leitet. Dem unumschränkten König von Schweden steht jetzt ein gleich unumschränkter Feldherr gegenüber, ein siegreicher Held dem siegreichen Helden. Beide Kräfte ringen wieder in zweifelhaftem Streit, und der Preis des Krieges, zur Hälfte schon von Gustav Adolph erfochten, wird einem neuen und schwerern Kampf unterworfen. Im Angesicht Nürnbergs lagern sich, zwei Gewitter tragende Wolken, beide kämpfende Armeen drohend gegeneinander; beide sich mit fürchtender Achtung betrachtend, beide nach dem Augenblick dürstend, beide vor dem Augenblick zagend, der sie im Sturme mit einander vermengen wird. Europens Augen heften sich mit Furcht und Neugier auf diesen wichtigen Schauplatz, und das geängstigte Nürnberg erwartet schon, einer noch entscheidendern Feldschlacht, als sie bei Leipzig geliefert ward, den Namen zu geben. Auf einmal bricht sich das Gewölke, das Kriegsgewitter verschwindet aus Franken, um sich in Sachsens Ebenen desto schrecklicher zu entladen. Ohnweit Lützen fällt der Donner nieder, der Nürnberg bedrohte, und die schon halb verlorne Schlacht wird durch den königlichen Leichnam gewonnen. Das Glück, das ihn auf seinem ganzen Laufe nie verlassen hatte, begnadigte den König auch im Tode noch mit der seltenen Gunst, in der Fülle seines Ruhms und in der Reinigkeit seines Namens zu sterben. Durch einen zeitigen Tod flüchtete ihn sein schützender Genius vor dem unvermeidlichen Schicksal der Menschheit, aus der Höhe des Glücks die Bescheidenheit, in der Fülle der Macht die Gerechtigkeit zu verlernen. Es ist uns erlaubt, zu zweifeln, ob er bei längerm Leben die Thränen verdient hätte, welche Deutschland an seinem Grabe weinte, die Bewunderung verdient hätte, welche die Nachwelt dem ersten und einzigen gerechten Eroberer zollt. Bei dem frühen Fall ihres großen Führers fürchtet man den Untergang der ganzen Partei – aber der weltregierenden Macht ist kein einzelner Mann unersetzlich. Zwei große Staatsmänner, Axel Oxenstierna in Deutschland und in Frankreich Richelieu, übernehmen das Steuer des Krieges, das dem sterbenden Helden entfällt; über ihm hinweg wandelt das unempfindliche Schicksal, und noch sechzehn volle Jahre lodert die Kriegsflamme über dem Staube des längst Vergessenen.

Man erlaube mir, in einer kurzen Uebersicht den siegreichen Marsch Gustav Adolphs zu verfolgen, den ganzen Schauplatz, auf welchem er allein handelnder Held ist, mit schnellen Blicken zu durcheilen und dann erst, wenn, durch das Glück der Schweden aufs Aeußerste gebracht und durch eine Reihe von Unglücksfällen gebeugt, Oesterreich von der Höhe seines Stolzes zu erniedrigenden und verzweifelten Hilfsmitteln herab steigt, den Faden der Geschichte zu dem Kaiser zurück zu führen.

Nicht sobald war der Kriegsplan zwischen dem König von Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen zu Halle entworfen und für den Letztern der Angriff auf Böhmen, für Gustav Adolph der Einfall in die liguistischen Länder bestimmt, nicht sobald die Allianzen mit den benachbarten Fürsten von Weimar und von Anhalt geschlossen und zu Wiedereroberung des Magdeburgischen Stiftes die Vorkehrungen gemacht, als sich der König zu seinem Einmarsch in das Reich in Bewegung setzte. Keinem verächtlichen Feinde ging er jetzt entgegen. Der Kaiser war noch mächtig im Reich; durch ganz Franken, Schwaben und die Pfalz waren kaiserliche Besatzungen ausgebreitet, denen jeder bedeutende Ort erst mit dem Schwert in der Hand entrissen werden mußte. Am Rhein erwarteten ihn die Spanier, welche alle Lande des vertriebenen Pfalzgrafen überschwemmt hatten, alle festen Plätze besetzt hielten, ihm jeden Uebergang über diesen Strom streitig machten. Hinter seinem Rücken war Tilly, der schon neue Kräfte sammelte; bald sollte auch ein lothringisches Hilfsheer zu dessen Fahnen stoßen. In der Brust jedes Papisten setzte sich ihm ein erbitterter Feind, Religionshaß, entgegen; und doch ließen ihn seine Verhältnisse mit Frankreich nur mit halber Freiheit gegen die katholischen handeln. Gustav Adolph übersah alle diese Hindernisse, aber auch die Mittel, sie zu besiegen. Die kaiserliche Kriegsmacht lag in Besatzungen zerstreut, und er hatte den Vortheil, sie mit vereinigter Macht anzugreifen. War ihm der Religionsfanatismus der Römisch-katholischen und die Furcht der kleinern Reichsstände vor dem Kaiser entgegen, so konnte er von der Freundschaft der Protestanten und von ihrem Haß gegen die österreichische Unterdrückung thätigen Beistand erwarten. Die Ausschweifungen der kaiserlichen und spanischen Truppen hatten ihm in diesen Gegenden nachdrücklich vorgearbeitet; längst schon schmachteten der mißhandelt Landmann und Bürger nach einem Befreier, und Manchem schien es schon Erleichterung, das Joch umzutauschen. Einige Agenten waren bereits vorangeschickt worden, die wichtigern Reichsstädte, vorzüglich Nürnberg und Frankfurt, auf schwedische Seite zu neigen. Erfurt war der erste Platz, an dessen Besitz dem König gelegen war. und den er nicht unbesetzt hinter dem Rücken lassen durfte. Ein gütlicher Vertrag mit der protestantisch gesinnten Bürgerschaft öffnete ihm ohne Schwertstreich die Thore der Stadt und der Festung. Hier, wie in jedem wichtigen Platze, der nachher in seine Hände fiel, ließ er sich von den Einwohnern Treue schwören und versicherte sich derselben durch eine hinlängliche Besatzung. Seinem Alliierten, dem Herzog Wilhelm von Weimar, wurde das Commando eines Heeres übergeben, das in Thüringen geworben werden sollte. Der Stadt Erfurt wollte er auch seine Gemahlin anvertrauen und versprach, ihre Freiheiten zu vermehren. In zwei Colonnen durchzog nun die schwedische Armee über Gotha und Arnstadt den Thüringer Wald, entriß im Vorübergehen die Grafschaft Henneberg den Händen der Kaiserlichen und vereinigte sich am dritten Tage vor Königshofen, an der Grenze von Franken.

Franz, Bischof von Würzburg, der erbittertste Feind der Protestanten und das eifrigste Mitglied der katholischen Ligue, war auch der Erste, der die schwere Hand Gustav Adolphs fühlte. Einige Drohworte waren genug, seine Grenzfestung Königshofen und mit ihr den Schlüssel zu der ganzen Provinz den Schweden in die Hände zu liefern. Bestürzung ergriff auf die Nachricht dieser schnellen Eroberung alle katholischen Stände des Kreises; die Bischöfe von Würzburg und Bamberg zagten in ihrer Burg. Schon sahen sie ihre Stühle wanken, ihre Kirchen entweiht, ihre Religion im Staube. Die Bosheit seiner Feinde hatte von dem Verfolgungsgeist und der Kriegsmanier des schwedischen Königs und seiner Truppen die schrecklichsten Schilderungen verbreitet, welche zu widerlegen weder die wiederholtesten Versicherungen des Königs, noch die glänzendsten Beispiele der Menschlichkeit und Duldung nie ganz vermögend gewesen sind. Man fürchtete, von einem Andern zu leiden, was man in ähnlichem Fall selbst auszuüben sich bewußt war. Viele der reichsten Katholiken eilten schon jetzt, ihre Güter, ihre Gewissen und Personen vor dem blutdürstigen Fanatismus der Schweden in Sicherheit zu bringen. Der Bischof selbst gab seinen Unterthanen das Beispiel. Mitten in dem Feuerbrande, den sein bigotter Eifer entzündet hatte, ließ er seine Länder im Stich und flüchtete nach Paris, um wo möglich das französische Ministerium gegen den gemeinschaftlichen Religionsfeind zu empören.

Die Fortschritte, welche Gustav Adolph unterdessen in dem Hochstifte machte, waren ganz dem glücklichen Anfange gleich. Von der kaiserlichen Besatzung verlassen, ergab sich ihm Schweinfurt und bald darauf Würzburg; der Marienberg mußte mit Sturm erobert werden. In diesen unüberwindlich geglaubten Ort hatte man einen großen Vorrath von Lebensmitteln und Kriegsmunition geflüchtet, welches alles dem Feind in die Hände fiel. Ein sehr angenehmer Fund war für den König die Büchersammlung der Jesuiten, die er nach Upsala bringen ließ, ein noch weit angenehmerer für seine Soldaten der reichlich gefüllte Weinkeller des Prälaten. Seine Schätze hatte der Bischof noch zu rechter Zeit geflüchtet. Dem Beispiele der Hauptstadt folgte bald das ganze Bisthum; alles unterwarf sich den Schweden. Der König ließ sich von allen Untertanen des Bischofs die Huldigung leisten und stellte wegen Abwesenheit des rechtmäßigen Regenten eine Landesregierung auf, welche zur Hälfte mit Protestanten besetzt wurde. An jedem katholischen Orte, den Gustav Adolph unter seine Botmäßigkeit brachte, schloß er der protestantischen Religion die Kirchen auf, doch ohne den Papisten den Druck zu vergelten, unter welchem sie seine Glaubensbrüder so lange gehalten hatten. Nur an Denen, die sich ihm mit dem Degen in der Hand widersetzten, wurde das schreckliche Recht des Kriegs ausgeübt; für einzelne Gräuelthaten, welche sich eine gesetzlose Soldateska in der blinden Wuth des ersten Angriffs erlaubt, kann man den menschenfreundlichen Führer nicht verantwortlich machen. Dem Friedfertigen und Wehrlosen widerfuhr eine gnädige Behandlung. Es war Gustav Adolphs heiligstes Gesetz, das Blut der Feinde, wie der Seinigen, zu sparen.

Gleich auf die erste Nachricht des schwedischen Einbruchs hatte der Bischof von Würzburg, unangesehen der Traktaten, die er, um Zeit zu gewinnen, mit dem König von Schweden anknüpfte, den Feldherrn der Ligue flehentlich aufgefordert, dem bedrängten Hochstift zu Hilfe zu eilen. Dieser geschlagene General hatte unterdessen die Trümmer seiner zerstreuten Armee an der Weser zusammengezogen, durch die kaiserlichen Garnisonen in Niedersachsen verstärkt und sich in Hessen mit seinen beiden Untergeneralen Altringer und Fugger vereinigt. An der Spitze dieser ansehnlichen Kriegsmacht brannte Graf Tilly vor Ungeduld, die Schande seiner ersten Niederlage durch einen glänzenden Sieg wieder auszulöschen. In seinem Lager bei Fulda, wohin er mit dem Heere gerückt war, harrte er sehnsuchtsvoll auf Erlaubniß von dem Herzog von Bayern, mit Gustav Adolph zu schlagen. Aber die Ligue hatte außer der Armee des Tilly keine zweite mehr zu verlieren, und Maximilian war viel zu behutsam, das ganze Schicksal seiner Partei auf den Glückswurf eines neuen Treffens zu setzen. Mit Thränen in den Augen empfing Tilly die Befehle seines Herrn, welche ihn zur Unthätigkeit zwangen. So wurde der Marsch dieses Generals nach Franken verzögert, und Gustav Adolph gewann Zeit, das ganze Hochstift zu überschwemmen. Umsonst, daß sich Tilly nachher zu Aschaffenburg durch zwölftausend Lothringer verstärkte und mit einer überlegenen Macht zum Entsatz der Stadt Würzburg herbei eilte. Stadt und Citadelle waren bereits in der Schweden Gewalt, und Maximilian von Bayern wurde, vielleicht nicht ganz unverdienter Weise, durch die allgemeine Stimme beschuldigt, den Ruin des Hochstifts durch seine Bedenklichkeiten beschleunigt zu haben. Gezwungen, eine Schlacht zu vermeiden, begnügte sich Tilly, den Feind am ferneren Vorrücken zu verhindern; aber nur sehr wenige Plätze konnte er dem Ungestüm der Schweden entreißen. Nach einem vergeblichen Versuch, eine Truppenverstärkung in die von den Kaiserlichen schwach besetzte Stadt Hanau zu werfen, deren Besitz dem König einen zu großen Vortheil gab, ging er bei Seligenstadt über den Main und richtete seinen Lauf nach der Bergstraße, um die pfälzischen Lande gegen den Andrang des Siegers zu schützen.

Graf Tilly war nicht der einzige Feind, den Gustav Adolph in Franken auf seinem Wege fand und vor sich her trieb. Auch Herzog Karl von Lothringen, durch den Unbestand seines Charakters, seine eiteln Entwürfe und sein schlechtes Glück in den Jahrbüchern des damaligen Europens berüchtigt, hatte seinen kleinen Arm gegen den schwedischen Helden aufgehoben, um sich bei Kaiser Ferdinand dem Zweiten den Kurhut zu verdienen. Taub gegen die Vorschriften einer vernünftigen Staatskunst, folgte er bloß den Eingebungen einer stürmischen Ehrbegierde, reizte durch Unterstützung des Kaisers Frankreich, seinen furchtbaren Nachbar, und entblößte, um auf fernem Boden ein schimmerndes Phantom, das ihn doch immer floh, zu verfolgen, seine Erblande, welche ein französisches Kriegsheer gleich einer reißenden Fluth überschwemmte. Gerne gönnte man ihm in Oesterreich die Ehre, sich, gleich den übrigen Fürsten der Ligue, für das Wohl des Erzhauses zu Grunde zu richten. Von eiteln Hoffnungen trunken, brachte dieser Prinz ein Heer von siebzehntausend Mann zusammen, das er in eigner Person gegen die Schweden ins Feld führen wollte. Wenn es gleich diesen Truppen an Mannszucht und Tapferkeit gebrach, so reizten sie doch durch einen glänzenden Aufputz die Augen; und so sehr sie im Angesicht des Feindes ihre Bravour verbargen, so freigebig ließen sie solche an dem wehrlosen Bürger und Landmann aus, zu deren Verteidigung sie gerufen waren. Gegen den kühnen Muth und die furchtbare Disziplin der Schweden konnte diese zierlich geputzte Armee nicht lange Stand halten. Ein panischer Schrecken ergriff sie, als die schwedische Reiterei gegen sie ansprengte, und mit leichter Mühe waren sie aus ihren Quartieren im Würzburgischen verscheucht. Das Unglück einiger Regimenter verursachte ein allgemeines Ausreißen unter den Truppen, und der schwache Ueberrest eilte, sich in einigen Städten jenseits des Rheins vor der nordischen Tapferkeit zu verbergen. Ein Spott der Deutschen und mit Schande bedeckt, sprengte ihr Anführer über Straßburg nach Hause, mehr als zu glücklich, den Zorn seines Ueberwinders, der ihn vorher aus dem Felde schlug und dann erst wegen seiner Feindseligkeiten zur Rechenschaft setzte, durch einen demüthigen Entschuldigungsbrief zu besänftigen. Ein Bauer aus einem rheinischen Dorfe, sagt man, erdreistete sich, dem Pferde des Herzogs, als er auf seiner Flucht vorbeigeritten kam, einen Schlag zu versetzen. »Frisch zu, Herr,« sagte der Bauer, »Ihr müßt schneller laufen, wenn Ihr vor dem großen Schweden-König ausreißt.«

Das unglückliche Beispiel seines Nachbars hatte dem Bischof von Bamberg klügere Maßregeln eingegeben. Um die Plünderung seiner Lande zu verhüten, kam er dem König mit Anerbietungen des Friedens entgegen, welche aber bloß dazu dienen sollten, den Lauf seiner Waffen so lange, bis Hilfe herbei käme, zu verzögern. Gustav Adolph, selbst viel zu redlich, um bei einem Andern Arglist zu befürchten, nahm bereitwillig die Erbietungen des Bischofs an und nannte schon die Bedingungen, unter welchen er das Hochstift mit jeder feindlichen Behandlung verschonen wollte. Er zeigte sich um so mehr dazu geneigt, da ohnehin seine Absicht nicht war, mit Bambergs Eroberung die Zeit zu verlieren, und seine übrigen Entwürfe ihn nach den Rheinländern riefen. Die Eilfertigkeit, mit der er die Ausführung dieser Entwürfe verfolgte, brachte ihn um die Geldsummen, welche er durch ein längeres Verweilen in Franken dem ohnmächtigen Bischof leicht hätte abängstigen können; denn dieser schlaue Prälat ließ die Unterhandlung fallen, sobald sich das Kriegsgewitter von seinen Grenzen entfernte. Kaum hatte ihm Gustav Adolph den Rücken zugewendet, so warf er sich dem Grafen Tilly in die Arme und nahm die Truppen des Kaisers in die nämlichen Städte und Festungen auf, welche er kurz zuvor dem Könige zu öffnen sich bereitwillig gezeigt hatte. Aber er hatte den Ruin seines Bisthums durch diesen Kunstgriff nur auf kurze Zeit verzögert; ein schwedischer Feldherr, der in Franken zurückgelassen ward, übernahm es, den Bischof dieser Treulosigkeit wegen zu züchtigen, und das Bisthum wurde eben dadurch zu einem unglücklichen Schauplatz des Kriegs, welchen Freund und Feind auf gleiche Weise verwüsteten.

Die Flucht der Kaiserlichen, deren drohende Gegenwart den Entschließungen der fränkischen Stände bisher Zwang angethan hatte, und das menschenfreundliche Betragen des Königs machten dem Adel sowohl als den Bürgern dieses Kreises Muth, sich den Schweden günstig zu bezeigen. Nürnberg übergab sich feierlich dem Schutze des Königs; die fränkische Ritterschaft wurde von ihm durch schmeichelhafte Manifeste gewonnen, in denen er sich herabließ, sich wegen seiner feindlichen Erscheinung in ihrem Lande zu entschuldigen. Der Wohlstand Frankens und die Gewissenhaftigkeit, welche der schwedische Krieger bei seinem Verkehr mit den Eingebornen zu beobachten pflegte, brachte den Ueberfluß in das königliche Lager. Die Gunst, in welche sich Gustav Adolph bei dem Adel des ganzen Kreises zu setzen gewußt hatte, die Bewunderung und Ehrfurcht, welche ihm seine glänzenden Thaten selbst bei dem Feind erweckten, die reiche Beute, die man sich im Dienst eines stets siegreichen Königs versprach, kamen ihm bei der Truppenwerbung sehr zu Statten, die der Abgang so vieler Besatzungen von dem Hauptheere nothwendig machte. Aus allen Gegenden des Frankenlandes eilte man haufenweise herbei, sobald nur die Trommel gerührt wurde.

Der König hatte auf die Einnahme Frankens nicht viel mehr Zeit verwenden können, als er überhaupt gebraucht hatte, es zu durcheilen; die Unterwerfung des ganzen Kreises zu vollenden und das Eroberte zu behaupten, wurde Gustav Horn, einer seiner tüchtigsten Generale, mit einem achttausend Mann starken Kriegsheere zurückgelassen. Er selbst eilte mit der Hauptarmee, die durch die Werbungen in Franken verstärkt war, gegen den Rhein, um sich dieser Grenze des Reichs gegen die Spanier zu versichern, die geistlichen Kurfürsten zu entwaffnen und in diesen wohlhabenden Ländern neue Hilfsquellen zur Fortsetzung des Kriegs zu eröffnen. Er folgte dem Lauf des Mainstroms; Seligenstadt, Aschaffenburg, Steinheim, alles Land an beiden Ufern des Flusses ward auf diesem Zuge zur Unterwerfung gebracht; selten erwarteten die kaiserlichen Besatzungen seine Ankunft, niemals behaupteten sie sich. Schon einige Zeit vorher war es einem seiner Obersten geglückt, die Stadt und Citadelle Hanau, auf deren Erhaltung Graf Tilly so bedacht gewesen war, den Kaiserlichen durch einen Ueberfall zu entreißen; froh, von dem unerträglichen Druck dieser Soldateska befreit zu sein, unterwarf sich der Graf bereitwillig dem gelindern Joche des schwedischen Königs.

Auf die Stadt Frankfurt war jetzt das vorzüglichste Augenmerk Gustav Adolphs gerichtet, dessen Maxime es überhaupt auf deutschem Boden war, sich durch die Freundschaft und den Besitz der wichtigern Städte den Rücken zu decken. Frankfurt war eine von den ersten Reichsstädten gewesen, die er schon von Sachsen aus zu seinem Empfang hatte vorbereiten lassen, und nun ließ er es von Offenbach aus durch neue Abgeordnete abermals auffordern, ihm den Durchzug zu gestatten und Besatzung einzunehmen. Gerne wäre diese Reichsstadt mit der bedenklichen Wahl zwischen dem König von Schweden und dem Kaiser verschont geblieben; denn welche Partei sie auch ergriff, so hatte sie für ihre Privilegien und ihren Handel zu fürchten. Schwer konnte der Zorn des Kaisers auf sie fallen, wenn sie sich voreilig dem König von Schweden unterwarf und dieser nicht mächtig genug bleiben sollte, seine Anhänger in Deutschland gegen den kaiserlichen Despotismus zu schützen. Aber noch weit verderblicher für sie war der Unwille eines unwiderstehlichen Siegers, der mit einer furchtbaren Armee schon gleichsam vor ihren Thoren stand und sie auf Unkosten ihres ganzen Handels und Wohlstandes für ihre Widersetzlichkeit züchtigen konnte. Umsonst führte sie durch ihre Abgeordneten zu ihrer Entschuldigung die Gefahren an, welche ihre Messen, ihre Privilegien, vielleicht ihre Reichsfreiheit selbst bedrohten, wenn sie durch Ergreifung der schwedischen Partei den Zorn des Kaisers auf sich laden sollte. Gustav Adolph stellte sich verwundert, daß die Stadt Frankfurt in einer so äußerst wichtigen Sache, als die Freiheit des ganzen Deutschlands und das Schicksal der protestantischen Kirche sei, von ihren Jahrmärkten spreche und für zeitliche Vorteile die große Angelegenheit des Vaterlandes und ihres Gewissens hintansetze. Er habe, setzte er drohend hinzu, von der Insel Rügen an bis zu allen Festungen und Städten am Main den Schlüssel gefunden und werde ihn auch zu der Stadt Frankfurt zu finden wissen. Das Beste Deutschlands und die Freiheit der protestantischen Kirche seien allein der Zweck seiner gewaffneten Ankunft, und bei dem Bewußtsein einer so gerechten Sache sei er schlechterdings nicht gesonnen, sich durch irgend ein Hinderniß in seinem Lauf aufhalten zu lassen. Er sehe wohl, daß ihm die Frankfurter nichts als die Finger reichen wollten, aber die ganze Hand müsse er haben, um sich daran halten zu können. Den Deputierten der Stadt, welche diese Antwort zurück brachten, folgte er mit seiner ganzen Armee auf dem Fuße nach und erwartete in völliger Schlachtordnung vor Sachsenhausen die letzte Erklärung des Raths.

Wenn die Stadt Frankfurt Bedenken getragen hatte, sich den Schweden zu unterwerfen, so war es bloß aus Furcht vor dem Kaiser geschehen; ihre eigene Neigung ließ die Bürger keinen Augenblick zweifelhaft zwischen dem Unterdrücker der deutschen Freiheit und dem Beschützer derselben. Die drohenden Zurüstungen, unter welchen Gustav Adolph ihre Erklärung jetzt forderte, konnten die Strafbarkeit ihres Abfalls in den Augen des Kaisers vermindern und den Schritt, den sie gern thaten, durch den Schein einer erzwungenen Handlung beschönigen. Jetzt also öffnete man dem König von Schweden die Thore, der seine Armee in prachtvollem Zuge und bewundernswürdiger Ordnung mitten durch diese Kaiserstadt führte. Sechshundert Mann blieben in Sachsenhausen zur Besatzung zurück; der König selbst rückte mit der übrigen Armee noch an demselben Abend gegen die Mainzische Stadt Höchst an, welche vor einbrechender Nacht schon erobert war.

Während daß Gustav Adolph längs dem Mainstrom Eroberungen machte, krönte das Glück die Unternehmungen seiner Generale und Bundesverwandten auch im nördlichen Deutschland. Rostock, Wismar und Dömitz, die einzigen noch übrigen festen Oerter im Herzogthum Mecklenburg, welche noch unter dem Joche kaiserlicher Besatzungen seufzten, wurden von dem rechtmäßigen Besitzer, Herzog Johann Albrecht, unter der Leitung des schwedischen Feldherrn Achatius Tott bezwungen. Umsonst versuchte es der kaiserliche General Wolf, Graf von Mannsfeld, den Schweden das Stift Halberstadt, von welchem sie sogleich nach dem Leipziger Siege Besitz genommen, wieder zu entreißen; er mußte bald darauf auch das Stift Magdeburg in ihren Händen lassen. Ein schwedischer General, Banner, der mit einem achttausend Mann starken Heere an der Elbe zurück geblieben war, hielt die Stadt Magdeburg auf das engste eingeschlossen und hatte schon mehrere kaiserliche Regimenter niedergeworfen, welche zum Entsatz dieser Stadt herbei geschickt worden. Der Graf von Mannsfeld vertheidigte sie zwar in Person mit sehr vieler Herzhaftigkeit; aber zu schwach an Mannschaft, um dem zahlreichen Heere der Belagerer lange Widerstand leisten zu können, dachte er schon auf die Bedingungen, unter welchen er die Stadt übergeben wollte, als der General Pappenheim zu seinem Entsatz herbeikam und die feindlichen Waffen anderswo beschäftigte. Dennoch wurde Magdeburg, oder vielmehr die schlechten Hütten, die aus den Ruinen dieser großen Stadt traurig hervorblickten, in der Folge von den Kaiserlichen freiwillig geräumt und gleich darauf von den Schweden in Besitz genommen.

Auch die Stände des niedersächsischen Kreises wagten es, nach den glücklichen Unternehmungen des Königs ihr Haupt wieder von dem Schlage zu erheben, den sie in dem unglücklichen dänischen Kriege durch Wallenstein und Tilly erlitten hatten. Sie hielten zu Hamburg eine Zusammenkunft, auf welcher die Errichtung von drei Regimentern verabredet wurde, mit deren Hilfe sie sich der äußerst drückenden kaiserlichen Besatzungen zu entledigen hofften. Dabei ließ es der Bischof von Bremen, ein Verwandter des schwedischen Königs, noch nicht bewenden; er brachte auch für sich besonders Treppen zusammen und ängstigte mit denselben wehrlose Pfaffen und Mönche, hatte aber das Unglück, durch den kaiserlichen General, Grafen von Gronsfeld, bald entwaffnet zu werden. Auch Georg, Herzog von Lüneburg, vormals Oberster in Ferdinands Diensten, ergriff jetzt Gustav Adolphs Partei und warb einige Regimenter für diesen Monarchen, wodurch die kaiserlichen Truppen in Niedersachsen zu nicht geringem Vortheil des Königs beschäftigt wurden.

Noch weit wichtigere Dienste aber leistete dem König Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel, dessen siegreiche Waffen einen großen Theil von Westphalen und Niedersachsen, das Stift Fulda und selbst das Kurfürstenthum Köln zittern machten. Man erinnert sich, daß unmittelbar nach dem Bündniß, welches der Landgraf im Lager zu Werben mit Gustav Adolph geschlossen hatte, zwei kaiserliche Generale, von Fugger und Altringer, von dem Grafen Tilly nach Hessen beordert wurden, den Landgrafen wegen seines Abfalls vom Kaiser zu züchtigen. Aber mit männlichem Muth hatte dieser Fürst den Waffen des Feindes, so wie seine Landstände den Aufruhr predigenden Manifesten des Grafen Tilly widerstanden, und bald befreite ihn die Leipziger Schlacht von diesen verwüstenden Schaaren. Er benutzte ihre Entfernung mit eben so viel Muth als Entschlossenheit, eroberte in kurzer Zeit Bach, Münden und Höxter und ängstigte durch seine schleunigen Fortschritte das Stift Fulda, Paderborn und alle an Hessen grenzenden Stifter. Die in Furcht gesetzten Staaten eilten, durch eine zeitige Unterwerfung seinen Fortschritten Grenzen zu setzen, und entgingen der Plünderung durch beträchtliche Geldsummen, die sie ihm freiwillig entrichteten. Nach diesen glücklichen Unternehmungen vereinigte der Landgraf sein siegreiches Heer mit der Hauptarmee Gustav Adolphs, und er selbst fand sich zu Frankfurt bei diesem Monarchen ein, um den ferneren Operationsplan mit ihm zu verabreden.

Mehrere Prinzen und auswärtige Gesandte waren mit ihm in dieser Stadt erschienen, um der Größe Gustav Adolphs zu huldigen, seine Gunst anzuflehen oder seinen Zorn zu besänftigen. Unter diesen war der merkwürdigste der vertriebene König von Böhmen und Pfalzgraf, Friedrich der Fünfte, der aus Holland dahin geeilt war, sich seinem Rächer und Beschützer in die Arme zu werfen. Gustav Adolph erwies ihm die unfruchtbare Ehre, ihn als ein gekröntes Haupt zu begrüßen, und bemühte sich, ihm durch eine edle Teilnahme sein Unglück zu erleichtern. Aber so viel sich auch Friedrich von der Macht und dem Glück seines Beschützers versprach, so viel er auf die Gerechtigkeit und Großmuth desselben baute, so weit entfernt war dennoch die Hoffnung zur Wiederherstellung dieses Unglücklichen in seinen verlornen Ländern. Die Unthätigkeit und die widersinnige Politik des englischen Hofes hatte den Eifer Gustav Adolphs erkältet, und eine Empfindlichkeit, über die er nicht ganz Meister werden konnte, ließ ihn hier den glorreichen Beruf eines Beschützers der Unterdrückten vergessen, den er bei seiner Erscheinung im deutschen Reiche so laut angekündigt hatte. Auch den Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt hatte die Furcht vor der unwiderstehlichen Macht und der nahen Rache des Königs herbei gelockt und zu einer zeitigen Unterwerfung bewogen. Die Verbindungen, in welchen dieser Fürst mit dem Kaiser stand, und sein geringer Eifer für die protestantische Sache waren dem König kein Geheimniß, aber er begnügte sich, einen so ohnmächtigen Feind zu verspotten. Da der Landgraf sich selbst und die politische Lage Deutschlands wenig genug kannte, um sich, ebenso unwissend als dreist, zum Mittler zwischen beiden Parteien aufzuwerfen, so pflegte ihn Gustav Adolph spottweise nur den Friedensstifter zu nennen. Oft hörte man ihn sagen, wenn er mit dem Landgrafen spielte und ihm Geld abgewann: »Er freue sich doppelt des gewonnenen Geldes, weil es kaiserliche Münze sei.« Landgraf Georg dankte es bloß seiner Verwandtschaft mit dem Kurfürsten von Sachsen, den Gustav Adolph zu schonen Ursache hatte, daß sich dieser Monarch mit Uebergabe seiner Festung Rüsselsheim und mit der Zusage begnügte, eine strenge Neutralität in diesem Kriege zu beobachten. Auch die Grafen des Westerwaldes und der Wetterau waren in Frankfurt bei dem König erschienen, um ein Bündniß mit ihm zu errichten und ihm gegen die Spanier ihren Beistand anzubieten, der ihm in der Folge sehr nützlich war. Die Stadt Frankfurt selbst hatte alle Ursachen, sich der Gegenwart des Monarchen zu rühmen, der durch seine königliche Autorität ihren Handel in Schutz nahm und die Sicherheit der Messen, die der Krieg sehr gestört hatte, durch die nachdrücklichsten Vorkehrungen wieder herstellte.

Die schwedische Armee war jetzt durch zehntausend Hessen verstärkt, welche Landgraf Wilhelm von Kassel dem König zugeführt hatte. Schon hatte Gustav Adolph Königstein angreifen lassen, Kostheim und Flörsheim ergaben sich ihm nach einer kurzen Belagerung, er beherrschte den ganzen Mainstrom, und zu Höchst wurden in aller Eile Fahrzeuge gezimmert, um die Truppen über den Rhein zu setzen. Diese Anstalten erfüllten den Kurfürsten von Mainz, Anselm Casimir, mit Furcht, und er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß er der Nächste sei, den der Sturm des Krieges bedrohte. Als ein Anhänger des Kaisers und eines der thätigsten Mitglieder der katholischen Ligue, hatte er kein besseres Loos zu hoffen, als seine beiden Amtsbrüder, die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, bereits getroffen hatte. Die Lage seiner Länder am Rheinstrom machte es dem Feinde zur Notwendigkeit, sich ihrer zu versichern, und überdem war dieser gesegnete Strich Landes für das bedürftige Heer eine unüberwindliche Reizung. Aber zu wenig mit seinen Kräften und dem Gegner bekannt, den er vor sich hatte, schmeichelte sich der Kurfürst, Gewalt durch Gewalt abzutreiben und durch die Festigkeit seiner Wälle die schwedische Tapferkeit zu ermüden. Er ließ in aller Eile die Festungswerke seiner Residenzstadt ausbessern, versah sie mit allem, was sie fähig machte, eine lange Belagerung auszuhalten, und nahm noch überdies zweitausend Spanier in seine Mauern auf, welche ein spanischer General, Don Philipp von Sylva, commandierte. Um den schwedischen Fahrzeugen die Annäherung unmöglich zu machen, ließ er die Mündung des Mains durch viele eingeschlagene Pfähle verrammeln, auch große Steinmassen und ganze Schiffe in dieser Gegend versenken. Er selbst flüchtete sich, in Begleitung des Bischofs von Worms, mit seinen besten Schätzen nach Köln und überließ Stadt und Land der Raubgier einer tyrannischen Besatzung. Alle diese Vorkehrungen, welche weniger wahren Muth als ohnmächtigen Trotz verriethen, hielten die schwedische Armee nicht ab, gegen Mainz vorzurücken und die ernstlichsten Anstalten zum Angriff der Stadt zu machen. Während daß sich ein Theil der Truppen in dem Rheingau verbreitete, alles, was sich von Spaniern dort fand, niedermachte und übermäßige Contributionen erpreßte, ein anderer die katholischen Oerter des Westerwaldes und der Wetterau brandschatzte, hatte sich die Hauptarmee schon bei Castel, Mainz gegenüber, gelagert und Herzog Bernhard von Weimar sogar am jenseitigen Rheinufer den Mäusethurm und das Schloß Ehrenfels erobert. Schon beschäftigte sich Gustav Adolph ernstlich damit, den Rhein zu passieren und die Stadt von der Landseite einzuschließen, als ihn die Fortschritte des Grafen Tilly in Franken eilfertig von dieser Belagerung abriefen und dem Kurfürstenthum eine, obgleich nur kurze, Ruhe verschafften.

Die Gefahr der Stadt Nürnberg, welche Graf Tilly während der Abwesenheit Gustav Adolphs am Rheinstrom Miene machte zu belagern und im Fall eines Widerstandes mit dem schrecklichen Schicksal Magdeburgs bedrohte, hatte den König von Schweden zu diesem schnellen Aufbruch von Mainz bewogen. Um sich nicht zum zweitenmal vor ganz Deutschland den Vorwürfen und der Schande auszusetzen, eine bundesverwandte Stadt der Willkür eines grausamen Feindes geopfert zu haben, machte er sich in beschleunigten Märschen auf, diese wichtige Reichsstadt zu entsetzen; aber schon zu Frankfurt erfuhr er den herzhaften Widerstand der Nürnberger und den Abzug des Tilly und säumte jetzt keinen Augenblick, seine Absichten auf Mainz zu verfolgen. Da es ihm bei Castel mißlungen war, unter den Kanonen der Belagerten den Uebergang über den Rhein zu gewinnen, so richtete er jetzt, um von einer andern Seite der Stadt beizukommen, seinen Lauf nach der Bergstraße, bemächtigte sich auf diesem Wege jedes wichtigen Platzes und erschien zum zweitenmal an den Ufern des Rheins bei Stockstadt zwischen Gernsheim und Oppenheim. Die ganze Bergstraße hatten die Spanier verlassen, aber das jenseitige Rheinufer suchten sie noch mit vieler Hartnäckigkeit zu vertheidigen. Sie hatten zu diesem Ende alle Fahrzeuge aus der Nachbarschaft zum Theil verbrannt, zum Theil in die Tiefe versenkt und standen jenseit des Stroms zum furchtbarsten Angriff gerüstet, wenn etwa der König an diesem Ort den Uebergang wagen würde.

Der Muth des Königs setzte ihn bei dieser Gelegenheit einer sehr großen Gefahr aus, in feindliche Hände zu gerathen. Um das jenseitige Ufer zu besichtigen, hatte er sich in einem kleinen Nachen über den Fluß gewagt; kaum aber war er gelandet, so überfiel ihn ein Haufen spanischer Reiter, aus deren Händen ihn nur die eilfertigste Rückkehr befreite. Endlich gelang es ihm, durch Vorschub etlicher benachbarten Schiffer sich einiger Fahrzeuge zu bemächtigen, auf deren zweien er den Grafen von Brahe mit dreihundert Schweden übersetzen ließ. Nicht so bald hatte dieser Zeit gewonnen, sich am jenseitigen Ufer zu verschanzen, als er von vierzehn Compagnieen spanischer Dragoner und Kürassiere überfallen wurde. So groß die Ueberlegenheit des Feindes war, so tapfer wehrte sich Brahe mit seiner kleinen Schaar, und sein heldenmütiger Widerstand verschaffte dem König Zeit, ihn in eigener Person mit frischen Truppen zu unterstützen. Nun ergriffen die Spanier, nach einem Verlust von sechshundert Todten, die Flucht; einige eilten, die feste Stadt Oppenheim, andre, Mainz zu gewinnen. Ein marmorner Löwe auf einer hohen Säule, in der rechten Klaue ein bloßes Schwert, auf dem Kopf eine Sturmhaube tragend, zeigte noch siebenzig Jahre nachher dem Wanderer die Stelle, wo der unsterbliche König den Hauptstrom Germaniens passierte.

Gleich nach dieser glücklichen Aktion setzte Gustav Adolph das Geschütz und den größten Theil der Truppen über den Fluß und belagerte Oppenheim, welches nach einer verzweifelten Gegenwehr am 8ten December 1631 mit stürmender Hand erstiegen ward. Fünfhundert Spanier, welche diesen Ort so herzhaft vertheidigt hatten, wurden insgesammt ein Opfer der schwedischen Furie. Die Nachricht von Gustavs Uebergang über den Rheinstrom erschreckte alle Spanier und Lothringer, welche das jenseitige Land besetzt und sich hinter diesem Flusse vor der Rache der Schweden geborgen geglaubt hatten. Schnelle Flucht war jetzt ihre einzige Sicherheit; jeder nicht ganz haltbare Ort ward aufs eilfertigste verlassen. Nach einer langen Reihe von Gewalttätigkeiten gegen den wehrlosen Bürger räumten die Lothringer die Stadt Worms, welche sie noch vor ihrem Abzuge mit muthwilliger Grausamkeit mißhandelten. Die Spanier eilten, sich in Frankenthal einzuschließen, in welcher Stadt sie sich Hoffnung machten, den siegreichen Waffen Gustav Adolphs zu trotzen.

Der König verlor nunmehr keine Zeit, seine Absichten auf die Stadt Mainz auszuführen, in welche sich der Kern der spanischen Truppen geworfen hatte. Indem er jenseit des Rheinstroms gegen diese Stadt anrückte, hatte sich der Landgraf von Hessen-Kassel diesseits des Flusses derselben genähert und auf dem Wege dahin mehrere feste Plätze unter seine Botmäßigkeit gebracht. Die belagerten Spanier, obgleich von beiden Seiten eingeschlossen, zeigten anfänglich viel Muth und Entschlossenheit, das Aeußerste zu erwarten, und ein ununterbrochenes, heftiges Bombenfeuer regnete mehrere Tage lang in das schwedische Lager, welches dem Könige manchen braven Soldaten kostete. Aber dieses muthvollen Widerstands ungeachtet gewannen die Schweden immer mehr Boden und waren dem Stadtgraben schon so nahe gerückt, daß sie sich ernstlich zum Sturm anschickten. Jetzt sank den Belagerten der Muth. Mit Recht zitterten sie vor dem wilden Ungestüm des schwedischen Soldaten, wovon der Marienberg bei Würzburg ein schreckhaftes Zeugniß ablegte. Ein fürchterliches Loos erwartete die Stadt Mainz, wenn sie im Sturm erstiegen werden sollte, und leicht konnte der Feind sich versucht fühlen, Magdeburgs schauderhaftes Schicksal an dieser reichen und prachtvollen Residenz eines katholischen Fürsten zu rächen. Mehr um die Stadt, als um ihr eigenes Leben zu schonen, capitulierte am vierten Tag die spanische Besatzung und erhielt von der Großmuth des Königs ein sicheres Geleite bis nach Luxemburg; doch stellte sich der größte Theil derselben, wie bisher schon von mehreren geschehen war, unter schwedische Fahnen.

Am 13ten December 1631 hielt der König von Schweden seinen Einzug in die eroberte Stadt und nahm im Palast des Kurfürsten seine Wohnung. Achtzig Kanonen fielen als Beute in seine Hände, und mit achttausend Gulden mußte die Bürgerschaft die Plünderung abkaufen. Von dieser Schatzung waren die Juden und die Geistlichkeit ausgeschlossen, welche noch für sich besonders große Summen zu entrichten hatten. Die Bibliothek des Kurfürsten nahm der König als sein Eigenthum zu sich und schenkte sie seinem Reichskanzler Oxenstierna, der sie dem Gymnasium zu Westeräs abtrat; aber das Schiff, das sie nach Schweden bringen sollte, scheiterte, und die Ostsee verschlang diesen unersetzlichen Schatz.

Nach dem Verlust der Stadt Mainz hörte das Unglück nicht auf, die Spanier in den Gegenden des Rheins zu verfolgen. Kurz vor Eroberung jener Stadt hatte der Landgraf von Hessen-Kassel Falkenstein und Reifenberg eingenommen; die Festung Königstein ergab sich den Hessen; der Rheingraf Otto Ludwig, einer von den Generalen des Königs, hatte das Glück, neun spanische Schwadronen zu schlagen, die gegen Frankenthal im Anzuge waren, und sich der wichtigsten Städte am Rheinstrom von Boppart bis Bacharach zu bemächtigen. Nach Einnahme der Festung Braunfels, welche die wetterauischen Grafen mit schwedischer Hilfe zu Stande brachten, verloren die Spanier jeden Platz in der Wetterau, und in der ganzen Pfalz konnten sie, außer Frankenthal, nur sehr wenige Städte retten. Landau und Kronweißenburg erklärten sich laut für die Schweden. Speyer bot sich an, Truppen zum Dienst des Königs zu werben. Mannheim ging durch die Besonnenheit des jungen Herzogs Bernhard von Weimar und durch die Nachlässigkeit des dortigen Commandanten verloren, der auch dieses Unglücks wegen zu Heidelberg vor das Kriegsgericht gefordert und enthauptet ward.

Der König hatte den Feldzug bis tief in den Winter verlängert, und wahrscheinlich war selbst die Rauhigkeit der Jahreszeit mit eine Ursache der Ueberlegenheit gewesen, welche der schwedische Soldat über den Feind behauptete. Jetzt aber bedurften die erschöpften Truppen der Erholung in den Winterquartieren, welche ihnen Gustav Adolph auch bald nach Eroberung der Stadt Mainz in der umliegenden Gegend bewilligte. Er selbst benutzte die Ruhe, welche die Jahreszeit seinen kriegerischen Operationen auflegte, dazu, die Geschäfte des Kabinets mit seinem Reichskanzler abzuthun, der Neutralität wegen mit dem Feind Unterhandlungen zu pflegen und einige politische Streitigkeiten mit einer bundesverwandten Macht zu beendigen, zu denen sein bisheriges Betragen den Grund gelegt hatte. Zu seinem Winteraufenthalt und zum Mittelpunkt dieser Staatsgeschäfte erwählte er die Stadt Mainz, gegen die er überhaupt eine größere Neigung blicken ließ, als sich mit dem Interesse der deutschen Fürsten und mit dem kurzen Besuche vertrug, den er dem Reiche hatte abstatten wollen. Nicht zufrieden, die Stadt auf das stärkste befestigt zu haben, ließ er auch ihr gegenüber, in dem Winkel, den der Main mit dem Rheine macht, eine neue Citadelle anlegen, die nach ihrem Stifter Gustavsburg genannt, aber unter dem Namen Pfaffenraub, Pfaffenzwang bekannter geworden ist.

Indem Gustav Adolph sich Meister vom Rhein machte und die drei angrenzenden Kurfürstenthümer mit seinen siegreichen Waffen bedrohte, wurde in Paris und Saint-Germain von seinen wachsamen Feinden jeder Kunstgriff der Politik in Bewegung gesetzt, ihm den Beistand Frankreichs zu entziehen und ihn wo möglich mit dieser Macht in Krieg zu verwickeln. Er selbst hatte durch die unerwartete und zweideutige Wendung seiner Waffen gegen den Rheinstrom seine Freunde stutzen gemacht und seinen Gegnern die Mittel dargereicht, ein gefährliches Mißtrauen in seine Absichten zu erregen. Nachdem er das Hochstift Würzburg und den größten Theil Frankens seiner Macht unterworfen hatte, stand es bei ihm, durch das Hochstift Bamberg und durch die obere Pfalz in Bayern und Oesterreich einzubrechen; und die Erwartung war so allgemein als natürlich, daß er nicht säumen würde, den Kaiser und den Herzog von Bayern im Mittelpunkt ihrer Macht anzugreifen und durch Ueberwältigung dieser beiden Hauptfeinde den Krieg auf das schnellste zu endigen. Aber zu nicht geringem Erstaunen beider streitenden Theile verließ Gustav Adolph die von der allgemeinen Meinung ihm vorgezeichnete Bahn, und anstatt seine Waffen zur Rechten zu kehren, wendete er sie zur Linken, um die minder schuldigen und minder zu fürchtenden Fürsten des Kurrheins seine Macht empfinden zu lassen, indem er seinen zwei wichtigsten Gegnern Frist gab, neue Kräfte zu sammeln. Nichts als die Absicht, durch Vertreibung der Spanier vor allen Dingen den unglücklichen Pfalzgrafen Friedrich den Fünften wieder in den Besitz seiner Länder zu setzen, konnte diesen überraschenden Schritt erklärlich machen, und der Glaube an die nahe Wiederherstellung Friedrichs brachte anfangs auch wirklich den Argwohn seiner Freunde und die Verleumdungen seiner Gegner zum Schweigen. Jetzt aber war die untere Pfalz fast durchgängig von Feinden gereinigt, und Gustav Adolph fuhr fort, neue Eroberungsplane am Rhein zu entwerfen; er fuhr fort, die eroberte Pfalz dem rechtmäßigen Besitzer zurückzuhalten. Vergebens erinnerte der Abgesandte des Königs von England den Eroberer an das, was die Gerechtigkeit von ihm forderte und sein eigenes feierlich ausgestelltes Versprechen ihm zur Ehrenpflicht machte. Gustav Adolph beantwortete diese Aufforderung mit bittern Klagen über die Unthätigkeit des englischen Hofes und rüstete sich lebhaft, seine sieghaften Fahnen mit nächstem in Elsaß und selbst in Lothringen auszubreiten.

Jetzt wurde das Mißtrauen gegen den schwedischen Monarchen laut, und der Haß seiner Gegner zeigte sich äußerst geschäftig, die nachtheiligsten Gerüchte von seinen Absichten zu verbreiten. Schon längst hatte der Minister Ludwigs des Dreizehnten, Richelieu, der Annäherung des Königs gegen die französischen Grenzen mit Unruhe zugesehen, und das mißtrauische Gemüth seines Herrn öffnete sich nur allzuleicht den schlimmen Muthmaßungen, welche darüber angestellt wurden. Frankreich war um eben diese Zeit in einen bürgerlichen Krieg mit dem protestantischen Theil seiner Bürger verwickelt, und die Furcht war in der That nicht ganz grundlos, daß die Annäherung eines siegreichen Königs von ihrer Partei ihren gesunkenen Muth neu beleben und sie zu dem gewaltsamsten Widerstand aufmuntern möchte. Dies konnte geschehen, auch wenn Gustav Adolph auf das weiteste davon entfernt war, ihnen Hoffnung zu machen und an seinem Bundesgenossen, dem König von Frankreich, eine wirkliche Untreue zu begehen. Aber der rachgierige Sinn des Bischofs von Würzburg, der den Verlust seiner Länder am französischen Hofe zu verschmerzen suchte, die giftvolle Beredsamkeit der Jesuiten und der geschäftige Eifer des bayerischen Ministers stellten dieses gefährliche Verständniß zwischen den Hugenotten und dem König von Schweden als ganz erwiesen dar und wußten den furchtsamen Geist Ludwigs mit den schrecklichsten Besorgnissen zu bestürmen. Nicht bloß thörichte Politiker, auch manche nicht unverständige Katholiken glaubten in vollem Ernst, der König werde mit nächstem in das innerste Frankreich eindringen, mit den Hugenotten gemeine Sache machen und die katholische Religion in dem Königreich umstürzen. Fanatische Eiferer sahen ihn schon mit einer Armee über die Alpen klimmen und den Statthalter Christi selbst in Italien entthronen. So leicht sich Träumereien dieser Art von selbst widerlegten, so war dennoch nicht zu leugnen, daß Gustav durch seine Kriegsunternehmungen am Rhein dem Argwohn seiner Gegner eine gefährliche Blöße gab und einigermaßen den Verdacht rechtfertigte, als ob er seine Waffen weniger gegen den Kaiser und den Herzog von Bayern, als gegen die katholische Religion überhaupt habe richten wollen.

Das allgemeine Geschrei des Unwillens, welches die katholischen Höfe, von den Jesuiten aufgereizt, gegen Frankreichs Verbindungen mit den Feinden der Kirche erhoben, bewog endlich den Cardinal von Richelieu, für die Sicherstellung seiner Religion einen entscheidenden Schritt zu thun und die katholische Welt zugleich von dem ernstlichen Religionseifer Frankreichs und von der eigennützigen Politik der geistlichen Reichsstände zu überführen. Ueberzeugt, daß die Absichten des Königs von Schweden, so wie seine eignen, nur auf die Demütigung des Hauses Oesterreich gerichtet seien, trug er kein Bedenken, den liguistischen Fürsten von Seiten Schwedens eine vollkommene Neutralität zu versprechen, sobald sie sich der Allianz mit dem Kaiser entschlagen und ihre Truppen zurückziehen würden. Welchen Entschluß nun die Fürsten faßten, so hatte Richelieu seinen Zweck erreicht. Durch ihre Trennung von der österreichischen Partei wurde Ferdinand den vereinigten Waffen Frankreichs und Schwedens wehrlos bloßgestellt, und Gustav Adolph, von allen seinen übrigen Feinden in Deutschland befreit, konnte seine ungeteilte Macht gegen die kaiserlichen Erbländer kehren. Unvermeidlich war dann der Fall des österreichischen Hauses, und dieses letzte große Ziel aller Bestrebungen Richelieus ohne Nachtheil der Kirche errungen. Ungleich mißlicher hingegen war der Erfolg, wenn die Fürsten der Ligue auf ihrer Weigerung bestehen und dem österreichischen Bündniß noch fernerhin getreu bleiben sollten. Dann aber hatte Frankreich vor dem ganzen Europa seine katholische Gesinnung erwiesen und seinen Pflichten als Glied der römischen Kirche ein Genüge gethan. Die Fürsten der Ligue erschienen dann allein als die Urheber alles Unglücks, welches die Fortdauer des Kriegs über das katholische Deutschland unausbleiblich verhängen mußte; sie allein waren es, die durch ihre eigensinnige Anhänglichkeit an den Kaiser die Maßregeln ihres Beschützers vereitelten, die Kirche in die äußerste Gefahr und sich selbst ins Verderben stürzten.

Richelieu verfolgte diesen Plan um so lebhafter, je mehr er durch die wiederholten Anforderungen des Kurfürsten von Bayern um französische Hilfe ins Gedränge gebracht wurde. Man erinnert sich, daß dieser Fürst schon seit der Zeit, als er Ursache gehabt hatte, ein Mißtrauen in die Gesinnungen des Kaisers zu setzen, in ein geheimes Bündniß mit Frankreich getreten war, wodurch er sich den Besitz der pfälzischen Kurwürde gegen eine künftige Sinnesänderung Ferdinands zu versichern hoffte. So deutlich auch schon der Ursprung dieses Traktats zu erkennen gab, gegen welchen Feind er errichtet worden, so dehnte ihn Maximilian jetzt, willkürlich genug, auch auf die Angriffe des Königs von Schweden aus und trug kein Bedenken, dieselbe Hilfleistung, welche man ihm bloß gegen Oesterreich zugesagt hatte, auch gegen Gustav Adolph, den Alliierten der französischen Krone, zu fordern. Durch diese widersprechende Allianz mit zwei einander entgegengesetzten Mächten in Verlegenheit gesetzt, wußte sich Richelieu nur dadurch zu helfen, daß er den Feindseligkeiten zwischen Beiden ein schleuniges Ende machte; und eben so wenig geneigt, Bayern preiszugeben, als, durch seinen Vertrag mit Schweden außer Stand gesetzt, es zu schützen, verwendete er sich mit ganzem Eifer für die Neutralität als das einzige Mittel, seinen doppelten Verbindungen ein Genüge zu leisten. Ein eigner Bevollmächtigter, Marquis von Breze, wurde zu diesem Ende an den König von Schweden nach Mainz abgeschickt, seine Gesinnungen über diesen Punkt zu erforschen und für die alliierten Fürsten günstige Bedingungen von ihm zu erhalten. Aber so wichtige Ursachen Ludwig der Dreizehnte hatte, diese Neutralität zu Stande gebracht zu sehen, so triftige Gründe hatte Gustav Adolph, das Gegentheil zu wünschen. Durch zahlreiche Proben überzeugt, daß der Abscheu der liguistischen Fürsten vor der protestantischen Religion unüberwindlich, ihr Haß gegen die ausländische Macht der Schweden unauslöschlich, ihre Anhänglichkeit an das Haus Oesterreich unvertilgbar sei, fürchtete er ihre offenbare Feindschaft weit weniger, als er einer Neutralität mißtraute, die mit ihrer Neigung so sehr im Widerspruche stand. Da er sich überdies durch seine Lage auf deutschem Boden genöthigt sah, auf Kosten der Feinde den Krieg fortzusetzen, so verlor er augenscheinlich, wenn er, ohne neue Freunde dadurch zu gewinnen, die Zahl seiner öffentlichen Feinde verminderte. Kein Wunder also, wenn Gustav Adolph wenig Neigung blicken ließ, die Neutralität der katholischen Fürsten, wodurch ihm so wenig geholfen war, durch Aufopferung seiner errungenen Vorteile zu erkaufen.

Die Bedingungen, unter welchen er dem Kurfürsten von Bayern die Neutralität bewilligte, waren drückend und diesen Gesinnungen gemäß. Er forderte von der katholischen Ligue eine gänzliche Unthätigkeit, Zurückziehung ihrer Truppen von der kaiserlichen Armee, aus den eroberten Plätzen, aus allen protestantischen Ländern. Noch außerdem wollte er die liguistische Kriegsmacht auf eine geringe Anzahl herabgesetzt wissen. Alle ihre Länder sollten den kaiserlichen Armeen verschlossen sein und dem Hause Oesterreich weder Mannschaft noch Lebensmittel und Munition aus denselben gestattet werden. So hart das Gesetz war, welches der Ueberwinder den Ueberwundenen auflegte, so schmeichelte sich der französische Mediateur noch immer, den Kurfürsten von Bayern zu Annehmung desselben vermögen zu können. Dieses Geschäft zu erleichtern, hatte sich Gustav Adolph bewegen lassen, dem Letztern einen Waffenstillstand auf vierzehn Tage zu bewilligen. Aber zur nämlichen Zeit, als dieser Monarch durch den französischen Agenten wiederholte Versicherungen von dem guten Fortgang dieser Unterhandlung erhielt, entdeckte ihm ein aufgefangener Brief des Kurfürsten an den General Pappenheim in Westphalen die Treulosigkeit dieses Prinzen, der bei der ganzen Negociation nichts gesucht hatte, als Zeit zur Verteidigung zu gewinnen. Weit davon entfernt, sich durch einen Vergleich mit Schweden in seinen Kriegsunternehmungen Fesseln anlegen zu lassen, beschleunigte vielmehr der hinterlistige Fürst seine Rüstung und benutzte die Muße, die ihm der Feind ließ, desto nachdrücklichere Anstalten zur Gegenwehr zu treffen. Diese ganze Neutralitätsunterhandlung zerriß also fruchtlos und hatte zu nichts gedient, als die Feindseligkeit zwischen Bayern und Schweden mit desto größrer Erbitterung zu erneuern.

Tillys vermehrte Macht, womit dieser Feldherr Franken zu überschwemmen drohte, forderte den König dringend nach diesem Kreise; zuvor aber mußten die Spanier von dem Rheinstrom vertrieben und ihnen der Weg versperrt werden, von den Niederlanden aus die deutschen Provinzen zu bekriegen. In dieser Absicht hatte Gustav Adolph bereits dem Kurfürsten von Trier, Philipp von Zeltern, die Neutralität unter der Bedingung angeboten, daß ihm die Trierische Festung Hermannstein eingeräumt und den schwedischen Truppen ein freier Durchzug durch Koblenz bewilligt würde. Aber so ungern der Kurfürst seine Länder in spanischen Händen sah, so viel weniger konnte er sich entschließen, sie dem verdächtigen Schutz eines Ketzers zu übergeben und den schwedischen Eroberer zum Herrn seines Schicksals zu machen. Da er sich jedoch außer Stand sah, gegen zwei so furchtbare Mitbewerber seine Unabhängigkeit zu behaupten, so suchte er unter den mächtigen Flügeln Frankreichs Schutz gegen beide. Mit gewohnter Staatsklugheit hatte Richelieu die Verlegenheit dieses Fürsten benutzt, Frankreichs Macht zu vergrößern und ihm einen wichtigen Alliirten an Deutschlands Grenze zu erwerben. Eine zahlreiche französische Armee sollte die Trierischen Lande decken und die Festung Ehrenbreitstein französische Besatzung einnehmen. Aber die Absicht, welche den Kurfürsten zu diesem gewagten Schritte vermocht hatte, wurde nicht ganz erfüllt; denn die gereizte Empfindlichkeit Gustav Adolphs ließ sich nicht eher besänftigen, als bis auch den schwedischen Treppen ein freier Durchzug durch die Trierischen Lande gestattet wurde.

Indem dieses mit Trier und Frankreich verhandelt wurde, hatten die Generale des Königs das ganze Erzstift Mainz von dem Ueberreste der spanischen Garnisonen gereinigt und Gustav Adolph selbst durch die Einnahme von Kreuznach die Eroberung dieses Landstrichs vollendet. Das Eroberte zu beschützen, mußte der Reichskanzler Oxenstierna mit einem Theile der Armee an dem mittlern Rheinstrome zurückbleiben, und das Hauptheer setzte sich unter Anführung des Königs in Marsch, auf fränkischem Boden den Feind aufzusuchen.

Um den Besitz dieses Preises hatten unterdessen Graf Tilly und der schwedische General von Horn, den Gustav Adolph mit achttausend Mann darin zurückließ, mit abwechselndem Kriegsglück gestritten, und das Hochstift Bamberg besonders war zugleich der Preis und der Schauplatz ihrer Verwüstungen. Von seinen übrigen Entwürfen an den Rheinstrom gerufen, überließ der König seinem Feldherrn die Züchtigung des Bischofs, der durch sein treuloses Betragen seinen Zorn gereizt hatte, und die Thätigkeit des Generals rechtfertigte die Wahl des Monarchen. In kurzer Zeit unterwarf er einen großen Theil des Bisthums den schwedischen Waffen, und die Hauptstadt selbst, von der kaiserlichen Besatzung im Stich gelassen, lieferte ihm ein stürmender Angriff in die Hände. Dringend forderte nun der verjagte Bischof den Kurfürsten von Bayern zum Beistand auf, der sich endlich bewegen ließ, Tillys Untätigkeit zu verkürzen. Durch den Befehl seines Herrn zur Wiedereinsetzung des Bischofs bevollmächtigt, zog dieser General seine durch die Oberpfalz zerstreuten Truppen zusammen und näherte sich Bamberg mit einem zwanzigtausend Mann starken Heere. Gustav Horn, fest entschlossen, seine Eroberung gegen diese überlegene Macht zu behaupten, erwartete hinter den Wällen Bambergs den Feind, mußte sich aber durch den bloßen Vortrab des Tilly entreißen sehen, was er der ganzen versammelten Armee gehofft hatte streitig zu machen. Eine Verwirrung unter seinen Truppen, die keine Geistesgegenwart des Feldherrn zu verbessern vermochte, öffnete dem Feinde die Stadt, daß Truppen, Bagage und Geschütz nur mit Mühe gerettet werden konnten. Bambergs Wiedereroberung war die Frucht dieses Sieges; aber den schwedischen General, der sich in guter Ordnung über den Mainstrom zurückzog, konnte Graf Tilly, aller angewandten Geschwindigkeit ungeachtet, nicht mehr einholen. Die Erscheinung des Königs in Franken, welchem Gustav Horn den Rest seiner Truppen bei Kitzingen zuführte, setzte seinen Eroberungen ein schnelles Ziel und zwang ihn, durch einen zeitigen Rückzug für seine eigne Rettung zu sorgen.

Zu Aschaffenburg hatte der König allgemeine Heerschau über seine Truppen gehalten, deren Anzahl nach der Vereinigung mit Gustav Horn, Banner und Herzog Wilhelm von Weimar auf beinahe vierzigtausend stieg. Nichts hemmte seinen Marsch durch Franken; denn Graf Tilly, viel zu schwach, einen so sehr überlegenen Feind zu erwarten, hatte sich in schnellen Märschen gegen die Donau gezogen. Böhmen und Bayern lagen jetzt dem König gleich nahe, und in der Ungewißheit, wohin dieser Eroberer seinen Lauf richten würde, konnte Maximilian nicht sogleich eine Entschließung fassen. Der Weg, welchen man Tilly jetzt nehmen ließ, mußte die Wahl des Königs und das Schicksal beider Provinzen entscheiden. Gefährlich war es, bei der Annäherung eines so furchtbaren Feindes Bayern unvertheidigt zu lassen, um Oesterreichs Grenzen zu schirmen; gefährlicher noch, durch Aufnahme des Tilly in Bayern zugleich auch den Feind in dies Land zu rufen und es zum Schauplatz eines verwüstenden Kampfes zu machen. Die Sorge des Landesvaters siegte endlich über die Bedenklichkeiten des Staatsmanns, und Tilly erhielt Befehl, was auch daraus erfolgen möchte, Bayerns Grenzen mit seiner ganzen Macht zu vertheidigen.

Mit triumphierender Freude empfing die Reichsstadt Nürnberg den Beschützer protestantischer Religion und deutscher Freiheit, und der schwärmerische Enthusiasmus der Bürger ergoß sich bei seinem Anblick in rührende Aeußerungen des Jubels und der Bewunderung. Gustav selbst konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken, sich hier in dieser Stadt, im Mittelpunkte Deutschlands zu sehen, bis wohin er nie gehofft hatte seine Fahnen auszubreiten. Der edle schöne Anstand seiner Person vollendete den Eindruck seiner glorreichen Thaten, und die Herablassung, womit er die Begrüßungen dieser Reichsstadt erwiederte, hatte ihm in wenig Augenblicken alle Herzen erobert. In Person bestätigte er jetzt das Bündniß, das er noch an den Ufern des Belts mit derselben errichtet hatte, und verband alle Bürger zu einem glühenden Thateneifer und brüderlicher Eintracht gegen den gemeinschaftlichen Feind. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nürnbergs Mauern folgte er seiner Armee gegen die Donau und stand vor der Grenzfestung Donauwörth, ehe man einen Feind da vermuthete. Eine zahlreiche bayerische Besatzung vertheidigte diesen Platz, und der Anführer derselben, Rudolph Maximilian, Herzog von Sachsen Lauenburg, zeigte anfangs die muthigste Entschlossenheit, sich bis zur Ankunft des Tilly zu halten. Bald aber zwang ihn der Ernst, mit welchem Gustav Adolph die Belagerung anfing, auf einen schnellen und sichern Abzug zu denken, den er auch unter dem heftigsten Feuer des schwedischen Geschützes glücklich ins Werk richtete.

