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Georg Simmel: Philosophie des Geldes

Inhalt

1. Kapitel (Analytischer Teil): Wert und Geld.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

2. Kapitel (Analytischer Teil): Der Substanzwert des Geldes.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

3. Kapitel (Analytischer Teil): Das Geld in den Zweckreihen.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

4. Kapitel (Synthetischer Teil): Die individuelle Freiheit.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

5. Kapitel (Synthetischer Teil): Das Geldäquivalent personaler Werte.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

6. Kapitel (Synthetischer Teil): Der Stil des Lebens.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

3. Kapitel (Analytischer Teil): Das Geld in den Zweckreihen.

Teil I

Das Zweckhandeln als bewusste Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt.

Die Länge der teleologischen Reihen.

Das Werkzeug als das potenzierte Mittel, das Geld als das reinste Beispiel des Werkzeugs.

Die Wertsteigerung des Geldes durch die Unbegrenztheit seiner Verwendungsmöglichkeiten.

Das Superaddititum des Reichtums.

Unterschied des gleichen Geldquantums als Teil eines grossen und eines kleinen Besitzes; die konsumtive Preisbegrenzung.

Das Geld vermöge seines reinen Mittelcharakters als Domäne der Persönlichkeiten, die dem sozialen Kreise unverbunden sind.

Der große Gegensatz aller Geistesgeschichte: ob man die Inhalte der Wirklichkeit von ihren Ursachen oder von ihren Folgen aus ansieht und zu begreifen sucht - der Gegensatz der kausalen und der teleologischen Denkrichtung - findet sein Urbild an einem Unterschiede innerhalb unserer praktischen Motivationen. Das Gefühl, das wir Trieb nennen, erscheint als an einen physiologischen Vorgang gebunden, in dem gespannte Energien auf ihre Lösung drängen; indem jene sich in ein Tun umsetzen, endet der Trieb; wenn er wirklich ein bloßer Trieb ist, so ist er »befriedigt«, sobald er durch das Tun sozusagen sich selbst los geworden ist.

Diesem gradlinigen Kausalvorgange, der sich im Bewusstsein als das primitivste Triebgefühl spiegelt, stehen diejenigen Aktionen gegenüber, deren Ursache, soweit sie sich als Bewusstseinsinhalt kundgibt, in der Vorstellung ihres Erfolges besteht.

Wir empfinden uns hier gleichsam nicht von hinten getrieben, sondern von vorn gezogen.

Das Befriedigungsgefühl tritt infolgedessen hier nicht durch das bloße Tun ein, in dem der Trieb sich auslebt, sondern erst durch den Erfolg, den das Tun hervorruft.

Wenn etwa eine ziellose innere Unruhe uns zu einer heftigen Bewegung treibt, so liegt ein Fall der ersten Kategorie vor; der zweiten, wenn wir uns die gleiche Motion machen, um einen bestimmten hygienischen Zweck damit zu erreichen; das Essen ausschließlich aus Hunger gehört in die erste, das Essen ohne Hunger, nur um des kulinarischen Genusses willen, in die zweite Kategorie; die Sexualfunktion, im Sinne des Tieres ausgeübt, in die erste, die in der Hoffnung eines bestimmten Genusses gesuchte in die zweite.

Dieser Unterschied scheint mir nun nach zwei Seiten hin wesentlich zu sein.

Sobald wir aus bloßem Triebe heraus, also im engeren Sinne (> 198) rein kausal bestimmt handeln, so besteht zwischen der psychischen Verfassung, die als Ursache des Handelns auftritt, und dem Resultat, in das sie ausläuft, keinerlei inhaltliche Gleichheit.

Der Zustand dessen Energien uns in Bewegung setzen, hat insofern zu der Handlung und ihrem Erfolge so wenig qualitative Beziehungen, wie der Wind zu dem Fall der Frucht, die er vom Baum schüttelt.

Wo dagegen die Vorstellung des Erfolges als Veranlassung gefühlt wird, da decken sich Ursache und Wirkung ihrem begrifflichen oder anschaubaren Inhalte nach.

Die Ursache der Aktion ist indes auch in diesem Falle die reale - wenn auch wissenschaftlich nicht näher formulierbare - Kraft der Vorstellung bzw. ihres physischen Korrelats, die von ihrem Gedankeninhalt durchaus zu trennen ist.

Denn dieser Inhalt, der ideelle Sachgehalt des Handelns oder Geschehens, ist an und für sich absolut kraftlos, er hat nur eine begriffliche Gültigkeit und kann nur insoweit in der Wirklichkeit sein, als er der Inhalt einer realen Energie wird: sowie die Gerechtigkeit oder die Sittlichkeit als Ideen niemals eine Wirksamkeit in der Geschichte üben, das vielmehr erst können, wenn sie von konkreten Mächten als Inhalt des Kraftmaßes derselben aufgenommen werden.

Der Kompetenzstreit zwischen Kausalität und Teleologie innerhalb unseres Handelns schlichtet sich also so: indem der Erfolg, seinem Inhalte nach, in der Form psychischer Wirksamkeit da ist, bevor er sich in die der objektiven Sichtbarkeit kleidet, wird der Strenge der Kausalverbindung nicht der geringste Abbruch getan; denn für diese kommen die Inhalte nur, wenn sie Energien geworden sind, in Betracht, und insofern sind Ursache und Erfolg durchaus geschieden, während die Identität, die die ideellen Inhalte beider zeigen, wiederum mit der realen Verursachung überhaupt nichts zu tun hat.

Von tieferer Bedeutung für die jetzige Aufgabe ist die andere Differenz, durch die sich das triebhafte und das vom Zweck geleitete Wollen gegeneinander charakterisieren.

Sobald unser Handeln nur kausal (im engeren Sinne) bestimmt wird, ist der ganze Vorgang mit der Umsetzung der drängenden Energien in subjektive Bewegung beendet, das Gefühl der Spannung, des Getriebenwerdens ist gehoben, sobald die Aktion als Folge des Triebes eingetreten ist.

Der Trieb lebt sich mit der ihm natürlichen Fortsetzung in Bewegung vollständig aus, so dass der gesamte Vorgang innerhalb des Subjekts beschlossen bleibt.

Ganz anders verläuft der Prozess, der durch das Bewusstsein des Zweckes geleitet ist.

Dieser geht zunächst auf einen bestimmten objektiven Erfolg des Tuns und erreicht seinen Abschluss durch die Reaktion dieses auf das Subjekt bzw. des Subjekts auf ihn.

Die prinzipielle Bedeutung des Zweckhandelns liegt also in der (> 199) Wechselwirkung, die es zwischen dem Subjekt und Objekt stiftet.

Indem schon die bloße Tatsache unserer Existenz uns in diese Wechselwirkung verwebt, hebt das zweckbestimmte Handeln sie in die Innerlichkeit des Geistes.

Durch eben dies stellt sich unser Verhältnis zur Welt gleichsam als eine Kurve dar, die vom Subjekt aus auf das Objekt geht, es in sich einbezieht und wieder zum Subjekt zurückkehrt.

Und während freilich jede zufällige und mechanische Berührung mit den Dingen äußerlich dasselbe Schema zeigt, wird es als Zweckhandeln von der Einheit des Bewusstseins durchströmt und zusammengehalten.

Als Naturwesen betrachtet sind wir in fortwährender Wechselwirkung mit dem natürlichen Dasein um uns herum, aber in völliger Koordination mit diesem; erst im Zweckhandeln differenziert sich das Ich als Persönlichkeit von den Naturelementen außerhalb (und innerhalb) seiner.

Oder, anders angesehen: erst auf der Grundlage solcher Scheidung eines persönlich wollenden Geistes und der rein kausal betrachteten Natur ist jene Einheit höherer Stufe zwischen beiden möglich, die sich in der Zweckkurve ausdrückt.

Dieses prinzipielle Verhältnis wiederholt sich, mit gewissen Abschwächungen, an dem Unterschied, den man zwischen der Arbeit des Kulturmenschen und des Naturmenschen zu finden meint: jene gehe regelmäßig und methodisch, diese unregelmäßig und stoßweise vor sich; das heißt, die erstere fordere eine willenshafte Überwindung der Widerstände, die unser Organismus der Arbeit entgegensetze, während die andere nur die Auslösung der in den psychischen Zentren angehäuften Nervenkraft sei.

Das ist nun nicht so gemeint, als ob der eigentliche Zweck jedes Zweckhandelns im handelnden Subjekt selbst liegen müsste, als ob der Grund, um dessentwillen irgendein Objektives verwirklicht wird, immer in dem Gefühle bestünde, das es rückwirkend in uns erregt. Wenn dies in den eigentlich egoistischen Handlungen stattfindet, stehen daneben doch unzählige, in denen jene Inhaltsgleichheit zwischen Motiv und Erfolg nur den Erfolg im Sinne des Objekts, des außer-subjektiven Geschehens betrifft; unzählige Male nimmt die innere Energie, aus der unser Handeln hervorgeht, ihrer Bewusstseinsseite nach nur ihren sachlichen Erfolg in sich auf und lässt die auf uns selbst zurückkehrende Weiterwirkung desselben ganz außerhalb des teleologischen Prozesses.

Zwar, wenn nicht der Erfolg unseres Tuns schließlich ein Gefühl in uns auslöste, so würde von seiner Vorstellung nicht die bewegende Kraft ausgehen, die ihn zu verwirklichen strebt.

Allein dieses unentbehrliche Endglied des Handelns ist darum noch nicht sein Endzweck; unser teleologisch bestimmtes Wollen macht vielmehr sehr oft an seinem sachlichen Erfolge (>200) halt und fragt bewusst nicht über diesen hinaus.

Suchen wir also die Formel des Zweckprozesses in seinem Gegensatz zu dem kausal-triebhaften - wobei dahingestellt bleibt, ob dieser Gegensatz etwa nur ein solcher der Betrachtungsweise, sozusagen ein methodologischer ist - so ist es die, dass das Zweckhandeln die bewusste Verflechtung unserer subjektiven Energien mit einem objektiven Dasein bedeutet, und dass diese Verflechtung in einem doppelten Ausgreifen der Wirklichkeit in das Subjekt hinein besteht: einmal in der Antizipation ihres Inhaltes in der Form der subjektiven Absicht und zweitens in der Rückwirksamkeit ihrer Realisierung in der Form eines subjektiven Gefühls.

Aus diesen Bestimmungen entwickelt sich die Rolle des Zweckes im Lebenssystem.

Es geht zunächst daraus hervor, dass sogenannte unmittelbare Zwecke einen Widerspruch gegen den Begriff des Zweckes selbst bedeuten.

Wenn der Zweck eine Modifikation innerhalb des objektiven Seins bedeutet, so kann dieselbe doch nur durch ein Tun realisiert werden, welches die innere Zwecksetzung mit dem ihr äußeren Dasein vermittelt; unser Handeln ist die Brücke, über welche der Zweckinhalt aus seiner psychischen Form in die Wirklichkeitsform übergeht. Der Zweck ist seinem Wesen nach an die Tatsache des Mittels gebunden.

Hierdurch unterscheidet er sich einerseits vom bloßen Mechanismus - und seinem psychischen Korrelat, dem Trieb -, in dem die Energien jedes Momentes sich in dem unmittelbar folgenden vollständig entladen, ohne über diesen hinaus auf einen nächsten zu weisen; welcher nächste vielmehr nur von dem unmittelbar vorhergehenden ressortiert.

Die Formel des Zweckes ist dreigliedrig, die des Mechanismus nur zweigliedrig.

Andrerseits unterscheidet sich der Zweck durch sein Angewiesensein auf das Mittel auch von demjenigen Handeln, das man sich als das göttliche denken mag.

Für die Macht eines Gottes kann unmöglich ein zeitliches oder sachliches Intervall zwischen dem Willensgedanken und seiner Verwirklichung bestehen.

Das menschliche Handeln, zwischen diese beiden Momente eingeschoben, ist nichts als das Überwinden von Hemmungen, die für einen Gott nicht bestehen können; wenn wir ihn nicht nach dem Bilde irdischer Unvollkommenheit denken, so muss sein Wille unmittelbar als solcher schon Realität des Gewollten sein.

Von einem Endzweck, den Gott mit der Welt hätte, kann man nur in einem sehr modifizierten Sinne reden, nämlich als dem zeitlich letzten Zustand, der ihre Schicksale abschließt.

Verhielte sich aber für den göttlichen Ratschluss jener zu diesen vorhergehenden, wie sich ein menschlicher Zweck zu seinen Mitteln verhält: nämlich als das allein Wertvolle und Gewollte - so wäre nicht abzusehen, weshalb Gott (> 201) ihn nicht unmittelbar und mit Übergehung jener wertlosen und hemmenden Zwischenstadien sollte herbeigeführt haben; denn er bedarf doch nicht der technischen Mittel, wie wir, die wir der selbständigen Welt mit sehr beschränkten, auf Kompromisse mit ihren Hemmungen und auf Allmählichkeit des Durchsetzens angewiesenen Kräften gegenüberstehen.

Oder anders ausgedrückt: für Gott kann es keinen Zweck geben, weil es für ihn keine Mittel gibt.

Aus dieser Gegenüberstellung wird die eigentliche Bedeutung des oben Betonten ersichtlich, dass der Zweckprozess eine Wechselwirkung zwischen dem persönlich wollenden Ich und der ihm äußeren Natur bedeutet.

Der Mechanismus, der zwischen dem Willen und seiner Befriedigung steht, ist einerseits Verbindung, andrerseits aber auch Trennung beider.

Er bedeutet die Unmöglichkeit für den Willen, aus sich selbst heraus zu seiner Befriedigung zu gelangen, er stellt die Hemmung dar, die er überwindet.

Zweckmäßigkeit ist also ihrem Wesen nach ein relativer Begriff, weil sie immer das an sich Zweckfremde voraussetzt, in dessen Umformung sie besteht.

Wenn es dieser letzteren nicht bedürfte, der Wille vielmehr als solcher schon seine Erfüllung in sich trüge, so käme es gar nicht zu einer Zwecksetzung.

Das eigene Tun, in das der zweckbestimmte Wille sich fortsetzt, ist der erste Fall, an dem wir dieses Doppelcharakters des Mittels inne werden: an ihm fühlen wir ganz nahe den Widerstand des außerseelischen Seins unser selbst und die dirigierende Energie, die ihn überwindet - eines am anderen bewusstwerdend und sein spezifisches Wesen gewinnend.

Wenn nun das Tun den äußeren Gegenstand des Zweckes nicht unmittelbar erzeugen kann, sondern dazu erst ein anderes äußeres Ereignis einleiten muss, das seinerseits das erwünschte Resultat bewirkt, so ist das dazwischengeschobene Geschehen unserem eigenen Handeln hier wesensgleich: beides ist gleichmäßig Mechanismus, aber beides auch gleichmäßig vom Geist zum Geiste führender Mechanismus; beides setzt sich kontinuierlich aneinander an, um die Kurve zu bilden, deren Anfangs- und Endpunkte in der Seele liegen; die durchschnittliche Gliederzahl dieser Kurve innerhalb eines bestimmten Lebensstiles zeigt nun die Kenntnis und Beherrschung der Natur wie die Weite und Verfeinerung der Lebensführung an.

Und hier setzen die gesellschaftlichen Komplikationen an, die in der Schaffung des Geldes gipfeln.

Zunächst ist folgender Zusammenhang klar.

Wenn ein Zweck D erreicht und dazu eine Kette mechanischer Vorgänge A B C produziert werden soll, derart, dass B durch A, C durch B und D erst durch C veranlasst wird, so ist diese in ihrem Inhalt und ihrer Richtung durch D bestimmte Reihe von der Erkenntnis des Kausalzusammenhanges (>202) zwischen ihren Gliedern abhängig.

Wenn ich nicht schon wüsste, dass C imstande ist, D hervorzurufen, B ebenso C usw., so würde ich mit meinem Verlangen nach D ganz hilflos dastehen.

Niemals kann also eine teleologische Kette erwachsen, ohne dass die umgekehrtgerichteten, kausalen Verbindungen ihrer Glieder bekannt wären.

Der Zweck vergilt dies, indem er gewöhnlich seinerseits die psychologische Anregung gibt, überhaupt nach kausalen Zusammenhängen zu forschen.

Die teleologische Kette findet also ihre inhaltliche, logische Möglichkeit in der kausalen, diese aber ihr Interesse, d. h. ihre regelmäßige psychologische Möglichkeit in dem Wollen eines Zwecks.

Die so bezeichnete Wechselwirkung, die, ganz allgemein gesprochen, das Verhältnis von Theorie und Praxis bedeutet, hat ersichtlich zur Folge, dass die Vertiefung des kausalen Bewusstseins mit der des teleologischen Hand in Hand geht.

Die Länge der Zweckreihen hängt von der Länge der Kausalreihen ab; und andrerseits, der Besitz der Mittel erzeugt unzählige Male nicht nur die Verwirklichung, sondern erst den Gedanken des Zwecks.

Um diese Verwebung des natürlichen und des geistigen Seins in ihrer Bedeutung einzusehen, muss man sich das scheinbar Selbstverständliche vor Augen halten, dass wir mit vielgliedrigen Reihen von Mitteln mehr und wesentlichere Zwecke erreichen können als mit kurzen.

Der primitive Mensch, dessen Kenntnis der natürlichen Ursächlichkeiten sehr beschränkt ist, ist dadurch in seinen Zwecksetzungen ebenso beschränkt.

Die Zweckkurve wird bei ihm als Mittelglieder kaum mehr als das eigene physische Tun und die unmittelbare Einwirkung auf je ein Objekt enthalten; wenn nun von diesem nicht die erhoffte Rückwirkung auf ihn erfolgt, so wird die Einschiebung einer magischen Instanz, von der er durch irgendein Beeinflussen die Bewirkung des gewünschten Erfolges erhofft, doch weniger als Verlängerung der teleologischen Reihe, denn als Beweis für die Untunlichkeit derselben erscheinen.

Wo jene kurze Reihe also nicht ausreicht, wird er entweder auf den Wunsch verzichten, oder, unendlich häufiger, ihn überhaupt nicht ausbilden.

Die Verlängerung der Reihe bedeutet, dass das Subjekt die Kräfte der Objekte in steigendem Maße für sich arbeiten lässt.

Je mehr die primitiven Bedürfnisse schon befriedigt sind, desto mehr Glieder pflegt die teleologische Reihe zu fordern, und erst einer sehr verfeinerten Kausalerkenntnis gelingt dann manchmal die Reduktion der Gliederzahl, indem sie unmittelbarere Zusammenhänge, kürzere Wege innerhalb der natürlichen Ordnung der Dinge entdeckt.

Dies kann sich bis zu einer Umkehrung des natürlichen Verhältnisses steigern: in relativ primitiven Zeiten werden die einfachen Lebensbedürfnisse noch durch (> 203) einfache Zweckreiben beschafft, während es für die höheren und differenzierten vielgliedriger Umwege bedarf; die vorgeschrittene technische Kultur dagegen pflegt gerade für die letzteren relativ einfachere, direktere Herstellungsarten zu besitzen, wogegen die Gewinnung der fundamentalen Erfordernisse des Lebens auf immer größere Schwierigkeiten stößt, die durch immer kompliziertere Mittel überwunden werden müssen.

Die Kulturentwicklung geht, mit einem Wort, auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich Fernliegende.

Und hier tritt der äußerst wichtige Begriff des Werkzeugs in unsere Erwägung des Zweckhandelns ein.

Die primäre Form jener teleologischen Kurve ist doch die, dass unser Tun ein äußeres Objekt zu Reaktionen veranlasst, die, gemäß der eigenen Natur desselben verlaufend, an den Punkt der erwünschten Einwirkung auf uns gelangen.

Das Werkzeug bedeutet nun die Einschiebung einer Instanz zwischen dem Subjekt und diesem Objekt, die nicht nur zeitlich-räumlich, sondern auch inhaltlich eine Mittelstellung zwischen ihnen einnimmt.

Denn es ist einerseits zwar ein äußeres Objekt von bloß mechanischer Wirksamkeit, andrerseits aber auch eins, auf das nicht nur, sondern mit dem - wie mit der Hand - gewirkt wird.

Das Werkzeug ist das potenzierte Mittel, denn seine Form und sein Dasein ist schon durch den Zweck bestimmt, während bei dem primären teleologischen Prozess die natürlichen Existenzen erst nachträglich in den Dienst des Zweckes gestellt werden.

Wer einen Samen in die Erde steckt, um später die Frucht des Gewächses zu genießen, statt sich mit der wild wachsenden zu begnügen, handelt teleologisch, aber die Erscheinung des Zweckes mündet an der Grenze seiner Hand; wenn aber bei dieser Gelegenheit Hacke und Spaten verwendet werden, so ist der Punkt, von dem an die natürlichen Prozesse sich selbst überlassen sind, weiter hinausgeschoben, das subjektiv bestimmte Moment ist dem objektiven gegenüber verlängert.

Mit dem Werkzeug fügen wir der Zweckreihe allerdings ein neues Glied freiwillig zu, damit aber nur beweisend, dass keineswegs jeder Weg in dem Maße der kürzere ist, in dem er der gerade ist.

Das Werkzeug ist der Typus dessen, was man in der Außenwelt unser Geschöpf nennen könnte, indem es, gleichsam an dem einen Ende, ganz von unseren Kräften geformt wird und am anderen ganz in unsere Zwecke eingeht; gerade dadurch, dass es selbst nicht Zweck ist, fehlt ihm jene relative Selbständigkeit, die der Zweck besitzt, sei es, dass er uns als absoluter Wert an sich selbst gelte, sei es, dass wir von ihm eine Wirkung auf uns erwarten: es ist das absolute Mittel.

Das Werkzeug-Prinzip ist nun keineswegs nur an (> 204) Physischem wirksam.

Vielmehr dort, wo das Interesse nicht unmittelbar der materiellen Produktion gilt, sondern geistige Bedingungen und Seiten derselben oder überhaupt immaterielle Geschehnisse in Frage stehen, gewinnt das Werkzeug eigentlich eine noch reinere Form, insofern es nun wirklich ganz das Geschöpf unseres Willens ist und sich nicht mit der Besonderheit und inneren Zweckfremdheit einer Materie abzufinden hat. Den ausgeprägtesten Typus bilden hier vielleicht die sozialen Institutionen, durch deren Benutzung der Einzelne Zwecke erreichen kann, zu denen sein bloß persönliches Können niemals zureichen würde.

Ganz abgesehen von dem Allerallgemeinsten: dass das Teilhaben am Staat durch den äußeren Schutz, den er gewährt, überhaupt die Bedingung für die Mehrzahl individueller Zweckhandlungen ist - so verschaffen etwa die besonderen Einrichtungen des Zivilrechts dem Wollen des Einzelnen Realisierungsmöglichkeiten, die ihm sonst völlig versagt blieben.

Indem sein Wille den Umweg über die Rechtsform des Vertrags, des Testaments, der Adoption usw. einschlägt, benutzt er ein von der Allgemeinheit hergestelltes Werkzeug, das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihre Wirkungslinien verlängert, ihre Resultate sichert.

Aus den Wechselwirkungen der vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitig abschleift und die Gleichmäßigkeit der Interessen eine Summierung der Beiträge gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentralstation für unzählige teleologische Kurven der Individuen bilden und diesen ein völlig zweckmäßiges Werkzeug für die Erstreckung derselben auf sonst Unerreichbares bieten.

So verhält es sich auch mit dem kirchlichen Kultus: er ist ein von der Gesamtheit der Kirche bereitetes, die für dieselbe typischen Empfindungen objektivierendes Werkzeug - gewiss ein Umweg für die innen und oben gelegenen Endziele der Religiosität, aber der Umweg über ein Werkzeug, das, im Unterschiede von allen materiellen Werkzeugen, sein ganzes Wesen darin hat, bloß Werkzeug zu jenen Zielen zu sein, die das Individuum für sich allein, d. h. auf direktem Wege, nicht glaubt gewinnen zu können.

Und damit ist endlich der Punkt erreicht, an dem das Geld in den Verwebungen der Zwecke seinen Platz findet.

Ich muss mit Allbekanntem beginnen.

Beruht aller wirtschaftliche Verkehr darauf, dass ich etwas haben will, was sich zur Zeit im Besitze eines anderen befindet, und dass er es mir überlässt, wenn ich ihm dafür etwas überlasse, was ich besitze und er haben will: so liegt auf der Hand, dass das letztgenannte Glied dieses zweiseitigen Prozesses sich nicht immer einstellen wird, wenn das erste auftaucht; unzählige Mal werde ich den Gegenstand a begehren, der sich im Besitz von A befindet, während (> 205) der Gegenstand oder die Leistung b, die ich gern dafür hingäbe, für A völlig reizlos ist; oder aber, die gegenseitig angebotenen Güter werden wohl beiderseitig begehrt, allein über die Quanta, in denen sie sich gegenseitig entsprechen, lässt sich durch unmittelbares Aneinanderhalten eine Einigung nicht erzielen.

Deshalb ist es für die höchstmögliche Erreichung unserer Zwecke von größtem Werte, dass ein Mittelglied in die Kette der Zwecke eingefügt werde, in welches ich b jederzeit umsetzen und das sich seinerseits ebenso in a umsetzen kann - ungefähr wie jede beliebige Kraft, des fallenden Wassers, der erhitzten Gase, der windgetriebenen Mühlenflügel, wenn sie in die Dynamomaschine geleitet ist, mittels dieser in jede beliebige Kraftform umgesetzt werden kann.

Wie meine Gedanken die Form der allgemein verstandenen Sprache annehmen müssen, um auf diesem Umwege meine praktischen Zwecke zu fördern, so muss mein Tun oder Haben in die Form des Geldwertes eingehen, um meinem weitergehenden Wollen zu dienen.

Das Geld ist die reinste Form des Werkzeugs, und zwar von der oben bezeichneten Art: es ist eine Institution, in die der einzelne sein Tun oder Haben einmünden lässt, um durch diesen Durchgangspunkt hindurch Ziele zu erreichen, die seiner auf sie direkt gerichteten Bemühung unzugängig wären.

Die Tatsache, dass jedermann unmittelbar mit ihm arbeitet, lässt seinen Werkzeugcharakter noch deutlicher hervortreten, als es in den vorhin erwähnten Typen geschieht - obgleich das Geld ja sein Wesen und seine Wirksamkeit nicht in dem Stück, das ich in der Hand habe, erschöpft, sondern dieselben an der sozialen Organisation und den übersubjektiven Normen hat, die es, über seine materielle Begrenztheit, Geringfügigkeit und Starrheit hinaus, eben zum Werkzeug unbegrenzt mannigfaltiger und weitreichender Zwecke werden lassen.

Für die Gebilde des Staates und des Kultus war bezeichnend, dass sie, ausschließlich aus geistigen Kräften gebildet und zu keinem Kompromiss mit der Eigengesetzlichkeit äußerer Materie gezwungen, ihren Zweck in der Ganzheit ihres Wesens restlos ausdrückten.

Aber sie stehen dabei ihren spezifischen Zwecken so nahe, dass sie eigentlich schon in sie hinabreichen, und dass das Gefühl sich oft gegen ihre Werkzeugsqualität - nach der sie an sich selbst wertlose, durch den dahinterstehenden Willen jedes Mal erst zu belebende Mittel wären - sträubt und sie für sittliche Endwerte erklärt.

Das Geld steht einer solchen Verdunkelung seines Mittelscharakters sehr fern.

Im Unterschied gegen jene Institutionen hat es inhaltlich gar keine Beziehungen zu dem einzelnen Zweck, zu dessen Erlangung es uns verhilft.

Es steht völlig indifferent über den Objekten, da es von ihnen noch durch das Moment des Tausches geschieden ist: denn (> 206) was das Geld als Ganzes vermittelt, das ist ja nicht der Besitz des Objekts, sondern der Austausch der Objekte untereinander.

Das Geld in seinen vollkommenen Formen ist das absolute Mittel, indem es einerseits völlige teleologische Bestimmtheit besitzt und jede aus anders gearteten Reihen stammende abweist, andrerseits sich aber auch dem Zweck gegenüber auf das reine Mittel- und Werkzeugsein beschränkt, durch keinen Einzelzweck in seinem Wesen präjudiziert wird und sich der Zweckreihe als völlig indifferenter Durchgangspunkt darbietet.

Es ist vielleicht der entschiedenste Beweis und Ausdruck dafür, dass der Mensch das »werkzeugmachende« Tier ist, was freilich damit zusammenhängt, dass er das »zwecksetzende« Tier ist.

Die Idee des Mittels bezeichnet überhaupt die Weltstellung des Menschen: er ist nicht wie das Tier an den Mechanismus des Trieblebens und die Unmittelbarkeit von Wollen und Genießen gebunden, er hat aber auch nicht die unmittelbare Macht - wie wir sie an einem Gotte denken -, dass sein Wille schon an und für sich Verwirklichung des Gewollten sei.

Er steht in der Mitte zwischen beiden, indem er zwar weit über den Augenblick hinaus wollen, aber dieses Wollen nur auf dem Umweg über eine gegliederte teleologische Reihe verwirklichen kann.

Wenn für Plato die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nicht-Haben ist, so ist sie in der subjektiven Innerlichkeit dasselbe, was das Mittel im Objektiven und Äußerlichen ist.

Und wie für den Menschen, den immer strebenden, niemals dauernd befriedigten, immer erst werdenden, die Liebe in jenem Sinne der eigentlich menschliche Zustand ist, so ist nach der anderen Seite hin das Mittel und seine gesteigerte Form, das Werkzeug, das Symbol des Typus Mensch: es zeigt oder enthält die ganze Größe des menschlichen Willens, zugleich aber die Form, die ihn begrenzt.

Die praktische Notwendigkeit, den Zweck um eine dazwischen gestellte Mittelreihe weit von uns abzurücken, hat vielleicht die ganze Vorstellung der Zukunft erst hervorgebracht - wie die Fähigkeit des Gedächtnisses die Vergangenheit - und damit dem Lebensgefühl des Menschen seine Form: auf der Wasserscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft zu stehen, seine Ausdehnung und seine Beschränkung, gegeben.

Im Geld aber hat das Mittel seine reinste Wirklichkeit erhalten, es ist dasjenige konkrete Mittel, das sich mit dem abstrakten Begriffe desselben ohne Abzug deckt: es ist das Mittel schlechthin.

Und darin, dass es als solches die praktische Stellung des Menschen - den man, mit etwas paradoxer Kürze, das indirekte Wesen nennen könnte - zu seinen Willensinhalten, seine Macht und Ohnmacht ihnen gegenüber verkörpert, aufgipfelt, sublimiert - darin liegt die ungeheure Bedeutung des Geldes für das Verständnis (> 207) der Grundmotive des Lebens.

Nach dieser, von ihm zu der Ganzheit des Lebens hingehenden Richtung betrachte ich es aber hier nur so weit, als dieselbe die umgekehrte, die vorläufig unser Zweck ist, gangbar macht: das Wesen des Geldes aus den inneren und äußeren Verhältnissen zu erkennen, die in ihm ihren Ausdruck, ihr Mittel oder ihre Folge gewinnen.

Von den Bestimmungen, zu denen sich die bisherige Feststellung seiner entfaltet, schließe ich eine sogleich hier an, weil sie mit besonderer Unmittelbarkeit zeigt, in wie praktische Wirklichkeiten sich jener abstrakte Charakter des Geldes umsetzt.

Ich habe oben erwähnt, dass keineswegs immer nur ein bereits feststehender Zweck die Vorstellung und Beschaffung der Mittel bedingt, dass vielmehr die Verfügung über Substanzen und Kräfte uns oft genug erst dazu anregt, uns gewisse, durch sie vermittelbare Zwecke zu setzen: nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels geschaffen hat, schafft das Mittel den Gedanken des Zweckes. In dem Werkzeug, das ich als die gesteigertste Art des Mittels bezeichnete, wird dies Verhältnis in eine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam chronische Form übergeführt.

Während das Mittel in seiner gewöhnlichen und einfachen Gestalt sich an der Realisierung des Zweckes völlig ausgelebt hat, seine Kraft und sein Interesse als Mittel nach geleistetem Dienste einbüßt, ist es das Wesen des Werkzeugs , - über seine einzelne Anwendung hinaus zu beharren, oder: zu einer im voraus überhaupt nicht feststellbaren Anzahl von Diensten berufen zu sein.

Dies gilt nicht nur für tausend Fälle der täglichen Praxis, wofür es keines Beispiels bedarf, sondern auch in sehr komplizierten; wie oft sind militärische Organisationen, ausschließlich zu Werkzeugen äußerer Machtentfaltung bestimmt, in den Dienst innerpolitischer Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denen ihres Ursprungs völlig entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächst ein Verhältnis zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken gestiftet wurde, zum Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charakterisierter Inhalte aus; so dass man wohl sagen kann, jede dauernde Organisation zwischen Menschen - familiärer, wirtschaftlicher, religiöser, politischer, geselliger Art - hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden, zu denen sie von vornherein nicht bestimmt war.

Nun liegt einerseits auf der Hand, dass ein Werkzeug - cetenis paribus - um so bedeutsamer und wertvoller sein wird, zu einer je größeren Anzahl von Zwecken es eventuell dienen kann, ein je größerer Kreis von Möglichkeiten seine Wirklichkeit umgibt; andrerseits, dass das Werkzeug in eben demselben Maß an sich indifferenter, farbloser, allem einzelnen gegenüber objektiver werden und in (> 208) weiterer Distanz von jedem besonderen Zweckinhalt stehen muss.

Indem das Geld als das Mittel schlechthin die letztere Bedingung in vollkommenem Maße erfüllt, gewinnt es aus dem ersteren Gesichtspunkt eine sehr gesteigerte Wichtigkeit.

Man kann das zunächst so formulieren, dass der Wert des einzelnen Geldquantums über den Wert jedes einzelnen bestimmten Gegenstandes hinausragt, der dafür einzutauschen ist: denn es gewährt die Chance, statt dieses Gegenstandes irgendeinen andern aus einem unbegrenzt großen Kreise zu wählen.

Freilich kann es schließlich nur für einen verwandt werden; aber die Möglichkeit der Wahl ist ein Vorteil, der im Werte des Geldes eskomptiert werden muss.

Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgendeinem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke.

Es ist dasjenige Werkzeug, in dem die Möglichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise überhaupt erreichbaren Wert gewonnen hat.

Die bloße Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin aus, dass es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum Verwendetwerden drängt.

Wie für wortarme Sprachen, z. B. die französische, gerade die Notwendigkeit, vielerlei verschiedenes mit demselben Ausdruck zu bezeichnen, eine besondere Fülle von Anspielungen, Beziehungen, psychologischen Obertönen ermöglicht, und man so sagen kann, ihr Reichtum bestünde gerade in ihrer Armut, so bewirkt die innere Bedeutungsleere des Geldes die Fülle seiner praktischen Bedeutungen, ja, drängt dahin, die begriffliche Unendlichkeit seines Bedeutungskreises mit fortwährenden Neubildungen zu erfüllen, der bloßen Form, die es darstellt, immer neue Inhalte einzubilden, da sie für keinen ein Haltepunkt, sondern für jeden nur ein Durchgang ist.

Schließlich sind alle mannigfaltigsten Waren nur gegen den einen Wert: Geld -, das Geld aber gegen alle Mannigfaltigkeit der Waren umzusetzen.

Gegenüber der Arbeit nimmt dies die besondere Form an, dass das Geldkapital fast immer von einer Verwendung auf eine andere - höchstens mit einem gewissen Verlust, oft aber mit Gewinn - übertragen werden kann, die Arbeit aber fast niemals, und zwar um so weniger, je höher sie sich über die unqualifizierte erhebt.

Der Arbeiter kann seine Kunst und Geschicklichkeit so gut wie nie aus seinem Gewerbe herausziehen und in einem andern investieren. In bezug auf Wahlfreiheit und ihre Vorteile steht er also dem Geldbesitzer ebenso benachteiligt gegenüber wie der Warenhändler.

Deshalb ist der Wert einer gegebenen Geldsumme gleich dem Werte jedes einzelnen Objekts, dessen Äquivalent sie (> 209) bildet, plus dem Werte der Wahlfreiheit zwischen unbestimmt vielen derartigen Objekten - ein Plus, für das es innerhalb des Waren- oder Arbeitskreises kaum annähernde Analogien gibt.

Das so entstehende Wertplus des Geldes erscheint tiefer begründet und höher gesteigert, wenn man die Entscheidung erwägt, zu welcher diese Wahlchance sich in Wirklichkeit zuspitzt.

Man hat hervorgehoben, dass ein mehrfach verwendbares, quantitativ aber nur zu einer seiner möglichen Verwendungen hinreichendes Gut nach dem Interesse geschätzt würde, das der Besitzer an der wichtigsten Verwendung hat; die Herbeiführung aller anderen, minder wichtigen Verwendungen gelte als unwirtschaftlich und unvernünftig.

