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Georg Simmel: Philosophie des Geldes

Inhalt

1. Kapitel (Analytischer Teil): Wert und Geld.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

2. Kapitel (Analytischer Teil): Der Substanzwert des Geldes.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

3. Kapitel (Analytischer Teil): Das Geld in den Zweckreihen.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

4. Kapitel (Synthetischer Teil): Die individuelle Freiheit.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

5. Kapitel (Synthetischer Teil): Das Geldäquivalent personaler Werte.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

6. Kapitel (Synthetischer Teil): Der Stil des Lebens.

[Teil I] [Teil II] [Teil III]

5. Kapitel (Synthetischer Teil): Das Geldäquivalent personaler Werte.

Teil I

Das Wergeld.

Der Übergang von der utilitarischen zu der objektiven und der absoluten Wertung des Menschen.

Die Geldstrafe und die Kulturstufen.

Das Vorschreiten der Differenzierung des Menschen und der Indifferenz des Geldes als Ursache ihrer wachsenden Inadäquatheit.

Die Kaufehe und der Wert der Frau.

Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechter und die Mitgift.

Die typische Beziehung zwischen Geld und Prostitution, ihre Entwicklung analog der Mordsühne.

Die Geldheirat.

Die Bestechung.

Das Vornehmheitsideal und das Geld.

Die Bedeutung des Geldes im System der Wertschätzungen ist an der Entwicklung der Geldstrafe messbar.

Zuerst tritt uns auf diesem Gebiet, als seine auffälligste Erscheinung, die Sühnung des Totschlags durch Geldzahlung entgegen - eine in primitiven Kulturen so häufige Tatsache, dass sich, wenigstens für ihre einfache und direkte Form, einzelne Beispiele erübrigen.

Weniger beachtet indes als ihre Häufigkeit ist die Intensität, mit der der Zusammenhang von Wert des Menschen und Geldwert oft die rechtlichen Vorstellungen beherrscht.

Im ältesten angelsächsischen England war auch für die Tötung des Königs ein Wergeld festgesetzt; ein Gesetz bestimmte es auf 2700 sh.

Nun war eine solche Summe für die damaligen Verhältnisse ganz imaginär und überhaupt nicht aufzutreiben.

Ihre reale Bedeutung war, dass, um sie einigermassen zu ersetzen, der Mörder und seine ganze Verwandtschaft in Sklaverei verkauft werden mussten, wenn nicht auch dann noch, wie ein Interpret jenes Gesetzes sagt, die Differenz so gross blieb, dass sie - als blosse Geldschuld - nur durch den Tod ausgeglichen werden konnte.

Erst auf dem Umwege über die Geldstrafe also hielt man sich an die Persönlichkeit, jene erscheint als der ideale Massstab, an dem man die Grösse des Verbrechens ausdrückt.

Wenn innerhalb desselben Kulturkreises zur Zeit der sieben Königreiche das typische Wergeld für den gewöhnlichen Freeman 200 sh. betrug und das für andere Stände, nach Bruchteilen oder Vielfachen dieser Norm gerechnet wurde, so offenbart dies nur in anderer Weise, eine wie rein quantitative Vorstellung vom Werte des Menschen das Geld ermöglicht hatte.

Von eben dieser aus begegnet noch zur Zeit der Magna Charta die Behauptung, Ritter, Baron und Graf verhielten sich zueinander wie Schilling, Mark und Pfund - da dies die Proportion ihrer Lehensgefälle sei; eine Vorstellung, die um so bezeichnender ist, als die Begründung tatsächlich ganz ungenau war; denn sie beweist die Tendenz, den Wert des Menschen auf einen geldmässigen Ausdruck (>388) zu bringen, als eine so kräftige, dass sie sich selbst um den Preis einer sachlichen Unangemessenheit verwirklicht.

Von ihr aus wird aber nicht nur das Geld zum Mass für den Menschen, sondern auch der Mensch zum Mass für das Geld.

Die Summe, die für die Tötung eines Menschen gezahlt werden muss, begegnet uns hier und da als monetarische Einheit.

Nach Grimm bedeutet das Perfektum skillan soviel wie: ich habe getötet oder verwundet; daher dann: ich bin busspflichtig geworden.

Nun war tatsächlich der Solidus der einfache Strafsatz, nach dem in den Volksrechten die Bussen berechnet wurden.

Man hat deshalb in der Konsequenz jener Bedeutung von skillan angenommen, dass das Wort »Schilling« die Bedeutung von »Strafsimplum« hätte.

Der Wert des Menschen erscheint hier also als Einteilungsgrund des Geldsystems, als Bestimmungsgrund des Geldwertes.

Eben dies Motiv klingt an, wenn der Normalsatz des Wergeldes bei den Beduinen, das Mahomed in den Islam aufnahm, hundert Kamele, zugleich als typisches Lösegeld für den Gefangenen und als Brautgeld auftritt.

Dieselbe Bedeutung des Geldes tritt auch da hervor, wo die Geldstrafe nicht nur für Mord, sondern für Vergehen überhaupt in Frage kommt. Im merovingischen Zeitalter wurde der Solidus nicht mehr wie bisher zu 40, sondern nur zu 12 Denaren gerechnet.

Und zwar wird als Grund dafür vermutet: es sollten damals die nach Solidi bestimmten Geldstrafen herabgesetzt werden, und hierzu sei angeordnet, es sollen überall, wo ein Solidus bestimmt sei, nicht mehr 40, sondern nur 12 Denare bezahlt werden.

Es habe sich daraus der Strafsolidus zu 12 Denaren gebildet, der schliesslich der allgemein herrschende geworden sei.

Und von den Palauinseln wird berichtet, dass dort jede Art von Bezahlung schlechthin Strafgeld heisst.

Es gibt hier also nicht mehr die Bestimmtheit der Münze die Skala an, an der die relative Schwere des Vergehens sich misst; sondern umgekehrt, die Taxierung des Vergehens schafft einen Massstab für die Festsetzung der Geldwerte.

Dieser Vorstellungsweise - soweit sie sich auf die Mordsühne bezieht - liegt ein Gefühl von prinzipieller Erheblichkeit zum Grunde.

Da das ganze Wesen des Geldes auf der Quantität beruht, Geld an und für sich ohne Bestimmtheit seines Wieviel ein völlig leerer Begriff ist, so ist es von grösster Bedeutung und ganz unerlässlich, dass jedes Geldsystem eine Einheit besitzt, als deren Vielfaches oder deren Teil sich jeder einzelne Geldwert ergibt.

Diese ursprüngliche Bestimmtheit, ohne die es überhaupt zu keinem Geldwesen kommen konnte, und die sich dann technisch zum »Münzfuss« verfeinert, ist gleichsam die absolute Grundlage der quantitativen Relationen, in denen der Geldverkehr verläuft.

Nun wäre freilich, rein begrifflich (>389) angesehen, die Grösse dieser Einheit ganz gleichgültig, denn wie sie auch sei, durch Division oder Multiplikation lassen sich alle erforderlichen Grössen aus ihr herstellen; über ihre Festsetzung werden denn auch wirklich, namentlich in späterer Zeit, nur teils historisch-politische, teils münztechnische Gründe entscheiden.

Dennoch wird dasjenige Geldquantum, das einem als der Massstab aller anderen vor Augen steht, sobald von Geld geredet wird, und sozusagen der Repräsentant des Geldes überhaupt ist - das wird wenigstens ursprünglich auch zu irgendeinem zentralen Wertgefühl des Menschen in Beziehung stehen müssen, als Äquivalent für irgendein im Vordergrund des Bewusstseins stehendes Objekt oder Leistung kreiert werden.

Woraus sich übrigens die oft bemerkte Tatsache erklärt, dass in Ländern mit hoher Münzeinheit die Lebenshaltung teurer ist als in solchen mit minderer - also, ceteris paribus, in Dollarländern teurer als in Markländern, in Markländern teurer als in Frankländern.

Vielerlei Lebensbedürfnisse scheinen eben diese Einheit, bzw. bestimmte Vielfache derselben zu kosten, gleichviel welches deren absolute Grösse ist.

Die Münzeinheit innerhalb eines sozialen Kreises, so irrelevant sie vermöge ihrer beliebigen Teilung und Multiplizierung zu sein scheint, hat dennoch, sowohl als Folge wie als Ursache, sehr tiefe Beziehungen zu dem ökonomisch ausdeutbaren Typus der Lebenswerte überhaupt. Es war noch ein Erfolg dieses Zusammenhanges, dass die erste französische Konstitution von 1791 als Wertmesser den Tagelohn annahm.

Jeder vollberechtigte Bürger musste eine direkte Steuer von mindestens 3 Journées de travail zahlen, um Wähler zu sein, bedurfte es eines Einkommens von 150-200 Journées.

So ist die werttheoretische Meinung aufgetaucht, die Tagesexigenz, also dasjenige, was für den Menschen den unumgänglichsten Wert hat, sei der absolute Wertmesser, dem gegenüber die edlen Metalle und alles Geld überhaupt als Ware im Preise steigen oder fallen.

Und in derselben Richtung, als die Werteinheit ein zentrales und durch ein wesentliches menschliches Interesse umgrenztes Objekt zu setzen, liegt der Vorschlag eines »Arbeitsgeldes«, dessen Grundeinheit gleich dem Arbeitswerte einer Stunde oder eines Tages sei.

Demgegenüber möchte man es als einen nur quantitativen Unterschied bezeichnen, wenn das Äquivalent für den ganzen Menschen, das Wergeld, als das charakteristische Geldquantum überhaupt hervortritt.

Der Ursprung des Wergeldes ist offenbar rein utilitarisch, und wenn schon nicht rein privatrechtlich, so doch jenem Indifferenzzustand privaten und öffentlichen Rechtes zugehörig, mit dem allenthalben die soziale Entwicklung beginnt.

Der Stamm, die Gens, die (>390) Familie forderte einen Ersatz für den ökonomischen Verlust, den der Tod eines Mitgliedes für sie bedeutete, und liess sich damit für die impulsiv naheliegende Blutrache abfinden.

Diese Umwandlung fixiert sich schliesslich in Fällen, wo die Blutrache, die abgelöst werden soll, selbst unmöglich wäre: bei den Goajiro-Indianern muss jemand, der sich selbst zufällig verletzt, der eigenen Familie einen Ersatz leisten, weil er das Blut der Familie vergossen hat.

Sehr charakteristisch bezeichnet bei einigen Malaienvölkern das Wort für Blutgeld zugleich: aufstehen, sich aufrichten.

Es gilt also die Vorstellung, dass mit dem erlegten Blutgeld der Erschlagene für die Seinigen wieder aufersteht, dass die Lücke, die sein Tod gerissen hat, nun ausgefüllt ist.

Allein ganz abgesehen davon, dass neben der Zahlung an die Verwandten, wenigstens bei den Germanen, schon sehr früh auch eine besondere Busse für die Störung des Gemeinfriedens zu erlegen war; dass in einigen angelsächsischen Königreichen das der Familie zukommende Wergeld für den König noch einmal seitens des Volkes für das Leben seines Königs gefordert wird; dass das Wergeld in Indien überhaupt von der Familie auf die Brahmanen überging - abgesehen von solchen Weiterentwicklungen des Wergeldes, die es von seinem privatökonomischen Ursprung lösten, enthält doch schon dieser von vornherein ein objektiv-überindividuelles Element, indem seine Höhe durch Sitte oder Gesetz fixiert war, wenn auch für die verschiedenen Stände sehr verschieden hoch.

So war jedem Menschen sein Wert von der Geburt an bestimmt, ganz gleichgültig, welchen Wert er dann in Wirklichkeit für seine Angehörigen repräsentierte.

Damit wurde also nicht nur gleichsam der Mensch als Substanz im Unterschied von der Summe seiner konkreten Leistungen gewertet, sondern die Vorstellung eingeleitet, dass er an sich und nicht nur für andere so und so viel wert sei.

Eine bezeichnende Übergangserscheinung von der subjektiv-ökonomischen zu einer objektiven Wertung ist die folgende.

Im jüdischen Reiche etwa des dritten Jahrhunderts war der Normalpreis eines Sklaven 50, der einer Sklavin 30 Schekel (ca. 45 bzw. 27 Mark).

Als Schadenersatz für die Tötung eines Sklaven oder einer Sklavin musste man dennoch durchweg 30 Sela (ca. 73 Mark) geben, da man hierfür den pentateuchischen Ansatz von 30 Schekel festhielt und darin irrtümlich 30 Sela erblickte.

Man hielt sich also nicht an die ganz sicher feststellbare wirtschaftliche Grösse des zugefügten Schadens, sondern an eine aus ganz anderen als wirtschaftlichen Quellen stammende Bestimmung, die - sowohl durch ihre absolute Grösse wie durch den Mangel an Differenzierung - mit jener in einem auffallenden Gegensatz stand.

So war damit zwar noch nicht die Vorstellung begründet, (>391) dass dieser Sklave einen ganz bestimmten Wert, abgesehen von seiner Nützlichkeit für seinen Besitzer, hatte.

Allein der Unterschied zwischen seinem Preise, der diese Nützlichkeit ausdrückte, und dem Sühnegeld für seine Tötung - wenn auch durch ein theologisches Missverständnis hervorgerufen - wies doch darauf hin, dass eine ökonomische Wertbestimmtheit des Menschen aus einer objektiven Ordnung hervorgehen konnte, die seine Wertung aus der blossen privaten Nützlichkeit für den Berechtigten durchbrach.

Dieser Übergang wird in dem Masse erleichtert und bezeichnet, in dem das Wergeld eine rein staatliche Institution wird.

An vielen Stellen wurde das Gewicht des gerichtlichen Eides der Höhe des Wergeldes proportional eingeschätzt.

Und bezeichnenderweise kommt es vor, dass nur der Freie Wergeld hat, der Unfreie aber überhaupt nicht.

Im florentiner GeMet finden wir während des Mittelalters eine reiche Abstufung von Hörigen als coloni, sedentes, quilini, inquilini, adscripticii, censiti usw. - deren Bindungen wahrscheinlich im umgekehrten Verhältnis ihres Wergeldes zunahmen, so dass für die gänzlich Unfreien überhaupt kein Wergeld mehr bestand.

Noch im 13. Jahrhundert wurde dieses an sich damals längst veraltete und rein formell gewordene Kriterium z.B. vor Gericht festgestellt, um die Bedeutung der Zeugenaussagen danach zu rangieren.

Vom individualistischen Nützlichkeitsstandpunkte aus müsste umgekehrt das Wergeld um so entschiedener festgehalten werden, je mehr jemand das Eigentum eines Dritten ist.

Dass es anders geschah, und dass jene Ordnung als Symbol für das Gewicht der persönlichen Aussage funktionierte, das zeigt den Punkt an, auf dem das Wergeld zum Ausdruck des objektiven Persönlichkeitswertes geworden war.

In der Entwicklung, die so von einer bloss utilitarischen zu einer sachlichen Preisschätzung des Menschen aufstieg, macht sich ein sehr allgemeiner Modus des Denkens geltend.

Wenn alle Subjekte von einem Objekt einen und denselben Eindruck empfangen, so scheint das nicht anders erklärbar, als dass das Subjekt eben diese bestimmte Qualität, den Inhalt jenes Eindrucks, an sich besitze; ganz verschiedene Eindrücke mögen in ihrer Verschiedenheit aus den aufnehmenden Subjekten stammen, ihre Gleichheit aber kann, wenn man den unwahrscheinlichsten Zufall ausschliessen will, nur daher stammen, dass sich das so qualifizierte Objekt in den Geistern spiegelt - zugegeben selbst, dass dies nur ein symbolischer und tieferer Ergänzung bedürftiger Ausdruck ist.

Innerhalb der Wertsetzung wiederholt sich dieser Vorgang.

Wenn dasselbe Objekt in verschiedenen Fällen und von verschiedenen Personen verschieden gewertet wird, so wird die ganze Schätzung seiner als ein subjektiver Prozess erscheinen, (>392) der infolgedessen je nach den persönlichen Umständen und Dispositionen verschieden ausfallen muss.

Wird es indes von verschiedenen Personen immer genau gleich geschätzt, so scheint der Schluss unvermeidlich, dass es eben soviel wert ist.

Wenn also etwa die Angehörigen der Erschlagenen ganz verschiedene Wergelder für sie forderten, war es klar, dass sie damit ihren persönlichen Verlust deckten; sobald aber die Höhe des Wergeldes für den bestimmten Stand ein für allemal festgesetzt und dieses bei den verschiedensten Personen und in den verschiedensten Fällen immer gleich geleistet wurde, so musste sich daraufhin die Vorstellung ausbilden, der Mann sei eben an und für sich so und so viel wert.

Diese Gleichgültigkeit gegen personale Unterschiede lässt den Wert des Menschen überhaupt nicht mehr in demjenigen bestehen, was andere Subjekte an ihm besitzen und verlieren, sie lässt ihn gleichsam als einen objektiven, in Geld ausdrückbaren, auf ihn selbst zurückströmen.

Die im Interesse des sozialen Friedens und zur Vermeidung endloser Zwistigkeiten getroffene Fixierung des Wergeldes erscheint so als die psychologische Ursache, die die ursprünglich subjektiv-utilitarische Wertung des Menschenlebens in die objektive Vorstellung überführte, der Mensch habe eben diesen bestimmten Wert.

Dieser kulturhistorisch so eminent wichtige Gedanke, dass die Totalität eines Menschen mit Geld aufzuwiegen sei, findet sich tatsächlich nur in zwei oder drei Erscheinungen verwirklicht: eben im Blutgeld und in der Sklaverei, vielleicht auch in der Kaufehe, auf die ich nachher eingehe. Man könnte die ungeheure Differenz der Anschauungsweisen, die uns die Möglichkeit der Sklaverei und des Blutgeldes heute so fern rückt, nach rein ökonomischen Begriffen dennoch als eine bloss graduelle, quantitative bezeichnen.

Denn im Sklaven wird doch nur die Summe derjenigen Arbeitsleistungen mit Geld bezahlt, die wir in ihrer Vereinzelung auch heute nur mit Geld bezahlen.

Das Äquivalent für das ausgegebene Geld ist heute wie damals die Arbeit des Menschen; nur dass sie damals in Bausch und Bogen erworben wurde und jetzt von Fall zu Fall, und dass sie nicht dem Arbeitenden, sondern einem anderen bezahlt wurde - von den Fällen freiwilligen Sich-Verkaufens in die Sklaverei abgesehen.

