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Georg Simmel: Philosophie des Geldes

Inhalt

1. Kapitel (Analytischer Teil): Wert und Geld.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

2. Kapitel (Analytischer Teil): Der Substanzwert des Geldes.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

3. Kapitel (Analytischer Teil): Das Geld in den Zweckreihen.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

4. Kapitel (Synthetischer Teil): Die individuelle Freiheit.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

5. Kapitel (Synthetischer Teil): Das Geldäquivalent personaler Werte.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

6. Kapitel (Synthetischer Teil): Der Stil des Lebens.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

4. Kapitel (Synthetischer Teil): Die individuelle Freiheit.

Teil I

Die mit Verpflichtungen zusammenbestehende Freiheit danach abgestuft, ob jene sich auf die Persönlichkeit oder auf die Arbeitsprodukte erstrecken; die Geldverpflichtung als die Form, mit der die äußerste Freiheit vereinbar ist.

Einstellung in das Problem der Maximisierung der Werte durch den Besitzwechsel. Kulturelle Steigerung der Personenzahl, von der man abhängt, unter gleichzeitigem Sinken der Bindungen an individuell bestimmte Personen.

Das Geld als der Träger der unpersönlichen Beziehungen zwischen Personen und dadurch der individuellen Freiheit.

Man kann die Entwicklung jedes menschlichen Schicksals von dem Gesichtspunkte aus darstellen, daß es in einer ununterbrochenen Abwechslung von Bindung und Lösung, von Verpflichtung und Freiheit verläuft.

Dieser erste Überschlag indes stellt eine Scheidung dar, deren Schroffheit die nähere Betrachtung mildert.

Was wir nämlich als Freiheit empfinden, ist tatsächlich oft nur ein Wechsel der Verpflichtungen; indem sich an die Stelle der bisher getragenen eine neue schiebt, empfinden wir vor allen Dingen den Fortfall jenes alten Druckes, und weil wir von ihm frei werden, scheinen wir im ersten Augenblick überhaupt frei zu sein - bis die neue Pflicht, die wir zuerst gleichsam mit bisher geschonten und deshalb besonders kräftigen Muskelgruppen tragen, mit der allmählichen Ermüdung derselben ihr Gewicht geltend macht und nun der Befreiungsprozeß ebenso an sie ansetzt, wie er vorher in ihr gemündet hatte.

Dieses Schema vollzieht sich nicht an allen Bindungen mit quantitativer Gleichheit: es gibt vielmehr gewisse, mit welchen der Ton der Freiheit länger, intensiver, bewußter, verbunden ist als mit anderen; manche Leistungen, die nicht weniger streng gefordert werden als andere und im ganzen die Kräfte der Persönlichkeit nicht weniger beanspruchen, scheinen dennoch dieser ein besonders großes Maß von Freiheit zu gewähren.

Der Unterschied der Verpflichtungen, der diesen Unterschied der damit verträglichen Freiheit zur Folge hat, weist folgenden Typus auf.

Jeder Verpflichtung, die nicht einer bloßen Idee gegenüber besteht, entspricht das Forderungsrecht eines anderen: weshalb denn die Moralphilosophie allenthalben die sittliche Freiheit mit denjenigen Verpflichtungen identifiziert, die ein ideeller oder gesellschaftlicher Imperativ oder die das eigne Ich uns auferlegt.

Der Anspruch des anderen kann das persönliche Tun und Leisten des Verpflichteten zum Inhalt haben; oder er kann wenigstens das unmittelbare Ergebnis der persönlichen Arbeit betreffen; oder es kann sich endlich bloß um ein bestimmtes Objekt handeln, auf (> 298) dessen Genuß der Berechtigte Anspruch hat, während er auf den Weg, auf dem der Verpflichtete dasselbe beschafft, keinen Einfluß mehr besitzt.

Diese Skala ist zugleich die der Freiheitsgrade, die mit der Leistung zusammen bestehen.

Gewiß werden im ganzen alle Verpflichtungen durch das persönliche Tun des Subjektes solviert; allein es ist ein großer Unterschied, ob das Recht des Berechtigten sich unmittelbar auf die leistende Persönlichkeit erstreckt, oder nur auf das Produkt ihrer Arbeit; oder endlich auf das Produkt an und für sich, gleichviel durch welche Arbeit und ob überhaupt durch eigene, der Verpflichtete dazu gekommen ist.

Selbst bei objektiv gleich großen Vorteilen des Berechtigten wird der erste dieser Fälle die Freiheit des Verpflichteten völlig binden, der zweite ihr schon etwas größeren, der dritte sehr erheblichen Spielraum gewähren.

Das extremste Beispiel des ersten Falles ist die Sklaverei; hier betrifft die Verpflichtung überhaupt nicht eine irgendwie objektiv bestimmte Leistung, sondern den Leistenden selbst; sie umschließt die Betätigung aller überhaupt vorhandenen Spannkräfte des Subjektes.

Wenn in modernen Verhältnissen derartige Pflichten, welche die Leistungskraft überhaupt, aber nicht das objektiv bestimmte Resultat derselben betreffen - wie bei gewissen Arbeiterkategorien, Beamten, Dienstboten - dennoch der Freiheit keine allzu große Gewalt antun, so folgt dies entweder aus der zeitlichen Beschränkung der Leistungsperioden oder aus der Möglichkeit der Wahl zwischen den Personen, denen man sich verpflichten will, oder aus der Größe der Gegenleistung, die den Verpflichteten sich doch zugleich als einen Berechtigten fühlen läßt.

Auf jener Stufe befinden sich ferner die Hörigen, solange sie schlechthin und mit ihrer gesamten Arbeitskraft dem Herrnhofe angehören, bzw. solange ihre Dienste »ungemessen« sind.

Der Übergang zur zweiten vollzieht sich, indem die Dienste zeitlich beschränkt werden (womit nicht gesagt sein soll, daß diese Stufe historisch immer die spätere war; im Gegenteil, die Verschlechterung der bäuerlichen Freiheit führt sehr oft von dem zweiten zum ersten Verhältnis).

Vollständig wird diese zweite Stufe erreicht, wenn anstatt der bestimmten Arbeitszeit und Kraft ein bestimmtes Arbeitsprodukt verlangt wird.

Innerhalb dieser Stufe ist nun die Graduierung zu beobachten: daß der herrschaftliche Untertan entweder einen aliquoten Teil der Bodenerträge - etwa die zehnte Korngarbe - abzuliefern hat, oder ein ein für allemal fixiertes Quantum an Getreide, Vieh, Honig usw.

Obgleich der letztere Modus unter Umständen der härtere und schwierigere sein kann, so läßt er doch andrerseits dem Verpflichteten auch wieder größere individuelle Freiheit, denn er macht den Grundherrn gleichgültiger gegen die Wirtschaftsart des (> 299) Bauern: wenn er nur soviel produziert, daß jene bestimmte Abgabe herauskommt, so hat jener kein Interesse an dem Gesamtertrage, was bei der aliquoten Abgabe sehr erheblich der Fall ist und zu Beaufsichtigungen, Zwangsmaßregeln, Bedrängungen führen muß.

Die Fixierung der Abgaben auf ein absolutes statt eines relativen Quantums ist schon eine Übergangserscheinung, die auf die Geldablösung hinweist.

Freilich könnte, prinzipiell betrachtet, auf dieser ganzen Stufe schon vollständige Freiheit und Lösung der Persönlichkeit als solcher aus dem Pflichtverhältnisse gegeben sein; denn dem Berechtigten kommt es nur darauf an, daß er die bestimmte objektive Abgabe erhält, der Pflichtige mag sie hernehmen, wo er will.

Allein tatsächlich kann er sie bei dieser Wirtschaftsführung nirgends hernehmen als aus der eigenen Arbeit, und auf dieser Grundlage ist auch das Verhältnis errichtet.

Die Betätigung der Persönlichkeit war durch ihre Verpflichtungen eindeutig bestimmt.

Und dies ist der allgemeine Typus, wo nur immer in der Naturalwirtschaft Leistung zu Gegenleistung verpflichtet: Leistung und Persönlichkeit tritt allerdings bald soweit auseinander, daß der Verpflichtete prinzipiell das Recht haben würde, seine Persönlichkeit ganz aus der Leistung zurückzuziehen und diese rein objektiv, etwa durch die Arbeit eines anderen hergestellt, zu prästieren.

Aber in Wirklichkeit schließt die ökonomische Verfassung dies so gut wie aus, und durch das schuldige Produkt hindurch und in ihm bleibt das Subjekt selbst verpflichtet, die persönliche Kraft in einer bestimmten Richtung gebunden.

Wie sehr immerhin das Prinzip der Sachlichkeit gegenüber dem der Persönlichkeit eine Wendung zur Freiheit bedeutet, zeigt z. B. die im 13- Jahrhundert sehr vorschreitende Lehnsfähigkeit der Ministerialen.

Durch diese nämlich wurde ihre bisher persönliche Abhängigkeit in eine bloß dingliche verwandelt und sie dadurch in allen anderen als Lehnsangelegenheiten unter das Landrecht, d. h. in die Freiheit, gestellt.

Es ist genau in demselben Sinn, wenn begabte Persönlichkeiten, die zur Lohnarbeit genötigt sind, es heutzutage vorziehen, einer Aktiengesellschaft mit ihrem streng objektiven Betriebe, als einem Einzelunternehmer zu dienen; oder wenn der Dienstbotenmangel daher entsteht, daß die Mädchen die Fabrikarbeit dem Dienst bei einer Herrschaft vorziehen, in dem sie zwar materiell besser gestellt sind, aber sich in der Unterordnung unter subjektive Persönlichkeiten weniger frei fühlen. - Die dritte Stufe, bei der aus dem Produkt die Persönlichkeit wirklich ausgeschieden ist und der Anspruch sich gar nicht mehr in diese hineinerstreckt, wird mit der Ablösung der Naturalabgabe durch die Geldabgabe erreicht.

Man hat es deshalb gewissermaßen als eine magna charta der persönlichen Freiheit im Gebiete (> 300) des Privatrechts bezeichnet, wenn das klassische römische Recht bestimmte, jeder beliebige Vermögensanspruch dürfe bei Verweigerung seiner Naturalerfüllung in Geld solviert werden; das ist also das Recht, jede persönliche Verpflichtung mit Geld abzukaufen.

Der Grundherr, der ein Quantum Bier oder Geflügel oder Honig von seinem Bauern fordern darf, legt dadurch die Tätigkeit desselben in einer bestimmten Richtung fest; sobald er nur Geldzins erhebt, ist der Bauer insoweit völlig frei, ob er Bienenzucht, Viehzucht oder was sonst treiben will.

Auf dem Gebiete persönlicher Arbeitsdienste vollzieht sich der formal gleiche Prozeß mit der Berechtigung, einen Ersatzmann zu stellen, den die andre Partei, wenn er sachlich einwandfrei ist, akzeptieren muß.

Diese Berechtigung, die das Verhältnis seinem Sinne nach auf eine ganz neue Basis stellt, muß wie die Geldablösung oft erst erkämpft werden, weil man wohl fühlt, daß sie, wie auch die Geldablösung, der Weg zur Lösung der Verpflichtung überhaupt ist.

Die Verfasser des Domesday Survey wählten charakteristischerweise für die Bauern, die ihre Frohnden durch regelmäßige Geldleistungen ersetzten, Ausdrücke, die bezeichnen sollten, daß sie weder ganz frei, noch ganz untertan wären.

Nur an den Namen der Geldzinse haftete noch lange ihr Ursprung aus Naturallieferungen: es wurden Küchensteuer, Faßpfennige, Herbergsgelder (statt der Beherbergung der umherreisenden Herren und ihrer Beamten), Honigpfennige usw. erhoben.

Als Übergangsstufe tritt oft ein, daß die ursprüngliche Naturalabgabe in Geld taxiert und dieser Betrag als stellvertretend für sie gefordert wurde.

Diese vermittelnde Erscheinung findet sich auch in Verhältnissen, die von dem hier behandelten Beispiel weit abliegen: in Japan wurden noch 1877 alle Zinsen und Steuern entweder in Reis bezahlt oder in Reis kalkuliert und in Geld bezahlt -entsprechend wie unter der Königin Elisabeth bei der Vermietung gewisser, den Universitäten gehöriger Ländereien der Pachtschilling in Korn vereinbart, obgleich offenbar in Silber erlegt wurde.

Damit wird wenigstens die Identität des Wertquantums der Pflicht noch betont, während sie schon jede durch Inhaltsbestimmtheit bewirkte persönliche Bindung abgestreift hat.

Wenn das ius primae noctis wirklich irgendwo bestanden hat, so nimmt es seine Entwicklung über analoge Stufen; jenes Recht des Grundherrn hatte das Ganze der verpflichteten Persönlichkeit, die Hingabe ihres zentralsten Habens oder vielmehr Seins zum Inhalt gehabt: dies wäre der Preis gewesen, um den er der Untertanin das Recht zur Eheschließung einräumte.

Die nächste Stufe ist, daß er dieses Recht - das er jederzeit noch versagen kann - gegen Zahlung einer Geldsumme gibt; die dritte, daß sein Einspruchsrecht (> 301) überhaupt fortfällt, daß der Untertan vielmehr frei ist, sich zu verheiraten, sobald er dem Herrn eine festgesetzte Summe: Brautgeld, Ehegeld, Frauengeld oder ähnliches zahlt.

Die Befreiung der Persönlichkeit wird also auf der zweiten Stufe zwar schon auf Geld gestellt, aber doch nicht ausschließlich, indem immerhin noch die Einwilligung des Grundherrn gewonnen werden mußte, die man nicht erzwingen konnte.

Das Verhältnis wird erst vollständig entpersonalisiert, wenn gar kein anderes Moment als das der Geldzahlung darüber entscheidet.

Höher kann die persönliche Freiheit vor dem Wegfall jedes bezüglichen Rechtes des Grundherrn nicht steigen, als wenn die Verpflichtung des Untertanen in eine Geldabgabe verwandelt ist, die der Grundherr annehmen muß.

Deshalb hat denn auch -vielfach die Verringerung und die schließlich völlige Ablösung der bäuerlichen Dienste und Lieferungen ihren Weg über ihre Umwandlung in Geldbezüge genommen.

Dieser Zusammenhang zwischen Geldleistung und Befreiung kann unter Umständen von dem Berechtigten als so wirksam vorgestellt werden, daß er selbst das lebhafteste Interesse an barem Gelde übertönt.

Die Umwandlung der bäuerlichen Frohnden und Naturallieferungen in Geldzinse hatte in Deutschland seit dem 12. Jahrhundert begonnen; und gerade dadurch wurde sie unterbrochen, daß der Kapitalismus im 14. und 15. Jahrhundert auch die Grundherren ansteckte.

Denn sie erkannten, daß die naturalen Leistungen außerordentlich viel dehnbarer und willkürlich vermehrbarer waren als die Geldzinsungen, an deren quantitative, zahlenmäßige Bestimmtheit nicht mehr zu rühren war.

Dieser Vorteil der Naturalleistungen erschien ihnen groß genug, um ihre Habgier gerade in dem Augenblick daran festhalten zu lassen, in dem im übrigen die Geldinteressen bei ihnen herrschend wurden. Es ist eben dieser Grund, aus dem man überhaupt den Bauer nicht will zu Gelde kommen lassen.

Der englische Hintersasse durfte ganz allgemein kein Stück Vieh ohne besondere Erlaubnis seines Lords verkaufen.

Denn durch den Viehverkauf bekam er Geld in die Hand, mit dem er anderswo Land erwerben und sich den Verpflichtungen gegen seinen bisherigen Herrn entziehen konnte.

- Der äußerste Grad des Befreiungsprozesses wird durch eine Entwicklung innerhalb der Geldabgabe selbst erreicht: indem statt des periodischen Zinses eine einmalige Kapitalzahlung erfolgt.

Wenngleich der objektive Wert in beiden Formen der identische sein mag, so ist doch der Reflex auf das Subjekt ein ganz verschiedener.

Die einzelne Zinszahlung läßt zwar, wie hervorgehoben, dem Pflichtigen völlige Freiheit in bezug auf das eigene Tun, wenn er nur das erforderliche Geld erwirbt; allein die Regelmäßigkeit der Abgaben zwingt dieses Tun in ein bestimmtes, (>302) ihm von einer fremden Macht aufgedrungenes Schema, und so wird denn erst mit der Kapitalisierung der Abgaben diejenige Form jeglicher Verpflichtungen erreicht, die zugleich der größten persönlichen Freiheit entspricht.

Erst mit der Kapitalzahlung ist die Verpflichtung restlos in Geldleistung übergegangen, während die Zinszahlung durch ihre regelmäßige Periodizität noch ein wenigstens formelles Element von Gebundenheit über das bloße Wertquantum hinaus enthält.

Dieser Unterschied tritt etwa so hervor: im 13- Jahrhundert und noch später votierte das englische Parlament öfters, daß die Shires eine bestimmte Anzahl von Soldaten oder Arbeitern für den König zu liefern hätten; regelmäßig aber lösten die Repräsentantenversammlungen der Shires die Gewähr von Menschen gegen eine Geldleistung ab.

So viel personale Freiheit damit aber auch gerettet war - es unterscheidet sich doch wesentlich von jenen Rechten und Freiheiten, die das englische Volk seinen Königen durch einmalige Geldvotierungen abkaufte.

Wenn derjenige, der das Kapital erhält, damit all den Unsicherheiten enthoben ist, denen er bei einzelnen Zinsungen unterliegt, so ist das entsprechende Äquivalent dafür auf der Seite des Leistenden, daß seine Freiheit nun aus der labilen Form, die sie bei immer wiederholter Zinsung aufweist, in die stabile übergeht.

Die Freiheit des englischen Volkes seinen Königen gegenüber beruht zum Teil darauf, daß es sich durch Kapitalzahlungen ein für allemal in Bezug auf bestimmte Rechte mit ihnen auseinandersetzte: pro hac concessione, sagt z. B. eine Urkunde Heinrichs III., dederunt nobis quintam decimam partem omnium mobilium suorum.

Nicht trotzdem, sondern gerade weil eine solche Handelschaft um die Freiheiten des Volkes einen etwas brutalen, äußerlichen, mechanischen Charakter trägt, bedeutet sie ein reinliches Sichabfinden miteinander, den völligsten Gegensatz gegen die Empfindung des Königs, daß sich »kein Blatt Papier zwischen ihn und sein Volk drängen sollte« -aber eben deshalb auch eine radikale Beseitigung aller der Imponderabilien gemütvollerer Beziehungen, die bei einem weniger geldgeschäftsmäßigen Erwerb von Freiheiten oft die Handhabe bieten, sie zurückzunehmen oder illusorisch zu machen.

Ein gutes Beispiel der stufenweisen Entwicklung, in der die Geldablösung der Naturalleistung die Befreiung des Individuums trägt, vollzieht sich an der Verpflichtung der Untertanen, Bürger und Hintersassen, ihre Landesherren bzw. Beamte, Schirmvögte, Gerichtsherren bei ihren Reisen zu beherbergen und zu verpflegen. Diese Last stammte aus dem alten Königsdienste und erlangte im Mittelalter eine sehr bedeutende Ausdehnung.

Es ist der erste Schritt zur Sachlichkeit und Unpersönlichkeit dieser Verpflichtung, wenn dieselbe streng umgrenzt (> 303) wird; so finden wir schon früh genau vorgeschrieben, wie viele Ritter und Knechte beherbergt werden müssen, wie viele Pferde und Hunde mitgebracht werden dürfen, wieviel Brot, Wein, Fleisch, Schüsseln, Tischtücher usw. zu liefern sind.

Immerhin, sobald unmittelbar Beherbergung und Atzung stattfand, mußten einerseits die Grenzen der Leistungen leicht ins Schwanken geraten, andrerseits trugen sie entschieden den Charakter der persönlichen Beziehung.

Demgegenüber ist es die entwickeltere Stufe, wenn wir hören, daß bloße Lieferungen von Naturalien ohne Beherbergung stattfanden; dabei konnten die Abmessungen des Quantums viel genauer sein, als wenn die Personen beherbergt und satt gemacht werden sollten.

So heißt es, der Graf von Rieseck sollte eine bestimmte Abgabe Korn erhalten: »Davon sul man syme gesinde brot backen, wan er in dem Dorf zu Crotzenburg ist, off daz er die arme lüde in dem dorff nit furter besweren oder schedigen solle.« Diese Entwicklung führt weiter dahin, daß feste Geldleistungen gelegentlich der Anwesenheit der hohen Herren bei ihren Reisen und Gerichtssitzungen stipuliert werden.

Und endlich wird auch das hierin noch liegende variable und personale Moment beseitigt, indem diese Leistungen in ständige Abgaben übergeführt werden, die als Atzgeld, Herrentaggeld, Reisigvogtgeld, auch dann erhoben wurden, als die alten Amtsreisen der Richter usw. durch ganz andere Organisationen ersetzt wurden.

Das war der Weg, auf dem die Leistungen solcher Art schließlich ganz fortfielen und in der allgemeinen Steuerleistung der Untertanen aufgingen, der sozusagen jede spezifische Formung fehlt und die deshalb das Korrelat der persönlichen Freiheit der Neuzeit ist.

In solchen Fällen von Ablösung der naturalen Leistungen durch Geldzahlungen pflegt der Vorteil auf beiden Seiten zu sein.

Dies ist eine sehr merkwürdige und zur Einstellung in größere Zusammenhänge auffordernde Tatsache.

Wenn man von der Vorstellung ausgeht, daß das zum Genuß verfügbare Güterquantum ein begrenztes ist; daß es den vorhandenen Ansprüchen nicht genügt; daß endlich »die Welt weggegeben ist«, das heißt, daß im allgemeinen jedes Gut seinen Besitzer hat - so folgt daraus, daß, was dem einen gegeben wird, dem anderen genommen werden muß.

Zieht man hier nun alle die Fälle ab, in denen dies ersichtlich nicht gilt, so bleiben doch immer noch unzählig viele, in denen die Bedürfnisbefriedigung des einen nur auf Kosten des anderen erfolgen kann.

Wollte man dies als das oder ein Charakteristikum oder Fundament unseres Wirtschaftens ansehen, so würde es sich in alle jene Weltanschauungen einordnen, die überhaupt das Quantum der der Menschheit beschiedenen Werte - der Sittlichkeit, des Glückes, der Erkenntnis - für ein seiner oder (>304) ihrer Natur nach unveränderliches halten, so daß nur die Formen und die Träger desselben wechseln können.

Schopenhauer neigt sich der Annahme zu, daß jedem Menschen sein Maß von Leiden und Freuden von vornherein durch seine Wesensart bestimmt ist; es könne weder überfüllt werden noch leer bleiben, und alle äußeren Umstände, auf die wir unser Befinden zu schieben pflegen, stellten nur einen Unterschied in der Form, jenes unveränderliche Lust- und Leidquantum zu empfinden, dar.

Erweitert man diese individualistische Vorstellung auf die menschliche Gesamtheit, so erscheint all unser Glücksstreben, die Entwicklung aller Verhältnisse, aller Kampf um Haben und Sein als ein bloßes Hin- und Herschieben von Werten, deren Gesamtsumme dadurch nicht verändert werden kann, so daß aller Wechsel in der Verteilung nur die fundamentale Erscheinung bedeutet, daß der eine jetzt besitzt, was der andere - freiwillig oder nicht - weggegeben hat.

Diese Erhaltung der Werte entspricht ersichtlich einer pessimistisch-quietistischen Weltansicht; denn je weniger man uns imstande glaubt, wirklich neue Werte hervorzubringen, um so wichtiger ist es, daß auch keiner wirklich verloren gehe.

In paradoxer Konsequenz lehrt das die in Indien verbreitete Vorstellung, daß, wenn man einen heiligen Asketen zu Falle bringe, sein Verdienst auf den Versucher übergehe.

Aber auch direkt gegenteilige Erscheinungen sind zu beachten.

Mit allen jenen Gemütsverhältnissen, deren Glück nicht nur in dem Gewinnen, sondern ebenso in dem eigenen Sichhingeben liegt, und wo jeder wechselseitig und gleichmäßig durch den anderen bereichert wird, erwächst ein Wert, dessen Genuß nicht durch die Entbehrung einer Gegenpartei erkauft wird.

Ebensowenig bedeutet die Mitteilung intellektueller Güter, daß dem einen genommen werden muß, was der andere genießen soll; wenigstens kann nur eine an das Pathologische streifende Empfindungssubtilität sich wirklich beraubt fühlen, wenn irgendein objektiver geistiger Inhalt nicht mehr subjektiv-ausschließliches Eigentum ist, sondern von anderen nachgedacht wird.

Im ganzen kann man vom geistigen Besitz, wenigstens soweit er sich nicht in ökonomischen fortsetzt, sagen, daß er nicht auf Kosten eines anderen gewonnen wird, weil er nicht aus einem Vorrat genommen ist, sondern selbst bei aller Gegebenheit seines Inhaltes doch schließlich aus dem eigenen Bewußtsein des Erwerbers erzeugt werden muß.

Diese Versöhnung der Interessen, die hier aus der Natur des Objektes hervorgeht, gilt es nun offenbar auch auf denjenigen ökonomischen Gebieten herzustellen, wo die Konkurrenz um die Befriedigung des einzelnen Bedürfnisses jeden nur auf Kosten eines anderen bereichert.

Es gibt zwei Typen von Mitteln, um diesen (> 305) Zustand in jenen vollkommeneren überzuführen: das nächstliegende ist die Ablenkung des Kampfes gegen den Mitmenschen in den Kampf gegen die Natur.

In dem Maße, in dem man weitere Substanzen und Kräfte aus dem noch unokkupierten Vorrat der Natur in die menschlichen Nutznießungen hineinzieht, werden die bereits okkupierten von der Konkurrenz um sie entlastet.

Die Sätze von der Erhaltung des Stoffes und der Energie gelten glücklicherweise nur für das absolute Ganze der Natur, nicht aber für denjenigen Ausschnitt derselben, den das menschliche Zweckhandeln für sich designiert; dies relative Ganze ist allerdings ins unbestimmte vermehrbar ' indem wir immer mehr Stoffe und Kräfte in die für uns zweckmäßige Form bringen, gleichsam annektieren können.

Selbst aus demjenigen, was seinem Umfange nach bereits okkupiert ist, lehrt uns fortschreitende Technik immer weitere Nutzungen gewinnen: der Übergang von der extensiven zur intensiven Wirtschaft vollzieht sich keineswegs nur auf dem Gebiete der Bodenkultur, sondern an jeder Substanz, die in immer feinere Teile zu immer spezielleren Nutzungen zerlegt, oder deren latente Kräfte immer vollständiger entbunden werden.

Die so nach verschiedenen Dimensionen gehende Ausdehnung des menschlichen Machtgebietes, die es zur Unwahrheit macht, daß die Welt weggegeben ist, und die die Bedürfnisbefriedigung nicht erst an einen Raub irgend welcher Art knüpft - könnte man den substanziellen Fortschritt der Kultur nennen.

Neben diesem steht nun, zweitens, was man als den funktionellen Fortschritt bezeichnen dürfte.

Bei diesem handelt es sich darum, für den Besitzwechsel bestimmter gegebener Objekte die Formen zu finden, welche denselben für beide Parteien vorteilhaft machen: zu einer solchen Form kann es ursprünglich nur dann gekommen sein, wenn der erste Besitzer die physische Macht besaß, den von anderen begehrten Gegenstand festzuhalten, bis ihm ein entsprechender Gegenvorteil geboten wurde; denn anderenfalls würde ihm der Gegenstand einfach weggenommen werden.

Der Raub, vielleicht das Geschenk erscheint als die primitivste Stufe des Besitzwechsels, auf der also der Vorteil noch ganz auf der einen, die Last ganz auf der anderen Seite ruht.

Wenn sich über dieser nun die Stufe des Tausches als Form des Besitzwechsels erhebt, zunächst, wie gesagt, als bloße Folge der gleichen Macht der Parteien, so ist dies einer der ungeheuersten Fortschritte, die die Menschheit überhaupt machen konnte.

Angesichts der bloßen Gradunterschiede, die nach so vielen Seiten hin zwischen den Menschen und den niederen Tieren bestehen, hat man bekanntlich oft versucht, die spezifische Differenz festzustellen, die den Menschen unverkennbar und eindeutig von der übrigen Tierreihe abscheidet: (> 306) als das politische Tier, das werkzeugmachende Tier, das zwecksetzende Tier, das hierarchische Tier, ja - seitens eines ernsthaften Philosophen - als das vom Größenwahn befallene Tier hat man ihn definiert.

Vielleicht kann man dieser Reihe hinzufügen, der Mensch sei das tauschende Tier; und das ist freilich nur eine Seite oder Form der ganz allgemeinen Charakteristik, in der das Spezifische des Menschen zu bestehen scheint: der Mensch ist das objektive Tier.

Nirgends in der Tierwelt finden wir auch nur Ansätze zu demjenigen, was man Objektivität nennt, der Betrachtung und Behandlung der Dinge, die sich jenseits des subjektiven Fühlens und Wollens stellt.

Ich habe schon angedeutet, wie dies die Menschheitstragödie der Konkurrenz mindert.

Das ist die eigentliche Versittlichung durch den Kulturprozeß, daß immer mehr Lebensinhalte in transindividueller Gestalt objektiviert werden: Bücher, Kunst, ideale Gebilde wie Vaterland, allgemeine Kultur, die Formung des Lebens in begrifflichen und ästhetischen Bildern, das Wissen von tausenderlei Interessantem und Bedeutsamem - alles dies kann genossen werden, ohne daß einer es dem anderen wegnimmt.

Je mehr die Werte in solche objektive Form übergehen, um so mehr Platz ist in ihnen, wie in Gottes Hause, für jede Seele.

Vielleicht wäre die Wüstheit und Erbitterung der modernen Konkurrenz überhaupt nicht erträglich, wenn ihr nicht ,diese wachsende Objektivierung von Daseinsinhalten, in ihrer Unberührsamkeit von allem ôte-toi que je m'y mette, zur Seite ginge.

Es ist wohl von tieferer Bedeutung, daß eben dasselbe, was den Menschen rein tatsächlich-psychologisch von der niederen Tierreihe scheidet: die Fähigkeit der objektiven Betrachtung, des Absehens vom Ich mit seinen Impulsen und Zuständen zugunsten der reinen Sachlichkeit - daß eben dies dem geschichtlichen Prozeß zu seinem vielleicht edelsten, veredelndsten Ergebnis verhilft, zu dem Aufbau einer Welt, die ohne Streit und gegenseitige Verdrängung aneigenbar ist, zu Werten, deren Erwerb und Genuß seitens des einen den anderen nicht ausschließt, sondern tausendmal dem anderen den Weg zu dem gleichen öffnet.

Der Lösung dieses Problems, die der Welt des Objektiven gleichsam in substanzieller Form gelingt, nähert sich der Tausch in funktioneller.

Gegenüber dem einfachen Wegnehmen oder der Schenkung, in denen sich der rein subjektive Impuls auslebt, setzt der Tausch, wie wir früher sahen, eine objektive Abschätzung, Überlegung, gegenseitige Anerkennung, eine Reserve des unmittelbar subjektiven Begehrens voraus.

Daß diese ursprünglich keine freiwillige, sondern durch die Machtgleichheit der anderen Partei erzwungene sein mag, ist dafür ohne Belang; denn das Entscheidende, spezifisch Menschliche ist eben, daß die Machtgleichheit nicht (>307) zum gegenseitigen Raub und Kampf, sondern zu dem abwägenden Tausch führt, in dem das einseitige und persönliche Haben und Habenwollen in eine objektive, aus und über der Wechselwirkung der Subjekte sich erhebende Gesamtaktion eingeht.

Der Tausch, der uns als etwas ganz Selbstverständliches erscheint, ist das erste und in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, mit dem Besitzwechsel die Gerechtigkeit zu verbinden; indem der Nehmende zugleich Gebender ist, verschwindet die bloße Einseitigkeit des Vorteils, die den Besitzwechsel unter der Herrschaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert; welche letztere übrigens keineswegs immer die zeitlich erste Stufe der Entwicklung ausmacht.

Allein die bloße Gerechtigkeit, die der Tausch bewirkt, ist doch nur etwas Formales und Relatives: der eine soll nicht mehr und nicht weniger haben als der andere.

Darüber hinaus aber bewirkt er eine Vermehrung der absoluten Summe empfundener Werte.

Indem jeder nur in den Tausch gibt, was ihm relativ überflüssig ist, und in den Tausch nimmt, was ihm relativ nötig ist, gelingt es durch ihn, die zu jedem gegebenen Zeitpunkt der Natur abgewonnenen Werte zu immer höherer Verwertung zu bringen.

Angenommen, die Weltware wirklich »weggegeben« und alles Tun bestünde wirklich in einem bloßen Hin- und Herschieben innerhalb eines objektiv unveränderlichen Wertquantums, so bewirkte dennoch die Form des Tausches gleichsam ein interzellulares Wachstum der Werte.

Die objektiv gleiche Wertsumme geht durch die zweckmäßigere Verteilung, die der Tausch bewirkt, in eine subjektiv größere, in ein höheres Maß empfundener Nutzungen über.

Das ist die große kulturelle Aufgabe bei jeder Neuverteilung von Rechten und Pflichten, die doch immer einen Austausch enthält; selbst bei scheinbar ganz einseitiger Verlegung des Vorteils wird ein wirklich soziales Verfahren sie nicht vernachlässigen.

So war es z. B. bei der Bauernbefreiung des 18. und 19. Jahrhunderts die Aufgabe, die Herrschaften nicht einfach das verlieren zu lassen, was die Bauern gewinnen sollten, sondern einen Verteilungsmodus von Besitz und Rechten zu finden, der zugleich die Totalsumme der Nutzungen vergrößerte.

Hier sind es nun zwei Eigenschaften des Geldes, die nach dieser Richtung hin den Tausch von Waren oder Leistungen gegen dasselbe als den vollkommensten erscheinen lassen: seine Teilbarkeit und seine unbeschränkte Verwertbarkeit.