Die Einnahme Donauwörths öffnete dem König das jenseitige Ufer der Donau, und nur der kleine Lechstrom trennte ihn noch von Bayern. Diese nahe Gefahr seiner Länder weckte die ganze Thätigkeit Maximilians, und so leicht er es bis jetzt dem Feind gemacht hatte, bis an die Schwelle seiner Staaten zu dringen, so entschlossen zeigte er sich nun, ihm den letzten Schritt zu erschweren. Jenseits des Lechs, bei der kleinen Stadt Rain, bezog Tilly ein wohlbefestigtes Lager, welches, von drei Flüssen umgeben, jedem Angriffe Trotz bot. Alle Brücken über den Lech hatte man abgeworfen, die ganze Länge des Stroms bis Augsburg durch starke Besatzungen vertheidigt und sich dieser Reichsstadt selbst, welche längst schon ihre Ungeduld blicken ließ, dem Beispiel Nürnbergs und Frankfurts zu folgen, durch Einführung einer bayerischen Garnison und Entwaffnung der Bürger versichert. Der Kurfürst selbst schloß sich mit allen Truppen, die er hatte aufbringen können, in das Tilly'sche Lager ein, gleich als ob an diesem einzigen Posten alle seine Hoffnungen hafteten und das Glück der Schweden an dieser äußersten Grenzmauer scheitern sollte.

Bald erschien Gustav Adolph am Ufer, den bayerischen Verschanzungen gegenüber, nachdem er sich das ganze Augsburgische Gebiet diesseits des Lechs unterworfen und seinen Truppen eine reiche Zufuhr aus diesem Landstrich geöffnet hatte. Es war im Märzmonat, wo dieser Strom von häufigen Regengüssen und von dem Schnee der tirolischen Gebirge zu einer ungewöhnlichen Höhe schwillt und zwischen steilen Ufern mit reißender Schnelligkeit fluthet. Ein gewisses Grab öffnete sich dem waghalsigen Stürmer in seinen Wellen, und am entgegenstehenden Ufer zeigten ihm die feindlichen Kanonen ihre mörderischen Schlünde. Ertrotzte er dennoch mitten durch die Wuth des Wassers und des Feuers den fast unmöglichen Uebergang, so erwartet die ermatteten Trnppen ein frischer und muthiger Feind in einem unüberwindlichen Lager, und nach Erholung schmachtend, finden sie eine Schlacht. Mit erschöpfter Kraft müssen sie die feindlichen Schanzen ersteigen, deren Festigkeit jedes Angriffs zu spotten scheint. Eine Niederlage, an diesem Ufer erlitten, führt sie unvermeidlich zum Untergange; denn derselbe Strom, der ihnen die Bahn zum Siege erschwert, versperrt ihnen alle Wege zur Flucht, wenn das Glück sie verlassen sollte.

Der schwedische Kriegsrath, den der Monarch jetzt versammelte, machte das ganze Gewicht dieser Gründe gelten, um die Ausführung eines so gefahrvollen Unternehmens zu hindern. Auch die Tapfersten zagten, und eine ehrwürdige Schaar im Dienste grau gewordener Krieger erröthete nicht, ihre Besorgnisse zu gestehen. Aber der Entschluß des Königs war gefaßt. »Wie?« sagte er zu Gustav Horn, der das Wort für die Uebrigen führte: »über die Ostsee, über so viele große Ströme Deutschlands hätten wir gesetzt, und vor einem Bache, vor diesem Lech hier, sollten wir ein Unternehmen aufgeben?« Er hatte bereits bei Besichtigung der Gegend, die er mit mancher Lebensgefahr anstellte, die Entdeckung gemacht, daß das diesseitige Ufer über das jenseitige merklich hervorrage und die Wirkung des schwedischen Geschützes vorzugsweise vor dem des Feindes begünstige. Mit schneller Besonnenheit wußte er diesen Umstand zu nützen. Unverzüglich ließ er an der Stelle, wo sich das linke Ufer des Lechs gegen das rechte zu krümmte, drei Batterieen aufwerfen, von welchen zwei und siebenzig Feldstücke ein kreuzweises Feuer gegen den Feind unterhielten. Während daß diese wüthende Kanonade die Bayern von dem jenseitigen Ufer entfernte, ließ er in größter Eilfertigkeit über den Lech eine Brücke schlagen; ein dicker Dampf, aus angezündetem Holz und nassem Stroh in Einem fort unterhalten, entzog das aufsteigende Werk lange Zeit den Augen der Feinde, indem zugleich der fast ununterbrochene Donner des Geschützes das Getöse der Zimmeräxte unhörbar machte. Er selbst ermunterte durch sein eigenes Beispiel den Eifer der Truppen und brannte mit eigener Hand über sechzig Kanonen ab. Mit gleicher Lebhaftigkeit wurde diese Kanonade zwei Stunden lang von den Bayern, wiewohl mit ungleichem Vortheil, erwiedert, da die hervorragenden Batterieen der Schweden das jenseitige niedere Ufer beherrschten und die Höhe des ihrigen ihnen gegen das feindliche Geschütz zur Brustwehr diente. Umsonst strebten die Bayern, die feindlichen Werke vom Ufer aus zu zerstören; das überlegene Geschütz der Schweden verscheuchte sie, und sie mußten die Brücke, fast unter ihren Augen, vollendet sehen. Tilly that an diesem schrecklichen Tage das Aeußerste, den Muth der Seinigen zu entflammen, und keine noch so drohende Gefahr konnte ihn von dem Ufer abhalten. Endlich fand ihn der Tod, den er suchte. Eine Falkonetkugel zerschmetterte ihm das Bein, und bald nach ihm ward auch Altringer, sein gleich tapferer Streitgenosse, am Kopfe gefährlich verwundet. Von der begeisternden Gegenwart dieser beiden Führen verlassen, wandten endlich die Bayern, und wider seine Neigung wurde selbst Maximilian zu einem kleinmüthigen Entschluß fortgerissen. Von den Vorstellungen des sterbenden Tilly besiegt, dessen gewohnte Festigkeit der annähernde Tod überwältigt hatte, gab er voreilig seinen unüberwindlichen Posten verloren, und eine von den Schweden entdeckte Furt, durch welche die Reiterei im Begriff war den Uebergang zu wagen, beschleunigte seinen muthlosen Abzug. Noch in derselben Nacht brach er, ehe noch ein feindlicher Soldat über den Lechstrom gesetzt hatte, sein Lager ab, und ohne dem Könige Zeit zu lassen, ihn auf seinem Marsch zu beunruhigen, hatte er sich in bester Ordnung nach Neuburg und Ingolstadt gezogen. Mit Befremdung sah Gustav Adolph, der am folgenden Tage den Uebergang vollführte, das feindliche Lager leer, und die Flucht des Kurfürsten erregte seine Verwunderung noch mehr, als er die Festigkeit des verlassenen Lagers entdeckte. »Wär' ich der Bayer gewesen,« rief er erstaunt aus, »nimmermehr – und hätte mir auch eine Stückkugel Bart und Kinn weggenommen – nimmermehr würde ich einen Posten, wie dieser da, verlassen und dem Feinde meine Staaten geöffnet haben.«

Jetzt also lag Bayern dem Sieger offen, und die Kriegsfluth, die bis jetzt nur an den Grenzen dieses Landes gestürmt hatte, wälzte sich zum erstenmal über seine lange verschonten gesegneten Fluren. Bevor sich aber der König an Eroberung dieses feindlich gesinnten Landes wagte, entriß er erst die Reichsstadt Augsburg dem bayerischen Joche, nahm ihre Bürger in Pflichten und versicherte sich ihrer Treue durch eine zurückgelassene Besatzung. Darauf rückte er in beschleunigten Märschen gegen Ingolstadt an, um durch Einnahme dieser wichtigen Festung, welche der Kurfürst mit einem großen Theile seines Heeres deckte, seine Eroberungen in Bayern zu sichern und festen Fuß an der Donau zu fassen.

Bald nach seiner Ankunft vor Ingolstadt beschloß der verwundete Tilly in den Mauern dieser Stadt seine Laufbahn, nachdem er alle Launen des untreuen Glücks erfahren hatte. Von der überlegenen Feldherrngröße Gustav Adolphs zermalmt, sah er am Abend seiner Tage alle Lorbeern seiner frühern Siege dahinwelken und befriedigte durch eine Kette von Widerwärtigkeiten die Gerechtigkeit des Schicksals und Magdeburgs zürnende Manen. In ihm verlor die Armee des Kaisers und der Ligue einen unersetzlichen Führer, die katholische Religion den eifrigsten ihrer Vertheidiger, und Maximilian von Bayern den treuesten seiner Diener, der seine Treue durch den Tod versiegelte und die Pflichten des Feldherrn auch noch sterbend erfüllte. Sein letztes Vermächtniß an den Kurfürsten war die Ermahnung, die Stadt Regensburg zu besetzen, um Herr der Donau und mit Böhmen in Verbindung zu bleiben.

Mit der Zuversicht, welche die Frucht so vieler Siege zu sein pflegt, unternahm Gustav Adolph die Belagerung der Stadt und hoffte durch das Ungestüm des ersten Angriffs ihren Widerstand zu besiegen. Aber die Festigkeit ihrer Werke und die Tapferkeit der Besatzung setzten ihm Hindernisse entgegen, die er seit der Breitenfelder Schlacht nicht zu bekämpfen gehabt hatte, und wenig fehlte, daß die Wälle von Ingolstadt nicht das Ziel seiner Thaten wurden. Beim Recognoscieren der Festung streckte ein Vierundzwanzigpfünder sein Pferd unter ihm in den Staub, daß er zu Boden stürzte, und kurz darauf ward sein Liebling, der junge Markgraf von Baden, durch eine Stückkugel von seiner Seite weggerissen. Mit schneller Fassung erhob sich der König wieder und beruhigte sein erschrockenes Volk, indem er sogleich auf einem andern Pferde seinen Weg fortsetzte.

Die Besitznehmung der Bayern von Regensburg, welche Reichsstadt der Kurfürst, dem Rath des Tilly gemäß, durch List überraschte und durch eine starke Besatzung in seinen Fesseln hielt, änderte schnell den Kriegsplan des Königs. Er selbst hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, diese protestantisch gesinnte Reichsstadt in seine Gewalt zu bekommen und an ihr eine nicht minder ergebene Bundesgenossin als an Nürnberg, Augsburg und Frankfurt zu finden. Die Unterjochung derselben durch die Bayern entfernte auf lange Zeit die Erfüllung seines vornehmsten Wunsches, sich der Donau zu bemächtigen und seinem Gegner alle Hilfe von Böhmen aus abzuschneiden. Schnell verließ er Ingolstadt, an dessen Wällen er Zeit und Volk fruchtlos verschwendete, und drang in das Innerste von Bayern, um den Kurfürsten zur Beschützung seiner Staaten herbeizulocken und so die Ufer der Donau von ihren Verteidigern zu entblößen.

Das ganze Land bis München lag dem Eroberer offen. Moosburg, Landshut, das ganze Stift Freysingen unterwarfen sich ihm; nichts konnte seinen Waffen widerstehen. Fand er aber gleich keine ordentliche Kriegsmacht auf seinem Wege, so hatte er in der Brust jedes Bayern einen desto unversöhnlichern Feind, den Religionsfanatismus, zu bekämpfen. Soldaten, die nicht an den Papst glaubten, waren auf diesem Boden eine neue, eine unerhörte Erscheinung; der blinde Eifer der Pfaffen hatte sie dem Landmann als Ungeheuer, als Kinder der Hölle, und ihren Anführer als den Antichrist abgeschildert. Kein Wunder, wenn man sich von allen Pflichten der Natur und der Menschlichkeit gegen diese Satansbrut lossprach und zu den schrecklichsten Gewalttaten sich berechtigt glaubte. Wehe dem schwedischen Soldaten, der einem Haufen dieser Wilden einzeln in die Hände fiel! Alle Martern, welche die erfinderische Wuth nur erdenken mag, wurden an diesen unglücklichen Schlachtopfern ausgeübt, und der Anblick ihrer verstümmelten Körper entflammte die Armee zu einer schrecklichen Wiedervergeltung. Nur Gustav Adolph befleckte durch keine Handlung der Rache seinen Heldencharakter, und das schlechte Vertrauen der Bayern zu seinem Christentum, weit entfernt, ihn von den Vorschriften der Menschlichkeit gegen dieses unglückliche Volk zu entbinden, machte es ihm vielmehr zu der heiligsten Pflicht, durch eine desto strengere Mäßigung seinen Glauben zu ehren.

Die Annäherung des Königs verbreitete Schrecken und Furcht in der Hauptstadt, die, von Verteidigern entblößt und von den vornehmsten Einwohnern verlassen, bei der Großmuth des Siegers allein ihre Rettung suchte. Durch eine unbedingte freiwillige Unterwerfung hoffte sie seinen Zorn zu besänftigen und schickte schon bis Freysingen Deputierte voraus, ihm ihre Thorschlüssel zu Füßen zu legen. Wie sehr auch der König durch die Unmenschlichkeit der Bayern und durch die feindselige Gesinnung ihres Herrn zu einem grausamen Gebrauch seiner Eroberungsrechte gereizt, wie dringend er, selbst von Deutschen, bestürmt wurde, Magdeburgs Schicksal an der Residenz ihres Zerstörers zu ahnden, so verachtete doch sein großes Herz diese niedrige Rache, und die Wehrlosigkeit des Feindes entwaffnete seinen Grimm. Zufrieden mit dem edlern Triumph, den Pfalzgrafen Friedrich mit siegreichem Pomp in die Residenz desselben Fürsten zu führen, der das vornehmste Werkzeug seines Falls und der Räuber seiner Staaten war, erhöhte er die Pracht seines Einzugs durch den schöneren Glanz der Mäßigung und der Milde.

Der König fand in München nur einen verlassenen Palast, denn die Schätze des Kurfürsten hatte man nach Werfen geflüchtet. Die Pracht des kurfürstlichen Schlosses setzte ihn in Erstaunen, und er fragte den Aufseher, der ihm die Zimmer zeigte, nach dem Namen des Baumeisters. »Es ist kein anderer,« versetzte dieser, »als der Kurfürst selbst.« – »Ich möchte ihn haben, diesen Baumeister,« erwiederte der König, »um ihn nach Stockholm zu schicken.« – »Davor,« antwortete jener, »wird sich der Baumeister zu hüten wissen.« – Als man das Zeughaus durchsuchte, fanden sich bloße Lafetten, zu denen die Kanonen fehlten. Die letztern hatte man so künstlich unter dem Fußboden eingescharrt, daß sich keine Spur davon zeigte, und ohne die Verrätherei eines Arbeiters hätte man den Betrug nie erfahren. »Stehet auf von den Todten,« rief der König, »und kommet zu Gericht!« – Der Boden ward aufgerissen, und man entdeckte gegen hundert und vierzig Stücke, manche von außerordentlicher Größe, welche größtenteils aus der Pfalz und aus Böhmen erbeutet waren. Ein Schatz von dreißigtausend Dukaten in Golde, der in einem der größern versteckt war, machte das Vergnügen vollkommen, womit dieser kostbare Fund den König überraschte.

Aber eine weit willkommnere Erscheinung würde die bayerische Armee selbst ihm gewesen sein, welche aus ihren Verschanzungen hervorzulocken, er ins Herz von Bayern gedrungen war. In dieser Erwartung sah sich der König betrogen. Kein Feind erschien, keine noch so dringende Aufforderung seiner Unterthanen konnte den Kurfürsten vermögen, den letzten Ueberrest seiner Macht in einer Feldschlacht aufs Spiel zu setzen. In Regensburg eingeschlossen, harrte er auf die Hilfe, welche ihm der Herzog von Friedland von Böhmen aus zuführen sollte, und versuchte einstweilen, bis der erwartete Beistand erschien, durch Erneuerung der Neutralitäts-Unterhandlungen seinen Feind außer Thätigkeit zu setzen. Aber das zu oft gereizte Mißtrauen des Monarchen vereitelte diesen Zweck, und die vorsätzliche Zögerung Wallensteins ließ Bayern unterdessen den Schweden zum Raub werden.

So weit war Gustav Adolph von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu Eroberung fortgeschritten, ohne auf seinem Weg einen Feind zu finden, der ihm gewachsen gewesen wäre. Ein Theil von Bayern und Schwaben, Frankens Bisthümer, die untere Pfalz, das Erzstift Mainz lagen bezwungen hinter ihm; bis an die Schwelle der österreichischen Monarchie hatte ein nie unterbrochenes Glück ihn begleitet und ein glänzender Erfolg den Operationsplan gerechtfertigt, den er sich nach dem Breitenfelder Sieg vorgezeichnet hatte. Wenn es ihm gleich nicht, wie er wünschte, gelungen war, die gehoffte Vereinigung unter den protestantischen Reichsständen durchzusetzen, so hatte er doch die Glieder der katholischen Ligue entwaffnet oder geschwächt, den Krieg größtenteils auf ihre Kosten bestritten, die Hilfsquellen des Kaisers vermindert, den Muth der schwächern Stände gestärkt und durch die gebrandschatzten Länder der kaiserlichen Alliierten einen Weg nach den österreichischen Staaten gefunden. Wo er durch die Gewalt der Waffen keinen Gehorsam erpressen konnte, da leistete ihm die Freundschaft der Reichsstädte, die er durch die vereinigten Bande der Politik und Religion an sich zu fesseln gewußt hatte, die wichtigsten Dienste, und er konnte, so lange er die Ueberlegenheit im Felde behielt, alles von ihrem Eifer erwarten. Durch seine Eroberungen am Rhein waren die Spanier von der Unterpfalz abgeschnitten, wenn ihnen der niederländische Krieg auch noch Kräfte ließ, Theil an dem deutschen zu nehmen; auch der Herzog von Lothringen hatte nach seinem verunglückten Feldzuge die Neutralität vorgezogen. Noch so viele längs seines Zuges durch Deutschland zurückgelassene Besatzungen hatten sein Heer nicht vermindert, und noch eben so frisch, als es diesen Zug angetreten hatte, stand es jetzt mitten in Bayern, entschlossen und gerüstet, den Krieg in das Innerste von Oesterreich zu wälzen.

Während daß Gustav Adolph den Krieg im Reiche mit solcher Ueberlegenheit führte, hatte das Glück seinen Bundesgenossen, den Kurfürsten von Sachsen, auf einem andern Schauplatz nicht weniger begünstigt. Man erinnert sich, daß bei der Beratschlagung, welche nach der Leipziger Schlacht zwischen beiden Fürsten zu Halle angestellt worden, die Eroberung Böhmens dem Kurfürsten von Sachsen zum Antheil fiel, indem der König für sich selbst den Weg nach den liguistischen Ländern erwählte. Die erste Frucht, welche der Kurfürst von dem Siege bei Breitenfeld erntete, war die Wiedereroberung von Leipzig, worauf in kurzer Zeit die Befreiung des ganzen Kreises von den kaiserlichen Besatzungen folgte. Durch die Mannschaft verstärkt, welche von der feindlichen Garnison zu ihm übertrat, richtete der sächsische General von Arnheim seinen Marsch nach der Lausitz, welche Provinz ein kaiserlicher General, Rudolph von Tiefenbach, mit einer Armee überschwemmt hatte, den Kurfürsten von Sachsen wegen seines Uebertritts zu der Partei des Feindes zu züchtigen. Schon hatte er in dieser schlecht verteidigten Provinz die gewöhnlichen Verwüstungen angefangen, mehrere Städte erobert und Dresden selbst durch seine drohende Annäherung erschreckt. Aber diese reißenden Fortschritte hemmte plötzlich ein ausdrücklicher wiederholter Befehl des Kaisers, alle sächsischen Besitzungen mit Krieg zu verschonen.

Zu spät erkannte Ferdinand die fehlerhafte Politik, die ihn verleitet hatte, den Kurfürsten von Sachsen aufs Aeußerste zu bringen und dem König von Schweden diesen wichtigen Bundesgenossen gleichsam mit Gewalt zuzuführen. Was er durch einen unzeitigen Trotz verdarb, wollte er jetzt durch eine eben so übel angebrachte Mäßigung wieder gut machen, und er beging einen zweiten Fehler, indem er den ersten verbessern wollte. Seinem Feind einen so mächtigen Alliierten zu rauben, erneuerte er durch Vermittlung der Spanier die Unterhandlungen mit dem Kurfürsten, und den Fortgang derselben zu erleichtern, mußte Tiefenbach sogleich alle sächsischen Länder verlassen. Aber diese Demüthigung des Kaisers, weit entfernt, die gehoffte Wirkung hervorzubringen, entdeckte dem Kurfürsten nur die Verlegenheit seines Feindes und seine eigene Wichtigkeit und ermunterte ihn vielmehr, die errungenen Vortheile desto lebhafter zu verfolgen. Wie konnte er auch, ohne sich durch den schändlichsten Undank verächtlich zu machen, einem Alliierten entsagen, dem er die heiligsten Versicherungen seiner Treue gegeben, dem er für die Rettung seiner Staaten, ja selbst seines Kurhuts verpflichtet war?

Die sächsische Armee, des Zugs nach der Lausitz überhoben, nahm also ihren Weg nach Böhmen, wo ein Zusammenfluß günstiger Ereignisse ihr im Voraus den Sieg zu versichern schien. Noch immer glimmte in diesem Königreiche, dem ersten Schauplatz dieses verderblichen Kriegs, das Feuer der Zwietracht unter der Asche, und durch den fortgesetzten Druck der Tyrannei wurde dem Unwillen der Nation mit jedem Tag neue Nahrung gegeben. Wohin man die Augen richtete, zeigte dieses unglückliche Land Spuren der traurigsten Veränderung. Ganze Ländereien hatten ihre Besitzer gewechselt und seufzten unter dem verhaßten Joche katholischer Herren, welche die Gunst des Kaisers und der Jesuiten mit dem Raube der vertriebenen Protestanten bekleidet hatte. Andere hatten das öffentliche Elend benutzt, die eingezogenen Güter der Verwiesenen um geringe Preise an sich zu kaufen. Das Blut der vornehmsten Freiheitsverfechter war auf Henkerbühnen verspritzt worden, und welche durch eine zeitige Flucht dem Verderben entrannen, irrten ferne von ihrer Heimath im Elend umher, während daß die geschmeidigen Sklaven des Despotismus ihr Erbe verschwelgten. Unerträglicher als der Druck dieser kleinen Tyrannen war der Gewissenszwang, welcher die ganze protestantische Partei dieses Königreichs ohne Unterschied belastete. Keine Gefahr von außen, keine noch so ernstliche Widersetzung der Nation, keine noch so abschreckende Erfahrung hatte dem Bekehrungseifer der Jesuiten ein Ziel setzen können: wo der Weg der Güte nichts fruchtete, bediente man sich soldatischer Hilfe, die Verirrten in den Schafstall der Kirche zurück zu ängstigen. Am härtesten traf dieses Schicksal die Bewohner des Joachimsthals, im Grenzgebirge zwischen Böhmen und Meißen. Zwei kaiserliche Commissarien, durch eben so viele Jesuiten und fünfzehn Musketiere unterstützt, zeigten sich in diesem friedlichen Thale, das Evangelium den Ketzern zu predigen. Wo die Beredsamkeit der Erstern nicht zulangte, suchte man durch gewaltsame Einquartierung der Letztern in die Häuser, durch angedrohte Verbannung, durch Geldstrafen seinen Zweck durchzusetzen. Aber für diesmal siegte die gute Sache, und der herzhafte Widerstand dieses kleinen Volks nöthigte den Kaiser, sein Bekehrungsmandat schimpflich zurückzunehmen. Das Beispiel des Hofes diente den Katholiken des Königreichs zur Richtschnur ihres Betragens und rechtfertigte alle Arten der Unterdrückung, welche ihr Uebermuth gegen die Protestanten auszuüben versucht war. Kein Wunder, wenn diese schwer verfolgte Partei einer Veränderung günstig wurde und ihrem Befreier, der sich jetzt an der Grenze zeigte, mit Sehnsucht entgegen sah.

Schon war die sächsische Armee im Anzuge gegen Prag. Aus allen Plätzen, vor denen sie erschien, waren die kaiserlichen Besatzungen gewichen, Schlöckenau, Tetschen, Außig, Leitmeritz fielen schnell nach einander in Feindes Hand, jeder katholische Ort wurde der Plünderung preisgegeben. Schrecken ergriff alle Papisten des Königreichs, und eingedenk der Mißhandlung, welche sie an den Evangelischen ausgeübt hatten, wagten sie es nicht, die rächende Ankunft eines protestantischen Heers zu erwarten. Alles, was katholisch war und etwas zu verlieren hatte, eilte vom Lande nach der Hauptstadt, um auch die Hauptstadt eben so schnell wieder zu verlassen. Prag selbst war auf keinen Angriff bereitet und an Mannschaft zu arm, um eine lange Belagerung aushalten zu können. Zu spät hatte man sich am Hofe des Kaisers entschlossen, den Feldmarschall Tiefenbach zu Verteidigung dieser Hauptstadt herbei zu rufen. Ehe der kaiserliche Befehl die Standquartiere dieses Generals in Schlesien erreichte, waren die Sachsen nicht ferne mehr von Prag, die halb protestantische Bürgerschaft versprach wenig Eifer, und die schwache Garnison ließ keinen langen Widerstand hoffen. In dieser schrecklichen Bedrängniß erwarteten die katholischen Einwohner ihre Rettung von Wallenstein, der in den Mauern dieser Stadt als Privatmann lebte. Aber weit entfernt, seine Kriegserfahrung und das Gewicht seines Ansehens zu Erhaltung der Stadt anzuwenden, ergriff er vielmehr den willkommenen Augenblick, seine Rache zu befriedigen. Wenn er es auch nicht war, der die Sachsen nach Prag lockte, so war es doch gewiß sein Betragen, was ihnen die Einnahme dieser Stadt erleichterte. Wie wenig sie auch zu einem langen Widerstande geschickt war, so fehlte es ihr dennoch nicht an Mitteln, sich bis zur Ankunft eines Entsatzes zu behaupten; und ein kaiserlicher Oberster, Graf Maradas, bezeigte wirklich Lust, ihre Verteidigung zu übernehmen. Aber ohne Commando und durch nichts als seinen Eifer und seine Tapferkeit zu diesem Wagestück aufgefordert, unterstand er sich nicht, es auf eigene Gefahr, ohne die Beistimmung eines Höhern, ins Werk zu setzen. Er suchte also Rath bei dem Herzog von Friedland, dessen Billigung den Mangel einer kaiserlichen Vollmacht ersetzte und an den die böhmische Generalität durch einen ausdrücklichen Befehl vom Hof in dieser Extremität angewiesen war. Aber arglistig hüllte sich dieser in seine Dienstlosigkeit und seine gänzliche Zurückziehung von der politischen Bühne und schlug die Entschlossenheit des Subalternen durch die Bedenklichkeiten darnieder, die er, als der Mächtige, blicken ließ. Die Mutlosigkeit allgemein und vollkommen zu machen, verließ er endlich gar mit seinem ganzen Hofe die Stadt, so wenig er auch bei Einnahme derselben von dem Feinde zu fürchten hatte; und sie ging eben dadurch verloren, daß er sie durch seinen Abzug verloren gab. Seinem Beispiele folgte der ganze katholische Adel, die Generalität mit den Truppen, die Geistlichkeit, alle Beamten der Krone; die ganze Nacht brachte man damit zu, seine Personen, seine Güter zu flüchten. Alle Straßen bis Wien waren mit Fliehenden angefüllt, die sich nicht eher als in der Kaiserstadt von ihrem Schrecken erholten. Maradas selbst, an Prags Errettung verzweifelnd, folgte den Uebrigen und führte seine kleine Mannschaft bis Tabor, wo er den Ausgang erwarten wollte.

Tiefe Stille herrschte in Prag, als die Sachsen am andern Morgen davor erschienen; keine Anstalt zur Verteidigung, nicht ein einziger Schuß von den Wällen, der eine Gegenwehr der Bewohner verkündigte. Vielmehr sammelte sich eine Menge von Zuschauern um sie her, welche die Neugier aus der Stadt gelockt hatte, das feindliche Heer zu betrachten; und die friedliche Vertraulichkeit, womit sie sich näherten, glich vielmehr einer freundschaftlichen Begrüßung, als einem feindlichen Empfange. Aus dem übereinstimmenden Bericht dieser Leute erfuhr man, daß die Stadt leer an Soldaten und die Regierung nach Budweiß geflüchtet sei. Dieser unerwartete, unerklärbare Mangel an Widerstand erregte Arnheims Mißtrauen um so mehr, da ihm die eilfertige Annäherung des Entsatzes aus Schlesien kein Geheimniß und die sächsische Armee mit Belagerungswerkzeugen zu wenig versehen, auch an Anzahl bei weitem zu schwach war, um eine so große Stadt zu bestürmen. Vor einem Hinterhalt bange, verdoppelte er seine Wachsamkeit; und er schwebte in dieser Furcht, bis ihm der Haushofmeister des Herzogs von Friedland, den er unter dem Haufen entdeckte, diese unglaubliche Nachricht bekräftigte. »Die Stadt ist ohne Schwertstreich unser,« rief er jetzt voll Verwunderung seinen Obersten zu und ließ sie unverzüglich durch einen Trompeter auffordern.

Die Bürgerschaft von Prag, von ihren Verteidigern schimpflich im Stich gelassen, hatte ihren Entschluß längst gefaßt, und es kam bloß darauf an, Freiheit und Eigenthum durch eine vorteilhafte Capitulation in Sicherheit zu setzen. Sobald diese von dem sächsischen General im Namen seines Herrn unterzeichnet war, öffnete man ihm ohne Widersetzung die Thore, und die Armee hielt am 11ten November des Jahres 1631 ihren triumphierenden Einzug. Bald folgte der Kurfürst selbst nach, um die Huldigung seiner neuen Schutzbefohlenen in Person zu empfangen; denn nur unter diesem Namen hatten sich ihm die drei Prager Städte ergeben; ihre Verbindung mit der österreichischen Monarchie sollte durch diesen Schritt nicht zerrissen sein. So übertrieben groß die Furcht der Papisten vor den Repressalien der Sachsen gewesen war, so angenehm überraschte sie die Mäßigung des Kurfürsten und die gute Mannszucht der Truppen. Besonders legte der Feldmarschall von Arnheim seine Ergebenheit gegen den Herzog von Friedland bei dieser Gelegenheit an den Tag. Nicht zufrieden, alle Ländereien desselben auf seinem Hermarsch verschont zu haben, stellte er jetzt noch Wachen an seinen Palast, damit ja nichts daraus entwendet würde. Die Katholiken der Stadt erfreuten sich der vollkommensten Gewissensfreiheit, und von allen Kirchen, welche sie den Protestanten entrissen hatten, wurden diesen nur vier zurückgegeben. Die Jesuiten allein, welchen die allgemeine Stimme alle bisherigen Bedrückungen Schuld gab, waren von dieser Duldung ausgeschlossen und mußten das Königreich meiden.

Johann Georg verleugnete selbst als Sieger die Demuth und Unterwürfigkeit nicht, die ihm der kaiserliche Name einflößte, und was sich ein kaiserlicher General, wie Tilly und Wallenstein, zu Dresden gegen ihn unfehlbar würde herausgenommen haben, erlaubte er sich zu Prag nicht gegen den Kaiser. Sorgfältig unterschied er den Feind, mit dem er Krieg führte, von dem Reichsoberhaupt, dem er Ehrfurcht schuldig war. Er unterstand sich nicht, das Hausgeräthe des Letztern zu berühren, indem er sich ohne Bedenken die Kanonen des Erstern als gute Beute zueignete und nach Dresden bringen ließ. Nicht im kaiserlichen Palast, sondern im Lichtensteinischen Hause nahm er seine Wohnung, zu bescheiden, die Zimmer Desjenigen zu beziehen, dem er ein Königreich entriß. Würde uns dieser Zug von einem großen Mann und einem Helden berichtet, er würde uns mit Recht zur Bewunderung hinreißen. Der Charakter des Fürsten, bei dem er gefunden wird, berechtigt uns zu dem Zweifel, ob wir in dieser Enthaltung mehr den schönen Sieg der Bescheidenheit ehren, oder die kleinliche Gesinnung des schwachen Geistes bemitleiden sollen, den das Glück selbst nie kühn macht und die Freiheit selbst nie der gewohnten Fesseln entledigt.

Die Einnahme von Prag, auf welche in kurzer Zeit die Unterwerfung der mehrsten Städte folgte, bewirkte eine schnelle und große Veränderung in dem Königreiche. Viele von dem protestantischen Adel, welche bisher im Elend herum geirrt waren, fanden sich wieder in ihrem Vaterlande ein, und der Graf von Thurn, der berüchtigte Urheber des böhmischen Aufruhrs, erlebte die Herrlichkeit, auf dem ehemaligen Schauplatze seines Verbrechens und seiner Verurtheilung sich als Sieger zu zeigen. Ueber dieselbe Brücke, wo ihm die aufgespießten Köpfe seiner Anhänger das ihn selbst erwartende Schicksal furchtbar vor Augen malten, hielt er jetzt seinen triumphierenden Einzug, und sein erstes Geschäft war, diese Schreckbilder zu entfernen. Die Verwiesenen setzten sich sogleich in Besitz ihrer Güter, deren jetzige Eigentümer die Flucht ergriffen hatten. Unbekümmert, wer diesen die aufgewandten Summen erstatten würde, rissen sie alles, was ihre gewesen war, an sich, auch wenn sie selbst den Kaufpreis dafür gezogen hatten, und Mancher unter ihnen fand Ursache, die gute Wirthschaft der bisherigen Verwalter zu rühmen. Felder und Heerden hatten unterdessen in der zweiten Hand vortrefflich gewuchert. Mit dem kostbarsten Hausrath waren die Zimmer geschmückt, die Keller, welche sie leer verlassen hatten, reichlich gefüllt, die Ställe bevölkert, die Magazine beladen. Aber mißtrauisch gegen ein Glück, das so unverhofft auf sie hereinstürmte, eilten sie, diese unsichern Besitzungen wieder loszuschlagen und den unbeweglichen Segen in bewegliche Güter zu verwandeln.

Die Gegenwart der Sachsen belebte den Muth aller Protestantischgesinnten des Königreichs, und auf dem Lande wie in der Hauptstadt sah man ganze Schaaren zu den neu eröffneten evangelischen Kirchen eilen. Viele, welche nur die Furcht im Gehorsam gegen das Papstthum erhalten hatte, wandten sich jetzt öffentlich zu der neuen Lehre, und manche der neubekehrten Katholiken schwuren freudig ein erzwungenes Bekenntniß ab, um ihren früheren Ueberzeugungen zu folgen. Alle bewiesene Duldsamkeit der neuen Regierung konnte den Ausbruch des gerechten Unwillens nicht verhindern, den dieses mißhandelte Volk die Unterdrücker seiner heiligsten Freiheit empfinden ließ. Fürchterlich bediente es sich seiner wieder erlangten Rechte, und seinen Haß gegen die aufgedrungene Religion stillte an manchen Orten nur das Blut ihrer Verkündiger.

Unterdessen war der Succurs, den die kaiserlichen Generale von Götz und von Tiefenbach aus Schlesien herbeiführten, in Böhmen angelangt, wo einige Regimenter des Grafen Tilly aus der obern Pfalz zu ihm stießen. Ihn zu zerstreuen, ehe sich seine Macht vermehrte, rückte Arnheim mit einem Theil der Armee aus Prag ihm entgegen und that bei Nimburg an der Elbe einen muthigen Angriff auf seine Verschanzungen. Nach einem hitzigen Gefechte schlug er endlich, nicht ohne großen Verlust, die Feinde aus ihrem befestigten Lager und zwang sie durch die Heftigkeit seines Feuers, den Rückweg über die Elbe zu nehmen und die Brücke abzubrechen, die sie herüber gebracht hatte. Doch konnte er nicht verhindern, daß ihm die Kaiserlichen nicht in mehrern kleinen Gefechten Abbruch thaten und die Kroaten selbst bis an die Thore von Prag ihre Streifereien erstreckten. Wie glänzend und viel versprechend auch die Sachsen den böhmischen Feldzug eröffnet hatten, so rechtfertigte der Erfolg doch keineswegs Gustav Adolphs Erwartungen. Anstatt mit unaufhaltsamer Gewalt die errungenen Vortheile zu verfolgen, durch das bezwungene Böhmen sich zu der schwedischen Armee durchzuschlagen und in Vereinigung mit ihr den Mittelpunkt der kaiserlichen Macht anzugreifen, schwächten sie sich in einem anhaltenden kleinen Krieg mit dem Feinde, wobei der Vortheil nicht immer auf ihrer Seite war und die Zeit für eine größere Unternehmung fruchtlos verschwendet wurde. Aber Johann Georgs nachfolgendes Betragen deckte die Triebfedern auf, welche ihn abgehalten hatten, sich seines Vortheils über den Kaiser zu bedienen und die Entwürfe des Königs von Schweden durch eine zweckmäßige Wirksamkeit zu befördern.

Der größte Theil von Böhmen war jetzt für den Kaiser verloren und die Sachsen von dieser Seite her gegen Oesterreich im Anzug, während daß der schwedische Monarch durch Franken, Schwaben und Bayern nach den kaiserlichen Erbstaaten einen Weg sich bahnte. Ein langer Krieg hatte die Kräfte der österreichischen Monarchie verzehrt, die Länder erschöpft, die Armeen vermindert. Dahin war der Ruhm ihrer Siege, das Vertrauen auf Unüberwindlichkeit, der Gehorsam, die gute Mannszucht der Truppen, welche dem schwedischen Heerführer eine so entschiedene Ueberlegenheit im Felde verschaffte. Entwaffnet waren die Bundesgenossen des Kaisers, oder die auf sie selbst hereinstürmende Gefahr hatte ihre Treue erschüttert. Selbst Maximilian von Bayern, Oesterreichs mächtigste Stütze, schien den verführerischen Einladungen zur Neutralität nachzugeben; die verdächtige Allianz dieses Fürsten mit Frankreich hatte den Kaiser längst schon mit Besorgnissen erfüllt. Die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, der Kurfürst von Mainz, der Herzog von Lothringen waren aus ihren Ländern vertrieben, oder doch gefährlich bedroht; Trier stand im Begriff, sich unter französischen Schutz zu begeben. Spaniens Waffen beschäftigte die Tapferkeit der Holländer in den Niederlanden, während daß Gustav Adolph sie vom Rheinstrom zurückschlug; Polen fesselte noch der Stillstand mit diesem Fürsten. Die ungarischen Grenzen bedrohte der siebenbürgische Fürst Ragotzy, ein Nachfolger Bethlen Gabors und der Erbe seines unruhigen Geistes; die Pforte selbst machte bedenkliche Zurüstungen, den günstigen Zeitpunkt zu nutzen. Die mehresten protestantischen Reichsstände, kühn gemacht durch das Waffenglück ihres Beschützers, hatten öffentlich und thätlich gegen den Kaiser Partei ergriffen. Alle Hilfsquellen, welche sich die Frechheit eines Tilly und Wallenstein durch gewaltsame Erpressungen in diesen Ländern geöffnet hatte, waren nunmehr vertrocknet, alle diese Werbeplätze, diese Magazine, diese Zufluchtsörter für den Kaiser verloren, und der Krieg konnte nicht mehr wie vormals auf fremde Kosten bestritten werden. Seine Bedrängnisse vollkommen zu machen, entzündet sich im Land ob der Enns ein gefährlicher Aufruhr; der unzeitige Bekehrungseifer der Regierung bewaffnet das protestantische Landvolk, und der Fanatismus schwingt seine Fackel, indem der Feind schon an den Pforten des Reichs stürmt. Nach einem so langen Glücke, nach einer so glänzenden Reihe von Siegen, nach so herrlichen Eroberungen, nach so viel unnütz verspritztem Blute sieht sich der österreichische Monarch zum zweitenmal an denselben Abgrund geführt, in den er beim Antritt seiner Regierung zu stürzen drohte. Ergriff Bayern die Neutralität, widerstand Kursachsen der Verführung und entschloß sich Frankreich, die spanische Macht zugleich in den Niederlanden, in Italien und Catalonien anzufallen, so stürzte der stolze Bau von Oesterreichs Größe zusammen, die alliierten Kronen theilten sich in seinen Raub, und der deutsche Staatskörper sah einer gänzlichen Verwandlung entgegen.

Die ganze Reihe dieser Unglücksfälle begann mit der Breitenfelder Schlacht, deren unglücklicher Ausgang den längst schon entschiedenen Verfall der österreichischen Macht, den bloß der täuschende Schimmer eines großen Namens versteckt hatte, sichtbar machte. Ging man zu den Ursachen zurück, welche den Schweden eine so furchtbare Ueberlegenheit im Felde verschafften, so fand man sie größtenteils in der unumschränkten Gewalt ihres Anführers, der alle Kräfte seiner Partei in einem einzigen Punkte vereinigte und, durch keine höhere Autorität in seinen Unternehmungen gefesselt, vollkommener Herr jedes günstigen Augenblicks, alle Mittel zu seinem Zwecke beherrschte und von Niemand als sich selbst Gesetze empfing. Aber seit Wallensteins Abdankung und Tillys Niederlage zeigte sich auf Seiten des Kaisers und der Ligue von diesem allen gerade das Widerspiel. Den Generalen gebrach es an Ansehen bei den Truppen und an der so nöthigen Freiheit, zu handeln, den Soldaten an Gehorsam und Mannszucht, den zerstreuten Corps an übereinstimmender Wirksamkeit, den Ständen an gutem Willen, den Oberhäuptern an Eintracht, an Schnelligkeit des Entschlusses und an Festigkeit bei Vollstreckung desselben. Nicht ihre größere Macht, nur der bessere Gebrauch, den sie von ihren Kräften zu machen wußten, war es, was den Feinden des Kaisers ein so entschiedenes Uebergewicht gab. Nicht an Mitteln, nur an einem Geiste, der sie anzuwenden Fähigkeit und Vollmacht besaß, fehlte es der Ligue und dem Kaiser. Hätte Graf Tilly auch nie seinen Ruhm verloren, so ließ das Mißtrauen gegen Bayern doch nicht zu, das Schicksal der Monarchie in die Hände eines Mannes zu geben, der seine Anhänglichkeit an das bayerische Haus nie verleugnete. Ferdinands dringendstes Bedürfniß war also ein Feldherr, der gleich viel Erfahrenheit besaß, eine Armee zu bilden und anzuführen, und der seine Dienste dem österreichischen Hause mit blinder Ergebenheit widmete.

Die Wahl eines solchen war es, was nunmehr den geheimen Rath des Kaisers beschäftigte und die Mitglieder desselben unter einander entzweite. Einen König dem andern gegenüber zu stellen und durch die Gegenwart ihres Herrn den Muth der Truppen zu entflammen, stellte sich Ferdinand im ersten Feuer des Affekts selbst als den Führer seiner Armee dar; aber es kostete wenig Mühe, einen Entschluß umzustoßen, den nur Verzweiflung eingab und das erste ruhige Nachdenken widerlegte. Doch was dem Kaiser seine Würde und die Last des Regentenamts verbot, erlaubten die Umstände seinem Sohne, einem Jüngling von Fähigkeit und Muth, auf den die österreichischen Unterthanen mit frohen Hoffnungen blickten. Schon durch seine Geburt zur Vertheidigung einer Monarchie aufgefordert, von deren Kronen er zwei schon auf seinem Haupte trug, verband Ferdinand der Dritte, König von Böhmen und Ungarn, mit der natürlichen Würde des Thronfolgers die Achtung der Armeen und die volle Liebe der Völker, deren Beistand ihm zu Führung des Kriegs so unentbehrlich war. Der geliebte Thronfolger allein durfte es wagen, dem hartbeschwerten Unterthan neue Lasten aufzulegen; nur seiner persönlichen Gegenwart bei der Armee schien es aufbehalten zu sein, die verderbliche Eifersucht der Häupter zu ersticken und die erschlaffte Mannszucht der Truppen durch die Kraft seines Namens zu der vorigen Strenge zurückzuführen. Gebrach es auch dem Jünglinge noch an der nöthigen Reife des Urtheils, Klugheit und Kriegserfahrung, welche nur durch Uebung erworben wird, so konnte man diesen Mangel durch eine glückliche Wahl von Rathgebern und Gehilfen ersetzen, die man unter der Hülle seines Namens mit der höchsten Autorität bekleidete.

So scheinbar die Gründe waren, womit ein Theil der Minister diesen Vorschlag unterstützte, so große Schwierigkeiten setzte ihm das Mißtrauen, vielleicht auch die Eifersucht des Kaisers und die verzweifelte Lage der Dinge entgegen. Wie gefährlich war es, das ganze Schicksal der Monarchie einem Jüngling anzuvertrauen, der fremder Führung selbst so bedürftig war! Wie gewagt, dem größten Feldherrn seines Jahrhunderts einen Anfänger entgegen zu stellen, dessen Fähigkeit zu diesem wichtigen Posten noch durch keine Unternehmung geprüft, dessen Name, von dem Ruhme noch nie genannt, viel zu kraftlos war, um der muthlosen Armee im Voraus den Sieg zu verbürgen! Welche neue Last zugleich für den Unterthan, den kostbaren Staat zu bestreiten, der einem königlichen Heerführer zukam und den der Wahn des Zeitalters mit seiner Gegenwart beim Heer unzertrennlich verknüpfte! Wie bedenklich endlich für den Prinzen selbst, seine politische Laufbahn mit einem Amte zu eröffnen, das ihn zur Geißel seines Volks und zum Unterdrücker der Länder machte, die er künftig beherrschen sollte!

Und dann war es noch nicht damit gethan, den Feldherrn für die Armee auszusuchen; man mußte auch die Armee für den Feldherrn finden. Seit Wallensteins gewaltsamer Entfernung hatte sich der Kaiser mehr mit liguistischer und bayerischer Hilfe als durch eigene Armeen vertheidigt, und eben diese Abhängigkeit von zweideutigen Freunden war es ja, der man durch Aufstellung eines eigenen Generals zu entfliehen suchte. Welche Möglichkeit aber, ohne die alles zwingende Macht des Goldes und ohne den begeisternden Namen eines siegreichen Feldherrn eine Armee aus dem Nichts hervorzurufen – und eine Armee, die es an Mannszucht, an kriegerischem Geist und an Fertigkeit mit den geübten Schaaren des nordischen Eroberers aufnehmen konnte? In ganz Europa war nur ein einziger Mann, der solch eine That gethan, und diesem Einzigen hatte man eine tödtliche Kränkung bewiesen.

Jetzt endlich war der Zeitpunkt herbeigerückt, der dem beleidigten Stolze des Herzogs von Friedland eine Genugthuung ohne Gleichen verschaffte. Das Schicksal selbst hatte sich zu seinem Rächer aufgestellt und eine ununterbrochene Reihe von Unglücksfällen, die seit dem Tage seiner Abdankung über Oesterreich hereinstürmte, dem Kaiser selbst das Geständniß entrissen, daß mit diesem Feldherrn sein rechter Arm ihm abgehauen worden sei. Jede Niederlage seiner Truppen erneuerte diese Wunde, jeder verlorene Platz warf dem betrogenen Monarchen seine Schwäche und seinen Undank vor. Glücklich genug, hätte er in dem beleidigten General nur einen Anführer seiner Heere, nur einen Vertheidiger seiner Staaten verloren – aber er fand in ihm einen Feind, und den gefährlichsten von allen, weil er gegen den Streich des Verräthers am wenigsten vertheidigt war.

Entfernt von der Kriegsbühne und zu einer folternden Unthätigkeit verurtheilt, während daß seine Nebenbuhler auf dem Felde des Ruhms sich Lorbeern sammelten, hatte der stolze Herzog dem Wechsel des Glücks mit verstellter Gelassenheit zugesehen und im schimmernden Gepränge eines Theaterhelden die düstern Entwürfe seines arbeitenden Geistes verborgen. Von einer glühenden Leidenschaft aufgerieben, während daß eine fröhliche Außenseite Ruhe und Müßiggang log, brütete er still die schreckliche Geburt der Rachbegierde und Ehrsucht zur Reife und näherte sich langsam, aber sicher dem Ziele. Erloschen war alles in seiner Erinnerung, was er durch den Kaiser geworden war; nur was er für den Kaiser gethan hatte, stand mit glühenden Zügen in sein Gedächtniß geschrieben. Seinem unersättlichen Durst nach Größe und Macht war der Undank des Kaisers willkommen, der seinen Schuldbrief zu zerreißen und ihn jeder Pflicht gegen den Urheber seines Glücks zu entbinden schien. Entsündigt und gerechtfertigt erschienen ihm jetzt die Entwürfe seiner Ehrsucht im Gewand einer rechtmäßigen Wiedervergeltung. In eben dem Maß, als sein äußerer Wirkungskreis sich verengte, erweiterte sich die Welt seiner Hoffnungen, und seine schwärmende Einbildungskraft verlor sich in unbegrenzten Entwürfen, die in jedem andern Kopf als dem seinigen nur der Wahnsinn erzeugen kann. So hoch, als der Mensch nur immer durch eigene Kraft sich zu erheben vermag, hatte sein Verdienst ihn emporgetragen; nichts von allem dem, was dem Privatmann und Bürger innerhalb seiner Pflichten erreichbar bleibt, hatte das Glück ihm verweigert. Bis auf den Augenblick seiner Entlassung hatten seine Ansprüche keinen Widerstand, sein Ehrgeiz keine Grenzen erfahren; der Schlag, der ihn auf dem Regensburger Reichstag zu Boden streckte, zeigte ihm den Unterschied zwischen ursprünglicher und übertragener Gewalt und den Abstand des Unterthans von dem Gebieter. Aus dem bisherigen Taumel seiner Herrschergröße durch diesen überraschenden Glückswechsel aufgeschreckt, verglich er die Macht, die er besessen, mit derjenigen, durch welche sie ihm entrissen wurde, und sein Ehrgeiz bemerkte die Stufe, die auf der Leiter des Glücks noch für ihn zu ersteigen war. Erst nachdem er das Gewicht der höchsten Gewalt mit schmerzhafter Wahrheit erfahren, streckte er lüstern die Hände darnach aus; der Raub, der an ihm selbst verübt wurde, machte ihn zum Räuber. Durch keine Beleidigung gereizt, hätte er folgsam seine Bahn um die Majestät des Thrones beschrieben, zufrieden mit dem Ruhme, der glänzendste seiner Trabanten zu sein; erst nachdem man ihn gewaltsam aus seinem Kreise stieß, verwirrte er das System, dem er angehörte, und stürzte sich zermalmend auf seine Sonne.

Gustav Adolph durchwanderte den deutschen Norden mit siegendem Schritte; ein Platz nach dem andern ging an ihn verloren; und bei Leipzig fiel der Kern der kaiserlichen Macht. Das Gerücht dieser Niederlagen drang bald auch zu Wallensteins Ohren, der, zu Prag in die Dunkelheit des Privatstandes zurückgeschwunden, aus ruhiger Ferne den tobenden Kriegssturm betrachtete. Was die Brust aller Katholiken mit Unruhe erfüllte, verkündigte ihm Größe und Glück; nur für ihn arbeitete Gustav Adolph. Kaum hatte der Letztere angefangen, sich durch seine Kriegsthaten in Achtung zu setzen, so verlor der Herzog von Friedland keinen Augenblick, seine Freundschaft zu suchen und mit diesem glücklichen Feinde Oesterreichs gemeine Sache zu machen. Der vertriebene Graf von Thurn, der dem Könige von Schweden schon längst seine Dienste gewidmet, übernahm es, dem Monarchen Wallensteins Glückwünsche zu überbringen und ihn zu einem engern Bündnisse mit dem Herzog einzuladen. Fünfzehntausend Mann begehrte Wallenstein von dem Könige, um mit Hilfe derselben und mit den Truppen, die er selbst zu werben sich anheischig machte, Böhmen und Mähren zu erobern, Wien zu überfallen und den Kaiser, seinen Herrn, bis nach Italien zu verjagen. So sehr das Unerwartete dieses Antrags und das Uebertriebene der gemachten Versprechungen das Mißtrauen Gustav Adolphs erregte, so war er doch ein zu guter Kenner des Verdienstes, um einen so wichtigen Freund mit Kaltsinn zurückzuweisen. Nachdem aber Wallenstein, durch die günstige Aufnahme dieses ersten Versuchs ermuntert, nach der Breitenfelder Schlacht seinen Antrag erneuerte und auf eine bestimmte Erklärung drang, trug der vorsichtige Monarch Bedenken, an die chimärischen Entwürfe dieses verwegenen Kopfs seinen Ruhm zu wagen und der Redlichkeit eines Mannes, der sich ihm als Verräther ankündigte, eine so zahlreiche Mannschaft anzuvertrauen. Er entschuldigte sich mit der Schwäche seiner Armee, die auf ihrem Zug in das Reich durch eine so starke Verminderung leiden würde, und verscherzte aus übergroßer Vorsicht vielleicht die Gelegenheit, den Krieg auf das schnellste zu endigen. Zu spät versuchte er in der Folge, die zerrissenen Unterhandlungen zu erneuern; der günstige Moment war vorüber, und Wallensteins beleidigter Stolz vergab ihm diese Geringschätzung nie.

Aber diese Weigerung des Königs beschleunigte wahrscheinlich nur den Bruch, den die Form dieser beiden Charaktere ganz unvermeidlich machte. Beide geboren, Gesetze zu geben, nicht sie zu empfangen, konnten nimmermehr in einer Unternehmung vereinigt bleiben, die mehr als jede andere Nachgiebigkeit und gegenseitige Opfer nothwendig macht. Wallenstein war Nichts, wo er nicht Alles war; er mußte entweder gar nicht oder mit vollkommenster Freiheit handeln. Eben so herzlich haßte Gustav Adolph jede Abhängigkeit, und wenig fehlte, daß er selbst die so vorteilhafte Verbindung mit dem französischen Hofe nicht zerrissen hätte, weil die Anmaßungen desselben seinem selbsttätigen Geiste Fesseln anlegten. Jener war für die Partei verloren, die er nicht lenken durfte; dieser noch weit weniger dazu gemacht, dem Gängelbande zu folgen. Waren die gebieterischen Anmaßungen dieses Bundesgenossen dem Herzog von Friedland bei ihren gemeinschaftlichen Operationen schon so lästig, so mußten sie ihm unerträglich sein, wenn es dazu kam, sich in die Beute zu theilen. Der stolze Monarch konnte sich herablassen, den Beistand eines rebellischen Unterthans gegen den Kaiser anzunehmen und diesen wichtigen Dienst mit königlicher Großmuth belohnen; aber nie konnte er seine eigene und aller Könige Majestät so sehr aus den Augen setzen, um den Preis zu bestätigen, den die ausschweifende Ehrsucht des Herzogs darauf zu setzen wagte; nie eine nützliche Verrätherei mit einer Krone bezahlen. Von ihm also war, auch wenn ganz Europa schwieg, ein furchtbarer Widerspruch zu fürchten, sobald Wallenstein nach dem böhmischen Scepter die Hand ausstreckte – und er war auch in ganz Europa der Mann, der einem solchen Veto Kraft geben konnte. Durch den eignen Arm Wallensteins zum Diktator von Deutschland gemacht, konnte er gegen diesen selbst seine Waffen kehren und sich von jeder Pflicht der Erkenntlichkeit gegen einen Verräther für losgezählt halten. Neben einem solchen Alliierten hatte also kein Wallenstein Raum; und wahrscheinlich war es dies, nicht seine vermeintliche Absicht auf den Kaiserthron, worauf er anspielte, wenn er nach dem Tode des Königs in die Worte ausbrach: »Ein Glück für mich und ihn, daß er dahin ist! Das deutsche Reich konnte nicht zwei solche Häupter brauchen.«

Der erste Versuch zur Rache an dem Haus Oesterreich war fehlgeschlagen; aber fest stand der Vorsatz, und nur die Wahl der Mittel erlitt eine Veränderung. Was ihm bei dem König von Schweden mißlungen war, hoffte er mit minder Schwierigkeit und mehr Vortheil bei dem Kurfürsten von Sachsen zu erreichen, den er eben so gewiß war, nach seinem Willen zu lenken, als er bei Gustav Adolph daran verzweifelte. In fortdauerndem Einverständniß mit Arnheim, seinem alten Freunde, arbeitete er von jetzt an an einer Verbindung mit Sachsen, wodurch er dem Kaiser und dem König von Schweden gleich fürchterlich zu werden hoffte. Er konnte sich von einem Entwurfe, der, wenn er einschlug, den schwedischen Monarchen um seinen Einfluß in Deutschland brachte, desto leichter Eingang bei Johann Georg versprechen, je mehr die eifersüchtige Gemüthsart dieses Prinzen durch die Macht Gustav Adolphs gereizt und seine ohnehin schwache Neigung zu demselben durch die erhöhten Ansprüche des Königs erkältet ward. Gelang es ihm, Sachsen von dem schwedischen Bündniß zu trennen und in Verbindung mit demselben eine dritte Partei im Reiche zu errichten, so lag der Ausschlag des Krieges in seiner Hand, und er hatte durch diesen einzigen Schritt zugleich seine Rache an dem Kaiser befriedigt, seine verschmähte Freundschaft an dem schwedischen König gerächt und auf dem Ruin von beiden den Bau seiner eigenen Größe gegründet.

Aber auf welchem Wege er auch seinen Zweck verfolgte, so konnte er denselben ohne den Beistand einer ihm ganz ergebenen Armee nicht zur Ausführung bringen. Diese Armee konnte so geheim nicht geworben werden, daß am kaiserlichen Hofe nicht Verdacht geschöpft und der Anschlag gleich in seiner Entstehung vereitelt wurde. Diese Armee durfte ihre gesetzwidrige Bestimmung vor der Zeit nicht erfahren, indem schwerlich zu erwarten war, daß sie dem Ruf eines Verräthers gehorchen und gegen ihren rechtmäßigen Oberherrn dienen würde. Wallenstein mußte also unter kaiserlicher Autorität und öffentlich werben und von dem Kaiser selbst zur unumschränkten Herrschaft über die Truppen berechtigt sein. Wie konnte dies aber anders geschehen, als wenn ihm das entzogene Generalat aufs neue übertragen und die Führung des Kriegs unbedingt überlassen ward? Dennoch erlaubte ihm weder sein Stolz noch sein Vortheil, sich selbst zu diesem Posten zu drängen und als ein Bittender von der Gnade des Kaisers eine beschränkte Macht zu erflehen, die von der Furcht desselben uneingeschränkt zu ertrotzen stand. Um sich zum Herrn der Bedingungen zu machen, unter welchen das Commando von ihm übernommen würde, mußte er abwarten, bis es ihm von seinem Herrn aufgedrungen ward. – Dies war der Rath, den ihm Arnheim ertheilte, und dies das Ziel, wornach er mit tiefer Politik und rastloser Thätigkeit strebte.

Ueberzeugt, daß nur die äußerste Noth die Unentschlossenheit des Kaisers besiegen und den Widerspruch Bayerns und Spaniens, seiner beiden eifrigsten Gegner, unkräftig machen könne, bewies er sich von jetzt an geschäftig, die Fortschritte des Feindes zu befördern und die Bedrängnisse seines Herrn zu vermehren. Sehr wahrscheinlich geschah es auf seine Einladung und Ermunterung, daß die Sachsen, schon auf dem Wege nach der Lausitz und Schlesien, sich nach Böhmen wandten und dieses unvertheidigte Reich mit ihrer Macht überschwemmten; ihre schnellen Eroberungen in demselben waren nicht weniger sein Werk. Durch den Kleinmuth, den er heuchelte, erstickte er jeden Gedanken an Widerstand und überlieferte die Hauptstadt durch seinen voreiligen Abzug dem Sieger. Bei einer Zusammenkunft mit dem sächsischen General zu Kaunitz, wozu eine Friedensunterhandlung ihm den Vorwand darreichte, wurde wahrscheinlich das Siegel auf die Verschwörung gedrückt, und Böhmens Eroberung war die erste Frucht dieser Verabredung. Indem er selbst nach Vermögen dazu beitrug, die Unglücksfälle über Oesterreich zu häufen, und durch die raschen Fortschritte der Schweden am Rheinstrom aufs nachdrücklichste dabei unterstützt wurde, ließ er seine freiwilligen und gedungenen Anhänger in Wien über das öffentliche Unglück die heftigsten Klagen führen und die Absetzung des vorigen Feldherrn als den einzigen Grund der erlittenen Verluste abschildern. »Dahin hätte Wallenstein es nicht kommen lassen, wenn er am Ruder geblieben wäre!« riefen jetzt tausend Stimmen, und selbst im geheimen Rathe des Kaisers fand diese Meinung feurige Verfechter.

Es bedurfte ihrer wiederholten Bestürmung nicht, dem bedrängten Monarchen die Augen über die Verdienste seinem Generals und die begangene Uebereilung zu öffnen. Bald genug ward ihm die Abhängigkeit von Bayern und der Ligue unerträglich; aber eben diese Abhängigkeit verstattete ihm nicht, sein Mißtrauen zu zeigen und durch Zurückberufung des Herzogs von Friedland den Kurfürsten aufzubringen. Jetzt aber, da die Noth mit jedem Tage stieg und die Schwäche des bayerischen Beistandes immer sichtbarer wurde, bedachte er sich nicht länger, den Freunden des Herzogs sein Ohr zu leihen und ihre Vorschläge wegen Zurückberufung dieses Feldherrn in Ueberlegung zu nehmen. Die unermeßlichen Reichthümer, die der Letztere besaß, die allgemeine Achtung, in der er stand, die Schnelligkeit, womit er sechs Jahre vorher ein Heer von vierzigtausend Streitern ins Feld gestellt, der geringe Kostenaufwand, womit er dieses zahlreiche Heer unterhalten, die Thaten, die er an der Spitze desselben verrichtet, der Eifer endlich und die Treue, die er für des Kaisers Ehre bewiesen hatte, lebten noch in dauerndem Andenken bei dem Monarchen und stellten ihm den Herzog als das schicklichste Werkzeug dar, das Gleichgewicht der Waffen zwischen den kriegführenden Mächten wiederherzustellen, Oesterreich zu retten und die katholische Religion aufrecht zu erhalten. Wie empfindlich auch der kaiserliche Stolz die Erniedrigung fühlte, ein so unzweideutiges Geständniß seiner ehemaligen Uebereilung und seiner gegenwärtigen Noth abzulegen, wie sehr es ihn schmerzte, von der Höhe seiner Herrscherwürde zu Bitten herabzusteigen, wie verdächtig auch die Treue eines so bitter beleidigten und so unversöhnlichen Mannes war, wie laut und nachdrücklich endlich auch die spanischen Minister und der Kurfürst von Bayern ihr Mißfallen über diesen Schritt zu erkennen gaben, so siegte jetzt die dringende Noth über jede andre Betrachtung, und die Freunde des Herzogs erhielten den Auftrag, seine Gesinnungen zu erforschen und ihm die Möglichkeit seiner Wiederherstellung von ferne zu zeigen.

Unterrichtet von allem, was im Kabinet des Kaisers zu seinem Vortheil verhandelt wurde, gewann dieser Herrschaft genug über sich selbst, seinen innern Triumph zu verbergen und die Rolle des Gleichgültigen zu spielen. Die Zeit der Rache war gekommen, und sein stolzes Herz frohlockte, die erlittene Kränkung dem Kaiser mit vollen Zinsen zu erstatten. Mit kunstvoller Beredsamkeit verbreitete er sich über die glückliche Ruhe des Privatlebens, die ihn seit seiner Entfernung von dem politischen Schauplatz beselige. Zu lange, erklärte er, habe er die Reize der Unabhängigkeit und Muße gekostet, um sie dem nichtigen Phantom des Ruhms und der unsichern Fürstengunst aufzuopfern. Alle seine Begierden nach Größe und Macht seien ausgelöscht und Ruhe das einzige Ziel seiner Wünsche. Um ja keine Ungeduld zu verrathen, schlug er die Einladung an den Hof des Kaisers aus, rückte aber doch bis nach Znaim in Mähren vor, um die Unterhandlungen mit dem Hofe zu erleichtern.