Und in Hinsicht des Blutgeldes widerspricht es auch heute unseren Gefühlen nicht, dass eine Geldbusse auf geringere Verletzungen gesetzt wird, seien es solche körperlicher oder innerer Art, wie Ehrenkränkungen oder Bruch des Eheversprechens.

Noch neuerdings werden Delikte bis zu recht erheblicher Schwere in einigen Strafgesetzgebungen nur mit Geld gesühnt: so im Staate New York, in den Niederlanden, im modernen Japan.

Auf dem bloss ökonomischen (>393) Standpunkte verharrend, kann man die Tötung des Menschen als eine bloss graduelle Steigerung solcher partiellen Lahmlegungen und Herabsetzungen seiner Energien und Bewährungen ansehen, wie man ja auch physiologisch den Tod als eine Steigerung und Verbreiterung von Prozessen bezeichnet hat, die in niedrigem oder auf gewisse Körperprovinzen beschränktem Grade auch am »lebenden« Organismus stattfinden.

Allein diese ökonomische Betrachtungsart ist nicht die geltende.

Tatsächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung der Lebenswerte auf der Idee, dass der Mensch einen absoluten Wert besitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderen Kräfte und Äusserungen seines empirischen Wesens steht eben »der Mensch«, als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhaupt nicht mit irgendeinem quantitativen Massstab gewogen und deshalb auch nicht mit einem blossen Mehr oder Weniger eines anderen Wertes aufgewogen werden kann.

Das ist der Grundgedanke, der das ideelle Fundament des Blutgeldes wie der Sklaverei verneint, weil diese den ganzen und absoluten Menschen in ein Gleichungsverhältnis mit einem relativen und bloss quantitativ bestimmbaren Werte, dem Geld, bringen.

Dass es zu dieser Aufgipfelung des Menschenwertes kam, ist wie gesagt dem Christentum gutzuschreiben, dessen Gesinnung freilich einerseits in mancherlei Ansätzen antizipiert worden ist, wie die historische Entwicklung dieser Konsequenz andrerseits lange auf sich warten liess; denn die Kirche hat die Sklaverei keineswegs so energisch bekämpft, wie sie wohl verpflichtet gewesen wäre, und hat (allerdings um des öffentlichen Friedens willen und um Blutvergiessen zu vermeiden) die Sühnung des Mordes durch Wergeld geradezu gefordert.

Dass dennoch die Enthebung des Menschenwertes aus jeder blossen Relation, jeder nur quantitativ bestimmten Reihe in der Denkrichtung des Christentums liegt, hängt so zusammen.

Was jede höhere Kultur von den niederen scheidet, ist sowohl die Vielfachheit wie die Länge der teleologischen Reihen.

Die Bedürfnisse des rohen Menschen sind gering an Zahl, und wenn sie überhaupt erreicht werden, gelingt es durch eine relativ kurze Kette von Mitteln.

Steigende Kultur vermehrt nicht nur die Wünsche und Bestrebungen der Menschen, sondern sie führt den Aufbau der Mittel zu jedem einzelnen dieser Zwecke immer höher, und fordert schon für das blosse Mittel oft einen vielgliedrigen Mechanismus ineinandergreifender Vorbedingungen.

Auf Grund dieses Verhältnisses wird sich die abstrakte Vorstellung von Zweck und Mittel erst in einer höheren Kultur erheben; erst in ihr wird wegen der Fülle der Zweckreihen, die eine Vereinheitlichung suchen, wegen des (>394) immer weiteren Hinausrückens der eigentlichen Zwecke an eine immer längere Kette von Mitteln - die Frage nach dem absoluten Endzweck, der diesem ganzen Treiben Vernunft und Weihe gäbe, nach dem Wozu des Wozu auftauchen.

Dazu kommt, dass das Leben und Handeln des Kulturmenschen sich durch eine ungeheure Anzahl von Zwecksystemen hindurchbewegt, von deren jedem er nur einen geringen Teil beherrschen, ja übersehen kann, und dass so gegenüber der Einfachheit primitiven Daseins eine beängstigende Differenziertheit der Lebenselemente entsteht; der Gedanke eines Endzwecks, in dem alles dies wieder seine Versöhnung fände, dessen es aber bei undifferenzierten Verhältnissen und Menschen gar nicht bedarf, steht als Frieden und Erlösung in der Zersplitterung und dem fragmentarischen Charakter der Kultur.

Und mit je weiteren qualitativen Differenzen die Elemente der Existenz auseinanderliegen, in desto abstrakterer Höhe über jedem muss ersichtlich der Endzweck stehen, der das Leben als Einheit zu empfinden ermöglicht; nach dem die Sehnsucht nun keineswegs immer in bewusster Formulierung zu bestehen braucht, sondern auch, nicht weniger stark, als ein dumpfer Trieb, Sehnsucht, Unbefriedigtheit der Massen.

Am Beginn unserer Zeitrechnung war offenbar die griechisch-römische Kultur auf diesen Punkt gekommen.

Das Leben war ein so vielgliedriges und langsichtiges Zweckgewebe geworden, dass sich als sein Destillat und focus imaginarius mit ungeheurer Gewalt das Gefühl erhob: wo liegt nun der definitive Zweck dieses Ganzen, der endgültige Abschluss, der sich nicht mehr, wie alles, was wir sonst erstreben, schliesslich als blosses Mittel enthüllt?

Der resignierte oder grollende Pessimismus jener Zeit, ihr besinnungsloses Geniessen, das freilich in seinem Augenblicksdasein einen nicht über sich hinausfragenden Zweck fand, auf der einen Seite, ihre mystisch-asketischen Tendenzen auf der anderen - sie sind der Ausdruck jenes dunklen Suchens nach einem abschliessenden Sinn des Lebens, jener Angst um den Endzweck der ganzen Mannigfaltigkeit und Mühsal seines Apparates von Mitteln.

Diesem Bedürfnis nun brachte das Christentum eine strahlende Erfüllung.

Zum erstenmal in der abendländischen Geschichte wurde hier den Massen ein wirklicher Endzweck des Lebens geboten, ein absoluter Wert des Seins, jenseits alles Einzelnen, Fragmentarischen, Widersinnigen der empirischen Welt: das Heil der Seele und das Reich Gottes.

Nun war für jede Seele Platz in Gottes Hause, und indem sie der Träger ihres ewigen Heils war, wurde jede einzelne, die unscheinbarste und niedrigste wie die des Helden und Weisen, unendlich wertvoll.

Durch ihre Beziehung zu dem einen Gott strahlte alle Bedeutung, alle Absolutheit, alle Jenseitigkeit seiner auf sie (>395) zurück; so war sie durch den ungeheuren Machtspruch, der ihr ein ewiges Schicksal und eine grenzenlose Bedeutung verkündete, mit einem Schlage allem bloss Relativen, jedem blossen Mehr oder Weniger der Würdigung enthoben.

Nun hat freilich der Endzweck, an den das Christentum den absoluten Wert der Seele band, eine eigentümliche Entwicklung erfahren.

Wie nämlich jedes Bedürfnis durch die Gewohnheit seiner Befriedigung fester wird, so hat das Christentum durch das so lange andauernde Bewusstsein eines absoluten Endzweckes das Bedürfnis danach ausserordentlich fest einwurzeln lassen, so dass es denjenigen Seelen, denen gegenüber es jetzt versagt, das leere Sehnen nach einem definitiven Zweck des ganzen Daseins als seine Erbschaft hinterlassen hat: das Bedürfnis hat seine Erfüllung überlebt.

Indem die Schopenhauersche Metaphysik als die Substanz des Daseins den Willen verkündete - der notwendig unerfüllt bleiben muss, weil er, als das Absolute, nichts ausser sich hat, an dem er sich befriedige, sondern immer und überall nur sich selbst ergreifen kann - ist sie ausschliesslich der Ausdruck dieser Lage der Kultur, die das heftigste Bedürfnis nach einem absoluten Endzweck überkommen, aber dessen überzeugenden Inhalt verloren hat.

Die Schwächung des religiösen Empfindens und gleichzeitig das so lebhaft wiedererwachte Bedürfnis nach einem solchen sind das Korrelat der Tatsache, dass dem modernen Menschen der Endzweck abhanden gekommen ist.

Aber was dessen Vorstellung für die Wertung der Menschenseele geleistet hat, ist nicht zugleich verloren gegangen und zählt zu den Aktiven jener Erbschaft.

Indem das Christentum die Menschenseele für das Gefäss der göttlichen Gnade erklärte, wurde sie für alle irdischen Massstäbe völlig inkommensurabel und blieb es; und so fern und fremd diese Bestimmung eigentlich für den empirischen Menschen mit seinen irdischen Schicksalen ist, so wenig kann doch eine Rückwirkung ihrer da ausbleiben, wo der ganze Mensch in Frage steht; sein einzelnes Schicksal mag gleichgültig sein, die absolute Summe derselben kann es doch nicht bleiben.

In unmittelbarer Weise hat freilich schon das jüdische Gesetz die religiöse Bedeutung des Menschen gegen seinen Verkauf als Sklaven aufgerufen.

Wenn ein Israelit sich wegen Verarmung einem Stammesgenossen in die Sklaverei verkaufen muss, so soll dieser - so befiehlt Jahve - ihn wie einen Lohnarbeiter halten und nicht wie einen Sklaven, »denn meine Knechte sind sie, die ich aus Ägypten weggeführt habe, sie dürfen nicht verkauft werden, wie man Sklaven verkauft«.

Der Wert der Persönlichkeit aber, der sie durch diese Vermittlung hindurch aller Vergleichbarkeit mit dem rein quantitativen Massstab des Geldes entrückt, kann zwei wohl auseinanderzuhaltende Bedeutungen (>396) haben; er kann den Menschen als Menschen überhaupt, und er kann den Menschen als dieses bestimmte Individuum betreffen.

Sagte man etwa, die menschliche Persönlichkeit besitze den höchsten Seltenheitswert, weil sie kein irgend vertretbares Gut, sondern in ihrer Bedeutung schlechthin unersetzbar sei - so bleibt die Frage, gegen welche anderen Werte man sie auf diese Weise isoliere.

Tragen die Qualitäten des Menschen seinen Wert, so bezieht sich jene Seltenheit, - da sie bei jedem andere sind - auf den einzelnen Menschen gegenüber allen anderen.

Diese Anschauung, die teilweise dem Altertum und dem modernsten Individualismus eigen ist, führt unvermeidlich auf eine Abstufung innerhalb der Menschenwelt, und nur in dem Mass, in dem die Träger der niedrigsten Werte sich noch mit denen der höchsten berühren, haben jene an der Absolutheit des Wertes dieser Teil; daher wiederholt sich die klassische Überzeugung von der Berechtigung der Sklaverei bei einigen der neuesten Individualisten. Ganz anders das Christentum, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts (einschliesslich Rousseau und Kant) und der ethische Sozialismus.

Für diese Standpunkte ruht der Wert in dem Menschen, bloss weil er ein Mensch ist, es bezieht sich also der Seltenheitswert auf die Menschenseele überhaupt gegenüber dem, was nicht Seele ist; in bezug auf den entscheidenden, den absoluten Wert ist hier jeder Mensch jedem anderen gleich.

Das ist also der abstrakte Individualismus - abstrakt, weil er den ganzen Wert, die ganze absolute Bedeutung an den Allgemeinbegriff Mensch heftet und ihn erst von diesem auf das einzelne Exemplar der Gattung überleitet.

Ihm gegenüber hat das 19. Jahrhundert, seit den Romantikern, den Begriff des Individualismus mit einem ganz andern Inhalt erfüllt; während der Gegensatz, aus dem das Individuum als solches seine spezifische Bedeutung zog, im 18. Jahrhundert die staatliche, kirchliche, gesellschaftliche, zünftige Kollektivität und Bindung war, so dass das Ideal in dem freien Fürsichsein der Einzelnen bestand - ist der Sinn des späteren Individualismus der Unterschied zwischen den Einzelnen, ihre qualitative Besonderung gegeneinander.

An der ersteren Anschauungsweise, auf deren Boden die »Menschenwürde« und die »Menschenrechte« gewachsen sind, markiert sich am entschiedensten die Entwicklung, die jeden Verkauf eines Menschen für Geld und die Sühnung seiner Tötung durch Geld innerlich unmöglich macht - eine Entwicklung, deren Anfänge da liegen müssen, wo die kollektivistischen Bande der frühesten Sozialformen sich lockern, wo das Individuum sich aus der Interessenverschmelzung mit seinen Gruppengenossen heraushebt und sein Fürsichsein betont.

Die Entwicklung der Mordsühne, die ich verfolgte, mündete an (>397) dem Punkte, wo aus dem Ersatz des den Hinterbliebenen wirklich geschehenen Schadens durch die soziale Fixierung desselben hindurch sich die Vorstellung entwickelt hat, dass der Mensch, der Angehörige dieses bestimmten Standes, dieses bestimmte Wergeld wert wäre.

Hier setzt nun die weitere Evolution an, infolge deren die Sühneleistung des Verbrechers nicht als eine Entschädigung für den von ihm vernichteten Wert, sondern als Strafe auftritt, und zwar nun nicht nur für den Mord, sondern auch für andere schwere Vergehen.

Alle Strafe, als ein unter der Idee der Zweckmässigkeit zugefügter Schmerz, kann, soviel ich sehe, nur zwei Ausgangspunkte haben: das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die Entschädigungspflicht für den oder die Beschädigten - so sehr ihre später erworbenen ideellen Bedeutungen sich über diese Ursprünge erheben.

Denn wenn man die Strafe auf den Rachetrieb zurückgeführt hat, so scheint mir dieser selbst noch der Erklärung bedürftig, und sie darin zu finden, dass das Schutzbedürfnis die Menschen zwingt, den Schädiger unschädlich zu machen, was eben oft nur durch Schmerzzufügung oder Tötung geschehen kann - und dass diese Nützlichkeit und Notwendigkeit zu einem eigenen Triebe ausgewachsen ist: die Beschädigung des Beschädigers, ursprünglich ein blosses Mittel, sich vor weiterer Schädigung zu schützen, hat ein selbständiges Lustgefühl, einen von seinen utilitarischen Wurzeln gelösten Trieb für sich erworben.

Der Ursprung der Strafe aus der Rache würde also schliesslich auch nur auf den Schutztrieb zurückgehen.

Grade dieses macht es auch erklärlich, dass sehr zivilisierte Zeiten auf den Mord völlige Unschädlichmachung des Täters, rohere aber eine gelinde Abfindung setzen.

Denn heute werden im ganzen doch Morde nur von völlig zuchtlosen und moralisch depravierten Individuen begangen, in roheren oder heroischeren Zeiten aber auch von ganz anders qualifizierten, deren Überlegenheit und Tatkraft die Gesellschaft zu konservieren alles Interesse hatte.

Es ist also die Wesensverschiedenheit der Mörder auf den verschiedenen historischen Stufen, auf die hin die soziale Selbsterhaltung einmal auf Vernichtung, ein anderes Mal auf eine den Täter selbst konservierende Sühne hindrängt.

Hier interessiert uns indes nur der andere Ursprung der Strafe, aus der Entschädigungspflicht.

Solange oder insoweit die Konsequenz einer schädigenden Handlung für den Täter selbst von dem Beschädigten vollzogen wird, so wird sie - abgesehen von jenen Abwehr - und Racheimpulsen - sich auf eine Schadloshaltung dieses letzteren beschränken; ihn wird der subjektive Zustand des Täters nicht interessieren, seine Reaktion wird durch die Nützlichkeit für ihn selbst, nicht durch eine Rücksicht auf jenen bestimmt werden.

Das (>398) ändert sich, sobald eine objektive Macht, wie der Staat oder die Kirche, die Sühne der Missetat übernimmt.

Weil nun die Schädigung des Beschädigten nicht mehr als persönliches Ereignis, sondern als Störung des öffentlichen Friedens oder als Verletzung eines ethisch-religiösen Gesetzes das Motiv der Reaktion bildet, so wird der Zustand, den diese in dem Missetäter hervorruft, ihr definitiver Zweck, während er vorher für denjenigen, der nur seine Entschädigung suchte, ein gleichgültiges Akzidenz gewesen war; so dass man erst jetzt von Strafe im eigentlichen Sinne sprechen kann.

Jetzt handelt es sich darum, das Subjekt selbst zu treffen, und alle Busse als äusserliches Geschehen ist das blosse Mittel dazu.

Die Geldstrafe hat so einen ganz anderen Sinn als jener frühere Geldersatz für Verwundungen und Tötungen; sie soll nicht den angerichteten Schaden ausgleichen, sondern dem Täter ein Schmerz sein, weshalb sie denn auch in modernen Rechten, im Falle der Unbetreibbarkeit, durch Freiheitsstrafe ersetzt wird, welche dem Staate nicht nur kein Geld bringt, sondern ihn noch erhebliches kostet.

Indem die Geldstrafe so nur um ihres subjektiven Reflexes willen gehandhabt wird, mit dem der Missetäter sie empfindet, kann sie allerdings einen dem Geld als solchem fremden, individuellen Zug erhalten.

Dieser dokumentiert sich in einigen Eigenschaften, die die Geldstrafe vor anderen Strafen voraus hat: in ihrer grossen Abstufbarkeit, in ihrer eventuellen völligen Widerruflichkeit, endlich darin, dass sie nicht wie die Freiheitsstrafen oder gar wie die Verstümmelungsstrafen früherer Zeiten die Arbeitskraft des Delinquenten lahmlegt oder herabsetzt, sondern sie umgekehrt wegen des Ersatzes des Dahingegebenen gerade anstachelt.

Dieses personale Moment, das der Geldstrafe zuwächst, wenn sie nicht mehr äusserlicher Ersatz, sondern subjektive Schmerzzufügung sein soll, reicht indes nicht sehr tief hinab.

Das zeigt sich z. B. schon darin, dass heutzutage die Verurteilung zur höchsten Geldstrafe die gesellschaftliche Position des Betroffenen nicht entfernt so herabsetzt, wie die zur geringsten Gefängnisstrafe; nur wo das Persönlichkeitsgefühl überhaupt noch nicht sehr stark entwickelt ist, wie in der russischen Bauernschaft, konnte es vorkommen, dass vom Missetäter selbst die Prügelstrafe jeder Geldstrafe vorgezogen wird.

Ferner zeigt sich die Schwäche des personalen Momentes in der Geldstrafe, wie sie wenigstens bis jetzt gehandhabt wird, darin, dass ihre prinzipielle Abstufbarkeit der wirklichen Individualität der Verhältnisse keineswegs folgt.