Die erstere bewirkt, daß überhaupt eine objektive Äquivalenz zwischen Leistung und Gegenleistung stattfinden kann.

Naturale Objekte lassen sich in ihrem Werte selten so bestimmen und abstufen, daß ihr Austausch von jeder der beiden Parteien als ein völlig gerechter anerkannt werden muß; (> 308) erst das Geld, weil es selbst nichts anderes ist als die Darstellung des Wertes anderer Objekte und weil es fast unbegrenzt zu teilen und zu summieren ist, gibt die technische Möglichkeit für genaue Gleichheit der Tauschwerte.

Allein mit dieser wird, wie ich hervorhob, erst die erste Stufe der von der Einseitigkeit des Besitzwechsels aufwärts führenden Entwicklung erreicht.

Die zweite erhebt sich über der Tatsache, daß der Naturaltausch selten beiden Teilen gleichmäßig erwünschte Objekte zuführen bzw. sie von gleichmäßig überflüssigen befreien wird.

In der Regel wird der lebhaftere Wunsch auf seiten des Einen sein, und der Andere entweder nur gezwungen oder gegen ein unverhältnismäßig hohes Entgelt auf den Tausch eingehen.

Beim Tausch von Leistungen für Geld dagegen erhält der Eine den Gegenstand, den er ganz speziell braucht; der Andere etwas, was jeder ganz allgemein braucht.

Vermöge seiner unbeschränkten Verwertbarkeit und daraus folgenden jederzeitigen Erwünschtheit kann es - wenigstens prinzipiell - jeden Tausch zu einem solchen machen, der beiden Teilen gleichmäßig vorteilhaft ist: der Eine, der das naturale Objekt nimmt, tut es sicher nur, weil er jetzt gerade dessen bedarf; der Andere, der das Geld nimmt, bedarf dessen ebenso gerade jetzt, weil er seiner überhaupt in jedem Augenblick bedarf.

Damit ermöglicht der Tausch um Geld beiden Parteien eine Erhöhung ihres Befriedigungsniveaus, während bei naturalem Tausch sehr häufig nur die eine das spezifische Interesse am Erwerben oder Loswerden des Objekts haben wird.

So ist er die bisher vollendetste Form für die Lösung des großen Kulturproblems, das sich über den einseitigen Vorteil des Besitzwechsels hinweg erhebt: das objektiv gegebene Wertquantum durch bloßen Wechsel seiner Träger zu einem höheren Quantum subjektiv empfundener Werte zu gestalten.

Dies ist, neben dem ursprünglichen Schaffen der Werte, für die soziale Zweckmäßigkeit offenbar die Aufgabe schlechthin, der von ihr zu lösende Teil der allgemein menschlichen: durch die Form, die man den Lebensinhalten gibt, ein Maximum des in ihnen latenten Wertes zu entbinden.

Die Fälle, in denen wir das Geld dieser Aufgabe dienen sehen, zeigen also die technische Rolle, die das Geld daraufhin spielt, daß der Tausch die wesentliche soziale Art ist, jene Aufgabe zu lösen, und daß der Tausch selbst im Gelde Körper geworden ist.

Die Vermehrung des Genußquantums, die der Waren ? Geld-Tausch, unter allen seinen eudämonistischen Herabsetzungen durch anderweitige Erfolge, doch prinzipiell immer ermöglicht, ruht nicht allein in den subjektiven Zuständen des einen und des anderen Kontrahenten.

Es hängt nämlich ersichtlich auch die objektiv-wirtschaftliche Fruchtbarkeit, das intensive und extensive Wachstum des Güterkreises (> 309) selbst für die Zukunft davon ab, in welcher Weise jenes gegebene Güterquantum in einer Gegenwart verteilt ist.

Je nach den Händen, in die seine Teilquantitäten gelangen, wird es sich zu äußerst verschiedenen wirtschaftlichen Ergebnissen weiterentfalten.

Der bloße Übergang von Gütern aus einer Hand in die andere kann das aus ihnen entwickelte Güterquantum der Folgezeit erheblich nach oben wie nach unten modifizieren.

Man kann direkt sagen - das gleiche Güterquantum in verschiedenen Händen bedeutet ein verschiedenes Güterquantum, wie derselbe Same in -verschiedenen Böden.

Diese Folge der Verteilungsverschiedenheiten scheint ihre größte Ausdehnung am Gelde zu gewinnen.

So wechselnde ökonomische Bedeutungen ein Landgut oder eine Fabrik je nach ihren wechselnden Besitzern haben mögen, so tragen diese Ertragsschwankungen, jenseits ganz geringfügiger Maße, den Charakter der Zufälligkeit und Innormalität.

Daß dagegen die gleiche Summe in der Hand des Börsenspekulanten oder des Rentiers, des Staates oder des Großindustriellen außerordentlich differente Ertragsbedeutungen habe -das ist hier das Normale, entsprechend dem unvergleichlichen Entfaltungsspielraum, den gerade der Geldbesitz den objektiven und subjektiven, den guten und schlechten Faktoren seiner Verwertung bietet.

Am wenigsten kann man dem Gesamt-Geldbesitz einer Gruppe gegenüber sagen, daß die Ungleichheit und der Wechsel seiner Verteilung nur ein Formwechsel, bei gleichbleibender Bedeutung des Ganzen sei; eben dieser Formwechsel entwickelt an diesem Material die wesentlichsten Unterschiedsfolgen für die Totalität von Wirtschaft und Reichtum.

Auch handelt es sich hier nicht nur um quantitative Differenzen, sondern - für unser Problem höchst wesentlich und andrerseits auch wieder in die Quantitätsfrage zurückführend um qualitative.

Das gleiche Sachgut in verschiedenen Händen bedeutet wirtschaftlich im allgemeinen nur eine quantitative Verschiedenheit des Geldertrages; dasselbe Geldgut aber in verschiedenen Händen bedeutet zunächst eine qualitative Verschiedenheit seiner sachlichen Bewirkungen.

Die zweifellos hier eingreifende soziale Zweckmäßigkeit macht es erklärlich, weshalb moderner Reichtum so viel kürzer in einer und derselben Familie zu verbleiben pflegt, als früherer, der nicht geldwirtschaftlicher Natur war.

Das Geld sucht sozusagen die fruchtbarere Hand, und das ist um so auffallender und muß um so tieferen Notwendigkeiten entsprießen, als man scheinbar auf dem Geldbesitz ruhiger, sicherer, passiver sitzen kann, als auf irgendeinem anderen.

Da das Geld durch seine bloße Verteilung in einem gegebenen Augenblicke ein Minimum wie ein Maximum wirtschaftlicher Fruchtbarkeit entfaltet, und zudem sein Besitzwechsel (> 310) nicht soviel Reibungs- und Interregnumsverluste mit sich zu bringen pflegt, wie der anderer Objekte, so hat die ökonomische Zweckmäßigkeit ihm gegenüber ein besonders reiches Feld für ihre Aufgabe, durch die Verteilungsart des Besitzes ein Maximum seiner Gesamtbedeutung zu erreichen.

Es handelt sich nun hier im speziellen um die Wiederaufnahme der unterbrochenen Untersuchung, inwieweit die Geldwirtschaft imstande ist, das Gut der individuellen Freiheit seiner Gesamtsumme nach zu erhöhen, d. h. es aus jener primären Form der sozialen Werte zu erlösen, in der dem einen genommen werden muß, was dem anderen gegeben werden soll.

Es zeigen zunächst ganz an der Oberfläche liegende Erscheinungen der Geldwirtschaft diese Doppelseitigkeit ihrer Vorteile.

Der gewöhnliche Warentausch, bei dem die Ware unmittelbar besichtigt und übergeben wird, verpflichtet den Käufer in seinem Interesse zu einer sehr genauen und sachkundigen Prüfung derselben, weil der Verkäufer, sobald er zu solcher die Gelegenheit gegeben hat, jede spätere Reklamation abweisen kann.

Entwickelt sich der Handel dahin weiter, daß nach Proben gekauft wird, so ,geht die Last auf den Verkäufer über; er ist nicht nur für die genaue Übereinstimmung der Lieferung mit der Probe verantwortlich, sondern von jedem Irrtum, der ihm etwa zu seinen Ungunsten in der Qualität der Probe begegnet ist, wird natürlich der Käufer rücksichtslos profitieren.

Das Geschäft an unseren heutigen Produktenbörsen hat nun eine Form, die beide Teile von diesen Verantwortlichkeiten entlastet, indem es nicht nach Probe, sondern nach einem ein für allemal festgestellten, allgemein gültigen Standard erfolgt.

Nun ist der Käufer nicht mehr an vorherige Prüfung des Ganzen oder der Probe mit all ihren Irrtumschancen gebunden, während auch der Verkäufer nicht mehr nach der individuellen, relativ zufälligen und allerhand Gefahren für ihn einschließenden Probe zu liefern hat; beide wissen jetzt vielmehr genau, wenn sie über eine bestimmt benannte Qualität von Weizen oder Petroleum abschließen, daß sie an eine objektiv fixierte, jenseits aller persönlichen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten stehende Norm der Ware gebunden sind.

So ist also auf dem Gipfel der Geldwirtschaft ein Handelsmodus möglich geworden, der, durch die Überführung des subjektiven Fundamentes des Geschäfts in ein objektives, beiden Parteien ihre Verantwortlichkeiten erleichtert und dem Vorteil der einen keinerlei Nachteil der anderen gegenüberstellt.

Eine genaue Parallele dazu zeigt das Kreditgeschäft.

Im Mittelalter war es sehr schwierig, die Kreditwürdigkeit des einzelnen Kaufmanns zu ermitteln, wodurch dieser selbst ebenso wie der Geldgeber in ihren Aktionen gehemmt und herabgesetzt wurden.

Erst (> 311) an den Börsen des 16. Jahrhunderts, besonders Lyons und Antwerpens, kam es dahin, daß die Wechsel gewisser Häuser von vornherein als »gut« galten, es entstand der Begriff einer nicht abgestuften Kreditwürdigkeit schlechthin, die die Obligation zu einem objektiven, fungibeln, von der persönlichen Abwägung der Kreditwürdigkeit unabhängigen Werte machte; die Häuser mochten sonst noch recht verschieden qualifiziert sein, für ihre Verpflichtungen aber waren sie gut, und damit wurden diese, für den sachlichen Zweck genügend, von den sonstigen individuellen Bestimmtheiten gelöst.

Wie allenthalben die Börse das Geldwesen zu seiner reinsten Form steigert, so hat sie hier durch Kreierung des allgemeinen und sachlichen Begriffes des »Gutseins« in typischer Weise eine Entlastung nach einer Seite hin geschaffen, der keine Belastung nach der anderen gegenübersteht, sondern durch Überführung individuell schwankender Taxierungen in eine objektiv gültige Qualität sowohl dem Kreditgeber wie dem Kreditnehmer gleichmäßige Erleichterungen gewährt.

Die Bedeutung der Geldwirtschaft für die individuelle Freiheit vertieft sich nun, wenn wir nach der Form fragen, welche die bei ihr noch fortbestehenden Abhängigkeitsverhältnisse eigentlich haben; sie ermöglicht nicht nur, wie nach dem bisherigen, eine Lösung, sondern eine besondere Art der gegenseitigen Abhängigkeit, die einem gleichzeitigen Maximum von Freiheit Raum gibt.

Zunächst stiftet sie, äußerlich angesehen, eine Reihe sonst ungekannter Bindungen.

Seit in den Boden, um ihm das erforderliche Früchtequantum abzugewinnen, ein erhebliches Betriebskapital versenkt werden muß, das meistens nur durch hypothekarische Beleihung aufkommt; seit die Geräte nicht mehr unmittelbar aus den Rohstoffen, sondern auf dem Wege über soundso viele Vorbearbeitungen hergestellt werden; seit der Arbeiter im wesentlichen mit Produktionsmitteln arbeitet, die ihm selbst nicht gehören - hat die Abhängigkeit von dritten Personen ganz neue Gebiete ergriffen.

Von je mehr sachlichen Bedingungen vermöge der komplizierteren Technik das Tun und Sein der Menschen abhängig wird, von desto mehr Personen muß es notwendig abhängig werden.

Allein diese Personen erhalten ihre Bedeutung für das Subjekt ausschließlich als Träger jener Funktionen, Besitzer jener Kapitalien, Vermittler jener Arbeitsbedingungen; was sie außerdem als Personen sind, steht in dieser Hinsicht gar nicht in Frage.

Diese allgemeine Tatsache, deren Bedeutung das Folgende darstellen wird, hat die Entwicklung zur Voraussetzung, durch die die Person überhaupt zur bestimmten Persönlichkeit wird.

Dies geschieht (>312) offenbar erst dadurch, daß eine Mehrzahl von Qualitäten, Charakterzügen, Kräften sich in ihr zusammenfinden.

Sie ist freilich relative Einheit, aber diese Einheit wird doch nur wirklich und wirksam, indem sie verschiedene Bestimmungen vereinheitlicht.

Wie der physische Organismus darin sein Wesen hat, daß er aus einer Vielheit materieller Teile die Einheit des Lebensprozesses bildet, so beruht auch die innere persönliche Einheit des Menschen auf der Wechselwirkung und dem Zusammenhang vielfacher Elemente und Bestimmungen.

Jedes einzelne derselben, isoliert betrachtet, trägt objektiven Charakter, d. h. es ist an und für sich noch nichts eigentlich Persönliches.

Weder Schönheit noch Häßlichkeit, weder das physische noch das intellektuelle Kraftmaß, weder Berufstätigkeit noch Neigungen, noch all die anderen unzähligen Züge des Menschlichen legen als vereinzelte eine Persönlichkeit unzweideutig fest; denn jede von ihnen kann mit beliebigen anderen, einander ganz entgegengesetzten Eigenschaften verbunden sein und sich als die immer gleiche in dem Bilde unbegrenzt vieler Persönlichkeiten finden.

Erst indem mehrere von ihnen sich gleichsam in einem Brennpunkt treffen und aneinander haften, bilden sie eine Persönlichkeit, welche nun ihrerseits zurückwirkend jeden einzelnen Zug als einen persönlich-subjektiven charakterisiert.

Nicht daß er dieses oder jenes ist, macht den Menschen zu der unverwechselbaren Persönlichkeit, sondern daß er dieses und jenes ist.

Die rätselhafte Einheit der Seele ist unserem Vorstellen nicht unmittelbar zugängig, sondern nur, wenn sie sich in eine Vielheit von Strahlen gebrochen hat, durch deren Synthese sie dann erst wieder als diese eine und bestimmte bezeichenbar wird.

Die so bedingte Personalität nun wird in den geldwirtschaftlichen Verhältnissen fast gänzlich aufgelöst.

Der Lieferant, der Geldgeber, der Arbeiter, von denen man abhängig ist, wirken gar nicht als Persönlichkeiten, weil sie in das Verhältnis nur nach der je einen Seite eintreten, daß sie Waren liefern, Geld geben, Arbeit leisten, und anderweitige Bestimmtheiten ihrer gar nicht in Betracht kommen, deren Hinzutreten zu jenen doch allein ihnen die persönliche Färbung verleihen würde; womit natürlich nur der absolute Endpunkt der sich jetzt vollziehenden, aber an vielen Punkten noch unvollendeten Entwicklung bezeichnet wird - denn die Abhängigkeiten der Menschen voneinander sind tatsächlich heute noch nicht völlig objektiviert, die persönlichen Momente noch nicht vollkommen ausgeschlossen.

Die allgemeine Tendenz aber geht zweifellos dahin, das Subjekt zwar von den Leistungen immer mehrer Menschen abhängig, von den dahinterstehenden Persönlichkeiten als solchen aber immer unabhängiger zu machen.

Beide Erscheinungen hängen in der Wurzel (>313) zusammen, bilden die sich gegenseitig bedingenden Seiten eines und desselben Vorgangs: die moderne Arbeitsteilung läßt ebenso die Zahl der Abhängigkeiten wachsen, wie sie die Persönlichkeiten hinter ihren Funktionen zum Verschwinden bringt, weil sie eben nur eine Seite derselben wirken läßt, unter Zurücktreten aller anderen, deren Zusammen erst eine Persönlichkeit ergäbe.

Die soziale Gestaltung, die sich bei restloser Ausführung dieser Tendenz einstellen müßte, würde eine entschiedene formale Beziehung zum Sozialismus, mindestens zu einem extremen Staatssozialismus aufweisen.

Denn für diesen handelt es sich zu äußerst darum, jedes sozial zu berücksichtigende Tun in eine objektive Funktion zu verwandeln; wie heute schon der Beamte eine »Stellung« einnimmt, die objektiv präformiert ist und nur ganz bestimmte einzelne Seiten oder Energien der Persönlichkeit in sich aufnimmt, so würde sich in einem absolut durchgeführten Staatssozialismus über der Welt der Persönlichkeiten gleichsam einer Welt objektiver Formen des sozial wirksamen Tuns erheben, welche den Kräften jener nur ganz genau und sachlich bestimmte Äußerungen gestattet und vorschreibt; diese Welt verhielte sich zu der ersteren etwa wie die geometrische Figur zu den empirischen Körpern.

Die subjektiven Tendenzen und das Ganze der Persönlichkeiten könnten sich dann nicht anders in äußeres Tun umsetzen, als in der Beschränkung auf eine der einseitigen Funktionsweisen, in welche die notwendige gesellschaftliche Gesamtaktion zerlegt, fixiert, objektiviert ist.

Die Qualifizierung des Tuns der Persönlichkeit wäre damit von dieser als dem terminus a quo völlig auf die sachliche Zweckmäßigkeit, den terminus ad quem, übergegangen; und die Formen des menschlichen Tuns stünden dann über der vollen psychologischen Wirklichkeit des Menschen, wie das Reich der platonischen Ideen über der realen Welt.

Ansätze zu einer solchen Gestaltung sind, wie gesagt, vielfach vorhanden, oft genug hat sich die arbeitsteilige Funktion als ein selbständiges ideelles Gebilde ihren Trägern gegenübergestellt, so daß diese, nicht mehr voneinander individuell unterschieden, nun gleichsam nur durch sie hindurch passieren, ohne in dieser fest umschriebenen Einzelforderung das Ganze ihrer Persönlichkeit unterbringen zu können oder zu dürfen; die Persönlichkeit ist vielmehr als bloßer Träger einer Funktion oder einer Stellung so gleichgültig, wie die des Gastes in einem Hotelzimmer.

In einer nach dieser Richtung hin ganz vollendeten Gesellschaftsverfassung würde der Einzelne unendlich abhängig sein; die einseitige Bestimmtheit der ihm zugewiesenen Leistung würde ihn auf die Ergänzung durch den Komplex aller anderen anweisen, und die Befriedigung der Bedürfnisse würde nur sehr unvollkommen aus dem eigensten (> 314) Können des Individuums, sondern würde aus einer ihm gleichsam gegenüberstehenden, rein sachlichen Gesichtspunkten folgenden Arbeitsorganisation hervorgehen.

Wenn es je einen seiner Grundidee adäquaten Staatssozialismus geben könnte, so würde er diese Differenzierung der Lebensform ausprägen.

Die Geldwirtschaft aber zeichnet die Skizze derselben auf dem Gebiet der privaten Interessen, indem das Geld einerseits durch seine unendliche Biegsamkeit und Teilbarkeit jene Vielheit ökonomischer Abhängigkeiten ermöglicht, andrerseits durch sein indifferentes und objektives Wesen die Entfernung des personalen Elementes aus den Beziehungen zwischen Menschen begünstigt.

Mit dem modernen Kulturmenschen verglichen ist der Angehörige irgendeiner alten oder primitiven Wirtschaft nur von einem Minimum von Menschen abhängig; nicht nur ist der Kreis unserer Bedürfnisse ein sehr erheblich weiterer, sondern selbst die elementaren Notwendigkeiten, die uns mit jenen gemeinsam sind (Nahrung, Kleidung, Obdach), können wir nur mit Hilfe eines viel größeren Apparates und durch vielmehr Hände hindurch befriedigen; und nicht nur verlangt die Spezialisierung unserer Tätigkeit einen unendlich ausgedehnteren Kreis anderer Produzenten, mit denen wir die Produkte austauschen, sondern die unmittelbare Tätigkeit selbst ist auf eine wachsende Zahl von Vorarbeiten, Hilfskräften, Halbprodukten angewiesen.

Nun aber war der relativ ganz enge Kreis, von dem der Mensch einer wenig oder gar nicht entwickelten Geldwirtschaft abhängig war, dafür viel mehr personal festgelegt.

Es waren diese bestimmten, persönlich bekannten, gleichsam unauswechselbaren Menschen, mit denen der altgermanische Bauer oder der indianische Gentilgenosse, der Angehörige der slavischen oder der indischen Hauskommunion, ja vielfach noch der mittelalterliche Mensch in wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen stand; um je wenigere aufeinander angewiesene Funktionen es sich handelt, um so beharrender und bedeutsamer waren ihre Träger.

Von wie vielen »Lieferanten« allein ist dagegen der geldwirtschaftliche Mensch abhängig!

Aber von dem einzelnen, bestimmten derselben ist er unvergleichlich unabhängiger und wechselt leicht und beliebig oft mit ihm.

Wir brauchen noch jetzt nur die Lebensverhältnisse in einer kleinen Stadt mit denen einer großen zu vergleichen, um diese Entwicklung, zwar herabgesetzt, aber doch noch unverkennbar vor uns zu haben.

Während der Mensch der früheren Stufe die geringere Anzahl seiner Abhängigkeiten mit der Enge persönlicher Beziehung, oft persönlicher Unersetzbarkeit derselben bezahlen mußte, werden wir für die Vielheit unserer Abhängigkeiten durch die Gleichgültigkeit gegen die dahinter stehen (> 315) den Personen und durch die Freiheit des Wechsels mit ihnen entschädigt.

Und wenn wir durch die Kompliziertheit unserer Bedürfnisse einerseits, die Spezialisiertheit unserer Fähigkeiten andrerseits von dem Ganzen der Gesellschaft sehr viel abhängiger sind als der primitive Mensch, der sich allenfalls bemüht seiner ganz engen isolierten Gruppe durchs Leben schlagen konnte - so sind wir dafür von jedem bestimmten Elemente dieser Gesellschaft außerordentlich unabhängig, weil seine Bedeutung für uns in die einseitige Sachlichkeit seiner Leistung übergegangen ist, die deshalb viel leichter auch von soundso viel anderen und persönlich verschiedenen Menschen produziert werden kann, mit denen uns nichts als das in Geld restlos ausdrückbare Interesse verbindet.

Dies ist nun die günstigste Lage, um innere Unabhängigkeit, das Gefühl individuellen Fürsichseins, zustande zu bringen.

Denn der bloßen Isolierung anderen gegenüber gelingt die positive, hiermit gemeinte Verfassung noch nicht; rein logisch formuliert: die Unabhängigkeit ist noch etwas anderes als die bloße Nicht-Abhängigkeit - wie etwa Unsterblichkeit noch etwas anderes ist als Nicht-Sterblichkeit; denn nicht sterblich ist auch der Stein oder das Metall, die man indes nicht unsterblich nennen dürfte. Ist doch schon an der anderen Bedeutung des Isoliertseins, der Einsamkeit, der Anschein reiner Negativität ein irriger.

Auch diese, wenn sie eine psychologische Wirksamkeit und Betonung hat, meint keineswegs nur die Abwesenheit jeder Gesellschaft, sondern gerade ihr ideelles und dann erst verneintes Dasein; sie ist eine Fernwirkung der Gesellschaft, die positive Bestimmung des Individuums durch negative Vergesellschaftung.

Falls die bloße Isolierung nicht eine Sehnsucht nach anderen oder ein Glück des Fernseins von ihnen, kurz eine Abhängigkeit des Gefühls erzeugt, so stellt sie den Menschen überhaupt jenseits der Frage von Abhängigkeit oder Freiheit und läßt die tatsächliche Freiheit zu keinem Bewußtseinswert kommen, weil ihr der Gegensatz, die Reibung, Versuchung, Nähe des Unterschiedes fehlt.

Wenn die Entwicklung der Individualität, die Überzeugung, mit allem einzelnen Wollen und Fühlen den Kern unseres Ich zu entfalten, als Freiheit gelten soll, so tritt sie unter diese Kategorie nicht als bloße Beziehungslosigkeit, sondern gerade als eine ganz bestimmte Beziehung zu Anderen- Diese Anderen müssen zunächst doch da sein und empfunden werden, damit sie einem gleichgültig sein können. Die individuelle Freiheit ist keine rein innere Beschaffenheit eines isolierten Subjekts, sondern eine Korrelationserscheinung, die ihren Sinn verliert, wenn kein Gegenpart da ist.

Wenn jedes Verhältnis zwischen Menschen aus Elementen der Annäherung und (> 316) Elementen der Distanz besteht, so ist Unabhängigkeit eines, in dem die letzteren zwar ein Maximum geworden, die ersteren aber so wenig ganz verschwunden sein können, wie aus der Vorstellung des Linken die des Rechten.

Die Frage ist jetzt nur, welches die günstigste konkrete Gestaltung beider Elemente ist, um die Unabhängigkeit, sowohl als objektive Tatsache wie im subjektiven Bewußtsein, hervorzubringen.

Eine solche scheint nun gegeben, wenn zwar ausgedehnte Beziehungen zu anderen Menschen da sind, aus denen aber alle Elemente eigentlich individueller Natur entfernt sind; Einflüsse, welche indes gegenseitig ganz anonym ausgeübt werden; Bestimmungen ohne Rücksicht darauf, wen sie treffen.

Die Ursache wie die Wirkung derartiger objektiver Abhängigkeiten, bei denen das Subjekt als solches frei ist, liegt in der Auswechselbarkeit der Personen: in dem freiwilligen oder durch die Struktur des Verhältnisses bewirkten Wechsel der Subjekte offenbart sich jene Gleichgültigkeit des subjektiven Momentes der Abhängigkeit, die das Gefühl der Freiheit trägt.

Ich erinnere an die Erfahrung, mit der ich dies Kapitel begann: daß der Wechsel der Verpflichtungen sehr oft von uns als Freiheit empfunden wird; es ist dieselbe Verhältnisform zwischen Bindungen und Freiheit, die sich hier nur in die einzelne Bindung hinein fortsetzt.

Ein primitives Beispiel gibt die charakteristische Differenz des mittelalterlichen Vasallen vom Unfreien: jener konnte den Herrn wechseln, während dieser unwandelbar an einen einzigen gefesselt war.

Das bedeutete, selbst wenn das Maß der Bindung dem Herrn gegenüber, an sich betrachtet, das gleiche gewesen wäre, für den einen ein unvergleichlich höheres Maß von Selbständigkeit als für den anderen.

Nicht die Bindung überhaupt, sondern die an einen individuell bestimmten Herrn, ist der eigentliche Gegenpol der Freiheit.

Noch das moderne Dienstbotenverhältnis ist dadurch bezeichnet, daß die Herrschaft zwar nach den Zeugnissen und dem persönlichen Eindruck den Dienstboten auswählt, dieser aber im allgemeinen zu einer entsprechenden Wahl seinerseits weder Möglichkeit noch Kriterien besitzt.

Erst in der allerneuesten Zeit hat die Knappheit der Dienstboten in den größeren Städter ihnen hier und da die Chance gewährt, angebotene Stellen aus imponderabeln Gründen ablehnen zu können.

Von beiden Seiten wird dies als ein gewaltiger Schritt zur Unabhängigkeit des Dienstboten empfunden, selbst wenn der schließlich angenommene Dienst ihn, seinen tatsächlichen Anforderungen nach, nicht weniger umfänglich als früher bindet.

Darum ist es, die gleiche Form auf ein völlig anderes Gebiet übertragen, doch auch nur die Karikatur einer prinzipiell richtigen Empfindung, wenn eine wiedertäuferische Sekte die Vielzahl der an (> 317) getrauten Frauen und ihren häufigen Wechsel damit rechtfertigte, daß gerade so die innere Abhängigkeit von dem weiblichen Prinzip gebrochen würde.

Unsere Gesamtlage setzt sich in jedem Augenblick aus einem Maß von Bindung und einem Maß von Freiheit zusammen - innerhalb der einzelnen Lebensprovinz oft so, daß das eine sich mehr an ihrem Inhalt, das andere mehr an ihrer Form verwirklicht.

Die Fesselung, die ein bestimmtes Interesse uns auferlegt, empfinden wir sogleich durch Freiheit gemildert, wenn wir sie gleichsam lokal umlagern können, d. h. ohne Herabsetzung des Abhängigkeitsquantums die sachlichen, idealen oder personalen Instanzen selbst auswählen können, denen gegenüber dies letztere sich verwirklicht.

In dem Lohnarbeitertum der Geldwirtschaft kommt eine formal gleiche Entwicklung auf.

Sieht man auf die Härte und Erzwungenheit der Arbeit, so scheint es, als wären die Lohnarbeiter nur umgekleidete Sklaven.

Wir werden nachher sehen, wie die Tatsache, daß sie die Sklaven des objektiven Produktionsprozesses sind, als Übergang zu ihrer Befreiung gedeutet werden kann; die subjektive Seite davon aber ist, daß das Dienstverhältnis zu dem einzelnen Unternehmer früheren Arbeitsformen gegenüber ein unvergleichlich viel lockreres ist.

Gewiß ist der Arbeiter an die Arbeit gefesselt wie der Bauer an die Scholle, allein die Häufigkeit, mit der die Geldwirtschaft die Unternehmer austauscht, und die vielfache Möglichkeit der Wahl und des Wechsels derselben, die die Form des Geldlohnes dem Arbeiter gewährt, geben diesem doch eine ganz neue Freiheit innerhalb seiner Gebundenheit.

Der Sklave konnte selbst dann den Herrn nicht wechseln, wenn er bereit war, sehr viel schlechtere Lebensbedingungen auf sich zu nehmen - was der Lohnarbeiter in jedem Augenblick kann; indem so der Druck der unwiderruflichen Abhängigkeit von dem individuell bestimmten Herrn in Wegfall kommt, ist, bei aller sachlichen Bindung, doch der Weg zu einer personalen Freiheit beschritten. Diese beginnende Freiheit anzuerkennen, darf uns ihre häufige Einflußlosigkeit auf die materielle Lage des Arbeiters nicht verhindern.

Denn hier wie auf anderen Gebieten besteht zwischen Freiheit und eudämonistischer Hebung keineswegs der notwendige Zusammenhang, den die Wünsche, die Theorien und die Agitationen ohne weiteres vorauszusetzen pflegen.

Vor allem wirkt nach dieser Richtung, daß der Freiheit des Arbeiters auch eine Freiheit des Arbeitgebers entspricht, die bei gebundneren Arbeitsformen nicht bestand.

Der Sklavenhalter wie der Gutsherr hat das persönliche Interesse, seine Sklaven oder seine frohnpflichtigen Bauern in gutem und leistungsfähigem Stande zu halten: sein Recht über sie wird um seines eigenen Vorteils willen zur Pflicht (> 318) was für den Kapitalisten dem Lohnarbeiter gegenüber entweder nicht der Fall ist oder wo es dies doch ist, keineswegs immer eingesehen wird.

Die Befreiung des Arbeiters muß sozusagen auch mit einer Befreiung des Arbeitgebers, d. h. mit dem Wegfall der Fürsorge, die der Unfreie genoß, bezahlt werden.

Die Härte oder Unsicherheit seiner momentanen Lage ist also gerade ein Beweis für den Befreiungsprozeß, der mit der Aufhebung der individuell festgelegten Abhängigkeit beginnt.

Freiheit im sozialen Sinne ist, ebenso wie Unfreiheit, ein Verhältnis zwischen Menschen.

Die Entwicklung von dieser zu jener geht so vor sich, daß das Verhältnis zunächst aus der Form der Stabilität und Unveränderlichkeit in die der Labilität und des Personentausches übergeht.

Ist Freiheit die Unabhängigkeit von dem Willen anderer überhaupt, so beginnt sie mit der Unabhängigkeit von dem Willen bestimmter anderer.

Nicht abhängig ist der einsame Siedler im germanischen oder amerikanischen Walde; unabhängig, impositiven Sinne des Wortes, ist der moderne Großstadtmensch, der zwar unzähliger Lieferanten, Arbeiter und Mitarbeiter bedarf und ohne diese ganz hilflos wäre, aber mit ihnen nur in absolut sachlicher und nur durch das Geld vermittelter Verbindung steht, so daß er nicht von irgendeinem einzelnen als diesem bestimmten abhängt, sondern nur von der objektiven, geldwerten Leistung, die so von ganz beliebigen und wechselnden Persönlichkeiten getragen werden kann.

Indem nun die bloße Geldbeziehung den Einzelnen sehr eng an die Gruppe als - sozusagen abstraktes - Ganzes bindet, und zwar schon, weil gemäß unseren früheren Ausführungen das Geld der Repräsentant der abstrakten Gruppenkräfte ist, wiederholt das Verhältnis des einzelnen Menschen zu den anderen nur dasjenige, das er vermöge des Geldes auch zu den Dingen hat.

Durch die rapide Vermehrung der Warenvorräte einerseits, durch die eigentümliche Herabsetzung und Verlust an Betonung, die die Dinge in der Geldwirtschaft erfahren, andrerseits, wird der einzelne Gegenstand gleichgültiger, oft fast wertlos.

Dagegen behält die ganze Gattung eben dieser Gegenstände nicht nur ihre Bedeutung, sondern mit steigender Kultur werden wir immer mehr von den Objekten und von immer mehr Objekten abhängig; so ist, wie uns schon früher wichtig wurde, die einzelne Stecknadel so gut wie wertlos, aber ohne Stecknadel überhaupt kann der moderne Kulturmensch nicht mehr auskommen.

Und nach derselben Norm entwickelt sich endlich die Bedeutung des Geldes selbst: die ungeheuere Verbilligung des Geldes macht das einzelne Geldquantum immer wertloser und irrelevanter, aber die Rolle des Geldes überhaupt wird immer mächtiger und umfassender.

In all diesen Erscheinungen werden innerhalb der Geldwirtschaft (> 319) die Objekte in ihrer Einzelheit und Individualität für uns immer gleichgültiger, wesenloser, auswechselbarer, während die sachliche Funktion, die die ganze Gattung übt, uns immer wichtiger wird, uns immer abhängiger macht.