Anfangs versuchte man, die Größe der Gewalt, welche ihm eingeräumt werden sollte, durch die Gegenwart eines Aufsehers zu beschränken und durch diese Auskunft den Kurfürsten von Bayern um so eher zum Stillschweigen zu bringen. Die Abgeordneten des Kaisers, von Questenberg und von Werdenberg, die, als alte Freunde des Herzogs, zu dieser schlüpfrigen Unterhandlung gebraucht wurden, hatten den Befehl, in ihrem Antrage an ihn des Königs von Ungarn zu erwähnen, der bei der Armee zugegen sein und unter Wallensteins Führung die Kriegskunst erlernen sollte. Aber schon die bloße Nennung dieses Namens drohte die ganze Unterhandlung zu zerreißen. »Nie und nimmermehr,« erklärte der Herzog, »würde er einen Gehilfen in seinem Amte dulden, und wenn es Gott selbst wäre, mit dem er das Commando theilen sollte.« Aber auch noch dann, als man von diesem verhaßten Punkt abgestanden war, erschöpfte der kaiserliche Günstling und Minister, Fürst von Eggenberg, Wallensteins standhafter Freund und Verfechter, den man in Person an ihn abgeschickt hatte, lange Zeit seine Beredsamkeit vergeblich, die verstellte Abneigung des Herzogs zu besiegen. »Der Monarch,« gestand der Minister, »habe mit Wallenstein den kostbarsten Stein aus seiner Krone verloren; aber nur gezwungen und widerstrebend habe er diesen, genug bereuten, Schritt gethan, und seine Hochachtung für den Herzog sei unverändert, seine Gunst ihm unverloren geblieben. Zum entscheidenden Beweise davon diene das ausschließende Vertrauen, das man jetzt in seine Treue und Fähigkeit setze, die Fehler seiner Vorgänger zu verbessern und die ganze Gestalt der Dinge zu verwandeln. Groß und edel würde es gehandelt sein, seinen gerechten Unwillen dem Wohl des Vaterlandes zum Opfer zu bringen; groß und seiner würdig, die übeln Nachreden seiner Gegner durch die verdoppelte Wärme seines Eifers zu widerlegen. Dieser Sieg über sich selbst,« schloß der Fürst, »würde seinen übrigen unerreichbaren Verdiensten die Krone aufsetzen und ihn zum größten Mann seiner Zeit erklären.«

So beschämende Geständnisse, so schmeichelhafte Versicherungen schienen endlich den Zorn des Herzogs zu entwaffnen; doch nicht eher, als bis sich sein volles Herz aller Vorwürfe gegen den Kaiser entladen, bis er den ganzen Umfang seiner Verdienste in prahlerischem Pomp ausgebreitet und den Monarchen, der jetzt seine Hilfe brauchte, aufs tiefste erniedrigt hatte, öffnete er sein Ohr den lockenden Anträgen des Ministers. Als ob er nur der Kraft dieser Gründe nachgäbe, bewilligte er mit stolzer Großmuth, was der feurigste Wunsch seiner Seele war, und begnadigte den Abgesandten mit einem Strahle von Hoffnung. Aber weit entfernt, die Verlegenheit des Kaisers durch eine unbedingte volle Gewährung auf einmal zu endigen, erfüllte er bloß einen Theil seiner Forderung, um einen desto größern Preis auf die übrige wichtigere Hälfte zu setzen. Er nahm das Commando an, aber nur auf drei Monate; nur um eine Armee auszurüsten, nicht sie selbst anzuführen. Bloß seine Fähigkeit und Macht wollte er durch diesen Schöpfungsakt kund thun und dem Kaiser die Größe der Hilfe in der Nähe zeigen, deren Gewährung in Wallensteins Händen stände. Ueberzeugt, daß eine Armee, die sein Name allein aus dem Nichts gezogen, ohne ihren Schöpfer in ihr Nichts zurückkehren würde, sollte sie ihm nur zur Lockspeise dienen, seinem Herrn desto wichtigere Bewilligungen zu entreißen; und doch wünschte Ferdinand sich Glück, daß auch nur so viel gewonnen war.

Nicht lange säumte Wallenstein, seine Zusage wahr zu machen, welche ganz Deutschland als chimärisch verlachte und Gustav Adolph selbst übertrieben fand. Aber lange schon war der Grund zu dieser Unternehmung gelegt, und er ließ jetzt nur die Maschinen spielen, die er seit mehreren Jahren zu diesem Endzweck in Gang gebracht hatte. Kaum verbreitete sich das Gerücht von Wallensteins Rüstung, als von allen Enden der österreichischen Monarchie Schaaren von Kriegern herbeieilten, unter diesem erfahrnen Feldherrn ihr Glück zu versuchen. Viele, welche schon ehedem unter seinen Fahnen gefochten hatten, seine Größe als Augenzeugen bewundert und seine Großmuth erfahren hatten, traten bei diesem Rufe aus der Dunkelheit hervor, zum zweitenmal Ruhm und Beute mit ihm zu theilen. Die Größe des versprochnen Soldes lockte Tausende herbei, und die reichliche Verpflegung, welche dem Soldaten auf Kosten des Landmanns zu Theil wurde, war für den letztern eine unüberwindliche Reizung, lieber selbst diesen Stand zu ergreifen, als unter dem Druck desselben zu erliegen. Alle österreichischen Provinzen strengte man an, zu dieser kostbaren Rüstung beizutragen; kein Stand blieb von Taxen verschont; von der Kopfsteuer befreite keine Würde, kein Privilegium. Der spanische Hof, wie der König von Ungarn, verstanden sich zu einer beträchtlichen Summe; die Minister machten ansehnliche Schenkungen, und Wallenstein selbst ließ es sich zweimalhundert tausend Thaler von seinem eigenen Vermögen kosten, die Ausrüstung zu beschleunigen. Die ärmeren Officiere unterstützte er aus seiner eigenen Kasse, und durch sein Beispiel, durch glänzende Beförderungen und noch glänzendere Versprechungen reizte er die Vermögenden, auf eigene Kosten Truppen anzuwerben. Wer mit eigenem Geld ein Corps aufstellte, war Commandeur desselben. Bei Anstellung der Officiere machte die Religion keinen Unterschied; mehr als der Glaube galten Reichthum, Tapferkeit und Erfahrung. Durch diese gleichförmige Gerechtigkeit gegen die verschiedenen Religionsverwandten, und mehr noch durch die Erklärung, daß die gegenwärtige Rüstung mit der Religion nichts zu schaffen habe, wurde der protestantische Unterthan beruhigt und zu gleicher Theilnahme an den öffentlichen Lasten bewogen. Zugleich versäumte der Herzog nicht, wegen Mannschaft und Geld in eigenem Namen mit auswärtigen Staaten zu unterhandeln. Den Herzog von Lothringen gewann er, zum zweitenmal für den Kaiser zu ziehen; Polen mußte ihm Kosaken, Italien Kriegsbedürfnisse liefern. Noch ehe der dritte Monat verstrichen war, belief sich die Armee, welche in Mähren versammelt wurde, auf nicht weniger als vierzigtausend Köpfe, größtentheils aus dem Ueberrest Böhmens, aus Mähren, Schlesien und den deutschen Provinzen des Hauses Oesterreich gezogen. Was Jedem unausführbar geschienen, hatte Wallenstein, zum Erstaunen von ganz Europa, in dem kürzesten Zeitraume vollendet. So viele Tausende, als man vor ihm nicht Hunderte gehofft hatte zusammen zu bringen, hatte die Zauberkraft seines Namens, seines Goldes und seines Genies unter die Waffen gerufen. Mit allen Erfordernissen bis zum Ueberfluß ausgerüstet, von kriegsverständigen Officieren befehligt, von einem siegversprechenden Enthusiasmus entflammt, erwartete diese neugeschaffne Armee nur den Wink ihres Anführers, um sich durch Thaten der Kühnheit seiner würdig zu zeigen.

Sein Versprechen hatte der Herzog erfüllt, und die Armee stand fertig im Felde; jetzt trat er zurück und überließ dem Kaiser, ihr einen Führer zu geben. Aber es würde eben so leicht gewesen sein, noch eine zweite Armee, wie diese war, zu errichten, als einen andern Chef, außer Wallenstein, für sie aufzufinden. Dieses vielversprechende Heer, die letzte Hoffnung des Kaisers, war nichts als ein Blendwerk, sobald der Zauber sich löste, der es ins Dasein rief; durch Wallenstein ward es, ohne ihn schwand es, wie eine magische Schöpfung, in sein voriges Nichts dahin. Die Officiere waren ihm entweder als seine Schuldner verpflichtet oder als seine Gläubiger aufs engste an sein Interesse, an die Fortdauer seiner Macht geknüpft; die Regimenter hatte er seinen Verwandten, seinen Geschöpfen, seinen Günstlingen untergeben. Er und kein Anderer war der Mann, den Truppen die ausschweifenden Versprechungen zu halten, wodurch er sie in seinen Dienst gelockt hatte. Sein gegebenes Wort war die einzige Sicherheit für die kühnen Erwartungen Aller; blindes Vertrauen auf seine Allgewalt das einzige Band, das die verschieden Antriebe ihres Eifers in einem lebendigen Gemeingeist zusammenhielt. Geschehen war es um das Glück jedes Einzelnen, sobald Derjenige zurücktrat, der sich für die Erfüllung desselben verbürgte.

So wenig es dem Herzog mit seiner Weigerung Ernst war, so glücklich bediente er sich dieses Schreckmittels, dem Kaiser die Genehmigung seiner übertriebenen Bedingungen abzuängstigen. Die Fortschritte des Feindes machten die Gefahr mit jedem Tage dringender, und die Hilfe war so nahe; von einem Einzigen hing es ab, der allgemeinen Noth ein geschwindes Ende zu machen. Zum dritten und letzten Mal erhielt also der Fürst von Eggenberg Befehl, seinen Freund, welch hartes Opfer es auch kosten möchte, zu Uebernehmung des Commando zu bewegen.

Zu Znaim in Mähren fand er ihn, von den Truppen, nach deren Besitz er den Kaiser lüstern machte, prahlerisch umgeben. Wie einen Flehenden empfing der stolze Unterthan den Abgesandten seines Gebieters. » Nimmermehr,« gab er zur Antwort, »könne er einer Wiederherstellung trauen, die er einzig nur der Extremität, nicht der Gerechtigkeit des Kaisers verdanke. Jetzt zwar suche man ihn auf, da die Noth aufs höchste gestiegen und von seinem Arme allein noch Rettung zu hoffen sei; aber der geleistete Dienst werde seinen Urheber bald in Vergessenheit bringen und die vorige Sicherheit den vorigen Undank zurückführen. Sein ganzer Ruhm stehe auf dem Spiele, wenn er die von ihm geschöpften Erwartungen täusche, sein Glück und seine Ruhe, wenn es ihm gelänge, sie zu befriedigen. Bald würde der alte Neid gegen ihn aufwachen und der abhängige Monarch kein Bedenken tragen, einen entbehrlichen Diener zum zweitenmal der Convenienz aufzuopfern. Besser für ihn, er verlasse gleich jetzt und aus freier Wahl einen Posten, von welchem früher oder später die Kabalen seiner Gegner ihn doch herabstürzen würden. Sicherheit und Zufriedenheit erwarte er nur im Schooße des Privatlebens, und bloß um den Kaiser zu verbinden, habe er sich auf eine Zeit lang, ungern genug, seiner glücklichen Stille entzogen.«

Des langen Gaukelspiels müde, nahm der Minister jetzt einen ernsthaftern Ton an und bedrohte den Halsstarrigen mit dem ganzen Zorne des Monarchen, wenn er auf seiner Widersetzung beharren würde. »Tief genug,« erklärte er, »habe sich die Majestät des Kaisers erniedrigt und, anstatt durch ihre Herablassung seine Großmuth zu rühren, nur seinen Stolz gekitzelt, nur seinen Starrsinn vermehrt. Sollte sie dieses große Opfer vergeblich gebracht haben, so stehe er nicht dafür, daß sich der Flehende nicht in den Herrn verwandle und der Monarch seine beleidigte Würde nicht an dem rebellischen Unterthan räche. Wie sehr auch Ferdinand gefehlt haben möge, so könne der Kaiser Unterwürfigkeit fordern; irren könne der Mensch, aber der Herrscher nie seinen Fehltritt bekennen. Habe der Herzog von Friedland durch ein unverdientes Urtheil gelitten, so gebe es einen Ersatz für jeden Verlust, und Wunden, die sie selbst geschlagen, könne die Majestät wieder heilen. Fordere er Sicherheit für seine Person und seine Würden, so werde die Billigkeit des Kaisers ihm keine gerechte Forderung verweigern. Die verachtete Majestät allein lasse sich durch keine Büßung versöhnen, und der Ungehorsam gegen ihre Befehle vernichte auch das glänzendste Verdienst. Der Kaiser bedürfe seiner Dienste, und als Kaiser fordere er sie. Welchen Preis er auch darauf setzen möge, der Kaiser werde ihn eingehen. Aber Gehorsam verlange er, oder das Gewicht seines Zorns werde den widerspenstigen Diener zermalmen.«

Wallenstein, dessen weitläuftige Besitzungen, in die österreichische Monarchie eingeschlossen, der Gewalt des Kaisers jeden Augenblick bloßgestellt waren, fühlte lebhaft, daß diese Drohung nicht eitel sei; aber nicht Furcht war es, was seine verstellte Hartnäckigkeit endlich besiegte. Gerade dieser gebieterische Ton verrieth ihm nur zu deutlich die Schwäche und Verzweiflung, woraus er stammte, und die Willfährigkeit des Kaisers, jede seiner Forderungen zu genehmigen, überzeugte ihn, daß er am Ziel seiner Wünsche sei. Jetzt also gab er sich der Beredsamkeit Eggenbergs überwunden und verließ ihn, um seine Forderungen aufzusetzen.

Nicht ohne Bangigkeit sah der Minister einer Schrift entgegen, worin der stolzeste der Diener dem stolzesten der Fürsten Gesetze zu geben sich erdreistete. Aber wie klein auch das Vertrauen war, das er in die Bescheidenheit seines Freundes setzte, so überstieg doch der ausschweifende Inhalt dieser Schrift bei weitem seine bängsten Erwartungen. Eine unumschränkte Oberherrschaft verlangte Wallenstein über alle deutschen Armeen des österreichischen und spanischen Hauses und unbegrenzte Vollmacht, zu strafen und zu belohnen. Weder dem König von Ungarn, noch dem Kaiser selbst solle es vergönnt sein, bei der Armee zu erscheinen, noch weniger eine Handlung der Autorität darin auszuüben. Keine Stelle solle der Kaiser bei der Armee zu vergeben, keine Belohnung zu verleihen haben, kein Gnadenbrief desselben ohne Wallensteins Bestätigung gültig sein. Ueber alles, was im Reiche confisciert und erobert werde, solle der Herzog von Friedland allein, mit Ausschließung aller kaiserlichen und Reichsgerichte, zu verfügen haben. Zu seiner ordentlichen Belohnung müsse ihm ein kaiserliches Erbland und noch ein anderes der im Reiche eroberten Länder zum außerordentlichen Geschenk überlassen werden. Jede österreichische Provinz solle ihm, sobald er derselben bedürfen würde, zur Zuflucht geöffnet sein. Außerdem verlangte er die Versicherung des Herzogtums Mecklenburg bei einem künftigen Frieden und eine förmliche frühzeitige Aufkündigung, wenn man für nöthig finden sollte, ihn zum zweitenmal des Generalats zu entsetzen.

Umsonst bestürmte ihn der Minister, diese Forderungen zu mäßigen, durch welche der Kaiser aller seiner Souveränetätsrechte über die Truppen beraubt und zu einer Kreatur seines Feldherrn erniedrigt würde. Zu sehr hatte man ihm die Unentbehrlichkeit seiner Dienste verrathen, um jetzt noch des Preises Meister zu sein, womit sie erkauft werden sollten. Wenn der Zwang der Umstände den Kaiser nöthigte, diese Forderungen einzugehen, so war es nicht bloßer Antrieb der Rachsucht und des Stolzes, der den Herzog veranlaßte, sie zu machen. Der Plan zur künftigen Empörung war entworfen, und dabei konnte keiner der Vortheile gemißt werden, deren sich Wallenstein in seinem Vergleich mit dem Hofe zu bemächtigen suchte. Dieser Plan erforderte, daß dem Kaiser alle Autorität in Deutschland entrissen und seinem General in die Hände gespielt würde; dies war erreicht, sobald Ferdinand jene Bedingungen unterzeichnete. Der Gebrauch, den Wallenstein von seiner Armee zu machen gesonnen war – von dem Zwecke freilich unendlich verschieden, zu welchem sie ihm untergeben ward – erlaubte keine getheilte Gewalt, und noch weit weniger eine höhere Autorität bei dem Heere, als die seinige war. Um der alleinige Herr ihres Willens zu sein, mußte er den Truppen als der alleinige Herr ihres Schicksals erscheinen; um seinem Oberhaupte unvermerkt sich selbst unterzuschieben und auf seine eigene Person die Souveränetätsrechte überzutragen, die ihm von der höchsten Gewalt nur geliehen waren, mußte er die letztere sorgfältig aus den Augen der Truppen entfernen. Daher seine hartnäckige Weigerung, keinen Prinzen des Hauses Oesterreich bei dem Heere zu dulden. Die Freiheit, über alle im Reich eingezogenen und eroberten Güter nach Gutdünken zu verfügen, reichte ihm furchtbare Mittel dar, sich Anhänger und dienstbare Werkzeuge zu erkaufen und mehr, als je ein Kaiser in Friedenszeiten sich herausnahm, den Diktator in Deutschland zu spielen. Durch das Recht, sich der österreichischen Länder im Nothfall zu einem Zufluchtsort zu bedienen, erhielt er freie Gewalt, den Kaiser in seinem eigenen Reich und durch seine eigene Armee so gut als gefangen zu halten, das Mark dieser Länder auszusaugen und die österreichische Macht in ihren Grundfesten zu unterwühlen. Wie das Loos nun auch fallen mochte, so hatte er durch die Bedingungen, die er von dem Kaiser erpreßte, gleich gut für seinen Vortheil gesorgt. Zeigten sich die Vorfälle seinen verwegnen Entwürfen günstig, so machte ihm dieser Vertrag mit dem Kaiser ihre Ausführung leichter; widerriethen die Zeitläufte die Vollstreckung derselben, so hatte dieser nämliche Vertrag ihn aufs glänzendste entschädigt. Aber wie konnte er einen Vertrag für gültig halten, der seinem Oberherrn abgetrotzt und auf ein Verbrechen gegründet war? Wie konnte er hoffen, den Kaiser durch eine Vorschrift zu binden, welche Denjenigen, der so vermessen war, sie zu geben, zum Tode verdammte? Doch dieser todeswürdige Verbrecher war jetzt der unentbehrlichste Mann in der Monarchie, und Ferdinand, im Verstellen geübt, bewilligte ihm alles, was er verlangte.

Endlich also hatte die kaiserliche Kriegsmacht ein Oberhaupt, das diesen Namen verdiente. Alle andere Gewalt in der Armee, selbst des Kaisers, hörte in demselben Augenblick auf, da Wallenstein den Commandostab in die Hand nahm, und ungültig war alles, was von ihm nicht ausfloß. Von den Ufern der Donau bis an die Weser und den Oderstrom empfand man den belebenden Aufgang des neuen Gestirns. Ein neuer Geist fängt an, die Soldaten des Kaisers zu beseelen, eine neue Epoche des Krieges beginnt. Frische Hoffnungen schöpfen die Papisten, und die protestantische Welt blickt mit Unruhe dem veränderten Laufe der Dinge entgegen.

Je größer der Preis war, um den man den neuen Feldherrn hatte erkaufen müssen, zu so größern Erwartungen glaubte man sich am Hofe des Kaisers berechtigt; aber der Herzog übereilte sich nicht, diese Erwartungen in Erfüllung zu bringen. In der Nähe von Böhmen mit einem furchtbaren Heere, durfte er sich nur zeigen, um die geschwächte Macht der Sachsen zu überwältigen und mit der Wiedereroberung dieses Königreichs seine neue Laufbahn glänzend zu eröffnen. Aber zufrieden, durch nichts entscheidende Kroatengefechte den Feind zu beunruhigen, ließ er ihm den besten Theil dieses Reichs zum Raube und ging mit abgemessenem stillem Schritt seinem selbstischen Ziel entgegen. Nicht die Sachsen zu bezwingen – sich mit ihnen zu vereinigen, war sein Plan. Einzig mit diesem wichtigen Werke beschäftigt, ließ er vor der Hand seine Waffen ruhn, um desto sichrer auf dem Wege der Unterhandlung zu siegen. Nichts ließ er unversucht, den Kurfürsten von der schwedischen Allianz loszureißen, und Ferdinand selbst, noch immer zum Frieden mit diesem Prinzen geneigt, billigte dies Verfahren. Aber die große Verbindlichkeit, die man den Schweden schuldig war, lebte noch in zu frischem Andenken bei den Sachsen, um eine so schändliche Untreue zu erlauben; und hätte man sich auch wirklich dazu versucht gefühlt, so ließ der zweideutige Charakter Wallensteins und der schlimme Ruf der österreichischen Politik zu der Aufrichtigkeit seiner Versprechungen kein Vertrauen fassen. Zu sehr als betrügerischer Staatsmann bekannt, fand er in dem einzigen Falle keinen Glauben, wo er es wahrscheinlich redlich meinte; und noch erlaubten ihm die Zeitumstände nicht, die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung durch Aufdeckung seiner wahren Beweggründe außer Zweifel zu setzen. Ungern also entschloß er sich, durch die Gewalt der Waffen zu erzwingen, was auf dem Wege der Unterhandlung mißlungen war. Schnell zog er seine Truppen zusammen und stand vor Prag. ehe die Sachsen diese Hauptstadt entsetzen konnten. Nach einer kurzen Gegenwehr der Belagerten öffnete die Verrätherei der Kapuziner einem von seinen Regimentern den Eingang, und die ins Schloß geflüchtete Besatzung streckte unter schimpflichen Bedingungen das Gewehr. Meister von der Hauptstadt, versprach er seinen Unterhandlungen am sächsischen Hofe einen günstigern Eingang, versäumte aber dabei nicht, zu eben der Zeit, als er sie bei dem General von Arnheim erneuerte, den Nachdruck derselben durch einen entscheidenden Streich zu verstärken. Er ließ in aller Eile die engen Pässe zwischen Außig und Pirna besetzen, um der sächsischen Armee den Rückzug in ihr Land abzuschneiden; aber Arnheims Geschwindigkeit entriß sie noch glücklich der Gefahr. Nach dem Abzuge dieses Generals ergaben sich die letzten Zufluchtsörter der Sachsen, Eger und Leitmeritz, an den Sieger, und schneller, als es verloren gegangen war, war das Königreich wieder seinem rechtmäßigen Herrn unterworfen.

Weniger mit dem Vortheile seines Herrn, als mit Ausführung seiner eigenen Entwürfe beschäftigt, gedachte jetzt Wallenstein den Krieg nach Sachsen zu spielen, um den Kurfürsten durch Verheerung seines Landes zu einem Privatvergleich mit dem Kaiser, oder vielmehr mit dem Herzog von Friedland zu nöthigen. Aber wie wenig er auch sonst gewohnt war, seinen Willen dem Zwang der Umstände zu unterwerfen, so begriff er doch jetzt die Notwendigkeit, seinen Lieblingsentwurf einem dringenden Geschäfte nachzusetzen. Während daß er die Sachsen aus Böhmen schlug, hatte Gustav Adolph die bisher erzählten Siege am Rhein und an der Donau erfochten und durch Franken und Schwaben den Krieg schon an Bayerns Grenzen gewälzt. Am Lechstrom geschlagen und durch den Tod des Grafen Tilly seiner besten Stütze beraubt, lag Maximilian dem Kaiser dringend an, ihm den Herzog von Friedland aufs schleunigste von Böhmen aus zu Hilfe zu schicken und durch Bayerns Vertheidigung von Oesterreich selbst die Gefahr zu entfernen. Er wandte sich mit dieser Bitte an Wallenstein selbst und forderte ihn aufs angelegentlichste auf, ihm, bis er selbst mit der Hauptarmee nachkäme, einstweilen nur einige Regimenter zum Beistand zu senden. Ferdinand unterstützte mit seinem ganzen Ansehen diese Bitte, und ein Eilbote nach dem andern ging an Wallenstein ab, ihn zum Marsch nach der Donau zu vermögen.

Aber jetzt ergab es sich, wie viel der Kaiser von seiner Autorität aufgeopfert hatte, da er die Gewalt über seine Truppen und die Macht zu befehlen aus seinen Händen gab. Gleichgültig gegen Maximilians Bitten, taub gegen die wiederholten Befehle des Kaisers, blieb Wallenstein müßig in Böhmen stehen und überließ den Kurfürsten seinem Schicksale. Das Andenken der schlimmen Dienste, welche ihm Maximilian ehedem auf dem Regensburger Reichstage bei dem Kaiser geleistet, hatte sich tief in das unversöhnliche Gemüth des Herzogs geprägt, und die neuerlichen Bemühungen des Kurfürsten, seine Wiedereinsetzung zu verhindern, waren ihm kein Geheimniß geblieben. Jetzt war der Augenblick da, diese Kränkung zu rächen, und schwer empfand es der Kurfürst, daß er den rachgierigsten der Menschen sich zum Feinde gemacht hatte. Böhmen, erklärte dieser, dürfe nicht unvertheidigt bleiben, und Oesterreich könne nicht besser geschützt werden, als wenn sich die schwedische Armee vor den bayerischen Festungen schwäche. So züchtigte er durch den Arm der Schweden seinen Feind, und während daß ein Platz nach dem andern in ihre Hände fiel, ließ er den Kurfürsten zu Regensburg vergebens nach seiner Ankunft schmachten. Nicht eher, als bis die völlige Unterwerfung Böhmens ihm keine Entschuldigungsgründe mehr übrigließ und die Eroberungen Gustav Adolphs in Bayern Oesterreich selbst mit naher Gefahr bedrohten, gab er den Bestürmungen des Kurfürsten und des Kaisers nach und entschloß sich zu der lange gewünschten Vereinigung mit dem Erstern, welche, nach der allgemeinen Erwartung der Katholischen, das Schicksal des ganzen Feldzugs entscheiden sollte.

Gustav Adolph selbst, zu schwach an Truppen, um es auch nur mit der Wallensteinischen Armee allein aufzunehmen, fürchtete die Vereinigung zweier so mächtigen Heere, und mit Recht erstaunt man, daß er nicht mehr Thätigkeit bewiesen hat, sie zu hindern. Zu sehr, scheint es, rechnete er auf den Haß, der beide Anführer unter sich entzweite und keine Verbindung ihrer Waffen zu einem gemeinschaftlichen Zwecke hoffen ließ; und es war zu spät, diesen Fehler zu verbessern, als der Erfolg seine Muthmaßung widerlegte. Zwar eilte er auf die erste sichre Nachricht, die er von ihren Absichten erhielt, nach der Oberpfalz, um dem Kurfürsten den Weg zu versperren; aber schon war ihm dieser zuvorgekommen und die Vereinigung bei Eger geschehen.

Diesen Grenzort hatte Wallenstein zum Schauplatz des Triumphes bestimmt, den er im Begriff war über seinen stolzen Gegner zu feiern. Nicht zufrieden, ihn einem Flehenden gleich zu seinen Füßen zu sehen, legte er ihm noch das harte Gesetz auf, seine Länder hilflos hinter sich zu lassen, aus weiter Entfernung seinen Beschützer einzuholen und durch diese weite Entgegenkunft ein erniedrigendes Geständniß seiner Noth und Bedürftigkeit abzulegen. Auch dieser Demüthigung unterwarf sich der stolze Fürst mit Gelassenheit. Einen harten Kampf hatte es ihn gekostet, Demjenigen seine Rettung zu verdanken, der, wenn es nach seinem Wunsche ging, nimmermehr diese Macht haben sollte; aber, einmal entschlossen, war er auch Mann genug, jede Kränkung zu ertragen, die von seinem Entschluß unzertrennlich war, und Herr genug seiner selbst, um kleinere Leiden zu verachten, wenn es darauf ankam, einen großen Zweck zu verfolgen.

Aber so viel es schon gekostet hatte, diese Vereinigung nur möglich zu machen, so schwer ward es, sich über die Bedingungen zu vergleichen, unter welchen sie stattfinden und Bestand haben sollte. Einem Einzigen mußte die vereinigte Macht zu Gebote stehen, wenn der Zweck der Vereinigung erreicht werden sollte, und auf beiden Seiten war gleich wenig Neigung da, sich der höheren Autorität des Andern zu unterwerfen. Wenn sich Maximilian auf seine Kurfürstenwürde, auf den Glanz seines Geschlechts, auf sein Ansehen im Reiche stützte, so gründete Wallenstein nicht geringere Ansprüche auf seinen Kriegsruhm und auf die uneingeschränkte Macht, welche der Kaiser ihm übergeben hatte. So sehr es den Fürstenstolz des Erstern empörte, unter den Befehlen eines kaiserlichen Dieners zu stehen, so sehr fand sich der Hochmuth des Herzogs durch den Gedanken geschmeichelt, einem so gebieterischen Geiste Gesetze vorzuschreiben. Es kam darüber zu einem hartnäckigen Streite, der sich aber durch eine wechselseitige Uebereinkunft zu Wallensteins Vortheil endigte. Diesem wurde das Obercommando über beide Armeen, besonders am Tage einer Schlacht, ohne Einschränkung zugestanden und dem Kurfürsten alle Gewalt abgesprochen, die Schlachtordnung oder auch nur die Marschroute der Armee abzuändern. Nichts behielt er sich vor, als das Recht der Strafen und Belohnungen über seine eignen Soldaten und den freien Gebrauch derselben, sobald sie nicht mit den kaiserlichen Truppen vereinigt agierten.

Nach diesen Vorbereitungen wagte man es endlich, einander unter die Augen zu treten, doch nicht eher, als bis eine gänzliche Vergessenheit alles Vergangenen zugesagt und die äußern Formalitäten des Versöhnungsakts aufs genaueste berichtigt waren. Der Verabredung gemäß umarmten sich beide Prinzen im Angesicht ihrer Truppen und gaben einander gegenseitige Versicherungen der Freundschaft, indeß die Herzen von Haß überflossen. Maximilian zwar, in der Verstellungskunst ausgelernt, besaß Herrschaft genug über sich selbst, um seine wahren Gefühle auch nicht durch einen einzigen Zug zu verrathen; aber in Wallensteins Augen funkelte eine hämische Siegesfreude, und der Zwang, der in allen seinen Bewegungen sichtbar war, entdeckte die Macht des Affekts, der sein stolzes Herz übermeisterte.

Die vereinigten kaiserlich-bayerischen Truppen machten nun eine Armee von beinahe sechzigtausend größtenteils bewährten Soldaten aus, vor welcher der schwedische Monarch es nicht wagen durfte sich im Felde zu zeigen. Eilfertig nahm er also, nachdem der Versuch, ihre Vereinigung zu hindern, mißlungen war, seinen Rückzug nach Franken und erwartete nunmehr eine entscheidende Bewegung des Feindes, um seine Entschließung zu fassen. Die Stellung der vereinigten Armee zwischen der sächsischen und bayerischen Grenze ließ es eine Zeit lang noch ungewiß, ob sie den Schauplatz des Kriegs nach dem erstern der beiden Länder verpflanzen oder suchen würde, die Schweden von der Donau zurückzutreiben und Bayern in Freiheit zu setzen. Sachsen hatte Arnheim von Truppen entblößt, um in Schlesien Eroberungen zu machen; nicht ohne die geheime Absicht, wie ihm von Vielen Schuld gegeben wird, dem Herzog von Friedland den Eintritt in das Kurfürstenthum zu erleichtern und dem unentschlossenen Geiste Johann Georgs einen dringendern Sporn zum Vergleich mit dem Kaiser zu geben. Gustav Adolph selbst, in der gewissen Erwartung, daß die Absichten Wallensteins gegen Sachsen gerichtet seien, schickte eilig, um seinen Bundesgenossen nicht hilflos zu lassen, eine ansehnliche Verstärkung dahin, fest entschlossen, sobald die Umstände es erlaubten, mit seiner ganzen Macht nachzufolgen. Aber bald entdeckten ihm die Bewegungen der Friedländischen Armee, daß sie gegen ihn selbst im Anzug begriffen sei. und der Marsch des Herzogs durch die Oberpfalz setzte dies außer Zweifel. Jetzt galt es, auf seine eigne Sicherheit zu denken, weniger um die Oberherrschaft als um seine Existenz in Deutschland zu fechten und von der Fruchtbarkeit seines Genies Mittel zur Rettung zu entlehnen. Die Annäherung des Feindes überraschte ihn, ehe er Zeit gehabt hatte, seine durch ganz Deutschland zerstreuten Truppen an sich zu ziehen und die alliierten Fürsten zum Beistand herbeizurufen. An Mannschaft viel zu schwach, um den anrückenden Feind damit aufhalten zu können, hatte er keine andere Wahl, als sich entweder in Nürnberg zu werfen und Gefahr zu laufen, von der Wallensteinischen Macht in dieser Stadt eingeschlossen und durch Hunger besiegt zu werden – oder diese Stadt aufzuopfern und unter den Kanonen von Donauwörth eine Verstärkung an Truppen zu erwarten. Gleichgültig gegen alle Beschwerden und Gefahren, wo die Menschlichkeit sprach und die Ehre gebot, erwählte er ohne Bedenken das Erste, fest entschlossen, lieber sich selbst mit seiner ganzen Armee unter den Trümmern Nürnbergs zu begraben, als auf den Untergang dieser bundesverwandten Stadt seine Rettung zu gründen.

Sogleich ward Anstalt gemacht, die Stadt mit allen Vorstädten in eine Verschanzung einzuschließen und innerhalb derselben ein festes Lager anzuschlagen. Viele tausend Hände setzten sich alsbald zu diesem weitläuftigen Werk in Bewegung, und alle Einwohner Nürnbergs beseelte ein heroischer Eifer, für die gemeine Sache Blut, Leben und Eigenthum zu wagen. Ein acht Fuß tiefer und zwölf Fuß breiter Graben umschloß die ganze Verschanzung; die Linien wurden durch Redouten und Bastionen, die Eingänge durch halbe Monde beschützt. Die Pegnitz, welche Nürnberg durchschneidet, theilte das ganze Lager in zwei Halbzirkel ab, die durch viele Brücken zusammenhingen. Gegen dreihundert Stücke spielten von den Wällen der Stadt und von den Schanzen des Lagers. Das Landvolk aus den benachbarten Dörfern und die Bürger von Nürnberg legten mit den schwedischen Soldaten gemeinschaftlich Hand an, daß schon am siebenten Tage die Armee das Lager beziehen konnte und am vierzehnten die ganze ungeheure Arbeit vollendet war.

Indem dies außerhalb der Mauern vorging, war der Magistrat der Stadt Nürnberg beschäftigt, die Magazine zu füllen und sich mit allen Kriegs- und Mundbedürfnissen für eine langwierige Belagerung zu versehen. Dabei unterließ er nicht, für die Gesundheit der Einwohner, die der Zusammenfluß so vieler Menschen leicht in Gefahr setzen konnte, durch strenge Reinlichkeitsanstalten Sorge zu tragen. Den König auf den Nothfall unterstützen zu können, wurde aus den Bürgern der Stadt die junge Mannschaft ausgehoben und in den Waffen geübt, die schon vorhandene Stadtmiliz beträchtlich verstärkt und ein neues Regiment von vier und zwanzig Namen nach den Buchstaben des alten Alphabets ausgerüstet. Gustav selbst hatte unterdessen seine Bundesgenossen, den Herzog Wilhelm von Weimar und den Landgrafen von Hessen-Kassel, zum Beistand aufgeboten und seine Generale am Rheinstrom, in Thüringen und Niedersachsen beordert, sich schleunig in Marsch zu setzen und mit ihren Truppen bei Nürnberg zu ihm zu stoßen. Seine Armee, welche innerhalb der Linien dieser Reichsstadt gelagert stand, betrug nicht viel über sechszehntausend Mann, also nicht einmal den dritten Theil des feindlichen Heers.

Dieses war unterdessen in langsamem Zuge bis gegen Neumarkt herangerückt, wo der Herzog von Friedland eine allgemeine Musterung anstellte. Vom Anblick dieser furchtbaren Macht hingerissen, konnte er sich einer jugendlichen Prahlerei nicht enthalten. »Binnen vier Tagen soll sich ausweisen,« rief er, »wer von uns Beiden, der König von Schweden oder ich, Herr der Welt sein wird.« Dennoch that er, seiner großen Ueberlegenheit ungeachtet, nichts, diese stolze Versicherung wahr zu machen, und vernachlässigte sogar die Gelegenheit, seinen Feind auf das Haupt zu schlagen, als dieser verwegen genug war, sich außerhalb seiner Linien ihm entgegen zu stellen. »Schlachten hat man genug geliefert,« antwortete er Denen, welche ihn zum Angriff ermunterten, »es ist Zeit, einmal einer andern Methode zu folgen.« Hier schon entdeckte sich, wie viel mehr bei einem Feldherrn gewonnen worden, dessen schon gegründeter Ruhm der gewagten Unternehmungen nicht benöthigt war, wodurch andere eilen müssen, sich einen Namen zu machen. Ueberzeugt, daß der verzweifelte Muth des Feindes den Sieg auf das theuerste verkaufen, eine Niederlage aber, in diesen Gegenden erlitten, die Angelegenheiten des Kaisers unwiederbringlich zu Grunde richten würde, begnügte er sich damit, die kriegerische Hitze seines Gegners durch eine langwierige Belagerung zu verzehren und, indem er demselben alle Gelegenheit abschnitt, sich dem Ungestüm seines Muths zu überlassen, ihm gerade denjenigen Vortheil zu rauben, wodurch er bisher so unüberwindlich gewesen war. Ohne also das Geringste zu unternehmen, bezog er jenseits der Rednitz, Nürnberg gegenüber, ein stark befestigtes Lager und entzog durch diese wohlgewählte Stellung der Stadt sowohl als dem Lager jede Zufuhr aus Franken, Schwaben und Thüringen. So hielt er den König zugleich mit der Stadt belagert und schmeichelte sich, den Muth seines Gegners, den er nicht lüstern war in offener Schlacht zu erproben, durch Hunger und Seuchen langsam, aber desto sicherer zu ermüden.

Aber zu wenig mit den Hilfsquellen und Kräften seines Gegners bekannt, hatte er nicht genugsam dafür gesorgt, sich selbst vor dem Schicksale zu bewahren, das er jenem bereitete. Aus dem ganzen benachbarten Gebiete hatte sich das Landvolk mit seinen Vorräthen weggeflüchtet, und um den wenigen Ueberrest mußten sich die Friedländischen Fouragierer mit den schwedischen schlagen. Der König schonte die Magazine der Stadt, so lange noch Möglichkeit da war, sich aus der Nachbarschaft mit Proviant zu versehen, und diese wechselseitigen Streifereien unterhielten einen immerwährenden Krieg zwischen den Kroaten und dem schwedischen Volke, davon die ganze umliegende Landschaft die traurigsten Spuren zeigte. Mit dem Schwert in der Hand mußte man sich die Bedürfnisse des Lebens erkämpfen, und ohne zahlreiches Gefolge durften sich die Parteien nicht mehr aufs Fouragieren wagen. Dem König zwar öffnete, sobald der Mangel sich einstellte, die Stadt Nürnberg ihre Vorrathshäuser, aber Wallenstein mußte seine Truppen aus weiter Ferne versorgen. Ein großer, in Bayern aufgekaufter Transport war an ihn auf dem Wege, und tausend Mann wurden abgeschickt, ihn sicher ins Lager zu geleiten. Gustav Adolph, davon benachrichtigt, sandte sogleich ein Kavallerieregiment aus, sich dieser Lieferung zu bemächigten, und die Dunkelheit der Nacht begünstigte die Unternehmung. Der ganze Transport fiel mit der Stadt, worin er hielt, in der Schweden Hände; die kaiserliche Bedeckung wurde niedergehauen, gegen zwölfhundert Stück Vieh hinweg getrieben und tausend mit Brod bepackte Wagen, die nicht gut fortgebracht werden konnten, in Brand gesteckt. Sieben Regimenter, welche der Herzog von Friedland gegen Altdorf vorrücken ließ, dem sehnlich erwarteten Transport zur Bedeckung zu dienen, wurden von dem Könige, der ein Gleiches gethan hatte, den Rückzug der Seinigen zu decken, nach einem hartnäckigen Gefechte auseinander gesprengt und mit Hinterlassung von vierhundert Todten in das kaiserliche Lager zurückgetrieben. So viele Widerwärtigkeiten und eine so wenig erwartete Standhaftigkeit des Königs ließen den Herzog von Friedland bereuen, daß er die Gelegenheit zu einem Treffen ungenützt hatte vorbeistreichen lassen. Jetzt machte die Festigkeit des schwedischen Lagers jeden Angriff unmöglich, und Nürnbergs bewaffnete Jugend diente dem Monarchen zu einer fruchtbaren Kriegerschule, woraus er jeden Verlust an Mannschaft auf das schnellste ersetzen konnte. Der Mangel an Lebensmitteln, der sich im kaiserlichen Lager nicht weniger als im schwedischen einstellte, machte es zum mindesten sehr ungewiß, welcher von beiden Theilen den andern zuerst zum Aufbruche zwingen würde.

Fünfzehn Tage schon hatten beide Armeen, durch gleich unersteigliche Verschanzungen gedeckt, einander im Gesichte gestanden, ohne etwas mehr als leichte Streifereien und unbedeutende Scharmützel zu wagen. Auf beiden Seiten hatten ansteckende Krankheiten, natürliche Folgen der schlechten Nahrungsmittel und der eng zusammengepreßten Volksmenge, mehr als das Schwert des Feindes die Mannschaft vermindert, und mit jedem Tage stieg diese Noth. Endlich erschien der längst erwartete Succurs im schwedischen Lager, und die beträchtliche Machtverstärkung des Königs erlaubte ihm jetzt, seinem natürlichen Muth zu gehorchen und die Fessel zu zerbrechen, die ihn bisher gebunden hielt.

Seiner Aufforderung gemäß, hatte Herzog Wilhelm von Weimar aus den Besatzungen in Niedersachsen und Thüringen in aller Eilfertigkeit ein Corps aufgerichtet, welches bei Schweinfurt in Franken vier sächsische Regimenter und bald darauf bei Kitzingen die Truppen vom Rheinstrom an sich zog, die Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel und der Pfalzgraf von Birkenfeld dem König zu Hilfe schickten. Der Reichskanzler Oxenstierna übernahm es, diese vereinigte Armee an den Ort ihrer Bestimmung zu führen. Nachdem er sich zu Windsheim noch mit dem Herzog Bernhard von Weimar und dem schwedischen General Banner vereinigt hatte, rückte er in beschleunigten Märschen bis Bruck und Eltersdorf, wo er die Regnitz passierte und glücklich in das schwedische Lager kam. Dieser Succurs zählte beinahe fünfzigtausend Mann und führte sechzig Stücke Geschütz und viertausend Bagagewagen bei sich. So sah sich denn Gustav Adolph an der Spitze von beinahe siebenzigtausend Streitern, ohne noch die Miliz der Stadt Nürnberg zu rechnen, welche im Nothfalle dreißigtausend rüstige Bürger ins Feld stellen konnte. Eine furchtbare Macht, die einer andern nicht minder furchtbaren gegenüberstand! Der ganze Krieg schien jetzt zusammengepreßt in eine einzige Schlacht, um hier endlich seine letzte Entscheidung zu erhalten. Angstvoll blickte das getheilte Europa auf diesen Kampfplatz hin, wo sich die Kraft beider streitenden Mächte, wie in ihrem Brennpunkt, fürchterlich sammelte.

Aber hatte man schon vor der Ankunft des Succurses mit Brodmangel kämpfen müssen, so wuchs dieses Uebel nunmehr in beiden Lagern (denn auch Wallenstein hatte neue Verstärkungen aus Bayern an sich gezogen) zu einem schrecklichen Grade an. Außer den hundert und zwanzigtausend Kriegern, die einander bewaffnet gegenüberstanden, außer einer Menge von mehr als fünfzigtausend Pferden in beiden Armeen, außer den Bewohnern Nürnbergs, welche das schwedische Heer an Anzahl weit übertrafen, zählte man allein in dem Wallensteinischen Lager fünfzehntausend Weiber und eben so viel Fuhrleute und Knechte, nicht viel weniger in dem schwedischen. Die Gewohnheit jener Zeiten erlaubte dem Soldaten, seine Familie mit in das Feld zu führen. Bei den Kaiserlichen schloß sich eine unzählige Menge gutwilliger Frauenspersonen an den Heereszug an, und die strenge Wachsamkeit über die Sitten im schwedischen Lager, welche keine Ausschweifung duldete, beförderte eben darum die rechtmäßigen Ehen. Für die junge Generation, welche dies Lager zum Vaterland hatte, waren ordentliche Feldschulen errichtet und eine treffliche Zucht von Kriegern daraus gezogen, daß die Armeen bei einem langwierigen Kriege sich durch sich selbst rekrutieren konnten. Kein Wunder, wenn diese wandelnden Nationen jeden Landstrich aushungerten, auf dem sie verweilten, und die Bedürfnisse des Lebens durch diesen entbehrlichen Troß übermäßig im Preise gesteigert wurden. Alle Mühlen um Nürnberg reichten nicht zu, das Korn zu mahlen, das jeder Tag verschlang, und fünfzigtausend Pfund Brod, welche die Stadt täglich ins Lager lieferte, reizten den Hunger bloß, ohne ihn zu befriedigen. Die wirklich bewundernswerte Sorgfalt des Nürnberger Magistrats konnte nicht verhindern, daß nicht ein großer Theil der Pferde aus Mangel an Fütterung umfiel und die zunehmende Wuth der Seuchen mit jedem Tage über hundert Menschen ins Grab streckte.

Dieser Noth ein Ende zu machen, verließ endlich Gustav Adolph, voll Zuversicht auf seine überlegene Macht, am fünfundfünfzigsten Tage seine Linien, zeigte sich in voller Bataille dem Feind und ließ von drei Batterieen, welche am Ufer der Rednitz errichtet waren, das Friedländische Lager beschießen. Aber unbeweglich stand der Herzog in seinen Verschanzungen und begnügte sich, diese Ausforderung durch das Feuer der Musketen und Kanonen von ferne zu beantworten. Den König durch Unthätigkeit aufzureiben und durch die Macht des Hungers seine Beharrlichkeit zu besiegen, war sein überlegter Entschluß, und keine Vorstellung Maximilians, keine Ungeduld der Armee, kein Spott des Feindes konnte diesen Vorsatz erschüttern. In seiner Hoffnung getäuscht und von der wachsenden Noth gedrungen, wagte sich Gustav Adolph nun an das Unmögliche, und der Entschluß wurde gefaßt, das durch Natur und Kunst gleich unbezwingliche Lager zu stürmen.

Nachdem er das seinige dem Schutz der Nürnbergischen Miliz übergeben, rückte er am Bartholomäustage, dem achtundfünfzigsten, seitdem die Armee ihre Verschanzungen bezogen, in voller Schlachtordnung heraus und passierte die Rednitz bei Fürth, wo er die feindlichen Vorposten mit leichter Mühe zum Weichen brachte. Auf den steilen Anhöhen zwischen der Biber und Rednitz, die alte Feste und Altenberg genannt, stand die Hauptmacht des Feindes, und das Lager selbst, von diesen Hügeln beherrscht, breitete sich unabsehbar durch das Gefilde. Die ganze Stärke des Geschützes war auf diesen Hügeln versammelt. Tiefe Gräben umschlossen unersteigliche Schanzen, dichte Verhacke und stachelige Palissaden versammelten die Zugänge zu dem steil anlaufenden Berge, von dessen Gipfel Wallenstein, ruhig und sicher wie ein Gott, durch schwarze Rauchwolken seine Blitze versendete. Hinter den Brustwehren lauerte der Musketen tückisches Feuer, und ein gewisser Tod blickte aus hundert offnen Kanonenschlünden dem verwegenen Stürmer entgegen. Auf diesen gefahrvollen Posten richtete Gustav Adolph den Angriff, und fünfhundert Musketiere, durch weniges Fußvolk unterstützt (mehrere zugleich konnten auf dem engen Kampfboden nicht zum Fechten kommen), hatten den unbeneideten Vorzug, sich zuerst in den offenen Rachen des Todes zu werfen. Wüthend war der Andrang, der Widerstand fürchterlich; der ganzen Wuth des feindlichen Geschützes ohne Brustwehr dahin gegeben, grimmig durch den Anblick des unvermeidlichen Todes, laufen diese entschlossenen Krieger gegen den Hügel Sturm, der sich in Einem Moment in den flammenden Hekla verwandelt und einen eisernen Hagel donnernd auf sie herunter speit. Zugleich dringt die schwere Cavallerie in die Lücken ein, welche die feindlichen Ballen in die gedrängte Schlachtordnung reißen, die festgeschlossenen Glieder trennen sich, und die standhafte Heldenschaar, von der gedoppelten Macht der Natur und der Menschen bezwungen, wendet sich nach hundert zurückgelassenen Todten zur Flucht. Deutsche waren es, denen Gustavs Parteilichkeit die tödtliche Ehre des ersten Angriffs bestimmte; über ihren Rückzug ergrimmt, führte er jetzt seine Finnländer zum Sturm, durch ihren nordischen Muth die deutsche Feigheit zu beschämen. Auch seine Finnländer, durch einen ähnlichen Feuerregen empfangen, weichen der überlegenen Macht, und ein frisches Regiment tritt an ihre Stelle, mit gleich schlechtem Erfolg den Angriff zu erneuern. Dieses wird von einem vierten und fünften und sechsten abgelöst, daß während des zehnstündigen Gefechts alle Regimenter zum Angriff kommen und alle blutend und zerrissen von dem Kampfplatz zurückkehren. Tausend verstümmelte Körper bedecken das Feld, und unbesiegt setzt Gustav den Angriff fort, und unerschütterlich behauptet Wallenstein seine Feste.

Indessen hat sich zwischen der kaiserlichen Reiterei und dem linken Flügel der Schweden, der in einem Busch an der Rednitz postiert war, ein heftiger Kampf entzündet, wo mit abwechselndem Glück der Feind bald Besiegter, bald Sieger bleibt und auf beiden Seiten gleich viel Blut fließt, gleich tapfere Thaten geschehen. Dem Herzog von Friedland und dem Prinzen Bernhard von Weimar werden die Pferde unter dem Leibe erschossen; dem König selbst reißt eine Stückkugel die Sohle von dem Stiefel. Mit ununterbrochener Wuth erneuern sich Angriff und Widerstand, bis endlich die eintretende Nacht das Schlachtfeld verfinstert und die erbitterten Kämpfer zur Ruhe winkt. Jetzt aber sind die Schweden schon zu weit vorgedrungen, um den Rückzug ohne Gefahr unternehmen zu können. Indem der König einen Officier zu entdecken sucht, den Regimentern durch ihn den Befehl zum Rückzug zu übersenden, stellt sich ihm der Oberste Hebron, ein tapferer Schottländer, dar, den bloß sein natürlicher Muth aus dem Lager getrieben hatte, die Gefahr dieses Tages zu theilen. Ueber den König erzürnt, der ihm unlängst bei einer gefahrvollen Aktien einen jüngern Obersten vorgezogen, hatte er das rasche Gelübde gethan, seinen Degen nie wieder für den König zu ziehen. An ihn wendet sich jetzt Gustav Adolph, und seinen Heldenmuth lobend, ersucht er ihn, die Regimenter zum Rückzug zu commandieren. »Sire,« erwidert der tapfere Soldat, »das ist der einzige Dienst, den ich Euer Majestät nicht verweigern kann, denn es ist etwas dabei zu wagen;« und sogleich sprengt er davon, den erhaltenen Auftrag ins Werk zu richten. Zwar hatte sich Herzog Bernhard von Weimar in der Hitze des Gefechts einer Anhöhe über der alten Feste bemächtigt, von wo aus man den Berg und das ganze Lager bestreichen konnte. Aber ein heftiger Platzregen, der in derselben Nacht einfiel, machte den Abhang so schlüpfrig, daß es unmöglich war, die Kanonen hinaufzubringen, und so mußte man von freien Stücken diesen mit Strömen Bluts errungenen Posten verloren geben. Mißtrauisch gegen das Glück, das ihn an diesem entscheidenden Tage verlassen hatte, getraute der König sich nicht, mit erschöpften Truppen am folgenden Tage den Sturm fortzusetzen, und zum erstenmal überwunden, weil er nicht Ueberwinder war, führte er seine Truppen über die Rednitz zurück. Zweitausend Todte, die er auf dem Wahlplatz zurückließ, bezeugten seinen Verlust, und unüberwunden stand der Herzog von Friedland in seinen Linien.

Noch ganze vierzehn Tage nach dieser Aktion blieben die Armeen einander gegenüber gelagert, jede in der Erwartung, die andere zuerst zum Aufbruch zu nöthigen. Je mehr mit jedem Tage der kleine Vorrath an Lebensmitteln schmolz, desto schrecklicher wuchsen die Drangsale des Hungers, desto mehr verwilderte der Soldat, und das Landvolk umher ward das Opfer seiner thierischen Raubsucht. Die steigende Noth löste alle Bande der Zucht und der Ordnung im schwedischen Lager auf, und besonders zeichneten sich die deutschen Regimenter durch die Gewaltthätigkeiten aus, die sie gegen Freund und Feind ohne Unterschied verübten. Die schwache Hand eines Einzigen vermochte nicht, einer Gesetzlosigkeit zu steuern, die durch das Stillschweigen der untern Befehlshaber eine scheinbare Billigung und oft durch ihr eigenes verderbliches Beispiel Ermunterung erhielt. Tief schmerzte den Monarchen dieser schimpfliche Verfall der Kriegszucht, in die er bis jetzt einen so gegründeten Stolz gesetzt hatte, und der Nachdruck, womit er den deutschen Officieren ihre Nachlässigkeit verweist, bezeugt die Heftigkeit seiner Empfindungen. »Ihr Deutschen,« rief er aus, »ihr, ihr selbst seid es, die ihr euer eigenes Vaterland bestehlt und gegen eure eigenen Glaubensgenossen wüthet. Gott sei mein Zeuge, ich verabscheue euch, ich habe einen Ekel an euch, und das Herz gällt mir im Leibe, wenn ich euch anschaue. Ihr übertretet meine Verordnungen, ihr seid Ursache, daß die Welt mich verflucht, daß mich die Thränen der schuldlosen Armuth verfolgen, daß ich öffentlich hören muß: der König, unser Freund, thut uns mehr Uebels an, als unsre grimmigsten Feinde. Euretwegen habe ich meine Krone ihres Schatzes entblößt und über vierzig Tonnen Goldes aufgewendet, von eurem deutschen Reich aber nicht erhalten, wovon ich mich schlecht bekleiden könnte. Euch gab ich alles, was Gott mir zutheilte, und hättet ihr meine Gesetze geachtet, alles, was er mir künftig noch geben mag, würde ich mit Freuden unter euch ausgetheilt haben. Eure schlechte Mannszucht überzeugt mich, daß ihr's böse meint, wie sehr ich auch Ursache haben mag, eure Tapferkeit zu loben.«

Nürnberg hatte sich über Vermögen angestrengt, die ungeheure Menschenmenge, welche in seinem Gebiet zusammengepreßt war, eilf Wochen lang zu ernähren; endlich aber versiegten die Mittel. und der König, als der zahlreichere Theil, mußte sich eben darum zuerst zum Abzug entschließen. Mehr als zehntausend seiner Einwohner hatte Nürnberg begraben, und Gustav Adolph gegen zwanzigtausend seiner Soldaten durch Krieg und Seuchen eingebüßt. Zertreten lagen alle umliegenden Felder, die Dörfer in Asche, das beraubte Landvolk verschmachtete auf den Straßen, Modergerüche verpesteten die Luft, verheerende Seuchen, durch die kümmerliche Nahrung, durch den Qualm eines so bevölkerten Lagers und so vieler verwesenden Leichname, durch die Gluth der Hundstage ausgebrütet, wütheten unter Menschen und Thieren, und noch lange nach dem Abzug der Armeen drückten Mangel und Elend das Land. Gerührt von dem allgemeinen Jammer und ohne Hoffnung, die Beharrlichkeit des Herzogs von Friedland zu besiegen, hob der König am achten September sein Lager auf und verließ Nürnberg, nachdem er es zur Fürsorge mit einer hinlänglichen Besatzung versehen hatte. In völliger Schlachtordnung zog er an dem Feinde vorüber, der unbeweglich blieb und nicht das Geringste unternahm, seinen Abzug zu stören. Er richtete seinen Marsch nach Neustadt an der Aisch und Windsheim, wo er fünf Tage stehen blieb, um seine Truppen zu erquicken und Nürnberg nahe zu sein, wenn der Feind etwas gegen diese Stadt unternehmen sollte. Aber Wallenstein, der Erholung nicht weniger bedürftig, hatte auf den Abzug der Schweden nur gewartet, um den seinigen antreten zu können. Fünf Tage später verließ auch er sein Lager bei Zirndorf und übergab es den Flammen. Hundert Rauchsäulen, die aus den eingeäscherten Dörfern in der ganzen Runde zum Himmel stiegen, verkündigten seinen Abschied und zeigten der getrösteten Stadt, welchem Schicksale sie selbst entgangen war. Seinen Marsch, der gegen Forchheim gerichtet war, bezeichnete die schrecklichste Verheerung; doch war er schon zu weit vorgerückt, um von dem König noch eingeholt zu werden. Dieser trennte nun seine Armee, die das erschöpfte Land nicht ernähren konnte, um mit einem Theile derselben Franken zu behaupten und mit dem andern seine Eroberungen in Bayern in eigner Person fortzusetzen.

Unterdessen war die kaiserlich-bayerische Armee in das Bisthum Bamberg gerückt, wo der Herzog von Friedland eine zweite Musterung darüber anstellte. Er fand diese sechstausend Mann starke Macht durch Desertion, Krieg und Seuchen bis auf vierundzwanzigtausend Mann vermindert, von denen der vierte Theil aus bayerischen Truppen bestand. Und so hatte das Lager von Nürnberg beide Theile mehr als zwei verlorne große Schlachten entkräftet, ohne den Krieg seinem Ende auch nur um etwas genähert oder die gespannten Erwartungen der europäischen Welt durch einen einzigen entscheidenden Vorfall befriedigt zu haben. Den Eroberungen des Königs in Bayern wurde zwar auf eine Zeit lang durch die Diversion bei Nürnberg ein Ziel gesteckt und Oesterreich selbst vor einem feindlichen Einfall gesichert; aber durch den Abzug von dieser Stadt gab man ihm auch die völlige Freiheit zurück, Bayern aufs neue zum Schauplatz des Krieges zu machen. Unbekümmert um das Schicksal dieses Landes und des Zwanges müde, den ihm die Verbindung mit dem Kurfürsten auferlegte, ergriff der Herzog von Friedland begierig die Gelegenheit, sich von diesem lästigen Gefährten zu trennen und seine Lieblingsentwürfe mit erneuertem Ernst zu verfolgen. Noch immer seiner ersten Maxime getreu, Sachsen von Schweden zu trennen, bestimmte er dieses Land zum Winteraufenthalt seiner Truppen und hoffte, durch seine verderbliche Gegenwart den Kurfürsten um so eher zu einem besondern Frieden zu zwingen.

Kein Zeitpunkt konnte diesem Unternehmen günstiger sein. Die Sachsen waren in Schlesien eingefallen, wo sie, in Vereinigung mit brandenburgischen und schwedischen Hilfsvölkern, einen Vortheil nach dem andern über die Truppen des Kaisers erfochten. Durch eine Diversion, welche man dem Kurfürsten in seinen eigenen Staaten machte, rettete man Schlesien; und das Unternehmen war desto leichter, da Sachsen durch den schlesischen Krieg von Verteidigern entblößt und dem Feinde von allen Seiten geöffnet war. Die Notwendigkeit, ein österreichisches Erbland zu retten, schlug alle Einwendungen des Kurfürsten von Bayern darnieder, und unter der Maske eines patriotischen Eifers für das Beste des Kaisers konnte man ihn mit um so weniger Bedenklichkeit aufopfern. Indem man dem König von Schweden das reiche Bayern zum Raube ließ, hoffte man in der Unternehmung auf Sachsen von ihm nicht gestört zu werden, und die zunehmende Kaltsinnigkeit zwischen diesem Monarchen und dem sächsischen Hofe ließ ohnehin von seiner Seite wenig Eifer zu Befreiung Johann Georgs befürchten. Aufs neue also von seinem arglistigen Beschützer im Stich gelassen, trennte sich der Kurfürst zu Bamberg von Wallenstein, um mit dem kleinen Ueberrest seiner Truppen sein hilfloses Land zu vertheidigen, und die kaiserliche Armee richtete unter Friedlands Anführung ihren Marsch durch Baireuth und Koburg nach dem Thüringer Walde.

Ein kaiserlicher General, von Holk, war bereits mit sechstausend Mann in das Voigtland vorausgeschickt worden, diese wehrlose Provinz mit Feuer und Schwert zu verheeren. Ihm wurde bald darauf Gallas nachgeschickt, ein zweiter Feldherr des Herzogs und ein gleich treues Werkzeug seiner unmenschlichen Befehle. Endlich wurde auch noch Graf Pappenheim aus Niedersachsen herbeigerufen, die geschwächte Armee des Herzogs zu verstärken und das Elend Sachsens vollkommen zu machen. Zerstörte Kirchen, eingeäscherte Dörfer, verwüstete Ernten, beraubte Familien, ermordete Unterthanen bezeichnete den Marsch dieser Barbarenheere; das ganze Thüringen, Voigtland und Meißen erlagen unter dieser dreifachen Geißel. Aber sie waren nur die Vorläufer eines größern Elends, mit welchem der Herzog selbst, an der Spitze der Hauptarmee, das unglückliche Sachsen bedrohte. Nachdem dieser auf seinem Zuge durch Franken und Thüringen die schauderhaftesten Denkmäler seiner Wuth hinterlassen, erschien er mit seiner ganzen Macht in dem Leipziger Kreise und zwang nach einer kurzen Belagerung die Stadt Leipzig zur Uebergabe. Seine Absicht war, bis nach Dresden vorzudringen und durch Unterwerfung des ganzen Landes dem Kurfürsten Gesetze vorzuschreiben. Schon näherte er sich der Mulde, um die sächsische Armee, die bis Torgau ihm entgegen gerückt war, mit seiner überlegenen Macht aus dem Felde zu schlagen, als die Ankunft des Königs von Schweden zu Erfurt seinen Eroberungsplanen eine unerwartete Grenze setzte. Im Gedränge zwischen der sächsischen und schwedischen Macht, welche Herzog Georg von Lüneburg von Niedersachsen aus noch zu verstärken drohte, wich er eilfertig gegen Merseburg zurück, um sich dort mit dem Grafen von Pappenheim zu vereinigen und die eindringenden Schweden mit Nachdruck zurückzutreiben.

Nicht ohne große Unruhe hatte Gustav Adolph den Kunstgriffen zugesehen, welche Spanien und Oesterreich verschwendeten, um seinen Alliierten von ihm abtrünnig zu machen. So wichtig ihm das Bündniß mit Sachsen war, so viel mehr Ursache hatte er, vor dem unbeständigen Gemüthe Johann Georgs zu zittern. Nie hatte zwischen ihm und dem Kurfürsten ein aufrichtiges freundschaftliches Verhältniß statt gefunden. Einem Prinzen, der auf seine politische Wichtigkeit stolz und gewohnt war, sich als das Haupt seiner Partei zu betrachten, mußte die Einmischung einer fremden Macht in die Reichsangelegenheiten bedenklich und drückend sein, und den Widerwillen, womit er die Fortschritte dieses unwillkommnen Fremdlings betrachtete, hatte nur die äußerste Noth seiner Staaten auf eine Zeit lang besiegen können. Das wachsende Ansehen des Königs in Deutschland, sein überwiegender Einfluß auf die protestantischen Stände, die nicht sehr zweideutigen Beweise seiner ehrgeizigen Absichten, bedenklich genug, die ganze Wachsamkeit der Reichsstände aufzufordern, machten bei dem Kurfürsten tausend Besorgnisse rege, welche die kaiserlichen Unterhändler geschickt zu nähren und zu vergrößern wußten. Jeder eigenmächtige Schritt des Königs, jede auch noch so billige Forderung, die er an die Reichsfürsten machte, gaben dem Kurfürsten Anlaß zu bittern Beschwerden, die einen nahen Bruch zu verkündigen schienen. Selbst unter den Generalen beider Theile zeigten sich, so oft sie vereinigt agieren sollten, vielfache Spuren der Eifersucht, welche ihre Beherrscher entzweite. Johann Georgs natürliche Abneigung vor dem Krieg und seine noch immer nicht unterdrückte Ergebenheit gegen Oesterreich begünstigte Arnheims Bemühungen, der, in beständigem Einverständnisse mit Wallenstein, unermüdet daran arbeitete, seinen Herrn zu einem Privatvergleich mit dem Kaiser zu vermögen; und fanden seine Vorstellungen auch lange Zeit keinen Eingang, so lehrte doch zuletzt der Erfolg, daß sie nicht ganz ohne Wirkung geblieben waren.