Das Gesetz pflegt, wo es Geldstrafe setzt, dieselbe nach oben wie nach unten zu begrenzen; es ist aber kein Zweifel, dass selbst das Mindestmass für den ganz Armen eine härtere Strafe bedeutet, als das Höchstmass für den (>399) ganz Reichen; während jener wegen einer Mark Strafe vielleicht einen Tag hungern muss, werden die paar Tausend Mark, zu denen dieser höchstens verurteilt werden kann, ihm nicht die geringste Entbehrung auferlegen, so dass der subjektive Strafzweck dort übertrieben, hier überhaupt nicht durch die Geldstrafe erreicht wird.

Man hat deshalb eine wirkungsvollere Individualisierung durch den Vorschlag erreichen wollen, das Gesetz solle überhaupt nicht bestimmte Summen als Strafgrenzen fixieren, sondern prozentuale Quoten vom Einkommen des Schuldigen.

Dagegen wird indes richtig eingewendet, dass die Strafe einer ganz geringfügigen Übertretung für einen vielfachen Millionär dann viele Tausende betragen müsste, was zweifellos als sachlich unangemessen empfunden wird.

Dieser innere Widerspruch des Versuches, zu einer wirklichen Individualisierung der Geldstrafe zu gelangen, der bei sehr stark differenzierten Vermögensverhältnissen unvermeidlich scheint, beweist wiederum, wieviel geringer deren subjektive Angemessenheit bei einer hoch entwickelten (d.h. sehr krasse Differenzen enthaltenden) ökonomischen Kultur ist, als in primitiveren, also nivellierteren Verhältnissen.

Insbesondere aber muss die Geldstrafe sich schliesslich da als ganz unzutreffend erweisen, wo überhaupt nur die allerinnerlichsten Beziehungen des Menschen in Frage stehen: bei der Kirchenbusse, die vom 7. Jahrhundert an durch Geld ersetzt werden konnte.

Die Kirche hatte einen grossen Teil der Strafrechtspflege übernommen, die eigentlich dem Staate zufiel, und der umherreisende Bischof als Richter strafte die Sünder vom Gesichtspunkte der verletzten göttlichen Ordnung aus, so dass ihre sittliche Besserung, die Umkehr der Seele auf dem Sündenwege, das eigentliche Absehen war, von jener tiefstgelegenen und wirksamsten Tendenz der religiösen Moral aus: dass die definitive sittliche Pflicht des Menschen in dem Gewinn des eigenen Heils bestehe - während die weltliche Moral ihr letztes Ziel gerade aus dem Ich heraus in den Anderen und seine Zustände verlegt.

Von diesem Gesichtspunkt der Verinnerlichung und Subjektivierung der Strafe aus wurden selbst Vergehen wie Mord und Meineid mit Fastenbusse bestraft.

Diese kirchlichen Strafen aber konnten, wie gesagt, sehr bald durch Geldzahlung abgelöst werden.

Dass dies im Lauf der Zeit als eine ganz unzulängliche und unzutreffende Busse empfunden wurde, ist kein Zeichen gegen, sondern für die gewachsene Bedeutung des Geldes; gerade weil es jetzt so sehr viel mehr Dinge aufwiegt und dadurch um so farb- und charakterloser ist, kann es nicht zur Ausgleichung in ganz besonderen und ausnahmsweisen Beziehungen dienen, in denen das Innerste und Wesentliche der Persönlichkeit getroffen werden soll; und nicht trotzdem man so gut wie (>400) alles für Geld haben kann, sondern gerade weil man das kann, hörte es auf, die sittlich-religiösen Anforderungen, auf denen die Kirchenbusse ruhte, zu begleichen.

Die steigende Wertung der Menschenseele, mit ihrer Unvergleichbarkeit und Individualisiertheit, trifft auf die entgegengesetzte Richtung in der Entwicklung des Geldes, wodurch der Erfolg jener für die Aufhebung der Geldbussen beschleunigt und gesichert wird.

Den Charakter kühler Gleichgültigkeit, völliger Abstraktheit gegenüber allen spezifischen Werten erhält das Geld doch erst in dem Mass, in dem es zum Äquivalent für immer mehr und mehr Gegenstände und für immer verschiedenartigere wird.

Solange es, erstens, überhaupt noch nicht so viel Gegenstände gibt, die eventuell um Geld erworben werden könnten, und solange, zweitens, von den vorhandenen ökonomischen Werten ein wesentlicher Teil dem Geldkauf entzogen ist (wie es sehr lange Perioden hindurch z. B. der Grundbesitz ist) - solange hat das Geld selbst noch einen mehr spezifischen Charakter, es steht noch nicht so indifferent über den Parteien; sogar das direkt entgegengesetzte Wesen, sakrale Würde, der Akzent eines Ausnahmewertes kann ihm in primitiven Verhältnissen zukommen.

Ich erinnere an die früher angeführten strengen Normen, die gewisse Geldsorten ausschliesslich für wichtige oder feierliche Transaktionen bestimmten, besonders aber an einen Bericht aus dem Karolinenarchipel.

Die Insulaner, heisst es, bedürfen für den Lebensunterhalt keines Geldes, denn alle seien Selbstproduzenten.

Dennoch spiele das Geld die Hauptrolle, denn der Erwerb einer Frau, die Zugehörigkeit zu dem staatlichen Verband, die politische Bedeutung der Gemeinde hänge ausschliesslich von dem Geldbesitz ab.

Aus solchen Verhältnissen heraus verstehen wir, weshalb das Geld nicht so gemein ist wie bei uns, wo es gerade die niedrigsten Bedürfnisse unmittelbarer als jene höheren deckt.

Ja, die bloss quantitative Tatsache, dass es überhaupt noch nicht so viel Geld gibt und es einem nicht immerfort durch die Finger geht, lässt es in den Perioden der Eigenbedarfs-Produktion zu jener herabsetzenden Selbstverständlichkeit und Abgeschliffenheit seiner nicht kommen, so dass es sich also eher dazu eignet, als befriedigender Ausgleich für einzigartige Objekte, wie das Menschenleben ist, zu dienen; die vorschreitende Differenzierung der Menschen und die ebenso vorschreitende Indifferenz des Geldes begegnen sich, um die Sühnung des Mordes und schwerer Vergehen überhaupt durch Geld unmöglich zu machen.

Es ist interessant, dass das Gefühl für diese innere Inadäquatheit des Geldes sehr früh anklingt.

Während schon in der ältesten jüdischen Geschichte Geld als Zahlmittel für Frauen und für Bussen auftritt, (>401) müssen doch die Abgaben an den Tempel immer in natura geliefert werden.

So muss z.B. derjenige, der wegen der weiten Entfernung vom Heiligtume seinen Zehnten in Geld mitbringt, an Ort und Stelle diesen wieder in Waren umsetzen, und dem entspricht es, dass in Delos, dem altgeweihten Heiligtum, ganz besonders lange nach dem Ochsen als offizieller Münzeinheit gerechnet wurde.

Unter den mittelalterlichen Gesellenverbänden setzten die Bruderschaften, die die älteren waren und kirchliche Zwecke verfolgten, die Strafen für einzelne Vergehen in Wachs (zu Weihkerzen) fest, die weltlichen Gesellenschaften dagegen meistens in Geld.

Derselbe Sinn beherrscht die altisraelitische Bestimmung, dass gestohlene Haustiere doppelt ersetzt werden müssen, aber wenn sie nicht mehr in natura vorhanden waren, und deshalb Geldzahlung an ihre Stelle trat, dieselbe den vier-bis fünffachen Wert derselben darstellen musste: nur eine ganz unverhältnismässig erhöhte Geldbusse konnte die Naturalbusse vertreten.

Als in Italien das Viehgeld, schon längst durch Metallgeld ersetzt war, wurden doch die Geldstrafen bis in die späteste Zeit hinein wenigstens formell noch nach Vieh berechnet.

Und nachdem bei den Tschechen das Vieh am Anfang unserer Zeitrechnung Zahlmittel gewesen war, diente es noch lange nachher als Benennung für die Mordbusse.

Es gehört derselben Erscheinungsreihe an, wenn bei den kalifornischen Indianern das Muschelgeld, nachdem es schon aus dem Verkehr verdrängt war, doch noch die Gabe blieb, die man den Toten für die Jagdgründe des jenseits ins Grab legte.

In diesen Bestimmungen ist es die religiöse Färbung der Busse oder Zahlung überhaupt, die, in ihrem archaistischen Wesen, schon auf dieser Stufe das kurrente Geld als etwas ihrer Weihe Unangemessenes empfinden lässt, so dass sie auf derselben Deklassierung des Geldes mündet, wie jene geschilderte Gegenbewegung, die auf der späteren Stufe den Wert des Menschen und den Wert des Geldes immer weiter auseinandertreibt und so einen der wichtigsten Entwicklungsmomente in der Bedeutung des Geldes herbeiführt.

Hier will ich nur noch eine Erscheinung dieser Richtung betonen: die mittelalterlichen Zinsverbote ruhen auf der Voraussetzung, dass das Geld keine Ware sei; im Gegensatz zu einer solchen sei es nicht selbst fruchtbar oder produktiv, und sei es deshalb sündhaft sich für seine Benutzung wie für die einer Ware eine Vergütung zahlen zu lassen.

Dieselben Epochen aber fanden es gelegentlich nicht im geringsten gottlos, einen Menschen als Ware zu behandeln.

Vergleicht man dies mit den praktischen und theoretischen Vorstellungen der modernen Zeit, so mag diese Gegenüberstellung klar machen, wie die Begriffe des Geldes und des Menschen sich mit weiter vorschreitender Entwicklung nach direkt entgegengesetzten (>402) Richtungen bewegen - deren Entgegengesetztheit eben dieselbe bleibt, ob sie sich, in bezug auf ein einzelnes Problem, aufeinander zu oder voneinander weg entwickeln.

Dem Abrücken des Persönlichkeitswertes vom Geldwert, der sich in dem Herabsinken der Geldstrafe zum niedrigsten Strafquale ausspricht, steht indes selbst nun wieder eine Gegenbewegung gegenüber.

Die rechtlich vergeltende Reaktion auf Unrecht und Schädigungen nämlich, die einer dem anderen antut, beschränkt sich mehr und mehr auf diejenigen Fälle, in denen das Interesse des Geschädigten in Geld ausdrückbar ist.

Dies wird, wenn wir die Reihe der Kulturstadien überblicken, bei einer ganz tiefen Stufe weniger der Fall sein, als bei einer etwas höheren; hier aber wieder mehr als auf einer noch höheren.

Dies liegt etwa da besonders deutlich vor, wo städtische Verhältnisse gegenüber ländlichen dem Geld erhebliche Wichtigkeit zuwachsen lassen, während das Gesamtniveau beider ein relativ niedriges ist: so besteht im jetzigen Arabien die Blutrache unter den Wüstenbewohnern, während in den Städten Wergeld gezahlt wird.

In dem wirtschaftlich interessierten städtischen Leben liegt es eben näher, die Bedeutung eines Menschen durch eine Geldsumme zu interpretieren.

Wie sehr sich das nun dahin zuspitzt, gerade der im Geldwert abzumessenden Beschädigung einen besonderen Anspruch auf strafrechtliche Sühne zuzubilligen, das tritt jetzt besonders deutlich an dem Begriffe des Betruges hervor, den erst eine durchgehends auf Geld gestellte Ordnung des Lebens ganz eindeutig zu fixieren gestattete.

Das deutsche Strafgesetzbuch lässt nämlich als strafwürdigen Betrug nur gelten, wenn jemand die Vorspiegelung falscher Tatsachen »in der Absicht, sich oder einem Anderen einer rechtswidrigen Vorteil zu verschaffen« begeht.

Die Untersuchung der anderen Fälle, in denen dies Gesetzbuch betrügerische Vorspiegelungen bestraft, ergibt nur noch zwei, höchstens drei, in denen die individuelle Schädigung des Betrogenen den Grund der Bestrafung ausmacht: die Verführung eines Mädchens unter der Vorspiegelung der Ehe, die Herbeiführung des Eheschlusses unter betrügerischem Verschweigen von Ehehindernissen, die wissentlich falsche Denunziation.

Prüft man die übrigen Fälle, in denen betrügerische Vorgaben mit Strafe bedroht werden, so zeigen sie sich als solche, in denen kein individuelles, sondern prinzipiell nur das staatliche Interesse geschädigt wird: Meineid, Wahlfälschungen, falsche Entschuldigungen bei Schöffen, Zeugen und Geschworenen, Angaben falscher Namen und Titel zuständigen Beamten gegenüber usw.; ja selbst in diesem Fall des staatlichen Interesses wird die Strafe überhaupt oder ihre Höhe oft daran geknüpft, dass ein ökonomisches Interesse den Täter bestimmt (>403) hat.

So wird die Fälschung von Pässen, Dienstbüchern usw. mit dem Zusatz unter Strafe gestellt, dass sie »zum Zwecke des besseren Fortkommens« geschehe; so wird, ganz besonders charakteristisch, die Fälschung des Personenstandes (Kindesunterschiebung usw.) mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft, aber, »wenn die Handlung in gewinnsüchtiger Absicht begangen wurde«, mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren.

Wie nun eine Kindesunterschiebung zweifellos aus sehr viel unsittlicheren und verbrecherischeren Motiven als aus Gewinnsucht geschehen kann und so der schlimmere Verbrecher bloss, weil er kein Geldinteresse hatte, eine relativ grosse Milde der Bestrafung erfährt -, so ist es auch im allgemeinen kein Zweifel, dass unzählige betrügerische Vorspiegelungen das Glück, die Ehre und alle Güter von Menschen überhaupt vernichten können, ohne Strafe zu finden, es sei denn, dass der Betrüger dabei einen »Vermögensvorteil« gesucht hat.

Indem das Vermögensinteresse so von vornherein in den Begriff des Betruges hineingelegt ist, wird zwar für die Kriminalpraxis jene Einfachheit und Klarheit gewonnen, die der Reduktion auf Geld allenthalben eigen ist - aber um den Preis, das Rechtsgefühl sehr unbefriedigt zu lassen.

Aus dem ganzen Umkreis der Beschädigungen, die jemand durch Betrug erleiden kann, wird gerade nur die in Geld ausdrückbare zu strafrechtlicher Verfolgung heraus gehoben und dadurch als diejenige bezeichnet, die allein eine Sühne vom Standpunkt der gesellschaftlichen Ordnung aus fordere.

Da die Absicht des Gesetzes doch sein muss, alle betrügerische Vernichtung personaler Werte zu bestrafen, so kann es nur von der Voraussetzung ausgehen, dass alle auf diese Art zerstörbaren Werte ein Geldäquivalent besitzen.

Es kommt hier also die Idee des Wergeldes, wenngleich in rudimentärer Form, wieder zur Geltung.

Wenn dieser Idee gemäss eine Vernichtung personalen Wertes durch Hingabe von Geld an den Beschädigten ausgeglichen werden konnte, so war die Voraussetzung, dass dieser Wert eben auf Geld reduzierbar ist.

Das moderne Strafrecht lehnt freilich die Konsequenz ab, dass die betrügerische Schädigung durch Geldhingabe des Täters an den Beschädigten hinreichend gesühnt sei; aber an dem Objekte der Tat lässt sie die Vorstellung haften, dass jeder durch Betrug entreissbare Wert sich in einer Geldsumme müsse darstellen lassen.

Hat das Bedürfnis nach möglichster Unzweideutigkeit der Rechtsnorm zu dieser ganz ungeheuerlichen Beschränkung der gegen Betrug zu schützenden personalen Werte auf die in Geld aus-zudrückenden geführt, und die anderen zu quantités négligeables herabgedrückt - so führt eben dasselbe zu entsprechenden Bestimmungen des Zivilrechts.

Wortbruch und Chikane, durch die jemand (>404) in die ärgsten Unannehmlichkeiten und Verluste verwickelt wird, berechtigen ihn nach deutschem Recht zu keinerlei Anspruch an den Schädiger, wenn er nicht imstande ist, den Geldwert der erlittenen Schädigung nachzuweisen.

Ich nenne nur einige von Juristen selbst hervorgehobene Fälle: der Mieter, dem sein Hauswirt den Garten trotz seines kontraktlichen Mitbenutzungsrechtes verschliesst, der Reisende, dem der Hotelier das schriftlich zugesagte Unter-kommen verweigert, der Schulvorsteher, bei dem der engagierte Lehrer kontraktbrüchig wird, ohne dass er imstande wäre, gleich Ersatz für ihn zu beschaffen - alle diese Personen werden, obgleich ihr Recht auf Schadenersatz sonnenklar ist, diesen Anspruch nicht erheben können, weil ihr Schaden sich nicht einer bestimmten Summe gleichsetzen lässt.

Wer wollte das Geldäquivalent jener inneren und äusseren Unannehmlichkeiten und Beeinträchtigungen auf Heller und Pfennig nachweisen?

Gelingt aber dieser Nachweis nicht, so sind die fraglichen Beschädigungen für den Richter eben auch quantités négligeables, sie existieren für ihn nicht.

In einer ungeheueren Zahl von Lebensbeziehungen ist der Geschädigte schlechthin rechtlos, er hat weder die moralische Genugtuung, den Schädiger strafrechtlich verfoIgt zu sehen, noch die ökonomische, einen Ersatz für seine Einbussen und Ärgernisse von ihm zu erlangen.

Da nun aber, wie nochmals betont werden muss, die Präsumtion des Rechtes doch ist, alle Güter der Individuen gegen unrechtmässige Beschädigung zu sichern; da diese Sicherung jetzt, wie sich ergibt, eine grosse Summe von Gütern, sobald ihr Wert nicht in Geld substanziiert werden kann, nicht umfasst; so folgt als Voraussetzung dieser ganzen Rechtsanschauung, dass alle personalen Güter ein Geldäquivalent besitzen, - abgesehen natürlich von der Unverletztheit des Körpers und, in einigen Beziehungen, der Ehe, die das Recht gleichfalls garantiert.

-Die ausserordentliche Vereinfachung und Vereinheitlichung des Rechtssysterns, die diese Reduktion auf das Geldinteresse mit sich bringt, im Verein mit dessen tatsächlicher Herrschaft, hat so zu der Fiktion seiner Alleinherrschaft geführt, ganz entsprechend der auch auf anderen Gebieten merkwürdigen praktischen Gleichgültigkeit gegen die nicht in Geld ausdrückbaren, wenngleich theoretisch als die höchsten anerkannten Werte.

Es ist interessant zu beobachten, wie entgegengesetzt sich das römische Recht, in seiner mittleren Periode, in dieser Hinsicht verhält.