Diese Entwicklung reiht sich in ein noch allgemeineres Schema ein, das für außerordentlich viele Inhalte und Beziehungen des Menschlichen gilt.

In ungeschiedener Einheit des Sachlichen und des Persönlichen pflegen diese ursprünglich aufzutreten.

Nicht als ob, wie wir es heute empfinden, die Inhalte des Lebens: Eigentum und Arbeit, Pflicht und Erkenntnis, soziale Stellung und Religion -irgendein Fürsichsein, eine reale oder begriffliche Selbständigkeit besäßen und dann erst, von der Persönlichkeit aufgenommen, jene enge und solidarische Verbindung mit ihr eingingen.

Vielmehr, der primäre Zustand ist eine völlige Einheit, eine ungebrochene Indifferenz, die überhaupt noch jenseits des Gegensatzes persönlicher und sachlicher Seiten des Lebens steht.

So weiß z. B. das Vorstellungsleben auf seinen niedrigen Stufen gar nicht zwischen objektiver, logischer Wahrheit und subjektiven, nur psychologischen Gebilden zu unterscheiden: dem Kinde und dem Naturmenschen gilt das psychologische Gebilde des Augenblicks, das Phantasma, der subjektiv erzeugte Eindruck ohne weiteres als Wirklichkeit; das Wort und die Sache, das Symbol und das Symbolisierte, der Name und die Person fallen ihm zusammen, wie unzählige Tatsachen der Ethnologie und der Kinderpsychologie beweisen.

Und zwar ist nicht dies der Vorgang, daß zwei an sich getrennte Reihen irrtümlich verschmelzen und sich verwirren; sondern die Zweiheit besteht überhaupt noch nicht, weder abstrakt noch in tatsächlicher Anwendung, die Vorstellungsinhalte treten von vornherein als völlig einheitliche Gebilde auf, deren Einheit nicht in einem Zusammengehen jener Gegensätze, sondern in der Unberührtheit durch den Gegensatz überhaupt besteht.

So entwickeln sich Lebensinhalte, wie die vorhin genannten, unmittelbar in personaler Form; die Betonung des Ich einerseits, der Sache andrerseits geht erst als Erfolg eines langen, niemals ganz abzuschließenden Differenzierungsprozesses aus der ursprünglichen naiven Einheitsform hervor.

Dieses Herausbilden der Persönlichkeit aus dem Indifferenzzustande der Lebensinhalte, der nach der anderen Seite hin die Objektivität der Dinge aus sich hervortreibt, ist nun zugleich der Entstehungsprozeß der Freiheit.

Was wir Freiheit nennen, steht mit dem Prinzip der Persönlichkeit im engsten Zusammenhang, in so engem, daß die Moralphilosophie oft genug beide Begriffe als identisch proklamiert hat.

Jene Einheit Psychischer Elemente, jenes Zusammengeführtsein ihrer wie in einem (> 320) Punkt, jene feste Umschriebenheit und Unverwechselbarkeit des Wesens, die wir eben Persönlichkeit nennen - bedeutet doch die Unabhängigkeit und den Abschluß allem Äußeren gegenüber, die Entwicklung ausschließlich nach den Gesetzen des eigenen Wesens, die wir Freiheit nennen.

In beiden Begriffen liegt gleichmäßig die Betonung eines letzten und tiefsten Punktes in unserem Wesen, der sich allem Dinglichen, Äußeren, Sinnlichen - sowohl außerhalb wie innerhalb unserer eigenen Natur - gegenüberstellt, beides sind nur zwei Ausdrücke für die eine Tatsache, daß hier dem natürlichen, kontinuierlichen, sachlich bestimmten Sein ein Gegenpart entstanden ist, der seine Besonderung nicht nur in dem Anspruch auf eine Ausnahmestellung diesem gegenüber, sondern ebenso in dem Ringen nach einer Versöhnung mit ihm zeigt.

Wenn nun die Vorstellung der Persönlichkeit, als Gegenstück und Korrelat zu der der Sachlichkeit, im :gleichen Maße wie diese erwachsen muß, so wird nun aus diesem Zusammenhang klar, daß eine strengere Ausbildung der Sachlichkeitsbegriffe mit einer ebensolchen der individuellen Freiheit Hand in Hand geht.

So sehen wir die eigentümliche Parallelbewegung der letzten drei Jahrhunderte: daß einerseits die Naturgesetzlichkeit, die sachliche Ordnung der Dinge, die objektive Notwendigkeit des Geschehens immer klarer und exakter hervortritt, und auf der anderen Seite die Betonung der unabhängigen Individualität, der persönlichen Freiheit, des Fürsichseins gegenüber allen äußeren und Naturgewalten eine immer schärfere und kräftigere wird.

Auch die ästhetische Bewegung der neueren Zeit setzt mit dem gleichen Doppelcharakter ein: der Naturalismus der van Eycks und des Quattrocento ist zugleich ein Herausarbeiten des Individuellsten in den Erscheinungen, das gleichzeitige Auftauchen der Satire, der Biographie, des Dramas in ihren ersten Formen trägt ebenso naturalistischen Stil, wie es auf das Individuum als solches angelegt ist - das geschah, beiläufig bemerkt, in der Zeit, in der die Geldwirtschaft ihre sozialen Folgen merkbar zu entfalten begann.

Hat doch auch schon der Höhepunkt des Griechentums ein recht objektives, dem naturgesetzlichen nahes Bild der Welt als die eine Seite seiner Lebensanschauung hervorgebracht, deren andere Seite die volle innere Freiheit und Aufsichselbst-Gestelltheit der Persönlichkeit bildete; und soweit bei den Griechen eine Unvollkommenheit in der theoretischen Ausbildung des Freiheits- und Ichbegriffes bestand, entsprach ihr das gleiche Manko in der Strenge der naturgesetzlichen Theorien.

Welche Schwierigkeiten auch die Metaphysik in dem Verhältnis zwischen der objektiven Bestimmtheit der Dinge und der subjektiven Freiheit des Individuums finde: als Kulturinhalte gehen ihre (> 321)Ausbildungen einander parallel und die Vertiefungen des einen scheinen, um das Gleichgewicht des inneren Lebens zu retten, die des anderen zu fordern.

Und hier mündet diese allgemeine Betrachtung in unser engeres Gebiet ein.

Auch die Wirtschaft beginnt mit einer Ungeschiedenheit der personalen und der sachlichen Seite der Leistung.

Die Indifferenz spaltet sich erst allmählich zum Gegensatz, aus der Produktion, dem Produkte, dem Umsatz tritt das personale Element mehr und mehr zurück.

Dieser Prozeß aber entbindet die individuelle Freiheit.

Wie wir eben sahen, daß diese sich in dem Maße entfaltet, in dem die Natur für uns objektiver, sachlicher, eigen-gesetzmäßiger wird - so steigert sie sich mit der Objektivierung und Entpersonalisierung des wirtschaftlichen Kosmos.

So wenig in der wirtschaftlichen Einsamkeit einer unsozialen Existenz das positive Gefühl der individuellen Unabhängigkeit erwächst, so wenig in einem Weltbild, das von der Gesetzmäßigkeit und der strengen Objektivität der Natur noch nichts weiß; erst an diesem Gegensatz kommt, wie an jenem, das Gefühl einer eigentümlichen Kraft und eines eigentümlichen Wertes des Fürsichseins zustande.

Ja, auch für das Verhältnis zur Natur scheint es, als ob in der Isolierung der Primitivwirtschaft - also in der Periode der Unkenntnis der Naturgesetzlichkeit im heutigen Sinne - eine um so stärkere Unfreiheit durch die abergläubische Auffassung der Natur geherrscht habe.

Erst indem die Wirtschaft sich zu ihrer vollen Ausdehnung, Komplikation, innerlichen Wechselwirksamkeiten entwickelt, entsteht jene Abhängigkeit der Menschen untereinander, die durch die Ausschaltung des persönlichen Elementes den Einzelnen stärker auf sich zurückweist und seine Freiheit zu positiverem Bewußtsein bringt, als die gänzliche Beziehungslosigkeit es vermöchte.

Das Geld ist der absolut geeignete Träger eines derartigen Verhältnisses; denn es schafft zwar Beziehungen zwischen Menschen, aber es läßt die Menschen außerhalb derselben, es ist das genaue Äquivalent für sachliche Leistungen; aber ein sehr inadäquates für das Individuelle und Personale an ihnen: die Enge der sachlichen Abhängigkeiten, die es stiftet, ist für das unterschiedsempfindliche Bewußtsein der Hintergrund, von dem sich die aus ihnen herausdifferenzierte Persönlichkeit und ihre Freiheit erst deutlich abhebt. (> 322)

Teil II

Der Besitz als Tun.

Gegenseitige Abhängigkeit zwischen Haben und Sein. Gelöstheit derselben vermittels des Geldbesitzes.

Unfreiheit als Verflechtung psychischer Reihen ineinander: am geringsten bei Verflechtung je einer mit dem Allgemeinsten der anderen Reihe.

Anwendung auf die Bindung durch das ökonomische Interesse.

Freiheit als Ausprägung des Ich an den Dingen, als Besitz.

Unbedingte und bedingte Nachgiebigkeit des Geldbesitzes gegenüber dem Ich.

Unter den Bewegungen des Lebens, insbesondere soweit sie sich an äussere Gegenstände heften, pflegt man entweder das Erwerben, in dessen weiteren Sinn ich hier die Arbeit einbeziehe, oder das Geniessen der Dinge zu verstehen.

Das Besitzen ihrer erscheint dagegen nicht als Bewegung, sondern als ein ruhender, gleichsam substanzieller Zustand, zu jenen anderen sich verhaltend, wie das Sein zum Werden.

Im Gegensatz dazu glaube ich, dass man auch das Besitzen als ein Tun bezeichnen muss, wenn man die ganze Tiefe und Breite seiner Bedeutung ergreifen will.

Es ist eine falsche Gewöhnung, den Besitz als etwas passiv Hingenommenes zu betrachten, als das unbedingt nachgiebige Objekt, das, soweit es eben Besitz ist, keine Betätigung unsererseits mehr erfordert.

Nur in das Reich des Ethischen, d. h. der frommen Wünsche, hat sich jene im Reiche des Seins verkannte Tatsache geflüchtet, wenn wir es als Ermahnung hören, dass wir erwerben sollen, was wir besitzen wollen, dass jeder Besitz zugleich Pflicht sei, dass man mit seinem Pfunde wuchern solle usw.

Höchstens gibt man zu, dass man mit dem Besitze weiterhin etwas anzufangen habe, allein an und für sich sei er etwas Ruhendes, sei er der Endpunkt, vielleicht auch der Ausgangspunkt einer Aktion, aber nicht selbst Aktion.

Sieht man näher zu, so zeigt sich dieser passivistische Eigentumsbegriff als eine Fiktion; was in gewissen primitiveren Verhältnissen besonders nachdrücklich hervortritt.

Im alten Nord-Peru und ebenso im alten Mexiko war die Be-arbeitung der - jährlich aufgeteilten - Felder eine gemeinsame; der Ertrag aber war individueller Besitz.

Nicht nur aber durfte niemand seinen Anteil verkaufen oder verschenken, sondern, wenn er freiwillig verreiste und nicht zur Bebauung seines Feldes zurückkehrte, so ging er seines Anteils überhaupt verlustig.

Ganz ebenso bedeutete in den alten deutschen Marken der Besitz eines Stückes Land für sich selbst noch nicht, dass man auch wirklicher Mark-genosse war: dazu musste man den Besitz auch wirklich selbst bebauen, musste, wie es in den Weistümern heisst, dort selbst Wasser und Weide geniessen und seinen eigenen Rauch haben.

Der Besitz, (> 323) der nicht irgendein Tun ist, ist eine blosse Abstraktion: der Besitz als der Indifferenzpunkt zwischen der Bewegung, die zu ihm hin, und der Bewegung, die über ihn fortführt, schrumpft auf Null zu-sammen; jener ruhende Eigentumsbegriff ist nichts als das in latenten Zustand übergeführte aktive Geniessen oder Behandeln des Objektes und die Garantie dafür, dass man es jederzeit geniessen oder etwas mit ihm tun kann.

Das Kind will jeden Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregt, »haben«, man soll ihn ihm »schenken«.

Das bedeutet aber nur, dass es im Augenblick etwas damit anfangen, oft nur, es genau besehen und betasten will.

Ebensowenig hat der Eigentumsbegriff niederer Völker die Dauer, ja, die prinzipielle Ewigkeit des unsrigen zum Kennzeichen, er enthält nur eine momentane Beziehung von Genuss und Aktion mit dem Dinge, das oft im nächsten Augenblick mit der grössten Gleichgültigkeit verschenkt oder verloren wird.

So ist der Besitz in seiner ursprünglichen Form vielmehr labil als stabil.

jede höhere Besitzform entwickelt sich daraus als bloss graduelle Steigerung der Dauer, Sicherheit, Stetigkeit der Beziehung zu dem Dinge, die blosse Momentaneität derselben verwandelt sich in eine beharrende Möglichkeit, in jedem Augenblick auf sie zurückzugreifen, ohne dass doch der Inhalt und die Realisierung derselben anderes oder mehr als eine Reihenfolge einzelner Vornahmen oder Fruktifizierungen bedeutete.

Die Vorstellung, als sei der Besitz etwas qualitativ Neues und Substanzielles gegenüber den einzelnen Verfügungsakten über die Dinge, gehört in jene Kategorie typischer Irrtümer, die z. B. in der Geschichte des Kausalitätsbegriffes so wichtig geworden ist.

Nachdem Hume darauf aufmerksam gemacht hatte, dass jene sachlich notwendige Verbindung, die wir als Ursache und Wirkung bezeichnen, niemals konstatierbar sei, dass das erfahrbare Wirkliche daran vielmehr nur die zeitliche Folge zweier Ereignisse sei, schien nachher Kant die Festigkeit unseres Weltbildes durch den Nachweis zu retten, dass die blosse sinnliche Wahrnehmung einer zeitlichen Folge noch gar nicht Erfahrung sei, diese vielmehr auch in dem Sinn des Empiristen eine wirkliche Objektivität und Notwendigkeit des kausalen Erfolgens voraussetzte.

Mit anderen Worten, während dort die Erkenntnis auf bloss subjektive und einzelne Eindrücke beschränkt werden sollte, wurde hier die objektive Gültigkeit unseres Wissens nachgewiesen, die sich ganz über den einzelnen Fall und über das einzelne vorstellende Subjekt erhebt - gerade wie sich das Eigentum jenseits der einzelnen Nutzniessung stellt.

Es handelt sich hier um eine Anwendung eben derselben Kategorie, durch die wir im ersten Kapitel das Wesen des objektiven Wertes festzustellen suchten.

Oberhalb der einzelnen In- (> 324)halte unseres Bewusstseins: der Vorstellungen, Willensimpulse, Gefühle, steht ein Bezirk von Objekten, mit deren Bewusstsein der Gedanke mitschwebt, sie hätten eine dauernde, sachliche, jenseits aller Singularität und Zufälligkeit ihres Vorgestelltwerdens stehende Gültigkeit.

Die beharrende Substanz der Dinge und die gesetzmässige Ordnung ihrer Schicksale, der beständige Charakter der Menschen und die Normen der Sittlichkeit, die Forderungen des Rechtes und der religiöse Sinn des Weltganzen - alles dies hat eine sozusagen ideelle Existenz und Gültigkeit, die sprachlich nicht anders zu be-zeichnen ist als durch die Unabhängigkeit von den einzelnen Vor-gängen, in denen jene Substanz und Gesetzlichkeit sich darstellt oder in denen jenen Forderungen und Normen genügt oder nicht ge-nügt wird.

Wie wir den beharrenden Charakter einer Person von den einzelnen Handlungen unterscheiden, in denen er sich ausprägt oder die ihm auch widersprechen, so besteht etwa der sittliche Imperativ in ganz ungebrochener Würde, ob ihm im Empirischen gehorcht wird oder nicht; wie der geometrische Satz gilt, unabhängig von den einzelnen Figuren, die ihn genau oder ungenau repräsentieren, so bestehen die Stoffe und Kräfte des Weltganzen, gleichviel welche Teile davon das menschliche Vorstellen abwechselnd für sich herauslöst.

Gewiss muss die Erkenntnistheorie das ewige Naturgesetz von der zeitlichen Summe seiner Verwirklichungen unterscheiden; allein ich sehe nicht ein, was es innerhalb der Praxis des Erkennens noch ausser der Bestimmung jeder überhaupt je eintretenden einzelnen Verwirklichung leisten soll.

Gewiss ist der objektive Gegenstand im gleichen Sinn zu unterscheiden von den subjektiven Wahrnehmungen, in denen er sich darstellt; allein seine Bedeutung besteht doch nur darin, jede überhaupt mögliche Wahrnehmung seiner eindeutig zu bestimmen; gewiss steht die sittliche Norm jenseits der einzelnen Handlungen, auf die sie positive oder negative Anwendung findet, aber sie hat doch nur den Sinn, jeder dergleichen Handlung ihren Wert zu bestimmen, und wenn es überhaupt keine Einzelhandlungen gäbe noch geben könnte, mit denen sie sich berührt, so würde ihre reale Bedeutung gleich Null sein.

Kurz, wovon die Kategorie jener Substanzen und Werte sich allerdings generell unterscheidet, ist jeder Einzelfall als solcher und die noch so grosse relative Summe der Einzelfälle; ihre absolute Summe aber ist ihr restloses Äquivalent, sie sind, von ihrem metaphysischen Sinne abgesehen, nur der abgekürzte Ausdruck für die Totalität der einzelnen Ereignisse, Vorstellungen, Aktionen. Und daran darf man sich nicht durch die Tatsache irre machen lassen, dass allerdings keine empirische Reihe von (> 325) Einzelheiten - als welche immer unvollständig und relativ ist - die Inhalte jener Kategorien deckt oder erschöpft.

Dies ist nun die Formel, in die der Eigentumsbegriff sich einstellt. Gewiss ist das Eigentum begrifflich und juristisch von den einzelnen Rechten und Nutzniessungen an der Sache zu unterscheiden. Und was jemand mit seinem Eigentum vornehmen wird, lässt sich niemals von vornherein so bestimmen, dass man sagen könnte: diese Summe von Aktion und Genuss decke sich mit seinem Eigentum an der Sache.

Allein die Gesamtheit der überhaupt möglichen und je wirklichen Benutzung deckt sich doch damit.

So sehr sich die iura in re aliena von dem Eigentum unterscheiden mögen, so ist doch inhaltlich zwischen beiden nur ein gradueller Unterschied: in etwas anderem als einer Summe von Rechten über das Objekt kann kein Eigentum bestehen; selbst ein so einheitlich und geschlossen erscheinender Besitz wie der römische Prinzipat ist rechtshistorisch der Eintritt in eine Reihe auf verschiedene Weise erworbener Ämter, gerade wie, dass der Gutsherr den untertänigen Bauern als »Eigentum« besass, doch nur die Summiertheit einzelner, allmählich angewachsener Rechte über ihn bedeutete.

Nur dass das Eigentum nicht eine relative, sondern prinzipiell die absolute Summe der Rechte an der Sache ausdrückt und garantiert.

Eben deshalb hat das Eigentum als Wirklichkeit, wenn auch nicht als begriffliche Abstraktion, die Aktion des Eigentümers zum notwendigen Korrelat.

Nur in der ideellen Nachwirkung der Prozesse, die zu ihm führten, und in der ideellen Vorwegnahme künftigen Geniessens oder Verwertens besteht der ruhende Besitz; zieht man diese Erscheinungen, die man fälschlich für nur begleitende anzusehen pflegt, von ihm ab, so bleibt nichts von ihm übrig.

Nun aber sind die wechselnden Arten dieser subjektiven Bewe-gung, die Besitz heisst, in irgendeinem Masse von der Eigenart des Objekts abhängig, an dem sie sich vollzieht; das Geld aber ist das-jenige Besitzobjekt, bei dem diese Abhängigkeit die geringste ist.

Erwerb und Fruktifizierung von Besitzobjekten, die nicht Geld sind, ist von bestimmten Kräften, spezifischen Eigenschaften und Bemühungen abhängig.

Daraus ergibt sich aber unmittelbar, dass umgekehrt der eigenartige Besitz auch auf die Qualität und Betätigung des Besitzers Einfluss üben muss.

Wer ein Landgut oder eine Fabrik besitzt, soweit er den Betrieb nicht anderen überlässt und ausschliesslich Rentenempfänger ist; wer als zentrales Besitzstück eine Gemäldegalerie oder einen Rennstall besitzt, der ist in seinem Sein nicht mehr vollkommen frei; und das bedeutet nicht nur, dass seine Zeit in einem bestimmten Mass und Art beansprucht ist, sondern vor (> 326) allem, dass eine bestimmte Qualifikation seiner dazu vorausgesetzt wird.

Der spezifische Sachbesitz enthält gleichsam eine rückwärts-gewendete Prädestination; der Besitz von Verschiedenem ist ein ver-schiedenes Besitzen, sobald nicht nur der juristische Sinn des Eigen-tums in Frage steht.

Der Besitz eines besonders charakterisierten Objektes, der mehr als jenen abstrakten Eigentumsbegriff bedeuten will, ist nichts, was jeder Persönlichkeit ohne weiteres und wie von aussen angeheftet werden könnte: er besteht vielmehr aus einer Wechselwirkung zwischen den Kräften oder Qualitäten des Subjekts und denen des Objekts, und diese Wechselwirkung kann nur bei einem bestimmten Verhältnis beider, d. h. bei einer bestimmten Qualifikation auch des Subjektes entstehen.

Es ist nur der Revers dieser Überlegung, dass die Wirkung des Besitzes auf den Besitzer diesen bestimmt.

Wie der Besitz besonderer Objekte um so mehr ein echter und aktiver ist, je entschiedener und unzweideutiger das Subjekt dafür veranlagt ist, so umgekehrt: je gründlicher und eindringlicher der Besitz wirklich besessen, d. h. fruchtbar gemacht und genossen wird, um so entschiednere und determinierendere Wirkungen wird er auf das innere und das äussere Wesen des Subjekts ausüben.

So geht eine Kette vom Sein zum Haben und vom Haben zurück zum Sein.

Die Marxische Frage, ob das Bewusstsein der Menschen ihr Sein oder ihr Sein ihr Bewusstsein bestimme, findet für ein Teilgebiet hier ihre Antwort: denn unter das Sein im Sinne von Marx gehört das Haben der Menschen.

Diese eigentümliche Verbindung aber, vermittels deren der Mensch durch eine spezifische Anlage auf einen bestimmten Besitz hingewiesen, durch diesen Besitz aber andrerseits in seinem Wesen bestimmt wird, ist straffer oder loser je nach dem Objekt, das ihren Drehpunkt bildet.

Bei Gegenständen von rein ästhetischer Bedeutung, ökonomischen Werten von sehr arbeits-teiliger Bestimmtheit, Objekten von schwieriger Zugängigkeit und Verwertbarkeit wird jene Verbindung eine sehr stringente sein, und sie wird sich durch die Skala immer geringerer spezifischer Bestimmtheit der Objekte hindurch mehr und mehr lockern, bis sie schliesslich beim Gelde ganz auseinanderzufallen scheint.

Die Unabhängigkeit des Seins vom Haben und des Habens vom Sein, die das Geld zuwege bringt, zeigt sich zunächst an seinem Er-werb.

Denn vermöge des abstrakten Wesens des Geldes münden alle möglichen Anlagen und Betätigungen in ihm.

Wie alle Wege nach Rom führen - indem Rom als die oberhalb jedes lokalen Interesses gelegene und im Hintergrunde jeder Einzelaktion stehende Instanz gedacht wird - so führen alle ökonomischen Wege auf Geld; und wie deshalb Irenäus Rom das Kompendium der Welt nannte, so (> 327) Spinoza das Geld omnium rerum compendium.

Es ist mindestens das immer gleiche Nebenprodukt aller noch so ungleichen Produk-tionen.

Das Geld hat die Eigentümlichkeit, dass es durch die Tüchtigkeit in der Behandlung anderer Dinge erworben wird.

Viel Bodenfrüchte werden durch die Tüchtigkeit des Landwirts, viel Stiefel durch den Fleiss des Schuhmachers gewonnen, viel Geld aber durch die Tüchtigkeit in jedweder besonderen Tätigkeit.

Zu seinem Gewinn bedarf es deshalb nicht jener speziellen Anlagen, die den Erwerb anderer Objekte sonst an das Sein des Subjekts knüpft.

Es gibt allerdings Persönlichkeiten, die für die Behandlung der Geldseite alles Verkehrs besondere Begabung zeigen; allein da der Erfolg des wirtschaftlichen Verkehrs überhaupt sich jetzt in Geld ausdrückt, so wird sehr häufig allgemeine kaufmännische Beanlagung sich als Talent zum Geldverdienen darstellen.

Umgekehrt aber wird die oben vorgetragene Deutung gerade dadurch bestärkt, dass gewisse Persönlichkeiten durch ihren Mangel an Verständnis für alles Geldwesen auffallen.

Dass derartige Personen sich so charakteristisch abheben - ganz anders als solche, die etwa kein Talent für Landwirtschaft oder für literarische oder für technische Aufgaben haben -- beweist gerade, dass der Gewinn von Geld an einen viel weiteren Kreis von Qualitäten appelliert, als der jedes anderen Wertes.

Dadurch, dass das Geld seinen Ursprung, d. h. die spezifische Tätigkeit, durch die es, nicht nur im ökonomischen, sondern auch im moralischen Sinne des Wortes »verdient« wird, völlig abstreift, erklärt es sich, dass der Genuss auch des wohlverdientesten Vermögens leicht etwas Protziges hat und in dem Proletarier ein Hassgefühl erzeugt, wie es aus andern Prärogativen - aus Geburt, Amt, Überlegenheit - nicht entspringt, falls nicht noch erschwerende, verbitternde Momente zu diesen hinzutreten. Andrerseits mag sich eine entsprechende Ausnahme auf den höchsten Höhen der Geldwirtschaft beobachten lassen.

An den Trans-aktionen des grossen Finanziers oder Spekulanten kann der Kenner vielleicht die »Hand« der bestimmten Persönlichkeit erkennen, einen eigenen Stil und Rhythmus, der die Unternehmungen des einen von denen des anderen charakteristisch unterscheidet.

Allein hier kommt erstens in Betracht, was noch an anderen Erscheinungen nach-zuweisen sein wird, dass der blosse Quantitätscharakter des Geldes bei ausserordentlich hohen Summen allerdings einer Nüance qualitativer Eigenheit Platz macht.

Die Indifferenz, Abgeschliffenheit und Banalität, die das Los des fortwährend kursierenden Geldes bilden, reichen nicht in gleichem Masse an die seltenen und auffälligen Konzentrierungen ungeheurer Geldmittel in einer einzigen Hand her- (> 328) an. Als das Wesentliche kommt hier hinzu, dass das Geld überhaupt in spezifischen »Geldgeschäften« ein ganz besonderes Wesen an-nimmt, d. h., wenn es nicht als Tauschmittel in bezug auf andere Ob-jekte, sondern als zentraler Inhalt, als für jetzt nicht über sich hinausweisendes Objekt der Transaktion fungiert.

In dem reinen zweiseitigen Finanzgeschäft ist das Geld nicht nur in dem Sinne Selbstzweck, dass es ein zu einem solchen ausgewachsenes Mittel wäre, sondern es ist von vornherein das auf nichts anderes hinweisende Interessenzentrum, das also auch ganz eigene Normen ausbildet, gleichsam ganz autochthone Qualitäten entfaltet und eine nur von diesen abhängige Technik erzeugt.

Unter diesen Umständen, wo es wirklich eine eigene Färbung und eigentümliche Qualifikation besitzt, kann sich in der Gebarung mit ihm viel eher eine Persönlichkeit ausdrücken, als wenn es das an sich farblose Mittel zu schliesslich anders gearteten Zwecken ist.

Vor allem: es gelangt in diesem Falle, wie erwähnt, zu einer ganz eigenartigen und tatsächlich sehr ausgebildeten Technik; und allenthalben ermöglicht nur eine solche den individuellen Stil der Persönlichkeit.

Nur wo die Erscheinungen einer bestimmten Kategorie in solcher Fülle und inneren Abgeschlossenheit auftreten, dass eine besondere Technik zu ihrer Be-wältigung erwächst, wird das Material eben durch diese so geschmeidig und bildsam, dass der Einzelne in der Handhabung desselben einen eigenen Stil zum Ausdruck bringen kann.

Die besonderen Bedingungen dieser Fälle, in denen zwischen dem Geld und der Persönlichkeit ein spezifisches Verhältnis aufwächst, lassen nicht zu, dieselben als Widerlegungen seiner behaupteten Funktion: Haben und Sein voneinander zu trennen - aufzufassen.

Diese Funktion stellt sich nun, insbesondere von der Seite der Verwendung her, noch folgendermassen dar.

Wir hatten gesehen: was das Eigentum von der momentanen Nutzniessung unterscheidet, ist die Garantie dafür, dass die Nutzniessung in jedem Augenblick und nach jeder Richtung hin erfolgen kann.

Die Tatsache des Eigentums einer Sache ist gleich der vollständigen Summe alles Benutzens und Geniessens ihrer. Die Form, in der diese Tatsache in jedem einzelnen Augenblick uns gegenwärtig wird, ist eben die Gewährleistung aller künftigen Nutzniessungen, die Sicherheit, dass kein Anderer ohne den Willen des Eigentümers dieses Objekt wird benutzen und geniessen können.

Solche Sicherheit nun wird in einem vorrechtlichen Zustande - ebenso natürlich in denjenigen Sphären kultivierter Zustände, die keiner direkten rechtlichen Regelung unterliegen - nur durch die Kraft des Eigentümers, sein Eigentum zu schützen, gegeben.

Sobald diese erlahmt, kann er Andere nicht mehr (> 329) von dem Genuss seines bisherigen Eigentums ausschliessen, und dieses wird ohne weiteres an einen Anderen übergehen, dem es gleichfalls so lange verbleibt, wie seine Kraft ausreicht, ihm die Ausschliesslichkeit der Nutzungen des Objekts zu garantieren.

Im rechtlichen Zustande bedarf es dieser persönlichen Kraft nicht mehr, indem die Gesamtheit dem Eigentümer den dauernden Besitz seines Eigentums und die Ausschliessung aller Anderen davon sichert.

Eigentum, so könnte man in diesem Falle sagen, sei die sozial garantierte Potenziali-tät der vollständigen Nutzniessungen eines Objekts.

Dieser Eigentumsbegriff nun erfährt gewissermassen eine Steigerung, sobald er sich am Gelde verwirklicht.

Denn indem jemand Geld besitzt, ist ihm durch die Verfassung des Gemeinwesens nicht nur der Besitz desselben, sondern eben damit der Besitz sehr vieler anderer Dinge zugesichert.

Wenn jedes Eigentum an einer Sache nur die Möglichkeit derjenigen bestimmten Nutzniessung bedeutet, die die Natur dieser Sache gestattet, so bedeutet Eigentum an Geld die Möglichkeit der Nutzniessung unbestimmt vieler Sachen.

In Bezug auf alles andere kann die öffentliche Ordnung dem Besitzer nichts anderes gewähr-leisten, als was die besondere Art des Objekts mit sich bringt: dein Landeigentümer, dass niemand ausser ihm von seinem Felde Früchte gewinnen darf, dass er allein es bebauen oder brachliegen lassen darf, dem Waldbesitzer, dass er das Holz schlagen und das Wild jagen darf usw.; indem sie aber Geld prägt, garantiert sie damit dem Be-sitzer desselben, dass er für sein Geld Getreide, Holz, Wild usw. sich aneignen kann.

Das Geld erzeugt so eine höhere Potenz des all-gemeinen Eigentumsbegriffes; eine solche, in der schon durch die Rechtsverfassung der spezifische Charakter jedes sonstigen Sach-besitzes aufgelöst und das geldbesitzende Individuum einer Unend-lichkeit von Objekten gegenübergestellt wird, deren Genuss ihm gleichmässig durch die öffentliche Ordnung garantiert ist: es legt also von sich aus nicht seine weitere Ausnutzung und Fruktifizierung fest, wie einseitig bestimmte Objekte es tun.

Vom Geldbesitz gilt absolut nicht, was man von Staaten gesagt hat: dass sie nur durch dieselben Mittel erhalten werden, durch die sie gegründet sind - was doch von so vielen anderen Besitzen, namentlich geistigen, aber auch so-gar von vielfachem durch Geld erworbenem Besitz gilt, der aus-schliesslich durch dasselbe Interesse an der Sache erhalten werden kann, das zu seinem Erwerbe führte.

Die völlige Unabhängigkeit des Geldes von seiner Genesis, sein eminent unhistorischer Charakter spiegelt sich nach vorwärts in der absoluten Unbestimmtheit seiner Verwendung.

Darum empfinden wir als ganz unbegründet und verschroben die Vorstellung einer personalen Bedeutung seiner, wie sie (> 330) das kirchliche Zinsverbot erzeugte: ein Kaufmann, sogar noch im 16. Jahrhundert, sah es zwar für eine Sünde an, mit eigenem Gelde zu wuchern, aber nicht, es mit fremdem geborgtem zu tun. Dieser Unterschied scheint allerdings nur dann möglich zu sein, wenn es überhaupt eine innere ethische Beziehung zwischen dem Geld und der Persönlichkeit gibt.

Aber die Unmöglichkeit, ihn nachzuempfinden, beweist den Mangel dieser Beziehung.

Und wo eine solche dennoch stattfindet, da knüpft sie sich eben nicht an das Geld überhaupt, sondern nur an Unterschiede seiner Quantität.

Gewiss wird die Wir-kung auch anderer Besitztümer auf den Besitzer und seine Wirkung auf jene eine verschiedene sein je nach ihrem in Frage kommenden Quantum; z. B. beim Grund und Boden der Unterschied zwischen bäuerlichem und Grossgrundbesitz.

