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Georg Simmel: Philosophie des Geldes

Inhalt

1. Kapitel (Analytischer Teil): Wert und Geld.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

2. Kapitel (Analytischer Teil): Der Substanzwert des Geldes.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

3. Kapitel (Analytischer Teil): Das Geld in den Zweckreihen.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

4. Kapitel (Synthetischer Teil): Die individuelle Freiheit.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

5. Kapitel (Synthetischer Teil): Das Geldäquivalent personaler Werte.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

6. Kapitel (Synthetischer Teil): Der Stil des Lebens.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

2. Kapitel (Analytischer Teil): Der Substanzwert des Geldes.

Teil I

Ein Eigenwert des Geldes für seine Funktion, Werte zu messen, scheinbar erforderlich.

Widerlegung durch Verwandlung der unmittelbaren Äquivalenz zwischen der einzelnen Ware und der einzelnen Geldsumme in die Gleichheit zweier Proportionen: zwischen jener und dem momentan wirksamen Gesamtwarenquantum einerseits, und dieser und dem momentan wirksamen Geldquantum andererseits.

Unbewusstheit der Nenner dieser Brüche.

Logische Möglichkeit einer von allem Substanzwert unabhängigen Geldfunktion.

Ursprüngliche Erfordertheit wertvollen Geldes.

Entwicklung der Äquivalenzvorstellungen über dieses Stadium hinaus und auf den reinen Symbolcharakter des Geldes zu.

Die Diskussion über das Wesen des Geldes wird allenthalben von der Frage durchzogen: ob das Geld, um seine Dienste des Messens, Tauschens, Darstellens von Werten zu leisten, selbst ein Wert sei und sein müsse, oder ob es für diese genüge, wenn es, ohne eigenen Substanzwert, ein bloßes Zeichen und Symbol wäre, wie eine Rechenmarke, die Werte vertritt, ohne ihnen wesensgleich zu sein.

Die ganze sachliche und historische Erörterung dieser, in die letzten Tiefen der Geld- und Wertlehre hinunterreichenden Frage würde sich erübrigen, wenn ein oft hervorgehobener logischer Grund sie von vornherein entschiede.

Ein Messmittel, so sagt man, muss von derselben Art sein, wie der Gegenstand, den es misst: ein Maß für Längen muss lang sein, ein Maß für Gewichte muss schwer sein, ein Maß für Rauminhalte muss räumlich ausgedehnt sein.

Ein Maß für Werte muss deshalb wertvoll sein.

So beziehungslos zwei Dinge, - die ich aneinander messe, auch in allen ihren sonstigen Bestimmungen sein mögen - in Hinsicht derjenigen Qualität, in der ich sie vergleiche, müssen sie übereinstimmen.

Alle quantitative und zahlenmäßige Gleichheit oder Ungleichheit, die ich zwischen zwei Objekten aussage, wäre sinnlos, wenn sie nicht die relativen Quantitäten einer und derselben Qualität beträfe.

Ja, diese Übereinstimmung in der Qualität darf nicht einmal eine allzu allgemeine sein; man kann z. B. die Schönheit einer Architektur nicht der Schönheit eines Menschen gleich oder ungleich groß setzen, obgleich in beiden doch die einheitliche Qualität »Schönheit« ist, sondern nur die speziellen architektonischen oder die speziellen menschlichen Schönheiten ergeben je untereinander die Möglichkeit eines Vergleichs.

Wenn man aber doch eine Vergleichbarkeit, bei völligem Mangel jeder gemeinsamen Eigenschaft, in der Reaktion erblicken wollte, die das empfindende Subjekt an die Gegenstände knüpft; wenn die Schönheit des Gebäudes und die Schönheit des Menschen vergleichbar sein sollen nach dem Maß von Beglückung, das wir bei der Betrachtung (> 102) des einen und der des anderen empfinden: so würde auch hier, unter abweichendem Scheine, eine Gleichheit von Qualitäten ausgesprochen sein.

Denn die Gleichheit der Wirkung, an demselben Subjekt hervortretend, bedeutet unmittelbar die Gleichheit der Objekte in der hier fraglichen Beziehung.

Zwei völlig verschiedene Erscheinungen, die demselben Subjekt die gleiche Freude bereiten, haben unter aller ihrer Verschiedenheit eine Gleichheit der Kraft oder des Verhältnisses zu jenem Subjekt, wie ein Windstoß und eine menschliche Hand, wenn sie beide einen Baumzweig brechen, unter aller Unvergleichbarkeit ihrer Qualitäten, dennoch eine Gleichheit der Energie beweisen.

So mag der Geldstoff und alles, dessen Wert man mit ihm misst, einander ganz unähnlich sein, aber in dem Punkte, dass beide Wert haben, müssen sie übereinstimmen; und selbst wenn der Wert überhaupt nichts anderes ist, als ein subjektives Fühlen, mit dem wir auf die Eindrücke der Dinge antworten, so muss wenigstens diejenige - wenngleich nicht isolierbare - Qualität, durch welche sie überhaupt sozusagen auf den Wertsinn der Menschen wirken, bei beiden dieselbe sein.

So soll wegen der Tatsache, dass es mit Werten verglichen wird, d. h. in eine quantitative Gleichung mit ihnen eintritt, das Geld die Wertqualität nicht entbehren können.

Dieser Überlegungsreihe stelle ich eine andere mit abweichendem Resultate gegenüber.

Wir können allerdings in dem obigen Beispiel die Kraft des Windes, der den Baumzweig bricht, mit der der Hand, die dasselbe tut, nur insofern vergleichen, als diese Kraft in beiden qualitativ gleich vorhanden ist.

Allein, wir können die Kraft des Windes auch an der Dicke des Zweiges messen, den er geknickt hat.

Zwar -drückt der geknickte Zweig nicht an und für sich schon das Energiequantum des Windes in demselben Sinne aus, wie der Kraftaufwand der Hand es ausdrücken mag; allein das Stärkeverhältnis zwischen zwei Windstößen und damit die relative Stärke des einzelnen ist wohl daran zu messen, dass der eine einen Zweig zerbrochen hat, den der andere noch nicht verletzen konnte.

Und ganz entscheidend scheint mir das folgende Beispiel.

Die ungleichartigsten Objekte, die wir überhaupt kennen, die Pole des Weltbildes, die aufeinander zu reduzieren weder der Metaphysik noch der Naturwissenschaft gelungen ist - sind materielle Bewegungen und Bewusstseinserscheinungen.

Die reine Extensität der einen, die reine Intensität der anderen haben bisher keinen Punkt entdecken lassen, der allgemein überzeugend als ihre Einheit gälte.

Dennoch kann der Psychophysiker nach den Änderungen der äußeren Bewegungen, die als Reize unsere Sinnesapparate treffen, die relativen Stärkeänderungen (> 103) der bewussten Empfindungen messen.

Indem also zwischen den Quanten des einen und denen des anderen Faktors ein konstantes Verhältnis besteht, bestimmen die Größen des einen die relativen Größen des anderen, ohne dass irgendeine qualitative Beziehung oder Gleichheit zwischen ihnen zu existieren braucht.

Damit ist das logische Prinzip durchbrochen, das die Fähigkeit des Geldes, Werte zu messen, von der Tatsache seines eigenen Wertes abhängig zu machen schien.

Das ist freilich richtig: vergleichen kann man die Quanten verschiedener Objekte nur, wenn sie von einer und derselben Qualität sind; wo also das Messen nur durch unmittelbare Gleichung zwischen zwei Quanten geschehen kann, da setzt es Qualitätsgleichheit voraus.

Wo aber eine Änderung, eine Differenz oder das Verhältnis je zweier Quanten gemessen werden soll, da genügt es, dass die Proportionen der messenden Substanzen sich in denen der gemessenen spiegeln, um diese völlig zu bestimmen, ohne dass zwischen den Substanzen selbst irgendeine Wesensgleichheit zu bestehen brauchte.

Es lassen sich also nicht zwei Dinge gleich setzen, die qualitativ verschieden sind, wohl aber zwei Proportionen zwischen je zwei qualitativ verschiedenen Dingen.

Die beiden Objekte m und n mögen in irgendeiner Beziehung stehen, die aber absolut nicht die der Qualitätsgleichheit ist, so dass unmittelbar keine von ihnen zum Maßstab für die andere dienen kann; die zwischen ihnen bestehende Beziehung mag die der Ursache und Wirkung, oder der Symbolik, oder des gemeinsamen Verhältnisses zu einem dritten oder was sonst sein.

Es sei nun das Objekt a gegeben, von dem ich weiß, dass es 114 m ist, es sei ferner das Objekt b gegeben, von dem man nur weiß, dass es irgendein Teilquantum von n ist.

Wenn nun eine Beziehung zwischen a und b entsteht, welche der zwischen m und n entspricht, so folgt daraus, dass b gleich 1/4 n sein muss.

Trotz aller Qualitätsungleichheit und Unmöglichkeit eines direkten Vergleiches zwischen a und b ist es so doch möglich, die Quantität des einen nach der des anderen zu bestimmen.

So besteht z. B. zwischen einem gewissen Quantum von Speisen und dem momentanen Nahrungsbedürfnis, zu dessen völliger Stillung es ausreichen würde, gewiss kein Gleichungsverhältnis; allein, wenn so viel Speisen gegeben sind, dass gerade die Hälfte jenes Bedürfnisses dadurch befriedigt wird, so kann ich demnach unmittelbar bestimmen, dass dieses verfügbare Quantum gleich der Hälfte jenes ersteren ist.

Unter solchen Umständen genügt also das Bestehen eines Gesamtverhältnisses, um die Quanten der Glieder aneinander zu messen.

Wenn es nun möglich ist, das Messen der Objekte am Gelde als ein nach diesem Schema erfolgendes anzusehen, so ist die direkte Vergleichbarkeit (> 104) beider und damit die logische Forderung des Wertcharakters des Geldes selbst insoweit hinfällig.

Um von dieser gleichfalls nur logischen Möglichkeit zur Wirklichkeit zu kommen, setzen wir nur ein ganz allgemeines Maßverhältnis zwischen Güterquantum und Geldquantum voraus, wie es sich in dem freilich oft verdeckten und an Ausnahmen reichen Zusammenhange zwischen wachsendem Geldvorrat und steigenden Preisen, wachsendem Gütervorrat und sinkenden Preisen zeigt.

Wir bilden danach, alle nähere Bestimmung vorbehalten, die Begriffe eines Gesamtwarenvorrates und eines Gesamtgeldvorrates und eines Abhängigkeitsverhältnisses zwischen ihnen.

Jede einzelne Ware ist nun ein bestimmter Teil jenes verfügbaren Gesamtwarenquantums; nennen wir das letztere a, so ist jene etwa 1/m a; der Preis, den sie bedingt, ist der entsprechende Teil jenes Gesamtgeldquantums, so dass er, wenn wir dieses b nennen, gleich 1/m b ist.

Kennten wir also die Größen a und b, und wüssten wir, einen wie großen Teil der verkäuflichen Werte überhaupt ein bestimmter Gegenstand ausmacht, so wüssten wir auch seinen Geldpreis, und umgekehrt.

Ganz unabhängig davon also, ob das Geld und jenes wertvolle Objekt irgendeine qualitative Gleichheit haben, gleichgültig also dagegen, ob das erstere selbst ein Wert ist oder nicht, kann die bestimmte Geldsumme den Wert des Gegenstandes bestimmen oder messen. - Man muss hierbei immer den vollständigen Relativitätscharakter des Messens im Auge behalten.

Absolute Quanten, welche einander äquivalent gesetzt werden, messen sich damit in einem ganz anderen Sinne, als die hier fraglichen Teilquanten.

Wenn etwa vorausgesetzt würde, dass die Gesamtsumme des Geldes - unter bestimmten Restriktionen - den Gegenwert für die Gesamtsumme der Verkaufsgegenstände bildete, so brauchte man dies noch nicht als ein Messen des einen am anderen anzuerkennen.

Es ist eben nur das Verhältnis beider zu dem wertsetzenden Menschen und seinen praktischen Zwecken, das sie untereinander in eine Beziehung von Äquivalenz setzt.

Wie stark die Tendenz ist, Geld überhaupt und Ware überhaupt ohne weiteres als einander entsprechend zu behandeln, zeigt eine Erscheinung wie die folgende, die an mehr als einer Stelle aufgetreten ist.

Wenn ein roherer Stamm eine naturale Tauscheinheit hat und in Verkehr mit einem höher entwickelten, Metallgeld besitzenden Nachbar tritt, so wird häufig die naturale Einheit als gleichwertig der Münzeinheit dieses letzteren behandelt.

So setzten die alten Iren, als sie in Beziehung zu den Römern traten, ihre Werteinheit, die Kuh, gleich einer Unze Silber; die wilden Bergstämme in Anam, die nur Naturaltausch treiben, (> 105) haben den Büffel als Grundwert, und bei ihrem Verkehr mit den kultivierteren Bewohnern der Ebene wird die Werteinheit dieser, eine Silberstange von bestimmter Größe, gleich einem Büffel gewertet.

Derselbe Grundzug ist bei einem wilden Volksstamm nahe Laos wirksam: diese treiben nur Tauschhandel, ihre Einheit ist die eiserne Hacke.

Aber sie waschen Flussgold aus, das sie den Nachbarstämmen verkaufen und das der einzige Gegenstand ist, den sie wägen.

Dazu haben sie kein anderes Mittel als das Maiskorn; und nun verkaufen sie je ein Maiskorn Gold für je eine Hacke!

Da die Wareneinheit des Naturaltausches ebenso die Wertidee des ganzen Objektskreises versinnlicht oder vertritt, wie die Geldeinheit die des Münzkomplexes, so ist diese Formulierung: Eins gegen Eins - nur die naiv ausgedrückte Äquivalenz der fraglichen Gesamtheiten.

Man darf wohl annehmen, dass das Verhältnis der Einheiten als mindestens symbolische Darstellung des Verhältnisses der Ganzheiten empfunden wird.

Liegt nun aber einmal die Äquivalenz der letzteren gleichsam als wirksames, wenn auch nicht gewusstes Apriori zum Grunde, so stellt sich über dessen subjektiver Zufälligkeit eine objektive Proportion zwischen den Teilquanten her.

Denn nun ist wirklich etwas da, was auf beiden Seiten das genau Gleiche ist: nämlich der Bruch zwischen jeder der beiden vorliegenden Teilgrößen und dem absoluten Quantum, zu dem die einzelne gehört.

Vollkommene Ausgeglichenheit aller Verschiebungen und zufälligen Ungleichmäßigkeiten in der Preisbildung vorausgesetzt, würde sich in dem Bezirke des Geld-WarenTausches jede Ware zu ihrem Preis verhalten, wie alle momentan ökonomisch wirksamen Waren zu allem momentan wirksamen Geld.

Ob dieses letztere mit dem anderen eine begriffliche, qualitative Verwandtschaft hat, ist hierbei völlig irrelevant.

Wenn eine Ware also 20 in kostet, so ist dies 1/n des Geldvorrats überhaupt; d. h. sie ist an Wert 1/n des Gütervorrats überhaupt.

Durch diese Vermittlung hindurch können 2o m sie völlig messen, obgleich sie generell von ihr völlig verschieden sind; wobei immer wieder betont werden muss, dass die Voraussetzung einer einfachen Beziehung zwischen allen Waren und allem Geld eine ganz vorläufige, rohe und schematische ist.

Dass die Ware und ihr Maßstab gleichen Wesens sein müssen, wäre eine richtige Forderung, wenn man eine einzelne Ware unmittelbar einem Geldwert gleich zu setzen hätte.

Aber man hat ja bloß für Zwecke des Tausches und der Wertbestimmung das Verhältnis verschiedener (bzw. aller) Waren zueinander (also das Resultat der Division der einzelnen durch alle anderen) zu bestimmen und der Geldsumme, d. h. dem entsprechenden Bruchteil des wirksamen Geldvorrates gleichzusetzen; und dazu bedarf es nur irgend (> 106) einer numerisch bestimmbaren Größe.

Wenn sich die Ware n zu der Summe A aller verkäuflichen Waren verhält, wie a Geldeinheiten zu der Summe B aller vorhandenen Geldeinheiten: so ist der ökonomische Wert von n ausgedrückt durch a/B.

Dass man dies meistens nicht so vorstellt, liegt daran, dass B ebenso wie A ganz selbstverständlich sind - weil ihre Wandlungen nicht leicht in unsere Wahrnehmung treten - und deshalb in ihrer Funktion als Nenner gar nicht besonders bewusst werden; was uns im einzelnen Falle interessiert, sind ausschließlich die Zähler n und a.

Daher konnte die Vorstellung entstehen, dass n und a sich an und für sich, unmittelbar und absolut entsprächen, wozu sie allerdings gleichen Wesens sein müssten.

Dass jener allgemeine, das Verhältnis überhaupt begründende Faktor in Vergessenheit geriete, bzw. nur tatsächlich, aber nicht bewusst wirkte, wäre ein Beispiel für einen der durchgreifendsten Züge der menschlichen Natur.

Die beschränkte Aufnahmefähigkeit unseres Bewusstseins einerseits, die kraftsparende Zweckmäßigkeit seiner Verwendung andrerseits bewirkt, dass von den unzähligen Seiten und Bestimmungen eines Interessenobjekts immer nur eine geringe Zahl wirklich beachtet werden.

Den verschiedenen Gesichtspunkten, von denen die Auswahl und Rangierung der bewusstwerdenden Momente ausgeht, entspricht es, dass diese letzteren in eine systematische Stufenfolge gegliedert werden können; dieselbe beginnt damit, dass von einer Reihe von Erscheinungen nur dasjenige, was ihnen allen gemeinsam ist, beachtet wird, an jeder nur die Grundlage, die sie mit den anderen teilt, ins Bewusstsein tritt; das entgegengesetzte Endglied der Skala bezeichnet es, wenn an jeder Erscheinung gerade nur das zum Bewusstsein kommt, was sie von jeder anderen unterscheidet, das absolut Individuelle, während das Allgemeine und Fundamentale unter der Schwelle des Bewusstseins bleibt.

Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich in den mannigfaltigsten Abstufungen die Punkte, an welche sich, als an Seiten der Gesamterscheinungen, das höchste Bewusstsein heftet.

Ganz durchschnittlich kann man nun sagen, dass theoretische Interessen das Bewusstsein mehr auf die Gemeinsamkeiten, praktische mehr auf die Individualität der Dinge hinweisen werden.

Dem metaphysisch interessierten Denker verschwinden oft genug die individuellen Differenzen der Dinge als unwesentlich, bis er etwa an so allgemeinen Vorstellungen wie Sein oder Werden haften bleibt, die allen Dingen schlechthin gemeinsam sind.

Umgekehrt verlangt das praktische Leben allenthalben, an den uns angehenden Menschen und Verhältnissen die Unterschiede, Eigenheiten, Nuancen mit schärfstem Bewusstsein aufzufassen, während die allgemein menschlichen (> 107) Eigenschaften oder die gemeinsame Grundlage aller der fraglichen Verhältnisse als selbstverständlich keiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, ja selbst eine solche sie sich oft nur mühsam klar machen kann. Innerhalb des Familienlebens z. B. bauen sich die Verhältnisse der Mitglieder untereinander Bewussterweise auf der Erfahrung derjenigen persönlichen Qualitäten auf, durch welche sich jeder allen anderen gegenüber unterscheidet, während der allgemeine Familiencharakter gar kein Gegenstand besonderer Beachtung für die an ihm Teilhabenden zu sein pflegt, so wenig, dass oft nur Fernerstehende denselben überhaupt zu beschreiben vermögen.

Das verhindert aber nicht, dass diese allgemeine und unbewusste Grundlage dennoch psychisch wirksam wird.

Die individuellen Eigenschaften der Familienmitglieder werden tatsächlich sehr verschiedene Verhältnisse unter ihnen hervorrufen, je nach dem allgemeinen Charakter und Ton, der in der ganzen Familie herrscht; erst dieser gibt doch den freilich unbeachteten Untergrund ab, auf dem jene ihre eindeutig bestimmten Folgen entfalten können.

Ganz dasselbe gilt für weitere Kreise.

So sehr alle Verhältnisse zwischen Menschen überhaupt auf den besonderen Bedingungen beruhen, die jeder Einzelne hinzubringt, so kommen sie doch in ihrer bestimmten Art tatsächlich nur dadurch zustande, dass außer ihnen gewisse ganz allgemeinmenschliche Tatsachen und Voraussetzungen selbstverständlich vorhanden sind und gleichsam den Generalnenner bilden, zu dem jene individuellen Differenzen als die bestimmenden Zähler treten und erst so die Totalität des Verhältnisses erzeugen.

Ganz dasselbe psychologische Verhältnis könnte nun bezüglich der Geldpreise obwalten.

Die Gleichsetzung zwischen dem Werte einer Ware und dem Werte einer Geldsumme bedeutet keine Gleichung zwischen einfachen Faktoren, sondern eine Proportion, d. h. die Gleichheit zweier Brüche, deren Nenner einerseits die Summe aller Waren, andrerseits die Summe alles Geldes - beides natürlich noch erheblicher Determinationen bedürftig - eines bestimmten Wirtschaftskreises ist.

Als Gleichung kommt sie dadurch zustande, dass diese beiden Summen aus praktischen Gründen a priori als einander äquivalent gesetzt werden; oder genauer: das praktische Verhältnis, in dem wir beide Kategorien handhaben, spiegelt sich im theoretischen Bewusstsein in der Form einer Äquivalenz.

Allein, da dies die allgemeine Begründung aller Gleichungen zwischen einzelnen Waren und einzelnen Preisen ist, so kommt sie nicht zum Bewusstsein, sondern bildet zu jenen allein interessierenden und deshalb allein bewussten Einzelgliedern den unbewusst mitwirkenden Faktor, ohne den jene überhaupt nicht die Möglichkeit einer Beziehung hätten.

Die ungeheure (> 108) Wichtigkeit jener absoluten und fundamentalen Gleichung würde ihre Unbewusstheit so wenig unwahrscheinlich, ja eigentlich gerade so wahrscheinlich machen, wie es entsprechend in den angeführten Analogien der Fall ist.

Gewiss würde unter Voraussetzung eines an sich wertlosen Geldes der einzelne Geldpreis ganz beziehungslos neben der Ware stehen, deren Wert er ausdrücken soll, wenn sich die Betrachtung auf diese beiden Momente beschränkte; man würde nicht wissen, woraufhin das eine Objekt einen um ein ganz Bestimmtes höheren oder niederen Preis bedingen sollte, als ein anderes.

Sobald aber, als absolute Voraussetzung dieser ganzen Relation die Summe alles Verkäuflichen der Summe alles Geldes - in einem nachher zu erörternden Sinn der »Summe« - äquivalent gesetzt wird, ergibt sich die Preisbestimmtheit jeder einzelnen Ware einfach als der Bruch zwischen ihrem Wert und jenem Totalwert, der sich als der Bruch zwischen ihrem Preis und dem Gesamtgeldquantum wiederholt.

Dies enthält, worauf ich nochmals hinweise, keineswegs den Zirkel: dass die Fähigkeit einer bestimmten Geldsumme, den Wert einer einzelnen Ware zu messen, auf das Gleichungsverhältnis alles Geldes mit allen Waren gegründet wird, dieses selbst ja aber schon die Messbarkeit des einen am anderen voraussetze; die Frage, ob jede Messung eine Wesensgleichheit zwischen dem Objekt und dem Maßstab fordere, würde so freilich den konkreten Fall nicht mehr treffen, um aber an der Voraussetzung desselben ungelöst haften zu bleiben.

Tatsächlich indes ist eine Messung relativer Quanten daraufhin möglich, dass ihre absoluten Quanten in irgendeinem Verhältnis stehen, welches nicht Messung oder Gleichheit zu sein braucht.

Gewiss besteht zwischen der Dicke eines Eisenrohres und einer bestimmten Wasserkraft keine Gleichheit und Messungsmöglichkeit; allein, wenn beide integrierende Teile eines mechanischen Systems mit einem bestimmten Krafteffekt bilden, so kann ich, wenn eine gewisse Modifikation dieses letzteren gegeben ist, unter Umständen an der mir bekannt werdenden Änderung der Wasserkraft genau ermessen, welches der Durchmesser des in dem System verwendeten Rohres ist.

So mögen Waren überhaupt und Geld überhaupt aneinander nicht messbar sein; es würde genügen, dass sie beide für das Leben des Menschen eine gewisse Rolle innerhalb seines praktischen Zwecksystems spielen, damit die quantitative Modifikation des einen den Index für die des anderen abgäbe.

Zu dieser Reduzierung der Bedeutung jedes Geldquantums als solchen auf einen Bruch, der es noch ganz dahingestellt sein lässt, von welcher absoluten Größe er diesen bestimmten Teil ausmacht, ist es nicht ohne Beziehung, dass (> 109) die Römer ihre Münzen - mit einer besonders begründeten Ausnahme - nicht nach der absoluten, sondern der relativen Schwere benannten.

So bedeutet das nur ein Ganzes aus 12 Teilen, das ebenso gut auf die Erbschaft wie auf die Maße oder Gewichte beziehbar ist und ebenso für das Pfund wie für jeden beliebigen Teil desselben gesetzt werden kann.

Und dass hier bloß die Relativität des Maßes bewusst und wirksam ist, wird auch durch die Hypothese nicht alteriert, nach der das das vor Urzeiten eine Kupferstange von absolut bestimmtem Gewicht bedeutet habe.

Jetzt muss die schon angedeutete Restriktion an dem Begriff des Gesamtgeldquantums etwas genauer vollzogen werden.

Dass man nicht einfach sagen kann, es gäbe so viel kaufendes Geld, wie es kaufbare Ware gibt, liegt nicht etwa an der unermesslichen Quantitätsdifferenz, die zwischen allen angehäuften Waren auf der einen Seite und allem angehäuften Geld auf der anderen bestünde.

Denn da es keinen gemeinsamen Maßstab für beide, wie für qualitativ gleichgeartete Dinge, gibt, so besteht zwischen ihnen überhaupt kein unmittelbares Mehr oder Weniger.

Kein Warenquantum hat von sich aus eine bestimmte Beziehung zu einem bestimmten Geldquantum, da prinzipiell alle Zwecke des Geldes mit einem beliebig verkleinerten Geldquantum erreichbar wären.

Wieweit dies in Wirklichkeit gehen kann, ohne den Verkehr zu unterbinden, zeigt die berichtete Tatsache: es habe vor einigen Jahrhunderten in Russland Silbermünzen von solcher Kleinheit gegeben, dass man sie überhaupt nicht mehr mit den Händen vom Tisch habe aufnehmen können, sondern sie aus dem Beutel auf denselben schüttete, und die zu zahlende Summe abteilte, worauf dann beide Parteien ihre Teile mit der Zunge aufleckten und in die Beutel zurückspuckten.

Man könnte sagen: welches auch der absolute Umfang des Geldvorrats sei, er bleibt, solange er die Dienste des Geldes leistet, immer gleich viel »Geld«; es variiert nur das Quantum, das diese Zeichen oder Stücke in anderer Beziehung, nämlich als Material irgendwelcher Art betrachtet, darstellen, aber ihr Quantum als Geld braucht sich dadurch nicht zu ändern.

Darum gibt jener direkte Vergleich aller Waren und alles Geldes überhaupt keinen Schluss.

Die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Totalität des Geldes und der der Waren, als Nenner jener wertausdrückenden Brüche, ruht vielmehr auf der Tatsache, dass der Geldvorrat als ganzer sich viel schneller umsetzt als der Warenwert als ganzer.

Denn niemand lässt, soweit er es vermeiden kann , erheblichere Geldsummen still liegen, und man kann es tatsächlich fast immer vermeiden; kein Kaufmann aber entgeht dem, dass beträchtliche Teile seines Vorrates lange liegen, ehe sie verkauft (> 110) werden.

Diese Differenz des Umsatztempos wird noch viel größer, wenn man diejenigen Objekte einrechnet, die sich nicht zum Verkaufe anbieten, trotzdem aber gelegentlich und für ein verführerisches Gebot verkäuflich sind.

Legt man also die wirklich gezahlten Preise für die einzelnen Waren zum Grunde und fragt nach dem Geldquantum, das daraufhin zum Ankauf des gesamten Vorrats erforderlich wäre, so sieht man allerdings, dass dasselbe den tatsächlichen Geldvorrat unermesslich übersteigt.

Von diesem Gesichtspunkt aus muss man sagen, dass es sehr viel weniger Geld als Ware gibt, und dass der Bruch zwischen der Ware und ihrem Preise durchaus nicht dem zwischen allen Waren und allem Gelde gleich, sondern, wie sich leicht aus dem vorhergehenden ergibt, erheblich kleiner als dieser ist.

Auf zwei Wegen aber lässt sich dennoch unsere grundlegende Proportion retten.

Man könnte nämlich, erstens, als das in sie eintretende Gesamtwarenquantum dasjenige ansehen, das sich in aktueller Verkaufsbewegung befindet.

Aristotelisch zu reden, ist die unverkaufte Ware nur eine Ware »der Möglichkeit nach«, sie wird zur Ware »der Wirklichkeit nach« erst in dem Moment ihres Verkauftwerdens.

Wie das Geld erst in dem Augenblick, wo es kauft, d. h. die Funktion des Geldes übt, wirklich Geld ist, so entsprechend die Ware erst, wenn sie verkauft wird; vorher ist sie Verkaufsobjekt nur vermöge und innerhalb einer ideellen Antizipation.

Von diesem Standpunkte aus ist es ein ganz selbstverständlicher, ja identischer Satz, dass es so viel Geld gibt, wie es Verkaufsobjekte gibt - wobei natürlich unter Geld auch alle durch den Kredit und Giroverkehr ermöglichten Geldsubstitute einbegriffen sind.

Nun sind zwar die momentan ruhenden Waren keineswegs wirtschaftlich unwirksam, und das wirtschaftliche Leben wäre unermesslich verändert, wenn auf einmal der Warenvorrat so restlos in die Bewegung jedes Momentes einginge, wie der Geldvorrat es tut.

Allein genauer betrachtet scheint mir der ruhende Warenvorrat nur nach drei Seiten hin auf die wirklichen Geldkäufe zu wirken: auf das Tempo des Geldumlaufs, auf die Beschaffung der Geldstoffe oder -äquivalente, auf das Verhältnis der Geldausgaben zu den Reserven.

Aber diese Momente haben auf die aktuellen Umsätze schon ihre Wirkung geübt, unter ihrem Einfluss hat sich das empirische Verhältnis zwischen Ware und Preis gebildet, und sie verhindern also gar nicht, in jener fundamentalen Proportion das Gesamtwarenquantum als dasjenige zu verstehen, das sich aus den in jedem gegebenen Moment wirklich geschehenden Käufen zusammensetzt.

Das kann aber, zweitens, auch als Folge der Tatsache anerkannt werden, dass dasselbe Geldquantum, weil es nicht wie die Waren konsumiert wird, eine unbegrenzte Zahl (> 111) von Umsätzen vermittelt und die Geringfügigkeit seiner Gesamtsumme im Verhältnis zu der der Waren, die in jedem isolierten Augenblick besteht, durch die Schnelligkeit seiner Zirkulation ausgleicht.

An einigen Höhepunkten des Geldwesens wird es ganz unmittelbar anschaulich, eine wie verschwindend geringe Rolle die Geldsubstanz in den durch sie vermittelten Wertausgleichen spielt: im Jahre 189o hat die französische Bank auf Kontokorrent das 135fache des tatsächlich darauf eingezahlten Geldes umgesetzt (54 Milliarden auf 400 Mill. Fr.), ja, die Deutsche Reichsbank das 190fache.

Innerhalb der funktionierenden Geldsummen, auf die hin die Geldpreisbestimmung der Waren erfolgt, wird die Geldsumme gegenüber dem, was durch ihr Funktionieren aus ihr wird, eine verschwindende Größe.

Man kann deshalb zwar nicht von einem einzelnen Augenblick, wohl aber von einer bestimmt ausgedehnten Periode sagen, dass das Totalquantum des in ihr umgesetzten Geldes der Totalsumme der in ihr verkäuflich gewesenen Objekte entspräche.

Der Einzelne macht doch auch seine Ausgaben, bewilligt insbesondere die Preise für größere Anschaffungen nicht von ihrem Verhältnis zu seinem momentanen Geldbestand aus, sondern im Verhältnis zu seinen Gesamteinnahmen innerhalb einer längeren Periode.

So mag in unserer Proportion der Geldbruch seine Gleichheit mit dem Warenbruch dadurch gewinnen, dass sein Nenner nicht das substanziell vorhandene Geldquantum, sondern ein durch die Zahl der Umsätze in einer gewissen Periode zu bestimmendes Vielfaches desselben enthält.

Von diesen Gesichtspunkten aus lässt sich die Antinomie zwischen den überhaupt vorhandenen und den aktuellen Waren als Gegenwerten des Geldes lösen und die Behauptung aufrecht halten, dass zwischen der Gesamtsumme der Waren und der des Geldes in einem geschlossenen Wirtschaftskreise keine prinzipielle Disproportion herrschen kann - so sehr man über das richtige Verhältnis zwischen einer einzelnen Ware und einem einzelnen Preise streiten mag, so viel Schwankungen und Disproportionalitäten entstehen mögen, wenn eine bestimmte Größe der fraglichen Brüche psychologisch fest geworden und daneben durch objektive Verschiebungen eine andere richtig geworden ist, so sehr namentlich eine rasche Steigerung des Verkehrseinen zeitweiligen Mangel an Umsatzmitteln fühlbar machen mag.

Die Metallimporte und -exporte, die aus einem Mangel bzw. einem Überfluss von Geld in dem betreffenden Lande im Verhältnis zu seinen Warenwerten hervorgehen, sind nur Ausgleichungen innerhalb eines Wirtschaftskreises, dessen Provinzen die beteiligten Länder bilden, und bedeuten, dass das allgemeine, in diesem Wirtschaftskreise jetzt wirkliche Verhältnis zwischen beiden aus der Verschiebung, (> 112) die es in einem einzelnen Teile erlitten hat, wieder hergestellt wird.

Unter diesen Annahmen würde die Frage, ob ein Preis angemessen ist oder nicht, sich unmittelbar aus den beiden Vorfragen beantworten: erstens, welche Summe von Geld und welche Summe von Verkaufsobjekten momentan wirksam sind, und zweitens, welchen Teil des letzteren Quantums das jetzt in Rede stehende Objekt ausmacht.

Die letztere ist die eigentlich entscheidende, und die Gleichung zwischen dem Objektbruch und dem Geldbruch kann eine objektiv und berechenbar wahre oder falsche sein, während es sich bei der zwischen den Objekten überhaupt und dem Geld überhaupt nur um Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit, nicht aber um Wahrheit im Sinne einer logischen Erweislichkeit handeln kann.

Dieses Verhältnis der Totalitäten zueinander hat gewissermaßen die Bedeutung eines Axioms, das gar nicht in demselben Sinne wahr ist, wie die einzelnen Sätze, die sich auf dasselbe gründen; nur diese sind beweisbar, während jenes auf nichts hinweisen kann, von dem es sich logisch herleite.

Eine methodische Norm von großer Bedeutsamkeit kommt hier zur Geltung, für die ich ein Beispiel aus einer ganz anderen Kategorie von Werten anführen will.

Die Grundbehauptung des Pessimismus ist, dass die Gesamtheit des Seins einen erheblichen Überschuss der Leiden über die Freuden aufweise; die Welt der Lebewesen, als eine Einheit betrachtet, oder auch der Durchschnitt derselben, empfinde sehr viel mehr Schmerz als Lust.

Eine solche Behauptung ist nun von vornherein unmöglich.

Denn sie setzt voraus, dass man Lust und Schmerz, wie qualitativ gleiche Größen mit entgegengesetztem Vorzeichen, unmittelbar gegeneinander abwägen und aufrechnen könne.