Gustav Adolph, mit Recht vor den Folgen bange, die der Abfall eines so wichtigen Bundesgenossen von seiner Partei für seine ganze künftige Existenz in Deutschland haben mußte, ließ kein Mittel unversucht, diesen bedenklichen Schritt zu verhindern, und bis jetzt hatten seine Vorstellungen ihren Eindruck auf den Kurfürsten nicht ganz verfehlt. Aber die fürchterliche Macht, womit der Kaiser seine verführerischen Vorschläge unterstützte, und die Drangsale, die er bei längerer Weigerung über Sachsen zu häufen drohte, konnten endlich doch, wenn man ihn seinen Feinden hilflos dahingab, die Standhaftigkeit des Kurfürsten überwinden und diese Gleichgültigkeit gegen einen so wichtigen Bundesgenossen das Vertrauen aller übrigen Alliierten Schwedens zu ihrem Beschützer auf immer darnieder schlagen. Diese Betrachtung bewog den König, den dringenden Einladungen, welche der hart bedrohte Kurfürst an ihn ergehen ließ, zum zweitenmal nachzugeben und der Rettung dieses Bundesgenossen alle seine glänzenden Hoffnungen aufzuopfern. Schon hatte er einen zweiten Angriff auf Ingolstadt beschlossen, und die Schwäche des Kurfürsten von Bayern rechtfertigte seine Hoffnung, diesem erschöpften Feinde doch endlich noch die Neutralität aufzudringen. Der Aufstand des Landvolks in Oberösterreich öffnete ihm dann den Weg in dieses Land, und der Sitz des Kaiserthrons konnte in seinen Händen sein, ehe Wallenstein Zeit hatte, mit Hilfe herbeizueilen. Alle diese schimmernden Hoffnungen setzte er dem Wohl eines Alliierten nach, den weder Verdienste noch guter Wille dieses Opfers werth machten; der, bei den dringendsten Aufforderungen des Gemeingeistes, nur seinem eigenen Vortheil mit kleinlicher Selbstsucht diente; der nicht durch die Dienste, die man sich von ihm versprach, nur durch den Schaden, den man von ihm besorgte, bedeutend war. Und wer erwehrt sich nun des Unwillens, wenn er hört, daß auf dem Wege, den Gustav Adolph jetzt zur Befreiung dieses Fürsten antritt, der große König das Ziel seiner Thaten findet?

Schnell zog er seine Truppen im fränkischen Kreise zusammen und folgte dem Wallensteinischen Heere durch Thüringen nach. Herzog Bernhard von Weimar, der gegen Pappenheim war vorausgeschickt worden, stieß bei Arnstadt zu dem Könige, der sich jetzt an der Spitze von zwanzigtausend Mann geübter Truppen erblickte. Zu Erfurt trennte er sich von seiner Gemahlin, die ihn nicht eher als zu Weißenfels im Sarge wieder sehen sollte; der bange gepreßte Abschied deutete auf eine ewige Trennung. Er erreichte Naumburg am ersten November des Jahrs 1632, ehe die dahin detachierten Corps des Herzogs von Friedland sich dieses Platzes bemächtigen konnten. Schaarenweise strömte alles Volk aus der umliegenden Gegend herbei, den Helden, den Rächer, den großen König anzustaunen, der ein Jahr vorher auf eben diesem Boden als ein rettender Engel erschienen war. Stimmen der Freude umtönten ihn, wo er sich sehen ließ; anbetend stürzte sich alles vor ihm auf die Kniee; man stritt sich um die Gunst, die Scheide seines Schwerts, den Saum seines Kleides zu berühren. Den bescheidenen Helden empörte dieser unschuldige Tribut, den ihm die aufrichtigste Dankbarkeit und Bewunderung zollte. »Ist es nicht, als ob dieses Volk mich zum Gott mache?« sagte er zu seinen Begleitern. »Unsere Sachen stehen gut; aber ich fürchte, die Rache des Himmels wird mich für dieses verwegene Gaukelspiel strafen und diesem thörichten Haufen meine schwache sterbliche Menschheit früh genug offenbaren.« Wie liebenswürdig zeigt sich uns Gustav, eh er auf ewig von uns Abschied nimmt! Auch in der Fülle seines Glücks die richtende Nemesis ehrend, verschmäht er eine Huldigung, die nur den Unsterblichen gebührt, und sein Recht auf unsere Thränen verdoppelt sich, eben da er dem Augenblick nahe ist, sie zu erregen.

Unterdessen war der Herzog von Friedland dem anrückenden König bis Weißenfels entgegen gezogen, entschlossen, die Winterquartiere in Sachsen, auch wenn es eine Schlacht kosten sollte, zu behaupten. Seine Unthätigkeit vor Nürnberg hatte ihn dem Verdacht ausgesetzt, als ob er sich mit dem nordischen Helden nicht zu messen wagte, und sein ganzer Ruhm war in Gefahr, wenn er die Gelegenheit zu schlagen zum zweitenmal entwischen ließ. Seine Ueberlegenheit an Truppen, wiewohl weit geringer, als sie in der ersten Zeit des Nürnbergischen Lagers gewesen, machte ihm die wahrscheinlichste Hoffnung zum Sieg, wenn er den König, vor der Vereinigung desselben mit den Sachsen, in ein Treffen verwickeln konnte. Aber seine jetzige Zuversicht war nicht sowohl auf seine größere Truppenzahl als auf die Versicherungen seines Astrologen Seni gegründet, welcher in den Sternen gelesen hatte, daß das Glück des schwedischen Monarchen im November untergehen würde. Ueberdies waren zwischen Kamburg und Weißenfels enge Pässe, von einer fortlaufenden Bergkette und der nahe strömenden Saale gebildet, welche es der schwedischen Armee äußerst schwer machten, vorzudringen, und mit Hilfe weniger Truppen gänzlich geschlossen werden konnten. Dem König blieb dann keine andere Wahl, als sich mit größter Gefahr durch diese Defileen zu winden, oder einen beschwerlichen Rückzug durch Thüringen zu nehmen und in einem verwüsteten Lande, wo es an jeder Nothdurft gebrach, den größten Theil seiner Truppen einzubüßen. Die Geschwindigkeit, mit der Gustav Adolph von Naumburg Besitz nahm, vernichtete diesen Plan, und jetzt war es Wallenstein selbst, der den Angriff erwartete.

Aber in dieser Erwartung sah er sich getäuscht, als der König, anstatt ihm bis Weißenfels entgegen zu rücken, alle Anstalten traf, sich bei Naumburg zu verschanzen und hier die Verstärkungen zu erwarten, welche der Herzog von Lüneburg im Begriff war ihm zuzuführen. Unschlüssig, ob er dem König durch die engen Pässe zwischen Weißenfels und Naumburg entgegen gehen, oder in seinem Lager unthätig stehen bleiben sollte, versammelte er seinen Kriegsrath, um die Meinung seiner erfahrensten Generale zu vernehmen. Keiner von allen fand es rathsam, den König in seiner vorteilhaften Stellung anzugreifen, und die Vorkehrungen, welche dieser zu Befestigung seines Lagers traf, schienen deutlich anzuzeigen, daß er gar nicht Willens sei, es so bald zu verlassen. Aber eben so wenig erlaubte der eintretende Winter, den Feldzug zu verlängern und eine der Ruhe so sehr bedürftige Armee durch fortgesetzte Campierung zu ermüden. Alle Stimmen erklärten sich für die Endigung des Feldzugs, um so mehr, da die wichtige Stadt Köln am Rhein von holländischen Truppen gefährlich bedroht war und die Fortschritte des Feindes in Westphalen und am Unterrhein die nachdrücklichste Hilfe in diesen Gegenden erheischten. Der Herzog von Friedland erkannte das Gewicht dieser Gründe, und beinahe überzeugt, daß von dem König für diese Jahrszeit kein Angriff mehr zu befürchten sei, bewilligte er seinen Truppen die Winterquartiere, doch so, daß sie aufs schnellste versammelt waren, wenn etwa der Feind gegen alle Erwartung noch einen Angriff wagte. Graf Pappenheim wurde mit einem großen Theile des Heers entlassen, um der Stadt Köln zu Hilfe zu eilen und auf dem Wege dahin die Hallische Festung Morizburg in Besitz zu nehmen. Einzelne Corps bezogen in den schicklichsten Städten umher ihre Winterquartiere, um die Bewegungen des Feindes von allen Seiten beobachten zu können, Graf Colloredo bewachte das Schloß zu Weißenfels, und Wallenstein selbst blieb mit dem Ueberrest unweit Merseburg zwischen dem Floßgraben und der Saale stehen, von wo er gesonnen war seinen Marsch über Leipzig zu nehmen und die Sachsen von dem schwedischen Heer abzuschneiden.

Kaum aber hatte Gustav Adolph Pappenheims Abzug vernommen, so verließ er plötzlich sein Lager bei Naumburg und eilte, den um die Hälfte geschwächten Feind mit seiner ganzen Macht anzufallen. In beschleunigtem Marsche rückte er gegen Weißenfels vor, von wo aus sich das Gerücht von seiner Ankunft schnell bis zum Feinde verbreitete und den Herzog von Friedland in die höchste Verwunderung setzte. Aber es galt jetzt einen schnellen Entschluß, und der Herzog hatte seine Maßregeln bald genommen. Obgleich man dem zwanzigtausend Mann starken Feinde nicht viel über zwölftausend entgegenzusetzen hatte, so konnte man doch hoffen, sich bis zu Pappenheims Rückkehr zu behaupten, der sich höchstens fünf Meilen weit, bis Halle, entfernt haben konnte. Schnell flogen Eilboten ab, ihn zurückzurufen, und zugleich zog sich Wallenstein in die weite Ebene zwischen dem Floßgraben und Lützen, wo er in völliger Schlachtordnung den König erwartete und ihn durch diese Stellung von Leipzig und den sächsischen Völkern trennte.

Drei Kanonenschüsse, welche Graf Colloredo von dem Schlosse zu Weißenfels abbrannte, verkündigten den Marsch des Königs, und auf dieses verabredete Signal zogen sich die friedländischen Vortruppen unter dem Commando des Kroatengenerals Isolani zusammen, die an der Rippach gelegenen Dörfer zu besetzen. Ihr schwacher Widerstand hielt den anrückenden Feind nicht auf, der bei dem Dorfe Rippach über das Wasser dieses Namens setzte und sich unterhalb Lützen der kaiserlichen Schlachtordnung gegenüber stellte. Die Landstraße, welche von Weißenfels nach Leipzig führt, wird zwischen Lützen und Markranstädt von dem Floßgraben durchschnitten, der sich von Zeitz nach Merseburg erstreckt und die Elster mit der Saale verbindet. An diesen Kanal lehnte sich der linke Flügel der Kaiserlichen und der rechte des Königs von Schweden, doch so, daß sich die Reiterei beider Theile noch jenseits desselben verbreitete. Nordwärts hinter Lützen hatte sich Wallensteins rechter Flügel und südwärts von diesem Städtchen der linke Flügel des schwedischen Heers gelagert. Beide Armeen kehrten der Landstraße ihre Fronte zu, welche mitten durch sie hinging und eine Schlachtordnung von der andern absonderte. Aber eben dieser Landstraße hatte sich Wallenstein am Abend vor der Schlacht zum großen Nachtheil seines Gegners bemächtigt, die zu beiden Seiten derselben fortlaufenden Gräben vertiefen und durch Musketiere besetzen lassen, daß der Uebergang ohne Beschwerlichkeit und Gefahr nicht zu wagen war. Hinter denselben ragte eine Batterie von sieben großen Kanonen hervor, das Musketenfeuer aus den Gräben zu unterstützen, und an den Windmühlen, nahe hinter Lützen, waren vierzehn kleinere Feldstücke auf einer Anhöhe aufgepflanzt, von der man einen großen Theil der Ebene bestreichen konnte. Die Infanterie, in nicht mehr als fünf große und unbehilfliche Brigaden vertheilt, stand in einer Entfernung von dreihundert Schritten hinter der Landstraße in Schlachtordnung, und die Reiterei bedeckte die Flanken. Alles Gepäcke ward nach Leipzig geschickt, um die Bewegungen des Heeres nicht zu hindern, und bloß die Munitionswagen hielten hinter dem Treffen. Um die Schwäche der Armee zu verbergen, mußten alle Troßjungen und Knechte zu Pferde sitzen und sich an den linken Flügel anschließen; doch nur so lange, bis die Pappenheimischen Völker anlangten. Diese ganze Anordnung geschah in der Finsterniß der Nacht, und ehe der Tag graute, war alles zum Empfang des Feindes bereitet.

Noch an eben diesem Abend erschien Gustav Adolph auf der gegenüberliegenden Ebene und stellte seine Völker zum Treffen. Die Schlachtordnung war dieselbe, wodurch er das Jahr vorher bei Leipzig gesiegt hatte. Durch das Fußvolk wurden kleine Schwadronen verbreitet, unter die Reiterei hin und wieder eine Anzahl Musketiere vertheilt. Die ganze Armee stand in zwei Linien, den Floßgraben zur Rechten und hinter sich, vor sich die Landstraße und die Stadt Lützen zur Linken. In der Mitte hielt das Fußvolk unter des Grafen von Brahe Befehlen, die Reiterei auf den Flügeln und vor der Fronte das Geschütz. Einem deutschen Helden, dem Herzog Bernhard von Weimar, war die deutsche Reiterei des linken Flügels untergeben, und auf dem rechten führte der König selbst seine Schweden an, die Eifersucht beider Völker zu einem edeln Wettkampfe zu erhitzen. Auf ähnliche Art war das zweite Treffen geordnet, und hinter demselben hielt ein Reservecorps unter Hendersons, eines Schottländers, Commando.

Also gerüstet erwartete man die blutige Morgenröthe, um einen Kampf zu beginnen, den mehr der lange Aufschub als die Wichtigkeit der möglichen Folgen, mehr die Auswahl als die Anzahl der Truppen furchtbar und merkwürdig machten. Die gespannten Erwartungen Europens, die man im Lager vor Nürnberg hinterging, sollten nun in den Ebenen Lützens befriedigt werden. Zwei solche Feldherrn, so gleich an Ansehen, an Ruhm und an Fähigkeit, hatten im ganzen Laufe dieses Kriegs noch in keiner offenbaren Schlacht ihre Kräfte gemessen, eine so hohe Wette noch nie die Kühnheit geschreckt, ein so wichtiger Preis noch nie die Hoffnung begeistert. Der morgende Tag sollte Europa seinen ersten Kriegsfürsten kennen lehren und einen Ueberwinder dem nie Ueberwundenen geben. Ob am Lechstrom und bei Leipzig Gustav Adolphs Genie oder nur die Ungeschicklichkeit seines Gegners den Ausschlag bestimmte, mußte der morgende Tag außer Zweifel setzen. Morgen mußte Friedlands Verdienst die Wahl des Kaisers rechtfertigen und die Größe des Mannes die Größe des Preises aufwägen, um den er erkauft worden war. Eifersüchtig theilte jeder einzelne Mann im Heer seines Führers Ruhm, und unter jedem Harnische wechselten die Gefühle, die den Busen der Generale durchflammten. Zweifelhaft war der Sieg, gewiß die Arbeit und das Blut, das er dem Ueberwinder wie dem Ueberwundenen kosten mußte. Man kannte den Feind vollkommen, dem man jetzt gegenüber stand, und die Bangigkeit, die man vergeblich bekämpfte, zeugte glorreich für seine Stärke.

Endlich erscheint der gefürchtete Morgen; aber ein undurchdringlicher Nebel, der über das ganze Schlachtfeld verbreitet liegt, verzögert den Angriff noch bis zur Mittagsstunde. Vor der Fronte knieend hält der König seine Andacht; die ganze Armee, auf die Kniee hingestürzt, stimmt zu gleicher Zeit ein rührendes Lied an, und die Feldmusik begleitet den Gesang. Dann steigt der König zu Pferde, und bloß mit einem ledernen Goller und einem Tuchrock bekleidet (eine vormals empfangene Wunde erlaubte ihm nicht mehr, den Harnisch zu tragen), durchreitet er die Glieder, den Muth der Truppen zu einer frohen Zuversicht zu entflammen, die sein eigner ahnungsvoller Busen verleugnet. »Gott mit uns!« war das Wort der Schweden; das der Kaiserlichen: »Jesus Maria.« Gegen eilf Uhr fängt der Nebel an, sich zu zertheilen, und der Feind wird sichtbar. Zugleich sieht man Lützen in Flammen stehen, auf Befehl des Herzogs in Brand gesteckt, damit er von dieser Seite nicht überflügelt würde. Jetzt tönt die Losung, die Reiterei sprengt gegen den Feind, und das Fußvolk ist im Anmarsch gegen die Gräben.

Von einem fürchterlichen Feuer der Musketen und des dahinter gepflanzten groben Geschützes empfangen, setzen diese tapfern Bataillons mit unerschrockenem Muth ihren Angriff fort, die feindlichen Musketiere verlassen ihren Posten, die Gräben sind übersprungen, die Batterie selbst wird erobert und sogleich gegen den Feind gerichtet. Sie dringen weiter mit unaufhaltsamer Gewalt, die erste der fünf friedländischen Brigaden wird niedergeworfen, gleich darauf die zweite, und schon wendet sich die dritte zur Flucht; aber hier stellt sich der schnell gegenwärtige Geist des Herzogs ihrem Andrang entgegen. Mit Blitzesschnelligkeit ist er da, der Unordnung seines Fußvolkes zu steuern, und seinem Machtwort gelingt's, die Fliehenden zum Stehen zu bewegen. Von drei Cavallerieregimentern unterstützt, machen die schon geschlagenen Brigaden aufs neue Fronte gegen den Feind und dringen mit Macht in seine zerrissenen Glieder. Ein mörderischer Kampf erhebt sich, der nahe Feind gibt dem Schießgewehr keinen Raum, die Wuth des Angriffs keine Frist mehr zur Ladung, Mann ficht gegen Mann, das unnütze Feuerrohr macht dem Schwert und der Pike Platz, und die Kunst der Erbitterung. Ueberwältigt von der Menge, weichen endlich die ermatteten Schweden über die Gräben zurück, und die schon eroberte Batterie geht bei diesem Rückzug verloren. Schon bedecken tausend verstümmelte Leichen das Land, und noch ist kein Fuß breit Erde gewonnen.

Indessen hat der rechte Flügel des Königs, von ihm selbst angeführt, den linken des Feindes angefallen. Schon der erste machtvolle Andrang der schweren finnländischen Kürassiere zerstreute die leicht berittenen Polen und Kroaten, die sich an diesen Flügel anschlossen, und ihre unordentliche Flucht theilte auch der übrigen Reiterei Furcht und Verwirrung mit. In diesem Augenblick hinterbringt man dem König, daß seine Infanterie über die Gräben zurückweiche und auch sein linker Flügel durch das feindliche Geschütz von den Windmühlen aus furchtbar geängstigt und schon zum Weichen gebracht werde. Mit schneller Besonnenheit überträgt er dem General von Horn, den schon geschlagenen linken Flügel des Feindes zu verfolgen, und er selbst eilt an der Spitze des Stenbockischen Regiments davon, der Unordnung seines eigenen linken Flügels abzuhelfen. Sein edles Roß trägt ihn pfeilschnell über die Gräben; aber schwerer wird den nachfolgenden Schwadronen der Uebergang, und nur wenige Reiter, unter denen Franz Albert, Herzog von Sachsen-Lauenburg, genannt wird, waren behend genug, ihm zur Seite zu bleiben. Er sprengte geraden Wegs demjenigen Orte zu, wo sein Fußvolk am gefährlichsten bedrängt war, und indem er seine Blicke umhersendet, irgend eine Blöße des feindlichen Heeres auszuspähen, auf die er den Angriff richten könnte, führt ihn sein kurzes Gesicht zu nah an dasselbe. Ein kaiserlicher Gefreiter bemerkt, daß dem Vorübersprengenden alles ehrfurchtsvoll Platz macht, und schnell befiehlt er einem Musketier, auf ihn anzuschlagen. »Auf Den dort schieße,« ruft er, »das muß ein vornehmer Mann sein.« Der Soldat drückt ab, und dem König wird der linke Arm zerschmettert. In diesem Augenblick kommen seine Schwadronen dahergesprengt, und ein verwirrtes Geschrei. »Der König blutet! – Der König ist erschossen!« breitet unter den Ankommenden Schrecken und Entsetzen aus. »Es ist nichts – folgt mir!« ruft der König, seine ganze Stärke zusammenraffend; aber überwältigt von Schmerz und der Ohnmacht nahe, bittet er in französischer Sprache den Herzog von Lauenburg, ihn ohne Aufsehen aus dem Gedränge zu schaffen. Indem der letztere auf einem weiten Umweg, um der muthlosen Infanterie diesen niederschlagenden Anblick zu entziehen, nach dem rechten Flügel mit dem Könige umwendet, erhält dieser einen zweiten Schuß durch den Rücken, der ihm den letzten Rest seiner Kräfte raubt. »Ich habe genug, Bruder!« ruft er mit sterbender Stimme; »suche du nur dein Leben zu retten.« Zugleich sank er vom Pferd, und von noch mehrern Schüssen durchbohrt, von allen seinen Begleitern verlassen, verhauchte er unter den räuberischen Händen der Kroaten sein Leben. Bald entdeckte sein ledig fliehendes, in Blute gebadetes Roß der schwedischen Reiterei ihres Königs Fall, und wüthend dringt sie herbei, dem gierigen Feind diese heilige Beute zu entreißen. Um seinen Leichnam entbrennt ein mörderisches Gefecht, und der entstellte Körper wird unter einem Hügel von Todten begraben.

Die Schreckenspost durcheilt in kurzer Zeit das ganze schwedische Heer; aber anstatt den Muth dieser tapfern Schaaren zu ertödten, entzündet sie ihn vielmehr zu einem neuen, wilden, verzehrenden Feuer. Das Leben fällt in seinem Preise, da das heiligste aller Leben dahin ist, und der Tod hat für den Niedrigen keine Schrecken mehr, seitdem er das gekrönte Haupt nicht verschonte. Mit Löwengrimm werfen sich die upländischen, smaländischen, finnischen, ost- und westgothischen Regimenter zum zweitenmal auf den linken Flügel des Feindes, der dem General von Horn nur noch schwachen Widerstand leistet und jetzt völlig aus dem Felde geschlagen wird. Zugleich gibt Herzog Bernhard von Weimar dem verwaisten Heere der Schweden in seiner Person ein fähiges Oberhaupt, und der Geist Gustav Adolphs führt von neuem seine siegreichen Schaaren. Schnell ist der linke Flügel wieder geordnet, und mit Macht dringt er auf den rechten der Kaiserlichen ein. Das Geschütz an den Windmühlen, das ein so mörderisches Feuer auf die Schweden geschleudert hatte, fällt in seine Hand, und auf die Feinde selbst werden jetzt diese Donner gerichtet. Auch der Mittelpunkt des schwedischen Fußvolks setzt unter Bernhards und Kniphausens Anführung aufs neue gegen die Gräben an, über die er sich glücklich hinwegschwingt und zum zweitenmal die Batterie der sieben Kanonen erobert. Auf die schweren Bataillons des feindlichen Mittelpunkts wird jetzt mit gedoppelter Wuth der Angriff erneuert, immer schwächer und schwächer widerstehen sie, und der Zufall selbst verschwört sich mit der schwedischen Tapferkeit, ihre Niederlage zu vollenden. Feuer ergreift die kaiserlichen Pulverwagen; und unter schrecklichem Donnerknalle sieht man die aufgehäuften Granaten und Bomben in die Lüfte fliegen. Der in Bestürzung gesetzte Feind wähnt sich von hinten angefallen, indem die schwedischen Brigaden von vorn ihm entgegenstürmen. Der Muth entfällt ihm. Er sieht seinen linken Flügel geschlagen, seinen rechten im Begriff, zu erliegen, sein Geschütz in des Feindes Hand. Es neigt sich die Schlacht zu ihrer Entscheidung, das Schicksal des Tages hängt nur noch an einem einzigen Augenblick – da erscheint Pappenheim auf dem Schlachtfelde mit Kürassieren und Dragonern; alle erhaltenen Vortheile sind verloren, und eine ganz neue Schlacht fängt an.

Der Befehl, welcher diesen General nach Lützen zurückrief, hatte ihn zu Halle erreicht, eben da seine Völker mit Plünderung dieser Stadt noch beschäftigt waren. Unmöglich war's, das zerstreute Fußvolk mit der Schnelligkeit zu sammeln, als die dringende Ordre und die Ungeduld dieses Kriegers verlangten. Ohne es zu erwarten, ließ er acht Regimenter Cavallerie aufsitzen und eilte an der Spitze derselben spornstreichs auf Lützen zu, an dem Feste der Schlacht Theil zu nehmen. Er kam noch eben recht, um die Flucht des kaiserlichen linken Flügels, den Gustav Horn aus dem Felde schlug, zu bezeugen und sich anfänglich selbst darein verwickelt zu sehen. Aber mit schneller Gegenwart des Geistes sammelt er diese flüchtigen Völker wieder und führt sie aufs neue gegen den Feind. Fortgerissen von seinem wilden Muth und voll Ungeduld, dem König selbst, den er an der Spitze dieses Flügels vermuthet, gegenüber zu fechten, bricht er fürchterlich in die schwedischen Schaaren, die, ermattet vom Sieg und an Anzahl zu schwach, dieser Fluth von Feinden nach dem männlichsten Widerstand unterliegen. Auch den erlöschenden Muth des kaiserlichen Fußvolks ermuntert Pappenheims nicht mehr gehoffte Erscheinung, und schnell benutzt der Herzog von Friedland den günstigen Augenblick, das Treffen aufs neue zu formieren. Die dicht geschlossenen schwedischen Bataillons werden unter einem mörderischen Gefechte über die Gräben zurückgetrieben und die zweimal verlornen Kanonen zum zweitenmal ihren Händen entrissen. Das ganze gelbe Regiment, als das trefflichste von allen, die an diesem blutigen Tage Beweise ihres Heldenmuths gaben, lag todt dahin gestreckt und bedeckte noch in derselben schönen Ordnung den Wahlplatz, den es lebend mit so standhaftem Muthe behauptet hatte. Ein ähnliches Loos traf ein anderes blaues Regiment, welches Graf Piccolomini mit der kaiserlichen Reiterei nach dem wüthendsten Kampfe zu Boden warf. Zu sieben verschiedenen Malen wiederholte dieser treffliche General den Angriff; sieben Pferde wurden unter ihm erschossen, und sechs Musketenkugeln durchbohrten ihn. Dennoch verließ er das Schlachtfeld nicht eher, als bis ihn der Rückzug des ganzen Heeres mit fortriß. Den Herzog selbst sah man, mitten unter dem feindlichen Kugelregen, mit kühler Seele seine Truppen durchreiten, dem Notleidenden nahe mit Hilfe, dem Tapfern mit Beifall, dem Verzagten mit seinem strafenden Blick. Um und neben ihm stürzen seine Völker entseelt dahin, und sein Mantel wird von vielen Kugeln durchlöchert. Aber die Rachegötter beschützen heute seine Brust, für die schon ein anderes Eisen geschliffen ist; auf dem Bette, wo Gustav erblaßte, sollte Wallenstein den schuldbefleckten Geist nicht verhauchen.

Nicht so glücklich war Pappenheim, der Telamonier des Heers, der furchtbarste Soldat des Hauses Oesterreich und der Kirche. Glühende Begier, dem König selbst im Kampfe zu begegnen, riß den Wüthenden mitten in das blutigste Schlachtgewühl, wo er seinen edeln Feind am wenigsten zu verfehlen hoffte. Auch Gustav hatte den feurigen Wunsch gehegt, diesen geachteten Gegner von Angesicht zu sehen, aber die feindselige Sehnsucht blieb ungestillt, und erst der Tod führte die versöhnten Helden zusammen. Zwei Musketenkugeln durchbohrten Pappenheims narbenvolle Brust, und gewaltsam mußten ihn die Seinen aus dem Mordgewühl tragen. Indem man beschäftigt war, ihn hinter das Treffen zu bringen, drang ein Gemurmel zu seinen Ohren, daß Der, den er suchte, entseelt auf dem Wahlplatz liege. Als man ihm die Wahrheit dieses Gerüchtes bekräftigte, erheiterte sich sein Gesicht, und das letzte Feuer blitzte in seinen Augen. »So hinterbringe man denn dem Herzog von Friedland,« rief er aus, »daß ich ohne Hoffnung zum Leben darnieder liege, aber fröhlich dahin scheide, da ich weiß, daß dieser unversöhnliche Feind meines Glaubens an Einem Tage mit mir gefallen ist.«

Mit Pappenheim verschwand das Glück der Kaiserlichen von dem Schlachtfelde. Nicht sobald vermißte die schon einmal geschlagene und durch ihn allein wieder hergestellte Reiterei des linken Flügels ihren sieghaften Führer, als sie alles verloren gab und mit muthloser Verzweiflung das Weite suchte. Gleiche Bestürzung ergriff auch den rechten Flügel, wenige Regimenter ausgenommen, welche die Tapferkeit ihrer Obersten, Götz, Terzky, Colloredo und Piccolomini, nöthigte, Stand zu halten. Die schwedische Infanterie benutzt mit schneller Entschlossenheit die Bestürzung des Feindes. Um die Lücken zu ergänzen, welche der Tod in ihr Vordertreffen gerissen, ziehen sich beide Linien in Eine zusammen, die den letzten entscheidenden Angriff wagt. Zum drittenmal setzt sie über die Gräben, und zum drittenmal werden die dahinter gepflanzten Stücke erobert. Die Sonne neigt sich eben zum Untergang, indem beide Schlachtordnungen auf einander treffen. Heftiger erhitzt sich der Streit an seinem Ende, die letzte Kraft ringt mit der letzten Kraft, Geschicklichkeit und Wuth thun ihr Aeußerstes, in den letzten theuren Minuten den ganzen verlorenen Tag nachzuholen. Umsonst, die Verzweiflung erhebt jede über sich selbst, keine versteht zu siegen, keine zu weichen, und die Taktik erschöpft hier ihre Wunder nur, um dort neue, nie gelernte, nie in Uebung gebrachte Meisterstücke der Kunst zu entwickeln. Endlich setzen Nebel und Nacht dem Gefecht eine Grenze, dem die Wuth keine setzen will, und der Angriff hört auf, weil man seinen Feind nicht mehr findet. Beide Kriegsheere scheiden mit stillschweigender Uebereinkunft aus einander, die erfreuenden Trompeten ertönen, und jedes, für unbesiegt sich erklärend, verschwindet aus dem Gefilde.

Die Artillerie beider Theile blieb, weil die Rosse sich verlaufen, die Nacht über auf dem Wahlplatze verlassen stehen – zugleich der Preis und die Urkunde des Sieges für Den, der die Wahlstatt eroberte. Aber über der Eilfertigkeit, mit der er von Leipzig und Sachsen Abschied nahm, vergaß der Herzog von Friedland, seinen Antheil daran von dem Schlachtfelde abzuholen. Nicht lange nach geendigtem Treffen erschien das Pappenheimische Fußvolk, das seinem vorauseilenden General nicht schnell genug hatte folgen können, sechs Regimenter stark, auf dem Wahlplatz; aber die Arbeit war gethan. Wenige Stunden früher würde diese beträchtliche Verstärkung die Schlacht wahrscheinlich zum Vortheil des Kaisers entschieden und selbst noch jetzt durch Eroberung des Schlachtfeldes die Artillerie des Herzogs gerettet und die schwedische erbeutet haben. Aber keine Ordre war da, ihr Verhalten zu bestimmen, und zu ungewiß über den Ausgang der Schlacht, nahm sie ihren Weg nach Leipzig, wo sie das Hauptheer zu finden hoffte.

Dahin hatte der Herzog von Friedland seinen Rückzug genommen, und ohne Geschütz, ohne Fahnen und beinahe ohne alle Waffen folgte ihm am andern Morgen der zerstreute Ueberrest seines Heers. Zwischen Lützen und Weißenfels, scheint es, ließ Herzog Bernhard die schwedische Armee von den Anstrengungen dieses blutigen Tages sich erholen, nahe genug an dem Schlachtfeld, um jeden Versuch des Feindes zu Eroberung desselben sogleich vereiteln zu können. Von beiden Armeen lagen über neuntausend Mann todt auf dem Wahlplatze; noch weit größer war die Zahl der Verwundeten, und unter den Kaiserlichen besonders fand sich kaum Einer, der unverletzt aus dem Treffen zurückgekehrt wäre. Die ganze Ebene von Lützen bis an den Floßgraben war mit Verwundeten, mit Sterbenden, mit Todten bedeckt. Viele von dem vornehmsten Adel waren auf beiden Seiten gefallen; auch der Abt von Fulda, der sich als Zuschauer in die Schlacht gemischt hatte, büßte seine Neugier und seinen unzeitigen Glaubenseifer mit dem Tode. Von Gefangenen schweigt die Geschichte; ein Beweis mehr für die Wuth der Armeen, die keinen Pardon gab oder keinen verlangte.

Pappenheim starb gleich am folgenden Tage zu Leipzig an seinen Wunden; ein unersetzlicher Verlust für das kaiserliche Heer, das dieser treffliche Krieger so oft zum Sieg geführt hatte. Die Prager Schlacht, der er zugleich mit Wallenstein als Oberster beiwohnte, öffnete seine Heldenbahn. Gefährlich verwundet, warf er durch das Ungestüm seines Muths mit wenigen Truppen ein feindliches Regiment darnieder und lag viele Stunden lang, mit andern Todten verwechselt, unter der Last seines Pferdes auf der Wahlstatt, bis ihn die Seinigen bei Plünderung des Schlachtfelds entdeckten. Mit wenigem Volk überwand er die Rebellen in Oberösterreich, vierzigtausend an der Zahl, in drei verschiedenen Schlachten, hielt in dem Treffen bei Leipzig die Niederlage des Tilly lange Zeit durch seine Tapferkeit auf und machte die Waffen des Kaisers an der Elbe und an dem Weserstrom siegen. Das wilde stürmische Feuer seines Muths, den auch die entschiedenste Gefahr nicht schreckte und kaum das Unmögliche bezwang, machte ihn zum furchtbarsten Arm des Feldherrn, aber untüchtig zum Oberhaupt des Heers; das Treffen bei Leipzig ging, wenn man dem Ausspruch Tillys glauben darf, durch seine ungestüme Hitze verloren. Auch er tauchte bei Magdeburgs Zerstörung seine Hand in Blut; sein Geist, durch frühen jugendlichen Fleiß und vielfältige Reisen zur schönsten Blüthe entfaltet, verwilderte unter den Waffen. Auf seiner Stirne erblickte man zwei rothe Striemen, Schwertern ähnlich, womit die Natur schon bei der Geburt ihn gezeichnet hatte. Auch noch in spätern Jahren erschienen diese Flecken, so oft eine Leidenschaft sein Blut in Bewegung brachte, und der Aberglaube überredete sich leicht, daß der künftige Beruf des Mannes schon auf der Stirne des Kindes angedeutet worden sei. Ein solcher Diener hatte auf die Dankbarkeit beider österreichischen Linien den gegründetsten Anspruch; aber den glänzendsten Beweis derselben erlebte er nicht mehr. Schon war der Eilbote auf dem Wege, der ihm das goldene Vließ von Madrid überbringen sollte, als der Tod ihn zu Leipzig dahinraffte.

Ob man gleich in allen österreichischen und spanischen Landen über den erfochtenen Sieg das Te Deum anstimmte, so gestand doch Wallenstein selbst durch die Eilfertigkeit, mit der er Leipzig und bald darauf ganz Sachsen verließ und auf die Winterquartiere in diesem Lande Verzicht that, öffentlich und laut seine Niederlage. Zwar that er noch einen schwachen Versuch, die Ehre des Siegs gleichsam im Flug wegzuhaschen, und schickte am andern Morgen seine Kroaten aus, das Schlachtgefild zu umschwärmen; aber der Anblick des schwedischen Heers, das in Schlachtordnung dastand, verscheuchte im Augenblick diese flüchtigen Schaaren, und Herzog Bernhard nahm durch Eroberung der Wahlstatt, auf welche bald nachher die Einnahme Leipzigs folgte, unbestrittenen Besitz von allen Rechten des Siegers.

Aber ein theurer Sieg, ein trauriger Triumph! Jetzt erst, nachdem die Wuth des Kampfes erkaltet ist, empfindet man die ganze Größe des erlittenen Verlustes, und das Jubelgeschrei der Ueberwinder erstirbt in einer stummen, finstern Verzweiflung. Er, der sie in den Streit herausgeführt hatte, ist nicht mit zurückgekehrt. Draußen liegt er in seiner gewonnenen Schlacht, mit dem gemeinen Haufen niedriger Todten verwechselt. Nach langem vergeblichen Suchen entdeckt man endlich den königlichen Leichnam, unfern dem großen Steine, der schon hundert Jahre vorher zwischen dem Floßgraben und Lützen gesehen worden, aber von dem merkwürdigen Unglücksfalle dieses Tages den Namen des Schwedensteines führt. Von Blut und Wunden bis zum Unkenntlichen entstellt, von den Hufen der Pferde zertreten und durch räuberische Hände seines Schmucks, seiner Kleider beraubt, wird er unter einem Hügel von Todten hervorgezogen, nach Weißenfels gebracht und dort dem Wehklagen seiner Truppen, den letzten Umarmungen seiner Gemahlin überliefert. Den ersten Tribut hatte die Rache geheischt, und Blut mußte dem Monarchen zum Sühnopfer strömen; jetzt tritt die Liebe in ihre Rechte ein, und milde Thränen fließen – um den Menschen. Der gemeine Schmerz verschlingt jedes einzelne Leiden. Von dem betäubenden Schlag noch besinnungslos, stehen die Anführer in dumpfer Erstarrung um seine Bahre, und keiner getraut sich noch den ganzen Umfang dieses Verlustes zu denken.

Der Kaiser, erzählt uns Khevenhiller, zeigte beim Anblick des blutigen Gollers, den man dem Könige in der Schlacht abgenommen und nach Wien geschickt hatte, eine anständige Rührung, die ihm wahrscheinlich auch von Herzen ging. »Gern,« rief er aus, »hätte ich dem Unglücklichen ein längeres Leben und eine fröhliche Rückkehr in sein Königreich gegönnt, wenn nur in Deutschland Friede geworden wäre!« Aber wenn ein neuerer katholischer Schriftsteller von anerkanntem Verdienst diesen Beweis eines nicht ganz unterdrückten Menschengefühls, den selbst schon der äußere Anstand fordert, den auch die bloße Selbstliebe dem fühllosesten Herzen abnöthigt. und dessen Gegentheil nur in der rohesten Seele möglich werden kann, der höchsten Lobpreisung würdig findet und gar dem Edelmuth Alexanders gegen das Andenken des Darius an die Seite setzt, so erweckt er uns ein schlechtes Vertrauen zu dem übrigen Werth seines Helden oder, was noch schlimmer wäre, zu seinem eigenen Ideale von sittlicher Würde. Aber auch ein solches Lob ist bei Demjenigen schon viel, den man von dem Verdacht eines Königsmordes zu reinigen sich genöthigt findet!

Es war wohl kaum zu erwarten, daß der mächtige Hang der Menschen zum Außerordentlichen dem gewöhnlichen Laufe der Natur den Ruhm lassen würde, das wichtige Leben eines Gustav Adolphs geendigt zu haben. Der Tod dieses furchtbaren Gegners war für den Kaiser eine zu wichtige Begebenheit, um nicht bei einer feindseligen Partei den so leicht sich darbietenden Gedanken zu erregen, daß das, was ihm nützte, von ihm veranlaßt worden sei. Aber der Kaiser bedurfte zu Ausführung dieser schwarzen That eines fremden Armes, und auch diesen glaubte man in der Person Franz Alberts, Herzogs von Sachsen-Lauenburg, gefunden zu haben. Diesem erlaubte sein Rang einen freien unverdächtigen Zutritt zu dem Monarchen, und eben diese ehrenvolle Würde diente dazu, ihn über den Verdacht einer schändlichen Handlung hinweg zu setzen. Es braucht nun gezeigt zu werden, daß dieser Prinz einer solchen Abscheulichkeit fähig, und daß er hinlänglich dazu aufgefordert war, sie wirklich zu verüben.

Franz Albert, der jüngste von vier Söhnen Franz' des Zweiten, Herzogs von Lauenburg, und durch seine Mutter verwandt mit dem Wasaischen Fürstengeschlechte, hatte in jüngern Jahren am schwedischen Hofe eine freundschaftliche Aufnahme gefunden. Eine Unanständigkeit, die er sich im Zimmer der Königin Mutter gegen Gustav Adolph erlaubte, wurde, wie man sagt, von diesem feurigen Jüngling mit einer Ohrfeige geahndet, die, obgleich im Augenblick bereut und durch die vollständigste Genugtuung gebüßt, in dem rachgierigen Gemüth des Herzogs den Grund zu einer unversöhnlichen Feindschaft legte. Franz Albert trat in der Folge in kaiserliche Dienste, wo er ein Regiment anzuführen bekam, mit dem Herzog von Friedland in die engste Verbindung trat und sich zu einer heimlichen Unterhandlung am sächsischen Hofe gebrauchen ließ, die seinem Rang wenig Ehre machte. Ohne eine erhebliche Ursache davon angeben zu können, verläßt er unvermuthet die österreichischen Fahnen und erscheint zu Nürnberg im Lager des Königs, ihm seine Dienste als Volontär anzubieten. Durch seinen Eifer für die protestantische Sache und ein zuvorkommendes einschmeichelndes Betragen gewinnt er des Königs Herz, der, von Oxenstierna vergeblich gewarnt, seine Gunst und Freundschaft an den verdächtigen Ankömmling verschwendet. Bald darauf kommt es bei Lützen zur Schlacht, in welcher Franz Albert dem Monarchen wie ein böser Dämon beständig zur Seite bleibt und erst, nachdem der König schon gefallen ist, von ihm scheidet. Mitten unter den Kugeln der Feinde bleibt er unverletzt, weil er eine grüne Binde, die Farbe der Kaiserlichen, um den Leib trägt. Er ist der Erste, der dem Herzog von Friedland, seinem Freunde, den Fall des Königs hinterbringt. Er vertauscht gleich nach dieser Schlacht die schwedischen Dienste mit den sächsischen, und bei der Ermordung Wallensteins als ein Mitschuldiger dieses Generals eingezogen, entgeht er nur durch Abschwörung seines Glaubens dem Schwerte des Nachrichters. Endlich erscheint er aufs neue als Befehlshaber einer kaiserlichen Armee in Schlesien und stirbt vor Schweidnitz an empfangenen Wunden. Es erfordert wirklich einige Selbstüberwindung, sich der Unschuld eines Menschen anzunehmen, der einen Lebenslauf, wie diesen, gelebt hat; aber wenn die moralische und physische Möglichkeit einer so verabscheuungswerthen That auch noch so sehr aus den angeführten Gründen erhellte, so zeigt schon der erste Blick, daß sie auf die wirkliche Begehung derselben keinen rechtmäßigen Schluß erlauben. Es ist bekannt, daß Gustav Adolph, wie der gemeinste Soldat in seinem Heer, sich der Gefahr bloßstellte, und wo Tausende fielen, konnte auch er seinen Untergang finden. Wie er ihn fand, bleibt in undurchdringliches Dunkel verhüllt; aber mehr als irgendwo gilt hier die Maxime, da, wo der natürliche Lauf der Dinge zu einem vollkommenen Erklärungsgrund hinreicht, die Würde der menschlichen Natur durch keine moralische Beschuldigung zu entehren.

Aber durch welche Hand er auch mag gefallen sein, so muß uns dieses außerordentliche Schicksal als eine That der großen Natur erscheinen. Die Geschichte, so oft nur auf das freudenlose Geschäft eingeschränkt, das einförmige Spiel der menschlichen Leidenschaft aus einander zu legen, sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem kühnen Griff aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen und den nachdenkenden Geist auf eine höhere Ordnung der Dinge verweisen. So ergreift uns Gustav Adolphs schnelle Verschwindung vom Schauplatz, die das ganze Spiel des politischen Uhrwerks mit einemmal hemmt und alle Berechnungen der menschlichen Klugheit vereitelt. Gestern noch der belebende Geist, der große und einzige Beweger seiner Schöpfung – heute in seinem Adlerfluge unerbittlich dahingestürzt, herausgerissen aus einer Welt von Entwürfen, von der reifenden Saat seiner Hoffnungen ungestüm abgerufen, läßt er seine verwaiste Partei trostlos hinter sich, und in Trümmern fällt der stolze Bau seiner vergänglichen Größe. Schwer entwöhnt sich die protestantische Welt von den Hoffnungen, die sie auf diesen unüberwindlichen Anführer setzte, und mit ihm fürchtet sie ihr ganzes voriges Glück zu begraben. Aber es war nicht mehr der Wohlthäter Deutschlands, der bei Lützen sank; die wohlthätige Hälfte seiner Laufbahn hatte Gustav Adolph geendigt, und der größte Dienst, den er der Freiheit des deutschen Reichs noch erzeigen kann, ist – zu sterben. Die alles verschlingende Macht des Einzigen zerfällt, und Viele versuchen ihre Kräfte; der zweideutige Beistand eines übermächtigen Beschützers macht der rühmlichen Selbsthilfe der Stände Platz, und vorher nur die Werkzeuge zu seiner Vergrößerung, fangen sie erst jetzt an, für sich selbst zu arbeiten. In ihrem eigenen Muthe suchen sie nunmehr die Rettungsmittel auf, die von der Hand des Mächtigen ohne Gefahr nicht empfangen werden, und die schwedische Macht, außer Stand gesetzt, in eine Unterdrückerin auszuarten, tritt in die bescheidenen Grenzen einer Alliierten zurück.

Unverkennbar strebte der Ehrgeiz des schwedischen Monarchen nach einer Gewalt in Deutschland, die mit der Freiheit der Stände unvereinbar war, und nach einer bleibenden Besitzung im Mittelpunkte dieses Reiches. Sein Ziel war der Kaiserthron, und diese Würde, durch seine Macht unterstützt und geltend gemacht durch seine Thätigkeit, war in seiner Hand einem weit größern Mißbrauch ausgesetzt, als man von dem österreichischen Geschlechte zu befürchten hatte. Geboren im Ausland, in den Maximen der Alleinherrschaft auferzogen und aus frommer Schwärmerei ein abgesagter Feind der Papisten, war er nicht wohl geschickt, das Heiligthum deutscher Verfassung zu bewahren und vor der Freiheit der Stände Achtung zu tragen. Die anstößige Huldigung, welche außer mehrern andern Städten die Reichsstadt Augsburg der schwedischen Krone zu leisten vermocht wurde, zeigte weniger den Beschützer des Reichs, als den Eroberer; und diese Stadt, stolzer auf den Titel einer Königsstadt, als auf den rühmlicheren Vorzug der Reichsfreiheit, schmeichelte sich schon im Voraus, der Sitz seines neuen Reichs zu werden. Seine nicht genug verhehlten Absichten auf das Erzstift Mainz, welches er anfangs dem Kurprinzen von Brandenburg als Mitgift seiner Tochter Christina und nachher seinem Kanzler und Freund Oxenstierna bestimmte, legte deutlich an den Tag, wie viel er sich gegen die Verfassung des Reichs zu erlauben fähig war. Die mit ihm verbundenen protestantischen Fürsten machten Ansprüche an seine Dankbarkeit, die nicht anders, als auf Unkosten ihrer Mitstände, und besonders der unmittelbaren geistlichen Stifter, zu befriedigen waren; und vielleicht war der Entwurf schon gemacht, die eroberten Provinzen nach Art jener alten barbarischen Horden, die das alte Römerreich überschwemmten, unter seine deutschen und schwedischen Kriegsgenossen, wie einen gemeinschaftlichen Raub, zu vertheilen. In seinem Betragen gegen den Pfalzgrafen Friedrich verleugnete er ganz die Großmuth des Helden und den heiligen Charakter eines Beschützers. Die Pfalz war in seinen Händen, und die Pflichten sowohl der Gerechtigkeit als der Ehre forderten ihn auf, diese den Spaniern entrissene Provinz ihrem rechtmäßigen Eigentümer in vollkommenem Stande zurückzugeben. Aber durch eine Spitzfindigkeit, die eines großen Mannes nicht würdig ist und den ehrwürdigen Namen eines Verteidigers der Unterdrückten schändet, wußte er dieser Verbindlichkeit zu entschlüpfen. Er betrachtete die Pfalz als eine Eroberung, die aus Feindeshänden an ihn gekommen sei, und glaubte daraus ein Recht abzuleiten, nach Willkür darüber zu verfügen. Aus Gnade also, und nicht aus Pflichtgefühl, trat er sie dem Pfalzgrafen ab, und zwar als ein Lehen der schwedischen Krone, unter Bedingungen, die den Werth derselben um die Hälfte verringerten und diesen Fürsten zu einem verächtlichen Vasallen Schwedens herabsetzten. Eine dieser Bedingungen, welche dem Pfalzgrafen vorschreibt, »nach geendigtem Kriege einen Theil der schwedischen Kriegsmacht, dem Beispiel der übrigen Fürsten gemäß, unterhalten zu helfen,« läßt uns einen ziemlich hellen Blick in das Schicksal thun, welches Deutschland bei fortdauerndem Glück des Königs erwartete. Sein schneller Abschied von der Welt sicherte dem deutschen Reiche die Freiheit und ihm selbst seinen schönsten Ruhm, wenn er ihm nicht gar die Kränkung ersparte, seine eigenen Bundesgenossen gegen ihn gewaffnet zu sehen und alle Früchte seiner Siege in einem nachtheiligen Frieden zu verlieren. Schon neigte sich Sachsen zum Abfall von seiner Partei; Dänemark betrachtete seine Größe mit Unruh und Neide; und selbst Frankreich, sein wichtigster Alliierter, aufgeschreckt durch das furchtbare Wachsthum seiner Macht und durch den stolzeren Ton, den er führte, sah sich schon damals, als er den Lechstrom passierte, nach fremden Bündnissen um, den sieghaften Lauf des Gothen zu hemmen und das Gleichgewicht der Macht in Europa wieder herzustellen.

Viertes Buch.

Das schwache Band der Eintracht, wodurch Gustav Adolph die protestantischen Glieder des Reichs mühsam zusammenhielt, zerriß mit seinem Tode; die Verbundenen traten in ihre vorige Freiheit zurück, oder sie mußten sich in einem neuen Bunde verknüpfen. Durch das Erste verloren sie alle Vortheile, welche sie mit so vielem Blut errungen hatten, und setzten sich der unvermeidlichen Gefahr aus, der Raub eines Feindes zu werden, dem sie durch ihre Vereinigung allein gewachsen und überlegen gewesen waren. Einzeln konnte es weder Schweden noch irgend ein Reichsstand mit der Ligue und dem Kaiser aufnehmen, und bei einem Frieden, den man unter solchen Umständen suchte, würde man gezwungen gewesen sein, von dem Feinde Gesetze zu empfangen. Vereinigung war also die gleich notwendige Bedingung, sowohl um einen Frieden zu schließen, als um den Krieg fortzusetzen. Aber ein Frieden, in der gegenwärtigen Lage gesucht, konnte nicht wohl anders als zum Nachtheil der verbundenen Mächte geschlossen werden. Mit dem Tode Gustav Adolphs schöpfte der Feind neue Hoffnung, und wie nachtheilig auch seine Lage nach dem Treffen bei Lützen sein mochte, so war dieser Tod seines gefährlichsten Gegners eine zu nachtheilige Begebenheit für die Verbundenen und eine zu glückliche für den Kaiser, um ihn nicht zu den glänzendsten Erwartungen zu berechtigen und zu Fortsetzung des Kriegs einzuladen. Die Trennung unter den Alliierten mußte, für den Augenblick wenigstens, die unvermeidliche Folge desselben sein; und wie viel gewann der Kaiser, gewann die Ligue bei einer solchen Trennung der Feinde! So große Vortheile, als ihm die jetzige Wendung der Dinge versprach, konnte er also nicht wohl für einen Frieden aufopfern, bei dem er nicht das Meiste gewann; und einen solchen Frieden konnten die Verbundenen nicht zu schließen wünschen. Der natürlichste Schluß fiel also auf Fortsetzung des Krieges, so wie Vereinigung für das unentbehrlichste Mittel dazu erkannt wurde.

Aber wie diese Vereinigung erneuern, und wo zu Fortsetzung des Kriegs die Kräfte hernehmen? Nicht die Macht des schwedischen Reiches, nur der Geist und das persönliche Ansehen seines verstorbenen Beherrschers hatten ihm den überwiegenden Einfluß in Deutschland und eine so große Herrschaft über die Gemüther erworben; und auch ihm war es erst nach unendlichen Schwierigkeiten gelungen, ein schwaches und unsicheres Band der Vereinigung unter den Ständen zu knüpfen. Mit ihm verschwand alles, was nur durch ihn, durch seine persönlichen Eigenschaften möglich geworden, und die Verbindlichkeit der Stände hörte zugleich mit den Hoffnungen auf, auf die sie gegründet worden war. Mehrere unter den Ständen werfen ungeduldig das Joch ab, das sie nicht ohne Widerwillen trugen; andere eilen, sich selbst des Ruders zu bemächtigen, das sie ungern genug in Gustavs Händen gesehen, aber nicht Macht gehabt hatten, ihm bei seinen Lebzeiten streitig zu machen. Andere werden von dem Kaiser durch verführerische Versprechungen in Versuchung geführt, den allgemeinen Bund zu verlassen; andere, von den Drangsalen des vierzehnjährigen Krieges zu Boden gedrückt, sehnen sich kleinmüthig nach einem, wenn auch verderblichen Frieden. Die Anführer der Armeen, zum Theil deutsche Fürsten, erkennen kein gemeinschaftliches Oberhaupt, und keiner will sich erniedrigen, von dem andern Befehle zu empfangen. Die Eintracht verschwindet aus dem Kabinet und aus dem Felde, und das gemeine Wesen ist in Gefahr, durch diesen Geist der Trennung ins Verderben zu sinken.

Gustav hatte dem schwedischen Reiche keinen männlichen Nachfolger hinterlassen; seine sechsjährige Tochter Christina war die natürliche Erbin seines Throns. Die unvermeidlichen Gebrechen einer vormundschaftlichen Regierung vertrugen sich mit dem Nachdruck und der Entschlossenheit nicht gut, welche Schweden in diesem mißlichen Zeitlaufe zeigen sollte. Gustav Adolphs hochfliegender Geist hatte diesem schwachen und unberühmten Staat unter den Mächten von Europa einen Platz angewiesen, den er ohne das Glück und den Geist seines Urhebers nicht wohl behaupten und von dem er doch ohne das schimpflichste Geständniß der Ohnmacht nicht mehr herabsteigen konnte. Wenn gleich der deutsche Krieg größtenteils mit Deutschlands Kräften bestritten wurde, so drückte doch schon der kleine Zuschuß, welchen Schweden aus seinen eigenen Mitteln an Geld und Mannschaft dazu gab, dieses dürftige Königreich zu Boden, und der Landmann erlag unter den Lasten, die man auf ihn zu häufen gezwungen war. Die in Deutschland gemachte Kriegsbeute bereicherte bloß Einzelne vom Adel und vom Soldatenstand, und Schweden selbst blieb arm wie zuvor. Eine Zeit lang zwar söhnte der Nationalruhm den geschmeichelten Unterthan mit diesen Bedrückungen aus, und man konnte die Abgaben, die man ihm entrichtete, als ein Darlehn betrachten, das in der glücklichen Hand Gustav Adolphs herrliche Zinsen trug und von diesem dankbaren Monarchen nach einem glorreichen Frieden mit Wucher erstattet werden würde. Aber diese Hoffnung verschwand mit dem Tode des Königs, und das getäuschte Volk forderte nun mit furchtbarer Einhelligkeit Erleichterung von seinen Lasten.

Aber der Geist Gustav Adolphs ruhte noch auf den Männern, denen er die Verwaltung des Reichs anvertraute. Wie schrecklich auch die Post von seinem Tode sie überraschte, so beugte sie doch ihren männlichen Muth nicht, und der Geist des alten Roms unter Brennus und Hannibal beseelte diese edle Versammlung. Je theurer der Preis war, womit man die errungenen Vortheile erkauft hatte, desto weniger konnte man sich entschließen, ihnen freiwillig zu entsagen; nicht umsonst will man einen König eingebüßt haben. Der schwedische Reichsrath. gezwungen, zwischen den Drangsalen eines zweifelhaften, erschöpfenden Kriegs und einem nützlichen, aber schimpflichen Frieden zu wählen, ergreift muthig die Partei der Gefahr und der Ehre, und mit angenehmem Erstaunen sieht man diesen ehrwürdigen Senat sich mit der ganzen Rüstigkeit eines Jünglings erheben. Von innen und außen mit wachsamen Feinden umgeben und an allen Grenzen des Reichs von Gefahren umstürmt, waffnet er sich gegen alle mit so viel Klugheit als Heldenmuth und arbeitet an Erweiterung des Reichs, während daß er Mühe hat, die Existenz desselben zu behaupten.

Das Ableben des Königs und die Minderjährigkeit seiner Tochter Christina erweckte aufs neue die alten Ansprüche Polens auf den schwedischen Thron, und König Ladislaus, Sigismunds Sohn, sparte die Unterhandlungen nicht, sich eine Partei in diesem Reiche zu erwerben. Die Regenten verlieren aus diesem Grunde keinen Augenblick, die sechsjährige Königin in Stockholm als Beherrscherin auszurufen und die vormundschaftliche Verwaltung anzuordnen. Alle Beamten des Reichs werden angehalten, der neuen Fürstin zu huldigen, aller Briefwechsel nach Polen gehemmt und die Plakate der vorhergehenden Könige gegen die Sigismundischen Erben durch eine feierliche Akte bekräftigt. Die Freundschaft mit dem Czar von Moskau wird mit Vorsicht erneuert, um durch die Waffen dieses Fürsten das feindselige Polen desto besser im Zaum zu halten. Die Eifersucht Dänemarks hatte der Tod Gustav Adolphs gebrochen und die Besorgnisse weggeräumt, welche dem guten Vernehmen zwischen diesen beiden Nachbarn im Wege standen. Die Bemühungen der Feinde, Christian den Vierten gegen das schwedische Reich zu bewaffnen, fanden jetzt keinen Eingang mehr, und der lebhafte Wunsch, seinen Prinzen Ulrich mit der jungen Königin zu vermählen, vereinigte sich mit den Vorschriften einer besseren Staatskunst, ihn neutral zu erhalten. Zugleich kommen England, Holland und Frankreich dem schwedischen Reichsrath mit den erfreulichsten Versicherungen ihrer fortdauernden Freundschaft und Unterstützung entgegen und ermuntern ihn mit vereinigter Stimme zu lebhafter Fortsetzung eines so rühmlich geführten Krieges. So viel Ursache man in Frankreich gehabt hatte, sich zu dem Tode des schwedischen Eroberers Glück zu wünschen, so sehr empfand man die Nothwendigkeit eines fortgesetzten Bündnisses mit den Schweden. Ohne sich selbst der größten Gefahr auszusetzen, durfte man diese Macht in Deutschland nicht sinken lassen. Mangel an eigenen Kräften nöthigte sie entweder zu einem schnellen und nachtheiligen Frieden mit Oesterreich, und dann waren alle Bemühungen verloren, die man angewendet hatte, diese gefährliche Macht zu beschränken; oder Noth und Verzweiflung lehrten die Armeen in den Ländern der katholischen Reichsfürsten die Mittel zu ihrem Unterhalt finden, und Frankreich wurde dann zum Verräther an diesen Staaten, die sich seinem mächtigen Schutz unterworfen hatten. Der Fall Gustav Adolphs, weit entfernt, die Verbindungen Frankreichs mit dem schwedischen Reiche zu vernichten, hatte sie vielmehr für beide Staaten notwendiger und für Frankreich um vieles nützlicher gemacht. Jetzt erst, nachdem Derjenige dahin war, der seine Hand über Deutschland gehalten und die Grenzen dieses Reichs gegen die französische Raubsucht gesichert hatte, konnte es seine Entwürfe auf das Elsaß ungehindert verfolgen und den deutschen Protestanten seinen Beistand um einen desto höheren Preis verkaufen.

Durch diese Allianzen gestärkt, gesichert von innen, von außen durch gute Grenzbesatzungen und Flotten vertheidigt, blieben die Regenten keinen Augenblick unschlüssig, einen Krieg fortzuführen, bei welchem Schweden wenig Eigenes zu verlieren und, wenn das Glück seine Waffen krönte, irgend eine deutsche Provinz, sei es als Kostenersatz oder als Eroberung, zu gewinnen hatte. Sicher in seinen Wassern, wagte es nicht viel mehr, wenn seine Armeen aus Deutschland herausgeschlagen wurden, als wenn sie sich freiwillig daraus zurückzogen; und jenes war eben so rühmlich, als dieses entehrend war. Je mehr Herzhaftigkeit man zeigte, desto mehr Vertrauen flößte man den Bundesgenossen, desto mehr Achtung den Feinden ein, desto günstigere Bedingungen waren bei einem Frieden zu erwarten. Fände man sich auch zu schwach, die weit aussehenden Entwürfe Gustavs zu vollführen, so war man doch seinem erhabenen Muster schuldig, das Aeußerste zu thun und keinem andern Hinderniß als der Nothwendigkeit zu weichen. Schade, daß die Triebfeder des Eigennutzes an diesem rühmlichen Entschlusse zu viel Antheil hat, um ihn ohne Einschränkung bewundern zu können! Denen, welche von den Drangsalen des Kriegs für sich selbst nichts zu leiden hatten, ja sich vielmehr dabei bereicherten, war es freilich ein Leichtes, für die Fortdauer desselben zu stimmen – denn endlich war es doch nur das deutsche Reich, das den Krieg bezahlte, und die Provinzen, auf die man sich Rechnung machte, waren mit den wenigen Truppen, die man von jetzt an daran wendete, mit den Feldherren, die man an die Spitze der größtenteils deutschen Armeen stellte, und mit der ehrenvollen Aufsicht über den Gang der Waffen und Unterhandlungen wohlfeil genug erworben.

Aber eben diese Aufsicht vertrug sich nicht mit der Entlegenheit der schwedischen Regentschaft von dem Schauplatze des Kriegs und mit der Langsamkeit, welche die collegialische Geschäftsform nothwendig macht. Einem einzigen, vielumfassenden Kopfe mußte die Macht übertragen werden, in Deutschland selbst das Interesse des schwedischen Reichs zu besorgen und nach eigener Einsicht über Krieg und Frieden, über die nöthigen Bündnisse, wie über die gemachten Erwerbungen zu verfügen. Mit diktatorischer Gewalt und mit dem ganzen Ansehen der Krone, die er repräsentiert, mußte dieser wichtige Magistrat bekleidet sein, um die Würde derselben zu behaupten, um die gemeinschaftlichen Operationen in Uebereinstimmung zu bringen, um seinen Anordnungen Nachdruck zu geben und so den Monarchen, dem er folgte, in jeder Rücksicht zu ersetzen. Ein solcher Mann fand sich in dem Reichskanzler Oxenstierna, dem ersten Minister und, was mehr sagen will, dem Freunde des verstorbenen Königs, der, eingeweiht in alle Geheimnisse seines Herrn, vertraut mit den deutschen Geschäften und aller europäischen Staatsverhältnisse kundig, ohne Widerspruch das tüchtigste Werkzeug war, den Plan Gustav Adolphs in seinem ganzen Umfange zu verfolgen.

Oxenstierna hatte eben eine Reise nach Oberdeutschland angetreten, um die vier obern Kreise zu versammeln, als ihn die Post von des Königs Tode zu Hanau überraschte. Dieser schreckliche Schlag, der das gefühlvolle Herz des Freundes durchbohrte, raubte dem Staatsmann alle Besinnungskraft; alles war ihm genommen, woran seine Seele hing. Schweden hatte nur einen König, Deutschland nur einen Beschützer, Oxenstierna den Urheber seines Glücks, den Freund seiner Seele, den Schöpfer seiner Ideale verloren. Aber von dem allgemeinen Unglück am härtesten getroffen, war er auch der Erste, der sich aus eigner Kraft darüber erhob, so wie er der Einzige war, der es wieder gut machen konnte. Sein durchdringender Blick übersah alle Hindernisse, welche sich der Ausführung seiner Entwürfe entgegenstellten, die Muthlosigkeit der Stände, die Intriguen der feindlichen Höfe, die Trennung der Bundesgenossen, die Eifersucht der Häupter, die Abneigung der Reichsfürsten, sich fremder Führung zu unterwerfen. Aber eben dieser tiefe Blick in die damalige Lage der Dinge, der ihm die ganze Größe des Uebels aufdeckte, zeigte ihm auch die Mittel, es zu besiegen. Es kam darauf an, den gesunkenen Muth der schwächeren Reichsstände aufzurichten, den geheimen Machinationen der Feinde entgegen zu wirken, die Eifersucht der mächtigern Alliierten zu schonen, die befreundeten Mächte, Frankreich besonders, zu thätiger Hilfleistung zu ermuntern, vor allem aber die Trümmer des deutschen Bundes zu sammeln und die getrennten Kräfte der Partei durch ein enges und dauerhaftes Band zu vereinigen. Die Bestürzung, in welche der Verlust ihres Oberhauptes die deutschen Protestanten versetzte, konnte sie eben so gut zu einem festern Bündnisse mit Schweden, als zu einem übereilten Frieden mit dem Kaiser antreiben, und nur von dem Betragen, das man beobachtete, hing es ab, welche von diesen beiden Wirkungen erfolgen sollte. Verloren war alles, sobald man Muthlosigkeit blicken ließ; nur die Zuversicht, die man selbst zeigte, konnte ein edles Selbstvertrauen bei den Deutschen entflammen. Alle Versuche des österreichischen Hofs, die letztern von der schwedischen Allianz abzuziehen, verfehlten ihren Zweck, sobald man ihnen die Augen über ihren wahren Vortheil eröffnete und sie zu einem öffentlichen und förmlichen Bruch mit dem Kaiser vermochte.