Die Geldkondemnation, die dasselbe im Zivilprozess statuierte, war eine Busse, die über den Wert des Objektes hinaus an den Beschädigten entrichtet wurde, um denselben für die besondere Hinterlist oder Bosheit zu entschädigen, unter der der Beklagte ihn hatte (>405) leiden lassen.

Das böswillig abgeleugnete Depositum, die vom Vormund vorenthaltenen Mündelgelder und ähnliches wurden nicht einfach ersetzt, sondern ausserdem war der Richter und unter Umständen der Kläger berechtigt, einen Schadenersatz festzusetzen - nicht für den objektiven, einer bestimmten Geldsumme unmittelbar äquivalenten Schaden, sondern für die böswillige Verletzung der persönlichen Rechtssphäre überhaupt.

Es wird hier also einerseits empfunden, die persönlichen Werte, die das Recht zu schützen hat, sind nicht durch den Geldwert ihres Objektes begrenzt, sondern ihre Verletzung fordert eine über diesen hinausgehende Busse; zugleich aber ist diese Busse nun wieder durch die Hingabe einer bestimmten Geldsumme geleistet: die jenseits des objektiven Geldinteresses erlittene Schädigung wird doch durch Geld ausgeglichen.

Das Geld spielt hier also einerseits eine geringere, aber andrerseits eine grössere Rolle als in dem gegenwärtigen Zustand.

Eben deshalb zeigt dieser gegenwärtige Zustand doch eine Kombination der beiden typischen Richtungen, in die die wachsende Kultur die Entwicklung des Geldes treibt: sie verleiht ihm einerseits eine Wichtigkeit, durch die es gleichsam zur Weltseele des sachlichen Interessenkosmos wird und, den so erhaltenen Anstoss über seine zukommende Grenze fortsetzend, auch die personalen Werte überwuchert; sie entfernt es doch aber andrerseits von diesen, macht seine Bedeutung mit der alles eigentlich Persönlichen immer unvergleichbarer und unterdrückt eher die Geltendmachung personaler Werte, als dass sie ihnen ein so inadäquates Äquivalent zuspräche.

Die Unbefriedigtheit des unmittelbaren Rechtsgefühls, durch die das momentane Resultat des Zusammenwirkens dieser Motive hinter jenem römischen Zustand zurücksteht, darf doch die Erkenntnis nicht verhindern, dass es sich hier wirklich um die Kombination weiter vorgeschrittener Kulturtendenzen handelt, die freilich die Entgegengesetztheit und Unversöhnlichkeit ihrer Richtungen in der Unzulänglichkeit und dem Tiefstande mancher Erscheinungen zeigen, in denen sie beide gleichzeitig zu Worte kommen.

Die Evolution des früheren Zustandes, in dem der ganze Mensch durch Geld aufgewogen wurde, findet einige Analogien in einer spezielleren, die sich an den Kauf der Frauen für Geld knüpfte.

Die Kaufehe, ihre ausserordentliche Häufigkeit in der Vergangenheit vorgeschrittener Völker und in der Gegenwart weniger zivilisierter, die Fülle ihrer Variationen und Formen sind bekannt genug.

Es handelt sich hier nur um die Rückschlüsse, welche diese Tatsachen auf das Wesen der gekauften Werte gestatten.

Das Gefühl von Entwürdigung, das der Kauf einer Person für Geld oder Geldeswert im modernen (>406) Menschen hervorbringt, ist in seiner Beziehung auf frühere historische Verhältnisse nicht immer gerechtfertigt.

Wir sahen: solange einerseits die Persönlichkeit noch mehr in den Gattungstypus eingesenkt ist, andrerseits der Geldwert noch nicht zu völliger Farblosigkeit verallgemeinert ist, stehen sozusagen beide sich näher, und die persönliche Würde der alten Germanen hat sicher nicht darunter gelitten, dass das Wergeld ihren Wert in Geld ausdrücken liess.

Entsprechend liegt die Sache beim Frauenkauf.

Die ethnologischen Tatsachen zeigen nämlich, dass der Frauenkauf sich keineswegs nur oder vorzugsweise auf den niedrigsten Stufen der Kulturentwicklung findet.

Einer der besten Kenner dieses Gebietes stellt fest, dass die unzivilisierten Völker, die die Kaufehe nicht kennen, meistens ausserordentlich rohe Rassen sind.

So erniedrigend der Kauf der Frau in höheren Verhältnissen erscheint, so erhöhend kann er in niedrigen wirken, und zwar aus zwei Ursachen.

Zunächst findet der Frauenkauf niemals, soviel wir wissen, nach Art der individualistischen Wirtschaft statt.

Strenge Formen und Formeln, Berücksichtigung der Familieninteressen, genaue Konventionen über Art und Höhe der Zahlung binden ihn selbst bei recht tiefstehenden Völkern.

Die ganze Art seines Vollzuges trägt ausgesprochen sozialen Charakter; ich erwähne nur, dass der Bräutigam vielfach berechtigt ist, von jedem Stammesgenossen einen Beitrag zum Brautpreise zu fordern, und dass dieser selbst oft in dem Geschlechte der Braut verteilt wird - gerade wie z. B. bei den Arabern das Sühnegeld für einen Mord von der ganzen Kabile, dem Stammverband des Mörders, aufgebracht wurde.

Bei einem indianischen Stamme wird dem Werber, der nur die Hälfte des geforderten Brautpreises besitzt, die »halbe Heirat« gestattet; d. h. statt die Frau als Sklavin in sein Haus zu führen, muss er bis zur Erlegung des ganzen Preises als Sklave in ihrem Hause leben.

Überhaupt begegnet es an vielen Stellen, wo patriarchale und matriarchale Zustände nebeneinander bestehen (also die Frau in die Sippe des Mannes, aber auch der Mann in die Sippe der Frau übertritt), dass nur nach Bezahlung des Brautpreises die patriarchalische Form gilt, der Arme muss sich der matriarchalischen fügen.

Gewiss wird durch diese Geschäftsmässigkeit die Individualität der Personen und ihres Verhältnisses völlig vergewaltigt.

Dennoch ist die Organisation der Eheangelegenheiten, wie sie im Frauenkauf vorliegt, ein ungeheurer Fortschritt gegenüber etwa den roheren Zuständen der Raubehe oder den ganz primären Sexualverhältnissen, die zwar wahrscheinlich nicht in völliger Promiskuität, aber ebenso wahrscheinlich auch ohne jenen festen normierenden Halt verliefen, den der sozial geregelte Kauf darbietet.

Die Entwicklung der Menschheit gelangt (>407) immer wieder zu Stadien, wo die Unterdrückung der Individualität der unausbleibliche Durchgangspunkt für ihre spätere freie Entfaltung, wo die blosse Äusserlichkeit der Lebensbestimmungen die Schule der Innerlichkeit wird, wo die vergewaltigende Formung eine Aufsammlung der Kräfte bewirkt, die später alle persönliche Eigenart tragen.

Von dem Ideal der vollentwickelten Individualität aus erscheinen solche Perioden allerdings roh und würdelos, aber sie legen nicht nur die positiven Keime der späteren Höherentwicklung, sondern sie sind auch an und für sich schon Erweisungen des Geistes in seiner organisierenden Herrschaft über den Rohstoff fluktuierender Impulse, Betätigungen der spezifisch menschlichen Zweckmässigkeit, die sich die Normen des Lebens - wie brutal, äusserlich, ja stupid auch immer - eben doch selbst gibt, statt sie von blossen Naturgewalten zu empfangen.

Es gibt heute extreme Individualisten, welche dennoch praktische Anhänger des Sozialismus sind, weil sie diesen als die unentbehrliche Vorbereitung und, wenn auch noch so harte, Schule für einen geläuterten und gerechten Individualismus ansehen.

So ist jene relativ feste Ordnung und äusserliche Schematik der Kaufehe ein erster, sehr gewaltsamer, sehr unindividueller Versuch gewesen, die Eheverhältnisse sozusagen auf einen bestimmten Ausdruck zu bringen, der für rohe Stufen ebenso angemessen war, wie individuellere Ehefonnen für höher entwickelte.

Diese Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt zeigt schon der Frauentausch, den man, als Naturaltausch, eine Vorstufe des Frauenkaufes nennen könnte.

Bei den australischen Narinyeri findet die eigentliche, legale Eheschliessung durch Austausch der Schwestern der Männer statt.

Wenn statt dessen ein Mädchen mit ihrem Auserwählten davonläuft, so gilt sie nicht nur als sozial minderwertig, sondern sie verliert auch den Anspruch auf Schutz, den ihr im anderen Fall die Horde schuldet, in der sie geboren ist.

Damit kommt die soziale Bedeutung dieser so eminent unindividuellen Art der Eheschliessung zu klarem Ausdruck.

Die Horde schützt das Mädchen nicht mehr, bricht ihre Beziehungen zu ihm ab, weil sie keinen Gegenwert für dasselbe erhalten hat.

Hiermit ist der Übergang zu dem zweiten kulturell erhöhenden Motiv der Kaufehe gegeben.

Gerade dass die Frauen ein nutzbarer Besitzgegenstand sind, dass Opfer für ihren Erwerb gebracht sind, lässt sie schliesslich als wertvoll erscheinen.

Überall, so hat man gesagt, erzeugt der Besitz Liebe zum Besitz.

Man bringt nicht nur Opfer für das, was man gern hat, sondern auch umgekehrt: man liebt das, wofür man Opfer gebracht hat.

Wenn die Mutterliebe der Grund unzähliger Aufopferungen für die Kinder ist, so sind doch (>408) auch die Mühen und Sorgen, die die Mutter für das Kind auf sich nimmt, ein Band, das sie immer fester an dieses knüpft; woraus man versteht, dass gerade kranke oder sonst zu kurz gekommene Kinder, die die aufopferndste Hingabe seitens der Mutter fordern, oft am leidenschaftlichsten von ihr geliebt werden.

Die Kirche hat sich nie gescheut, die schwersten Opfer um der Liebe zu Gott willen zu verlangen, weil sie wohl wusste, dass wir um so fester und inniger an ein Prinzip gebunden sind, je grössere Opfer wir dafür gebracht, ein je grösseres Kapital wir sozusagen darin investiert haben.

So sehr der Frauenkauf also unmittelbar auch die Unterdrückung, die Ausbeutung, den Sachencharakter der Frau zum Ausdruck brachte, so hat sie durch ihn doch erstens für ihre elterliche Gruppe, der sie den Kaufpreis eintrug, und zweitens für den Mann an Wert gewonnen, für den sie ein relativ hohes Opfer repräsentierte und der sie deshalb im eigenen Interesse schonend behandeln musste.

Für vorgeschrittene Begriffe ist diese Behandlung noch immer elend genug, ja die übrigen entwürdigenden Momente, die den Frauenkauf begleiten, können jenes Bessere so weit paralysieren, dass die Stellung der Frau die jammervollste und sklavenhafteste wird.

Aber darum bleibt es nicht minder wahr, dass der Frauenkauf es zu sinnenfälligem und eindringlichem Ausdruck gebracht hat: die Frauen sind etwas wert - und zwar in dem psychologischen Zusammenhange, dass man nicht nur für sie bezahlt, weil sie etwas wert sind, sondern dass sie etwas wert sind, weil man für sie bezahlt hat.

Deshalb ist es verständlich, wenn bei gewissen amerikanischen Stämmen das Fortgeben eines Mädchens ohne Preis als eine starke Herabminderung ihrer und ihrer ganzen Familie angesehen wird, so dass selbst ihre Kinder für nichts Besseres als Bastarde gehalten werden.

Und wenn der Frauenkauf auch immer eine polygamische Tendenz und schon insoweit eine Deklassierung der Frauen einschliesst, so steckt andrerseits doch gerade die Notwendigkeit des Geldaufwandes jenen Neigungen meistenteils eine Grenze.

Von dem heidnischen Dänenkönig Frotho wird berichtet, er habe den besiegten Ruthenen durch Gesetz jede andere Ehe, als die durch Kauf der Weiber geschlossene, verboten; damit habe er den herrschenden laxen Sitten einen Riegel vorschieben wollen, da er in dem Kaufe eine Bürgschaft der Beständigkeit erblickt habe.

Auf dem Umwege also, dass er die polygynischen Instinkte, denen er prinzipiell nahesteht, dennoch notgedrungen zurückdämmt, muss der Kauf zu einer Höherschätzung der einen Frau, die man besitzt, führen.

Denn, wie es entsprechend die Folge des unmittelbaren Kostenaufwandes ist: die Beständigkeit ist nicht nur die Folge der Schätzung der Frau, sondern auch umgekehrt (409) diese letztere die Folge einer auf irgend anderem Wege her-vorgebrachten Beständigkeit.

Es ist dabei von grösster Wichtigkeit, dass die Verschiedenheit der Preise - sowohl der sozial fixierten wie der durch individuellen Handel zustande kommenden - zum Ausdruck bringt, dass die Frauen an Wert verschieden sind. Von den Kafferfrauen wird berichtet, dass sie ihr Verkauftwerden durchaus nicht als Entwürdigung empfinden, das Mädchen sei im Gegenteile stolz darauf, und je mehr Ochsen oder Kühe sie gekostet hat, um so mehr halte sie sich wert.

Man wird vielfach bemerken, dass eine Kategorie von Objekten ein entschiedeneres Wertbewusstsein dann erwirbt, wenn jedes einzelne besonders gewertet werden muss und starke Unterschiede des Preises die Tatsache des Wertes immer neu und scharf empfinden lassen; während allerdings auf anderen Wertungsstufen, wie sich gelegentlich des Wergeldes ergab, gerade die Gleichheit der Entschädigung die objektive Bedeutung des Gegenwertes aufwachsen lässt.

So enthält der Frauenkauf ein erstes, freilich äusserst rohes Mittel, den individuellen Wert der einzelnen Frau und - vermöge jener psychologischen Regel der Werte - auch den Wert der Frauen überhaupt hervortreten zu lassen.

Ja sogar, wo die Frau als Sklavin gekauft wird, ist ein stärkeres Variieren ihres Preises wahrscheinlich als beim männlichen Sklaven.

Dieser der bloss Arbeitstier ist, hat bei gleichem Alter dauernd ungefähr den gleichen konventionellen Preis (im alten Griechenland und in Irland =drei Kühen), während die Sklavin, da sie auch noch spezifischeren Zwecken, als denen der Arbeit dient, je nach ihren persönlichen Reizen an Wert wechselt - obgleich man sich den Einfluss dieses ästhetischen Umstandes bei primitiven Völkern nicht sehr gross vorstellen darf.

Jedenfalls ist auch innerhalb des Frauenkaufes offenbar diejenige Stufe die niedrigste, wo der Preis durch Herkommen für alle gleichmässig fixiert ist, wie bei einigen Afrikanern.

Was sich in diesem Falle mit äusserster Entschiedenheit geltend macht: dass die Frau als blosses Genus behandelt wird, als ein unpersönliches Objekt - das ist nun freilich selbst, bei allen obenerwähnten Einschränkungen, das Kennzeichen der Kaufehe.

Darum wird von einer Reihe von Völkerschaften, besonders in Indien, der Frauenkauf als etwas Schimpfliches betrachtet, und anderwärts findet er zwar statt, aber man scheut den Namen und bezeichnet den Preis als ein freiwilliges Geschenk an die Brauteltern.

Der Unterschied eigentlichen Geldes gegen Leistungen andrer Art macht sich hier geltend.

Von den Lappländern wird berichtet, dass sie ihre Töchter zwar gegen Geschenke hingeben, es aber für nicht anständig erklären, (>410)Geld für sie zu nehmen.

Zieht man die übrigen sehr komplizierten Bedingungen in Betracht, von denen die Stellung der Frauen abhängt, so scheint es, als ob der eigentliche Geldkauf sie viel tiefer herabdrücke, als die Hingabe gegen Geschenke oder gegen persönliche Dienstleistungen des Werbers für die Eltern der Braut.

In dem Geschenke steckt wegen der grösseren Unbestimmtheit seines Wertes und der - selbst bei sozialer Konvention darüber - individuelleren Freiheit seiner Auswahl etwas Persönlicheres, als in der dahingegebenen Geldsumme mit ihrer unbarmherzigen Objektivität.

Zudem baut das Geschenk die Brücke zu jener vorgeschritteneren und zur Mitgift überführenden Form, bei der die Geschenke des Werbers durch Geschenke seitens der Brauteltern erwidert werden.

Damit ist prinzipiell die Unbedingtheit der Verfügung über die Frau gebrochen, denn der Wert, den der Mann angenommen hat, schliesst eine gewisse Verpflichtung in sich; er ist jetzt nicht mehr der allein Vorleistende und ein Forderungsrecht liegt auch auf der anderen Seite.

Es ist ferner behauptet worden, dass der Erwerb der Frauen durch Arbeitsleistungen eine höhere Eheform darstellt als die durch direkten Kauf.

Es scheint indes, dass dieselbe die ältere und unkultiviertere sei, was freilich nicht hindern würde, dass sie mit einer besseren Behandlung der Frauen verbunden ist.

Denn überhaupt hat gerade die vorgeschrittenere und geldmässige Wirtschaft die Lage dieser wie der Schwächeren überhaupt vielfach verschlimmert.

Unter den jetzigen Naturvölkern finden wir beide Formen manchmal bei einem und demselben nebeneinander.

Diese letztere Tatsache beweist, dass ein wesentlicher Unterschied für die Behandlung der Frauen nicht besteht, wenngleich im grossen und ganzen das Einsetzen eines so persönlichen Wertes, wie die Dienstleistung ist, den Erwerb der Frau doch in ganz anderer Weise über den eines Sklaven stellen muss, wie ihr Kauf für Geld oder substanziellen Geldeswert.

Nun gilt auch hier das allenthalben Hervorzuhebende: dass die Herabdrückung und Entwürdigung menschlichen Wertes durch solches Erkauftwerden eine geringere wird, wenn die Kaufsummen sehr gross sind.

Denn in sehr hohen Summen besitzt der Geldeswert eine Seltenheit, die ihn individueller, unverwechselbarer färbt und ihn dadurch zum Äquivalent personaler Werte geeigneter macht.

Bei den Griechen der heroischen Zeit finden sich Geschenke des Bräutigams an den Vater der Braut - die freilich keinen eigentlichen Kauf darzustellen scheinen - während die Stellung der Frauen eine ganz besonders gute ist.

Allein es wird hervorgehoben, dass diese Gaben relativ sehr erhebliche waren.