Das kann man aber in Wirklichkeit nicht, da es keinen gemeinsamen Maßstab für sie gibt.

Keinem Quantum Leid kann es an und für sich anempfunden werden, ein wie großes Quantum Freude dazu gehört, um es aufzuwiegen.

Wie kommt es, dass dennoch solche Abmessungen in einem fort stattfinden, dass wir sowohl in den Angelegenheiten des Tages, wie in dem Zusammenhang der Schicksale, wie in der Gesamtheit des Einzellebens das Urteil fällen, das Freudenmaß sei hinter dem Maß der Schmerzen zurückgeblieben, oder habe es überschritten?

Das ist nicht anders möglich, als dass die Erfahrung des Leben uns - genauer oder ungenauer - darüber belehrt, wie Glück und Unglück tatsächlich verteilt sind, wie viel Leid im Durchschnitt hingenommen werden muss, um ein gewisses Lustquantum damit zu erkaufen, und wie viel von beiden das typische Menschenlos aufweist.

Erst wenn hierüber irgendeine Vorstellung besteht, wie unbewusst und unbestimmt auch immer, kann man sagen, dass in einem einzelnen Falle ein Genuss zu teuer (> 113) - d. h. mit einem zu großen Leidquantum - erkauft ist, oder dass ein einzelnes Menschenschicksal einen Überschuss von Schmerzen über seine Freuden zeige.

Jener Durchschnitt selbst ist aber nicht »unverhältnismäßig«, weil er vielmehr dasjenige ist, woran sich das Verhältnis der Empfindungen im einzelnen Falle erst als ein angemessenes oder unangemessenes bestimmt - so wenig wie man sagen kann, der Durchschnitt der Menschen wäre groß oder klein, da dieser Durchschnitt ja erst den Maßstab abgibt, an dem der einzelne Mensch - als welcher allein groß oder klein sein kann - sich misst; ebenso, wie man nur sehr missverständlich sagen kann, dass »die Zeit« schnell oder langsam verginge - das Vergehen der Zeit vielmehr, d. h. das als Durchschnitt erfahrene und empfundene Tempo der Ereignisse überhaupt ist die messende Größe, an der sich die Schnelligkeit oder Langsamkeit des Ablaufs der einzelnen Erlebnisse ergibt, ohne dass jener Durchschnitt selbst schnell oder langsam wäre.

So also ist die Behauptung des Pessimismus, dass der Durchschnitt des Menschenlebens mehr Leid als Lust aufweise, ebenso methodisch unmöglich wie der des Optimismus, dass er mehr Lust als Leid einschließe; das Empfundenwerden der Gesamtquanten von Lust und Leid (oder, anders ausgedrückt, ihres auf das Individuum oder die Zeitperiode entfallenden Durchschnitts) ist das Urphänomen, dessen Seiten nicht miteinander verglichen werden können, weil es dazu eines außerhalb beider gelegenen und sie gleichmäßig umfassenden Maßstabes bedürfte.

Der Typus des Erkennens, um den es sich hier handelt, dürfte so hinreichend charakterisiert sein.

Innerhalb der angeführten und mancher anderen Gebiete sind die primären, sie bildenden Elemente an sich unvergleichbar, weil sie von verschiedener Qualität sind, also nicht aneinander oder an einem dritten gemessen werden können.

Nun aber bildet die Tatsache, dass das eine Element überhaupt in diesem, das andere in jenem Maße vorhanden ist, ihrerseits den Maßstab für die Beurteilung des singulären und partiellen Falles, Ereignisses, Problems, in dem beiderlei Elemente mitwirken.

Indem die Elemente des einzelnen Vorkommnisses die Proportion der Gesamtquanten wiederholen, haben sie das »richtige«, d. h. das normale, durchschnittliche, typische Verhältnis, während die Abweichung davon als »Übergewicht« des einen Elementes, als »Unverhältnismäßigkeit« erscheint.

An und für sich besitzen natürlich diese Elemente der Einzelfälle so wenig ein Verhältnis von Richtigkeit oder Falschheit, Gleichheit oder Ungleichheit, wie ihre Gesamtheiten es haben; sie gewinnen es vielmehr erst dadurch, dass die Maße der Gesamtquanten das Absolute bilden, nach dem das Einzelne, als das Relative, geschätzt (> 114) wird; das Absolute selbst aber unterliegt nicht den Bestimmungen der Vergleichbarkeit, die es seinerseits dem Relativen ermöglicht. - Diesem Typus könnte nun das Verhältnis zwischen dem Verkaufsobjekt und seinem Geldpreis angehören.

Vielleicht haben beide inhaltlich gar nichts miteinander gemeinsam, sind qualitativ so ungleich, dass sie quantitativ unvergleichbar sind.

Allein da nun einmal alles Verkäufliche und alles Geld zusammen einen ökonomischen Kosmos ausmachen, so könnte der Preis einer Ware der »entsprechende« sein, wenn er denjenigen Teil des wirksamen Gesamtgeldquantums darstellt, den die Ware von dem wirksamen Gesamtwarenquantum ausmacht.

Nicht der gleiche »Wert« in der Ware und der bestimmten Geldsumme braucht ihre gegenseitige Verhältnismäßigkeit zu begründen; der Geldpreis braucht vielmehr keinen Wert überhaupt oder wenigstens keinen Wert in demselben Sinne zu enthalten, sondern nur denselben Bruch mit allem Geld überhaupt zu bilden, den die Ware mit allen Warenwerten überhaupt bildet.

Auch der Verlauf der Individualwirtschaft zeigt, wie abhängig der Geldpreis einer Ware von dem Verhältnis dieser zu einer Warengesamtheit ist.

Man sagt: wir bringen ein Geldopfer - das uns an sich beschwerlich ist - nur wenn wir einen angemessenen Gegenwert erhalten.

Jede Ersparnis an jenem Opfer wird als ein positiver Gewinn gerechnet.

Allein sie ist ein Gewinn nur dadurch, dass sie ermöglicht, dasselbe Opfer bei einer anderen Gelegenheit zu bringen.

Wüsste ich mit dem Geld sonst nichts anzufangen, so würde ich meinen ganzen Geldbesitz ohne weiteres für das eine Objekt, für das er gefordert würde, hingeben.

Die Angemessenheit des Preises bedeutet also nur, dass ich - als Durchschnittswesen - nachdem ich ihn bezahlt habe, noch so viel übrigbehalten muss, um die übrigen gleichfalls begehrten Dinge zu kaufen.

Der Aufwand für jeden einzelnen Gegenstand muss sich danach richten, dass ich noch andere Gegenstände außer ihm kaufen will.

Wenn jedermann seine privaten Ausgaben so reguliert, dass sein Aufwand für jede Warengattung seinem Gesamteinkommen proportioniert ist, so bedeutet dies, dass sein Aufwand für das Einzelne sich zu seinem Aufwand für das Ganze der Wirtschaft verhält, wie sich die Bedeutung des beschafften Einzelobjekts zu der der zu beschaffenden Gesamtheit der ihm wünschbaren und zugängigen Objekte verhält.

Und dieses Schema der Individualwirtschaft ist offenbar nicht nur eine Analogie der Wirtschaft überhaupt, sondern aus seiner durchgängigen Anwendung muss die Festsetzung der Durchschnittspreise hervorgehen: die fortwährenden subjektiven Abwägungen müssen als Niederschlag das objektive Verhältnis zwischen Ware und Preis erzeugen, das also ebenso von die (> 115) Proportion zwischen dem wirksamen Gesamtwarenvorrat und dem Gesamtgeldquantum abhängt, wie - alle Modifikationen vorbehalten von der Proportion zwischen den Gesamtbedürfnissen des Einzelnen und seinem dafür verfügbaren Gesamtgeldeinkommen.

Die ganze bisherige Deduktion berührte in keiner Weise die Frage, ob das Geld in Wirklichkeit ein Wert ist oder nicht; sondern nur, dass seine Funktion, Werte zu messen, ihm den Charakter eines Eigenwertes nicht aufzwingt, galt es zu beweisen.

Aber diese bloße Möglichkeit macht doch den Weg für die Erkenntnis nicht nur seines wirklichen Entwicklungsganges, sondern vor allem seines innerlichen Wesens frei. - Auf den primitiven Wirtschaftsstufen treten allenthalben Gebrauchswerte als Geld auf: Vieh, Salz, Sklaven, Tabak, Felle usw.

Auf welche Weise sich das Geld auch entwickelt habe, am Anfang muss es jedenfalls ein Wert gewesen sein, der - unmittelbar als solcher empfunden wurde. Dass man die wertvollsten Dinge gegen einen bedruckten Zettel fortgibt, ist erst bei einer sehr großen Ausdehnung und Zuverlässigkeit der Zweckreihen möglich, die es sicher macht, dass das unmittelbar Wertlose uns weiterhin zu Werten verhilft.

So kann man logische Schlussreihen, die auf durchaus bündige Schlusssätze führen, durch an sich unmögliche oder widerspruchsvolle Glieder hindurchleiten - aber doch nur, wenn das Denken seiner Richtung und Richtigkeit ganz sicher ist; ein primitives, noch schwankendes Denken würde an einem solchen Punkte sofort seine Direktion und sein Ziel verlieren und muss deshalb seine Funktionen an Sätzen ausüben, von denen jeder für sich möglichst konkret und von greifbarer Richtigkeit ist - freilich um den Preis der Beweglichkeit des Denkens und der Weite seiner Ziele. Entsprechend steigert die Durchführung der Wertreihen durch das Wertlose ihre Ausdehnung und Zweckmäßigkeit ganz außerordentlich, kann sich aber erst bei einer gewachsenen Intellektualität der Einzelnen und stetigen Organisation der Gruppe verwirklichen.

Niemand wird so töricht sein, einen Wert gegen etwas wegzugeben, was er unmittelbar überhaupt nicht verwenden kann, wenn er nicht sicher ist, dieses Etwas mittelbar wieder in Werte umsetzen zu können.

Es ist also nicht anders denkbar, als dass der Tausch ursprünglich ein Naturaltausch, d. h. ein zwischen unmittelbaren Werten erfolgender gewesen ist.

Man nimmt an, dass Objekte, welche gerade wegen ihrer allgemeinen Erwünschtheit besonders häufig eingetauscht wurden und kursierten, also besonders häufig mit anderen Gegenständen dem Werte nachgemessen wurden, psychologisch am ehesten zu allgemeinen Wertmaßen auswachsen konnten.

In scheinbar entschiedenem Gegensatz gegen das eben gewonnene Resultat, nach dem das Geld an und für (> 116) sich kein Wert zu sein braucht, sehen wir hier, dass zunächst gerade das Notwendigste und Wertvollste dazu neigt, zum Geld zu werden.

Das Notwendigste verstehe ich hier keineswegs im physiologischen Sinn; vielmehr kann z. B. das Schmuckbedürfnis die herrschende Rolle unter den empfundenen »Notwendigkeiten« spielen; wie wir denn auch tatsächlich von Naturvölkern hören, dass der Schmuck ihres Körpers, bzw. die dazu verwendeten Gegenstände, ihnen wertvoller ist als alle die Dinge, die wir uns als viel dringlicher notwendig vorstellen.

Da die Notwendigkeit der Dinge für uns immer nur ein Akzent ist, den unser Gefühl ihren an sich ganz gleichberechtigten -richtiger: an sich überhaupt nicht »berechtigten« Inhalten erteilt, und der ausschließlich von den Zwecken abhängt, die wir uns setzen - so ist von vornherein in keiner Weise auszumachen, welches denn nun jene unmittelbar dringlichen und den Geldcharakter anzunehmen geneigten Werte eigentlich sind; nur dass sich der letztere ursprünglich an solche geknüpft hat, die durch ihre empfundene Notwendigkeit eine besondere Häufigkeit des Austausches gegen die Mannigfaltigkeit anderer Dinge aufwiesen, scheint mir eine unumgängliche Annahme.

Weder als Tauschmittel noch als Wertmesser hätte es entstehen können, wenn es nicht seinem Stoffe nach als unmittelbar wertvoll empfunden worden wäre.

Vergleichen wir damit den jetzigen Zustand, so ist unzweifelhaft, dass das Geld für uns nicht mehr deshalb wertvoll ist, weil sein Stoff als unmittelbar notwendig, als ein unentbehrlicher Wert vorgestellt würde.

Kein Mensch europäischer Kultur findet heute ein Geldstück wertvoll, weil sich ein Schmuckgegenstand daraus herstellen ließe.

Und schon deshalb kann der heutige Geldwert nicht auf seinen Metallwert zurückgehen, weil das Edelmetall jetzt in viel zu großen Quantitäten vorhanden ist, um bloß zu Schmuck- und technischen Zwecken noch lohnende Verwendung zu finden.

Denkt man sich, wie es in der Konsequenz der Metallwerttheorie liegt, einen solchen Übergang als vollzogen, so würde dies eine derartige Plethora von Gegenständen aus Edelmetall erzeugen, dass der Wert derselben auf ein Minimum sinken müsste.

Dass man das Geld also auf seine mögliche Umsetzung in sonstige Metallobjekte wertet, ist gerade nur unter der Bedingung möglich, dass diese Umsetzung nicht oder nur in ganz verschwindendem Maße erfolge.

So sehr also auch am Anfang der Entwicklung, d. h. bei einem sehr geringen Bestande von Edelmetallen, ihre Verwendung als Schmuck ihren Geldwert bestimmt haben möge, so verschwindet diese Beziehung doch in dem Maße ihrer gesteigerten Produktion.

Diese Entwicklung wird noch dadurch unterstützt, dass der primitive Mensch, wie ich hervorhob, (> 117) es zwar für eine vitale Notwendigkeit hält, sich in einer bestimmten Weise zu schmücken, dass aber die spätere Ausbildung der Wertskalen dieses Interesse tatsächlich in die Kategorie des »Entbehrlichen« oder »Überflüssigen« einreiht.

Der Schmuck spielt im modernen Kulturleben absolut nicht mehr die soziale Rolle, die wir mit Staunen in den ethnologischen, aber auch noch in mittelalterlichen Berichten finden.

Auch dieser Umstand muss dazu dienen, die Bedeutung des Geldes, die es seinem Material verdankt, herabzudrücken.

Man kann sagen, dass der Wert des Geldes immer mehr von seinem terminus a quo auf seinen terminus ad quem übergeht, und dass so das Metallgeld, in bezug auf die psychologische Vergleichgültigung seines Materialwertes, mit dem Papiergeld auf einer Stufe steht.

Man darf die materiale Wertlosigkeit dieses letzteren nicht deshalb als irrelevant erklären, weil es nur eine Anweisung auf Metall wäre.

Dagegen spricht schon die Tatsache, dass selbst ein völlig ungedecktes Papiergeld doch immer als Geld gewertet wird.

Denn wenn man auch auf den politischen Zwang hinweisen wollte, der allein solchem Papiergeld seinen Kurs verschaffte, so heißt das ja gerade, dass andere Gründe als der der unmittelbaren und materialen Verwertung einem bestimmten Stoff den Geldwert verleihen können und jetzt tatsächlich verleihen.

Der steigende Ersatz des baren Metallgeldes durch Papiergeld und die mannigfaltigen Formen des Kredits wirken unvermeidlich auf den Charakter jenes selbst zurück - ungefähr wie im Persönlichen jemand, der sich fortwährend durch andere vertreten lässt, schließlich keine andere Schätzung erfährt, als die seinen Vertretern gebührende.

Zu je ausgedehnteren und mannigfaltigeren Diensten das Geld berufen ist und je schneller das einzelne Quantum zirkuliert, desto mehr muss sein Funktionswert über seinen Substanzwert hinauswachsen.

Der modern entwickelte Verkehr strebt offenbar dahin, das Geld als substanziellen Wertträger mehr und mehr auszuschalten, und er muss dahin streben, weil auch die gesteigertste Edelmetallproduktion nicht ausreichen würde, alle Umsätze in bar zu begleichen.

Der Giroverkehr einerseits, der internationale Wechselversand andrerseits sind nur hervortretende Punkte dieser allgemeinen Tendenz, deren schon frühe und charakteristische Erscheinungen der letzte Abschnitt dieses Kapitels behandeln wird.

Im ganzen wird, je primitiver die wirtschaftlichen Vorstellungen sind, um so mehr auch das Messen ein sinnlich-unmittelbares Verhältnis zwischen den verglichenen Werten voraussetzen.

Die eben geschilderte Auffassung: dass die Wertgleichung zwischen einer Ware und einer Geldsumme die Gleichheit des Bruches bedeute, welcher zwischen diesen beiden als Zählern und den ökonomisch in (> 118) Betracht kommenden Gesamtquanten aller Waren und alles Geldes als Nennern bestehe - ist offenbar der Tatsache nach überall wirksam, weil sie erst die eine Objektart wirklich zum Gelde macht; allein da das Geld als solches eben nur allmählich entsteht, wird auch dieser Modus sich aus dem primitiveren einer unmittelbaren Vergleichung der auszutauschenden Objekte entwickeln.

Die niedrigste Stufe bezeichnet vielleicht ein Fall, der von den neubritannischen Inseln gemeldet wird.

Die Eingeborenen benutzen dort als Geld schnurweise aufgereihte Kaurimuscheln, welche sie Dewarra nennen.

Dies Geld wird nach Längenmaßen: Armlängen usw. zum Einkauf verwandt; für Fische wird in der Regel so viel in Dewarra gegeben, wie sie selbst lang sind.

Auch sonst wird aus dem Gebiet des Kaurigeldes gelegentlich gemeldet, der Typus des Kaufes sei, dass das gleiche Maß zweier Waren als wertgleich gelte: ein Maß Getreide z. B. gilt das gleiche Maß Kaurirnuscheln.

Hier hat offenbar die Unmittelbarkeit in der Äquivalenz von Ware und Preis ihren vollständigsten und einfachsten Ausdruck erlangt, der gegenüber eine Wertvergleichung, die nicht auf quantitative Kongruenz hinausläuft, schon einen höheren geistigen Prozess darstellt.

Ein Rudiment jener naiven Gleichwertung gleicher Quanten liegt in der Erscheinung, die Mungo Park im 18. Jahrhundert von einigen westafrikanischen Stämmen berichtet.

Dort habe Eisengeld in Stangenform als Geld kursiert und zur Bezeichnung der Warenquanten gedient, so dass man ein bestimmtes Maß Tabak oder Rum je eine Stange Tabak, eine Stange Rum genannt habe.

Hier hat sich das Bedürfnis, Wertgleichheit als Quantitätsgleichheit anzusehen -offenbar ein starker, sinnlich eindrucksvoller Anhalt primitiver Wertbildung - in den sprachlichen Ausdruck geflüchtet.

Bei sehr verschiedenem Aussehen gehören doch der gleichen prinzipiellen Empfindung einige andere Erscheinungen an.

Von der Stadt Olbia am Dnjepr, einer milesischen Kolonie, sind uns alte Bronzemünzen erhalten, welche die Gestalt von Fischen haben, mit Aufschriften, welche wahrscheinlich Thunfisch und Fischkorb bedeuten.

Nun wird angenommen, dass jenes Fischervolk ursprünglich den Thunfisch als Tauscheinheit benutzte und es - vielleicht wegen des Verkehrs mit tieferstehenden Nachbarstämmen bei Einführung der Münze nötig fand, den Wert je eines Thunfisches in einer Münze darzustellen, die durch die Gleichheit ihrer Form diese Gleichwertigkeit und Ersetzbarkeit unmittelbar versinnlichte während man an anderen Stellen, weniger nachdrücklich und doch auf das äußerliche Sichentsprechen nicht verzichtend, auf die Münze nur das Bild des Gegenstandes (Ochse, Fisch, Axt) prägte, der in der Tauschepoche die Grundeinheit bildete und dessen Wert eben die (> 119) Münze darstellte.

Dasselbe Grundgefühl herrscht, wenn der Zend-Avesta vorschreibt, der Arzt solle als Honorar für die Heilung eines Hausbesitzers den Wert eines schlechten Ochsen fordern, für die eines Dorfvorstandes den Wert eines mittelguten, für die eines Stadtherrn den Wert eines hochwertigen, für die eines Provinzstatthalters den Wert eines Viergespanns; dagegen käme ihm für die Heilung der Frau eines Hausbesitzers eine Eselin an Wert zu, für die Frau eines Dorfvorstandes eine Kuh, für die Frau eines Stadtherrn eine Stute, für die Frau eines Statthalters ein weibliches Kamel.

Die Gleichheit des Geschlechtes am Leistungsobjekt und am Leistungsentgelt bezeugt auch hier die Neigung, die Äquivalenz von Wert und Gegenwert auf eine unmittelbar äußerliche Gleichheit zu gründen.

Ebenso verhält es sich mit der Tatsache, dass das Geld am Anfang seiner Entwicklung aus Stücken von großer und schwerer Quantität zu bestehen pflegte: Felle, Vieh, Kupfer, Bronze; oder aus sehr massenhaften, wie das Kaurigeld; dahin gehört die Tatsache, dass die erste Banknote, von der wir wissen und die uns aufbewahrt ist, aus China vom Ende des 14. Jahrhunderts, 18 englische Zoll lang und 9 Zoll breit ist.

Es wirkt hier noch die Tendenz der Bauernregel: viel hilft viel - für die ein natürliches und erst durch eine feinere und reflektierende Empirie widerlegbares Gefühl spricht.

Auch von Edelmetallgeld finden wir die größten Münzen fast ausschließlich bei Völkern von unausgebildeter oder naturalwirtschaftlicher Kultur: als die größten Goldstücke gelten der Lool der Anamiten, der 880 Mk. wert ist, der japanische Obang (220 Mk.), der Benta der Aschantis; auch hat Anam eine Silbermünze im Werte von 60 Mk.

Aus demselben Gefühl von der Bedeutung des Quantums heraus bleibt das Prägerecht der größten Münzen oft den obersten Machthabern vorbehalten, während die kleineren (auch von dem gleichen Metall!) von niederen Instanzen geschlagen werden: so prägte der Großkönig von Persien das Großgeld, die Satrapen aber die goldene Kleinmünze, vom Viertel abwärts.

Der Charakter erheblicher Quantität ist sogar nicht nur primitiven Metallgeldformen, sondern auch den Geldarten, die diesen vorangehen, manchmal eigen: die Slawen, welche in dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zwischen Saale und Elbe saßen und ein außerordentlich rohes Naturvolk waren, bedienten sich als Geldes leinener Tücher; die Kaufkraft eines solchen betrug 100 Hühner, oder Weizen für 10 Mann auf einen Monat!

Und selbst innerhalb des ausgebildeteren Geldwesens ist bemerkbar, wie die Geldbegriffe von immer geringeren Metallwerten erfüllt werden.

Der mittelalterliche Gulden war eine Goldmünze im Wert eines Dukaten ? der heutige zählt 100 Kupferkreuzer; (> 120) der ehemalige Groschen war eine dicke (grossus) Silbermünze; die ehemalige Mark betrug ein Pfund Silber, das Pfund Sterling war 70 Mk. wert.

In primitiven, naturalwirtschaftlichen Verhältnissen wird der Geldverkehr überhaupt nicht die kleinen Bedürfnisse des Tages, sondern nur relativ größere und wertvollere Objekte betroffen haben, und ihnen gegenüber wird die Neigung zur Symmetrie, die allen unausgebildeten Kulturen eigen ist, auch den Geldtausch beherrscht und für äußerlich Großes auch ein äußerlich großes Wertzeichen gefordert haben: dass die äußerste quantitative Ungleichheit der Erscheinungen dennoch eine Gleichheit der Kraft, der Bedeutung, des Wertes gestattet, pflegt erst von höheren Bildungsstufen eingesehen zu werden.

Wo eine Praxis auf das Vollziehen von (Gleichungen gestellt ist, da wird zuerst eine möglichst anschauliche Unmittelbarkeit des Gleichseins verlangt, wie die quantitative Mächtigkeit des primitiven Geldes es im Verhältnis zu ihren Gegenwerten zeigt.

Die Abstraktion, die später ein kleines Metallstückchen als Äquivalent irgendeines umfänglichsten Objektes anerkennt, steigert sich, in der gleichen Richtung, auf das Ziel hin, dass die eine Seite der Wertgleichung gar nicht mehr als Wert an und für sich, sondern nur noch als abstrakter Ausdruck für den Wert der andern funktioniere.

Daher ist denn auch die Messfunktion des Geldes, die von vornherein am wenigsten an die Materialität seines Substrates geknüpft ist, durch die Veränderungen der modernen Wirtschaft am wenigsten alteriert worden.

Ein Maßverhältnis zwischen zwei Größen nicht mehr durch unmittelbares Aneinanderhalten herzustellen, sondern daraufhin, dass jede derselben zu je einer anderen Größe ein Verhältnis hat und diese beiden Verhältnisse einander gleich oder ungleich sind - das ist einer der größten Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, die Entdeckung einer neuen Welt aus dem Material der alten.

Zwei Leistungen ganz verschiedener Höhe bieten sich dar - sie werden vergleichbar, da sie im Verhältnis zu dem Kraftmaß, das jeder der Leistenden einzusetzen hatte, die gleiche Willensanspannung und Hingebung zeigen; zwei Schicksale stehen auf der Skala des Glücks weit voneinander ab -aber sie gewinnen sogleich eine messbare Beziehung, wenn man jedes auf das Maß des Verdienstes hin ansieht, durch das sein Träger seiner würdig oder unwürdig ist.

Zwei Bewegungen, die völlig verschiedene Geschwindigkeiten haben, gewinnen eine Zusammengehörigkeit und Gleichheit, sobald wir beobachten, dass die Beschleunigung, die jede von ihnen im Verhältnis zu ihrem Anfangsstadium erfährt, bei beiden die gleiche ist. Nicht nur für unser Gefühl spinnt sich eine Art von Zusammengehörigkeit (> 121) zwischen zwei Elementen, die zwar in ihrer substanziellen Unmittelbarkeit einander fremd, deren Verhältnisse zu einem dritten und vierten Element aber die gleichen sind; sondern eben damit wird das eine zu einem Faktor für die Ausrechenbarkeit des anderen.

Und nun weiter ausgreifend. - so unvergleichbar zwei Personen in ihren angebbaren Eigenschaften sein mögen, so stiften Beziehungen zu einem je dritten Menschen doch eine Gleichheit zwischen ihnen; sobald die erste die gleiche Liebe oder Hass, Herrschaft oder Unterworfenheit einer dritten gegenüber zeigt, wie die zweite einer vierten gegenüber, so haben diese Relationen hier der Fremdheit des Fürsichseins jener eine tiefe und wesentliche Gleichheit untergebaut.

Endlich ein letztes Beispiel.

Die Vollendung verschiedenartiger Kunstwerke würden wir nicht miteinander vergleichen können, ihre Werte würden sich nicht in den Zusammenhang einer Stufenleiter ordnen, wenn nicht jedes zu dem eigentümlichen Ideale seiner Art ein bestimmtes Verhältnis hätte.

Aus dem Problem, dem Material, der Stilart jedes Kunstwerkes wächst uns eine Norm heraus, und zu ihr hat seine Wirklichkeit eine fühlbare Relation von Nähe oder Abstand, die offenbar bei der größten Mannigfaltigkeit der Werke die gleiche oder vergleichbare sein kann.

Durch diese mögliche Gleichheit solcher Relation erst wird aus den einzelnen, an sich einander ganz fremden Werken eine ästhetische Welt, eine genau gefügte Ordnung, ein ideelles Zusammengehören dem Werte nach.

Und dies erstreckt sich nicht nur auf den Kosmos der Kunst, sondern dass überhaupt aus dem Stoff unserer isolierten Schätzungen eine Gesamtheit gleicher oder abgestufter Bedeutsamkeiten erwächst, dass auch das Disharmonische nur über der Forderung einer einheitlichen Ordnung und inneren Beziehung der Werte untereinander als solches empfunden wird - diesen wesentlichen Zug verdankt unser Weltbild allenthalben unserer Fähigkeit, nicht nur je zwei Dinge, sondern auch die Verhältnisse je zweier zu je zwei anderen gegeneinander abzuwägen und in der Einheit eines Gleichheits- oder Ähnlichkeitsurteils zusammenzufassen.

Das Geld, als Produkt dieser fundamentalen Kraft oder Form unseres Inneren, ist nicht nur deren weitestes Beispiel, sondern sozusagen gar nichts anderes, als die reine Verkörperung derselben.

Denn das Geld kann das im Tausch zu realisierende Wertverhältnis der Dinge zueinander doch nur so ausdrücken, dass das Verhältnis der singulären Summe zu einem irgendwie gewonnenen Nenner dasselbe ist, das zwischen der ihr entsprechenden Ware und der Totalität der für den Austausch in Frage kommenden Waren besteht.

Das Geld ist seinem Wesen nach nicht ein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum (> 122) Ganzen zufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander; sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben dieser andern Objekte zueinander auszudrücken, was ihm mit Hilfe jener Fähigkeit des ausgebildeten Geistes gelingt: die Relationen der Dinge auch da gleichzusetzen, wo die Dinge selbst keine Gleichheit oder Ähnlichkeit besitzen.

Da diese Fähigkeit sich aber erst allmählich aus der primitiveren entwickelt, die Gleichheit oder Ähnlichkeit zweier Objekte unmittelbar zu beurteilen und auszudrücken, so entstehen die oben berührten Erscheinungen, in denen man auch das Geld in eine unmittelbare Beziehung dieser Art zu seinen Gegenwerten zu bringen suchte.

Innerhalb der modernen Wirtschaft setzt der fragliche Übergang z. B. an das Merkantilsystem an.

Das Bestreben der Regierungen, möglichst viel bares Geld ins Land zu bekommen, wurde zwar auch noch von dem Prinzip: viel hilft viel - geleitet; allein der schließliche Zweck, zu dem es helfen sollte, war doch schon die funktionelle Belebung der Industrie und des Marktes.

Der Fortschritt darüber hinaus bestand in der Einsicht, dass die diesem Zwecke dienstbaren Werte der substanziellen Geldform nicht bedürften, vielmehr das unmittelbare Produkt der Arbeit schon als solches den entscheidenden Wert darstellte.

Das verhält sich ungefähr wie mit den Zielen früherer Politik: nur möglichst viel Land zu gewinnen und es mit möglichst viel Menschen zu »peuplieren«: bis tief in das 18. Jahrhundert hinein fiel es kaum einem Staatsmann ein, dass die eigentliche nationale Größe anders als durch den Gewinn von Land gefördert werden könnte.

Die Berechtigung solcher Ziele unter gewissen historischen Umständen hat doch die Einsicht nicht verhindert, dass alle diese substanzielle Fülle nur als Grundlage dynamischer Entwicklungen bedeutsam ist, dass diese letzteren aber schließlich nur eine sehr begrenzte Unterlage jener Art fordern.

Es hat sich gezeigt, dass für die Steigerung der Produktion und des Reichtums die physische Gegenwart des Geldäquivalents immer entbehrlicher wird und dass, selbst wenn das »viele« Geld nicht mehr um seinethalben, sondern um bestimmter funktioneller Zwecke willen erstrebt wird, diese gleichsam in freischwebenden Prozessen, unter Ausschaltung jenes erreicht werden können - wie insbesondere der moderne internationale Warenaustausch erweist.

Die Bedeutung des Geldes, die relativen Werte der Waren auszudrücken, ist nach unseren obigen Ausführungen von einem an ihm bestehenden Eigenwert ganz unabhängig; wie es für eine Skala zur Messung von Raumgrößen gleichgültig ist, ob sie aus Eisen, Holz oder Glas besteht, weil nur das Verhältnis ihrer Teile zueinander, bzw. zu einer dritten Größe, (> 123) in Betracht kommt - so hat die Skala, die das Geld für die Bestimmung von Werten darbietet, mit dem Charakter seiner Substanz nichts zu tun.

In dieser seiner ideellen Bedeutung als Maßstab und Ausdruck für den Wert von Waren ist es ganz ungeändert geblieben, während es als Zwischenware, Wertaufbewahrungs- und Werttransportmittel seinen Charakter teils geändert hat, teils noch weiter zu ändern im Begriff steht: aus der Form der Unmittelbarkeit und Substanzialität, in der es diese Obliegenheiten zuerst erfüllte, geht es in die ideelle über, d. h. es übt seine Wirkungen als bloße Idee, welche sich an irgendein vertretendes Symbol knüpft.

Hiermit scheint sich die Entwicklung des Geldes in eine tiefgelegene Kulturtendenz einzuordnen.

Man kann die verschiedenen Kulturschichten danach charakterisieren, inwieweit und an welchen Punkten sie zu den Gegenständen ihrer Interessen ein unmittelbares Verhältnis haben, und wo andrerseits sie sich der Vermittlung von Symbolen bedienen.

Ob z. B. die religiösen Bedürfnisse durch symbolische Dienste und Formeln erfüllt werden oder durch ein unmittelbares Sich-Hinwenden des Individuums zu seinem Gott; ob die Achtung der Menschen füreinander sich in einem festgesetzten, die gegenseitigen Positionen durch bestimmte Zeremonien andeutenden Schematismus offenbart oder in der formfreien Höflichkeit, Ergebenheit und Respekt; ob Käufe, Zusagen, Verträge durch einfache Verlautbarung ihres Inhaltes vollzogen werden, oder ob sie durch ein äußeres Symbol feierlicher Handlungen erst legalisiert und zuverlässig gemacht werden; ob das theoretische Erkennen sich unmittelbar an die sinnliche Wirklichkeit wendet, oder sich mit der Vertretung derselben durch allgemeine Begriffe und metaphysische oder mythologische Sinnbilder zu tun macht - das gehört zu den tiefgreifendsten Unterschieden der Lebensrichtungen.

Diese Unterschiede aber sind natürlich nicht starr; die innere Geschichte der Menschheit zeigt vielmehr ein fortwährendes Auf- und Absteigen zwischen ihnen; auf der einen Seite wächst die Symbolisierung der Realitäten, zugleich aber werden, als Gegenbewegung, stetig Symbole aufgelöst und auf ihr ursprüngliches Substrat reduziert.

Ich führe ein ganz singuläres Beispiel an.

Die sexuellen Dinge standen schon lange unter der Verhüllung durch Zucht und Scham, während die Worte, die sie bezeichneten, noch völlig ungeniert gebraucht wurden; erst in den letzten Jahrhunderten ist das Wort unter dieselben Kautelen gestellt - das Symbol rückte in die Gefühlsbedeutung der Realität ein.

Nun aber bahnt sich in der allerneuesten Zeit wieder eine Lösung dieser Verbindung an.

Die naturalistische Kunstrichtung hat auf die Undifferenziertheit und Unfreiheit des Empfindens hin (> 124) gewiesen, das an das Wort, also an ein bloßes, zu künstlerischen Zwecken verwandtes Symbol, dieselben Empfindungen knüpfe, wie an die Sache selbst; die Darstellung des Unanständigen sei noch keine unanständige Darstellung, und man müsse die Realitätsempfindungen von der symbolischen Welt lösen, in der jede Kunst, auch die naturalistische, sich bewege.

Vielleicht in Zusammenhang hiermit kommt eine allgemeine größere Freiheit der gebildeten Stände im Besprechen heikler Objekte auf; wo objektive und reine Gesinnung vorausgesetzt wird, ist mancherlei früher Verbotenes auszusprechen erlaubt - die Schamempfindung ist eben wieder ausschließlicher der Sache zugewandt und lässt das Wort, als ein bloßes Symbol ihrer, wieder freier.

So schwankt, auf den engsten wie auf den weitesten Gebieten, das Verhältnis zwischen Realität und Symbol, und man möchte fast glauben - so wenig solche Allgemeinheiten ihre Beweislast auf sich nehmen können - dass entweder jede Kulturstufe (und schließlich jede Nation, jeder Kreis, jedes Individuum) eine besondere Proportion zwischen symbolischer und unmittelbar realistischer Behandlung ihrer Interessen aufweist; oder dass gerade diese Proportion im ganzen beharrt und nur die Gegenstände, an denen sie sich darstellt, dem Wechsel unterliegen.