Freilich ging, ehe diese Maßregeln genommen und die nöthigen Punkte zwischen der Regierung und ihrem Minister berichtigt waren, eine kostbare Zeit für die Wirksamkeit der schwedischen Armee verloren, die von den Feinden aufs beste benutzt wurde. Damals stand es bei dem Kaiser, die schwedische Macht in Deutschland zu Grunde zu richten, wenn die weisen Rathschläge des Herzogs von Friedland Eingang bei ihm gefunden hätten. Wallenstein rieth ihm an, eine uneingeschränkte Amnestie zu verkündigen und den protestantischen Ständen mit günstigen Bedingungen entgegenzukommen. In dem ersten Schrecken, den Gustav Adolphs Fall bei der ganzen Partei verbreitete, würde eine solche Erklärung die entschiedenste Wirkung gethan und die geschmeidigeren Stände zu den Füßen des Kaisers zurückgeführt haben. Aber durch den unerwarteten Glücksfall verblendet und von spanischen Eingebungen bethört, erwartete er von den Waffen einen glänzendern Ausschlag, und anstatt den Mediationsvorschlägen Gehör zu schenken, eilte er, seine Macht zu vermehren. Spanien, durch den Zehenten der geistlichen Güter bereichert, den der Papst ihm bewilligte, unterstützte ihn mit beträchtlichen Vorschüssen, unterhandelte für ihn an dem sächsischen Hofe und ließ in Italien eilfertig Truppen werben, die in Deutschland gebraucht werden sollten. Auch der Kurfürst von Bayern verstärkte seine Kriegsmacht beträchtlich, und dem Herzog von Lothringen erlaubte sein unruhiger Geist nicht, bei dieser glücklichen Wendung des Schicksals sich müßig zu verhalten. Aber indem der Feind sich so geschäftig bewies, den Unfall der Schweden zu benutzen, versäumte Oxenstierna nichts, die schlimmen Folgen desselben zu vereiteln.

Weniger bange vor dem öffentlichen Feind, als vor der Eifersucht befreundeter Mächte, verließ er das obere Deutschland, dessen er sich durch die gemachten Eroberungen und Allianzen versichert hielt, und machte sich in Person auf den Weg, die Stände von Niederdeutschland von einem völligen Abfall oder einer Privatverbindung unter sich selbst, die für Schweden nicht viel weniger schlimm war, zurückzuhalten. Durch die Anmaßlichkeit beleidigt, mit der sich der Kanzler die Führung der Geschäfte zueignete, und im Innersten empört von dem Gedanken, von einem schwedischen Edelmann Vorschriften anzunehmen, arbeitete der Kurfürst von Sachsen aufs neue an einer gefährlichen Absonderung von den Schweden, und die Frage war bloß, ob man sich völlig mit dem Kaiser vergleichen oder sich zum Haupte der Protestanten aufwerfen und mit ihnen eine dritte Partei in Deutschland errichten sollte. Aehnliche Gesinnungen hegte der Herzog Ulrich von Braunschweig, und er legte sie laut genug an den Tag, indem er den Schweden die Werbungen in seinem Land untersagte und die niedersächsischen Stände nach Lüneburg einlud, ein Bündniß unter ihnen zu stiften. Der Kurfürst von Brandenburg allein, über den Einfluß neidisch, den Kursachsen in Niederdeutschland gewinnen sollte, zeigte einigen Eifer für das Interesse der schwedischen Krone, die er schon auf dem Haupte seines Sohnes zu erblicken glaubte. Oxenstierna fand zwar die ehrenvollste Aufnahme am Hofe Johann Georgs; aber schwankende Zusagen von fortdauernder Freundschaft waren alles, was er, der persönlichen Verwendung Kurbrandenburgs ungeachtet, von diesem Fürsten erhalten konnte. Glücklicher war er bei dem Herzog von Braunschweig, gegen den er sich eine kühnere Sprache erlaubte. Schweden hatte damals das Erzstift Magdeburg im Besitz, dessen Bischof die Befugniß hatte, den niedersächsischen Kreis zu versammeln. Der Kanzler behauptete das Recht seiner Krone, und durch dieses glückliche Machtwort vereitelte er für diesmal diese bedenkliche Versammlung. Aber die allgemeine Protestantenverbindung, der Hauptzweck seiner gegenwärtigen Reise und aller künftigen Bemühungen, mißlang ihm für jetzt und für immer, und er mußte sich mit einzelnen unsicheren Bündnissen in den sächsischen Kreisen und mit der schwächern Hilfe des obern Deutschlands begnügen.

Weil die Bayern an der Donau zu mächtig waren, so verlegte man die Zusammenkunft der vier obern Kreise, die zu Ulm hatte vor sich gehen sollen, nach Heilbronn, wo über zwölf Reichsstädte und eine glänzende Menge von Doctoren, Grafen und Fürsten sich einfanden. Auch die auswärtigen Mächte Frankreich, England und Holland beschickten diesen Convent, und Oxenstierna erschien auf demselben mit dem ganzen Pompe der Krone, deren Majestät er behaupten sollte. Er selbst führte das Wort, und der Gang der Beratschlagungen wurde durch seine Vorträge geleitet. Nachdem er von allen versammelten Ständen die Versicherung einer unerschütterlichen Treue, Beharrlichkeit und Eintracht erhalten, verlangte er von ihnen, daß sie den Kaiser und die Ligue förmlich und feierlich als Feinde erklären sollten. Aber so viel den Schweden daran gelegen war, das üble Vernehmen zwischen dem Kaiser und den Ständen zu einem förmlichen Bruch zu erweitern, so wenig Lust bezeigten die Stände, sich durch diesen entscheidenden Schritt alle Möglichkeit einer Aussöhnung abzuschneiden und eben dadurch den Schweden ihr ganzes Schicksal in die Hände zu geben. Sie fanden, daß eine förmliche Kriegserklärung, da die That selbst spreche, unnütz und überflüssig sei, und ihr standhafter Widerstand brachte den Kanzler zum Schweigen. Heftigere Kämpfe erregte der dritte und vornehmste Punkt der Beratschlagungen, durch welchen die Mittel zu Fortsetzung des Kriegs und die Beiträge der Stände zu Unterhaltung der Armeen bestimmt werden sollten. Oxenstiernas Maxime, von den allgemeinen Lasten so viel, als möglich war, auf die Stände zu wälzen, vertrug sich nicht mit dem Grundsatz der Stände, so wenig als möglich zu geben. Hier erfuhr der schwedische Kanzler, was dreißig Kaiser vor ihm mit herber Wahrheit empfunden, daß unter allen mißlichen Unternehmungen die allermißlichste sei, von den Deutschen Geld zu erheben. Anstatt ihm die nöthigen Summen für die neu zu errichtenden Armeen zu bewilligen, zählte man ihm mit beredter Zunge alles Unheil auf, welches die schon vorhandenen angerichtet, und forderte Erleichterung von den vorigen Lasten, wo man sich neuen unterziehen sollte. Die üble Laune, in welche die Geldforderung des Kanzlers die Stände versetzt hatte, brütete tausend Beschwerden aus, und die Ausschweifungen der Truppen bei Durchmärschen und Quartieren wurden mit schauderhafter Wahrheit gezeichnet.

Oxenstierna hatte im Dienst von zwei unumschränkten Fürsten wenig Gelegenheit gehabt, sich an die Förmlichkeiten und den bedächtlichen Gang republikanischer Verhandlungen zu gewöhnen und seine Geduld am Widerspruch zu üben. Fertig zum Handeln, sobald ihm die Nothwendigkeit einleuchtete, und eisern in seinem Entschluß, sobald er ihn einmal gefaßt hatte, begriff er die Inconsequenz der mehreren Menschen nicht, den Zweck zu begehren und die Mittel zu hassen. Durchfahrend und heftig von Natur, war er es bei dieser Gelegenheit noch aus Grundsatz; denn jetzt kam alles darauf an, durch eine feste zuversichtliche Sprache die Ohnmacht des schwedischen Reiches zu bedecken und durch den angenommenen Ton des Gebieters wirklich Gebieter zu werden. Kein Wunder also, wenn er bei solchen Gesinnungen unter deutschen Doctoren und Ständen ganz und gar nicht in seiner Sphäre war und durch die Umständlichkeit, welche den Charakter der Deutschen in allen ihren öffentlichen Verhandlungen ausmacht, zur Verzweiflung gebracht wurde. Ohne Schonung gegen eine Sitte, nach der sich auch die mächtigsten Kaiser hatten bequemen müssen, verwarf er alle schriftlichen Deliberationen, welche der deutschen Langsamkeit so zuträglich waren; er begriff nicht, wie man zehen Tage über einen Punkt sich besprechen konnte, der ihm schon durch den bloßen Vortrag so gut als abgethan war. So hart er aber auch die Stände behandelte, so gefällig und bereitwillig fand er sie, ihm seine vierte Motion, die ihn selbst betraf, zu bewilligen. Als er auf die Notwendigkeit kam, dem errichteten Bund einen Vorsteher und Direktor zu geben, sprach man Schweden einstimmig diese Ehre zu und ersuchte ihn unterthänig, der gemeinen Sache mit seinem erleuchteten Verstande zu dienen und die Last der Oberaufsicht auf seine Schultern zu nehmen. Um sich aber doch gegen einen Mißbrauch der großen Gewalt, die man durch diese Bestallung in seine Hände gab, zu verwahren, setzte man ihm, nicht ohne französischen Einfluß, unter dem Namen von Gehilfen eine bestimmte Anzahl von Aufsehern an die Seite, die die Kasse des Bundes verwalten und über die Werbungen, Durchzüge und Einquartierung der Truppen mitzusprechen haben sollten. Oxenstierna wehrte sich lebhaft gegen diese Einschränkung seiner Macht. wodurch man ihm die Ausführung jedes, Schnelligkeit oder Geheimniß fordernden Entwurfes erschwerte, und errang sich endlich mit Mühe die Freiheit, in Kriegssachen seiner eigenen Einsicht zu folgen. Endlich berührte der Kanzler auch den kitzlichen Punkt der Entschädigung, welche sich Schweden nach geendigtem Kriege von der Dankbarkeit seiner Alliierten zu versprechen hätte, und er schmeichelte sich mit der Hoffnung, auf Pommern angewiesen zu werden, worauf das Hauptaugenmerk Schwedens gerichtet war, und von den Ständen die Versicherung ihres kräftigen Beistands zu Erwerbung dieser Provinz zu erhalten. Aber es blieb bei einer allgemeinen und schwankenden Versicherung, daß man einander bei einem künftigen Frieden nicht im Stich lassen würde. Daß es nicht die Ehrfurcht für die Verfassung des Reiches war, was die Stände über diesen Punkt so behutsam machte, zeigte die Freigebigkeit, die man auf Unkosten der heiligsten Reichsgesetze gegen den Kanzler beweisen wollte. Wenig fehlte, daß man ihm nicht das Erzstift Mainz, welches er ohnehin als Eroberung inne hatte, zur Belohnung anbot, und nur mit Mühe hintertrieb der französische Abgesandte diesen eben so unpolitischen als entehrenden Schritt. Wieweit nun auch die Erfüllung hinter den Wünschen Oxenstiernas zurückblieb, so hatte er doch seinen vornehmsten Zweck, die Direktion des Ganzen, für seine Krone und für sich selbst erreicht, das Band zwischen den Ständen der vier obern Kreise enger und fester zusammengezogen und zu Unterhaltung der Kriegsmacht einen jährlichen Beitrag von dritthalb Millionen Thalern errungen.

So viel Nachgiebigkeit von Seiten der Stände war von Seiten Schwedens einer Erkenntlichkeit werth. Wenige Wochen nach Gustav Adolphs Tod hatte der Gram das unglückliche Leben des Pfalzgrafen Friedrich geendigt, nachdem dieser beklagenswerte Fürst acht Monate lang den Hofstaat seines Beschützers vermehrt und im Gefolge desselben den kleinen Ueberrest seines Vermögens verschwendet hatte. Endlich näherte er sich dem Ziele seiner Wünsche, und eine freudigere Zukunft that sich vor ihm auf, als der Tod seinen Beschützer dahin raffte. Was er als das höchste Unglück betrachtete, hatte die günstigsten Folgen für seinen Erben. Gustav Adolph durfte sich herausnehmen, mit der Zurückgabe seiner Länder zu zögern und dieses Geschenk mit drückenden Bedingungen zu beschweren; Oxenstierna, dem die Freundschaft Englands, Hollands und Brandenburgs und die gute Meinung der reformierten Stände überhaupt ungleich wichtiger war, mußte die Pflicht der Gerechtigkeit befolgen. Er übergab daher auf eben dieser Versammlung zu Heilbronn sowohl die schon eroberten als die noch zu erobernden pfälzischen Lande den Nachkommen Friedrichs, Mannheim allein ausgenommen, welches bis zu geschehener Kostenerstattung von den Schweden besetzt bleiben sollte. Der Kanzler schränkte seine Gefälligkeit nicht bloß auf das pfälzische Haus ein; auch die andern alliierten Reichsfürsten erhielten, wiewohl einige Zeit später, Beweise von der Dankbarkeit Schwedens, welche dieser Krone eben so wenig von ihrem eigenen kosteten.

Die Pflicht der Unparteilichkeit, die heiligste des Geschichtschreibers, verbindet ihn zu einem Geständniß, das den Verfechtern der deutschen Freiheit eben nicht sehr zur Ehre gereicht. Wie viel sich auch die protestantischen Fürsten mit der Gerechtigkeit ihrer Sache und mit der Reinigkeit ihres Eifers wußten, so waren es doch größtenteils sehr eigennützige Triebfedern, aus denen sie handelten; und die Begierde zu rauben hatte wenigstens eben so viel Antheil an den angefangenen Feindseligkeiten, als die Furcht, sich beraubt zu sehen. Bald entdeckte Gustav Adolph, daß er sich von dieser unreinen Triebfeder weit mehr als von ihren patriotischen Empfindungen zu versprechen habe, und er unterließ nicht, sie zu benutzen. Jeder der mit ihm verbundenen Fürsten erhielt von ihm die Zusicherung irgend einer dem Feinde schon entrissenen oder noch zu entreißenden Besitzung, und nur der Tod hinderte ihn, seine Zusagen wahr zu machen. Was dem König die Klugheit rieth, gebot die Notwendigkeit seinem Nachfolger; und wenn diesem daran gelegen war, den Krieg zu verlängern, so mußte er die Beute mit den verbundenen Fürsten theilen und ihnen von der Verwirrung, die er zu nähren suchte, Vortheile versprechen. Und so sprach er dem Landgrafen von Hessen die Stifter Paderborn, Corvey, Münster und Fulda, dem Herzog Bernhard von Weimar die fränkischen Bisthümer, dem Herzog von Wirtenberg die in seinem Lande gelegenen geistlichen Güter und österreichischen Grafschaften zu, alles unter dem Namen schwedischer Lehen. Den Kanzler selbst befremdete dieses widersinnige, den Deutschen so wenig Ehre bringende Schauspiel, und kaum konnte er seine Verachtung verbergen. »Man lege es in unserm Archiv nieder,« sagte er einesmals, »zum ewigen Gedächtniß, daß ein deutscher Reichsfürst von einem schwedischen Edelmann so etwas begehrte, und daß der schwedische Edelmann dem deutschen Reichsfürsten auf deutscher Erde so etwas zutheilte.«

Nach so wohl getroffenen Anstalten konnte man mit Ehren im Feld erscheinen und den Krieg mit frischer Lebhaftigkeit erneuern. Bald nach dem Siege bei Lützen vereinigen sich die sächsischen und lüneburgischen Truppen mit der schwedischen Hauptmacht, und die Kaiserlichen werden in kurzer Zeit aus ganz Sachsen herausgetrieben. Nunmehr trennt sich diese vereinigte Armee. Die Sachsen rücken nach der Lausitz und Schlesien, um dort in Gemeinschaft mit dem Grafen von Thurn gegen die Oesterreicher zu agiren; einen Theil der schwedischen Armee führt Herzog Bernhard nach Franken, den andern Herzog Georg von Braunschweig nach Westphalen und Niedersachsen.

Die Eroberungen am Lechstrom und an der Donau wurden, während daß Gustav Adolph den Zug nach Sachsen unternahm, von dem Pfalzgrafen von Birkenfeld und dem schwedischen General Banner gegen die Bayern vertheidigt. Aber zu schwach, den siegreichen Fortschritten der letztern, die von der Kriegserfahrung und Tapferkeit des kaiserlichen Generals von Altringer unterstützt wurden, hinlänglichen Widerstand zu thun, mußten sie den schwedischen General von Horn aus dem Elsaß zu Hilfe rufen. Nachdem dieser kriegserfahrene Feldherr die Städte Benfeld, Schlettstadt, Colmar und Hagenau der schwedischen Herrschaft unterworfen, übergab er dem Rheingrafen Otto Ludwig die Verteidigung derselben und eilte über den Rhein, um das Bannerische Heer zu verstärken. Aber ungeachtet dieses nunmehr sechzehntausend Mann stark war, konnte es doch nicht verhindern, daß der Feind nicht an der schwäbischen Grenze festen Fuß gewann, Kempten eroberte und sieben Regimenter aus Böhmen an sich zog. Um die wichtigen Ufer des Lech und der Donau zu behaupten, entblößte man das Elsaß, wo Rheingraf Otto Ludwig nach Horns Abzug Mühe gehabt hatte, sich gegen das aufgebrachte Landvolk zu vertheidigen. Auch er mußte mit seinen Truppen das Heer an der Donau verstärken; und da auch dieser Succurs nicht hinreichte, so forderte man den Herzog Bernhard von Weimar dringend auf, seine Waffen nach dieser Gegend zu kehren.

Bernhard hatte sich bald nach Eröffnung des Feldzugs im Jahr 1633 der Stadt und des ganzen Hochstifts Bamberg bemächtigt und Würzburg ein ähnliches Schicksal zugedacht. Auf die Einladung Gustav Horns setzte er sich ungesäumt in Marsch gegen die Donau, schlug unterwegs ein bayerisches Heer unter Johann von Werth aus dem Felde und vereinigte sich bei Donauwörth mit den Schweden. Diese zahlreiche, von den trefflichsten Generalen befehligte Armee bedroht Bayern mit einem furchtbaren Einfall. Das ganze Bisthum Eichstädt wird überschwemmt, und Ingolstadt selbst verspricht ein Verräther den Schweden in die Hände zu spielen. Altringers Tätigkeit wird durch die ausdrückliche Vorschrift des Herzogs von Friedland gefesselt, und von Böhmen aus ohne Hilfe gelassen, kann er sich dem Andrang des feindlichen Heers nicht entgegen setzen. Die günstigsten Umstände vereinigen sich, die Waffen der Schweden in diesen Gegenden siegreich zu machen, als die Thätigkeit der Armee durch eine Empörung der Officiere auf einmal gehemmt wird.

Den Waffen dankte man alles, was man in Deutschland erworben hatte; selbst Gustav Adolphs Größe war das Werk der Armee, die Frucht ihrer Disciplin, ihrer Tapferkeit, ihres ausdauernden Muths in unendlichen Gefahren und Mühseligkeiten. Wie künstlich man auch im Kabinet seine Plane anlegte, so war doch zuletzt die Armee allein die Vollzieherin, und die erweiterten Entwürfe der Anführer vermehrten immer nur die Lasten derselben. Alle großen Entscheidungen in diesem Kriege waren durch eine wirklich barbarische Hinopferung der Soldaten in Winterfeldzügen, Märschen, Stürmen und offenen Schlachten gewaltsam erzwungen worden, und es war Gustav Adolphs Maxime, nie an einem Siege zu verzagen, so bald er ihm mehr nicht als Menschen kostete. Dem Soldaten konnte seine Wichtigkeit nicht lange verborgen bleiben, und mit Recht verlangte er seinen Antheil an einem Gewinn. der mit seinem Blute errungen war. Aber mehrentheils konnte man ihm kaum den gebührenden Sold bezahlen, und die Gierigkeit der einzelnen Häupter, oder das Bedürfniß des Staats verschlang gewöhnlich den besten Theil der erpreßten Summen und der erworbenen Besitzungen. Für alle Mühseligkeiten, die er übernahm, blieb ihm nichts, als die zweifelhafte Aussicht auf Raub oder auf Beförderung, und in beiden mußte er sich nur zu oft hintergangen sehen. Furcht und Hoffnung unterdrückten zwar jeden gewaltsamen Ausbruch der Unzufriedenheit, so lange Gustav Adolph lebte; aber nach seinem Hintritt wurde der allgemeine Unwille laut, und der Soldat ergriff gerade den gefährlichsten Augenblick, sich seiner Wichtigkeit zu erinnern. Zwei Officiere, Pfuhl und Mitschefal, schon bei Lebzeiten des Königs als unruhstiftende Köpfe berüchtigt, geben im Lager an der Donau das Beispiel, das in wenigen Tagen unter den Officieren der Armee eine fast allgemeine Nachahmung findet. Man verbindet sich unter einander durch Wort und Handschlag, keinem Commando zu gehorchen, bis der seit Monaten und Jahren noch rückständige Sold entrichtet und noch außerdem jedem Einzelnen eine verhältnismäßige Belohnung an Geld oder liegenden Gründen bewilligt sei. »Ungeheure Summen,« hörte man sie sagen, »würden täglich durch Brandschatzungen erpreßt, und all dieses Geld zerrinne in wenigen Händen. In Schnee und Eis treibe man sie hinaus, und nirgends kein Dank für diese unendliche Arbeit. Zu Heilbronn schreie man über den Muthwillen der Soldaten, aber Niemand denke an ihr Verdienst. Die Gelehrten schreiben in die Welt hinein von Eroberungen und Siegen, und alle diese Victorien habe man doch nur durch ihre Fäuste erfochten.« Das Heer der Mißvergnügten mehrt sich mit jedem Tage, und durch Briefe, die zum Glück aufgefangen werden, suchten sie nun auch die Armeen am Rhein und in Sachsen zu empören. Weder die Vorstellungen Bernhards von Weimar, noch die harten Verweise seines strengern Gehilfen waren vermögend, diese Gährung zu unterdrücken, und die Heftigkeit des letztern vermehrte vielmehr den Trotz der Empörer. Sie bestanden darauf, daß jedem Regiment gewisse Städte zu Erhebung des rückständigen Soldes angewiesen würden. Eine Frist von vier Wochen wurde dem schwedischen Kanzler vergönnt, zu Erfüllung dieser Forderungen Rath zu schaffen; im Weigerungsfall, erklärten sie, würden sie sich selbst bezahlt machen und nie einen Degen mehr für Schweden entblößen.

Die ungestüme Mahnung, zu einer Zeit gethan, wo die Kriegskasse erschöpft und der Kredit gefallen war, mußte den Kanzler in das höchste Bedrängniß stürzen; und schnell mußte die Hilfe sein, ehe derselbe Schwindel auch die übrigen Truppen ansteckte und man sich von allen Armeen auf einmal mitten unter Feinden verlassen sah. Unter allen schwedischen Heerführern war nur Einer, der bei den Soldaten Ansehen und Achtung genug besaß, diesen Streit beizulegen. Herzog Bernhard war der Liebling der Armee, und seine kluge Mäßigung hatte ihm das Vertrauen der Soldaten, wie seine Kriegserfahrung ihre höchste Bewunderung erworben. Er übernahm es jetzt, die schwierige Armee zu besänftigen; aber seiner Wichtigkeit sich bewußt, ergriff er den günstigen Augenblick, zuvor für sich selbst zu sorgen und der Verlegenheit des schwedischen Kanzlers die Erfüllung seiner eigenen Wünsche abzuängstigen.

Schon Gustav Adolph hatte ihm mit einem Herzogthum Franken geschmeichelt, das aus den beiden Hochstiftern Bamberg und Würzburg erwachsen sollte; jetzt drang Herzog Bernhard auf Haltung dieses Versprechens. Zugleich forderte er das Obercommando im Kriege als schwedischer Generalissimus. Dieser Mißbrauch, den der Herzog von seiner Unentbehrlichkeit machte, entrüstete Oxenstierna so sehr, daß er ihm im ersten Unwillen den schwedischen Dienst aufkündigte. Bald aber besann er sich eines Bessern, und ehe er einen so wichtigen Feldherrn aufopferte, entschloß er sich lieber, ihn, um welchen Preis es auch sei, an das schwedische Interesse zu fesseln. Er übergab ihm also die fränkischen Bisthümer als Lehen der schwedischen Krone, doch mit Vorbehalt der beiden Festungen Würzburg und Königshofen, welche von den Schweden besetzt bleiben sollten; zugleich verband er sich im Namen seiner Krone, den Herzog im Besitz dieser Länder zu schützen. Das gesuchte Obercommando über die ganze schwedische Macht wurde unter einem anständigen Vorwand verweigert. Nicht lange säumte Herzog Bernhard, sich für dieses wichtige Opfer dankbar zu erzeigen; durch sein Ansehen und seine Thätigkeit stillte er in Kurzem den Aufruhr der Armee. Große Summen baaren Geldes wurden unter die Officiere verteilt, und noch weit größere an Ländereien, deren Werth gegen fünf Millionen Thaler betrug, und an die man kein anderes Recht hatte, als das der Eroberung. Indessen war der Moment zu einer großen Unternehmung verstrichen, und die vereinigten Anführer trennten sich, um dem Feind in andere Gegenden zu widerstehen.

Nachdem Gustav Horn einen kurzen Einfall in die obere Pfalz unternommen und Neumarkt erobert hatte, richtete er seinen Marsch nach der schwäbischen Grenze, wo sich die Kaiserlichen unterdessen beträchtlich verstärkt hatten und Wirtenberg mit einem verwüstenden Einfall bedrohten. Durch seine Annäherung verscheucht, ziehen sie sich an den Bodensee – aber nur, um auch den Schweden den Weg in diese noch nie besuchte Gegend zu zeigen. Eine Besitzung am Eingange der Schweiz war von äußerster Wichtigkeit für die Schweden, und die Stadt Kostnitz schien besonders geschickt zu sein, sie mit den Eidgenossen in Verbindung zu setzen. Gustav Horn unternahm daher sogleich die Belagerung derselben; aber entblößt von Geschütz, das er erst von Wirtenberg mußte bringen lassen, konnte er diese Unternehmung nicht schnell genug fördern, um den Feinden nicht eine hinlängliche Frist zum Entsatze dieser Stadt zu vergönnen, die ohnehin von dem See aus so leicht zu versorgen war. Er verließ also nach einem vergeblichen Versuche die Stadt und ihr Gebiet, um an den Ufern der Donau einer dringenden Gefahr zu begegnen.

Aufgefordert von dem Kaiser, hatte der Cardinal-Infant, Bruder Philipps des Vierten von Spanien und Statthalter in Mailand, eine Armee von vierzehntausend Mann ausgerüstet, welche bestimmt war, unabhängig von Wallensteins Befehlen an dem Rhein zu agieren und das Elsaß zu vertheidigen. Diese Armee erschien jetzt unter dem Commando des Herzogs von Feria, eines Spaniers, in Bayern; und um sie sogleich gegen die Schweden zu benutzen, wurde Altringer beordert, sogleich mit seinen Truppen zu ihr zu stoßen. Gleich auf die erste Nachricht von ihrer Erscheinung hatte Gustav Horn den Pfalzgrafen von Birkenfeld von dem Rheinstrom zu seiner Verstärkung herbeigerufen, und nachdem er sich zu Stockach mit demselben vereinigt hatte, rückte er kühn dem dreißigtausend Mann starken Feind entgegen. Dieser hatte seinen Weg über die Donau nach Schwaben genommen, wo Gustav Horn ihm einmal so nahe kam, daß beide Armeen nur durch eine halbe Meile von einander geschieden waren. Aber anstatt das Anerbieten zur Schlacht anzunehmen, zogen sich die Kaiserlichen über die Waldstädte nach dem Breisgau und Elsaß, wo sie noch zeitig genug anlangten, um Breisach zu entsetzen und den siegreichen Fortschritten des Rheingrafen Otto Ludwig eine Grenze zu setzen. Dieser hatte kurz vorher die Waldstädte erobert und, unterstützt von dem Pfalzgrafen von Birkenfeld, der die Unterpfalz befreite und den Herzog von Lothringen aus dem Felde schlug, den schwedischen Waffen in diesen Gegenden aufs neue das Uebergewicht errungen. Jetzt zwar mußte er der Ueberlegenheit des Feindes weichen; aber bald rücken Horn und Birkenfeld zu seinem Beistand herbei, und die Kaiserlichen sehen sich nach einem kurzen Triumphe wieder aus dem Elsaß vertrieben. Die rauhe Herbstzeit, welche sie auf diesem unglücklichen Rückzuge überfällt, richtet den größten Theil der Italiener zu Grunde, und ihren Anführer selbst, den Herzog von Feria, tödtet der Gram über die mißlungene Unternehmung.

Unterdessen hatte Herzog Bernhard von Weimar mit achtzehn Regimentern Fußvolk und hundert und vierzig Cornetten Reitern seine Stellung an der Donau genommen, um sowohl Franken zu decken, als die Bewegungen der kaiserlich-bayerischen Armee an diesem Strome zu beobachten. Nicht sobald hatte Altringer diese Grenzen entblößt, um zu den italienischen Truppen des Herzogs von Feria zu stoßen, als Bernhard seine Entfernung benutzte, über die Donau eilte und mit Blitzesschnelligkeit vor Regensburg stand. Der Besitz dieser Stadt war für die Unternehmungen der Schweden aus Bayern und Oesterreich entscheidend; er verschaffte ihnen festen Fuß an dem Donaustrom und eine sichere Zuflucht bei jedem Unglücksfall, so wie er sie allein in den Stand setzte, eine dauerhafte Eroberung in diesen Ländern zu machen. Regensburg zu bewahren, war der letzte dringende Rath, den der sterbende Tilly dem Kurfürsten von Bayern ertheilte, und Gustav Adolph beklagte als einen nicht zu ersetzenden Verlust, daß ihm die Bayern in Besetzung dieses Platzes zuvorgekommen waren. Unbeschreiblich groß war daher Maximilians Schrecken, als Herzog Bernhard diese Stadt überraschte und sich ernstlich anschickte, sie zu belagern.

Nicht mehr als fünfzehn Compagnien größtenteils neugeworbener Truppen machten die Besatzung derselben aus; eine mehr als hinreichende Anzahl, um auch den überlegensten Feind zu ermüden, sobald sie von einer gutgesinnten und kriegerischen Bürgerschaft unterstützt wurden. Aber gerade diese war der gefährlichste Feind, den die bayerische Garnison zu bekämpfen hatte. Die protestantischen Einwohner Regensburgs, gleich eifersüchtig auf ihren Glauben und ihre Reichsfreiheit, hatten ihren Nacken mit Widerwillen unter das bayerische Joch gebeugt und blickten längst schon mit Ungeduld der Erscheinung eines Retters entgegen. Bernhards Ankunft vor ihren Mauern erfüllte sie mit lebhafter Freude, und es war sehr zu fürchten, daß sie die Unternehmungen der Belagerer durch einen innern Tumult unterstützen würden. In dieser großen Verlegenheit läßt der Kurfürst die beweglichsten Schreiben an den Kaiser, an den Herzog von Friedland ergehen, ihm nur mit fünftausend Mann auszuhelfen. Sieben Eilboten nach einander sendet Ferdinand mit diesem Auftrag an Wallenstein, der die schleunigste Hilfe zusagt und auch wirklich schon dem Kurfürsten die nahe Ankunft von zwölftausend Mann durch Gallas berichten läßt, aber diesem Feldherrn bei Lebensstrafe verbietet, sich auf den Weg zu machen. Unterdessen hatte der bayerische Commandant von Regensburg, in Erwartung eines nahen Entsatzes, die besten Anstalten zur Verteidigung getroffen, die katholischen Bauern wehrhaft gemacht, die protestantischen Bürger hingegen entwaffnet und aufs sorgfältigste bewacht, daß sie nichts Gefährliches gegen die Garnison unternehmen konnten. Da aber kein Entsatz erschien und das feindliche Geschütz mit ununterbrochener Heftigkeit die Werke bestürmte, sorgte er durch eine anständige Capitulation für sich selbst und die Besatzung und überließ die bayerischen Beamten und Geistlichen der Gnade des Siegers.

Mit dem Besitze von Regensburg erweitern sich Herzog Bernhards Entwürfe, und seinem kühnen Muth ist Bayern selbst eine zu enge Schranke geworden. Bis an die Grenzen von Oesterreich will er dringen, das protestantische Landvolk gegen den Kaiser bewaffnen und ihm seine Religionsfreiheit wieder geben. Schon hat er Straubing erobert, während daß ein anderer schwedischer Feldherr die nördlichen Ufer der Donau sich unterwürfig macht. An der Spitze seiner Schweden dem Grimm der Witterung trotz bietend, erreicht er die Mündung des Isarstroms und setzt im Angesicht des bayerischen Generals von Werth, der hier gelagert steht, seine Truppen über. Jetzt zittern Passau und Linz, und der bestürzte Kaiser verdoppelt an Wallenstein seine Mahnungen und Befehle, dem bedrängten Bayern aufs schleunigste zu Hilfe zu eilen. Aber hier setzt der siegende Bernhard seinen Eroberungen ein freiwilliges Ziel. Vor sich den Inn, der durch viele feste Schlösser beschützt wird, hinter sich zwei feindliche Heere, ein übelgesinntes Land und die Isar, wo kein haltbarer Ort ihm den Rücken deckt und der gefrorne Boden keine Verschanzung gestattet, von der ganzen Macht Wallensteins bedroht, der sich endlich entschlossen hat, an die Donau zu rücken, entzieht er sich durch einen zeitigen Rückzug der Gefahr, von Regensburg abgeschnitten und von Feinden umzingelt zu werden. Er eilt über die Isar und Donau, um die in der Oberpfalz gemachten Eroberungen gegen Wallenstein zu verteidigen und selbst eine Schlacht mit diesem Feldherrn nicht auszuschlagen. Aber Wallenstein, dem es nie in den Sinn gekommen war, große Thaten an der Donau zu verrichten, wartet seine Annäherung nicht ab, und ehe die Bayern recht anfangen, seiner froh zu werden, ist er schon nach Böhmen verschwunden. Bernhard endigt also jetzt seinen glorreichen Feldzug und vergönnt seinen Truppen die wohlverdiente Rast in den Winterquartieren auf feindlicher Erde.

Indem Gustav Horn in Schwaben, der Pfalzgraf von Birkenfeld, General Baudissin und Rheingraf Otto Ludwig am Ober- und Niederrhein und Herzog Bernhard an der Donau den Krieg mit solcher Ueberlegenheit führten, wurde der Ruhm der schwedischen Waffen in Niedersachen und Westphalen von dem Herzog von Lüneburg und dem Landgrafen von Hessen-Kassel nicht weniger glorreich behauptet. Die Festung Hameln eroberte Herzog Georg nach der tapfersten Gegenwehr, und über den kaiserlichen General von Gronsfeld, der an dem Weserstrom commandierte, wurde von der vereinigten Armee der Schweden und Hessen bei Oldendorf ein glänzender Sieg erfochten. Der Graf von Wasaburg, ein natürlicher Sohn Gustav Adolphs, zeigte sich in dieser Schlacht seines Ursprungs werth. Sechszehn Kanonen, das ganze Gepäck der Kaiserlichen und vierundsiebzig Fahnen fielen in schwedische Hände, gegen dreitausend von den Feinden blieben auf dem Platze, und fast eben so viele wurden zu Gefangenen gemacht. Die Stadt Osnabrück zwang der schwedische Oberst Kniphausen, und Paderborn der Landgraf von Hessen-Kassel zur Uebergabe; dafür aber ging Bückeburg, ein sehr wichtiger Ort für die Schweden, an die Kaiserlichen verloren. Beinahe an allen Enden Deutschlands sah man die schwedischen Waffen siegreich, und das nächste Jahr nach Gustav Adolphs Tode zeigte noch keine Spur des Verlustes, den man an diesem großen Führer erlitten hatte.

Bei Erwähnung der wichtigen Vorfälle, welche den Feldzug des 1633sten Jahres auszeichneten, muß die Unthätigkeit eines Mannes, der bei weitem die höchsten Erwartungen rege machte, ein gerechtes Erstaunen erwecken. Unter allen Generalen, deren Thaten uns in diesem Feldzuge beschäftigt haben, war keiner, der sich an Erfahrung, Talent und Kriegsruhm mit Wallenstein messen durfte, und gerade dieser verliert sich seit dem Treffen bei Lützen aus unsern Augen. Der Fall seines großen Gegners läßt ihm allein jetzt den ganzen Schauplatz des Ruhmes frei; die ganze Aufmerksamkeit Europas ist auf die Thaten gespannt, die das Andenken seiner Niederlage auslöschen und seine Ueberlegenheit in der Kriegskunst der Welt verkündigen sollen. Und doch liegt er still in Böhmen, indeß die Verluste des Kaisers in Bayern, in Niedersachsen, am Rhein seine Gegenwart dringend fordern; ein gleich undurchdringliches Geheimniß für Freund und Feind, der Schrecken und doch zugleich die letzte Hoffnung des Kaisers. Mit unerklärbarer Eilfertigkeit hatte er sich nach dem verlorenen Treffen bei Lützen in das Königreich Böhmen gezogen, wo er über das Verhalten seiner Officiere in dieser Schlacht die strengsten Untersuchungen anstellte. Die das Kriegsgericht für schuldig erkannte, wurden mit unerbittlicher Strenge zum Tode verurtheilt; die sich brav gehalten hatten, mit königlicher Großmuth belohnt und das Andenken der Gebliebenen durch herrliche Monumente verewigt. Den Winter über drückte er die kaiserlichen Provinzen durch übermäßige Contributionen und durch die Winterquartiere, die er absichtlich nicht in feindlichen Ländern nahm, um das Mark der österreichischen Länder auszusaugen. Anstatt aber mit seiner wohlgepflegten und auserlesenen Armee beim Anbruch des Frühlings 1633 den Feldzug vor allen andern zu eröffnen und sich in seiner ganzen Feldherrnkraft zu erheben, war er der Letzte, der im Felde erschien, und auch jetzt war es ein kaiserliches Erbland, das er zum Schauplatz des Krieges machte.

Unter allen Provinzen Oesterreichs war Schlesien der größten Gefahr ausgesetzt. Drei verschiedene Armeen, eine schwedische unter dem Grafen von Thurn, eine sächsische unter Arnheim und dem Herzog von Lauenburg und eine brandenburgische unter Borgsdorf, hatten diese Provinz zu gleicher Zeit mit Krieg überzogen. Schon hatten sie die wichtigsten Plätze im Besitz, und selbst Breslau hatte die Partei der Alliierten ergriffen. Aber gerade diese Menge von Generalen und Armeen rettete dem Kaiser dieses Land; denn die Eifersucht der Generale und der gegenseitige Haß der Schweden und Sachsen ließ sie nie mit Einstimmigkeit verfahren. Arnheim und Thurn zankten sich um die Oberstelle; die Brandenburger und Sachsen hielten eifrig gegen die Schweden zusammen, die sie als überlästige Fremdlinge ansahen und, wo es nur immer thunlich war, zu verkürzen suchten. Hingegen lebten die Sachsen mit den Kaiserlichen auf einem viel vertraulichern Fuß, und oft geschah es, daß die Officiere beider feindlichen Armeen einander Besuche abstatteten und Gastmähler gaben. Man ließ die Kaiserlichen ungehindert ihre Güter fortschaffen, und viele verhehlten es gar nicht, daß sie von Wien große Summen gezogen. Unter so zweideutig gesinnten Alliierten sahen sich die Schweden verkauft und verrathen, und an große Unternehmungen war bei einem so schlechten Verständniß nicht zu denken. Auch war der General von Arnheim den größten Theil der Zeit abwesend, und als er endlich wieder bei der Armee anlangte, näherte sich Wallenstein schon mit einer furchtbaren Kriegsmacht den Grenzen.

Vierzigtausend Mann stark rückte er ein, und nicht mehr als vierundzwanzigtausend hatten ihm die Alliierten entgegen zu setzen. Nichtsdestoweniger wollten sie eine Schlacht versuchen und erschienen bei Münsterberg, wo er ein verschanztes Lager bezogen hatte. Aber Wallenstein ließ sie acht Tage lang hier stehen, ohne nur die geringste Bewegung zu machen; dann verließ er seine Verschanzungen und zog mit ruhigem stolzen Schritt an ihrem Lager vorüber. Auch nachdem er aufgebrochen war und die muthiger gewordenen Feinde ihm beständig zur Seite blieben, ließ er die Gelegenheit unbenutzt. Die Sorgfalt, mit der er die Schlacht vermied, wurde als Furcht ausgelegt; aber einen solchen Verdacht durfte Wallenstein auf seinen verjährten Feldherrnruhm wagen. Die Eitelkeit der Alliierten ließ sie nicht bemerken, daß er sein Spiel mit ihnen trieb, und daß er ihnen die Niederlage großmüthig schenkte, weil ihm – mit einem Sieg über sie für jetzt nicht gedient war. Um ihnen jedoch zu zeigen, daß er der Herr sei, und daß nicht die Furcht vor ihrer Macht ihn in Unthätigkeit erhalte, ließ er den Commandanten eines Schlosses, das in seine Hände fiel, niederstoßen, weil er einen unhaltbaren Platz nicht gleich übergeben hatte.

Neun Tage lang standen beide Armeen einander einen Musketenschuß weit im Gesichte, als der Graf Terzky aus dem Wallensteinischen Heere mit einem Trompeter vor dem Lager der Alliierten erschien, den General von Arnheim zu einer Conferenz einzuladen. Der Inhalt derselben war, daß Wallenstein, der doch an Macht der überlegene Theil war, einen Waffenstillstand von sechs Wochen in Vorschlag brachte. »Er sei gekommen,« sagte er, »mit Schweden und mit den Reichsfürsten einen ewigen Frieden zu schließen, die Soldaten zu bezahlen und jedem Genugtuung zu verschaffen. Alles dies stehe in seiner Hand, und wenn man in Wien Anstand nehmen sollte, es zu bestätigen, so wolle er sich mit den Alliierten vereinigen und (was er Arnheimen zwar nur ins Ohr flüsterte) den Kaiser zum Teufel jagen.« Bei einer zweiten Zusammenkunft ließ er sich gegen den Grafen von Thurn noch deutlicher heraus. »Alle Privilegien,« erklärte er, »sollten aufs neue bestätigt, alle böhmischen Exulanten zurückberufen und in ihre Güter wieder eingesetzt werden, und er selbst wolle der Erste sein, seinen Antheil an denselben herauszugeben. Die Jesuiten, als die Urheber aller bisherigen Unterdrückungen, sollten verjagt, die Krone Schweden durch Zahlungen auf bestimmte Termine abgefunden, alles überflüssige Kriegsvolk von beiden Theilen gegen die Türken geführt werden.« Der letzte Punkt enthielt den Aufschluß des ganzen Räthsels. »Wenn er die böhmische Krone davon trüge, so sollten alle Vertriebenen sich seiner Großmuth zu rühmen haben, eine vollkommene Freiheit der Religionen sollte dann in dem Königreich herrschen, das pfälzische Haus in alle seine vorigen Rechte zurücktreten und die Markgrafschaft Mähren ihm für Mecklenburg zur Entschädigung dienen. Die alliierten Armeen zögen dann unter seiner Anführung nach Wien, dem Kaiser die Genehmigung dieses Traktats mit gewaffneter Hand abzunöthigen.«

Jetzt also war die Decke von dem Plan weggezogen, worüber er schon Jahre lang in geheimnißvoller Stille gebrütet hatte. Auch lehrten alle Umstände, daß zu Vollstreckung desselben keine Zeit zu verlieren sei. Nur das blinde Vertrauen zu dem Kriegsglück und dem überlegenen Genie des Herzogs von Friedland hatte dem Kaiser die Festigkeit eingeflößt, allen Vorstellungen Bayerns und Spaniens entgegen und auf Kosten seines eigenen Ansehens diesem gebieterischen Mann ein so uneingeschränktes Commando zu übergeben. Allein dieser Glaube an die Unüberwindlichkeit Wallensteins war durch seine lange Unthätigkeit längst erschüttert worden und nach dem verunglückten Treffen bei Lützen beinahe gänzlich gefallen. Aufs neue erwachten jetzt seine Gegner an Ferdinands Hofe, und die Unzufriedenheit des Kaisers über den Fehlschlag seiner Hoffnungen verschaffte ihren Vorstellungen den gewünschten Eingang bei diesem Monarchen. Das ganze Betragen des Herzogs wurde mit beißender Kritik von ihnen gemustert, sein hochfahrender Trotz und seine Widersetzlichkeit gegen des Kaisers Befehle diesem eifersüchtigen Fürsten in Erinnerung gebracht, die Klagen der österreichischen Unterthanen über seine grenzenlosen Bedrückungen zu Hilfe gerufen, seine Treue verdächtig gemacht und über seine geheimen Absichten ein schreckhafter Wink hingeworfen. Diese Anklagen, durch das ganze übrige Betragen des Herzogs nur zu sehr gerechtfertigt, unterließen nicht, in Ferdinands Gemüth tiefe Wurzeln zu schlagen; aber der Schritt war einmal geschehn, und die große Gewalt, womit man den Herzog bekleidet hatte, konnte ihm ohne große Gefahr nicht entrissen werden. Sie unmerklich zu vermindern, war alles, was dem Kaiser übrig blieb, und um dies mit einigem Erfolg zu können, mußte man sie zu theilen, vor allen Dingen aber sich außer Abhängigkeit von seinem guten Willen zu setzen suchen. Aber selbst dieses Rechtes hatte man sich in dem Vertrage begeben, den man mit ihm errichtete, und gegen jeden Versuch, ihm einen andern General an die Seite zu setzen oder einen unmittelbaren Einfluß auf seine Truppen zu haben, schützte ihn die eigenhändige Unterschrift des Kaisers. Da man diesen nachtheiligen Vertrag weder halten noch vernichten konnte, so mußte man sich durch einen Kunstgriff heraushelfen. Wallenstein war kaiserlicher Generalissimus in Deutschland; aber weiter erstreckte sich sein Gebiet nicht, und über eine auswärtige Armee konnte er sich keine Herrschaft anmaßen. Man läßt also in Mailand eine spanische Armee errichten und unter einem spanischen General in Deutschland fechten. Wallenstein ist also der Unentbehrliche nicht mehr, weil er aufgehört hat, der Einzige zu sein, und im Nothfall hat man gegen ihn selbst eine Stütze.

Der Herzog fühlte es schnell und tief, woher dieser Streich kam und wohin er zielte. Umsonst protestierte er bei dem Cardinal-Infanten gegen diese vertragswidrige Neuerung; die italienische Armee rückte ein, und man zwang ihn, ihr den General Altringer mit Verstärkung zuzusenden. Zwar wußte er diesem durch strenge Verhaltungsbefehle die Hände so sehr zu binden, daß die italienische Armee in dem Elsaß und in Schwaben wenig Ehre einlegte; aber dieser eigenmächtige Schritt des Hofes hatte ihn aus seiner Sicherheit aufgeschreckt und ihm über die näherkommende Gefahr einen warnenden Wink gegeben. Um nicht zum zweitenmal sein Commando und mit demselben die Frucht aller seiner Bemühungen zu verlieren, mußte er mit der Ausführung seines Anschlags eilen. Durch Entfernung der verdächtigen Officiere und durch seine Freigebigkeit gegen die andern hielt er sich der Treue seiner Truppen versichert. Alle andern Stände des Staats, alle Pflichten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit hatte er dem Wohl der Armee aufgeopfert, also rechnete er auf die Erkenntlichkeit derselben. Im Begriff, ein nie erlebtes Beispiel des Undanks gegen den Schöpfer seines Glücks aufzustellen, baute er seine ganze Wohlfahrt auf die Dankbarkeit, die man an ihm beweisen sollte.

Die Anführer der schlesischen Armeen hatten von ihren Principalen keine Vollmacht, so etwas Großes, als Wallenstein in Vorschlag brachte, für sich allein abzuschließen, und selbst den verlangten Waffenstillstand getrauten sie sich nicht länger als auf vierzehn Tage zu bewilligen. Ehe sich der Herzog gegen die Schweden und Sachsen herausließ, hatte er noch für rathsam gefunden, sich bei seiner kühnen Unternehmung des französischen Schutzes zu versichern. Zu dem Ende wurden durch den Grafen von Kinsky bei dem französischen Bevollmächtigten Feuquieres zu Dresden geheime Unterhandlungen, wiewohl mit sehr mißtrauischer Vorsicht, angeknüpft, welche ganz seinem Wunsche gemäß ausfielen. Feuquieres erhielt Befehl von seinem Hofe, allen Vorschub von Seiten Frankreichs zu versprechen und dem Herzog, wenn er deren benöthigt wäre, eine beträchtliche Geldhilfe anzubieten.

Aber gerade diese überkluge Sorgfalt, sich von allen Seiten zu decken, gereichte ihm zum Verderben. Der französische Bevollmächtigte entdeckte mit großem Erstaunen, daß ein Anschlag, der mehr als jeder andre des Geheimnisses bedurfte, den Schweden und den Sachsen mitgetheilt worden sei. Das sächsische Ministerium war, wie man allgemein wußte, im Interesse des Kaisers, und die den Schweden angebotenen Bedingungen blieben allzu weit hinter den Erwartungen derselben zurück, um je ihren Beifall erhalten zu können. Feuquieres fand es daher unbegreiflich, wie der Herzog in vollem Ernste auf die Unterstützung der erstern und auf die Verschwiegenheit der letztern hätte Rechnung machen sollen. Er entdeckte seine Zweifel und Besorgnisse dem schwedischen Kanzler, der in die Absichten Wallensteins ein gleich großes Mißtrauen setzte und noch weit weniger Geschmack an seinen Vorschlägen fand. Wiewohl es ihm kein Geheimniß war, daß der Herzog schon ehedem mit Gustav Adolph in ähnlichen Traktaten gestanden, so begriff er doch die Möglichkeit nicht, wie er die ganze Armee zum Abfall bewegen und seine übermäßigen Versprechungen würde wahr machen können. Ein so ausschweifender Plan und ein so unbesonnenes Verfahren schien sich mit der verschlossenen und mißtrauischen Gemüthsart des Herzogs nicht wohl zu vertragen, und lieber erklärte man alles für Maske und Betrug, weil es eher erlaubt war an seiner Redlichkeit als an seiner Klugheit zu zweifeln. Oxenstiernas Bedenklichkeiten steckten endlich selbst Arnheimen an, der in vollem Vertrauen auf Wallensteins Aufrichtigkeit zu dem Kanzler nach Gelnhausen gereist war, ihn dahin zu vermögen, daß er dem Herzog seine besten Regimenter zum Gebrauch überlassen möchte. Man fing an, zu argwohnen, daß der ganze Antrag nur eine künstlich gelegte Schlinge sei, die Alliierten zu entwaffnen und den Kern ihrer Kriegsmacht dem Kaiser in die Hände zu spielen. Wallensteins bekannter Charakter widerlegte diesen schlimmen Verdacht nicht, und die Widersprüche, in die er sich nachher verwickelte, machten, daß man endlich ganz und gar an ihm irre ward. Indem er die Schweden in sein Bündniß zu ziehen suchte und ihnen sogar ihre besten Truppen abforderte, äußerte er sich gegen Arnheim, daß man damit anfangen müsse, die Schweden aus dem Reiche zu verjagen; und während daß sich die sächsischen Officiere, im Vertrauen auf die Sicherheit des Waffenstillstand es, in großer Menge bei ihm einfanden, machte er einen verunglückten Versuch, sich ihrer Personen zu bemächtigen. Er brach zuerst den Stillstand, den er doch einige Monate darauf nicht ohne große Mühe erneuerte. Aller Glaube an seine Wahrhaftigkeit verschwand, und endlich glaubte man in seinem ganzen Benehmen nichts als ein Gewebe von Betrug und niedrigen Kniffen zu sehen, um die Alliierten zu schwächen und sich selbst in Verfassung zu setzen. Dieses erreichte er zwar wirklich, indem seine Macht sich mit jedem Tage vermehrte, die Alliierten aber durch Desertion und schlechten Unterhalt über die Hälfte ihrer Truppen einbüßten. Aber er machte von seiner Ueberlegenheit den Gebrauch nicht, den man in Wien erwartete. Wenn man einem entscheidenden Vorfall entgegensah, erneuerte er plötzlich die Unterhandlungen; und wenn der Waffenstillstand die Alliierten in Sicherheit stürzte, so erhob er sich plötzlich, um die Feindseligkeiten zu erneuern. Alle diese Widersprüche flossen aus dem doppelten und ganz unvereinbaren Entwurf, den Kaiser und die Schweden zugleich zu verderben und mit Sachsen einen besondern Frieden zu schließen.

Ueber den schlechten Fortgang seiner Unterhandlungen ungeduldig, beschloß er endlich, seine Macht zu zeigen, da ohnehin die dringende Noth in dem Reiche und die steigende Unzufriedenheit am kaiserlichen Hofe keinen längern Aufschub gestatteten. Schon vor dem letzten Stillstand war der General von Holk von Böhmen aus in das Meißnische eingefallen, hatte alles, was auf seinem Wege lag, mit Feuer und Schwert verwüstet, den Kurfürsten in seine Festungen gejagt und selbst die Stadt Leipzig erobert. Aber der Stillstand in Schlesien setzte seinen Verwüstungen ein Ziel, und die Folgen seiner Abschweifungen streckten ihn zu Adorf auf die Bahre. Nach aufgehobenem Stillstand machte Wallenstein aufs neue eine Bewegung, als ob er durch die Lausitz in Sachsen fallen wollte, und ließ aussprengen, daß Piccolomini schon dahin aufgebrochen sei. Sogleich verläßt Arnheim sein Lager in Schlesien, um ihm nachzufolgen und dem Kurfürstenthum zu Hilfe zu eilen. Dadurch aber wurden die Schweden entblößt, die unter dem Commando des Grafen von Thurn in sehr kleiner Anzahl bei Steinau an der Oder gelagert standen; und gerade dies war es, was der Herzog gewollt hatte. Er ließ den sächsischen General sechzehn Meilen voraus in das Meißnische eilen und wendete sich dann auf einmal rückwärts gegen die Oder, wo er die schwedische Armee in der tiefsten Sicherheit überraschte. Ihre Reiterei wurde durch den vorangeschickten General Schafgotsch geschlagen und das Fußvolk von der nachfolgenden Armee des Herzogs bei Steinau völlig eingeschlossen. Wallenstein gab dem Grafen von Thurn eine halbe Stunde Bedenkzeit, sich mit dritthalbtausend Mann gegen mehr als zwanzigtausend zu wehren oder sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Bei solchen Umständen konnte keine Wahl stattfinden. Die ganze Armee gibt sich gefangen, und ohne einen Tropfen Blut ist der vollkommenste Sieg erfochten. Fahnen, Bagage und Geschütz fallen in des Siegers Hand, die Officiere werden in Verhaft genommen, die Gemeinen untergesteckt. Und jetzt endlich war nach einer vierzehnjährigen Irre, nach unzähligen Glückswechseln, der Anstifter des böhmischen Aufruhrs, der entfernte Urheber dieses ganzen verderblichen Krieges, der berüchtigte Graf von Thurn, in der Gewalt seiner Feinde. Mit blutdürstiger Ungeduld erwartet man in Wien die Ankunft dieses großen Verbrechers und genießt schon im Voraus den schrecklichen Triumph, der Gerechtigkeit ihr vornehmstes Opfer zu schlachten. Aber den Jesuiten diese Lust zu verderben, war ein viel süßerer Triumph, und Thurn erhielt seine Freiheit. Ein Glück für ihn, daß er mehr wußte, als man in Wien erfahren durfte, und daß Wallensteins Feinde auch die seinigen waren. Eine Niederlage hätte man dem Herzog in Wien verziehen; diese getäuschte Hoffnung vergab man ihm nie. »Was aber hätt' ich denn sonst mit diesem Rasenden machen sollen?« schreibt er mit boshaftem Spotte an die Minister, die ihn über diese unzeitige Großmuth zur Rede stellen. » Wollte der Himmel, die Feinde hätten lauter Generale, wie dieser ist! An der Spitze der schwedischen Heere wird er uns weit bessere Dienste thun, als im Gefängniß.«

Auf den Sieg bei Steinau folgte in kurzer Zeit die Einnahme von Liegnitz, Groß-Glogau und selbst von Frankfurt an der Oder. Schafgotsch, der in Schlesien zurückblieb, um die Unterwerfung dieser Provinz zu vollenden, blokierte Brieg und bedrängte Breslau vergebens, weil diese freie Stadt über ihre Privilegien wachte und den Schweden ergeben blieb. Die Obersten Illo und Götz schickte Wallenstein nach der Warthe, um bis in Pommern und an die Küste der Ostsee zu dringen, und Landsberg, der Schlüssel zu Pommern, wurde wirklich auch von ihnen erobert. Indem der Kurfürst von Brandenburg und der Herzog von Pommern für ihre Länder zitterten, brach Wallenstein selbst mit dem Rest der Armee in die Lausitz, wo er Görlitz mit Sturm eroberte und Bautzen zur Uebergabe zwang. Aber es war ihm nur darum zu thun, den Kurfürsten von Sachsen zu schrecken, nicht die erhaltenen Vortheile zu verfolgen; auch mit dem Schwert in der Hand setzte er bei Brandenburg und Sachsen seine Friedensanträge fort, wiewohl mit keinem bessern Erfolg, da er durch eine Kette von Widersprüchen alles Vertrauen verscherzt hatte. Jetzt würde er seine ganze Macht gegen das unglückliche Sachsen gewendet und seinen Zweck durch die Gewalt der Waffen doch endlich noch durchgesetzt haben, wenn nicht der Zwang der Umstände ihn genöthigt hätte, diese Gegenden zu verlassen. Die Siege Herzog Bernhards am Donaustrom, welche Oesterreich selbst mit naher Gefahr bedrohten, forderten ihn dringend nach Bayern, und die Vertreibung der Sachsen und Schweden aus Schlesien raubte ihm jeden Vorwand, sich den kaiserlichen Befehlen noch länger zu widersetzen und den Kurfürsten von Bayern hilflos zu lassen. Er zog sich also mit der Hauptmacht gegen die Oberpfalz, und sein Rückzug befreite Obersachsen auf immer von diesem furchtbaren Feinde.

So lange es nur möglich war, hatte er Bayerns Rettung verschoben und durch die gesuchtesten Ausflüchte die Ordonnanzen des Kaisers verhöhnt. Auf wiederholtes Bitten schickte er endlich zwar dem Grafen von Altringer, der den Lech und die Donau gegen Horn und Bernhard zu behaupten suchte, einige Regimenter aus Böhmen zu Hilfe, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, sich bloß vertheidigungsweise zu verhalten. Den Kaiser und den Kurfürsten wies er, so oft sie ihn um Hilfe anflehten, an Altringer, der, wie er öffentlich vorgab, eine uneingeschränkte Vollmacht von ihm erhalten habe, in geheim aber band er demselben durch die strengsten Instruktionen die Hände und bedrohte ihn mit dem Tode, wenn er seine Befehle überschreiten würde. Nachdem Herzog Bernhard vor Regensburg gerückt war und der Kaiser sowohl als der Kurfürst ihre Aufforderungen um Hilfe dringender erneuerten, stellte er sich an, als ob er den General Gallas mit einem ansehnlichen Heere an die Donau schicken würde; aber auch dies unterblieb, und so gingen, wie vorher das Bisthum Eichstädt, jetzt auch Regensburg, Straubing, Cham an die Schweden verloren. Als er endlich schlechterdings nicht mehr vermeiden konnte, den ernstlichen Befehlen des Hofs zu gehorsamen, rückte er so langsam, als er konnte, an die bayerische Grenze, wo er das von den Schweden eroberte Cham berennte. Er vernahm aber nicht so bald, daß man von schwedischer Seite daran arbeitete, ihm durch die Sachsen eine Diversion in Böhmen zu machen, so benutzte er dieses Gerücht, um aufs schleunigste, und ohne das Geringste verrichtet zu haben, nach Böhmen zurückzukehren. Alles Andre, gab er vor, müsse der Verteidigung und Erhaltung der kaiserlichen Erblande nachstehen; und so blieb er in Böhmen wie angefesselt stehen und hütete dieses Königreich, als ob es jetzt schon sein Eigenthum wäre. Der Kaiser wiederholte in noch dringenderem Tone seine Mahnung, daß er sich gegen den Donaustrom ziehen solle, die gefährliche Niederlassung des Herzogs von Weimar an Oesterreichs Grenzen zu hindern – er aber endigte den Feldzug für dieses Jahr und ließ seine Truppen aufs neue ihre Winterquartiere in dem erschöpften Königreich nehmen.

Ein so fortgeführter Trotz, eine so beispiellose Geringschätzung aller kaiserlichen Befehle, eine so vorsätzliche Vernachlässigung des allgemeinen Besten, verbunden mit einem so äußerst zweideutigen Benehmen gegen den Feind, mußte endlich den nachtheiligen Gerüchten, wovon längst schon ganz Deutschland erfüllt war, Glauben bei dem Kaiser verschaffen. Lange Zeit war es ihm gelungen, seinen strafbaren Unterhandlungen mit dem Feinde den Schein der Rechtmäßigkeit zu geben und dennoch immer für ihn gewonnenen Monarchen zu überreden, daß der Zweck jener geheimen Zusammenkünfte kein anderer sei, als Deutschland den Frieden zu schenken. Aber wie undurchdringlich er sich auch glaubte, so rechtfertigte doch der ganze Zusammenhang seines Betragens die Beschuldigungen, womit seine Gegner unaufhörlich das Ohr des Kaisers bestürmten. Um sich an Ort und Stelle von dem Grund oder Ungrund derselben zu belehren, hatte Ferdinand schon zu verschiedenen Zeiten Kundschafter in das Wallensteinische Lager geschickt, die aber, da der Herzog sich hütete, etwas Schriftliches von sich zu geben, bloße Muthmaßungen zurückbrachten. Da aber endlich die Minister selbst, seine bisherigen Verfechter am Hofe, deren Güter Wallenstein mit gleichen Lasten gedrückt hatte, sich zur Partei seiner Feinde schlugen; da der Kurfürst von Bayern die Drohung fallen ließ, sich, bei längerer Beibehaltung dieses Generals, mit den Schweden zu vergleichen; da endlich auch der spanische Abgesandte auf seiner Absetzung bestand und im Weigerungsfall die Subsidiengelder seiner Krone zurückzuhalten drohte, so sah sich der Kaiser zum zweitenmal in die Notwendigkeit gesetzt, ihn vom Commando zu entfernen.

Die eigenmächtigen und unmittelbaren Verfügungen des Kaisers bei der Armee belehrten den Herzog bald, daß der Vertrag mit ihm bereits als zerrissen betrachtet und seine Abdankung unvermeidlich sei. Einer seiner Unterfeldherrn in Oesterreich, dem Wallenstein bei Strafe des Beils untersagt hatte, dem Hofe zu gehorsamen, empfing von dem Kaiser unmittelbaren Befehl, zu dem Kurfürsten von Bayern zu stoßen; und an Wallenstein selbst erging die gebieterische Weisung, dem Cardinal-Infanten, der mit einer Armee aus Italien unterwegs war, einige Regimenter zur Verstärkung entgegen zu senden. Alle diese Anstalten sagten ihm, daß der Plan unwiderruflich gemacht sei, ihn nach und nach zu entwaffnen, um ihn alsdann schwach und wehrlos auf Einmal zu Grund zu richten.