Wie also eine Gütermasse, die zu allen ihr möglichen Verwendungen zureicht oder mehr als zureicht - wo also das Gut um seine Verwendungen konkurriert - nach dem Maße der wertlosesten derselben geschätzt wird, so wird hier, wo die Verwendungen um das Gut konkurrieren, die wertvollste derselben zum Wertmaßstab für jenes Gut.

Nirgends aber kann dies vollständiger und wirkungsvoller hervortreten als am Geld.

Denn da es zu jeglicher wirtschaftlichen Beschaffung verwendbar ist, so kann man mit jeder gegebenen Summe das subjektiv bedeutendste aller im Augenblick in Frage kommenden Bedürfnisse decken.

Die Wahl, die es bietet, ist nicht wie bei allen anderen Gütern spezifisch begrenzt; und, bei der Grenzenlosigkeit des menschlichen Wollens, konkurriert immer eine Vielzahl möglicher Verwendungen um jedes disponible Geldquantum; so dass, da die Entscheidung doch vernünftigerweise immer das je begehrteste Gut treffen wird, die Schätzung, des Geldes in jedem gegebenen Moment gleich der des wichtigsten, momentan empfundenen Interesses sein muss. Ein Holzvorrat oder eine Baustelle, die nur zu einer unter verschiedenen erwünschten Verwendungen zureichen, und die deshalb nach der wertvollsten unter diesen geschätzt werden, können dennoch in ihrer Bedeutung nicht über die sozusagen provinzielle Beschränktheit ihres ganzen Gebietes hinausgehen; das Geld aber ist von einer solchen frei und sein Wert entspricht deshalb dem höchsten überhaupt vorhandenen Interesse, das mit der verfügbaren Summe ihrem Quantum nach zu decken ist.

Nun betrifft ferner diese Wahlchance, die das Geld als abstraktes Mittel besitzt, nicht nur die gleichzeitig angebotenen Waren, sondern auch die Zeitpunkte, in denen es verwendet werden kann. Der Wert eines Gutes bestimmt sich keineswegs nur an der realen Bedeutung, die es im Augenblick seiner Verwendung entfaltet.

Vielmehr, die größere oder geringere Freiheit der Wahl, wann man diesen Augenblick eintreten lassen will, stellt einen Koeffizienten dar, der die (> 210) Schätzung des Gutes seiner inhaltlichen Bedeutung nach sehr erheblich steigern oder senken kann.

War das oben Besprochene die Chance, die aus einem großen Kreise nebeneinander liegender Verwendungsmöglichkeiten hervorging, so die jetzige diejenige, die aus den nacheinander liegenden folgt.

Dasjenige Gut ist - alles übrige gleichgesetzt - das wertvollere, das ich sogleich verwenden kann, aber nicht sogleich verwenden muss. Die Reihe der konkreten Güter entfaltet sich zwischen den beiden, ihren Wert modifizierenden und mannigfaltigst abgestuften Extremen: im Falle des einen kann das Gut zwar jetzt, aber nicht später, im Falle des anderen zwar später, aber nicht jetzt genossen werden.

Wenn also z. B. im Sommer eben gefangene Fische gegen ein erst im Winter zu tragendes Fell eingetauscht werden, so wird der Wert der ersteren dadurch gehoben, dass ich sie sogleich konsumieren kann, während der des letzteren darunter leidet, dass der Aufschub seiner Benutzung allen Chancen der Beschädigung, des Verlustes, der Entwertung Raum gibt; andrerseits wird der erstere herabgesetzt, weil der Gegenstand schon morgen verdorben ist, der letztere gesteigert, weil er eine hinausschiebbare Verwendung gewährt.

Je mehr nun ein als Tauschmittel benutztes Objekt die beiden wertsteigernden Momente in sich vereinigt, desto mehr Geldqualität besitzt es: denn das Geld als reines Mittel überhaupt stellt ihre höchsterreichbare Synthese dar; weil es keine konkrete, seine Verwendung präjudizierende Eigenschaft besitzt, sondern nur das Werkzeug zur Erlangung konkreter Werte ist, so ist die Freiheit seiner Verwendung ebenso groß in bezug auf die Zeitmomente, in denen, wie auf die Gegenstände, für die es ausgegeben wird.

Aus diesem besonderen Wert des Geldes, der seiner völligen Beziehungslosigkeit zu allen Besonderungen von Dingen und Zeitmomenten, der völligen Ablehnung jedes eigenen Zweckes, der Abstraktheit seines Mittelscharakters entstammt - fließt das Übergewicht dessen, der das Geld gibt, über denjenigen, der die Ware gibt.

Die Ausnahmen hiervon: Verweigerungen des Verkaufs aus affektiven Wertungen, bei Boykottierungen, Ringbildungen usw. entstehen, wenn die für Geld begehrten Dingwerte der individuellen Sachlage nach durchaus nicht durch andere ersetzbar sind. Dann freilich fällt die Wahlchance, die das dafür offerierte Geld seinem jetzigen Besitzer bietet, fort - und damit dessen Sondervorteil - weil eben statt der Wahl eine eindeutige Bestimmtheit des Willens besteht.

Im allgemeinen aber genießt der Geldbesitzer jene zweiseitige Freiheit, und für das Aufgeben derselben zugunsten des Warenbesitzers wird er ein besonderes Äquivalent fordern. Dies tritt (> 211) z. B. an dem wirtschafts-psychologisch sehr interessanten Prinzip der »Zugabe« hervor.

Beim Einkauf von wäg- und messbaren Waren erwartet man, der Kaufmann werde »gut messen«, d. h. wenigstens einen Teilstrich darüber geben, was auch fast durchgängig geschieht.

Es kommt hier freilich dazu, dass beim Messen der Waren ein Irrtum näher liegt als beim Zählen des Geldes.

Allein das Charakteristische ist, dass der Geldgeber die Macht hat, die Deutung dieser Chance, die doch an sich für beide Parteien die gleich günstige oder gleich ungünstige ist, nach der ihm vorteilhaften Seite zu erzwingen.

Bezeichnenderweise verbleibt dieser Vorteil dem »Käufer«, auch wenn sein Gegenpart gleichfalls Geld gibt.

Von dem Bankier erwartet der Kunde, von der Versicherungsgesellschaft der Versicherte im Schadensfalle, dass sie »kulant« verfahren, d. h. ein Weniges mehr als das absolut rechtlich Erzwingbare, mindestens in der Form, leisten werden.

Auch der Bankier und die Versicherungsgesellschaft gibt nur Geld, und ihr Kunde denkt seinerseits nicht daran, ihnen gegenüber liberal, kulant zu verfahren, er leistet absolut nur die vorbestimmte Leistung. Denn Geldquanten, die von beiden Seiten eingesetzt werden, haben eben verschiedene Bedeutung; für den Bankier und die Versicherungsgesellschaft ist das Geld, mit dem sie operieren, ihre Ware; nur für den Kunden ist es »Geld« in dem hier fraglichen Sinne, d. h. der Wert, den er zwar für das Börsengeschäft oder die Versicherung verwenden kann, aber keineswegs muss; während jene gar keine Wahl haben, sondern das Geld, das ihre Ware ist, nur in der einen bestimmten Richtung verwenden können.

Jene Verwendungsfreiheit gibt dem Gelde des Kunden ein Übergewicht, für das die »Kulanz« seiner Gegenpartei das Äquivalent bildet.

Wo aber eine »Zugabe« von Seiten des Geldgebers geschieht: gewisse Formen des Trinkgeldes, etwa bei der Bezahlung des Kellners oder des Droschkenkutschers - da drückt sich das Übergewicht des Geldgebers in der sozialen Bevorzugtheit aus, die die Voraussetzung des Trinkgeldes ist.

Wie alle Erscheinungen des Geldwesens, ist auch diese keine innerhalb des Lebenssystems isolierte, sondern bringt gleichfalls einen Grundzug desselben nur zur reinsten und zugleich äußerlichsten Erscheinung: den nämlich, dass in jedem Verhältnis derjenige im Vorteil ist, dem weniger als dem anderen an dem Inhalt der Beziehung liegt.

So ausgesprochen erscheint dies als ganz paradox, denn gerade um so intensiveres Verlangen uns zu einem Besitz oder einem Verhältnis zieht, desto tiefer und leidenschaftlicher ist doch auch sein Genuss - da ja die erwartete Höhe dieses die Stärke des Wollens bestimmt! Aber gerade dies Einzuräumende bewirkt und rechtfertigt den Vorteil des weniger stark Begehrenden. (> 212)

Denn es ist in der Ordnung, dass dieser, der von dem Verhältnis weniger hat als der andere, durch irgendwelche Konzessionen seitens des letzteren dafür entschädigt wird.

Das macht sich schon in den feinsten und intimsten Beziehungen geltend.

In jedem auf Liebe gestellten Verhältnis ist der weniger Liebende, äußerlich genommen, im Vorteil; denn der andere verzichtet von vornherein mehr auf die Ausnutzung des Verhältnisses, ist der Opferwilligere, der für das größere Maß seiner Befriedigungen auch ein größeres Maß von Hingebungen bietet.

So stellt sich doch eine Gerechtigkeit her: weil das Maß des Begehrens dem Maß der Beglückung entspricht, ist es gerecht, dass die Gestaltung des Verhältnisses dem weniger intensiv Begehrenden irgendeinen Sondervorteil einräume - den er auch in der Regel erzwingen kann, weil er der Abwartende, Reservierte, seine Bedingungen Stellende ist.

Der Vorteil des Geldgebers ist deshalb kein schlechthin ungerechter: da in der Waren-Geld-Transaktion er der minder Begehrende zu sein pflegt, so kommt die Ausgleichung beider Seiten gerade dadurch zustande, dass der intensiver Begehrende ihm einen Vorteil über die objektive Äquivalenz der Tauschwerte hinaus einräumt. Wobei schließlich auch zu bedenken ist, dass er den Vorteil nicht genießt, weil er das Geld hat, sondern weil er es fortgibt.

Der Vorteil, den das Geld aus seiner Gelöstheit von allen spezifischen Inhalten und Bewegungen der Wirtschaft zieht, äußert sich noch in anderen Erscheinungsreihen, deren Typus es ist, dass bei noch so - starken und ruinösen Erschütterungen der Wirtschaft die eigentlichen Geldleute unverändert, ja in erhöhtem Maße zu profitieren pflegen.

So viele Zusammenbrüche und Existenzvernichtungen die Folge sowohl der Preisstürze wie der besinnungslosen Haussen auf dem Warenmarkte sein mögen - die Erfahrung hat als die Regel gezeigt, dass die großen Bankiers aus diesen entgegengesetzten Gefahren für Verkäufer oder Käufer, Gläubiger oder Schuldner ihren gleichmäßigen Gewinn ziehen.

Das Geld, als das völlig indifferente Werkzeug der ökonomischen Bewegung, lässt sich seine Dienste bei jeder Richtung und jedem Tempo derselben bezahlen.

Für diese Freiheit muss es freilich auch seine Steuer entrichten: die Parteilosigkeit des Geldes bewirkt, dass an den Geldgeber leicht Ansprüche von verschiedenen, einander feindseligen Seiten gestellt werden und er leichter in den Verdacht des Verrates gerät, als irgend jemand, der mit qualitativ bestimmten Werten operiert. Im Beginn der Neuzeit, als die großen Geldmächte der Fugger, der Welser, der Florentiner und Genuesen in die politischen Entscheidungen eintraten, insbesondere in den gewaltigen Kampf der habsburgischen (> 213) und der französischen Macht um die europäische Hegemonie, wurden sie von jeder Partei mit stetem Misstrauen betrachtet, selbst von derjenigen, der sie ungeheure Summen geliehen hatten.

Der Geldleute war man eben nie sicher, das bloße Geldgeschäft legte sie nie auch nur für den nächsten Augenblick unzweideutig fest, und der Gegner, dessen Bekämpfung sie soeben unterstützt hatten, sah darin gar kein Hindernis, nun seinerseits mit Forderungen oder Anerbietungen an sie heranzutreten.

Das Geld hat jene sehr positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffe der Charakterlosigkeit bezeichnet.

Dem Menschen, den wir charakterlos nennen, ist es wesentlich, nicht durch die innere und inhaltliche Dignität von Personen, Dingen, Gedanken sich bestimmen zu lassen, sondern durch die quantitative Macht, mit der das Einzelne ihn beeindruckt, vergewaltigt zu werden.

So ist es der von allen spezifischen Inhalten gelöste und in reiner Quantität bestehende Charakter des Geldes, der ihm und den nur nach ihm gravitierenden Menschen die Färbung der Charakterlosigkeit einträgt - die fast logisch notwendige Schattenseite jener Vorteile des Geldgeschäftes und der spezifischen Höherwertung des Geldes gegenüber qualitativen Werten. Dieses Übergewicht des Geldes drückt sich zunächst in der angeführten Erfahrung aus, dass der Verkäufer interessierter und beeiferter ist als der Käufer.

Denn es verwirklicht sich hier eine für unser ganzes Verhalten zu den Dingen äußerst bedeutsame Form: dass von zwei Wertklassen, die einander gegenüberstehen und als Ganze betrachtet werden, die erste der zweiten entschieden überlegen ist, dass aber der einzelne Inhalt oder Exemplar der zweiten einem entsprechenden der ersten gegenüber den Vorzug hat.

So würden wir, vor die Wahl zwischen der Gesamtheit aller materiellen und aller idealen Güter gestellt, uns wohl für die ersteren entscheiden müssen, weil der Verzicht auf sie das Leben überhaupt, mitsamt seinen idealen Inhalten, verneinen würde; während wir nicht schwanken mögen, jedes einzelne herausgegriffene materielle Gut für irgendein ideales dahinzugeben.

So sind wir in unseren Beziehungen zu verschiedenen Menschen gar nicht im Zweifel, wie viel wertvoller und unentbehrlicher, als Ganzes empfunden, uns die eine als die andere ist; dennoch, in den einzelnen Momenten und Seiten des Verhältnisses mag uns das als Ganzes wertlosere das erfreulichere und bestechendere sein.

So also verhält es sich zwischen dem Geld und den konkreten Wertobjekten: die Wahl zwischen der Gesamtheit der letzteren und der des ersteren würde sogleich dessen innere Wertlosigkeit offenbaren, da wir dann bloß ein Mittel, aber keinen Zweck, dem es diene, mehr hätten; dagegen, das einzelne Geldquantum gegen das einzelne Warenquantum (> 214) gehalten, wird der Austausch des letzteren gegen das erstere in der Regel mit sehr viel größerer Intensität als der umgekehrte begehrt.

Auch besteht dieses Verhältnis nicht nur zwischen den Gegenständen überhaupt und dem Gelde überhaupt, sondern auch zwischen diesem und einzelnen Warenkategorien.

Die einzelne Stecknadel ist fast wertlos, Stecknadeln überhaupt aber sind fast unentbehrlich und »gar nicht mit Geld aufzuwiegen«.

Unzählige Warenarten verhalten sich so: die Möglichkeit, für Geld das einzelne Exemplar ohne weiteres zu beschaffen, entwertet dasselbe prinzipiell dem Gelde gegenüber, das Geld erscheint als die herrschende Macht, die über den Gegenstand verfügt; dagegen die Warenart als Ganze ist in ihrer Bedeutung für uns mit Geld ganz inkommensurabel und hat ihm gegenüber jenen selbständigen Wert, den die leichte Wiederbeschaffbarkeit des singulären Exemplars so oft für unser Bewusstsein überdeckt.

Da das praktisch ökonomische Interesse sich aber fast ausschließlich an das einzelne Stück, bzw. eine begrenzte Summe von Stücken, heftet, so hat die Geldwirtschaft es wirklich zustande gebracht, dass unser Wertgefühl den Dingen gegenüber sein Maß an ihrem Geldwert zu finden pflegt.

Das aber steht ersichtlich in Wechselwirkung mit jenem überwiegenden Interesse, das Geld statt des Gegenstandes in Händen zu haben.

Und dies läuft schließlich in eine allgemeine Erscheinung aus, die man das Superadditum des Reichtums nennen und dem unearned Profit der Bodenrente vergleichen könnte.

Der Reiche genießt Vorteile, noch über den Genuss desjenigen hinaus, was er sich für sein Geld konkret beschaffen kann.

Der Kaufmann handelt mit ihm solider und billiger als mit dem Armen, jedermann, auch der gar nichts von seinem Reichtum profitiert, begegnet ihm zuvorkommender, als dem Armen, es schwebt eine ideale Sphäre fragloser Bevorzugtheit um ihn.

Allenthalben kann man beobachten, wie dem Käufer der kostspieligeren Warengattung, dem Benutzer der höheren Eisenbahnklasse usw. allerhand kleine Bevorzugungen eingeräumt werden; mit dem von ihm bezahlten Sachwert haben diese eigentlich so wenig zu tun, wie das freundlichere Lächeln, mit dem der Kaufmann die teurere Ware verkauft, mit dieser, sondern sie bilden eine Gratisbeilage, die nur dem Konsumenten des Billigeren versagt bleibt, ohne dass er doch - und das ist gewissermaßen das Härteste dabei - über sachliche Übervorteilung zu klagen berechtigt wäre.

Am eigentümlichsten vielleicht zeigt dies eine an sich sehr minime Erscheinung.

In den Trambahnen einiger Städte gibt es zwei Klassen, die verschiedene Preise kosten, ohne dass die höhere irgendeinen sachlichen Vorteil oder größere Bequemlichkeit böte.

Allein man (> 215) erkauft mit dem höheren Preise das ausschließliche Zusammensein mit Personen, die einen solchen nur anlegen, um von den billiger Fahrenden abgeschlossen zu sein.

Hier kann sich der Wohlhabendere einen Vorteil ganz unmittelbar dadurch, dass er mehr Geld bezahlt - nicht erst vermöge eines sachlichen Äquivalents für seinen Aufwand - verschaffen.

Äußerlich genommen liegt damit das Gegenteil des Superadditums vor, denn es wird dem Wohlhabenden für sein Geld nicht relativ mehr, sondern relativ weniger geleistet als dem Armen.

Allein dennoch ist das Superadditum des Geldes hier sozusagen in negativer, aber besonders reiner Gestalt gegeben: der Wohlhabende gewinnt seinen Vorteil ohne Umweg über eine Sache und ausschließlich dadurch, dass andere nicht so viel Geld aufwenden können wie er.

Ja sogar als eine Art moralischen Verdienstes gilt der Reichtum; was sich nicht nur in dem Begriff der Respectability oder in der populären Bezeichnung wohlhabender Leute als »anständiger«, als »besseres Publikum« ausdrückt, sondern auch in der Korrelaterscheinung: dass der Arme behandelt wird, als hätte er sich etwas zuschulden kommen lassen, dass man den Bettler im Zorne davonjagt, dass auch gutmütige Personen sich zu einer selbstverständlichen Überlegenheit über den Armen legitimiert glauben.

Wenn für die Straßburger Schlossergesellen im Jahr 1536 bestimmt wird, der Montag Nachmittag solle für alle die arbeitsfrei sein, die über acht Kreuzer Lohn hätten, so wird damit den materiell besser Situierten eine Wohltat erwiesen, die nach der Logik der Moral gerade den Dürftigen hätte zukommen sollen.

Aber gerade zu so perversen Erscheinungen steigert sich mehr als einmal das Superadditum des Reichtums: der praktische Idealismus, etwa äußerlich unbelohnter wissenschaftlicher Arbeit, wird für gewöhnlich an einem reichen Manne mit größerem Respekt betrachtet, als ethisch hervorragender verehrt, als an einem armseligen Schulmeister!

Dieser Wucherzins des Reichtums, diese Vorteile, die er seinem Besitzer zuwachsen lässt, ohne dass dieser etwas dafür aufzuwenden hätte, ist an die Geldform der Werte geknüpft.

Denn alles dies ist offenbar Ausdruck oder Reflex jener unbegrenzten Freiheit der Verwendung, die das Geld allen anderen Werten gegenüber auszeichnet.

Hierdurch kommt zustande, dass der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auch durch das, was er tun könnte: weit über das hinaus, was er nun wirklich mit seinem Einkommen beschafft, und was andere davon profitieren, wird das Vermögen von einem Umkreis zahlloser Verwendungsmöglichkeiten umgeben, wie von einem Astralleib, der sich über seinen konkreten Umfang hinausstreckt: darauf weist unzweideutig hin, dass die Sprache erheblichere Geldmittel als »Vermögen« (> 216) - d. h. als das Können, das Imstande sein schlechthin bezeichnet.

Alle diese Möglichkeiten, von denen freilich nur ein ganz geringer Teil Wirklichkeit werden kann, werden dennoch psychologisch saldiert, sie gerinnen zu dem Eindruck einer nicht genau bestimmbaren, jede Festlegung ihres erreichbaren Erfolges ablehnenden Macht, und zwar in um so umfänglicherer und eindrucksvollerer Art, je beweglicher das Vermögen, je leichter es zu jedem möglichen Zweck verfügbar ist, d. h. also, je vollständiger jeder Vermögensbestand Geld oder in Geld umsetzbar ist und je reiner das Geld selbst zum Werkzeug und Durchgangspunkt ohne jede eigene teleologische Qualifikation wird.

Die reine Potentialität, die das Geld darstellt, insofern es bloß Mittel ist, verdichtet sich zu einer einheitlichen Macht- und Bedeutungsvorstellung, die auch als konkrete Macht und Bedeutung zugunsten des Geldbesitzers wirksam wird - ungefähr wie dem Reize eines Kunstwerkes nicht nur sein Inhalt und die mit sachlicher Notwendigkeit damit verbundenen seelischen Reaktionen zugerechnet werden, sondern all die zufälligen, individuellen, indirekten Gefühlskombinationen, die es, hier so und dort anders, anklingen lässt und deren unbestimmte Summe doch erst das Ganze seines Wertes und seiner Bedeutsamkeit für uns umschreibt.

In dem Wesen dieses Superadditums, wenn es so richtig gedeutet ist, liegt es, dass es um so stärker hervortreten muss, je vollständiger jene Chance und Wahlfreiheit seiner Verwendung vermöge der Gesamtlage seines Besitzers realisierbar wird.

Dies ist am wenigsten bei dem Armen der Fall: denn dessen Geldeinkommen ist, weil es nur für die Notdurft des Lebens ausreicht, von vorn herein determiniert und lässt der Auswahl unter seinen Verwendungsmöglichkeiten nur einen verschwindend kleinen Spielraum.

Derselbe erweitert sich mit steigendem Einkommen, so dass jeder Teil des letzteren das Superadditum in dem Maß erwirbt, in dem er von den zur Befriedigung des Notdürftigen, Generellen und Vorherbestimmten erforderlichen Teilen absteht; d. h. also, jeder zu der bereits bestehenden Einnahme hinzukommende Teil besitzt einen höheren Zusatz jenes Superadditums - natürlich unterhalb einer sehr hoch gelegenen Grenze, oberhalb welcher jeder Einkommensteil in dieser Hinsicht gleichmäßig qualifiziert ist.

An diesem Punkte kann man die fragliche Erscheinung in einer speziellen Konsequenz ergreifen, und zwar auf Grund einer, wie mir scheint, auch sonst folgenreichen Überlegung.

Viele Güter sind in solcher Masse vorhanden, dass sie von den zahlungsfähigsten Elementen der Gesellschaft nicht konsumiert werden können, sondern, um überhaupt abgesetzt (> 217) zu werden, auch den ärmeren und ärmsten Schichten angeboten werden müssen.

Deshalb dürfen derartige Waren nicht teurer sein, als diese Schichten im äußersten Falle zu zahlen imstande sind.

Dies könnte man als Gesetz der konsumtiven Preisbegrenzung bezeichnen: eine Ware kann niemals teurer sein, als die unbemitteltste soziale Schicht noch bezahlen kann, der sie wegen ihrer vorhandenen Menge noch angeboten werden muss.

Man möchte hierin eine Wendung der Grenznutzentheorie aus dem Individuellen in das Soziale erblicken: statt des niedrigsten Bedürfnisses, das noch mit einer Ware gedeckt werden kann, wird hier das Bedürfnis des Niedrigsten für die Preisgestaltung maßgebend.

Diese Tatsache bedeutet einen ungeheuren Vorteil für den Wohlhabenden.

Denn dadurch stehen auch ihm nun gerade die unentbehrlichsten Güter zu einem weit niedrigeren Preise zur Verfügung, als er dafür erlegen würde, wenn man es ihm nur abverlangte; dadurch, dass der Arme die einfachen Lebensmittel kaufen muss, macht er sie für den Reichen billig.

Wenn dieser selbst einen proportional ebenso großen Teil seines Einkommens an die primärsten Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleider) wenden müsste, wie der Arme, so würde er noch immer, absolut genommen, mehr für Luxuswünsche übrig behalten als dieser.

Allein er hat dazu noch den additionellen Vorteil, dass er seine nötigsten Bedürfnisse mit einem relativ viel kleineren Teil seines Einkommens decken kann.

Mit dem darüber hinausreichenden nun hat er die Wahlfreiheit in der Verwendung des Geldes, die ihn zum Gegenstand jener, sein tatsächliches ökonomisches Können überragenden Achtung und Bevorzugung macht.

Die Geldmittel des Armen sind nicht von dieser Sphäre unbegrenzter Möglichkeiten umgeben, weil sie von vornherein ganz unmittelbar und zweifellos in sehr bestimmte Zwecke einmünden.

In seiner Hand sind sie also gar nicht in demselben reinen und abstrakten Sinne »Mittel«, wie in der des Reichen, weil der Zweck schon sogleich in sie hineinreicht, sie färbt und dirigiert, weshalb denn auch unsere Sprache sehr feinfühlig erst den mit erheblichen Geldmitteln Ausgestatteten überhaupt als »bemittelt« bezeichnet. Die mit diesen verbundene Freiheit führt noch nach anderen Seiten hin zu einem Superadditum.

Wo öffentliche Funktionäre nicht besoldet werden, ist der Erfolg der, dass nur wohlhabende Leute führende Stellen bekleiden können; so musste etwa der General des achäischen Bundes nicht weniger als - wenigstens bis vor kurzem - ein englisches Parlamentsmitglied ein wohlhabender Mann sein, und so bildet sich in Ländern, die ihre Beamten sehr niedrig bezahlen, oft eine völlige Plutokratie, eine Art Erblichkeit der hohen Ämter in wenigen Familien heraus.

Während (> 218) die Unbesoldetheit der Stellungen das Geldinteresse von dem Interesse des Dienstes scheint lösen zu sollen, wird so gerade die Beamtenstellung mit allen Ehren, Macht und Chancen, die sie bietet zu einem Annex des Reichtums. Und dass sich dies an die Geldform desselben knüpft, liegt nahe, weil nur diese wegen ihrer teleologischen Indifferenz der Persönlichkeit die ganz freie Disposition über ihre Zeit, Aufenthaltsort und Betätigungsrichtung lässt.

Wenn der Reichtum, wie wir oben sahen, an sich schon Ehrungen erwirbt und, den Doppelsinn des »Verdienstes« missbrauchend, sich einer Art moralischer Schätzung erfreut, so verdichtet sich dies bei unbesoldeten Staatsfunktionen zu dem, dem Armen unerreichbaren, Machtbesitz der führenden Ämter.

Und mit diesen ist nun wieder das weitere Superadditum des Ruhmes patriotischer Aufopferung verbunden, der sicher oft verdient ist, aber auch auf ganz andere als ethische Motive hin dem bloßen Geldbesitz sozusagen auf rein technischem Wege zu Gebote steht.

Das Gleiche noch eine Stufe höher hinaufverfolgend, sehen wir, wie Ende des Mittelalters, z. B. in Lübeck, wohlhabende Leute sich gern an mehreren Bruderschaften beteiligten, um dadurch um so sichrer für ihr Seelenheil zu sorgen.

Die mittelalterliche Kirche stellte auch für den Gewinn der religiösen Güter technische Wege zur Verfügung, die nur für den Reichen gangbar waren und zunächst einmal noch jenseits ihres transzendenten Zieles ein Quantum irdischen Ansehens und Vorteils, wie jene Teilhaberschaft an mehrerlei Bruderschaften, als ihre unbezahlte Zugabe mit sich brachten.

Mehr nach einer rein psychologischen Seite hin zeitigt das Überschreiten der vorhin bezeichneten Vermögensgrenze das folgende Superadditum.

Bei einem oberhalb ihrer stehenden Vermögen spielt die Frage, was ein begehrter Gegenstand kostet, in vielen Fällen überhaupt keine Rolle mehr.

Das besagt viel mehr und tieferes, als der gewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Ausdruck verbindet.

So lange nämlich das Einkommen noch in der angedeuteten Weise irgendwie für bestimmte Verwendungen festgelegt ist, ist jede Ausgabe unvermeidlich mit dem Gedanken der für sie erforderten Geldaufwendung belastet; für die Mehrzahl der Menschen schiebt sich zwischen Wunsch und Befriedigung noch die Frage: was kostet es? und bewirkt eine gewisse Materialisierung der Dinge, die für den wirklichen Geldaristokraten ausgeschaltet ist.

Wer Geld über ein bestimmtes Maß hinaus besitzt, gewinnt damit noch den zusätzlichen Vorteil, es verachten zu können.

Die Lebensführung, die nach dem Geldwert der Dinge überhaupt nicht zu fragen braucht, hat einen außerordentlichen ästhetischen Reiz, sie kann sich über Erwerbungen nach nur sachlichen, ausschließlich von dem (> 219) Inhalt und der Bedeutung der Objekte abhängigen Gesichtspunkten entscheiden.

In so vielen Erscheinungen die Herrschaft des Geldes auch die Eigenartigkeit der Dinge und deren Bewusstsein herabsetzen mag, so sind doch auch die anderen unverkennbar, in denen das Geld diese steigert: Qualitäten der Objekte haben mindestens die psychologische Chance - so selten sie realisiert sein mag - um so individueller hervorzutreten, je mehr das ihnen Gemeinsame, der ökonomische Wert, auf ein außer ihnen stehendes Gebilde projiziert und in ihm lokalisiert ist.

Indem nun jene Lebensführung nach dem Geld nicht fragt, entgeht sie den Ablenkungen und den Schatten, die der rein sachlichen Qualität und Wertung der Dinge durch die dieser innerlich ganz fremde Beziehung auf ihren Geldpreis kommen.

Wo also selbst der etwas weniger Bemittelte denselben Gegenstand kaufen kann, wie der ganz Reiche, genießt dieser noch das psychologische Superadditum einer Leichtigkeit, Unmittelbarkeit, Unabgelenktheit des Erwerbes und Genusses, die jenem durch die vor- und mittönende Geldopferfrage getrübt wird.

Wenn wir nachher sehen werden, dass die Blasiertheit gerade umgekehrt die Abstumpfung gegen die Besonderheiten und sachlichen Reize der Dinge zum Schatten des Geldreichtums macht, so ist dies kein Beweis gegen jenen Zusammenhang, sondern nur einer für das Wesen des Geldes: durch seine Entfernung von jeder eigenen Bestimmtheit die völlig entgegengesetzt verlaufenden Fäden des inneren und äußeren Lebens aufzunehmen und jedem in der ihm eigenen Richtung ein Werkzeug entschiedenerer Herausbildung und Darstellung zu sein.

Darin liegt die unvergleichliche Bedeutung des Geldes für die Entwicklungsgeschichte des praktischen Geistes; mit ihm ist die bisher äußerste Verminderung der Besonderheit und Einseitigkeit aller empirischen Gebilde erreicht.

Was man die Tragik der menschlichen Begriffsbildung nennen könnte: dass der höhere Begriff die Weite, mit der er eine wachsende Anzahl von Einzelheiten umfasst, mit wachsender Leere an Inhalt bezahlen muss, gewinnt im Gelde sein vollkommenes praktisches Gegenbild, d. h. die Daseinsform, deren Seiten Allgemeingültigkeit und Inhaltslosigkeit sind, ist im Geld zu einer realen Macht geworden, deren Verhältnis zu aller Entgegengesetztheit der Verkehrsobjekte und ihrer seelischen Umgebungen gleichmäßig als Dienen wie als Herrschen zu deuten ist.

Das Superadditum des Geldbesitzes ist nichts als eine einzelne Erscheinung dieses, man möchte sagen, metaphysischen Wesens des Geldes, dass es über jede Einzelverwendung seiner hinausreicht und, weil es das absolute Mittel ist, die Möglichkeit aller Werte als den Wert aller Möglichkeiten zur Geltung bringt. (> 220)

Aus dem Wirkungsbereich dieses Verhältnisses will ich nur noch eine zweite Reihe herausheben.

Die über alle spezifischen Zwecke erhabene Mittelsbedeutung des Geldes hat zur Folge, dass es das Interessenzentrum und die eigentliche Domäne solcher Individuen und Klassen wird, deren soziale Stellung sie von vielerlei persönlichen und spezifischen Zielen ausschließt.

Dass den römischen Freigelassenen die volle bürgerliche Stellung mit allen ihren Chancen fehlte, bewirkte es, dass sie sich mit Vorliebe auf das Geldgeschäft warfen; und schon in Athen hatte, bei dem ersten Aufkommen reinen Geldhandels im 4. Jahrhundert, der reichste Bankier, Pasion, seine Laufbahn als Sklave begonnen.

In der Türkei sind die Armenier, ein verachteter und oft verfolgter Volksstamm, vielfach die Händler und Geldleute - gerade wie es in Spanien unter ähnlichen Verhältnissen die Moriskos waren.

In Indien sind diese Erscheinungen häufig: einerseits sind die sozial sehr zurückgedrängten und sonst mit scheuer Zurückhaltung auftretenden Parsen meistens Wechsler oder Bankiers, andrerseits, in manchen Teilen Südindiens, sind die Geldgeschäfte und Reichtümer in den Händen der Tschettis, einer Mischkaste, die wegen mangelnder Kastenreinheit ein sehr geringes Ansehen hat.

So warfen sich die Hugenotten in ihrer exponierten und eingeengten Stellung mit größter Intensität auf den Gelderwerb, wie die Quäker in England.

Vom Gelderwerb als solchem kann man, weil eben alle möglichen Wege gleichmäßig zu ihm führen, am wenigsten jemanden prinzipiell ausschließen.

Vom reinen Geldgeschäft deshalb nicht, weil es weniger technischer Vorbedingungen bedarf, als jeder andere Erwerb, und sich deshalb leichter der Kontrolle und dem Eingriff entzieht, und zudem, weil der Geldbedürftige in der Regel in einer Notlage ist, in der er schließlich auch die sonst verachtetste Persönlichkeit und den sonst gemiedensten Schlupfwinkel aufsucht.

Und weil der in irgendeinem Sinne Rechtlose gerade vom Gebiet der bloßen Geldinteressen nicht fernzuhalten ist, entsteht zwischen beiden Bestimmungen eine Assoziation, die in mehrfachen Richtungen wirksam wird: so droht einerseits dem bloßen Geldmenschen leicht eine soziale Deklassierung, deren Fühlbarkeit er oft nur durch seine Macht und Unentbehrlichkeit entgeht, und so wurde andrerseits den fahrenden Leuten des Mittelalters, die allenthalben schlechtes Recht hatten, doch in Geldsachen unparteilich Recht gemessen.

Eben derselbe Erfolg muss eintreten, wenn die Ausschließung sozialer Elemente von den Rechten und Genüssen der Vollbürger nicht mehr durch juristische oder ihnen sonst oktroyierte Bestimmungen, sondern durch freiwilligen Verzicht ihrerseits geschieht.

Als die Quäker schon die volle politische Gleichberechtigung (> 221) hatten, schlossen sie sich selbst von den Interessen der anderen aus: sie schwuren nicht, konnten also keine öffentlichen Ämter übernehmen, sie verschmähten alles, was mit dem Schmuck des Lebens zusammenhängt, sogar den Sport, sie mussten sogar den Landbau aufgeben, weil sie den Kirchenzehnten verweigerten. So waren sie, um überhaupt noch ein äußeres Lebensinteresse zu haben, auf das Geld hingewiesen, als auf das einzige, zu dem sie sich den Zugang nicht versperrt hatten.

Ganz entsprechend hat man über das herrenhuterische Leben bemerkt, dass ihm aller ideale Gehalt von Wissenschaften, Künsten, heiterer Geselligkeit fehle, und es so neben dem religiösen Interesse nur noch die nackte Erwerbslust als praktischen Impuls bestehen lasse.

Die Betriebsamkeit und Habsucht vieler Herrenhuter und Pietisten sei deshalb kein Anzeichen von Heuchelei, sondern von einem kranken, vor den Kulturinteressen flüchtigen Christentum, von einer Frömmigkeit, die nichts irdisch Hohes neben sich duldet, sondern eher noch ein irdisch Niedriges.