Vielleicht aber kann man sogar etwas spezieller bestimmen, dass ein besonders augenfälliges Hervortreten von Symbolik ebenso sehr primitiven und naiven, wie sehr hochentwickelten und eigen ist; und dass, auf die Objekte komplizierten Kulturzuständen hin angesehen, die aufwärtsschreitende Entwicklung uns auf dem Gebiete des Erkennens immer mehr von Symbolen befreit, sie uns aber auf praktischen Gebieten immer notwendiger macht.

Gegenüber der nebelhaften Symbolistik mythologischer Weltanschauungen zeigt die moderne eine gar nicht vergleichliche Unmittelbarkeit im Ergreifen der Objekte; dagegen bringt die extensive und intensive Häufung der Lebensmomente es mit sich, dass wir viel mehr mit Zusammenfassungen, Verdichtungen und Vertretungen ihrer in symbolischer Form operieren müssen, als es in den einfacheren und engeren Verhältnissen nötig war: die Symbolik, die auf den niederen Lebensstufen so oft Umweg und Kraftvergeudung ist, dient auf den höheren gerade einer die Dinge beherrschenden Zweckmäßigkeit und Kraftersparnis.

Man mag hier etwa an die diplomatische Technik denken, sowohl im internationalen wie im parteipolitischen Sinne.

Sicher ist es das Verhältnis der realen Machtquanten, das über den Ausgang des Interessengegensatzes entscheidet.

Aber diese messen sich eben nicht mehr unmittelbar, d. h. in physischem Kampfe, aneinander, sondern werden durch bloße Vorstellungen vertreten. Hinter dem Repräsentanten jeder Kollektiv (> 125) macht steht in verdichteter potenzieller Form die reale Kraft seiner Partei, und genau nach dem Maße dieser ist seine Stimme wirksam und kann sein Interesse sich durchsetzen.

Er selbst ist gleichsam das Symbol dieser Macht; die intellektuellen Bewegungen zwischen den Repräsentanten der verschiedenen Machtgruppen symbolisieren den Verlauf, den der reale Kampf genommen hätte, derart, dass der Unterlegne sich in das Resultat jener genau so fügt, als wäre er in diesem besiegt.

Ich erinnere z. B. an die Verhandlungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern zur Vermeidung eines drohenden Streikes.

Hier pflegt jede Partei genau nur bis zu dem Punkte nachzugeben, bis zu dem, ihrer Abschätzung der Kräfte nach, auch der wirklich ausbrechende Streik sie zwingen würde.

Man vermeidet die ultima ratio, indem man ihr Ergebnis in zusammenfassenden Vorstellungen antizipiert.

Wäre diese Vertretung und Messung der realen Kräfte durch bloße Vorstellungen immer mit Sicherheit möglich, so könnte überhaupt jeder Kampf erspart werden. jener utopische Vorschlag: künftige Kriege durch eine Partie Schach zwischen den Feldherren zu entscheiden - ist deshalb so absurd, weil der Ausgang einer Schachpartie gar keinen Anhalt dafür gibt, welches der Ausgang des Waffenkampf es gewesen wäre, und also diesen nicht mit gültigem Erfolge versinnbildlichen und vertreten kann; wogegen etwa ein Kriegsspiel, in dem alle Heeresmassen, alle Chancen, alle Intelligenz der Führung einen vollständigen symbolischen Ausdruck fände, unter der unmöglichen Voraussetzung seiner Herstellbarkeit allerdings den physischen Kampf unnötig machen könnte.

Die Fülle der Momente - der Kräfte, Substanzen und Ereignisse -, mit denen das vorgeschrittene Leben zu arbeiten hat, drängt auf eine Verdichtung desselben in umfassenden Symbolen, mit denen man nun rechnet, sicher, dass dasselbe Resultat sich ergibt, wie wenn man mit der ganzen Breite der Einzelheiten operiert hätte; so dass das Resultat ohne weiteres für diese Einzelheiten gültig, auf sie anwendbar ist.

Das muss in dem Maße möglicher werden, in dem die Quantitätsbeziehungen der Dinge sich gleichsam selbständig machen.

Die fortschreitende Differenzierung unseres Vorstellens bringt es mit sich, dass die Frage des Wie viel eine gewisse psychologische Trennung von der Frage des Was erfährt - so wunderlich dies auch in logischer Hinsicht erscheint.

In der Bildung der Zahlen geschieht dies zuerst und am erfolgreichsten, indem aus den so und so vielen Dingen das So und Soviel herausgehoben und zu eigenen Begriffen verselbständigt wird.

Je feststehender die Begriffe ihrem qualitativen Inhalt nach werden, desto mehr richtet sich das Interesse auf ihre quantitativen Verhältnisse, und schließlich hat man es für das Ideal (> 126) des Erkennens erklärt, alle qualitativen Bestimmtheiten der Wirklichkeit in rein quantitative aufzulösen.

Diese Aussonderung und Betonung der Quantität erleichtert die symbolische Behandlung der Dinge: denn da die inhaltlich verschiedensten doch eben in quantitativen Hinsichten übereinstimmen können, so vermögen derartige Beziehungen, Bestimmtheiten, Bewegungen des einen ein gültiges Bild für eben dieselben an einem anderen abzugeben; einfachste Beispiele sind etwa die Rechenmarken, die uns zahlenmäßige Bestimmungen beliebiger Objekte beweisend veranschaulichen, oder das Fensterthermometer, das uns das Mehr oder Weniger zu erwartender Wärmeempfindungen in den Zahlen der Grade anzeigt.

Diese Ermöglichung von Symbolen durch die psychologische Heraussonderung des Quantitativen aus den Dingen, die uns heute freilich sehr selbstverständlich erscheint, ist eine Geistestat von außerordentlichen Folgen.

Auch die Möglichkeit des Geldes geht auf sie zurück, insofern es, von aller Qualität des Wertes absehend, das reine Quantum desselben in numerischer Form darstellt.

Einen ganz bezeichnenden Übergang von dem qualitativ bestimmbaren zu dem quantitativ symbolischen Ausdruck bietet ein Bericht aus dem alten Russland.

Dort hätten zuerst Marderfelle als Tauschmittel gegolten.

Im Laufe des Verkehrs aber hätte die Größe und die Schönheit der einzelnen Felle allen Einfluss auf ihre Tauschkraft verloren, jedes hätte schlechtweg nur für eines und jedem anderen gleiches gegolten.

Die daraus folgende alleinige Bedeutung ihrer Zahl hätte bewirkt, dass, als der Verkehr sich steigerte, man einfach die Zipfel der Felle als Geld verwendete, bis schließlich Lederstückchen, die wahrscheinlich von der Regierung gestempelt wurden, als Tauschmittel kursierten.

Hier ist es sehr deutlich, wie die Reduzierung auf den rein quantitativen Gesichtspunkt die Symbolisierung des Wertes trägt, auf der erst die ganz reine Verwirklichung des Geldes ruht.

Es scheint dagegen, als ob ein von vornherein nur ideales Geld höheren wirtschaftlichen Anforderungen nicht genügte, trotzdem der Mangel an Beziehung zu allen unmittelbaren Werten - der die zu allen gleichartige Beziehung involviert - es zu besonders weiter Verbreitung eignet.

Die merkwürdige Ausdehnung des Kaurigeldes, das seit 1000 Jahren in einem großen Teile Afrikas, früher im Gebiete des indischen Ozeans, prähistorisch in Europa galt, wäre kaum möglich gewesen, wenn es nicht so rein ideal wäre.

Auf den tieferen Wirtschaftsstufen finden sich die äußersten Gegensätze der Geldwerte zusammen; es begegnet einerseits ein so absolut wertkonkretes Geld, wie das Rindergeld oder die Baumwollenstoffe, die auf den Philippinen als Großgeld kursierten, andrerseits ein so absolut ideales, (> 126) wie das Kaurigeld, wie das Geld aus der Rinde des Maulbeerbaums, das Marco Polo in China entdeckte, wie die Porzellanstücke mit chinesischen Schriftzeichen, die in Siam galten.

Eine gewisse funktionelle Entwicklung über jene wertkonkreten Geldarten hinaus ist dort angebahnt, wo zwar Naturalartikel, aber solche die zugleich besonders Exportartikel sind, zu Tauschmitteln werden: Tabak in Virginia, Reis in Carolina, Klippfisch in Neufundland, Tee in China, Pelze in Massachusetts.

Beim Exportartikel ist der Wert einigermaßen aus der Unmittelbarkeit psychologisch herausgerückt, die bei der Binnen-Konsumtion der Geldware stattfindet. Allein die glücklichste Mitte zwischen abstrakten Geldarten, wie die angeführten, und dem Konsumtivgeld stellt doch das Schmuckgeld, also Gold und Silber, dar, indem es weder so launenhaft und sinnlos wie jene, noch so grob und singulär wie dieses ist. Dies ist offenbar der Träger, der das Geld zugleich am leichtesten und am festesten zu seiner Symbolwerdung leitet; das Stadium dieser Bindung muss es passieren, um zu dem Maximum seiner Leistungsfähigkeit zu gelangen, und es scheint, dass es für absehbare Zeiten nicht gänzlich aus ihm heraustreten kann.

Wenn sekundäre Symbole - wie man sie im Unterschied gegen die naive Symbolistik naiver Geisteszustände nennen kann -- immer mehr die unmittelbaren Greifbarkeiten von Dingen und Werten für die Praxis ersetzen, so ist damit die Bedeutung des Intellekts für die Lebensführung außerordentlich gesteigert.

Sobald das Leben nicht mehr zwischen sinnlichen Einzelheiten verläuft, sondern sich durch Abstraktionen, Durchschnitte, Zusammenfassungen bestimmen lässt, so wird insbesondere in den Beziehungen der Menschen untereinander der schnellere und genauere Vollzug der Abstraktionsprozesse einen erheblichen Vorsprung verleihen.

Wenn da, wo in roheren Zeiten die öffentliche Ordnung nur durch physische Gewalt hergestellt werden konnte, heute das bloße Erscheinen eines Beamten dazu gehört; wenn die bloße Namensunterschrift uns äußerlich und innerlich bedingungslos bindet; wenn unter feinfühligen Menschen ein leise andeutendes Wort oder eine Miene hinreicht, ihr Verhältnis dauernd festzustellen, das sich unter tieferstehenden erst auf lange Auseinandersetzungen oder praktische Handlungsweisen hin ergibt; wenn man uns durch eine Berechnung auf dem Papiere zu Opfern bringen kann, die dem Unverständigen nur durch die reale Einwirkung der betreffenden Faktoren abgezwungen werden - so ist diese Bedeutung symbolischer Dinge und Taten offenbar nur bei sehr gesteigerter Intellektualität möglich, nur bei dem Vorhandensein einer so selbständigen geistigen Kraft, dass sie des Eintretens unmittelbarer Einzelheiten nicht bedarf. (> 128)

Ich habe dies ausgeführt, um die Einordnung des Geldes auch in diese Strömung der Kultur einleuchtend zu machen.

Das immer wirkungsvoller werdende Prinzip der Ersparnis an Kräften und Substanzen führt zu immer ausgedehnterem Verfahren mit Vertretungen und Symbolen, welche mit demjenigen, was sie vertreten, gar keine inhaltliche Verwandtschaft haben; so dass es durchaus in derselben Richtung liegt, wenn die Operationen mit Werten sich an einem Symbol vollziehen, das mehr und mehr die materielle Beziehung zu den definitiven Realitäten seines Gebietes einbüßt und bloß Symbol wird.

Diese Lebensform setzt nicht nur eine außerordentliche Vermehrung der psychischen Prozesse voraus - wie komplizierte psychologische Vorbedingungen fordert etwa nur die Deckung von Banknoten durch Barreserve! - sondern auch eine Erhöhung derselben, eine prinzipielle Wendung der Kultur zur Intellektualität.

Dass das Leben im wesentlichen auf den Intellekt gestellt ist und dieser als die praktisch wertvollste unter unseren psychischen Energien gilt - das pflegt, wie nachherige Überlegungen noch ausführlich zeigen werden, mit dem Durchdringen der Geldwirtschaft Hand in Hand zu gehen; wie denn auch innerhalb des Handelsgebietes, insbesondere wo reine Geldgeschäfte in Frage stehen, zweifellos der Intellekt im Besitz der Souveränität ist.

Die Steigerung der intellektuellen, abstrahierenden Fähigkeiten charakterisiert die Zeit, in der das Geld immer mehr zum reinen Symbol und gegen seinen Eigenwert gleichgültig wird.

Teil II

Der Verzicht auf die nicht-geldmäßigen Verwendungen der Geldsubstanz.

Erster Grund gegen das Zeichengeld: die Geld-Waren-Relationen, die den Eigenwert des Geldes überflüssig machen würden, nicht genau erkennbar; sein Eigenwert als Ergänzung dieser Unzulänglichkeit.

Zweiter Gegengrund: die unbegrenzte Vermehrbarkeit der Geldzeichen; die relativistische Gleichgültigkeit gegen die absolute Höhe des Geldquantums und ihre Irrungen.

Die unvollendbare Entwicklung des Geldes von seiner substanziellen zur relativistischen Bedeutung als Fall eines allgemeinen Verhaltens; die Wirklichkeit als gegenseitige Einschränkung reiner Begriffe.

Bei alledem muß festgehalten werden, daß so nur eine Richtung der Entwicklung bestimmt wird, der Entwicklung, die mit einem wirklichen Werte des Geldstoffes, allen anderen Werten koordinieren begonnen hat.

Deshalb müssen einige naheliegende Vorstellungen widerlegt werden, die scheinbar mit der unsrigen von der Wertlosigkeit der Geldsubstanz übereinstimmen, indem sie den Unterschied des Geldes gegen alle anderen Werte betonen und mit diesem beweisen wollen, daß das Geld prinzipiell kein Wert derselben Art wie diese sein kann.

Es wurde damit, wie so oft, in der Form der Erstarrung und Vorwegnahme festgelegt, was sich nur in unendlicher Annäherung vollziehen kann.

Aus der Abwehr des dogmatischen Wertes des Geldes dürfen wir nicht in ein Dogma von seinem Nichtwert verfallen, zu dem die folgenden Vorstellungen verführen könnten.

Es scheint, als ob selbst das nutzbarste Objekt, um als Geld zu funktionieren, auf seine Nützlichkeit verzichten müßte.

Wenn z. B. in Abessinien besonders zugeschnittene Stücke Steinsalz als Scheidemünze kursieren, so sind sie doch eben Geld nur dadurch, daß man sie nicht als Salz gebraucht.

An der Somaliküste zirkulierten früher Stücke blauen Baumwollstoffes, jedes zwei Ellen groß, als Geld; ein so großer Fortschritt im Sinne des Geldverkehrs dies auch gegenüber dem Zeuggeld ist, das man beliebig zerschneidet und zusammensetzt, so deutet diese Form des Gebrauchs doch eben die Tendenz an, auf die Verwendung des Zeuges als Zeug zu verzichten.

Der mögliche Nutzen von Gold und Silber für technische und ästhetische Zwecke kann so lange nicht verwirklicht werden, wie sie als Geld zirkulieren; und so mit allen Geldarten.

Von den vielerlei Wirkungen, mit denen die Geldstoffe in unsere Zweckprovinzen hineinstrahlen, müssen alle übrigen schweigen, wenn ihre Wirkung als Geld eintreten soll.

In dem Augenblick, in dem sie ihren praktischen, ästhetischen oder sonstigen Wert entfalten, sind sie der Zirkulation entzogen, sind sie nicht mehr Geld.

Alle anderen Werte mag man untereinander vergleichen und sie nach dem Maße ihres Nutzbarkeitsquantums austauschen, um sich eben (> 130) dieses zu eigen zu machen; aus dieser Reihe aber tritt das Geld völlig heraus.

Denn sobald man es in demselben Sinne verwendete wie den erhaltenen Gegenwert, würde es eben nicht mehr Geld sein.

Zu der besonderen Eignung der Edelmetalle als Geldstoffe mag es beitragen, da sie besonders leicht aus jeder Formung zu anderweitigem Zwecke in die Geldform zurückverwandelt werden können; darum aber stehen sie doch in jedem gegebenen Augenblick nicht weniger vor der Alternative, entweder Geld oder Schmuckstück zu sein, anders ausgedrückt: entweder als Geld oder als Gebrauchswert zu funktionieren.

Scheinbar freilich wird gerade dadurch das Geld in die anderen Wertkategorien wieder eingestellt.

Denn wenn ich einen Meter Brennholz kaufe, so werte ich doch auch seine Substanz nur nach dem, was sie mir als Heizmaterial leistet, nicht aber nach einer anderen, etwa außerdem noch möglichen Verwendung.

In Wirklichkeit aber liegt es ganz anders.

Wenn man behauptet, der Wert des Geldes bestehe in dem Werte seiner Substanz, so heißt das, er liegt in denjenigen Seiten oder Kräften dieser Substanz, nach denen oder mit denen sie gerade nicht Geld ist.

Der Widersinn, den dies zu enthalten scheint, weist darauf hin, daß das Geld nicht notwendig von Substanzen, die »an sich«, d. h. in anderweitigen Beziehungen, wertvoll sind, getragen zu werden braucht, sondern daß es genügt, wenn gerade nur die Fähigkeit, als Geld zu funktionieren, auf irgendeine sonst irrelevante Substanz übertragen wird.

Ob solcher Verzicht auf alle diejenigen Wertfunktionen, auf die man den notwendigen Wert der Geldsubstanz begründet hat, mit Recht auf die Möglichkeit eines Geldes schließen läßt, das von vornherein nur Geld und weiter nichts sei - gilt es zu prüfen.

Es handelt sich hier um die äußerst wichtige Erscheinung des Objekts mit mehreren Funktionsmöglichkeiten, von denen nur die eine, unter Ausschluß der anderen, verwirklicht werden kann, und um die Frage, wie eben diese verwirklichte in ihrer Bedeutung und ihrem Werte durch das Zurücktreten der übrigen modifiziert wird.

Um der gesuchten Einsicht willen, die auf das Nebeneinander verschiedener Möglichkeiten geht, darf man wohl hervorheben, wie das Nacheinander mannigfaltiger Funktionen auf die schließlich die anderen überlebende wirkt.

Wenn der reuige Sünder einen höheren Wert für die sittliche Weltordnung haben soll als der Gerechte, der niemals gestrauchelt ist, so zieht die sittliche Höhe jenes solche Bewertung doch nicht aus dem Momente, in dem sie nun wirklich vorhanden ist - denn der ethische Inhalt eben dieses Momentes ist ja vorausgesetztermaßen von der Verfassung des von vornherein Gerechten (> 131) nicht unterschieden - sondern aus den vorangegangenen, sittlich anders gerichteten, und der Tatsache, daß diese jetzt nicht mehr bestehen.

Oder wenn nach starken Hemmungen unserer Tätigkeit, äußerlicher Erzwungenheit ihrer Richtung wieder Freiheit und Selbstbestimmung eintritt, so knüpft sich nun an unser Tun ein spezifisches Wohl- und Wertgefühl, das gar nicht aus den einzelnen Inhalten desselben oder ihrem Erfolge quillt, sondern ausschließlich daraus, daß die Form der Abhängigkeit beseitigt ist: genau dasselbe Tun würde, an eine ununterbrochene Reihe unabhängiger Handlungen sich anschließend, eben dieses Reizes entbehren, der aus dem bloßen Vorbeisein jener früheren Lebensform quillt.

Solcher Erfolg des Nichtseienden für das Seiende erscheint etwas modifiziert und unserer speziellen Frage - bei aller inhaltlichen Fremdheit - näher liegend in der Bedeutung, die das unmittelbare Gefühlsleben für das lyrische oder musikalische Kunstwerk besitzt.

Denn so sehr Lyrik und Musik auf der Stärke der subjektiven inneren Bewegungen aufgebaut sind, so verlangt ihr Charakter als Kunst doch, daß deren Unmittelbarkeit überwunden werde.

Der Rohstoff des Gefühls mit seiner Impulsivität, seiner personalen Beschränktheit, seiner unausgeglichenen Zufälligkeit bildet zwar die Voraussetzung des Kunstwerkes, aber die Reinheit desselben verlangt eine Distanz gegen jenen, eine Erlöstheit von ihm.

Das ist ja der ganze Sinn der Kunst, für den Schaffenden wie für den Genießenden, daß sie uns über die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zu uns selbst und zur Welt hinaushebe, und ihr Wert hängt daran, daß wir dies hinter uns gelassen haben, daß es als etwas wirkt, was nicht mehr da ist.

Und wenn man sagt, es sei doch eben das Nachhallen jenes autochthonen Gefühles, jener ursprünglichsten Erregtheit der Seele, von dem der Reiz des Kunstwerkes lebe, so wird damit gerade zugegeben, daß das Spezifische desselben nicht in demjenigen liegt, was der unmittelbaren und der ästhetischen Form des Gefühlsinhalts gemeinsam ist, sondern in dem neuen Ton, den die letztere insoweit erhält, als die erstere verklungen ist.

Und endlich der entschiedenste und allgemeinste Fall dieses Typus, der wegen seiner tiefen Eingebettetheit in unsere fundamentalen Wertungen wenig beachtet wird.

Es scheint mir nämlich, als ob eine ungeheure Anzahl von Lebensinhalten, deren Reiz wir geniessen, die Höhe desselben dem Umstande verdankt, daß wir um ihretwillen unzählige Chancen anderen Genießens und Uns-Bewährens unausgeschöpft lassen.

Nicht nur in dem Aneinander-Vorübergehen der Menschen, ihrem Auseinandergehen nach kurzer Berührung, ja in der völligen Fremdheit gegen unzählige, denen wir und die uns ein Höchstes zu (> 132) geben hätten - nicht nur an und für sich liegt darin eine königliche Verschwendung, eine lässige Großartigkeit des Daseins, sondern jenseits dieses Eigenwertes des Nichtgenießens strahlt von ihm auch auf das, was wir nun wirklich besitzen, ein neuer, erhöhender, konzentrierender Reiz hinüber.

Daß von den unzähligen Möglichkeiten des Lebens gerade diese zur Wirklichkeit geworden ist, verleiht ihr einen sieghaften Ton, die Schatten der unerlösten, ungenossenen Fülle des Lebens bilden ihr Triumphgeleit.

Auch das, was man den Menschen gibt, zieht oft seinen Wert für sie aus dem, was man zurückbehält, ja ihnen mit Entschiedenheit vorenthält.

Das freundliche Sich-Hingeben insbesondere an etwas Tieferstehende, verliert für diese seinen Wert, wenn es allzu weitgehend ist, wenn man allzuwenig reserviert ist.

Je mehr der Beschenkte empfindet, daß man noch etwas für sich ist, was man ihm nicht gibt - um so bedeutsamer ist es für ihn, daß man sich, einen Teil von sich, ihm überhaupt gibt.

Und so endlich in der Bedeutung unseres Handelns und Schaffens für uns selbst.

Plötzliche, zwingende Anforderungen belehren uns oft, daß wir Begabungen und Kräfte für bisher fernliegendste Aufgaben besitzen, Energien, die für immer latent geblieben wären, wenn nicht irgendeine zufällige Not sie herausgelockt hätte.

Das weist darauf hin, daß in jedem Menschen außer den Kräften, die er bewährt, noch eine unbestimmte Menge anderer Potenzen schlummern, daß schließlich aus jedem vieles andere hätte werden können, als tatsächlich geworden ist.

Wenn nun das Leben von diesen vielen Möglichkeiten nur eine sehr begrenzte Anzahl zur Bewährung zuläßt, so erscheinen diese um so bedeutsamer und kostbarer, je deutlicher wir empfinden, aus wie vielen sie die Auswahl darstellen, wie viele Betätigungsformen unentwickelt bleiben und ihr Kraftquantum jenen überlassen müssen, damit sie zur Entfaltung gelangen.

Indem so eine Fülle an sich möglicher Bewährungen geopfert wird, damit es zu einer bestimmten komme, stellt diese gleichsam den Extrakt eines sehr viel weiteren Umfangs von Lebensenergien dar und zieht aus der Versagtheit der Entwicklung dieser eine Bedeutung und Pointiertheit, einen Ton von Erlesenheit und gesammelter Kraft, die sie, über die von ihr direkt erfüllte Provinz unseres Wesens hinaus, zum Brennpunkt und Vertreter seines Gesamtumfanges macht.

In diesen allgemeinen Typus der Wertbildung mag sich das Geld zunächst einreihen.

Es ist sicher richtig, daß die sonstigen Werte des Geldstoffes außer Funktion treten müssen, damit dieser eben Geld werde; allein der Wert, den er als solches besitzt, und der ihn als solches funktionieren läßt, kann von denjenigen Verwertungsmöglichkeiten bestimmt werden, auf die er verzichten muß.

Wie in allen (> 133) eben behandelten Fällen setzt sich der empfundene Wert der verwirklichten Funktion aus ihrem positiven Inhalt und der mitwirkenden Verneintheit jeder anderen, über deren Opfer sie sich erhebt, zusammen.

Nicht daß diese anderen Funktionen wirken, sondern daß sie nicht wirken, ist hier das Wirksame.

Wenn dies den Wert eines Objektes bestimmt, daß um seinetwillen ein Opfer gebracht wird, so liegt der Wert der Geldsubstanz als solcher darin, daß ihre gesamten Verwendungsmöglichkeiten aufgeopfert werden müssen, damit sie Geld sei.

Diese Wertungsart muß natürlich zweiseitig wirksam sein, d. h. der Geldstoff muß auch eine Werterhöhung seiner sonstigen Nutzbarkeiten durch den Verzicht auf seine Verwertung als Geld erfahren.

Wenn der Wampum der Indianer aus Muschelschalen bestand, die als Geld dienten, aber auch als Gürtel zum Schmuck getragen wurden, so finden sich diese Funktionen offenbar in reiner Wechselwirkung: auch die Bedeutung der Muscheln als Schmuck hat ganz sicher einen besonderen Oberton von Vornehmheit dadurch erhalten, daß man um ihretwillen auf die unmittelbar mögliche Verwendung als Geld verzichtete.

Man kann diesen ganzen Typus als einen Fall des Seltenheitswertes ansehen.

Gewöhnlich wird derselbe nur so dargestellt, daß ein Objekt einem gewissen Bedürfnis entspricht, das an mehr Individuen oder in stärkerer Intensität vorhanden ist, als das gegebene Quantum des Objekts zu decken vermag.

Wenn hier nun die verschiedenen Bedürfnisse, denen das gleiche Objekt dienen kann, um dasselbe konkurrieren - sei es innerhalb desselben Individuums, sei es zwischen mehreren Individuen - so gründet sich doch auch dieses natürlich auf die Beschränktheit des Vorrats, die nicht gestattet, daß jedes dieser Bedürfnisse sein Genüge finde.

Wenn der Verkehrswert etwa des Getreides darauf zurückgeht, daß nicht genug Getreide da ist, um jeden Hunger ohne weiteres zu stillen, so der des Geldstoffes darauf, daß nicht genug davon vorhanden ist, um damit außer dem Bedürfnis nach Geld noch alle anderen auf ihn gerichteten zu befriedigen.

So weit entfernt also, daß der Verzicht auf anderweitige Verwertung das Metall als Geld auf eine Wertstufe mit sonst völlig unverwertbaren Stoffen herabsetzte, sehen wir jetzt gerade, daß die möglichen, aber unverwirklichten Verwertungen zu dem Wert, den es als Geld hat, aufs erheblichste mitwirken.

Noch unmittelbarer als die so widerlegte Meinung von der Wertlosigkeit des Geldstoffes will auch die folgende uns glauben machen, daß das Geld kein Wert sein kann.

Denkt man sich eine absolut mächtige Persönlichkeit, der innerhalb eines bestimmten Kreises despotisches Verfügungsrecht über alles zustünde, worauf ihr Wunsch (> 134) erweise nicht, so scheint zu folgen, daß das Geld wirklich nur eine reine Vertretung realer Werte ist, deren es deshalb nicht mehr bedarf, sobald uns eben diese auch ohne jenes zugängig sind.

Dieser einfache Gedanke setzt indes voraus, was er beweisen will: daß das Geldsubstrat keinen eigenen, neben seiner Geldfunktion noch gültigen Wert habe.

Denn hätte es einen solchen, so sich richtet - wie man von Häuptlingen in der Südsee sagt, daß sie »nicht stehlen können«, weil ihnen von vornherein alles gehört -, so würde ein solches Wesen niemals Veranlassung haben, sich auch das Geld dieses Kreises anzueignen, da es ja alles dessen, was es für Geld haben könnte, sich auch ohnedies unmittelbar bemächtigen darf.

Wäre das Geld ein Wert, der zu den sonst vorhandenen Werten hinzukäme, so würde sich sein Wunsch darauf so gut wie auf diese anderen richten können.

Geschieht das nun in dem hier fingierten Fall einleuchtenderweise nicht, so scheint zu folgen, daß das Geld wirklich nur eine reine Vertretung realer Werte ist, deren es deshalb nicht mehr bedarf, sobald uns eben diese auch ohne jenes zugängig sind.

Dieser einfache Gedanke setzt indes voraus, was er beweisen will: daß das Geldsubstrat keinen eigenen, neben seiner Geldfunktion noch gültigen Wert habe.

Denn hätte es einen solchen, so könnte es auch von jenem Machthaber begehrt werden, freilich nicht um seiner Bedeutung als Geld, sondern um seines anderweitigen, nämlich substanziellen Wertes willen.

Fehlt dagegen dieser Wert von vornherein, so braucht sein Fehlen nicht nochmals bewiesen zu werden.

Über diese logische Unzulänglichkeit hinaus macht aber der Fall allerdings die eigentümliche Wertart des Geldes klar.

Den Wert, den das Geld als solches besitzt, hat es als Tauschmittel erworben; wo es also nichts zu tauschen gibt, hat es auch keinen Wert.

Denn ersichtlich steht seine Bedeutung als Aufbewahrungs- und Transportmittel nicht in derselben Linie, sondern ist ein Derivat seiner Tauschfunktion, ohne welche es jene anderen Funktionen niemals üben könnte, während sie selbst von diesen unabhängig ist.

Sowenig für denjenigen, dem aus irgendeinem Grunde die für Geld erlangbaren Güter wertlos sind, das Geld noch einen Wert hat, so wenig für denjenigen, der kein Geld braucht, um jene zu erlangen.

Kurz, das Geld ist Ausdruck und Mittel der Beziehung, des Aufeinanderangewiesenseins der Menschen, ihrer Relativität, die die Befriedigung der Wünsche des einen immer vom anderen wechselseitig abhängen läßt; es findet also da keinen Platz, wo gar keine Relativität stattfindet - sei es, weil man von den Menschen überhaupt nichts mehr begehrt, sei es, weil man in absoluter Höhe über ihnen - also gleichsam in keiner Relation zu ihnen -steht und die Befriedigung jedes Begehrens ohne Gegenleistung erlangen kann.

So angesehen verhielte sich die Welt des Geldes zu der der konkreten Werte wie Denken und Ausdehnung bei Spinoza: eine kann überhaupt nicht in die andere eingreifen, weil jede schon für sich und in ihrer Sprache die ganze Welt ausdrückt; d. h. die Summe der Werte überhaupt besteht nicht aus der Summe der Werte der Dinge plus der Summe des Wertes (> 135) des Geldes, sondern es besteht ein gewisses Wertquantum, das einerseits in jener Form, andrerseits in dieser realisiert ist.

Wäre das Geld völlig auf diesen Wert reduziert, und hätte es jede Koordination mit den Dingen, die an und für sich wertvoll sind, abgestreift, so würde es damit im Ökonomischen jene höchst merkwürdige Vorstellung verwirklichen, die der platonischen Ideenlehre zum Grunde liegt.

Die tiefe Unbefriedigung an der erfahrbaren Welt, an die wir dennoch gefesselt sind, bewog Plato, ein überempirisches, über Raum und Zeit erhabenes Reich der Ideen anzunehmen, das das eigentliche, in sich befriedigte, absolute Wesen der Dinge in sich enthielte.

Zu dessen Gunsten wurde die irdische Wirklichkeit einerseits von allem wahrhaften Sein und aller Bedeutung entleert; andrerseits aber strahlte doch von diesen etwas auf sie zurück, wenigstens als blasser Schatten jenes leuchtenden Reiches des Absoluten hatte sie teil an ihm und gewann auf diesem Umwege schließlich doch noch eine Bedeutsamkeit, die ihr an und für sich versagt war.

Dieses Verhältnis findet nun tatsächlich eine Wiederholung oder Bestätigung im Gebiete der Werte.

Die Wirklichkeit der Dinge, wie sie vor dem bloß erkennenden Geiste steht, weiß - so stellten wir am Anfang dieser Untersuchungen fest - nichts von Werten; sie rollt in jener gleichgültigen Gesetzmäßigkeit ab, die so oft das Edelste zerstört und das Niedrigste schont, weil sie eben nicht nach Rangordnungen, Interessen und Werten verfährt.

Dieses natürliche objektive Sein unterstellen wir nun einer Hierarchie der Werte, wir schaffen eine Gliederung innerhalb seiner nach gut und schlecht, edel und gering, kostbar und wertlos - eine Gliederung, von der jenes Sein selbst in seiner greifbaren Wirklichkeit gar nicht berührt wird, von der ihm aber doch alle Bedeutung kommt, die es für uns haben kann, und die wir, bei aller Klarheit über ihren menschlichen Ursprung, doch in vollem Gegensatz zu aller bloßen Laune und subjektivem Belieben empfinden.

Der Wert der Dinge - der ethische wie der eudämonistische, der religiöse wie der ästhetische - schwebt über ihnen wie die platonischen Ideen über der Welt: wesensfremd und eigentlich unberührbar, ein nach eigenen inneren Normen verwaltetes Reich, das aber doch jenem anderen sein Relief und seine Farben zuteilt.

Der ökonomische Wert entsteht nun in Ableitung von jenen primären, unmittelbar empfundenen Werten, indem die Gegenstände derselben, insoweit sie austauschbar sind, gegeneinander abgewogen werden.

Innerhalb dieses Gebietes aber, gleichviel, wie es sich konstituiert hat, nimmt der ökonomische Wert dieselbe eigenartige Stellung zu den einzelnen Objekten ein, die dem Wert überhaupt zukommt: es ist eine Welt für sich, die die Konkretheit der Objekte nach eigenen, (> 136) in diesen selbst nicht gelegenen Normen gliedert und rangiert; die Dinge, nach ihrem ökonomischen Werte geordnet und verzweigt, bilden einen ganz anderen Kosmos, als ihre naturgesetzliche, unmittelbare Realität es tut.

Wenn das Geld nun wirklich nichts wäre, als der Ausdruck für den Wert der Dinge außer ihm, so würde es sich zu diesen verhalten wie die Idee, die sich Plato ja auch substanziell, als metaphysisches Wesen vorstellt, zu der empirischen Wirklichkeit.

Seine Bewegungen: Ausgleichungen, Häufungen, Abflüsse - würden unmittelbar die Wertverhältnisse der Dinge darstellen.

Die Welt der Werte, die über der wirklichen Welt, scheinbar zusammenhangslos und doch unbedingt beherrschend, schwebt, würde im Geld die »reine Form« ihrer Darstellung gefunden haben.

Und wie Plato die Wirklichkeit, aus deren Beobachtung, und Sublimierung die Ideen zustande gekommen sind, dann doch als eine bloße Abspiegelung eben dieser deutet, so erscheinen die wirtschaftlichen Verhältnisse, Abstufungen und Fluktuationen der konkreten Dinge als Derivat ihres eigenen Derivates: nämlich als Vertretungen und Schatten der Bedeutung, die ihren Geldäquivalenten zukommt.