Zu seiner Selbstvertheidigung mußte er jetzt eilen, einen Plan auszuführen, der Anfangs nur zu seiner Vergrößerung bestimmt war. Länger, als die Klugheit rieth, hatte er mit der Ausführung desselben gezögert, weil ihm noch immer die günstigen Constellationen fehlten, oder, wie er gewöhnlich die Ungeduld seiner Freunde abfertigte, weil die Zeit noch nicht gekommen war. Die Zeit war auch jetzt noch nicht gekommen, aber die dringende Noth verstattete nicht mehr, die Gunst der Sterne zu erwarten. Das Erste war, sich der Gesinnungen der vornehmsten Anführer zu versichern und alsdann die Treue der Armee zu erproben, die er so freigebig vorausgesetzt hatte. Drei derselben, die Obersten Kinsky, Terzky und Illo, waren schon längst in das Geheimniß gezogen und die beiden ersten durch das Band der Verwandtschaft an sein Interesse geknüpft. Eine gleiche Ehrsucht, ein gleicher Haß gegen die Regierung und die Hoffnung überschwänglicher Belohnungen verband sie aufs engste mit Wallenstein, der auch die niedrigsten Mittel nicht verschmäht hatte, die Zahl seiner Anhänger zu vermehren. Den Obersten Illo hatte er einsmals überredet, in Wien den Grafentitel zu suchen, und ihm dabei seine kräftigste Fürsprache zugesagt. Heimlich aber schrieb er an die Minister, ihm sein Gesuch abzuschlagen, weil sich sonst Mehrere melden dürften, die gleiche Verdienste hätten und auf gleiche Belohnungen Anspruch machten. Als Illo hernach zur Armee zurückkam, war sein Erstes, ihn nach dem Erfolg seiner Bewerbungen zu fragen; und da ihm dieser von dem schlechten Ausgange derselben Nachricht gab, so fing er an, die bittersten Klagen gegen den Hof auszustoßen. »Das also hätten wir mit unsern treuen Diensten verdient,« rief er, »daß meine Verwendung so gering geachtet und Euren Verdiensten eine so unbedeutende Belohnung verweigert wird! Wer wollte noch länger einem so undankbaren Herrn seine Dienste widmen? Nein, was mich angeht, ich bin von nun an der abgesagte Feind des Hauses Oesterreich.« Illo stimmte bei, und so wurde zwischen Beiden ein enges Bündniß gestiftet.

Aber was diese drei Vertrauten des Herzogs wußten, war lange Zeit ein undurchdringliches Geheimniß für die Uebrigen, und die Zuversicht, mit der Wallenstein von der Ergebenheit seiner Officiere sprach, gründete sich einzig nur auf die Wohlthaten, die er ihnen erzeigt hatte, und auf ihre Unzufriedenheit mit dem Hofe. Aber diese schwankende Vermuthung mußte sich in Gewißheit verwandeln, ehe er seine Maske abwarf und sich einen öffentlichen Schritt gegen den Kaiser erlaubte. Graf Piccolomini, derselbe, der sich in dem Treffen bei Lützen durch einen beispiellosen Muth ausgezeichnet hatte, war der Erste, dessen Treue er auf die Probe stellte. Er hatte sich diesen General durch große Geschenke verpflichtet, und er gab ihm den Vorzug vor allen andern, weil Piccolomini unter einerlei Constellation mit ihm geboren war. Diesem erklärte er, daß er, durch den Undank des Kaisers und seine nahe Gefahr gezwungen, unwiderruflich entschlossen sei, die österreichische Partei zu verlassen, sich mit dem besten Theile der Armee auf feindliche Seite zu schlagen und das Haus Oesterreich in allen Grenzen seiner Herrschaft zu bekriegen, bis es von der Wurzel vertilgt sei. Auf Piccolomini habe er bei dieser Unternehmung vorzüglich gerechnet und ihm schon in voraus die glänzendsten Belohnungen zugedacht. – Als dieser, um seine Bestürzung über diesen überraschenden Antrag zu verbergen, von den Hindernissen und Gefahren sprach, die sich einem so gewagten Unternehmen entgegensetzen würden, spottete Wallenstein seiner Furcht. »Bei solchen Wagestücken,« rief er aus, »sei nur der Anfang schwer; die Sterne seien ihm gewogen, die Gelegenheit, wie man sie nur immer verlangen könne, auch dem Glücke müsse man etwas vertrauen. Sein Entschluß stehe fest, und er würde, wenn es nicht anders geschehen könnte, an der Spitze von tausend Pferden sein Heil versuchen.« Piccolomini hütete sich sehr, durch einen längern Widerspruch das Mißtrauen des Herzogs zu reizen, und ergab sich mit anscheinender Ueberzeugung dem Gewicht seiner Gründe. So weit ging die Verblendung des Herzogs, daß es ihm, aller Warnungen des Grafen Terzky ungeachtet, gar nicht einfiel, an der Aufrichtigkeit dieses Mannes zu zweifeln, der keinen Augenblick verlor, die jetzt gemachte merkwürdige Entdeckung nach Wien zu berichten.

Um endlich den entscheidenden Schritt zum Ziele zu thun, berief er im Jänner 1634 alle Commandeurs der Armee nach Pilsen zusammen, wohin er sich gleich nach seinem Rückzug aus Bayern gewendet hatte. Die neuesten Forderungen des Kaisers, die Erblande mit Winterquartieren zu verschonen, Regensburg noch in der rauhen Jahreszeit wieder zu erobern und die Armee zur Verstärkung des Cardinal-Infanten um sechstausend Mann Reiterei zu vermindern, waren erheblich genug, um vor dem ganzen versammelten Kriegsrath in Erwägung gezogen zu werden, und dieser scheinbare Vorwand verbarg den Neugierigen den wahren Zweck der Zusammenberufung. Auch Schweden und Sachsen wurden heimlich dahin geladen, um mit dem Herzog von Friedland über den Frieden zu traktieren; mit den Befehlshabern entlegenerer Heere sollte schriftliche Abrede genommen werden. Zwanzig von den berufenen Commandeurs erschienen; aber gerade die wichtigsten, Gallas, Colloredo und Altringer, blieben aus. Der Herzog ließ seine Einladungen an sie dringend wiederholen, einstweilen aber, in Erwartung ihrer nahen Ankunft, zu der Hauptsache schreiten.

Es war nichts Geringes, was er jetzt auf dem Wege war zu unternehmen. Einen stolzen, tapfern, auf seine Ehre wachsam haltenden Adel der schändlichsten Untreue fähig zu erklären und in den Augen Derjenigen, die bis jetzt nur gewohnt waren, in ihm den Abglanz der Majestät, den Richter ihrer Handlungen, den Bewahrer der Gesetze zu verehren, auf Einmal als ein Niederträchtiger, als Verführer, als Rebell zu erscheinen. Nichts Geringes war es, eine rechtmäßige, durch lange Verjährung befestigte, durch Religion und Gesetze geheiligte Gewalt in ihren Wurzeln zu erschüttern; alle jene Bezauberungen der Einbildungskraft und der Sinne, die furchtbaren Wachen eines rechtmäßigen Throns, zu zerstören; alle jene unvertilgbaren Gefühle der Pflicht, die in der Brust des Unterthans für den geborenen Beherrscher so laut und so mächtig sprechen, mit gewaltsamer Hand zu vertilgen. Aber geblendet von dem Glanz einer Krone, bemerkte Wallenstein den Abgrund nicht, der zu seinen Füßen sich öffnete, und im vollen lebendigen Gefühl seiner Kraft versäumte er – das gewöhnliche Loos starker und kühner Seelen – die Hindernisse gehörig zu würdigen und in Berechnung zu bringen. Wallenstein sah nichts, als eine gegen den Hof theils gleichgültige, theils erbitterte Armee – eine Armee, die gewohnt war, seinem Ansehen mit blinder Unterwerfung zu huldigen, vor ihm, als ihrem Gesetzgeber und Richter, zu beben, seine Befehle, gleich den Aussprüchen des Schicksals, mit zitternder Ehrfurcht zu befolgen. In den übertriebenen Schmeicheleien, womit man seiner Allgewalt huldigte, in den frechen Schmähungen gegen Hof und Regierung, die eine zügellose Soldateska sich erlaubte und die wilde Licenz des Lagers entschuldigte, glaubte er die wahren Gesinnungen der Armee zu vernehmen, und die Kühnheit, mit der man selbst die Handlungen des Monarchen zu tadeln wagte, bürgte ihm für die Bereitwilligkeit der Truppen, einem so sehr verachteten Oberherrn die Pflicht aufzukündigen. Aber, was er sich als etwas so Leichtes gedacht hatte, stand als der furchtbarste Gegner wider ihn auf; an dem Pflichtgefühl seiner Trnppen scheiterten alle seine Berechnungen. Berauscht von dem Ansehen, das er über so meisterlose Schaaren behauptete, schrieb er alles auf Rechnung seiner persönlichen Größe, ohne zu unterscheiden, wie viel er sich selbst, und wie viel er der Würde dankte, die er bekleidete. Alles zitterte vor ihm, weil er eine rechtmäßige Gewalt ausübte, weil der Gehorsam gegen ihn Pflicht, weil sein Ansehen an die Majestät des Thrones befestigt war. Größe für sich allein kann wohl Bewunderung und Schrecken, aber nur die legale Größe Ehrfurcht und Unterwerfung erzwingen. Und dieses entscheidenden Vortheils beraubte er sich selbst in dem Augenblicke, da er sich als einen Verbrecher entlarvte.

Der Feldmarschall von Illo übernahm es, die Gesinnungen der Commandeurs zu erforschen und sie auf den Schritt, den man von ihnen erwartete, vorzubereiten. Er machte den Anfang damit, ihnen die neuesten Forderungen des Hofs an den General und die Armee vorzutragen; und durch die gehässige Wendung, die er denselben zu geben wußte, war es ihm leicht, den Zorn der ganzen Versammlung zu entflammen. Nach diesem wohlgewählten Eingang verbreitete er sich mit vieler Beredsamkeit über die Verdienste der Armee und des Feldherrn und über den Undank, womit der Kaiser sie zu belohnen pflege. »Spanischer Einfluß,« behauptete er, »leite alle Schritte des Hofes; das Ministerium stehe in spanischem Solde, nur der Herzog von Friedland habe bis jetzt dieser Tyrannei widerstanden und deßwegen den tödtlichsten Haß der Spanier auf sich geladen. Ihn vom Commando zu entfernen oder ganz und gar wegzuräumen,« fuhr er fort, »war längst schon das eifrigste Ziel ihrer Bestrebungen, und bis es ihnen mit einem von beiden gelingt, sucht man seine Macht im Felde zu untergraben. Aus keinem andern Grunde ist man bemüht, dem König von Ungarn das Commando in die Hände zu spielen, bloß damit man diesen Prinzen, als ein williges Organ fremder Eingebungen, nach Gefallen im Felde herumführen, die spanische Macht aber desto besser in Deutschland befestigen könne. Bloß um die Armee zu vermindern, begehrt man sechstausend Mann für den Cardinal-Infanten; bloß um sie durch einen Winterfeldzug aufzureiben, dringt man auf die Wiedereroberung Regensburgs in der feindlichen Jahrszeit. Alle Mittel zum Unterhalt erschwert man der Armee, während daß sich die Jesuiten und Minister mit dem Schweiß der Provinzen bereichern und die für die Truppen bestimmten Gelder verschwenden. Der General bekennt sein Unvermögen, der Armee Wort zu halten, weil der Hof ihn im Stiche läßt. Für alle Dienste, die er innerhalb zweiundzwanzig Jahren dem Hause Oesterreich geleistet, für alle Mühseligkeiten, die er übernommen, für alle Reichtümer, die er in kaiserlichem Dienste von dem Seinigen zugesetzt, erwartet ihn eine zweite schimpfliche Entlassung – aber er erklärt, daß er es dazu nicht kommen lassen will. Von freien Stücken entsagt er dem Commando, ehe man es ihm mit Gewalt aus den Händen windet. Dies ist es,« fuhr der Redner fort, »was er den Obersten durch mich entbietet. Jeder frage sich nun selbst, ob es rathsam ist, einen solchen General zu verlieren. Jeder sehe nun zu, wer ihm die Summen ersetze, die er im Dienste des Kaisers aufgewendet, und wo er den verdienten Lohn seiner Tapferkeit ernte – wenn Der dahin ist, unter dessen Augen er sie bewiesen hat.«

Ein allgemeines Geschrei, daß man den General nicht ziehen lassen dürfe, unterbrach den Redner. Vier der Vornehmsten werden abgeordnet, ihm den Wunsch der Versammlung vorzutragen und ihn flehentlich zu bitten, daß er die Armee nicht verlassen möchte. Der Herzog weigerte sich zum Schein und ergab sich erst nach einer zweiten Gesandtschaft. Diese Nachgiebigkeit von seiner Seite schien einer Gegengefälligkeit von der ihrigen werth. Da er sich anheischig machte, ohne Wissen und Willen der Commandeurs nicht aus dem Dienste zu treten, so forderte er von ihnen ein schriftliches Gegenversprechen, treu und fest an ihm zu halten, sich nimmer von ihm zu trennen oder trennen zu lassen und für ihn den letzten Blutstropfen aufzusetzen Wer sich von dem Bunde absondern würde, sollte für einen treuvergessenen Verräther gelten und von den Uebrigen als ein gemeinschaftlicher Feind behandelt werden. Die ausdrücklich angehängte Bedingung: »So lange Wallenstein die Armee zum Dienste des Kaisers gebrauchen würde,« entfernte jede Mißdeutung, und keiner der versammelten Commandeurs trug Bedenken, einem so unschuldig scheinenden und so billigen Begehren seinen vollen Beifall zu schenken.

Die Vorlesung dieser Schrift geschah unmittelbar vor einem Gastmahl, welches der Feldmarschall Illo ausdrücklich in dieser Absicht veranstaltet hatte; nach aufgehobener Tafel sollte die Unterzeichnung vor sich gehen. Der Wirth that das Seinige, die Besinnungskraft seiner Gäste durch starke Getränke abzustumpfen, und nicht eher, als bis er sie von Weindünsten taumeln sah, gab er ihnen die Schrift zur Unterzeichnung. Die meisten malten leichtsinnig ihren Namen hin, ohne zu wissen, was sie unterschrieben; nur einige wenige, welche neugieriger oder mißtrauischer waren, durchliefen das Blatt noch einmal und entdeckten mit Erstaunen, daß die Klausel: »So lange Wallenstein die Armee zum Besten des Kaisers gebrauchen würde,« hinweggelassen sei. Illo nämlich hatte mit einem geschickten Taschenspielerkniff das erste Exemplar mit einem andern ausgetauscht, in dem jene Klausel fehlte. Der Betrug wurde laut, und Viele weigerten sich nun, ihre Unterschrift zu geben. Piccolomini, der den ganzen Betrug durchschaute und bloß in der Absicht, dem Hofe davon Nachricht zu geben, an diesem Auftritte Theil nahm, vergaß sich in der Trunkenheit so, daß er die Gesundheit des Kaisers ausbrachte. Aber jetzt stand Graf Terzky auf und erklärte Alle für meineidige Schelmen, die zurücktreten würden. Seine Drohungen, die Vorstellung der unvermeidlichen Gefahr, der man bei längerer Weigerung ausgesetzt war, das Beispiel der Menge und Illos Beredsamkeit überwanden endlich ihre Bedenklichkeiten, und das Blatt wurde von Jedem ohne Ausnahme unterzeichnet.

Wallenstein hatte nun zwar seinen Zweck erreicht; aber die ganz unerwartete Widersetzung der Commandeurs riß ihn auf einmal aus dem lieblichen Wahne, in dem er bisher geschwebt hatte. Zudem waren die mehresten Namen so unleserlich gekritzelt, daß man eine unredliche Absicht dahinter vermuthen mußte. Anstatt aber durch diesen warnenden Wink des Schicksals zum Nachdenken gebracht zu werden, ließ er seine gereizte Empfindlichkeit in unwürdigen Klagen und Verwünschungen überströmen. Er berief die Commandeurs am folgenden Morgen zu sich und übernahm es in eigener Person den ganzen Inhalt des Vortrags zu wiederholen, welchen Illo den Tag vorher an sie gehalten hatte. Nachdem er seinen Unwillen gegen den Hof in die bittersten Vorwürfe und Schmähungen ausgegossen, erinnerte er sie an ihre gestrige Widersetzlichkeit und erklärte, daß er durch diese Entdeckung bewogen worden sei, sein Versprechen zurückzunehmen. Stumm und betreten entfernten sich die Obersten, erschienen aber, nach einer kurzen Beratschlagung im Vorzimmer, aufs neue, den Vorfall von gestern zu entschuldigen und sich zu einer neuen Unterschrift anzubieten.

Jetzt fehlte nichts mehr, als auch von den ausgebliebenen Generalen entweder eine gleiche Versicherung zu erhalten oder sich im Weigerungsfall ihrer Personen zu bemächtigen. Wallenstein erneuerte daher seine Einladung und trieb sie dringend an, ihre Ankunft zu beschleunigen. Aber noch ehe sie eintrafen, hatte sie der Ruf bereits von dem Vorgange zu Pilsen unterrichtet und ihre Eilfertigkeit plötzlich gehemmt. Altringer blieb unter dem Vorwand einer Krankheit in dem festen Schloß Frauenberg liegen. Gallas fand sich zwar ein, aber bloß um als Augenzeuge den Kaiser von der drohenden Gefahr desto besser unterrichten zu können. Die Aufschlüsse, welche er und Piccolomini gaben, verwandelten die Besorgnisse des Hofs auf einmal in die schrecklichste Gewißheit. Aehnliche Entdeckungen, welche man zugleich an andern Orten machte, ließen keinem Zweifel mehr Raum, und die schnelle Veränderung der Commandantenstellen in Schlesien und Oesterreich schien auf eine höchst bedenkliche Unternehmung zu deuten. Die Gefahr war dringend, und die Hilfe mußte schnell sein. Dennoch wollte man nicht mit Vollziehung des Urtheils beginnen, sondern streng nach Gerechtigkeit verfahren. Man erließ also an die vornehmsten Befehlshaber, deren Treue man sich versichert hielt, geheime Befehle, den Herzog von Friedland nebst seinen beiden Anhängern, Illo und Terzky, auf was Art es auch sein möchte, zu verhaften und in sichre Verwahrung zu bringen, damit sie gehört werden und sich verantworten könnten. Sollte dies aber auf so ruhigem Wege nicht zu bewirken sein, so fordere die öffentliche Gefahr, sie todt oder lebendig zu greifen. Zugleich erhielt General Gallas ein offenes Patent, worin allen Obersten und Officieren diese kaiserliche Verfügung bekannt gemacht, die ganze Armee ihrer Pflichten gegen den Verräther entlassen und, bis ein neuer Generalissimus aufgestellt sein würde, an den Generallieutenant von Gallas verwiesen wurde. Um den Verführten und Abtrünnigen die Rückkehr zu ihrer Pflicht zu erleichtern und die Schuldigen nicht in Verzweiflung zu stürzen, bewilligte man eine gänzliche Amnestie über alles, was zu Pilsen gegen die Majestät des Kaisers begangen worden war.

Dem General von Gallas war nicht wohl zu Muthe bei der Ehre, die ihm widerfuhr. Er befand sich zu Pilsen, unter den Augen Desjenigen, dessen Schicksal er bei sich trug, in der Gewalt seines Feindes, der hundert Augen hatte, ihn zu beobachten. Entdeckte aber Wallenstein das Geheimniß seines Auftrags, so konnte ihn nichts vor den Wirkungen seiner Rache und Verzweiflung schützen. War es schon bedenklich, einen solchen Auftrag auch nur zu verheimlichen, so war es noch weit mißlicher, ihn zur Vollziehung zu bringen. Die Gesinnungen der Commandeurs waren ungewiß, und es ließ sich wenigstens zweifeln, ob sie sich bereitwillig würden finden lassen, nach dem einmal gethanen Schritt den kaiserlichen Versicherungen zu trauen und allen glänzenden Hoffnungen, die sie auf Wallenstein gebaut hatten, auf einmal zu entsagen. Und dann, welch ein gefährliches Wagestück, Hand an die geheiligte Person eines Mannes zu legen, der bis jetzt für unverletzlich geachtet, durch lange Ausübung der höchsten Gewalt, durch einen zur Gewohnheit gewordenen Gehorsam zum Gegenstand der tiefsten Ehrfurcht geworden und mit allem, was äußere Majestät und innere Größe verleihen kann, bewaffnet war – dessen Anblick schon ein knechtisches Zittern einjagte, der mit einem Winke über Leben und Tod entschied! Einen solchen Mann, mitten unter den Wachen, die ihn umgaben, in einer Stadt, die ihm gänzlich ergeben schien, wie einen gemeinen Verbrecher zu greifen und den Gegenstand einer so lang gewohnten tiefen Verehrung auf einmal in einen Gegenstand des Mitleidens oder des Spottes zu verwandeln, war ein Auftrag, der auch den Muthigsten zagen machte. So tief hatten sich Furcht und Achtung vor ihm in die Brust seiner Soldaten gegraben, daß selbst das ungeheure Verbrechen des Hochverrats diese Empfindungen nicht ganz entwurzeln konnte.

Gallas begriff die Unmöglichkeit, unter den Augen des Herzogs seinen Auftrag zu vollziehen, und sein sehnlichster Wunsch war, sich, eh' er einen Schritt zur Ausführung wagte, vorher mit Altringern zu besprechen. Da das lange Außenbleiben des Letztern schon anfing Verdacht bei dem Herzog zu erregen, so erbot sich Gallas, sich in eigner Person nach Frauenberg zu verfügen und Altringern, als seinen Verwandten, zur Herreise zu bewegen. Wallenstein nahm diesen Beweis seines Eifers mit so großem Wohlgefallen auf, daß er ihm seine eigene Equipage zur Reise hergab. Froh über die gelungene List, verließ Gallas ungesäumt Pilsen und überließ es dem Grafen Piccolomini, Wallensteins Schritte zu bewachen; er selbst aber zögerte nicht, von dem kaiserlichen Patente, wo es nur irgend anging, Gebrauch zu machen, und die Erklärung der Truppen fiel günstiger aus, als er je hatte erwarten können. Anstatt seinen Freund nach Pilsen mit zurückzubringen, schickte er ihn vielmehr nach Wien, um den Kaiser gegen einen gedrohten Angriff zu schützen, und er selbst ging nach Ober-Oesterreich, wo man von der Nähe des Herzogs Bernhard von Weimar die größte Gefahr besorgte. In Böhmen wurden die Städte Budweiß und Tabor aufs neue für den Kaiser besetzt und alle Anstalten getroffen, den Unternehmungen des Verräthers schnell und mit Nachdruck zu begegnen.

Da auch Gallas an keine Rückkehr zu denken schien, so wagte es Piccolomini, die Leichtgläubigkeit des Herzogs noch einmal auf die Probe zu stellen. Er bat sich von ihm die Erlaubniß aus, den Gallas zurückzuholen. und Wallenstein ließ sich zum zweitenmal überlisten. Diese unbegreifliche Blindheit wird uns nur als eine Tochter seines Stolzes erklärbar, der sein Urtheil über eine Person nie zurücknahm und die Möglichkeit, zu irren, auch sich selbst nicht gestehen wollte. Auch den Grafen Piccolomini ließ er in seinem eigenen Wagen nach Linz bringen, wo dieser sogleich dem Beispiel des Gallas folgte und noch einen Schritt weiter ging. Er hatte Wallenstein versprochen, zurückzukehren; dieses that er, aber an der Spitze einer Armee, um den Herzog in Pilsen zu überfallen. Ein anderes Heer eilte unter dem General von Suys nach Prag, um diese Hauptstadt in kaiserliche Pflichten zu nehmen und gegen einen Angriff der Rebellen zu vertheidigen. Zugleich kündigt sich Gallas allen zerstreuten Armeen Oesterreichs als den einzigen Chef an, von dem man nunmehr Befehle anzunehmen habe. In allen kaiserlichen Lagern werden Plakate ausgestreut, die den Herzog nebst vier seiner Vertrauten für vogelfrei erklären und die Armeen ihrer Pflichten gegen den Verräther entbinden.

Das zu Linz gegebene Beispiel findet allgemeine Nachahmung; man verflucht das Andenken des Verräthers, alle Armeen fallen von ihm ab. Endlich, nachdem auch Piccolomini sich nicht wieder sehen läßt, fällt die Decke von Wallensteins Augen, und schrecklich erwacht er aus seinem Traume. Doch auch jetzt glaubt er noch an die Wahrhaftigkeit der Sterne und an die Treue der Armee. Gleich auf die Nachricht von Piccolominis Abfall läßt er den Befehl bekannt machen, daß man ins künftige keiner Ordre zu gehorchen habe, die nicht unmittelbar von ihm selbst oder von Terzky und Illo herrühre. Er rüstet sich in aller Eile, um nach Prag aufzubrechen, wo er Willens ist, endlich seine Maske abzuwerfen und sich öffentlich gegen den Kaiser zu erklären. Vor Prag sollten alle Truppen sich versammeln und von da aus mit Blitzesschnelligkeit über Oesterreich herstürzen. Herzog Bernhard, der in die Verschwörung gezogen worden, sollte die Operationen des Herzogs mit schwedischen Truppen unterstützen und eine Diversion an der Donau machen. Schon eilte Terzky nach Prag voraus, und nur Mangel an Pferden hinderte den Herzog. mit dem Rest der treugebliebenen Regimenter nachzufolgen. Aber indem er mit der gespanntesten Erwartung den Nachrichten von Prag entgegensieht, erfährt er den Verlust dieser Stadt, erfährt er den Abfall seiner Generale, die Desertion seiner Truppen, die Enthüllung seines ganzen Complots, den eilfertigen Anmarsch des Piccolomini, der ihm den Untergang geschworen. Schnell und schrecklich stürzen alle seine Entwürfe zusammen, täuschen ihn alle seine Hoffnungen. Einsam steht er da, verlassen von Allen, denen er Gutes that, verrathen von Allen, auf die er baute. Aber solche Lagen sind es, die den großen Charakter erproben. In allen seinen Erwartungen hintergangen, entsagt er keinem einzigen seiner Entwürfe; nichts gibt er verloren, weil er sich selbst noch übrig bleibt. Jetzt war die Zeit gekommen, wo er des so oft verlangten Beistands der Schweden und der Sachsen bedurfte, und wo aller Zweifel in die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen verschwand. Und jetzt, nachdem Oxenstierna und Arnheim seinen ernstlichen Vorsatz und seine Noth erkannten, bedachten sie sich auch nicht länger, die günstige Gelegenheit zu benutzen und ihm ihren Schutz zuzusagen. Von sächsischer Seite sollte ihm Herzog Franz Albert von Sachsen-Lauenburg viertausend, von schwedischer Herzog Bernhard und Pfalzgraf Christian von Birkenfeld sechstausend Mann geprüfter Truppen zuführen. Wallenstein verließ Pilsen mit dem Terzky'schen Regiment und den Wenigen, die ihm treu geblieben waren oder sich doch stellten, es zu sein, und eilte nach Eger an die Grenze des Königreichs, um der Oberpfalz näher zu sein und die Vereinigung mit Herzog Bernhard zu erleichtern. Noch war ihm das Urtheil nicht bekannt, das ihn als einen öffentlichen Feind und Verräther erklärte; erst zu Eger sollte ihn dieser Donnerstrahl treffen. Noch rechnete er auf eine Armee, die General Schafgotsch in Schlesien für ihn bereit hielt, und schmeichelte sich noch immer mit der Hoffnung, daß Viele, selbst von Denen, die längst von ihm abgefallen waren, beim ersten Schimmer seines wieder anhebenden Glückes zu ihm umkehren würden. Selbst auf der Flucht nach Eger – so wenig hatte die niederschlagende Erfahrung seinen verwegenen Muth gebändigt – beschäftigte ihn noch der ungeheuere Entwurf, den Kaiser zu entthronen. Unter diesen Umständen geschah es, daß Einer aus seinem Gefolge sich die Erlaubniß ausbat, ihm einen Rath zu ertheilen. »Beim Kaiser,« fing er an, »sind Eure fürstliche Gnaden ein gewisser, ein großer und hoch ästimirter Herr; beim Feinde sind Sie noch ein ungewisser König. Es ist aber nicht weise gehandelt, das Gewisse zu wagen für das Ungewisse. Der Feind wird sich Eurer Gnaden Person bedienen, weil die Gelegenheit günstig ist; Ihre Person aber wird ihm immer verdächtig sein, und stets wird er fürchten, daß Sie auch ihm einmal thun möchten, wie jetzt dem Kaiser. Deßwegen kehren Sie um, dieweil es noch Zeit ist.« – »Und wie ist da noch zu helfen?« fiel der Herzog ihm ins Wort. – »Sie haben,« erwiederte jener, »vierzigtausend Armierte (Dukaten mit geharnischten Männern) in der Truhen. Die nehmen Sie in die Hand und reisen geraden Wegs damit an den kaiserlichen Hof. Dort erklären Sie, daß Sie alle bisherigen Schritte bloß gethan, die Treue der kaiserlichen Diener auf die Probe zu stellen und die Redlichgesinnten von den Verdächtigen zu unterscheiden. Und da nun die meisten sich zum Abfall geneigt bewiesen, so seien Sie jetzt gekommen. Seine kaiserliche Majestät vor diesen gefährlichen Menschen zu warnen. So werden Sie Jeden zum Verräther machen, der Sie jetzt zum Schelm machen will. Am kaiserlichen Hof wird man Sie mit den vierzigtausend Armierten gewißlich willkommen heißen, und Sie werden wieder der erste Friedländer werden.« »Der Vorschlag ist gut,« antwortete Wallenstein nach einigem Nachdenken, »aber der Teufel traue!«

Indem der Herzog von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb, die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab, wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen, der seinem Leben ein Ende machte. Der kaiserliche Urtheilsspruch, der ihn für vogelfrei erklärte, hatte seine Wirkung nicht verfehlt, und die rächende Nemesis wollte, daß der Undankbare unter den Streichen des Undanks erliegen sollte. Unter seinen Officieren hatte Wallenstein einen Irländer, Namens Leßlie, mit vorzüglicher Gunst beehrt und das ganze Glück dieses Mannes gegründet. Eben dieser war es, der sich bestimmt und berufen fühlte, das Todesurtheil an ihm zu vollstrecken und den blutigen Lohn zu verdienen. Nicht sobald war dieser Leßlie im Gefolge des Herzogs zu Eger angelangt, als er dem Commandanten dieser Stadt, Obersten Buttler, und dem Oberstlieuenant Gordon, zweien protestantischen Schottländern, alle schlimmen Anschläge des Herzogs entdeckte, welche ihm dieser Unbesonnene auf der Herreise vertraut hatte. Leßlie fand hier zwei Männer, die eines Entschlusses fähig waren. Man hatte die Wahl zwischen Verrätherei und Pflicht, zwischen dem rechtmäßigen Herrn und einem flüchtigen, allgemein verlassenen Rebellen; wiewohl der letztere der gemeinschaftliche Wohlthäter war, so konnte die Wahl doch keinen Augenblick zweifelhaft bleiben. Man verbindet sich fest und feierlich zur Treue gegen den Kaiser, und diese fordert die schnellsten Maßregeln gegen den öffentlichen Feind. Die Gelegenheit ist günstig, und sein böser Genius hat ihn von selbst in die Hände der Rache geliefert. Um jedoch der Gerechtigkeit nicht in ihr Amt zu greifen, beschließt man, ihr das Opfer lebendig zuzuführen, und man scheidet von einander mit dem gewagten Entschluß, den Feldherrn gefangen zu nehmen. Tiefes Geheimniß umhüllt dieses schwarze Complot, und Wallenstein, ohne Ahnung des ihm so nahe schwebenden Verderbens, schmeichelt sich vielmehr, in der Besatzung von Eger seine tapfersten und treuesten Verfechter zu finden.

Um eben diese Zeit werden ihm die kaiserlichen Patente überbracht, die sein Urtheil enthalten und in allen Lagern gegen ihn bekannt gemacht sind. Er erkennt jetzt die ganze Größe der Gefahr, die ihn umlagert, die gänzliche Unmöglichkeit der Rückkehr, seine fürchterliche verlassene Lage, die Nothwendigkeit, sich aus Treu und Glauben dem Feinde zu überliefern. Gegen Leßlie ergießt sich der ganze Unmuth seiner verwundeten Seele, und die Heftigkeit des Affekts entreißt ihm das letzte noch übrige Geheimniß. Er entdeckt diesem Officier seinen Entschluß, Eger und Elnbogen, als die Pässe des Königreichs, dem Pfalzgrafen von Birkenfeld einzuräumen, und unterrichtet ihn zugleich von der nahen Ankunft des Herzogs Bernhard in Eger, wovon er noch in eben dieser Nacht durch einen Eilboten benachrichtigt worden. Diese Entdeckung, welche Leßlie seinen Mitverschwornen aufs schleunigste mittheilt, ändert ihren ersten Entschluß. Die dringende Gefahr erlaubt keine Schonung mehr. Eger konnte jeden Augenblick in feindliche Hände fallen und eine schnelle Revolution ihren Gefangenen in Freiheit setzen. Diesem Unglück zuvorzukommen, beschließen sie, ihn sammt seinen Vertrauten in der folgenden Nacht zu ermorden.

Damit dies mit um so weniger Geräusch geschehen möchte, sollte die That bei einem Gastmahle vollzogen werden, welches der Oberst Buttler auf dem Schlosse zu Eger veranstaltete. Die Andern alle erschienen; nur Wallenstein, der viel zu bewegt war, um in fröhliche Gesellschaft zu taugen, ließ sich entschuldigen. Man mußte also, in Ansehung seiner, den Plan abändern; gegen die Andern aber beschloß man der Abrede gemäß zu verfahren. In sorgloser Sicherheit erschienen die drei Obersten Illo, Terzky und Wilhelm Kinsky und mit ihnen Rittmeister Neumann, ein Officier voll Fähigkeit, dessen sich Terzky bei jedem verwickelten Geschäfte, welches Kopf erforderte, zu bedienen pflegte. Man hatte vor ihrer Ankunft die zuverlässigsten Soldaten aus der Besatzung, welche mit in das Complot gezogen war, in das Schloß eingenommen, alle Ausgänge aus demselben wohl besetzt und in einer Kammer neben dem Speisesaal sechs Buttlerische Dragoner verborgen, die auf ein verabredetes Signal hervorbrechen und die Verräther niederstoßen sollten. Ohne Ahnung der Gefahr, die über ihrem Haupte schwebte, überließen sich die sorglosen Gäste den Vergnügungen der Mahlzeit, und Wallensteins, nicht mehr des kaiserlichen Dieners, sondern des souveränen Fürsten, Gesundheit wurde aus vollen Bechern getrunken. Der Wein öffnete ihnen die Herzen, und Illo entdeckte mit vielem Uebermuth, daß in drei Tagen eine Armee dastehen werde, dergleichen Wallenstein niemals angeführt habe. – »Ja,« fiel Neumann ein, »und dann hoffe er, seine Hände in der Oesterreicher Blut zu waschen.« Unter diesen Reden wird das Dessert aufgetragen, und nun gibt Leßlie das verabredete Zeichen, die Auszugbrücke zu sperren, und nimmt selbst alle Thorschlüssel zu sich. Auf einmal füllt sich der Speisesaal mit Bewaffneten an, die sich mit dem unerwarteten Gruße: Vivat Ferdinandus! hinter die Stühle der bezeichneten Gäste pflanzen. Bestürzt und mit einer üblen Ahnung springen alle vier zugleich von der Tafel auf. Kinsky und Terzky werden sogleich erstochen, ehe sie sich zur Wehr setzen können; Neumann allein findet Gelegenheit, während der Verwirrung in den Hof zu entwischen, wo er aber von den Wachen erkannt und sogleich niedergemacht wird. Nur Illo hatte Gegenwart des Geistes genug, sich zu vertheidigen. Er stellte sich an ein Fenster, von wo er dem Gordon seine Verrätherei unter den bittersten Schmähungen vorwarf und ihn aufforderte, sich ehrlich und ritterlich mit ihm zu schlagen. Erst nach der tapfersten Gegenwehr, nachdem er zwei seiner Feinde todt dahin gestreckt, sank er, überwältigt von der Zahl und von zehn Stichen durchbohrt, zu Boden. Gleich nach vollbrachter That eilte Leßlie nach der Stadt, um einem Auflauf zuvorzukommen. Als die Schildwachen am Schloßthor ihn außer Athem daher rennen sahen. feuerten sie, in dem Wahne, daß er mit zu den Rebellen gehöre, ihre Flinten auf ihn ab, doch ohne ihn zu treffen. Aber diese Schüsse brachten die Wachen in der Stadt in Bewegung, und Leßlies schnelle Gegenwart war nöthig, sie zu beruhigen. Er entdeckte ihnen nunmehr umständlich den ganzen Zusammenhang der Friedländischen Verschwörung und die Maßregeln, die dagegen bereits getroffen worden, das Schicksal der vier Rebellen, so wie dasjenige, welches den Anführer selbst erwartete. Als er sie bereitwillig fand, seinem Vorhaben beizutreten, nahm er ihnen aufs neue einen Eid ab, dem Kaiser getreu zu sein und für die gute Sache zu leben und zu sterben. Nun wurden hundert Buttlerische Dragoner von der Burg aus in die Stadt eingelassen, die alle Straßen durchreiten mußten, um die Anhänger des Herzogs im Zaum zu halten und jedem Tumult vorzubeugen. Zugleich besetzte man alle Thore der Stadt Eger und jeden Zugang zum Friedländischen Schlosse, das an den Markt stieß, mit einer zahlreichen und zuverlässigen Mannschaft, daß der Herzog weder entkommen, noch Hilfe von außen erhalten konnte.

Bevor man aber zur Ausführung schritt, wurde von den Verschwornen auf der Burg noch eine lange Beratschlagung gehalten, ob man ihn wirklich ermorden oder sich nicht lieber begnügen sollte, ihn gefangen zu nehmen. Bespritzt mit Blut und gleichsam auf den Leichen seiner erschlagenen Genossen, schauderten diese wilden Seelen zurück vor der Gräuelthat, ein so merkwürdiges Leben zu enden. Sie sahen ihn, den Führer in der Schlacht, in seinen glücklichen Tagen, umgeben von seiner siegenden Armee, im vollen Glanz seiner Herrschergröße; und noch einmal ergriff die langgewohnte Furcht ihre zagenden Herzen. Doch bald erstickt die Vorstellung der dringenden Gefahr diese flüchtige Regung. Man erinnert sich der Drohungen, welche Neumann und Illo bei der Tafel ausgestoßen, man sieht die Sachsen und Schweden schon in der Nähe von Eger mit einer furchtbaren Armee und keine Rettung als in dem schleunigen Untergange des Verräthers. Es bleibt also bei dem ersten Entschluß, und der schon bereit gehaltene Mörder, Hauptmann Deveroux, ein Irländer, erhält den blutigen Befehl.

Wahrend daß jene Drei auf der Burg von Eger sein Schicksal bestimmten, beschäftigte sich Wallenstein in einer Unterredung mit Seni, es in den Sternen zu lesen. »Die Gefahr ist noch nicht vorüber,« sagte der Astrolog mit prophetischem Geiste. »Sie ist es,« sagte der Herzog, der an dem Himmel selbst seinen Willen wollte durchgesetzt haben. »Aber daß du mit nächstem wirst in den Kerker geworfen werden,« fuhr er mit gleich prophetischem Geist fort, »das, Freund Seni, steht in den Sternen geschrieben.« Der Astrolog hatte sich beurlaubt, und Wallenstein war zu Bette, als Hauptmann Deveroux mit sechs Hellebardierern vor seiner Wohnung erschien und von der Wache, der es nichts Außerordentliches war, ihn zu einer ungewöhnlichen Zeit bei dem General aus- und eingehen zu sehen, ohne Schwierigkeit eingelassen wurde. Ein Page, der ihm auf der Treppe begegnet und Lärm machen will, wird mit einer Pike durchstochen. In dem Vorzimmer stoßen die Mörder auf einen Kammerdiener, der aus dem Schlafgemach seines Herrn tritt und den Schlüssel zu demselben so eben abgezogen hat. Den Finger auf den Mund legend, bedeutet sie der erschrockne Sklav, keinen Lärm zu machen, weil der Herzog eben eingeschlafen sei. »Freund,« ruft Deveroux ihn an, »jetzt ist es Zeit, zu lärmen!« Unter diesen Worten rennt er gegen die verschlossene Thüre, die auch von innen verriegelt ist, und sprengt sie mit einem Fußtritte.

Wallenstein war durch den Knall, den eine losgehende Flinte erregte, aus dem ersten Schlaf aufgepocht worden und ans Fenster gesprungen, um der Wache zu rufen. In diesem Augenblick hörte er aus den Fenstern des anstoßenden Gebäudes das Heulen und Wehklagen der Gräfinnen Terzky und Kinsky, die so eben von dem gewaltsamen Tod ihrer Männer benachrichtigt worden. Ehe er Zeit hatte, diesem schrecklichen Vorfalle nachzudenken, stand Deveroux mit seinen Mordgehilfen im Zimmer. Er war noch im bloßen Hemde, wie er aus dem Bette gesprungen war, zunächst an dem Fenster an einen Tisch gelehnt. »Bist du der Schelm,« schreit Deveroux ihn an, »der des Kaisers Volk zu dem Feind überführen und Seiner Majestät die Krone vom Haupte herunter reißen will? Jetzt mußt du sterben.« Er hält einige Augenblicke inne, als ob er eine Antwort erwartete; aber Ueberraschung und Trotz verschließen Wallensteins Mund. Die Arme weit auseinander breitend, empfängt er vorn in der Brust den tödtlichen Stoß der Partisane und fällt dahin in seinem Blut, ohne einen Laut auszustoßen.

Den Tag darauf langt ein Expresser von dem Herzog von Lauenburg an, der die nahe Ankunft dieses Prinzen berichtet. Man versichert sich seiner Person, und ein anderer Lakai wird in Friedländischer Livree an den Herzog abgeschickt, ihn nach Eger zu locken. Die List gelingt, und Franz Albert überliefert sich selbst den Händen der Feinde. Wenig fehlte, daß Herzog Bernhard von Weimar, der schon auf der Reise nach Eger begriffen war, nicht ein ähnliches Schicksal erfahren hätte. Zum Glück erhielt er von Wallensteins Untergang noch früh genug Nachricht, um sich durch einen zeitigen Rückzug der Gefahr zu entreißen. Ferdinand weihte dem Schicksale seines Generals eine Thräne und ließ für die Ermordeten zu Wien dreitausend Seelmessen lesen; zugleich aber vergaß er nicht, die Mörder mit goldenen Gnadenketten, Kammerherrnschlüsseln, Dignitäten und Rittergütern zu belohnen.

So endigte Wallenstein in einem Alter von fünfzig Jahren sein thatenreiches und außerordentliches Leben; durch Ehrgeiz emporgehoben, durch Ehrsucht gestürzt, bei allen seinen Mängeln noch groß und bewundernswerth, unübertrefflich, wenn er Maß gehalten hätte. Die Tugenden des Herrschers und Helden, Klugheit, Gerechtigkeit, Festigkeit und Muth, ragen in seinem Charakter kolossalisch hervor; aber ihm fehlten die sanftern Tugenden des Menschen, die den Helden zieren und dem Herrscher Liebe erwerben. Furcht war der Talisman, durch den er wirkte; ausschweifend im Strafen wie im Belohnen, wußte er den Eifer seiner Untergebenen in immerwährender Spannung zu erhalten, und gehorcht zu sein wie er, konnte kein Feldherr in mittlern und neuern Zeiten sich rühmen. Mehr als Tapferkeit galt ihm die Unterwürfigkeit gegen seine Befehle, weil durch jene nur der Soldat, durch diese der Feldherr handelt. Er übte die Folgsamkeit der Truppen durch eigensinnige Verordnungen und belohnte die Willigkeit, ihm zu gehorchen, auch in Kleinigkeiten mit Verschwendung, weil erden Gehorsam höher als den Gegenstand schätzte. Einsmals ließ er bei Lebensstrafe verbieten, daß in der ganzen Armee keine andere als rothe Feldbinden getragen werden sollten. Ein Rittmeister hatte diesen Befehl kaum vernommen, als er seine mit Gold durchwirkte Feldbinde abnahm und mit Füßen trat. Wallenstein, dem man es hinterbrachte, machte ihn auf der Stelle zum Obersten. Stets war sein Blick auf das Ganze gerichtet, und bei allem Scheine der Willkür verlor er doch nie den Grundsatz der Zweckmäßigkeit aus den Augen. Die Räubereien der Soldaten in Freundes Land hatten geschärfte Verordnungen gegen die Marodeurs veranlaßt, und der Strang war jedem gedroht, den man auf einem Diebstahl betreten würde. Da geschah es, daß Wallenstein selbst einem Soldaten auf dem Felde begegnete, den er ununtersucht als einen Uebertreter des Gesetzes ergreifen ließ und mit dem gewöhnlichen Donnerwort, gegen welches keine Einwendung stattfand: »Laßt die Bestie hängen!« zum Galgen verdammte. Der Soldat betheuert und beweist seine Unschuld – aber die unwiderrufliche Sentenz ist heraus. »So hänge man dich unschuldig,« sagte der Unmenschliche; »desto gewisser wird der Schuldige zittern.« Schon macht man die Anstalten, diesen Befehl zu vollziehen, als der Soldat, der sich ohne Rettung verloren sieht, den verzweifelten Entschluß faßt, nicht ohne Rache zu sterben. Wüthend fällt er seinen Richter an, wird aber, ehe er seinen Vorsatz ausführen kann, von der überlegenen Anzahl entwaffnet. »Jetzt laßt ihn laufen,« sagte der Herzog, »es wird Schrecken genug erregen.« – Seine Freigebigkeit wurde durch unermeßliche Einkünfte unterstützt, welche jährlich auf drei Millionen geschätzt wurden, die ungeheuern Summen nicht gerechnet, die er unter dem Namen von Brandschatzungen zu erpressen wußte. Sein freier Sinn und heller Verstand erhob ihn über die Religionsvorurtheile seines Jahrhunderts, und die Jesuiten vergaben es ihm nie, daß er ihr System durchschaute und in dem Papste nichts als einen römischen Bischof sah.

Aber wie schon seit Samuels des Propheten Tagen Keiner, der sich mit der Kirche entzweite, ein glückliches Ende nahm, so vermehrte auch Wallenstein die Zahl ihrer Opfer. Durch Mönchsintriguen verlor er zu Regensburg den Commandostab und zu Eger das Leben; durch mönchische Künste verlor er vielleicht, was mehr war als beides, seinen ehrlichen Namen und seinen guten Ruf vor der Nachwelt. Denn endlich muß man zur Steuer der Gerechtigkeit gestehen, daß es nicht ganz treue Federn sind, die uns die Geschichte dieses außerordentlichen Mannes überliefert haben; daß die Verrätherei des Herzogs und sein Entwurf auf die böhmische Krone sich auf keine streng bewiesene Thatsache, bloß auf wahrscheinliche Vermuthungen gründen. Noch hat sich das Dokument nicht gefunden, das uns die geheimen Triebfedern seines Handelns mit historischer Zuverlässigkeit aufdeckte, und unter seinen öffentlichen, allgemein beglaubigten Thaten ist keine, die nicht endlich aus einer unschuldigen Quelle könnte gegossen sein. Viele seiner getadeltsten Schritte beweisen bloß seine ernstliche Neigung zum Frieden; die meisten andern erklärt und entschuldigt das gerechte Mißtrauen gegen den Kaiser und das verzeihliche Bestreben, seine Wichtigkeit zu behaupten. Zwar zeugt sein Betragen gegen den Kurfürsten von Bayern von einer unedeln Rachsucht und einem unversöhnlichen Geiste; aber keine seiner Thaten berechtigt uns, ihn der Verrätherei für überwiesen zu halten. Wenn endlich Noth und Verzweiflung ihn antreiben, das Urtheil wirklich zu verdienen, das gegen den Unschuldigen gefällt war, so kann dieses dem Urtheil selbst nicht zur Rechtfertigung gereichen. So fiel Wallenstein, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel. Ein Unglück für den Lebenden, daß er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Todten, daß ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb.

Fünftes Buch.

Wallensteins Tod machte einen neuen Generalissimus nothwendig, und der Kaiser gab nun endlich dem Zureden der Spanier nach, seinen Sohn Ferdinand, König von Ungarn, zu dieser Würde zu erheben. Unter ihm führte der Graf von Gallas das Commando, der die Funktionen des Feldherrn ausübt, während daß der Prinz diesen Posten eigentlich nur mit seinem Namen und Ansehen schmückt. Bald sammelt sich eine beträchtliche Macht unter Ferdinands Fahnen, der Herzog von Lothringen führt ihm in Person Hilfsvölker zu, und aus Italien erscheint der Cardinal-Infant mit zehntausend Mann, seine Armee zu verstärken. Um den Feind von der Donau zu vertreiben, unternimmt der neue Feldherr, was man von seinem Vorgänger nicht hatte erhalten können, die Belagerung der Stadt Regensburg. Umsonst dringt Herzog Bernhard von Weimar in das Innerste von Bayern, um den Feind von dieser Stadt wegzulocken; Ferdinand betreibt die Belagerung mit standhaftem Ernst, und die Reichsstadt öffnet ihm, nach der hartnäckigsten Gegenwehr, die Thore. Donauwörth betrifft bald darauf ein ähnliches Schicksal, und nun wird Nördlingen in Schwaben belagert. Der Verlust so vieler Reichsstädte mußte der schwedischen Partei um so empfindlicher fallen, da die Freundschaft dieser Städte für das Glück ihrer Waffen bis jetzt so entscheidend war, also Gleichgültigkeit gegen das Schicksal derselben um so weniger verantwortet werden konnte. Es gereichte ihnen zur unauslöschlichen Schande, ihre Bundesgenossen in der Noth zu verlassen und der Rachsucht eines unversöhnlichen Siegers preiszugeben. Durch diese Gründe bewogen, setzt sich die schwedische Armee unter der Anführung Horns und Bernhards von Weimar nach Nördlingen in Bewegung, entschlossen, auch wenn es eine Schlacht kosten sollte, diese Stadt zu entsetzen.

Das Unternehmen war mißlich, da die Macht des Feindes der schwedischen merklich überlegen war, und die Klugheit rieth um so mehr an, unter diesen Umständen nicht zu schlagen, da die feindliche Macht sich in kurzer Zeit trennen mußte und die Bestimmung der italienischen Truppen sie nach den Niederlanden rief. Man konnte indessen eine solche Stellung erwählen, daß Nördlingen gedeckt und dem Feinde die Zufuhr genommen wurde. Alle diese Gründe machte Gustav Horn in dem schwedischen Kriegsrathe geltend; aber seine Vorstellungen fanden keinen Eingang bei Gemüthern, die, von einem langen Kriegsglücke trunken, in den Rathschlägen der Klugheit nur die Stimme der Furcht zu vernehmen glaubten. Von dem höhern Ansehen Herzog Bernhards überstimmt, mußte sich Gustav Horn wider Willen zu einer Schlacht entschließen, deren unglücklichen Ausgang ihm eine schwarze Ahnung vorher schon verkündigte.

Das ganze Schicksal des Treffens schien von Besetzung einer Anhöhe abzuhängen, die das kaiserliche Lager beherrschte. Der Versuch, dieselbe noch in der Nacht zu ersteigen, war mißlungen, weil der mühsame Transport des Geschützes durch Hohlwege und Gehölze den Marsch der Truppen verzögerte. Als man gegen die Mitternachtsstunde davor erschien, hatte der Feind die Anhöhe schon besetzt und durch starke Schanzen vertheidigt. Man erwartete also den Anbruch des Tags, um sie im Sturme zu ersteigen. Die ungestüme Tapferkeit der Schweden machte sich durch alle Hindernisse Bahn, die mondförmigen Schanzen werden von jeder der dazu commandierten Brigaden glücklich erstiegen; aber da beide zu gleicher Zeit von entgegengesetzten Seiten in die Verschanzungen dringen, so treffen sie gegen einander und verwirren sich. In diesem unglücklichen Augenblick geschieht es, daß ein Pulverfaß in die Luft fliegt und unter den schwedischen Völkern die größte Unordnung anrichtet. Die kaiserliche Reiterei bricht in die zerrissenen Glieder, und die Flucht wird allgemein. Kein Zureden ihres Generals kann die Fliehenden bewegen, den Angriff zu erneuern.

Er entschließt sich also, um diesen wichtigen Posten zu behaupten, frische Völker dagegen anzuführen; aber indessen haben einige spanische Regimenter ihn besetzt, und jeder Versuch, ihn zu erobern, wird durch die heldenmüthige Tapferkeit dieser Truppen vereitelt. Ein von Bernhard herbeigeschicktes Regiment setzt siebenmal an, und siebenmal wird es zurückgetrieben. Bald empfindet man den Nachtheil, sich dieses Postens nicht bemächtigt zu haben. Das Feuer des feindlichen Geschützes von der Anhöhe richtet auf dem angrenzenden Flügel der Schweden eine fürchterliche Niederlage an, daß Gustav Horn, der ihn anführt, sich zum Rückzug entschließen muß. Anstatt diesen Rückzug seines Gehilfen decken und den nachsetzenden Feind aufhalten zu können, wird Herzog Bernhard selbst von der überlegenen Macht des Feindes in die Ebene herabgetrieben, wo seine flüchtige Reiterei die Hornischen Völker mit in Verwirrung bringt und Niederlage und Flucht allgemein macht. Beinahe die ganze Infanterie wird gefangen oder niedergehauen; mehr als zwölftausend Mann bleiben todt auf dem Wahlplatze; achtzig Kanonen, gegen viertausend Wagen und dreihundert Standarten und Fahnen fallen in kaiserliche Hände. Gustav Horn selbst geräth nebst drei andern Generalen in die Gefangenschaft. Herzog Bernhard rettet mit Mühe einige schwache Trümmer der Armee, die sich erst zu Frankfurt wieder unter seine Fahnen versammeln.

Die Nördlinger Niederlage kostete dem Reichskanzler die zweite schlaflose Nacht in Deutschland. Unübersehbar groß war der Verlust, den sie nach sich zog. Die Ueberlegenheit im Felde war nun auf einmal für die Schweden verloren und mit ihr das Vertrauen aller Bundesgenossen, die man ohnehin nur dem bisherigen Kriegsglücke verdankte. Eine gefährliche Trennung drohte dem ganzen protestantischen Bunde den Untergang. Furcht und Schrecken ergriffen die ganze Partei, und die katholische erhob sich mit übermüthigem Triumph aus ihrem tiefen Verfalle. Schwaben und die nächsten Kreise empfanden die ersten Folgen der Nördlinger Niederlage, und Wirtenberg besonders wurde von der siegenden Armee überschwemmt. Alle Mitglieder des Heilbronnischen Bundes zitterten vor der Rache des Kaisers; was fliehen konnte, rettete sich nach Straßburg, und die hilflosen Reichsstädte erwarteten mit Bangigkeit ihr Schicksal. Etwas mehr Mäßigung gegen die Besiegten würde alle diese schwächern Stände unter die Herrschaft des Kaisers zurückgeführt haben. Aber die Härte, die man auch gegen diejenigen bewies, welche sich freiwillig unterwarfen, brachte die übrigen zur Verzweiflung und ermunterte sie zu dem thätigsten Widerstande.

Alles suchte in dieser Verlegenheit Rath und Hilfe bei Oxenstierna. Oxenstierna suchte sie bei den deutschen Ständen. Es fehlte an Armeen; es fehlte an Geld, neue aufzurichten und den alten die ungestüm geforderten Rückstände zu bezahlen. Oxenstierna wendet sich an den Kurfürsten von Sachsen, der die schwedische Sache verläßt, um mit dem Kaiser zu Pirna über den Frieden zu traktieren. Er spricht die niedersächsischen Stände um Beistand an; diese, schon längst der schwedischen Geldforderungen und Ansprüche müde, sorgen jetzt bloß für sich selbst, und Herzog Georg von Lüneburg, anstatt dem obern Deutschland zu Hilfe zu eilen, belagert Minden, um es für sich selbst zu behalten. Von seinen deutschen Alliierten hilflos gelassen, bemüht sich der Kanzler um den Beistand auswärtiger Mächte. England, Holland, Venedig werden um Geld, um Truppen angesprochen, und von der äußersten Noth getrieben, entschließt er sich endlich zu dem lange vermiedenen sauern Schritt, sich Frankreich in die Arme zu werfen.

Endlich war der Zeitpunkt erschienen, welchem Richelieu längst mit ungeduldiger Sehnsucht entgegenblickte. Nur die völlige Unmöglichkeit, sich auf einem andern Wege zu retten, konnte die protestantischen Stände Deutschlands vermögen, die Ansprüche Frankreichs auf das Elsaß zu unterstützen. Dieser äußerste Nothfall war jetzt vorhanden; Frankreich war unentbehrlich, und es ließ sich den lebhaften Antheil, den es von jetzt an an dem deutschen Kriege nahm, mit einem theuern Preise bezahlen. Voll Glanz und Ehre betrat es jetzt den politischen Schauplatz. Schon hatte Oxenstierna, dem es wenig kostete, Deutschlands Rechte und Besitzungen zu verschenken, die Reichsfestung Philippsburg und die noch übrigen verlangten Plätze an Richelieu abgetreten; jetzt schickten die oberdeutschen Protestanten auch in ihrem Namen eine eigene Gesandtschaft ab, das Elsaß, die Festung Breisach (die erst erobert werden sollte) und alle Plätze am Oberrhein, die der Schlüssel zu Deutschland waren, unter französischen Schutz zu geben. Was der französische Schutz bedeute, hatte man an den Bisthümern Metz, Toul und Verdun gesehen, welche Frankreich schon seit Jahrhunderten, selbst gegen ihre rechtmäßigen Eigenthümer beschützte. Das Trierische Gebiet hatte schon französische Besitzungen; Lothringen war so gut als erobert, da es jeden Augenblick mit einer Armee überschwemmt werden und seinem furchtbaren Nachbar durch eigene Kraft nicht widerstehen konnte. Jetzt war die wahrscheinlichste Hoffnung für Frankreich vorhanden, auch das Elsaß zu seinen weitläuftigen Besitzungen zu schlagen und, da man sich bald darauf mit den Holländern in die spanischen Niederlande theilte, den Rhein zu seiner natürlichen Grenze gegen Deutschland zu machen. So schimpflich wurden Deutschlands Rechte von deutschen Ständen an diese treulose, habsüchtige Macht verkauft, die unter der Larve einer uneigennützigen Freundschaft nur nach Vergrößerung strebte und, indem sie mit frecher Stirne die ehrenvolle Benennung einer Beschützerin annahm, bloß darauf bedacht war, ihr Netz auszuspannen und in der allgemeinen Verwirrung sich selbst zu versorgen.

Für diese wichtigen Cessionen machte Frankreich sich anheischig, den schwedischen Waffen durch Bekriegung der Spanier eine Diversion zu machen und, wenn es mit dem Kaiser selbst zu einem öffentlichen Bruch kommen sollte, diesseits des Rheins eine Armee von zwölftausend Mann zu unterhalten, die dann in Vereinigung mit den Schweden und Deutschen gegen Oesterreich agieren würde. Zu dem Kriege mit den Spaniern wurde von diesen selbst die erwünschte Veranlassung gegeben. Sie überfielen von den Niederlanden aus die Stadt Trier, hieben die französische Besatzung, die in derselben befindlich war, nieder, bemächtigten sich, gegen alle Rechte der Völker, der Person des Kurfürsten, der sich unter französischen Schutz begeben hatte, und führten ihn gefangen nach Flandern. Als der Cardinal-Infant, als Statthalter der spanischen Niederlande, dem König von Frankreich die geforderte Genugthuung abschlug und sich weigerte, den gefangenen Fürsten in Freiheit zu setzen, kündigte ihm Richelieu, nach altem Brauche durch einen Wappenherold, zu Brüssel förmlich den Krieg an, der auch wirklich von drei verschiedenen Armeen, in Mailand, in dem Veltlin und in Flandern eröffnet wurde. Weniger Ernst schien es dem französischen Minister mit dem Kriege gegen den Kaiser zu sein, wobei weniger Vortheile zu ernten und größere Schwierigkeiten zu besiegen waren. Dennoch wurde unter der Anführung des Cardinals von la Valette eine vierte Armee über den Rhein nach Deutschland gesendet, die in Vereinigung mit Herzog Bernhard, ohne vorhergegangene Kriegserklärung, gegen den Kaiser zu Felde zog.

Ein weit empfindlicherer Schlag, als selbst die Nördlinger Niederlage, war für die Schweden die Aussöhnung des Kurfürsten von Sachsen mit dem Kaiser, welche, nach wiederholten wechselseitigen Versuchen, sie zu hindern und zu befördern, endlich im Jahr 1634 zu Pirna erfolgte und im Mai des darauf folgenden Jahres zu Prag in einem förmlichen Frieden befestigt wurde. Nie hatte der Kurfürst von Sachsen die Anmaßungen der Schweden in Deutschland verschmerzen können, und seine Abneigung gegen diese ausländische Macht, die in dem deutschen Reiche Gesetze gab, war mit jeder neuen Forderung, welche Oxenstierna an die deutschen Reichsstände machte, gestiegen. Diese üble Stimmung gegen Schweden unterstützte aufs kräftigste die Bemühungen des spanischen Hofs, einen Frieden zwischen Sachsen und dem Kaiser zu stiften. Ermüdet von den Unfällen eines so langen und verwüstenden Krieges, der die sächsischen Länder vor allen andern zu seinem traurigen Schauplatze machte, gerührt von dem allgemeinen und schrecklichen Elende, das Freund und Feind ohne Unterschied über seine Unterthanen häuften, und durch die verführerischen Anträge des Hauses Oesterreich gewonnen, ließ endlich der Kurfürst die gemeine Sache im Stich, und weniger besorgt um das Loos seiner Mitstände und um deutsche Freiheit, dachte er nur darauf, seine eigenen Vortheile, wär's auch auf Unkosten des Ganzen, zu befördern.

Und wirklich war das Elend in Deutschland zu einem so ausschweifenden Grade gestiegen, daß das Gebet um Frieden von tausendmaltausend Zungen ertönte und auch der nachtheiligste noch immer für eine Wohlthat des Himmels galt. Wüsten lagen da, wo sonst tausend frohe und fleißige Menschen wimmelten, wo die Natur ihren herrlichsten Segen ergossen und Wohlleben und Ueberfluß geherrscht hatte. Die Felder, von der fleißigen Hand des Pflügers verlassen, lagen ungebaut und verwildert, und wo eine junge Saat aufschoß oder eine lachende Ernte winkte, da zerstörte ein einziger Durchmarsch den Fleiß eines ganzen Jahres, die letzte Hoffnung des verschmachtenden Volks. Verbrannte Schlösser, verwüstete Felder, eingeäscherte Dörfer lagen meilenweit herum in grauenvoller Zerstörung, während daß ihre verarmten Bewohner hingingen, die Zahl jener Mordbrennerheere zu vermehren und, was sie selbst erlitten hatten, ihren verschonten Mitbürgern schrecklich zu erstatten. Kein Schutz gegen Unterdrückung, als selbst unterdrücken zu helfen. Die Städte seufzten unter der Geißel zügelloser und räuberischer Besatzungen, die das Eigenthum des Bürgers verschlangen und die Freiheiten des Krieges, die Licenz ihres Standes und die Vorrechte der Noth mit dem grausamsten Muthwillen geltend machten. Wenn schon unter dem kurzen Durchzug einer Armee ganze Landstrecken zur Einöde wurden, wenn andere durch Winterquartiere verarmten, oder durch Brandschatzungen ausgesogen wurden, so litten sie doch nur vorübergehende Plagen, und der Fleiß eines Jahres konnte die Drangsale einiger Monate vergessen machen. Aber keine Erholung wurde Denjenigen zu Theil, die eine Besatzung in ihren Mauern oder in ihrer Nachbarschaft hatten, und ihr unglückliches Schicksal konnte selbst der Wechsel des Glücks nicht verbessern, da der Sieger an den Platz und in die Fußstapfen des Besiegten trat und Freund und Feind gleich wenig Schonung bewiesen. Die Vernachlässigung der Felder, die Zerstörung der Saaten und die Vervielfältigung der Armeen, die über die ausgesogenen Länder daherstürmten, hatten Hunger und Theurung zur unausbleiblichen Folge, und in den letzten Jahren vollendete noch Mißwachs das Elend. Die Anhäufung der Menschen in Lagern und Quartieren, Mangel auf der einen Seite und Völlerei auf der andern brachten pestartige Seuchen hervor, die mehr als Schwert und Feuer die Länder verödeten. Alle Bande der Ordnung lösten in dieser langen Zerrüttung sich auf, die Achtung für Menschenrechte, die Furcht vor Gesetzen, die Reinheit der Sitten verlor sich, Treu und Glaube verfiel, indem die Stärke allein mit eisernem Scepter herrschte; üppig schossen unter dem Schirme der Anarchie und der Straflosigkeit alle Laster auf, und die Menschen verwilderten mit den Ländern. Kein Stand war dem Muthwillen zu ehrwürdig, kein fremdes Eigenthum der Noth und der Raubsucht heilig. Der Soldat (um das Elend jener Zeit in ein einziges Wort zu pressen), der Soldat herrschte, und dieser brutalste der Despoten ließ seine eignen Führer nicht selten seine Obermacht fühlen. Der Befehlshaber einer Armee war eine wichtigere Person in dem Lande, worin er sich sehen ließ, als der rechtmäßige Regent, der oft dahin gebracht war, sich vor ihm in seinen Schlössern zu verkriechen. Ganz Deutschland wimmelte von solchen kleinen Tyrannen, und die Länder litten gleich hart von dem Feinde und von ihren Verteidigern. Alle diese Wunden schmerzten um so mehr, wenn man sich erinnerte, daß es fremde Mächte waren, welche Deutschland ihrer Habsucht aufopferten und die Drangsale des Krieges vorsätzlich verlängerten, um ihre eigennützigen Zwecke zu erreichen. Damit Schweden sich bereichern und Eroberungen machen konnte, mußte Deutschland unter der Geißel des Krieges bluten; damit Richelieu in Frankreich nothwendig blieb, durfte die Fackel der Zwietracht im deutschen Reiche nicht erlöschen.