Ja selbst für die entgegengesetzten Stufen der sozialen Skala bleibt es verhängnisvoll, dass nach Wegfall aller anderen Interessen das am Gelde noch immer als letzte, zäheste, überlebendste Interessenschicht beharrt.

Dass der französische Adel des ancien régime sich von seinen sozialen Pflichten zurückzog, lag an der wachsenden Zentralisierung des Staates, der die Verwaltung des bäuerlichen Gebietes selbst in die Hand genommen hatte.

Indem der Staat dem Adel alle inhaltlich wertvollen Herrschaftsfunktionen abnahm, hatte für diesen der Güterbesitz keine andere Bedeutung mehr, als: möglichst viel Geld herauszuschlagen.

Dies war der letzte, ihm nicht wegzunehmende Interessenpunkt, und auf ihn reduzierte sich deshalb alles, was sonst an lebendiger Verbindung zwischen Adel und Bauer bestanden hatte und wovon der erstere nun abgedrängt war.

Macht aber jene nicht zu raubende Möglichkeit schon das Geldgeschäft zur ultima ratio sozial benachteiligter und bedrückter Elemente, so wirkt für sie positiv noch die Macht des Geldes, Stellungen, Einfluss, Genüsse noch da zu gewinnen, wo man von gewissen direkten Mitteln des sozialen Ranges: der Beamtenqualität, bestimmten, ihnen vorenthaltenen Berufen, der Persönlichkeitsentfaltung, ausgeschlossen ist.

Denn weil das Geld zwar bloßes Mittel, dieses aber auch in absolutem Maße ist, und so jede Präjudizierung durch irgendeine sachliche Bestimmtheit ablehnt, so ist es ebenso der unbedingte terminus a quo zu allem hin, wie es der unbedingte terminus ad quem von allem her ist.

Darum treten ganz entsprechende Erscheinungen auf, wo kein Ausschluss einer Gruppenabteilung von den Zweckreihen der anderen vorliegt, sondern die gleiche teleologische Formung sich auf die (> 222) ganze Gruppe erstreckt.

Von den Spartanern, denen alle eigentlich ökonomischen Interessen untersagt waren, wird doch eine auffallende Geldgier berichtet.

Es scheint, dass die Leidenschaft nach einem Besitz, dessen Verteilung die lykurgische Verfassung unpraktisch geordnet hatte, gerade da herausbrach, wo er am wenigsten spezifischen Charakter trug und seine Einschränkung also am undurchführbarsten war.

Auch wird erwähnt, dass in bezug auf den realen Genuss des Besitzes in Sparta lange kein Unterschied zwischen Arm und Reich war, dass die Reichen nicht besser lebten als die Armen: um so mehr musste sich die Pleonexie auf den bloßen Besitz des Geldes werfen!

Auf ganz andere Momente hin ist die gleiche Grundkonstellation wirksam, wenn ein Fragment des Ephoros besagt, Ägina wäre deshalb ein solcher Haupthandelsplatz geworden, weil die Unfruchtbarkeit des Bodens die Einwohner auf den Handel hingewiesen hätte - und Ägina war die erste Stelle im eigentlichen Hellas, wo überhaupt Geldmünzen geprägt wurden!

Weil das Geld der gemeinsame Schnittpunkt der Zweckreihen ist, die von jedem Punkt der ökonomischen Welt zu jedem anderen laufen, so nimmt es jeder von jedem.

Zu der Zeit, als der Fluch der »Unehrlichkeit« am schwersten auf bestimmten Berufen lastete, nahm man dennoch Geld sogar vom Henker, wenngleich man möglichst einen Ehrlichen suchte, von dem man es zuerst anfassen ließ!

Von der Einsicht in diese alles überwindende Macht aus verteidigte Macaulay die Emanzipation der Juden damit, dass es ein Widersinn wäre, ihnen die politischen Rechte vorzuenthalten, da sie vermöge ihres Geldes die Substanz derselben doch besäßen.

Sie könnten Wähler kaufen, Könige lenken, als Gläubiger ihre Schuldner beherrschen, so dass politische Rechte nichts als die formale Vollendung von dem wären, was sie schon hätten.

Um ihnen das politische Recht wirklich zu nehmen, müsste man sie ermorden und berauben; ließe man ihnen aber ihr Geld, so we may take away the shadow, but we must leave them the substance - ein für die teleologische Drehung des Geldbegriffes höchst charakteristischer Ausdruck; denn rein inhaltlich möchte man die soziale, politische, personale Position doch als einen realen und substanziellen Wert, das Geld aber, die an sich leere Symbolisierung anderweitiger Werte, als den bloßen Schatten bezeichnen!

Es braucht nicht betont zu werden, dass jene ganze Korrelation zwischen Zentralität des Geldinteresses und sozialer Gedrücktheit an den Juden ihr umfänglichstes Beispiel hat.

Ich will deshalb in Hinsicht ihrer nur zwei Gesichtspunkte bezeichnen, als für die hier fragliche Wesensbedeutung des Geldes besonders erheblich.

Weil der Reichtum der Juden in Geld bestand, waren sie ein so besonders (> 223) gesuchtes und fruchtbares Ausbeutungsobjekt; denn kein anderer Besitz lässt sich so, schnell, einfach und verlustlos mit Beschlag belegen.

Wie man die wirtschaftlichen Güter in Hinsicht ihres Erwerbes durch Arbeit in eine Skala größerer oder geringerer Zweckmäßigkeit reihen kann, so in Hinsicht ihres Erwerbes durch Raub.

Wenn man jemandem sein Land fortnimmt, so kann man den Vorteil davon - außer wenn man es eben gleich wieder in Geld umsetzt - nicht ohne weiteres realisieren, Zeit, Mühe, Aufwendungen werden erfordert.

Praktischer verhalten sich natürlich schon Mobilien, so viele hier wirksame Unterschiede auch unter ihnen bestehen: im mittelalterlichen England war z. B. die Wolle in dieser Hinsicht das zweckmäßigste, sie war a sort of circulating medium, in dem das Parlament den Königen Auflagen bewilligte, und an das diese sich zuerst hielten, wenn sie von den Kaufleuten Geld erpressen wollten. Das Geld bildet den äußersten Punkt dieser Skala.

Derselbe von aller spezifischen Bedingtheit gelöste Charakter, der das Geld den Juden in ihrer Pariastellung zum geeignetsten und am wenigsten versagbaren Erwerbszwecke machte, ließ es auch zum geeignetsten und unmittelbarsten Anreiz werden, sie auszuplündern.

Es ist durchaus kein Gegenbeweis, sondern zeigt die auf Grund eben dieser Züge dem Gelde zuwachsende Macht nur von der anderen Seite, wenn wir von den mittelalterlichen Judenaustreibungen hören, in einigen Städten seien es die reichen Juden, in anderen aber gerade die armen gewesen, auf die sich die Verfolgung richtete.

Die Beziehung der Juden zum Geldwesen äußert sich weiterhin in einer soziologischen Konstellation, die jenen Charakter des Geldes ebenso zum Ausdruck bringt.

Die Rolle, die der Fremde innerhalb der sozialen Gruppe spielt, weist ihn von vornherein auf die durch Geld vermittelten Beziehungen zu ihr an, zunächst wegen der Transportfähigkeit und der über die Gruppengrenzen hinausreichenden Verwertbarkeit des Geldes.

Die Relation zwischen dem Geldwesen und dem Fremden als solchem kündigt sich schon in einer Erscheinung bei einigen Naturvölkern an.

Das Geld besteht dort aus Zeichen, die von auswärts eingeführt werden, so dass es z.B. auf den Salomoinseln wie in Ibo am Niger eine Art Industrie ist, aus Muscheln oder sonst Geldzeichen herzustellen, die nicht am Herstellungsort selbst, , sondern in benachbarten Gegenden wohin sie exportiert werden, als Geld kursieren.

Das erinnert an die Mode, die so oft gerade wenn sie von außen importiert ist, besonders geschätzt und mächtig ist.

Geld und Mode sind Ausgestaltungen sozialer Wechselwirkungen, und es scheint, als ob die Sozialelemente manchmal wie die Augenachsen am besten auf einen nicht zu nahe (> 224) gelegenen Punkt konvergierten.

Der Fremde als Person aber ist aus demselben Grunde, der das Geld dem sozial Entrechteten so wertvoll macht, dafür vor allem interessiert: weil es ihm Chancen gewährt, die dem Vollberechtigten, bzw. dem Einheimischen auf spezielleren, sachlichen Wegen und durch persönliche Beziehungen zugängig sind; es wird betont, dass die Fremden es waren, die vor dem babylonischen Tempel den einheimischen Mädchen das Geld in den Schoß warfen, für das diese sich prostituierten.

Der Zusammenhang zwischen der soziologischen Bedeutung des Fremden und der des Geldes hat aber noch eine weitere Vermittlung.

Das reine Geldgeschäft ist nämlich ersichtlich etwas Sekundäres; das zentrale Geldinteresse äußert sich vielmehr zunächst und hauptsächlich im Handel.

Aus sehr triftigen Gründen ist aber der Händler, am Anfang der wirtschaftlichen Bewegungen, ein Fremder.

So lange die Wirtschaftskreise noch kleine sind und keine raffinierte Arbeitsteilung besitzen, genügt unmittelbarer Tausch oder Kauf zu der erforderlichen Verteilung; des Händlers bedarf es erst für das Herbeischaffen der in der Ferne produzierten Güter.

Nun aber zeigt sich die Entschiedenheit dieses Verhältnisses auch sofort an seiner Umkehrbarkeit: nicht nur der Händler ist ein Fremder, sondern auch der Fremde ist dazu disponiert, ein Händler zu werden.

Das tritt hervor, sobald der Fremde nicht nur vorübergehend anwesend ist, sondern sich niederlässt und dauernden Erwerb innerhalb der Gruppe sucht: in Platos »Gesetzen« wird den Bürgern aller Gold und Silberbesitz verboten und aller Handel und Gewerbebetrieb prinzipiell den Fremden vorbehalten.

So lag, dass die Juden ein Handelsvolk wurden, außer an ihrer Unterdrückung, auch an ihrer Zerstreuung durch alle Länder.

Erst während des letzten babylonischen Exils wurden die Juden in die Geldgeschäfte eingeweiht, die ihnen bis dahin unbekannt gewesen waren: und nun wird sogleich hervorgehoben, es seien besonders die Juden der Diaspora gewesen, die sich diesem Beruf in größerer Anzahl widmeten.

Zersprengte Leute, in mehr oder weniger geschlossene Kulturkreise hineindringend, können schwer Wurzel schlagen, eine freie Stelle in der Produktion finden und sind deshalb zunächst auf den Zwischenhandel angewiesen, der viel elastischer ist als die Urproduktion selbst, dessen Spielraum durch bloß formale Kombinationen fast unbegrenzt zu erweitern ist und der deshalb von außen kommende, nicht von der Wurzel her in die Gruppe hineingewachsene Elemente am ehesten aufnehmen kann.

Der tiefe Zug der jüdischen Geistigkeit: sich viel mehr in logisch-formalen Kombinationen als in inhaltlich schöpferischer Produktion zu bewegen, (> 225) muss mit dieser wirtschaftsgeschichtlichen Situation in Wechselwirkung stehen. Dass der Jude ein Fremder war, ohne organische Verbindung mit seiner Wirtschaftsgruppe, das wies ihn auf den Handel und dessen Sublimierung im reinen Geldgeschäft hin.

Mit einer sehr merkwürdigen Einsicht in die Lage der Juden gestattete ihnen ein Statut von Osnabrück um 1300 ausnahmsweise wöchentlich einen Pfennig von der Mark Zinsen zu nehmen, also jährlich 361/9 %, während sonst höchstens 10 % genommen wurden.

Spezifisch wichtig wurde es, dass der Jude nicht nur der Stammfremde, sondern auch der Religionsfremde war.

Weil für ihn deshalb das mittelalterliche Verbot des Zinsennehmens nicht galt, war er die indizierte Persönlichkeit für die Geldleihe.

Es ist eben die Gelöstheit vom Boden, die die hohen Zinsen für die Juden begründete: denn Grundschulden waren ihnen nie sicher und ferner mussten sie immer fürchten, dass eine höhere Gewalt ihre Forderungen für aufgehoben erklärte (so König Wenzel für das Land Franken 1390, Karl IV. 1347 für den Burggrafen von Nürnberg, Herzog Heinrich von Bayern 1338 für die Bürger von Straubing usw.).

Der Fremde braucht für seine Unternehmungen und Ausleihen eine höhere Risikoprämie.

Dieser Zusammenhang gilt aber nicht nur für die Juden, sondern er ist so tief im Wesen des Handels und des Geldes begründet, dass er eine Reihe anderer Erscheinungen nicht weniger beherrscht. Ich erwähne hier nur einige neuzeitliche.

Die Weltbörsen des 16. Jahrhunderts, Lyon und Antwerpen, erhielten ihr Gepräge durch die Fremden, und zwar auf Grund der fast unbeschränkten Handelsfreiheit, die der fremde Kaufmann gerade an diesen Plätzen genoss.

Und das steht wieder mit dem Geldverkehrscharakter dieser Plätze in Zusammenhang: Geldwirtschaft und Handelsfreiheit haben tiefe innere Beziehungen, wie oft diese auch durch historische Zufälligkeiten und irrige Regierungsmaximen verdunkelt sein mögen. Die geldgeschäftliche Rolle des Fremden zeigt so recht ihre Verknüpfung.

Die finanzielle Bedeutung mancher Florentiner Familien, in der Mediceerepoche, beruhte gerade darauf, dass sie von den Mediceern verbannt oder ihrer politischen Macht beraubt und infolgedessen darauf angewiesen waren, durch Geldgeschäfte in der Fremde - da sie in der Fremde eben keine anderen treiben konnten - von neuem zu Kraft und Bedeutung zu gelangen.

Es ist der Betrachtung nicht unwert, wie danebenherlaufende, scheinbar entgegengesetzte Erscheinungen, genau angesehen, eben dasselbe Verhältnis erweisen.

Als Antwerpen im 16. Jahrhundert der unbestrittene Welthandelsplatz war, ruhte seine Bedeutung auf den Fremden, den Italienern, (> 226) Spaniern, Portugiesen, Engländern, Oberdeutschen, die sich dort niedergelassen hatten und ihre Waren umsetzten.

Die eingeborenen Antwerpener spielten bei dem Warenhandel eine sehr geringe Rolle und waren hauptsächlich als Kommissionäre und im Geldgeschäft als Bankiers tätig.

In dieser internationalen und durch die Interessen des Welthandels vereinheitlichten Gesellschaft spielte eben der Eingeborene die Rolle, die sonst vielfach der Fremde spielt: das Entscheidende ist hier das soziologische Verhältnis zwischen einer großen Gruppe und einzelnen, ihr fremd gegenüberstehenden Individuen; diese werden eben durch die Beziehungslosigkeit zu den konkreteren Interessen auf das Geldgeschäft mit jenen hingewiesen.

Gewiss wird in den meisten Fällen dieses Verhältnis sich zwischen Eingeborenen und Fremden herstellen; aber schon als die Angelsachsen die britische Bevölkerung, soweit sie nicht verjagt war, in sich aufgenommen hatten, nannten sie sie »die Fremden«; und wo, wie es in Antwerpen stattfand, die Fremden die große zusammenhängende Gruppe und die Eingeborenen die dazwischen versprengte Minorität bilden, da zeigt sich an dem Ergebnis, dass die gleiche soziologische Ursache die gleiche Folge hat, während die Frage, welches der Elemente gerade an der Lokalität eingeboren und welches fremd ist, an sich hierfür bedeutungslos ist.

Weit über die sozusagen privaten Gründe hinaus, aus denen der einzelne Fremde innerhalb einer Gruppe zum Handel und zuhöchst zum Geldhandel designiert scheint, begegnen uns die ersten großen Transaktionen der neuzeitlichen Bankiers, im 16. Jahrhundert, als durchaus im Ausland sich abspielend.

Das Geld ist von der lokalen Beschränktheit der meisten teleologischen Reihen -emanzipiert, weil es das Mittelglied von jedem beliebigen Ausgangspunkt zu jedem beliebigen Endpunkt ist; und wenn, so möchte man fast sagen, jedes Element des historischen Seins diejenige Wirkungsform sucht, in der es sein Spezifisches, die gerade ihm eigentümliche Stärke am reinsten ausdrücken kann, so drängt dieses früheste moderne Großkapital, wie in dem Expansionsstreben jugendlichen Übermutes, zu einer Verwendung, in der ihm seine raumüberspringende Macht, seine Überall-Verwendbarkeit, seine Parteilosigkeit zum stärksten Bewusstsein kam.

Der Hass des Volkes auf die großen Finanzhäuser hing wesentlich damit zusammen, dass ihre Besitzer und meistens auch ihre Vertreter Fremde zu sein pflegten: es war der Hass des nationalen Empfindens gegen das Internationale, der Einseitigkeit, die sich ihres spezifischen Wertes bewusst ist, und sich dabei von einer indifferenten, charakterlosen Macht vergewaltigt fühlt, deren Wesen ihr im Fremden als solchem personifiziert wurde; es entspricht dies ganz (> 227) der Aversion der konservativen athenischen Volksmasse gegen den Intellektualismus der Sophisten und des Sokrates, gegen dieses neue, unheimliche Machtmittel des Geistes, das, neutral und herzlos wie das Geld, seine aller überlieferten Schranken spottende Macht zuerst so oft im Niederreißen zeigte.

Dazu kam, diese Tendenz des Geldes gleichsam objektivierend, dass die ungeheure Ausdehnung der Geldgeschäfte damals den unendlichen Kriegen entstammte, zwischen dem Kaiser und dem französischen König, den Religionskriegen in den Niederlanden, Deutschland und Frankreich usw. Der Krieg der unmittelbar nur reine unproduktive Bewegung ist, bemächtigte sich der Geldmittel vollständig und bewirkte eine völlige Überwucherung des soliden Warenhandels - der stets mehr lokal gebunden ist - durch den Geldhandel.

Ja, der Weg des Großkapitals ins Ausland wurde auf diesem Umwege direkt landesverräterisch.

Die französischen Könige haben lange mit Hilfe von Florentiner Bankiers Krieg gegen Italien geführt, sie haben Lothringen und später Elsass unter dem Beistand deutschen Geldes vom Deutschen Reich losreißen können, die Spanier haben sich der italienischen Geldmächte bedienen dürfen, um Italien zu beherrschen.

Erst das 17. Jahrhundert hat in Frankreich, England, Spanien diesem Umherflattern des Geldkapitals, in dem es die Losgebundenheit seines reinen Mittelscharakters offenbarte, ein Ende zu machen und das Kapitalbedürfnis der Regierungen im eigenen Lande zu decken gestrebt.

Und wenn die Finanz der modernsten Zeit wieder in vieler Hinsicht international geworden ist, so hat dies doch ganz andere Bedeutung: »Fremde« in jenem alten Sinne gibt - es eben heute nicht mehr, die Handelsverbindungen, ihre Usancen und ihr Recht haben aus ganz entfernten Ländern einen immer mehr sich vereinheitlichenden Organismus gebildet.

Das Geld hat den Charakter, der es ehemals zur Domäne des Fremden machte, nicht verloren, sondern sogar durch die Vermehrung und Variierung der in ihm gekreuzten teleologischen Reihen immer mehr ins Abstrakte und Farblose gesteigert.

Der Gegensatz, der in dieser Hinsicht zwischen den Einheimischen und den Fremden bestand, ist nur deshalb fortgefallen, weil die einst von ihm getragene Geldform des Verkehrs die Gesamtheit des Wirtschaftskreises ergriffen hat.

Wie in einem Miniaturbild zusammengedrängt erscheint mir die Bedeutung des Fremden für das Geldwesen in dem Rate, den ich einmal geben hörte: man solle mit zwei Menschen niemals Geldgeschäfte machen, mit dem Freunde und mit dem Feinde.

Die indifferente Objektivität des Geldgeschäftes tritt in dem einen Fall in einen fast niemals ganz zu glättenden Konflikt mit der Personalität (> 228) des Verhältnisses, in dem anderen gibt eben derselbe Umstand feindseligen Absichten weiten Spielraum, in tiefem Zusammenhange damit, dass unsere geldwirtschaftlichen Rechtsformen nirgends präzise genug sind, um böswillige Schädigung mit Sicherheit auszuschließen.

Der indizierte Partner für das Geldgeschäft - in dem, wie man mit Recht gesagt hat, die Gemütlichkeit aufhört - ist die uns innerlich völlig indifferente, weder für noch gegen uns engagierte Persönlichkeit.(> 229)

Teil II

Das psychologische Auswachsen der Mittel zu Zwecken; das Geld als extremstes Beispiel.

Die Abhängigkeit seines Zweckcharakters von den kulturellen Tendenzen der Epochen.

Psychologische Folgen der teleologischen Stellung des Geldes: Geldgier, Geiz, Verschwendung, asketische Armut, moderner Zynismus, Blasiertheit.

In dem Vorhergehenden ist eine Tatsache des Wertgefühls vorausgesetzt worden, deren Selbstverständlichkeit für uns leicht über ihre Bedeutsamkeit hinwegtäuschen kann.

Das Geld ist uns wertvoll, weil es das Mittel zur Erlangung von Werten ist; aber ebenso gut könnte man doch sagen: obgleich es nur das Mittel dazu ist.

Denn logisch notwendig erscheint es keineswegs, daß der Ton des Wertes, der auf den Endzwecken unseres Handelns ruht, sich auch auf die Mittel übertrage, die an sich und ohne Einstellung in die teleologische Reihe völlig wertfremd wären.

Daß diese Wertübertragung, auf Grund rein äußerer Zusammenhänge, stattfindet, ordnet sich in eine sehr allgemeine Form unserer geistigen Bewegungen ein, die man die psychologische Expansion der Qualitäten benennen könnte.

Wenn nämlich eine sachliche Reihe von Gegenständen, Kräften, Geschehnissen ein Glied enthält, das bestimmte subjektive Reaktionen in uns auslöst: Lust oder Unlust, Liebe oder Haß, positive oder negative Wertgefühle - so scheint uns dieser Wert nicht nur auf seinem unmittelbaren Träger zu haften, sondern wir lassen auch die anderen, an sich nicht ebenso ausgezeichneten Glieder der Reihe an ihm teilhaben: dies ist keineswegs nur bei teleologischen Reihen der Fall, deren Endglied seine Bedeutung auf alle Ursachen seiner Verwirklichung ausstrahlt, sondern auch bei anders laufenden Verknüpfungen der Elemente: alle Mitglieder einer Familie partizipieren an der Ehrung oder Degradierung eines einzelnen von ihnen; die unbedeutendsten Produkte eines großen Dichters genießen, weil andere bedeutend sind, eine ihnen an sich nicht zukommende Schätzung; Neigung oder Haß des Einzelnen, aus politischer Parteistellung entsprungen, erstreckt sich auf diejenigen Punkte der Parteiprogramme, denen an und für sich er gleichgültig oder mit entgegengesetzten Gefühlen gegenüberstehen würde; die Liebe zu einem Menschen, von dem sympathischen Gefühl für eine seiner Wesensseiten ausgehend, umfaßt schließlich seine Gesamtpersönlichkeit und damit vielerlei Eigenschaften und Äußerungen mit der gleichen Leidenschaft, auf die diese ohne solchen Zusammenhang keinen Anspruch erheben würden.

Kurz, wo nur immer Mehrheiten von Menschen (> 230) und Dingen sich durch irgendwelche Verknüpfung als Einheiten darbieten, fließt das Wertgefühl, das ein einzelnes Element hervorruft, gleichsam durch die zusammenhaltende Wurzel des Systems hindurch auch auf die anderen über, die an sich jenem Gefühle fremd sind.

Gerade weil die Wertgefühle nichts mit der Struktur der Dinge selbst zu tun, sondern ihr unüberschreitbares Gebiet jenseits dieser haben, halten sie sich nicht streng an ihre logischen Begrenzungen, sondern entfalten sich mit einer gewissen Freiheit über die objektiv gerechtfertigten Beziehungen zu den Dingen hinaus.

Wenn es an sich etwas Irrationales hat, daß die relativen Höhepunkte des Seelenlebens ihre benachbarten, an sich aber nicht in jene Qualitäten hinaufreichenden Momente färben, so offenbart dies dennoch den ganzen beglückenden Reichtum der Seele, ihr von innen her bestimmtes Bedürfnis, die einmal empfundenen Bedeutsamkeiten und Werte auch nach dem vollen Maße ihrer inneren Resonanz an den Dingen auszuleben, ohne ängstlich nach dem Rechtsgrund zu fragen, nach dem jedes seinen Anteil beanspruchen könnte.

Die rationellste und einleuchtendste von allen Formen solcher Expansion der Qualitäten ist sicher die der Zweckreihe.

Sachlich allerdings erscheint auch diese nicht unbedingt notwendig; denn die Bedeutung, die das an sich gleichgültige Mittel dadurch erhält, daß es einen wertvollen Zweck verwirklicht, brauchte keineswegs in einem darauf übertragenen Werte zu bestehen, sondern könnte eine eigenartige Kategorie sein, die auf die außerordentliche Häufigkeit und Wichtigkeit dieser Konfiguration hin wohl hätte entstehen können.

Allein tatsächlich hat nun einmal die psychologische Expansion die Wertqualität ergriffen und nur den Unterschied bestehen lassen, nach dem man den Wert des Endzwecks als absoluten, den der Mittel als relativen bezeichnen kann.

Absolut - in dem hier fraglichen, praktischen Sinne - ist der Wert der Dinge, an denen ein Willensprozeß definitiv haltmacht.

Dieses Haltmachen braucht natürlich keine zeitlich ausgedehnte Fermate zu sein, sondern nur der Abschluß einer Innervationsreihe, so daß, wenn diese sich in dem Befriedigungsgefühl ausgelebt hat, das Weiterleben des Wollens sich in neuen Innervationen kundgeben muß.

Relativ wertvoll dagegen ist ein Objekt, wenn das Fühlen seiner als eines Wertes dadurch bedingt ist, daß seine Verwirklichung die eines absoluten Wertes bedingt; es zeigt seine Relativität darin, daß es seinen Wert in dem Augenblick einbüßt, in dem ein anderes Mittel zu demselben Zweck als das wirksamere oder erreichbarere erkannt wird.

Mit dem oben behandelten Gegensatz des objektiven und des subjektiven Wertes fällt der des absoluten und relativen so wenig zusammen, daß sowohl (> 231) innerhalb der subjektiven wie der objektiven Wertsetzungen der letztere Gegensatz sich entfalten kann.

Ich habe hier die Begriffe des Wertes und des Zweckes ziemlich ungeschieden gebraucht; tatsächlich sind beide in diesem Zusammenhange nur verschiedene Seiten einer und derselben Erscheinung: die Sachvorstellung, die nach ihrer theoretisch-gefühlsmäßigen Bedeutung ein Wert ist, ist nach ihrer praktisch-wilIensmäßigen ein Zweck.

Die seelischen Energien nun, die die eine und die andere Art der Werte und Zwecke setzen, sind sehr verschiedener Natur.

Die Kreierung eines Endzwecks ist unter allen Umständen nur durch eine spontane Willenstat möglich, während einem Mittel sein relativer Wert ebenso unbedingt nur vermittels theoretischer Erkenntnis zuerkannt werden kann.

Die Setzung des Zieles erfolgt aus dem Charakter, der Stimmung, dem Interesse; den Weg aber schreibt uns die Natur der Dinge vor; die Formel, die über so viele Lebensverhältnisse mächtig ist: daß das Erste uns freisteht und wir beim Zweiten Knechte sind, gilt deshalb nirgends ausgedehnter als auf dem teleologischen Gebiet.

Allein diese Entgegengesetztheit, in der sich das sehr mannigfaltige Verhältnis unserer inneren Kräfte zum objektiven Sein offenbart, verhindert keineswegs, daß einer und derselbe Inhalt aus der einen Kategorie in die andere übertrete.

Gerade die Spontaneität der Endzwecksetzung, zusammen mit der Tatsache, daß die Mittel psychologisch an dem Werte ihres Zieles teilhaben, ermöglicht die Erscheinung, daß das Mittel für unser Bewußtsein völlig den Charakter eines definitiven, für sich befriedigenden Wertes annehmen kann.

Obgleich dies nur durch die Unabhängigkeit der letzten Willensinstanz in uns von aller verstandesmäßigen logischen Begründung möglich ist, so kann die Tatsache selbst, so sehr sie der Zweckmäßigkeit zuwiderzulaufen scheint, derselben dennoch dienen.

Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, kann vielmehr nur bei ganz flüchtigem Hinsehen gelten, daß wir unsere Zwecke am besten erreichen, wenn sie uns am klarsten als solche bewußt sind.

So schwierig und unvollkommen nämlich der Begriff des »unbewußten Zweckes« auch sei - die damit ausgedrückte Tatsache: daß unser Handeln in der genauesten Anpassung an gewisse Endziele verläuft und ohne irgendwelche Wirksamkeit derselben völlig unverständlich ist, während in unserem Bewußtsein von ihrer Wirksamkeit nichts zu finden ist - diese Tatsache wiederholt sich so unendlich oft und so unsere ganze Daseinsart bestimmend, daß wir eine besondere Bezeichnung für sie gar nicht entbehren können.

Wir müßten sie nur mit dem Ausdruck des unbewußten Zweckes nicht erklärt, sondern nur benannt haben wollen.

Das Problem wird durchsichtiger, wenn (> 232) wir uns das Selbstverständliche immer vor Augen halten, daß unser Handeln nie durch einen Zweck als durch etwas, was sein wird, verursacht ist, sondern immer nur durch ihn als eine physisch-psychische Energie, die vor dem Handeln besteht.

Daraufhin läßt sich nun der folgende Sachverhalt vermuten. Unsere gesamten Betätigungen werden einerseits durch zentrale, aus unserem innerlichsten Ich entspringende Kräfte, andrerseits durch die Zufälligkeiten von Sinneseindrücken, Launen, äußeren Anregungen und Bedingtheiten gelenkt, und zwar in sehr mannigfaltigen Mischungen beider.

Unser Handeln ist in demselben Maß zweckmäßiger, in dem der erstere Faktor überwiegt, in dem die aus dem geistigen Ich im engeren Sinne stammenden Energien alles mannigfaltig Gegebene in ihre eigene Richtung lenken.

Wenn ein erhebliches Quantum gespannter Energie in uns einheitlich gesammelt ist, derart, daß ihre allmähliche Entladung eben jene unentwegte, alles Äußerliche von dem Ausgangspunkt her beherrschende Richtung einhält - eine Konstellation, - die sich formal identisch auch an nebensächlichen und verwerflichen Interessen verwirklicht - so heißt diese reale, physischpsychische Potentialität, wenn sie sich im begrifflichen Bewußtsein spiegelt, eben Zweck.

Ist dieser nun als Bewußtseinsvorgang der seelische Reflex der so bezeichneten Energiespannung, so ist klar, wieso er, bei der tatsächlichen weiteren Entwicklung derselben, als bewußter fortfallen kann: denn eben sein reales Fundament ist ja in der Auflösung begriffen, es setzt sich allmählich in wirkliche Aktionen um und lebt nur noch in seinen Wirkungen fort.

Und obgleich, nach der Struktur unseres Gedächtnisses, die einmal entstandene Zweckvorstellung, jene reale Grundlage überlebend, im Bewußtsein weiterbestehen kann, so ist dies doch für die Aktionen, die von ihr durchdrungen und gelenkt erscheinen, nicht erforderlich.

Vielmehr, wenn diese Konstruktion richtig ist, so bedarf es, damit wir in teleologischen Reihen handeln, nur des Vorhanden-Gewesenseins jener Energieeinheit, also der einmaligen Existenz des Zweckes überhaupt.

Was an ihm wirkliche Kraft war, lebt sich in dem daraufhin eintretenden Handeln aus, dieses bleibt von seinem Ausgangspunkt, dem Zwecke, gelenkt, gleichviel ob dieser als fortbestehender Bewußtseinsinhalt die praktische Reihe noch länger begleitet oder nicht.

Nun ist aber weiterhin klar, daß, wenn das Bewußtsein des Zweckes lebendig bleibt, es nichts rein ideelles, sondern auch seinerseits ein Prozeß ist, der organische Kraft und Bewußtseinsintensität verbraucht.

Die allgemeine Lebenszweckmäßigkeit wird also dahin streben, ihn auszuschalten, da er ja zu der teleologischen Lenkung unseres Handelns prinzipiell (von allen Komplikationen und Ab- (> 233)lenkungen abgesehen) nicht mehr nötig ist.

Und dies scheint nun endlich die Erfahrungstatsache durchsichtig zu machen: daß das Endglied unserer praktischen Reihen, nur durch die Mittel realisierbar, um so sicherer von diesen hervorgebracht wird, je vollständiger unsere Kräfte auf die Hervorbringung der Mittel gerichtet und konzentriert sind.

Eben diese Herstellung der Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; je gründlicher sie gelöst ist, desto mehr wird der Endzweck der Willensbemühung entraten können und sich als der mechanische Erfolg des Mittels einstellen.

Dadurch, daß der Endzweck immerzu im Bewußtsein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft verbraucht, die der Arbeit an den Mitteln entzogen wird.

Das praktisch Zweckmäßigste ist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zu verwirklichende Stufe der Zweckreihe; d. h., man kann für den Endzweck nichts Besseres tun, als das Mittel zu ihm so zu behandeln, als wäre es er selbst.

Die Verteilung der psychologischen Akzente, deren es mangels unbeschränkt verfügbarer Kräfte bedarf, folgt also durchaus nicht der logischen Gliederung: während für diese das Mittel etwas völlig Gleichgültiges ist und alle Betonung auf dem Zweck liegt, verlangt die praktische Zweckmäßigkeit die direkte psychologische Umkehrung dieses Verhältnisses.

Was die Menschheit dieser scheinbar so irrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen. Wir würden wahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie hinausgekommen sein, wenn unser Bewußtsein immer an diesen hängen und so für den Bau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein würde; oder wir würden eine unerträgliche und lähmende Zersplitterung erfahren, wenn wir bei der Arbeit an jedem untergeordneten Mittel die ganze Reihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem schließlichen Endzweck fortwährend im Bewußtsein haben müßten; wir würden endlich für die Aufgabe des Augenblicks oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben, wenn wir uns ihre Minimität gegenüber den letzten Zielen immer mit logischer Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, die dem Bewußtsein überhaupt entsprechen, gesammelt in den Dienst des vorläufig Notwendigen stellten. Es liegt auf der Hand, daß diese Metempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher stattfinden muß, je komplizierter die Technik des Lebens wird.

Mit steigendem Wettbewerbe und steigender Arbeitsleistung werden die Zwecke des Lebens immer schwerer zu erreichen, d. h. es bedarf für sie eines immer höheren Unterbaues von Mitteln. Ein ungeheurer Prozentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in dem Interesse an der Technik, in jedem Sinne des Wortes, befangen; die Bedingungen, die die Verwirklichung ihrer Endabsichten (> 234) tragen, beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf sich, daß jene wirklichen Ziele dem Bewußtsein völlig entschwinden, ja, oft genug schließlich in Abrede gestellt werden.

Das wird durch den Umstand begünstigt, daß in kulturell ausgebildeten Verhältnissen das Individuum schon in ein sehr vielgliedriges teleologisches System hineingeboren wird (z. B. in Hinsicht äußerer Sitten, nach deren Ursprung als Bedingungen sozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische Imperative gelten), daß er in die Mitarbeit an längst feststehenden Zwecken hineinwächst, daß sogar seine individuellen Ziele ihm vielfach als selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre entgegenkommen und mehr in seinem tatsächlichen Sein und Sich-Entwickeln als in deutlichem Bewußtsein zur Geltung gelangen.

Alle diese Umstände helfen dazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt, sondern auch innerhalb des Lebens nur unvollständig über die Schwelle des Bewußtseins steigen zu lassen und die ganze Zuspitzung desselben auf die praktische Aufgabe, die Realisierung der Mittel, zu richten.

Es bedarf wohl keines besonderen Nachweises, daß diese Vordatierung des Endzwecks an keiner Mittelinstanz des Lebens in solchem Umfange und so radikal stattfindet als am Geld. Niemals ist ein Objekt, das seinen Wert ausschließlich seiner Mittlerqualität, seiner Umsetzbarkeit in definitivere Werte verdankt, so gründlich und rückhaltslos zu einer psychologischen Absolutheit des Wertes, einem das praktische Bewußtsein ganz ausfüllenden Endzweck aufgewachsen.