Keine andere Gattung von Werten befindet sich in dieser Hinsicht in einer günstigeren Lage, als es die ökonomischen Werte tun.

Wenn sich der religiöse Wert in Priestern und Kirchen, der ethisch-soziale in den Verwaltern und sichtbaren Institutionen der Staatsgewalt, der Erkenntniswert in den Normen der Logik verkörpert, so steht keines von diesen losgelöster über den konkreten wertvollen Gegenständen oder Vorgängen, keines ist mehr der bloß abstrakte Träger des Wertes und nichts weiter, kaum in einem geht die Gesamtheit der fraglichen Wertprovinz in so treuer Abspiegelung auf.

Dieser Charakter des reinen Symbols der ökonomischen Werte ist das Ideal, dem die Entwicklung des Geldes zustrebt, ohne ihn je völlig zu erreichen.

Es steht ursprünglich - das muß unbedingt festgehalten werden - in einer Reihe mit allen anderen Wertobjekten, und sein konkreter Substanzwert tritt in Abwägung gegen diese.

Mit dem steigenden Bedürfnis nach Tauschmitteln und Wertmaßstäben wird es immer mehr aus einem Gliede von Wertgleichungen zu dem Ausdruck derselben und insofern von dem Werte seines Substrates immer unabhängiger.

Dennoch kann es einen Rest von substanziellem Werte nicht abstreifen, und zwar nicht eigentlich aus inneren, aus seinem Wesen folgenden Gründen, sondern wegen gewisser Unvollkommenheiten der ökonomischen Technik.

Die eine betrifft das Geld als Tauschmittel.

Der Ersatz des Eigenwertes des Geldes durch eine bloß symbolische Bedeutung kann, wie wir gesehen haben, daraufhin erfolgen, daß die Proportion zwischen der einzelnen Ware und dem (> 137) augenblicklich ökonomisch wirksamen Gesamtwarenquantum unter bestimmten Modifikationen gleich ist derjenigen zwischen einer Geldsumme und dem augenblicklich ökonomisch wirksamen Gesamtgeldquantum; daß die Nenner dieser Brüche nur praktisch, aber nicht bewußt wirksam sind, da nicht sie, sondern nur die wechselnden Zähler von realem, den wirklichen Verkehr bestimmendem Interesse sind; und daß deshalb in diesem Verkehr eine unmittelbare Gleichung zwischen der Ware und der Geldsumme stattzufinden scheint, die freilich auf einer ganz anderen Basis ruht als die primäre Gleichung zwischen dem Objekt und dem Substanzwert des Geldes, welch letztere allmählich in jene übergeht.

Wenn diese Entwicklung selbst zugegeben wird, so stehen doch jedenfalls die aus den betreffenden Gesamtwertsummen bestehenden Faktoren zwischen äußerst schwankenden Grenzen, der instinktiv gewonnene Überschlag, in dem sie wirken, kann immer nur ein sehr ungenauer sein.

Vielleicht ist dies ein Grund, weshalb auf eine unmittelbare Wertausgleichung zwischen Waren und Geld nicht völlig verzichtet werden kann.

Das Stückchen eigenen, materialen Wertes, das im Geld steckt, ist der Halt und die Ergänzung, deren wir bedürfen, weil unsere Erkenntnis zu der genauen Bestimmung jener Proportion nicht ausreicht, bei der allerdings eine Wesensgleichheit zwischen dem Gemessenen und dem Maße, d. h. ein Eigenwert des Geldes sich erübrigen würde.

Solange aber empfunden wird und an der Praxis des Wirtschaftens sich zeigt, daß die dieses bedingende Proportion keine Genauigkeit besitzen kann, bedarf das Messen noch einer gewissen qualitativen Einheit des Wertmaßstabes mit den Werten selbst.

Es ist vielleicht nicht uninteressant, sich einen entsprechenden Fall aus der ästhetischen Verwertung der Edelmetalle klarzumachen.

Von der Londoner Ausstellung von 1851 berichtete ein Kenner über den Unterschied englischer und indischer Gold- und Silberarbeiten: bei den englischen scheine der Fabrikant sich bemüht zu haben, eine möglichst große Menge Metalls in ein Minimum von Formung hineinzupressen; bei den indischen aber sei »das Emaillieren, Tauschieren, Durchbrechen usw. so zur Anwendung gebracht, daß auf das geringst mögliche Metallquantum die größtmögliche Menge vollendet geschickter Arbeit kommt«.

Dennoch ist es für die ästhetische Bedeutung auch dieser letzteren sicher nicht gleichgültig, daß das wenige Metall, in dem sich die Formen ausdrücken, eben doch Edelmetall ist.

Auch hier ist die Form, d. h. das bloße Verhältnis der Substanzteile zueinander, über die Substanz und ihren Eigenwert Herr geworden.

Aber wenn das auch so weit getrieben werden mag, daß die Metallmasse nur noch verschwindenden Wert hat, so muß dieses Minimum, damit der (> 138) Gegenstand im höchsten Maße schmücke und ästhetisch erfreue, immerhin noch ein edler Stoff sein.

Sein eigentlicher Materialwert steht hier freilich nicht mehr in Frage, sondern nur dies, daß überhaupt nur der edelste Stoff der adäquate Träger für ein vollendetes formales Verhältnis der Teile ist.

Es liegt übrigens auf der Hand, daß jene Zurückführung des Materialwertes beim Geld auf ein Ergänzungs- und Festigungsprinzip gegenüber den nicht hinreichend zu sichernden bloßen Relationen nur eine Deutung von Prozessen ist, die völlig unterhalb des Bewußtseins der Wirtschaftenden selbst vorgehen.

Die wirtschaftlichen Wechselwirkungen verlaufen eben überhaupt in so wunderbarer Zweckmäßigkeit, in so fein organisiertem Ineinandergreifen unzähliger Elemente, daß man einen überschauenden, nach überindividueller Weisheit schaltenden Geist als Lenker derselben annehmen müßte, wenn man nicht auf die unbewußte Zweckmäßigkeit des menschlichen Gattungslebens zurückgreifen wollte.

Bewußtes Wollen und Voraussehen des einzelnen würde nicht ausreichen, das wirtschaftliche Getriebe in derjenigen Harmonie zu halten, die es neben all seinen furchtbaren Dissonanzen und Unzulänglichkeiten aufweist; es müssen vielmehr unbewußte Erfahrungen und Berechnungen angenommen werden, die sich im geschichtlichen Verlauf der Wirtschaft summieren und denselben regulieren.

Immerhin darf man nicht vergessen, daß unbewußte Vorstellungen keine zulängliche Erklärung, sondern nur ein Hilfsausdruck sind, der sich eigentlich auf einem Trugschluß aufbaut.

Gewisse Handlungen und Gedanken entspringen in uns auf Grund bestimmter Vorstellungen, Schlußreihen usw.

Sobald nun aber jene ohne diese Antezedentien in uns auftauchen, so schließen wir, daß eben dieselben, nur in unbewußter Form, dennoch dagewesen wären. Dies aber ist zweifellos logisch unberechtigt.

Die bloß negative Tatsache, daß wir uns in diesem Falle keiner begründenden Vorstellungen bewußt sind, drehen wir unter der Hand in die positive um, daß unbewußte Vorstellungen vorhanden sind.

Tatsächlich wissen wir über solche, ein psychisches Resultat ohne begründende Bewußtseinsvorgänge darbietende Vorgänge gar nichts Näheres, und die unbewußten Vorstellungen, Erfahrungen, Schlüsse sind nur der Ausdruck dafür, daß jene so verlaufen, als ob bewußte Motive und Ideen ihnen zum Grunde lägen.

Dem Erklärungstrieb bleibt aber vorläufig nichts übrig, als diese aufzusuchen und als - unbewußt - wirkende Ursachen zu behandeln, so sehr sie ein bloßes Symbol des wirklichen Verlaufes sind.

Bei dem jetzigen Stande des Wissens ist es unvermeidlich und deshalb legitim die Wertbildungen, ihre Fixie(> 139)rungen und Fluktuierungen als unbewußte Vorgänge nach den Normen und Formen der bewußten Vernunft zu deuten.

Die zweite Veranlassung dazu, das Geld nicht in seinem Symbolcharakter völlig aufgehen zu lassen, liegt mehr nach seiner Bedeutung als Element des Verkehrs hin.

So sehr die Tauschfunktionen des Geldes, abstrakt betrachtet, durch ein bloßes Zeichengeld erfüllt werden könnten, so würde doch keine menschliche Macht es mit den hinreichenden Garantien gegen die dann naheliegenden Mißbräuche umgeben können.

Die Tausch- wie die Meßfunktion jedes Geldes ist offenbar an eine bestimmte Begrenzung seiner Quantität, an seine »Seltenheit«, wie man zu sagen pflegt, gebunden.

Gilt nämlich jene Proportion zwischen dem Einzelquantum und dem Gesamtquantum von Waren und Geld, so scheint sie freilich bei jeder beliebigen Vermehrung des letzteren unverändert und mit gleicher Bedeutung für die Preisbildung weiterbestehen zu können.

Der Geldbruch zeigte dann nur bei der Vergrößerung des Nenners auch die proportionale Vergrößerung des Zählers, ohne seinen Wert zu ändern.

Allein tatsächlich findet bei sehr erheblicher Geldvermehrung diese Proportionalität der Änderung nicht statt.

Während vielmehr in Wirklichkeit der Nenner des Geldbruches sich sehr vergrößert, bleibt zunächst, und bis alle Verkehrsverhältnisse sich der neuen Grundlage angepaßt haben, der Zähler derselbe.

Der Preis also, der aus der absoluten Größe des letzteren besteht, ist vorläufig ungeändert, während er relativ, d. h. während der Geldbruch, viel kleiner wird.

Infolgedessen ist der Besitzer der neuen Geldmassen, zunächst also etwa die Regierung, in einer außerordentlich begünstigten Lage allen Warenverkäufern gegenüber, worauf dann unvermeidlich Reaktionen voll schwerster Erschütterungen des Verkehrs eintreten müssen, und zwar besonders von dem Augenblick an, wo die Einnahmen der Regierung selbst in dem entwerteten Gelde eingehen.

Der Zähler des Geldbruches - der Preis der Waren - hebt sich natürlich erst dann proportional, wenn der übermäßige Geldvorrat der Regierung im wesentlichen ausgegeben ist.

Sie findet sich also den erhöhten Preisen ihrer Bedürfnisse wieder mit einem gesenkten Geldvorrat gegenüber, eine Situation, in der die Versuchung, ihr durch eine neue Emission von Geld zu begegnen, meist unwiderstehlich ist und das Spiel von neuem beginnen läßt.

Ich führe dies nur als Typus der zahlreichen und so oft behandelten Mißerfolge willkürlicher Papiergeldemissionen an. Solche liegen aber verführerisch nahe, sobald nicht eine feste Bindung des Geldes an eine Substanz da ist, deren Vermehrung eine begrenzte ist.

Ja, eine äußerlich gegenteilige Erscheinung beweist (> 140) dies um so entschiedener.

Im 16. Jahrhundert schlug ein französischer Staatsmann vor, man solle doch künftig das Silber nicht mehr als Geld verwenden, sondern die Münzen aus Eisen prägen - und zwar von dem Gesichtspunkt aus, daß die Masseneinfuhr des Silbers aus Amerika diesem Metall seine Seltenheit raubte.

Nähme man dagegen ein Metall, das ausschließlich durch die staatliche Prägung überhaupt einen Wert erhält, so läge darin eine größere Garantie für die erforderliche Eingeschränktheit des Geldquantums; während, wenn jeder Besitzer von Silber damit unmittelbar auch Geld habe, es an jeder Grenze für seine Masse fehle.

Dieser merkwürdige Vorschlag zeigt also ein sehr klares Gefühl dafür, daß Edelmetall nicht als solches der geeignete Geldstoff ist, sondern nur insofern es der Geldherstellung die unentbehrliche Grenze steckt; so daß, wenn es dies zu tun aufhört, irgendein anderes Substrat, zu dessen Einschränkbarkeit man größeres Vertrauen hat, an seine Stelle zu treten hat wie es denn überhaupt nur bestimmte funktionelle Qualitäten der Edelmetalle sind, die ihnen den Vorzug als Zirkulationsmittel verschaffen, und, wenn diese ihnen einmal aus irgendeinem Grunde fehlen, ein anderes in diesen Hinsichten besser qualifiziertes Umlaufsmittel an ihre Stelle tritt: in Genua trieb im Jahre 1673 eingestandenermaßen die elende Beschaffenheit und unberechenbare Verschiedenheit der einströmenden Münzen dazu, den Verkehr auf Wechsel und Anweisungen zu basieren.

Wir wissen heute nun freilich, daß nur die Edelmetalle oder sogar nur das Gold die Garantie für die erforderlichen Qualitäten, insbesondere für die Quantitätsbeschränkung gibt, und daß Papiergeld der Gefahr des Mißbrauchs durch willkürliche Vermehrung nur durch ganz bestimmte Bindungen an Metallwert entgeht, die entweder durch Gesetz oder durch die Wirtschaft selbst fixiert sind.

Wie wirksam die Zweckmäßigkeit dieser Einschränkung ist - so daß sie sogar über den primären individuellen Nutzen völlig Herr werden kann - zeigt z. B. die folgende Erscheinung.

Während des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten war in den westlichen Staaten die Zirkulation des Papiergeldes - der Greenbacks -tatsächlich ausgeschlossen; obgleich sie gesetzliches Zahlungsmittel waren, wagte niemand, ein in Gold empfangenes Darlehen in ihnen zurückzuzahlen, wobei er einen Gewinn von 150% gemacht hätte.

Ähnlich ging es sogar anfangs des 18. Jahrhunderts mit Schatzbons, die die französische Regierung in großer Geldnot ausgab.

Obgleich sie durch Gesetz bestimmte, daß von jeder Zahlung ein Viertel in diesen Bons geleistet werden dürfe, so fielen sie dennoch sehr bald auf einen ganz geringen Bruchteil ihres Nominalwertes.

Solche Fälle beweisen, wie sehr die Ge-(> 141)setze des Verkehrs selbst die Bedeutung des Metallgeldes konservieren. Und zwar können sie das keineswegs nur nach dem Typus der angeführten Beispiele.

Als die Bank von England zwischen 1796 und 1819 ihre Noten nicht mehr einlöste, betrug schließlich die Entwertung derselben gegen Gold nur 3-5%; aber die Warenpreise erhöhten sich infolgedessen um 2o-5o%!

Und wo ein Zwangskurs ausschließlich Papier und Scheidemünze im Verkehr läßt, sind die schwersten Schädigungen nur dadurch zu vermeiden, daß das Agio für längere Perioden immer nur minimale Schwankungen zeigt, was eben seinerseits nur durch genaue Eingrenzung der Papiergeldemissionen möglich ist.

Diese unentbehrliche regulierende Bedeutung aber hat das Gold und hatte früher auch das Silber nicht wegen seiner Wertgleichheit mit den Gegenständen, deren Austausch es vermittelt, sondern wegen seiner relativen Seltenheit, die die Überschwemmung des Marktes mit Geld und damit die fortwährende Zerstörung derjenigen Proportion verhindert, auf der die Äquivalenz einer Ware mit einem bestimmten Geldquantum beruht.

Und zwar findet die Zerstörung dieser Proportion von beiden Seiten her statt.

Die übermäßige Geldvermehrung erzeugt im Volke einen Pessimismus und Argwohn, infolgedessen man soweit wie möglich des Geldes zu entraten und auf Naturaltausch oder Obligation zurückzugreifen sucht.

Indem dies die Nachfrage nach Geld vermindert, sinkt für das kursierende der Wert, der eben in der Nachfrage liegt. Da nun die geldemittierende Instanz dieser Wertverringerung durch gesteigerte Vermehrung entgegenarbeiten wird, so müssen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderklaffen und der circulus vitiosus der angedeuteten Gegenwirkungen den Wert solchen Geldes immer tiefer senken.

Auch kann das Mißtrauen gegen die durch die staatliche Prägung erzeugte Wertung des Geldsubstrats - gegenüber der Zuverlässigkeit des reinen Metallwertes ? die Form annehmen, daß in der späteren römischen Republik die Münze eigentlich nur im Detailverkehr zirkulierte, der Großverkehr dagegen sich überwiegend des Geldes nach Gewicht bediente; nur so glaubte er gegen politische Krisen, Parteiinteressen und Regierungseinflüsse gesichert zu sein.

Nach alledem scheint es freilich, als wären die Unzuträglichkeiten einer durch nichts begrenzten Geldvermehrung nicht eigentlich ihr selbst, sondern nur der Art ihrer Verteilung zuzuschreiben. Nur weil das aus dem Nichts geschaffene Geld sich zunächst in einer Hand befindet und sich von da aus in ungleichmäßiger und unzweckmäßiger Weise verbreitet, entstehen jene Erschütterungen, Hypertrophien und Stockungen; sie scheinen vermeidlich, wenn man einen Modus fände, (> 142) der die Geldmassen entweder gleichmäßig oder nach einem bestimmten Gerechtigkeitsprinzip zur Verteilung brächte.

So ist behauptet worden, daß, wenn plötzlich jeder Engländer in seiner Tasche das Geld verdoppelt fände, dadurch zwar eine entsprechende Erhöhung aller Preise eintreten, dieselbe aber niemandem einen Vorteil bringen würde; der ganze Unterschied wäre, daß man die Pfunde, Schillinge und Pence in höheren Ziffern zu rechnen hätte.

Damit würde nicht nur der Einwand gegen das Zeichengeld fortfallen, sondern nun würde der Vorteil der Geldvermehrung hervortreten, der sich auf die empirische Tatsache gründe, daß mehr Geld immer auch mehr Verkehr, Behagen, Macht und Kultur bedeutet habe.

So wenig nun die Erörterung dieser, auf ganz unrealisierbaren Voraussetzungen ruhenden Konstruktionen um ihrer selbst willen lohnt, so führt sie doch über die Erkenntnis realer Verhältnisse, die es bewirken, daß die allmähliche Auflösung des Substanzwertes des Geldes niemals ihren Endpunkt völlig erreichen kann.

Nehmen wir jenen idealen Zustand als gegeben an, in dem die Vermehrung des Geldes wirklich die gleichmäßige Erhöhung jedes individuellen Besitzes bewirkt habe, so widerspricht die eine Folgerung: daß alles beim alten bleibt, da alle Preise gleichmäßig in die Höhe gingen - der anderen, die der Vermehrung des Geldes eine Belebung und Erhöhung des gesamten Verkehrs zuschreibt.

Denn die Vorstellung liegt zwar verlockend nahe, - die Verhältnisse der Individuen untereinander, d. h. die soziale Position eines jeden zwischen dem darüber und dem darunter Stehenden würden in diesem Falle ungeändert bleiben; dagegen die objektiven Kulturgüter würden in lebhafterer, intensiverer und extensiverer Weise produziert werden, so daß schließlich die Lebensinhalte und -genüsse jedes Einzelnen, absolut (genommen, mit dem sozialen Gesamtniveau gestiegen wären, ohne daß sich in den Reichtums- oder Armutsverhältnissen ebendesselben, die sich nur durch seine Relation zu anderen bestimmen, etwas geändert hätte.

Man könnte darauf hinweisen, daß die moderne geldwirtschaftliche Kultur schon jetzt eine Reihe von Gütern -öffentliche Einrichtungen, Bildungsmöglichkeiten, Unterhaltsmittel usw. dem Armen zugängig gemacht hat, die früher sogar der Reiche entbehren mußte, ohne daß dadurch die relative Stellung beider zugunsten des ersteren verschoben wäre.

Diese Möglichkeit: daß die proportional ausgeteilte GeIdvermehrung die objektive Kultur, also auch den Kulturinhalt des einzelnen Lebens ' absolut genommen, vermehre, während die Verhältnisse der Individuen untereinander ungeändert bleiben - ist an sich gewiß der Erörterung wert.

Sieht (> 143) man aber genau zu, so ist jener sachliche Erfolg doch gar nicht anders zu realisieren, als daß die Geldvermehrung - wenigstens zunächst - vermittels einer ungleichmäßigen Verteilung wirkt.

Das Geld, ein ausschließlich soziologisches, in Beschränkung auf ein Individuum ganz sinnloses Gebilde, kann irgendeine Veränderung gegen einen gegebenen Status nur als Veränderung der Verhältnisse der Individuen untereinander bewirken.

Die gesteigerte Lebhaftigkeit und Intensität des Verkehrs, die einer Geldplethora folgt, geht darauf zurück, daß mit ihr die Sehnsucht der Individuen nach mehr Geld gesteigert wird.

Der Wunsch, von dem Geld der anderen möglichst viel in die eigene Tasche zu leiten, ist zwar ein chronischer, er wird aber offenbar nur dann akut genug, um den Einzelnen zu besonderer Kraftanspannung und Emsigkeit zu führen, wenn diesem sein Minderbesitz anderen gegenüber besonders scharf und dringend ins Bewußtsein tritt; in welchem Sinne man sagt: les affaires - c'est l'argent des autres.

Wenn die Voraussetzung jener Theorie einträte: daß die Vermehrung des Geldquantums die Relationen der Menschen zueinander und der Warenpreise zueinander völlig ungeändert ließe, so würde es zu solcher Anstachelung der Arbeitsenergien nicht kommen.

Auch wird jene zauberhafte Verdoppelung der Geldquanten nur dann keine Veränderung der Relationen mit sich bringen, wenn sie nicht auf eine bestehende Verschiedenheit der Besitze trifft.

Denn die Verdoppelung z. B. dreier Einkommen von 1'000, 10'000 und 100'000 Mark verschiebt auch das Verhältnis ihrer Besitzer gegen den vorigen Stand sehr erheblich, da für die zweiten 1'000 usw. Mark doch nicht bloß das Doppelte der für die ersten 1'000 usw. Mark beschafften Dinge gekauft wird. Es würde vielmehr auf der einen Seite etwa nur zu einer Verbesserung der Nahrung, auf der zweiten zu einer Verfeinerung der ästhetischen Kultur, auf der dritten zu größeren Spekulationswagnissen kommen.

Unter der Voraussetzung vorangängiger absoluter Gleichheit würden allerdings die subjektiven Niveaus ungeändert bleiben, aber auch das objektive - während anderenfalls dieses letztere in unberechenbarer Weise alteriert würde und jedenfalls jenen gerühmten Aufschwung nur dann zeigen würde, wenn die Unterschiede im Besitz der Einzelnen entschiedener als vorher bestehen oder empfunden werden.

Noch näher aber an unser Ziel reichen die Überlegungen heran, die sich an die sachliche Seite jener Theorie knüpfen: daß die Verdoppelung jedes Geldbesitzes deshalb alles ungeändert ließe, weil damit sogleich auch für alle Warenpreise gleichmäßige Verdoppelung eintreten würde.

Allein diese Begründung ist irrig und übersieht eine eigentümliche, tief einschneidende Bestimmtheit des Geldes, die (> 144) man seinen relativen Elastizitätsmangel nennen könnte: sie besteht darin, daß ein neues, innerhalb eines Wirtschaftskreises verteiltes Geldquantum die Preise nicht nach ihren bisher bestehenden Proportionen erhöht, sondern neue Preisverhältnisse zwischen ihnen schafft, und zwar auch ohne daß die Macht individueller Interessenten diese Verschiebung bewirkt.

Sie beruht vielmehr auf den Folgen der Tatsache, daß der Geldpreis einer Ware, trotz seiner Relativität und seiner inneren Zusammenhangslosigkeit mit der Ware, dennoch bei längerem Bestehen eine gewisse Festigkeit annimmt und daraufhin als das sachlich angemessene Äquivalent erscheint.

Wenn der Preis eines Gegenstandes lange Zeit hindurch sich auf einem bestimmten Durchschnittsniveau innerhalb bestimmter Schwankungsgrenzen gehalten hat, so pflegt er diese Höhe auf Grund einer Änderung des Geldwertes nicht zu verlassen, ohne irgendeinen Widerstand zu leisten.

Die Assoziation - nach Begriffen wie nach Interessen - zwischen dem Gegenstand und seinem Preise ist psychologisch so fest geworden, daß weder der Verkäufer dessen Sinken, noch der Käufer dessen Steigen mit jener Leichtigkeit zugeben, die selbstverständlich sein müßte, wenn der Ausgleich zwischen Geldwert und Warenwert wirklich durch denselben hemmungslosen Mechanismus erfolgte, durch den das Thermometer je nach der Lufttemperatur steigt oder sinkt, ohne die Genauigkeit der Proportion zwischen Ursache und Wirkung durch eine Verschiedenheit des Widerstandes zu stören, den es der einen Bewegung mehr als der anderen entgegensetze.

Auch wenn man plötzlich noch einmal so viel Geld in der Tasche hat als kurz vorher, ist man doch nicht geneigt, nun ebenso plötzlich für jede Ware das Doppelte wie vorher aufzuwenden; man wird allerdings vielleicht, im Übermut des neuen Besitzes, dessen Bedeutung man unvermeidlich nicht nach dem neuen, sondern nach dem von früher gewohnten Maßstab schätzt, nach dem Preise überhaupt nicht fragen.

Allein das Überschreiten des jetzt Angemessenen zeigt nicht weniger als das Dahinter-Zurückbleiben, daß von einer proportionalen Regulierung der Preise wenigstens in der ersten Zeit der Geldplethora nicht die Rede sein kann, daß in diese Regulierung vielmehr die festgewordene Assoziation zwischen der Ware und dem gewohnten Preisspielraum immerzu ablenkend eingreift.

Ferner wird sich die Nachfrage nach den Waren bei einer, wenn auch alle Wirtschaftenden gleichmäßig treffenden Herab- oder Heraufsetzung ihres Geldbesitzes sehr verschieben.

Im ersteren Falle werden z. B. bisher ziemlich gleichmäßig verkäufliche Objekte bis zu einem gewissen Maß des Umfanges oder der Überflüssigkeit noch für die Hälfte des Preises abzusetzen sein, jenseits jener Grenze aber überhaupt keinen (> 145) Abnehmer mehr finden.

Andrerseits, im Falle allseitiger Geldvermehrung, wird eine stürmische Nachfrage nach Gütern entstehen, die für die breiten Massen das bisherige Ziel ihrer Wünsche waren, also denjenigen, die unmittelbar oberhalb des Niveaus ihrer bisherigen Lebenshaltung liegen; weder für die primitivsten Bedürfnisse - deren Verbrauchsmenge physiologisch begrenzt ist -noch für die feinsten und höchsten - die immer nur für kleine, sehr langsam vergrößerbare Kreise von Bedeutung sind - würde sich die Nachfrage erheblich steigern.

Die Preiserhöhung würde also jene mittleren Güter in extremer Weise treffen, auf Kosten der anderen, in ihren Preisen relativ verharrenden; von einer proportionalen Verteilung des Geldzuflusses auf alle Preise könnte nicht die Rede sein.

Prinzipiell ausgedrückt: die Lehre von der Gleichgültigkeit des absoluten Quantums vorhandenen Geldes, die sich auf die Relativität der Preise stützt, ist deshalb unrichtig, weil diese Relativität in der praktischen Preisbildung nicht vollständig besteht, sondern von einer psychologischen Verfestigung und Verabsolutierung der Preise in Hinsicht bestimmter Waren fortwährend durchbrochen wird.

Nun wird man vielleicht diesen Bedenken gegen die Harmlosigkeit der durch keine äußere Schranke begrenzten Geldvermehrung entgegenhalten, daß sie doch nur die Übergangszeiten zwischen je zwei Anpassungen des Preisniveaus beträfen.

Ihre Voraussetzung ist ja gerade, daß der ganze Prozeß von einer nach den Quantitätsverhältnissen von Waren und Geld bestimmten Proportionalität der Preise ausgeht.

Eben diese muß doch aber auch auf einem anderen Niveau herstellbar sein, und so gut wie die Schwankungen, die jener früheren vorausgingen, einmal beseitigt worden sind, können es auch die später entstehenden.

Jene Bedenken gelten nur der Veränderung des Zustandes, aber nicht dem veränderten Zustand, den man nicht für die Unausgeglichenheiten, Erschütterungen und Schwierigkeiten des Überganges zu ihm verantwortlich machen dürfe.

Es läßt sich allerdings kein Quantum von Umlaufsmitteln denken, an das nicht schließlich eine vollkommene Anpassung stattfinden, d. h. bei dem nicht der Geldpreis einer Ware die Proportion zwischen ihrem Werte und dem des in Frage kommenden Gesamtwarenquantums gerecht ausdrücken könnte; so daß die beliebige Vermehrung des Geldes diese Proportion nicht dauernd zu stören vermöchte. - Dies ist ganz richtig.

Allein es beweist dennoch nicht, daß die Entfernung jeder inneren Schranke der Geldvermehrung innerhalb der Unzulänglichkeit menschlicher Verhältnisse möglich wäre.

Denn sie würde ja gerade jenen Übergangszustand, dessen Schwankungen und Schwierigkeiten zugegeben sind, in Permanenz erklären und würde es zu der An-(> 146)gepaßtheit, die prinzipiell freilich für jedes Quantum von Geld erreichbar ist, niemals kommen lassen.

Man könnte diese Erörterungen so zusammenfassen: das Geld erfüllt seine Dienste am besten, wenn es nicht bloß Geld ist, d. h. nicht bloß die Wertseite der Dinge in reiner Abstraktion darstellt. Denn daß die Edelmetalle zum Schmuck und zu technischen Zwecken verwendbar sind, ist zwar auch wertvoll, aber doch als primäre Tatsache von der sekundären: daß sie infolge jener wertvoll sind - durchaus begrifflich zu unterscheiden; während das Geld an seinem Wertsein seine erste und einzige Bestimmung hat.

Aber eben die Realisierung dieses begrifflich Geforderten, der Übergang der Geldfunktion an ein reines Zeichengeld, ihre völlige Lösung von jedem, die Geldquantität einschränkenden Substanzwert ist technisch untunlich während doch der Fortschritt der Entwicklung so erfolgt, als ob sie an diesem Punkte münden sollte.

Das ist so wenig ein Widerspruch, daß vielmehr eine unübersehbare Anzahl von Entwicklungen nach demselben Schema vor sich gehen: sie nähern sich einem bestimmten Zielpunkte, werden durch denselben unzweideutig in ihrer Richtung bestimmt - würden aber bei wirklicher Erreichung desselben gerade die Qualitäten einbüßen, die sie durch das Streben zu ihm erhalten haben.

Eine eminent geldwirtschaftliche Erscheinung mag das zunächst beleuchten, die zugleich an individuellen Verhältnissen eine Analogie für die Folgen unbegrenzter Geldvermehrung beibringt. Das Streben des Einzelnen, immer mehr Geld zu verdienen ' ist von der größten sozial-ökonomischen Bedeutung.

Indem der Börsenkaufmann möglichst große Gewinne zu machen sucht, schafft er die Lebhaftigkeit des Verkehrs, die gegenseitige Deckung von Angebot und Nachfrage, die Einbeziehung vieler sonst steriler Werte in den ökonomischen Kreislauf.

Allein die Realisierung sehr hoher Börsengewinne ist in der Regel nur bei unmäßigem Schwanken der Kurse und Überwiegen des rein spekulativen Elementes zu erzielen.

Durch dieses aber wird Produktion und Konsumtion der Waren, auf denen doch das soziale Interesse letzter Instanz beruht, teils hypertrophisch angeregt, teils vernachlässigt, jedenfalls aus derjenigen Entwicklung herausgedrängt, die den eigenen inneren Bedingungen und den realen Bedürfnissen entspricht.

Hier ist es also das ganz spezifische Wesen des Geldes, auf dem sich die Divergenz des individuellen vom sozialen Interesse aufbaut, nachdem beide bis zu einem bestimmten Punkte zusammengegangen sind.

Nur indem sich der Wert der Dinge von den Dingen selbst gelöst und eine Eigenexistenz an einem besonderen Substrat gewonnen hat, kann dieses Interessen, Bewegungen und Normen an sich ausbilden, die sich gelegentlich denen der damit (>147) symbolisierten Objekte ganz entgegengesetzt verhalten.

Das privatwirtschaftliche Bestreben, das sich an das Geld knüpft, kann das sozialwirtschaftliche, schließlich an die zu produzierenden und zu konsumierenden Güter gebundene, so lange fördern, wie es sozusagen bloß Bestreben bleibt - während die schließliche Erreichtheit seines Zweckes die des sozialen unterbinden kann.

Am häufigsten und entschiedensten wird sich dieser Typus an Fällen verwirklichen, wo Impulse des Gefühls ein absolutes Ziel erstreben, ohne sich darüber klar zu sein, daß sich alle erhoffte Befriedigung nur an die relative Annäherung an dieses knüpft, um bei restloser Erreichung vielleicht sogar in ihr Gegenteil umzuschlagen.

Ich erinnere an die Liebe, die durch den Wunsch nach innigster und dauernder Vereinigung ihren Inhalt und ihre Färbung erhält, um nur allzuoft, wenn jene erreicht ist, dieses beides zu verlieren; an politische Ideale, die dem Leben ganzer Generationen seine Kraft, seinen geistig-sittlichen Schwung verleihen, aber nach ihrer Realisierung durch diese Bewegungen durchaus keinen idealen Zustand, sondern einen solchen von Erstarrung, Philistrosität und praktischem Materialismus hervorrufen; an die Sehnsucht nach Ruhe und Ungestörtheit des Lebens, die seinen Mühen und Arbeiten das Ziel gibt, um gerade, nachdem sie gewonnen ist, so oft in innere Leere und Unbefriedigung auszugehen.

Ja, es ist schon eine Trivialität geworden, daß selbst das Glücksgefühl, obgleich ein absolutes Ziel unserer Bestrebungen, doch zu bloßer Langeweile werden müßte, wenn es wirklich als ewige Seligkeit realisiert würde; obgleich also unser Wille nur so verläuft, als ob er an diesem Zustand münden sollte, so würde derselbe als erreichter ihn selbst dementieren und erst der Zusatz seines geflohenen Gegensatzes, des Leidens kann ihm seinen Sinn erhalten.

Näher kann man diesen Entwicklungstypus so beschreiben: Die zweckmäßige Wirksamkeit bestimmter, vielleicht aller Elemente des Lebens ist davon abhängig, daß neben ihnen entgegengesetzt gerichtete bestehen.

Die Proportion, in der ein jedes und sein Gegenteil geeignet zusammenwirken, ist natürlich eine veränderliche, und zwar manchmal in dem Sinne veränderlich, daß das eine Element stetig zunimmt, das andere stetig abnimmt; die Richtung der Entwicklung ist also eine solche, als ob sie auf völlige Verdrängung des einen durch das andere hinzielte.

Allein in dem Augenblick, in dem dies einträte und jeder Beisatz des zweiten Elementes völlig verschwände, wäre auch die Wirksamkeit und der Sinn des ersteren lahmgelegt.

Das tritt etwa bei dem Gegensatz der individualistischen und der sozialistischen Gesellschaftstendenz ein.

Es gibt historische Epochen, in denen z. B. die letztere die Entwicklung der Zustände beherrscht, und zwar nicht nur in (> 148) Wirklichkeit, sondern auch als Folge idealer Gesinnungen und als Ausdruck einer fortschreitenden, der Vollkommenheit sich nähernden Gesellschaftsverfassung.

Wenn nun aber die Parteipolitik einer solchen Zeit schließt: da jeder Fortschritt jetzt auf einem Anwachsen des sozialistischen Elementes beruht, so wird das vollkommenste Herrschen desselben der fortgeschrittenste und ideale Zustand sein so übersieht sie, daß jener ganze Erfolg von, Maßregeln sozialistischer Tendenz daran gebunden ist, daß sie in eine im übrigen noch individualistische Wirtschaftsordnung hineingebracht werden.

Alle durch ihre relative Zunahme bedingten Fortschritte gestatten gar nicht den Schluß, daß ihr absolutes Sich-Durchsetzen einen weiteren Fortschritt darstellen würde.