Aber es waren nicht lauter eigennützige Stimmen, die sich gegen den Frieden erklärten, und wenn sowohl Schweden als deutsche Reichsstände die Fortdauer des Kriegs aus unreiner Absicht wünschten, so sprach eine gesunde Staatskunst für sie. Konnte man nach der Nördlinger Niederlage einen billigen Frieden von dem Kaiser erwarten? Und wenn man dies nicht konnte, sollte man siebzehn Jahre lang alles Ungemach des Krieges erduldet, alle Kräfte verschwendet haben, um am Ende nichts gewonnen oder gar noch verloren zu haben? Wofür so viel Blut vergossen, wenn alles blieb, wie es gewesen, wenn man in seinen Rechten und Ansprüchen um gar nichts gebessert war? wenn man alles, was so sauer errungen worden, in einem Frieden wieder herausgeben mußte? War es nicht wünschenswerter, die lange getragene Last noch zwei oder drei Jahre länger zu tragen, um für zwanzigjährige Leiden endlich doch einen Ersatz einzuernten? Und an einem vorteilhaften Frieden war nicht zu zweifeln, sobald nur Schweden und deutsche Protestanten, im Felde wie im Kabinet, standhaft zusammen hielten und ihr gemeinschaftliches Interesse mit wechselseitigem Antheil, mit vereinigtem Eifer besorgten. Ihre Trennung allein machte den Feind mächtig und entfernte die Hoffnung eines dauerhaften und allgemein beglückenden Friedens. Und dieses größte aller Uebel fügte der Kurfürst von Sachsen der protestantischen Sache zu, indem er sich durch einen Separatvergleich mit Oesterreich versöhnte.

Schon vor der Nördlinger Schlacht hatte er die Unterhandlungen mit dem Kaiser eröffnet, aber der unglückliche Ausgang der erstern beschleunigte die Abschließung des Vergleichs. Das Vertrauen auf den Beistand der Schweden war gefallen, und man zweifelte, ob sie sich von diesem harten Schlage je wieder aufrichten würden. Die Trennung unter ihren eigenen Anführern, die schlechte Subordination der Armee und die Entkräftung des schwedischen Reichs ließ keine großen Thaten mehr von ihnen erwarten. Um so mehr glaubte man eilen zu müssen, sich die Großmuth des Kaisers zu Nutze zu machen, der seine Anerbietungen auch nach dem Nördlinger Siege nicht zurücknahm. Oxenstierna, der die Stände in Frankfurt versammelte, forderte; der Kaiser hingegen gab. und so bedurfte es keiner langen Ueberlegung, welchem von beiden man Gehör geben sollte.

Indessen wollte man doch den Schein vermeiden, als ob man die gemeine Sache hintansetzte und bloß auf seinen eignen Nutzen bedacht wäre. Alle deutschen Reichsstände, selbst die Schweden, waren eingeladen worden, zu diesem Frieden mitzuwirken und Theil daran zu nehmen, obgleich Kursachsen und der Kaiser die einzigen Mächte waren, die ihn schlossen und sich eigenmächtig zu Gesetzgebern über Deutschland aufwarfen. Die Beschwerden der protestantischen Stände kamen in demselben zur Sprache, ihre Verhältnisse und Rechte wurden vor diesem willkürlichen Tribunale entschieden und selbst das Schicksal der Religionen ohne Zuziehung der dabei so sehr interessierten Glieder bestimmt. Es sollte ein allgemeiner Friede, ein Reichsgesetz sein; als ein solches bekannt gemacht und durch ein Reichsexecutionsheer, wie ein förmlicher Reichsschluß, vollzogen werden. Wer sich dagegen auflehnte, war ein Feind des Reiches, und so mußte er, allen ständischen Rechten zuwider, ein Gesetz anerkennen, das er nicht selbst mit gegeben hatte. Der Pragische Friede war also, schon seiner Form nach, ein Werk der Willkür; und er war es nicht weniger durch seinen Inhalt.

Das Restitutionsedikt hatte den Bruch zwischen Kursachsen und dem Kaiser vorzüglich veranlaßt; also mußte man auch bei der Wiederaussöhnung zuerst darauf Rücksicht nehmen. Ohne es ausdrücklich und förmlich aufzuheben, setzte man in dem Pragischen Frieden fest, daß alle unmittelbaren Stifter und unter den mittelbaren diejenigen, welche nach dem Passauischen Vertrage von den Protestanten eingezogen und besessen worden, noch vierzig Jahre, jedoch ohne Reichstagsstimme, in demjenigen Stande bleiben sollten, in welchem das Restitutionsedikt sie gefunden habe. Vor Ablauf dieser vierzig Jahre sollte dann eine Commission von beiderlei Religionsverwandten gleicher Anzahl friedlich und gesetzmäßig darüber verfügen und, wenn es auch dann zu keinem Endurtheil käme, jeder Theil in den Besitz aller Rechte zurücktreten. die er vor Erscheinung des Restitutionsedikts ausgeübt habe. Diese Auskunft also, weit entfernt, den Samen der Zwietracht zu ersticken, suspendierte nur auf eine Zeit lang seine verderblichen Wirkungen, und der Zunder eines neuen Krieges lag schon in diesem Artikel des Pragischen Friedens.

Das Erzstift Magdeburg bleibt dem Prinzen August von Sachsen und Halberstadt dem Erzherzog Leopold Wilhelm. Von dem Magdeburgischen Gebiet werden vier Aemter abgerissen und an Kursachsen verschenkt; der Administrator von Magdeburg, Christian Wilhelm von Brandenburg, wird auf andere Art abgefunden. Die Herzoge von Mecklenburg empfangen, wenn sie diesem Frieden beitreten, ihr Land zurück, das sie glücklicherweise längst schon durch Gustav Adolphs Großmuth besitzen; Donauwörth erlangt seine Reichsfreiheit wieder. Die wichtige Forderung der pfälzischen Erben bleibt, wie wichtig es auch dem protestantischen Reichstheile war, diese Kurstimme nicht zu verlieren, gänzlich unberührt, weil ein lutherischer Fürst einem reformierten keine Gerechtigkeit schuldig ist. Alles, was die protestantischen Stände, die Ligue und der Kaiser in dem Kriege von einander erobert haben, wird zurückgegeben; alles, was die auswärtigen Mächte Schweden und Frankreich sich zugeeignet, wird ihnen mit gesammter Hand wieder abgenommen. Die Kriegsvölker aller contrahierenden Theile werden in eine einzige Reichsmacht vereinigt, welche, vom Reiche unterhalten und bezahlt, diesen Frieden mit gewaffneter Hand zu vollstrecken hat.

Da der Pragische Friede als ein allgemeines Reichsgesetz gelten sollte, so wurden diejenigen Punkte, welche mit dem Reiche nichts zu thun hatten, in einem Nebenvertrage beigefügt. In diesem wurde dem Kurfürsten von Sachsen die Lausitz als ein böhmisches Lehen zuerkannt und über die Religionsfreiheit dieses Landes und Schlesiens noch besonders gehandelt.

Alle evangelischen Stände waren zu Annahme des Pragischen Friedens eingeladen und unter dieser Bedingung der Amnestie theilhaftig gemacht; bloß die Fürsten von Wirtenberg und Baden – deren Länder man inne hatte und nicht geneigt war so ganz unbedingt wieder herzugeben – die eigenen Unterthanen Oesterreichs, welche die Waffen gegen ihren Landesherrn geführt, und diejenigen Stände, die unter Oxenstiernas Direktion den Rath der oberdeutschen Kreise ausmachten, schloß man aus; nicht sowohl um den Krieg gegen sie fortzusetzen, als vielmehr, um ihnen den nothwendig gewordenen Frieden desto theurer zu verkaufen. Man behielt ihre Lande als ein Unterpfand, bis die völlige Annahme des Friedens erfolgt, bis alles herausgegeben und alles in seinen vorigen Stand zurückgestellt sein würde. Eine gleiche Gerechtigkeit gegen alle hätte vielleicht das wechselseitige Zutrauen zwischen Haupt und Gliedern, zwischen Protestanten und Papisten, zwischen Reformirten und Lutheranern zurückgeführt, und verlassen von allen ihren Bundesgenossen, hätten die Schweden einen schimpflichen Abschied aus dem Reiche nehmen müssen. Jetzt bestärkte diese ungleiche Behandlung die härter gehaltenen Stände in ihrem Mißtrauen und Widersetzungsgeist und erleichterte es den Schweden, das Feuer des Kriegs zu nähren und einen Anhang in Deutschland zu behalten.

Der Prager Friede fand, wie vorher zu erwarten gewesen war, eine sehr ungleiche Aufnahme in Deutschland. Ueber dem Bestreben, beide Parteien einander zu nähern, hatte man sich von beiden Vorwürfe zugezogen. Die Protestanten klagten über die Einschränkungen, die sie in diesem Frieden erleiden sollten; die Katholiken fanden diese verwerfliche Sekte, auf Kosten der wahren Kirche, viel zu günstig behandelt. Nach diesen hatte man der Kirche von ihren unveräußerlichen Rechten vergeben, indem man den Evangelischen den vierzigjährigen Genuß der geistlichen Güter bewilligte; nach jenen hatte man eine Verrätherei an der protestantischen Kirche begangen, weil man seinen Glaubensbrüdern in den österreichischen Ländern die Religionsfreiheit nicht errungen hatte. Aber Niemand wurde bittrer getadelt als der Kurfürst von Sachsen, den man als einen treulosen Ueberläufer, als einen Verräther der Religion und Reichsfreiheit und als einen Mitverschwornen des Kaisers in öffentlichen Schriften darzustellen suchte.

Indessen tröstete er sich mit dem Triumph, daß ein großer Theil der evangelischen Stände seinen Frieden nothgezwungen annahm. Der Kurfürst von Brandenburg, Herzog Wilhelm von Weimar, die Fürsten von Anhalt, die Herzoge von Mecklenburg, die Herzoge von Braunschweig-Lüneburg, die Hansestädte und die meisten Reichsstädte traten demselben bei. Landgraf Wilhelm von Hessen schien eine Zeit lang unschlüssig oder stellte sich vielleicht nur es zu sein, um Zeit zu gewinnen und seine Maßregeln nach dem Erfolg einzurichten. Er hatte mit dem Schwert in der Hand schöne Länder in Westphalen errungen, aus denen er seine besten Kräfte zu Führung des Kriegs zog und welche alle er nun, dem Frieden gemäß, zurückgeben sollte. Herzog Bernhard von Weimar, dessen Staaten noch bloß auf dem Papier existierten, kam nicht als kriegführende Macht, desto mehr aber als kriegführender General in Betrachtung, und in beiderlei Rücksicht konnte er den Prager Frieden nicht anders als mit Abscheu verwerfen. Sein ganzer Reichthum war seine Tapferkeit, und in seinem Degen lagen alle seine Länder. Nur der Krieg machte ihn groß und bedeutend; nur der Krieg konnte die Entwürfe seines Ehrgeizes zur Zeitigung bringen.

Aber unter Allen, welche ihre Stimme gegen den Pragischen Frieden erhoben, erklärten sich die Schweden am heftigsten dagegen, und Niemand hatte auch mehr Ursache dazu. Von den Deutschen selbst in Deutschland hereingerufen, Retter der protestantischen Kirche und der ständischen Freiheit, die sie mit so vielem Blute, mit dem heiligen Leben ihres Königs erkauften, sahen sie sich jetzt auf einmal schimpflich im Stiche gelassen, auf einmal in allen ihren Planen getäuscht, ohne Lohn, ohne Dankbarkeit ans dem Reiche gewiesen, für welches sie bluteten, und von den nämlichen Fürsten, die ihnen alles verdankten, dem Hohngelächter des Feindes preisgegeben. An eine Genugthuung für sie, an einen Ersatz ihrer aufgewandten Kosten, an ein Aequivalent für die Eroberungen, welche sie im Stiche lassen sollten, war in dem Prager Frieden mit keiner Sylbe gedacht worden. Nackter, als sie gekommen waren, sollten sie nun entlassen und, wenn sie sich dagegen sträubten, durch dieselben Hände, welche sie hereingerufen, aus Deutschland hinausgejagt werden. Endlich ließ zwar der Kurfürst von Sachsen ein Wort von einer Genugthuung fallen, die in Geld bestehen und die kleine Summe von dritthalb Millionen Gulden betragen sollte. Aber die Schweden hatten weit mehr von ihrem Eigenen zugesetzt; eine so schimpfliche Abfindung mit Geld mußte ihren Eigennutz kränken und ihren Stolz empören. »Die Kurfürsten von Bayern und Sachsen,« antwortete Oxenstierna, »ließen sich den Beistand, den sie dem Kaiser leisteten und als Vasallen ihm schuldig waren, mit wichtigen Provinzen bezahlen, und uns Schweden, uns, die wir unsern König für Deutschland dahingegeben, will man mit der armseligen Summe von dritthalb Millionen Gulden nach Hause weisen?« Die getäuschte Hoffnung schmerzte um so mehr, je gewisser man darauf gerechnet hatte, sich mit dem Herzogthum Pommern, dessen gegenwärtiger Besitzer alt und ohne Succession war, bezahlt zu machen. Aber die Anwartschaft auf dieses Land wurde in dem Prager Frieden dem Kurfürsten von Brandenburg zugesichert, und gegen die Festsetzung der Schweden in diesen Grenzen des Reichs empörten sich alle benachbarten Mächte.

Nie in dem ganzen Kriege hatte es schlimmer um die Schweden gestanden, als in diesem 1635sten Jahre, unmittelbar nach Bekanntmachung des Pragischen Friedens. Viele ihrer Alliierten, unter den Reichsstädten besonders, verließen ihre Partei, um der Wohlthat des Friedens theilhaftig zu werden; andere wurden durch die siegreichen Waffen des Kaisers dazu gezwungen. Augsburg, durch Hunger besiegt, unterwarf sich unter harten Bedingungen; Würzburg und Koburg gingen an die Oesterreicher verloren. Der Heilbronnische Bund wurde förmlich getrennt. Beinahe ganz Oberdeutschland, der Hauptsitz der schwedischen Macht, erkannte die Herrschaft des Kaisers. Sachsen, auf den Pragischen Frieden sich stützend, verlangte die Räumung Thüringens, Halberstadts, Magdeburgs. Philippsburg, der Waffenplatz der Franzosen, war mit allen Vorräthen, die darin niedergelegt waren, von den Oesterreichern überrumpelt worden, und dieser große Verlust hatte die Thätigkeit Frankreichs geschwächt. Um die Bedrängnisse der Schweden vollkommen zu machen, mußte gerade jetzt der Stillstand mit Polen sich seinem Ende nähern. Mit Polen und mit dem deutschen Reiche zugleich Krieg zu führen, überstieg bei weitem die Kräfte des schwedischen Staats, und man hatte die Wahl, welches von diesen beiden Feinden man sich entledigen sollte. Stolz und Ehrgeiz entschieden für die Fortsetzung des deutschen Kriegs, welch ein hartes Opfer es auch gegen Polen kosten möchte; doch eine Armee kostete es immer, um sich bei den Polen in Achtung zu setzen und bei den Unterhandlungen um einen Stillstand oder Frieden seine Freiheit nicht ganz und gar zu verlieren.

Allen diesen Unfällen, welche zu gleicher Zeit über Schweden hereinstürmten, setzte sich der standhafte, an Hilfsmitteln unerschöpfliche Geist Oxenstiernas entgegen, und sein durchdringender Verstand lehrte ihn selbst die Widerwärtigkeiten, die ihn trafen, zu seinem Vortheile kehren. Der Abfall so vieler deutschen Reichsstände von der schwedischen Partei beraubte ihn zwar eines großen Theils seiner bisherigen Bundesgenossen, aber er überhob ihn auch zugleich aller Schonung gegen sie; und je größer die Zahl seiner Feinde wurde, über desto mehr Länder konnten sich seine Armeen verbreiten, desto mehr Magazine öffneten sich ihm. Die schreiende Undankbarkeit der Stände und die stolze Verachtung, mit der ihm von dem Kaiser begegnet wurde (der ihn nicht einmal würdigte, unmittelbar mit ihm über den Frieden zu traktieren), entzündete in ihm den Muth der Verzweiflung und einen edlen Trotz, es bis aufs Aeußerste zu treiben. Ein noch so unglücklich geführter Krieg konnte die Sache der Schweden nicht schlimmer machen, als sie war; und wenn man das deutsche Reich räumen sollte, so war es wenigstens anständiger und rühmlicher, es mit dem Schwert in der Hand zu thun und der Macht, nicht der Furcht zu unterliegen.

In der großen Extremität, worin die Schweden sich durch die Desertion ihrer Alliierten befanden, warfen sie ihre Blicke zuerst auf Frankreich, welches ihnen mit den ermunterndsten Anträgen entgegen eilte. Das Interesse beider Kronen war aufs engste aneinander gekettet, und Frankreich handelte gegen sich selbst, wenn es die Macht der Schweden in Deutschland gänzlich verfallen ließ. Die durchaus hilflose Lage der letztern war vielmehr eine Aufforderung für dasselbe, sich fester mit ihnen zu verbinden und einen thätigern Antheil an dem Kriege in Deutschland zu nehmen. Schon seit Abschließung des Allianztraktats mit den Schweden zu Bärwalde im Jahr 1631 hatte Frankreich den Kaiser durch die Waffen Gustav Adolphs befehdet, ohne einen öffentlichen und förmlichen Bruch, bloß durch die Geldhilfe, die es den Gegnern desselben leistete, und durch seine Geschäftigkeit, die Zahl der letztern zu vermehren. Aber, beunruhigt von dem unerwartet schnellen und außerordentlichen Glück der schwedischen Waffen, schien es seinen ersten Zweck eine Zeit lang aus den Augen zu verlieren, um das Gleichgewicht der Macht wieder herzustellen, das durch die Ueberlegenheit der Schweden gelitten hatte. Es suchte die katholischen Reichsfürsten durch Neutralitätsverträge gegen den schwedischen Eroberer zu schützen und war schon im Begriff, da diese Versuche mißlangen, sich gegen ihn selbst zu bewaffnen. Nicht sobald aber hatte Gustav Adolphs Tod und die Hilflosigkeit der Schweden diese Furcht zerstreut, als es mit frischem Eifer zu seinem ersten Entwurf zurückkehrte und den Unglücklichen in vollem Maße den Schutz angedeihen ließ, den es den Glücklichen entzogen hatte. Befreit von dem Widerstande, den Gustav Adolphs Ehrgeiz und Wachsamkeit seinen Vergrößerungsentwürfen entgegen setzten, ergreift es den günstigen Augenblick, den das Nördlinger Unglück ihm darbietet, sich die Herrschaft des Kriegs zuzueignen und Denen, die seines mächtigen Schutzes bedürftig sind, Gesetze vorzuschreiben. Der Zeitpunkt begünstigt seine kühnsten Entwürfe, und was vorher nur eine schöne Chimäre war, läßt sich von jetzt an als ein überlegter, durch die Umstände gerechtfertigter Zweck verfolgen. Jetzt also widmet es dem deutschen Kriege seine ganze Aufmerksamkeit, und sobald es durch seinen Traktat mit den Deutschen seine Privatzwecke sicher gestellt sieht, erscheint es als handelnde und herrschende Macht auf der politischen Bühne. Während daß sich die kriegführenden Mächte in einem langwierigen Kampf erschöpften, hatte es seine Kräfte geschont und zehen Jahre lang den Krieg bloß mit seinem Gelde geführt; jetzt, da die Zeitumstände es zur Thätigkeit rufen, greift es zum Schwert und strengt sich zu Unternehmungen an, die ganz Europa in Verwunderung setzen. Es läßt zu gleicher Zeit zwei Flotten im Meere kreuzen und schickt sechs verschiedene Heere aus, während daß es mit seinem Gelde noch eine Krone und mehrere deutsche Fürsten besoldet. Belebt durch die Hoffnung seines mächtigen Schutzes, raffen sich die Schweden und Deutschen aus ihrem tiefen Verfall empor und getrauen sich, mit dem Schwert in der Hand einen rühmlichern Frieden als den Pragischen zu erfechten. Von ihren Mitständen verlassen, die sich mit dem Kaiser versöhnen. schließen sie sich nur desto enger an Frankreich an, das mit der wachsenden Noth seinen Beistand verdoppelt, an dem deutschen Krieg immer größern, wiewohl noch immer versteckten Antheil nimmt, bis es zuletzt ganz seine Maske abwirft und den Kaiser unmittelbar unter seinem eignen Namen befehdet.

Um den Schweden vollkommen freie Hand gegen Oesterreich zu geben, machte Frankreich den Anfang damit, es von dem polnischen Kriege zu befreien. Durch den Grafen von Avaux, seinen Gesandten, brachte es beide Theile dahin, daß zu Stuhmsdorf in Preußen der Waffenstillstand auf sechsundzwanzig Jahre verlängert wurde, wiewohl nicht ohne großen Verlust für die Schweden, welche beinahe das ganze polnische Preußen, Gustav Adolphs theuer erkämpfte Eroberung, durch einen einzigen Federzug einbüßten. Der Bärwalder Traktat wurde mit einigen Veränderungen, welche die Umstände nöthig machten, anfangs zu Compiegne, dann zu Wismar und Hamburg auf entferntere Zeiten erneuert. Mit Spanien hatte man schon im Mai des Jahrs 1635 gebrochen und durch den lebhaften Angriff dieser Macht dem Kaiser seinen wichtigsten Beistand aus den Niederlanden entzogen; jetzt verschaffte man, durch Unterstützung des Landgrafen Wilhelm von Kassel und Herzogs Bernhard von Weimar, den schwedischen Waffen an der Elbe und Donau eine größere Freiheit und nöthigte den Kaiser, durch eine starke Diversion am Rhein, seine Macht zu theilen.

Heftiger entzündete sich also der Krieg, und der Kaiser hatte durch den Pragischen Frieden zwar seine Gegner im deutschen Reiche vermindert, aber zugleich auch den Eifer und die Thätigkeit seiner auswärtigen Feinde vermehrt. Er hatte sich in Deutschland einen unumschränkten Einfluß erworben und sich, mit Ausnahme weniger Stände, zum Herrn des ganzen Reichskörpers und der Kräfte desselben gemacht, daß er von jetzt an wieder als Kaiser und Herr handeln konnte. Die erste Wirkung davon war die Erhebung seines Sohnes Ferdinand des Dritten zur römischen Königswürde, die, ungeachtet des Widerspruchs von Seiten Triers und der pfälzischen Erben, durch eine entscheidende Stimmenmehrheit zu Stande kam. Aber die Schweden hatte er zu einer verzweifelten Gegenwehr gereizt, die ganze Macht Frankreichs gegen sich bewaffnet und in die innersten Angelegenheiten Deutschlands gezogen. Beide Kronen bilden von jetzt an mit ihren deutschen Alliierten eine eigene fest geschlossene Macht, der Kaiser mit den ihm anhängenden deutschen Staaten die andere. Die Schweden beweisen von jetzt an keine Schonung mehr, weil sie nicht mehr für Deutschland, sondern für ihr eigenes Dasein fechten. Sie handeln rascher, unumschränkter und kühner, weil sie es überhoben sind, bei ihren deutschen Alliierten herum zu fragen und Rechenschaft von ihren Entwürfen zu geben. Die Schlachten werden hartnäckiger und blutiger, aber weniger entscheidend. Größere Thaten der Tapferkeit und der Kriegskunst geschehen; aber es sind einzelne Handlungen, die, von keinem übereinstimmenden Plane geleitet, von keinem alles lenkenden Geiste benutzt, für die ganze Partei schwache Folgen haben und an dem Laufe des Kriegs nur wenig verändern.

Sachsen hatte sich in dem Pragischen Frieden verbindlich gemacht, die Schweden aus Deutschland zu verjagen; von jetzt an also vereinigen sich die sächsischen Fahnen mit den kaiserlichen, und zwei Bundesgenossen haben sich in zwei unversöhnliche Feinde verwandelt. Das Erzstift Magdeburg, welches der Pragische Friede dem sächsischen Prinzen zusprach, war noch in schwedischen Händen, und alle Versuche, sie auf einem friedlichen Wege zu Abtretung desselben zu bewegen, waren ohne Wirkung geblieben. Die Feindseligkeiten fangen also an, und der Kurfürst von Sachsen eröffnet sie damit, durch sogenannte Avocatorien alle sächsischen Unterthanen von der Bannerischen Armee abzurufen, die an der Elbe gelagert steht. Die Officiere, längst schon wegen des rückständigen Soldes schwierig, geben dieser Aufforderung Gehör und räumen ein Quartier nach dem andern. Da die Sachsen zugleich eine Bewegung gegen Mecklenburg machten, um Dömitz wegzunehmen und den Feind von Pommern und von der Ostsee abzuschneiden, so zog sich Banner eilfertig dahin, entsetzte Dömitz und schlug den sächsischen General Baudissin mit siebentausend Mann aufs Haupt, daß gegen tausend blieben und eben so viel gefangen wurden. Verstärkt durch die Truppen und Artillerie, welche bisher in Polnisch-Preußen gestanden, nunmehr aber durch den Vertrag zu Stuhmsdorf in diesem Lande entbehrlich wurden, brach dieser tapfere und ungestüme Krieger im folgenden 1636sten Jahr in das Kurfürstenthum Sachsen ein, wo er seinem alten Hasse gegen die Sachsen die blutigsten Opfer brachte. Durch vieljährige Beleidigungen aufgebracht, welche er und seine Schweden während ihrer gemeinschaftlichen Feldzüge von dem Uebermuth der Sachsen hatten erleiden müssen, und jetzt durch den Abfall des Kurfürsten aufs äußerste gereizt, ließen sie die unglücklichen Unterthanen desselben ihre Rachsucht und Erbitterung fühlen. Gegen Oesterreicher und Bayern hatte der schwedische Soldat mehr aus Pflicht gefochten; gegen die Sachsen kämpfte er aus Privathaß und mit persönlicher Wuth, weil er sie als Abtrünnige und Verräther verabscheute, weil der Haß zwischen zerfallenen Freunden gewöhnlich der grimmigste und unversöhnlichste ist. Die nachdrückliche Diversion, welche dem Kaiser unterdessen von dem Herzog von Weimar und dem Landgrafen von Hessen am Rhein und in Westphalen gemacht wurde, hinderte ihn, den Sachsen eine hinlängliche Unterstützung zu leisten, und so mußte das ganze Kurfürstenthum von Banners streifenden Horden die schrecklichste Behandlung erleiden. Endlich zog der Kurfürst den kaiserlichen General von Hatzfeld an sich und rückte vor Magdeburg, welches der herbeieilende Banner umsonst zu entsetzen strebte. Nun verbreitete sich die vereinigte Armee der Kaiserlichen und Sachsen durch die Mark Brandenburg, entriß den Schweden viele Städte und war im Begriff, sie bis an die Ostsee zu treiben. Aber gegen alle Erwartungen griff der schon verloren gegebene Banner die alliierte Armee am 24sten September 1636 bei Wittstock an, und eine große Schlacht wurde geliefert. Der Angriff war fürchterlich, und die ganze Macht des Feindes fiel auf den rechten Flügel der Schweden, den Banner selbst anführte. Lange Zeit kämpfte man auf beiden Seiten mit gleicher Hartnäckigkeit und Erbitterung, und unter den Schweden war keine Schwadron, die nicht zehnmal angerückt und zehnmal geschlagen worden wäre. Als endlich Banner der Uebermacht der Feinde zu weichen genöthigt war, setzte sein linker Flügel das Treffen bis zum Einbruch der Nacht fort und das schwedische Hintertreffen, welches noch gar nicht gefochten hatte, war bereit, am folgenden Morgen die Schlacht zu erneuern. Aber diesen zweiten Angriff wollte der Kurfürst von Sachsen nicht abwarten. Seine Armee war durch das Treffen des vorhergehenden Tages erschöpft, und die Knechte hatten sich mit allen Pferden davon gemacht, daß die Artillerie nicht gebraucht werden konnte. Er ergriff also mit dem Grafen von Hatzfeld noch in derselben Nacht die Flucht und überließ das Schlachtfeld den Schweden. Gegen fünftausend von den Alliierten waren auf der Wahlstatt geblieben, diejenigen nicht gerechnet, welche von den nachsetzenden Schweden erschlagen wurden oder dem ergrimmten Landmann in die Hände fielen. Hundertundfünfzig Standarten und Fahnen, dreiundzwanzig Kanonen, die ganze Bagage, das Silbergeschirr des Kurfürsten mitgerechnet, wurden erbeutet und noch außerdem gegen zweitausend Gefangene gemacht. Dieser glänzende Sieg, über einen weit überlegenen und vorteilhaft postierten Feind erfochten, setzte die Schweden auf einmal wieder in Achtung; ihre Feinde zagten, ihre Freunde fingen an, frischen Muth zu schöpfen. Banner benutzte das Glück, das sich so entscheidend für ihn erklärt hatte, eilte über die Elbe und trieb die Kaiserlichen durch Thüringen und Hessen bis nach Westphalen. Dann kehrte er zurück und bezog die Winterquartiere auf sächsischem Boden.

Aber ohne die Erleichterung, welche ihm durch die Thätigkeit Herzog Bernhards und der Franzosen am Rhein verschafft wurde, würde es ihm schwer geworden sein, diese herrlichen Victorien zu erfechten. Herzog Bernhard hatte nach der Nördlinger Schlacht die Trümmer der geschlagenen Armee in der Wetterau versammelt; aber verlassen von dem Heilbronnischen Bunde, dem der Prager Friede bald darauf ein völliges Ende machte, und von den Schweden zu wenig unterstützt, sah er sich außer Stand gesetzt, die Armee zu unterhalten und große Thaten an ihrer Spitze zu thun. Die Nördlinger Niederlage hatte sein Herzogthum Franken verschlungen, und die Ohnmacht der Schweden raubte ihm alle Hoffnung, sein Glück durch diese Krone zu machen. Zugleich auch des Zwanges müde, den ihm das gebieterische Betragen des schwedischen Reichskanzlers auferlegte, richtete er seine Augen auf Frankreich, welches ihm mit Geld, dem Einzigen, was er brauchte, aushelfen konnte und sich bereitwillig dazu finden ließ. Richelieu wünschte nichts so sehr, als den Einfluß der Schweden auf den deutschen Krieg zu vermindern und sich selbst unter fremdem Namen die Führung desselben in die Hände zu spielen. Zu Erreichung dieses Zweckes konnte er kein besseres Mittel erwählen, als daß er den Schweden ihren tapfersten Feldherrn abtrünnig machte, ihn aufs genaueste in Frankreichs Interesse zog und sich, zu Ausführung seiner Entwürfe, seines Armes versicherte. Von einem Fürsten wie Bernhard, der sich ohne den Beistand einer fremden Macht nicht behaupten konnte, hatte Frankreich nichts zu besorgen, da auch der glücklichste Erfolg nicht hinreichte, ihn außer Abhängigkeit von dieser Krone zu setzen. Bernhard kam selbst nach Frankreich und schloß im October 1635 zu St. Germain en Laye, nicht mehr als schwedischer General, sondern in eigenem Namen, einen Vergleich mit dieser Krone, worin ihm eine jährliche Pension von anderthalb Millionen Livres für ihn selbst und vier Millionen zu Unterhaltung einer Armee, die er unter königlichen Befehlen commandieren sollte, bewilligt wurden. Um seinen Eifer desto lebhafter anzufeuern und die Eroberung von Elsaß durch ihn zu beschleunigen, trug man kein Bedenken, ihm in einem geheimen Artikel diese Provinz zur Belohnung anzubieten; eine Großmuth, von der man sehr weit entfernt war und welche der Herzog selbst nach Würden zu schätzen wußte. Aber Bernhard vertraute seinem Glück und seinem Arme und setzte der Arglist Verstellung entgegen. War er einmal mächtig genug. das Elsaß dem Feinde zu entreißen, so verzweifelte er nicht daran, es im Nothfall auch gegen einen Freund behaupten zu können. Jetzt also schuf er sich mit französischem Gelde eine eigene Armee, die er zwar unter französischer Hoheit, aber doch so gut als unumschränkt commandierte, ohne jedoch seine Verbindung mit den Schweden ganz und gar aufzuheben. Er eröffnete seine Operationen am Rheinstrom, wo eine andere französische Armee unter dem Cardinal La Valette die Feindseligkeiten gegen den Kaiser schon im Jahr 1635 eröffnet hatte.

Gegen diese hatte sich das österreichische Hauptheer, welches den großen Sieg bei Nördlingen erfochten hatte, nach Unterwerfung Schwabens und Frankens unter der Anführung des Gallas gewendet und sie auch glücklich bis Metz zurückgescheucht, den Rheinstrom befreit und die von den Schweden besetzten Städte Mainz und Frankenthal erobert. Aber die Hauptabsicht dieses Generals, die Winterquartiere in Frankreich zu beziehen, wurde durch den thätigen Widerstand der Franzosen vereitelt, und er sah sich genöthigt, seine Truppen in das erschöpfte Elsaß und Schwaben zurückzuführen. Bei Eröffnung des Feldzugs im folgenden Jahre passierte er zwar bei Breisach den Rhein und rüstete sich, den Krieg in das innre Frankreich zu spielen. Er fiel wirklich in die Grafschaft Burgund ein, während daß die Spanier von den Niederlanden aus in der Picardie glückliche Fortschritte machten und Johann von Werth, ein gefürchteter General der Ligue und berühmter Parteigänger, tief in Champagne streifte und Paris selbst mit seiner drohenden Ankunft erschreckte. Aber die Tapferkeit der Kaiserlichen scheiterte vor einer einzigen unbeträchtlichen Festung in Franche Comté, und zum zweiten Mal mußten sie ihre Entwürfe aufgeben.

Dem thätigen Geiste Herzog Bernhards hatte die Abhängigkeit von einem französischen General, der seinem Priesterrock mehr als seinem Commandostab Ehre machte, bisher zu enge Fesseln angelegt, und ob er gleich in Verbindung mit demselben Elsaß-Zabern eroberte, so hatte er sich doch in den Jahren 1636 und 37 am Rhein nicht behaupten können. Der schlechte Fortgang der französischen Waffen in den Niederlanden hatte die Thätigkeit der Operationen im Elsaß und Breisgau gehemmt; aber im Jahr 1638 nahm der Krieg in diesen Gegenden eine desto glänzendere Wendung. Seiner bisherigen Fesseln entledigt und jetzt vollkommener Herr seiner Truppen, verließ Herzog Bernhard schon am Anfang des Februars die Ruhe der Winterquartiere, die er im Bisthum Basel genommen hatte, und erschien gegen alle Erwartung am Rhein, wo man in dieser rauhen Jahreszeit nichts weniger als einen Angriff vermuthete. Die Waldstädte Laufenburg, Waldshut und Seckingen werden durch Ueberfall weggenommen und Rheinfelden belagert. Der dort commandierende kaiserliche General, Herzog von Savelli, eilt mit beschleunigten Märschen diesem wichtigen Ort zu Hilfe, entsetzt ihn auch wirklich und treibt den Herzog von Weimar nicht ohne großen Verlust zurück. Aber gegen aller Menschen Vermuthen erscheint dieser am dritten Tage (den 21sten Februar 1638) wieder im Gesicht der Kaiserlichen, die in voller Sicherheit über den erhaltenen Sieg bei Rheinfelden ausruhen, und schlägt sie in einer großen Schlacht, worin die vier kaiserlichen Generale Savelli, Johann von Werth, Enkeford und Speereuter nebst zweitausend Mann zu Gefangenen gemacht werden. Zwei derselben, von Werth und von Enkeford, ließ Richelieu in der Folge nach Frankreich abführen, um der Eitelkeit des französischen Volks durch den Anblick so berühmter Gefangenen zu schmeicheln und das öffentliche Elend durch das Schaugepränge der erfochtenen Siege zu hintergehen. Auch die eroberten Standarten und Fahnen wurden in dieser Absicht unter einer feierlichen Procession in die Kirche de notre Dame gebracht, dreimal vor dem Altar geschwungen und dem Heiligthum in Verwaltung gegeben.

Die Einnahme von Rheinfelden, Röteln und Freiburg war die nächste Folge des durch Bernhard erfochtenen Sieges. Sein Heer wuchs beträchtlich, und so wie das Glück sich für ihn erklärte, erweiterten sich seine Entwürfe. Die Festung Breisach am Oberrhein wurde als die Beherrscherin dieses Stromes und als der Schlüssel zum Elsaß betrachtet. Kein Ort war dem Kaiser in diesen Gegenden wichtiger, auf keinen hatte man so große Sorgfalt verwendet. Breisach zu behaupten, war die vornehmste Bestimmung der italienischen Armee unter Feria gewesen; die Festigkeit seiner Werke und der Vortheil seiner Lage boten jedem gewaltsamen Angriffe Trotz, und die kaiserlichen Generale, welche in diesen Gegenden commandierten, hatten Befehl, alles für die Rettung dieses Platzes zu wagen. Aber Bernhard vertraute seinem Glück und beschloß den Angriff auf diese Festung. Unbezwingbar durch Gewalt, konnte sie nur durch Hunger besiegt werden; und die Sorglosigkeit ihres Commandanten, der, keines Angriffs gewärtig, seinen aufgehäuften Getreidevorrath zu Gelde gemacht hatte, beschleunigte dieses Schicksal. Da sie unter diesen Umständen nicht vermögend war, eine lange Belagerung auszuhalten, so mußte man eilen, sie zu entsetzen oder mit Proviant zu versorgen. Der kaiserliche General von Götz näherte sich daher aufs eilfertigste an der Spitze von zwölftausend Mann, von dreitausend Proviantwagen begleitet, die er in die Stadt werfen wollte. Aber von Herzog Bernhard bei Wittenweier angegriffen, verlor er sein ganzes Corps, bis auf dreitausend Mann, und die ganze Fracht, die er mit sich führte. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auf dem Ochsenfeld bei Thann dem Herzog von Lothringen, der mit fünf- bis sechstausend Mann zum Entsatz der Festung heranrückte. Nachdem auch ein dritter Versuch des Generals von Götz zu Breisachs Rettung mißlungen war, ergab sich diese Festung, von der schrecklichsten Hungersnoth geängstigt, nach einer viermonatlichen Belagerung, am 7ten December 1638 ihrem eben so menschlichen als beharrlichen Sieger.

Breisachs Eroberung eröffnete dem Ehrgeiz des Herzogs von Weimar ein grenzenloses Feld, und jetzt fängt der Roman seiner Hoffnungen an, sich der Wahrheit zu nähern. Weit entfernt, sich der Früchte seines Schwerts zu Frankreichs Vortheil zu begeben, bestimmt er Breisach für sich selbst und kündigt diesen Entschluß schon in der Huldigung an, die er, ohne einer andern Macht zu erwähnen, in seinem eigenen Namen von den Ueberwundenen fordert. Durch die bisherigen glänzenden Erfolge berauscht und zu den stolzesten Hoffnungen hingerissen, glaubt er von jetzt an sich selbst genug zu sein und die gemachten Eroberungen, selbst gegen Frankreichs Willen, behaupten zu können. Zu einer Zeit, wo alles um Tapferkeit feil war, wo persönliche Kraft noch etwas galt und Heere und Heerführer höher als Länder geachtet wurden, war es einem Helden, wie Bernhard, erlaubt, sich selbst etwas zuzutrauen und an der Spitze einer trefflichen Armee, die sich unter seiner Anführung unüberwindlich fühlte, an keiner Unternehmung zu verzagen. Um sich unter der Menge von Feinden, denen er jetzt entgegen ging, an einen Freund anzuschließen, warf er seine Augen auf die Landgräfin Amalie von Hessen, die Wittwe des kürzlich verstorbenen Landgrafen Wilhelms, eine Dame von eben so viel Geist als Entschlossenheit, die eine streitbare Armee, schöne Eroberungen und ein beträchtliches Fürstentum mit ihrer Hand zu verschenken hatte. Die Eroberungen der Hessen mit seinen eigenen am Rhein in einen einzigen Staat und ihre beiderseitigen Armeen in eine militärische Macht verbunden, konnten eine bedeutende Macht und vielleicht gar eine dritte Partei in Deutschland bilden, die den Ausschlag des Krieges in ihren Händen hielt. Aber diesem vielversprechenden Entwurf machte der Tod ein frühzeitiges Ende.

»Herz gefaßt, Pater Joseph! Breisach ist unser!« schrie Richelieu dem Capuciner in die Ohren, der sich schon zur Reise in jene Welt anschickte, so sehr hatte ihn diese Freudenpost berauscht. Schon verschlang er in Gedanken das Elsaß, das Breisgau und alle österreichischen Vorlande, ohne sich der Zusage zu erinnern, die er dem Herzog Bernhard gethan hatte. Der ernstliche Entschluß des Letztern, Breisach für sich zu behalten, den er auf eine sehr unzweideutige Art zu erkennen gab, stürzte den Cardinal in nicht geringe Verlegenheit, und alles wurde hervorgesucht, den siegreichen Bernhard im französischen Interesse zu erhalten. Man lud ihn nach Hof, um Zeuge der Ehre zu sein, womit man dort das Andenken seiner Triumphe beginge; Bernhard erkannte und floh die Schlinge der Verführung. Man that ihm die Ehre an, ihm eine Nichte des Cardinals zur Gemahlin anzubieten; der edle Reichsfürst schlug sie aus, um das sächsische Blut durch keine Mißheirath zu entehren. Jetzt fing man an, ihn als einen gefährlichen Feind zu betrachten und auch als solchen zu behandeln. Man entzog ihm die Subsidiengelder; man bestach den Gouverneur von Breisach und seine vornehmsten Officiere, um wenigstens nach dem Tode des Herzogs sich in den Besitz seiner Eroberungen und seiner Truppen zu setzen. Dem Letztern blieben diese Ränke kein Geheimniß, und die Vorkehrungen, die er in den eroberten Plätzen traf, bewiesen sein Mißtrauen gegen Frankreich. Aber diese Irrungen mit dem französischen Hofe hatten den nachtheiligsten Einfluß auf seine folgenden Unternehmungen. Die Anstalten, welche er machen mußte, um seine Eroberungen gegen einen Angriff von französischer Seite zu behaupten, nöthigten ihn, seine Kriegsmacht zu theilen, und das Ausbleiben der Subsidiengelder verzögerte seine Erscheinung im Felde. Seine Absicht war gewesen, über den Rhein zu gehen, den Schweden Luft zu machen und an den Ufern der Donau gegen den Kaiser und Bayern zu agieren. Schon hatte er Bannern, der im Begriff war, den Krieg in die österreichischen Lande zu wälzen, seinen Operationsplan entdeckt und versprochen, ihn abzulösen – als der Tod ihn zu Neuburg am Rhein (im Julius 1639) im sechsunddreißigsten Jahre seines Alters, mitten in seinem Heldenlauf überraschte.

Er starb an einer pestartigen Krankheit, welche binnen zwei Tagen gegen vierhundert Menschen im Lager dahin gerafft hatte. Die schwarzen Flecken, die an seinem Leichnam hervorbrachen, die eignen Aeußerungen des Sterbenden und die Vortheile, welche Frankreich von seinem plötzlichen Hintritt erntete, erweckten den Verdacht, daß er durch französisches Gift sei hingerafft worden, der aber durch die Art seiner Krankheit hinlänglich widerlegt wird. In ihm verloren die Alliierten den größten Feldherrn, den sie nach Gustav Adolph besaßen, Frankreich einen gefürchteten Nebenbuhler um das Elsaß, der Kaiser seinen gefährlichsten Feind. In der Schule Gustav Adolphs zum Helden und Feldherrn gebildet, ahmte er diesem erhabenen Muster nach, und nur ein längeres Leben fehlte ihm, um es zu erreichen, wo nicht gar zu übertreffen. Mit der Tapferkeit des Soldaten verband er den kalten und ruhigen Blick des Feldherrn, mit dem ausdauernden Muth des Mannes die rasche Entschlossenheit des Jünglings, mit dem wilden Feuer des Kriegers die Würde des Fürsten, die Mäßigung des Weisen und die Gewissenhaftigkeit des Mannes von Ehre. Von keinem Unfall gebeugt, erhob er sich schnell und kraftvoll nach dem härtesten Schlage, kein Hinderniß konnte seine Kühnheit beschränken, kein Fehlschlag seinen unbezwinglichen Muth besiegen. Sein Geist strebte nach einem großen, vielleicht nie erreichbaren Ziele; aber Männer seiner Art stehen unter andern Klugheitsgesetzen, als diejenigen sind, wornach wir den großen Haufen zu messen pflegen; fähig, mehr als andere zu vollbringen, durfte er auch verwegenere Plane entwerfen. Bernhard steht in der neuern Geschichte als ein schönes Bild jener kraftvollen Zeiten da, wo persönliche Größe noch etwas ausrichtete, Tapferkeit Länder errang und Heldentugend einen deutschen Ritter selbst auf den Kaiserthron führte.

Das beste Stück aus der Hinterlassenschaft des Herzogs war seine Armee, die er, nebst dem Elsaß, seinem Bruder Wilhelm vermachte. Aber an eben diese Armee glaubten Schweden und Frankreich gegründete Rechte zu haben; jenes, weil sie im Namen dieser Krone geworben war und ihr gehuldigt hatte; dieses, weil sie von seinem Geld unterhalten worden. Auch der Kurprinz von der Pfalz trachtete nach dem Besitz derselben, um sich ihrer zu Wiedereroberung seiner Staaten zu bedienen, und versuchte anfangs durch seine Agenten und endlich in eigner Person, sie in sein Interesse zu ziehen. Selbst von kaiserlicher Seite geschah ein Versuch, diese Armee zu gewinnen; und dies darf uns zu einer Zeit nicht wundern, wo nicht die Gerechtigkeit der Sache, nur der Preis der geleisteten Dienste in Betrachtung kam und die Tapferkeit, wie jede andere Waare, dem Meistbietenden feil war. Aber Frankreich, vermögender und entschlossener, überbot alle Mitbewerber. Es erkaufte den General von Erlach, den Befehlshaber Breisachs, und die übrigen Oberhäupter, die ihm Breisach und die ganze Armee in die Hände spielten. Der junge Pfalzgraf Karl Ludwig, der schon in den vorhergehenden Jahren einen unglücklichen Feldzug gegen den Kaiser gethan hatte, sah auch hier seinen Anschlag scheitern. Im Begriff, Frankreich einen so schlimmen Dienst zu erzeigen, nahm er unbesonnener Weise seinen Weg durch dieses Reich und hatte den unglücklichen Einfall, seinen Namen zu verschweigen. Dem Cardinal, der die gerechte Sache des Pfalzgrafen fürchtete, war jeder Vorwand willkommen, seinen Anschlag zu vereiteln. Er ließ ihn also zu Moulins gegen alles Völkerrecht anhalten und gab ihm seine Freiheit nicht eher wieder, als bis der Ankauf der Weimarischen Trnppen berichtigt war. So sah sich Frankreich nun im Besitz einer beträchtlichen und wohlgeübten Kriegsmacht in Deutschland, und jetzt fing es eigentlich erst an, den Kaiser unter seinem eigenen Namen zu bekriegen.

Aber es war nicht mehr Ferdinand der Zweite, gegen den es jetzt als ein offenbarer Feind aufstand; diesen hatte schon im Februar 1637, im neunundfünfzigsten Jahre seines Alters, der Tod von dem Schauplatz abgerufen. Der Krieg, den seine Herrschsucht entzündet hatte, überlebte ihn; nie hatte er während seiner achtzehnjährigen Regierung das Schwert aus der Hand gelegt, nie, so lang er das Reichsscepter führte, die Wohlthat des Friedens geschmeckt. Mit den Talenten des guten Herrschers geboren, mit vielen Tugenden geschmückt, die das Glück der Völker begründen, sanft und menschlich von Natur, sehen wir ihn, aus einem übel verstandenen Begriff von Monarchenpflicht, das Werkzeug zugleich und das Opfer fremder Leidenschaften, seine wohlthätige Bestimmung verfehlen und den Freund der Gerechtigkeit in einen Unterdrücker der Menschheit, in einen Feind des Friedens, in eine Geißel seiner Völker ausarten. In seinem Privatleben liebenswürdig, in seinem Regentenamt achtungswerth, nur in seiner Politik schlimm berichtet, vereinigte er auf seinem Haupte den Segen seiner katholischen Unterthanen und die Flüche der protestantischen Welt. Die Geschichte stellt mehr und schlimmere Despoten auf, als Ferdinand der Zweite gewesen, und doch hat nur Einer einen dreißigjährigen Krieg entzündet; aber der Ehrgeiz dieses Einzigen mußte unglücklicherweise gerade mit einem solchen Jahrhundert, mit solchen Vorbereitungen, mit solchen Keimen der Zwietracht zusammentreten, wenn er von so verderblichen Folgen begleitet sein sollte. In einer friedlichen Zeitepoche hätte dieser Funke keine Nahrung gefunden, und die Ruhe des Jahrhunderts hätte den Ehrgeiz des Einzelnen erstickt; jetzt fiel der unglückliche Strahl in ein hoch aufgethürmtes, lange gesammeltes Brenngeräthe, und Europa entzündete sich.

Sein Sohn, Ferdinand der Dritte, wenige Monate vor seines Vaters Hintritt zur Würde eines römischen Königs erhoben, erbte seine Throne, seine Grundsätze und seinen Krieg. Aber Ferdinand der Dritte hatte den Jammer der Völker und die Verwüstung der Länder in der Nähe gesehen und das Bedürfniß des Friedens näher und feuriger gefühlt. Weniger abhängig von den Jesuiten und Spaniern und billiger gegen fremde Religionen, konnte er leichter als sein Vater die Stimme der Mäßigung hören. Er hörte sie und schenkte Europa den Frieden; aber erst nach einem einjährigen Kampfe mit dem Schwert und der Feder, und nicht eher, als bis aller Widerstand fruchtlos war und die zwingende Noth ihm ihr hartes Gesetz diktierte.

Das Glück begünstigte den Antritt seiner Regierung, und seine Waffen waren siegreich gegen die Schweden. Diese hatten unter Banners kraftvoller Anführung nach dem Siege bei Wittstock Sachsen mit Winterquartieren belastet und den Feldzug des 1637sten Jahrs mit der Belagerung Leipzigs eröffnet. Der tapfere Widerstand der Besatzung und die Annäherung der kurfürstlich-kaiserlichen Völker retteten diese Stadt, und Banner, um nicht von der Elbe abgeschnitten zu werden, mußte sich nach Torgau zurückziehen. Aber die Ueberlegenheit der Kaiserlichen verscheuchte ihn auch von hier, und umringt von feindlichen Schwärmen, aufgehalten von Strömen und vom Hunger verfolgt, mußte er einen höchst gefährlichen Rückzug nach Pommern nehmen, dessen Kühnheit und glücklicher Erfolg ans Romanhafte grenzt. Die ganze Armee durchwatete an einer seichten Stelle die Oder bei Fürstenberg, und der Soldat, dem das Wasser bis an den Hals trat, schleppte selbst die Kanonen fort, weil die Pferde nicht mehr ziehen wollten. Banner hatte darauf gerechnet, jenseits der Oder seinen in Pommern stehenden Untergeneral Wrangel zu finden und, durch diesen Zuwachs verstärkt, dem Feind alsdann die Spitze zu bieten. Wrangel erschien nicht, und an seiner Statt hatte sich ein kaiserliches Heer bei Landsberg postiert, den fliehenden Schweden den Weg zu verlegen. Banner entdeckte nun, daß er in eine verderbliche Schlinge gefallen, woraus kein Entkommen war. Hinter sich ein ausgehungertes Land, die Kaiserlichen und die Oder; die Oder zur Linken, die, von einem kaiserlichen General Bucheim bewacht, keinen Uebergang gestattete, vor sich Landsberg, Küstrin, die Warthe und ein feindliches Heer, zur Rechten Polen, dem man, des Stillstandes ungeachtet, nicht wohl vertrauen konnte, sah er sich ohne ein Wunder verloren, und schon triumphierten die Kaiserlichen über seinen unvermeidlichen Fall. Banners gerechte Empfindlichkeit klagte die Franzosen als die Urheber dieses Unglücks an. Sie hatten die versprochene Diversion am Rhein unterlassen, und ihre Unthätigkeit erlaubte dem Kaiser, seine ganze Macht gegen die Schweden zu gebrauchen. »Sollten wir einst,« brach der aufgebrachte General gegen den französischen Residenten aus, der dem schwedischen Lager folgte, »sollten wir und die Deutschen einmal in Gesellschaft gegen Frankreich fechten, so werden wir nicht so viel Umstände machen, ehe wir den Rheinstrom passieren.« Aber Vorwürfe waren jetzt vergeblich verschwendet. Entschluß und That forderte die dringende Noth. Um den Feind vielleicht durch eine falsche Spur von der Oder hinweg zu locken, stellte sich Banner, als ob er durch Polen entkommen wollte, schickte auch wirklich den größten Theil der Bagage auf diesem Wege voran und ließ seine Gemahlin sammt den übrigen Officiersfrauen dieser Marschroute folgen. Sogleich brechen die Kaiserlichen gegen die polnische Grenze auf, ihm diesen Paß zu versperren, auch Bucheim verläßt seinen Standort, und die Oder wird entblößt. Rasch wendet sich Banner in der Dunkelheit der Nacht gegen diesen Strom zurück und setzt seine Truppen, sammt Bagage und Geschütz, eine Meile oberhalb Küstrin, ohne Brücken, ohne Schiffe, wie vorher bei Fürstenberg, über. Ohne Verlust erreichte er Pommern, in dessen Vertheidigung er und Hermann Wrangel sich theilen.

Aber die Kaiserlichen, von Gallas angeführt, dringen bei Tribsees in dieses Herzogthum und überschwemmen es mit ihrer überlegenen Macht. Usedom und Wolgast werden mit Sturm, Demmin mit Accord erobert und die Schweden bis tief in Hinterpommern zurückgedrückt. Und jetzt gerade kam es mehr als jemals darauf an, sich in diesem Lande zu behaupten, da Herzog Bogisla der Vierzehnte in eben diesem Jahre stirbt und das schwedische Reich seine Ansprüche auf Pommern geltend machen soll. Um den Kurfürsten von Brandenburg zu verhindern, seine auf eine Erbverbrüderung und auf den Pragischen Frieden gegründeten Rechte an dieses Herzogthum geltend zu machen, strengt es jetzt alle seine Kräfte an und unterstützt seine Generale aufs nachdrücklichste mit Geld und Soldaten. Auch in andern Gegenden des Reichs gewinnen die Angelegenheiten Schwedens ein günstigeres Ansehen, und sie fangen an, sich von dem tiefen Verfalle zu erheben, worein sie durch die Unthätigkeit Frankreichs und durch den Abfall ihrer Alliierten versunken waren. Denn nach ihrem eilfertigen Rückzuge nach Pommern hatten sie einen Platz nach dem andern in Obersachsen verloren; die mecklenburgischen Fürsten, von den kaiserlichen Waffen bedrängt, fingen an, sich auf die österreichische Seite zu neigen, und selbst Herzog Georg von Lüneburg erklärte sich feindlich gegen sie. Ehrenbreitstein, durch Hunger besiegt, öffnete dem bayerischen General von Werth seine Thore, und die Oesterreicher bemächtigten sich aller am Rheinstrom aufgeworfenen Schanzen. Frankreich hatte gegen die Spanier eingebüßt, und der Erfolg entsprach den prahlerischen Anstalten nicht, womit man den Krieg gegen diese Krone eröffnet hatte. Verloren war alles, was die Schweden im innern Deutschland besaßen, und nur die Hauptplätze in Pommern behaupteten sich noch. Ein einziger Feldzug reißt sie aus dieser tiefen Erniedrigung, und durch die mächtige Diversion, welche der siegende Bernhard den kaiserlichen Waffen an den Ufern des Rheins macht, wird der ganzen Lage des Kriegs ein schneller Umschwung gegeben.

Die Irrungen zwischen Frankreich und Schweden waren endlich beigelegt und der alte Traktat zwischen beiden Kronen zu Hamburg mit neuen Vortheilen für die Schweden bestätigt worden. In Hessen übernahm die staatskluge Landgräfin Amalia mit Bewilligung der Stände, nach dem Absterben Wilhelms, ihres Gemahls, die Regierung und behauptete mit vieler Entschlossenheit gegen den Widerspruch des Kaisers und der Darmstädtischen Linie ihre Rechte. Der schwedisch-protestantischen Partei schon allein aus Religionsgrundsätzen eifrig ergeben, erwartete sie bloß die Gunst der Gelegenheit, um sich laut und thätig dafür zu erklären. Unterdessen gelang es ihr, durch eine kluge Zurückhaltung und listig angesponnene Traktate den Kaiser in Unthätigkeit zu erhalten, bis ihr geheimes Bündniß mit Frankreich geschlossen war und Bernhards Siege den Angelegenheiten der Protestanten eine günstige Wendung gaben. Da warf sie auf einmal die Maske ab und erneuerte die alte Freundschaft mit der schwedischen Krone. Auch den Kurprinzen von der Pfalz ermunterten Herzog Bernhards Triumphe, sein Glück gegen den gemeinschaftlichen Feind zu versuchen. Mit englischem Gelde warb er Völker in Holland, errichtete zu Meppen ein Magazin und vereinigte sich in Westphalen mit schwedischen Truppen. Sein Magazin ging zwar verloren, seine Armee wurde von dem Grafen Hatzfeld bei Vlotho geschlagen; aber seine Unternehmung hatte doch den Feind eine Zeitlang beschäftigt und den Schweden in andern Gegenden ihre Operationen erleichtert. Noch manche ihrer andern Freunde lebten auf, wie das Glück sich zu ihrem Vortheile erklärte, und es war schon Gewinn genug für sie, daß die niedersächsischen Stände die Neutralität ergriffen.

Von diesen wichtigen Vortheilen begünstigt und durch vierzehntausend Mann frischer Truppen aus Schweden und Livland verstärkt, eröffnete Banner voll guter Hoffnungen im Jahr 1638 den Feldzug. Die Kaiserlichen, welche Vorpommern und Mecklenburg inne hatten, verließen größtenteils ihren Posten oder liefen schaarenweise den schwedischen Fahnen zu, um dem Hunger, ihrem grimmigsten Feind in diesen ausgeplünderten und verarmten Gegenden, zu entfliehen. So schrecklich hatten die bisherigen Durchzüge und Quartiere das ganze Land zwischen der Elbe und Oder verödet, daß Banner, um in Sachsen und Böhmen einbrechen zu können und auf dem Wege dahin nicht mit seiner ganzen Armee zu verhungern, von Hinterpommern aus einen Umweg nach Niedersachsen nahm und dann erst durch das Halberstädtische Gebiet in Kursachsen einrückte. Die Ungeduld der niedersächsischen Staaten, einen so hungrigen Gast wieder los zu werden, versorgte ihn mit dem nöthigen Proviant, daß er für seine Armee in Magdeburg Brod hatte, – in einem Lande, wo der Hunger schon den Abscheu an Menschenfleisch überwunden hatte. Er erschreckte Sachsen mit seiner verwüstenden Ankunft; aber nicht auf dieses erschöpfte Land, auf die kaiserlichen Erbländer war seine Absicht gerichtet. Bernhards Siege erhoben seinen Muth, und die wohlhabenden Provinzen des Hauses Oesterreich lockten seine Raubsucht. Nachdem er den kaiserlichen General von Salis bei Elsterberg geschlagen, die sächsische Armee bei Chemnitz zu Grunde gerichtet und Pirna erobert hatte, drang er in Böhmen mit unwiderstehlicher Macht ein, setzte über die Elbe, bedrohte Prag, eroberte Brandeis und Leitmeritz, schlug den General von Hofkirchen mit zehn Regimentern und verbreitete Schrecken und Verwüstung durch das ganze unvertheidigte Königreich. Beute ward alles, was sich fortschaffen ließ, und zerstört wurde, was nicht genossen und geraubt werden konnte. Um desto mehr Korn fortzuschleppen, schnitt man die Aehren von den Halmen und verderbte den Ueberrest. Ueber tausend Schlösser, Flecken und Dörfer wurden in die Asche gelegt, und oft sah man ihrer hundert in einer einzigen Nacht auflodern. Von Böhmen aus that er Streifzüge nach Schlesien, und selbst Mähren und Oesterreich sollten seine Raubsucht empfinden. Dies zu verhindern, mußte Graf Hatzfeld aus Westphalen und Piccolomini aus den Niederlanden herbeieilen. Erzherzog Leopold, ein Bruder des Kaisers, erhält den Commandostab, um die Ungeschicklichkeit seines Vorgängers Gallas wieder gut zu machen und die Armee aus ihrem tiefen Verfalle zu erheben.

Der Ausgang rechtfertigte die getroffene Veränderung, und der Feldzug des 1640sten Jahres schien für die Schweden eine sehr nachtheilige Wendung zu nehmen. Sie werden aus einem Quartier nach dem andern in Böhmen vertrieben, und nur bemüht, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ziehen sie sich eilfertig über das meißnische Gebirge. Aber auch durch Sachsen von dem nacheilenden Feinde verfolgt und bei Plauen geschlagen, müssen sie nach Thüringen ihre Zuflucht nehmen. Durch einen einzigen Sommer zu Meistern des Feldes gemacht, stürzen sie eben so schnell wieder zu der tiefsten Schwäche herab, um sich aufs neue zu erheben und so mit beständigem raschem Wechsel von einem Aeußersten zum andern zu eilen. Banners geschwächte Macht, im Lager bei Erfurt ihrem gänzlichen Untergang nahe, erhebt sich auf einmal wieder. Die Herzoge von Lüneburg verlassen den Pragischen Frieden und führen ihm jetzt die nämlichen Truppen zu, die sie wenige Jahre vorher gegen ihn fechten ließen. Hessen schickt Hilfe. und der Herzog von Longueville stößt mit der nachgelassenen Armee Herzog Bernhards zu seinen Fahnen. Den Kaiserlichen aufs neue an Macht überlegen, bietet ihnen Banner bei Saalfeld ein Treffen an; aber ihr Anführer Piccolomini vermeidet es klüglich und hat eine zu gute Stellung gewählt, um dazu gezwungen zu werden. Als endlich die Bayern sich von den Kaiserlichen trennen und ihren Marsch gegen Franken richten, versucht Banner auf dieses getrennte Corps einen Angriff, den aber die Klugheit des bayerischen Anführers von Mercy und die schnelle Annäherung der kaiserlichen Hauptmacht vereitelt. Beide Armeen ziehen sich nunmehr in das ausgehungerte Hessen, wo sie sich, nicht weit von einander, in ein festes Lager einschließen, bis endlich Mangel und rauhe Jahreszeit sie aus diesem verarmten Landstrich verscheuchen. Piccolomini erwählt sich die fetten Ufer der Weser zu Winterquartieren; aber überflügelt von Bannern, muß er sie den Schweden einräumen und die fränkischen Bisthümer mit seinem Besuche belästigen.

Um eben diese Zeit wurde zu Regensburg ein Reichstag gehalten, wo die Klagen der Stände gehört, an der Beruhigung des Reiches gearbeitet und über Krieg und Frieden ein Schluß gefaßt werden sollte. Die Gegenwart des Kaisers, der im Fürstencollegium präsidierte, die Mehrheit der katholischen Stimmen im Kurfürstenrathe, die überlegene Anzahl der Bischöfe und der Abgang von mehrern evangelischen Stimmen leitete die Verhandlungen zum Vortheil des Kaisers, und es fehlte viel, daß auf diesem Reichstage das Reich repräsentiert worden wäre. Nicht ganz mit Unrecht betrachteten ihn die Protestanten als eine Zusammenverschwörung Oesterreichs und seiner Kreaturen gegen den protestantischen Theil, und in ihren Augen konnte es Verdienst scheinen, diesen Reichstag zu stören oder auseinander zu scheuchen.