Auch wird diese abschließende Begehrtheit des Geldes gerade in dem Maße steigen müssen, in dem es immer reineren Mittelscharakter annimmt.

Denn dieser bedeutet, daß der Kreis der für Geld beschaffbaren Gegenstände sich immer weiter ausdehnt, daß die Dinge sich immer widerstandsloser der Macht des Geldes ergeben, daß es selbst immer qualitätsloser, aber eben deshalb jeder Qualität der Dinge gegenüber gleich mächtig wird.

Seine wachsende Bedeutung hängt daran, daß alles, was nicht bloß Mittel ist, aus ihm herausgeläutert wird, weil erst so die Reibungen mit den spezifischen Charakteren der Objekte hinwegfallen.

Indem sein Wert als Mittel steigt, steigt sein Wert als Mittel, und zwar so hoch, daß es als Wert schlechthin gilt und das Zweckbewußtsein an ihm definitiv haltmacht.

Die innere Polarität im Wesen des Geldes: das absolute Mittel zu sein und eben dadurch psychologisch für die meisten Menschen zum absoluten Zweck zu werden, macht es in eigentümlicher Weise zu einem Sinnbild, in dem die großen Regulative des praktischen Lebens gleichsam erstarrt sind.

Wir sollen das Leben (> 235) so behandeln, als ob jeder seiner Augenblicke ein Endzweck wäre, jeder soll so wichtig genommen werden, als ob das Leben eigentlich um seinetwillen bis zu ihm gereicht hätte; und zugleich: wir sollen das Leben so führen, als ob überhaupt keiner seiner Augenblicke ein definitiver wäre, an keinem soll unser Wertgefühl stillhalten, sondern jeder hat als ein Durchgang und Mittel zu höheren und immer höheren Stufen zu gelten.

Diese scheinbar widerspruchsvolle Doppelforderung an jeden Lebensmoment, ein schlechthin definitiver und ein schlechthin nicht definitiver zu sein, quillt aus den letzten Innerlichkeiten, in denen die Seele ihr Verhältnis zum Leben gestaltet - und findet, wunderlich genug, eine gleichsam ironische Erfüllung am Gelde, dem äußerlichsten, weil jenseits aller Qualitäten und Intensitäten stehenden Gebilde des Geistes.

Der Umfang, in dem sich das Geld für das Wertbewußtsein verabsolutiert, hängt von der großen Wendung des wirtschaftlichen Interesses von der Urproduktion zum industriellen Betrieb ab.

Die neuere Zeit und etwa das klassische Griechentum nehmen dem Gelde gegenüber hauptsächlich daraufhin so verschiedene Stellungen ein, weil es damals nur der Konsumtion, jetzt aber wesentlich auch der Produktion dient.

Dieser Unterschied ist von der äußersten Wichtigkeit für die teleologische Rolle des Geldes, das sich auch hier als der treue Index der Wirtschaft überhaupt zeigt: denn auch das allgemeine ökonomische Interesse war damals viel mehr der Konsumtion als der Produktion zugewandt; die letztere war eben hauptsächlich agrarischer Art, und deren einfache und traditionell feststehende Technik fordert keine so erhebliche Aufwendung wirtschaftlichen Bewußtseins wie die fortwährend variierende Industrie, und läßt dieses deshalb sich mehr auf die andere Seite der Wirtschaft, die Konsumtion, richten.

Die Entwicklung der Arbeit überhaupt zeigt dies Schema; bei den Naturvölkern ist sie fast nur eine solche, die um des unmittelbar folgenden Verbrauches willen geschieht, nicht um des Besitzes willen, der die Staffel zu weiterem Erwerbe abgäbe, weshalb denn auch die als sozialistisch zu bezeichnenden Bestrebungen und Ideale des Altertums wohl auf eine Organisierung der Konsumtion, aber nicht der produktiven Arbeit gehen; so daß sich hierin Platos Idealstaat ohne weiteres mit der athenischen Demokratie begegnet, zu deren Bekämpfung er gerade bestimmt war.

Eine Stelle bei Aristoteles beleuchtet dies besonders scharf. Sobald für die politischen Funktionen ein Sold eingeführt wird, so bewirke dies in der Demokratie ein Übergewicht der Armen über die Reichen.

Denn jene seien durch Privatgeschäfte weniger in Anspruch genommen als diese und haben deshalb mehr Zeit, ihre öffentlichen Rechte (> 236) auszuüben, was sie denn auch um des Soldes willen tun.

Es ist hier also schlechthin selbstverständlich, daß die Armen die Beschäftigungsloseren sind.

Ist dies aber, im Gegensatz zu späteren Zeiten, nichts Zufälliges, sondern ein prinzipiell in jener Wirtschaftsform Begründetes, so folgt, daß das Interesse der Massen eben nur darauf gehen konnte, unmittelbar zu leben zu haben: eine soziale Struktur, die die Arbeitslosigkeit der Armen voraussetzt, muß im wesentlichen ein konsumtives statt eines produktiven Interesses haben.

Die sittlichen Vorschriften, die sich bei den Griechen über das ökonomische Gebiet finden, betreffen fast niemals den Erwerb - freilich schon deshalb, weil an die numerisch weit überragenden Urproduzenten, die Sklaven, sich überhaupt kein soziales oder ethisches Interesse knüpfte.

Nur die Verwendung, nicht die Beschaffung gebe, wie Aristoteles meint, Gelegenheit zur Entfaltung positiver Sittlichkeit.

Das harmoniert völlig mit seiner und Platos Meinung über das Geld, in dem beide nur ein notwendiges Übel erblicken.

Denn wo die Wertbetonung ausschließlich auf der Konsumtion liegt, enthüllt das Geld seinen indifferenten und leeren Charakter besonders deutlich, weil es mit dem Endzweck der Wirtschaft unmittelbar konfrontiert wird; als Produktionsmittel rückt es von jenem weiter ab, es wird rings von anderen Mitteln umgeben, gegen die gehalten es eine ganz andere relative Bedeutung besitzt. Dieser Unterschied in dem Sinne des Geldes geht auf die letzten Entscheidungen in dem Geiste der Epochen zurück.

Das Bewußtseins - Übergewicht des konsumtiven Interesses über das produktive ging, wie eben erwähnt, von dem Vorwiegen agrarischer Produktion aus; der Grundbesitz, die relativ unverlierbare und durch das Gesetz geschützteste Substanz, war der einzige, der dem Griechen das Beharren und die Einheit seines Lebensgefühls gewährleisten konnte.

Darin war der Grieche doch noch Orientale, daß er sich die Kontinuität des Lebens nicht anders vorstellen konnte, denn als die Ausfüllung der Zeitreihe mit festen und beharrenden Inhalten: das war das Haften am Substanzbegriff, das die ganze griechische Philosophie charakterisiert.

Keineswegs freilich ist damit die Wirklichkeit des griechischen Lebens bezeichnet, sondern gerade sein Versagtes, seine Sehnsucht und Erlösung: das ist die ungeheure Spannweite des griechischen Geistes, daß er seine Ideale nicht nur in der Fortsetzung und Komplettierung der Gegebenheit suchte, wie es bei weniger großen und schwungvollen Volksnaturellen geschieht; sondern daß ihre leidenschaftliche, gefährdete, durch fortwährende Parteiungen und Kämpfe zerrissene Realität ihre Vollendung in ihrem Anderen suchte, in der festen Begrenztheit und den ruhigen Formen ihres Denkens und Bildens.

Völlig entgegen- (> 237) gesetzt ist die moderne Anschauung, die die Einheit und den Zusammenhang des Lebens in dem Kräftespiel und der gesetzlichen Aufeinanderfolge der inhaltlich abwechslungsvollsten Momente erblickt.

Die ganze Mannigfaltigkeit und Bewegtheit unseres Lebens hebt uns nicht das Gefühl seiner Einheit auf - wenigstens prinzipiell nicht, sondern nur in Fällen, die wir selbst als Abirrungen oder Unzulänglichkeiten empfinden - ja gerade von jener wird es getragen, zu stärkstem Bewußtsein gebracht.

Aber diese dynamische Einheit war den Griechen fremd; derselbe Grundzug, der ihre ästhetischen Ideale in den Formen der Architektur und der Plastik gipfeln ließ, der ihre Weltanschauung zu der Begrenztheit und Abrundung des Kosmos und zur Perhorreszierung der Unendlichkeit führte - eben dieser ließ sie die Kontinuität des Daseins nur als eine substanzielle anerkennen, die sich an den Grundbesitz anlehnt und an ihm verwirklicht, wie jene moderne am Geld mit seiner fließenden, sich stets aus sich heraussetzenden, die Gleichheit des Wesens an der höchsten und abwechselndsten Mannigfaltigkeit der Äquivalente darstellenden Natur.

Dazu kam, um das eigentliche, auf das Geld basierte Handelsgeschäft bei den Griechen zu diskreditieren, daß dasselbe immer etwas Langsichtiges hat und mit der Berechenbarkeit der Zukunft operiert; ihnen aber erschien die Zukunft prinzipiell als etwas Unberechenbares, die Hoffnung auf sie als etwas äußerst Trügerisches, ja Vermessenes, durch das man den Zorn der Götter herausfordern konnte.

All diese inneren und äußeren Momente der Lebensgestaltung sind so wechselwirkende, daß man kaum eines als das zeitlich fundamentale, unbedingt veranlassende bezeichnen kann.

Der Charakter einer agrarischen Wirtschaft, mit ihrer Zuverlässigkeit, mit ihrer geringen und wenig variabeln Zahl der Mittelglieder, mit ihrem Betonen der Konsumtion gegenüber der Produktion einerseits, die auf die Substanzialität der Dinge gerichtete Sinnesart, die Scheu vor allem Unberechenbaren, bloß Labilen und Dynamischen andrerseits sind doch wohl nur verschiedenartige, durch das Medium differenzierter Interessen gebrochene Strahlen einer einheitlichen historischen Grundbeschaffenheit, die wir freilich mit unserem auf das Zerlegen angelegten Verstande nicht unmittelbar greifen und benennen können -oder sie gehören jenen Bildungen an, zwischen denen die Frage nach der Priorität überhaupt falsch gestellt ist, weil ihr Wesen von vornherein in der Wechselwirkung besteht, eines sich auf das andere und das andere auf das eine und so ins Unendliche aufbaut, in einem Zirkel, der für die Einzelheiten des Erkennens fehlerhaft, für seine grundlegenden Momente aber wesentlich und unvermeidlich ist.

Wie sich das nun aber auch deuten lasse, die (> 238) Tatsache war, daß bei den Griechen Mittel und Zwecke der Wirtschaft nicht so weit auseinandertraten wie später, daß die ersteren deshalb nicht dasselbe psychologische Eigenleben gewannen wie später, und daß das Geld nicht so selbstverständlich und ohne innere Widerstände zu finden, zu einem selbständigen Werte aufwuchs.

Die Bedeutung des Geldes, das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische Steigerung der Mittel zu Zwecken zu sein - tritt erst in ihr volles Licht, wenn das Verhältnis zwischen Mittel und Endzweck noch näher beleuchtet wird.

Ich habe vorhin schon eine Reihe von Veranlassungen erwähnt, die die wirklichen Ziele unseres Handelns vor uns selbst verbergen, so daß unser Wollen in Wirklichkeit auf ganz andere hingeht, als es uns selbst scheint.

Wenn es aber so durchaus legitim ist, über die Zwecke innerhalb unseres Bewußtseins hinaus nach weiteren zu fragen - wo liegt die Grenze für dieses Hinausfragen.

Wenn überhaupt einmal die teleologische Reihe nicht mit ihrem letzten momentan bewußten Gliede abschließt, ist dann nicht der Weg für ihren Weiterbau ins Unendliche eröffnet, ist es nicht geradezu erforderlich, uns mit keinem gegebenen Endzweck, auf den unser Handeln führe, zu begnügen, sondern für jeden eine noch weitere Begründung in einem noch darüber gelegenen zu suchen.

Es tritt hinzu, daß kein erreichter Gewinn oder Zustand jene endgültige Befriedigung gewährt, die mit dem Begriff eines Endzweckes Iogisch verbunden ist, daß vielmehr jeder erreichte Punkt eigentlich nur als Durchgangsstadium zu einem darüber hinaus liegenden Definitivum empfunden wird - im Gebiete des Sinnlichen, weil dieses in ununterbrochenem Fluß ist, der an jedes Genießen ein neues Bedürfen kontinuierlich ansetzt, im Gebiet des Idealen, weil die Forderungen desselben durch keine empirische Wirklichkeit gedeckt werden.

Nimmt man dies alles zusammen, so scheint das, was wir den Endzweck nennen, über den teleologischen Reihen zu schweben, zu diesen sich verhaltend wie der Horizont zu den irdischen Wegen, die immer auf ihn zugehen, aber ihn nach der längsten Wanderung nicht näher als an ihrem Beginn vor sich haben. Denn nicht das steht in Frage, daß der Endzweck etwa nur unerreichbar, sondern daß er eine überhaupt nicht mit einem Inhalt zu erfüllende Vorstellungsform ist.

Die teleologischen Reihen, soweit sie sich überhaupt auf irdisch Realisierbares richten, kommen nicht nur ihrer Verwirklichung, sondern schon ihrer inneren Struktur nach nicht zum Stehen, und statt des festen Punktes, den eine jede derselben in ihrem Endzweck zu besitzen schien, bietet sich dieser gerade nur als das heuristische, regulative Prinzip dar: daß man kein einzelnes Willensziel für das letzte ansehe, sondern (> 239) jedem die Möglichkeit offen halte, die Stufe zu einem höheren zu werden.

Der Endzweck ist sozusagen nur eine Funktion oder eine Forderung; als Begriff angesehen ist er nichts als die Verdichtung der Tatsache, die er zunächst gerade aufzuheben schien: daß der Weg des menschlichen Wollens und Wertens ins Unendliche führt und kein auf ihm erreichter Punkt sich dagegen wehren kann, so sehr er gleichsam von vorn gesehen als Definitivum erschien, von rückwärts gesehen, als bloßes Mittel zu gelten.

Damit rückt jenes Aufsteigen der Mittel zu der Würde des Endzwecks in eine viel weniger irrationelle Kategorie.

Für den einzelnen Fall zwar ist die Irrationalität nicht wegzuräumen, aber die Gesamtheit der teleologischen Reihen trägt ein anderes Wesen als die beschränkten Abschnitte: daß die Mittel zu Zwecken werden, rechtfertigt sich dadurch, daß im letzten Grunde auch die Zwecke nur Mittel sind.

In den endlosen Reihen möglicher Wollungen, sich entwickelnder Handlungen und Befriedigungen ergreifen wir fast willkürlich ein Moment, um es zum Endzweck zu designieren, zu dem alles Vorhergehende nur Mittel sei, während ein objektiver Beobachter oder wir selbst später die eigentlich wirksamen und gültigen Zwecke weit darüber hinaus verlegen müssen, ohne daß auch diese gegen das gleiche Schicksal gesichert wären.

An diesem Punkt der äußersten Spannung zwischen der Relativität unserer Bestrebungen und der Absolutheit der Endzweckidee tritt das Geld wieder bedeutsam und eine vorherige Andeutung weiter entwickelnd hervor.

Indem es einerseits Ausdruck und Äquivalent des Wertes der Dinge ist, andrerseits aber doch reines Mittel und indifferentes Durchgangsstadium, symbolisiert es treffend das eben Ausgemachte: daß auch die erstrebten und empfundenen Werte sich schließlich als Mittel und Vorläufigkeiten enthüllen.

Und indem das sublimierteste Mittel des Lebens für unendlich viele Menschen der sublimierteste Zweck des Lebens wird, bildet es den unzweideutigsten Beleg dafür, daß es nur auf den Standpunkt ankommt, ob man ein teleologisches Moment als Mittel oder als Zweck gelten lassen will - einen Beleg, dessen extreme Entschiedenheit die These mit der Restlosigkeit eines Schulbeispiels deckt.

Wenngleich es nun keine Zeit gegeben hat, in der die Individuen nicht gierig nach Geld gewesen wären, so kann man doch wohl sagen, daß die maximale Zuspitzung und Ausbreitung dieses Verlangens in die Zeiten fällt, in denen ebenso die anspruchslosere Befriedigung an den einzelnen Lebensinteressen wie die Erhebung zu dem Religiös-Absoluten, als dem Endzweck des Daseins, ihre Kraft verloren hat; denn weit über die innere Verfassung des Einzelnen hinaus ist in der Gegenwart - wie in der Verfallszeit Griechenlands und Roms ? (> 240) der Gesamtaspekt des Lebens, die Beziehungen der Menschen untereinander, die objektive Kultur durch das Geldinteresse gefärbt.

Es kann als eine Ironie der historischen Entwicklung erscheinen, daß in dem Augenblick, wo die inhaltlich befriedigenden und abschließenden Lebenszwecke atrophisch werden, gerade derjenige Wert, der ausschließlich ein Mittel und weiter nichts ist, in ihre Stelle hineinwächst und sich mit ihrer Form bekleidet.

Allein in Wirklichkeit hat das Geld, als das absolute Mittel und dadurch als der Einheitspunkt unzähliger Zweckreihen, in seiner psychologischen Form bedeutsame Beziehungen gerade zu der Gottesvorstellung, die freilich die Psychologie nur aufdecken kann, weil es ihr Privilegium ist, keine Blasphemien begehen zu können.

Der Gottesgedanke hat sein tieferes Wesen darin, daß alle Mannigfaltigkeiten und Gegensätze der Welt in ihm zur Einheit gelangen, daß er nach dem schönen Worte des Nikolaus von Kusa die Coincidentia oppositorum ist.

Aus dieser Idee, daß alle Fremdheiten und Unversöhntheiten des Seins in ihm ihre Einheit und Ausgleichung finden, stammt der Friede, die Sicherheit, der allumfassende Reichtum des Gefühls, das mit der Vorstellung Gottes und daß wir ihn haben, mitschwebt.

Unzweifelhaft haben die Empfindungen, die das Geld erregt, auf ihrem Gebiete eine psychologische Ähnlichkeit mit diesen. Indem das Geld immer mehr zum absolut zureichenden Ausdruck und Äquivalent aller Werte wird, erhebt es sich in abstrakter Höhe über die ganze weite Mannigfaltigkeit der Objekte, es wird zu dem Zentrum, in dem die entgegengesetztesten, fremdesten, fernsten Dinge ihr Gemeinsames finden und sich berühren; damit gewährt tatsächlich auch das Geld jene Erhebung über das Einzelne, jenes Zutrauen in seine Allmacht wie in die eines höchsten Prinzips, uns dieses Einzelne und Niedrigere in jedem Augenblick gewähren, sich gleichsam wieder in dieses umsetzen zu können.

Hat man doch die besondere Eignung und das Interesse der Juden für das Geldwesen in Beziehung zu ihrer »monotheistischen Schulung« gesetzt; ein Volksnaturell, seit Jahrtausenden daran gewöhnt, zu einem einheitlichen höchsten Wesen aufzublicken, an ihm - insbesondere, da es nur eine sehr relative Transzendenz besaß - den Ziel- und Schnittpunkt aller einzelnen Interessen zu haben, müsse auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete sich vorzugsweise dem Wert hingeben, der sich als die zusammenfassende Einheit und der Punkt gemeinsamer Zuspitzung aller Zweckreihen darbietet.

Auch widerspricht die wilde Jagd nach dem Gelde, die Leidenschaftlichkeit, die es im Unterschied gegen andere zentrale Werte, z. B. den Grundbesitz, dem wirtschaftlichen, ja dem Leben überhaupt mitteilt, durchaus nicht der abschließenden Beruhigung, in der die Wirkung (> 241) des Geldes sich der religiösen Stimmung nähert.

Denn nicht nur, daß die ganze Aufregung und Anspannung im Kampfe um das Geld die Bedingung für die selige Ruhe im Besitz des Erkämpften bildet; sondern jene Meeresstille der Seele, die die religiösen Güter gewähren, jenes Gefühl, im Einheitspunkte des Daseins zu stehen, erreicht doch seinen höchsten Bewußtseinswert erst als Preis des Suchens und Ringens nach Gott.

Und wenn Augustin vom Geschäftsleben sagt: Merito dictum negotium, quia negat otium, quod malum est neque quaerit veram quietem quae est Deus - so gilt dies mit Recht von der Geschäftigkeit, die, Erwerbsmittel an Erwerbsmittel knüpfend, zu dem Endziel des Geldgewinnes aufsteigt; es gilt aber nicht von diesem Endziel selbst, das eben nicht mehr negotium, sondern die Mündung desselben ist.

Die Feindseligkeit, mit der die religiöse und kirchliche Gesinnung oft dem Geldwesen gegenübersteht, mag auch auf den Instinkt für diese psychologische Formähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichen und der höchsten kosmischen Einheit zurückgehen und auf die erfahrene Gefährlichkeit der Konkurrenz, die gerade das Geldinteresse dem religiösen Interesse bereitet - eine Gefährlichkeit, die sich nicht nur, wo die Substanz des Lebens eine ökonomische, sondern auch wo sie eine religiöse ist, gezeigt hat.

In der kanonistischen Verwerfung des Zinses spricht sich die Perhorreszierung des Geldes überhaupt aus, denn der Zins macht das Geldgeschäft in seiner abstrakten Reinheit aus.

Das Zinsprinzip als solches enthält für sich noch nicht das volle Maß der Sündhaftigkeit - hat man diese doch im Mittelalter vielfach zu vermeiden geglaubt, wenn man den Zins in Waren statt in Geld abstatten ließ -, sondern daß es der Zins des Geldes und in Geld war, so daß man mit der Abschaffung jenes das Geldwesen überhaupt an seiner Wurzel zu treffen meinte.

Das Geld tut sich eben gar zu leicht als Endzweck auf, es schließt bei gar zu vielen die teleologischen Reihen endgültig ab und leistet ihnen ein Maß von einheitlichem Zusammenschluß der Interessen, von abstrakter Höhe, von Souveränität über den Einzelheiten des Lebens, das ihnen das Bedürfnis abschwächt, die Steigerung eben dieser Genugtuungen in der religiösen Instanz zu suchen.

Aus all diesen Zusammenhängen heraus sind also doch mehr als die auf der Hand liegenden Vergleichungspunkte wirksam, wenn Hans Sachs schon einen Vertreter der allgemeinen Meinung den Schluß ziehen läßt: Gelt ist auff erden der irdisch got.

Der ganze Umfang derselben geht auf das Grundmotiv für die Stellung des Geldes zurück: daß es das absolute Mittel ist, das eben dadurch zu der psychologischen Bedeutung eines absoluten Zweckes aufsteigt.

Man hat, mit einer freilich nicht völlig (> 242) konsequenten Formulierung, gesagt, das einzig Absolute sei die Relativität der Dinge; und dafür allerdings ist das Geld das stärkste und unmittelbarste Symbol.

Denn es ist die Relativität der Wirtschaftswerte in Substanz, es ist die Bedeutung jedes einzelnen, die es als Mittel für den Erwerb eines anderen hat - aber wirklich diese bloße Bedeutung als Mittel, losgelöst von ihrem singulären konkreten Träger. Aber eben deshalb kann es psychologisch zu einem absoluten Werte werden, weil es nicht die Auflösung in Relatives zu fürchten hat, derentwegen so viele, von vornherein substanzielle Werte den Anspruch auf Absolutheit nicht aufrechterhalten konnten.

In dem Maße, in dem das Absolute des Daseins (von dem ideellen Sinn der Dinge rede ich hier nicht) sich in Bewegung, Beziehung, Entwicklung auflöst, treten auch für unsere Wertbedürfnisse diese an die Stelle jenes.

Das Gebiet der Wirtschaft hat in dem psychologisch absoluten Wertcharakter des Geldes diesen geschichtlichen Typus restlos exemplifiziert - wobei, wie populären Mißverständnissen gegenüber bemerkt werden mag, mit der formalen Gleichheit dieser Entwicklung auf allen Gebieten durchaus nicht die Gleichheit, ihrer Erfreulichkeit behauptet werden soll.

Wenn der Endzweckcharakter des Geldes für ein Individuum diejenige Intensität übersteigt, in der er der angemessene Ausdruck für die Wirtschaftskultur seines Kreises ist, so entstehen die Erscheinungen der Geldgier und des Geizes.

Ich betone ausdrücklich die Abhängigkeit dieser Begriffe von den jeweiligen Wirtschaftsverhältnissen, weil eben dasselbe absolute Maß von Leidenschaft im Erwerben und im Festhalten des Geldes bei einer gewissen Bedeutung des Geldes durchaus normal und adäquat sein, bei einer andern aber jenen hypertrophischen Kategorien angehören mag.

Im allgemeinen wird die Grenze für den Beginn der eigentlichen Geldgier bei sehr entwickelter und lebhafter Geldwirtschaft sehr hoch liegen, auf primitiveren Stufen aber verhältnismäßig tief, während es sich mit dem Geiz umgekehrt verhält: wer in engen und wenig geldwirtschaftlich bewegten Verhältnissen als sparsam und rationell in Geldausgaben gilt, wird in den großen Verhältnissen des schnellen Umsatzes, des leichten Verdienens und Ausgebens bereits als geizig erscheinen.

Schon daran zeigt sich, was später noch deutlicher werden wird, daß Geldgier und Geiz keineswegs zusammenfallende Erscheinungen sind, wenn sie auch die gleiche Grundlage, die Wertung des Geldes als absoluten Zweckes, teilen.

Beide stellen, wie alle vom Geld ressortierenden Erscheinungen, nur besondere Ausbildungsstufen von Tendenzen dar, deren niedere oder höhere Staffeln auch an anderweitigen Inhalten sichtbar werden.

Beide zeigen sich konkreten Objekten (> 243) gegenüber und ohne Beziehung auf deren Geldwert an der psychologisch sehr merkwürdigen Sammelsucht jener Persönlichkeiten, die das Volk den Hamstern vergleicht: Menschen, die kostbare Sammlungen jeglicher Art aufspeichern, ohne von den Gegenständen selbst einen Genuß zu ziehen, ja oft sogar, ohne sich überhaupt noch weiter um sie zu kümmern.

Nicht der subjektive Reflex des Habens, um dessentwillen sonst erworben und besessen wird, trägt hier den Wert, sondern die ganz objektive, von keinen persönlichen Konsequenzen begleitete Tatsache, daß diese Dinge eben in ihrem Besitze sind, ist für solche Persönlichkeiten wertvoll.

Diese Erscheinung, die in eingeschränkter und weniger extremer Form sehr häufig ist, pflegt einfach als Egoismus behandelt zu werden, mit dessen gewöhnlichen Formen sie allerdings die negative Seite teilt, den Ausschluß aller anderen von dem eigenen Besitz; dennoch unterscheidet sie sich von diesen durch eine Nüance, die auf folgendem Umweg darzustellen ist.

Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß der Gegensatz von Egoismus und Altruismus die Motivierungen unseres Handelns keineswegs vollständig umfaßt.

Wir haben tatsächlich auch ein objektives Interesse daran, daß gewisse Ereignisse oder Dinge wirklich oder nicht wirklich werden, und zwar völlig ohne Rücksicht auf irgendwelche, ein Subjekt treffenden Folgen derselben.

Es ist uns wichtig, daß in der Welt eine Harmonie, eine Ordnung nach Ideen, eine Bedeutsamkeit - die keineswegs in die üblichen Schemata des Ethischen oder Aesthetischen hineinzupassen braucht -- herrsche, und wir fühlen uns zur Mitwirkung dazu aufgefordert, ohne doch immer danach zu fragen, ob dies irgendeiner Persönlichkeit, dem Ich oder einem Du, zur Freude oder Förderung gereicht.

Auf dem religiösen Gebiet kommen die drei Motivierungen in einer Weise zusammen, die die Stellung der hier fraglichen besonders durchsichtig macht.

Die Erfüllung religiöser Gebote kann aus rein egoistischen Gründen geschehen, sei es in ganz grober Weise aus Furcht oder Hoffnung, sei es, etwas feiner, um des guten Gewissens oder des inneren Befriedigungsgefühles willen, das diese Erfüllung mit sich bringt.

Sie kann ferner altruistischen Wesens sein: die Liebe zu Gott, die Hingabe des Herzens an ihn läßt uns seinen Geboten gehorchen, wie wir die Wünsche eines geliebten Menschen erfüllen, weil seine Freude und Genugtuung unser höchster Lebenswert ist.

Endlich aber kann uns dazu ein Gefühl für den objektiven Wert einer Weltordnung bewegen, in der der Wille des höchsten Prinzips sich widerstandslos in dem Willen aller einzelnen Elemente fortsetzt, das sachliche Verhältnis zwischen Gott und uns kann diesen Gehorsam als seinen adäquaten Ausdruck oder seine innerlich notwendige Folge von uns (> 244) fordern, ohne daß irgendein Erfolg für uns selbst, oder eine Freude und Zufriedenheit Gottes in diese Motivation einträte.

So macht in vielerlei Fällen das Zweckbewußtsein an einer objektiven Wirklichkeit halt und entlehnt deren Wert nicht erst aus ihren subjektiven Reflexen.

Ich lasse jede psychologische oder erkenntnistheoretische Deutung dieser, jenseits des Persönlichen stehenden Motivierung hier dahingestellt; jedenfalls ist sie eine psychologische Tatsache, die nun mit den Zweckreihen persönlicher Färbung die mannigfaltigsten Kombinationen eingeht.

Der Sammler, der seine Kostbarkeiten anderen verschließt und sie selbst gar nicht genießt, aber ihren Besitz dennoch auf das eifersüchtigste hütet und wertet, färbt all seinen Egoismus durch einen Beisatz jener übersubjektiven Wertungsweise.

Im ganzen ist es doch der Sinn des Besitzes, genossen zu werden, und wir stellen ihm nicht nur die Objekte gegenüber, an denen man, wie an den Sternen, Freude hat, ohne sie zu begehren, sondern auch diejenigen, deren Wert man von aller subjektiven Freude prinzipiell unabhängig macht, wie die Schönheit, Ordnung und Bedeutsamkeit des Kosmos als etwas des Genossenwerdens Unbedürftiges und dennoch in seinem Werte Beharrendes erscheint.

In dem Fall jener Besitzsüchtigen liegt nun eine mittlere oder Mischerscheinung vor: es bedarf hier schon des Besitzes, aber dieser schreitet nicht zu seinem regulären subjektiven Erfolge vor, sondern wird auch ohne diesen als etwas Wertvolles, als ein des Erstrebens würdiges Ziel empfunden.

Nicht die Qualität der Sache ist hier der eigentliche Träger des Wertes; sondern, so unentbehrlich sie ist und so sehr sie das Maß des Wertes bestimmt - das eigentlich Motivierende ist die Tatsache ihres Besessenwerdens, die Form des Verhältnisses, in dem das Subjekt zu ihr steht.

Daß diese Form - die freilich nur an einem Inhalt wirklich werden kann -, daß dieser Besitz des Subjekts als rein objektive Tatsache da ist, das ist das Wertvolle, an dem die teleologische Reihe haltmacht.

In sehr eigentümlicher Weise zeigt sich die Verabsolutierung eines ökonomischen Wertes, das Abbrechen der teleologischen Reihe, bevor sie zum Subjekt zurückgekehrt ist, an einer gewissen Bedeutung des Grundbesitzes, die sich mit seiner eigentlich ökonomischen Bedeutung in mannigfaltiger Weise - oft freilich nur wie ein Oberton mitschwebend - mischt.

So sicher nämlich der Grundbesitz kein Wert geworden wäre, wenn er nicht dem Eigentümer subjektive Nutzerfolge einbrächte, so erschöpft sich doch sein Wert nicht völlig in diesen angebbaren Wertfaktoren: in dem Ertrage, in der größeren Sicherheit des Immobiliarbesitzes, in der sozialen Macht, die er verleiht usw.

Sondern darüber hinaus verbindet sich mit ihm vielfach (> 245) ein gewissermaßen idealer Wert und die Empfindung, es sei an sich wertvoll daß der Mensch dieses Herrschaftsverhältnis zum Boden habe, daß er zu der Grundlage menschlicher Existenz überhaupt eine so enge und sie gleichsam in das Ich hineinziehende Beziehung besitze.

Der Grundbesitz hat und verleiht so eine gewisse Dignität, die ihn vor allen andern Besitzarten selbst dann auszeichnet, wenn der Nutzerfolg dieser für den Besitzer ein gleicher oder auch größerer ist, so daß er oft genug unter Opfern festgehalten worden ist, wie man sie in ähnlicher Weise nur für ein objektives Ideal bringt.

Es steckt also in der Bedeutung des Grundbesitzes ein Element absoluten Wertes, die Vorstellung begleitet ihn - oder hat ihn wenigstens begleitet - es sei eben wertvoll, Grundbesitzer zu sein, und selbst dann, wenn dieser Wert nicht in einem Nutzen zum Ausdruck komme. So kann die Bindung an den Grundbesitz eine religiöse Färbung annehmen, der sie sich z. B. in der besten Zeit Griechenlands näherte.

Die Veräußerung des Grundbesitzes erschien als ein Vergehen nicht nur gegen die Kinder, sondern auch gegen die Ahnen, da sie die Familienkontinuität unterbrach; ja, gerade auch der Umstand, daß er nicht leicht vermehrbar war, begünstigte seine Funktion als Träger der überindividuellen, religiös geheiligten Familieneinheit. Insbesondere aber im Mittelalter hatte der Grundbesitz viel mehr den Rang eines absoluten Wertes, als er ihn jetzt hat; denn wenn er auch selbstverständlich zunächst um seines Ertrages und des Genusses desselben willen gesucht und insofern ein relativer Wert war, so hatte er an und für sich doch gegenüber seiner Rolle in der Geldwirtschaft eine eigenartige Bedeutung, weil er nicht immerzu in Geld umgesetzt und nach Geld taxiert wurde. Er hatte sozusagen kein Äquivalent; die Wertreihe, in der er stand, schloß mit ihm ab.

Mobilien mochte man gegeneinander vertauschen, der immobile Besitz war, cum grano salis, etwas Unvergleichliches, der Wert schlechthin, der unbewegte Grund, über dem sich die eigentliche ökonomische Bewegung erst vollzog, und der an sich jenseits dieser stand.

So war es doch wohl nicht nur das ökonomisch-relativistische Interesse, aus dem die Kirche ihn sich anzueignen strebte: soll doch anfangs des 14. Jahrhunderts fast die Hälfte des englischen Grundes und Bodens und zur Zeit Philipps II. mehr als die Hälfte des spanischen in den Händen des Klerus gewesen sein - wie noch jetzt im Kirchenstaat Tibet zwei Drittel aller produktiven Ländereien dem Klerus gehören!

Wie die Kirche dem mittelalterlichen Leben die festen, scheinbar für die Ewigkeit gegründeten Normen seines Verlaufes gab, so mußte es im realen wie im symbolischen Sinn angemessen scheinen, daß sie auch jenen fundamentierenden Wert aller Werte in ihrer Hand um- (> 246) schloß.

Die Unveräußerlichkeit des kirchlichen Grundbesitzes war nur die bewußte und gesetzmäßige Festlegung dieses inneren Charakters seiner.

Sie dokumentierte nur, daß die Wertbewegung hier an ihren Endpunkt gekommen, daß hier das Äußerste und Definitive im ökonomischen Gebiet erreicht war.

Kann man so die Tote Hand mit der Höhle des Löwen vergleichen, in die alle Fußspuren hinein-, aus der aber keine herausführen, so ist sie doch auch ein Symbol der allumfassenden Absolutheit und der Ewigkeit des Prinzips, auf dem die Kirche sich gründete.

Dieses Auswachsen von Gütern zu einem Endzweck, dessen absoluter Wert also über die bloße Nutznießung hinausreicht, findet in jenen pathologischen Ausartungen des Geldinteresses, dem Geiz und der Geldgier, seinen reinsten und entschiedensten Fall, ja denjenigen, der die andern Fälle desselben Typus mehr und mehr in sich hineinzieht.

Denn sogar schon solche Güter, die an sich gar nicht ökonomischer Natur sind, läßt das zum Endzweck gewordene Geld nicht als ihm koordinierte, definitive Werte bestehen; es genügt ihm nicht, sich neben Weisheit und Kunst, neben personale Bedeutung und Stärke, ja neben Schönheit und Liebe als ein weiterer Endzweck des Lebens aufzustellen, sondern indem es dies tut, gewinnt es die Kraft, jene anderen zu Mitteln für sich herabzudrücken.

Um wieviel mehr wird diese Umordnung bei eigentlich ökonomischen Gütern stattfinden, deren unbedingtes Festhalten, als seien sie unvergleichliche Werte, töricht erscheinen muß, sobald man sie jederzeit für Geld wiederhaben kann, und vor allem- sobald die restlose Ausdrückbarkeit ihres Wertes in Geld sie ihrer individuellen und außerhalb der reinen indifferenten Wirtschaft stehenden Bedeutung beraubt hat.