So herabsetzend es wirkt, wenn entweder die Innerlichkeit oder die Totalität des Menschen gegen Geld eingesetzt (>411) wird, so kann doch, wie spätere Beispiele noch stärker beweisen werden, eine ungewöhnliche Höhe der ins Spiel kommenden Summen eine Art Ausgleichung, insbesondere in Rücksicht der sozialen Stellung des Betreffenden, schaffen.

So hören wir, dass Eduard II. und III. ihre Freunde als Geiseln für die Rückzahlung ihrer Schulden fortgaben und 1340 sollte sogar der Erzbischof von Canterbury als Pfand - nicht als Bürge - für die Schulden des Königs nach Brabant verschickt werden.

Die Grösse der Summen, um die es sich hier handelte, wehrte von vornherein die Deklassierung ab, die durch ein derartiges Einsetzen von Personen um Geld auf diese, wenn es sich um Lappalien gehandelt hätte, gefallen wäre.

Der Übergang von dem Prinzip der Kaufehe, das wohl bei der Mehrzahl der Völker irgendwann geherrscht hat, zu dem entgegengesetzten: dem Prinzip der Mitgift, ist wahrscheinlich, wie angedeutet, so zustande gekommen, dass die Gaben des Bräutigams seitens der Eltern an die Braut weiter gegeben wurden, der man damit eine gewisse ökonomische Selbständigkeit sichern wollte; die Ausstattung der Frau durch die Eltern blieb dann bestehen und entwickelte sich weiter, auch nachdem ihr Ursprung, die vom Manne gezahlte Kaufsumme, in Wegfall gekommen war.

Es interessiert hier nicht, diese sehr ungenau bekannte Evolution zu verfolgen.

Aber man kann doch wohl behaupten, dass die Verallgemeinerung der Mitgift mit der steigenden Geldwirtschaft beginnt.

Das mag so zusammenhängen. In den roheren Zuständen, wo der Frauenkauf herrscht, ist die Frau nicht nur ein Arbeitstier - das ist sie meistenteils auch noch später -sondern ihre Arbeit ist noch nicht in dem spezifischen Sinne »häuslich«, wie die der Frau in der Geldwirtschaft, die wesentlich die Konsumtion des männlichen Erwerbes innerhalb des Hauses zu leiten hat.

So weit ist in jenen Epochen die Arbeitsteilung noch nicht vorgeschritten, die Frau beteiligt sich unmittelbarer an der Produktion und stellt deshalb für ihren Besitzer einen viel greifbareren wirtschaftlichen Wert dar als später.

Noch aus ganz später Zeit wird dieser Zusammenhang gelegentlich bestärkt: während Macauley in der Verrichtung der hauptsächlichen Feldarbeit in Schottland durch Frauen einen barbarischen Tiefstand des weiblichen Geschlechts erblickte, ist gerade von einem genauen Kenner betont worden, dass dies ihnen einen gewissen Grad von Unabhängigkeit und Ansehen bei den Männern gebe.

Dazu kommt, dass in primitiven Verhältnissen die Kinder direkten wirtschaftlichen Wert für den Vater besitzen, während sie in höheren oft eine wirtschaftliche Last sind.

Der ursprüngliche Besitzer, der Vater oder der Stamm, hat keinen Grund, diesen Wert einem anderen ohne Entgelt zu überlassen.

Auf dieser Stufe (>412) erwirbt die Frau nicht nur ihren eigenen Unterhalt, sondern der Mann kann ihren Kaufpreis aus ihrer Arbeit unmittelbar herausschlagen.

Das ändert sich, sobald die Wirtschaft ihren familienhaften Charakter und der Konsum seine Beschränkung auf die Eigenproduktion verliert.

Damit scheiden sich die ökonomischen Interessen, vom Hause aus betrachtet, in eine zentrifugale und eine zentripetale Richtung.

Die Produktion für den Markt und die Hauswirtschaft beginnen ihre Gegensätze, durch das Geld ermöglicht, zu entfalten und damit die schärfere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern einzuleiten.

Aus sehr naheliegenden Ursachen fällt der Frau die nach innen, dem Manne die nach aussen gewandte Tätigkeit zu, und die erstere wird mehr und mehr eine Verwaltung und Verwendung der Erträgnisse der letzteren.

Damit verliert der wirtschaftliche Wert der Frau sozusagen seine Substanzialität und Sinnenfälligkeit, sie erscheint jetzt als die Unterhaltene, die von der Arbeit des Mannes lebt.

Es fällt also nicht nur der Grund fort, einen Preis für sie zu fordern und zu bewilligen, sondern sie ist - wenigstens für die gröbere Betrachtungsweise - eine Last, die der Mann auf sich nimmt und die er zu versorgen hat.

So ist das Fundament für die Mitgift geschaffen, die sich demzufolge immer umfassender ausbilden muss, je mehr die Tätigkeitssphären von Mann und Frau sich in dem angegebenen Sinne scheiden.

Unter einem Volke wie den Juden, bei denen auf Grund eines unruhigeren Temperamentes und anderer Ursachen die Männer sehr beweglich und, als notwendiges Korrelat dazu, die Frauen strenger auf das Haus angewiesen waren, finden wir die Mitgift als gesetzliche Vorschrift sogar schon vor ausgebildeter Geldwirtschaft, die sonst ihrerseits auf das gleiche Resultat führt.

Sie erst ermöglicht der Produktion jene objektive Technik, jene Ausbreitung, jenen Beziehungsreichtum und zugleich jene arbeitsteilige Einseitigkeit, durch welche der frühere Indifferenzzustand von häuslichen Interessen und Erwerbsinteressen gespalten und ein besonderer Träger für diese, ein besonderer für jene verlangt wird.

Wer das eine und das andere sein soll, kann zwischen Mann und Frau nicht zweifelhaft sein; und ebensowenig, dass damit der Brautpreis, für den der Mann die Produktivkraft der Frau gekauft hat, der Mitgift Platz machen muss, die ihn für den Unterhalt der nicht produzierenden Frau entschädigt oder die der Frau eine Unabhängigkeit und Sicherheit neben dem erwerben-den Manne gewähren soll.

Durch diesen engen Zusammenhang, den die Mitgift bei der Geldwirtschaft mit der ganzen Konstitution des Ehelebens hat - sei es um den Mann, sei es um die Frau zu sichern - ist es verständlich, dass schliesslich sowohl in Griechenland wie in Rom die Mitgift (>413) zum Kennzeichen der legitimen Gattin wurde, in ihrem Gegensatz zur Konkubine, die keinen weiteren Anspruch an den Mann hat, so dass dieser weder für einen solchen entschädigt, noch sie selber für den Fall der Nichterfüllung desselben sichergestellt zu werden braucht.

Und dies leitet zur Prostitution über, die die Bedeutung des Geldes für das Verhältnis der Geschlechter wieder in ein neues Licht stellt.

Während alle gelegentlich des Eheschlusses erfolgenden Gaben des Mannes für die Frau oder an die Frau selbst - so auch die Morgengabe und das pretium virginitatis - ebensogut als Natural- wie als Geldgeschenk auftreten können und auftreten, entspricht der unehelichen Hingabe, für die überhaupt ein Preis gezahlt wird, in der Regel die Geldform desselben.

Nur die Transaktion um Geld trägt jenen Charakter einer ganz momentanen Beziehung, die keine Spuren hinterlässt, wie er der Prostitution eigen ist.

Mit der Hingabe von Geld hat man sich vollständiger aus der Beziehung gelöst, sich radikaler mit ihr abgefunden, als mit der Hingabe irgendeines qualifizierten Gegenstandes, an dem durch seinen Inhalt, seine Wahl, seine Benützung leichter ein Hauch der gebenden Persönlichkeit haften bleibt.

Der momentan aufgegipfelten und ebenso momentan verlöschenden Begierde, der die Prostitution dient, ist allein das Geldäquivalent angemessen, das zu nichts verbindet und prinzipiell in jedem Augenblick zur Hand ist und in jedem Augenblick willkommen ist.

Für ein Verhältnis zwischen Menschen, das seinem Wesen nach auf Dauer und innere Wahrheit der verbindenden Kräfte angelegt ist - wie das wirkliche Liebesverhältnis, so schnell es auch abgebrochen werde - ist das Geld niemals der adäquate Mittler; für den käuflichen Genuss, der jede über den Augenblick und über den ausschliesslich sinnlichen Trieb hinausgehende Beziehung ablehnt, leistet das Geld, das sich mit seiner Hingabe absolut von der Persönlichkeit löst und jede weitere Konsequenz am gründlichsten abschneidet, den sachlich und symbolisch vollkommensten Dienst - indem man mit Geld bezahlt hat, ist man mit jeder Sache am gründlichsten fertig, so gründlich, wie mit der Prostituierten nach erlangter Befriedigung.

Dadurch, dass die Beziehung der Geschlechter innerhalb der Prostitution ganz unzweideutig auf den sinnlichen Akt beschränkt ist, wird sie auf ihren rein gattungsmässigen Inhalt herabgesetzt; sie besteht in demjenigen, was jedes Exemplar der Gattung leisten und empfinden kann und worin sich die sonst entgegengesetztesten Persönlichkeiten begegnen und alle individuellen Differenzen aufgehoben erscheinen.

Das ökonomische Seitenstück für diese Art von Beziehungen ist deshalb das Geld, das gleichfalls, jenseits aller individuellen Bestimmtheit stehend, gleichsam den Gattungstypus der ökonomischen (>414) Werte bedeutet, die Darstellung dessen, was allen einzelnen Werten gemein ist.

So empfindet man auch umgekehrt am Wesen des Geldes selbst etwas vom Wesen der Prostitution.

Die Indifferenz, in der es sich jeder Verwendung darbietet, die Treulosigkeit, mit der es sich von jedem Subjekt löst, weil es mit keinem eigentlich verbunden war, die jede Herzensbeziehung ausschliessende Sachlichkeit, die ihm als reinem Mittel eignet - alles dies stiftet eine verhängnisvolle Analogie zwischen ihm und der Prostitution.

Wenn Kant als Moralgebot aufstellt, man solle niemals einen Menschen als blosses Mittel gebrauchen, sondern ihn jederzeit zugleich als Zweck anerkennen und behandeln - so zeigt die Prostitution das absolut entgegengesetzte Verhalten, und zwar auf beiden beteiligten Seiten.

So ist sie von allen Verhältnissen der Menschen untereinander vielleicht der prägnanteste Fall einer gegenseitigen Herabdrückung zum blossen Mittel; und dies mag das stärkste und tiefste Moment sein, das sie in so enge historische Verbindung mit der Geldwirtschaft, der Wirtschaft mit »Mitteln« im striktesten Sinne, setzt.

Hierauf gründet es sich, dass die fürchterliche, in der Prostitution liegende Entwürdigung in ihrem Geldäquivalent den schärfsten Ausdruck findet.

Sicherlich bezeichnet es den Tiefpunkt der Menschenwürde, wenn eine Frau das Intimste und Persönlichste, das nur aus einem ganz individuellen Impuls geopfert und nur mit der gleichen personalen Hingabe des Mannes - so sehr diese eine andere Bedeutung haben dürfte als die der Frau - aufgewogen werden sollte, gerade um einer so ganz unpersönlichen, rein äusserlich-sachlichen Vergeltung willen dahingibt.

Wir empfinden hier die völligste und peinlichste Unangemessenheit zwischen Leistung und Gegenleistung; oder vielmehr, das eben ist die Erniedrigung durch die Prostitution, dass sie den persönlichsten und auf die grösste Reserve angewiesenen Besitz der Frau so herabsetzt, dass der allerneutralste, allem Persönlichen fernste Wert als angemessenes Äquivalent für ihn empfunden wird.

Diese Charakterisiertheit der Prostitution durch die Geldentlohnung trifft indes auf einige gegenteilige Überlegungen, die erörtert werden müssen, um jene Bedeutung des Geldes ganz scharf hervortreten zu lassen.

Der ganz personale, intim-individuelle Charakter, den die sexuelle Hingabe der Frau tragen soll, scheint mit der oben betonten Tatsache nicht recht übereinzustimmen, dass die bloss sinnliche Beziehung zwischen den Geschlechtern rein generellen Wesens sei, dass in ihr, als dem absolut Allgemeinen, und uns sogar mit dem Tierreich Gemeinsamen, gerade alle Personalität und individuelle Innerlichkeit ausgelöscht wäre.

Wenn die Männer so sehr geneigt sind, über die (>415) Frauen »im Plural« zu sprechen, über sie in Bausch und Bogen und alle gleichsam in einen Topf werfend zu urteilen, so ist allerdings einer der Gründe dafür sicherlich auch der, dass dasjenige, was insbesondere die Männer von roherer Sinnlichkeit an den Frauen interessiert, eben dasselbe an der Schneiderin wie an der Prinzessin ist.

So scheint es ausgeschlossen, gerade in dieser Funktion einen eigentlichen Persönlichkeitswert zu finden; alle anderen von ähnlicher Allgemeinheit: Essen und Trinken, die regulären physiologischen, ja psychologischen Tätigkeiten, der Trieb der Selbsterhaltung und die typisch-logischen Funktionen, werden niemals mit der Persönlichkeit als solcher in solidarische Verbindung gesetzt, niemals empfindet man, dass jemand gerade in der Ausübung oder Darbietung dessen, was ihm mit allen Anderen ununterscheidbar gemeinsam ist, sein Innerstes, Wesentliches, Umfassendstes äussere oder fortgebe.

Dennoch liegt bei der geschlechtlichen Hingabe der Frau diese Anomalie unleugbar vor: dieser ganz generelle, für alle Schichten der Menschen gleichmässige Akt wird tatsächlich - wenigstens für die Frau - zugleich als ein allerpersönlichster, ihr Innerliches einschliessender empfunden.

Dies kann verständlich werden, wenn man sich der Meinung anschliesst, dass die Frauen überhaupt noch tiefer in den Gattungstypus eingesenkt sind als die Männer, von denen sich der Einzelne differenzierter und individualisierter aus jenem heraushebt.

Daraus würde zunächst folgen, dass bei der Frau das Gattungsmässige und das Persönliche eher zusammenfallen kann.

Hängen die Frauen wirklich noch enger und tiefer als der Mann mit dem dunkeln Urgrund der Natur zusammen, so wurzelt ihr Wesentlichstes und Persönlichstes eben auch noch kräftiger in jenen natürlichsten, allgemeinsten, die Einheit der Art garantierenden Funktionen.

Und es folgt weiter, dass jene Einheitlichkeit des weiblichen Geschlechts, die das, was allen gemeinsam ist, weniger scharf von dem, was jede für sich ist, unterscheidet - dass diese sich in der grösseren Einheitlichkeit des Wesens jeder einzelnen Frau für sich spiegeln muss.

Die Erfahrung scheint zu bestätigen, dass die einzelnen Kräfte, Qualitäten, Impulse der Frau psychologisch unmittelbarer und enger zusammenhängen, als beim Manne, dessen Wesensseiten selbständiger ausgebildet sind, so dass Entwicklung und Schicksal jeder einzelnen von dem jeder anderen relativ unabhängig sind.

Das Wesen der Frau aber lebt - so kann man wenigstens die allgemeine Meinung über sie zusammenfassen - viel mehr unter dem Zeichen des Alles oder Nichts, ihre Neigungen und Betätigungen stehen in engeren Assoziationen, und es gelingt leichter bei ihnen als bei Männern, die Gesamtheit des Wesens mit allen seinen Gefühlen, (>416) Wollungen, Gedanken von einem Punkte aus aufzuregen.

Wenn sich dies so verhält, so liegt eine gewisse Berechtigung in der Voraussetzung, dass die Frau mit dieser einen zentralen Funktion, mit der Hingabe dieses einen Teiles ihres Ich, wirklich ihre ganze Person vollständiger und unreservierter dahingegeben habe, als der differenziertere Mann es bei der gleichen Gelegenheit tut.

Schon auf harmloseren Stufen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau macht sich dieser Unterschied seiner Bedeutung für beide geltend; sogar Naturvölker normieren die Bussen, welche der Bräutigam, bzw. die Braut bei einseitiger Aufhebung des Verlöbnisses zu zahlen haben für beide verschieden, und zwar so, dass z.B. bei den Bakaks diese fünf Gulden, jener aber zehn zu zahlen hat, bei den Bewohnern von Bengkulen der kontraktbrüchige Bräutigam vierzig, die Braut nur zehn Gulden.

Die Bedeutung und die Folgen, welche die Gesellschaft an die sinnliche Beziehung zwischen Mann und Weib knüpft, stehen dementsprechend auch unter der Voraussetzung, dass die Frau ihr ganzes Ich, mit der Gesamtheit seiner Werte, jener dagegen nur einen Teil seiner Persönlichkeit in den Tausch gegeben habe.

Sie spricht deshalb einem Mädchen, das sich einmal vergangen hat, die »Ehre« schlechthin ab, sie verurteilt den Ehebruch der Frau viel härter als den des Mannes, von dem man anzunehmen scheint, dass sich eine gelegentliche, rein sinnliche Extravaganz noch mit der Treue gegen seine Frau in allem Innerlichen und Wesentlichen wenigstens vertragen könne, sie deklassiert die Prostituierte ganz unrettbar, während der schlimmste Wüstling sich noch immer gleichsam an den übrigen Seiten seiner Persönlichkeit aus dem Sumpfe herausziehen und jegliche soziale Stellung erobern kann.

In den rein sinnlichen Akt also, um den es sich bei der Prostitution handelt, setzt der Mann nur ein Minimum seines Ich, die Frau aber ein Maximum ein - freilich nicht in dem einzelnen Fall, wohl aber in allen Fällen zusammengenommen; ein Verhältnis, aus dem sowohl das Zuhältertum wie die als häufig angegebenen Fälle der lesbischen Liebe unter den Prostituierten verständlich werden: weil die Prostituierte aus ihren Beziehungen zu Männern, in welche diese niemals als wirkliche und ganze Menschen eintreten, eine fürchterliche Leere und Unbefriedigtheit davontragen muss, sucht sie eine Ergänzung durch jene Verhältnisse, an denen doch wenigstens noch einige sonstige Seiten des Menschen beteiligt sind.

Weder der Gedanke also, dass der Geschlechtsakt etwas Generelles und Unpersönliches wäre, noch die Tatsache, dass der Mann an demselben, äusserlich betrachtet, ebenso beteiligt ist wie die Frau, kann das behauptete Verhältnis umstossen: dass der Einsatz der Frau ein unendlich persönlicherer, wesentlicherer, (>417) das Ich umfassenderer ist, als der des Mannes, und dass das Geldäquivalent dafür also das denkbar Ungeeignetste und Unangemessenste ist, dessen Geben und Annehmen die tiefste Herabdrückung der Persönlichkeit der Frau bedeutet.