Es bleibt aber selbst hier eine ge-wisse Gleichheit der Interessen und erforderten Beanlagung, durch welche sich die Qualität des Besitzes als das Band zwischen dem Haben und dem Sein des Besitzers erweist.

Wo aber zwischen dem Menschen und dem Geldbesitz eine bestimmende Verbindung besteht, da ist es eben die reine Quantität des Geldes, die als charakteristische Ursache oder Folge auftritt; während bei anderen Besitzen gerade die blosse Qualität schon mit gewissen personalen Ursachen oder Folgen verbunden zu sein pflegt.

So gibt etwa erst der Besitz eines ganz enormen Geldvermögens dem Leben von sich aus eine bestimmende Richtung, der sich der Reiche allerdings schwer entziehen kann.

Es sind nur ganz spärliche und diffizile Erscheinungen, die sonst die Persönlichkeit in einem unmittelbaren Verhältnis zum Gelde zeigen.

Man pflegt z. B. zu sagen, in jedem Menschen stecke ein Geiziger und ein Verschwender; das bedeutet, dass von der rein durchschnittlichen Art, mit der ein Kulturkreis sein Einkommen verwendet, jedes Individuum sowohl nach oben wie nach unten ab-weicht; fast unvermeidlich allerdings muss es dem Einzelnen von seinem subjektiven Empfinden der Werte aus scheinen, als ob jeder Andere für bestimmte Dinge zu viel oder zu wenig ausgäbe.

Der auf der Hand liegende Grund: die Verschiedenheit in der Schätzung der konkreten, mit Geld zu bezahlenden Dinge, ist nicht der einzige; neben ihm steht vielmehr die individuelle Art, wie sich der Einzelne zum Gelde als solchem stellt: ob jemand leicht ein erheblicheres Geld auf einmal aufwendet oder ob er vielerlei kleinere Ausgaben zu machen Vorzieht; ob der Gewinn einer grösseren Summe ihn zur Ver-schwendung oder gerade zu doppelter Sparsamkeit anregt; ob er beim Geldausgeben leicht auf die schiefe Ebene gerät und jede Aus-gabe die nächste psychologisch erleichtert, oder ob jede gleichsam eine innere Obstruktion hinterlässt, so dass selbst die gerechtfertigte Aus- (>331)gabe jetzt nur zögernd erfolgt.

Das alles sind individuelle Differenzen, die in die Tiefen der Persönlichkeit hinabreichen, aber erst innerhalb der Geldwirtschaft so prägnant oder überhaupt in die Erscheinung treten.

Indes ist doch auch hier das Material für diese Äusserung die blosse Quantität; diese ganzen, für das Individuum so bezeichnenden Unterschiede der Geldgebarung kommen doch auf solche des Mehr oder Weniger hinaus, ganz im Gegensatz zu den Unterschieden zwischen den Persönlichkeiten, die sich in ihrem sonstigen Verfahren mit Dingen und Menschen finden.

Im allgemeinen wird es also dabei bleiben, dass jeder andere Besitz viel bestimmtere Forderungen an das Individuum stellt und viel bestimmtere Wirkungen auf da-selbe ausübt, somit als eine Determination oder Fesselung desselben erscheint; erst der Geldbesitz gibt, wenigstens unterhalb einer sehr hoch gesteckten und sehr selten erreichten Grenze, nach beiden Seiten hin volle Freiheit.

Darum hat auch erst die Geldwirtschaft die Herausbildung der-jenigen Berufsklassen ermöglicht, deren Produktivität sich inhaltlich ganz jenseits jeder wirtschaftlichen Bewegung stellt - die der spezi-fisch geistigen Tätigkeiten, der Lehrer und Literaten, der Künstler und Ärzte, der Gelehrten und Regierungsbeamten.

Solange Naturalwirtschaft herrscht, erlangen diese überhaupt nur geringen Umfang und nur auf der Basis des Grossgrundbesitzes, weshalb denn auch im Mittelalter die Kirche und, nach manchen Seiten hin, das Rittertum das geistige Leben trugen.

Die bezeichnete Kategorie von Menschen erhält ihren Rang durch die Strenge der Frage, von der der ganze Wert ihrer Persönlichkeiten abhängt: ob sie sich oder ob sie die Sache suchen.

Wo die erwerbende Tätigkeit prinzipiell kein Motiv ausserhalb des Erwerbes selbst einzusetzen hat, fällt dieses Kriterium ganz fort und wird höchstens durch die Alternative zwischen rück-sichtslosem Egoismus und anständiger Gesinnung - die aber hier wesentlich prohibitiv wirkt - ersetzt.

Das Eigentümliche ist, dass das Geld, obgleich, oder vielmehr weil es der sublimierteste Wirtschaftswert ist, uns von der wirtschaftlichen Seite der Dinge am voll-ständigsten erlösen kann - freilich um den Preis, uns den Betätigungen, die ihren Sinn nicht in ihrem wirtschaftlichen Erfolge haben, mit jener unerbittlichen Frage gegenüberzustellen.

Wie aber die der höheren Entwicklung eigene Differenzierung der Lebenselemente allenthalben bewirkt, dass sie als verselbständigte dann wiederum neue Synthesen bilden, so zeigt sich schon hier das später Aus-zuführende, dass die geldmässige Fremdheit zwischen dem Besitz und dem Kern der Persönlichkeit doch einer neuen Bedeutung des einen für das andere Raum gibt. (> 332) Denn das Wirken des Künstlers, des Beamten, des Predigers, des Lehrers, des Forschers misst sich, seinem sachlichen Inhalt nach, zwar an einem objektiven Ideale und schafft nach der an diesem fest-gestellten Höhe die subjektive Befriedigung des Leistenden.

Neben dem aber steht der wirtschaftliche Erfolg jener Tätigkeiten, der bekanntlich nicht immer eine stetige Funktion des sachlichen oder idealen ist.

Und jener kann sich nicht nur, bei den niedrigsten Naturen, so in den Vordergrund drängen, dass er den anderen zu einem Mittel degradiert; sondern selbst für feinere und der Sache lebende Menschen kann in dem Gelingen der Leistung nach der ökonomischen Seite hin ein Trost, Ersatz, Rettung für die gefühlte Unzulänglichkeit nach der Seite des Haupterfolges hin liegen; zum mindesten etwas wie ein Ausruhen und eine momentane Verpflanzung des Interesses, die der Hauptsache schliesslich gewachsene Kräfte zuführt.

Viel schwieriger, klippenreicher ist das Los dessen, der mit seiner Leistung nicht zugleich Geld verdient, sondern diese ausschliesslich an der Sache und ihren inneren Anforderungen messen darf.

Ihm fehlt jene wohltätige Ableitung und Tröstung durch den Gedanken, wenigstens im wirtschaftlichen Sinne das Seinige getan und die Anerkennung dafür empfangen zu haben; er sieht sich ganz anders als jener vor ein: Alles oder Nichts - gestellt und muss über sich selbst nach einem Gesetzbuch richten, das keine mildernden Umstände kennt.

So gleicht sich die Begünstigung derer aus, die darum beneidet werden, dass sie »nicht aufs Geld zu sehen brauchen« nur der Sache leben können.

Sie müssen das damit bezahlen, dass über den Wert ihres Tuns jetzt nur ein einziger Erfolg entscheidet, bei dessen Verfehlen sie nicht den wie auch geringen Trost haben, dass wenigstens ein greifbarer Nebenerfolg geglückt ist.

Dass dieser gerade in der Form des verdienten Geldes auftritt, erleichtert ihm ausserordentlich das Gewinnen solcher Bedeutung. Es wird darin erstens in der unzweideutigsten Form ausgewiesen, dass die Leistung, trotz ihres Zurückbleibens hinter dem eigenen oder dem sachlichen Endwerte, doch für andere Menschen etwas wert sein muss; ferner macht die Struktur des Geldes es so besonders geeignet, als relativ befriedigender Ersatz für einen ausgebliebenen idealen Haupterfolg zu funktionieren, weil es durch seine Greifbarkeit und nüchtern quantitative Bestimmtheit einen gewissen Halt und psychische Er-lösung gegenüber dem Schwanken und Fliessen qualitativer Lebens-werte gewährt, insbesondere wenn diese sich erst im Zustande des Erobertwerdens befinden; endlich wird durch die völlige innere Fremdheit des Geldes gegen die idealen Werte einer Verwirrung des Wertempfindens, die für feinere Naturen höchst beängstigend sein (> 333) müsste, vorgebeugt, die beiden Erfolge bleiben in unbedingter Getrenntheit bestehen, der eine kann wohl einmal eine gewisse innere Bedeutung erlangen, wenn die des anderen versagt, aber sich doch nicht mit dieser mischen.

So gelingt es dem Gelde, nachdem es durch die Scheidung von Haben und Sein die rein geistigen Berufe geschaffen hat, durch neue Synthese des Differenzierten, die Produktion rein geistiger Werte sozusagen nicht nur auf der absoluten, sondern auch auf den relativen Stufen - dort, wo man der Unbedingtheit jener Entscheidung nicht gewachsen ist - zu tragen.

Eben durch jene fundamentale Scheidung hilft die Geldwirtschaft einen der Betrachtung nicht unwerten Begriff der Freiheit zu verwirklichen.

Die Unfreiheit des Menschen ist damit, dass er von äusseren Mächten abhängig ist, doch erst ganz oberflächlich bezeichnet. Diese äussere Abhängigkeit findet ihr Gegenbild in jenen inneren Verhältnissen, die ein Interesse oder ein Tun der Seele mit anderen so eng verflechten, dass die selbständige Bewegung und Entwicklung desselben verhindert wird.

Die Unfreiheit nach aussen hin setzt sich sehr oft in das Innere fort; sie verleiht einer psychischen Provinz oder Energie eine überwuchernde Betonung, so dass diese sich in die Entwicklung anderer gleichsam hineinmischt und das freie Sich-Selbst-Gehören derselben stört.

Diese Konstellation kann natürlich auch auf andere Ursachen als die einer äusseren Bindung hin eintreten.

Wenn die Moralphilosophie die sittliche Freiheit als die Unabhängigkeit der Vernunft von den sinnlich-egoistischen Impulsen zu definieren pflegt, so ist dies doch nur ein einseitiger Fall des ganz allgemeinen Ideals der Freiheit, das in der gesonderten Entfaltung, dem unabhängigen Sich-Ausleben einer Seelenenergie allen anderen gegenüber, besteht; auch die Sinnlichkeit ist »frei«, wenn sie mit den Normen der Vernunft nicht mehr verbunden, also nicht mehr durch sie gebunden ist, das Denken ist frei, wenn es nur seinen eigenen, ihren innerlichen Motiven folgt und sich von den Verknüpfungen mit Gefühlen und Wollungen gelöst hat, die es auf einen Weg, der nicht sein eigener ist, mitziehen wollen.

So kann man Freiheit in diesem Sinne als innere Arbeitsteilung definieren, als eine gegenseitige Lösung und Differenzierung der Triebe, Interessen, Fähigkeiten.

Der Mensch ist als ganzer frei, innerhalb dessen jede einzelne Energie ausschliesslich ihren eigenen Zwecken und Normen gemäss sich entwickelt und auslebt.

Darin ist die Freiheit im gewöhnlichen Sinne, als Unabhängigkeit von äusseren Mächten, einbegriffen.

Denn die Unfreiheit, die wir durch solche erleiden, bedeutet, genau angesehen, nichts anderes, als dass die für sie in Bewegung gesetzte innere Kraft, die zu einem oktroyierten Zweck engagierte Seelenprovinz andere (> 334) Energien und Interessen in eine Richtung mit hineinzieht, die diese, sich selbst überlassen, nicht nehmen würden.

Eine uns aufgezwungene Arbeit würden wir nicht als Unfreiheit empfinden, wenn sie uns nicht an anderweitigem Tun oder Geniessen hinderte; eine uns auferlegte Entbehrung niemals als Unfreiheit, wenn sie nicht andere, normale oder erwünschte Empfindungsenergien abböge oder unterdrückte.

Jener alte Satz, dass Freiheit bedeutet, der eigenen Natur gemäss zu leben, ist nur der zusammenfassende und abstrakte Ausdruck für das, was hier in konkreter Einzelheit gemeint ist; da der Mensch aus einer Anzahl von Qualitäten, Kräften und Impulsen besteht, so bedeutet Freiheit die Selbständigkeit und nur dem eigenen Lebensgesetz folgende Entfaltung jedes derselben. Nun kann diese Lösung der einzelnen psychischen Reihen von gegenseitiger Beeinflussung niemals eine absolute werden; sie findet vielmehr ihre Grenze an den tatsächlichen und unentbehrlichen psychischen Zusammenhängen, vermöge deren der Mensch schliesslich in aller Mannigfaltigkeit seines Seins und Tuns als eine relative Einheit erscheint.

Die vollständige Differenziertheit oder Freiheit einer inneren Reihe ist ein unvollziehbarer Begriff.

Die Formel des in dieser Hinsicht Erreichbaren dürfte die sein, dass die Verschlingungen und Bindungen immer weniger die einzelnen Punkte der Reihen betreffen, wo eine Reihe mit einem anderen psychischen Gebiet un-vermeidlich verbunden ist, wird sie ihre selbständigste Ausbildung erreichen, wenn sie mit diesem Gebiet nur im allgemeinen, nicht aber mit seinen Elementen ganz im einzelnen verbunden ist.

Während z. B. die Intelligenz im engen Zusammenhang mit dem Willen steht, derart, dass ihre grössten Vertiefungen und Leistungen nur bei der energischsten Lebendigkeit des letzteren zustande kommen - wird das Denken sogleich von seinen eigenen Normen, von der Unabhängigkeit seiner inneren Folgerichtigkeit abgebogen, sobald der Wille, der es treibt, eine spezifische Färbung, einen speziellen Inhalt besitzt.

Die Intelligenz bedarf durchaus der Verschmelzung mit der allgemeinen Lebensenergie; je mehr sie aber mit besonderen Ausgestaltungen der letzteren: religiösen, politischen, sinnlichen usw. verschmilzt, um so mehr kommt sie in Gefahr, ihre eigene Wesensrichtung nicht mehr unabhängig entwickeln zu können.

So ist die künstlerische Produktion in Stadien besonderer Verfeinerung und Vergeistigung an ein höheres Mass intellektueller Ausbildung gebunden; aber nur dann wird sie dies ausnützen, ja ertragen können, wenn es nicht spezialistisch zugespitzt ist, sondern seinen Umfang und seine Vertiefungen nur auf allgemeineren Gebieten entfaltet; anderenfalls wird die Selbständigkeit und rein künstlerische Moti-(> 335)vierung der Produktion Abbiegungen und Beengungen erfahren.

So wird das Gefühl der Liebe freilich die genaueste Kenntnis der geliebten Person zur Ursache wie zur Wirkung oder zur Begleiterscheinung haben können; dennoch wird die Steigerung des Gefühls zu seiner Höhe und sein Verbleiben auf ihr leicht dadurch gehindert, dass das Bewusstsein sich mit einseitiger Zuspitzung auf irgendeine einzelne Eigenschaft des Anderen richtet; vielmehr, nur wenn das allgemeine Bild desselben, wie unter Ausgleich alles Einzelnen und Einseitigen, was man von ihm weiss, das Bewusstsein über ihn ausmacht, ist es eine Grundlage, auf der das liebende Gefühl seine Kraft und Innigkeit am ungestörtesten und gleichsam nur auf sich selber hörend entfalten kann.

So scheint allenthalben die unvermeidliche Verschmelzung der psychischen Energien die freie, nur der eigenen Norm folgende Entwicklung der einzelnen nur dann nicht zu behindern, wenn sie nicht mit einer spezialisierten Seite oder Ausbildungsstadium der anderen, sondern mit dem ganz Allgemeinen derselben verbunden ist; nur so scheint die Distanz zwischen beiden herstellbar, die je der einen von ihnen eine differenzierte Entfaltung ermöglicht.

Diesem Typus gehört wohl auch der Fall an, der uns hier beschäftigt.

Die rein geistigen Reihen der psychischen Prozesse sind von denen, die die ökonomischen Interessen tragen, nicht völlig zu trennen; der fundamentale Charakter der letzteren verhindert das zwar nicht im einzelnen und in Ausnahmefällen, wohl aber in den durchgängigen Zusammenhängen des individuellen und sozialen Lebens.

Wenn dies nun die absolute Ungestörtheit und Freiheit der bloss geistigen Arbeit einschränkt, so wird es das doch um so weniger tun, je weniger die Bindung ein speziell bestimmtes Ökonomisches Objekt betrifft.

Wenn es gelingt, die ökonomische Interessenreihe in dieser Hinsicht nur auf das ganz Allgemeine ihrer zu stellen, so gewinnt die geistige Reihe eine Distanz von ihr, die sie, bei der Zuspitzung jener auf ein spezifisches und deshalb spezifische Aufmerksamkeit erforderndes Objekt, nicht einhalten könnte.

Die nach dieser Richtung geeignetste Besitzart war lange Zeit hindurch, wie erwähnt, der Grundbesitz.

Die Art seines Betriebes, die unmittelbare Verwendbarkeit seiner Produkte einerseits, die gleichmässige Absetzbarkeit derselben andrerseits gestattet der intellektuellen Energie eine relative Differenziertheit und Ungestörtheit; aber erst die Geldwirtschaft vermochte dies so zu steigern, dass jemand nun bloss geistiger Arbeiter und sozusagen weiter nichts sein konnte.

Das Geld ist so sehr nur wirtschaftlicher Wert überhaupt, es steht von jeder ökonomischen Einzelheit soweit ab, dass es, innerhalb der psycho- (> 336) logischen Zusammenhänge, der rein geistigen Betätigung die meiste Freiheit lässt; die Ablenkung dieser wird so ein Minimum, die Differenzierung zwischen den inneren Reihen, die man auch hier als Sein und Haben bezeichnen kann, wird ein Maximum, so dass jene völlige Konzentration des Bewusstseins auf die immateriellen Interessen, jenes arbeitsteilige Sich-Selbst-Gehören der Intellektualität möglich wird, das sich in der Entstehung der oben genannten Klassen der bloss geistigen Produktion ausspricht.

Man hat die geistige Blüte von Florenz, gegenüber den doch auch reichen und mit Talenten gesegneten Genua und Venedig, teilweise dem Umstande zugeschrieben, dass diese beiden während des Mittelalters wesentlich als Warenhändler, die Florentiner aber schon seit dem 13- Jahrhundert hauptsächlich als Bankiers reich geworden waren.

Die Natur dieses Erwerbes fordere weniger Einzelarbeit, und so habe sie ihnen mehr Freiheit für die Ausbildung höherer Interessen gelassen ? Eine Erscheinung, die auf den ersten Blick dieser befreienden Wirksamkeit des Geldes entgegengesetzt ist, weil sie es immer enger an die Person herandrängt, hat schliesslich dennoch den gleichen Sinn: die Entwicklung der direkten Steuer. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war dieselbe allenthalben an das Objekt geknüpft: der Grund und Boden, Gebäude, Gewerbe, der Besitz jeder Art trug die Steuer, gleichviel in welchen persönlichen Verhältnissen sich der Besitzer oder Gewerbetreibende befand, ob er verschuldet war, ob er wirklich den normalen Ertrag herauswirtschaftete.

Zur Individualität als solcher verhält sich diese Steuerform nicht viel adäquater als die Kopfsteuer, die freilich von allen bekannten Steuerformen die unpersönlichste ist; denn selbst die Realsteuer trifft doch eben den Besitzer des Objekts, der durch diesen Besitz irgendwie individuell bestimmt und von anderen, die keinen genau gleichen zu eigen haben, unterschieden ist.

So hatten sich schon im deutschen Mittelalter die unfreien und die besser berechtigten Zinsbauern unterschieden; jene zahlten einen Kopfzins, jedes Mitglied des Hofes oder Bezirkes den gleichen, für diese galten individuell verabredete, je nach der objektiven Lage differenzierte Zinsleistungen.

Der Objektsteuer, die zwar nicht in der Zeitfolge, aber doch sozusagen systematisch die zweite dem Personalismus zustrebende Stufe bildet, folgte nun historisch die Klassensteuer. Hier gab allerdings auch noch nicht das wirkliche individuelle Einkommen des Bürgers das Fundament ab, sondern es wurden nach den hauptsächlichsten sozialen und ökonomischen Unterschieden grosse Klassen gebildet, in deren weiter Grenze der einzelne, aber immerhin doch nach seiner sozialen und wirtschaftlichen Gesamtlage, eingestellt wurde. Erst die heutige Staatssteuer (> 337) fasst das genaue personale Einkommen, so dass alles einzelne Objek-tive zu einem blossen Element und für sich nichts entscheidenden Material herabgesetzt ist. Genau angesehen ist dieses mit steigender Geldwirtschaft immer präzisere Anschmiegen der Steuer an die per-sönliche Situation eine steigende Freiheit der Person. Denn es ge-hört zu jener Differenzierungsform der Lebensreihen, durch die jede einzelne, streng innerhalb ihres eigenen Gebietes verbleibend, auch jede andere möglichst sich selbst gehören lässt. Gerade das objektivste Prinzip, die Kopfsteuer, durchschneidet am rücksichtslosesten die persönliche Verschiedenheit der Verhältnisse, und auch jede andere Steuer, die nicht eine genaue Funktion des individuellen Einkommens ist, greift, da sie doch von diesem entrichtet werden muss, über ihr eigentliches Gebiet hinaus und in andere ein, in die sie, streng genommen, nicht gehört.

Es wiederholt sich nur, wie so oft, zwischen den Elementen der Wirtschaft derselbe Prozess, den wir zwischen den wirtschaftlichen und den übrigen Lebenselementen beobachteten. Dieser Zusammenhang ist wirksam, wenn man im 18. Jahrhundert schon beim ersten Aufdämmern der liberalen Ideen verlangte, die Steuer solle das Existenzminimum des Einzelnen freilassen, und dieses Existenzminimum bei den verschiedenen Ständen verschieden ansetzte: auch hier also die Tendenz, dass die Steuer sich zunächst negativ, in dem, was sie verschonte, den besonderen Verhältnissen anschmiege und die rein personale Existenz ganz unangegriffen lasse.

Und wenn neuerdings Vermögenssteuern diese Entwicklung wieder etwas umbiegen, indem sie von Geld- und Sachwerten, gleichgültig gegen deren Einkommensertrag, erfordert werden, so geht dies eben von sozialen Gesichtspunkten aus, denen das Interesse an der individuellen Freiheit als solches fernliegt.

So zeigen positive wie negative Instanzen, dass mit der steigenden Bedeutung des Geldes auch der Schatten des Besitzes, die Steuer, sich in immer differenzierterer Weise in der ihr genau zukommenden Reihe lokalisiert und eben durch das biegsame Anschmiegen an dieselbe den anderen, der Totalität des wirtschaftlichen und sonstigen Seins, möglichste Freiheit lässt.

Dass überhaupt durch die Steuern das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern wesentlich geldwirtschaftlich bestimmt wird, gehört einer Korrelation an, die für die jetzige Zusammenfassung wichtig und auf dem folgenden Wege darstellbar ist.

Wenn die Stände sich in der Hauptsache nach ihrem Geldeinkommen scheiden, so ist eine mit den Ständen als ganzen rechnende Politik sehr eingeschränkt, weil die allerverschiedensten sachlichen Interessen doch mit dem gleichen Geldeinkommen verbunden sind, und deshalb jede im Inter- (> 338)esse eines Standes ergriffene Massregel zugleich innerhalb desselben unvermeidlich vielerlei Interessen verletzt.

So kann es z. B. eine einheitliche Mittelstandspolitik gar nicht geben, wenn man unter Mittelstand die Einkommensstufen etwa von 1200-3000 Mk. versteht.

Denn die darunter begriffenen Kaufleute, Arbeiter, Bauern, Handwerker, Angestellten, Rentiers, Beamten - haben fast in bezug auf keinen einzigen Punkt der Gesetzgebung parallele Interessen.

Die Fragen der Zollpolitik, des Arbeiterschutzes, des Koalitions-rechtes, der Begünstigung von Gross- oder Kleinhandel, der Gewerbeordnung, bis zu denen des Unterstützungswohnsitzes und der Sonntagsheiligung werden innerhalb dieses Komplexes auf das ent-gegengesetzteste beantwortet werden.

Ebenso liegen die Dinge zwischen Grossindustrie und Grossgrundbesitz, die ihrem Einkommen nach demselben Stande, ihren politischen Bedürfnissen nach oft in völlig geteilte Lager gehören.

So verlieren die Verschmelzungen zu je einem Stande, nach dem formalen Kriterium des Geldeinkommens vollbracht, überhaupt an praktisch-politischer Bedeutung.

Dadurch aber wird der Staat mehr auf Massregeln hingewiesen, die für die Gesamtheit und Mannigfaltigkeit der Interessen passend sind.

Diese Entwicklung mag von unzähligen Gegenkräften abgelenkt und überdeckt werden - im Prinzip hat die Verdrängung der Gruppierung nach Beruf und Geburt durch die nach Einkommensquanten zur Folge, dass die quantitativ nicht ausdrückbaren Interessenqualitäten die äussere Bedeutung der Standeskomplexe zerstören und die Politik insoweit auf eine objektive Höhe, jenseits jener Klassifizierungen überhaupt, hinweisen.

Dies gehört nun einer ganz typischen Korrelation an: zwischen der vollkommensten Objektivität und der vollkommensten Berücksichtigung des Subjektiven - die sich an der dargelegten Entwicklung der Steuer offenbart hatte.

Ich zeige nun weiter, wie das Geld die technische Möglichkeit für die Herstellung dieser Korrelation auch weiterhin in sozialen Grundverhältnissen gewährt.

Ich hatte mehrfach die mittelalterliche Theorie hervorgehoben, die jeder Ware einen gerechten, d. h. sachlich angemessenen, in der arithmetischen Gleichheit von Geldwert und Sachwert bestehenden Preis zusprach und denselben gegen Erhöhungen wie Herabdrückungen gesetzlich festzulegen suchte.

Was dabei herauskam, musste doch 'm schlechten Sinne subjektiv sein: willkürliche, unzulängliche, die momentane Konstellation zu Fesseln künftiger Bewegung festschmiedende Wertsetzungen.

Statt durch so unmittelbare Gleichsetzung näherte man sich vielmehr der inhaltlich gerechten Angemessenheit der Preise erst, als man die Gesamtlage der Wirtschaft, die mannigfaltigen Kräfte von Angebot und (> 339) Nachfrage, die fluktuierende Produktivität der Menschen und der Dinge als Bestimmungsgründe der Preise anerkannte.

Obgleich dies nun eine die Individuen bindende Festlegung der Preise ausschloss und die Berechnung der immerfort wechselnden Situation den Einzelnen überlassen musste, so wurde doch hiermit die Preisgestaltung durch viel mehr tatsächlich wirksame Momente bestimmt und war seitdem eine objektiv angemessenere und gerechtere.

Diese Entwicklung lässt sich nun noch vervollkommnet denken. Ein weiter-gehendes Gerechtigkeitsideal würde die Preise gestalten, wenn nicht nur die Komplikationen und Wandlungen der überindividuellen Momente, sondern auch die persönliche Vermögenslage des Konsumenten ihre Höhe mitbestimmten.

Die Verhältnisse der Individuen sind doch auch objektive Tatsachen, die für den einzelnen Kaufvollzug sehr bedeutsam sind, aber jetzt in der Preisgestaltung prinzipiell gar nicht zum Ausdruck kommen.

Dass man es dennoch gelegentlich beobachten kann, nimmt der Idee ihre erste Paradoxität.

Unter den Erscheinungen, die ich früher als das Superadditum des Reichtums zusammenfasste, begegnete es uns in einer freilich sehr outrierten Weise: der Arme bezahlte die gleiche Ware teurer als der Reiche.

Allein vielfach liegt es doch auch umgekehrt: oft versteht der Un-bemittelte allerdings seine Bedürfnisse billiger und doch nicht schlechter zu befriedigen als jener.

Mit einer gewissen Betonung tritt die Preisregulierung nach den Verhältnissen des Konsumenten bei dem Ärztehonorar auf; es ist innerhalb bestimmter Grenzen legitim, dass der Patient den Arzt »nach seinen Verhältnissen« bezahlt.

Dies ist freilich dadurch besonders gerechtfertigt, dass der Kranke sich in einer Zwangslage befindet; er muss den Arzt haben und dieser muss sich deshalb von vornherein auf ungleiche Entgelte für gleiche Leistungen einrichten.

In solcher Zwangslage aber befindet sich auch der Bürger dem Staate gegenüber, dessen Dienste er nicht entbehren, ja selbst, wenn er wollte, nicht abweisen kann.

Deshalb ist es in der Ordnung, dass der Staat von dem Armen ein geringeres Entgelt für seine Dienste, geringere Steuern nimmt, und zwar nicht nur, weil er dem Reicheren grösseren Nutzen gewährt als diesem.

Diese äusserliche Objektivität in der Ausgleichung von Dienst und Gegendienst ist längst als unzutreffend erkannt und an ihre Stelle das Prinzip der Leistungsfähigkeit getreten.

Die neue Gleichung ist nicht weniger objektiv als die alte, nur dass sie die personalen Verhältnisse als ihre Elemente in sich aufgenommen hat; ja, sie hat eine viel angemessenere Objektivität, weil das Ausschalten der wirtschaftlichen Gesamtlage des Individuums aus der Preisgestaltung -- insbesondere wo es sich um Unentbehrlichkeiten handelt ? dieser (> 340) letzteren etwas Willkürliches und die Sachlage nicht genau Treffendes verleiht.

In dieser Richtung liegt auch schon die Honorierung des Rechtsanwalts nach der Höhe des Streitobjekts.

Wer um 2o Mark prozessieren muss, darf von dem Rechtsanwalt dieselbe Bemühung für wenige Mark verlangen, wie wer in der Lage ist, Prozesse um das Tausendfache zu führen. So wird auch der Rechtsanwalt »nach den Verhältnissen« bezahlt, wenn dieselben sich auch an etwas Ob-jektiverem äussern, wie gegenüber dem Arzte.

Dies Prinzip liegt nun weiteren Vorschlägen zugrunde: so dem noch später zu behandelnden, dass das Gesetz Geldstrafen nicht nach absoluten Höhen, son-dern nach Einkommensquoten fixiere; oder dass die Höhe des Streitobjekts, von der an die Anrufung der höchsten Gerichtsinstanz zu-lässig ist, nicht mehr, wie bisher, eine absolute Summe, sondern ein bestimmter Teil vom Jahreseinkommen des Beschwerdeführers sei.

Ja, man hat neuerdings das System der ungleichen, den Kaufmitteln der Konsumenten entsprechenden Preise zum Allheilmittel der Sozialpolitik erklärt, das die Vorteile des Sozialismus ohne seine Nachteile gewähren würde.

Hier interessiert uns nicht die Richtigkeit, sondern nur die Tatsache dieses Vorschlags, der einen eigenartigen Abschluss der wirtschaftlichen Verkehrsentwicklung markiert.

Mit rein subjektiv-personalen Besitzwechseln sahen wir diese beginnen: mit dem Geschenk und dem Raub.

Der Tausch, der statt der Menschen die Dinge untereinander in Relation setzt, schafft damit die Stufe der Objektivität.

Diese ist zunächst eine formalistisch-starre, indem sie entweder durch feststehende naturalistische Tauschquanten oder gesetzliche Preistaxen verwirklicht und so bei aller objektiven Form doch inhaltlich ganz subjektiv-zufällig ist.

Der freiere Handelsverkehr der Neuzeit erweiterte diese Sachlichkeit, indem er alle variabeln und der zufälligen Sachlage entspringenden Momente in die Preisbestimmung aufnahm: die Objektivität des Verkehrs wurde elastischer und dadurch ausgreifender.

Jener Vorschlag endlich sucht auch noch die individuellsten Momente zu objektivieren: die wirtschaftliche Lage des einzelnen Käufers soll den Preis des Gegenstandes modifizieren können, dessen er bedarf.

Das wäre das Gegenstück oder wenigstens die Ergänzung zur Kostentheorie; diese behauptet: der Preis hängt von den Bedingungen der Produktion ab; jene: er soll von den Bedingungen der Konsumtion abhängen oder wenigstens -diesen gemäss variiert werden.

Blieben bei einem Zustand der letzteren Art die Interessen des Produzenten gewahrt - was logisch nicht ausgeschlossen, wenn auch utopisch ist - so würde nun wirklich der Preis bei jedem Kauf alle individuellen Verhält- (> 341)nisse, die ihm zugrunde liegen, adäquat ausdrücken; alles Subjektive wäre zu einem objektiv-legalen Moment der Preisgestaltung geworden.

Diese Entwicklung ginge etwa der eines philosophischen Weltbildes parallel, das alle ursprünglichen objektiven Gegebenheiten als subjektive Gebilde erkennte: aber eben durch diese absolute Zurückführung auf das Ich verliehe es ihnen erst die Einheit, Zusammenhang, Greifbarkeit, die den eigentlichen Sinn und Wert dessen, was wir die Objektivität nennen, ausmacht.

Wie hier das Subjekt über seinen Gegensatz zum Objekt hinaus wäre, weil es dieses völlig in sich aufgenommen und aufgehoben hat, so ist er in jenem Falle dadurch überwunden, dass das objektive Verhalten alles Subjektive in sich eingezogen hat, ohne einen Rückstand zu lassen, an dem der Gegensatz noch weiter leben könnte.

Für unseren Zusammenhang handelt es sich darum, dass diese Idealbildung und die fragmentarischen Annäherungen der Wirklichkeit an sie durch den Geldbegriff ermöglicht werden.

Die Gesamtheit der wirtschaftlichen Situationsmomente wird erst dann restlos für die Preisbestimmung verwendet werden können, wenn für sie alle ein gleichmässiger Wertausdruck besteht.

Erst die Reduktion auf einen gemeinsamen Nenner stiftet die Einheit zwischen allen Elementen der individuellen Lagen, die ihre Zusammenwirksamkeit, nach gerechten Massen, zu der Bestimmung der Preise gestattet.