Der abstrakte Charakter des Geldes, die Entfernung, in der es sich an und für sich von jedem Einzelgenuß hält, begünstigen eine objektive Freude an ihm, das Bewußtsein eines Wertes, der über alle einzelne und persönliche Nutznießung weit hinübergreift.

Wenn das Geld zunächst nicht mehr in dem Sinne Zweck ist, wie irgendein sonstiges Werkzeug, nämlich um seiner Erfolge willen, sondern dem Geldgierigen als Endzweck gilt, so ist es nun weiter nicht einmal in dem Sinne Endzweck, wie ein Genuß es ist, sondern für den Geizigen hält es sich jenseits dieser persönlichen Sphäre, es ist ihm ein Gegenstand scheuer Achtung, der für ihn selbst tabu ist.

Der Geizige liebt das Geld, wie man einen sehr verehrten Menschen liebt, in dessen bloßem Dasein und darin, daß wir ihn wissen und unser Mit-ihm-sein empfinden, schon Seligkeit liegt, auch ohne daß unser Verhältnis zu ihm in die Einzelheit konkreten Genießens einginge.

Indem der Geizige von vornherein und (> 247) bewußterweise darauf verzichtet, das Geld als Mittel zu irgendwelchen Genüssen zu benutzen, stellt er es zu seiner Subjektivität in eine brückenlose Distanz, die er dennoch durch das Bewußtsein seines Besitzes immerfort zu überwinden sucht.

Bewirkt so der Mittelscharakter des Geldes, daß es als die abstrakte Form von Genüssen, die man dennoch nicht genießt, auftritt, so hat die Schätzung seines Besitzes, insoweit es unausgegeben bewahrt wird, eine Färbung von Sachlichkeit, es umkleidet sich mit jenem feinen Reize der Resignation, der alle objektiven Endzwecke begleitet und die Positivität und Negativität des Genießens in eine einzigartige und mit Worten nicht weiter ausdrückbare Einheit zusammenschließt.

Beide Momente erreichen im Geize ihre äußerste Spannung gegeneinander, weil das Geld als das absolute Mittel auf unbegrenzte Möglichkeiten des Genießens hinaussieht und zugleich als das absolute Mittel in seinem unausgenützten Besitz den Genuß noch völlig unangerührt läßt.

Nach dieser Seite hin fällt die Bedeutung des Geldes mit der der Macht zusammen; wie diese ist es ein bloßes Können, das die Reize einer nur subjektiv antizipierbaren Zukunft in der Form einer objektiv vorhandenen Gegenwart sammelt.

Tatsächlich enthält die Vorstellung der »Möglichkeit« zwei, in der Regel nicht hinreichend auseinandergehaltene Motive.

Wenn man irgend etwas zu »können« behauptet, so bedeutet dies keineswegs nur die gedankliche Vorwegnahme eines zukünftigen Geschehens, sondern einen schon jetzt wirklichen Zustand von Spannkräften, physischen oder psychischen Koordinationen, bestimmt gerichteten Lagerungen vorhandener Elemente; wer klavierspielen »kann«, unterscheidet sich, auch wenn er es nicht tut, von jemandem, der es nicht kann, keineswegs nur in einem zukünftigen Momente, wo er es tun wird, dieser aber nicht, sondern schon in dem gegenwärtigen durch eine ganz konkrete, gegenwärtige Verfassung seiner Nerven und Muskeln.

Dieser Zustand des Könnens, der an sich gar nichts von Zukunft enthält, führt aber nun, zweitens, zu der Wirklichkeit des »Gekonnten« nur durch das Zusammentreffen mit gewissen weiteren Bedingungen, deren Eintreten wir nicht ebenso gewiß vorherwissen.

Dieses Unsicherheitsmoment und jenes Gefühl oder Wissen einer jetzt schon aktuellen Kraft oder Zustandes, bilden die Elemente des Könnens, und zwar in quantitativ sehr mannigfaltigen Mischungen, anhebend etwa von dem: ich kann klavierspielen - wo das Moment des Wirklichen sehr überwiegt und die Unsicherheit über die außerdem erforderlichen Bedingungen minimal ist, bis zu dem: der nächste Wurf kann alle Neun sein - wo die gegebenen und bekannten zuständlichen Bedingungen im Augenblick völlig in der Minderzahl (> 248) sind gegenüber den für jenen Erfolg noch außerdem erforderlichen, aber völlig unsicheren Momenten.

Hier stellt nun das Können, das im Gelde gleichsam geronnen und Substanz geworden ist, eine ganz einzigartige Kombination dar. Was man an ihm wirklich besitzt, ist, in seiner Beschränkung auf den Augenblick des Besitzes, gleich Null; das Entscheidende dafür daß es sich zu wertvollen Ergebnissen entwickle, liegt vielmehr ganz außerhalb seiner.

Aber die Sicherheit, daß dieses Anderweitige auch wirklich im richtigen Momente dasein werde, ist ungeheuer groß.

Während in der Regel das im »Können« enthaltene Maß von Festigkeit und Unzweideutigkeit in dem gegenwärtig Vorhandenen und Tatsächlichen liegt, alles Künftige aber unsicher ist, ist dem Gelde gegenüber diese letztere Unsicherheit völlig verschwunden, dagegen aber ist das schon Gegenwärtige, aktuell Besessene als solches völlig belanglos.

Dadurch ist der spezifische Ton des Könnens an ihm auf das äußerste zugespitzt: es ist wirklich bloßes Können, im Sinne einer Zukunft, an der das Gegenwärtige, das wir in der Hand haben, allein seine Bedeutung hat; aber es ist auch wirkliches Können im Sinne völliger Gewißheit über die Realisierbarkeit solcher Zukunft.

Die Sicherheit der Befriedigung steigert sich hier noch durch die Besonderheit des Verhältnisses zwischen Wunsch und Erfüllung, die das Geld gegenüber den übrigen Gegenständen unseres Interesses besitzt.

Die subjektiven Folgen eines erreichten Wunsches bilden keineswegs immer das genaue Komplement des Entbehrungszustandes, der ihn entstehen ließ.

Das Entbehren eines Gegenstandes ist nicht wie ein Loch, das sein Besitz genau ausfüllte, so daß nun alles wäre wie vor dem Wunsch.

So stellt es freilich Schopenhauer dar, für den deshalb alle Beglückung nur etwas Negatives ist, nur die Beseitigung des Schmerzzustandes, den die Entbehrung uns bereitet hat.

Wenn man aber das Glück als etwas Positives gelten läßt, so ist doch die Erreichung unserer Wünsche nicht nur das Aufheben eines negativen Zustandes durch den genau entsprechenden positiven, vermehrt um ein mitschwebendes Glücksgefühl.

Vielmehr, das Verhältnis des Wunsches zu seiner Erfüllung ist ein unendlich mannigfaltiges, weil der Wunsch fast nie alle Seiten des Gegenstandes, d. h. seiner Wirkung auf uns berücksichtigt. An seiner Wirklichkeit haben wir fast niemals das, was er uns unter der Kategorie der Möglichkeit, des Habenwollens, bedeutete.

Die triviale Weisheit hat recht, daß der Besitz des Gewollten uns in der Regel enttäuscht, und zwar nach der guten wie nach der schlimmen Seite, wie auch so, daß das Anderssein des Habens nur als ein tatsächliches, aber von keinem Gefühl begleitetes bewußt wird.

Das Geld indes (> 249) nimmt hier eine Sonderstellung ein. Einerseits treibt es freilich jene Inkommensurabilität zwischen dem Wunsch und seinem Objekt auf den Gipfel.

Die Bestrebung, die sich zunächst auf das Geld gerichtet hat, findet an ihm nur ein ganz bestimmungsloses Etwas, von dem ein Begehren, so lange es rationell ist, absolut nicht befriedigt werden kann, und das sich seinem völlig leeren Wesen nach jedem eigentlichen Verhältnis zu uns entzieht; wenn der Wunsch also nicht darüber hinaus zu einem konkreten Ziel schreitet, so muß eine tödliche Enttäuschung eintreten; wie sie denn auch unzählige Male da erfahren wird, wo der leidenschaftlich und als fraglose Beglückung ersehnte Geldreichtum sich nach seiner Erreichung als das enthüllt, was er wirklich ist: als ein bloßes Mittel, dessen Hinaufschraubung zu einem Endzweck seine Erreichung nicht überstehen konnte.

Während hier also die fürchterlichste Diskrepanz zwischen Wunsch und Erfüllung besteht, findet genau das Umgekehrte statt, sobald der psychologische Endzweckcharakter des Geldes sich für die Dauer gefestigt hat und die Geldgier also ein chronischer Zustand geworden ist.

In diesem Fall nämlich, wo die begehrte Sache überhaupt nichts gewähren soll als ihren Besitz, und wo diese Beschränkung des Wunsches nicht nur eine vorübergehende Selbsttäuschung ist, da ist auch jeder Enttäuschung vorgebeugt.

Alle Dinge, die wir sonst zu besitzen begehren, sollen uns doch mit ihrem Besitz etwas leisten, und in der unzulänglichen Vorberechnung dieser Leistung liegt die ganze, oft tragische, oft humoristische Inkommensurabilität zwischen Wunsch und Erfüllung, von der ich eben sprach.

Das Geld aber soll dem Geizhals von vornherein nichts über seinen bloßen Besitz hinaus leisten.

Das Geld als solches kennen wir genauer, als wir irgendeinen Gegenstand sonst kennen; weil nämlich überhaupt nichts an ihm zu kennen ist, so kann es uns auch nichts verbergen.

Als absolut qualitätloses Ding kann es nicht, was doch sonst das armseligste Objekt kann: Überraschungen oder Enttäuschungen in seinem Schoße bergen.

Wer also wirklich und definitiv nur Geld will, ist vor diesen absolut sicher.

Die allgemeine menschliche Unzulänglichkeit, daß das Gewonnene anders aussieht als das Ersehnte, erreicht einerseits ihren Gipfel in der Geldgier, sobald diese das Zweckbewußtsein nur in illusionärer und nicht haltbarer Weise erfüllt; sie ist aber andrerseits völlig ausgelöscht, sobald der Wille wirklich definitiv am Geldbesitz haltmacht.

Wenn man die menschlichen Lose in das Schema der Verhältnisse zwischen dem Wunsch und seinem Gegenstand fassen will, so muß man sagen, daß je nach dem Haltpunkt der Zweckreihe das Geld zwar der inadäquateste, aber auch der adäquateste Gegenstand unseres Begehrens ist. (> 250)

Übrigens muß der Machtcharakter des Geldes, auf den ich jetzt noch einmal komme, fast am fühlbarsten, wenigstens am unheimlichsten da hervortreten, wo die Geldwirtschaft noch nicht vollkommen durchgedrungen und selbstverständlich ist, sondern wo das Geld seine zwingende Macht an Verhältnissen zeigt, die ihm, ihrer eigentlichen Struktur nach, nicht von selbst gehorchen.

Daß gerade in der höchst ausgebildeten Kultur das Geld seinen Machthöhepunkt erreicht zu haben scheint, liegt daran, daß in ihr freilich unendlich viele, früher überhaupt unbekannte Objekte ihm zur Verfügung stehen; aber sie sind von vornherein auf den Gehorsam gegen das Geld angelegt; es kommt nicht zu jener Reibung, die die ganze Art und Wertungsweise naturalerer Verhältnisse dem ihnen heterogenen Geldwesen entgegensetzen, und deren Überwindung erst das Bewußtsein der Macht besonders zuspitzen muß.

Wie das Geld der Wert der Werte ist, so nennt ein Kenner des indischen Lebens den indischen Dorfbankier, den Geldleiher: the man of all men in the village; sein indischer Name bedeute: the great man!

Es wird hervorgehoben, daß, als im 13. Jahrhundert zuerst wieder größere Kapitalvermögen aufkamen, das Kapital ein Machtmittel war, das der Masse des Volkes noch unbekannt war und zu dessen Wirkung deshalb noch der psychologische Zuschlag des Unerhörten und sozusagen Überempirischen trat.

Ganz abgesehen davon, daß Kirche und Volk damals das Geldgeschäft überhaupt verwerflich fanden - zu dem kirchlichen Grundsatz: mercator sine peccainine vix esse potest, bekannte sich sogar ein Kölner Patrizier des 13. Jahrhunderts - mußte die Ausnutzung einer so mystischen und unberechenbaren Macht, wie das Kapital war, als etwas sittlich Bedenkliches, als ein vergewaltigender Mißbrauch erscheinen.

Und wie so oft irrige Vorurteile den davon Betroffenen in ihre Bewahrheitung hineintreiben, so verfielen die handelsaristokratischen Geschlechter dieser Zeit tatsächlich dem gewissenlosen Mißbrauch ihrer Macht, dessen Art und Umfang eben durch die Neuheit des GeldkapitaIs und die Frische seines Eindrucks auf ganz anders konstruierte Verhältnisse möglich war. Damit hängt es zusammen, daß das niedere Volk - vom Mittelalter an bis in das 19. Jahrhundert hinein - sich die Entstehung großer Vermögen als mit nicht ganz rechten Dingen zugegangen und ihre Besitzer als etwas unheimliche Persönlichkeiten zu denken pflegt: über den Ursprung des Vermögens der Grimaldi, der Medici, der Rothschild waren die ärgsten Schauermärchen verbreitet, und zwar nicht nur im Sinne moralischer Zweideutigkeit, sondern in abergläubischer Weise, als wäre eine dämonische Macht im Spiel.

Indem die auseinandergesetzte Art des im Geld verkörperten (> 251) Könnens ihm ein sublimiertes Machtgefühl gerade vor seinem Ausgegebenwerden zuwachsen läßt -- der »fruchtbare Moment« ist in ihm gleichsam zum Stehen gekommen -, ist der Geiz eine Gestaltung des Willens zur Macht, und zwar, den Charakter des Geldes als des absoluten Mittels beleuchtend, so, daß die Macht wirklich nur Macht bleibt und sich nicht in ihre Ausübungen und deren Genuß umsetzt.

Dies ist ein wichtiges Erklärungsmoment für den Geiz des hohen Lebensalters.

Gewiß ist diese Tendenz als Fürsorge für die nächste Generation zweckmäßig - so wenig dieses Motiv gerade dem Geizhals bewußt zu sein pflegt, der vielmehr, je älter er wird, um so weniger an die Trennung von seinen Schätzen denken mag.

Subjektiv ist vielmehr wohl der Umstand wesentlich, daß im Alter einerseits die sinnlichen Seiten des Lebens ihren Reiz oder die Möglichkeit des Genossenwerdens verlieren, andrerseits die Ideale durch Enttäuschungen und Mangel an Schwung ihre erregende Kraft einbüßen; so bleibt als letztes Willensziel und Lebensreiz oft nur noch die Macht übrig, die sich zum Teil in der Neigung des Alters, zu tyrannisieren, offenbart, und darin, daß Personen höherer Stellungen im Alter oft eine krankhafte Sucht nach »Einfluß« zeigen; zum Teil aber im Geize, für den eben dieselbe abstrakte »Macht« sich im Geldbesitz verkörpert.

Ich halte es für einen Irrtum, wenn man sich jeden Geizigen mit der Ausmalung aller ihm zur Verfügung stehenden Genüsse, all der reizvollen Verwendungsmöglichkeiten des Geldes beschäftigt denkt.

Die reinste Form des Geizes ist vielmehr die, in der der Wille wirklich nicht über das Geld hinausgeht, es auch nicht einmal in spielenden Gedanken als Mittel für anderes behandelt, sondern die Macht, die es gerade als nicht ausgegebenes repräsentiert, als definitiven und absolut befriedigenden Wert empfindet.

Für den Geizigen liegen alle sonstigen Güter in der Peripherie des Daseins und von jedem derselben führt ein eindeutig gerichteter Radius seinem Zentrum, dem Gelde zu, und es hieße das ganze spezifische Lust- und Machtgefühl verkennen, wenn man diese Richtung umdrehen und sie von ihrem Endpunkt auch nur innerlich wieder auf die Peripherie zurückleiten wollte.

Denn indem die Macht, die in jenem Zentrum ruht, in das Genießen konkreter Dinge umgesetzt würde, ginge sie als Macht verloren.

Unser Wesen ist auf die Zweiheit von Herrschen und Dienen angelegt, und wir schaffen uns Beziehungen und Gebilde, die beiden einander ergänzenden Trieben in mannigfaltigsten Mischungen genugtun.

Im Gegensatz zu der Macht, die das Geld verleiht, erscheint das Unwürdige des Geizes von einem Dichter des 15. Jahrhunderts erschöpfend ausgedrückt: wer dem Geld dient, der sei »seines Knechtes Knecht«.

Tatsächlich enthält der Geiz, indem (> 252) er uns vor einem gleichgültigen Mittel wie vor einem höchsten Zwecke knien läßt, die sublimierteste, man könnte sagen: karikierte Form inneren Unterworfenseins, wie ihn auf der anderen Seite das sublimierteste Machtgefühl trägt.

Das Geld zeigt auch hier sein Wesen, unseren antagonistischen Strebungen ein gleichmäßig entschiedenstes und reinstes Sichdarstellen zu gewähren.

In ihm hat sich der Geist das Gebilde der größten Spannweite geschaffen, das, gleichsam als reine Energie wirkend, die Pole jenes um so weiter auseinander treibt, je einheitlicher - d. h., als bloßes Geld, jede Sonderbestimmtheit ablehnend - es sich selbst darstellt.

Es ist nun für die Herrschaft, die das Geld über die allgemeine Denkart gewonnen hat, sehr bezeichnend, daß man eine Reihe von Erscheinungen als Geiz - im Sinne des Geldgeizes - zu bezeichnen pflegt, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil desselben sind.

Es handelt sich um die Menschen, die ein abgebranntes Streichholz nochmals benutzen, leere Briefseiten sorgfältig abreißen, kein Stückchen Bindfaden wegwerfen und auf jede verlorene Stecknadel eine Mühe des Suchens verwenden. Man nennt solche Personen geizig, weil man sich gewöhnt hat, den Geldpreis der Dinge ganz unbefangen als ihren Wert anzusehen.

Tatsächlich aber denken sie nicht an den Geldwert jener Objekte, die Stärke ihres Gefühls gilt gerade dem sachlichen Wert derselben, auf den ihr Geldwert gar keine irgend proportionierte Hinweisung gibt.

Wenigstens in sehr vielen Fällen sind es durchaus nicht die Bruchteile eines Pfennigs, um deren Rettung es sich für jene Sparsamen handelt; gerade sie sind von der Rücksicht auf das Geld, durch das die Objekte ohne weiteres wieder beschaffbar sind, oft genug unabhängig und werten eben bloß die Sache selbst.

In diese Kategorie gehören auch die sonderbaren, aber nicht allzu seltenen Menschen, die ohne Bedenken hundert Mark, aber nur mit wahrer Selbstüberwindung einen Bogen Papier aus ihrem Schreibvorrat oder ähnliches verschenken.

Hier liegt also das direkte Gegenteil des Geizes vor: dem Geizigen sind die Dinge gerade gleichgültig - außer insoweit sie Geldwert darstellen -, weil das Geld sie ihres Endzweckcharakters beraubt hat, während das Verhalten jener ganz sinnlos wäre, wenn es durch den Geldwert der Dinge bestimmt wäre; freilich kann es durch das völlige Außerachtlassen desselben auch wieder unvernünftig werden.

Sie vergessen über den Zweck das Mittel, das ihn jederzeit wieder erreichbar macht, während der Geizige über das Mittel den Zweck vergißt, der jenem allein Bedeutung gibt.

Es begegnen ferner Erscheinungen, die, in der äußeren Form mit jenen sachlichen Sparsamkeiten übereinstimmend, durch ihre innere Diskrepanz gegen sie den teleologischen (> 253) Charakter des Geldes weiter klären helfen.

Viele »sparsame« Menschen halten darauf, daß alles, was einmal bezahlt ist, auch konsumiert werde.

Und zwar keineswegs nur dann, wenn damit eine anderenfalls erforderliche Ausgabe erspart würde, sondern Luxusgenüssen gegenüber, von denen man sich inzwischen überzeugt hat, daß sie keine Genüsse sind; der Zweck ist nun einmal verfehlt, aber um diese Verfehlung zu realisieren, bringt man ein weiteres Opfer; denn der Typus dieser Erscheinungen ist: »Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt einen Kreuzer geschenkt.«

Daß eine sparsame Mutter von ihren Kindern damit geneckt wurde, sie nähme die Medizinreste, die nach Krankheiten in der Familie unverbraucht geblieben waren, um sie nicht umkommen zu lassen, zeichnet nur die Karikatur eines von vielen Menschen sehr ernsthaft betriebenen Verfahrens.

Die Konsumtion des Gegenstandes ist nach der Voraussetzung indifferent oder schlimmer als indifferent; ihr Motiv kann also nicht sein, daß der Gegenstand nicht umkommen soll; denn er i s t umgekommen, indem die Genußseite seiner, die seine Bedeutung für das Subjekt bildete, in Wegfall gekommen ist.

Es wird in Wirklichkeit also gar nicht derjenige Gegenstand konsumiert, auf den die Absicht gerichtet war, sondern ein anderer, dem die motivierende Eigenschaft gerade fehlt. Das Motiv kann demnach nur dies sein, daß mit der Konsumierung wenigstens die Geldaufwendung ihr Äquivalent gefunden hat.

Das Geld ist so zu seinem nächsten Zwecke gekommen, und damit ist eine Beruhigung des Gefühls und ein Höhepunkt der teleologischen Reihe erreicht, neben der die Verfehlung ihres subjektiven Endzwecks, als eine Sache für sich und jene Befriedigung nicht herabsetzend, steht.

Diese banale und inhaltlich uninteressante Erscheinung offenbart so eine ganz eigenartige teleologische Konstellation des Geldwertes.

Obgleich sie nicht an sehr erheblichen Objekten hervorzutreten pflegt und deshalb etwas Kleinbürgerliches und Unscheinbares hat, ist sie doch vielleicht der extremste Ausdruck für die Überwucherung der wirklichen Endzwecke durch die Mittelinstanz des Geldes; denn es fällt hierbei nicht nur, wie auch beim Geize, der eigentliche Sinn alles Wirtschaftens weg, sondern auch noch der Reiz der Macht und der Möglichkeiten, der bei jenem den zu nichts verwendeten Geldbesitz schmückte: das Objekt, aus dem alles, was irgendwie Sinn und Zweck seiner Konsumtion sein könnte, hinweggefallen ist, wird unter Unbequemlichkeiten und Schädlichkeiten konsumiert, bloß weil das dafür ausgegebene Geld ihm einen absoluten Wert verliehen hat.

Der Zweckprozeß ist hier also nicht nur an der Geldinstanz erstarrt, sondern er wird noch darüber hinaus sozusagen rückläufig und pervers, indem (> 254) die an sich nicht-zweckmäßige Wertung durch direkt unzweckmäßiges Verfahren realisiert wird.

Die Stellung des Geldes, insoweit sie seinen Charakter über das bloße Mittlertum hinaus zu einem selbständigen Interesse steigert, will ich nun noch nach zwei negativen Instanzen hin verfolgen.

Die Verschwendung ist nach mehr als einer Richtung dem Geize verwandter als die Entgegengesetztheit ihrer Erscheinungen zu verraten scheint.

Es ist hier zu bemerken, daß in Zeiten naturaler Wirtschaft die geizige Konservierung der Werte mit deren Natur, mit der sehr begrenzten Aufhebbarkeit der landwirtschaftlichen Produkte, nicht vereinbar ist.

Wo daher deren Umsetzung in das unbegrenzt aufhebbare Geld nicht tunlich oder wenigstens nicht selbstverständlich ist, findet man selten ein eigentlich geiziges Aufhäufen derselben; wo Bodenprodukte unmittelbar gewonnen und konsumiert werden, besteht meistens eine gewisse Liberalität, besonders etwa Gästen und Bedürftigen gegenüber, wie sie das zum Sammeln viel mehr einladende Geld weniger nahe legt; so daß Petrus Martyr die Kakaosäcke rühmt, die den alten Mexikanern als Geld dienten, weil sie nicht lange aufgehäuft und verborgen aufbewahrt werden konnten und also keinen Geiz gestatteten.

Ganz entsprechend beschränken naturale Verhältnisse die Möglichkeit und den Reiz der Verschwendung.

Die verschwenderische Konsumtion und leichtsinnige Vergeudung innerhalb derselben haben doch, abgesehen von sinnloser Zerstörung, an der Aufnahmefähigkeit des eigenen und fremder Subjekte ihre Grenze.

Die Hauptsache aber ist, daß die Verschwendung des Geldes überhaupt einen ganz anderen Sinn, eine ganz neue Nuance gegenüber der Verschwendung konkreter Gegenstände enthält: die letztere bedeutet, daß der Wert für die vernünftigen Zweckreihen des Individuums schlechthin vernichtet ist, die erstere, daß er in unzweckmäßiger Weise in andere Werte umgesetzt ist.

Der Typus des Verschwenders in der Geldwirtschaft und derjenige, der allein eine geldphilosophisch bedeutsame Erscheinung bietet, ist nicht jemand, der das Geld in natura sinnlos verschenkt, sondern der es zu sinnlosen bzw. seinen Verhältnissen nicht angemessenen Käufen verwendet.

Die Lust am Verschwenden, die genau von der Lust etwa an dem flüchtigen Genuß der Gegenstände, an dem damit verbundenen Protzentum, an dem anregenden Wechsel zwischen Erwerb und Verbrauch der Objekte zu unterscheiden ist, die vielmehr die reine Funktion des Verschwendens, ohne Rücksicht auf ihren substanziellen Inhalt und ihre Begleiterscheinungen betrifft heftet sich also an den Moment des Geldausgebens für irgendwelche Gegenstände; der Reiz dieses Momentes überdeckt beim Verschwender die sachgemäße (<255) Schätzung des Geldes einerseits, der Gegenstände andrerseits.

Hiermit wird die Stellung des Verschwenders der Zweckreihe gegenüber deutlich bezeichnet.

Wenn das Endglied derselben der Genuß aus dem Besitz des Objekts ist, so ist ihre erste uns hier wesentliche Mittelstufe, daß man das Geld besitze, die zweite, daß man es für den Gegenstand ausgebe.

Für den Geizigen nun wächst jene erste zu einem für sich lustvollen Selbstzweck aus, für den Verschwender die zweite.

Das Geld ist für ihn kaum weniger wesentlich als für jenen, nur nicht in der Form des Habens, sondern in der des Ausgebens.

Sein Wertgefühl baut sich in dem Augenblick des Überganges des Geldes in andere Wertforrnen an und zwar mit solcher Intensität, daß er sich den Genuß dieses Augenblicks um den Preis erkauft, alle definitiveren Werte damit zu vergeuden.

Es ist deshalb sehr deutlich zu beobachten, daß die Gleichgültigkeit gegen den Geldwert, der das Wesen und den Reiz der Verschwendung ausmacht, dies eben doch nur dadurch kann, daß dieser Wert als etwas Empfundenes und Geschätztes vorausgesetzt wird.

Denn offenbar würde das Wegwerfen des Indifferenten selbst etwas ganz Indifferentes sein.

Für die wahnsinnigen Verschwendungen des ancien régime ist der folgende Fall typisch: als der Prinz Conti einen 4-5000 Fr. werten Diamanten den er einer Dame geschickt hatte, von ihr zurückerhielt, ließ er denselben zerstoßen und benutzte ihn als Streusand für ein Billett, das er der Dame über die Angelegenheit schrieb.

Dieser Erzählung fügt Taine die Bemerkung über die damalige Anschauungsweise hinzu: on est d'autant plus un homme du monde que l'est moins un homme d'argent.

Allein hierin lag doch eine Selbsttäuschung.

Denn gerade das bewußte und betonte negative Verhalten zum Gelde hat, wie durch einen dialektischen Prozeß, das gegenteilige zur Grundlage, aus der allein jenem irgendein Sinn und Reiz kommen kann.

Dasselbe ist auch bei jenen, in Großstädten hier und da bestehenden Geschäften der Fall, die gegenüber den durch Billigkeit wirkenden, gerade umgekehrt mit einer gewissen prahlerischen Selbstgefälligkeit betonen, daß sie die höchsten Preise haben.

Sie sprechen damit die Anwartschaft auf das beste Publikum aus, das nicht nach dem Preise fragt.

Nun ist aber das Bemerkenswerte dabei, daß sie nicht sowohl die Hauptsache die Sache akzentuieren, sondern dieses negative Korrelat, daß es auf den Preis nicht ankommt, und dadurch unbewußterweise doch wieder den Geldpunkt, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, in den Vordergrund des Interesses rücken.

Wegen ihrer engen Beziehung zum Gelde gewinnt die Verschwendungssucht so leicht einen ungeheueren Beschleunigungszuwachs und raubt dem davon Be (<256)fallenen alle vernünftigen Maßstäbe: weil die Regulierung fehlt, die durch das Maß der Aufnahmefähigkeit konkreten Objekten gegenüber gegeben ist.

Das ist die genau gleiche Maßlosigkeit, die die geizige Geldgier charakterisiert: die bloße Möglichkeit, die sie statt des Genusses der Wirklichkeiten sucht, geht an und für sich ins Unendliche und findet nicht wie dieser, äußere und innere Gründe ihrer Einschränkung.

Wo der Habsucht die ganz positiven, von außen kommenden Fixierungen und Haltpunkte fehlen, pflegt sie sich ganz formlos und mit wachsender Heftigkeit zu ergießen.

Das ist der Grund der besonderen Maßlosigkeit und Erbitterung von Erbschaftsstreitigkeiten.

Weil hier keine Arbeit oder sachlich begründete Abmessung den Anspruch des Einzelnen festlegt, ist a priori keiner geneigt, den Anspruch des anderen anzuerkennen, so daß dem eignen jede Hemmung fehlt und jeder Eingriff in denselben als ein ganz besonders grundloses Unrecht empfunden wird.

Diese innere Beziehungslosigkeit zwischen dem Wunsche und irgendeinem Maße seines Objekts, die bei der Erbschaftsstreitigkeit aus der personalen Struktur des Erbverhältnisses hervorgeht, entstammt bei der Geldgier der Struktur des Objekts.

Sehr bezeichnend scheint mir für die Prinzipienlosigkeit, der diese letztere Raum gibt und die die Ansprüche gar keinen Grund zu ihrer Beschränkung finden läßt, ein Braunschweiger Münzaufstand von 1499.

Die Obrigkeit wollte, daß künftig allein die gute Münze gelten sollte, neben der bisher die schlechte bestanden hatte.

Und nun revoltierten dieselben Menschen, welche für ihre Produkte und auf ihre Löhne nur gute Pfennige nehmen wollten, in gewalttätiger Weise, weil man ihre Zahlungen in schlechter Münze nicht mehr akzeptierte!

Gerade dies häufige Nebeneinander von guter und schlechter Münze gibt der inneren Maßlosigkeit der Geldsucht der gegenüber auch die intensivsten sonstigen Leidenschaften immer etwas psychologisch Lokalisiertes haben die reichsten Möglichkeiten.

Sogar aus China wissen wir von Revolutionen, weil die Regierung in schlechtem Gelde zahlte, ihre Steuern aber in gutem einforderte.

Ich möchte rein hypothetisch annehmen, daß diese Tendenz zur Maßlosigkeit, die in dem bloßen Geldinteresse als solchem liegt, auch die verborgene Wurzel der eigentümlichen, an den Börsen festgestellten Erscheinung bildet: daß die kleinen Getreidespekulanten, die Outsiders, fast ausnahmslos à la hausse geben.

Ich glaube, daß die logisch zwar unleugbare, für die Praxis aber ganz irrelevante Tatsache: daß der Gewinn bei der Baissespekulation überhaupt eine Grenze hat, bei der Hausse aber nicht den psychologischen Anreiz für diese Seite bewirkt.

Während die großen Getreidespeku (<257)lanten, für die die wirkliche Lieferung des Objekts in Frage kommt, die Chancen nach beiden Seiten hin berechnen, ist der reinen Geldspekulation, wie das Differenzgeschäft sie darstellt, die Richtung adäquat, die formell ins Grenzenlose geht.

Eben diese Richtung, die die innere Bewegungsform des Geldinteresses ausmacht, liegt als das Schema der folgenden Tatsache noch näher.

Die deutsche Landwirtschaft hat in der Periode von 1830-80 dauernd steigende Erträge geliefert.

Dadurch entstand die Vorstellung, dies sei ein ins Unendliche gehender Prozeß; so daß die Güter nicht mehr nach dem Preise gekauft wurden, der dem momentanen Ertrage, sondern der dem künftig zu erwartenden, nach der bisher beobachteten Proportion gesteigerten entsprach der Grund der jetzigen Notlage der Landwirtschaft.

Es ist die Geldform des Ertrages, die die Wertvorstellung so auf die schiefe Ebene lockt; wo er nur als »Gebrauchswert«, nur seinem unmittelbaren konkreten Quantum nach in Frage kommt, findet die Idee seiner Steigerung eher eine besonnene Grenze, während die Möglichkeit und Antizipation des Geldwertes ins Unendliche geht.

Hierauf gründet sich das Wesen von Geiz und Verschwendung, weil sie beide prinzipiell die Wertbemessung ablehnen, die allein der Zweckreihe Halt und Grenze gewähren kann, nämlich die an dem abschließenden Genusse der Objekte.

Indem der eigentliche Verschwender, der nicht mit dem Epikureer und dem bloß Leichtsinnigen zu verwechseln ist, so sehr in der individuellen Erscheinung all diese Elemente sich mischen mögen gegen das Objekt, wenn es einmal in seinem Besitz ist, gleichgültig wird, ist sein Genießen mit dem Fluche behaftet, nie Rast und Dauer zu finden; der Augenblick seines Eintritts enthält zugleich seine Aufhebung in sich, das Leben hat hier dieselbe dämonische Formel wie das des Geizigen: daß jeder erreichte Moment den Durst nach seiner Steigerung weckt, der aber nie gelöscht werden kann; denn die ganze Bewegung sucht die Befriedigung, wie sie aus einem Endzweck fließt, innerhalb einer Kategorie, die sich ja von vornherein den Zweck versagt und sich auf das Mittel und den vordefinitiven Moment beschränkt hat.

Der Geizige ist der abstraktere von beiden; sein Zweckbewußtsein macht in noch größerer Distanz vor dem Endzweck halt; der Verschwender geht immerhin noch näher an die Dinge heran, er verläßt die auf das rationelle Ziel gerichtete Bewegung an einer späteren Station, um sich an ihr, als sei sie selbst das Endziel, anzubauen.

Einerseits diese formale Gleichheit bei vollständiger Entgegengesetztheit des sichtbaren Erfolges, andrerseits das Fehlen eines regulierenden substanziellen Zweckes, das bei der gleichmäßigen Sinnlosigkeit beider Tendenzen ein launen(<258)haftes Spiel zwischen ihnen nahe legt, erklärt es, daß Geiz und Verschwendung sich oft an derselben Persönlichkeit finden, sei es in Verteilung auf verschiedene Interessenprovinzen, sei es in Zusammenhang mit wechselnden Lebensstimmungen; Kontraktion und Expansion derselben drücken sich in Geiz und Verschwendung, wie in derselben, nur jedesmal mit anderem Vorzeichen versehenen Bewegung aus. Beiderlei Bedeutungen des Geldes für unseren Willen gehen auf die Synthese zweier Bestimmungen zurück, die sich im Geld vollzieht.

So dringlich und allgemein nämlich auch Nahrung und Kleidung begehrt werden, so ist das Verlangen nach ihnen doch naturgemäß begrenzt; gerade von dem Notwendigen und deshalb zunächst mit der größten Intensität Begehrten kann es genug geben.

Der Bedarf nach Luxusgütern ist dagegen unserer Natur nach unbegrenzt; das Angebot wird hier niemals die Nachfrage übersteigen; z. B. also haben die Edelmetalle, insoweit sie Schmuckmaterial sind, eine innere Unbeschränktheit der Verwendung, die die Folge ihrer primären Überflüssigkeit ist.

Je näher die Werte an dem Lebenszentrum stehen, je mehr sie Bedingung der unmittelbaren Selbsterhaltung sind, desto stärker ist zwar ihr unmittelbares Begehrtwerden, aber desto begrenzter ist eben dieses in quantitativer Hinsicht, desto eher gelangt man ihnen gegenüber an einen Sättigungspunkt.

Umgekehrt dagegen, je weiter sie von jener primären Dringlichkeit abstehen, desto weniger findet ihre Begehrtheit ihr Maß an einem natürlichen Bedürfnis, und jedes gewährte Quantum läßt dieselbe ziemlich unverändert fortleben.