Das Entwürdigende der Prostitution für die Frau liegt an und für sich noch nicht in ihrem polyandrischen Charakter, noch nicht darin, dass sie sich vielen Männern hingibt; eigentliche Polyandrie verschafft sogar der Frau oft ein entschiedenes Übergewicht, z.B. bei der relativ hochstehenden Gruppe der Nairs in Indien.

Allein das hier Wesentliche ist nicht, dass die Prostitution Polyandrie, sondern dass sie Polygynie bedeutet.

Diese eben setzt allenthalben den Eigenwert der Frau unvergleichlich herab: sie verliert den Seltenheitswert.

Äusserlich angesehen, vereinigt die Prostitution ja polyandrische mit polygynischen Verhältnissen.

Allein der Vorsprung, den allenthalben derjenige, der das Geld gibt, vor demjenigen hat, der die Ware gibt, bewirkt es, dass nur die letzteren, die dem Manne ein ungeheures Übergewicht verleihen, der Prostitution den Charakter bestimmen.

Auch in Verhältnissen, die mit Prostitution nicht das geringste zu tun haben, pflegen Frauen es als peinlich und entwürdigend zu finden, Geld von ihren Liebhabern anzunehmen, während dieses Gefühl sich oft auf gegenständliche Geschenke nicht erstreckt; wogegen es ihnen selbst Vergnügen und Genugtuung ist, jenen ihrerseits Geld zu geben; man sagte von Marlborough, der Grund seiner Erfolge bei Frauen sei gewesen, dass er Geld von ihnen angenommen habe.

Die eben hervorgehobene Überlegenheit dessen, der das Geld gibt, über den, der es nimmt, eine Überlegenheit, die sich im Falle der Prostitution zu dem fürchterlichsten sozialen Abstand erweitert, bereitet in diesem umgekehrten Falle der Frau die Genugtuung, denjenigen von sich abhängig zu sehen, zu dem sie sonst aufzublicken gewohnt ist.

Nun aber begegnet uns die auffällige Tatsache, dass in vielen primitiveren Kulturen die Prostitution gar nicht als entwürdigend oder deklassierend empfunden wird.

Es wird ebenso aus dem alten Asien berichtet, dass sich die Mädchen aller Klassen prostituieren, um eine Aussteuer oder eine Darbringung an den Tempelschatz zu erwerben, wie wir jetzt von gewissen Negerstämmen dieselbe Sitte um des ersteren Zweckes willen hören.

Die Mädchen, zu denen in diesem Falle oft auch die Fürstentöchter gehören, verlieren weder in der öffentlichen Achtung, noch wird ihr späteres eheliches Leben dadurch in irgendeiner Weise präjudiziert.

Dieser tiefe Unterschied gegen unsere Empfindungsweise bedeutet, dass die beiden Faktoren: weibliche Sexualehre und Geld - in prinzipiell verschiedenen Verhältnissen stehen müssen.

Markiert sich die Stellung der Prostitution (>418) bei uns an dem unüberbrückbaren Abstand, der völligen Inkommensurabilität zwischen jenen beiden Werten, so müssen dieselben in Verhältnissen, die eine ganz andere Ansicht von der Prostitution zeitigen, näher aneinander gerückt sein.

Dies entspricht den Resultaten, zu denen die Entwicklung des Wergeldes, der Geldbusse für die Tötung eines Menschen, geführt hat.

Die steigende Wertung der Menschenseele und die sinkende Wertung des Geldes begegneten sich, um das Wergeld unmöglich zu machen.

Ebenderselbe Kulturprozess der Differenzierung, der dem Individuum eine besondere Betonung, eine relative Unvergleichbarkeit und Unaufwiegbarkeit verschafft, macht das Geld zum Massstab und Äquivalent so entgegengesetzter Objekte, dass seine dadurch entstehende Indifferenz und Objektivität es zum Ausgleich personaler Werte immer ungeeigneter erscheinen lässt.

Jene Unverhältnismässigkeit zwischen Ware und Preis, die der Prostitution in unserer Kultur ihren Charakter gibt, besteht in niederen noch nicht im gleichen Masse.

Wenn Reisende von sehr vielen rohen Stämmen berichten, dass die Frauen eine auffallende körperliche, oft auch geistige Ähnlichkeit mit den Männern zeigen, so fehlt ihnen eben jene Differenzierung, die der höher kultivierten Frau und ihrer Sexualehre selbst dann einen nicht mit Geld aufzuwiegenden Wert verleiht, wenn sie im Vergleich mit den Männern desselben Kreises als weniger differenziert und tiefer im Gattungstypus wurzelnd erscheint.

Die Beurteilung der Prostitution zeigt so genau dieselbe Entwicklung, die man an der Kirchenbusse und am Blutgeld beobachten kann: die Totalität des Menschen wie seine inneren Werte sind in primitiven Epochen relativ unindividuellen Charakters, das Geld dagegen wegen seiner Seltenheit und geringen Verwendung relativ individueller.

Indem die Entwicklung beides auseinandertreibt, macht sie das Aufwiegen des einen durch das andere entweder unmöglich oder, wo es doch weiterbesteht, wie in der Prostitution, führt es zu einer furchtbaren Herabdrückung des Persönlichkeitswertes.

Von dem weiten Komplex von Erwägungen über die »Geldheirat«, die sich dem anschliessen, scheinen mir die drei folgenden für die hier behandelte Bedeutungsentwicklung des Geldes wichtig.

Heiraten, bei denen die ökonomischen Motive die allein wesentlichen sind, hat es nicht nur zu jeder Zeit und auf jeder Kulturstufe gegeben, sondern sie sind gerade in primitiveren Gruppen und Verhältnissen ganz besonders häufig, so dass sie in solchen keinerlei Anstoss zu erregen pflegen.

Die Herabsetzung der persönlichen Würde, die heute mit jeder nicht aus individueller Neigung geschlossenen Ehe gegeben ist - so dass die schamhafte Verhüllung des ökonomischen Motives (>419) als Anstandspflicht erscheint - wird in jenen einfacheren Kulturverhältnissen nicht empfunden.

Der Grund dieser Entwicklung ist, dass die steigende Individualisierung es immer widerspruchsvoller und unwürdiger macht, rein individuelle Verhältnisse aus anderen als rein individuellen Gründen einzugehen; denn unter den sozialen Momenten der Ehe steht heute nicht mehr die Personenwahl (ausser soweit sich der Gedanke der Nachkommenschaft als ein solches zeigen wird), diese vielmehr gehört ihrer bloss individuellen, nach innen gerichteten Seite an, soweit die Gesellschaft nicht etwa auf Standesgleichheit der Gatten hält - was immerhin eine grosse Latitude gibt und nur selten zu Konflikten zwischen dem individuellen und dem sozialen Interesse zu führen pflegt.

In einer Gesellschaft mit relativ undifferenzierten Elementen mag es ebenso relativ gleichgültig sein, welches Paar sich zusammentut - gleichgültig nicht nur für das Zusammenleben der Gatten selbst, sondern auch für die Nachkommenschaft: denn wo im ganzen die Konstitutionen, der Gesundheitszustand, das Temperament, die inneren und äusseren Lebensformen und -richtungen in der Gruppe übereinstimmen, da wird das Geraten der Nachkommenschaft nicht von einer so diffizilen Auswahl des zueinander passenden und einander ergänzenden Elternpaares abhängen, wie in einer hoch differenzierten Gesellschaft.

Deshalb ist es in jener durchaus natürlich und zweckmässig, die Ehewahl noch durch andere Gründe, als solche rein individueller Herzensneigung bestimmen zu lassen.

Wohl aber sollten solche in einer stark individualisierten Gesellschaft den Ausschlag geben, in der das Zueinanderpassen je zweier Individuen immer seltener wird: die abnehmende Heiratsfrequenz, die sich allenthalben in sehr verfeinerten Kulturverhältnissen findet, ist sicher teilweise dadurch veranlasst, dass äusserst differenzierte Menschen überhaupt schwer die völlig sympathische Ergänzung ihrer selbst finden.

Nun aber besitzen wir für diese absolut kein anderes Kriterium und Zeichen als die gegenseitige instinktive Zuneigung.

Da das bloss persönliche Glück ein Interesse ist, das schliesslich die Ehegatten mit sich allein auszumachen haben, so wäre zu jener streng durchgeführten offiziellen Erheuchelung des erotischen Motives keine zwingende Veranlassung, wenn die jetzige Gesellschaft nicht wegen des Geratens der Nachkommenschaft eigentlich auf der Alleinherrschaft dieses Motives bestehen müsste.

Denn so häufig dasselbe auch täuschen mag - und zwar besonders in höheren Verhältnissen, deren Komplikationen gerade die reinsten Instinkte sich oft nicht gewachsen zeigen - und so sehr ein gedeihlicher Ausgang noch anderweitige Bedingungen dazu erfordert, so ist es in seinem Erfolge für die Züchtung jedenfalls dem durch den (>420) Geldbesitz gegebenen Auswahlmomente unendlich überlegen, ja ihm gegenüber das schlechthin und einzig richtige.

Die Geldheirat schafft direkt den Zustand der Panmixie - der auswahllosen, ohne Rücksicht auf die individuellen Qualitäten stattfindenden Paarung -, den die Biologie als die Veranlassung der unmittelbarsten und verderblichsten Entartung der Gattungen nachgewiesen hat.

In der Geldheirat wird die Vereinigung des Paares durch ein Moment bestimmt, das mit der Rassenzweckmässigkeit absolut nichts zu tun hat - gerade wie die Rücksicht auf Geld auch die eigentlich zusammengehörigen Paare oft genug auseinander hält -, und man muss sie in demselben Masse als ein Degenerationsmoment betrachten, in dem die entschiedenere Differenziertheit der Individuen gerade die Auswahl nach individuellem Zusammenpassen immer wichtiger macht.

Es ist also auch in diesem Fall nichts anderes, als die gestiegene Individualisiertheit innerhalb der Gesellschaft, die das Geld zu einem immer ungeeigneteren Vermittler rein individueller Beziehungen macht.

Zweitens. Es wiederholt sich hier, in sehr veränderter Form, die Beobachtung über die Prostitution: dass sie zwar ebenso Polyandrie wie Polygynie ist, dass aber durch die soziale Übermacht des Mannes ausschliesslich die Folgen des polygynischen, also die Frau deklassierenden Momentes in ihr wirksam werden.

Es scheint nämlich, als müsste die Geldheirat als eine chronische Prostituierung, den durch das Geld bewogenen Teil, ob das nun der Mann oder die Frau ist, immer gleichmässig innerlich entwürdigen.

Allein normalerweise ist das nicht der Fall.

Indem die Frau sich verheiratet, gibt sie allermeistens in dieses Verhältnis die Gesamtheit ihrer Interessen und Energien hin, sie setzt ihre Persönlichkeit, Zentrum und Peripherie, restlos ein; während nicht nur die Sitte auch dem verheirateten Manne eine viel grössere Bewegungsfreiheit einräumt, sondern er, den wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit, den der Beruf okkupiert, von vornherein nicht in die eheliche Beziehung hineingibt.

Wie das Verhältnis der Geschlechter in unserer Kultur nun einmal liegt, verkauft der Mann, der um des Geldes willen heiratet, nicht so viel von sich, wie die Frau, die es aus demselben Grunde tut.

Da sie mehr dem Manne gehört als er ihr, so ist es für sie verhängnisvoller, ohne Liebe in die Ehe zu treten.

Ich möchte deshalb glauben - hier muss die psychologische Konstruktion an die Stelle hinreichender Empirie treten - dass die Geldheirat ihre tragischsten Folgen im wesentlichen, und besonders, wenn feinere Naturen in Frage kommen, da entwickelt, wo die Frau die gekaufte ist.

Hier wie in sehr vielen anderen Fällen zeigt es sich als die Eigentümlichkeit der durch Geld gestifteten (>421) Beziehungen, dass ein eventuelles Übergewicht der einen Partei zu seiner gründlichsten Ausnützung, ja Steigerung neigt.

Von vornherein ist dies freilich die Tendenz jeglichen Verhältnisses dieser Art.

Die Stellung des primus inter pares wird sehr leicht die eines primus schlechthin, der einmal gewonnene Vorsprung, auf welchem Gebiete immer, bildet die Stufe zu einem weiteren, den Abstand steigernden, der Gewinn begünstigter Sonderstellungen ist oft um so leichter, je höher man schon steht; kurz, Überlegenheitsverhältnisse pflegen sich in wachsenden Proportionen zu entwickeln, und die »Akkumulation des Kapitals« als eines Machtmittels ist nur ein einzelner Fall einer sehr umfassenden Norm, die auch auf allen möglichen, nicht-ökonomischen Machtgebieten gilt.

Nun enthalten diese aber vielfach gewisse Kautelen und Gegengewichte, welche jener lawinenhaften Entwicklung der Überlegenheiten Schranken setzen; so die Sitte, die Pietät, das Recht, die mit der inneren Natur der Interessengebiete gegebenen Grenzen für die Expansion der Macht.

Das Geld aber, mit seiner unbedingten Nachgiebigkeit und Qualitätlosigkeit, ist am wenigsten geeignet, einer solchen Tendenz Einhalt zu tun.

Wo ein Verhältnis, in dem Übergewicht und Vorteil von vornherein auf der einen Seite ist, von einem Geldinteresse ausgeht, wird es deshalb unter übrigens gleichen Umständen sich viel weitgehender, radikaler, einschneidender in seiner Richtung weiterentfalten können, als wenn andere Motive, sachlich bestimmter und bestimmender Art, ihm zugrunde liegen.

Drittens. Der Charakter der Geldheirat tritt sehr deutlich gelegentlich einer ganz partikularen Erscheinung: der Heiratsannonce, hervor.

Dass die Heiratsannonce eine so sehr geringe und auf die mittlere Gesellschaftsschicht beschränkte Anwendung findet, könnte verwunderlich und bedauerlich erscheinen.

Denn bei aller hervorgehobenen Individualisierung der modernen Persönlichkeiten und der daraus hervorgehenden Schwierigkeit der Gattenwahl gibt es doch wohl noch für jeden noch so differenzierten Menschen einen entsprechenden des anderen Geschlechtes, mit dem er sich ergänzt, an dem er den »richtigen« Gatten fände.

Die ganze Schwierigkeit liegt nur darin, dass die so gleichsam für einander Prädestinierten sich zusammenfinden.

Die Sinnlosigkeit von Menschenschicksalen kann sich nicht tragischer zeigen, als in der Ehelosigkeit oder den unglücklichen Ehen zweier einander fremder Menschen, die sich nur hätten kennen zu lernen brauchen, um aneinander jedes mögliche Glück zu gewinnen.

Kein Zweifel, dass die vollendete Ausbildung der Heiratsannonce das blinde Geratewohl dieser Verhältnisse rationalisieren könnte, wie die Annonce überhaupt dadurch einer der grössten (>422) Kulturträger ist, dass sie dem Einzelnen eine unendlich höhere Chance adäquater Bedürfnisbefriedigung verschafft, als wenn er auf die Zufälligkeit des direkten Auffindens der Objekte angewiesen wäre.

Gerade die gesteigerte Individualisierung der Bedürfnisse macht die Annonce, als Erweiterung des Kreises von Angeboten, durchaus erforderlich.

Wenn dennoch gerade in den Schichten der differenzierteren Persönlichkeiten, die prinzipiell am meisten auf die Heiratsannonce angewiesen scheinen, dieselbe gar nicht in Frage kommt, so muss diese Perhorreszierung einen ganz positiven Grund haben.

Verfolgt man nun die tatsächlich erscheinenden Heiratsannoncen so sieht man, dass darin die Vermögensverhältnisse der Suchenden oder Gesuchten den eigentlichen, wenn auch manchmal verhüllten Zentralpunkt des Interesses bilden. - Und das ist sehr begreiflich.

Alle andern Qualitäten der Persönlichkeit nämlich lassen sich in einer Annonce nicht mit irgendwelcher genauen oder überzeugenden Bestimmtheit angeben.

Weder die äussere Erscheinung, noch der Charakter, weder das Mass von Liebenswürdigkeit, noch von Intellekt können leicht so beschrieben werden, dass ein unzweideutiges und das individuelle Interesse erregendes Bild entsteht.

Das Einzige, was in allen Fällen mit völliger Sicherheit bezeichnet werden kann, ist der Geldbesitz der Personen, und es ist ein unvermeidlicher Zug des menschlichen Vorstellens, unter mehreren Bestimmungen eines Objektes diejenige, welche mit der grössten Genauigkeit und Bestimmtheit anzugeben oder zu erkennen ist, auch für die sachlich erste und wesentlichste gelten zu lassen.

Dieser eigentümliche, sozusagen methodologische Vorzug des Geldbesitzes macht die Heiratsannonce gerade für diejenigen Stände, welche ihrer eigentlich am dringendsten bedürften, dadurch unmöglich, dass er ihr das Eingeständnis des blossen Geldinteresses aufprägt.

Es macht sich übrigens für die Prostitution auch die Erscheinung geltend, dass das Geld über eine gewisse Quantität hinaus seine Würdelosigkeit und Unfähigkeit, individuelle Werte aufzuwiegen, verliert.

Der Abscheu, den die moderne »gute« Gesellschaft vor der Prostituierten hegt, ist um so entschiedener, je elender und ärmlicher diese ist, und mindert sich mit der Höhe des Preises, um welchen sie sich verkauft, bis sie schliesslich die Schauspielerin, von der jedermann weiss, dass sie von einem Millionär ausgehalten wird, oft genug in ihre Salons aufnimmt; während ein solches Frauenzimmer vielleicht viel blutsaugerischer, betrügerischer, innerlich verkommener ist, als manche Strassendirne.

Hierzu wirkt schon die allgemeine Tatsache, dass man die grossen Diebe laufen lässt und die kleinen hängt, und dass der grosse Erfolg als solcher, relativ unabhängig von seinem (>423) Gebiet und Inhalt, einen gewissen Respekt erzeugt.

Allein das Wesentliche und der tiefere Grund ist doch, dass der Verkaufspreis durch seine exorbitante Höhe dem Verkaufsobjekte die Herabdrückung erspart, die ihm sonst die Tatsache des Verkauftwerdens überhaupt bereitet.