Es ist die grossartige Leistung des Geldes, durch die Nivellierung des Mannigfaltigsten gerade jeder individuellen Komplikation die angemessenste Ausprägung und Wirksamkeit zu ermöglichen - als müssten alle spezifischen Formen erst in das allen gemeinsame Urelement zurückgebildet werden, um die völlige Freiheit zu individueller Neugestaltung zu gewähren; diese Leistung ist die Voraussetzung für einen Entwicklungsgang, der aus den Preisen der Dinge alles Starre, die Einzelsituation Vergewaltigende hinwegläutern will und dies mit einer gewissen Vehemenz in dem Sozialprinzip der ungleichen Preise ausdrückt - die aber im Verhältnis zu der Lage der Konsumenten gerade relative Gleichheit haben und damit die sub-jektiven Bedingungen, durch die Totalität ihres Einbezogenseins, nach einem Prinzip von völliger Objektivität formen.

Alle Objektivi-tät beginnt für das Bewusstsein mit dem unbedingten Gegensatz gegen das Subjekt, die Unterscheidung kann gar nicht scharf genug sein, um das Objekt aus seiner naiven oder verworrenen Einheit mit dem Subjekt zu erlösen; die höhere Entwicklungsstufe des Geistes zeitigt dann erst wieder den umfassenden Begriff der Objektivität, der das Subjekt in sich einbezieht; er braucht diesen Gegensatz in seiner (> 342) Unmittelbarkeit nicht mehr, um in sich fest und eindeutig zu sein, sondern macht im Gegenteil das Subjekt selbst zum Bestandteil eines objektiven Bildes der Welt oder eines ihrer Aspekte.

Die frühere Formulierung, in die auch diese Entwicklung einzustellen ist: dass das Geld Haben und Sein gegeneinander verselbständigt - lässt das Geld doch nur einen Prozess am entschiedensten ausdrücken und vergleichsweise abschliessen, der sich schon auf andern Stufen des geschichtlichen Lebens vollzieht. Solange die Gentilverfassung bestand, war ohne weiteres eine unerschütterte Verbindung des Einzelnen mit dem Grund und Boden gegeben.

Denn die Gens war einerseits die Obereigentümerin des Bodens und schmolz andrerseits den Einzelnen völlig in ihre Interessen ein; sie bildete so das Band, das sein Sein mit seinem Haben, das allerdings noch kein individualistisches war, verband.

Die darauf folgende Verwandlung des Bodens in Privateigentum, so sehr sie gerade Person und Besitz zu verbinden schien, löste dennoch jenen prinzipiellen Zusammenhang zwischen ihnen, indem nun jede beliebige Aktion mit dem Besitz möglich wurde. Die eindringende Geldwirtschaft hat zu-erst in den mittelalterlichen Städten bewirkt, dass man den Boden belasten, Renten auf ihn aufnehmen konnte, ohne dass die Person des Besitzers dadurch betroffen und in ihrer sozialen Stellung herabgesetzt worden wäre.

Die Geldwirtschaft trieb den Boden und den Eigentümer als Person so weit auseinander, dass eine Beschränkung des vollen Eigen, wie sie in der Hypothek lag, nicht mehr wie früher als eine Deteriorierung des Eigentümers empfunden wurde.

Die Hypothezierung und der Verkauf erscheinen nur als die äussersten und allerdings erst durch das Geld möglichen Folgen jener Trennung zwischen der Person und dem Grund und Boden; begonnen aber hatte dieser Prozess schon vor dem Gelde und mit dem Augenblick, als die Gentilverfassung sich löste.

Ähnlich liegt es mit der späteren Entwicklung, die die patriarchalische Verfassung in den Rechtsstaat mit Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz überführte.

Auch sie bedeutet eine Lösung des Seins vom Haben und des Habens vorn Sein: die Stellung wird nicht mehr durch den Landbesitz bestimmt, der Besitz andrerseits nicht mehr durch die Zugehörigkeit zu der adligen Klasse.

Eine ganze Anzahl von gesellschaftlichen Bewegungen drängt auf dieses Resultat: die Schwächung des Adels durch den quantitativen Zuwachs der unteren Stände, die Arbeitsteilung in diesen, die einerseits eine Art Aristokratie unter ihnen erzeugt, andrerseits sie dem Landadel unentbehrlicher macht, die grössere Bewegungsfreiheit der nicht an den Grundbesitz gebundenen Stände usw.

All diese Kräfte mussten z. B. am Ende des »griechischen Mittelalters« (> 343wirksam werden, als zudem Seehandel und Kolonialbewegung sich entwickelt und Athen seit dem 7. Jahrhundert die wirtschaftliche Oberhand gewinnt; indem nun die Geldwirtschaft hinzukommt, vollendet sie nur diesen Prozess; der Grundbesitzer bedarf nun gleichfalls des Geldes, um mit den reichen Emporkömmlingen in einer Reihe zu bleiben, das Geld, als Hypothek, als Erlös der Produkte oder gar des Landes selbst schiebt sich zwischen ihn und seinen Besitz, und indem es ihn so von der qualitativen Bestimmtheit dieses un-abhängiger macht, eben damit auch dem Besitz seine personale Färbung nimmt, bewirkt es zugleich eine wachsende Gleichberechtigung zwischen ihm und den andern Ständen.

Das Prinzip des gleichen Rechtes für alle, wie es in den griechischen Demokratien schliesslich herrschend wurde, spricht so die Lösung jener besonderen Bestimmtheit aus, die sonst vom Haben auf das Sein und umgekehrt ausstrahlte; aber auch hier stellt sich die Geldwirtschaft nur dar als der mächtigste, gleichsam als der bewussteste Faktor und Ausdruck einer auf viel breiterer Basis angelegten Bewegung.

Und in den germanischen Verhältnissen sehen wir für die älteste Zeit, dass der Landbesitz nicht ein unabhängiges Objekt betraf, sondern die Folge der persönlichen Zugehörigkeit des Einzelnen zu seiner Markgemeinde war.

Das Land war nicht an und für sich ein derart qualifiziertes Objekt, dass mit seinem Besitz sich nun das Individuum seine Bedeutungen und Folgen angeeignet hätte: sondern weil die Persönlichkeit diese bestimmte Bedeutung hatte, wurde ein bestimmter Landbesitz an sie geknüpft.

Diese personale Bindung aber war schon im 10. Jahrhundert verschwunden, und an ihre Stelle war eine Selbständigkeit des Grundes und Bodens getreten, die man fast als eine Personifikation desselben bezeichnen könnte.

Damit war die Tendenz eingeleitet, ihn zu zerschlagen und in alle Ruhelosigkeit des wirtschaftlichen Lebens hineinzuziehen; und als diese Tendenz schliesslich ihre Grenze an der von seinem Wesen untrennbaren Stabilität fand, trat das Geld, das der Persönlichkeit fremdeste Wirtschaftsobjekt, an seine Stelle.

Aber es war doch eben nur die geeignetste Substanz für den restlosen Ausdruck jener Trennung zwischen Sein und Haben, die sich schon vorher an den Verhältnissen des Bodenbesitzes auszuprägen begonnen hatte.

Endlich zeigt das 13. Jahrhundert dieselbe Erscheinung von der andern Seite her und am andern Ende der sozialen Leiter. Diese Zeit hat die bauerliche Freiheit auf einen sehr hohen Stand gehoben, wesentlich im deutschen Osten, dessen Kolonisation mit freien Bauern geschah, und zwar in engern Zusammenhange mit der damals relativ hoch ausgebildeten Geldwirtschaft.

Nach kurzer Zeit indessen erfolgte ein Umschwung: (> 344) die Grundherrschaft breitete sich aus, insbesondere im Osten der Elbe, und strebte mit Erfolg dahin, den Bauer an die Scholle zu binden; zugleich aber wurden die geldwirtschaftlichen wieder durch naturalwirtschaftliche Verhältnisse verdrängt.

Die Fesselung des Bauern an seine ökonomische Stellung, seines Seins an sein Haben, geht hier dem Sinken der Geldwirtschaft parallel.

Und wenn dies letztere Phänomen auch als Ursache des ersteren angesprochen worden ist, so ist es doch sicher nur die hervorstechendste des ganzen Komplexes von Ursachen, die damals zur Bildung der Grundherrschaften führten.

Wenn das Geld an und für sich, als Besitzobjekt betrachtet, gleichsam durch eine Isolierschicht vom Sein des Be-sitzenden getrennt ist, so stellt es in der historischen Beziehung zwischen Haben und Sein das entschiedenste und entscheidendste, ich möchte sagen symptomatischste unter den Momenten dar, die den weltgeschichtlichen Wechsel zwischen Kontraktion und Lockerung jener Beziehung veranlassen.

Wenn also Freiheit den Sinn hat, Sein und Haben voneinander unabhängig zu machen, und wenn der Geldbesitz die Bestimmtheit des einen durch das andere am entschiedensten lockert und durchbricht - so steht dem ein anderer und positiverer Begriff der Freiheit gegenüber, der das Sein und das Haben auf einer anderen Stufe wiederum enger verbindet, darum aber nicht weniger am Geld seine energischste Verwirklichung findet.

Ich knüpfe an die obige Bestimmung an, dass der Besitz nicht, wie es oberflächlich scheint, ein passives Aufnehmen von Objekten ist, sondern ein Tun an und mit ihnen.

Nichts anderes kann der Besitz, auch der umfassendste und unbeschränkteste, mit den Dingen tun, als den Willen des Ich an ihnen ausprägen: denn das eben heisst eine Sache besitzen, dass sie meinem Willen keinen Widerstand entgegensetzt, dass er sich ihr gegenüber durchsetzen kann: und wenn ich von einem Menschen sage, dass ich ihn »besitze«, so bedeutet dies, dass er meinem Willen nachgibt, dass natürliche Harmonie oder suggestive Vergewaltigung mein Sein und Wollen sich gleichsam an ihm fortsetzen lassen.

Wie mein Körper deshalb mein ist und in höherem Masse »mein« als jedes andere Objekt, weil er unmittelbarer und vollständiger als jedes andere meinen psychischen Impulsen gehorcht, und diese sich relativ vollständig in ihm ausdrücken: so ist jedes Ding in demselben Masse mein, in dem dies von ihm gilt.

Dass man mit einer Sache »machen kann, was man will«, das ist nicht erst eine Folge des Besitzens, sondern das eben heisst es, sie zu besitzen.

So wird das Ich von seinem gesamten »Besitz« wie von einem Bereich umgeben, in dem seine Tendenzen und Charakterzüge sichtbare Wirklichkeit gewinnen, erbildet (> 345) eine Erweiterung des Ich, das nur das Zentrum ist, von dem aus Fulgurationen in die Dinge hineingehen; und die Dinge sind eben mein, wenn sie sich dem Recht und der Kraft meines Ich ergeben, sie nach seinem Willen zu gestalten.

Diese enge Beziehung zum Ich, die den Besitz gleichsam als dessen Sphäre und Ausdruck erscheinen lässt, knüpft sich keineswegs nur an ihn, soweit er dauert und behalten wird. Es stimmt vielmehr mit unserer Vorstellung vom Besitz als einer Summe von Aktionen durchaus überein, dass gerade das Fortgeben von Werten, sei es im Tausch, sei es als Geschenk, eine gewisse Steigerung des Persönlichkeitsgefühls mit sich führen kann - den Reiz, der mit der Selbstentäusserung, Selbstopferung verbunden ist und der auf dem Umwege über eine Verminderung eine Erhöhung des Selbst bedeutet.

Oft empfindet man erst im Fortgeben den Besitz, ganz wie man ein Körperelement am energischsten im Moment der Exstirpation fühlt.

Der Reiz des Habens spitzt sich im Augenblick des Fortgebens so stark zu - schmerzlich oder geniessend wie es ohne diesen Preis nie stattfindet.

Dieser Augenblick ist - genau wie der des Gewinnens - ein eminent »fruchtbarer Moment«, das Können der Persönlichkeit, das der Besitz darstellt, erscheint in dieser äussersten Verfügung über ihn am fühlbarsten aufgegipfelt - wie es mit einer gewissen Modifikation auch in der Wollust des Zerstörens geschieht.

Wenn deshalb von den arabischen Beduinen berichtet wird, dass bei ihnen Betteln, Schenken und Plündern Wechselbegriffe und notwendig zusammenhängende Handlungen sind, so beweist dies, insbesondere in Anbetracht des stark individualistischen Charakters jener Stämme, wie alle diese verschiedenen Aktionen mit dem Besitz doch nur, mit verschiedenen Vorzeichen und nach verschiedenen Richtungen hin, einen und denselben Sinn und Grundwert aller Besitzobjekte aussprechen: dass die Persönlichkeit sich in ihnen auslebt, ausprägt, ausbreitet.

So ist das Entscheidende für das Verständnis des Besitzes, dass die scharfe Grenzsetzung zwischen ihm und dem Ich, zwischen dem Inneren und dem Äusseren als eine ganz oberflächliche erkannt und für eine tiefere Betrachtung verflüssigt werde. Einerseits liegt die ganze Bedeutung des Besitzes darin, gewisse Gefühle und Impulse in der Seele auszulösen, andrerseits erstreckt sich die Sphäre des Ich über diese »äusseren« Objekte und in sie hinein, wie sich in der Bewegung des Violinbogens oder des Pinsels doch der Vorgang in der Seele des Geigers oder des Malers kontinuierlich fortsetzt.

Wie jedes äussere Objekt als Besitz sinnlos wäre, wenn es nicht zu einem psychischen Wert würde, so würde das Ich gleichsam ausdehnungslos in einen Punkt zusammenfallen, wenn es nicht äussere Objekte um sich herum (> 346) hätte, die seine Tendenzen, Kraft und individuelle Art an sich ausprägen lassen, weil sie ihm gehorchen, d. h. gehören.

Es ist mir auch deshalb wahrscheinlich, dass die Entwicklung des Privateigentums nicht gerade die Arbeitsprodukte als solche am ehesten und intensivsten ergriffen habe, sondern die Arbeitswerkzeuge, einschliesslich der Waffen.

Denn gerade die Werkzeuge funktionieren am unmittelbarsten als Verlängerungen der Körperglieder, erst an ihrem Endpunkt pflegt der Widerstand der Dinge gegen unsere Impulse empfunden zu werden; so ist das Aktivitätsmoment an ihrem Besitze grösser als an anderweitigem und sie werden deshalb nächst dem Körper am gründlichsten in das Ich einbezogen.

Diese Deutung des Besitzes erst zeigt auf den Weg, auf dem die Weltanschauung des Idealismus und der Freiheit ihre Ergänzung durch ihr Gegenbild findet: die Dinge müssen in das Ich, aber auch das Ich in die Dinge eingehen.

Man könnte sagen, das Erwerben von Besitz sei gleichsam ein Wachstum der Persönlichkeit über das Mass des Individuums hinaus - wie man die Zeugung als ein solches Wachstum bezeichnet hat.

In diesem wie in jenem Falle dehnt sich die individuelle Sphäre über die Grenze hinaus, die sie ursprünglich bezeichnete, das Ich setzt sich jenseits seines unmittelbaren Umfanges fort und erstreckt sich in ein Ausser-Sich, das dennoch im weiteren Sinne »sein« ist.

Bei einigen malaiischen Stämmen gehören dem Vater nur diejenigen Kinder, welche nach Bezahlung des Brautpreises geboren werden, während die vorher - aber zweifellos in derselben Ehe - geborenen der Familie der Mutter gehören.

Der Grund dieser Bestimmung ist natürlich der rein äusserliche: dass die Kinder Wertgegenstände darstellen, die man durch die Verheiratung der Tochter an den Mann fortgibt, an die man sich aber hält, bis der Preis für die Mutter selbst bezahlt ist.

Dennoch offenbart sie jene tief gelegene Beziehung zwischen dem Besitz und der Proliferation.

Der Mann hat gleichsam die Wahl, ob er seine Machtsphäre durch den Besitz seiner Kinder oder durch Einbehalten der schuldigen Vermögensstücke er-weitern will.

In den Veden heisst es über die frühesten brahmanischen Mönche: »Sie lassen davon ab, nach Söhnen zu trachten und nach Habe zu trachten.

Denn was das Trachten nach Söhnen ist, das ist auch das Trachten nach Habe.

Trachten ist das eine wie das andere.« Dies will freilich an sich noch nicht die Identität beider Bestrebungen ihrem Inhalte nach aussagen: aber das Be-zeichnende ist doch, dass gerade sie als Beispiele gewählt sind, um die Identität alles Strebens zu beweisen.

In der Erzeugung von Seinesgleichen setzt sich das Ich ebenso über seine ursprüngliche (> 347) Beschränkung auf sich selbst fort, wie wenn es, in der Verfügung über Besitz, diesem -die Form seines Willens einprägt.

Dieser Begriff des Besitzes als einer blossen Erweiterung der Persönlichkeit erfährt keine Widerlegung, sondern gerade eine tiefere Bestätigung durch die Fälle, in denen das Persönlichkeitsgefühl gleichsam den Zentralpunkt des Ich verlassen und sich auf jene umgebenden Schichten, den Besitz, übertragen hat - gerade wie die Deutung der Proliferation und Familienbildung als Expansion des Ich dadurch nicht gestört wird, dass die direkten Ichinteressen schliesslich hinter die Interessen der Kinder zurücktreten können.

Im mittelalterlichen England galt es als das Zeichen unfreier Stellung, wenn man nicht ohne die Einwilligung des Lords eine Tochter verheiraten und einen Ochsen verkaufen durfte.

Ja, wer dazu ohne weiteres berechtigt war, wurde sogar oft als frei angesehen, auch wenn er persönliche Frohndienste zu leisten hatte.

Dass das Ichgefühl so seine unmittelbaren Grenzen überschritten und sich in Objekten, die es doch nur mittelbar berühren, angesiedelt hat, beweist gerade, wie sehr der Besitz als solcher nichts anderes bedeutet ' als dass die Persönlichkeit sich in jene hinein erstreckt und in der Herrschaft über sie ihre Ausdehnungssphäre gewinnt.

Daher die eigentümliche Erscheinung, dass gelegentlich gerade die Totalität des Habens als Äquivalent der Totalität des Seins erscheint.

Im mittelalterlichen Frankreich gab es eine bestimmte Klasse von Leibeigenen, für die die Rechtsbestimmung galt: sie durften in den Stand der Freiheit treten, wenn sie ihre gesamte Habe dem Herrn überliessen.

Dies hat nun mannigfache Folgen für das Verständnis der Besitzarten.

Wenn Freiheit bedeutet, dass der Wille sich ungehindert verwirklichen kann, so scheinen wir also um so freier zu sein, je mehr wir besitzen; denn das hatten wir als den Sinn des Besitzens erkannt, dass wir mit seinem Inhalt »machen können, was wir wollen«; mit dem Besitz eines Anderen oder demjenigen, was sich überhaupt dem Besessenwerden entzieht, haben wir keine »Freiheit« mehr, zu schalten, wie wir wollen: darum hat, genau im Sinn unserer Auffassung der Freiheit, die lateinische und lange Zeit auch die deutsche Sprache mit dem Wort Freiheit die Bedeutung des Vorrechts, der besonderen Begünstigung, verbunden.

Die Freiheit findet nun ihre Grenze an der Beschaffenheit des besessenen Objektes selbst.

Das wird schon demjenigen Objekt gegenüber sehr fühlbar, das wir doch am unbeschränktesten zu besitzen glauben, unserem Körper.

Auch er gibt den psychischen Impulsen nur innerhalb der eigenen Gesetze seiner Konstitution nach, und gewisse Bewegungen und Leistungen kann unser Wille nicht mit irgend welchem Erfolge von ihm ver- (> 348) langen.

Und so mit allen anderen Objekten.

Die Freiheit meines Willens gegenüber einem Stück Holz, das ich besitze, geht freilich so weit, dass ich allerlei Geräte daraus schnitzen kann; aber sie erlahmt, sobald ich solche davon herstellen will, die die Biegsamkeit des Gummis oder die Härte des Steins verlangen.

Was unser Wie mit dem Dinge machen kann, gleicht doch schliesslich nur dem, was der Künstler seinem Instrumente entlocken kann.

So tief sein Fühlen und Können sich auch in das Instrument einbohren mögen und sowenig die Grenze, bis zu der er es sich unterwerfen kann, auch vorherzubestimmen sei: irgendwo muss sie liegen; von irgendeinem Punkt an gestattet seine Struktur keine weitere Nachgiebigkeit gegen die Seele; das ist der Punkt, von dem an die Dinge uns nicht mehr »gehören«.

Diese prinzipielle Schranke des Besitzens zu übersehen, liegt freilich der jetzigen Epoche nahe, in der unterbrochene Anpassungen und gleichzeitiger ungezügelter Freiheits- und Besitzdrang unzähliges von den Dingen verlangen lassen, was sie uns ihrer und unserer Natur nach nicht geben können.

Ich erinnere an die - erst ganz neuerdings einigermassen sich korrigierende - Verständnislosigkeit für das Material in der Kunst; und daran, dass man Glück und Frieden der Seele immer mehr von den äusseren Lebensbedingungen erwartet, von den Fortschritten der Technik wirkliche Kultur, von der objektiven Struktur der Gesellschaft Zufriedenheit und Vollkommenheit des Individuums.

Im Grossen und Ganzen ist der Wille unseren Lebensbedingungen so angepasst, dass er von den Dingen nicht verlangt, was sie nicht leisten können, dass die Beschränkung unserer Freiheit durch die eigenen Gesetze des Besitzes ihnen gegenüber nicht zu positiver Empfindung gelangt; dennoch liesse sich eine Skala der Objekte aufstellen, von der Frage aus, wie weit das Wollen sich im allgemeinen ihrer bemächtigen kann und von wo an sie diesem nicht mehr durchdringbar sind, wie weit sie also wirklich »besessen« werden können.

Die äusserste Stufe einer solchen Skala würde das Geld darstellen.

Hier ist jenes Ungewinnbare, das die Objekte gleichsam für sich reservieren und das sich auch einem noch so unumschränkten Besitz ihrer versagt, völlig verschwunden.

Es fehlt ihm ganz jene eigene Struktur, durch die die anderen, bestimmt qualifizierten Dinge, so sehr wir sie auch im juristischen Sinne besitzen mögen, sich unserem Willen verweigern, es fügt sich mit unterschiedsloser Leichtigkeit jeder Form und jedem Zweck, den dieser in ihm ausprägen will; nur aus den Dingen, die hinter ihm stehen, mögen uns Hemmnisse quellen; es selbst gibt jeder Direktive, auf welches Objekt, auf welches Mass der Verteilung, auf welches Tempo des Hingebens oder (> 349) Reservierens immer, gleichmässig nach.

So gewährt es denn dem Ich die entschiedenste und restloseste Art, sich in ein Objekt hinein auszuleben - freilich innerhalb der Grenzen, die es dem durch seine Qualitätslosigkeit steckt, die so aber eben bloss negative sind und nicht wie bei allen anderen Objekten aus seiner positiven Natur hervorgehen. Alles, was es ist und hat, gibt es vorbehaltlos dem menschlichen Willen hin, es wird völlig von diesem aufgesogen, und wenn es ihm nicht mehr leistet, als der Fall ist, so liegt jenseits dieser Grenze nicht wie bei allen anderen Objekten ein vorbehaltener und unnachgiebiger Teil seiner Existenz, sondern schlechthin nichts.

Wir haben am Geld das formal nachgiebigste, aber, aus eben dem Grunde, der es dazu macht, nämlich durch seine völlige Leerheit, zugleich unnachgiebigste Objekt: indem das Geld, das wir besitzen, uns von vornherein und wie mit einem Schlage auch wirklich absolut und vorbehaltlos gehört, können wir ihm nun auch sozusagen nichts weiter entlocken.

Im allgemeinen muss man sagen: nur indem ein Objekt etwas für sich ist, kann es etwas für uns sein; nur also, indem es unserer Freiheit eine Grenze setzt, gibt es ihr Raum.

Diese logische Entgegengesetztheit, in deren Spannung sich dennoch die Einheit unseres Verhaltens zu den Dingen realisiert, erreicht am Gelde ihr Maximum: es ist mehr für uns, als irgendein Besitzstück, weil es uns ohne Reserve gehorcht - und es ist weniger für uns, als irgendeines, weil ihm jeglicher Inhalt fehlt, der über die blosse Form des Besitzes hinaus aneigenbar wäre. Wir haben es mehr als alles andere, aber wir haben weniger an ihm, als an allem andern.

Jene Nachgiebigkeit des Geldes findet, wie so viele seiner Wesensfolgen überhaupt, ihren reinsten und gesteigertsten Ausdruck an der Börse, in der die Geldwirtschaft ebenso zu einem selbständigen Gebilde kristallisiert ist, wie die politische Organisation im Staate.

Die Kursschwankungen nämlich zeigen vielfach subjektiv-psychologische Motivierungen, wie sie in dieser Krassheit und dieser Unabhängigkeit von aller Objektiven Begründung ganz unvergleichlich sind.

Zwar wäre es oberflächlich, dafür anzuführen, dass den Kursbewegungen nur selten reale Veränderungen in der Güte des einzelnen, das Papier fundierenden Objektes genau entsprechen.

Denn diese Güte, in ihrer Bedeutung für den Markt, besteht doch nicht bloss in den inneren Qualitäten des Staates oder der Brauerei, des Bergwerkes oder der Bank, sondern in dem Verhältnis derselben zu den gesamten sonstigen Inhalten des Marktes und ihrer Lage.

Es entbehrt deshalb nicht der sachlichen Begründung, wenn z. B. grosse Insolvenzen in Argentinien den Kurs der chinesischen Rente drücken, (> 350) obgleich die Sicherheit derselben sowenig durch jenes Ereignis, wie durch eines auf dem Monde alteriert wird.

Denn die Wertbedeutung jener hängt, bei aller äusseren Ungeändertheit, doch von der Gesamtlage des Marktes ab, deren Erschütterung von irgendeinem Punkte her z. B. die Weiterverwertung jener Erträgnisse ungünstiger ge-stalten kann.

Jenseits dieser, wenn auch die Synthese des Einzelobjekts mit anderen voraussetzenden, so doch objektiven Verursachung der Kursänderungen steht aber diejenige, die von der Spekulation selbst ausgeht: denn diese Wetten über den künftigen Kursstand eines Papiers haben auf diesen Kursstand selbst den er-heblichsten Einfluss.

Sobald z. B. eine mächtige Finanzgruppe aus Gründen, die mit der Qualität des Papiers gar nichts zu tun haben, sich in ihm engagiert, so treibt dies den Kurs desselben in die Höhe., umgekehrt ist auch die Baissepartei imstande, durch blosse Börsenmanöver den Kurs eines Papiers fast beliebig zu senken.

Hier erscheint also der reale Wert des Objekts als der blosse, an sich irrelevante Untergrund, über dem sich die Bewegung des Marktwertes erhebt, weil sie sich doch an irgendeine Substanz, richtiger: an irgendeinen Namen knüpfen muss; die Proportion zwischen dem sachlichen und schliesslichen Wert des Objekts und seiner Vertretung durch das Börsenpapier hat jede Stetigkeit verloren.

Damit also zeigt sich die unbedingte Nachgiebigkeit der Wertform, die die Dinge mit dem Geld gewonnen haben und die sie von ihrer sachlichen Grundlage ganz gelöst hat; jetzt folgt der Wert relativ widerstandslos den psychologischen Impulsen der Laune, der Habsucht, der un-begründeten Meinungen, und zwar in um so auffälligerer Weise, als doch reale Verhältnisse da sind, welche durchaus treffende Massstäbe der Bewertung bilden könnten.

Aber seiner eigenen Wurzel und Substanz gegenüber hat der zu einem Geldgebilde gewordene Wert sich verselbständigt, um sich nun subjektiven Energien vorbehaltlos auszuliefern.

Hier, wo die Wette selbst den Gegenstand der Wette in seinem Schicksal zu bestimmen vermag, und zwar in Unabhängigkeit von vorhandenen sachlichen Gründen, hat die Durchdringbarkeit und Bildsamkeit der Geldform der Werte durch die Subjektivität in ihrem engsten Sinne den triumphierendsten Ausdruck gefunden.

Nach alledem ist die Ausdehnung des Ich, die der Geldbesitz bedeutet, eine sehr eigenartige - in gewissem Sinne die vollständigste, die uns von einem Objekt überhaupt kommen kann, in anderem gerade die beschränkteste, weil seine Nachgiebigkeit doch schliesslich nur die eines absolut flüssigen Körpers ist, der freilich jegliche Form annimmt, keine aber sozusagen in sich selbst ausprägt, sondern jede Bestimmtheit derselben erst von dem umschliessenden Körper erhält. (> 351) Aus dieser Konstellation erklären sich psychologische Tatsachen des folgenden Typus.

Jemand sagte mir, er hätte das Bedürfnis, alle Dinge, die ihm sehr gefallen, zu kaufen, wenn auch nicht für sich und um sie zu besitzen; es käme ihm nur darauf an, seinem Gefallen an den Dingen damit einen aktiven Ausdruck zu geben, sie durch sich durchgehen zu lassen und ihnen so irgendwie den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken.

Hier ermöglicht also das Geld eine ganz eigenartige Expansion der Persönlichkeit, sie sucht sich nicht mit dem Besitz der Dinge selbst zu schmücken, die Herrschaft über diese ist ihr gleichgültig; es genügt ihr vielmehr jene momentane Macht über sie, und während es scheint, als ob dieses SichFernhalten von jeder qualitativen Beziehung zu ihnen der Persönlichkeit gar keine Erweiterung und Befriedigung gewähren könne, wird doch gerade der Aktus des Kaufens als eine solche empfunden, weil die Dinge ihrer Geldseite nach sozusagen absolut gehorsam sind; wegen der Vollständigkeit, mit der das Geld und die Dinge als Geldwerte dem Impulse der Persönlichkeit gehorchen, wird diese schon durch ein Symbol derjenigen Herrschaft über sie befriedigt, die sonst nur in dem wirklichen Besitze liegt.

Der Genuss dieser blossen Symbolik des Genusses kann sich nahe an das Pathologische hin verirren, wie in dem folgenden Falle, den ein französischer Romancier offenbar der Wirklichkeit nacherzählt.

Gewissen Pariser Bohème-Kreisen habe ein Engländer angehört, dessen Lebensgenuss darin bestand, dass er die tollsten Orgien mitmachte, nie aber selbst etwas genoss, sondern immer nur für alle bezahlte; er tauchte auf, sprach nichts, tat nichts, bezahlte alles und verschwand.

Die eine Seite der fraglichen Vorgänge, das Bezahlen, muss für das Gefühl dieses Mannes zu ihrem Ganzen geworden sein.

Es ist wohl anzunehmen, dass hier eine jener perversen Befriedigungen vorliegt, von denen neuerdings in der Sexual-Pathologie häufig die Rede ist; der gewöhnlichen Verschwendungssucht gegenüber, die auch an der Vorstufe des Besitzens und Geniessens, dem blossen Geldausgeben, haltmacht, ist das Verfahren jenes Mannes deshalb so besonders auffällig, weil die Genüsse die hier durch ihr Äquivalent vertreten werden, ihm so sehr nahekommende und unmittelbar verführerische sind.

Das Fernbleiben von dem positiven Haben und Ausschöpfen der Dinge einerseits, die Tatsache andrerseits, dass schon ihr blosser Kauf als ein Verhältnis zwischen der Persönlichkeit und ihnen und als eine persönliche Befriedigung empfunden wird, erklärt sich aus der Expansion, die die blosse Funktion des Geldaufwandes der Persönlichkeit gewährt.

Das Geld baut eine Brücke zwischen dem so empfindenden Menschen und den Dingen, über die hinschreitend die Seele den (> 352) Reiz ihres Besitzes auch dann empfindet, wenn sie zu diesem selbst gar nicht gelangt.

Dieses Verhältnis bildet ferner eine Seite der sehr komplexen und oben schon wichtig gewordenen Erscheinung des Geizes.

Indem der Geizige in dem Besitz des Geldes seine Seligkeit findet, ohne zum Erwerb und Genuss einzelner Gegenstände vorzuschreiten, muss sein Machtgefühl tiefer und wertvoller sein, als alle Herrschaft über bestimmt qualifizierte Dinge ihm sein könnte.

Denn jeder Besitz eines solchen, so sahen wir, hat seine Schranke in sich.

Die begierige Seele die restlose Befriedigung trinken und das Letzte, Innerste, Absolute der Dinge mit sich durchdringen will, erfährt von ihnen schmerzlichste Zurückweisungen, sie sind und bleiben etwas für sich, was ihrer völligen Einschmelzung in die Sphäre des Ich Widerstand leistet und so gerade den leidenschaftlichsten Besitz in Unbefriedigung ausklingen lässt.

Der Besitz des Geldes ist von diesem geheimen Widerspruch alles sonstigen Habens frei.

Um den Preis, an die Dinge selbst nicht heranzukommen und auf alle spezifischen, an Einzelnes geknüpften Freuden zu verzichten, kann das Geld ein Herrschaftsgefühl gewähren, das aber weit genug von den eigentlich empfindbaren Objekten absteht, um sich an den Schranken des Besitzens ihrer nicht zu stossen.

Das Geld allein besitzen wir ganz und ohne Reserve, es allein geht völlig in der Funktion auf, die wir mit ihm vornehmen.

So müssen die Freuden des Geizigen den ästhetischen ähnlich sein.

Denn auch diese stellen sich jenseits der undurchdringlichen Realität der Welt und halten sich an ihren Schein und Schimmer, der dem Geiste völlig durchdringlich ist, wie er ohne Rückstand in ihn eingeht.

Indes sind auch hier die an das Geld geknüpften Erscheinungen nur die reinsten und durchsichtigsten Stufen einer Reihe, die das gleiche Prinzip auch an anderen Inhalten verwirklicht.

Ich lernte einen Mann kennen, der, nicht mehr ganz jung, Familienvater, in guten Verhältnissen, seine gesamte Zeit damit ausfüllte, alle möglichen Dinge zu lernen, Sprachen, ohne sie je praktisch anzuwenden, vollendet tanzen, ohne es auszuüben, Fertigkeiten jeder Art, ohne einen Gebrauch von ihnen zu machen oder auch nur machen zu wollen.