Zwischen diesen Polen also bewegt sich die Skala unserer Bedürfnisse; sie sind entweder von unmittelbarer Intensität, aber dann doch naturgemäß begrenzt oder sie sind Luxusbedürfnisse, die für die mangelnde Notwendigkeit eine grenzenlose Möglichkeit ihrer Expansion eintauschen.

Während nun die Mehrzahl der Kulturgüter sich in einer gewissen Mischung dieser Extreme bewegt, so daß der Annäherung an das eine die Entfernung vom andern entspricht, vereinigt das Geld die Höhepunkte beider.

Denn indem es sowohl die unentbehrlichsten wie die entbehrlichsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen dient, gesellt es der intensiven Dringlichkeit des Verlangens seine extensive Unbegrenztheit zu.

Es trägt an sich selbst die Struktur des Luxusbedürfnisses, indem es jede Begehrungsgrenze ablehnt die nur durch die Beziehungen bestimmter Quantitäten zu unserer Aufnahmefähigkeit möglich wären, aber es braucht diese Schrankenlosigkeit des Begehrens nicht durch jenen Abstand von dem unmittelbaren Bedürfen auszugleichen, wie es die Edelmetalle als Schmuckmaterial müssen, da es (<259) das Korrelat auch der unmittelbarsten Lebensnotdurft geworden ist.

Geiz und Verschwendung stellen diesen merkwürdig kombinierten Begehrungscharakter des Geldes gleichsam abgelöst dar, es ist für sie in sein reines Begehrtwerden aufgegangen; sie zeigen nach der schlimmen Seite hin, was wir auch nach der guten am Geld beobachten: daß es den Durchmesser des Kreises erweitert, in dem unsere antagonistischen psychischen Bewegungen schwingen.

Nur daß der Geiz in gleichsam substanzieller Erstarrung zeigt, was die Verschwendung in der Form des Fließens und der Expansion offenbart.

Nach einer anderen Dimension hin, als die Verschwendung es tut, steht der Geldgier und dem Geize eine zweite negative Erscheinung gegenüber: die Armut als definitiver Wert, als für sich befriedigender Lebenszweck.

Das Auswachsen eines Gliedes der Zweckreihe zu absoluter Bedeutung hat sich hier in eine ganz andere Richtung derselben verpflanzt, als beim Geiz und der Verschwendung; denn während diese bei den Mitteln zu Endzwecken stehen blieben, verharrt die Armut bei dem Ausbleiben der Mittel oder rückt in den hinter dem Endzweck liegenden Teil, insoweit sie sich als der Erfolg abgelaufener Zweckreihen einstellt.

Ähnlich wie jene beiden tritt Armut in ihrer reinsten und spezifischen Erscheinung nur bei irgendeinem Maße von Geldwirtschaft auf.

In naturalen Verhältnissen, die noch nicht geldwirtschaftlich bestimmt sind, so lange also die Bodenprodukte noch nicht als bloße Waren, d. h. unmittelbar als Geldwerte figurieren, kommt es nicht so leicht zu absoluter Bedürftigkeit Einzelner: noch bis in die letzte Zeit hinein hat man sich in Rußland gerühmt, daß die wenig geldwirtschaftlich entwickelten Bezirke daselbst keine persönliche Armut kennten.

Als allgemeine Erscheinung liegt das nicht nur an der leichteren Zugängigkeit des unmittelbar Nötigen, zu dem es nicht erst der Beschaffung des Geldmittels bedarf, sondern auch daran, daß die humanen und sympathischen Gefühle der Armut gegenüber in jenen Verhältnissen leichter erweckt werden, als wenn das, was dem Armen fehlt und womit man ihm helfen soll, gar nicht das ihm unmittelbar Nötige ist.

Das Mitgefühl hat in reinen Geldverhältnissen erst einen Umweg zu machen, ehe es auf den Punkt seines eigentlichen Interesses kommt.

Auf diesem Umwege erlahmt es oft.

Dem entspricht es, daß gerade praktisch hilfreiche und mitleidige Menschen dem Armen lieber mit Nahrung und Kleidung als mit Geld zu Hilfe kommen.

Sobald die Armut als sittliches Ideal auftaucht, ist es deshalb auch der Besitz an Geld, den sie als die schlimmste Versuchung, als das eigentliche Übel verabscheut. (<260).

Wo das Heil der Seele als Endzweck empfunden wird, da erscheint zu ihm die Armut in manchen Doktrinen als ein ganz positives und unerläßliches Mittel, das sich aus dieser Stellung dann zu der Würde eines durch sich selbst bedeutungsvollen und gültigen Wertes erhebt.

Das kann auf verschiedenen Staffeln der Zweckreihen und von verschiedenen Motiven aus geschehen.

Zunächst wird die bloße Gleichgültigkeit gegen alles irdische Genießen und Interessiertsein dahin führen.

Von der Seele, die zum Höchsten aufstrebt, fällt dieser Ballast wie von selbst ab, dass .... es eines besonders darauf gerichteten Willens bedürfte.

So mögen sich vielfach die ersten Christen verhalten haben: nicht direkt feindselig und aggressiv den Gütern der Sichtbarkeit gegenüber, sondern einfach ohne Beziehung zu ihnen, wie zu Dingen, für deren Wahrnehmung man kein Organ besitzt. Deshalb ist der äußerst sporadische Kommunismus des Urchristentums den Bestrebungen des modernen Kommunismus im tiefsten Wesen entgegengesetzt: jener aus der Gleichgültigkeit gegen die irdischen Güter, dieser gerade der allerstärksten Wertung derselben entsprungen.

Eine Mischform beider liegt auch zeitlich zwischen ihnen: die sozialistisch-revolutionären Bewegungen am Ende des Mittelalters waren zwar durchaus begehrlicher Natur, aber doch wurden sie teilweise von asketischen Strömungen, mit ihrem Ideal völliger Bedürfnislosigkeit, genährt.

In Hinsicht auf das Geld freilich müssen diese letzteren aus dem bloßen jenseits der materiellen Interessen herabsteigen und entschiedenere und positivere Formen annehmen, da man auf dem Wege auch zum Unentbehrlichsten ihm immerwährend begegnet und da der Erwerb seiner mehr Aufmerksamkeit und Willensbeschäftigung fordert, als die daraufhin erfolgende Beschaffung des Unterhaltes selbst.

Wer gegen diesen so abgestumpft sein sollte, daß er wie jener Kirchenvater Wagenschmiere für Butter aß, ohne es zu merken, kann dennoch, wenn er in einer Zeit des Geldverkehrs überhaupt existieren will, für den Erwerb auch der bescheidensten Summe sein Bewußtsein nicht in derselben Weise ablenken lassen. Deshalb wird, wo prinzipiell nur Gleichgültigkeit gegen alles Äußere herrscht, diese gerade dem Gelde gegenüber leicht in wirklichen Haß übergehen.

Darauf wirkt, zweitens, der versucherische Charakter des Geldes noch entschiedener ein.

Weil es in jedem Augenblick zur Verwendung bereit ist, ist es der schlimmste Fallstrick der schwachen Stunden, und da es alles zu beschaffen dient, so bietet es der Seele das ihr jeweilig Verführerischste dar; und alles dies ist von um so unheimlicherer Gefährlichkeit, als das Geld, so lange es wirklich bloß als Geld in unseren Händen ist, das indifferenteste und unschuldigste (<261) Ding von der Welt ist.

So wird es für asketische Empfindungsweisen das richtige Symbol des Teufels, der uns in der Maske der Harmlosigkeit und Unbefangenheit verführt; so daß dem Teufel wie dem Gelde gegenüber die einzige Sicherung im absoluten Fernhalten liegt, in der Ablehnung jeglicher Beziehung, wie ungefährlich sie auch scheine.

In der frühesten Gemeinde Buddhas ist dies zum prinzipiellen Ausdruck gekommen.

Der Mönch, der in die Gemeinde eintritt, gibt eben damit seinen Besitz überhaupt auf, wie er seine Familienbeziehungen und seine Gattin aufgibt, und darf, gelegentliche Ausnahmen abgerechnet, nichts weiteres als die kleinen Gegenstände des täglichen Bedarfs besitzen, und auch diese eigentlich nur, wenn sie ihm als Almosen zufließen.

Wie fundamental diese Bestimmung war, zeigt der Name, mit dem sich die Mönche bezeichneten: die Gemeinde der Bettler.

Indem sie täglich erbettelten und nicht einmal durch ausgesprochene Bitten, sondern das Almosen stillschweigend erwartend - was sie täglich bedurften, war die Bindung an jegliches Eigentum soweit gelöst, wie es überhaupt möglich war. Wie es bei gewissen arabischen Nomadenstämmen durch Gesetz verboten war, Getreide zu säen, ein Haus zu bauen und ähnliches, damit keine Verführung zur Seßhaftigkeit den Einzelnen den Lebensbedingungen des Stammes untreu mache, so galt dasselbe in innerlicher Wendung von den buddhistischen Mönchen.

Sie, die sich den Vögeln vergleichen, die nichts mit sich tragen, als die Flügel, wohin sie auch fliegen, dürfen kein Ackerland, kein Vieh, keine Sklaven zum Geschenk nehmen.

Am strengsten aber ist dies Verbot in bezug auf Gold und Silber. Der Wohltäter, der den Mönchen ein Geldgeschenk zugedacht hat, darf es nicht ihnen geben, sondern einem Handwerker oder Händler, der dann den Mönchen dafür die Naturalien liefert, die sie annehmen dürfen.

Hat aber dennoch ein Bruder Gold oder Silber angenommen, so muß er vor der Gemeinde Buße tun und das Geld wird, wenn ein gutgesonnener Laie in der Nähe ist, diesem zum Einkauf von Lebensmitteln gegeben; selbst darf kein Mönch dies besorgen.

Ist aber keiner gleich zur Hand, so wird das Geld einem Mönche zum Fortwerfen überliefert, und zwar einem, »der frei ist von Begehren, frei ist von Haß, frei von Verblendung« und der so die Garantie gibt, daß er es auch wirklich wegwirft.

Hier ist wenn auch mit der eigentümlichen anämischen Gedämpftheit dieser gleichsam in einem Gedanken erstarrten Seelen das Geld zu einem Gegenstand der Furcht und des Abscheus, die Armut zu einem eifersüchtig gehüteten Besitz, zu einem kostbaren Stück in dem Wertinventar dieses, aller Mannigfaltigkeit und Interessiertheit der Welt abgewandten Daseins geworden.

Im (<262) Gelde war der einheitliche Wert gegeben, mit dessen Ablehnung gerade alle Vielheit der Welt abgelehnt war.

Die innere Formung, die sich zum absoluten Werte der Armut aufgipfelt, wird nun mit reinster Entschiedenheit und unvergleichlicher Leidenschaft von den ersten Franziskanermönchen dargestellt.

Hier gilt es nicht nur eine Reaktion gegen jene furchtbare Verweltlichung der italienischen Kirche des 12. und 13. Jahrhunderts, die in der Simonie ihren gedrängtesten Ausdruck gefunden hatte.

Auf Geld war alles gestellt und für Geld alles zu haben, von der Papstwahl bis zur Einsetzung des armseligsten Landpfarrers, von der großartigsten Klostergründung bis zum Aussprechen der Formel, durch die Florentiner Priester den Wein, in dem Mäuse ertrunken waren, wieder sühnten und genießbar machten.

Die Reformbewegung hiergegen, die seit dem fünften Jahrhundert nie völlig unterbrochen war, hatte freilich schon sonst die Armut als die ideale Forderung für den Geistlichen laut werden lassen, weil damit der Verweltlichung der Kirche so Wurzel wie Krone abgeschnitten wäre.

Allein zu einem selbständigen Werte oder zu einem Korrelat der tiefsten inneren Bedürfnisse wurde die Armut doch erst bei den Franziskanern.

Von der ersten Zeit des Ordens sagt ein Spezialhistoriker: »In der Armut hatte die gente poverella Sicherheit, Liebe und Freiheit gefunden: was Wunder, daß alles Dichten und Trachten der neuen Apostel einzig der Bewahrung dieses köstlichen Schatzes galt.

Ihre Verehrung kannte keine Grenzen; mit der vollen Glut bräutlicher Liebe warben sie täglich aufs neue um die Freundin ihres Herzens.« Die Armut wurde hier zu einem positiven Besitz, der einerseits gleichsam den Erwerb der höchsten Güter vermittelte, ihnen gegenüber das leistete, was das Geld den irdischen Verächtlichkeiten gegenüber; wie dieses war sie das Reservoir, in das die praktischen Wertreihen mündeten und aus dem sie sich wieder nährten.

Andrerseits aber war die Armut schon ganz unmittelbar eine Seite oder ein Ausdruck davon, daß dem Entsagenden die Welt in einem höheren, dem höchsten Sinne gehörte; er war eigentlich kein Entsagender, sondern in der Armut besaß er den reinsten, feinsten Extrakt der Dinge, wie der Geizige ihn im Gelde besitzt. Wie die buddhistischen Mönche sagten: «In hoher Freude leben wir, die wir nichts besitzen; Fröhlichkeit ist unsere Speise, wie den Göttern des Lichtreichs« , so charakterisierte man die Franziskaner als nihil habentes, omnia possidentes.

Die Armut hat hier ihr asketisches Wesen verloren: die inneren Güter, zu deren Gewinn sie die negative Bedingung bildete, sind zu ihr selbst herabgestiegen, der Verzicht auf das Mittel, das der Welt sonst als der volle Repräsentant ihrer Endzwecke gilt, (<263 )hat die gleiche Steigerung zu einem definitiven Werte erfahren.

Die ungeheure und ausgreifende Macht des Prozesses, durch den das Geld aus seiner Mittlerstellung zu der Bedeutung eines Absoluten aufsteigt, kann durch nichts ein schärferes Licht erhalten als dadurch, daß die Verneinung seines Sinnes sich zu der gleichen Form steigert.

Den Kreis dieser Erscheinungen, die das Wesen des Geldes durch seine Reflexe beleuchten und durchsichtig machen sollen, schließe ich mit zwei, auf den Höhen der Geldkultur fast endemischen Vorkommnissen: dem Zynismus und der Blasiertheit, beides Ergebnisse der Reduktion auf den Mittelwert Des Geldes, die sich die spezifischen Werte des Lebens gefallen lassen müssen; sie bilden gleichsam den Revers der Erscheinungen von Geiz und Geldgier, indem jene Reduktion sich mit diesen in dem Aufwachsen eines neuen Endwertes, mit Zynismus und Blasiertheit aber in dem Herabsetzen aller alten offenbart.

In ihnen vollendet sich die Negativität der teleologischen Reihen, die das Geld schon in der Verschwendung und der Lust an der Armut zustande gebracht hat sie vollendet sich, indem sie jetzt nicht nur die Einzelheit der Werte, die bloß im Gelde kristallisiert sind, sondern die Tatsache der Werte überhaupt ergreift.

So wenig das, was wir heute Zynismus nennen der fundamentalen Gesinnung nach etwas mit der griechischen Lebensphilosophie, von der sein Name stammt, zu tun hat, so besteht doch eine, wenn auch sozusagen perverse Beziehung zwischen beiden. Der antike Zynismus hatte ein ganz positives Lebensideal: die unbedingte Seelenstärke und sittliche Freiheit des Individuums.

Dies war ihm ein so unbedingter Wert, daß ihm gegenüber alle Unterschiede sonst anerkannter Werte zunichte wurden: ob jemand Herr oder Sklave ist, ob er seine Bedürfnisse auf ästhetische oder unästhetische Weise befriedigt, ob er ein Vaterland hat oder keins, ob er die Familienpflichten erfüllt oder nicht das sei für den Weisen völlig gleichgültig, und zwar nicht nur im Vergleich mit jenem absoluten Werte, sondern in dieser Gleichgültigkeit offenbare sich gerade dessen Vorhandensein.

Für die jetzt als zynisch bezeichnete Gesinnung scheint es mir entscheidend, daß auch für sie keine Höhendifferenzen der Werte bestehen, und das im allgemeinen Hochgewertete seine einzige Bedeutung darin hat, auf das Niveau des Niedrigsten herabgezogen zu werden, daß aber der positive und ideelle sittliche Endzweck dieser Nivellierung weggefallen ist.

Was für jene paradoxen Abkömmlinge sokratischer Lebensweisheit ein Mittel oder ein sekundäres Ergebnis war, ist hier das Zentrum geworden und hat sich dadurch in seiner Bedeutung völlig geändert. Der Zyniker nun immer in dem jetzigen Sinne offenbart sein Wesen am deutlichsten im (<264) Gegensatz zu dem sanguinischen Enthusiasten.

Während bei diesem die Kurve der Wertbewegung von unten nach oben geht und auch niedere Werte zu der Bedeutung der höheren zu heben strebt, ist sie beim Zyniker umgekehrt gerichtet: sein Lebensgefühl ist erst adäquat ausgedrückt, wenn er die Niedrigkeit auch der höchsten Werte, den Illusionismus der Wertunterschiede theoretisch und praktisch er wiesen hat.

Dieser Stimmung kann nichts wirksamer entgegen kommen, als die Fähigkeit des Geldes, die höchsten wie die niedrigsten Werte gleichmäßig auf eine Wertform zu reduzieren und sie dadurch, um so verschiedene Arten und Maße derselben es sich auch handeln mag, auf dasselbe prinzipielle Niveau zu bringen.

Auf keinem anderen generellen Gebiete findet der Zyniker eine so triumphierende Rechtfertigung, als hier, wo die feinsten, idealsten, persönlichsten Güter nicht nur für jeden, der das nötige Geld hat, verfügbar sind, sondern, noch viel bezeichnender, dem Würdigsten versagt bleiben, wenn er mittellos ist, und wo die Bewegungen des Geldes die unsinnigsten Kombinationen zwischen den personalen und den Sachwerten bewirken.

Die Pflanzstätten des Zynismus sind deshalb die Plätze des großen, namentlich des Börsenverkehrs, wo das Geld in Massen vorhanden ist und leicht den Besitzer wechselt.

Je mehr hier das Geld selbst zum alleinigen Interessenzentrum wird, je mehr man Ehre und Überzeugungen, Talent und Tugend, Schönheit und das Heil der Seele dagegen eingesetzt sieht, eine um so spöttischere und frivolere Stimmung wird diesen höheren Lebensgütern gegen über entstehen, die für dasselbe Wertquale feil sind wie die Güter des Wochenmarkts, und so schließlich auch einen »Marktpreis« erhalten.

Der Begriff des Marktpreises für Werte, die ihrem Wesen nach jede Schätzung außer der an ihren eigenen Kategorien und Idealen ablehnen, ist die vollendete Objektivierung dessen, was der Zynismus in subjektivem Reflex darstellt.

Die andere Bedeutung der Nivellierung, die nicht sowohl die Verschiedenwertigkeit, als die Verschiedenartigkeit der Dinge trifft indem die zentrale Stellung des Geldes das Interesse an das ihnen Gemeinsame, im Gegensatz zu ihrer individuellen Ausbildungshöhe, heftet findet ihren personalen Ausdruck in der Blasiertheit.

Während der Zyniker sich durch das Wertgebiet doch noch zu einer Reaktion bewegen läßt, wenn auch in dem perversen Sinn, daß er in der Bewegung der Werte von oben nach unten einen Lebensreiz findet, ist der Blasierte, seinem freilich nie ganz realisierten Begriffe nach, den Unterschieden des Wertempfindens überhaupt abgestorben, er fühlt alle Dinge in einer gleichmäßig matten und grauen Tönung, nicht wert, sich dadurch zu einer Reaktion, ins (<265) besondere des Willens, aufregen zu lassen.

Die entscheidende Nuance ist hier also nicht die Entwertung der Dinge überhaupt, sondern die Indifferenz gegen ihre spezifischen Unterschiede, da aus diesen gerade die ganze Lebhaftigkeit des Fühlens und Wollens quillt, die sich dem Blasierten versagt.

Über wen erst einmal die Tatsache, daß man alle möglichen Mannigfaltigkeiten des Lebens für eben dieselbe Geldsumme haben kann, innerlich Macht gewonnen hat, der muß eben blasiert werden.

In der Regel gelten erschöpfende Genüsse als die Ursache der Blasiertheit, und mit Recht, indem die allzu starken Reize schließlich alle Reaktionsfähigkeit aus den Nerven herauspumpen.

Allein damit ist der Kreis der Blasiertheitserscheinungen noch nicht abgeschlossen.

Die Reize der Dinge nämlich sind keineswegs nur die Ursachen der praktischen Betätigungen zu ihrem Gewinne, sondern auch umgekehrt, Art und Maß der praktisch erforderten Bemühung um sie bestimmen oft ihrerseits gerade die Tiefe und Lebhaftigkeit ihres Reizes für uns.

Alle Individualisierungen des Strebens, alle Verschlingungen der Wege, alle besonderen Anforderungen, die der Erwerb des Gegenstandes stellt, werden auf diesen selbst als Besonderheiten seines Wesens und seines Verhältnisses zu uns übertragen, werden als Reize in ihm investiert; umgekehrt, auf je mechanischere und in sich gleichgültigere Weise der Erwerb des Gegenstandes gelingt, desto farb- und interesseloser erscheint er selbst wie eben allenthalben nicht nur das Ziel den Weg, sondern auch der Weg das Ziel bestimmt.

Deshalb muß der immer gleiche, keinem Gegenstande eine besondere Art der Beschaffung vorbehaltende Erwerb für Geld seine Objekte vergleichgültigen, und zwar offenbar um so gründlicher, je mehr der Reichtum diese praktische Reduktion der Wertunterschiede auf immer mehr Gegenstände erstreckt.

So lange wir nicht in der Lage sind, die Dinge zu kaufen, wirken sie noch mit ihren ganzen, ihren Besonderheiten entsprechenden Reizen auf uns; sobald wir sie, vermöge unseres Geldbesitzes, ganz selbstverständlich auf jede Anregung hin erwerben, verblassen jene Reize nicht nur auf Grund des Besitzes und Genusses selbst, sondern auch wegen des indifferenten, ihren spezifischen Wert verlöschenden Weges zu ihrem Erwerb.

Dieser Einfluß ist natürlich im einzelnen Fall unmerklich klein.

In dem Verhältnis aber, das der Reiche zu den für Geld erwerbbaren Objekten hat, ja, vielleicht schon in der Gesamtfärbung, die der öffentliche Geist jetzt diesen Objekten allenthalben erteilt, ist er zu einer sehr merkbaren Größe angehäuft.

So sind Zynismus und Blasiertheit nur die Antworten zweier verschiedener, manchmal auch gradweise gemischter Naturelle auf die gleiche Tatsache: bei zynischer Disposition erregt die Erfahrung, (<266) wie vieles für Geld zu haben ist, und der Induktionsschluß, daß schließlich Alles und Alle käuflich sind, ein positives Lustgefühl, während für den zur Blasiertheit Neigenden eben dasselbe Bild der Wirklichkeit ihr die letzten Möglichkeiten raubt, ihm zum Reize zu werden.

Während deshalb der Zyniker seine innere Lage in der Regel gar nicht abzuändern wünscht, ist dies beim Blasierten doch oft genug der Fall: das Gattungsmäßige in ihm verlangt nach den Lebensreizen, die seine individuelle Verfassung ihm unfühlbar macht.

Daher die Begierde der Gegenwart nach An- und Aufregungen, nach extremen Eindrücken, nach der größten Raschheit ihres Wechsels einer jener typischen Versuche, den Gefahren oder Leiden einer Situation durch quantitative Exaggerierung ihres Inhaltes abzuhelfen; wodurch freilich eine augenblickliche Ablenkung von ihrer sachlichen Bedeutung, nach kurzem aber das alte Verhältnis jetzt erschwert durch das gestiegene Maß seiner Elemente, eintritt.

Wesentlicher aber ist, daß die moderne Wertung des »Anregenden« als solchen an Eindrücken, Beziehungen, Belehrungen, ohne daß man zu betonen für nötig hielte, wozu es uns denn anrege, auch nur jenes charakteristische Befangensein in den Mitteln verrät: man begnügt sich mit diesem Vorstadium der eigentlichen Wertproduktion.

Da nun die Sucht nach bloßen Anregungen als solchen die Folge der überhandnehmenden Blasiertheit ist, der die natürliche Erregbarkeit mehr und mehr schwindet, und da diese ihrerseits aus der Geldwirtschaft, mit ihrer Entfärbung aller spezifischen Werte durch einen bloßen Mittelwert, entspringt, so haben wir hier einen der interessanten Fälle, in denen die Krankheit dem Heilmittel ihre eigene Form mitgeteilt hat.

Die Geldkultur bedeutet ein solches Befangensein des Lebens in seinen Mitteln, daß auch die Erlösung aus seinen Müdigkeiten wie selbstverständlich in einem bloßen, seine Endbedeutung verschweigenden Mittel: in der Tatsache des »Anregenden« schlechthin gesucht wird. (<267).

Teil III

Die Quantität des Geldes als seine Qualität. Die subjektiven Unterschiede der Risikoquoten.

Allgemeine Erscheinung qualitativ ungleichmässiger Folgen von quantitativ abgeänderten Ursachen.

Die Schwelle des ökonomischen Bewusstseins.

Die Unterschiedsempfindlichkeit in Hinsicht wirtschaftlicher Reize.

Die Verhältnisse zwischen äusseren Reizen und Gefühlsfolgen auf dem Gebiet des Geldes.

Bedeutung der personalen Einheit des Besitzers.

Das sachliche und das kulturelle Verhältnis von Form und Quantum, von Quantität und Qualität der Dinge und die Bedeutung des Geldes für dasselbe.

Ich habe oben einmal erwähnt, dass Geldgier und Geiz, so sehr sie in der Mehrzahl der Fälle vereinigt auftreten, dennoch begrifflich und psychologisch genau zu unterscheiden sind.

Und tatsächlich gibt es auch Erscheinungen, die sie in Sonderung zeigen; das Tempo des Weges zum Gelde hin zeigt vielfach eine völlige Unabhängigkeit von dem des Weges vom Gelde weg, und zwar keineswegs nur da, wo Geldgier und Geiz im engeren Sinne in Frage stehen, sondern schon auf den Stufen, auf denen die inneren Bewegungen noch nicht die Grenze des Normalen überschritten haben.

Das wird hauptsächlich durch jene illegitime Höhersetzung des Geldes in der Zweckreihe bewirkt, die, weil sie kein sachliches Mass in sich hat, ihre Bedeutung vielfach ändert, so dass das Geld, solange es noch zu gewinnen ist, ganz andere Wertgefühle weckt, als wenn es sich um seine Weggabe für weitere Objekte handelt.

Die Spannung des Wertgefühls dem Gelde gegenüber, die den Weg zu ihm begleitete, lässt mit seiner Erreichtheit nach, was man so ausgedrückt hat, dass die meisten Menschen als Konsumenten das Gesetz der Wirtschaftlichkeit nicht so genau beobachten, wie sie es als erwerbende Geschäftsleute tun.

Aus dieser Erfahrung heraus, dass wir im Erwerben strenger, exakter, weniger leichtsinnig sind, als im Ausgeben, stammt vielleicht eine Bestimmung des altjüdischen Rechtes.

Nach ihm hat im allgemeinen bei Geldstreitigkeiten stets der Verklagte zu schwören.

Nur dem Krämer wird an einer Stelle im Talmud ausnahmsweise zugestanden, den betreffenden Vermerk seines Ladenbuches zu beschwören.

In gewissen Verhältnissen tritt jener Wechsel von Kontraktion und Remission der Geldwertung an Fürsten hervor, die, wie Ludwig XI. und viele andere, im Eintreiben ihrer Einkünfte von äusserster Strenge, im Ausgeben derselben aber durchaus liberal sind.

Im grossen und ganzen wird indessen eine Proportion zwischen dem Tempo des Erwerbens und dem des Ausgebens nicht zu leugnen sein.

Deshalb gibt niemand das Geld leichter und leichtsinniger aus als der Spieler, der Goldgräber und die Demi-Monde; und die ruinöse Finanzwirtschaft Spaniens seit Karl V. hat man auf die relative Arbeitslosigkeit geschoben, mit der die Edelmetalle Amerikas den Spaniern anheimfielen.

Jenes: »wie gewonnen, so zerronnen« weist nicht nur auf die (> 268) objektive Struktur der Wirtschaft hin, die allerdings die Sicherheit des Erworbenen nur als Preis einer gewissen Solidität des Erwerbes zu setzen pflegt: die Berufe des besonders leichten und schnellen Erwerbes enthalten in ihren objektiven Umständen auch schon die Kanäle, durch die das Erworbene wieder abzufliessen die natürliche Tendenz und Chance hat.

Seine wirksamere Begründung aber hat das Sprichwort in der psychologischen Verfassung: je schneller die teleologische Reihe bis zum Punkte des Geldgewinnes abläuft, desto weniger Gefühle von Kraftaufwand und Bedeutsamkeit sind in ihm summiert, desto oberflächlicher und deshalb leichter lösbar haftet er also im Wertzentrum, desto eher also lassen wir ihn wieder aus der Hand.

Wenn aber auch so der aufwärts und der abwärts führende Abschnitt der Reihe einen gemeinsamen Charakter grösserer oder geringerer Spannung tragen, so bleibt doch zwischen ihnen selbst die Differenz, dass das Geld, solange es noch nicht gewonnen ist, den Wert eines Endzwecks besitzt, den es zu verlieren pflegt, sobald es nun wirklich gewonnen und in seinem blossen Mittelscharakter - wo der Geiz dies nicht verhindert - empfunden ist.

Ich habe diesen Wendepunkt zwischen den beiden Abschnitten der teleologischen Reihe hervorgehoben, weil an ihm ein äusserst wesentlicher Zug des Geldes eine sehr entschiedene Sichtbarkeit erreicht.

Solange nämlich das Geld als nächstes und einziges Strebensziel das Bewusstsein erfüllt, hat es für dieses gewissermassen noch eine Qualität.

Wir wüssten zwar nicht recht zu sagen, was für eine, allein die Interessiertheit des Willens, die Konzentrierung der Gedanken darauf, die Lebhaftigkeit der daran geknüpften Hoffnungen und Bewegungen strahlen es mit einer Wärme an, die ihm selbst sozusagen einen farbigen Schimmer leiht und uns den Begriff des Geldes überhaupt, noch abgesehen von der Frage nach dem Wieviel, bedeutsam macht.

So entwickeln sich alle unsere praktischen Wünsche: solange sie unerreicht vor uns stehen, reizt uns das ganze Genus als solches, so dass wir uns sogar oft genug der Täuschung hingeben, irgendein noch so geringfügiges Mass desselben, insofern es eben nur diese Sache ist, diesen Begriff darstellt, werde uns dauernd befriedigen.

Unsere Begehrung geht zunächst auf das Objekt seinem qualitativen Charakter nach, und das Interesse an der Quantität, in der jene Bestimmtheit sich darstellt, macht in der Regel seine Wichtigkeit erst geltend, wenn die Qualität schon in irgendeinem Masse verwirklicht und empfunden ist.

Diese typische Entwicklung unserer Interessen ergreift das Geld in einer besonders modifizierten Weise.

Da es nichts ist, als das an sich gleichgültige Mittel zu konkreten und grenzenlos mannigfaltigen Zwecken, so ist allerdings seine (> 269) Quantität die einzige, vernünftigerweise uns wichtige Bestimmtheit seiner; ihm gegenüber steht die Frage nicht nach dem Was und Wie, sondern nach dem Wieviel.

Dieses Wesen oder diese Wesenlosigkeit des Geldes tritt aber wie gesagt in voller psychologischer Reinheit in der Regel erst hervor, wenn es erlangt ist; nun, bei dem Umsatz in definitive Werte, macht sich erst ganz geltend, wie über die Bedeutung des Geldes, d. h. über seine Mittlerkraft, ausschliesslich sein Quantum entscheidet.

Bevor die teleologische Reihe an diesen Punkt gelangt und so lange das Geld ein blosser Gegenstand des Verlangens ist, tritt vermöge der Gefühlsbetonung, die ihm als einem allgemeinen Begriff gilt, sein reiner Quantitätscharakter vor seinem generellen und gewissermassen qualitativ empfundenen Wesen zurück ein Verhältnis, das beim Geize chronisch wird, weil er die teleologische Reihe nicht über diesen kritischen Punkt hinausgelangen lässt, so dass der Geizige allerdings an das Geld dauernd Gefühle wie an ein Wesen von qualitativen und spezifischen Reizen knüpft.

Die Beschränkung des Geldinteresses aber auf die Frage des Wieviel, anders ausgedrückt: dass seine Qualität ausschliesslich in seiner Quantität besteht, hat vielerlei für uns wichtige Folgen.

Zunächst die, dass die Quantitätsunterschiede des Geldbesitzes für den Besitzer die erheblichsten qualitativen Unterschiede bedeuten.

Das ist eine so triviale Tatsache der Erfahrung, dass ihre Hervorhebung sinnlos wäre, wenn nicht immer wieder die Versuchung wirkte, den reinen Quantitätscharakter des Geldes gerade umgekehrt auszulegen, seine Bedeutungen und Wirksamkeiten mechanisch, d. h. die höheren durch Multiplikationen der niederen, vorzustellen.

Ich will zunächst einen ganz äusserlichen Fall als Beweis dafür erwähnen, wie tief eingreifend nach der Seite qualitativer Folgen hin quantitative Unterschiede in den Kondensierungen des Geldes sind.

Die Ausgabe kleiner Banknoten hat einen ganz anderen Charakter, als die grosser.

Die kleinen Leute, die hauptsächlich die Inhaber der kleinen Note sind, sind nicht so leicht imstande, sie zur Einlösung zu präsentieren, wie die Besitzer grosser Noten, während andrerseits, wenn einmal eine Panik ausbricht, sie ungestümer und besinnungsloser auf Rückzahlung drängen, oder ihre Noten à tout prix fortgeben.

In derselben Beweisrichtung wirkt die folgende, mehr prinzipielle Überlegung.

Alle Geldaufwendungen zu Erwerbszwecken zerfallen in zwei Kategorien: mit Risiko und ohne Risiko.

Abstrakt betrachtet sind zwar in jeder einzelnen beide Formen enthalten, wenn man etwa vom reinen Hazardspiel absieht; denn auch die wildeste sonstige Spekulation muss zwar mit einer sehr starken Entwertung, aber doch nicht der Nullifizierung des Spekulationsobjektes rechnen, während andrerseits (> 270) auch das solideste Erwerbsgeschäft immer irgendeinen Risikozusatz birgt.

Praktisch aber kann in sehr vielen Fällen der letztere einfach als unendlich kleine Grösse vernachlässigt werden, so dass man von jedem Geschäft sagen kann, es sei mit ihm entweder nichts riskiert, oder ein bestimmter Teil des Anlagekapitals, bzw. des Vermögens des Subjekts stehe auf dem Spiele.

Nun scheint es vernünftig, die Grösse dieses eventuell verlierbaren Einsatzes durch die beiden objektiven Faktoren bestimmen zu lassen: den Wahrscheinlichkeitsbruch des Verlustes und die Höhe des eventuellen Gewinnes.

Es ist offenbar irrationell, 100 Mk. an ein Geschäft zu wagen, bei dem die Verlustchance = 1/2 ist und der höchstmögliche Gewinn 25 Mk. beträgt; es scheint aber unter allen Umständen rationell, unter den gleichen Bedingungen 20 Mk. zu wagen.

Allein diese objektive Berechnung reicht tatsächlich nicht aus, die Vernunft oder Unvernunft in dem Risiko einer bestimmten Summe auszumachen.

Es tritt vielmehr noch ein personaler Charakter hinzu: innerhalb jeder ökonomischen Lage gibt es einen gewissen Bruchteil des Besitzes, der vernünftigerweise überhaupt nicht riskiert werden darf, gleichgültig, eine wie hohe und wie wahrscheinliche Gewinnchance dafür einzutauschen wäre.

Jenes verzweifelte Aufs-Spiel-Setzen des Letzten, das damit begründet zu werden pflegt, dass man »nichts mehr zu verlieren habe«, zeigt durch diese Begründung, dass man auf Rationalität des Verfahrens ausdrücklich verzichtet habe.

Setzt man eine solche aber voraus, so tritt die Frage nach der objektiven Wahrscheinlichkeit des Gelingens einer Spekulation erst jenseits eines bestimmten Teilstriches innerhalb jedes Vermögens in ihr Recht.

Das Quantum unterhalb dieser Grenze darf vernünftigerweise auch nicht um eine grosse zu gewinnende Summe und bei einer sehr geringen Verlustwahrscheinlichkeit aufs Spiel gesetzt werden, so dass diese objektiven, sonst das Recht des Risikos begründenden Faktoren hier ganz gleichgültig werden.