Zola spricht in einer seiner Schilderungen aus dem zweiten Kaiserreich von der Frau eines hochgestellten Mannes, die bekanntermassen für 100-200'000 Francs zu haben war.

Er erzählt in dieser Episode, der sicher eine historische Tatsache zu-grunde liegt, dass diese Frau nicht nur selbst in den vornehmsten Kreisen verkehrte, sondern dass es ein besonderes Renommee in der »Gesellschaft« verschafft habe, als ihr Geliebter bekannt zu sein.

Die Kurtisane, die sich für einen sehr hohen Preis verkauft, erhält damit »Seltenheitswert« - denn nicht nur werden die Dinge hoch bezahlt, die Seltenheitswert besitzen, sondern auch umgekehrt erhalten ihn diejenigen Objekte, die aus irgendeinem sonstigen Grunde, sei es auch nur aus einer Laune der Mode, einen hohen Preis erzielen.

Wie viele andere Gegenstände, ist auch die Gunst mancher Kurtisane nur deshalb sehr geschätzt und von vielen gesucht worden, weil sie den Mut hatte, ganz ungewöhnliche Preise zu fordern.

- Von einer entsprechenden Grundlage muss die englische Rechtsprechung ausgehen, wenn sie dem Ehemann einer verführten Frau eine Geldentschädigung zuspricht.

Es gibt nichts, was unserem Gefühl mehr widerspräche, als dieses Verfahren, das den Ehemann zum Zuhälter seiner Frau herabdrückt.

Allein diese Bussen sind ausserordentlich hoch; ich weiss von einem Fall, in dem die Frau mit mehreren Männern Verhältnisse angeknüpft hatte, und jeder derselben zu einer Entschädigung von 50'000 Mark an den Ehemann verurteilt wurde.

Es scheint, dass man auch hier durch die Höhe der Summe die Niedrigkeit des Prinzips, einen derartigen Wert überhaupt durch Geld aufwiegen zu lassen, ausgleichen, ja dass man in sehr naiver Weise durch die Höhe der Summe gerade den Respekt vor dem Ehemann, je nach seiner sozialen Stellung, ausdrücken wollte: wenigstens wirft der Verfasser der Juniusbriefe einem Richter heftig vor, dass er in einem solchen Prozess, der einen Prinzen und eine Lordsgemahlin betraf, bei der Entschädigung den Rang des verletzten Gemahls ganz ausser acht gelassen habe! - Dieser Gesichtspunkt zeigt seine Bedeutung am auffälligsten bei dem »Kauf« eines Menschen im sprachgebräuchlichsten Sinn dieses Wortes: bei der Bestechung.

Zu der Erörterung derselben, in ihrer spezifisch geldmässigen Form, gehe ich jetzt über.

Schon der Diebstahl oder der Betrug um kleine Summen ist, nach der herrschenden sozialen Moral, um vieles verächtlicher als der Diebstahl grosser. (>424)

Das hat in gewissem Sinne seine Berechtigung, nämlich wenn es sich um Personen in relativ guter ökonomischer Lage handelt.

Dann schliesst man nämlich, dass die Seele, die nicht einmal einer so kleinen Versuchung widerstehen kann, eine besonders elende und schwache sein muss, während einer sehr erheblichen zu unterliegen, immerhin auch einer stärkeren begegnen möchte! Entsprechend gilt das Bestochenwerden - der Verkauf der Pflicht oder der Überzeugung - als um so gemeiner, durch eine je kleinere Summe es geschieht.

So wird die Bestechung tatsächlich als ein Kauf der Persönlichkeit empfunden, die danach rangiert, ob sie überhaupt »unbezahlbar« ist, ob sie teuer oder ob sie billig fortgegeben wird.

Die soziale Schätzung erscheint hier in ihrer Richtigkeit dadurch garantiert, dass sie nur der Reflex der Eigenschätzung des Subjektes ist.

Aus dieser Beziehung der Bestechung zur ganzen Persönlichkeit stammt jene eigentümliche Würde, die der Bestechliche zu bewahren oder wenigstens zu markieren pflegt, und die entweder als Unzugänglichkeit für kleine Summen auftritt, oder, wo nicht einmal diese besteht, als eine gewisse Grandezza, eine Strenge und Überlegenheit des Benehmens, die den Geber in die Rolle eines Empfangenden herabzudrücken scheint.

Dieses äussere Gebaren soll die Persönlichkeit als eine unangreifbare, in ihrem Werte gefestete darstellen, und so sehr es eine Komödie ist, wirft es doch, insbesondere da die andere Partei wie durch eine stillschweigende Konvention darauf einzutreten pflegt, einen gewissen Reflex nach innen und schützt den Bestechlichen vor jener Selbstvernichtung und Selbstentwertung, die dem Einsatz seines Persönlichkeitswertes für eine Geldsumme sonst folgen müsste.

Bei den alten Juden und jetzt noch oft im Orient findet Kauf und Verkauf unter der Höflichkeitsformel statt, dass der Käufer den Gegenstand als Geschenk annehmen möge.

Also sogar bei so legitimen Transaktionen scheint es, als ob die eigentümliche Würde des Orientalen auf ein Verstecken des eigentlichen Geldinteresses hinwirkte.

Das derartige Verhalten des Bestechlichen und die ganze Tatsache der Bestechlichkeit überhaupt wird durch nichts so erleichtert und ausgedehnt, als durch die Geldform derselben.

Ganz prinzipiell ermöglicht das Geld eine Heimlichkeit, Unsichtbarkeit, Lautlosigkeit des Besitzwechsels, wie keine andere Wertform.

Seine Komprimierbarkeit gestattet, mit einem Stück Papier, das man in die Hand jemandes gleiten lässt, ihn zum reichen Manne zu machen; seine Formlosigkeit und Abstraktheit gestattet, es in den mannigfaltigsten und entferntesten Werten anzulegen und es dadurch dem Auge der nächsten Umgebung ganz zu entziehen; seine Anonymität und Farblosigkeit rnacht die Quelle unerkennbar, aus der es dem jetzigen Besitzer (>425) geflossen ist: es trägt kein Ursprungszeugnis an sich, wie, klarer oder verhüllter, so viele konkrete Besitzgegenstände es tun.

Während die Ausdrückbarkeit aller Werte in Geld dem Wirtschaftenden selbst die klarste und unverhüllteste Einsicht in den Stand seines Besitzes ermöglicht, erlaubt sie Anderen gegenüber eine Verstecktheit und Unkenntlichkeit des Besitzes und der Transaktionen, wie die Formen des extensiven Eigentums sie niemals zuliessen.

Die Versteckbarkeit des Geldes ist das Symptom oder die extreme Ausgestaltung seiner Beziehung zum Privatbesitz.

Dadurch, dass man es von allen Gütern am meisten dem Anderen unsichtbar und wie nicht vorhanden machen kann, nähert es sich dem geistigen Besitz; und wie dessen privater, sozusagen solipsistischer Charakter mit dem Schweigen-Können beginnt und zugleich sich vollendet, so findet das Private, Individualistische des Geldwesens seinen vollkommenen Ausdruck an jener Möglichkeit des Verheimlichens.

Darin liegt nun freilich eine grosse Gefahr für diejenigen, welche Ansprüche und Interessen an einer Wirtschaftsführung haben, ohne sie selbst und unmittelbar kontrollieren oder beeinflussen zu können.

Wenn die modernen Rechte die Öffentlichkeit für die Finanzgebarungen der Staaten wie der Aktiengesellschaften vorschreiben, so haben die Gefahren, die man so vermeiden will, einen ihrer wesentlichen Quellpunkte in der Geldform des Wirtschaftens, in der ihr eigenen Leichtigkeit des Verheimlichens, des irreführenden Ansatzes, der illegitimen Verwendung - Bedenklichkeiten für alle Aussenstehenden, aber daran Interessierten, die nur durch prinzipielle Offenheit der Geschäftsführung einigermassen zu paralysieren sind.

Innerhalb und vermittels der Geldverhältnisse offenbart sich so eine allgemeine kulturelle Differenzierung: das Öffentliche wird immer öffentlicher, das Private immer privater.

Früheren und engeren Kreisen liegt diese Sonderung ferner; in ihnen können sich die privaten Verhältnisse des Einzelnen nicht so verbergen, sich nicht so gegen das Hineinsehen und Sich-Einmischen Anderer schützen, wie der Stil des modernen Lebens es gestattet, andrerseits ist in solchen Kreisen den Trägern der öffentlichen Interessen eine mystische Autorität und Verschleierung eher und zweckmässigererweise eigen als in weiten Kreisen, wo ihnen schon durch die Ausdehnung ihres Herrschaftsbezirkes, durch die Objektivität ihrer Technik, durch ihre Distanz von jeder Einzelperson die Kraft und Würde zuwächst, die sie die Öffentlichkeit ihres Gebarens vertragen lässt.

So verlieren die Politik, die Verwaltung, das Gericht in demselben Masse ihre Heimlichkeit und Unzugänglichkeit, in dem das Individuum die Möglichkeit immer vollständigeren Sich-Zurück-ziehens und Abschlusses seiner Privatangelegenheiten gegen alle (>426) Draussenstehenden gewinnt; man braucht nur die englische Geschichte mit der deutschen zu vergleichen, oder die Kulturgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte in grossen Zügen zu durchlaufen, um diese Korrelation zu erkennen.

Ja, auch auf religiösem Gebiet ist dieser Differenzierungsprozess, und zwar durch die Reformation, hervorgetreten. Während die katholische Kirche ihre Autorität in eine mystische, in absoluter Höhe über dem Gläubigen thronende Form hüllt, die diesem jedes Fragen, jede Kritik, jede Mitwirkung verweigert, gestattet sie ihm doch seinerseits kein ungestörtes religiöses Fürsichsein, sondern macht sich zur Mitwisserin und überall eingreifenden Instanz seiner religiösen Verhältnisse.

Die Reformation nun gab der kirchlichen Organisation umgekehrt Öffentlichkeit, Zugängigkeit, Kontrollierbarkeit und lehnte prinzipiell alle Verschleierung und Verbarrikadierung vor den Augen des einzelnen Gläubigen ab.

Dieser hingegen gewann zugleich eine viel ungestörtere Freiheit der religiösen Innerlichkeit, sein Verhältnis zu seinem Gott wurde ein privates, das er nur mit sich selbst auszumachen hatte.

Und nun kommen wir von der Privatheit und Heimlichkeit, die den ökonomischen Verhältnissen, in Übereinstimmung mit den allgemeinen Kulturtendenzen, durch die Geldwirtschaft zu eigen wird, zu dem Verkauf des Menschen: der Bestechung zurück, welche in der Geldwirtschaft, eben durch jene Eigenschaften derselben, ihre höchste Ausbildung erlangt.

Eine Bestechung durch ein Stück Land oder eine Viehherde ist nicht nur vor den Augen der Umgebung nicht zu verheimlichen, sondern auch der Bestochene selbst kann sich nicht so scheinbar ignorierend, als ob gar nichts geschehen wäre, dagegen verhalten, wie die oben charakterisierte repräsentative Würde der Bestechlichkeit es mit sich bringt.

Mit Geld dagegen kann man jemanden sozusagen hinter seinem eigenen Rücken bestechen, er braucht sich nichts davon wissen zu machen, weil es ihm eben nicht spezifisch und persönlich anhaftet.

Die Heimlichkeit, die ungestörte Repräsentation, die Intaktheit aller sonstigen Lebensbeziehungen kann bei der Bestechung durch Geld noch vollständiger bestehen, als selbst bei der Bestechung durch Frauengunst.

Denn so völlig und restlos diese sich in ihrem Momente erschöpfen mag, so dass, äusserlich betrachtet, von ihr noch weniger, als von einem Geldgeschenk, an der Persönlichkeit haften bleibt - so ist diese Spurlosigkeit doch insbesondere nach der Seite der inneren Konsequenzen nicht dieselbe wie bei der Bestechung durch Geld; denn das Bezeichnende für diese ist, dass mit dem gegebenen und genommenen Geld insoweit jegliche Beziehung zwischen den handelnden Personen zu Ende ist, während in (>427) jenem Fall an die Stelle der momentanen Gefühlserregung viel eher Aversion, Reue oder Hass als blosse Gleichgültigkeit zu treten pflegt.

Solcher Vorteil der Geldbestechung wird freilich naturgemäss dadurch aufgewogen, dass, wenn die Verheimlichung nicht gelingt, sie die stärkste Deklassierung des Betreffenden mit sich bringt.

Auch hier ist die Parallele mit dem Diebstahl bezeichnend. Dienstboten stehlen sehr viel seltener, d.h. nur bei sehr viel grösserer moralischer Verkommenheit, Geld, als Esswaren oder eine sonstige Kleinigkeit.

Die Erfahrungen an manchen zeigen, dass sie davor zurückschrecken, denselben Wert in Geld zu stehlen, den sie sich als eine Flasche Wein oder weiblichen Putzgegenstand mit ziemlich ruhigem Gewissen aneignen.

Von dem ganz entsprechenden Standpunkt aus lässt unser Strafgesetzbuch die Entwendung geringer Mengen von Ess- und Genusswaren zum alsbaldigen Verbrauch nur als eine ganz leichte Übertretung gelten, während es den Diebstahl der gleichwertigen Geldsumme unter Umständen recht streng ahndet.

Es wird offenbar vorausgesetzt, dass bei einem momentanen Bedürfnis die Aneignungsmöglichkeit seines unmittelbaren Gegenstandes einen so starken Anreiz bildet, dass ihm zu unterliegen etwas allzu Menschliches ist, um hart bestraft zu werden.

Je entfernter das Objekt von dieser unmittelbaren Funktion ist, auf einem je längeren Umweg erst es das Bedürfnis befriedigen kann, um so schwächer wirkt der Reiz und eine um so stärkere Immoralität beweist es, ihm nachzugeben.

Deshalb ist nach dem Erkenntnis eines höchsten Gerichtshofes z.B. Feuerungsmaterial nicht unter die Genussmittel zu rechnen und der Diebstahl desselben nimmt an der Straferleichterung für den Diebstahl solcher nicht teil.

Zweifellos ist unter Umständen Feuerung ein ebenso dringendes Bedürfnis und für die Selbsterhaltung ebenso erforderlich wie Brot.

Allein seine Verwendung ist doch eine mittelbarere als die des Brotes, sie hat gleichsam mehr Zwischenstationen, und man kann deshalb annehmen, dass ihm gegenüber der in Versuchung Befindliche mehr Zeit zur Besinnung hat, die ihm die sinnliche Unmittelbarkeit des Reizes nicht lässt.

Von solcher Gegenwärtigkeit des Geniessens steht das Geld am weitesten ab, das Bedürfnis knüpft sich immer nur an das, was hinter ihm steht, so dass die von ihm ausstrahlende Versuchung sozusagen nicht als Naturtrieb auftritt und nicht die Kraft eines solchen als Entschuldigung des Unterliegens mit sich trägt.

Deshalb erscheint, wie der Diebstahl von Geld, so die Bestechlichkeit durch Geld gegenüber der durch einen momentan zu geniessenden Wert, als das Zeichen der raffinierteren und gründlicher verdorbenen sittlichen Beschaffenheit, so dass die Heimlichkeit, die das Geldwesen ermöglicht, als eine Art (>428) von Schutzvorrichtung für das Subjekt wirkt.

Indem sie immerhin einen Tribut an das Schamgefühl darstellt, gehört sie zu einem verbreiteten Typus: dass ein unsittliches Verhalten sich einen Beisatz sittlicher Elemente angliedert, nicht um sein Unsittlichkeitsquantum herabzusetzen, sondern gerade um es realisieren zu können.

Freilich zeigt sich auch hier, wie die Verhältnisse des Geldes von einer gewissen Quantitätsgrenze an ihren qualitativen Charakter wechseln.

Es gibt gigantische Bestechungen, die, jene Schutzvorrichtung ebenso zweckmässig abändernd, auf die Heimlichkeit in demselben Masse zugunsten eines gleichsam offiziellen Charakters verzichten, in dem sie sie eben ihres Umfanges wegen technisch gar nicht aufrecht erhalten könnten.

In den zwanzig Jahren zwischen der Zuerteilung der legislativen und administrativen, Selbständigkeit an Irland und der Union mit England war den englischen Ministern das eigentlich unlösbare Problem gestellt, zwei verschiedene Staaten mit einer einheitlichen Politik zu leiten und zwei selbständige Legislaturen fortwährend in Harmonie zu erhalten.

Sie fanden die Lösung in fort-währender Bestechung: alle die mannigfaltigen Tendenzen des irischen Parlaments wurden einfach dadurch, dass man die Stimmen kaufte, in die erwünschte Einheit gebunden.

So konnte von Robert Walpole einer seiner wärmsten Verehrer sagen: »Er war selbst völlig unbestechlich; aber um seine politischen Absichten, weise und gerecht wie sie waren, zu erreichen, war er bereit ein ganzes Unterhaus zu bestechen, und wäre nicht davor zurückgeschreckt, ein ganzes Volk zu bestechen.«

Ja, wie schon das reinste, seiner Sittlichkeit sich bewusste Gewissen des Bestechenden sogar mit der leidenschaftlichsten Verdammung der Bestechlichkeit zusammenbestehen kann, lehrt die Äusserung eines Florentiner Bischofs auf dem Höhepunkt des mittelalterlichen Kampfes gegen die Simonie: er möchte den päpstlichen Stuhl erkaufen, und wenn er ihn tausend Pfund kosten sollte, nur um die verfluchten Simonisten austreiben zu können!

Und wie es gerade der Riesenmassstab von Geldsummen ist, der der Bestechung - ähnlich wie der Prostitution - das Brandmal der Schamlosigkeit und deshalb das der Heimlichkeit erspart, findet vielleicht sein schlagendstes Beispiel daran: das grösste Finanzgeschäft der beginnenden Neuzeit war die Aufbringung der Mittel, die Karl V. zu den für seine Kaiserwahl nötigen Bestechungen brauchte!

Es kommt dazu, dass gerade die ausserordentliche Höhe der Kauf-summe für Werte, die solchem Handel entzogen sein sollten, oft eine gewisse Garantie dafür gibt, dass das mit ihm attakierte öffent-liche Interesse keinen allzugrossen Schaden leidet.

Dass englische Könige die grossen Ämter verkauften, bewirkte doch mindestens, dass (>429) die Käufer sich gut zu führen bestrebten: ein Mann, so heisst es, who had paid £ 10'000 for the seals was not likely to forfeit them for the sake of a petty malversation which many rivals would be ieady to detect.