Ganz entsprechend geht es in den Perioden des steigenden Individualismus.

Die Bedeutung der von ihm geleiteten Maßregeln ist daran gebunden, daß noch immer Institutionen zentralistischen und sozialisierenden Charakters vorhanden sind, die zwar mehr und mehr herabgedrückt werden können, deren völliges Verschwinden aber auch jene zu sehr unerwarteten und von ihren bisherigen sehr verschiedenen Erfolgen führen würde.

Ähnlich verhält es sich in den künstlerischen Entwicklungen mit den naturalistischen und den stilisierenden Bestrebungen. Jeder gegebene Moment der Kunstentwicklung ist eine Mischung aus bloßer Abspiegelung der Wirklichkeit und subjektiver Umbildung derselben.

Nun mag, vom Standpunkt des Realismus aus, die Kunst durch fortwährendes Wachsen des objektiven Elementes sich immer vollkommener entwickeln.

Allein in dem Augenblick, wo dies den alleinigen Inhalt des Kunstwerkes bildete, würde das bis dahin immer gesteigerte Interesse plötzlich in Gleichgültigkeit umschlagen, weil das Kunstwerk dann sich von der Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden und die Bedeutung seiner Sonderexistenz einbüßen würde.

Andrerseits muß die Steigerung des verallgemeinernden und idealisierenden Momentes, so sehr es eine Zeitlang die Kunst veredeln mag, an einen Punkt kommen, wo die Ausscheidung jeder individualistischen Zufälligkeit ihr die Beziehung zur Wirklichkeit überhaupt nehmen muß, die jene idealistische Bewegung gerade in immer reinerer und vollkommenerer Form darstellen sollte.

Kurz, eine Reihe der wichtigsten Entwicklungen vollziehen sich nach dem Schema: daß das immer steigende Übergewicht eines Elementes einen gewissen Erfolg immer steigert, ohne daß doch die absolute Herrschaft jenes und völlige Eliminierung des entgegengesetzten diesen Erfolg nun auch auf seine absolute Höhe höbe; umgekehrt würde jene ihn sogar seines bisher innegehaltenen Charakters berauben.

- Nach solchen Analogien mag sich das Verhältnis zwischen dem substanziellen Eigenwert des Gel- (> 149) des und seinem bloß funktionellen und symbolischen Wesen entwickeln: immer mehr ersetzt das zweite den ersteren, während irgendein Maß dieses ersteren noch immer vorhanden sein muß, weil bei absoluter Vollendung dieser Entwicklung auch der Funktions- und Symbolcharakter des Geldes seinen Halt und seine zweckmäßige Bedeutung einbüßen würde.

Es handelt sich aber hiermit nicht nur um eine formale Analogie innerlich verschiedener Entwicklungen, sondern um die Einheit des tieferen Lebenssinnes, der sich in dieser äußeren Gleichheit verwirklicht.

Mit der Vielheit der Elemente und Tendenzen, als deren Ineinander und Durcheinander das Leben sich vorfindet, scheinen wir praktisch nur so auszukommen, daß wir unser Verhalten auf jedem Gebiet und in jeder Periode von einem einheitlichen und einseitigen Prinzip absolut regieren lassen.

Auf diesem Wege aber holt jene Mannigfaltigkeit des Wirklichen uns immer wieder ein und verwebt unsere subjektive Bestrebung mit allen gegensätzlichen Faktoren zu einem empirischen Dasein, in dem das Ideal überhaupt erst in die Wirklichkeit eintreten kann; das bedeutet durchaus keine Dementierung jenes, vielmehr ist das Leben auf solche absolute Bestrebungen als Elemente seiner eingerichtet wie die physikalische Welt auf Bewegungen, die, ungestört sich selbst überlassen, zu Unausdenkbarem führen würden, aber nun, mit hemmenden Gegenwirkungen zusammenstoßend, gerade das vernunftmäßige Naturgeschehen ergeben. Und wenn die praktische Welt so zustande kommt, daß unser Wollen eine Richtung ins Ungemessene verfolgt und erst durch Abbiegungen und Zurückbiegungen gleichsam zu dem Aggregatzustand des Wirklichen gelangt, so hat auch hier das praktische Gebilde das theoretische vorgeformt: auch unsere Begriffe von den Dingen bilden wir unzählige Male so, daß die Erfahrung sie in dieser Reinheit und Absolutheit überhaupt nicht zeigen, sondern daß erst Abschwächung und Einschränkung durch entgegengesetzt gerichtete ihnen eine empirische Form geben kann.

Darum aber sind jene Begriffe nicht etwa verwerflich; sondern gerade durch dies eigentümliche, exaggerierende und wieder reduzierende Verfahren an Begriffen und Maximen kommt das unserer Erkenntnis beschiedene Weltbild zustande.

Die Formel, mit der unsere Seele zu der ihr unmittelbar nicht zugängigen Einheit der Dinge gleichsam nachträglich, nachbildend ein Verhältnis gewinnt, ist, im Praktischen wie im Theoretischen, ein primäres Zusehr, Zuhoch, Zurein, dem zurückdämmende Gegensätze die Konsistenz und den Umfang der Wirklichkeit wie der Wahrheit eintragen.

So bleibt der reine Begriff des Geldes, als der bloße, jedem Eigenwert fremde Ausdruck des gegen- (> 150)seitig gemessenen Wertes der Dinge, völlig gerechtfertigt, obgleich die historische Wirklichkeit immer nur als Herabsetzung dieses Begriffes vermittels des entgegengesetzten, des Eigenwertbegriffes des Geldes auftritt.

Unser Intellekt kann nun einmal das Maß der Realität nur als Einschränkung reiner Begriffe ergreifen und begreifen, die sich, wie sie auch von der Wirklichkeit abweichen, durch den Dienst legitimieren, den sie der Deutung dieser leisten. (> 151)

Teil III

Geschichtliche Entwicklung des Geldes von der Substanz zur Funktion; soziologische Bedingtheit derselben.

Die sozialen Wechselwirkungen und ihre Kristallisierung zu Sondergebilden; das gemeinsame Verhältnis von Käufern und Verkäufern zu der sozialen Einheit als soziologische Voraussetzung des Geldverkehrs.

Größe und Kleinheit, Lockerheit und Konzentriertheit des Wirtschaftskreises in ihrer Bedeutung für den Substanzcharakter des Geldes.

Der Uebergang zum Funktionscharakter an seinen Einzeldiensten entwickelt: Verkehrserleichterung, Beständigkeit des Wertmaßes, Mobilisierung und Kondensierung der Werte.

Sinkende Substanzbedeutung und steigende Wertbedeutung des Geldes.

Es handelt sich jetzt um die historische Ausgestaltung des prinzipiell Konstruierten.

Wesen und Bedeutung des Geldes treten nach ihren großen kulturphilosophischen Zusammenhängen an den Bewegungen hervor, die es auf seinen reinen Begriff zu und von seiner Fesselung an bestimmte Substanzen abführen - sowenig dieser Weg das Ziel erreichen kann, das ihm die Richtung gibt.

Hiermit erst schließt sich das Geld der allgemeinen Entwicklung an, die auf jedem Gebiet und in jedem Sinn das Substanzielle in freischwebende Prozesse aufzulösen strebt; und zwar gewinnt das Geld diesen Anschluß in jeder überhaupt möglichen Form: einerseits als ein Bestandteil jener umfassenden Entwicklung, andrerseits, wegen seines eigentümlichen Verhältnisses zu den konkreten Werten, als Symbol derselben; einerseits ferner als Wirkung der von jener Entwicklung regulierten Kulturströmungen, andrerseits als von sich aus wirksame Ursache derselben.

Dieser Zusammenhang interessiert uns hier in derjenigen Richtung, in der er die Gestaltung des Geldes als die Folge der Verfassungen und der Bedürfnisse menschlichen Zusammenlebens bewirkt.

Jene Einschränkung also, daß es sich um einen nicht zu vollendenden Weg handelt, ein für allemal vorbehalten, behandle ich nun die Funktionsbedeutung des Geldes und ihr Steigen bis zur Verdeckung seiner Substanzbedeutung.

Auf die letzten Grundlagen hin angesehen ist die so bezeichnete Auflösung des Geldbegriffes viel weniger radikal, als es scheint. Denn genau genommen ist auch der Substanzwert des Geldes nichts als ein Funktionswert.

So sehr man die Edelmetalle als bloße Substanzen schätzen mag, so schätzt man sie doch etwa nur, weil sie schmücken, auszeichnen, technisch verwendbar sind, ästhetische Freude gewähren u. ähnl. - also, weil sie gewisse Funktionen ausüben; niemals kann ihr Wert in ihrem in sich ruhenden Sein bestehen, sondern immer nur in dem, was sie leisten; ihre Substanz, wie die aller praktischen Dinge, ist uns rein als solche und abgesehen von dem, was sie leistet, das Gleichgültigste von der Welt.

Von der Mehrzahl der Objekte kann man sagen: sie sind nicht wertvoll, (> 152) sondern sie werden es - denn dazu müssen sie fortwährend aus sich heraus und in Wechselwirkung mit anderen treten; es sind nur Wirkungen ihrer, an die sich ein Wertgefühl knüpft.

Denn selbst wenn eine ästhetische Stimmung die Edelmetalle jenen objektiven Werten zurechnete, durch deren bloßes Dasein, jenseits alles Anerkannt- und Genossenwerdens, die Welt an und für sich wertvoller bedeutsamer wird - so würden sie doch mit diesem Werte keinesfalls in die Wirtschaft eintreten.

Hier vielmehr bleibt aller Wert an ihre Leistung geheftet, und es ist eine bloß willkürliche und den wahren Sachverhalt verhüllende Ausdrucksweise, daß sie einen Substanzwert besäßen, der von ihren Leistungen als Geld prinzipiell geschieden wäre; denn jener Substanzwert der Metalle ist gleichfalls Funktionswert, nur nicht der ihrer Funktion als Geld.

Alle Werte des Edelmetalls vielmehr bilden eine Reihe, die nichts anderes ist als eine Reihe von Funktionen.

Dies verbirgt sich natürlich der Erkenntnis um so mehr, je weniger lebhaft diese Funktionen in der Wirklichkeit sind.

Die ganzen Bedenken des Mittelalters gegen das Zinsennehmen gehen darauf zurück, daß das Geld viel starrer, substanzieller, den Dingen geschlossener gegenüberstehend erschien und war als in der Neuzeit, in der es vielmehr dynamisch, fließend, sich anschmiegend wirkt und erscheint.

Die Adoption der Aristotelischen Lehre: es sei unnatürlich, daß Geld Geld gebäre, und die Verurteilung des Zinses als Diebstahl, da ja das zurückerstattete Kapital schon so viel sei wie das entliehene; die Begründung ebendesselben durch Alexander von Hales: daß das Geld sich doch durch den Gebrauch nicht abnütze, und daß es nicht, wie die Objekte eines Mietsvertrages, dem Gläubiger einen Nutzen abwerfe; die Lehre des hl. Thomas, daß beim Geld, weil es von vornherein zum Weggeben bestimmt sei, Gebrauch und Verbrauch zusammenfielen und man deshalb jenen nicht, wie etwa bei einem Wohnhaus, gesondert verkaufen könne - all diese Lehren zeigen, wie starr, den Fluktuationen des Lebens unverbunden, wie wenig als Produktivkraft das Geld erschien.

Die tatsächliche Geringfügigkeit seiner Wirkungen verdeckte seinen funktionellen Charakter überhaupt.

Das ist aber dasselbe Grundgefühl dem Gelde gegenüber, das sein Wesen an eine Metallsubstanz als solche gefesselt meint. Auch diese Meinung stellt es, wie das Mittelalter, den Bewegungen der wirtschaftlichen Objekte als ein ens per se gegenüber, statt es in sie einzubeziehen und zu erkennen, daß es, welches auch sein Träger sei, als Geld nicht sowohl eine Funktion hat, als eine Funktion ist.

Den Gegenpol zu der Anschauungsweise des Mittelalters bildet die Kreditwirtschaft, in der die Anweisung den Gelddienst versieht. (>153)

Für jene ist die Substanz des Geldes, aber nicht seine Wirkung die beherrschende Idee - wodurch, sowenig diese Wirkung tatsächlich auszuscheiden war, sie auf ihr Minimum herabgedrückt wurde -, in der an das Metall gebundenen Geldvorstellung der neueren Zeit ist die wirkende Substanz der Kernpunkt, die Kreditwirtschaft endlich tendiert auf Ausscheidung der Substanz, nur deren Wirkung als das übrig lassend, worauf es ankommt.

Zu jener oberflächlichen Anschauung hat wohl das alte Schema mitgewirkt, das die Erscheinungen durchgehends in Substanz und Akzidenzen teilen ließ.

Gewiß war dies historisch von unermeßlicher Bedeutung; daß man jede Erscheinung in einen substanziellen Kern und relative, bewegliche Äußerungsweisen und Eigenschaften zerlegte, war eine erste Orientierung, ein erster fester Leitfaden durch die rätselhafte Formlosigkeit der Dinge, ein Gestalten und Unterwerfen ihrer unter eine durchgehende, unserem Geiste adäquate Kategorie; die bloß sinnlichen Unterschiede des ersten Anblicks gewinnen so eine Organisation und Bestimmtheit des gegenseitigen Verhältnisses.

Es ist aber das Wesen solcher Formen, wie der sozialen Organisationen, unter dem Anschein und dem Anspruch ewiger Dauer zu bestehen.

Wie es deshalb bei der Vernichtung einer Gesellschaftsverfassung zugunsten einer anderen scheint, als ob es mit aller Ordnung und Verfassung überhaupt vorbei wäre, so ruft die Umbildung der intellektuellen Ordnungen den gleichen Eindruck hervor: die objektive Festigkeit wie das subjektive Verständnis der Welt scheint zerbrochen, wenn eine Kategorie fällt, die bisher gleichsam zu dem Rückgrat des Weltbildes gehörte.

Der Geldwert wird aber der Reduktion auf einen Funktionswert so wenig widerstehen können, wie das Licht, die Wärme und das Leben ihren besonderen substanziellen Charakter bewahren und sich der Auflösung in Bewegungsarten entziehen konnten.

Ich beobachte nun zunächst gewisse Strukturverhältnisse des Wirtschaftskreises.

In welchem Maße es von diesen und nicht von der Substanz des Geldes abhängt, inwieweit es wirklich Geld ist, d. h. als Geld wirkt, das mag aus einem negativen, an eine prinzipielle Überlegung anzuknüpfenden Beispiel hervorgehen.

Wir bemerken, daß in einem Verhältnis zwischen zwei Menschen die äußere Form selten der genau angepaßte Ausdruck seines inneren Intensitätsmaßes ist; und zwar pflegt sich die Inadäquatheit beider so darzustellen, daß sich die inneren Beziehungen kontinuierlich, die äußeren aber sprungweise entwickeln.

Wenn also selbst zu einem gegebenen Zeitpunkt beide einander entsprechen, so beharren die letzteren in ihrer einmal ge- (>154) wonnenen Form, während die ersteren sich steigern.

Von einem gewissen Grade ab erfolgt nun ein plötzliches Wachstum jener, das - und hier liegt nun das Charakteristische - in der Regel nicht bei dem Punkte haltmacht, der dem gleichzeitigen inneren Verhältnis entspricht, sondern über diesen hinaus eine noch vorgeschrittenere Innerlichkeit antizipiert.

So wird z. B. das Du zwischen Freunden, das als der endliche Ausdruck einer schon lange bestehenden Zuneigung auftritt, doch in der ersten Zeit oft noch als ein wenig exaggeriert empfunden und schafft mit einem Schlage eine äußere Intimität, der die ganz entsprechende innere erst in einiger Zeit nachzukommen pflegt.

Sie kommt ihr aber manchmal auch nicht nach; es gehen manche Verhältnisse darüber zugrunde, daß ihre Form, obgleich durch ihre Innerlichkeit bis zu einem gewissen Grade berechtigt, von dieser nicht völlig eingeholt werden kann.

Etwas Entsprechendes findet auch im Unpersönlichen statt. Kräfte des sozialen Lebens, die auf ihren Ausdruck in bestimmten Konstellationen von Recht, Austauschformen, Herrschaftsverhältnissen usw. hindrängen, finden denselben oft lange nicht, weil die einmal erlangten Formen dieser Gebiete leicht erstarren.

Tritt nun die innerlich erforderte äußere Änderung dennoch ein, so erfolgt sie oft in einem Maße, für das die innerlichen Kräfte doch noch nicht ganz reif sind, und dessen nachträgliche Legitimierung nicht immer gelingt.

So ist die Geldwirtschaft manchmal aufgekommen.

Nachdem die allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse schon lange auf sie hindrängten, tritt sie dann in Erscheinungen so gewaltigen Umfanges hervor, daß nun wieder jene ihr nicht ganz genügen; dann können solche Erscheinungen ein tragisches Ende finden, wenn die Entwicklung der inneren ökonomischen Kräfte die Form, die sie vorweggenommen hat, nicht schnell genug einholen. Das war die Situation, in der die Fugger, ja alle die großen oberdeutschen Bankiers des 16. Jahrhunderts zugrunde gingen.

Ihre Geldgeschäfte, vollkommen den Transaktionen moderner Weltbankiers vergleichbar, fielen in eine Zeit, die zwar der naturalwirtschaftlichen Enge des Mittelalters entwachsen war, aber doch noch nicht die Kommunikationen, Sicherheiten und Usancen besaß, die das notwendige Korrelat solcher Geschäfte sind.

Die allgemeinen Verhältnisse lagen noch nicht so, daß man Außenstände in Spanien und bei regierenden Herren ohne weiteres hätte einziehen können.

Die neuen geldwirtschaftlichen Formen verleiteten Anton Fugger, sie weit über das Maß zu spannen, in dem sie der adäquate Ausdruck der damaligen realen Verfassung Europas gewesen wären.

Den Schuldnern jener Finanzmächte ging es aus demselben Grunde nicht besser. Die spanische Finanznot des 16. Jahrhunderts (> 155) entstand dadurch, daß das Geld zwar in Spanien oft genug vorhanden war, aber nicht dort, wo es großenteils gebraucht wurde: in den Niederlanden.

Dadurch entstanden Schwierigkeiten, Verzögerungen, Kosten, die zum Ruin der spanischen Finanzen sehr viel beitrugen.

Bei anderen lokalen Bedingungen stellt sich auch sofort eine ganz andere Funktionierung des Geldes ein: die Niederlande ihrerseits hatten in ihrem Kriege gegen Spanien den ungeheuren Vorteil, daß ihr Geld eben da, wo es war, auch seine Verwendung fand. In den Händen der Niederländer war es wirklich erst »Geld«, weil es hier ungehindert funktionieren konnte - obgleich sie, auch relativ, sehr viel weniger Geldsubstanz besaßen als Spanien und ihre Existenz auf den Kredit gestellt war.

Je günstiger die lokalen Bedingungen der Geldfunktion sind, mit desto weniger Substanz können sie ausgeübt werden, so daß man paradoxerweise sagen kann: je mehr es wirklich Geld (seiner wesentlichen Bedeutung nach) ist, desto weniger braucht es Geld (seiner Substanz nach) zu sein.

Neben dem Einfluß lokaler Bedingungen ist es nun weiterhin die Festigkeit und Zuverlässigkeit der sozialen Wechselwirkungen, gleichsam die Konsistenz des Wirtschaftskreises, die die Auflösung der Geldsubstanz vorbereitet.

Das zeigt sich etwa gelegentlich der Tatsache, daß das Geld eine immer steigende Anzahl von Wirkungen hervorbringt, während es selbst ruht.

Die manchmal auftretende Vorstellung, daß die ökonomische Bedeutung des Geldes das Produkt aus seinem Werte und der Häufigkeit seiner Umsetzungen in einer gegebenen Zeit wäre, übersieht die mächtigen Wirkungen, die das Geld durch bloße Hoffnung und Furcht, durch Begierde und Besorgnis, die sich mit ihm verbinden, übt; es strahlt diese auch ökonomisch so bedeutsamen Affekte aus, wie Himmel und Hölle sie ausstrahlen: als bloße Idee.

Die reine Vorstellung des Vorhandenseins oder des Mangels von Geld an einer bestimmten Stelle wirkt anspannend oder lähmend, und die Goldreserven in den Kellern der Banken, die deren Noten decken, beweisen handgreiflich, wie das Geld in seiner rein psychologischen Vertretung volle Wirkungen zustande bringt; hier ist es wirklich als der »unbewegte Beweger« zu bezeichnen. Nun liegt es auf der Hand, daß diese Wirkung des Geldes als bloßer Potenzialität von der Feinheit und Sicherheit der wirtschaftlichen Organisation überhaupt abhängt.

Wo die sozialen Verbindungen locker, sporadisch, träge sind, da wird nicht nur bloß gegen bar verkauft, sondern auch das ruhende Geld findet nicht die vielen psychologischen Kanäle, durch die hin es wirken kann.

Hierhin gehört auch die Doppelexistenz des ausgeliehenen Geldes: einmal in der ideellen, aber doch höchst bedeutungsvollen Form des (>156) Außenstandes, und außerdem als Realität in der Hand des Schuldners.

Als Forderung gehört es in den Vermögensbestand des Gläubigers und ist, obgleich es gar nicht an dieser Stelle vorhanden ist, doch an ihr äußerst wirksam; andrerseits, obgleich dieser Wert sich gar nicht in dem Vermögen des Entleihers befindet, so kann er doch mit ihm dieselben wirtschaftlichen Wirkungen üben, als ob das der Fall wäre.

So wird durch das Ausleihen des Geldes seine Wirksamkeit in zwei Teile zerlegt und damit der Ertrag seiner wirtschaftlichen Energie außerordentlich gesteigert.

Aber die intellektuelle Abstraktion, die diese Zerlegung bewirkt, kann ihre Erfolge eben nur unter einer so gefesteten und verfeinerten Gesellschaftsverfassung üben, daß man in ihr überhaupt mit relativer Sicherheit Geld ausleihen und wirtschaftliche Aktionen auf jene Teilfunktionen seiner gründen kann.

Wie es einer gewissen Extensität und Intensität der sozialen Beziehungen bedarf, um Geld überhaupt wirksam werden zu lassen - vorher unterscheidet es sich nicht von anderen Tauschwaren - so einer sehr verstärkten, um seine Wirkungen zu vergeistigen.

An diesen gesteigerten Erscheinungen dokumentiert sich besonders durchsichtig, wie wenig das Geld seinem innersten Wesen nach an die Körperhaftigkeit seines Substrates gebunden ist; da es nun aber ganz und gar eine soziologische Erscheinung ist, eine Form der Wechselwirkung unter den Menschen, so tritt seine Art um so reiner hervor, je kondensierter, zuverlässiger, leichter ansprechend die sozialen Verbindungen sind.

Ja, bis in alle Äußerlichkeiten der Geldform hinein wirkt die allgemeine Festigkeit und Sicherheit der Verkehrskultur.

Daß ein so feiner und leicht zerstörbarer Stoff wie Papier zum Träger höchsten Geldwertes wird, ist nur in einem so fest und eng organisierten und gegenseitigen Schutz garantierenden Kulturkreise möglich, daß eine Reihe elementarer Gefahren für dasselbe - sowohl äußerer wie namentlich psychologischer Natur - ausgeschlossen sind; bezeichnenderweise hat deshalb das Mittelalter ziemlich häufig Ledergeld verwendet.

Wenn das Papiergeld wegen seines gleichsam unsubstanziellen Wesens die vorschreitende Auflösung des Geldwertes in bloßen Funktionswert bezeichnet, so mag das Ledergeld eine Vorstufe dazu symbolisieren: von den Qualitäten, die das substanzielle Geld charakterisieren, hat das Ledergeld wenigstens die der relativen Unzerstörbarkeit noch bewahrt und kann sie erst bei einer bestimmten vorgeschrittenen Struktur der individuellen und sozialen Verhältnisse abgeben.

Die Praxis und die Theorie der Geldpolitik scheint ebenso den Entwicklungsgang von der Substanzbedeutung des Geldes zur Funktionsbedeutung, wie die Abhängigkeit desselben von den soziologischen (> 157) Zuständen zu bestätigen.

Man könnte den Fiskalismus des Mittelalters und den Merkantilismus als materialistische Geldpolitik bezeichnen.

Wie der Materialismus den Geist mit seinen Äußerungen und seinem Werte der Materie einordnet, so meinten jene Standpunkte das Wesen und die Bewegungskraft des staatlich-wirtschaftlichen Lebens an die Geldsubstanz gebunden. Es besteht aber zwischen ihnen derselbe Unterschied wie zwischen der rohen und der feineren Form des Materialismus.

Jene behauptet, daß die Vorstellung selbst etwas Materielles wäre und das Gehirn Gedanken absondere, wie die Drüsen ihre Flüssigkeit, wie die Leber die Galle.

Diese: die Vorstellung sei nicht selbst materiell, aber eine Bewegungsform des Materiellen, der Gedanke bestehe wie Licht, Wärme, Elektrizität in einer besonderen Art von Schwingungen körperlicher Teile.

Diesem Unterschiede der intellektuellen Standpunkte entspricht es, wenn einerseits der Fiskalismus das Interesse der Regierung darein verlegt, möglichst viel bares Geld zur unmittelbaren Verwendung des Fürsten oder für die Staatszwecke herauszuschlagen, andrerseits der Merkantilismus zwar auch auf das bare Geld einen Hauptwert legt, aber nicht, um es substanziell herauszuziehen, sondern um die wirtschaftlichen Bewegungen des Landes funktionell zu beleben.

Innerhalb dieser materialistischen Richtungen der Geldpolitik selbst, die noch ganz tief in der Vorstellung steckten, daß die Geldsubstanz der Wert an und für sich wäre, macht sich also doch schon die Wendung von der grob äußerlichen zu der funktionellen Bedeutung dieser Substanz geltend.

Dem entspricht die politische Verfassung der fraglichen Perioden.

Der Fürst da, wo die mittelalterliche fiskalische Verfassung herrschte, in einem bloß äußerlichen Verhältnis zu seinem Lande, oft in einem völlig unorganischen, durch Erheiratung oder Eroberung hergestellten, so daß es sich in der Tendenz, nur möglichst viel Geld aus dem Lande zu ziehen, völlig adäquat ausdrückte -wovon der häufige Verkauf ganzer Territorien gegen Geld der konsequente Abschluß war; indem das starre, bloß substanzielle Geldinteresse Herrscher und Beherrschte verband, zeigte es, wie unverbunden sie waren.

Für dieses soziologische Verhältnis zwischen den beiden Parteien ist die im Mittelalter so häufige Münzpolitik der Herrscher, die in einer fortwährenden Verschlechterung der Münze bestand, die nächstliegende Technik; nur bei einem völlig unorganischen Zusammen sind derartige Politiken möglich, die auf der Seite des einen allen Nutzen, auf der der anderen allen Schaden lassen.

Die Freude am baren Gelde, die den Orientalen angeboren scheint, hat man auf den Fiskalismus ihrer Fürsten zurückgeführt, die das Münzregal als Steuerquelle benutzen, ohne sich um die Folgen der Valutaverschlechterung (>158) zu sorgen: das notwendige Gegenstück dazu sei die Leidenschaft des Untertanen für die Aufhäufung von barem Gold und Silber.

Der aufkommende zentralistisch-despotische Staat bedeutete ein viel engeres und lebendigeres Verhältnis zwischen den politischen Faktoren: die Vorstellung ihrer organischen Einheit bildet das Gemeinsame der Fürstenideale, vom l'état c'est moi bis zum Könige als dem ersten Diener seines Volkes.

Wenn nun auch hier das Interesse der Regierung noch an dem Hereinbringen möglichst reichlicher Geldsubstanz haftet, so entspricht es doch der regeren Wechselwirkung zwischen Haupt und Gliedern des Staatskörpers, der Belebtheit der Staatsexistenz als solcher, daß nicht mehr in dem substanziellen Besitze, sondern in der Fruchtbarkeit des Geldes für das Gedeihen der Industrie usw. der Endzweck seines Erwerbes gesucht wurde.

Als dann die liberalen Tendenzen das staatliche Leben zu immer freierem Fluß, immer ungehemmterer Geschmeidigkeit, immer labilerem Gleichgewicht der Elemente führten, war die materielle Grundlage für die Theorie Adam Smiths gegeben: daß Gold und Silber bloße Werkzeuge sind, nicht anders als Kochgeräte, und daß ihr Import an und für sich so wenig den Wohlstand der Länder steigere, wie man durch die Vermehrung der Kochgeräte schon mehr zu essen habe.

Haben sich schließlich die alten substanziellen Ordnungen so weit aufgelöst, um anarchistische Ideale zu ermöglichen, so wird in ihnen begreiflicherweise auch diese Richtung der Geldtheorie ihr Extrem erreichen.

Proudhon, der alle festen Staatsgebilde beseitigen und die freie unmittelbare Wechselwirkung der Individuen als die einzig richtige Form des sozialen Lebens anerkennen will, bekämpft den Gebrauch des Geldes überhaupt; denn in ihm sieht er ein genaues Analogon jener Herrschaftsgebilde, die aus den Individuen ihre lebendige Wechselwirkung heraussaugen und in sich kristallisieren.

Es müsse daher die Tauschbarkeit der Werte ohne Dazwischenkunft des Geldes begründet werden, ebenso wie die Regierung der Gesellschaft durch alle Bürger ohne Dazwischenkunft des Königs; und wie man jedem Bürger das Stimmrecht gegeben habe, so müsse jede Ware an und für sich und ohne Vermittlung des Geldes zum Wertrepräsentanten werden.

Mit der Ansicht Adam Smiths ist die Richtung auf die hier vertretene Geldtheorie eingeschlagen, die man im Gegensatz zu den materialistischen als transzendentale bezeichnen kann.

Denn wenn der Materialismus erklärt: der Geist ist Materie - so lehrt die Transzendentalphilosophie: auch die Materie ist Geist. Nicht um den Geist im Sinne des Spiritualismus handelt es sich, der auch eine Substanz, ein ruhendes Sein, wenn auch immaterieller Art ist; sondern um die Erkenntnis, daß jegliches (>159) Objekt, körperhafter oder geistiger Art, für uns nur besteht, insofern es von der Seele in ihrem Lebensprozeß erzeugt wird, oder genauer: insofern es eine Funktion der Seele ist.

Wenn nun die materialistische Auffassung des Geldes als Irrtum erscheint, so zeigt die historische Betrachtung, daß es kein zufälliger war, sondern der angemessene theoretische Ausdruck eines tatsächlichen soziologischen Zustandes, der erst durch reale Mächte überwunden werden mußte, ehe sein theoretisches Gegenbild durch theoretische überwunden werden konnte.

Der weitere Zusammenhang, in den sich der soziologische Charakter des Geldes einstellt, ist dieser.

Als den Ausgangspunkt aller sozialen Gestaltung können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zu Person vorstellen.

Gleichviel wie die in Dunkel gehüllten historischen Anfänge des gesellschaftlichen Lebens wirklich gestaltet waren - seine genetische und systematische Betrachtung muß diese einfachste und unmittelbarste Beziehung zum Grunde legen, von der wir doch schließlich auch heute noch unzählige gesellschaftliche Neubildungen ausgehen sehen.

Die weitere Entwicklung ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechselwirkenden Kräfte durch die Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde, die als gesonderte Träger eben jener Kräfte auftreten und die Beziehungen der Individuen untereinander durch sich hindurchleiten und vermitteln. Diese Gebilde bieten sich in den verschiedensten Erscheinungsarten dar: in greifbarer Realität wie als bloße Ideen und Phantasieprodukte, als weitverzweigte Organisationen wie in der Darstellung an Einzelpersonen.

So bildeten sich aus den Erforderlichkeiten und Usancen, die sich im Verkehr der Gruppengenossen zunächst von Fall zu Fall entwickeln und sich schließlich fixieren, die objektiven Gesetze der Sitte, des Rechts, der Moral - ideale Erzeugnisse des menschlichen Vorstellens und Wertens, die nun für unser Denken ganz jenseits des einzelnen Wollens und Handelns stehen, gleichsam als dessen losgelöste »reine Formen«.

So verkörpert sich, diesen Prozeß fortsetzend, das Staatsgesetz in dem Richterstand und der ganzen Verwaltungshierarchie; so die zusammenhaltende Kraft einer politischen Partei in dem Parteivorstand und der parlamentarischen Vertretung; so verlegt sich die Kohäsion eines Regimentes in seine Fahne, einer mystischen Vereinigung in ihren Gral usw.

Es werden also die Wechselwirkungen unter den primären Elementen selbst, die die soziale Einheit erzeugen, dadurch ersetzt, daß jedes dieser Elemente für sich zu dem darüber oder dazwischen geschobenen Organe in Beziehung tritt.

In diese Kategorie substanzgewordener Sozialfunktionen gehört das Geld.

Die Funktion des Tausches, eine unmittelbare (>160) Wechselwirkung unter Individuen, ist mit ihm zu einem für sich bestehenden Gebilde kristallisiert.

Der Austausch der Arbeitsprodukte oder des sonst aus irgendeiner Quelle her Besessenen ist offenbar eine der reinsten und primitivsten Formen menschlicher Vergesellschaftung, und zwar nicht so, daß die »Gesellschaft« schon perfekt wäre, und dann käme es zu Tauschakten innerhalb ihrer; sondern der Tausch selbst ist eine der Funktionen, die aus dem bloßen Nebeneinander der Individuen ihre innerliche Verknüpfung, die Gesellschaft, zustande bringen; denn die Gesellschaft ist nicht eine absolute Einheit, die erst dasein müßte, damit alle die einzelnen Beziehungen ihrer Mitglieder: Über- und Unterordnung, Kohäsion, Nachahmungen, Arbeitsteilung, Tausch, gleichgerichtete Angriffe, und Verteidi- gungen, religiöse Gemeinschaft, Parteibildung und viele andere in ihr als dem Träger oder Rahmen jener entstünden.

Sondern Gesellschaft ist nichts als die Zusammenfassung oder der allgemeine Name für die Gesamtheit dieser speziellen Wechselbeziehungen.

Die einzelne freilich kann ausscheiden, und es bleibt noch immer »Gesellschaft« übrig - aber nur, wenn nach Wegfall der einen noch eine hinreichend große Anzahl anderer in Kraft bleiben; fielen alle fort, so würde es auch keine Gesellschaft mehr geben: gerade wie die Lebenseinheit eines organischen Körpers noch damit weiterbestehen kann, daß eine oder die andere seiner Funktionen, d. h. der Wechselbeziehungen zwischen seinen Teilen aufhört, aber nicht mehr damit, daß sie alle aufhören - weil »Leben« nichts anderes ist als die Summe solcher unter den Atomen eines Körpers, wechselseitig ausgeübten Kräfte.

Fast ist es deshalb noch ein zweideutiger Ausdruck, daß der Tausch Vergesellschaftung bewirke: er ist vielmehr eine Verggsellschaftung, eine jener Beziehungen, deren Bestehen eine Summe von Individuen zu einer sozialen Gruppe macht, weil »Gesellschaft« mit der Summe dieser Beziehungen identisch ist.

Die oft hervorgehobenen Unbequemlichkeiten und Unzulänglichkeiten des Naturaltausches nun sind durchaus denen vergleichbar, die sich bei anderen sozialen Wechselwirkungen einstellen, solange sie sich noch in dem Stadium der Unmittelbarkeit befinden: wenn alle Regierungsmaßregeln von der Gesamtheit der Bürger beraten und gebilligt werden müssen; wenn der Schutz der Gruppe nach außen noch durch den primitiven Waffendienst jedes Gruppenangehörigen bewerkstelligt wird; wenn Zusammenfassung und Organisation noch ausschließlich auf persönlich ausgeübter Autorität und Gewalt beruht, wenn die Verwaltung der Gerechtigkeit noch durch den unmittelbaren Urteilsspruch der Gemeinde geschieht - so ergeben sich daraus bei wachsender Extensität und Komplikation der Gruppe alle jene Un- zweckmäßigkeiten, (>161) Behinderungen und Lockerungen, die einerseits auf die Abgabe dieser Funktionen an besondere arbeitsteilige Organe, andrerseits auf die Kreierung vertretender und zusammenhaltender Ideale und Symbole hindrängen.