Die Geldform der Werte verführt leicht zu einem Verkennen dieser wirtschaftlichen Forderung, weil sie jene in sehr kleine Abschnitte zerlegt und dadurch auch den Minderbegüterten in ein Risiko hineinlockt, in das er prinzipiell nicht eintreten dürfte.

Dies hat sich z. B. äusserst charakteristisch an den Goldaktien über ein Pfund Wert gezeigt, die die Minengesellschaften Transvaals und Westaustraliens ausgegeben haben.

Durch ihren relativ sehr geringen Betrag und die sehr grosse Gewinnchance ist diese Aktie in Kreise gedrungen, die sonst der Börsenspekulation völlig fernbleiben mussten; einigermassen ähnlich verhält es sich mit der italienischen Lotterie, während die moderne Aktiengesetzgebung vieler Staaten dieser Gefahr für den Volkswohlstand durch die Festsetzung (> 271) eines ziemlich hohen Minimums für den Nennwert jeder zu emittierenden Aktie zu begegnen sucht.

Wenn ein spekulativer Wert, Unternehmen, Anleihe usw. in sehr kleinen Anteilen angeboten wird, so täuscht die objektive Geringfügigkeit derselben, d. h. ihre Geringfügigkeit im Verhältnis zu dem Gesamtbetrage leicht darüber, dass sie subjektiv, d. h. im Verhältnis zu dem Vermögen des Erstehers, recht bedeutend sind.

Und die weitere Tatsache, dass mit einer objektiv so kleinen Summe überhaupt ein spekulativer Gewinn zu machen ist, lässt manchen vergessen, dass seine Verhältnisse ihm nicht das Risiko dieser Summe erlauben.

Das Tragische dabei ist, dass Leute, deren Einkommen nur das Existenzminimum gewährt und die deshalb überhaupt nichts riskieren dürften, solchen Versuchungen gerade am stärksten unterworfen sind.

Nicht nur der auf Wahrscheinlichkeit basierte Gewinn ist demjenigen, dessen Lage einen solchen eigentlich am nötigsten macht, gerade durch die Logik dieser Lage versagt, sondern auch die auf Wahrscheinlichkeit basierte Sicherung gegen Verluste, die gerade diese Lage am wenigsten ertragen kann.

Von der Versicherung der Dienstherrschaften, durch die sie sich die gesetzliche Verpflegung der Dienstboten in Krankheitsfällen für eine relativ kleine Prämie abkaufen, machen gerade ärmere Familien oft keinen Gebrauch.

Ihnen zwar ist die Versorgung der erkrankten Dienstboten besonders schwer, und doch lassen sie es gerade darauf ankommen, weil bei sehr geringem Einkommen der sichere Aufwand einer kleinen Summe unerträglicher erscheint, als die blosse Chance eines viel höheren - so irrationell dies auch rein rechnerisch sein mag.

Ersichtlich liegt innerhalb des Einkommens oder Vermögens jene Grenze, von der an das Risiko wirtschaftlich zu rechtfertigen ist, um so niedriger, d. h. sie lässt einen um so grösseren Teil für spekulative Zwecke frei, je besser die Persönlichkeit situiert ist - und zwar nicht nur einen absolut grösseren, was sich von selbst versteht, sondern auch einen relativ, d. h. im Verhältnis zum Gesamteinkommen grösseren.

Auch besteht diese Differenz nicht etwa nur zwischen ganz hohen und ganz tiefen pekuniären Lagen, sondern schon geringe Differenzen derselben können unter übrigens gleichen Umständen die Rechtfertigung differenter Risikoquoten merkbar machen.

Dies ist nicht nur ein weiterer Beitrag zu dem oben behandelten Superadditum des Reichtums - denn offenbar hat ein Vermögen um so grössere Chance, sich zu vermehren, ein je grösserer Teil davon ohne Erschütterung der ökonomischen Existenz des Besitzers spekulativ angelegt werden kann - sondern es zeigt auch, wie das Geld durch die blossen Unterschiede seiner Quantität einen ganz verschiedenen qualitativen Charakter annimmt und das wirtschaftliche Geldwesen (> 272) qualitativ ganz verschiedenen Formen unterstellt.

Die ganze äussere, ja innere Bedeutung einer Geldsumme ist eine andere, je nachdem sie unterhalb oder oberhalb jenes Teilstriches steht; welches von beiden aber der Fall ist, hängt ausschliesslich davon ab, mit welchem Quantum sonst vorhandenen Geldbesitzes zusammen sie das Vermögen des Besitzers ausmacht. Mit dem Wechsel seines Quantums gewinnt es völlig neue Qualitäten

Dies ordnet sich schliesslich einer sehr allgemeinen Form des Verhaltens der Dinge ein, die ihre auffälligste Erfüllung auf psychologischem Gebiet findet.

Es handelt sich darum, dass quantitative Steigerungen von Erscheinungen, die als Ursachen wirken, nicht immer die gleichmässige, entsprechende Steigerung ihrer Folgen hervorrufen.

Vielmehr, derjenige Stärkezuwachs der Ursache, der einen bestimmten Zuwachs der Folge veranlasste, kann auf höheren Stufen derselben Skala nicht mehr zu dem gleichen zureichen, sondern es wird bei absolut gesteigerten Massen einer sehr gesteigerten Einwirkung bedürfen, um nur den gleichen Effekt zu erzielen.

Ich erinnere etwa an die häufige Erscheinung, dass Betriebsmittel, die auf einem neu erschlossenen Erwerbsgebiet ein bestimmtes Erträgnis geben, später sehr vermehrt werden müssen, um eben dasselbe zu erzielen; oder an die Wirkung von Medikamenten, die sich anfangs durch eine geringe Erhöhung der Dosierung erheblich steigern lässt, während spätere, objektiv gleiche Vermehrungen nur sehr verminderte Wirkungen ausüben; oder an die Beglückung, die in beengten Vermögensverhältnissen ein Gewinn hervorruft, nach dessen kontinuierlicher Fortsetzung schliesslich dem gleichen Gewinnquantum gar keine Glücksreaktion mehr entspricht.

Das häufigst behandelte Beispiel betrifft die sogenannte Schwelle des Bewusstseins: äussere Reize, die unsere Nerven treffen, sind unterhalb einer gewissen Stärke überhaupt nicht merkbar; mit Erreichung derselben lösen sie plötzlich Empfindungen aus, ihre bloss quantitative Steigerung schlägt in eine Wirkung von äusserst qualitativer Bestimmtheit um; in mancherlei Fällen aber erreicht die Steigerung auch wieder in bezug auf diese Wirkung eine obere Grenze, so dass die einfache Fortsetzung der Reizverstärkung über diese hinaus die Empfindung wieder verschwinden lässt.

Hiermit ist schon auf die zugespitzteste Form jener Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung hingewiesen, die durch die bloss quantitative Steigerung der ersteren veranlasst wird: auf das direkte Umspringen der Wirkung in ihr Gegenteil.

An dem obigen Beispiel der Medikamente findet auch dies statt: insbesondere durch homöopathische Versuche steht es fest, dass durch rein quantitative Abänderungen der Dosierung (> 273) bei einem und demselben Patienten eine direkte Gegensätzlichkeit der Wirkungen erzielt werden kann; auch bei Elektrisationen ist beobachtet, dass häufigere Wiederholungen den Erfolg in sein Gegenteil und wieder in das Gegenteil des Gegenteiles umschlagen liessen.

Dass fast alle lustbringenden Sinnesreize durch blosse Häufung und Verstärkung nach einer anfänglichen Hebung des Lustgefühles zu einer Aufhebung desselben und zu positiven Schmerzen führen können, ist eine alltägliche Erfahrung von grosser und typischer Bedeutung.

Endlich zeigt sich die Inkommensurabilität zwischen dem objektiven, veranlassenden Reize und der subjektiven Empfindung, die er auslöst, auch in folgender Weise.

Sehr niedrige ökonomische Werte, die aber zweifellos Werte sind, regen uns dennoch oft nicht zu demjenigen Verhalten an, das sonst dem ökonomischen Wert als solchem entspricht.

Es gibt geldwerte Objekte, deren Geldwert vielfach überhaupt nicht gerechnet wird, gar nicht als Faktor in die Operation mit ihnen eintritt, z. B. Postmarken.

Man mutet fremden Leuten, von denen man sonst nicht für einen Pfennig Wert verlangen dürfte oder würde, Antwort auf Anfragen zu, an denen sie selbst gar kein Interesse haben, und das Hinzufügen der Antwortmarke wird man einem Gleichstellenden gegenüber kaum wagen.

Auch wer sonst mit Groschen überlegt sparsam umgeht, pflegt an eine Briefmarke oder auch einen Strassenbahngroschen weniger Sparsamkeitsbedenken zu knüpfen, als an vieles andere Gleichwertige.

Es scheint eine freilich nach dem Vermögen und dem Temperament des Subjekts sehr verschieden liegende Schwelle des ökonomischen Bewusstseins zu geben, derart, dass ökonomische Reize, welche unterhalb derselben bleiben, gar nicht als ökonomische empfunden werden.

Dies ist wohl eine Erscheinung, die allen höheren Gebieten gemeinsam ist.

Denn diese entstehen doch, indem sonst schon vorhandene und merkbare Elemente zu einer neuen Form zusammengehen und dadurch zu einer Bedeutung erhoben werden, die sie bisher nicht kannten: so werden die Dinge zu Gegenständen des Rechts, des ästhetischen Genusses, der philosophischen Betrachtung - Dinge, deren längst bekanntem Inhalt so eine neue Seite zuwächst.

Dazu aber, dass dies geschieht, wird in vielen Fällen ein bestimmtes Quantum solcher Elemente vorausgesetzt; bleiben sie unterhalb desselben, so steigen sie nicht zu den höheren und relativ schwer reizbaren Schichten des Bewusstseins auf, in denen jene Kategorien wohnen.

So mögen z. B. gewisse Farben oder Farbenkombinationen mit voller Deutlichkeit wahrgenommen werden - aber ein ästhetisches Gefallen erregen sie doch nicht, wenn die von ihnen eingenommenen Flächen nicht eine (> 274) erheblichere Ausdehnung haben; vorher sind es einfache Tatsächlichkeiten, die zwar die Schwelle des sinnlichen Bewusstseins, aber nicht die des ästhetischen überschreiten.

So gibt es eine historische Schwelle, die die merkwürdige Unproportionalität zwischen personalen Energien und ihren historischen Erfolgen bewirkt.

Es hat viele indische Asketen gegeben, die ganz ähnliches wie Gotama lehrten - aber nur dieser ist der Buddha geworden; sicher vielerlei jüdische Lehrer, deren Predigten nicht viel von der Jesu abwichen - aber nur dieser hat die Weltgeschichte bestimmt.

Und so überall: die Bedeutungen der Persönlichkeiten bilden eine kontinuierliche Skala, aber es gibt in ihr einen Punkt, oberhalb dessen erst die geschichtliche Wirkung einer Persönlichkeit einsetzt, während die unterhalb dieser Bedeutsamkeitsschwelle verbleibenden nicht eine entsprechend geringere, sondern nun überhaupt keine Wirkung ausüben und völlig verschallen.

Noch höher hinauf vielleicht liegt die Schwelle des philosophischen Bewusstseins.

Dieselben Erscheinungen, die in minimer Quantität zu den verfliessenden Gleichgültigkeiten des Tages gehören, in etwas höherer vielleicht ästhetische Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können in gewaltigen und erregenden Dimensionen zu Gegenständen philosophischer oder religiöser Reflexion werden.

Ähnlich hat auch das Gefühl des Tragischen eine Quantitätsschwelle.

Vielerlei Widersprüche, Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen, die als Einzelheiten täglichen Lebens gleichgültig sind oder gar einen humoristischen Zug haben, gewinnen ein tragisches und tief beängstigendes Wesen, sobald wir ihre ungeheure Verbreitung, die Unvermeidlichkeit ihrer Wiederholung, die Färbung nicht nur dieses, sondern jedes Tages durch sie uns zum Bewusstsein bringen.

Auf dem Gebiete des Rechts wird die Tatsache der Schwelle durch das Prinzip: minima non curat praetor - markiert.

Der Diebstahl einer Stecknadel ist etwas quantitativ zu Geringfügiges - so entschieden er qualitativ und für das logische Bewusstsein eben doch Diebstahl ist -, um den komplizierten psychologischen Mechanismus des Rechtsbewusstseins in Bewegung zu setzen: auch dieses hat also eine Schwelle, so dass unterhalb derselben verbleibende Reizungen, obgleich sie andere Bewusstseinsprovinzen sehr wohl erregen mögen, keinerlei psychisch-juridische Reaktion - ganz abgesehen von der staatlichen - wecken.

Aus der Tatsache, dass auch das ökonomische Bewusstsein mit einer spezifischen Schwelle ausgestattet ist, erklärt sich die allgemeine Neigung, statt einer einmaligen grösseren Aufwendung lieber eine fortlaufende Reihe kleinerer zu machen, deren einzelne man »nicht merkt«.

Wenn daher schon Pufendorf dem Fürsten vorschlägt, er solle lieber auf viele Gegenstände je eine geringe (> 275) Steuer legen, statt auf einen einzigen eine hohe, da das Volk sich sehr schwer vom Gelde trenne (fort dur à la desserre sei), so macht diese Begründung ihren Angelpunkt gar nicht namhaft; denn das Geld hergeben muss das Volk in der einen Form so gut wie in der anderen; nur dass die einzelne Hergabe in der einen unterhalb der Schwelle des ökonomischen Bewusstseins bleibt und so die einzelne hergegebene Summe nicht ebenso in die Kategorie des wirtschaftlichen Rechnens, Empfindens, Reagierens aufsteigt - gerade wie zwei Gewichte, deren jedes unterhalb der Schwelle des Druckbewusstseins bleibt, nacheinander auf die Hand gelegt, gar keine Empfindung auslösen, dies aber sogleich tun, wenn sie gleichzeitig wirken.

Lässt sich dies als ein passiver Widerstand an unseren einfachen oder komplizierten Empfindungen denken, nach dessen Überwindung sie den Einfluss erst dem Bewusstsein übermitteln, so kann nun dieser Widerstand auch ein aktiverer werden.

Man kann sich vorstellen, unsere aufnehmenden physisch-psychischen Organe befänden sich in jedem gegebenen Moment in einem Zustand von Bewegtheit bestimmter Richtung und Stärke, so dass die Wirkung eines eintretenden Reizes von dem Verhältnis abhängt, das die von ihm ausgehende innere Bewegung zu jener vorgefundenen besitzt: sie kann sich dieser gleichgerichtet einordnen, so dass sie ungehemmte Ausbreitungsmöglichkeit gewinnt, sie kann ihr auch zuwiderlaufen, so dass sie in ihrer Wirkung ganz oder teilweise aufgehoben wird und sozusagen das empfindende Organ erst nach Überwindung eines positiven Widerstandes in der ihr eigenen Richtung zu bewegen vermag.

Das durch diese Vorstellung bezeichnete Verhalten begegnet nun der weiteren Tatsache, die wir als Unterschiedsempfindlichkeit bezeichnen: wir besitzen in der Empfindung kein Mass für absolute, sondern nur für relative Grössen, d. h. nur durch den Unterschied einer Empfindung von der andern können wir jeder ein Mass bestimmen.

Diese Erfahrung - deren Modifikationen hier ausser acht bleiben können und die für uns nur soweit, wie auch ihre Kritiker sie zugeben, zu gelten braucht - ist ersichtlich das Fundament der ganzen oben besprochenen Erscheinungsreihe.

Denn wenn - so hat man dies an einem einfachsten Beispiel ausgedrückt - eine Bewegung im Tastnerven von der Stärke 1 um 1/3 zugenommen hat, so ist dies das nämliche, wie wenn eine Bewegung von der Stärke 2 um 2/3 zugenommen hätte.

Die Tatsache also, dass wir die gleiche Reaktion an den relativ gleichen Unterschied von dem gegebenen Empfindungszustand knüpfen, bewirkt es, dass die objektiv gleichen Reize sehr verschiedene subjektive Folgen haben.

Je weiter die Empfindung, die ein neuer Reiz fordert, von der vorgefundenen Verfassung (> 276) des Empfindens abweicht, als desto stärker und merklicher wird sie zum Bewusstsein kommen.

Dies kreuzt sich nun, wie erwähnt, mit der Tatsache, dass der Reiz oft erst eine, seiner Richtung entgegenstehende Stimmung unserer physisch-psychischen Organe zu überwinden hat, ehe er sich für unser Bewusstsein geltend machen kann.

Denn während gemäss jener Unterschiedsempfindlichkeit der Reiz um so merklicher ist, je weiter er von dem vorhergehenden Zustand absteht, so ist er nach dem andern Prinzip - bis zu einer gewissen Grenze - um so unmerklicher, je differenter seine Richtung von der der bestehenden inneren Bewegungen ist.

Das hängt mit der Beobachtung zusammen, dass Empfindungen bei gleichbleibendem Reize eine gewisse, wenn auch sehr kurze Zeit brauchen, ehe sie auf ihre Höhe gelangen.

Während die erstere Erscheinungsreihe auf die Tatsache der Ermüdung zurückgeht - der Nerv antwortet auf den zweiten gleichartigen Reiz eben nicht mehr mit gleicher Energie, weil er durch den ersten ermüdet ist - zeigt die letztere, dass sich die Ermüdung keineswegs unmittelbar an die Reizreaktion anschliesst, sondern dass zunächst diese Reaktion sich bei unverändertem Reize wie aus sich selber akkumuliert - vielleicht aus dem angeführten Grunde, dass erst ein Widerstand der perzipierenden Organe überwunden werden muss, ehe der Reiz die Höhe erreicht, von der er freilich durch die nun eintretende Ermüdung wieder herabsinkt.

Dieser Dualismus der Wirkungen tritt auch an den komplizierten Erscheinungen sehr deutlich hervor.

Eine Veranlassung zu Freude z. B., in das Leben eines im ganzen unglücklichen Individuums eintretend, wird von demselben mit einer leidenschaftlichen Reaktion, unverbrauchten eudämonistischen Energien, stärkstem Sichabheben gegen den dunklen Hintergrund seiner sonstigen Existenz empfunden werden; andrerseits aber bemerken wir, dass auch zur Freude eine gewisse Gewöhnung gehört, dass der Glücksreiz gar nicht recht aufgenommen wird, wenn die Seele sich schon an fortwährend entgegengesetzte Erfahrungen angepasst hat.

Insbesondere feinere Lebensreize prallen zunächst wirkungslos von einem inneren, durch Not und Leid bestimmten Lebensrhythmus ab, und die Stärke ihres Empfundenwerdens, die gerade der Gegensatz zu jenem voraussetzen liess, stellt sich erst nach längerer Summierung der eudämonistischen Momente ein.

Wenn diese nun andauert und die gesamte Verfassung der Seele schliesslich in die ihr entsprechende Rhythmik oder Struktur übergeführt hat, so wird das Reizquantum, zu dessen voller Perzeption es damals nicht kam, derselben auch jetzt, und zwar aus der gerade entgegengesetzten Konstellation heraus, entbehren: weil jetzt eine derartige eudämonistische Gewöhnung eingetreten ist, dass der (> 277) zur Merklichkeit erforderte Unterschied mangelt.

Diese Antinomie äussert ihre grosse teleologische Bedeutung auch im wirtschaftlichen Leben; die Unterschiedsempfindlichkeit treibt uns aus jedem gegebenen Zustand zum Erwerb neuer Güter, zur Produktion neuer Geniessbarkeiten; die Begrenzung der Unterschiedsempfindlichkeit durch den zu überwindenden passiven oder aktiven Widerstand der bestehenden organischen Verfassung zwingt uns, diese neue Richtung auch mit andauernder Energie zu verfolgen und den Gewinn der Güter bis zu erheblicherer Quantität fortzusetzen.

Dieser Steigerung aber setzt die Unterschiedsempfindlichkeit wieder ihre obere Grenze, indem die Gewöhnung an diesen bestimmten Reiz ihn abschwächt und schliesslich den Zuwachs nicht mehr empfinden lässt, sondern zu qualitativ neuen forttreibt.

In derselben Weise wie hier die Steigerung der Objektquanten, gleichmässig fortschreitend, eine Alternierung innerer Folgen bewirkt, können die Geldwerte der Dinge durch ihre einfache Erhöhung zu einem Umschlagen der Begehrungen ihnen gegenüber führen.

Zunächst wird ein Gegenstand, der gar nichts oder nur ein Minimum kostet, sehr oft eben deshalb überhaupt nicht gewertet und begehrt; sobald sein Preis steigt, entsteht dann auch seine Begehrenswürdigkeit und hebt sich eine Weile mit jenem bis zu einem äussersten Reizpunkte.

Wird dann der Preis immer noch weiter gesteigert, so dass die Erwerbung für den Betreffenden ausser Frage tritt, so wird das erste Stadium dieses Verzichts vielleicht die grösste Leidenschaft des Verlangens zeigen, dann aber wird eine Anpassung an ihn, ein Niederkämpfen der unnützen Sehnsucht eintreten, ja, nach dem Typus der »sauren Trauben« eine direkte Aversion gegen das doch nicht Erreichbare.

Auf sehr vielen Gebieten knüpft sich ein solcher Wechsel des positiven und negativen Verhaltens an die quantitative Änderung der ökonomischen Forderung.

Der Steuerdruck, der auf dem russischen Bauern lastet, wird als Ursache seiner schlechten, primitiven und wenig intensiven Wirtschaft angegeben: der Fleiss lohne sich für ihn nicht, da er doch nichts übrig behalte als das nackte Leben.

Offenbar würde ein etwas geringerer Druck, der ihm bei sehr fleissiger Arbeit einen Gewinn liesse, ihn gerade zu möglichst intensiver Bewirtschaftung veranlassen; sänken aber die Abgaben noch mehr, so würde er vielleicht wieder zu seiner früheren Trägheit zurückkehren, wenn er nun schon mit dieser einen Ertrag hätte, der allen Bedürfnissen seines Kulturniveaus genügte.

Oder ein anderes Beispiel: wenn eine Klasse oder ein Individuum zu niedriger Lebenshaltung gezwungen ist und deshalb nur rohe und gemeine Freuden und Erholungen kennt, so führt ein etwas erhöhtes Einkommen nur dazu, diese Genüsse häufiger (> 278) und ausgedehnter zu suchen; wird es nun aber sehr erheblich höher, so steigen die Ansprüche an den Genuss in eine generell andere Sphäre.

Wo z. B. die Schnapsflasche die Hauptfreude bildet, werden erhöhte Löhne zu gesteigertem Schnapsverbrauch führen; werden sie aber noch weiter und bedeutend erhöht, so wird sich das Bedürfnis nach ganz anderen Kategorien von Genüssen einstellen.

Endlich kommt es hier zu einer aller Analyse spottenden Komplikation durch den Umstand, dass die Bewusstseinsschwellen für die verschiedenen Lust- und Schmerzgefühle offenbar ganz verschieden hoch liegen.

Auf physiologischem Gebiet zunächst haben neuere Untersuchungen den immensen Unterschied der Schmerzempfindlichkeit ergeben, der zwischen den Nerven verschiedener Körperteile besteht und für einige das Sechshundertfache des Schwellenwertes anderer aufweist, und zwar charakteristischerweise so, dass der Schwellenwert für die Druckempfindlichkeit eben derselben Stellen gar kein konstantes Verhältnis zu jenem besitzt.

Nun ist es allerdings äusserst misslich, die Schwellenwerte für verschiedenartige höhere und nicht-sinnliche Gefühle zu vergleichen, weil ihre veranlassenden Momente ganz heterogen und nicht so nach ihren Quanten zu vergleichen sind wie mechanische oder elektrische Reize der Sinnesnerven.

Trotzdem hiermit jede Messung ausgeschlossen erscheint, wird man die ungleichmässige Reizbarkeit auch der höheren Gefühlsprovinzen zugeben und damit - da die bisher fraglichen Lebenssituationen immer eine Vielheit solcher betreffen - die ungeheuere und für die Theorie undurchdringliche Mannigfaltigkeit der Verhältnisse zwischen äusseren Bedingungen und innerer Gefühlsfolge.

Gerade die durch den Geldbesitz bestimmten Gefühlsschicksale mögen allein einen annähernden Einblick in diese Schwellenwerte und Proportionalitäten gestatten.

Denn das Geld wirkt als Reiz auf alle möglichen Gefühle und kann dies, weil sein qualitätloser, unspezifischer Charakter es von jedem in eine so grosse Entfernung stellt, dass es zu allen eine Art gleichmässigen Verhältnisses gewinnt; freilich wird dies Verhältnis nur selten ein unmittelbares sein, sondern vermittelnder Objekte bedürfen, die nach einer Seite hin unspezifisch sind - insoweit sie nämlich für Geld zu haben sind -, nach der andern Seite hin aber spezifisch, indem sie bestimmte Gefühle auslösen.

Dadurch, dass wir am Geld die Genusswerte der damit beschaffbaren spezifischen Objekte vorempfinden, dass der Reiz derselben auf das Geld übertragen und von ihm vertreten wird - haben wir am Geld den einzigen Gegenstand, in bezug auf den die Schwellenwerte der einzelnen Genussempfindlichkeiten eine Art von Vergleichbarkeit erhalten.(> 279)

Der Grund, der hier dennoch ein gegenseitiges Messen auszuschliessen scheint, liegt auf der Hand: die ausserordentliche Verschiedenheit in den Geldwerten derjenigen Dinge, die auf den verschiedenen Gebieten das als gleich beurteilte Genussquantum erzeugen.

Wenn die Genussschwelle in der aufsteigenden Geldreihe für einen Gourmand, einen Büchersammler, einen Sportsman ganz verschiedene Höhen zeigt, so liegt dies nicht daran, dass die hierbei ins Spiel kommenden Genussenergien verschieden reizbar wären, sondern dass die Gegenstände, die sie in gleichem Masse reizen, sehr verschieden teure sind.

Dennoch wäre es denkbar, dass die Zufälligkeit der Schwellenwerte zwischen Geldquanten und eudämonistischen Erfolgen einer Ausgleichung zustrebte, mindestens in dem Sinn, dass es für die Individuen (oder auch für die Typen) charakteristisch wird, welchen Geldwert die erkaufbaren Objekte oder Eindrücke besitzen, die für sie die Genussschwelle überschreiten.

Diese Entwicklung wird durch die Tatsache eingeleitet, dass, zunächst für unsere gefühlsmässige Taxierung, Angemessenheit oder Unangemessenheit des Preises eines Objekts sich nicht nur an dem anderweitig geforderten Preise des gleichen ergibt, sondern auch an den ganz andern absoluten Preisen von qualitativ ganz andern Warengattungen; die Ausgleichung hiervon bedeutet das Aufwachsen eines gleichmässigen Geldpreisstandards, der sicher erst das Endergebnis sehr vieler subjektiver und zufälliger Schwankungen ist.

Soweit wir z. B. die ökonomischen Verhältnisse der früheren palästinischen Juden kennen, frappieren sie durch ausserordentliche Billigkeit gewisser Artikel und enorme Preise für andere.

Das Verhältnis zu den jetzigen Preisen ist ein so schwankendes, nicht auf einen rationalen Ausdruck zu bringendes, dass man nicht sagen kann (und vielleicht von keiner Periode des Altertums), der allgemeine Geldwert sei um so und so viel anders als der jetzige gewesen.

Denn es hat einen solchen damals überhaupt nicht gegeben.

Diese Erscheinung will man durch die ökonomische Kluft zwischen Reichen und Armen erklären, die durch keine Ambitionen der letzteren in bezug auf Lebenshaltung verringert wurde: die unteren Stände seien eben von einer sehr grossen und stabilen Genügsamkeit gewesen, so dass gewisse Waren von ihnen prinzipiell nicht begehrt wurden; es hätten sich also zwei ganz verschiedene Geldpreisstandards herausgebildet: für das, was die Armen bezahlen konnten und wollten, und das, was die Domäne der Reichen war, denen es auf das Geld nicht ankam; das sei vielleicht bei allen älteren Völkern mehr oder weniger der Fall gewesen.

Im Anschluss daran wird nun betont, dass gemäss den sozialen Anschauungen der neueren Zeit die mittleren Stände es in Bezug auf Kleidung, Nahrung, (> 280) Bequemlichkeiten, Vergnügungen den höheren gleichtun wollen und die niederen den mittleren.

Dies erst habe die Möglichkeit eines einheitlichen und allgemeinen Geldwertes ergeben.

Man könnte nach dieser Richtung hin den Weg der ökonomischen Kultur so formulieren: sie gehe dahin, das ursprünglich Billige zu verteuern und das ursprünglich Teure zu verbilligen.

Diese Ausgleichung zeigt sich zunächst nach der objektiven Seite hin und findet ihre wahrhaft wunderbare Erscheinung in der »Durchschnittsprofitrate«.

Durch eine fast unglaubliche und gar nicht als bewusster Verlauf nachzuweisende Anpassung aller wirtschaftlichen Faktoren aneinander ist erreicht, dass die nach ihrem Material, ihren Arbeitsbedingungen, ihren Erträgnisquanten verschiedenartigsten und voneinander unabhängigsten Betriebe in der ausgebildeten Wirtschaft den in ihnen investierten Kapitalien dennoch die -ceteris paribus - gleiche Rente liefern!

Dass eine ebensolche Ausgleichung für die subjektiv-eudämonistischen Erfolge der Geldwerte sich herstelle, kommt natürlich angesichts der individuellen Differenziertheit der Menschen nicht in Frage, wohl aber könnte, vermöge der allmählichen Ausdrückbarkeit aller Objekte in Geld und der allmählichen Herstellung eines durchgehenden Geldpreisstandards, einer gleichmässigen Bedeutung des Geldes für alle Waren - vermöge dieser könnte der Kulturprozess sich einem verwandten Zustand nähern: auf der Quantitätsskala des Geldes könnten eventuell gewisse Punkte als Äquivalente derjenigen Objekte hervortreten, die für ein bestimmtes Individuum oder einen Typus entweder die ökonomische Schwelle oder die Genussschwelle oder die Blasiertheitsschwelle bezeichnen.

Auf diesem, durch seine Komplikation und seine Individualisiertheiten schwierigsten Gebiet der Schwellenerscheinungen zeigt sich immerhin das Geld als das einzige Objekt, das, durch seinen rein quantitativen Charakter und sein gleichmässiges Verhalten zu allen Verschiedenheiten der Dinge, noch am ehesten die Möglichkeit gibt, die mannigfaltigsten Reizbarkeiten in eine einheitliche Reihe zusammenzuordnen.

Ausserdem aber weisen gewisse Vorkommnisse auf eine ganz unmittelbare Bedeutung hin, die das Geld für die Schwelle des ökonomischen Bewusstseins hat, und zwar derart, dass das Bewusstsein überhaupt erst auf einen geldmässigen Reiz hin als spezifisch ökonomisches reagiert.

Spiessbürgerliche Engherzigkeit lehnt die Zumutung altruistischer Hingabe eines Objekts oft mit der Begründung ab, der Gegenstand habe doch Geld gekostet - dies wird wirklich als rechtfertigende Begründung dafür empfunden, dass man hier nach dem hart egoistischen Prinzip blosser Ökonomie verfahre! Ebenso suchen törichte Eltern ihre Kinder von mutwilligen Zerstörungen dadurch zurückzuhalten, (> 281) dass sie betonen, die Dinge hätten doch Geld gekostet!

Statt den Kindern den Wert der Objekte selbst klarzumachen, beginnen sie die ökonomische Reaktion erst auf die Vorstellung des aufgewendeten Geldes hin.

In sehr bezeichnender Weise tritt dies bei zwei äusserlich ganz entgegengesetzten Erscheinungen hervor.

Geschenke werden von vielen Seiten erst als voll gerechnet, wenn der Schenker Geld dafür ausgegeben hat; zu schenken, was man selbst besitzt, erscheint als schäbig, illegitim, unzureichend.

Nur bei ganz feinsinnigen und hochstehenden Menschen begegnet es, dass sie ein Geschenk am höchsten schätzen, das der andere selbst besessen hat.

Das Bewusstsein also, dass der Geber ein Opfer für ihn gebracht hat, tritt dort bei dem Beschenkten erst ein, wenn dieses Opfer in Geldform gebracht ist.

Andrerseits wirkt doch gerade ein Geldgeschenk in höheren Kreisen direkt deklassierend, und auch dienende Personen, Kutscher, Boten usw. sind oft weit erkenntlicher für eine Zigarre als für ein Trinkgeld, das vielleicht den dreifachen Wert jener hat.

Hier ist das Entscheidende, dass die Gabe eben nicht als ökonomische wirken darf oder dass wenigstens das Zurücktretenlassen ihres ökonomischen Charakters als besondere Kordialität wirkt.

In dem ersteren wie in diesen Fällen reizt also der Wert erst in der Geldform das Bewusstsein als ökonomisches, und je nach den Empfindungen, die dies weiterhin auslöst, wird das gleiche Verfahren erwünscht oder perhorresziert sein.

In eine so kontinuierliche Reihe die ausgebildete Geldwirtschaft die wirtschaftlichen Objekte fügen mag - zwischen diesen und dem Geld selbst schafft sie (was Warengeldepochen weniger tun werden) einen so generellen Unterschied, dass das Entstehen einer gerade nur auf den Geldwert reagierenden Bewusstseinsschwelle durchaus erklärlich wird.

Ein anderer Grund, der die Erscheinungen der Bewusstseinsschwelle in besonders merkbare Beziehung zum Gelde setzt, ist dieser.

Das Bestehen und die Summierung von Ursachen, deren eigentlich proportionale Wirkung ausbleibt, um erst oberhalb einer gewissen Grenze einzutreten, wird um so ausgedehnter sein und diese Grenze um so höher hinaufrücken lassen, je unbewegter, in sich stabiler das ganze System ist, in dem der Vorgang sich abspielt.

So kann man bekanntlich Wasser bis erheblich unter den Nullpunkt abkühlen, ohne dass es gefriert, wenn man es nur vor jeder Bewegung bewahrt, während die leiseste Erschütterung es sofort zu Eis werden lässt; so kann man die Hand in allmählich erhitztem Wasser halten, weit über den sonst erträglichen Grad hinaus, wenn man nur jede Bewegung ihrer oder des Wassers vermeiden kann; so rufen, auf höheren und komplizierten Gebieten, vielerlei Einflüsse und Verhältnisse die ihnen entsprechende (> 282) Gefühlsreaktion erst dann hervor, wenn unser ganzes Wesen, vielleicht von einem ganz anderen Punkte her, aufgerüttelt wird; sowohl der Besitz von Werten wie die Entbehrung derselben oder die Unwürdigkeit gewisser Situationen können lange bestehen und sich sogar allmählich steigern, ehe wir uns der Bedeutung davon bewusst werden; es muss erst ein Anstoss erfolgen, der die inneren Elemente sich gleichsam aneinander reiben lässt, so dass wir uns ihrer wirklichen Stärke gerade an ihren jetzt erst bemerkten Relationen oder Unterschieden gegen alle anderen bewusst werden.

Ja, Gefühle wie Liebe und Hass können lange in uns leben und gleichsam unterirdisch sich akkumulieren und gewisse verkleidete Wirkungen üben, bis irgendein Anstoss, meistens eine Unterbrechung der äusseren Regelmässigkeit der Beziehungen, jene Gefühle in das Bewusstsein hinein explodieren lässt und ihnen nun erst die ihnen zukommende Ausbreitung und Folgenreichtum verschafft.

Nach demselben Typus verlaufen auch soziale Entwicklungen.

Sinnlosigkeiten und Missbräuche schleichen sich nicht nur in einmal konsolidierte Verfassungen ein, sondern sie häufen und steigern sich unterhalb der Schwelle des sozialen Bewusstseins, oft bis zu einem Grade, dessen Ertragenwerden man von dem Augenblick an nicht mehr begreift, in dem ein allgemeines Aufräumen, oft auf ganz andersartige Anregungen hin, jene Missstände zum Bewusstsein gebracht hat.

Oft sind es bekanntlich erst die Erschütterungen durch einen äusseren Krieg, die die Widersprüche und eingerotteten Schäden eines Staates offenbar machen.

Dies begründet z. B. die schon sonst hervorgehobene Beobachtung, dass sehr krasse soziale Unterschiede, unversöhnliche Höhenabstände der Klassen voneinander, in der Regel mit sozialem Frieden Hand in Hand gehen.

Der Ruf nach ausgleichenden Reformen oder Revolutionen pflegt sich erst zu erheben, wenn die Starrheit der Klassenschranken sich gemildert hat und lebhaftere Bewegungen innerhalb der Gesellschaft gewisse vermittelnde und Übergangserscheinungen, eine Seh- und Vergleichungsnähe zwischen den Ständen erzeugt haben.