Dies ist vollkommen der Typus des Geizhalses: die Befriedigung an der voll besessenen Potenzialität, die niemals an ihre Aktualisierung denkt.

Aber auch hier muss deshalb der dem Ästhetischen verwandte Reiz vorhanden sein: die Beherrschung gleichsam der reinen Form und Idee der Dinge oder des Handelns, der gegenüber jedes Vorschreiten zur Wirklichkeit durch deren unvermeidliche Hindernisse, Rückstösse, Unzulänglichkeiten nur ein Herabsteigen sein könnte, und das Gefühl, die Objekte durch das (> 353) Können absolut zu beherrschen, einschränken müsste.

Die ästhetische Betrachtung - die als blosse Funktion jeglichem Gegenstande gegenüber möglich und dem »Schönen« gegenüber nur besonders leicht ist - beseitigt am gründlichsten die Schranke zwischen dem Ich und den Objekten; sie lässt die Vorstellung der letzteren so leicht, mühelos, harmonisch abrollen, als ob sie von den Wesensgesetzen des ersteren allein bestimmt wären.

Daher das Gefühl der Befreiung, das die ästhetische Stimmung mit sich führt, die Erlösung von dem dumpfen Druck der Dinge, die Expansion des Ich mit all seiner Freude und Freiheit in die Dinge hinein, von deren Realität es sonst vergewaltigt wurde.

Das muss die Psychologische Färbung der Freude am blossen Geldbesitz sein.

Die eigentümliche Verdichtung, Abstraktion, Antizipation des Sachbesitzes, die er bedeutet, lässt dem Bewusstsein eben jenen freien Spielraum, jenes ahnungsvolle Sich-erstrecken durch ein widerstandsloses Medium hindurch, jenes In-Sich-Einziehen aller Möglichkeiten, ohne Vergewaltigungen und Dementierungen durch die Wirklichkeit - wie es alles dem ästhe-tischen Geniessen eigen ist.

Und wenn man die Schönheit als une promesse de bonheur definiert hat, so weist auch dies auf die psycho-logische Formgleichheit zwischen dem ästhetischen Reiz und dem des Geldes hin; denn worin anders kann dieser letztere bestehen als in dem Versprechen der Freuden, die uns das Geld vermitteln soll?

- Es gibt übrigens Versuche, jenen Reiz des noch ungeformten Wertes mit dem Reiz der Formung zu vereinigen: das ist eine der Bedeutungen des Schmuckes und der Pretiosen.

Der Besitzer davon erscheint als Repräsentant und Herr einer, unter Umständen sehr hohen, Wertsumme, die gleichsam eine verdichtete Macht in seiner Hand darstellt, während andrerseits die absolute Flüssigkeit und blosse Potenzialität, die diese Bedeutung sonst bedingt, doch zu einer gewissen Formbestimmtheit und spezifischen Qualität geronnen ist.

Besonders schlagend tritt dieser Vereinigungsversuch im folgenden hervor: in Indien war es lange üblich, Geld in Form von Schmucksachen aufzubewahren, bzw. zu sparen: d. h., man liess die Rupien einschmelzen, zu Schmuck verarbeiten (was nur einen sehr geringen Wertverlust erzeugte) und thesaurierte diesen, um ihn im Notfall wieder als Silber auszugeben.

Offenbar wirkt der Wert so zugleich kondensierter und qualitätenreicher.

Diese Vereinigung lässt ihn, indem er so selbst eigenartiger und seine atomistische Struktur aufgehoben ist, gewissermassen der Persönlichkeit enger zugehörig erscheinen; so sehr ist dies der Fall, dass die fürstlichen Thesaurierungen von Edelmetallen in Gerätform seit Salomons Zeiten von dem trügerischen Glauben getragen wurden, in dieser Form sei der Schatz (> 354) am engsten der Familie verbunden und vor den Griffen der Feinde am gesichertsten.

Die unmittelbare Verwendung der Münzen als Schmuck hat vielfach den Sinn, dass man das Vermögen fortwährend an sich, also unter Aufsicht, haben will.

Der Schmuck, der eine Bestrahlung der Persönlichkeit ist, wirkt als eine Ausstrahlung derselben, und darum ist es wesentlich, dass er etwas Wertvolles ist: der ideale wie jener praktische Sinn seiner erheben sich auf seiner engen Zugehörigkeit zum Ich.

Für den Orient ist hervorgehoben, die Bedingung alles Reichtums sei, dass man ihn flüchten könne, sozusagen also ihn dem Besitzer und seinen Schicksalen absolut folgsam mache.

Andrerseits aber enthält auch schon die Freude am Geldbesitz zweifellos ein idealistisches Moment, dessen Hervorhebung nur deshalb paradox erscheint, weil einerseits die Mittel, zu ihm zu gelangen, an solchen Momenten meistens Mangel leiden, und weil andrerseits diese Freude in dem Augenblick, wo sie als Äusserung aus dem Subjekt heraustritt, dies gleichfalls in ganz anderer als idealistischer Form zu tun pflegt; das darf aber nicht die Tatsache verdecken, dass die Freude am Geldbesitz bloss als solchem eine der abstraktesten, von aller sinnlichen Unmittelbarkeit entferntesten, am ausschliesslichsten durch einen Prozess des Denkens und der Phantasie vermittelten ist.

So gleicht sie der Freude am Siege, die bei manchen Naturen so stark ist, dass sie gar nicht danach fragen, was sie denn eigentlich durch den Sieg gewinnen.

Diese eigentümliche Art, in der der Geldbesitz die Erweiterung der Persönlichkeit, wie sie in jedem Besitz liegt, darstellt, findet eine Bestätigung oder Ergänzung in der folgenden Überlegung. Jede Sphäre von Objekten, die ich mit meiner Persönlichkeit erfülle, in-dem sie meinen Willen sich in ihr ausprägen lässt, fand ihre Grenze an den eigenen Gesetzen der Dinge, die mein Wille nicht brechen kann.

Allein diese Grenze setzt nicht nur der passive Widerstand der Objekte, sondern, von der anderen Seite her, die Beschränktheit in der Expansionsfähigkeit des Subjekts.

Der Kreis der Objekte, die dem Willen gehorchen, kann so gross sein, dass das Ich seinerseits nicht mehr imstande ist, ihn zu erfüllen.

Wenn wir sagen, dass Besitz so viel ist als Freiheit, wenn meine Freiheit, das Sich-Durchsetzen meines Willens, sich nach dem Quantum des mir Gehörenden steigert, so geschieht dies tatsächlich nur bis zu einer gewissen Grenze, von der an das Ich seine potenzielle Herrschaft über die Dinge nicht mehr verwirklichen und geniessen kann.

Die Habgier kann natürlich über diesen Punkt hinausführen, aber sie offenbart ihre Sinnlosigkeit in der Unbefriedigung, die selbst ihrer Erfüllung eigen ist, ja in der gelegentlichen Bindung und Beengung, mit der das (> 355) Übermass des Besitzes in das Gegenteil seines eigentlichen Charakters und Zweckes umschlägt.

Das ergibt Erscheinungen, wie die des unfruchtbaren Besitzes, weil die Tätigkeit des Besitzers nicht ausreicht, ihn zu befruchten; des Despoten, der es müde wird, über Sklaven zu herrschen, weil an der unbedingten Unterwerfung unter seinen Willen auch der Wille zur Macht endet und ihm der Reibungswiderstand fehlt, an dem er sich seiner erst eigentlich bewusst wird; des Eigentümers, der weder Zeit noch Kraft für den Genuss seines Eigentums übrig hat, weil dessen Verwaltung und Fruktifizierung beide bis zu ihrer äussersten Grenze verbraucht.

Die Objekte unterscheiden sich nun an der Frage, welches Quantum von Persönlichkeit sie gleichsam absorbieren, d. h., von welchem Masse an ihr Besitz sinn-los wird, weil nur bis zu diesem noch das Ich imstande ist, ihn mit sich zu erfüllen.

Auch hier nimmt das Geld eine besondere Stellung ein.

Man kann sagen, dass zu seiner Verwaltung, Beherrschung, Ge-nuss weniger Persönlichkeit eingesetzt zu werden braucht, als anderen Besitzobjekten gegenüber, und dass deshalb das Mass des Besitzes, das man wirklich erfüllen und zur wirtschaftlichen Persönlichkeitssphäre machen kann, ein grösseres ist, als bei anderen Besitzformen.

Abgesehen sogar von dem wirklichen Geniessen ist in der Regel schon die Begierde nach allen anderen Dingen durch die Aufnahme-fähigkeit des Subjektes begrenzt, sowenig die Grenzen beider auch zusammenfallen und in so weitem Kreise die erstere auch die letztere umgeben mag.

Das Geld allein enthält - wie früher schon ein anderer Zusammenhang ergab - jenes innere Mass nicht, das sich schliesslich auch als Begrenzung der Begierde nach dem Objekt geltend macht.

Alles dies ist natürlich um so mehr der Fall, je mehr das Geld wirklich blosses »Geld« ist, d. h. reines Tauschmittel ohne unmittelbar zu geniessenden Eigenwert.

Solange als Geld noch Vieh, Esswaren, Sklaven usw., also eigentlich Konsumwaren, fungieren, bedeutet sein Besitz weniger, dass er ausgedehnte Kaufkraft, als reiche Fülle des eigenen Konsumierens verleiht.

Hier sind sozusagen zwei verschiedene Formeln für die Ausdehnung der Persönlichkeit nahegelegt.

In dem primitiveren, naturalwirtschaftlichen Fall besteht sie in dem Sich-Aneignen der Objekte durch unmittelbaren Genuss, man könnte sagen: das Ich dehnt sich von seinem Zentrum her kontinuierlich aus - während mittels des abstrakten Metallgeldes oder gar des Kredites diese näheren Stufen gleichgültig und übersprungen werden.

Im Gegensatz zu dem »reichen« Manne der Naturalwirtschaft kann der moderne Reiche das bescheidenste, eingeschränkteste, im unmittelbaren Sinne genussloseste Leben führen; man kann z. B. auf kulinarischem Gebiet, wie ich glaube, als Folge der vorschreitenden (> 356) Geldwirtschaft die zweiseitige Entwicklungstendenz feststellen, dass die Reichen immer einfacher essen - von Festlichkeiten abgesehen - und der Mittelstand immer besser - wenigstens in den Städten.

Durch die Fernwirkungen des Geldes kann das Ich seine Macht, seinen Genuss, seinen Willen an entferntesten Objekten ausleben, indem es die nächstgelegenen Schichten vernachlässigt und übergeht, die jener primitivere Reichtum ihm allein zur Verfügung stellt.

Die Expansionsfähigkeit des Subjekts, die durch seine Natur selbst beschränkt ist, zeigt dem blossen Gelde gegenüber eine grössere Weite und Freiheit als an jedem anderen Besitz.

So ist der Unterschied gegen die vorige Überlegung der: dort war es der eigene Charakter der Dinge selbst, an dem sich die Expansion des Ich brach; hier ist es die eigene Beschränkung der Persönlichkeitskräfte, die selbst bei völliger Nachgiebigkeit der Dinge von einem gewissen Besitzquantum dieser an erlahmen muss, eine Erscheinung, die, wie sich zeigte, am spätesten eintritt, wenn der Besitz nicht die Form spezifischer Objekte, sondern die des Geldes aufweist. (357)

Teil III

Differenzierung von Person und Besitz: räumliche Distanzierung und technische Objektivierung durch das Geld.

Die Trennung der Gesamtpersönlichkeit von ihren einzelnen Leistungen und deren Folgen für die Leistungsäquivalente.

Verselbständigung des Individuums der Gruppe gegenüber und neue Assoziationsformen vermöge des Geldes; der Zweckverband.

Allgemeine Beziehungen zwischen der Geldwirtschaft und dem Prinzip des Individualismus.

Innerhalb der Geistesgeschichte begegnet uns eine Entwicklung, die, so einfach ihr Schema ist, durch ihre umfassende und tiefgreifende Verwirklichung zu den bedeutsamsten Formen der geistigen Realität gehört.

Wir finden nämlich gewisse Gebiete zuerst von je einem Charakterzuge uneingeschränkt beherrscht; die Entwicklung zerspaltet die Einheitlichkeit des einzelnen in mehrere Teilgebiete, von welchen nun eines den Charakter des Ganzen im engeren Sinne und im Gegensatz gegen die anderen Teile repräsentiert.

Oder, anders ausgedrückt: bei allem relativen Gegensatz zweier Elemente eines Ganzen können doch beide den Charakter des einen von ihnen, aber in absoluter Form, gemeinsam tragen.

So könnte z. B. der moral-philosophische Egoismus recht haben, dass wir überhaupt nicht anders als im eigenen Interesse und um persönlicher Lust willen handeln können.

Dann aber müsste weiterhin zwischen einem Egoismus im engeren und einem im weiteren Sinne unterschieden werden; wer seinen Egoismus an dem Wohlergehen anderer, etwa unter Aufopferung des eignen Lebens, befriedigt, den würden wir zweifellos weiter einen Altruisten nennen und ihn von demjenigen unterscheiden, dessen Handeln nur auf Schädigung und Unterdrückung anderer geht; diesen müssen wir als den Egoisten schlechthin bezeichnen, so sehr der Egoismus, in seiner absoluten und weitesten Bedeutung sich mit jedem Handeln als solchem deckend, auch jenen ersteren einschließen mag.

- Ferner: die erkenntnistheoretische Lehre, dass alles Erkennen ein rein subjektiver, ausschließlich im Ich verlaufender und vom Ich bestimmter Prozess ist, mag ihre Richtigkeit haben; dennoch unterscheiden wir nun solche Vorstellungen, die objektiv wahr sind, von den nur subjektiv, durch Phantasie, Willkür, Sinnestäuschung erzeugten - wenngleich, absolut genommen, auch jene objektiveren Erkenntnisse bloß subjektiver Provenienz sein mögen.

Die Entwicklung geht auf immer gründlichere, bewusstere Scheidung zwischen den objektiven und den subjektiven Vorstellungen, die sich ursprünglich in einem unklaren psychologischen Indifferenzzustand bewegten.

An dem Verhältnis des Menschen zu seinem Besitz scheint sich diese Fortschrittsform zu wiederholen.

Prinzipiell angesehen ist jeder Besitz eine Erweiterung des Ich, eine Erscheinung innerhalb des subjektiven Lebens, und sein ganzer Sinn besteht in dem Bewußtseins- (> 358) bzw. Gefühlsreflex, den die durch ihn bezeichnete Beziehung zu den Dingen in der Seele auslöst.

In dem gleichen Sinne ist alles, was mit den Besitzgegenständen geschieht, eine Funktion des Subjekts, das sich selbst, seinen Willen, sein Gefühl, seine Denkart in sie ausströmt und an ihnen ausprägt.

Historisch indes stellt sich, worauf ich schon früher hindeutete, diese absolute Bedeutung des praktischen Besitzes, gerade wie die des intellektuellen Besitzes, zunächst in einem Indifferenzzustand dar, der das Ich und die Dinge verschmilzt und jenseits des Gegensatzes zwischen beiden steht.

Die altgermanische Verfassung, die den Besitz unmittelbar an die Person knüpfte, der spätere Feudalismus, der umgekehrt die Person an den Besitz band; die enge Verbindung mit der Gruppe überhaupt, die jedes Mitglied a priori in seine ökonomische Stellung hineinwachsen lässt; die Erblichkeit der Berufe, durch welche Tätigkeit und Position einerseits, die familiäre Persönlichkeit andrerseits, zu Wechselbegriffen werden; jede ständische oder zunftartige Verfassung der Gesellschaft, die ein organisches Verweben der Persönlichkeit mit ihrem ökonomischen Sein und Haben bedingt - dies alles sind Zustände von Undifferenziertheit zwischen Besitz und Person; ihre ökonomischen Inhalte oder Funktionen und diejenigen, welche das Ich im engeren Sinne ausmachen, stehen in sehr unmittelbarer gegenseitiger Bedingtheit.

Ersichtlich wirkt diese Gefühlsweise, wenn in primitiven Zeiten dem Toten seine eigentlich persönlichen Besitzstücke ins Grab mitgegeben werden - nicht weniger aber, wenn der angelsächsische König, während dieser Usus besteht, doch beim Tod des Dienstmannes das Anspruchsrecht auf dessen Rüstung hat; denn diese bleibt dem König als Rudiment und Ersatz der Persönlichkeit, die mit ihr verbunden war.

Ganz allgemein: wie das Denken des primitiven Menschen keine gesonderten Kategorien für die bloß subjektive Einbildung und die objektiv wahre Vorstellung besitzt, so unterscheidet seine Praxis auch nicht klar zwischen der eigenen Gesetzmäßigkeit der Dinge (wo er diese anerkennt, nimmt sie leicht wieder die personifizierende Gestalt eines göttlichen Prinzips an) und der nach innen konzentrierten, von dem Äußeren unabhängigen Persönlichkeit.

Die Entwicklung über dieses Stadium hinaus besteht nun in der Sonderung jener Elemente.

Alle höhere wirtschaftliche Technik beruht auf einer Verselbständigung der ökonomischen Prozesse: sie werden von der Unmittelbarkeit der personalen Interessen gelöst, sie funktionieren, als ob sie Selbstzwecke wären, ihr mechanischer Ablauf wird immer weniger von den Unregelmäßigkeiten und Unberechenbarkeiten des personalen Elementes gekreuzt.

Und auf der andern Seite differenziert sich eben dieses zu wachsender Selbständigkeit, (> 359) das Individuum erhält eine Ausbildungsfähigkeit, die zwar nicht von seiner ökonomischen Lage überhaupt, wohl aber von den apriorischen Bestimmtheiten derselben immer unabhängiger wird.

Bei dieser sondernden Entwicklung der objektiven und der subjektiven Momente der Lebenspraxis bleibt natürlich die oben bezeichnete Tatsache unbewusst, dass im letzten Grunde und absolut genommen, die Gesamtheit dieser Praxis doch nur menschlich-subjektiver Natur ist: die Einrichtung einer Maschine oder einer Fabrik , so sehr sie den Gesetzen der Sache gemäß ist, wird doch schließlich auch von den persönlichen Zwecken, von der subjektiven Denkfähigkeit des Menschen umfasst.

Aber dieser allgemeine und absolute Charakter hat sich im relativen Sinne auf eines der Elemente konzentriert, in die das Ganze des Gebietes auseinandergegangen ist.

Wenn wir die Rolle des Geldes in diesem Differenzierungsprozess untersuchen, so fällt zunächst auf, dass derselbe sich an die räumliche Entfernung zwischen dem Subjekt und seinem Besitz knüpft.

Der Aktieninhaber, der mit der Geschäftsführung der Gesellschaft absolut nichts zu tun hat; der Staatsgläubiger, der das ihm verschuldete Land nie betreten hat; der Großgrundbesitzer, der seine Ländereien in Pacht ausgetan hat - sie alle überlassen ihre Besitzquanten einem rein technischen Betriebe, dessen Früchte sie allerdings ernten, mit dem an und für sich sie aber gar nichts zu schaffen haben.

Und das eben ist ausschließlich durch das Geld möglich.

Erst wenn der Ertrag des Betriebes eine Form annimmt, in der er ohne weiteres an jeden Punkt übertragbar ist, gewährt er, durch die Entfernung zwischen Besitz und Besitzer, beiden jenes hohe Maß von Unabhängigkeit, sozusagen von Eigenbewegung: dem einen die Möglichkeit, ausschließlich nach den inneren Anforderungen der Sache betrieben zu werden, dem anderen die Möglichkeit, sein Leben ohne Rücksicht auf die spezifischen Anforderungen seines Besitzes einzurichten.

Die Fernwirkung des Geldes gestattet dem Besitz und dem Besitzer so weit auseinander zutreten, dass jedes seinen eigenen Gesetzen ganz anders folgen kann, als da der Besitz noch in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Person stand, jedes ökonomische Engagement zugleich ein persönliches war, jede Wendung in der persönlichen Direktive oder Stellung zugleich eine solche innerhalb der ökonomischen Interessen bedeutete.

So äußert sich, wie schon angeführt, die Solidarität zwischen Person und Besitz bei sehr vielen Naturvölkern aller Erdteile darin, dass der letztere, soweit er ganz individuell, erobert oder erarbeitet ist, mit dem Besitzenden ins Grab geht.

Es liegt auf der Hand, wie sehr hierdurch auch die objektive Kultur hintangehalten wird, deren Fortschritt gerade auf dem (> 360) Weiterbauen auf ererbten Produkten ruht.

Erst durch die Vererbung erstreckt sich der Besitz über die Grenze des Individuums hinaus und beginnt, eine sachliche und für sich entwickelbare Existenz zu führen.

Für jenes personale, dem Eigener gleichsam angewachsene Wesen des Besitzes ist es bezeichnend, dass im frühgermanischen Recht jede Schenkung im Falle der Undankbarkeit des Beschenkten und in einigen anderen Fällen widerrufbar war.

Weniges zeigt so scharf den ganz personalen Charakter jener frühen Besitzformen: eine rein individuell-ethische Beziehung zwischen Schenker und Beschenktem hat eine unmittelbare rechtlich-ökonomische Folge.

Schon äußerlich widerstrebt die Geldwirtschaft der hiermit ausgedrückten Empfindungsweise; das naturale Geschenk kann wirklich in natura zurückgegeben werden, das Geldgeschenk aber, nach ganz kurzer Zeit, nicht mehr als »dasselbe«, sondern nur dem gleichen Werte nach.

Damit ist die Beziehung geschwächt oder vernichtet, die für das Gefühl noch zwischen dem naturalen Geschenk und seinem Geber fortbestehen und die Rückforderbarkeit begründen mochte; die Geldform des Geschenks entfernt und entfremdet es ihm sehr viel definitiver.

Wegen dieses Auseinandertreibens von Sache und Person sind auch Zeitalter der ausgebildetsten und ganz objektiv gewordenen Technik zugleich solche der individualisiertesten und subjektivsten Persönlichkeiten: der Beginn der römischen Kaiserzeit und die letzten 100-150 Jahre sind beides Zeiten intensivster Geldwirtschaft.

Der technisch verfeinerte Charakter der Rechtsbegriffe stellt sich gleichfalls erst als Korrelat jenes abstrakten Individualismus her, der mit der Geldwirtschaft Hand in Hand geht.

Bevor, zugleich mit dieser, das römische Recht in Deutschland rezipiert wurde, kannte das deutsche Recht keine Stellvertretung in Rechtssachen, nicht die Institution der juristischen Person, nicht das Eigentum als Gegenstand freier individueller Willkür, sondern nur als Träger von Rechten und Pflichten.

Ein mit solchen Begriffen arbeitendes Recht ist nicht mehr möglich, wo das Individuum sich von der Verschmelzung mit besonderen Bestimmtheiten des Besitzes, der sozialen Position, der materialen Inhalte des Seins gelöst hat und jenes völlig freie und auf sich gestellte, aber von allen speziellen Daseinstendenzen begrifflich geschiedene Wesen geworden ist, das allein in die Geldwirtschaft hineingehört und so jene Lebensinteressen, als rein sachlich gewordene, der logisch-abstrakten römischen Rechtstechnik überlassen kann.

Das Verhältnis zwischen dem Grund und Boden und dem Besitzer hat in Deutschland die Stadien durchgemacht, dass zuerst der Grundbesitz aus der personalen Stellung in der Gemeinde geflossen war, und dann umgekehrt die Person durch ihren Besitz bestimmt war, bis schließlich (> 361) die Verselbständigung des Grundbesitzes einen ganz anderen Sinn annimmt, einen solchen, in dem sie gleichsam am anderen Ende die Persönlichkeit als völlig selbständige hervortreten lässt.

In der Urzeit hatte die Personalität die dinglichen Beziehungen überdeckt und verschlungen, in der Patrimonialzeit diese umgekehrt jene.

Die Geldwirtschaft differenziert beides, Sachlichkeit bzw. Besitz und Persönlichkeit werden gegeneinander selbständig.

Die Aufgipfelung, die dieser formale Prozess am Gelde selbst erlebt, kann nicht schärfer als durch den Ausdruck der ausgebildetsten Geldwirtschaft bezeichnet werden: dass das Geld »arbeitet«, d. h. seine Funktionen nach Kräften und Normen übt, die mit denen seiner Besitzer keineswegs identisch, sondern von diesen relativ unabhängig sind.

Wenn Freiheit bedeutet, nur den Gesetzen des eigenen Wesens zu gehorchen, so gibt die durch die Geldform des Ertrages ermöglichte Entfernung zwischen Besitz und Besitzer beiden eine sonst unerhörte Freiheit: die Arbeitsteilung zwischen der Subjektivität und den Normen der Sache wird eine vollkommene, jedes hat nun seine Aufgaben, wie sie sich aus seinem Wesen ergeben, für sich zu lösen, in Freiheit von der Bedingtheit durch das ihm innerlich fremde andere.

Diese Differenzierung durch das Geld und diese individuelle Freiheit durch die Differenzierung betrifft aber nicht nur den Rentenempfänger; das Arbeitsverhältnis entwickelt Ansätze, freilich schwerer erkennbare, in der gleichen Richtung.

Die ökonomische Organisation der früheren Jahrhunderte, jetzt die zurückgebliebenen Formen derselben, Handwerk und Kleinhandel, ruhen auf dem Verhältnis persönlicher Unterordnung des Gesellen unter den Meister, des Angestellten unter den Ladenbesitzer usw.

Auf diesen Stufen vollzieht sich die Wirtschaft durch ein Zusammenwirken von Faktoren, das durchaus persönlich-unmittelbarer Natur ist und in jedem einzelnen Fall im Geiste der leitenden Persönlichkeit und mit Unterordnung der übrigen unter deren Subjektivität verläuft.

Dieses Verhältnis nimmt einen anderen Charakter an durch das steigende Übergewicht der objektiven und technischen Elemente über die personalen.

Der Leiter der Produktion und der niedrigere Arbeiter, der Direktor und der Verkäufer im großen Magazin, sind nun gleichmäßig einem objektiven Zweck untertan, und erst innerhalb dieses gemeinsamen Verhältnisses besteht die Unterordnung fort als technische Notwendigkeit, in der die Anforderungen der Sache, der Produktion als eines objektiven Prozesses, zum Ausdruck kommen.

Wenn nun auch dieses Verhältnis nach manchen persönlich sehr empfindlichen Seiten für den Arbeiter härter sein mag als das frühere, so enthält es doch ein Element der Freiheit, indem seine Unterordnung (> 362) nicht mehr subjektiv-personaler, sondern technischer Natur ist.

Zunächst wird klar, dass schon jene prinzipielle Befreiung, die im Übergang der Unterordnung in die objektive Form liegt, aufs engste an die unbedingtere Wirksamkeit des Geldprinzips gebunden ist.

Solange das Lohnarbeitsverhältnis als ein Mietsvertrag angesehen wird, enthält es wesentlich ein Moment der Unterordnung des Arbeiters unter den Unternehmer: denn der arbeitende Mensch wird gemietet, wie es heute noch am schroffsten bei unseren Dienstboten ausgebildet ist, wo wirklich der Mensch mit dem ganzen, sachlich gar nicht genau umschriebenen Komplex seiner Kräfte gemietet wird und so als ganze Person in das Verhältnis der Unfreiheit und Unterordnung unter einen anderen Menschen eintritt.

Sobald der Arbeitsvertrag aber, die Geldwirtschaftlichkeit in ihre letzten Konsequenzen verfolgend, als Kauf der Ware Arbeit auftritt, so handelt es sich um die Hingabe einer völlig objektiven Leistung, die, wie man es formuliert hat, als Faktor in den kooperativen Prozess eingestellt wird und in diesem sich mit der Leistung des Unternehmers, ihr gewissermaßen koordiniert, zusammenfindet.

Das gewachsene Selbstgefühl des modernen Arbeiters muss damit zusammenhängen: er empfindet sich nicht mehr als Person untertänig, sondern gibt nur eine genau festgestellte - und zwar auf Grund des Geldäquivalentes so genau festgestellte - Leistung hin, die die Persönlichkeit als solche gerade um so mehr freilässt, je sachlicher, unpersönlicher, technischer sie selbst und der von ihr getragene Betrieb ist.

Für den Betriebsleiter selbst zeitigt die durchgedrungene Geldwirtschaft das gleiche Resultat von der Seite her, dass er nun seine Produkte für den Markt herstellt, d. h. für gänzlich unbekannte und gleichgültige Konsumenten, ,die nur durch das Medium des Geldes mit ihm zu tun haben.

Dadurch wird die Leistung in einer Weise objektiviert, die die individuelle Persönlichkeit viel weniger in sie verflicht und von ihr abhängig macht, als da noch lokale und persönliche Rücksichten auf den bestimmten Abnehmer - insbesondere wenn man mit ihm im naturalen Austauschverhältnis stand - die Arbeit beeinflussten.

Die Entwicklung des oben berührten Dienstbotenverhältnisses zu persönlicher Freiheit nimmt ihren Weg ebenso über die vergrößerte Wirkung des Geldes.

Jene persönliche Bindung, die sich in den »ungemessenen« Diensten des Dienstboten ausspricht, knüpft sich wesentlich an die Hausgenossenschaft desselben.

Daraus, dass er im Hause der Herrschaft wohnt und beköstigt, gelegentlich auch bekleidet wird, ergibt es sich unvermeidlich, dass sein Quantum von Diensten sachlich unbestimmt ist und ebenso den wechselnden Ansprüchen der Hausvorkommnisse folgt, wie er sich überhaupt der Hausordnung (>363) fügen muss.

Nun scheint die Entwicklung allmählich dahin zu gehen, dass die häuslichen Dienste mehr und mehr außerhalb wohnenden Personen arbeitsteilig übertragen werden, so dass diese nur ganz Bestimmtes zu leisten haben und ausschließlich mit Geld abgelohnt werden.

Die Auflösung der naturalwirtschaftlichen Hausgemeinschaft würde damit einerseits zu einer objektiven Fixierung und einem mehr technischen Charakter der Dienste führen, in unmittelbarer Konsequenz davon aber zu einer völligen Unabhängigkeit und Auf-sich--selbst-Stehen der leistenden Person.

Wenn die Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in dieser durch das Geld ermöglichten Linie fortschreitet, so erreicht sie vielleicht die Aufhebung gewisser Übel, die man gerade der modernen Geldwirtschaft zum besonderen Vorwurf gemacht hat.

Das Motiv des Anarchismus liegt in der Perhorreszierung der Über- und Unterordnung zwischen den Menschen, und wenn innerhalb des Sozialismus dieses sozusagen formale Motiv durch mehr materiale ersetzt wird, so gehört es doch auch zu seinen Grundtendenzen, die Unterschiede der menschlichen Lagen zu beseitigen, durch welche der eine ohne weiteres befehlen kann, der andere ohne weiteres gehorchen muss.

So sehr für die Denkweisen, denen das Maß der Freiheit zugleich das Maß alles sozial Notwendigen ist, die Beseitigung von Über- und Unterordnung eine durch sich selbst begründete Forderung ist, so wäre doch die auf Über- und Unterordnung ruhende Gesellschaftsordnung an und für sich nicht schlechter als eine Verfassung völliger Gleichheit, wenn nicht mit jener Gefühle von Unterdrückung, Leid, Entwürdigung verbunden wären.

Würden jene Theorien psychologische Klarheit über sich selbst besitzen, so müssten sie einsehen, dass die Gleichstellung der Individuen ihnen gar nicht das absolute Ideal, gar nicht der kategorische Imperativ ist, sondern das bloße Mittel, um gewisse Leidgefühle zu beseitigen, gewisse Befriedigungsgefühle zu erzeugen; wobei nur von jenen abstrakten Idealisten abgesehen wird, für die die Gleichheit ein formal-absoluter und selbst um den Preis aller möglichen inhaltlichen Nachteile, ja, des Pereat mundus, erforderter Wert ist.

Wo aber eine Forderung ihre Bedeutung nicht in sich, sondern von ihren Folgen zu Lehen trägt, da ist es prinzipiell stets möglich, sie durch eine andere zu ersetzen: denn die gleiche Folge kann durch sehr verschiedene Ursachen hervorgerufen werden.

Diese Möglichkeit ist im vorliegenden Falle deshalb sehr wichtig, weil alle bisherige Erfahrung gezeigt hat, welches ganz unentbehrliche Organisationsmittel die Über- und Unterordnung ist, und dass mit ihr eine der fruchtbarsten Formen der gesellschaftlichen Produktion verschwände.

Die Aufgabe ist also, (> 364) die Über- und Unterordnung, soweit sie diese Folgen hat, beizubehalten und zugleich jene psychologischen Folgen, um derentwillen sie perhorresziert wird, zu beseitigen.

Diesem Ziele nähert man sich offenbar in dem Maße, in welchem alle Über- und Unterordnung eine bloß technische Organisationsform wird, deren rein objektiver Charakter gar keine subjektiven Empfindungen mehr hervorruft.

Es kommt darauf an, die Sache und die Person so zu scheiden, dass die Erfordernisse der ersteren, welche Stelle im gesellschaftlichen Produktions- oder Zirkulationsprozesse sie auch der letzteren anweisen, die Individualität, die Freiheit, das innerste Lebensgefühl derselben ganz unberührt lassen.

Eine Seite dieser Verfassung ist innerhalb eines Standes schon verwirklicht - im Offiziersstand.

Die blinde Subordination unter den Vorgesetzten wird hier nicht als Entwürdigung empfunden, weil sie nichts als das technisch unumgängliche Erfordernis für die militärischen Zwecke ist, denen auch jeder Vorgesetzte selbst in nicht weniger strenger, aber auch nicht weniger objektiver Weise unterworfen ist.

Die persönliche Ehre und Würde steht ganz jenseits dieser Über- und Unterordnung, diese haftet sozusagen nur der Uniform an und ist nur eine Bedingung der Sache, von der kein Reflex auf die Person fällt.

In anderer Wendung tritt diese Differenzierungserscheinung bei rein geistigen Beschäftigungen auf.