Die Tauschfunktion führt tatsächlich zu Bildungen von beiderlei Art: einerseits zum Stande der Händler, andrerseits zum Geld. Der Händler ist der differenzierte Träger der sonst zwischen den Produzenten unmittelbar ausgeübten Tauschfunktionen; statt der einfachen Wechselbeziehungen unter diesen tritt die Beziehung ein, welche jeder derselben für sich zum Händler hat, wie die unmittelbare Kontrolle und Kohäsion der Gruppengenossen durch die gemeinsame Beziehung zu den Regierungsorganen ersetzt wird.

Und nun kann man, genauere Erkenntnis vorbereitend, sagen: wie der Händler zwischen den tauschenden Subjekten steht, gerade so steht das Geld zwischen den Tauschobjekten.

Statt daß deren Äquivalenz unmittelbar wirksam wird und ihre Bewegungen in sich beschlossen sein läßt, tritt nun jedes von ihnen für sich in ein Gleichungs- und Austauschverhältnis zum Geld.

Wie der Händler die verkörperte Funktion des Austausches ist, so das Geld die verkörperte Funktion des Ausgetauschtwerdens: es ist, wie wir früher sahen, das zur Substanz gewordene bloße Verhältnis der Dinge zueinander, wie es in ihrer wirtschaftlichen Bewegung zum Ausdruck kommt.

So steht es schließlich jenseits der einzelnen Dinge, deren jedes zu ihm in Beziehung steht, als ein nach eigenen Normen organisiertes Reich, das eben doch nur die Objektivation der ursprünglich unter jenen einzelnen Dingen selbst geschehenen Ausgleichs- und Austauschbewegungen ist.

Allein dies ist, wie gesagt, nur eine vorbereitende Ansicht. Denn schließlich sind es doch nicht die Dinge, sondern die Menschen, die diese Prozesse vollziehen, und die Verhältnisse zwischen jenen sind auf dem hier fraglichen Gebiete doch Verhältnisse zwischen diesen.

Was der Tausch unter Individuen als Aktion ist, das ist das Geld in konkret gewordener, für sich bestehender, gleichsam erstarrter Form, in demselben Sinne, wie die Regierung das gegenseitige Sichinordnunghalten der Gruppenmitglieder, wie das Palladium oder die Lade ihre Kohäsion, wie der Kriegerstand ihr Sichverteidigen darstellt.

Alles dies sind gleichmäßig Fälle jenes weitesten Typus: daß aus primären Erscheinungen, Substanzen, Vorgängen eine einzelne Seite, die nur an und mit ihnen existiert, wie die Eigenschaft an ihrer Substanz und die Tätigkeit an ihrem Subjekt, dennoch von ihnen gelöst wird, indem sie sich mit einem eigenen Körper bekleidet: die Abstraktion wird eben dadurch vollzogen, daß sie zu einem konkreten Gebilde kristallisiert.

Außerhalb des Tausches ist das Geld so wenig etwas, wie Regimenter und Fahnen außerhalb (>162) der gemeinsamen Angriffe und Verteidigungen oder wie Priester und Tempel außerhalb der gemeinsamen Religiosität.

Die Doppelnatur des Geldes: zwar eine sehr konkrete und als solche geschätzte Substanz zu sein und doch seinen Sinn nur in der völligen Auflösung in Bewegung und Funktion zu besitzen - gründet sich darauf, daß es nur in der Hypostasierung, gleichsam in der Fleischwerdung einer reinen Funktion, des Tausches unter Menschen, besteht.

Die Entwicklungen des Geldstoffes bringen seinen soziologischen Charakter zu immer vollkommenerem Ausdruck.

Die primitiven Tauschmittel, wie Salz, Vieh, Tabak, Getreide, sind ihrer Verwendung nach von dem reinen Individualinteresse bestimmt, solipsistisch, d. h. sie werden schließlich von einem einzelnen konsumiert, ohne daß in diesem Augenblick andere noch ein Interesse daran hätten.

Das Edelmetall dagegen weist durch seine Bedeutung als Schmuck auf die Beziehung zwischen den Individuen hin; man schmückt sich für andere.

Der Schmuck ist ein soziales Bedürfnis, und die Edelmetalle eignen sich eben durch ihren Glanz ganz besonders dazu, die Augen auf sich zu ziehen.

Darum sind bestimmte Schmuckarten auch bestimmten sozialen Positionen vorbehalten; so war im mittelalterlichen Frankreich das Tragen von Goldschmuck allen unter einem gewissen Range Stehenden verboten.

Dadurch, daß der Schmuck seine ganze Bedeutung in den psychologischen Vorgängen hat, die er außerhalb seines Trägers in anderen erregt, unterscheidet sich das Edelmetall durchaus von jenen ursprünglicheren, sozusagen zentripetalen Tauschmitteln. Der Tausch als das reinste soziologische Vorkommnis, d. h. als die vollständigste Wechselwirkung, findet den entsprechenden Träger in der Substanz des Schmuckes, der alle Bedeutung für seinen Besitzer nur mittelbar, nämlich als Beziehung zu anderen Menschen, aufweist.

Wenn diese Verkörperung der Tauschaktion in einem besonderen Gebilde sich technisch so vollzieht, daß jedes Objekt, statt unmittelbar gegen ein anderes, zunächst gegen jenes eingetauscht wird, so ist nun die Frage: welches ist, näher angesehen, das dem entsprechende Verhalten der hinter den Objekten stehenden Menschen? - denn das gemeinsame Verhalten zum Händler, so sehr es Ursache und Wirkung des Geldverkehrs ist, konnte hierfür doch nur als Gleichnis dienen.

Nun scheint es mir klar: das Fundament und der soziologische Träger jenes Verhältnisses zwischen den Objekten und dem Gelde ist das Verhältnis der wirtschaftenden Individuen zu der Zentralmacht, die das Geld ausgibt oder garantiert.

Den Dienst, als absolute Zwischeninstanz über allen Einzelprodukten zu stehen, leistet das Geld erst, wenn die Prägung es über den bloßen Charakter als (>163) Metallquantum - von naturaleren Geldarten nicht zu reden - hinausgehoben hat.

Jene Abstraktion des Tauschprozesses aus den einzelnen realen Tauschen und ihre Verkörperung in einem objektiven Sondergebilde kann erst eintreten, wenn der Tausch etwas anderes geworden ist als ein privater Vorgang zwischen zwei Individuen, der völlig in den individuellen Aktionen und Gegenaktionen dieser beschlossen liegt.

Dies andere und weitere wird er, indem der Tauschwert, den die eine Partei gibt, seine Bedeutung für die zweite nicht unmittelbar, sondern als bloße Anweisung auf andere, definitive Werte enthält -eine Anweisung, deren Realisierung von der Gesamtheit des Wirtschaftskreises oder von der Regierung als der Vertretung desselben abhängt.

Indem der Naturaltausch durch den Geldkauf ersetzt wird, tritt zwischen die beiden Parteien eine dritte Instanz: die soziale Gesamtheit, die für das Geld einen entsprechenden Realwert zur Verfügung stellt.

Der Drehpunkt der Wechselwirkung jener beiden rückt damit weiter fort, er entfernt sich aus der unmittelbaren Verbindungslinie zwischen ihnen und verlegt sich in das Verhältnis, das jeder von ihnen als Geldinteressent zu dem Wirtschaftskreise hat, der das Geld akzeptiert und dies durch die Prägung seitens seiner höchsten Vertretung dokumentiert.

Hierauf beruht der Kern von Wahrheit in der Theorie, daß alles Geld nur eine Anweisung auf die Gesellschaft ist; es erscheint gleichsam als ein Wechsel, in dem der Name des Bezogenen nicht ausgefüllt ist, oder auch: in dem die Prägung die Stelle des Akzeptes vertritt.

Wenn man gegen die Lehre, die auch im Metallgelde einen Kredit finden will, eingewendet hat, daß der Kredit doch eine Verbindlichkeit begründe, die Metallgeldzahlung aber jede Verbindlichkeit löse, so ist übersehen, daß das, was für den einzelnen Lösung ist, für die Gesamtheit Bindung sein kann.

Die Solvierung jeder privaten Verbindlichkeit durch Geld bedeutet eben, daß jetzt die Gesamtheit diese Verpflichtung gegen den Berechtigten übernimmt.

Die Verbindlichkeit aus einer naturalen Leistung ist doch nur auf zweierlei Weise aus der Welt zu schaffen: entweder durch direkte Gegenleistung oder durch Anweisung auf eine solche.

Letztere hat der Geldbesitzer in der Hand, und indem er sie an denjenigen, der vorgeleistet hat, übergibt, weist er ihn an einen vorläufig anonymen Produzenten, der auf Grund seiner Zugehörigkeit zu dem betreffenden Wirtschaftskreise jene erforderte Leistung gegen eben dieses Geld auf sich nimmt.

Der Unterschied zwischen dem gedeckten und dem ungedeckten Papiergeld, den man in Beziehung zu dem Kreditcharakter des Geldes gesetzt hat, ist dabei ganz irrelevant.

Man hat gemeint, nur uneinlösbares Papier sei wirklich Geld (papier-monnaie), wogegen einlösbares nur eine Anweisung auf (>164) Geld sei (monnaie de papier); dagegen ist nun wieder geltend gemacht, daß dieser Unterschied keine Bedeutung für den Verkehr zwischen Käufer und Verkäufer habe, denn in diesem funktioniere auch das gedeckte Papier nicht als Zahlungsversprechen, sondern als definitive Zahlung, im Unterschiede etwa gegen den Scheck, der auch zwischen Käufer und Verkäufer nur ein Versprechen sei.

Diese ganze Fragestellung dringt nicht zu dem soziologischen Sachverhalt hinunter; für diesen ist kein Zweifel, daß auch das Metallgeld ein Versprechen ist und daß es sich insofern von dem Scheck nur durch die Größe des Kreises unterscheidet, der dessen Einlösung verbürgt.

Das gemeinsame Verhältnis von Geldbesitzer und Verkäufer zu einem sozialen Kreise - der Anspruch jenes an eine in diesem Kreise zu prästierende Leistung und das Vertrauen des anderen, daß dieser Anspruch honoriert werden wird - ist die soziologische Konstellation, in der sich der Geldverkehr im Gegensatz zum Naturalverkehr vollzieht.

Tatsächlich stecken in dem Metallgeld, das man als den absoluten Gegensatz des Kreditgeldes aufzufassen pflegt, zwei in eigentümlicher Weise verschlungene Kreditvoraussetzungen.

Zunächst ist innerhalb des täglichen Verkehrs die Prüfung der Münze auf ihr Schrot und Korn nur ausnahmsweise tunlich.

Ohne ein Vertrauen des Publikums zu der emittierenden Regierung oder, gegebenenfalls, zu denjenigen Personen, die den Realwert der Münze gegenüber ihrem Nominalwert festzustellen imstande sind, kann es auch zu einem Bargeldverkehr nicht kommen.

Die Aufschrift der Malteser Münzen: non aes sed fides - bezeichnet ganz vortrefflich den integrierenden Zusatz des Glaubens, ohne den die noch so vollwichtige Münze ihre Funktion in den weitaus meisten Fällen nicht ausüben kann.

Gerade die Mannigfaltigkeit, oft Entgegengesetztheit der Gründe für die Akzeptierung des Geldstücks zeigt, daß nicht deren objektive Beweiskraft das Wesentliche ist: in einigen Gegenden von Afrika muß der MariaTheresia-Taler weiß und rein sein, in anderen gerade fettig und schmutzig, damit man ihn als echt annehme ! Es muß aber, zweitens, der Glaube vorhanden sein, daß das Geld, das man jetzt einnimmt, auch zu dem gleichen Wert wieder auszugeben ist.

Auch hier ist das Unentbehrliche und Entscheidende: non aes sed fides - das Vertrauen zu dem Wirtschaftskreise, daß er uns das fortgegebene Wertquantum für den dafür erhaltenen Interimswert, die Münze, ohne Schaden wieder ersetzen werde.

Ohne so nach zwei Seiten hin Kredit zu geben, kann niemand sich der Münze bedienen; dieser doppelte Glaube erst verleiht der schmutzigen, vielleicht kaum erkennbaren Münze das bestimmte Wertmaß.

Wie ohne den Glauben der Menschen aneinander überhaupt die Gesellschaft auseinanderfallen würde, (>165) - denn wie wenige Verhältnisse gründen sich wirklich nur auf das, was der eine beweisbar vom anderen weiß, wie wenige würden irgendeine Zeitlang dauern, wenn der Glaube nicht ebenso stark und oft stärker wäre, als verstandesmäßige Beweise und sogar als der Augenschein! - so würde ohne ihn der Geldverkehr zusammenbrechen.

Dieser Glaube ist indes in einer bestimmten Weise nuanciert.

Die Behauptung, jedes Geld sei eigentlich Kreditgeld, da sein Wert auf dem Glauben des Empfängers beruhe, für das Tauschinstrument eine gewisse Menge Waren zu bekommen - ist noch nicht vollständig aufklärend.

Denn auf derartigem Glauben beruht nicht nur die Geldwirtschaft, sondern jede Wirtschaft überhaupt.

Wenn der Landwirt nicht glaubte, daß das Feld in diesem Jahre so gut wie in früheren Früchte tragen wird, so würde er nicht säen; wenn der Händler nicht glaubte, daß das Publikum seine Waren begehren wird, so würde er sie nicht anschaffen usw.

Diese Art des Glaubens ist nichts als ein abgeschwächtes induktives Wissen.

Allein in dem Fall des Kredites, des Vertrauens auf jemanden, kommt zu diesem noch ein weiteres, schwer zu beschreibendes Moment hinzu, das am reinsten in dem religiösen Glauben verkörpert ist.

Wenn man sagt, man glaube an Gott, so ist das nicht nur eine unvollkommene Stufe des Wissens von ihm, sondern ein überhaupt nicht in der Richtung des Wissens liegender Gemütszustand, einerseits freilich weniger, andrerseits aber mehr als dieses.

Es ist eine sehr feine und tiefe Wendung der Sprache, daß man »an jemanden glaubt« - ohne daß weiter hinzugesetzt oder auch nur deutlich dabei gedacht würde, was man denn eigentlich von ihm glaube.

Es ist eben das Gefühl, daß zwischen unserer Idee von, einem Wesen und diesem Wesen selbst von vornherein ein Zusammenhang, eine Einheitlichkeit da sei, eine gewisse Konsistenz der Vorstellung von ihm, eine Sicherheit und Widerstandslosigkeit in der Hingabe des Ich an diese Vorstellung, die wohl auf angebbare Gründe hin entsteht, aber nicht aus ihnen besteht.

Auch der wirtschaftliche Kredit enthält in vielen Fällen ein Element dieses übertheoretischen Glaubens, und nicht weniger tut dies jenes Vertrauen auf die Allgemeinheit, daß sie uns für die symbolischen Zeichen, für die wir die Produkte unserer Arbeit hingegeben haben, die konkreten Gegenwerte gewähren wird. Das ist, wie gesagt, in sehr hohem Maße ein einfacher Induktionsschluß, aber es enthält darüber hinaus noch einen Zusatz jenes sozial-psychologischen, dem religiösen verwandten »Glaubens«.

Das Gefühl der persönlichen Sicherheit, das der Geldbesitz gewährt, ist vielleicht die konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äußerung des Vertrauens auf die staatlich-gesellschaftliche Organisation und Ordnung. Die Subjektivität dieses Vorganges ist (> 166) gleichsam die höhere Potenz derjenigen, die den Metallwert überhaupt schafft: wenn dieser letztere schon vorausgesetzt ist, so wird er nun durch jenen zweiseitigen Glauben erst für den Geldverkehr praktisch. Es zeigt sich deshalb auch hier, daß die Entwicklung vom Substanzgeld zum Kreditgeld weniger radikal ist, als es scheint, weil das Kreditgeld als Evolution, Verselbständigung, Herauslösung derjenigen Kreditmomente zu deuten ist, die schon in dem Substanzgeld in entscheidender Weise vorhanden sind.

Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, in der das Verhältnis der Kontrahenten zu der Gesamtgruppe beschlossen ist, hat indes eine eigenartige Form.

Abstrakt angesehen, ist sie nämlich gar nicht vorhanden, da der Geldbesitzer niemanden zwingen kann, ihm für Geld, selbst für das unzweifelhaft gute, etwas zu liefern; was sich denn auch in Fällen von Boykottierung durchaus fühlbar gemacht hat. Nur bei schon bestehenden Verpflichtungen kann der Berechtigte gezwungen werden, die Verpflichtung, welcher Art sie auch sei, durch Geld solvieren zu lassen - und auch das nicht einmal in allen Gesetzgebungen.

Diese Möglichkeit, daß der im Geld liegende Anspruch doch auch nicht erfüllt würde, bestätigt den Charakter des Geldes als eines bloßen Kredites; denn das ist doch das Wesen des Kredites, daß der Wahrscheinlichkeitsbruch seiner Realisierung niemals gleich eins wird, so sehr er sich dem auch nähern mag. Tatsächlich ist der einzelne also frei, sein Produkt oder seinen sonstigen Besitz dem Geldbesitzer hinzugeben oder nicht während die Gesamtheit allerdings diesem gegenüber verpflichtet ist.

Diese Verteilung von Freiheit und Gebundenheit, so paradox sie ist, dient doch nicht selten als Erkenntniskategorie.

So haben z. B. Verteidiger der »statistischen Gesetze« behauptet, die Gesellschaft müßte zwar unter bestimmten Bedingungen naturgesetzlich eine bestimmte Anzahl von Morden, Diebstählen, unehelichen Geburten hervorbringen; der einzelne aber sei dadurch nicht zu einem bezüglichen Verhalten genötigt, er vielmehr sei frei, moralisch oder unmoralisch zu handeln; das statistische Gesetz bestimme nicht, daß gerade dieser Bestimmte derartige Taten zu vollbringen habe, sondern nur, daß das Ganze, dem er angehört, ein prädestiniertes Quantum derselben produzieren müsse.

Oder wir hören auch: die Gesamtheit der Gesellschaft oder der Gattung habe ihre festgesetzte Rolle in dem göttlichen Weltplan, in der Entwicklung des Seins zu den letzten transszendenten Zwecken zu spielen; die einzelnen Träger derselben aber seien irrelevant, sie hätten die Freiheit, gleichsam die Gesamtleistung unter sich zu verteilen, und der einzelne könne sich dem auch entziehen, ohne daß jener Gesamtleistung Abbruch geschehe.

Endlich ist hervorgehoben, (> 167) daß die Aktionen einer Gruppe immer durch den naturgesetzlichen Zug ihrer Interessen schwankungslos bestimmt seien, wie die Materienmassen durch die Gravitation; das Individuum dagegen sei von Theorien und Konflikten beirrt, es stehe zwischen vielen Möglichkeiten, unter denen es richtig oder irrtümlich wählen könne - im Unterschiede von den jeder Freiheit entbehrenden, weil von schwankungslosen Instinkten und Zweckmäßigkeiten geleiteten Kollektivhandlungen.

Wieviel richtiges und falsches an diesen Vorstellungen ist, steht hier nicht zur Untersuchung, sondern nur darauf ist hinzuweisen, wie auch sonst dieses Schema eines Verhältnisses zwischen Allgemeinheit und Individuum gilt: jene als nezessitiert und dieses als frei vorzustellen, die Gebundenheit jener durch die Freiheit dieses zu mildern, die Freiheit dieses durch die Gebundenheit jener zu begrenzen und in eine Bestimmtheit des Gesamterfolges einzustellen.

Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, die der Herrscher oder Vertreter der Gesamtheit durch die Prägung des Metallstücks oder den Aufdruck auf das Papier übernimmt, ist die Eskomptierung der ungeheuren Wahrscheinlichkeit, daß jeder einzelne, trotz seiner Freiheit das Geld zurückzuweisen, es nehmen wird.

Dies sind die Zusammenhänge, aus denen heraus bemerkt worden ist, daß, je größer ein Kreis ist, in dem ein Geld gelten soll, die Währung um so höherwertig sein muß.

Innerhalb einer Gruppe von lokaler Begrenztheit mag ein minderwertiges Geld zirkulieren.

So schon in der primitivsten Kultur: in Darfur zirkulieren innerhalb jedes Distrikts lokale Tauschmittel: Hacken, Tabak, Baumwollknäule usw.; die höhere Währung aber ist allen gemeinsam: der Bekleidungsstoff, das Rind, der Sklave.

Es kommt vor, daß das Papiergeld eines Staates sogar provinziell beschränkt ist: in der Türkei wurden 1853 Noten ausgegeben, die nur in Konstantinopel gelten sollten.

Ganz kleine und eng liierte Gesellschaften verständigen sich gelegentlich darüber, irgendein beliebiges Symbol - bis zur Spielmarke - als Geld anzusehen.

Die Erweiterung der Handelsbeziehungen aber verlangt hochwertiges Geld, schon weil die notwendigen Versendungen desselben auf weite Strecken die Konzentration seines Wertes auf einen möglichst geringen Umfang zweckmäßig machen; so daß ebenso die historischen Weltreiche wie die Handelsstaaten mit weitausgreifenden Verkehrskreisen immer zu einem Geld von relativ hohem Substanzwert hingedrängt worden sind.

Hierfür wird von gewissen Erscheinungen auch der Beweis aus dem Gegenteil geliefert. Der wesentliche Vorteil der mittelalterlichen Münzprivilegien bestand darin, daß der Münzherr in seinem Gebiete jederzeit neue Pfennige (> 168) schlagen und den Umtausch aller alten oder fremden, die zu Handelsgeschäften in dies Gebiet kamen, gegen die neuen erzwingen konnte; er profitierte also bei jeder Verschlechterung seiner Münze die Differenz zwischen ihr und der eingetauschten besseren.

Allein wie sich zeigte, war dieser Nutzen dadurch bedingt, daß der Bezirk des Münzherrn ein relativ großer war.

Für ganz kleine Bezirke lohnte sich das Münzprivileg nicht, weil der Markt für ihre Münzen ein zu beschränkter war, so daß bei dem unsäglichen Leichtsinn, mit dem man jedem Kloster und jeder kleinen Stadt ein Prägerecht verlieh, das Münzunheil in Deutschland noch viel ärger geworden wäre, wenn nicht der Nutzen der Münzverschlechterung an eine gewisse Größe des Bezirks gebunden wäre.

Gerade also, weil der größere Kreis seiner sozialwirtschaftlichen Struktur nach ein gutes Geld verlangt, ist der Vorteil an einem aufgezwungenen schlechten eben nur in ihm nennenswert groß.

Positiv erwies sich dies nun weiterhin, indem das Anwachsen des europäischen Verkehrs im 14. Jahrhundert die Einführung des Guldens als allgemeiner Einheit des Münzsystems, und die Verdrängung der Silberwährung durch Goldwährung bewirkte.

Schillinge und Pfennige waren nun Scheidemünze, die jedes Ländchen und Städtchen für seinen Verkehr und so wertlos, wie es wollte, prägen konnte.

Deshalb betraf auch die Verleihung des Münzrechtes im Mittelalter zunächst nur silberne Münzen; das Recht, Goldmünzen zu schlagen, bedurfte besonderer Gestattung, die wohl nur der Regierung eines größeren Territoriums gegeben wurde. Es ist für diese Korrelation äußerst bezeichnend, daß der letzte Rest der römischen Weltherrschaft, der dem Hofe von Byzanz - bis zum 6. Jahrhundert - verblieb, das ausschließliche Recht war, Goldmünzen zu schlagen.

Und endlich wird sie dadurch bestätigt, daß unter den Fällen der oben erwähnten lokalen Beschränktheit für die Papiergeldzirkulation innerhalb des ausgebenden Staates selbst, auch dieser vorkommt: in Frankreich gab es einmal Noten, welche überall, nur nicht in Hafenstädten, also nicht an den Punkten des weitausstrahlenden Verkehrs, gelten sollten.

Ganz allgemein muß, sobald der Kreis sich erweitert, auch dem Fremden und den Bezugsländern die Währung annehmbar und verführerisch gemacht werden.

Denn mit der Vergrößerung des Wirtschaftskreises geht - ceteris paribus - Lockerung desselben Hand in Hand: die gegenseitige Einsicht in die Verhältnisse wird unvollkommner, das Vertrauen bedingter» die Vollstreckbarkeit der Ansprüche unsicherer.

Unter solchen Umständen wird niemand Ware liefern, wenn das Geld, mit dem er bezahlt wird, nur in dem Kreise des Abnehmers mit Sicherheit verwendbar ist, während dies in anderen zweifelhaft ist.

Er wird also ein (> 169) Geld verlangen, das an sich wertvoll ist, d. h. überall akzeptiert wird.

Die Steigerung des Substanzwertes des Geldes bedeutet die Ver-größerung des Kreises von Subjekten, in dem seine allgemeine An-erkennung gesichert ist, während in einem engeren Kreise seine Weiterverwertbarkeit sich auf besondere soziale, rechtliche, personale Garantien und Verknüpfungen hin ergeben kann.

Setzen wir voraus, daß die Weiterverwertbarkeit des Geldes das Motiv seiner Annahme ist, so bildet sein Substanzwert gleichsam das Pfand dafür, das auf Null sinken kann, wenn die Verwertbarkeit durch andere Mittel ge-sichert ist, und um so höher steigen muß, je größer das Risiko jener ist.

Nun aber bewirkt die wachsende wirtschaftliche Kultur, daß der sehr vergrößerte, schließlich internationale Kreis in dieser Hinsicht die Züge erhält, die ursprünglich nur geschlossene Gruppen charakterisierten: die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen überwinden die räumliche Trennung immer gründlicher und wirken ebenso sicher, exakt und berechenbar in die Ferne, wie früher nur in die Nähe.

In dem Maße, in dem das geschieht, kann jenes Pfand, d. h. der Eigenwert des Geldes, heruntergehen.

Die selbst Anhängern des Bimetallismus geläufige Vorstellung, daß derselbe nur bei internationaler Einführung möglich sei, liegt innerhalb dieser Erwägung.

Wie weit wir auch von der vollständigen Enge und Zuverlässigkeit des Zusammenhanges - sowohl innerhalb der einzelnen Nationen wie der Nationen untereinander - noch entfernt sein mögen, so geht doch die Entwicklung zweifellos auf ihn zu: die durch Gesetze, Usancen und Interessen immer wachsende Verbindung - und Vereinheitlichung immer größerer Kreise ist die Grundlage dafür, daß der Substanzwert des Geldes immer geringer werden und immer vollständiger durch seinen Funktionswert ersetzt werden kann.

Bezeichnenderweise führt jene räumlich weite Erstreckung der Handelsbeziehungen, die, wie oben erwähnt, die Substanzwertigkeit des Tauschmittels steigerte, in der modernen Kultur gerade auf völlige Eliminierung eben derselben: auf die interlokale und internationale Ausgleichung durch Giro und durch Wechselversand.

Auch innerhalb einzelner Interessenprovinzen des Geldes wird die Entwicklung von dieser Form beherrscht.

Die Steuerleistung z. B. wird jetzt überwiegend nach dem Einkommen, aber nicht nach dem Besitz gefordert.

In Preußen ist ein reicher Bankier, der die letzten Jahre mit Geschäftsverlust gearbeitet hat, steuerfrei bis auf die geringe und auch erst kürzlich eingeführte Vermögenssteuer.

Also nicht einmal der Geldbesitz, sondern erst das Erträgnis seines Arbeitens, das Geld aus dem Gelde, entscheidet über die Pflichten, und, insoweit die Wahlrechte von der Steuerleistung abhängen, auch über die (> 170) Rechte gegenüber der Allgemeinheit.

In welcher Richtung die allgemeine Entwicklung des Geldes damit festgelegt ist, zeigt ein Blick auf die Rolle des Geldkapitals im alten Rom.

Wie dasselbe auf unproduktivem Wege erworben war - durch Kriege, Tribute, Wechselgeschäfte - so war es auch für den Borger nicht zur Produktion, sondern nur zur Konsumtion bestimmt.

Dabei konnten auch die Zinsen ersichtlich nicht als die natürlichen Früchte des Kapitals gelten, und daher das unklare und unorganische Verhältnis zwischen beiden, das sich in den weit in das Christentum hineinerstreckten Zinsschwierigkeiten zeigte und erst durch Begriff und Tatsache des produktiven Kapitals sachlich reguliert und organisiert wurde.

Jenes ist also der äußerste Gegensatz zu dem jetzigen Zustand, in dem das Kapital seine Bedeutung nicht mehr an dem, was es an und für sich ist, besitzt, sondern an dem, was es leistet: seine Entwicklung hat es aus einem starren, der Produktion innerlich fremden Elemente in lebendige Funktion in und an derselben übergeführt.

Sehen wir nun noch einmal auf die Garantierung des Geldes als seinen Lebensnerv zurück, so verliert sie natürlich in dem Maße an Bündigkeit, in dem das objektive, die Gesamtheit vertretende Gebilde nur beschränkte Abteilungen derselben oder ihre Interessen nur unvollständig repräsentiert.

So ist z. B. auch eine Privatbank ein relativ objektives überpersönliches Wesen, das sich zwischen den Verkehr individueller Interessenten schiebt.

Dieser soziologische Charakter ihrer befähigt sie allerdings zur Ausgabe von Geld, allein sobald nicht staatliche Aufsicht die Garantie auf das wirklich allgemeine Zentralgebilde überträgt, wird die bloße Partialität des in ihr objektivierten Bezirkes sich in der Unvollkommenheit des »Geld«charakters ihrer Noten zeigen. Die Mißstände der nordamerikanischen Papiergeldwirtschaft entstammten zum Teil der Meinung, die Münze sei zwar Staatssache, die Herstellung von Papiergeld aber komme den Privatbanken zu und der Staat habe sich nicht hineinzumischen.

Man übersah dabei die bloße Relativität des Unterschiedes zwischen Metall- und Papiergeld, daß beide, insofern sie eben Geld sind, nur in einer Substanziierung der Tauschfunktion durch gemeinsames Verhältnis der Interessenten zu einem objektiven Organe bestehen, und daß das Geld seine Funktion nur insoweit üben, d. h. nur insoweit die unmittelbaren Werte vertreten kann, als jenes emittierende Organ wirklich den Interessenkreis in sich vertritt oder zum Ausdruck bringt.

Deshalb suchen die Münzen lokaler Machthaber auch manchmal wenigstens den Anschein der Zugehörigkeit zu einem umfassenden Gebilde zu gewinnen.

Noch Jahrhunderte nach dem Tode Philipps und Alexanders wurden an den verschiedensten Plätzen Münzen mit (> 171) ihren Namen und Stempeln geprägt - formell königliche, materiell städtische Münzen.

Die aufwärts gehende Entwicklung strebt in Wirklichkeit auf eine Vergrößerung - und, was hier unmittelbar dazu gehört, auf eine Zentralisierung - der Organe und Potenzen, die die Geldwerte garantieren.

Es ist für diese Richtung sehr bezeichnend, daß die Schatzanweisungen, die die Staaten vor dem 18. Jahrhundert ausgaben, gewöhnlich auf einzelne Einkünfte der Krone basiert und durch sie gewährleistet waren.

Erst die englischen exchequer bills des 18. Jahrhunderts waren Anweisungen auf sämtliche Staatseinnahmen; sie hatten also keine von besonderen Umständen abhängige und besonders zu untersuchende Bonität, sondern diese bestand nur noch in dem allgemeinen Zutrauen in die Zahlungsfähigkeit des Staates überhaupt.

Hierin zeigt sich die große zentralisierende Tendenz der Neuzeit, die ihrer gleichzeitig individualisierenden in keiner Weise widerspricht: beides sind vielmehr die Seiten eines Prozesses, einer schärferen Differenzierung, einer neuen Zusammenfassung der der Gesellschaft und der dem eignen Subjekt zugewendeten Seiten der Persönlichkeit.

Die Entwicklung läutert aus dem Wesen des Geldes alle individualistisch vereinzelnden Elemente heraus und macht die zentralisierten Kräfte des weitesten sozialen Kreises zu seinen Trägern.

Die abstrakte Vermögensform des Geldes trägt diese Entwicklung ebenso dem Personalkredit wie dem Staatskredit ein.

Die Fürsten als Personen besaßen noch im 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts im ganzen wenig Kredit; nicht nach ihrer eignen Kreditwürdigkeit, sondern nach dem Wert der Bürgschaften und Pfänder wurde gefragt.

Der Personalkredit beruht darauf, daß man annimmt: wie auch die Objekte wechseln mögen, die den Besitz des Schuldners bilden, die Wertsumme seines Besitzes wird immer für die bestimmte Schuld gut sein.

Erst wenn das Vermögen jemandes als Wert überhaupt, d. h. in Geld taxiert ist, kann er als Person einen dauernden Kredit haben; sonst muß dieser von dem wechselnden Objektbesitze abhängen.

Es erscheint als ein Übergang von dieser letzteren Stufe zu der heutigen, daß noch im 18. Jahrhundert die meisten Schulden auf bestimmte Summen bestimmter Münzsorten lauteten. Es war also der Begriff des abstrakten, von jeder Spezialform gelösten Wertes noch nicht völlig wirksam geworden - jenes Wertes, hinter dem nicht mehr eine sachliche Bestimmtheit, sondern nur noch der Staat oder die Einzelpersönlichkeit als Garanten stehen.

Die Hauptsache aber ist, daß die Bedeutung des Metalls für das Geldwesen immer mehr hinter die Sicherung seines funktionellen Wertes durch die Organisation des Gemeinwesens zurücktritt. Denn (> 172) das Metall ist eben ursprünglich immer Privatbesitz und darum können die öffentlichen Interessen und Kräfte nie absolut Herr darüber werden.

Man kann sagen, daß das Geld immer mehr eine öffentliche Einrichtung in immer strengerem Sinne des Wortes wird: es besteht mehr und mehr aus dem, was die öffentliche Macht, die öffentlichen Institutionen, die von der Gesamtheit getragenen Verkehrsarten und Garantien daraus machen und wozu sie es legitimieren.

Es ist deshalb bezeichnend, daß in früheren Epochen das Geld gleichsam noch nicht allein, auf seiner abstrakten Funktion, stehen kann; das Geldgeschäft lehnt sich entweder an spezifische Betriebe oder an die technische Herstellung der Münze oder an den Handel mit Edelmetallen an.

So waren es in Wien anfangs des 13. Jahrhunderts die flämischen Tuchfärber, die regelmäßige Wechselgeschäfte besorgten, wie in England und teilweise auch in Deutschland die Goldschmiede. Der Münzwechsel, der im Mittelalter überhaupt erst den Geldverkehr trug (da in jedem Orte prinzipiell nur in seiner Lokalmünze gezahlt werden durfte), war ursprünglich das Privileg der Münze selbst, der »Münzer Hausgenossen«.

Erst als später die Städte die Münze erwarben, wurde das Wechselgeschäft und der Edelmetallhandel von der Münze getrennt.

Die Funktion der Münze ist also zunächst, gleichsam durch Personalunion, an ihren Stoff gebunden; sobald die öffentliche Gewalt für sie garantiert, wird sie von den sonst mit ihr liierten Beziehungen unabhängig, der Wechsel und der Handel mit ihrem Material steht jedem frei, und zwar gerade in dem Maße, in dem ihre Funktion als Geld überindividuell gesicherter wird.

Die wachsende Entpersonalisierung des Geldes, sein immer engeres Verhältnis zu dem zentralisierten größten Sozialkreise steht in genauer und wirksamer Beziehung zu der Akzentuierung seiner Funktionen in ihrer Selbständigkeit gegenüber dem Metallwert.