Sobald dies aber geschehen ist, tritt den unteren Klassen ihre Unterdrücktheit, den oberen teils die sittliche Verantwortung dafür, teils der Trieb, ihren Besitzstand zu verteidigen, ins Bewusstsein, und der soziale Friede ist unterbrochen.

Innerhalb der Geldwirtschaft nun ist die Bewegtheit des Lebenssystems, durch die das Bewusstsein zu Unterschieds- und Schwellenempfindungen gereizt wird, eine ganz besonders verbreitete und lebhafte.

Die Fixierung von Verhältnissen, die den gesteigerten Veranlassungen zu Bewusstseinsreaktionen diese Folge vorenthält, wird bei ihrer Begründung auf Geld immerzu unterbrochen, weil alle solche etwas Labiles (> 283) und der Ruhelage Widerstrebendes haben, und zwar insbesondere, weil das Geld keine sachliche Beziehung zu Persönlichkeiten hat und nicht, wie eine Rangstufe oder eine Deklassierung, wie ein Beruf oder ein moralischer Wert, eine Gefühlsbeziehung oder eine Tätigkeit, gleichsam an jene anwächst.

Alle auf solche Lebensinhalte gegründeten Verhältnisse haben wegen der relativen Festigkeit, mit der sie den Personen zugehören, eine Art von Stabilität und setzen dem Einfluss abändernder Elemente eine gewisse Trägheit entgegen, die erst bei einer erheblichen Summierung jener ihnen die ganz proportionierte Folge verschafft.

Das Geld dagegen, das wegen seiner Qualitätlosigkeit auch zu keiner qualitativ bestimmten Persönlichkeit als solcher eine Beziehung hat, gleitet ohne innere Widerstände von der einen ab und zur anderen hin, so dass die darauf gegründeten Verhältnisse und Zustände jeder Veranlassung zu Änderungen leicht Lind adäquat nachgeben, oder, unser jetziges Interesse genauer ausdrückend: dass die Summierungserscheinungen des Geldes, die den Charakter blosser Quantität am reinsten an sich darstellen, zugleich am häufigsten und deutlichsten ihre Wirkungen auf die inhaltliche Bestimmtheit des Lebens fühlbar machen werden.

Die am Geld so häufig auftretenden Schwellenerscheinungen machen aber nur die Gesamtbestimmung seiner deutlicher, zu der jenes Superadditum gehörte, ja, dieses ist im Grunde nur eine einzelne aus den so charakterisierten Erscheinungen.

Denn es sagt doch aus, dass die Bedeutung von mehr Geld nicht nur in einem proportionalen Vielfachen der Bedeutung von weniger Geld besteht, sondern dass dieser Bedeutungsunterschied, trotz der rein quantitativen Änderung seines Substrates, ein Umschlagen in qualitativ neue, ja entgegengesetzte Folgeerscheinungen darbietet.

Diese Tatsache hat eine zwar selbstverständliche, aber der Erörterung dennoch bedürftige Voraussetzung.

Man kann jene selbst doch so ausdrücken: jede Geldsumme hat, auf eine Mehrheit von Personen verteilt, eine andere qualitative Bedeutung, als wenn sie sich in einer Hand befindet.

Die Einheit der Persönlichkeit ist also das Korrelat oder die Bedingung für alle Quantitätsunterschiede des Besitzes und ihre Bedeutung; das Vermögen juristischer Personen steht ersichtlich wegen der Einheitlichkeit seiner Verwaltung in der hier fraglichen funktionellen Hinsicht auf derselben Stufe.

Auch wo man von einem Volksvermögen spricht, ist das nur möglich, insofern man das Volk als ein einheitliches besitzendes Subjekt denkt, bzw. die auf die einzelnen Bürger verteilten Besitze durch die Wechselwirkung, die sie innerhalb der nationalen Wirtschaft eingehen, als so einheitlich vorstellt, wie das Vermögen eines Individuums durch (> 284) solche Wechselwirkungen (Einteilung, Rücksichten der Einzelaufwendung auf das Ganze, Balance zwischen Einnahme und Ausgabe usw.) zu einer praktischen Einheit zusammengeht.

Das Geld, als ein nur seiner Quantität nach bedeutsamer Wert, tritt an sich in einem extensiven Nebeneinander auf, so dass jede Summe, um eine zu sein, um als Einheit zu wirken, eines ihr äusserlichen Prinzips bedarf, das die einzelnen Teilquanten in Zusammenhang und Wechselwirkung, kurz, in eine Einheit zwingt.

Wie die einzelnen Vorstellungsinhalte dadurch das Bild einer Welt ergeben, dass sie sich in einer persönlichen Bewusstseinseinheit zusammenfinden, und wie eben dadurch die Summe der Weltelemente mehr als eine blosse Summe wird, jeder Teil und das Ganze eine neue Bedeutung über das blosse Nebeneinander hinaus erhält: so wirkt die Einheit des persönlichen Besitzers auf das Geld und verleiht dem durch sie zusammengehaltenen Quantum erst jene Möglichkeit, sein Mehr oder Weniger in qualitative Bedeutung umzusetzen.

Der Erkenntniswert hiervon wird vielleicht im Anschluss an eine Bestimmung der Grenznutzentheorie deutlicher.

Man kann dieselbe doch etwa folgendermassen kurz zusammenfassen.

Jegliches Teilquantum eines Gütervorrates hat den Wert des am niedrigsten bewerteten, d. h. zur entbehrlichsten Nutzung verwandten Teiles.

Denn wenn ein beliebiger Teil verloren ginge, so würde man vernünftigerweise mit dem Rest alle wichtigeren Bedürfnisse decken und nur das unwichtigste ungedeckt lassen; welcher Teil also auch entbehrt werden müsste, es wäre der unwichtigste.

Der Wert eines Gütervorrates ist also nicht bestimmt durch den Nutzen, den man tatsächlich aus ihm zieht, d. h. nicht durch die Summe der sehr verschieden hohen Nutzungen seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch den Nutzen des am wenigsten nutzbaren Teiles, multipliziert mit der Anzahl solcher gleich grossen Teile überhaupt.

Von dieser Theorie wird nun ganz allgemein eine Ausnahme zugegeben, nämlich da, wo eine Summe von Gütern eine Einheit bildet und als solche einen gewissen Nutzeffekt entfaltet, der nicht gleich der Summe der Nutzungen ihrer einzelnen Teile ist.

Es habe z. B., so hören wir, der Bestand eines Waldes einen Einfluss auf Klima und Witterung, damit auf die Bodenfruchtbarkeit, die Gesundheit der Bewohner, die Beständigkeit eines Teiles des Volksreichtums usw., kurz, er habe als ganzer einen Wert, von dem kein noch so geringer Bruchteil gerechnet werde, wenn man den Nutzen des einzelnen Baumes anschlüge.

So sei auch der Wert einer Armee nicht nach dem Grenznutzen des einzelnen Soldaten, der eines Flusses nicht nach dem Grenznutzen der einzelnen Wassertropfen zu beurteilen.

Der hiermit gezeichnete Unterschied ist auch derjenige, der für das (> 285) Vermögen eines Individuums gilt.

Eine Million, im Besitz eines Menschen, verschafft ihm nicht nur ein Ansehen und eine soziale Qualifikation, die etwas ganz anderes ist, als das tausendmalige Vielfache der entsprechenden Bedeutung eines Besitzers von tausend Mark; sondern, diese subjektive Folge begründend, ist der objektive wirtschaftliche Wert einer Million nicht aus dem Grenznutzen etwa ihrer tausend Teile zu tausend Mark zu berechnen, sondern bildet eine darüber stehende Einheit, wie der Wert eines einheitlich handelnden Lebewesens über dem seiner einzelnen Glieder.

Ich habe im vorigen Kapitel ausgeführt, dass der Geldpreis eines Gegenstandes, aus wie vielen Münzeinheiten er auch bestehe, dennoch als eine Einheit wirke: eine Million Mark, sagte ich, seien zwar an und für sich ein bloss additionales Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert etwa eines Landgutes seien sie das einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner Werthöhe und absolut nicht ein blosses Nebeneinander einzelner Werteinheiten.

Diese sachliche Bestimmung findet hier nun ihr personales Korrelat: die Beziehung auf die Einheit einer Person verwirklicht die Quantität des Geldes als Qualität, seine Extensität als Intensität, die aus dem bloss summierenden Nebeneinander seiner Bestandteile nicht erzielbar wäre.

Vielleicht lässt sich das auch so ausdrücken.

Das Geld, als das rein arithmetische Zusammen von Werteinheiten, kann als absolut formlos bezeichnet werden.

Formlosigkeit und reiner Quantitätscharakter sind eines und dasselbe; insofern Dinge nur auf ihre Quantität angesehen werden, wird von ihrer Form abgesehen -- was am deutlichsten geschieht, wenn man sie wägt.

Deshalb ist das Geld als solches der fürchterlichste Formzerstörer: denn welche Formungen der Dinge a, b und c auch der Grund sein mögen, dass sie alle den Preis m kosten, so wirkt die Unterschiedenheit derselben, also die spezifische Form eines jeden, in den so fixierten Wert ihrer nicht mehr hinein, sie ist in dem m, das nun a, b und c gleichmässig vertritt, untergegangen und macht innerhalb der wirtschaftlichen Schätzung gar keine Bestimmtheit dieser mehr aus.

Sobald das Interesse auf den Geldwert der Dinge reduziert ist, wird ihre Form, so sehr sie diesen Wert veranlasst haben mag, so gleichgültig, wie sie es für ihr Gewicht ist.

In dieser Richtung liegt auch der Materialismus der modernen Zeit, der selbst in seiner theoretischen Bedeutung irgend eine Wurzelgemeinschaft mit ihrer Geldwirtschaft haben muss: die Materie als solche ist das schlechthin Formlose, das Widerspiel aller Form, und wenn sie als das alleinige Prinzip der Wirklichkeit gilt, so ist an dieser ungefähr der gleiche Prozess vollzogen, wie ihn die Reduktion auf den Geldwert an den Gegenständen unseres praktischen (> 286) Interesses zuwege bringt.

Ich werde noch öfters davon zu sprechen haben, wie - in tiefem Zusammenhang mit der Schwellenbedeutung der Geldquanten - das Geld in ausserordentlich hohen Summen eine besondere, der leeren Quantitätshaftigkeit sich enthebende, gleichsam individuellere Gestalt gewinnt.

So nimmt, auch schon rein äusserlich, seine Formlosigkeit mit steigender Masse relativ ab: die kleinen Stücke des frühesten italischen Kupfergeldes blieben ungeformt oder erhielten höchstens eine rohe runde oder kubische Gestalt; dagegen die grössten wurden durchgängig in viereckige Barrenform gegossen und gewöhnlich auf beiden Seiten mit einer Marke versehen.

In der prinzipiellen Formlosigkeit eben des Geldes als Geldes schlechthin aber wurzelt die Feindseligkeit zwischen der ästhetischen Tendenz und den Geldinteressen.

Jene geht so sehr auf die blosse Form, dass man bekanntlich den eigentlich ästhetischen Wert z. B. aller bildenden Künste in die Zeichnung gesetzt hat, die als reine Form sich in jedem beliebigen stofflichen Quantum unverändert ausdrücken könne.

Das ist nun zwar als Irrtum zugegeben, ja, noch viel weitergehend, als es bisher anerkannt ist, wird man sagen müssen, dass die absolute Grösse, in der eine Kunstform sich darstellt, ihre ästhetische Bedeutung aufs erheblichste beeinflusse, und dass diese letztere durch jede kleinste Änderung der quantitativen Masse, bei absoluter Formgleichheit, sogleich modifiziert werde.

Aber darum bleibt doch der ästhetische Wert der Dinge nicht weniger auf ihrer Form, d. h. auf dem Verhältnis ihrer Elemente zueinander, haften, wenngleich wir jetzt wissen, dass der Charakter und die Wirkung dieser Form durch das Quantum, an dem sie wirklich wird, sehr wesentlich mitbestimmt wird.

Es ist vielleicht bezeichnend, dass zwar ausserordentlich viele Sprichwörter, aber von den unzähligen Volksliedern nur wenige sich mit dem Gelde, trotz seiner lebenbeherrschenden Bedeutung, zu befassen scheinen und dass selbst, wo um einer Münzveränderung willen ein Aufstand ausbrach, die bei dieser Gelegenheit entstehenden und im Volke verbreiteten Lieder die Münzsache selbst meistens beiseite lassen.

Es bleibt immer der unversöhnliche und für alle ästhetischen Interessen entscheidende Antagonismus der Betonung: ob man die Dinge nach dem Wert ihrer Form oder nach dem Wieviel ihres Wertes fragt, sobald dieser Wert ein bloss quantitativer, alle Qualität durch eine blosse Summe gleichartiger Einheiten ersetzender ist.

Man kann sogar direkt sagen, dass, je mehr der Wert eines Dinges in seiner Form beruht, sein Wieviel um so gleichgültiger wird.

Wenn die grössten Kunstwerke, die wir besitzen, etwa der delphische Wagenlenker und der Praxitelische Hermes, der Frühling von Botticelli (> 287) und die Mona Lisa, die Mediceergräber und Rembrandts Altersporträts - in tausend völlig ununterscheidbaren Exemplaren existierten, so wäre das zwar für das Glück der Menschheit ein grosser Unterschied, aber der ideale, objektiv ästhetische, oder wenn man will: kunstgeschichtliche Wert wäre dadurch absolut nicht über denjenigen Grad hinaus gesteigert, den das eine, jetzt vorhandene Exemplar darstellt.

Anders ist es schon mit kunstgewerblichen Gegenständen, bei denen die ästhetische Form eine völlige Einheit mit dem praktischen Gebrauchszweck bildet, so dass oft sogar die vollendetste Herausarbeitung dieses letzteren als der eigentliche ästhetische Reiz wirkt.

Hier ist es für den ganzen so geschaffenen Wert wesentlich, dass der Gegenstand auch gebraucht werde, und deshalb wächst seine ideale Bedeutung mit seiner Verbreitung: in dem Masse, in dem das Objekt ausser seiner Form noch anderen Wertelementen Raum gibt, wird auch das Wievielmal seiner Verwirklichung wichtig.

Das ist auch der tiefste Zusammenhang zwischen der ethischen Werttheorie Nietzsches und der ästhetischen Stimmung seines Wesens: der Rang einer Gesellschaft bestimmt sich ihm nach der überhaupt in ihr erreichten Höhe der Werte, wie einsam sie auch sei, nicht aber nach dem Verbreitungsmass von schätzbaren Qualitäten - wie der Rang einer Kunstepoche nicht von der Höhe und dem Quantum guter Durchschnittsleistungen, sondern nur von der Höhe der höchsten Leistungen abhängt.

So neigt der Utilitarier, dem es allein auf die ganz greifbaren Ergebnisse des Handelns ankommt, zum Sozialismus, mit seiner Betonung der Vielen und der Verbreitung erwünschter Lebensmomente, während der idealistische Ethiker, dem die - mehr oder weniger ästhetisch ausdrückbare - Form des Tuns am Herzen liegt, eher Individualist ist oder wenigstens, wie Kant, die Autonomie des Einzelnen vor allem betont.

So ist es doch auch auf dem Gebiet des subjektiven Glückes.

Von den äussersten Aufgipfelungen des Lebensgefühles, die gleichsam für das Ich seine vollste Ausprägung in dem Stoff des Daseins bedeuten, empfinden wir oft, dass sie sich gar nicht zu wiederholen brauchen.

Dies einmal genossen zu haben, gibt dem Leben einen Wert, der durch das Noch-Einmal eben desselben durchaus nicht verhältnismässig gesteigert wird.

Gerade solche Augenblicke, in denen das Leben ganz individuelle Zuspitzung geworden ist und den Widerstand der Materie - im weitesten Sinne seinem Fühlen und Wollen völlig unterworfen hat, bringen eine Atmosphäre mit sich, die man als Seitenstück der Zeitlosigkeit, der species aeternitatis bezeichnen könnte: eine Erhebung über die Zahl, wie dort über die Zeit.

Und wie ein Naturgesetz seine Bedeutung für Charakter und Zusammenhang der Welt nicht von der Zahl seiner (> 288) Verwirklichungsfälle entlehnt, sondern von der Tatsache, dass es überhaupt da ist, dass es, und kein anderes, gilt - so haben die Momente der höchsten Erhebung des Ich ihren Sinn für unser Leben darin, dass sie überhaupt einmal da waren, ohne dass eine Wiederholung, die ihrem Inhalt nichts hinzufügte, diesen Sinn vermehren könnte.

Kurz, allenthalben macht die Zuspitzung der Wertgefühle auf die Form gegen ihre Quantitätsmomente gleichgültiger, während ihre Formlosigkeit gerade auf diese als wert-entscheidende hinweist.

Solange noch nicht so grenzenlos viele Zweckreihen sich im Geld schneiden, wie auf den Höhen der geldwirtschaftlichen Kultur, und noch nicht fortwährendes Zerbröckeln und Wieder-Summieren jede Eigenstruktur seiner atomisiert und in absolute Flexibilität übergeführt hat - begegnen Erscheinungen, in denen das Geld noch spezifische Form zeigt.

Das ist da der Fall, wo eine höhere Summe nicht durch addierte kleinere ersetzt werden kann.

Ansätze dazu zeigt schon der Naturaltauschverkehr: bei manchen Völkern darf etwa Vieh nur gegen Eisen und Zeuge, nicht aber gegen - sonst tauschwertvollen - Tabak vertauscht werden.

Anderwärts, z. B. auf der Insel Yap, haben die ausserordentlich mannigfaltigen Geldsorten (Knochen, Perlmutterschalen, Steine, Glasstücke usw.) eine Rangordnung.

Trotzdem nämlich feststeht, ein wie Vielfaches der niederen Geldsorten die höheren gelten, so dürfen doch gewisse wertvollere Dinge, wie Boote oder Häuser, nicht etwa mit entsprechend vielen niederen Geldstücken, sondern müssen mit einer für jedes Objekt bestimmten, im Range hochstehenden Geldsorte bezahlt werden.

Für den Kauf von Frauen finden wir gleichfalls diese Beschränkung auf eine bestimmte Geldqualität, die nicht durch eine Quantität anderer ersetzbar ist, in Gültigkeit.

Und auch in umgekehrter Richtung gilt eben dieselbe: an einigen Stellen wird das Gold nie verwendet, um grössere Quanten geringerer Waren, sondern ausschliesslich um besonders kostbare Dinge einzukaufen.

Dieser Erscheinungskreis entspricht nicht etwa der Bestimmung unserer Goldwährung, nach der Zahlungen oberhalb einer gewissen Höhe in Gold verlangt werden können, während man für niedere anderes Metall annehmen muss; der prinzipielle und technische Unterschied zwischen Wertmünze und Scheidemünze, auf den dies zurückgeht, scheint für jene Usance nicht zu bestehen, sondern die Geldsorten scheinen eine einheitliche Reihe zu bilden, in der nur die höheren Glieder ihren quantitativen Inhalt zu einem besonderen, quantitativ nicht ausdrückbaren Formwert zusammenschliessen.

Dies ist ein vortreffliches Mittel, der Trivialisierung der Geldfunktion vorzubeugen, die die unvermeidliche Folge des blossen Quantitätscharakters ist, und ihr den sakralen Charakter (> 289) zu erhalten, den sie anfänglich so oft trägt.

Aber es ist auch der Hinweis, dass solche Form- oder Qualitätsbedeutungen des Geldes einer Primitivepoche angehören, in der es eben noch nicht bloss Geld, sondern ausserdem noch etwas ist.

Sehr viel schwächer, gleichsam verhallend, klingt dieser Ton noch in spärlichen Erscheinungen der höchsten Entwicklungsstufen mit.

So muss etwa die folgende ursprünglich auf eine Formbedeutung des Geldes zurückgehen: das französische Volk sagt lieber 20 Sous statt 1 Fr., lieber pièce de cent sous statt 5-Fr.- Stück usw.; auch kann man nicht gut: halber Franc sagen, sondern drückt diese Summe durch Sous oder Centimes aus.

Die gleiche Summe scheint also, in dieser Form vorgestellt, einigermassen andere Gefühlsreaktionen zu wecken, als in anderer.

Es hat denselben Sinn, wenn das Volk statt des abstrakten Wortes Geld gern einen Münzennamen, also eine bestimmte Formung des Geldes, verwendet, auch wo ausschliesslich Geld seinem Quantum nach gemeint ist: »Kein Kreuzer, keine Schweizer«, »Wo mit dem Taler geläutet wird, gehen alle Türen auf«, usw. Auch sonst ist bemerkt, dass das mit niederen Werten rechnende Volk bestimmte Grössen lieber durch Addition von unten her als durch Teilung von oben her bezeichnet.

Die Summe, die aus der Vervielfältigung der vertrauten Einheit hervorgegangen ist, scheint nicht nur ihre Bedeutung überschaubarer und vernehmlicher auszudrücken, sondern dieses subjektive Moment objektiviert sich in ein Gefühl, als sei die Summe, so ausgedrückt, auch an sich etwas Grösseres und Volleres, als wenn sie sich in anderen Faktoren darstellt.

Unterschiede in dieser Art waren in Norddeutschland zu beobachten, als an die Stelle der Taler die Markrechnung trat.

In der Übergangszeit waren »dreihundert Mark« vielfach von ganz anderen psychischen Obertönen begleitet als »hundert Taler«, die neue Form, in der der identische Inhalt sich ausdrückte, erschien umfänglicher, reichlicher als die andere, diese dagegen als konziser, bestimmter in sich geschlossen.

Dieser Art also sind die Erscheinungen, in denen die in allen anderen Dingen so wesentliche Form sich am Gelde wenigstens andeutet und die ihm sonst eigene unbedingte Identität der Summe, welche Form man ihr auch leihen mag, einigermassen unterbricht.

Was man im übrigen und im allgemeinen am Gelde dennoch als Form bezeichnen könnte, kommt ihm aus der Einheit der Persönlichkeit, die das Nebeneinander der Teile eines Vermögensbesitzes in ein Miteinander und eine Einheit verwandelt.

Deshalb hat auch ein Vermögen, namentlich ein erheblicheres, nicht die ästhetische Misslichkeit des Geldes im allgemeinen.

Und zwar liegt das nicht nur an den ästhetischen Möglichkeiten, die der Reichtum gewährt; sondern (> 290) teils neben diesen, teils sie fundamentierend, besteht das Bild eines Vermögens als die Form, die das Geld durch seine Beziehung zu einem persönlichen Zentrum gewinnt, die es von der abstrakten Vorstellung des Geldes überhaupt scheidet und ihren Charakter als Form durch den Unterschied einer solchen Vermögenseinheit gegen die gleiche, aber auf viele Personen verteilte Summe deutlich aufzeigt.

Wie sehr die Personalität des Besitzes seine Formbestimmtheit als solche trägt und betont, zeigt sich keineswegs nur am Geld.

Die Hufe des altgermanischen Vollfreien war ein unteilbarer Besitz, weil sie mit seiner Mitgliedschaft in der Markgenossenschaft solidarisch war, der Besitz floss aus der Person und hatte deshalb die gleiche Qualität der Einheit und Unteilbarkeit.

Und wenn man über den englischen Grundbesitz im Mittelalter vermutet hat, dass völlige Gleichheit der Lose immer auf unfreien Besitz, auf eine rationelle Landverteilung an Hintersassen seitens eines Herrn Anweisung gäbe, - so wäre es doch auch hier die einheitliche Persönlichkeit, wenngleich die unindividuelle und unfreie, die dem Besitz seine Umschriebenheit und Formbestimmtheit verleiht.

Die Verdinglichung des Besitzes, seine Lösung von der Person bedeutete zugleich einerseits die Möglichkeit, die Landstücke Vieler in einer Hand zu vereinigen, andrerseits das einzelne beliebig zu zerschlagen.

Mit der Personalität des Landbesitzes ging ebenso die Festigkeit wie die Wichtigkeit seiner Form verloren, er wurde ein Fliessendes, dessen Formung von Moment zu Moment durch sachliche Verhältnisse (in die natürlich fortwährend personale eingehen) aufgelöst und wieder gebildet wird, während die Solidarität des Besitzes mit der Person denselben mit der von innen kommenden Formeinheit des Ich durchdrungen hatte.

- Das Leben früherer Zeiten erscheint viel mehr an fest gegebene Einheiten gebunden, was ja nichts anderes bedeutet, als die hervorgehobene Rhythmik desselben, die die moderne Zeit in ein beliebig abteilbares Kontinuum auflöst.

Die Inhalte des Lebens - wie sie mehr und mehr durch das absolut kontinuierliche, unrhythmische, von sich aus jeder festumschriebenen Form fremde Geld ausdrückbar sind - werden gleichsam in so kleine Teile zerlegt, ihre abgerundeten Totalitäten so zerschlagen, dass jede beliebige Synthese und Formung aus ihnen möglich ist.

Damit erst ist das Material für den modernen Individualismus und die Fülle seiner Erzeugnisse geschaffen.

Ersichtlich leistet die Persönlichkeit, mit dem so gestalteten, oder eigentlich nicht gestalteten Stoffe neue Lebenseinheiten schaffend, ebendasselbe mit grösserer Selbständigkeit und Variabilität, was sie in dem früheren Falle in enger Solidarität mit stofflichen Einheiten geleistet hatte.(> 291)

Durch sein so charakterisiertes Wesen wird das Geld innerhalb der historisch-psychologischen Gebiete der vollendetste Repräsentant einer Erkenntnistendenz der modernen Wissenschaft überhaupt: der Reduktion qualitativer Bestimmungen auf quantitative.

Hier denkt man zunächst an die Schwebungen indifferenter Medien, die als die objektive Veranlassung unserer Farben- und Tonempfindungen gelten.

Rein quantitative Unterschiede der Oszillationen entscheiden darüber, ob wir so qualitativ Unterschiedenes wie grün oder violett sehen, oder wie das Contra-A oder das fünfgestrichene C hören.

Innerhalb der objektiven Wirklichkeit, von der nur Fragmente, zufällig und zusammenhangslos, in unser Bewusstsein hineinwirken, ist alles nach Mass und Zahl geordnet, und den qualitativen Verschiedenheiten unserer subjektiven Reaktionen entsprechen quantitative ihrer sachlichen Gegenbilder.

Vielleicht sind all die unendlichen Verschiedenheiten der Körper, die in ihren chemischen Beziehungen hervortreten, nur verschiedene Schwingungen eines und desselben Grundstoffes.

Soweit die mathematische Naturwissenschaft dringt, hät sie das Bestreben, unter Voraussetzung gewisser gegebener Stoffe, Konstellationen, Bewegungsursachen die Strukturen und Entwicklungen durch blosse Massformeln auszudrücken.

In anderer Form und Anwendung ist dieselbe Grundtendenz in all den Fällen wirksam, wo man frühere Annahmen eigenartiger Kräfte und Bildungen auf die Massenwirkung auch sonst bekannter, unspezifischer Elemente zurückgeführt hat: so in bezug auf die Bildung der Erdoberfläche, deren Gestalt man statt aus plötzlichen und unvergleichbaren Katastrophen jetzt vielmehr aus den langsam summierten, unmerklich kleinen, aber in unermesslicher Vielheit sich äussernden Wirkungen herleitet, die die fortwährend beobachtbaren Kräfte des Wassers, der Luft, der Pflanzendecke, der Wärme und Kälte ausüben.

Innerhalb der historischen Wissenschaften ist dieselbe Gesinnung bemerkbar: Sprache, Künste, Institutionen, Kulturgüter jeder Art erscheinen als das Resultat unzähliger minimaler Beiträge, das Wunder ihres Entstehens wird nicht durch die Qualität heroischer Einzelpersönlichkeiten, sondern durch die Quantität der zusammengeströmten und verdichteten Aktivitäten der ganzen historischen Gruppe erklärt; als die Objekte der Geschichtsforschung erscheinen mehr die kleinen, alltäglichen Vorgänge des geistigen, kulturellen, politischen Lebens, die durch ihre Summierung das historische Dasein in seiner Breite und seinen Entwicklungen schaffen, als die spezifisch individuellen Taten der Führer; und wo eine Prominenz und qualitative Unvergleichlichkeit Einzelner dennoch vorliegt, da wird sie als eine besonders glückliche Vererbung gedeutet, d. h. als eine (> 292) solche, die ein möglichst grosses Quantum angehäufter Energien und Errungenschaften der Gattung einschliesst und ausdrückt.

Ja, selbst innerhalb einer ganz individualistischen Ethik wird diese ebenso zur Weltanschauung gesteigerte wie in die Innerlichkeit des Gemütes hinabsteigende demokratische Tendenz mächtig; denn es begegnet die Behauptung, dass die höchsten Werte in dem alltäglichen Dasein und jedem seiner Momente, aber nicht in dem Heroischen, Katastrophenhaften, den hinausragenden Taten und Erlebnissen liegen, als welche immer etwas Zufälliges und Äusserliches hätten; mögen wir alle grossen Leidenschaften und unerhörten Aufschwünge durchkosten - ihr Ertrag sei doch nur, was sie für die stillen, namenlosen, gleichmässigen Stunden zurücklassen, in denen allein das wirkliche und ganze Ich lebt.

Endlich, die empiristische Neigung, die, trotz aller entgegengesetzten Erscheinungen und aller berechtigten Kritik, dennoch das Ganze der modernen Zeit am durchgehendsten charakterisiert und hier ihre innerste Form- und Gesinnungsverbindung mit der modernen Demokratie offenbart, setzt die möglichst hohe Zahl von Beobachtungen an die Stelle der einzelnen, divinatorischen oder rationalen Idee, sie ersetzt das qualitative Wesen dieser durch die Quantität der zusammengebrachten Einzelfälle; und dieser methodischen Absicht entspricht ganz der psychologische Sensualismus, der die sublimsten und abstraktesten Gebilde und Fähigkeiten unserer Vernunft für eine blosse Häufung und Steigerung der alltäglichsten sinnlichen Elemente erklärt.

Die Beispiele liessen sich leicht vermehren, die das wachsende Übergewicht der Kategorie der Quantität über die der Qualität zeigen, oder genauer: die Tendenz, diese in jene aufzulösen, die Elemente immer mehr ins Eigenschaftslose zu rücken, ihnen selbst etwa nur noch bestimmte Bewegungsformen zu lassen und alles Spezifische, Individuelle, qualitativ Bestimmte als das Mehr oder Weniger, das Grösser oder Kleiner, das Weiter oder Enger, das Häufiger oder Seltener jener an sich farblosen, eigentlich nur noch der numerischen Bestimmtheit zugängigen Elemente und Bewusstheiten zu erklären - mag diese Tendenz auch mit irdischen Mitteln ihr Ziel nie absolut erreichen können.

Das Interesse an dem Wieviel, so sehr es einen angebbaren realen Sinn nur in der Verbindung mit dem Was und Wie besitzt und für sich allein nur eine Abstraktion darstellt, gehört zu den Grundlagen unseres geistigen Wesens, es ist der Einschlag in den Zettel der Qualitätsinteressen; wenn also auch beide zusammen erst ein Gewebe ergeben und deshalb die ausschliessliche Betonung des einen logisch nicht zu rechtfertigen ist, so ist sie doch psychologisch eine der grossen Differenzierungen der Perioden, der Individuen, der (> 293) Seelenprovinzen.

Was Nietzsche von allen sozialistischen Wertungen scheidet, kann sich nicht schärfer als darin zeichnen, dass ihm ausschliesslich die Qualität der Menschheit eine Bedeutung besitzt, so dass nur das eine jeweilige höchste Exemplar über den Wert der Epoche entscheidet, während für den Sozialismus gerade nur das Verbreitungsmass erwünschter Zustände und Werte in Frage kommt.

Die oben angeführten Beispiele der modernen Quantitätstendenz zeigen ersichtlich zwei Typen: erstens, die objektiven Substanzen und Ereignisse, die den qualitativ unterschiedenen subjektiven Vorstellungen zum Grunde liegen, sind ihrerseits nur quantitativ unterschieden; zweitens, auch im Subjektiven erzeugt die blosse Häufung der Elemente oder Kräfte Erscheinungen, deren Charakter sich von den quantitativ anders bedingten spezifisch und nach Wertgesichtspunkten unterscheidet.

Nach beiden Richtungen hin erscheint das Geld als Beispiel, Ausdruck oder Symbol der modernen Betonung des Quantitätsmomentes.

Die Tatsache, dass immer mehr Dinge für Geld zu haben sind, sowie die damit solidarische, dass es zum zentralen und absoluten Wert auswächst, hat zur Folge, dass die Dinge schliesslich nur noch so weit gelten, wie sie Geld kosten, und dass die Wertqualität, mit der wir sie empfinden, nur als eine Funktion des Mehr oder Weniger ihres Geldpreises erscheint.

Unmittelbar hat dieses Mehr oder Weniger die doppelte Folge: im Subjekt die entgegengesetzten Gefühle, das tiefste Leid und die höchste Beseligung samt allen Mittelgliedern zwischen diesen Polen hervorzurufen, wie es seitens Anderer in die nicht weniger reiche Skala zwischen verächtlicher Gleichgültigkeit und kniebeugender Verehrung einzustellen.

Und in einer anderen Dimension strahlt das Geld sowohl nach der Seite des Viel wie des Wenig sogar gleichmässige Wertbedeutungen aus: der typische moderne Mensch schätzt die Dinge, weil sie sehr viel kosten, und er schätzt sie, weil sie sehr wenig kosten.

Dass die Geldbedeutung sich der Sachbedeutung substituiert, kann nicht radikaler ausgedrückt werden als durch die gleichsinnige - wenn auch natürlich nicht für jeden einzelnen Fall gleichsinnige - Wirkung des Viel und des Wenig des Geldes.

Je zentraler ein Gedanke oder ein Wert seine Provinz beherrscht, von um so gleichmässigerer Stärke wird die Wichtigkeit sein, die er sowohl mit positivem wie mit negativem Vorzeichen entfaltet.

- Andrerseits, im Objektiven, bewirkt das Anwachsen der Geldquantität überhaupt wie seine Akkumulierung in einzelnen Händen eine Steigerung der sachlichen Kultur, eine Herstellung von Produkten, Geniessbarkeiten und Lebensformen, von deren Qualitäten bei geringeren oder anders verteilten (> 294) Geldquantitäten gar nicht die Rede hätte sein können.

Ja, man möchte sogar jene Quantitätstendenz am Geld radikaler verwirklicht meinen als auf irgendeinem anderen, diesseits der Metaphysik liegenden Gebiete.

Denn wo immer wir qualitative Tatsächlichkeiten auf quantitative Verhältnisse zurückgliedern, bleiben die Elemente physischer, personaler, psychischer Art -, deren Mehr oder Weniger den besonderen Erfolg entscheidet, an sich selbst doch in irgendeinem Masse qualitativ charakterisiert; man mag diese Bestimmtheit immer weiter zurückschieben, so dass die gestern noch unauflösliche Qualität des Elementes heute ihrerseits als eine Modifikation nach Mass und Zahl erkennbar wird; dieser Prozess aber geht ins Unendliche und lässt in jedem gegebenen Augenblick noch eine qualitative Bestimmtheit der Elemente bestehen, um deren Wieviel es sich handelt.

Nur der Metaphysik mag die Konstruktion absolut eigenschaftsloser Wesenheiten gelingen, die, nach rein arithmetischen Verhältnissen zusammengeordnet und bewegt, das Spiel der Welt erzeugen.

Im Gebiet der Erscheinungen aber erreicht nur das Geld diese Freiheit von allem Wie, diese alleinige Bestimmtheit nach dem Wieviel.

Während wir nirgends das reine Sein oder die reine Energie ergreifen können, um aus ihren quantitativen Modifikationen die Besonderheit der Erscheinungen hervorgehen zu lassen, vielmehr zu allen spezifischen Dingen ihre Elemente und Ursachen schon irgendeine Beziehung (wenngleich nicht immer Ähnlichkeit) haben - ist das Geld von den entsprechenden Beziehungen zu dem, was darüber und dadurch wird, völlig gelöst; der reine ökonomische Wert hat einen Körper gewonnen, aus dessen Quantitätsverhältnissen nun alle möglichen eigenartigen Gebilde hervorgehen, ohne dass er etwas anderes als eben seine Quantität dafür einzusetzen hätte.

So erreicht auch hier eine der grossen Tendenzen des Lebens - die Reduktion der Qualität auf die Quantität - im Geld ihre äusserste und allein restlose Darstellung; auch hier erscheint es als der Höhepunkt einer geistesgeschichtlichen Entwicklungsreihe, der die Richtung derselben erst unzweideutig festlegt. (> 295)


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