Zu allen Zeiten hat es Persönlichkeiten gegeben, die sich bei völliger Untergeordnetheit und Abhängigkeit der äußeren Lebensstellung absolute geistige Freiheit und individuelle Produktivität gewahrt haben, insbesondere allerdings in Zeiten, wo sehr festgewordene soziale Ordnungen durch einströmende Bildungsinteressen gekreuzt werden und jene bestehen bleiben, während diese ganz neue innere Rangierungen und Kategorien schaffen - wie etwa in der Epoche des Humanismus und in der letzten Zeit des ancien régime.

Es ließe sich nun denken, dass, was in diesen Fällen ganz einseitig ausgebildet ist, zur sozialen Organisationsform überhaupt würde.

Über- und Unterordnung in allen möglichen Gestalten ist jetzt die technische Bedingung für die Gesellschaft, ihre Zwecke zu erreichen; allein sie wirft einen Reflex auch auf die innerliche Bedeutung des Menschen, auf die Freiheit seiner Ausbildung, auf sein rein menschliches Verhältnis zu anderen Individuen.

Indem diese Verquickung gelöst, alles Oben- und Untenstehen, alles Befehlen und Gehorchen eine bloß äußerliche Verfassungstechnik würde, welche auf die individuelle Stellung und Entwicklung in allem übrigen weder Licht noch Schatten werfen kann, würden alle jene Leidgefühle schwinden, um derentwillen man heute, wo das Äußerliche und bloß Zweckmäßige der sozialen Hierarchie doch noch mit dem Persönlich-Subjektiven (> 365) des Individuums allzueng assoziert ist, nach einer Beseitigung jener Hierarchie überhaupt rufen kann.

Man würde durch diese Objektivierung des Leistens und seiner organisatorischen Bedingungen alle technischen Vorteile der letzteren behalten und ihre Benachteiligungen der Subjektivität und Freiheit vermeiden, auf die sich heute der Anarchismus und teilweise der Sozialismus gründet.

Das aber ist die Richtung der Kultur, die, wie wir oben sahen, die Geldwirtschaft anbahnt.

Die Trennung des Arbeiters von seinem Arbeitsmittel, die als Besitzfrage für den Knotenpunkt des sozialen Elends gilt, würde sich in einem anderen Sinne gerade als eine Erlösung zeigen: wenn sie die personale Differenzierung des Arbeiters als Menschen von den rein sachlichen Bedingungen bedeutete, in die die Technik der Produktion ihn stellt.

So würde das Geld eine jener nicht seltenen Entwicklungen vollziehen, in denen die Bedeutung eines Elementes direkt in ihr Gegenteil umschlägt, sobald sie aus ihrer ursprünglichen beschränkten Wirksamkeit sich zu einer durchgehenden, konsequenten, überall hindringenden entfaltet hat.

Indem das Geld gleichsam einen Keil zwischen die Person und die Sache treibt, zerreißt es zunächst wohltätige und stützende Verbindungen, leitet aber doch jene Verselbständigung beider gegeneinander ein, in der jedes von beiden seine volle, befriedigende, von dem andern ungestörte Entwicklung finden kann.

Wo die Arbeitsverfassung, bzw. das allgemeine soziale Verhältnis aus der personalen in die sachliche Form - und, parallel damit, aus der naturalwirtschaftlichen in die geldwirtschaftliche -übergeht, finden wir zunächst oder partiell eine Verschlechterung in der Stellung des Untergeordneten.

Die Entlohnung des Arbeiters in Naturalien hat, gegenüber dem Geldlohn, neben all ihren Gefahren sicher manche Vorteile.

Denn die Geldleistung bezahlt ihre größere äußere Bestimmtheit, sozusagen ihre logische Präzision, mit der größeren Unsicherheit ihres schließlichen Wertquantums.

Brot und Wohnung haben für den Arbeiter einen, man möchte sagen, absoluten Wert, der als solcher zu allen Zeiten derselbe ist; die Wertschwankungen, denen nichts Empirisches sich entziehen kann, fallen hier dem Arbeitgeber zur Last, der sie dadurch für den Arbeiter ausgleicht.

Der gleiche Geldlohn dagegen kann heute etwas völlig anderes bedeuten als vor einem Jahre, er verteilt die Chancen der Schwankungen zwischen Geber und Empfänger.

Allein diese Unsicherheit und Ungleichmäßigkeit, die oft genug recht empfindlich sein mag, ist doch das unvermeidliche Korrelat der Freiheit.

Die Art, auf die die Freiheit sich darstellt, ist Unregelmäßigkeit, Unberechenbarkeit, Asymmetrie; weshalb denn - wie später noch ausführlich (> 366) zu erörtern ist - freiheitliche politische Verfassungen, wie die englische, durch ihre inneren Anomalien, ihren Mangel an Planmäßigkeit und systematischem Aufbau charakterisiert sind, während despotischer Zwang allenthalben auf symmetrische Strukturen, Gleichförmigkeit der Elemente, Vermeidung alles Rhapsodischen ausgeht.

Die Schwankungen der Preise, unter denen der Geldlohn empfangende Arbeiter ganz anders als der in Naturalien entlohnte leidet, haben so einen tiefen Zusammenhang mit der Lebensform der Freiheit, die dem Geldlohn ebenso entspricht, wie die Naturalentlohnung der Lebensform der Gebundenheit.

Gemäß der Regel, die weit über die Politik hinaus gilt: wo eine Freiheit ist, da ist auch eine Steuer - zahlt der Arbeiter in den Unsicherheiten des Geldlohnes die Steuer für die durch diesen bewirkte oder angebahnte Freiheit.

- Ganz Entsprechendes nehmen wir wahr, wo umgekehrt die Leistungen des sozial Tieferstehenden aus der naturalen in die Geldform übergehen.

Die Naturalleistung schafft ein gemütlicheres Verhältnis zwischen dem Berechtigten und dem Verpflichteten.

In dem Korn, dem Geflügel, dem Wein, die der Grundholde in den Herrenhof liefert, steckt unmittelbar seine Arbeitskraft, es sind gleichsam Stücke von ihm, die sich von seiner Vergangenheit und seinem Interesse noch nicht völlig gelöst haben; und entsprechend werden sie unmittelbar von dem Empfänger genossen, er hat ein Interesse an ihrer Qualität und sie gehen sozusagen ebenso in ihn persönlich ein, wie sie von jenem persönlich ausgehen.

Es wird damit also eine viel engere Verbindung zwischen Berechtigtem und Verpflichtetem hergestellt, als durch die Geldleistung, in der die personalen Momente von beiden Seiten her verschwinden.

Deshalb hören wir, dass im frühen mittelalterlichen Deutschland durchaus die Sitte herrschte, die Leistungen der Hörigen durch kleine Gefälligkeiten zu mildern; allenthalben erhielten sie bei der Entrichtung der Abgaben eine kleine Gegengabe, mindestens Speise und Trank.

Diese wohlwollende, sozusagen anmutige Behandlung der Verpflichteten hat sich in dem Maße verloren, in dem an die Stelle der Naturalleistungen mehr und mehr Geldleistungen und an die Stelle der unter ihren Grundholden lebenden Grund- und Landesherren die härteren Beamten traten.

Denn diese Einsetzung der Beamten bedeutete die Objektivierung des Betriebes: der Beamte leitete ihn nach den unpersönlichen Anforderungen der Technik, die ein möglichst großes objektives Erträgnis liefern sollte.

Er stand mit derselben entpersonalisierenden Wirkung zwischen dem Hörigen und dem Herrn, wie sich das Geld zwischen die Leistung des einen und den Genuss des andern schob, eine trennende Selbständigkeit der Mittelinstanz, die sich auch darin zeigte, dass die Verwandlung der (> 367) Naturalfronen in Geldzinsung dem Gutsverwalter ganz neue Gelegenheiten zu Unredlichkeiten gegenüber dem fernen Herrn gab.

So sehr der Bauer von dem Persönlichkeitscharakter des Verhältnisses profitiert und nach dieser Seite hin unter seiner Versachlichung und Zugeldesetzung zunächst leiden mag, so war dieses doch, wie ich oben auseinander setzte, der unumgängliche Weg, der zur Aufhebung der Leistungen der Hörigen überhaupt führte.

Neben der skizzierten Phänomenenreihe, welche auf dieses Endziel hinaussieht, steht eine andere, die auf den ersten Blick die genau entgegengesetzte Konsequenz zeigt.

Es scheint z. B., als ob der Stücklohn dem bisher charakterisierten Fortschritt der Geldkultur mehr entspräche, als der Stundenlohn.

Denn der letztere steht dem Indienstnehmen des ganzen Menschen, mit seinen gesamten, aber nicht sicher bestimmbaren Kräften, viel näher, als der Stücklohn, wo die einzelne, genau bestimmte, aus dem Menschen völlig heraus-objektivierte Leistung vergolten wird.

Dennoch ist augenblicklich der Stundenlohn dem Arbeiter im allgemeinen günstiger - außer wo technische Umstände, z. B. rasche Änderung der Maschinen im Sinne der Produktivitätssteigerung, für den Stücklohn sprechen -, gerade weil sich die Entlohnung hier nicht mit derselben Strenge wie beim Stücklohn nur nach der vollbrachten Leistung richtet; sie bleibt dieselbe, auch wenn Pausen, Verlangsamungen, Versehen, ihr Resultat irgendwie alterieren.

So erscheint der Stundenlohn menschenwürdiger, weil er ein größeres Vertrauen voraussetzt, und er gibt innerhalb der Arbeit doch etwas mehr tatsächliche Freiheit, als der Stücklohn, trotzdem (oder hier vielmehr: weil) der Mensch als ganzer in das Arbeitsverhältnis eintritt und so die Unbarmherzigkeit des rein objektiven Maßstabes gemildert wird.

Die Steigerung dieses Verhältnisses ist in der »Anstellung« zu erblicken, in der die einzelne Leistung noch viel weniger den unmittelbaren Maßstab der Entlohnung abgibt, sondern die Summe derselben, die Chance aller dazwischentretenden menschlichen Unzulänglichkeiten einschließend, bezahlt wird.

Am deutlichsten wird dies bei der Stellung des höheren Staatsbeamten, dessen Gehalt überhaupt keine quantitative Beziehung zu seinen einzelnen Leistungen mehr hat, sondern ihm nur die standesgemäße Lebenshaltung ermöglichen soll.

Als kürzlich auf einen Gerichtsbeschluss hin einem preußischen Beamten, der durch eigenes schweres Verschulden längere Zeit an seiner Funktionierung verhindert war, ein Teil seines Gehaltes für diese Zeit einbehalten wurde, hob das Reichsgericht das Urteil auf: denn das Gehalt eines Beamten sei keine pro rata geltende Gegenleistung für seine Dienste, sondern eine »Rente«, welche dazu bestimmt sei, ihm die Mittel zu seinem, (> 368) dem Amte entsprechenden standesgemäßen Unterhalt zu geben.

Hier wird die Entlohnung also prinzipiell gerade auf das personale Element unter Ausschluss einer genauen objektiven Äquivalenz gerichtet.

Freilich sind diese Gehälter immer auf längere Perioden hinaus festgelegt, und bei dem Schwanken des Geldwertes in diesen wird gerade durch die Stabilität des Einkommens die Stabilität der Lebenshaltung verhindert, während die Bezahlung der Einzelleistung viel leichter den Veränderungen des Geldwertes folgt.

Allein das entkräftet meine Deutung dieses Verhältnisses so wenig, dass es vielmehr die Unabhängigkeit des persönlichen Elementes von dem ökonomischen, auf die es ankommt, erst recht hervorhebt.

Dass die Honorierung hier mir ganz im allgemeinen erfolgt und sich nicht den einzelnen Wechselfällen der ökonomischen Entwicklung anschmiegt, bedeutet ja gerade die Absonderung der Persönlichkeit als eines Ganzen von der Einzelheit ökonomisch bewertbarer Leistungen; und der stabile Gehalt verhält sich zu der wechselnden Höhe seiner Einzelverwertungen, wie die ganze Persönlichkeit zu der unvermeidlich wechselnden Qualität ihrer einzelnen Leistungen.

- Die äußerste, wenngleich nicht immer als solche erkennbare Stufe dieser Phänomenenreihe liegt in der Honorierung jener idealen Funktionen, deren Inkommensurabilität mit irgendwelchen Geldsummen jede »angemessene« Bezahlung illusorisch macht.

Die Bedeutung der Bezahlung kann hier nur sein, dass man das Entsprechende beiträgt, um dem Leistenden die angemessene Lebenshaltung zu ermöglichen, nicht aber, dass sie und die Leistung sich sachlich entsprächen.

Deshalb wird dem Portraitmaler das Honorar gleichmäßig bezahlt, ob das Bild ganz gelungen ist oder nicht, dem Konzertgeber das Eintrittsgeld, auch wenn er nachher schlecht spielt, dem Arzt seine Taxe, ob der Patient geheilt wird oder stirbt - während auf niedrigeren Gebieten das Ob und Wie viel der Zahlung viel direkter und genauer von dem Ausfall der Leistung abhängt.

Wie sehr der sachliche Zusammenhang zwischen der Leistung und dem Äquivalent hier durchbrochen ist, lehrt auf den ersten Blick das Missverhältnis ihrer Quantitäten.

Wer für ein Gemälde, Theater, Belehrung noch einmal so viel Geld aufwendet, als für andere, und in beiden Fällen an -gemessen gezahlt zu haben glaubt, kann doch nicht sagen: dieses Bild ist genau noch einmal so schön wie das andere, diese Belehrung genau doppelt so tief und wahr wie die andere.

Und selbst, wenn man die Bezahlung jenseits der objektiven Schätzung und auf die verschiedenen Quanten des subjektiven Genusses stellen wollte, würde man, auf je höhere Gebiete man kommt, um so weniger die genauen Verhältnisse zwischen jenen behaupten wollen, auf die die Geldäquivalente (> 369) logische Anweisung geben.

Schließlich tritt die völlige Beziehungslosigkeit des Entlohnungsquantums zu der Leistung etwa am schärfsten hervor, wenn man für das Spiel eines Musikvirtuosen, das uns zu den höchsten Stufen der in uns entwickelbaren Empfindungen gehoben hat, ein paar Mark bezahlt.

Einen Sinn erhält ein derartiges Äquivalent nur von dem Standpunkt aus, dass es sich überhaupt gar nicht mit der einzelnen Leistung dem Werte nach decken, sondern nur zu demjenigen Unterhalt des Künstlers beitragen soll, der ein geeignetes Fundament für seine Leistung bildet.

So scheint also gerade bei den höchsten Produktionen die Entwicklung umzubiegen: das Geldäquivalent gilt nicht mehr der einzelnen Leistung, unter Beziehungslosigkeit zu der dahinterstehenden Person, sondern gerade dieser Person als ganzer, unter Beziehungslosigkeit zu ihrer einzelnen Leistung.

Sieht man aber näher zu, so strebt diese Erscheinungsreihe doch demselben Punkte zu, wie jene andere, die ihr Ideal in der reinen Sachlichkeit der ökonomischen Stellung fand.

Beide münden gleichmäßig an einer völligen gegenseitigen Verselbständigung der ökonomischen Leistung und der Persönlichkeit.

Denn nichts anderes bedeutet es, wenn der Beamte oder der Künstler nicht für seine einzelne Leistung honoriert wird, sondern wenn es der Sinn seines Honorars ist, ihm eine gewisse persönliche Lebenshaltung zu ermöglichen.

Allerdings ist hier, im Gegensatz zu der früheren Reihe, das Persönliche mit dem Ökonomischen in Verbindung gesetzt; aber doch so, dass innerhalb des Komplexes der Persönlichkeit selbst die Leistungen, für welche allerdings im letzten Grunde das Äquivalent gegeben wird, sich gerade sehr scharf gegen die Gesamtpersönlichkeit, als die Grundlage jener Leistungen, absetzen.

Die Befreiung der Persönlichkeit, die in ihrer Differenzierung von der objektiven Leistung liegt, wird in gleicher Weise vollzogen: ob nun von der wachsenden Objektivierung der Leistung ausgehend, die schließlich für sich allein in die ökonomische Zirkulation eintritt und die Persönlichkeit ganz draußen lässt - oder anhebend von der Honorierung bzw. Unterhaltung der Persönlichkeit als ganzer, aus der dann die einzelne Leistung ohne direktes und singuläres ökonomisches Äquivalent hervorgeht.

In beiden Fällen wird die Persönlichkeit von dem Zwange befreit, den ihre unmittelbare ökonomische Verkettung mit der einzelnen objektiven Leistung ihr auferlegt.

Nun erscheint freilich die zu zweit behandelte Reihe weniger geldwirtschaftlich bedingt als die erste.

Wo die gegenseitige Verselbständigung zwischen Person und Leistung von der Betonung der letzteren ausgeht, muss das Geld eine größere Rolle spielen, als wo (> 370) umgekehrt die Persönlichkeit sozusagen das aktive Element in dem Prozesse ist, sie von der Leistung zu sondern; denn das Geld hat vermöge seines unpersönlichen Charakters und seiner unbedingten Nachgiebigkeit eine besonders starke Wahlverwandtschaft zu der einzelnen Leistung als solcher und eine besondere Kraft, sie hervorzuheben: wogegen jene Höhe und Sicherheit der Lebenshaltung, mit der der Persönlichkeit als ganzer das Äquivalent für ihre Bewährungen geboten wird, ebenso gut auch in den primitiveren Wirtschaftsformen, durch Belehnung mit einem Stück Land oder mit Regalien irgendwelcher Art eintreten konnte.

Die spezifische Bedeutung des Geldes innerhalb dieser Reihe geht nicht von der Seite des Empfangenden, sondern des Gebenden aus.

Denn es ermöglicht, jenes Gesamtäquivalent für das Lebenswerk eines Arbeitenden aus den Beiträgen vieler zusammenzusetzen, mögen dies nun die Eintrittsgelder von Konzertbesuchern sein, oder die Aufwendungen der Bücherkäufer, oder die Steuern der Bürger, aus denen die Beamtengehälter gezahlt werden.

Das tritt recht an dem Zusammenhang hervor, den die Geldwirtschaft ersichtlich mit dem Aufkommen mechanischer Reproduktionen hat.

Sobald der Buchdruck erfunden ist, wird für das elendeste Machwerk derselbe Bogenpreis bezahlt wie für die erhabenste Dichtung, sobald es Photographien gibt, ist eine solche der Bella di Tiziano nicht teurer als die einer Chansonettensängerin, sobald mechanische Herstellungsweisen von Geräten bestehen, ist eines im edelsten Stil nicht kostbarer als manches im geschmacklosesten.

Wenn der Schöpfer des einen mehr Geld verdient, als der des anderen, so bewirkt dies nur die größere Anzahl derer, von denen jeder für das Produkt dennoch nur ebensoviel zahlt, wie jeder Abnehmer des anderen.

Liegt hierin schon an und für sich der demokratische Charakter des Geldes, gegenüber den Ausstattungen der zu honorierenden Persönlichkeiten durch Einzelpersonen in den Formen des Feudalismus oder des Mäcenatentums, so dient diese Anonymität des Geldgebers, im Gegensatz zu den genannten anderen Formen, sicherlich der subjektiven Unabhängigkeit und freien Entwicklung der die Leistung anbietenden Person.

Insbesondere das Überhandnehmen der mechanischen Reproduktionsweisen mit jener Folge, den Geldpreis von der Qualität unabhängig zu machen, zerschneidet das Band, das die spezifische Bezahlung für die spezifische Leistung zwischen Abnehmern und Produzenten geknüpft hatte.

So tut in dem Differenzierungsprozesse zwischen Person und Leistung das Geld seinen Dienst für die Unabhängigkeit des Leistenden schließlich ebenso, wenn die Lösung jener ehemals verschmolzenen Elemente von der (> 371)Verselbständigung der Person, wie wenn sie von der Verselbständigung der Leistung ausging.

Sehen wir hier auf den Anfang dieser Überlegungen zurück, so zeigt sich der ganze beschriebene Sonderungsprozess zwischen der Person und der Sache im genauen Sinne doch als eine Differenzierung innerhalb der ersteren: es sind die verschiedenen Interessen und Betätigungssphären der Persönlichkeit, die durch die Geldwirtschaft ihre relative Selbständigkeit erhalten.

Wenn ich sagte, dass das Geld die ökonomische Leistung aus dem Ganzen der Persönlichkeit herauslöst, so bleibt, absolut genommen, jene doch immer ein Teil der Persönlichkeit, diese andrerseits bedeutet jetzt nicht mehr ihr absolutes Ganze, sondern nur noch die Summe derjenigen psychischen Inhalte und Energien, die nach Aussonderung der ökonomischen übrig bleiben.

So kann man die Wirkung des Geldes als eine Atomisierung der Einzelpersönlichkeit bezeichnen, als eine innerhalb ihrer vor sich gehende Individualisierung.

Dies ist doch aber nur eine in das Individuum hinein fortgesetzte Tendenz der ganzen Gesellschaft: wie das Geld auf die Elemente des Einzelwesens, so wirkt es vor allem auf die Elemente der Gesellschaft, auf die Individuen.

Der letztere, der Tatsache nach oft betonte Erfolg der Geldwirtschaft heftet sich zunächst daran, dass das Geld eine Anweisung auf die Leistungen anderer ist.

Während in vorgeldwirtschaftlichen Zeiten der Einzelne unmittelbar auf seine Gruppe angewiesen war und der Austausch der Dienste jeden eng mit der Gesamtheit verband, trägt nun jeder seinen Anspruch auf die Leistungen von anderen in verdichteter, potenzieller Form mit sich herum.

Er hat die Wahl, wann und wo er ihn geltend machen will, und löst damit die Unmittelbarkeit der Beziehungen, die die frühere Austauschform gestiftet hatte.

Diese äußerst bedeutsame Kraft des Geldes, dem Individuum eine neue Selbständigkeit den unmittelbaren Gruppeninteressen gegenüber zu verleihen, äußert sich keineswegs nur gelegentlich des fundamentalen Gegensatzes zwischen Natural- und Geldwirtschaft, sondern auch innerhalb der letzteren.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts schrieb der italienische Publizist Botero: »Wir haben in Italien zwei blühende Republiken, Venedig und Genua. Die Venetianer, welche sich mit reellem Warenhandel beschäftigen, sind zwar als Privatleute nur mäßig reich geworden, haben aber dafür ihren Staat außerordentlich groß und reich gemacht. Die Genuesen dagegen haben sich ganz dem Geldgeschäft ergeben und hierdurch ihren Privatbesitz sehr vermehrt, während ihr Staatswesen verarmt ist.«

Indem die Interessen auf das Geld gestellt werden und soweit der Besitz in Geld besteht, muss der Einzelne die Tendenz und das Gefühl einer (> 372) selbständigeren Bedeutung dem sozialen Ganzen gegenüber bekommen, er verhält sich zu diesem nun wie Macht zu Macht, weil er frei ist, sich seine Geschäftsbeziehungen und Kooperationen überall, wo er will, zu suchen; das Warengeschäft dagegen, selbst wenn es sich räumlich so weit erstreckt wie das der Venetianer, muss vielmehr Mitwirkende und Angestellte im nächsten Kreise suchen, seine umständlichere und substantiellere Technik legt ihm überhaupt lokale Bedingungen auf, von denen das Geldgeschäft frei ist.

Noch entschiedener tritt dies natürlich an dem Unterschied zwischen Grund- und Geldbesitz hervor.

Es beweist die Tiefe dieses soziologischen Zusammenhanges, dass man hundert Jahre nach jener Äußerung Boteros gerade an sie die Betrachtung geknüpft hat, welche Gefahr es für den Staat wäre, wenn das Hauptvermögen der herrschenden Klasse aus Mobiliarbesitz besteht, den man in Zeiten der öffentlichen Not in Sicherheit bringen kann, während die Grundbesitzer durch ihr Interesse unlösbar mit dem Vaterlande verbunden sind.

In England ist das steigende Übergewicht des industriellen Reichtums über den in Grundbesitz angelegten dafür verantwortlich gemacht worden, dass das kommunal-soziale Interesse der obersten Klasse sich verloren hat.

Das alte Self-Government ruhte auf der persönlichen Staatstätigkeit der letzteren, die jetzt immer mehr direkten Staatsorganen Platz macht.

Die bloße Geldsteuer, mit der man sich jetzt abfindet, dokumentiert den Zusammenhang, der zwischen der gewachsenen Geldmäßigkeit aller Verhältnisse und dem Niedergang jener alten Sozialverpflichtungen stattfindet.

Nun macht das Geld nicht nur die Beziehung der Einzelnen zur Gruppe überhaupt zu einer viel unabhängigeren, sondern der Inhalt der speziellen Assoziationen und das Verhältnis der Teilnehmer zu ihnen unterliegt einem ganz neuen Differenzierungsprozess.

Die mittelalterliche Korporation schloss den ganzen Menschen in sich ein: eine Zunft der Tuchmacher war nicht eine Assoziation von Individuen, welche die bloßen Interessen der Tuchmacherei pflegte, sondern eine Lebensgemeinschaft in fachlicher, geselliger, religiöser, politischer und vielen sonstigen Hinsichten.

Um so sachliche Interessen sich eine solche Assoziation auch gruppieren mochte, sie lebte doch ganz unmittelbar in ihren Mitgliedern und diese gingen restlos in ihr auf.

Im Gegensatz zu dieser Einheitsform hat nun die Geldwirtschaft unzählige Assoziationen ermöglicht, die entweder von ihren Mitgliedern nur Geldbeiträge verlangen oder auf ein bloßes Geldinteresse hinausgehen: zuhöchst die Aktiengesellschaft, bei der der Vereinigungspunkt der Teilhaber ausschließlich in dem Interesse an der Dividende liegt; so ausschließlich, dass es wohl jedem Einzelnen (> 373) ganz gleichgültig ist, was die Gesellschaft denn eigentlich produziert.

Die sachliche Zusammenhangslosigkeit des Subjekts mit dem Objekt, an dem es ein bloßes Geldinteresse hat, spiegelt sich in seiner personalen Zusammenhangslosigkeit mit den anderen Subjekten, mit denen ihn ein ausschließliches Geldinteresse verbindet.

Hiermit ist nun eine der wirkungsvollsten kulturellen Formungen gegeben: die Möglichkeit des Individuums, sich an Assoziationen zu beteiligen, deren objektiven Zweck es fördern oder genießen will, ohne dass für die Persönlichkeit im übrigen die Verbindung irgendeine Bindung mit sich brächte.

Das Geld hat es bewirkt, dass man sich mit Anderen vereinigen kann, ohne etwas von der persönlichen Freiheit und Reserve aufgeben zu brauchen.

Das ist der fundamentale, unsäglich bedeutungsvolle Unterschied gegen die mittelalterliche Einungsform, die zwischen dem Menschen als Menschen und dem Menschen als Mitglied einer Vereinigung nicht unterschied; sie zog das gesamtwirtschaftliche wie das religiöse, das politische wie das familiäre Interesse gleichmäßig in ihren Kreis.

Die dauernde Vereinigung kennt in jenem urwüchsigen Stadium noch nicht die Form des bloßen »Beitrages«, am wenigsten die Herstellung ihrer ganzen Substanz aus solchen und aus »beschränkten Haftungen«.

Wie man wohl im großen und ganzen und mit den bei so allgemeinen Behauptungen nötigen Reserven sagen kann, dass die Verhältnisse der Menschen untereinander früher entschiedenere waren, weniger durch Vermittlungen, Mischungen, Vorbehalte undeutlich gewordene, dass es weniger problematische und »halbe« Verhältnisse gab: so stand die Beziehung des Einzelnen zur Assoziation viel mehr unter dem Zeichen des Ganz oder Gar nicht, sie duldete nicht eine Zerlegbarkeit, durch die ein bloßes Partikelchen der im übrigen unabhängigen Persönlichkeit in sie hinein gegeben werden kann und die in der Hingabe und Entnahme von Geld als dem einzigen assoziativen Bande ihre absolute Vollendung findet.

Und dies gilt nicht nur für Einzelne, sondern auch für Kollektivindividuen.

Die Geldform des Gemeininteresses gewährt auch Vereinigungen die Möglichkeit zu einer höheren Einheit zusammenzutreten, ohne dass die einzelne auf ihre Unabhängigkeit und Sonderart zu verzichten braucht.

Nach 1848 bildeten sich in Frankreich Syndikate von Arbeiter-Assoziationen desselben Gewerkes, derart, dass jede ihren unteilbaren Fonds an dieses Syndikat ablieferte und so eine unteilbare gemeinsame Kasse zustande kam.

Diese sollte namentlich Engros-Einkäufe er-möglichen, Darlehen gewähren usw.

Die Syndikate hatten aber durchaus nicht den Zweck, die teilhabenden Assoziationen zu einer einzigen zu vereinigen, sondern jede sollte ihre besondere Organisation (> 374) beibehalten.

Dieser Fall ist deshalb so bezeichnend, weil die Arbeiter damals in einer wahren Leidenschaft der Assoziationsbildung befangen waren.

Lehnten sie nun die hier so naheliegende Verschmelzung ausdrücklich ab, so müssen sie besonders starke Gründe für gegenseitige Reserve gehabt haben - und fanden dabei die Möglichkeit, die dennoch vorhandene Einheit ihrer Interessen in jener Gemeinsamkeit des bloßen Geldbesitzes wirksam werden zu lassen.

Ja, auf Grund dieser vollen subjektiven Freiheit, die die bloße Geldbeteiligung den Mitgliedern der Assoziation lässt, sind gewisse Vereinigungen überhaupt erst möglich geworden.

Der Gustav-Adolf-Verein, jene große Gemeinschaft zur Unterstützung bedürftiger evangelischer Gemeinden, hätte gar nicht zur Existenz und Wirksamkeit kommen können, wenn nicht der Charakter (oder vielmehr die Charakterlosigkeit) der Geldbeiträge die konfessionellen Unterschiede der Beitragenden verwischt hätte.

Zu keiner anderen Einungsform wären Lutheraner, Reformierte, Unierte zu bewegen gewesen.

Dasselbe gilt, wenn das gemeinsame Geldinteresse sozusagen ein passives wird.

Der englische Klerus bildete bis ziemlich tief in das Mittelalter hinein durchaus keine Einheit; insbesondere gehörten die Bischöfe, als Feudalherren, zu den Lords, in sozialer und politischer Absonderung von dem niederen Klerus.

Dies fand namentlich solange statt, als nur der Grundbesitz, an dem letzterer nicht teil hatte, besteuert wurde.

Sobald aber besondere Besteuerungen des gesamten geistlichen Einkommens aufkamen, war durch Opposition dagegen oder durch Bewilligung ein gemeinsames Interesse für den ganzen Stand geschaffen, das der beste Kenner jener Zeit für eins der Hauptbindemittel hält, die überhaupt den Klerus erst als einheitlichen Stand schufen.

Schon die Anfänge der Geldwirtschaft zeitigen Entwicklungen der wirtschaftlichen Vereinigung aus demselben Grundmotiv heraus.

Die Vermehrung und vermehrte Bedeutung des Kapitals erzeugte vom 14. Jahrhundert an das Bedürfnis, dasselbe in der Familie ungeteilt zu erhalten.

Denn indem die Anteile aller Erben einheitlich zusammenblieben, übten sie weit reichere Wirkungen zugunsten eines jeden, als er bei ihrer Aufteilung erreichen konnte.

Es begann also in Deutschland der Eintritt aller Erben in die ungeteilte Erbschaft und der Weiterbestand des alten Geschäfts zu gesamter Hand.

Daran knüpften sich nun zwei Konsequenzen.

Es entstand innerhalb der Familie die Trennung von Hauswirtschaft und Geschäft, so dass Familienmitglieder mit getrennter Hauswirtschaft und separatem Vermögen doch Teilhaber der einen ungeteilten »Firma« bleiben konnten; während die Bedeutung des Geldkapitals die alte Familienwirtschaft überhaupt gesprengt hatte, schuf es nun doch über dieser (> 375) Trennung eine neue Vereinigung, in deren reine Sachlichkeit die von den eigentlichen Privatinteressen gelösten, ausschließlichen Vermögensinteressen eingingen.

Und zweitens, wurde dieser Gemeinsamkeitsmodus nun auch von solchen nachgeahmt, welche nicht einmal in einer ursprünglichen Familienbeziehung standen; nachdem einmal aus der Hauswirtschaft sich das »Geschäft« herausgelöst hatte, wurde es auch von Nichtverwandten als Vereinigungsform der bloßen arbeitenden Kapitalien gewählt, so dass schon anfangs des 15. Jahrhunderts die offene Handelsgesellschaft gebräuchlich wird. Zu einer reinen Vermögensgenossenschaft, d. h. einer solchen, in der das gemeinsam besessene Vermögen sich zu einer selbständigen, jenseits der Einzelanteile stehenden Einheit und Rechtspersönlichkeit objektiviert hat und der Teilhaber nur mit einem bestimmten Teile seines Vermögens und sonst überhaupt nicht mit seiner Person beteiligt ist -ist es erst seit dem Durchdringen der Geldwirtschaft gekommen.

Das Geld allein konnte solche Gemeinsamkeiten zustande bringen, die das einzelne Mitglied überhaupt nicht präjudizieren: es hat den Zweckverband zu seinen reinen Formen entwickelt, jene Organisationsart, die sozusagen das Unpersönliche an den Individuen zu einer Aktion vereinigt und uns die bisher einzige Möglichkeit gelehrt hat, wie sich Personen unter absoluter Reserve alles Persönlichen und Spezifischen vereinigen können.

- Die zersetzende und isolierende Wirkung des Geldes ist nicht nur ganz im allgemeinen Bedingung und Korrelat dieser versöhnenden und verbindenden; sondern in einzelnen historischen Verhältnissen übt das Geld zugleich die auflösende und die vereinigende Wirkung.

So z. B. im Familienleben, dessen organische Einheit und Enge einerseits durch die Folgen der Geldwirtschaft zerstört worden ist, während man andrerseits gerade unter Anerkennung hiervon hervorgehoben hat, dass die Familie fast nichts mehr sei, als eine Organisation der Erbfolge.