Es ist die Sicherheit des Geldes, auf der sein Wert ruht und als deren Träger die politische Zentralgewalt allmählich durch die unmittelbare Bedeutung des Metalls, sie verdrängend, hindurchwächst.

Hier liegt eine Analogie zu einer wenig beachteten Nuance des Wertempfindens vor.

Sobald der Wert eines Objektes darauf beruht, daß es uns ein anderes zugängig macht, so ist sein Wert durch die beiden Koeffizienten bestimmt: den inhaltlichen Wert dessen, was es uns vermittelt, und die Sicherheit, mit der ihm diese Vermittlung gelingt; die Erniedrigung des einen Koeffizienten kann, bis zu einer gewissen Grenze, den Gesamtwert ungeändert lassen, wenn ihr eine Erhöhung des andern entspricht.

So ist die Bedeutung einer Erkenntnis für uns gleich dem Produkt aus ihrer Sicherheit und der Wichtigkeit ihres Inhaltes.

In den Naturwissenschaften pflegt der (> 173) erstere, in den Geisteswissenschaften der letztere Koeffizient zu überwiegen, wodurch darin prinzipiell eine Gleichheit ihres Gesamtwertes möglich ist; nur wenn man, wie Aristoteles, an der Sicherheit des Wissens nicht zweifelt, kann man seinen Wert ausschließlich von dem seines Objekts abhängen lassen.

So ist der Wert eines Lotterieloses ein Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es gezogen wird, und der Höhe des eventuellen Gewinnes, so der Wert jedes beliebigen Handelns gleich dem Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es seinen Zweck erreicht und der Wichtigkeit dieses Zweckes, so der Wert eines Rentenpapiers zusammengesetzt aus der Sicherheit für das Kapital und der Höhe der Verzinsung.

Nun verhält sich das Geld zwar nicht genau ebenso, denn seiner steigenden Sicherheit entspricht keine Wertminderung der Objekte, deren Erlangung es sichert; aber die Analogie gilt doch so weit, daß mit der steigenden Sicherung seiner Verwertbarkeit sein anderer Wertkoeffizient, der innere Metallwert, unbestimmt weit sinken kann, ohne seinen Gesamtwert zu alterieren.

Andrerseits ergibt sich unmittelbar als Ursache wie als Wirkung der soziologischen Stellung des Geldes, daß es die Beziehungen zwischen der Zentralgewalt der Gruppe und ihren einzelnen Elementen zahlreicher, stärker und enger machen muß, weil eben jetzt die Beziehungen dieser Elemente untereinander gleichsam durch jenes hindurchgeleitet werden.

So haben schon die Karolinger ein deutliches Bestreben, den Natural- oder Viehtausch durch Geldwirtschaft zu verdrängen.

Sie verordnen oft, die Münzen dürften nicht zurückgewiesen werden und bestrafen ihre Nichtannahme hart.

Das Münzrecht war ausschließlich Königsrecht, und so bedeutete das Durchsetzen des Verkehrs in Münze die Erstreckung der königlichen Macht dahin, wo früher rein privater, persönlicher Verkehrsmodus bestand.

Es ist ganz in dem gleichen Sinne, wenn die römischen Gold- und Silbermünzen seit Augustus ausschließlich im Namen und Auftrag des Kaisers geprägt wurden, wogegen das Recht, Scheidemünze auszugeben, einerseits dem Senat, andrerseits den Kommunalverbänden verblieb; und es verallgemeinert diesen Zusammenhang nur, daß große Fürsten so oft auch gewaltige Münzsysteme geschaffen haben: Darius I., Alexander d. Gr., Augustus, Diokletian, bis zu Napoleon I.

Die ganze Technik, durch die in naturalwirtschaftlichen Zeiten eine große soziale Macht bestehen kann, weist sie darauf hin, sich selbst zu genügen, sich - wie es z. B. von den Großgrundherrschaften seit den Merovingern gilt zum Staat im Staate zu machen; wogegen entsprechende Machtgebilde in der Geldwirtschaft gerade im Anschluß an die Staatsorganisation erwachsen sind und sich erhalten haben.

Der moderne (> 174) zentralistische Staat wurde deshalb auch an dem ungeheuren Aufschwung der Geldwirtschaft groß, den die beginnende Neuzeit aus der Erschließung der amerikanischen Metallvorräte gewann.

Die Selbstgenugsamkeit feudaler Verhältnisse wurde zerstört, indem sich in jede Transaktion die auf die Zentralgewalt hinweisende, die Beziehungen der Kontrahenten über sich hinausweisende Münze schob so daß man diese Macht des Geldes, die einzelnen mehr an die Krone zu drängen, enger an sie zu binden, als den tieferen Sinn des Merkantilsystems angesprochen hat.

Andrerseits gilt die Tatsache, daß die deutschen Kaiser sich dieses Zentralisierungsmittel von den Territorialherren entreißen ließen, als einer der wesentlichen Gründe für die Zersplitterung des Reiches - während die französischen und englischen Könige des 13. und 14. Jahrhunderts die Einheit ihrer Reiche mit Hilfe der geldwirtschaftlichen Bewegung gründeten.

Als das russische Reich im ganzen schon als ein unteilbares galt, stattete Iwan III. doch seine jüngeren Söhne noch mit Landesteilen aus, in denen sie souverän schalten konnten, und für die er der Zentralgewalt außer der höheren Gerichtsbarkeit nur das Münzrecht vorbehielt.

Ja, die lockere Sphäre, die, aus den Handelsbeziehungen eines Landes bestehend, es jenseits seiner politischen Grenzen umgibt, gewinnt außerordentlich an Ausdehnung und Konsistenz, sobald das Landesgeld durch seine Solidität allenthalben gültig wird und so alle Punkte dieses Kreises mit dem Ursprungsland verbindet und immer wieder auf dasselbe zurückweist.

So verlieh der Kurs des englischen Sovereigns in Portugal und Brasilien dem englischen Handel ein großes Prestige und hielt die in diese Länder ausstrahlenden Handelsbeziehungen einheitlich zusammen.

In Deutschland war der Gang der, daß bald nach der Karolingerzeit der König einzelnen Personen und Stiften das Prägerecht verlieh, wobei er indes noch selbst Schrot, Korn und Form der Münzen bestimmte.

Aber schon vor dem 12. Jahrhundert dürfen die so Beliehenen Münzfuß und Stempel beliebig festsetzen und also so viel Profit, wie sie wollen, dabei herausschlagen.

So geht die Lösung des Münzwesens von der Zentralgewalt und die Verschlechterung der Münze Hand in Hand: d. h. das Geld ist um so weniger wirklich Geld, je weniger der größte soziologische Kreis bzw. dessen Zentralorgan es garantiert.

Die Rückläufigkeit dieses Zusammenhanges bestätigt ihn nur: die Verelendung des Geldes wirkte ihrerseits auf die Auflösung und den Auseinanderfall des größten Kreises, auf dessen Einheit es angewiesen gewesen wäre.

Ja sogar eine rein formale und symbolische Beziehung mag in diesen Erscheinungen irgendwie mitgewirkt haben.

Zu den wesentlichen Charakterzügen von Gold und Silber gehört (> 175) ihre relative Unzerstörbarkeit, in deren Konsequenz ihr Gesamtquantum lange Perioden hindurch fast stetig bleibt, weil jedes durch Schürfung hinzukommende Quantum im Verhältnis zu dem bereits vorhandenen nur minimal ist.

Während die Mehrzahl aller anderen Objekte verbraucht wird, in ewigem Flusse verschwindet und sich wieder ersetzt, bleibt das Geld in seiner fast unbegrenzten Dauerhaftigkeit von diesem Wechsel der individuellen Dinge unberührt.

Damit aber erhebt es sich über diese, wie die objektive Gruppeneinheit über die Fluktuation der Persönlichkeiten.

Denn das eben ist ja die charakteristische Lebensform jener konkret gewordenen Abstraktionen der Gruppenfunktionen, daß sie jenseits der einzelnen Verwirklichungen dieser stehen, ruhende Gebilde in der Flucht der individuellen vorüberfließenden Erscheinungen, die gleichsam in sie aufgenommen, von ihnen geformt und wieder entlassen werden: das ist die Unsterblichkeit des Königs, die jenseits seiner zufälligen Persönlichkeit, seiner einzelnen Maßregeln, der wechselnden Schicksale seiner Gruppe steht und für die die relative Ewigkeit der Münze, die sein Bild trägt, sowohl als Symbol wie als Beweis wirkt.

Die Geschäfte mit Fürsten waren es, die im 16. Jahrhundert überhaupt erst das reine Geldgeschäft großen Stiles schufen; der Verkehr mit dem Fürsten, den es bewirkte, ließ den bis dahin damit verbundenen Warenhandel als etwas Plebejisches erscheinen, über das sich der Geldkaufmann in einer Analogie zu königlicher Würde erhob.

So mag auch der Haß der Sozialisten gegen das Geldwesen nicht nur der diesem zugeschriebenen privatwirtschaftlichen Übermacht des Kapitalisten über den Arbeiter gelten, sondern auch ihren antimonarchischen Instinkten entspringen; denn so wenig die Objektivierung der Gruppengesamtheit, deren das Geld bedarf, in monarchischer Form geschehen muß, so hat doch in der neueren Geschichte gerade diese Form aufs kräftigste der Einschiebung der Zentralgewalt in die wirtschaftlichen Funktionen der Gruppe gedient.

Auch die festen Residenzen der Fürsten, die die Zentralisation so sehr fördern, sind erst bei Geldsteuern möglich; den nicht transportabeln Naturalsteuern entspricht das Herumziehen des Hofes, der sie überall in natura verzehrt.

Es ist durchaus in diesem Sinn, wenn moderne Steuerpolitik vielfach dahin strebt, den Kommunen die Realsteuern zu überlassen, den Staat aber auf Einkommensteuer zu stellen. Indem die Steuerforderung der Zentralgewalt sich auf das reine Geldeinkommen der einzelnen richtet, erfaßt sie gerade dasjenige Besitzobjekt, zu dem sie von vornherein das strikteste Verhältnis hat.

Die Ausbildung des Beamtenwesens mit seiner engen Beziehung zum Geldwesen ist insofern nur ein Symptom dieser zentralistischen Entwicklung; (> 176) das Beamtentum des Lehenswesens ist ein dezentralisiertes, der räumlich ferne Landbesitz des Belehnten führt sein Interesse von der Zentralstelle ab, während die immer von neuem erfolgende Geldentlohnung ihn zu dieser hinführt, seine Abhängigkeit von dieser immer von neuem eindringlich macht.

Deshalb war die Pforte bei ihrer ständigen Münzverschlechterung doch anfangs des 19. Jahrhunderts einmal genötigt, für ihre Beamten und Offiziere doppelt schwere Münzen schlagen zu lassen, weil es gerade den eigentlichen Staatsfunktionären gegenüber eines wirklich gültigen Geldes bedurfte.

Darum war die ungeheure Vermehrung und Verfeinerung des Beamtentums erst bei der Geldwirtschaft möglich; sie ist aber nichts als eines der Symptome der Beziehung, die zwischen dem Geld und der Objektivierung des Gruppenzusammenhanges zu einem besonderen zentralen Gebilde besteht.

Bei den Griechen wurde diese ursprünglich nicht von einer staatlichen, sondern von der religiösen Einheit getragen. Alles hellenische Geld war einmal sakral, ebenso von der Priesterschaft ausgegangen, wie die andern allgemein gültigen Maßbegriffe: Gewichte, Umfangsmaße, Zeiteinteilungen.

Und diese Priesterschaft repräsentierte zugleich die Verbandseinheit der Landschaften; die ältesten Verbände ruhten durchaus auf religiöser Grundlage, die manchmal für relativ weite Gebiete die einzige blieb.

Die Heiligtümer hatten eine überpartikularistische, zentralisierende Bedeutung, und diese war es, die das Geld, das Symbol der gemeinsamen Gottheit auf sich tragend, zum Ausdruck brachte. Die religiöse soziale Einheit, die im Tempel kristallisiert war, wurde in dem Gelde, das er ausgab, gleichsam wieder flüssig und gab diesem ein Fundament und eine Funktion, weit über die Metallbedeutung des individuellen Stückes hinaus.

Von diesen soziologischen Konstellationen getragen und sie tragend, realisiert sich die steigende Bedeutung der Geldfunktionen auf Kosten der Geldsubstanz.

Einige Beispiele und Überlegungen mögen diesen Prozeß verdeutlichen, und zwar knüpfe ich dieselben, unter den vielen, seinen Inhalt bildenden Diensten des Geldes, an die folgenden: an die Erleichterung des Verkehrs, an die Beständigkeit des Wertmaßstabes, an die Mobilisierung der Werte und die Beschleunigung ihrer Zirkulation, an ihre Kondensierung in möglichst kompendiöse Form.

Einleitenderweise möchte ich hervorheben, daß gerade die oben erwähnten, von den Fürsten begangenen Münzverschlechterungen durch die ungeheure Übervorteilung der Massen den Funktionswert des Geldes seinem Metallwert gegenüber aufs schärfste beleuchten.

Was die Untertanen bewog, die verschlechterte Münze zu akzeptieren und für sie die an Metall bessere hinzugeben, war doch eben, daß (>177) jene den Verkehrszweck des Geldes erfüllte.

Was die Münzherren herausschlugen, war das ungebührlich gesteigerte Äquivalent für den Funktionswert des Geldes, um dessentwillen die Untertanen in den Münztausch, d. h. in die Aufopferung seines Metallwertes willigen mußten.

Allein dies ist nur das ganz allgemeine Phänomen, als dessen spezifische Zuspitzung es erscheint, daß das Geld, das durch seine Form dem Verkehr im allgemeinen besser dient, als ein anderes, nicht nur bei gleichem Substanzgehalt diesem überlegen ist; sondern es kann dadurch seine eigene Substanzbedeutung so weit wie in dem folgenden Fall überflügeln.

Als im Jahre 1621 durch die niederdeutsche Münzverschlechterung der Wert des Reichstalers auf 48 bis 54 Schillinge gestiegen war, erließen die Obrigkeiten von Holstein, Pommern, Lübeck, Hamburg und anderen, ein gemeinsames Münzedikt, wonach der Taler von einem gewissen Zeitpunkt an nur 40 Schillinge gelten sollte.

Obgleich dies allgemein als richtig und heilsam beurteilt und akzeptiert wurde, galt der Taler doch weiterhin wegen der leichteren Verteilung und Rechnung noch lange 48 Schillinge.

Es ist auf einer viel höheren und komplizierten Stufe dasselbe, wenn die Börsen jetzt bei Rentenpapieren, die in größeren und kleineren Abschnitten ausgegeben sind, die letzteren etwas höher zu notieren pflegen als die ersteren, weil jene mehr gesucht sind und dem kleineren Verkehr besser dienen - obgleich der Wert pro rata der genau gleiche ist.

Ja im Jahre 1749 erklärte ein Komitee für Münzzwecke in den amerikanischen Kolonien: in Ländern mit unausgebildeter Wirtschaft, die mehr konsumieren als produzieren, müsse das Geld immer schlechter sein als das ihrer reicheren Nachbarn, weil es sonst unvermeidlich diesen zuflösse.

Dieser Fall ist also die Steigerung und Aufgipfelung der vorhererwähnten Tatsache, daß die Eignung einer bestimmten Geldform zu Berechnungen und Ausgleichungen dieser Form einen Wert verschafft, der absichtlich weit über den sachlich gültigen gehoben wird.

Die funktionelle Zweckmäßigkeit des Geldes ist hier über seinen Substanzwert bis zur Umkehrung seiner Bedeutung hinausgewachsen.

Hierhin gehören, als Beweise für die Überwucherung des Metallwertes durch den Funktionswert, alle die Fälle, in denen das völlig minderwertige Kleingeld dem Edelmetall gegenüber einen manchmal unglaublichen Preis behauptet hat.

Das kommt z. B. in Goldgräberdistrikten vor, wo die gewonnenen Reichtümer einen lebhaften Verkehr erzeugen, ohne daß man in ihnen doch das Tauschmittel für die kleineren Bedürfnisse des Tages hätte.

So war unter den Goldgräbern in Brasilien am Ende des 17. Jahrhunderts eine Not um kleine Münze ausgebrochen, die der König von Portugal benutzte, um Silbergeld gegen ein ungeheures (> 178) Agio in Gold hinüberzuschaffen.

Später ist es auch in Kalifornien wie in Australien vorgekommen, daß die Goldgräber, um nur Kleingeld zu haben, seinen 2- bis 16fachen Metallwert dafür in Gold bezahlt haben.

Die ärgsten Erscheinungen dieser Art bietet der bis vor kurzem herrschende - neuerdings, wie man sagt, in der Reform begriffene - Münzzustand in der Türkei.

Dort existiert weder Nickel noch Kupfergeld, sondern als Kleingeld nur jammervolle Silberlegierungen: Altiliks, Beschliks und Metalliques, die alle in einer für den Verkehr völlig unzureichenden Masse vorhanden sind.

Die Folge davon ist, daß diese Münzen, deren nominellen Wert die Regierung selbst 1880 um ungefähr die Hälfte herabsetzte, diesen fast unverändert behalten haben und gegen Gold gar kein nennenswertes Disagio machen, ja die Metalliques, die für das schlechteste in der ganzen Welt kursierende Geldzeichen gehalten werden, stehen zeitweise über pari gegen Gold ! Gerade dies ist äußerst bezeichnend: die geringste Münze ist eben für den Verkehr die wichtigste und wird ausschließlich nach dieser Wichtigkeit gewertet - weshalb denn auch allenthalben die kleinen Münzen die ersten Objekte der Münzverschlechterung sind.

Der Preis der Metalliques enthält das Paradoxon, daß ein Geld um so wertvoller sein kann, je wertloser es ist - weil gerade seine substanzielle Wertlosigkeit es zu gewissen funktionellen Diensten geschickt macht, die seinen Wert nun fast unbegrenzt heben können.

Das gesteigerte Bewußtsein und die gesteigerte Tatsächlichkeit der Funktionsbedeutung des Geldes ermöglichte auch den Einwand gegen die Silberwährung: was man vom Geld fordere, sei zuerst und unbedingt Bequemlichkeit und Handlichkeit.

Man könne zwar ein Nahrungsmittel beibehalten, wenn sein Gebrauch auch viele Unbequemlichkeiten mit sich bringt, sobald es nur nahrhaft und wohlschmeckend sei, auch ein unbequemes Kleidungsstück, weil es schön oder warm ist. Aber ein unbequemes Geld sei wie ein ungenießbares Nahrungsmittel oder ein untragbares Kleidungsstück.

Denn der oberste Zweck des Geldes sei die Bequemlichkeit des Güteraustausches.

Der Unterschied gegen die hier verglichenen Güter beruht eben darauf, daß das Geld weniger Nebenqualitäten neben seiner Hauptqualität hat und haben darf, als andere Güter.

Da es das absolute Abstraktum über allen konkreten Gütern ist, so wird es von jeder Qualität, die außerhalb seiner reinen Bestimmung liegt, ungebührlich belastet und abgelenkt.

Daß die Steigerung -oder Herabsetzung einer Funktion des Geldes seinen Wert unabhängig von seinem Substanzwert erhöhen oder erniedrigen könne - gilt selbst für denjenigen Schätzungsgrund (> 179) seiner, der besonders eng mit seinem Substanzwert verbunden scheint: für seine Wertbeständigkeit. Die römischen Kaiser besaßen, wie schon erwähnt, das ausschließliche Recht der Gold- und Silberprägung, während die Kupfermünzen, d. h. das Kreditgeld, vom Senat und im Orient von den Städten geschlagen wurden.

Das bildete von vornherein eine gewisse Garantie dagegen, daß der Kaiser das Land mit substanzwertloser Scheidemünze überschwemmte.

Der Erfolg war schließlich nur der, daß die Kaiser sich an die ihnen freistehende Verschlechterung des Silbers hielten, von der dann auch der bodenlose Verfall des römischen Münzwesens ausging.

Daraus entstand nun eine merkwürdige Umkehrung der Wertverhältnisse.

Das Silber sank durch seine Verschlechterung zur Kreditmünze herab, während das Kupfer dadurch, daß es sich ziemlich unverändert behauptet hatte, wieder in höherem Maße den Charakter der Wertmünze erhielt.

Die Eigenschaft der Wertbeständigkeit also ist hier imstande, durch ihre relative Höhe oder Erniedrigung die bisherigen Charaktere der Metallsubstanzen als Geldwertträger völlig umzukehren.

In diesem Sinne des Hinausragens des Stabilitätswertes über den Substanzwert hat man jetzt hervorgehoben, daß der Übergang eines Notenlandes zur Goldwährung keineswegs die Wiederaufnahme der Barzahlungen mit sich bringen müßte. In einem Lande wie Österreich etwa, dessen Noten kein Disagio gegen Silber mehr machen, wäre schon durch den Übergang zur bloßen Goldrechnung der entscheidende Vorteil der Goldwährung, nämlich die Stabilisierung des Geldwertes, gewonnen: die Funktion der Substanz, auf die es ankommt, wäre so ganz ohne die Substanz selbst erreichbar.

Und neuerdings hat das Interesse an der Beständigkeit des Geldwertes sogar zu der Forderung geführt, die metallische Deckung der Noten überhaupt abzuschaffen.

Denn sobald diese bestände, wäre für die verschiedenen Länder eine Gemeinsamkeit des Systems geschaffen, die den inneren Verkehr eines jeden all den Schwankungen in den politischen und wirtschaftlichen Schicksalen der anderen unterwirft !

Ein ungedecktes Papiergeld biete durch seine Exportunfähigkeit nicht nur den Vorteil, überhaupt im Lande zu bleiben und für alle Unternehmungen daselbst bereit zu sein, sondern vor allem eine vollständige Wertbeständigkeit.

So angreifbar diese Theorie ist, so zeigt ihre bloße Möglichkeit doch jene psychologische Lösung des Geldbegriffes von dem Substanzbegriff und seine wachsende Erfüllung durch die Vorstellung seiner funktionellen Dienste.

Übrigens unterliegen alle derartigen Funktionen des Geldes ersichtlich den Bedingungen, unter denen seine allgemeine Auflösung in Funktionen steht: daß sie in jedem gegebenen Augenblick nur unvollkommen gelten und ihre Begriffe ein im Unendlichen liegendes Entwicklungsziel bezeichnen.

Schon dadurch, (> 180) daß die Werte, die es messen und deren gegenseitiges Verhältnis es ausdrücken soll, etwas bloß Psychologisches sind, wird ihm die Beständigkeit der Raum- oder Gewichtsmaße versagt.

Indes rechnet die Praxis mit dieser Wertbeständigkeit als mit einer Tatsache angesichts der Frage, wie man sich bei der Wiedererstattung eines Gelddarlehns zu verhalten habe, wenn inzwischen der Wert des Geldes sich geändert hat.

Geschieht das etwa durch Sinken des Geldwertes überhaupt, so daß die gleiche Summe bei der Rückgabe weniger wert ist, so wird dies von den Gesetzen nicht in Betracht gezogen; die identische Geldsumme gilt ohne weiteres als der identische Wert.

Wo die Münze sich selbst verschlechtert, sei es durch Legierung, sei es durch Änderung des Münzfußes, entscheiden die Gesetze bald so, daß die, nach dem neuen Münzfuß, entsprechende Summe, bald das gleiche Quantum Feingehalt, bald rein mechanisch der Nennwert der Schuld zu erstatten sei.

Im ganzen also überwiegt die Vorstellung, daß das Geld seinen Wert unverändert behalte.

Nun ist diese Stabilität zwar auch an Naturalgegenständen, bei deren Ausleihe sie niemand bezweifelt, eine Fiktion: ein Zentner Kartoffeln, den man sich im Frühling leiht, um ihn später in natura wiederzugeben, kann dann viel mehr oder viel weniger wert sein. Allein hier kann man sich auf die unmittelbare Bedeutung des Gegenstandes zurückziehen: während der Tauschwert der Kartoffeln schwanken mag, bleibt ihr Sättigungs- und Nährwert genau der gleiche.

Da nun aber das Geld keinen derartigen, sondern ausschließlich Tauschwert hat, so ist die Voraussetzung seiner Stabilität eine um so auffallendere.

Die Entwicklung wird zweckmäßigerweise dahin streben, diese praktisch notwendige Fiktion mehr und mehr zu bewahrheiten.

Schon vom Edelmetallgeld hat man hervorgehoben, daß seine Beziehung zum Schmuck seiner Wertstabilität diene: denn da das Schmuckbedürfnis sehr elastisch sei, so nehme es bei Vermehrung des Metallvorrates sogleich ein größeres Quantum desselben auf und verhindere dadurch einen zu starken Druck auf seinen Wert, während bei steigendem Bedürfnis nach Geld die Schmuckvorräte als Reservoir dienen, aus dem das erforderliche Quantum zu entnehmen und die Preiserhöhung zu begrenzen sei. In der Fortsetzung dieser Tendenz aber scheint das Ziel zu liegen, die Geldsubstanz überhaupt auszuschalten.

Denn selbst eine so geeignete wie das Edelmetall kann nicht ganz den Schwankungen entzogen werden, die aus seinen eigenen Bedingungen des Bedarfs, der Produktion, der Verarbeitung usw. hervorgehen und die bis zu einem gewissen Grade mit seinem Dienste als Tauschmittel und Ausdruck der relativen Warenwerte nichts zu tun haben.

Die vollständige Stabilität des Geldes wäre (> 181) erst erreichbar, wenn es überhaupt nichts mehr für sich wäre, sondern nur der reine Ausdruck des Wertverhältnisses zwischen den konkreten Gütern.

Damit wäre es in eine Ruhelage gekommen, die sich durch die Schwankungen der Güter so wenig verändert, wie der Meterstab durch die Verschiedenheit der realen Größen, die er mißt.

Dann wäre auch der Wert, der ihm durch das Leisten dieses Dienstes zukäme, auf ein Maximum von Stabilität gelangt, weil so das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich viel genauer regulieren ließe, als bei seiner Abhängigkeit von einer Substanz, deren Quantum unserem Willen nur unvollkommen unterliegt.

Damit ist freilich nicht geleugnet, daß unter bestimmten historischen und psychologischen Umständen die Bindung an das Metall dem Gelde noch eine größere Stabilität garantieren könnte, als die Lösung von ihm - wie ich es oben selbst behauptet habe.

So mag - um an die dort gegebenen Analogien anzuknüpfen - die tiefste und sublimste Liebe diejenige sein, die nur zwischen Seelen, unter völliger Ausschaltung jedes Erdenrestes, besteht - allein solange diese nicht erreichbar ist, wird sich ein Maximum von Liebesempfindung gerade da zeigen, wo die rein seelische Beziehung einen Zusatz und Vermittlung durch sinnliche Nähe und Anziehung erhält; so mag das Paradies das Wunderversprechen seiner Seligkeit darin erfüllen, daß das Bewußtsein derselben keines Sichabhebens von entgegengesetzten Empfindungen bedarf - so lange wir aber Menschen sind, können allein sonst vorhandene, leidvolle, indifferente oder herabgesetzte Gefühlszustände uns ein positives Glück, als Unterschiedsempfindung, eintragen.

Wenn also auch in einer idealen Sozialverfassung ein ganz substanzloses Geld das absolut zweckmäßige Tauschmittel ist, so kann doch bis dahin seine relativ höchste Zweckmäßigkeit gerade von seiner Bindung an eine Substanz bedingt sein.

Dieser letztere Umstand bedeutet also keine Ablenkung des unendlichen Weges, der zur Auflösung des Geldes in einen bloß symbolischen Träger seiner reinen Funktion führt.

Ein besonderes Stadium des Scheidungsprozesses zwischen dem Funktions- und dem inneren Werte des Geldes zeigen die Fälle, wo für die Schätzung der Werte als Maßstab ein Geld angewandt wird, in dem die tatsächlichen Zahlungen gar nicht erfolgen. Den Tauschdienst kann das Geld nicht leisten, ohne zugleich Maßdienste zu leisten; wohl aber zeigen sich die letzteren in gewisser Hinsicht von jenem unabhängig.

Im alten Ägypten wurden die Preise nach dem Uten, einem Stück gewundenen Kupferdrahts, bestimmt, während die Zahlungen in den verschiedensten Bedarfsartikeln erfolgten.

Im Mittelalter wird vielfach der Geldpreis festgesetzt, während der (> 182) Käufer ihn zahlen darf, in quo potuerit.

An vielen Stellen Afrikas wird heute der Güteraustausch nach einer, manchmal recht komplizierten, Geld-Valuta vollzogen, aber das Geld selbst ist meistens nicht vorhanden.

Die Geschäfte der außerordentlich wichtigen Genueser Wechselmessen des 16. Jahrhunderts wurden nach der Werteinheit des Markenskudo (scudo de marchi) abgewickelt. Diese war in keiner existierenden Münze ausgedrückt, war vielmehr rein imaginär: 100 Skudi galten so viel wie 99 der besten Goldskudi.

Alle Verpflichtungen waren auf Markenskudi gestellt, wodurch die Meßwährung, eben wegen ihrer Idealität, eine vollkommen feste, aller Schwankung und Zerfahrenheit der Prägungen entzogene war.

Auch die indische Kompagnie hat, um der Verschlechterung, dem Verschleiß und der Fälschung der indischen Münze zu begegnen, den rupee current eingeführt: eine überhaupt nicht geprägte Münze, die einem gewissen Quantum Silber entsprach und nur den Maßstab bildete, an dem der Wert der wirklichen, deteriorierten Münzen festgestellt wurde.

Diese gewannen nun durch ein solches festes ideelles Maß auch für sich einen festen relativen Wert.

Damit war fast schon der Zustand erreicht, den ein Theoretiker von Anfang des 19. Jahrhunderts vor Augen hat.

Indem er alles gemünzte oder in anderer Form den Verkehr vermittelnde Geld für eine Anweisung auf tauschbare Güter erklärt, kommt er schließlich zu einer Negation aller Realität des Geldes: er stellt dem Gelde im eigentlichen Sinne die Münze gegenüber und erklärt nur die letztere für jene »Anweisung«, die nach dem Geld berechnet wäre, während das Geld selbst nur der ideale Maßstab für alle Vermögenswerte wäre.

Hier ist also das Prinzip des Markenskudo zu einer allgemeinen Theorie geworden, das Geld ist so sehr zu einer reinen Form und Verhältnisbegriff idealisiert, daß es überhaupt mit keiner greifbaren Wirklichkeit mehr identisch ist, sondern zu dieser sich nur noch verhält, wie das abstrakte Gesetz zu einem empirischen Fall.

In den oben angeführten Vorkommnissen hat die Funktion des Wertmessers sich von dem substanziellen Träger gelöst: die Rechenmünze tritt wie in einen absichtlichen Gegensatz zu der Metallmünze, um ihre Stellung jenseits dieser festzulegen. In der hier fraglichen Beziehung tut das ideale Geld dieselben Dienste wie das gute Geld, denn auch dieses ist hier eben gutes nur wegen seiner Funktion: der Sicherheit der Wertabmessungen, die sich mit Hilfe seiner vollziehen.

Dies führt nun weiter auf die Vertretung des Geldwertes durch Äquivalente, insoweit diese die Mobilisierung der Werte als einen der wesentlichen Dienste des Geldes hervortreten lassen.

Je mehr die Bedeutung des Geldes als Tauschmittel, Wertmaß, Aufbewahrungsmittel (> 183) usw. aus ihrer ursprünglichen Geringfügigkeit zum Übergewicht über seinen sogenannten Substanzwert aufwächst, desto mehr Geld kann auch in anderer als gerade in Metallform in der Welt zirkulieren.

Und dieselbe Entwicklung, die von der eingeschränkten Starrheit und substanziellen Festgelegtheit des Geldes zu diesen Vertretungen führt, macht sich auch weiterhin innerhalb dieser selbst geltend.

So etwa in der Entwicklung von dem von Person zu Person lautenden Schuldschein zu dem Inhaberpapier.

Die Stufen dieser Entwicklung sind noch zu verfolgen. Die Klausel des Schuldanerkenntnisses, daß der Inhaber desselben und nicht nur der eigentliche Ausleiher zur Einziehung berechtigt sei, kommt zwar schon im Mittelalter vor; aber nicht um seinen Wert zu übertragen, sondern um die Einziehung durch einen Vertreter des Gläubigers zu erleichtern.

Diese bloß formale Mobilisierung des Papiers wurde eine mehr tatsächliche in dem französischen billet en blanc, das an der Lyoner Börse kursierte.

Dasselbe wies seiner Fassung nach noch auf einen individuellen Gläubiger an, dessen Name aber nicht ausgefüllt war; wurde ein solcher indes an die leere Stelle eingefügt, so war nun der Gläubiger individuell bestimmt.

Der eigentliche Handelsverkehr mit reinen Inhaberpapieren begann im 16. Jahrhundert in Antwerpen; wir wissen, daß anfänglich denselben, wenn sie ohne besondere Zession in Zahlung gegeben waren, oft die Einlösung am Verfallstage verweigert wurde, so daß eine kaiserliche Verordnung ihre prinzipielle Gültigkeit feststellen mußte.

Hier haben wir eine sehr deutliche Stufenfolge.

Der fragliche Wert ist durch den individuell bestimmten Schuldschein sozusagen zwischen Gläubiger und Schuldner festgeklemmt; er gewinnt seine erste Beweglichkeit, indem er wenigstens von einem anderen eingezogen werden kann, wenngleich für Rechnung des ursprünglichen Gläubigers; dies erweitert sich, indem das Blankopapier die personale Bestimmtheit des Gläubigers zwar nicht aufhebt, aber doch beliebig hinausschiebt, bis schließlich in dem reinen Inhaberpapier, das wie eine Münze von Hand zu Hand gehen kann, der Wert völlig mobilisiert ist.

Dies erscheint als der Revers oder die gleichsam subjektive Wendung der oben an den staatlichen Schatzassignationen beobachteten Entwicklung.

Indem dieselben statt auf einzelne bestimmte Kroneinkünfte schließlich auf die Staatseinkünfte überhaupt lauteten, verloren sie nach der Seite des Schuldners hin ihre individuelle Fixiertheit, gingen aus ihrer substanziellen Eingeschränktheit in die Bewegungen der allgemeinen Staatswirtschaft über und wurden, schon weil die Prüfung ihrer besonderen Qualität jetzt wegfiel, unendlich viel beweglichere Träger des Wertes, den sie darstellten. (> 184)

An der allgemeinen Zirkulationsbeschleunigung der Werte entwickelt sich nun auch unmittelbar das Verhältnis von Substanz und Funktion des Geldes.

Gegenüber einer einseitigen Auffassung des Verhältnisses zwischen Geld und Geldsurrogaten hat man hervorgehoben, daß diese letzteren - Schecks, Wechsel, Warrants, Giro das Geld - nicht verdrängen, sondern nur zu schnellerer Umsetzung veranlassen.

Diese Funktion gerade der Vertretungen des Geldes zeigt sich recht daran, daß die Noten von ihren großen und also schwerer beweglichen Werten zu immer geringeren herabsteigen: bis 1759 gab die englische Bank keine kleineren Noten aus als zu 20 Pfund, die Bank von Frankreich bis 1848 nur solche von 5oo Fr. Indem jene Surrogate an die Stelle der Barzahlung treten, ersparen sie es dem Einzelnen zwar, einen größeren Geldbestand in seiner Kasse zu halten, allein der Vorteil davon liegt doch nur darin, daß das so frei werdende Geld anderwärts bzw. bei der Scheckbank arbeiten kann.

Was erspart wird, ist also nicht eigentlich das Geld, sondern nur sein passives Daliegen als Kassenbestand.

So ist auch sonst zu beobachten, daß Kredit- und Bargeld sich keineswegs nur einfach gegenseitig ersetzen, sondern daß eines das andere gerade in lebhaftere Bewegung bringt.