Banner entwarf diesen verwegenen Anschlag. Der Ruhm seiner Waffen hatte bei dem letzten Rückzug aus Böhmen gelitten, und es bedurfte einer unternehmenden That, um seinen vorigen Glanz wieder herzustellen. Ohne Jemand zum Vertrauten seines Anschlags zu machen, verließ er in der strengsten Kälte des Winters im Jahr 1641 seine Quartiere in Lüneburg, sobald die Wege und Ströme gefroren waren. Begleitet von dem Marschall von Guebriant, der die französische und weimarische Armee commandierte, richtete er durch Thüringen und das Vogtland seinen Marsch nach der Donau und stand Regensburg gegenüber, ehe der Reichstag vor seiner Ankunft gewarnt werden konnte. Unbeschreiblich groß war die Bestürzung der versammelten Stände, und in der ersten Angst schickten sich alle Gesandten zur Flucht an. Nur der Kaiser erklärte, daß er die Stadt nicht verlassen würde, und stärkte durch sein Beispiel die Andern. Zum Unglück der Schweden fiel Thauwetter ein, daß die Donau aufgieng und weder trocknen Fußes, noch wegen des starken Eisgangs zu Schiffe passiert werden konnte. Um doch etwas gethan zu haben und den Stolz des deutschen Kaisers zu kränken, beging Banner die Unhöflichkeit, die Stadt mit fünfhundert Kanonenschüssen zu begrüßen, die aber wenig Schaden anrichteten. In dieser Unternehmung getäuscht, beschloß er nunmehr, tiefer in Bayern und in das unvertheidigte Mähren zu dringen, wo eine reiche Beute und bequemere Quartiere seine bedürftigen Truppen erwarteten. Aber nichts konnte den französischen General bewegen, ihm bis dahin zu folgen. Guebriant fürchtete, daß die Absicht der Schweden sei, die weimarische Armee immer weiter vom Rhein zu entfernen und von aller Gemeinschaft mit Frankreich abzuschneiden, bis man sie entweder gänzlich auf seine Seite gebracht oder doch außer Stand gesetzt habe, etwas Eigenes zu unternehmen. Er trennte sich also von Bannern, um nach dem Mainstrom zurückzukehren, und dieser sah sich auf einmal der ganzen kaiserlichen Macht bloßgestellt, die, zwischen Regensburg und Ingolstadt in aller Stille versammelt, gegen ihn anrückte. Jetzt galt es, auf einen schnellen Rückzug zu denken, der im Angesicht eines an Reiterei überlegenen Heeres, zwischen Strömen und Wäldern, in einem weit und breit feindlichen Lande, kaum anders als durch ein Wunder möglich schien. Eilfertig zog er sich nach dem Wald, um durch Böhmen nach Sachsen zu entkommen; aber drei Regimenter mußte er bei Neuburg im Stiche lassen. Diese hielten durch eine spartanische Gegenwehr hinter einer schlechten Mauer die feindliche Macht vier ganze Tage auf, daß Banner den Vorsprung gewinnen konnte. Er entkam über Eger nach Annaberg; Piccolomini setzte ihm auf einem nähern Weg über Schlackenwald nach, und es kam bloß auf den Vortheil einer kleinen halben Stunde an, daß ihm der kaiserliche General nicht bei dem Passe zu Priesnitz zuvor kam und die ganze schwedische Macht vertilgte. Zu Zwickau vereinigte sich Guebriant wieder mit dem Bannerischen Heer, und beide richteten ihren Marsch nach Halberstadt, nachdem sie umsonst versucht hatten, die Saale zu vertheidigen und den Oesterreichern den Uebergang zu verwehren.

Zu Halberstadt fand endlich Banner (im Mai 1641) das Ziel seiner Thaten, durch kein andres als das Gift der Unmäßigkeit und des Verdrusses getödtet. Mit großem Ruhme, obgleich mit abwechselndem Glück, behauptete er das Ansehen der schwedischen Waffen in Deutschland und zeigte sich durch eine Kette von Siegesthaten seines großen Lehrers in der Kriegskunst werth. Er war reich an Anschlägen, die er geheimnisvoll bewahrte und rasch vollstreckte, besonnen in Gefahren, in der Widerwärtigkeit größer als im Glück und nie mehr furchtbar, als wenn man ihn am Rande des Verderbens glaubte. Aber die Tugenden des Kriegshelden waren in ihm mit allen Unarten und Lastern gepaart, die das Waffenhandwerk erzeugt oder doch in Schutz nimmt. Eben so gebieterisch im Umgang als vor der Fronte seines Heers, rauh wie sein Gewerbe und stolz wie ein Eroberer, drückte er die deutschen Fürsten nicht weniger durch seinen Uebermuth als durch seine Erpressungen ihre Länder. Für die Beschwerden des Kriegs entschädigte er sich durch die Freuden der Tafel und in den Armen der Wollust, die er bis zum Uebermaße trieb und endlich mit einem frühen Tod büßen mußte. Aber üppig, wie ein Alexander und Mahomed der Zweite, stürzte er sich mit gleicher Leichtigkeit aus den Armen der Wollust in die härteste Arbeit des Kriegs, und in seiner ganzen Feldherrngröße stand er da, als die Armee über den Weichling murrte. Gegen achtzigtausend Mann fielen in den zahlreichen Schlachten, die er lieferte, und gegen sechshundert feindliche Standarten und Fahnen, die er nach Stockholm sandte, beurkundeten seine Siege. Der Verlust dieses großen Führers wurde von den Schweden bald aufs empfindlichste gefühlt, und man fürchtete, daß er nicht zu ersetzen sein würde. Der Geist der Empörung und Zügellosigkeit, durch das überwiegende Ansehen dieses gefürchteten Generals in Schranken gehalten, erwachte, sobald er dahin war. Die Officiere fordern mit furchtbarer Einstimmigkeit ihre Rückstände, und keiner der vier Generale, die sich nach Bannern in das Commando theilen, besitzt Ansehen genug, diesen ungestümen Mahnern Genüge zu leisten oder Stillschweigen zu gebieten. Die Kriegszucht erschlafft, der zunehmende Mangel und die kaiserlichen Abrufungsschreiben vermindern mit jedem Tage die Armee; die französisch-weimarischen Völker beweisen wenig Eifer; die Lüneburger verlassen die schwedischen Fahnen, da die Fürsten des Hauses Braunschweig nach dem Tode Herzogs Georg sich mit dem Kaiser vergleichen; und endlich sondern sich auch die Hessen von ihnen ab, um in Westphalen bessere Quartiere zu suchen. Der Feind benutzt dieses verderbliche Zwischenreich, und obgleich in zwei Aktionen aufs Haupt geschlagen, gelingt es ihm, beträchtliche Fortschritte in Niedersachsen zu machen.

Endlich erschien der neu ernannte schwedische Generalissimus mit frischem Geld und Soldaten. Bernhard Torstenson war es, ein Zögling Gustav Adolphs und der glücklichste Nachfolger dieses Helden, dem er schon in dem polnischen Kriege als Page zur Seite stand. Von dem Podagra gelähmt und an die Sänfte geschmiedet, besiegte er alle seine Gegner durch Schnelligkeit, und seine Unternehmungen hatten Flügel, während daß sein Körper die schrecklichste aller Fesseln trug. Unter ihm verändert sich der Schauplatz des Krieges, und neue Maximen herrschen, die die Noth gebietet und der Erfolg rechtfertigt. Erschöpft sind alle Länder, um die man bisher gestritten hatte, und in seinen hintersten Landen unangefochten, fühlt das Haus Oesterreich den Jammer des Krieges nicht, unter welchem ganz Deutschland blutet. Torstenson verschafft ihm zuerst diese bittre Erfahrung, sättigt seine Schweden an dem fetten Tisch Oesterreichs und wirft den Feuerbrand bis an den Thron des Kaisers.

In Schlesien hatte der Feind beträchtliche Vortheile über den schwedischen Anführer Stalhantsch erfochten und ihn nach der Neumark gejagt. Torstenson, der sich im Lüneburgischen mit der schwedischen Hauptmacht vereinigt hatte, zog ihn an sich und brach im Jahr 1642 durch Brandenburg, das unter dem großen Kurfürsten angefangen hatte, eine gewaffnete Neutralität zu beobachten, plötzlich in Schlesien ein. Glogau wird ohne Approche, ohne Bresche, mit dem Degen in der Faust erstiegen, der Herzog Franz Albrecht von Lauenburg bei Schweidnitz geschlagen und selbst erschossen, Schweidnitz, wie fast das ganze diesseits der Oder gelegene Schlesien, erobert. Nun drang er mit unaufhaltsamer Gewalt bis in das Innerste von Mähren, wohin noch kein Feind des Hauses Oesterreich gekommen war, bemeisterte sich der Stadt Olmütz und machte selbst die Kaiserstadt beben. Unterdessen hatten Piccolomini und Erzherzog Leopold eine überlegene Macht versammelt, die den schwedischen Eroberer aus Mähren und bald auch, nach einem vergeblichen Versuch auf Brieg, aus Schlesien verscheuchte. Durch Wrangeln verstärkt, wagte er sich zwar aufs neue dem überlegnen Feind entgegen und entsetzte Großglogau; aber er konnte weder den Feind zum Schlagen bringen, noch seine Absicht auf Böhmen ausführen. Er überschwemmte nun die Lausitz, wo er im Angesichte des Feindes Zittau wegnahm und nach einem kurzen Aufenthalt seinen Marsch durch Meißen an die Elbe richtete, die er bei Torgau passierte. Jetzt bedrohte er Leipzig mit einer Belagerung und machte sich Hoffnung, in dieser wohlhabenden, seit zehn Jahren verschont gebliebenen Stadt einen reichlichen Vorrath an Lebensmitteln und starke Brandschatzungen zu erheben.

Sogleich eilen die Kaiserlichen unter Leopold und Piccolomini über Dresden zum Entsatz herbei, und Torstenson, um nicht zwischen der Armee und der Stadt eingeschlossen zu werden, rückt ihnen beherzt und in voller Schlachtordnung entgegen. Durch einen wunderbaren Kreislauf der Dinge traf man jetzt wieder auf dem nämlichen Boden zusammen, den Gustav Adolph eilf Jahre vorher durch einen entscheidenden Sieg merkwürdig gemacht hatte, und der Vorfahren Heldentugend erhitzte ihre Nachfolger zu einem edeln Wettstreit auf dieser heiligen Erde. Die schwedischen Generale Stalhantsch und Willenberg werfen sich auf den noch nicht ganz in Ordnung gestellten linken Flügel der Oesterreicher mit solchem Ungestüm, daß die ganze ihn bedeckende Reiterei über den Haufen gerannt und zum Treffen unbrauchbar gemacht wird. Aber auch dem linken der Schweden drohte schon ein ähnliches Schicksal, als ihm der siegende rechte zu Hilfe kam, dem Feind in den Rücken und in die Flanken fiel und seine Linien trennte. Die Infanterie beider Theile stand einer Mauer gleich und wehrte sich, nachdem alles Pulver verschossen war, mit umgekehrten Muskete, bis endlich die Kaiserlichen, von allen Seiten umringt, nach einem dreistündigen Gefechte das Feld räumen mußten. Die Anführer beider Armeen hatten ihr Aeußerstes gethan, ihre fliehenden Völker aufzuhalten, und Erzherzog Leopold war mit seinem Regimente der erste beim Angriff und der Letzte auf der Flucht. Ueber dreitausend Mann und zwei ihrer besten Generale, Schlangen und Lilienhoek, kostete den Schweden dieser blutige Sieg. Von den Kaiserlichen blieben fünftausend auf dem Platze, und beinahe eben so viele wurden zu Gefangenen gemacht. Ihre ganze Artillerie von sechsundvierzig Kanonen, das Silbergeschirr und die Kanzlei des Erzherzogs, die ganze Bagage der Armee fiel in der Sieger Hände. Torstenson, zu sehr geschwächt durch seinen Sieg, um den Feind verfolgen zu können, rückte vor Leipzig, die geschlagene Armee nach Böhmen, wo die flüchtigen Regimenter sich wieder sammelten. Erzherzog Leopold konnte diese verlorne Schlacht nicht verschmerzen, und das Cavallerieregiment, das durch seine frühe Flucht dazu Anlaß gegeben, erfuhr die Wirkungen seines Grimms. Zu Rakonitz in Böhmen erklärte er es im Angesicht der übrigen Truppen für ehrlos, beraubte es aller seiner Pferde, Waffen und Insignien, ließ seine Standarten zerreißen, mehrere seiner Officiere und von den Gemeinen den zehenten Mann zum Tode verurtheilen.

Leipzig selbst, welches drei Wochen nach dem Treffen bezwungen wurde, war die schönste Beute des Siegers. Die Stadt mußte das ganze schwedische Heer neu bekleiden und sich mit drei Tonnen Goldes, wozu auch die fremden Handlungshäuser, die ihre Warenlager darin hatten, mit Taxen beschwert wurden, von der Plünderung loskaufen. Torstenson rückte noch im Winter vor Freiberg, trotzte vor dieser Stadt mehrere Wochen lang dem Grimm der Witterung und hoffte durch seine Beharrlichkeit den Muth der Belagerten zu ermüden. Aber er opferte nur seine Truppen auf, und die Annäherung des kaiserlichen Generals Piccolomini nöthigte ihn endlich, mit seiner geschwächten Armee sich zurückzuziehen. Doch achtete er es schon für Gewinn, daß auch der Feind die Ruhe der Winterquartiere, deren er sich freiwillig beraubte, zu entbehren genöthigt ward und in diesem ungünstigen Winterfeldzug über dreitausend Pferde einbüßte. Er machte nun eine Bewegung gegen die Oder, um sich durch die Garnisonen aus Pommern und Schlesien zu verstärken; aber mit Blitzesschnelligkeit stand er wieder an der böhmischen Grenze, durchzog dieses Königreich und – entsetzte Olmütz in Mähren, das von den Kaiserlichen hart geängstigt wurde. Aus seinem Lager bei Tobitschau, zwei Meilen von Olmütz, beherrschte er ganz Mähren, drückte es mit schweren Erpressungen und ließ bis an die Brücken von Wien seine Schaaren streifen. Umsonst bemühte sich der Kaiser, zu Vertheidigung dieser Provinz den ungarischen Adel zu bewaffnen; dieser berief sich auf seine Privilegien und wollte außerhalb seinem Vaterlande nicht dienen. Ueber dieser fruchtlosen Unterhandlung verlor man die Zeit für einen thätigen Widerstand und ließ die ganze Provinz Mähren den Schweden zum Raube werden.

Während daß Bernhard Torstenson durch seine Märsche und Siege Freund und Feind in Erstaunen setzte, hatten sich die Armeen der Alliierten in andern Theilen des Reichs nicht unthätig verhalten. Die Hessen und Weimarischen unter dem Grafen von Eberstein und dem Marschall von Guebriant waren in das Erzstift Köln eingefallen, um dort ihre Winterquartiere zu beziehen. Um sich dieser räuberischen Gäste zu erwehren, rief der Kurfürst den kaiserlichen General von Hatzfeld herbei und versammelte seine eignen Truppen unter dem General Lamboy. Diesen griffen die Alliierten (im Jänner 1642) bei Kempen an und schlugen ihn in einer großen Schlacht, daß zweitausend blieben und noch einmal so viel zu Gefangenen gemacht wurden. Dieser wichtige Sieg öffnete ihnen das ganze Kurfürstenthum und die angrenzenden Lande, daß sie nicht nur ihre Quartiere darin behaupteten, sondern auch große Verstärkungen an Soldaten und Pferden daraus zogen.

Guebriant überließ den hessischen Völkern, ihre Eroberungen am Niederrhein gegen den Grafen von Hatzfeld zu vertheidigen. und näherte sich Thüringen, um Torstensons Unternehmungen in Sachsen zu unterstützen. Aber anstatt seine Macht mit der schwedischen zu vereinigen, eilte er zurück nach dem Main- und Rheinstrom, von dem er sich schon weiter, als er sollte, entfernt hatte. Da ihm die Bayern unter Mercy und Johann von Werth in der Markgrafschaft Baden zuvorgekommen waren, so irrte er viele Wochen lang, dem Grimm der Witterung preisgegeben, ohne Obdach umher und mußte gewöhnlich auf dem Schnee kampieren, bis er im Breisgau endlich ein kümmerliches Unterkommen fand. Zwar zeigte er sich im folgenden Sommer wieder im Felde und beschäftigte in Schwaben das bayerische Heer, daß es die Stadt Thionville in den Niederlanden, welche Condé belagerte, nicht entsetzen sollte. Aber bald ward er von dem überlegenen Feind in das Elsaß zurückgedrückt, wo er eine Verstärkung erwartete.

Der Tod des Cardinals Richelieu, der im November des Jahrs 1642 erfolgt war, und der Thron- und Ministerwechsel, den das Absterben Ludwigs des Dreizehnten im Mai 1643 nach sich zog, hatte die Aufmerksamkeit Frankreichs eine Zeit lang von dem deutschen Krieg abgezogen und diese Unthätigkeit im Felde bewirkt. Aber Mazarin, der Erbe von Richelieus Macht, Grundsätzen und Entwürfen, verfolgte den Plan seines Vorgängers mit erneuertem Eifer, wie theuer auch der französische Unterthan diese politische Größe Frankreichs bezahlte. Wenn Richelieu die Hauptstärke der Armeen gegen Spanien gebrauchte, so kehrte sie Mazarin gegen den Kaiser und machte durch die Sorgfalt, die er dem Kriege in Deutschland widmete, seinen Ausspruch wahr, daß die deutsche Armee der rechte Arm seines Königs und der Wall der französischen Staaten sei. Er schickte dem Feldmarschall von Guebriant, gleich nach der Einnahme von Thionville, eine beträchtliche Verstärkung ins Elsaß; und damit die Truppen sich den Mühseligkeiten des deutschen Kriegs desto williger unterziehen möchten, mußte der berühmte Sieger bei Rocroy, Herzog von Enghien, nachherige Prinz von Condé, sie in eigner Person dahin führen. Jetzt fühlte sich Guebriant stark genug, um in Deutschland wieder mit Ehren auftreten zu können. Er eilte über den Rhein zurück, um sich in Schwaben bessere Winterquartiere zu suchen, und machte sich auch wirklich Meister von Rottweil, wo ihm ein bayerisches Magazin in die Hände fiel. Aber dieser Platz wurde theurer bezahlt, als er werth war, und schneller, als er gewonnen worden, wieder verloren. Guebriant erhielt eine Wunde im Arm, welche die ungeschickte Hand seines Wundarztes tödtlich machte, und die Größe seines Verlustes wurde noch selbst an dem Tage seines Todes kund.

Die französische Armee, durch die Expedition in einer so rauhen Jahreszeit merklich vermindert, hatte sich nach der Einnahme von Rottweil in die Gegend von Tuttlingen gezogen, wo sie, ohne alle Ahnung eines feindlichen Besuchs, in tiefer Sicherheit rastet. Unterdessen versammelt der Feind eine große Macht, die bedenkliche Festsetzung der Franzosen jenseits des Rheins und in einer so großen Nähe von Bayern zu hindern und diese Gegend von ihren Erpressungen zu befreien. Die Kaiserlichen, von Hatzfeld angeführt, verbinden sich mit der bayerischen Macht, welche Mercy befehligt, und auch der Herzog von Lothringen, den man in diesem ganzen Krieg überall, nur nicht in seinem Herzogthum findet, stößt mit seinen Truppen zu ihren vereinigten Fahnen. Der Anschlag wird gefaßt, die Quartiere der Franzosen in Tuttlingen und den angrenzenden Dörfern aufzuschlagen, d. i. sie unvermuthet zu überfallen; eine in diesem Kriege sehr beliebte Art von Expeditionen, die, weil sie immer und nothwendig mit Verwirrung verknüpft war, gewöhnlich mehr Blut kostete, als geordnete Schlachten. Hier war sie um so mehr an ihrem Platze, da der französische Soldat, in dergleichen Unternehmungen unerfahren, von einem deutschen Winter ganz andere Begriffe hegte und durch die Strenge der Jahrszeit sich gegen jede Ueberraschung für hinlänglich gesichert hielt. Johann von Werth, ein Meister in dieser Art, Krieg zu führen, der seit einiger Zeit gegen Gustav Horn war ausgewechselt worden, führte die Unternehmung an und brachte sie auch über alle Erwartung glücklich zu Stande.

Man that den Angriff von einer Seite, wo er der vielen engen Pässe und Waldungen wegen am wenigsten erwartet werden konnte, und ein starker Schnee, der an eben diesem Tage (den 24sten des Novembers 1643) fiel, verbarg die Annäherung des Vortrabs, bis er im Angesichte von Tuttlingen Halt machte. Die ganze außerhalb des Orts verlassen stehende Artillerie wird, so wie das nahe liegende Schloß Honburg, ohne Widerstand erobert, ganz Tuttlingen von der nach und nach eintreffenden Armee umzingelt und aller Zusammenhang der in den Dörfern umher zerstreuten feindlichen Quartiere still und plötzlich gehemmt. Die Franzosen waren also schon besiegt, ehe man eine Kanone abbrannte. Die Reiterei dankte ihre Rettung der Schnelligkeit ihrer Pferde und den wenigen Minuten, welche sie vor dem nachsetzenden Feinde voraus hatte. Das Fußvolk ward zusammengehauen oder streckte freiwillig das Gewehr. Gegen zweitausend bleiben, siebentausend geben sich mit fünfundzwanzig Stabsofficieren und neunzig Capitäns gefangen. Dies war wohl in diesem ganzen Kriege die einzige Schlacht, welche auf die verlierende und die gewinnende Partei ohngefähr den nämlichen Eindruck machte; beide waren Deutsche, und die Franzosen hatten sich beschimpft. Das Andenken dieses unholden Tages, der hundert Jahre später bei Roßbach erneuert ward, wurde in der Folge zwar durch die Heldenthaten eines Turenne und Condé wieder ausgelöscht, aber es war den Deutschen zu gönnen, wenn sie sich für das Elend, das die französische Politik über sie häufte, mit einem Gassenhauer auf die französische Tapferkeit bezahlt machten.

Diese Niederlage der Franzosen hätte indessen den Schweden sehr verderblich werden können, da nunmehr die ganze ungetheilte Macht des Kaisers gegen sie losgelassen wurde und die Zahl ihrer Feinde in dieser Zeit noch um einen vermehrt worden war. Torstenson hatte Mähren im September 1643 plötzlich verlassen und sich nach Schlesien gezogen. Niemand wußte die Ursache seines Aufbruchs, und die oft veränderte Richtung seines Marsches trug dazu bei, die Ungewißheit zu vermehren. Von Schlesien aus näherte er sich unter mancherlei Krümmungen der Elbe, und die Kaiserlichen folgten ihm bis in die Lausitz nach. Er ließ bei Torgau eine Brücke über die Elbe schlagen und sprengte aus, daß er durch Meißen in die obere Pfalz und in Bayern dringen würde. Auch bei Barby stellte er sich an, als wollte er diesen Strom passieren, zog sich aber immer weiter die Elbe hinab, bis Havelberg, wo er seiner erstaunten Armee bekannt machte, daß er sie nach Holstein gegen die Dänen führe.

Längst schon hatte die Parteilichkeit, welche König Christian der Vierte bei dem von ihm übernommenen Mittleramte gegen die Schweden blicken ließ, die Eifersucht, womit er dem Fortgang ihrer Waffen entgegenarbeitete, die Hindernisse, die er der schwedischen Schifffahrt im Sund entgegensetzte, und die Lasten, mit denen er ihren aufblühenden Handel beschwerte, den Unwillen dieser Krone gereizt und endlich, da der Kränkungen immer mehrere wurden, ihre Rache aufgefordert. Wie gewagt es auch schien, sich in einen neuen Krieg zu verwickeln, während daß man unter der Last des alten, mitten unter gewonnenen Siegen, beinahe zu Boden sank, so erhob doch die Rachbegierde und ein verjährter Nationalhaß den Muth der Schweden über alle diese Bedenklichkeiten, und die Verlegenheiten selbst, in welche man sich durch den Krieg in Deutschland verwickelt sah, waren ein Beweggrund mehr, sein Glück gegen Dänemark zu versuchen. Es war endlich so weit gekommen, daß man den Krieg nur fortsetzte, um den Truppen Arbeit und Brod zu verschaffen, daß man fast bloß um den Vortheil der Winterquartiere stritt und, die Armee gut untergebracht zu haben, höher als eine gewonnene Hauptschlacht schätzte. Aber fast alle Provinzen des deutschen Reichs waren verödet und ausgezehrt; es fehlte an Proviant, an Pferden und Menschen, und an allem diesem hatte Holstein Ueberfluß. Gewann man auch weiter nichts, als daß man die Armee in dieser Provinz rekrutierte, Pferde und Soldaten sättigte und die Reiterei besser beritten machte – so war der Erfolg schon der Mühe und Gefahr des Versuches werth. Auch kam jetzt bei Eröffnung des Friedensgeschäftes alles darauf an, den nachtheiligen dänischen Einfluß auf die Friedensunterhandlungen zu hemmen, den Frieden selbst, der die schwedische Krone nicht sehr zu begünstigen schien, durch Verwirrung der Interessen möglichst zu verzögern und, da es auf Bestimmung einer Genugtuung ankam, die Zahl seiner Eroberungen zu vermehren, um die einzige, welche man zu behalten wünschte, desto gewisser zu erlangen. Die schlechte Verfassung des dänischen Reichs berechtigte zu noch größeren Hoffnungen, wenn man nur den Anschlag schnell und verschwiegen ausführte. Wirklich beobachtete man in Stockholm das Geheimniß so gut, daß die dänischen Minister nicht das Geringste davon argwohnten, und weder Frankreich noch Holland wurde in das Geheimniß gezogen. Der Krieg selbst war die Kriegserklärung, und Torstenson stand in Holstein, ehe man eine Feindseligkeit ahnete. Durch keinen Widerstand aufgehalten, ergießen sich die schwedischen Trnppen wie eine Ueberschwemmung durch dieses Herzogthum und bemächtigen sich aller festen Plätze desselben, Rendsburg und Glückstadt ausgenommen. Eine andere Armee bricht in Schonen ein, welches gleich wenig Widerstand leistet, und nur die stürmische Jahrszeit verhindert die Anführer, den kleinen Belt zu passieren und den Krieg selbst nach Fühnen und Seeland zu wälzen. Die dänische Flotte verunglückt bei Femern, und Christian selbst, der sich auf derselben befindet, verliert durch einen Splitter sein rechtes Auge. Abgeschnitten von der weit entlegenen Macht des Kaisers, seines Bundesgenossen, steht dieser König auf dem Punkte, sein ganzes Reich von der schwedischen Macht überschwemmt zu sehen, und es ließ sich in allem Ernst zu Erfüllung der Wahrsagung an, die man sich von dem berühmten Tycho Brahe erzählte, daß Christian der Vierte im Jahre 1644 mit einem bloßen Stecken aus seinem Reiche würde wandern müssen.

Aber der Kaiser durfte nicht gleichgültig zusehen, daß Dänemark den Schweden zum Opfer wurde und der Raub dieses Königsreichs ihre Macht vermehrte. Wie groß auch die Schwierigkeiten waren, die sich einem so weiten Marsch durch lauter ausgehungerte Länder entgegensetzten, so säumte er doch nicht, den Grafen von Gallas, dem nach dem Austritt des Piccolomini das Obercommando über die Truppen aufs neue war anvertraut worden, mit einer Armee nach Holstein zu senden. Gallas erschien auch wirklich in diesem Herzogthum, eroberte Kiel und hoffte, nach der Vereinigung mit den Dänen, die schwedische Armee in Jütland einzuschließen. Zugleich wurden die Hessen und der schwedische General von Königsmark durch Hatzfeld und durch den Erzbischof von Bremen, den Sohn Christians des Vierten, beschäftigt und der Letztere durch einen Angriff auf Meißen nach Sachsen gezogen. Aber Torstenson drang durch den unbesetzten Paß zwischen Schleswig und Stapelholm, ging mit seiner neugestärkten Armee dem Gallas entgegen und drückte ihn den ganzen Elbstrom hinauf bis Bernburg, wo die Kaiserlichen ein festes Lager bezogen. Torstenson passierte die Saale und nahm eine solche Stellung, daß er den Feinden in den Rücken kam und sie von Sachsen und Böhmen abschnitt. Da riß der Hunger in ihrem Lager ein und richtete den größten Theil der Armee zu Grunde; der Rückzug nach Magdeburg verbesserte nichts an dieser verzweifelten Lage. Die Cavallerie, welche nach Schlesien zu entkommen suchte, wird von Torstenson bei Jüterbock eingeholt und zerstreut, die übrige Armee, nach einem vergeblichen Versuch, sich mit dem Schwert in der Hand durchzuschlagen, bei Magdeburg fast ganz aufgerieben. Von seiner großen Macht brachte Gallas bloß einige tausend Mann und den Ruhm zurück, daß kein größerer Meister zu finden sei, eine Armee zu ruinieren. Nach diesem verunglückten Versuch zu seiner Befreiung suchte der König von Dänemark den Frieden und erhielt ihn zu Brömsebro im Jahre 1645 unter harten Bedingungen.

Torstenson verfolgte seinen Sieg. Während daß einer seiner Untergenerale, Axel Lilienstern, Kursachsen ängstigte und Königsmark ganz Bremen sich unterwürfig machte, brach er selbst an der Spitze von sechzehntausend Mann und mit achtzig Kanonen in Böhmen ein und suchte nun den Krieg aufs neue in die Erbstaaten Oesterreichs zu verpflanzen. Ferdinand eilte auf diese Nachricht selbst nach Prag, um durch seine Gegenwart den Muth seiner Völker zu entflammen und, da es so sehr an einem tüchtigen General und den vielen Befehlshabern an Übereinstimmung fehlte, in der Nähe der Kriegsscenen desto schneller und nachdrücklicher wirken zu können. Auf seinen Befehl versammelte Hatzfeld die ganze österreichische und bayerische Macht und stellte sie – das letzte Heer des Kaisers und der letzte Wall seiner Staaten – wider seinen Rath und Willen, dem eindringenden Feinde bei Jankau oder Jankowitz am 24sten Februar 1645 entgegen. Ferdinand verließ sich auf seine Reiterei, welche dreitausend Pferde mehr als die feindliche zählte, und auf die Zusage der Jungfrau Maria, die ihm im Traum erschienen und einen gewissen Sieg versprochen hatte.

Die Ueberlegenheit der Kaiserlichen schreckte Torstenson nicht ab, der nie gewohnt war, seine Feinde zu zählen. Gleich beim ersten Angriff wurde der linke Flügel, den der liguistische General von Götz in eine sehr unvorteilhafte Gegend zwischen Teichen und Wäldern verwickelt hatte, völlig in Unordnung gebracht, der Anführer selbst mit dem größten Theil seiner Völker erschlagen und beinahe die ganze Kriegsmunition der Armee erbeutet. Dieser unglückliche Anfang entschied das Schicksal des ganzen Treffens. Die Schweden bemächtigten sich, immer vorwärts dringend, der wichtigsten Anhöhen, und nach einem achtstündigen blutigen Gefechte, nach einem wüthenden Anlauf der kaiserlichen Reiterei und dem tapfersten Widerstand des Fußvolks waren sie Meister vom Schlachtfelde. Zweitausend Oesterreicher blieben auf dem Platze, und Hatzfeld selbst mußte sich mit dreitausend gefangen geben. Und so war denn an einem Tage der beste General und das letzte Heer des Kaisers verloren.

Dieser entscheidende Sieg bei Jankowitz öffnete auf einmal dem Feind alle österreichischen Lande. Ferdinand entfloh eilig nach Wien, um für die Vertheidigung dieser Stadt zu sorgen und sich selbst, seine Schätze und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Auch währte es nicht lange, so brachen die siegenden Schweden in Mähren und Oesterreich wie eine Wasserfluth herein. Nachdem sie beinahe das ganze Mähren erobert, Brünn eingeschlossen, von allen festen Schlössern und Städten bis an die Donau Besitz genommen und endlich selbst die Schanze an der Wolfsbrücke, unfern von Wien, erstiegen, stehen sie endlich im Gesicht dieser Kaiserstadt, und die Sorgfalt, mit der sie die eroberten Plätze befestigen, scheint keinen kurzen Besuch anzudeuten. Nach einem langen verderblichen Umweg durch alle Provinzen des deutschen Reiches krümmt sich endlich der Kriegsstrom rückwärts zu seinem Anfang, und der Knall des schwedischen Geschützes erinnert die Einwohner Wiens an jene Kugeln, welche die böhmischen Rebellen vor siebenundzwanzig Jahren in die Kaiserburg warfen. Dieselbe Kriegsbühne führt auch dieselben Werkzeuge des Angriffs zurück. Wie Bethlen Gabor von den rebellischen Böhmen, so wird jetzt sein Nachfolger Ragotzy von Torstenson zum Beistand herbei gerufen; schon ist Ober-Ungarn von seinen Truppen überschwemmt, und täglich fürchtet man seine Vereinigung mit den Schweden. Johann Georg von Sachsen, durch die schwedischen Einquartierungen in seinem Lande aufs Aeußerste gebracht, hilflos gelassen von dem Kaiser, der sich nach dem Jankauischen Treffen selbst nicht beschützen kann, ergreift endlich das letzte und einzige Rettungsmittel, einen Stillstand mit den Schweden zu schließen, der von Jahr zu Jahr bis zum allgemeinen Frieden verlängert wird. Der Kaiser verliert einen Freund, indem an den Thoren seines Reichs ein neuer Feind gegen ihn aufsteht, indem seine Kriegsheere schmelzen und seine Bundesgenossen an andern Enden Deutschlands geschlagen werden. Denn auch die französische Armee hatte den Schimpf der Tuttlinger Niederlage durch einen glänzenden Feldzug wieder ausgelöscht und die ganze Macht Bayerns am Rhein und in Schwaben beschäftigt. Mit neuen Truppen aus Frankreich verstärkt, die der große und jetzt schon durch seine Siege in Italien verherrlichte Turenne dem Herzog von Enghien zuführte, erschienen sie am 3ten August 1644 vor Freiburg, welches Mercy kurz vorher erobert hatte und mit seiner ganzen, aufs beste verschanzten Armee bedeckte. Das Ungestüm der französischen Tapferkeit scheiterte zwar an der Standhaftigkeit der Bayern, und der Herzog von Enghien mußte sich zum Rückzug entschließen, nachdem er bei sechstausend seiner Leute umsonst hingeschlachtet hatte. Mazarin vergoß Thränen über diesen großen Verlust, den aber der herzlose, für den Ruhm allein empfindliche Condé nicht achtete. »Eine einzige Nacht in Paris,« hörte man ihn sagen, »gibt mehr Menschen das Leben, als diese Aktion getödtet hat.« Indessen hatte doch diese mörderische Schlacht die Bayern so sehr entkräftet, daß sie, weit entfernt, das bedrängte Oesterreich zu entsetzen, nicht einmal die Rheinufer vertheidigen konnten. Speyer, Worms, Mannheim ergeben sich, das feste Philippsburg wird durch Mangel bezwungen, und Mainz selbst eilt, durch eine zeitige Unterwerfung den Sieger zu entwaffnen.

Was Oesterreich und Mähren am Anfang des Krieges gegen die Böhmen gerettet hatte, rettete es auch jetzt gegen Torstenson. Ragotzy war zwar mit seinen Völkern, fünfundzwanzigtausend an der Zahl, bis an die Donau in die Nähe des schwedischen Lagers gedrungen; aber diese undisciplinirten und rohen Schaaren verwüsteten nur das Land und vermehrten den Mangel im Lager der Schweden, anstatt daß sie die Unternehmungen Torstensons durch eine zweckmäßige Wirksamkeit hätten befördern sollen. Dem Kaiser Tribut, dem Unterthan Geld und Gut abzuängstigen, war der Zweck, der den Ragotzy wie Bethlen Gaborn ins Feld rief, und beide gingen heim, sobald sie diese Absicht erreicht hatten. Ferdinand, um seiner los zu werden, bewilligte dem Barbaren, was er nur immer forderte, und befreite durch ein geringes Opfer seine Staaten von diesem furchtbaren Feinde.

Unterdessen hatte sich die Hauptmacht der Schweden in einem langwierigen Lager vor Brünn aufs äußerste geschwächt. Torstenson, der selbst dabei kommandierte, erschöpfte vier Monate lang umsonst seine ganze Belagerungskunst; der Widerstand war dem Angriff gleich, und Verzweiflung erhöhte den Muth des Commandanten de Souches, eines schwedischen Ueberläufers, der keinen Pardon zu hoffen hatte. Die Wuth der Seuchen. welche Mangel, Unreinlichkeit und der Genuß unreifer Früchte in seinem langwierigen verpesteten Lager erzeugte, und der schnelle Abzug des Siebenbürgers nöthigte endlich den schwedischen Befehlshaber, die Belagerung aufzuheben. Da alle Pässe an der Donau besetzt, seine Armee aber durch Krankheit und Hunger schon sehr geschmolzen war, so entsagte er seiner Unternehmung auf Oesterreich und Mähren, begnügte sich, durch Zurücklassung schwedischer Besatzungen in den eroberten Schlössern einen Schlüssel zu beiden Provinzen zu behalten, und nahm seinen Weg nach Böhmen, wohin ihm die Kaiserlichen unter dem Erzherzog Leopold folgten. Welche der verlorenen Plätze von dem Letztern noch nicht wieder erobert waren, wurden nach seinem Abzuge von dem kaiserlichen General Bucheim bezwungen, daß die österreichische Grenze in dem folgenden Jahr wieder völlig von Feinden gereinigt war und das zitternde Wien mit dem bloßen Schrecken davon kam. Auch in Böhmen und Schlesien behaupteten sich die Schweden nur mit sehr abwechselndem Glück und durchirrten beide Länder, ohne sich darin behaupten zu können. Aber wenn auch der Erfolg der Torstensonischen Unternehmung ihrem vielversprechenden Anfang nicht ganz gemäß war, so hatte sie doch für die schwedische Partei die entscheidensten Folgen. Dänemark wurde dadurch zum Frieden, Sachsen zum Stillstand genöthigt, der Kaiser bei dem Friedenscongresse nachgiebiger, Frankreich gefälliger und Schweden selbst in seinem Betragen gegen die Kronen zuversichtlicher und kühner gemacht. Seiner großen Pflicht so glänzend entledigt, trat der Urheber dieser Vortheile, mit Lorbeern geschmückt, in die Stille des Privatstandes zurück, um gegen die Qualen seiner Krankheit Linderung zu suchen.

Von der böhmischen Seite zwar sah sich der Kaiser nach Torstensons Abzug vor einem feindlichen Einbruch gesichert; aber bald näherte sich von Schwaben und Bayern her eine neue Gefahr den österreichischen Grenzen. Turenne, der sich von Condé getrennt und nach Schwaben gewendet hatte, war im Jahr 1645 unweit Mergentheim von Mercy aufs Haupt geschlagen worden, und die siegenden Bayern drangen unter ihrem tapfern Anführer in Hessen ein. Aber der Herzog von Enghien eilte sogleich mit einem beträchtlichen Succurs aus dem Elsaß, Königsmark aus Mähren, die Hessen von dem Rheinstrom herbei, das geschlagene Heer zu verstärken, und die Bayern wurden bis an das äußerste Schwaben zurück gedrückt. Bei dem Dorf Allersheim unweit Nördlingen hielten sie endlich Stand, die Grenze von Bayern zu vertheidigen. Aber der ungestüme Muth des Herzogs von Enghien ließ sich durch kein Hinderniß schrecken. Er führte seine Völker gegen die feindlichen Schanzen, und eine große Schlacht geschah, die der heldenmüthige Widerstand der Bayern zu einer der hartnäckigsten und blutigsten machte und endlich der Tod des vortrefflichen Mercy, Turenne's Besonnenheit und die felsenfeste Standhaftigkeit der Hessen zum Vortheil der Alliierten entschied. Aber auch diese zweite barbarische Hinopferung von Menschen hatte auf den Gang des Kriegs und der Friedensunterhandlungen wenig Einfluß. Das französische Heer, durch diesen blutigen Sieg entkräftet, verminderte sich noch mehr durch den Abzug der Hessen, und den Bayern führte Leopold kaiserliche Hilfsvölker zu, daß Turenne aufs eilfertigste nach dem Rhein zurückfliehen mußte.

Der Rückzug der Franzosen erlaubte dem Feind, seine ganze Macht jetzt nach Böhmen gegen die Schweden zu kehren. Gustav Wrangel, kein unwürdiger Nachfolger Banners und Torstensons, hatte im Jahre 1646 das Oberkommando über die schwedische Macht erhalten, die außer Königsmarks fliegendem Corps und den vielen im Reiche zerstreuten Besatzungen ungefähr noch achttausend Pferde und fünfzehntausend Mann Fußvolk zählte. Nachdem der Erzherzog Leopold seine vierundzwanzigtausend Mann starke Macht durch zwölf bayerische Cavallerie- und achtzehn Infanterie-Regimenter verstärkt hatte, ging er auf Wrangeln los und hoffte ihn, ehe Königsmark zu ihm stieße oder die Franzosen eine Diversion machten, mit seiner überlegenen Macht zu erdrücken. Aber dieser erwartete ihn nicht, sondern eilte durch Obersachsen an die Weser, wo er Höxter und Paderborn wegnahm. Von da wendete er sich nach Hessen, um sich mit Turenne zu vereinigen, und zog in seinem Lager zu Wetzlar die fliegende Armee des Königsmark an sich. Aber Turenne, gefesselt durch Mazarins Befehle, der dem Kriegsglück und dem immer wachsenden Uebermuth Schwedens gern eine Grenze gesetzt sah, entschuldigte sich mit dem dringendern Bedürfniß, die niederländischen Grenzen des französischen Reichs zu vertheidigen, weil die Holländer ihre versprochene Diversion in diesem Jahr unterlassen hätten. Da aber Wrangel fortfuhr, auf seiner gerechten Forderung mit Nachdruck zu bestehen, da eine längere Widersetzlichkeit bei den Schweden Verdacht erwecken, ja sie vielleicht gar zu einem Privatfrieden mit Oesterreich geneigt machen konnte, so erhielt endlich Turenne die gewünschte Erlaubniß, das schwedische Heer zu verstärken.

Die Vereinigung geschah bei Gießen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem Feinde die Stirn zu bieten. Er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt, wo er ihnen die Lebensmittel abschneiden und die Vereinigung mit Turenne verhindern wollte. Beides mißlang, und die Kaiserlichen sahen sich nun selbst von dem Main abgeschnitten und nach dem Verlust ihrer Magazine dem größten Mangel ausgesetzt. Wrangel benutzte ihre Schwäche, um eine Unternehmung auszuführen, die dem Krieg eine ganz andere Wendung geben sollte. Auch er hatte die Maxime seines Vorgängers adoptiert, den Krieg in die österreichischen Staaten zu spielen; aber von dem schlechten Fortgange der Torstensonischen Unternehmung abgeschreckt, hoffte er denselben Zweck auf einem andern Wege sicherer und gründlicher zu erreichen. Er entschloß sich, dem Laufe der Donau zu folgen und mitten durch Bayern gegen die österreichischen Grenzen hereinzubrechen. Einen ähnlichen Plan hatte schon Gustav Adolph entworfen, aber nicht zur Ausführung bringen können, weil ihn die Wallensteinische Macht und Sachsens Gefahr von seiner Siegesbahn zu frühzeitig abriefen. In seine Fußstapfen war Herzog Bernhard getreten, und glücklicher als Gustav Adolph hatte er schon zwischen der Isar und dem Inn seine siegreichen Fahnen ausgebreitet; aber auch ihn zwang die Menge und die Nähe der feindlichen Armeen, in seinem Heldenlaufe still zu stehen und seine Völker zurückzuführen. Was diesen Beiden mißlungen war, hoffte Wrangel jetzt um so mehr zu einem glücklichen Ende zu führen, da die kaiserlich-bayerischen Völker weit hinter ihm an der Lahn standen und erst nach einem sehr weiten Marsch durch Franken und die Oberpfalz in Bayern eintreffen konnten. Eilfertig zog er sich an die Donau, schlug ein Corps Bayern bei Donauwörth und passierte diesen Strom, so wie den Lech, ohne Widerstand. Aber durch die fruchtlose Belagerung von Augsburg verschaffte er den Kaiserlichen Zeit, sowohl diese Stadt zu entsetzen, als ihn selbst bis Lauingen zurückzutreiben. Nachdem sie sich aber aufs neue, um den Krieg von den bayerischen Grenzen zu entfernen, gegen Schwaben gewendet hatten, ersah er die Gelegenheit, den unbesetzt gelassenen Lech zu passieren, den er nunmehr den Kaiserlichen selbst versperrte. Und jetzt lag Bayern offen und unvertheidigt vor ihm da; Franzosen und Schweden überschwemmten es wie eine reißende Fluth, und der Soldat belohnte sich durch die schrecklichsten Gewalttaten, Räubereien und Erpressungen für die überstandnen Gefahren. Die Ankunft der kaiserlich-bayerischen Völker, welche endlich bei Thierhaupten den Uebergang über den Lechstrom vollbrachten, vermehrte bloß das Elend des Landes, welches Freund und Feind ohne Unterschied plünderten.

Jetzt endlich – jetzt, in diesem ganzen Kriege zum ersten Mal, wankte der standhafte Muth Maximilians, der achtundzwanzig Jahre lang bei den härtesten Proben unerschüttert geblieben. Ferdinand der Zweite, sein Gespiele zu Ingolstadt und der Freund seiner Jugend, war nicht mehr; mit dem Tode dieses Freundes und Wohlthäters war eins der stärksten Bande zerrissen, die den Kurfürsten an Oesterreichs Interesse gefesselt hatten. An den Vater hatte ihn Gewohnheit, Neigung und Dankbarkeit gekettet; der Sohn war seinem Herzen fremd, und nur das Staatsinteresse konnte ihn in der Treue gegen diesen Fürsten erhalten.

Und eben dieses Letztere war es, was die französische Arglist jetzt wirken ließ, um ihn von der österreichischen Allianz abzulocken und zu Niederlegung der Waffen zu bewegen. Nicht ohne eine große Absicht hatte Mazarin seiner Eifersucht gegen die wachsende Macht Schwedens Stillschweigen auferlegt und den französischen Völkern gestattet, die Schweden nach Bayern zu begleiten. Bayern sollte alle Schrecknisse des Krieges erleiden, damit endlich Noth und Verzweiflung die Standhaftigkeit Maximilians besiegten und der Kaiser den ersten und letzten seiner Alliierten verlöre. Brandenburg hatte unter seinem großen Regenten die Neutralität erwählt, Sachsen aus Noth ergreifen müssen, den Spaniern untersagte der französische Krieg jeden Antheil an dem deutschen; Dänemark hatte der Friede mit Schweden von der Kriegsbühne abgerufen, Polen ein langer Stillstand entwaffnet. Gelang es auch noch, den Kurfürsten von Bayern von dem österreichischen Bündniß loszureißen, so hatte der Kaiser im ganzen Deutschland keinen Verfechter mehr, und schutzlos stand er da, der Willkür der Kronen preisgegeben.

Ferdinand der Dritte erkannte die Gefahr, worin er schwebte, und ließ kein Mittel unversucht, sie abzuwenden. Aber man hatte dem Kurfürsten von Bayern die nachtheilige Meinung beigebracht, daß nur die Spanier dem Frieden entgegen ständen, und daß bloß spanischer Einfluß den Kaiser vermöge, sich gegen den Stillstand der Waffen zu erklären; Maximilian aber haßte die Spanier und hatte es ihnen nie vergeben, daß sie ihm bei seiner Bewerbung um die pfälzische Kur entgegen gewesen waren. Und dieser feindseligen Macht zu Gefallen sollte er jetzt sein Volk aufgeopfert, seine Lande verwüstet, sich selbst zu Grunde gerichtet sehen, da er sich durch einen Stillstand aus allen Bedrängnissen reißen, seinem Volke die so nöthige Erholung verschaffen und durch dieses Mittel zugleich den allgemeinen Frieden vielleicht beschleunigen konnte? Jede Bedenklichkeit verschwand, und von der Notwendigkeit dieses Schrittes überzeugt, glaubte er seinen Pflichten gegen den Kaiser genug zu thun, wenn er auch ihn der Wohlthat des Waffenstillstandes theilhaftig machte.

Zu Ulm versammelten sich die Deputierten der drei Kronen und Bayerns, um die Bedingungen des Stillstandes in Richtigkeit zu bringen. Aus der Instruktion der österreichischen Abgesandten ergab sich aber bald, daß der Kaiser den Congreß nicht beschickt hatte, um die Abschließung desselben zu befördern, sondern vielmehr, um sie rückgängig zu machen. Es kam darauf an, die Schweden, die im Vortheile waren und von der Fortsetzung des Krieges mehr zu hoffen als zu fürchten hatten, für den Stillstand zu gewinnen, nicht ihnen denselben durch harte Bedingungen zu erschweren. Sie waren ja die Sieger; und doch maßte der Kaiser sich an, ihnen Gesetze vorzuschreiben. Auch fehlte wenig, daß ihre Gesandten nicht im ersten Zorn den Congreß verließen, und um sie zurückzuhalten, mußten die Franzosen zu Drohungen ihre Zuflucht nehmen.

Nachdem es dem guten Willen des Kurfürsten von Bayern auf diese Weise mißlungen war, den Kaiser mit in den Stillstand einzuschließen, so hielt er sich nunmehr für berechtigt, für sich selbst zu sorgen. So theuer auch der Preis war, um welchen man ihn den Stillstand erkaufen ließ, so bedachte er sich doch nicht lange, denselben einzugehen. Er überließ den Schweden, ihre Quartiere in Schwaben und Franken auszubreiten, und war zufrieden, die seinigen auf Bayern und auf die pfälzischen Lande einzuschränken. Was er in Schwaben erobert hatte, mußte den Alliierten geräumt werden, die ihm ihrerseits, was sie von Bayern inne hatten, wieder auslieferten. In den Stillstand war auch Köln und Hessen-Kassel eingeschlossen. Nach Abschließung dieses Traktats, am 14. März 1647, verließen die Franzosen und Schweden Bayern und wählten sich, um sich selbst nicht im Wege zu stehen, verschiedene Quartiere, jene im Herzogtum Wirtenberg, diese in Oberschwaben, in der Nähe des Bodensees. An dem äußersten nördlichen Ende dieses Sees und Schwabens südlichster Spitze trotzte die österreichische Stadt Bregenz durch ihren engen und steilen Paß jedem feindlichen Anfall, und aus der ganzen umliegenden Gegend hatte man seine Güter und Personen in diese natürliche Festung geflüchtet. Die reiche Beute, die der aufgehäufte Vorrath darin erwarten ließ, und der Vortheil, einen Paß gegen Tirol, die Schweiz und Italien zu besitzen, reizte den schwedischen General, einen Angriff auf diese für unüberwindlich gehaltene Klause und die Stadt selbst zu versuchen. Beides gelang ihm, des Widerstands der Landleute ungeachtet, die, sechstausend an der Zahl, den Paß zu vertheidigen strebten. Unterdeß hatte sich Turenne, der getroffenen Uebereinkunft gemäß, nach dem Wirtenbergischen gewendet, von wo aus er den Landgrafen von Darmstadt und den Kurfürsten von Mainz durch die Gewalt seiner Waffen zwang, nach dem Beispiel Bayerns die Neutralität zu ergreifen.

Und jetzt endlich schien das große Ziel der französischen Staatskunst erreicht zu sein, den Kaiser, alles Beistands der Ligue und seiner protestantischen Alliierten beraubt, den vereinigten Waffen der beiden Kronen ohne Vertheidigung bloß zu stellen und ihm mit dem Schwert in der Hand den Frieden zu diktieren. Eine Armee von höchstens zwölftausend Mann war alles, was ihm von seiner Furchtbarkeit übrig war, und über diese mußte er, weil der Krieg alle seine fähigen Generale dahin gerafft hatte, einen Calvinisten, den hessischen Ueberläufer Melander, zum Befehlshaber setzen. Aber wie dieser Krieg mehrmals die überraschendsten Glückswechsel aufstellte und oft durch einen plötzlichen Zwischenfall alle Berechnungen der Staatskunst zu Schanden machte, so strafte auch hier der Erfolg die Erwartungen Lügen, und die tief gesunkene Macht Oesterreichs arbeitete sich nach einer kurzen Krise aufs neue zu einer drohenden Ueberlegenheit empor. Frankreichs Eifersucht gegen die Schweden erlaubte dieser Krone nicht, den Kaiser zu Grunde zu richten und die schwedische Macht in Deutschland dadurch zu einem Grade zu erheben, der für Frankreich selbst zuletzt verderblich werden konnte. Oesterreichs hilflose Lage wurde daher von dem französischen Minister nicht benutzt, die Armee des Turenne von Wrangeln getrennt und an die niederländischen Grenzen gezogen. Zwar versuchte Wrangel, nachdem er sich von Schwaben nach Franken gewendet, Schweinfurt erobert und die dortige kaiserliche Besatzung unter seine Armee gesteckt hatte, für sich selbst in Böhmen einzudringen, und belagerte Eger, den Schlüssel zu diesem Königreich. Um diese Festung zu entsetzen, ließ der Kaiser seine letzte Armee marschieren und fand sich in eigner Person bei derselben ein. Aber ein weiter Umweg, den sie nehmen mußte, um die Güter des Kriegsrathspräsidenten von Schlick nicht zu betreten, verzögerte ihren Marsch, und ehe sie anlangte, war Eger schon verloren. Beide Armeen näherten sich jetzt einander, und man erwartete mehr als einmal eine entscheidende Schlacht, da beide der Mangel drückte, die Kaiserlichen die größere Zahl für sich hatten und beide Lager und Schlachtordnungen oft nur durch die aufgeworfnen Werke von einander geschieden waren. Aber die Kaiserlichen begnügten sich, dem Feind zur Seite zu bleibe und ihn durch kleine Angriffe, Hunger und schlimme Märsche zu ermüden, bis die mit Bayern eröffneten Unterhandlungen das gewünschte Ziel erreicht haben würden.

Bayerns Neutralität war eine Wunde, die der kaiserliche Hof nicht verschmerzen konnte, und nachdem man umsonst versucht hatte, sie zu hindern, ward beschlossen, den einzig möglichen Vortheil davon zu ziehen. Mehrere Officiere der bayerischen Armee waren über diesen Schritt ihres Herrn entrüstet, der sie auf einmal in Unthätigkeit versetzte und ihrem Hange zur Ungebundenheit eine lästige Fessel anlegte. Selbst der tapfere Johann von Werth stand an der Spitze der Mißvergnügten, und aufgemuntert von dem Kaiser, entwarf er das Complot, die ganze Armee von dem Kurfürsten abtrünnig zu machen und dem Kaiser zuzuführen. Ferdinand erröthete nicht, diese Verrätherei gegen den treuesten Alliierten seines Vaters heimlich in Schutz zu nehmen. Er ließ an die kurfürstlichen Völker förmliche Abrufungsbriefe ergehen, worin er sie erinnerte, daß sie Reichstruppen seien, die der Kurfürst bloß in kaiserlichem Namen befehligt habe. Zum Glück entdeckte Maximilian das angesponnene Complot noch zeitig genug. um durch schnelle und zweckmäßige Anstalten der Ausführung desselben zuvor zu kommen.

Der unwürdige Schritt des Kaisers hatte ihn zu Repressalien berechtigt; aber Maximilian war ein zu grauer Staatsmann, um, wo die Klugheit allein sprechen durfte, die Leidenschaft zu hören. Er hatte von dem Waffenstillstand die Vorteile nicht geerntet, die er sich davon versprochen hatte. Weit entfernt, zu der Beschleunigung des allgemeinen Friedens beizutragen, hatte dieser einseitige Stillstand vielmehr den Negociationen zu Münster und Osnabrück eine schädliche Wendung gegeben und die Alliierten in ihren Forderungen dreister gemacht. Die Franzosen und Schweden waren aus Bayern entfernt worden; aber durch den Verlust der Quartiere im schwäbischen Kreise sah er sich nun selbst dahin gebracht, mit seinen Truppen sein eigenes Land auszusaugen, wenn er sich nicht entschließen wollte, sie ganz und gar abzudanken und in dieser Zeit des Faustrechts unbesonnen Schwert und Schild wegzulegen. Ehe er eins dieser beiden gewissen Uebel erwählte, entschloß er sich lieber zu einem dritten, das zum wenigsten noch ungewiß war, den Stillstand aufzukündigen und aufs neue zu den Waffen zu greifen.

Sein Entschluß und die schnelle Hilfe, die er dem Kaiser nach Böhmen schickte, drohte den Schweden höchst verderblich zu werden, und Wrangel mußte sich aufs eilfertigste aus Böhmen zurückziehen. Er ging durch Thüringen nach Westphalen und Lüneburg, um die französische Armee unter Turenne an sich zu ziehen, und unter Melander und Gronsfeld folgte ihm die kaiserlich-bayerische Armee bis an den Weserstrom. Sein Untergang war unvermeidlich, wenn der Feind ihn erreichte, ehe Turenne zu ihm stieß; aber was den Kaiser zuvor gerettet hatte, erhielt jetzt auch die Schweden. Mitten unter der Wuth des Kampfes leitete kalte Klugheit den Lauf des Krieges, und die Wachsamkeit der Höfe vermehrte sich, je näher der Friede herbeirückte. Der Kurfürst von Bayern durfte es nicht geschehen lassen, daß sich das Uebergewicht der Macht so entscheidend auf die Seite des Kaisers neigte und durch diesem plötzlichen Umschwung der Dinge der Friede verzögert würde. So nahe an Abschließung der Traktate war jede einseitige Glücksveränderung äußerst wichtig, und die Aufhebung des Gleichgewichts unter den traktierenden Kronen konnte auf einmal das Werk vieler Jahre, die theure Frucht der schwierigsten Unterhandlungen zerstören und die Ruhe des ganzen Europa verzögern. Wenn Frankreich seine Alliierte, die Krone Schweden, in heilsamen Fesseln hielt und ihr, nach Maßgabe ihrer Vortheile und Verluste, seine Hilfe zuzählte, so übernahm der Kurfürst von Bayern stillschweigend dieses Geschäft bei seinem Alliierten, dem Kaiser, und suchte durch eine weise Abwägung seines Beistandes Meister von Oesterreichs Größe zu bleiben. Jetzt droht die Macht des Kaisers auf einmal zu einer gefährlichen Höhe zu steigen, und Maximilian hält plötzlich inne, die schwedische Armee zu verfolgen. Auch fürchtete er die Repressalien Frankreichs, welches schon gedroht hatte, die ganze Macht Turennes gegen ihn zu senden, wenn er seinen Truppen erlauben würde, über die Weser zu setzen.

Melander, durch die Bayern gehindert, Wrangeln weiter zu verfolgen, wendete sich über Jena und Erfurt gegen Hessen und erscheint jetzt als ein furchtbarer Feind in demselben Lande, das er ehemals vertheidigt hatte. Wenn es wirklich Rachbegierde gegen seine ehemalige Gebieterin war, was ihn antrieb, Hessen zum Schauplatz seiner Verwüstung zu erwählen, so befriedigte er diese Lust auf das schrecklichste. Hessen blutete unter seiner Geißel, und das Elend dieses so hart mitgenommenen Landes wurde durch ihn aufs Aeußerste getrieben. Aber bald hatte er Ursache, zu bereuen, daß ihn bei der Wahl der Quartiere die Rachgier statt der Klugheit geleitet hatte. In dem verarmten Hessen drückte der äußerste Mangel die Armee, während daß Wrangel in Lüneburg frische Kräfte sammelte und seine Regimenter beritten machte. Viel zu schwach, seine schlechten Quartiere zu behaupten, als der schwedische General im Winter des 1648sten Jahres den Feldzug eröffnete und gegen Hessen anrückte, mußte er mit Schanden entweichen und an den Ufern der Donau seine Rettung suchen.

Frankreich hatte die Erwartungen der Schweden aufs neue getäuscht und die Armee des Turenne, aller Aufforderungen Wrangels ungeachtet, am Rheinstrom zurückgehalten. Der schwedische Heerführer hatte sich dadurch gerächt, daß er die weimarische Reiterei an sich zog, die dem französischen Dienst entsagte, durch eben diesen Schritt aber der Eifersucht Frankreichs neue Nahrung gegeben. Endlich erhielt Turenne die Erlaubniß, zu den Schweden zu stoßen, und nun wurde von beiden vereinigten Armeen der letzte Feldzug in diesem Kriege eröffnet. Sie trieben Melandern bis an die Donau vor sich her, warfen Lebensmittel in Eger, das von den Kaiserlichen belagert war, und schlugen jenseits der Donau das kaiserlich-bayerische Heer, das bei Zusmarshausen sich ihnen entgegen stellte. Melander erhielt in dieser Aktion eine tödtliche Wunde, und der bayerische General von Gronsfeld postierte sich mit der übrigen Armee jenseits des Lechstroms, um Bayern vor einem feindlichen Einbruche zu schützen.

Aber Gronsfeld war nicht glücklicher als Tilly, der an eben diesem Posten für Bayerns Rettung sein Leben hingeopfert hatte. Wrangel und Turenne wählten dieselbe Stelle zum Uebergang, welche durch den Sieg Gustav Adolphs bezeichnet war, und vollendeten ihn mit Hilfe desselben Vortheils, welcher jenen begünstigt hatte. Jetzt wurde Bayern aufs Neue überschwemmt und der Bruch des Stillstandes durch die grausamste Behandlung des bayerischen Unterthans geahndet. Maximilian verkroch sich in Salzburg, indem die Schweden über die Isar setzten und bis an den Inn vordrangen. Ein anhaltender starker Regen, der diesen nicht sehr beträchtlichen Fluß in wenigen Tagen in einen reißenden Strom verwandelte, rettete Oesterreich noch einmal aus der drohenden Gefahr. Zehnmal versuchte der Feind, eine Schiffbrücke über den Inn zu schlagen, und zehnmal vernichtete sie der Strom. Nie im ganzen Kriege war das Schrecken der Katholischen so groß gewesen als jetzt, da die Feinde mitten in Bayern standen und kein General mehr vorhanden war, den man einem Turenne, Wrangel und Königsmark gegenüber stellen durfte. Endlich erschien der tapfere Held Piccolomini aus den Niederlanden, den schwachen Rest der kaiserlichen Heere anzuführen. Die Alliierten hatten durch ihre Verwüstungen in Bayern sich selbst den längeren Aufenthalt in diesem Lande erschwert, und der Mangel nöthigt sie, ihren Rückzug nach der Oberpfalz zu nehmen, wo die Friedenspost ihre Thätigkeit endigt.

Mit seinem fliegenden Corps hatte sich Königsmark nach Böhmen gewendet, wo Ernst Odowalsky, ein abgedankter Rittmeister, der im kaiserlichen Dienst zum Krüppel geschossen und dann ohne Genugthuung verabschiedet ward, ihm einen Plan angab, die kleine Seite von Prag zu überrumpeln. Königsmark vollführte ihn glücklich und erwarb sich dadurch den Ruhm, den dreißigjährigen Krieg durch die letzte glänzende Aktion beschlossen zu haben. Nicht mehr als Einen Todten kostete den Schweden dieser entscheidende Streich, der endlich die Unentschlossenheit des Kaisers besiegte. Die Altstadt aber, Prags größere Hälfte, die durch die Moldau davon getrennt war, ermüdete durch ihren lebhaften Widerstand auch den Pfalzgrafen Karl Gustav, den Thronfolger der Christina, der mit frischen Völkern aus Schweden angelangt war und die ganze schwedische Macht aus Böhmen und Schlesien vor ihren Mauern versammelte. Der eintretende Winter nöthigte endlich die Belagerer in die Winterquartiere, und in diesen erreichte sie die Botschaft des zu Osnabrück und Münster am vierundzwanzigsten October unterzeichneten Friedens.

Was für ein Riesenwerk es war, diesen unter dem Namen des Westphälischen berühmten, unverletzlichen und heiligen Frieden zu schließen, welche unendlich scheinende Hindernisse zu bekämpfen, welche streitende Interessen zu vereinigen waren, welche Reihe von Zufällen zusammen wirken mußte, dieses mühsame, theure und dauernde Werk der Staatskunst zu Stande zu bringen, was es kostete, die Unterhandlungen auch nur zu eröffnen, was es kostete, die schon eröffneten unter den wechselnden Spielen des immer fortgesetzten Krieges im Gange zu erhalten, was es kostete, dem wirklich vollendeten das Siegel aufzudrücken und den feierlich abgekündigten zur wirklichen Vollziehung zu bringen – was endlich der Inhalt dieses Friedens war, was durch dreißigjährige Anstrengungen und Leiden von jedem einzelnen Kämpfer gewonnen oder verloren worden ist, und welchen Vortheil oder Nachtheil die europäische Gesellschaft im Großen und im Ganzen dabei mag geerntet haben – muß einer andern Feder vorbehalten bleiben. So ein großes Ganze die Kriegsgeschichte war, so ein großes und eignes Ganze ist auch die Geschichte des Westfälischen Friedens. Ein Abriß davon würde das interessanteste und charaktervolleste Werk der menschlichen Weisheit und Leidenschaft zum Skelet entstellen und ihr gerade Dasjenige rauben, wodurch sie die Aufmerksamkeit desjenigen Publikums fesseln könnte, für das ich schrieb und von dem ich hier Abschied nehme.


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