Wenn unter mehreren Interessen, die die Vereinigung eines Kreises ausmachen, das eine auf alle anderen zerstörend wirkt, so wird natürlich dieses selbst die anderen überleben und schließlich noch die einzige Verbindung zwischen den Elementen darstellen, deren sonstige Zusammenhänge es zernagt hat.

Nicht nur auf Grund seines immanenten Charakters, sondern gerade weil es auf so viele andere Verbindungsarten der Menschen destruktiv wirkt, sehen wir das Geld den Zusammenhang zwischen sonst ganz zusammenhangslosen Elementen herstellen.

Und es gibt heute vielleicht keine Assoziation von Menschen mehr, die nicht, als Ganzes, irgendein Geldinteresse einschlösse, und sei es nur die Saalmiete einer religiösen Korporation.

Durch den Charakter des Zweckverbandes aber, den das (> 376) Einungsleben deshalb mehr und mehr annimmt, wird es mehr und mehr entseelt; die ganze Herzlosigkeit des Geldes spiegelt sich so in der sozialen Kultur, die von ihm bestimmt wird.

Vielleicht, dass die Kraft des sozialistischen Ideals zum Teil einer Reaktion auf diese entstammt; denn indem es dem Geldwesen den Krieg erklärt, will es die Isolierung des Individuums seiner Gruppe gegenüber, wie sie in der Form des Zweckverbandes verkörpert ist, aufheben und appelliert zugleich an alle innigen und enthusiastischen Gefühle für die Gruppe, die sich in dem Einzelnen erwecken lassen.

Freilich ist der Sozialismus auf eine Rationalisierung des Lebens gerichtet, auf die Beherrschung seiner zufälligen und einzigartigen Elemente durch die Gesetzmäßigkeiten und Berechnungen des Verstandes; allein zugleich ist er den dumpfen kommunistischen Instinkten wahlverwandt, die als Erbschaft längst verschollener Zeiten noch in den abgelegeneren Winkeln der Seelen ruhen.

In dieser Zweiheit von Motivierungen, deren psychische Standorte einander polar entgegengesetzt sind, und die ihn einerseits als das äußerste Entwicklungsprodukt der rationalistischen Geldwirtschaft, andrerseits als die Verkörperung des undifferenziertesten Instinktes und Gefühlslebens zeigen, liegt wohl die Eigenart seiner Anziehungskraft: er ist Rationalismus und Reaktion auf den Rationalismus.

Der Sozialismus hat an der alten Gentilverfassung mit ihrer kommunistischen Gleichheit sein begeisterndes Ideal gefunden, während das Geldwesen das Individuum auf sich rückwärts konzentriert und ihm als Objekte der persönlichen und Gemütshingabe einerseits nur die allerengsten individuellen Beziehungen, wie Familie und Freundschaft, andrerseits nur den weitesten Kreis, etwa des Vaterlandes oder der Menschheit überhaupt, übrig gelassen hat - beides soziale Bildungen, die sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, der objektiven Vereinigung zu isolierten Zwecken völlig fremd gegenüberstellen.

Hier wird nun eine der umfassendsten und tiefgreifendsten soziologischen Normen wirksam.

Zu den wenigen Regeln nämlich, die man mit annähernder Allgemeinheit für die Form der sozialen Entwicklung aufstellen kann, gehört wohl diese: dass die Erweiterung einer Gruppe Hand in Hand geht mit der Individualisierung und Verselbständigung ihrer einzelnen Mitglieder.

Die Evolution der Gesellschaften pflegt mit einer relativ kleinen Gruppe zu beginnen, welche ihre Elemente in strenger Bindung und Gleichartigkeit hält, und zu einer relativ großen vorzuschreiten, die ihren Elementen Freiheit, Fürsichsein, gegenseitige Differenzierung gewährt.

Die Geschichte der Familienformen wie die der Religionsgemeinden, die Entwicklung der Wirtschaftsgenossenschaften wie die der politischen Parteien zeigt allenthalben diesen Typus.

Die Bedeutung des (> 377) Geldes für die Entwicklung der Individualität steht deshalb in engstem Zusammenhange mit der, die es für die Vergrößerung der sozialen Gruppen besitzt.

Für diese letztere bedarf es hier keines ausführlichen Beweises mehr: die Wechselwirkung zwischen der Geldwirtschaft und der Größe des Wirtschaftskreises habe ich früher aufgezeigt.

Je mehr Menschen miteinander in Beziehung treten, desto abstrakter und allgemeingültiger muss ihr Tauschmittel sein; und umgekehrt, ist erst einmal ein solches geschaffen, so gestattet es eine Verständigung auf sonst unzugängliche Entfernungen hin, eine Einbeziehung der allermannigfaltigsten Persönlichkeiten in die gleiche Aktion, eine Wechselwirkung und damit Vereinheitlichung von Menschen, die wegen ihres räumlichen, sozialen, personalen und sonstigen Interessenabstandes in gar keine andere Gruppierung zu bringen wären.

In wie enger Korrelation Geldwirtschaft, Individualisierung und Vergrößerung des sozialen Kreises stehen, offenbart zunächst der Charakter des Handelsgewerbes, das einerseits mit dem Vordringen der Geldwirtschaft, andrerseits mit der Erweiterung der Beziehungen, dem Hinausgreifen über die enge, sich selbst genügende Gruppe der Primitivzeit in offensichtlichem Zusammenhang steht.

Und nun hat der Handel dadurch individuellen Charakter, dass er - von seinen höchsten Stufen abgesehen - keine so komplizierte Technik wie das Handwerk und keine so traditionell festgelegte wie der Landbau besitzt.

Der Handeltreibende ist deshalb nicht in dem Maße, wie es in den anderen Erwerbstypen gilt, auf Unterweisung - die immer engeren Zusammenhang mit der unmittelbaren Umgebung involviert -, auf personale und objektive Tradition - die die individuelle Sonderart nivelliert -, auf Erblichkeit - die das frühere Handwerk und noch jetzt der Landbesitz voraussetzt - angewiesen.

Aus Indien wird berichtet, dass die Erblichkeit der Berufe in dem Handelsgewerbe nicht so entschieden sei, wie in den industriellen.

Es ist die Technik des Handels, die es dem wandernden, die Gruppengrenzen durchbrechenden Kaufmann, dem Pionier der Geldwirtschaft, erleichtert, sich jenen Vergleichmäßigungen und Verschmelzungen der anderen Berufe zu entziehen und sich auf sein individuelles Können und Wagen zu stellen.

Ich zeige die gleiche Korrelation an einem etwas abseits liegenden Fall.

Ob der Sieger eines Wettbewerbes durch einen Ehrenpreis oder einen Geldpreis ausgezeichnet wird, ist innerlich ein großer Unterschied.

Mit dem Geldpreis ist er abgefunden, er hat seinen Lohn dahin; der Ehrenpreis wirkt weiter, er gibt der ganzen Persönlichkeit ein Relief (das natürlich unter gewissen Umständen, aber nicht dem Grundgedanken nach, auch zu (> 378) dem Geldpreise noch hinzutreten kann): der Geldpreis bezieht sich auf die Leistung, der Ehrenpreis auf den Leistenden.

Nun aber ist eine Ehrung in dem letzteren Sinne meistens nur innerhalb eines relativ kleinen Kreises möglich.

Schon diejenige Ehre, die keine Auszeichnung des Individuums bedeutet, entsteht nur innerhalb einer kleineren Gruppe, welche durch die bestimmt umschriebene Ehrenhaftigkeit ihrer Mitglieder sich gegen ihre Umgebung geschlossen, kräftig, unangreifbar erhält: so die Offiziersehre, die Kaufmannsehre, die Familienehre, ja sogar die oft hervorgehobene Spitzbubenehre.

Jede Ehre ist ursprünglich Standes- oder Klassenehre, und die allgemein menschliche oder ganz individuelle Ehre enthält nur diejenigen Anforderungen an den Einzelnen, in denen alle kleineren Gruppen innerhalb einer größeren übereinstimmen.

Die Ehre nun, welche ihren Träger nicht Anderen einordnen, sondern unter ihnen hervorheben soll, bedarf nicht weniger einer gewissen Enge und Solidarität des Kreises; der Name des olympischen Siegers hallte durch das ganze, kleine und in diesem Interesse eng zusammengehörige Griechenland.

Der Geldpreis trägt den egoistischen Charakter, den sehr große Kreise ihren Individuen nahe legen; den unegoistischen, der der Solidarität des kleineren entspricht, symbolisiert es aufs schönste, dass der goldene Kranz, den der athenische Rat der Fünfhundert für gute Amtsführung erhielt, alsdann in einem Tempel aufbewahrt wurde.

Innerhalb kleinerer und geschlossener Interessenkreise, z. B. bei einigen Sportangelegenheiten, Industriefächern usw. ist noch jetzt der Ehrenpreis völlig gerechtfertigt.

In dem Maße aber, in dem die Einschränkung und Homogenität des Kreises einer Weite und gegenseitigen Fremdheit seiner Elemente Platz macht, muss an die Stelle des Ehrenpreises, der auf die Mitwirkung der gesamten Gruppe rechnet, der Geldpreis treten, der die abschließende, über sich nicht hinausweisende Anerkennung der Leistung darstellt.

Die Vergrößerung des sozialen Kreises fordert so den Übergang zum geldmäßigen Ausdruck des Verdienstes, weil sie unweigerlich die Atomisierung eben dieses Kreises bedeutet; die Unmöglichkeit, die gleiche Stimmung in derselben Weise, wie es bei einem kleinen Kreise möglich ist, durch einen großen fortzupflanzen, macht die Belohnung durch ein Mittel notwendig, bei dem der zu Belohnende nicht mehr auf eine Übereinstimmung und Bereitwilligkeit der ganzen Gruppe angewiesen ist.

Man kann in diesem Zusammenhang betonen, dass die Beziehung des Geldes zur Ausdehnung der sozialen Gruppe eine ebenso enge ist, wie nach unseren früheren Ausmachungen zur Objektivierung der Lebensinhalte.

Dieser Parallelismus ist kein zufälliger.

Was wir die (> 379) objektive Bedeutung der Dinge nennen, das ist in praktischer Hinsicht ihre Gültigkeit für einen größeren Kreis von Subjekten; in dem sie aus ihrer ersten Bindung an das Einzelsubjekt oder einen kleinen Kreis, aus der Zufälligkeit subjektiver Deutung herauswachsen, wird die Vorstellung oder Gestaltung ihrer eine für immer weitere Kreise gültige und bedeutsame (auch wenn die Hindernisse der Lage es zu dieser Anerkennung durch die Gesamtheit in Wirklichkeit nicht kommen lassen), und eben damit erreichen sie, was wir ihre objektive Wahrheit oder ihre sachlich angemessene Gestaltung nennen - so sehr die ideelle Gültigkeit, auf die die letzteren Begriffe hindeuten, in ihrem Fürsichsein alle Beziehung auf Anerkannt- oder Nicht-Anerkanntwerden ablehnen mag.

Die Bedeutung des Geldes nach beiden Seiten hin bestätigt die Enge dieser Korrelation, die sich auf vielerlei speziellen Gebieten geltend macht.

Das Handelsrecht des deutschen Mittelalters war ursprünglich nur das Genossenschaftsrecht der einzelnen Kaufmannskollegien gewesen.

Es bildete sich zu einem gemeinen Rechte unter der universalistischen Vorstellung, dass der gesamte Kaufmannsstand des Reiches, ja, der Welt eigentlich eine große Gilde bilde.

Und damit entwickelte sich das gemeine Recht des Handelsstandes zu einem gemeinen Recht der Handelsgeschäfte. Hier tritt sehr klar hervor, wie das Recht, indem es von einem engeren zu einem absolut weiten Kreise vorschreitet, sich überhaupt von der Beziehung auf bloße Personen löst und zu einem Rechte der objektiven Transaktionen wird.

Und eben dieselbe Entwicklung war es, die von einer immer gründlicheren Durchführung des Geldverkehres ebenso getragen wurde, wie sie andrerseits diese trug.

Schon die technische Schwierigkeit, die Werte der Naturalwirtschaft auf weithin zu transportieren, muss diese auf relative Kleinheit der einzelnen Wirtschaftskreise beschränken, während das Geld gerade durch seine absolute Beweglichkeit das Band bildet, das die größte Ausdehnung des Kreises mit der Verselbständigung der Persönlichkeiten verbindet.

Der vermittelnde Begriff für diese Korrelation zwischen dem Geld einerseits und der Vergrößerung des Kreises wie der Differenzierung der Individuen andrerseits ist oft das Privateigentum überhaupt.

Der kleine und naturalwirtschaftliche Kreis neigt zu Gemeineigentum.

jede Vergrößerung desselben drängt auf Aussonderung der Anteile; bei sehr gewachsener Zahl von Genossen wird die Verwaltungstechnik des Gemeinbesitzes so kompliziert und konfliktsreich, die Entstehungswahrscheinlichkeit unverträglicher oder über die kommunistische Enge hinausdrängender Individuen wächst so sehr, die dem Gemeinbesitz widerstrebende Arbeitsteilung (> 380) und Intensität der Ausnutzung wird zu einer solchen Notwendigkeit, dass man den Privatbesitz als eine direkte Folge der quantitativen Mehrung der Gruppe bezeichnen kann.

Eine irländische Handschrift des 12. Jahrhunderts berichtet, dass die Aufteilungen des Bodens wegen der zu groß gewordenen Zahl der Familien stattfanden; und in Russland, wo sich der Übergang vom Gesamt- zum Sondereigentum noch beobachtbar vollzieht, ist es ganz deutlich, dass die bloße Vermehrung der Bevölkerung ihn trägt oder beschleunigt.

Das Geld aber ist ersichtlich das geeignetste Substrat der privaten und persönlichen Besitzform.

Die gesonderte Verteilung, die Fixierung der Vermögensrechte, die Realisierung der einzelnen Ansprüche ist erst durch das Geld ohne weiteres möglich geworden.

Das primäre und reinste Schema der Quantitätserweiterung des wirtschaftlichen Lebenskreises ist der Tausch überhaupt; mit ihm greift das Individuum ganz prinzipiell - viel mehr als mit Raub und Geschenk - über seine solipsistische Peripherie hinaus.

Tausch aber ist, seiner Idee nach, erst bei Privateigentum möglich; aller Kollektivbesitz enthält eine Tendenz zur »Toten Hand«, während die spezifischen .Wünsche des Einzelnen und seine Ergänzungsbedürftigkeit ihm den Tausch nötig machen.

Der Besitz muss sich erst auf das Individuum konzentriert haben, um von da aus wieder sich durch den Tausch zu verbreiten.

Das Geld, als der absolute Träger und Verkörperung des Tausches, wurde durch diese Vermittlung des Privateigentums, mit seiner Angewiesenheit auf den Austausch, zum Vehikel jener Erweiterung der Wirtschaft, jenes Hineinbeziehens unbegrenzt vieler Kontrahenten durch das Hin und Her des Tausches.

Darum wehrt sich aber das Geld auch - und dies ist die Kehrseite eben derselben Tatsache - gegen gewisse kollektivistische Verfügungen, die sich innerhalb der Naturalwirtschaft von selbst ergeben.

Im Mittelalter galt die Theorie, dass eine Geldleistung nur von demjenigen zu fordern wäre, der sie persönlich versprochen hätte; die Mitglieder der Stände, die in der bewilligenden Versammlung nicht gegenwärtig waren, versagten deshalb oft die Leistung.

Anfangs des 13. Jahrhunderts steht es in England noch nicht formell fest, dass der Beschluss des Supreme Council der Ständevertretung alle Untertanen in Sachen der Besteuerung auch gegen den Willen des Einzelnen binden solle.

Und als in Deutschland am Ende des Mittelalters die Landstände vielfach dem Landesherrn gegenüber eine als Einheit wirkende Körperschaft bildeten und ihre Aktionen nicht die summierten Aktionen von Einzelnen, sondern solche der Gesamtheit der Stände waren, da erhielt sich doch die erstere Vorstellung noch am längsten bei der Steuerbewilligung; hier schien am längsten die (> 381) Gesamtheit nur die Summe der Einzelnen zu vertreten, so dass jeder Einzelne sich dem gemeinsamen Beschluss entziehen konnte.

Das gleiche Motiv macht sich unter sehr veränderten Umständen geltend, indem bei zunehmender Zentralisation der Staatsverwaltung dennoch den lokalen Verbänden eine relative Freiheit der Finanzgebarung gelassen wird.

Die deutsche Gesetzgebung der letzten Jahrzehnte z. B. scheint dahin zu neigen, die sozialen, politischen, ethischen Aufgaben der Kommunen als solcher einzuengen und sie zu lokalen Organen des Regierungswillens herabzudrücken; wogegen man ihnen innerhalb der Vermögensverwaltung erhebliche Autonomie einräumt.

Es ist in demselben Sinn, wenn man es als den Hauptnachteil der Geldstrafe hervorgehoben hat, dass das Geld im Besitze des Staates lange nicht so wirtschaftlich fruchtbar zu machen ist, wie es in den Händen des Individuums wäre.

Deshalb ist es schon eine technische Zweckmäßigkeit in bezug auf die Geldgebarung, demjenigen eine gewisse Freiheit zu lassen, den man in allen übrigen Beziehungen beschränkt - eine etwas verkleidete praktische Folge und Wendung der Schwierigkeit, der die kollektivistische Verfügung über Geld begegnet.

Eine solche Schwierigkeit besteht nämlich trotz der Eignung des Geldes, das zusammenhaltende Interesse für Vereinigungen sonst unvereinbarer Individuen abzugeben.

Beides geht schließlich auf eine und dieselbe Wirkung seiner zurück: Sonderung und gegenseitige Unabhängigkeit den Elementen zu gewähren, die vorher in ursprünglicher Lebenseinheit bestanden haben.

Diese Zersetzung trifft einerseits die Einzelpersönlichkeiten und ermöglicht dadurch, dass sich ihre gleichartigen Interessen, wie unabhängig von dem Divergenten und Unversöhnlichen an ihnen, zu einem Kollektivgebilde zusammentun.

Sie trifft aber auch andrerseits die Gemeinschaften und erschwert den nun scharf differenzierten Individuen die innere und äußere Vergemeinsamung.

Das Schema dieses Widerspruchs, weit über diesen Fall hinausgreifend, durchzieht das ganze gesellschaftliche Leben.

Es stammt daher, dass das Individuum einerseits ein bloßes Element und Glied der sozialen Einheit ist, andrerseits aber doch selbst ein Ganzes, dessen Elemente eine relativ geschlossene Einheit bilden.

Die Rolle, die ihm als bloßem Organ zukommt, wird deshalb häufig mit derjenigen kollidieren, die es als ganzer und eigener Organismus spielen kann oder will.

Derselbe Einfluss, der das aus Individuen zusammengegliederte soziale Ganze trifft und außerdem das Individuum als ein Ganzes selbst, löst an beiden formal gleiche Wirkungen aus, die eben deshalb, da das Individuum jene zwei völlig heterogenen Bedeutungen repräsentiert, oft genug in inhaltliche Gegensätze auslaufen (> 382).

Darum ist es zwar ein praktischer, aber durchaus kein logischer, theoretisch unauflösbarer Widerspruch, dass das Geld, an der Gesellschaft ebenso wie an den Einzelnen auf Differenzierung der Elemente wirkend, in der einen Hinsicht Erschwerung, in der anderen Erleichterung ebendesselben Geschehens mit sich bringt. Die angedeutete Erschwerung der kollektivistischen Verfügung über Geld hängt nun, ganz im allgemeinen, so zusammen.

Jeder andere Besitz weist, wie oben betont wurde, durch seine technischen Bedingungen auf eine gewisse Art seiner Verwendung hin, die Freiheit der Disposition über ihn hat vermöge dieser eine sachliche Schranke.

Wogegen der Verwendung des Geldes eine solche völlig fehlt, also die gemeinsame Disposition Mehrerer darüber den dissentierenden Tendenzen einen weitesten Spielraum gibt.

Damit aber setzt sich die Geldwirtschaft in entschiedenen Gegensatz gegen die Lebensbedingungen der kleinen Wirtschaftskreise, die so vielfach gerade auf gemeinsame Verfügungen, einheitliche Maßregeln angewiesen sind.

Man kann, freilich mit sehr starker Verkürzung, sagen, dass der kleine Kreis sich durch Gleichheit und Einheitlichkeit, der große durch Individualisierung und Arbeitsteilung erhält.

Indem das Geld als ein abstraktes Gebilde sich aus den wirtschaftlichen Wechselwirkungen eines relativ großen Kreises herstellt, indem es andrerseits durch seinen bloßen Quantitätscharakter den genauesten mechanischen Ausdruck jedes Sonderanspruchs, jedes Wertes individueller Leistung, jeder personalen Tendenz gestattet, vollendet es im Wirtschaftlichen erst jene allgemeine soziologische Korrelation zwischen der Ausdehnung der Gruppe und der Ausbildung der Individualität.

Die Beziehung des Geldes zum Privateigentum und damit zur freien Ausbildung der Persönlichkeit heftet sich, wie gesagt, vor allem an seine Beweglichkeit und wird deshalb an seinem Gegensatz, dem Besitz des Bodens, besonders durchsichtig.

Das Grundeigentum strebt in zwei Richtungen über die Bindung an das Individuum hinaus: gleichsam nach der Breitendimension, indem es sich mehr als alles andere zum Kollektivvermögen einer Gruppe eignet, nach der Tiefendimension, indem es das vorzüglichste Objekt der Vererbung ist.

Wenn das Gesamteigen der primitiven Gruppe aus Grundstücken besteht, so führt die Entwicklung wiederum in zwei hauptsächlichen Richtungen darüber hinaus.

Zunächst dadurch, dass die Nahrung aus einem Besitz beweglicheren Charakters gewonnen wird; sobald dies geschieht, ist auch sogleich das Sondereigen da.

Bei Nomadenvölkern finden wir durchgehends, dass das Land zwar Gemeingut der Sippe ist und den einzelnen Familien nur zur Benutzung angewiesen wird; allein das Vieh ist überall Privateigentum dieser einzelnen (> 383) Familien.

Die nomadische Sippe ist, so viel wir wissen, in bezug auf den Herdenbesitz niemals kommunistisch gewesen.

Tatsächlich sind auch sonst in vielen Gesellschaften die Mobilien schon Sondereigentum gewesen, als der Boden noch lange Gemeinbesitz war.

Andrerseits knüpft sich die Entstehung des Privateigens an diejenigen Tätigkeiten, welche nicht des Grundes und Bodens als Materiales bedürfen.

In dem Rechte der indischen Geschlechtsgenossenschaft entsteht der Gedanke, dass dasjenige, was nicht vermittels des Familienvermögens - das eben vorzüglich aus Grundstücken gebildet ist - erworben wird, auch nicht in dieses zu fließen habe.

Der Erwerb einer persönlichen Geschicklichkeit also, wie das Erlernen eines Handwerks, wird als das hauptsächlichste Mittel zum Gewinn eines Sondergutes und zur Selbständigkeit der Persönlichkeit genannt.

Der Handwerker, der seine Geschicklichkeit überallhin mit sich nimmt, hat eben in ihr jenes bewegliche Gut, das, gerade wie in anderer Weise der Viehbesitz, den Einzelnen von dem Bodenbesitz mit seinem Kollektivcharakter loslöste.

Endlich: die Überführung der gemeinschaftlichen Lebensform in eine individualistische ist ein zweckmäßiges Mittel, um bei sich auflösender Naturalwirtschaft die bisher auf sie gegründete Genossenschaft so weit wie möglich zu konservieren.

Bis zum 13. Jahrhundert bestand das Vermögen der kirchlichen Genossenschaften wesentlich in Grundbesitz, und ihre Geschäftsführung beruhte auf dem Prinzip der Gemeinwirtschaft.

Das Sinken der naturalwirtschaftlichen Erträge schuf ihr seitdem große Not; aber eben die zur Herrschaft gelangende Geldwirtschaft, die dies verschuldete, bot zugleich ein gewisses Heilmittel.

Man zerschlug nämlich die Einnahmen der Stifter und sogar der Klöster mehr oder weniger weitgehend in einzelne Gehälter, Pfründen, und konnte nun mehrere derselben, aus ganz getrennten Orten, vermöge der Geldform des Ertrages einer einzigen Person zusprechen.

Dadurch war es möglich, bei sinkenden Gesamteinnahmen doch wenigstens das Einkommen der führenden und repräsentierenden Persönlichkeiten der Genossenschaften auf gleicher Höhe zu halten - so sehr dies auf Kosten der niederen Kleriker geschah, die nun ihrerseits als Mietlinge den Dienst an der Gemeinde versahen.

Dieser Vorgang zeigt sehr deutlich, wie die zurücktretende Bedeutung des Bodens selbst so eng auf Zusammenschluss und Einheit angelegte Gruppen, wie die kirchlichen, aus der kollektivistischen Lebensform in die individualistische hineintreibt, und wie die eindringende Geldwirtschaft ebenso wohl Ursache als - durch die Zerlegung und Mobilisierung der Grundstücke - das Mittel dieses Prozesses bildet.

Dass heute gerade der Bauer als der entschiedenste Gegner sozialistischer (> 384) Bestrebungen gilt, hat wohl zunächst den Grund, dass er, in zweckmäßiger Anpassung an die Technik seines Betriebes, äußerst konservativ ist: da nun einmal individuelles Eigentum besteht, so hält er an demselben ebenso fest, wie er vor Jahrhunderten an der gemeinen Mark, ja noch vor viel kürzerer Zeit wenigstens an der Gemengelage festgehalten hat.

Auch hat der moderne Sozialismus ein Hauptmotiv, das jener alten Kollektivität des Grundbesitzes als etwas völlig Heterogenes gegenübersteht und ihn der innersten Lebensrichtung des Landwirts völlig entfremdet: die restlose Beherrschung der Produktion durch den Verstand, den Willen, die organisierende Berechnung des Menschen.

Die Verfassung der Fabrik und die Konstruktion der Maschine stellt dem Industriearbeiter täglich vor Augen, dass zweckmäßige Bewegungen und Wirkungen mit absoluter Zuverlässigkeit zustande gebracht, persönliche und aus dem Innern der Dinge hervorbrechende Störungen völlig vermieden werden können.

Diese Erreichung der Zwecke vermöge eines durchsichtigen und dirigierbaren Mechanismus arbeitet einem sozialen Ideal vor, das die Gesamtheit mit dem souveränen Rationalismus der Maschine, unter Ausschaltung aller privaten Impulse, organisieren will.

Dagegen sind die Arbeit des Bauern und ihre Erfolge von ebenso unbeeinflussbaren wie unberechenbaren Kräften abhängig, seine Gedanken gehen auf die Gunst eines nicht zu rationalisierenden Faktors und auf das jeweilige Ausnutzen irregulärer Bedingungen.

So bilden sich seine Ideale dem sozialistischen entgegengesetzt, das nicht die Gunst, sondern das Ausschalten aller Zufälligkeit und eine Organisation der Lebenselemente anstrebt, die, was bei den bäuerlichen Interessen gar nicht in Frage kommt, jedes derselben berechenbar macht.

Jene absolute Beherrschung der Gesamtproduktion durch Verstand und Willen ist technisch freilich nur bei absoluter Zentralisierung der Produktionsmittel - in der Hand der »Gesellschaft« - möglich, aber es liegt auf der Hand, wie weit die alte naturalwirtschaftliche Kollektivität in ihrem Kern und Sinn von dieser sozialistischen absteht, deren Idee sich deshalb auch gerade über der geldwirtschaftlichsten und mobilisiertesten Eigentumsgestaltung erheben konnte - so sehr, wie ich oben erwähnte, jener primitive Kommunismus als Instinkt und nebelhaftes Ideal zu den Triebkräften des Sozialismus beisteuern mag.

Historisch besteht jedenfalls die Korrelation zwischen Naturalwirtschaft und Kollektivität, der auf der anderen Seite die zwischen Mobilisierung des Besitzes und Individualisierung desselben entspricht.

Deshalb trägt, in enger Beziehung zu seinem Charakter als Kollektivgut, der Boden auch einen besonderen Charakter als Erbgut (> 385).

Wenn wir die Familienverfassungen in ihren wirtschaftlichen Gestaltungen verfolgen, so sehen wir oft, dass der Unterschied des Erbgutes gegen das selbsterworbene Gut sich mit dem des unbeweglichen gegen das bewegliche Vermögen deckt.

In den nordwestlichen Distrikten von Indien ist es ein und dasselbe Wort (jalm), das einerseits das Recht der Erstgeburt, andrerseits, im engeren Sinne, das Eigentum an Grund und Boden bedeutet.

Umgekehrt kann das mobile Gut einen so engen Zusammenhang mit der Persönlichkeit haben, dass bei ganz primitiven und oft gerade ganz armen Völkern die Erbschaften an solchen Dingen überhaupt nicht angetreten, sondern, wie aus den verschiedensten Weltgegenden mitgeteilt wird, die Gebrauchsgegenstände des Toten vernichtet werden.

Gewiss sind hierzu mystische Vorstellungen wirksam: als ob der Geist des Verstorbenen durch diese Gegenstände angelockt und rückkehrend allerlei Schaden anrichten würde.

Allein das beweist ja gerade die enge Verbindung, die zwischen jenen und der Persönlichkeit besteht, so dass der Aberglaube durch sie seinen speziellen Inhalt erhält!

Von den Nikobaren wird berichtet, dass es dort als Unrecht gilt, einen Verwandten zu beerben, und deshalb seine Hinterlassenschaft zerstört wird - ausgenommen Bäume und Häuser.

Diese tragen den Charakter des immobilen Besitzes, so dass ihre Verbindung mit dem Individuum eine lockere ist und sie zum Übergang auf Andere geeigneter sind.

Wir empfinden den Dingen gegenüber das doppelte Verhältnis: der Mensch bleibt und die Dinge wechseln - und: die Dinge bleiben und die Menschen wechseln.

Wo nun das erstere überwiegt, im Mobiliarbesitz, fällt unvermeidlich der Bedeutsamkeitston auf den Menschen, die Vorstellung neigt dazu, das Individuum als das Wesentliche zu betonen.

Wo umgekehrt die Objekte dem Menschen gegenüber beharren und überleben, tritt das Individuum zurück; der Grund und Boden erscheint als der Fels, an dem das Leben des Einzelnen wie die Welle aufrauscht und abfließt.

Damit schafft der Immobiliarbesitz begreiflich die Disposition zu dem Zurücktreten des Einzelnen, das hier dessen Verhältnis zu der Kollektivität als eine Analogie seines Verhältnisses zu den Dingen erscheinen lässt.

Daher nun auch die enge Beziehung, die der Grundbesitz gerade zu der auf das Prinzip der Erblichkeit gegründeten Aristokratie hat.

Ich erinnere an das früher Erwähnte, wie sehr das aristokratische Prinzip der Familienkontinuität im alten Griechenland in religiös gefesteter Wechselwirkung mit der zentralen Stellung des Grundbesitzes stand: die Veräußerung des Grundbesitzes war nicht nur eine Pflichtverletzung gegen die Kinder, sondern, in noch betonterem Maße, den Ahnen gegenüber!

Man hat ferner hervorgehoben, dass, (> 386) wo die königlichen Lehen rein naturalwirtschaftlicher Art waren, wie im frühen mittelalterlichen Deutschland - während in Ländern, die der Geldwirtschaft etwas näher standen, Lehensverhältnisse leicht auf andere als dingliche Benefizien gegründet werden konnten - sie auf aristokratischen Charakter der ganzen Institution hinwirkten.

Das Erbprinzip aber steht im großen und ganzen im Gegensatz zum Individualprinzip.

Es bindet den Einzelnen in die Reihe der nacheinander lebenden Personen, wie das Kollektivprinzip ihn in die der nebeneinander lebenden bindet; so garantiert auch im Biologischen die Vererbung die Gleichheit der Generationen.

An der Schranke des Vererbungsprinzips macht die wirtschaftliche Individualisierung Halt.

Im 13. Und 14. Jahrhundert hatte sich zwar die deutsche Einzelfamilie wirtschaftlich vom »Geschlecht« emanzipiert und trat als selbständiges Vermögenssubjekt auf.

Aber damit war auch die Differenzierung beendet.

Weder der Hausvater, noch Frau oder Kinder hatten scharf bestimmte individuelle Rechte an das Vermögen; es verblieb als Stock der Familiengenerationen.

Die einzelnen Familienglieder waren nach dieser Richtung hin noch nicht individualisiert.

Die Herausbildung der wirtschaftlichen Individualität beginnt hier also an dem Punkte, wo der Erbgang endet: an der Einzelfamilie, und hört dort wieder auf, wo er noch herrscht: innerhalb der Einzelfamilie; erst wo, wie in der Neuzeit, die Vererbung wesentlich bewegliches Vermögen betrifft, wird dieser Inhalt ihrer mit seinen individualistischen Konsequenzen freilich Herr über ihr formal anti-individualistisches Wesen.

Ja selbst die Forderungen der Praxis können dieses oft nicht überwinden, wo es an dem Charakter des Grundbesitzes seine Stütze findet.

Es könnte nämlich mancher Schattenseite unseres bäuerlichen Erbrechts in einzelnen Fällen abgeholfen werden, wenn die Bauern testierten.

Allein das tun sie sehr selten.

Das Testament ist zu individuell gegenüber der Intestaterbfolge.

Die Verfügung über den Besitz nach ganz persönlichem, von der Üblichkeit und Allgemeinheit abweichendem Belieben ist ein zu starker Anspruch an die Differenziertheit des Bauern.

So dokumentiert sich überall die Immobilität des Besitzes, mag sie mit seiner Kollektivität oder seiner Erblichkeit verbunden sein, als das Hemmnis, dessen Zurückweichen einen proportionalen Fortschritt der Differenzierung und persönlichen Freiheit gestattet.

Insofern das Geld das beweglichste unter allen Gütern ist, muss es den Gipfel dieser Tendenz darstellen und ist nun auch tatsächlich derjenige Besitz, der die Lösung des Individuums von den vereinheitlichenden Bindungen, wie sie von anderen Besitzobjekten ausstrahlen, am entschiedensten bewirkt. (> 387)


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