Wenn das meiste bare Geld am Markte ist, steigt auch oft die Kreditwirtschaft ins Taumelhafte und bis zu pathologischen Erscheinungen: so im 16. Jahrhundert, das an die großen Metallimporte die größten und unsolidesten Kredite knüpfte, bis zu dem Gründungsfieber der Fünf-Milliardenzeit in Deutschland.

Daß so Geld und Kredit ihre Bedeutung gegenseitig steigern, bedeutet nur ihr Berufensein zu demselben funktionellen Dienst; so daß, wenn er an der Entwicklung des einen stärker hervortritt, auch das andere zu der gleichen Lebhaftigkeit der Bewegung veranlaßt wird.

Dies widerspricht also gar nicht der anderen Relation zwischen ihnen, wonach der Kredit das bare Geld überflüssig macht: so hören wir, daß in England schon 1838 trotz der ungeheuer gestiegenen Produktion weniger bares Geld vorhanden gewesen sei als 50 Jahre früher, ja in Frankreich weniger als vor der Revolution.

Zwischen zwei Erscheinungen, die demselben Grundmotiv entsprießen, ist dieses Doppelverhältnis: sich einerseits gegenseitig zu steigern, sich andrerseits zu verdrängen und zu ersetzen - durchaus begreiflich und keineswegs selten.

Ich erinnere daran, wie das Fundamentalgefühl der Liebe sich sinnlich und geistig äußern kann, und zwar derart, daß diese Erscheinungsweisen sich gegenseitig stärken, aber auch so, daß eine von ihnen die andere auszuschließen strebt, und daß oft gerade ein Wechselspiel zwischen diesen beiden Möglichkeiten das Grundgefühl am tiefsten und lebendigsten verwirklicht; ich erinnere daran, wie die (>185) verschiedenen Betätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitig hervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig verdrängen, gleichmäßig die Einheit des grundlegenden Interesses bekunden; endlich, die politischen Energien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem Naturell und Milieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr Kraftmaß ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wie darin, daß das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamer Aktion zu vereinheitlichen imstande ist.

So weist die Bedeutung des Kredits: einerseits mit der Bargeldzirkulation in einem Verhältnis gegenseitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur auf die Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.

Nun tritt an die Stelle der Vermehrung der Geldsubstanz, die durch die Steigerung des Umsatzes erfordert scheint, immer mehr die Vermehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit.

Ich führte früher an, daß schon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent das 135 fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat (54 Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogar das 190 fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet.

Die auffällige Erscheinung, daß bei Ausbruch eines Krieges oder sonstiger Katastrophen das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunken wäre, bedeutet doch nur die Stockung der Zirkulation, die durch die Ängstlichkeit des Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Gelde zu trennen, veranlaßt oder verstärkt ist.

In normalen Zeiten läßt die Schnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel ausgedehnter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist - wie ein glühendes Fünkchen, das im Dunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer glühender Kreis erscheint, - um in dem Augenblick, wo seine Bewegung aufhört, sofort wieder in seine substanzielle Minimität zusammenzuschmelzen.

Am heftigsten tritt dies bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geld gehört in jene Kategorie von Erscheinungen, deren Wirksamkeit sich bei regulärer Form und Verlauf in angebbaren Grenzen und determiniertem Umfang hält, während sie bei Ablenkungen und Verschlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten Schaden anrichten.

Die Typen dafür sind die Mächte des Wassers und des Feuers.

Da das gute Geld nicht mit so vielen Nebenwirkungen belastet ist wie das schlechte und deshalb nicht so viel Erwägungen, Vorsicht und sekundäre Maßregeln bei seiner Benutzung verlangt, so kann es leichter und flüssiger als dieses kursieren.

In je präziserer Form es die Dienste des bloßen Geldes leistet, desto geringer braucht sein Quantum zu sein, desto leichter (> 186) ist es durch seine Bewegung zu ersetzen.

Auch kann die Vermehrung der Umsätze statt durch eine Vermehrung der kursierenden Geldsubstanz durch Verkleinerung der Stücke erzielt werden.

Die Entwicklung der Münze geht im allgemeinen von großen zu kleinen Stücken und ich erwähne aus derselben hier des bezeichenden Falles: in England war lange Zeit der Farthing (gleich o,12 gr Silber) das geringste Münzstück; erst von 1843 an wurden halbe Farthings geschlagen.

Bis dahin waren also alle Werte, die unter ein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und für alle, die zwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der Verkehr erschwert.

Ein Reisender erzählt aus Abessinien (1882), wie außerordentlich es den Handel behindere, daß nur eine ganz bestimmte Münze, der Maria-Theresia-Taler von 1780, anerkannt werde, das Kleingeld aber so gut wie ganz fehle.

Wenn jemand also für einen halben Taler Gerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des Geldes irgend sonstige Gegenstände in Kauf nehmen.

Wogegen aus Bornu in den sechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird, da der Wert jenes Talers in zirka 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei und der Arme deshalb ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze.

Freilich hat die Verkleinerung der Münze die Folge, daß nicht mehr so viel umsonst geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primitiven Verhältnissen Regel ist, fällt fort, sobald für den allerkleinsten Dienst ein Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auch gefordert wird.

Aber jene Hingabe ohne Äquivalent, die zuerst soziale Notwendigkeit, dann moralische Pflicht oder freie Freundlichkeit ist, bedeutet noch keine eigentliche und entwicklungsfähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub.

Zu dieser wird die Hingabe erst mit der Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände.

Jenes subjektive Verfahren ist sicher von hohem, auch ökonomischem Werte - aber es setzt der Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erst durch die Maßregeln gesprengt werden, die freilich jene Werte unmittelbar vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleiner Münze gehört.

Die Verflüchtigung des Geldstoffes sozusagen in Atome hebt den Verkehr außerordentlich; indem sie das Tempo der Geldumsätze beschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d. h. also, die bestimmte Art, in der das Geld funktioniert, ist imstande, die quantitativen Mehrungen seiner Substanz zu ersetzen.

Auch haben nun endlich gewisse Leistungen des Geldes von vornherein einen Sinn, der dem Wesen einer Substanz heterogen ist. Es gehört zu den Funktionen des Geldes, die ökonomische Bedeutung der Dinge in der ihm eigenen Sprache nicht nur überhaupt darzustellen, (> 187) sondern zu kondensieren.

In der Einheit der Geldsumme, mit der ein Gegenstand bezahlt wird, verdichten sich ebenso die Werte aller, vielleicht durch einen langen Zeitraum hin erstreckten Momente seiner Nutznießung, wie die Sonderwerte seiner räumlich auseinanderliegenden Teile, wie die Werte aller vorbereitenden und in ihm mündenden Kräfte und Substanzen.

Ein Geldpreis, aus wie vielen Münzeinheiten er auch bestehe, wirkt doch als eine Einheit; dank der völligen Ununterscheidbarkeit seiner Teile, die seinen Sinn ausschließlich in seiner quantitativen Höhe bestehen läßt, bilden diese Teile eine so völlige Einheit, wie sie auf praktischem Gebiet sonst kaum besteht.

Wenn man selbst von einem hochwertigen und vielverzweigten Objekt, etwa einem Landgut, sagt, es gelte eine halbe Million Mark, so wird durch diese Summe, auf wie viele einzelne Voraussetzungen und Erwägungen sie sich auch fundamentiere, doch der Wert des Gutes in einen ganz einheitlichen Begriff zusammengezogen, nicht anders, als wenn man eine auch in sich einheitliche Sache durch einen in sich einheitlichen Münzbegriff schätzt, also etwa: eine Arbeitsstunde gelte eine Mark.

Man könnte dies höchstens mit der Einheit des Begriffes vergleichen, der das Wesentliche einer Anzahl individueller Gestaltungen zusammenschließt; wenn ich z. B. den Allgemeinbegriff Baum bilde, so liegen die Merkmale desselben, die ich aus ihren sehr verschiedenartigen Verwirklichungen an den einzelnen Bäumen heraus abstrahiere, nicht mehr nebeneinander, sondern durchdringen sich zu einer einheitlichen Wesenheit.

Wie es der tiefere Sinn des Begriffes ist, nicht ein bloßes Zusammen von Merkmalen zu sein, sondern die ideale Einheit, in der diese Merkmale trotz aller ihrer Verschiedenheiten sich begegnen, und in die sie sich einschmelzen - so läßt der Geldpreis alle vielfache und extensiv-ökonomische Bedeutung des Objekts in eine gleichsam unausgedehnte Einheit konvergieren.

Es scheint zwar, als ob jener Charakter reiner Quantität dies gerade verhindern müßte: niemals könne eine Mark mit einer zweiten eine solche Einheit bilden wie die Elemente eines organischen Körpers oder einer sozialen Vereinigung, die Verschlingung ineinander fehle ihnen, sie blieben ewig an die Form des Nebeneinander gebunden.

Allein dies gilt tatsächlich nicht für den Fall, daß die Geldsumme den Wert eines Objektes ausdrückt.

Eine halbe Million Mark sind an und für sich freilich ein bloßes additionales Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert eines Landgutes sind sie das einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner Werthöhe und so wenig ein bloßes Nebeneinander einzelner Markeinheiten, wie, wenn man die Lufttemperatur Mit 20o bezeichnet, damit nicht eine Summe von 20 einzelnen (>188) Graden, sondern vielmehr ein in sich völlig einheitlicher Wärmezustand gemeint ist.

Dies entspricht der erwähnten Leistung des Geldes, Werte zu kondensieren; mit dieser schließt es sich den großen Kulturmächten an, deren Wesen es ist, überall in einem kleinsten Punkt die größte Kraft zu sammeln und vermöge der Form der Konzentrierung der Energien die passiven und aktiven Widerstände gegen unsere Zwecke zu überwinden.

Hier ist vor allem an die Maschine zu erinnern, und zwar nicht nur nach der auf der Hand liegenden Seite, daß sie die Naturkräfte in konzentrierter Weise in die Bahnen uns erwünschter Betätigung lenkt; sondern auch nach der hin, daß jede Verbesserung der Maschine und Erhöhung ihrer Geschwindigkeit den Arbeiter zu erhöhter Intensifikation seines Krafteinsatzes zwingt.

Das eben ist der Grund, weshalb Fortschritt der maschinellen Technik und Verkürzung der Arbeitszeit so oft Hand in Hand gehen kann und muß: weil die verbesserte Maschinerie nicht nur die Naturkräfte, sondern auch die Menschenkräfte in zusammengedrängterer, gleichsam porenloserer Form in den Dienst unserer Zwecke stellt.

Ich sehe die gleiche Kulturtendenz sich an der Herrschaft des Naturgesetzes innerhalb unseres Weltbildes verwirklichen: gegenüber dem Haften an der einzelnen Erscheinung, der Zufälligkeit und der Isoliertheit primärer Empirie, ist das Naturgesetz eine ungeheure Kondensierung des Erkennens; es faßt in eine kurze Formel die Erscheinungsart und Bewegung endloser Einzelfälle zusammen, der Geist komprimiert mit ihm die räumliche und zeitliche Extensität des Geschehens in eine überschaubare Systematik, in der sozusagen die ganze Welt latent enthalten ist.

An einem ganz anderen Pol der Erscheinungen zeigt die Ablösung der Handwaffen durch die Feuerwaffen dieselbe Entwicklungsform.

Im Pulver liegt die enorme Kraftverdichtung, die mit einem Minimum von Muskelleistung eine unmittelbar gar nicht erzielbare Extensität der Wirkung entfesselt.

Ja vielleicht ist die Wichtigkeit und die Differenzierung der Persönlichkeit innerhalb der historischen Bewegung, die an die Stelle der Gentil-, Familien-, Genossenschaftsorganisationen tritt, dem gleichen Prinzip untertan.

Indem die bewegenden Kräfte von immer individualisierteren, äußerlich enger begrenzten Trägern ausstrahlen, erscheinen sie komprimierter als vorher, die Schicksalsfaktoren, die bei enger Einschmelzung des einzelnen in seine Gruppe durch diese hin verteilt sind, konzentrieren sich jetzt in ihm selbst; das Selbstbestimmungsrecht des modernen Menschen hätte zweckmäßigerweise nicht aufkommen können, wenn nicht in der engen Form personaler Existenz ein sehr gestiegenes Quantum von Wirkungsmöglichkeiten zusammengebunden wäre.

Und dem widerstreitet (> 189) es durchaus nicht, daß zugleich die Funktionen jener engen Gemeinschaften zum großen Teil an den so viel extensiveren Großstaat übergegangen sind. Denn auf die wirklichen Leistungen angesehen, ist die Lebensform des modernen Staates mit seiner Beamtenorganisation, seinen Machtmitteln, seiner Zentralisierung, eine unendlich viel intensivere, als die der kleinen und primitiven Gemeinwesen.

Der moderne Staat beruht auf einem ungeheuren Zusammennehmen, Ineinanderflechten und Vereinheitlichen aller politischen Kräfte; so daß man direkt sagen kann - gegenüber den Kraftverschwendungen, die die Zerfällung einer Nation in jene selbständigen, in sich zentralisierten Gemeinwesen von geringster Extensität bewirkt, stellt sowohl die freie und differenzierte Persönlichkeit, wie andrerseits der moderne Großstaat ein unvergleichliches Zusammennehmen der Kräfte dar; die sozialen Spannkräfte sind hiermit in eine derartig kompendiöse Form gebracht, daß jeder einzelnen Anforderung gegenüber mit einem Minimum von neuem Energieaufwand ein Maximum von Leistung erzielt werden kann.

Es ist nun interessant zu ersehen, wie das Geld sich nicht nur diesen Beispielen der historischen Tendenz auf Kraftverdichtung anschließt, indem es die Werte der Dinge auf die kürzeste und komprimierteste Weise ausdrückt sondern dies auch noch so bestätigt, daß es zu vielen jener gleich gerichteten, aber ganz anderen Gebieten zugehörigen Beispiele ein direktes Verhältnis hat.

In der Epoche der aufkommenden Feuerwaffen wurde pecunia nervus belli, das Pulver entwand dem Ritter und dem Bürger die Waffe und drückte sie dem Söldner in die Hand, machte ihren Besitz und ihre Benutzung also zum Privileg der Geldbesitzer. Wie eng das Aufkommen und die Fortschritte der Maschinentechnik mit dem Geldwesen verbunden sind, bedarf keines Nachweises.

Dagegen werde ich später einen solchen dafür zu führen haben, daß jene Entwicklung der primären Gruppenbildung zur Befreiung der Individualität einerseits und die Erweiterung zum Großstaat andrerseits die innigste innere Beziehung zu dem Aufkommen der Geldwirtschaft hat.

So sehen wir die Kulturtendenz der Kondensierung der Kräfte in vielerlei direkten und vermittelten Zusammenhängen mit der Geldform der Werte.

Alle jene indirekten Bedeutungen seiner für die anderweitigen Seiten des Kulturprozesses hängen an seiner wesentlichen Leistung, daß der ökonomische Wert der Dinge mit ihm den gedrängtesten Ausdruck und eine Vertretung von absoluter Intensität gewonnen hat.

Wenn man hergebrachterweise unter die Hauptdienste des Geldes rechnet, daß es Wertaufbewahrungs- und Werttransportmittel ist, so sind dies nur die groben und sekundären Erscheinungen jener grundlegenden Funktion. Sie aber hat ersichtlich gar keine (> 190) innere Beziehung zu dem Gebundensein des Geldes an eine Substanz, ja an ihr tritt am empfindbarsten hervor, daß das Wesentliche des Geldes Vorstellungen sind, die, weit über die eigene Bedeutung seines Trägers hinaus, in ihm investiert sind.

Je größer die Rolle des Geldes als Wertkondensator wird - und das wird sie nicht durch Wertsteigerung seines einzelnen Quantums, sondern durch die Erstreckung dieser seiner Funktion auf immer mehr Objekte, durch die Verdichtung immer verschiedenartigerer Werte in seiner Form - desto weiter wird es von der notwendigen Bindung an eine Substanz fortrücken; denn in ihrer mechanischen Immergleichheit und Starrheit muß diese der Fülle, dem Wechsel, der Mannigfaltigkeit der Werte immer inadäquater werden, die auf ihre Vorstellung projiziert und in ihr kondensiert werden.

Man könnte dies als eine steigende Vergeistigung des Geldes bezeichnen.

Denn das Wesen des Geistes ist, der Vielheit die Form der Einheit zu gewähren.

In der sinnlichen Wirklichkeit ist alles nebeneinander, im Geist allein gibt es ein Ineinander.

Vermittels des Begriffes gehen dessen Merkmale, vermittels des Urteils gehen Subjekt und Prädikat in eine Einheit ein, zu der es in der Unmittelbarkeit des Anschaulichen gar keine Analogie gibt. Der Organismus, als die Brücke von der Materie zum Geist, ist freilich ein Ansatz dazu, die Wechselwirkung schlingt seine Elemente ineinander, er ist ein fortwährendes Streben nach einer ihm unerreichbaren vollkommenen Einheit.

Erst im Geiste wird die Wechselwirkung der Elemente ein wirkliches Sichdurchdringen.

Den Werten bereitet die Wechselwirkung im Tausche diese geistige Einheit.

Darum kann das Geld, die Abstraktion der Wechselwirkung, an allem Räumlich-Substanziellen nur ein Symbol finden, denn das sinnliche Außereinander desselben widerstrebt seinem Wesen. Erst in dem Maß, in dem die Substanz zurücktritt, wird das Geld wirklich Geld, d. h. wird es zu jenem wirklichen Ineinander und Einheitspunkte wechselwirkender Wertelemente, der nur die Tat des Geistes sein kann.

Wenn so die Leistungen des Geldes sich teils neben seiner Substanz, teils unabhängig von ihrem Quantum vollziehen können, und wenn deshalb sein Wert sinken muß - so bedeutet dies durchaus nicht, daß der Wert des Geldes überhaupt, sondern nur, daß der des einzelnen konkreten Geldquantums herabgesetzt ist.

Beides fällt so wenig zusammen, daß man geradezu sagen kann: je weniger das einzelne Geldquantum wert ist, desto wertvoller ist das Geld überhaupt.

Denn nur dadurch, daß das Geld so billig, jede bestimmte Summe seiner so viel wertloser geworden ist, kann es diejenige allgemeine Verbreitung, rasche Zirkulation, überall hindringende Ver- (> 191) wendbarkeit gewinnen, die ihm seine jetzige Rolle sichert.

Innerhalb des Individuums spielt sich dasselbe Verhältnis zwischen den einzelnen Geldquanten und ihrer Totalität ab. Gerade diejenigen Personen, die sich vom Geld, wenn es eine einzelne Ausgabe betrifft, am leichtesten und verschwenderischsten trennen, pflegen vom Gelde überhaupt am abhängigsten zu sein.

Auch dies ist eine der Bedeutungen der Redensart, daß man das Geld nur verachten könne, wenn man sehr viel hätte.

In ruhigen Zeiten und Orten, mit ökonomisch langsamerem Lebenstempo, wo das Geld viel länger an einer Stelle liegt, wird sein einzelnes Quantum viel höher gewertet als in der ökonomischen Jagd der großstädtischen Gegenwart.

Die schnelle Zirkulation erzeugt eine Gewohnheit des Weggebens und Wiedereinbekommens, macht jedes einzelne Quantum psychologisch gleichgültiger und wertloser, während es als Geld überhaupt da das Geldgeschäft den Einzelnen hier viel intensiver und extensiver berührt als in jenem unbewegteren Dasein - immer größere Bedeutung gewinnt.

Es handelt sich hier um den sehr weit erstreckten Typus: daß der Wert eines Ganzen sich in demselben Verhältnis hebt, in dem der seiner individuellen Teile sinkt.

Ich erinnere daran, daß Maß und Bedeutung einer sozialen Gruppe oft um so höher steigt, je geringer das Leben und die Interessen ihrer Mitglieder als Individuen eingeschätzt werden; daß die objektive Kultur, die Vielseitigkeit und Lebendigkeit ihrer sachlichen Inhalte ihren höchsten Grad durch eine Arbeitsteilung erreichen, die den einzelnen Träger und Anteilhaber dieser Kultur oft in eintöniges Spezialistentum, Beschränktheit und Verkümmerung bannt: das Ganze ist um so volllkommener und harmonischer, je weniger der Einzelne noch ein harmonisches Ganzes ist.

Dieselbe Form stellt sich auch sachlich dar.

Der besondere Reiz und die Vollendung gewisser Gedichte besteht darin, daß die einzelnen Worte durchaus keinen selbständigen Sinn, außer dem, der dem beherrschenden Gefühl oder dem Kunstzweck des Ganzen dient, psychologisch mitanklingen lassen, daß der Gesamtkreis der Assoziationen, der die eigene Bedeutung des Wortes ausmacht, ganz zurücktritt, und nur die dem Zentrum des Gedichtes zugewandten für das Bewußtsein beleuchtet sind; so daß das Ganze in demselben Maße kunstvollendeter ist, in dem seine Elemente ihre individuelle, für sich seiende Bedeutung einbüßen.

Und endlich ein ganz äußerlicher Fall.

Der Herstellungs- wie der Kunstwert eines Mosaikbildes ist um so höher, je kleiner seine einzelnen Steinchen sind; die Farben des Ganzen sind die treffendsten und nuanciertesten, wenn der einzelne Bestandteil eine möglichst geringfügige, einfache und für sich bedeutungslose Farbenfläche darbietet.

Es ist also ein (> 192) im Gebiete der Wertungen keineswegs unerhörter Fall, daß die Werte des Ganzen und die seiner Teile sich in umgekehrter Proportionalität zueinander entwickeln, und zwar nicht durch ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen, sondern durch direkte Verursachung: daß jede einzelne angebbare Geldsumme jetzt weniger wert ist als vor Jahrhunderten, ist die unmittelbare Bedingung für die ungeheuer gesteigerte Bedeutung des Geldes.

Und diese Bedingung hängt ihrerseits wieder von dem Steigen des Funktionswertes des Geldes auf Kosten seines Substanzwertes ab.

Das zeigt sich nicht nur am Geld im allgemeinen, sondern auch an den einzelnen davon abzweigenden Erscheinungen: der Zinsfuß stand außerordentlich hoch, so lange es teils wegen der kirchlichen Wucherlehre, teils wegen der naturalwirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt wenig verzinsliche Darlehen gab; eine je größere Bedeutung der Zins im wirtschaftlichen Leben erhielt, desto geringer wurde er.

Und auch von dem allerprinzipiellsten Standpunkte aus wäre es das schwerste Mißverständnis der Entwicklung von der Substanz zur Leistung, wenn man sie auf ein »Wertlos«-Werden des Geldes deutete, und als sei ihm damit ungefähr so viel genommen wie einem Menschen mit der Seele - nämlich alles.

Diese Auffassung geht schon deshalb an der Hauptsache vorbei, weil die Funktionen, in die das Geld sich auflöst, selbst wertvolle sind, wodurch ihm ein Wert zuwächst, der beim Metallgeld ein additioneller, beim Zeichengeld der einzige ist; so sicher aber ist er ein reeller Wert, wie die Lokomotive durch das Ausüben ihrer Transportfunktionen einen Wert hat, der mehr ist als der Wert ihres Materials.

Freilich kann es zunächst die Geldfunktionen ausüben, weil es ein Wert ist; dann aber wird es ein Wert, weil es sie übt.

Den Wert des Geldes in seinen Substanzwert setzen, heißt den Wert der Lokomotive in den ihres Eisengewichts, etwa noch um den darin steckenden Arbeitswert erhöht, setzen.

Aber gerade diese Analogie scheint die Annahme eines besonderen, aus der Funktion erwachsenden Wertes zu widerlegen.

Der Preis einer Lokomotive - wir brauchen in diesem Zusammenhange nicht zwischen Wert und Preis zu unterscheiden - besteht allerdings aus Materialwert + Formwert, d. h. + Wert der darin investierten Arbeitskraft.

Daß die Lokomotive wie das Geld den Austausch von Objekten bewirkt, das sei zwar die Veranlassung, sie überhaupt zu werten, davon hänge aber das Maß dieser Wertung keineswegs ab wie auch sonst die Nützlichkeit unzähliger Objekte bewirke, daß sie überhaupt einen Marktpreis haben, die Höhe dieses aber von ganz anderen Momenten bestimmt werde; die Nützlichkeit gebe bei solchen Objekten allenfalls eine Grenze an, über die der Preis nicht (>193) steigen darf, aber sie könne hier dessen positive Größe nicht erzeugen.

Gilt dieser Vergleich, so scheint der Wert des Geldes doch wieder von seinen Funktionen auf seine Substanz zurückgewiesen zu werden.

Allein an einem entscheidenden Punkte gilt er eben nicht. Daß eine Lokomotive nur nach ihrem Materialwert und Formungswert bezahlt wird, hängt ausschließlich daran, daß jeder Beliebige Lokomotiven bauen darf, und deshalb die Idee, ohne die Material + Arbeitskraft niemals eine Lokomotive ergeben würden, keinen Einfluß auf die Preisbildung besitzt.

Sobald es ein Patent auf Lokomotiven gäbe, würde sich in dem erhöhten Preise, den man für sie bewilligte, der Wert zeigen, den sie über die Summe von Materialwert und Arbeitswert hinaus besitzen; sobald die Idee Gemeingut ist, haben ihre Verwirklichungen insoweit keine »Seltenheit«, und erst diese würde ihrer Funktionsbedeutung einen besonderen Ausdruck im Preise verschaffen.

Nun aber besteht am Gelde etwas, was dem Patente entspricht: das Prägerecht der Regierungen, das jeden Unlegitimierten die Idee des Geldes zu verwirklichen hindert; auf diesem Monopol der Regierung ruht die »Seltenheit« des Geldes entweder teilweise, wenn es aus Edelmetall besteht, oder völlig, wenn es Papier oder Scheidemünze ist.

Ein chinesisches Gesetz drückt im ersteren Falle das Monopol der Regierung dadurch mit charakteristischer Schärfe aus, daß es den Falschmünzer, der aus echtem Metall münzt, schwerer bestraft als den, der es aus minderwertigem tut: weil, so wird dies begründet, er gerade damit in unziemlichere Konkurrenz mit der Regierung träte und in ihre Prärogative tiefer eingriffe, als im letzteren Fall!

Wenn jeder Beliebige Geld prägen könnte, so würde sein Wert allerdings auf Materialwert + Formwert sinken, - womit denn jenes Monopol mit seinen Vorteilen hinwegfiele.

Deshalb ist von ethnologischer Seite bemerkt worden, daß, wo jeder selbst Geld beliebig herstellen kann, wie beim Muschelgeld, die Machtstellung der Reichen und der Häuptlinge sehr leicht erschüttert wird.

Umgekehrt hat an dem Privileg des Staates für die Herstellung des Geldes jeder Geldbesitzer pro rata teil - wie der Käufer eines patentierten Gegenstandes an dem Patent des Erfinders.

Vermöge des der Zentralgewalt vorbehaltenen Prägerechts, das dem Geld die stete Möglichkeit, wirklich als Geld zu funktionieren, garantiert - gewinnen diese Funktionen nun ihrerseits die Möglichkeit, dem Material- und Formwert des Geldes ein weiteres wirksames Wertquantum hinzuzufügen, oder, wo jene fortfallen, ihm überhaupt einen Wert zu verschaffen. Sehr bezeichnend ist hierfür eine Norm des römischen Rechts, schon aus der republikanischen Zeit.

Seit der Einführung der geprägten Münze statt des gewogenen Kupfergeldes (> 194) haben die Römer darauf gehalten, daß dieselbe rechtlich für ihren konventionellen Wert akzeptiert werde, gleichviel, ob ihr Effektivwert damit stimmte oder nicht.

Diese Unabhängigkeit vom Metall aber fordert sogleich die Zusatzbestimmung: Geld sei überhaupt nur eben diese Münze, jede andere sei bloße Ware; nur bei Forderung auf jene kann man mit der strengen Geldschuldklage vorgehen, alle sonstigen Geldschulden sind, wie Warenschulden, nur auf den wirklichen, also durch ihr Nominal als Geld nicht beeinflußten Wert (quanti ea res est) einzuklagen.

Das heißt also, der Wert des anderen Geldes war nicht Geldwert, sondern Stoffwert, weil man der legalen Münze die Funktion des Geldes vorbehielt.

Eben dadurch erhielt sie den Wert, den die anderen Münzen nur durch ihren Gehalt erreichen konnten, und rechtfertigte es, daß sie unabhängig von ihrem inneren Werte galt.

Wie ein Litermaß wirtschaftlichen Wert hat, nicht weil es Material und Form enthält - denn wenn es nicht durch diese zu einem außerhalb ihrer liegenden Zwecke verwendbar wäre, so würde kein Mensch ihm nachfragen - sondern weil es die Funktion des Messens zweckmäßig erfüllt, so hat auch das Geld seinen Wert im Dienst des Messens und den anderen, die es leistet.

Nur daß man diesen auch wieder nur in Geld mit hinreichender Allgemeinheit ausdrücken kann, verhindert, dies so ohne weiteres zu erkennen wie bei dem Litermaß, dessen Wert man in etwas anderem, als es selbst ist, ausdrückt.

Die Dienste des Geldes bilden seinen »Gebrauchswert«, der doch in seinem »Tauschwert« irgendwie zum Ausdruck kommen muß; es ist eines der Objekte, in deren »Gebrauchswert«, da er an die Prägung durch die Regierung gebunden ist, der »Seltenheitswert«, den diese Prägung, wie ich zeigte, involviert, zugleich enthalten ist.

Die Substanztheorie des Geldes wehrt sich gegen die doch unvermeidliche Erkenntnistendenz, die Bedeutung der Dinge aus ihrem terminus a quo in ihren terminus ad quem zu verlegen: nicht was das Geld ist, sondern wozu es ist, verleiht ihm seinen Wert, so daß, wenn auch ein ursprünglicher Wert des Geldes es zu seinen Funktionen disponiert hat, es seinen Wert dann durch die Ausübung dieser Funktionen erhält und damit auf höherer Stufe zurückgewinnt, was es auf niederer aufgegeben hat.

Wenn nun in den oben geschilderten Entwicklungen das Geld einem Punkte zustrebt, wo es, zum reinen Symbol geworden, ganz in seinen Tausch und Meßzweck aufginge so zeigen mannigfache Parallelen die allgemeine geistesgeschichtliche Tendenz, die es in jene Richtung führt.

Das Interesse, das wir primärer und unbefangener Weise an den Erscheinungen nehmen, pflegt dieselben als ungeschiedene Ganze zu umfassen: wie sie uns als Einheit von Form (> 195) und Inhalt entgegentreten, so knüpft sich unser Wertgefühl auch an ihre Form, weil sie die Form dieses Inhalts, an ihren Inhalt, weil er der Inhalt dieser Form ist.

Auf höheren Stufen sondern sich diese Elemente, und es wenden sich besondere Schätzungsweisen an die Funktion als bloße Form.

Die Mannigfaltigkeit des Inhalts, die von dieser getragen wird, erscheint ihr gegenüber oft irrelevant.

So schätzen wir z. B. die religiöse Stimmung, unter Gleichgültigkeit gegen ihren dogmatischen Inhalt.

Daß diese bestimmte Erhebung, Spannung und Versöhnung der Seele überhaupt vorhanden sei, die, als ein Allgemeines, die unendliche Verschiedenheit der historischen Glaubensinhalte trägt, - empfinden wir als wertvoll.

So flößt uns die Kraftbewährung als solche oft einen Respekt ein, den wir ihren Ergebnissen versagen müssen.

So wendet sich das verfeinerte ästhetische Interesse immer mehr dem zu, was am Kunstwerk bloß Kunst ist, der Kunstform im weitesten Sinne, unter wachsender Gleichgültigkeit gegen seine Materie, d. h. gegen seinen Vorwurf und gegen die ursprünglichen Gefühle, in deren Sublimierung und Objektivierung erst die eigentlich ästhetische Funktion, in Produktion wie Konsumtion, verläuft.

So empfinden wir die Erkenntnis als wertvoll, rein als die formale Funktion des Geistes, die Welt in sich zu spiegeln, und insoweit gleichgültig dagegen, ob die Gegenstände und Resultate des Erkennens erfreuliche oder unerfreuliche, verwertbare oder rein ideelle sind.

Diese Differenzierung der Wertgefühle hat nun eine weitere bemerkenswerte Seite.

Die ganze Entwicklung des modernen naturalistischen Geistes geht auf die Entthronung der Allgemeinbegriffe und die Betonung des Einzelnen als des allein legitimen Vorstellungsinhaltes.

In der Theorie wie in der Praxis des Lebens wird das Allgemeine als bloß Abstraktes behandelt, das seine Bedeutung nur an seinem Stoffe, d. h. an greifbaren Einzelheiten finden kann; indem man sich über diese erhebt, glaubt man ins Leere zu fallen.

Dennoch aber ist das Gefühl für die Bedeutsamkeit des Allgemeinen, das einst in Plato seinen Höhepunkt erreichte, nicht verschwunden, und eine völlig befriedigende Stellung zur Welt würden wir erst gewinnen, wenn jeder Punkt unseres Bildes von ihr die stoffliche Realität des Singulären mit der Tiefe und Weite des Formal-Allgemeinen versöhnte.

So ist der Historismus und die soziale Weltanschauung ein Versuch, das Allgemeine zu bejahen und doch seine Abstraktheit zu verneinen: ein Erheben über das Einzelne, ein Ableiten des Einzelnen aus einem Allgemeinen, das doch volle und gediegene Wirklichkeit besitzt; denn die Gesellschaft ist das Allgemeine, das nicht abstrakt ist.

In dieser Richtung liegt nun auch jene Wertung der Funktion in ihrer Sonderung vom Inhalte.

Die Funktion ist das (> 196) Allgemeine gegenüber dem speziellen Zweck, dem sie dient: das religiöse Gefühl ist das Allgemeine gegenüber seinem Glaubensinhalte, das Erkennen das Allgemeine gegenüber seinen einzelnen Objekten, jede Kraft überhaupt das Allgemeine gegenüber den speziellen Aufgaben, zu deren Mannigfaltigkeit sie sich als die immer gleiche verhält - gleichsam eine Form und Fassung, die die verschiedenartigsten Stoffe aufnimmt.

An dieser Entwicklungstendenz scheint das Geld teilzunehmen, wenn das daran geknüpfte Wertgefühl sich von seinem Stoffe unabhängig macht und auf seine Funktion übergeht, die ein Allgemeines und doch kein Abstraktes ist.

Die Schätzung, welche anfangs den in bestimmter Weise funktionierenden Stoff als Einheit betraf, differenziert sich, und während das Edelmetall als solches immer weiter geschätzt wird, gewinnt nun auch seine Funktion, die jedem ihrer stofflichen Träger gegenüber ein Überindividuelles ist, eine besondere und selbständige Wertung.

Daß das Geld Tausche vermittelt und Werte mißt, ist gleichsam die Form, in der es für uns existiert; indem das Metall diese Form annimmt, wird es Geld - wie Vorstellungen über das Überirdische zur Religion werden, indem die religiöse Gefühlsfunktion sie aufnimmt, und wie der Marmorblock zum Kunstwerk wird, wenn die künstlerische Produktivität ihm die Form verleiht, die nichts anderes als eben diese Funktion in räumlichem Festgewordensein ist.

Die Verfeinerung des Wertempfindens löst dies ursprüngliche Ineinander und läßt die Form oder Funktion sich zu einem selbständigen Werte für uns entwickeln.

Gewiß muß auch dieser Wert des Geldes einen Träger haben; aber das Entscheidende ist, daß er nicht mehr aus seinem Träger quillt, sondern umgekehrt der Träger das ganz Sekundäre ist, auf dessen an sich seiende Beschaffenheit es nur noch aus technischen, jenseits des Wertempfindens liegenden Gründen ankommt.


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