Wenn ich die Heimlichkeit der Bestechung oben als eine Schutz-vorrichtung für das Subjekt bezeichnete, so ist, genau entsprechend, ihre Öffentlichkeit eine solche für die öffentlichen Interessen.

Dies ist das Korrektiv, durch das diese gigantischen Korruptionen gewissermassen legitim waren - sie liessen sich eben nicht verbergen und so konnte man sich sozusagen mit ihnen einrichten.

Darum sind Bestechungen auch in einfachen Verhältnissen leichter erträglich.

Von Aristides wird als etwas fast Unerhörtes hervorgehoben, dass er trotz seiner vielen diskretionären Gewalten arm gestorben ist. In den kleinen antiken Stadtstaaten erschütterte die Unehrlichkeit Einzelner noch nicht die Fundamente des Ganzen, weil sie nur zu einem sehr kleinen Teil geldwirtschaftliche und weil die Verhältnisse durchsichtig und unkompliziert waren, so dass sie leicht wieder ins Gleichgewicht zu bringen waren.

Darum hat man mit Recht gesagt, dass sich das Schicksal Athens jeden Tag auf der Pnyx entschied.

Bei den modernen hoch zusammengesetzten Verhältnissen des öffentlichen Lebens mit seinen tausend unterirdischen, überall hin ausstrahlenden, wesentlich geldwirtschaftlichen Kräften wirkt Beamtenbestechlichkeit sehr viel verderblicher.

In allem hier Erörterten handelte es sich um den Verkauf von Werten, die zwar personaler, aber doch nicht subjektiver Natur sind, durch deren Bewahrung die Persönlichkeit - im Gegensatz zu den Werten subjektiven Geniessens - einen objektiven Wert an sich selbst empfindet.

Dass der Komplex der Lebenskräfte, den man in die Ehe hineingibt, dabei der Richtung des eigenen Instinktes folge; dass die Frau sich nur da ganz hingebe, wo der Mann dies mit gleichwertigen Empfindungen erwidert; dass Worte und Taten der folgsame Ausdruck von Überzeugungen und Verpflichtungen sind - dies alles bedeutet nicht sowohl einen Wert, den wir haben, als einen, der wir sind.

Indem man alles dies für Geld aufgibt, hat man sein Sein gegen ein Haben ausgetauscht.

Gewiss sind beide Begriffe aufeinander zurückführbar.

Denn alle Inhalte unseres Seins bieten sich uns als Besitz jenes an sich ganz inhaltlosen, rein formalen Zentrums in uns, das wir als unser gleichsam punktuelles Ich und als das habende Subjekt, gegenüber all seinen Qualitäten, Interessen, Gefühlen, als gehabten Objekten, empfinden; und andrerseits ist Besitz, wie wir sahen, ein Ausdehnen unserer Machtsphäre, ein Verfügenkönnen über Objekte, die eben damit in den Umkreis unseres Ich hineingezogen werden.

Das Ich, unser Wollen und Fühlen, setzt sich in die Dinge hinein (>430) fort, die es besitzt: von der einen Seite gesehen hat es auch sein Innerlichstes, insoweit es nur ein einzelner, angebbarer Inhalt ist, doch schon ausser sich, als ein objektives, seinem Zentralpunkt erst zugehöriges Haben, von der anderen her hat es auch sein Äusserlichstes, insoweit es wirklich sein Besitz ist, in sich; indem es die Dinge hat, sind sie Kompetenzen seines Seins, das ohne jedes einzelne dieser ein anderes wäre.

Logisch und psychologisch betrachtet ist es also willkürlich, zwischen Sein und Haben einen Grenzstrich zu ziehen.

Wenn wir diesen dennoch als sachlich berechtigt empfinden, so ist es, weil Sein und Haben, auf ihren Unterschied hin angesehen, keine theoretisch-objektiven, sondern Wertbegriffe sind.

Es ist eine bestimmte Wertart und Wertmass, die wir unseren Lebensinhalten zusprechen, wenn wir sie als unser Sein, eine andere, wenn wir sie als unser Haben bezeichnen.

Denn deutet man von diesen Inhalten diejenigen, welche dem rätselhaften Ich-Mittelpunkt nahe liegen, als unser Sein, die entfernteren als unser Haben, so ist ihre Rangierung auf dieser - jede scharfe Abgrenzung offenbar ausschliessenden Reihe doch nur durch die Verschiedenheit der Wertgefühle lierstellbar, von denen die einen und die anderen begleitet werden.

Wenn wir an jenen Verkäufen das, was wir fortgeben, unserem Sein, und das, was wir bekommen, unserem Haben zurechnen, so ist das nur ein indirekter Ausdruck dafür, dass wir ein intensiveres, dauernderes, den ganzen Umkreis des Lebens berührendes Wertgefühl für ein un-mittelbareres, dringlicheres, momentaneres vertauschen.

Ist nun der Verkauf personaler Werte eine Herabminderung des in diesem Sinn bestimmten Seins, das direkte Gegenteil des »Aufsichhaltens«, so kann man ein Persönlichkeitsideal nennen, an dem jene Verhaltungsweisen am entschiedensten messbar werden: die Vornehmheit - und zwar deshalb so entschieden, weil dieser Wert für das Geldwesen überhaupt das radikalste Kriterium bedeutet; so dass, an ihm gemessen, Prostitution, Geldheirat, Bestechung die outrierten Zuspitzungen in einer Reihe sind, die schon mit den legitimsten Formen des Geldverkehrs beginnt.

Für die Darstellung dieses Sachverhaltes handelt es sich zunächst um die Bestimmung des Vornehmheitsbegriffes selbst.

Die übliche Aufteilung unserer objektiven Schätzungsnormen in logische, ethische und ästhetische ist, auf unser wirkliches Urteilen hin angesehen, ganz unvollständig.

Wir schätzen etwa, um ein sehr augenscheinliches Beispiel zu nennen, die scharfe Ausbildung der Individualität, die blosse Tatsache, dass eine Seele eine eigenartige, in sich geschlossene Form und Kraft besitzt; die Unvergleichbarkeit und Unverwechselbarkeit, mit der eine Person gleichsam nur ihre (>431) eigene Idee darstellt, empfinden wir als wertvoll, und zwar oft im Gegensatz zu der ethischen und ästhetischen Minderwertigkeit des Inhaltes solcher Erscheinung.

Aber nicht um blosse Vervollständigung jenes Systems handelt es sich, sondern darum, dass das systematische Abschliessen als solches hier ebenso irrig ist, wie bei den fünf Sinnen oder den zwölf Kantischen Verstandeskategorien.

Die Entwicklung unserer Art bildet fortwährend neue Möglichkeiten, die Welt sinnlich und intellektuell aufzunehmen, und ebenso fortwährend neue Kategorien, sie zu werten.

Und wie wir so stetig neue wirksame Ideale formen, so bringt vertiefteres Bewusstsein immer weitere ans Licht, die bisher schon wirksame, aber unbewusste waren. Ich glaube nun, dass unter den Wertgefühlen, mit denen wir auf die Erscheinungen reagieren, sich auch eines findet, das man nur als die Wertung der »Vornehmheit« bezeichnen kann.

Diese Kategorie zeigt ihre Selbständigkeit darin, dass sie sich den sonst verschieden-artigsten und verschiedenwertigsten Erscheinungen gegenüber einstellt: Gesinnungen wie Kunstwerke, Abstammung wie literarischen Stil, einen bestimmt ausgebildeten Geschmack ebenso wie die ihm zusagenden Gegenstände, ein Benehmen auf der Höhe gesellschaftlicher Kultur wie ein Tier edler Rasse - alles dies können wir als »vornehm« bezeichnen; und wenn auch gewisse Beziehungen dieses Wertes zu denen der Sittlichkeit und der Schönheit stattfinden, so bleibt er doch immer auf sich ruhen, da der gleiche Grad seiner mit den allermannigfaltigsten ethischen und ästhetischen Stufen vereint auftritt.

Der soziale Sinn der Vornehmheit: die exzeptionelle Stellung gegenüber einer Majorität, der Abschluss der Einzelerscheinung in ihrem autonomen Bezirk, der durch das Eindringen irgendeines heterogenen Elementes sofort zerstört wäre - gibt offenbar den Typus für alle Anwendungen ihres Begriffes.

Eine ganz besondere Art des Unterschiedes zwischen den Wesen bildet den äusseren Träger des Vornehmheitswertes: der Unterschied betont hier einerseits den posi-tiven Ausschluss des Verwechseltwerdens, der Reduktion auf einen gleichen Nenner, des »Sichgemeinmachens«; andrerseits darf er doch nicht so hervortreten, um das Vornehme aus seinem Sich-selbst- genügen, seiner Reserve und inneren Geschlossenheit herauszulocken und sein Wesen in eine Relation zu Anderen, und sei es auch nur die Relation des Unterschiedes, zu verlegen.

Der vornehme Mensch ist der ganz Persönliche, der seine Persönlichkeit doch ganz reserviert.

Die Vornehmheit repräsentiert eine ganz einzigartige Kombination von Unterschiedsgefühlen, die auf Vergleichung beruhen, und stolzem Ablehnen jeder Vergleichung überhaupt.

Als ein völlig erschöpfen-des Beispiel erscheint es mir, dass das Haus der Lords nicht nur von (>432) jedem seiner Mitglieder als sein einziger Richter anerkannt wird, sondern im Jahre 1330 die Zumutung ausdrücklich ablehnt, über andere Leute als die Peers zu Gericht zu sitzen, - so dass also sogar ein Machtverhältnis zu Personen ausserhalb des eigenen Ranges als Degradation erscheint je mehr nun das Geld die Interessen beherrscht und von sich aus Menschen und Dinge in Bewegung setzt, je mehr die letzteren um seinetwillen hergestellt und nur nach ihm geschätzt werden, desto weniger kann der so beschriebene Wert der Vornehmheit seine Verwirklichung an Menschen und Dingen finden.

Mannigfache geschichtliche Erscheinungen legen diese negative Verbindung nahe.

Die alten Aristokratien Ägyptens und Indiens perhorreszierten den Seeverkehr und hielten ihn mit der Reinheit der Kasten für unverträglich.

Das Meer ist eine Vermittlung wie das Geld, es ist das ins Geographische gewandte Tauschmittel, gleichsam in sich völlig farblos und deshalb wie das Geld dem Ineinander-übergehen des Verschiedenartigsten dienstbar.

Seeverkehr und Geldverkehr stehen in enger historischer Verbindung, die Reserve und scharf geformte Abgeschlossenheit der Aristokratie muss von beiden her ein Abschleifen und Nivellieren fürchten.

Deshalb war auch dem venetianischen Adel zur guten Zeit der Aristokratie aller eigene Handel untersagt, und erst 1784 wurden die Adligen durch ein Gesetz ermächtigt, unter eigenem Namen Handel zu treiben.

Vorher konnten sie dies nur als stille Teilnehmer an den Geschäften der cittadini, also nur wie aus der Ferne und unter einer Maske.

In Theben gab es einmal ein Gesetz, dass nur, wer zehn Jahre lang allem Marktverkehr ferngeblieben war, zu Ämtern wählbar sein sollte; Augustus untersagte den Senatoren, sich an Zollpachtungen zu beteiligen und Rhederei zu treiben.

Wenn Ranke das 14. und 15. deutsche Jahrhundert als die plebejischen unserer Geschichte bezeichnet, so bezieht sich das auf die damals aufkommenden geldwirtschaftlichen Zustände, deren Träger die der bisherigen Aristokratie antagonistischen Städte waren.

Schon zu Beginn der Neuzeit empfand man in England, dass die Reichtumsunterschiede, die in der Stadt galten, durchaus keine so entschieden abgeschlossene Aristokratie schaffen konnten, wie die auf dem Lande geltenden Standesgrenzen.

Der ärmste Lehrling konnte die höchste Zukunft erhoffen, wo diese nur im Geldbesitz lag, während eine völlig unbiegsame Linie die Landaristokratie von dem yeoman schied. Die unendliche quantitative Abstufbarkeit des Geldbesitzes lässt die Stufen ineinander übergehen und verwischt die Formbestimmtheit der vornehmen Klassen, die ohne Festigkeit der Grenzen nicht bestehen kann.

Dem Vornehmheitsideal ist wie dem ästhetischen, von dem ich (>433) dies schon früher hervorhob, die Gleichgültigkeit gegen das Wieviel eigen.

Vor dem abgeschlossenen Insichruhen des Wertes, den es dem an ihm teilhabenden Wesen gewährt, tritt die Quantitätsfrage ganz zurück; die rein qualitative Bedeutung, die jenes Ideal meint, wird dadurch verhältnismässig wenig gehoben, dass mehr Exemplare auf diese Höhe gelangen.

Das Entscheidende ist, dass sie dem Dasein überhaupt gelungen ist, und für sich allein der vollgültige Repräsentant davon zu sein, verleiht dem vornehmen - ob menschlichen, ob untermenschlichen - Wesen seine spezifische Natur.

In dem Augenblick aber, in dem die Dinge auf ihren Geldwert hin angesehen und gewertet sind, rücken sie aus dem Bereich dieser Kategorie fort, ihre Wertqualität ist in ihrem Wertquantum untergegangen und jenes Sich-selbst-gehören - das geschilderte Doppelverhältnis zu Anderen und zu sich selbst -, das wir von einem gewissen Grade an als Vornehmheit empfinden, hat seine Basis verloren.

Das Wesen der Prostitution, das wir am Gelde erkannten, teilt sich den Gegenständen mit, die nur noch als seine Äquivalente funktionieren, ja, diesen vielleicht in noch fühlbarerem Masse, weil sie mehr zu verlieren haben, als das Geld es von vornherein hat. jener äusserste Gegensatz der Vornehmheitskategorie, das Sich-gemein-machen mit Anderen, wird zum typischen Verhältnis der Dinge in der Geldwirtschaft, weil sie durch das Geld, wie durch eine Zentralstation, miteinander verbunden sind, alle mit gleicher spezifischer Schwere in dem fortwährend bewegten Geldstrom schwimmen, und so, alle in derselben Ebene liegend, sich nur durch die Grösse der Stücke unterscheiden, die sie von dieser decken.

Hier macht sich unvermeidlich die tragische Folge jeder Nivellierung geltend: dass sie das Hohe mehr herunterzieht, als sie das Niedrige erhöhen kann.

Bei dem Verhältnis von Personen untereinander liegt das auf der Hand.

Wo ein seelischer Bezirk, insbesondere intellektueller Art, sich bildet, auf dem eine Mehrzahl von Menschen Verständigung und Gemeinsamkeit findet - da muss derselbe dem Niveau des Tiefststehenden erheblich näher liegen als dem des Höchststehenden.

Denn immer ist es eher möglich, dass dieser herunter-, als dass jener heraufsteige.

Der Umkreis von Gedanken, Kenntnissen, Willenskräften, Gefühlsnuancen, den die unvollkommenere Persönlichkeit mitbringt, wird von dem gedeckt, der der vollkommeneren eigen ist, aber nicht umgekehrt; jener also ist beiden gemeinsam, dieser nicht; so dass, gewisse Ausnahmen vor-behalten, der Boden gemeinsamer Interessen und Aktionen von den besseren und den niederen Elementen nur unter Verzicht der ersteren auf ihre individuellen Vorzüge wird innegehalten werden können.

Zu (>434) diesem Resultat führt auch die weitere Tatsache, dass selbst für gleichmässig hochstehende Persönlichkeiten das Niveau ihrer Gemeinsamkeit nicht so hoch liegen wird, wie das jedes Einzelnen für sich.

Denn gerade die höchsten Ausbildungen, die jedem eigen sein mögen, pflegen nach ganz verschiedenen Seiten differenziert zu sein, und sie begegnen sich nur auf jenem tieferen generellen Niveau, über das hinweg die individuellen und gleich bedeutsamen Potenzen oft bis zur Unmöglichkeit jeder Verständigung überhaupt auseinander führen.

Was den Menschen gemeinsam ist - nach der biologischen Seite hin: die ältesten und deshalb sichersten Vererbungen - ist im allgemeinen das gröbere, undifferenzierte, ungeistigere Element ihres Wesens.

Dieses typische Verhältnis, durch das die Lebensinhalte ihre Gemeinsamkeit, ihre Dienste zur Verständigung und Einheitlichkeit, mit ihrer relativen Niedrigkeit bezahlen müssen; durch das der Einzelne, auf dies Gemeinsame sich reduzierend, auf seine individuelle Werthöhe verzichten muss, sei es, weil der andere tiefer steht als er, sei es, weil dieser, obgleich ebenso hoch entwickelt, seine Höhe nach einer anderen Richtung hin hat, - dieses Verhältnis zeigt seine Form an Dingen nicht weniger als an Personen.

Nur dass, was in diesem Fall ein Prozess an Wirklichkeiten ist, in jenem nicht eigentlich an den Dingen selbst, sondern an den Wertvorstellungen von ihnen vorgeht.

Die Tatsache, dass der feinste und aparteste Gegenstand ebenso für Geld zu haben ist, wie der banalste und roheste, stiftet eine Beziehung zwischen ihnen, die ihrem qualitativen Inhalt fern liegt und die gelegentlich dem ersteren eine Trivialisierung und eine Abflachung der spezifischen Schätzung eintragen kann, während der zweite überhaupt nichts zu verlieren hat, aber auch nichts gewinnen kann.

Dass der eine viel und der andere wenig Geld kostet, kann dies nicht immer ausgleichen, namentlich nicht bei generellen, über die Einzelvergleichung sich erhebenden Wertungen, und ebensowenig gelingt dies dem nicht abzuleugnenden psychologischen Vorkommnis, dass gerade an der Gemeinsamkeit des Geldnenners die individuellen Differenzen der Objekte sich um so schärfer abheben.

Die herstimmende Wirkung des Geldäquivalents tritt unzweideutig hervor, sobald man mit einem schönen und eigenartigen, aber käuflichen Objekt ein an sich ungefähr gleich bedeutsames vergleicht, das aber für Geld nicht zu haben ist; dieses hat von vornherein für unser Gefühl eine Reserve, ein Auf-sich-ruhen, ein Recht, nur an dem sachlichen Ideal seiner selbst gemessen zu werden, kurz: eine Vornehm-heit, die dem anderen versagt bleibt. Der Zug in seinem Bilde, dass (>435) es für Geld zu haben ist, ist auch für das Beste und Erlesenste ein locus minoris resistentiae, an dem es sich der Zudringlichkeit des untergeordneten, das gleichsam eine Berührung mit ihm sucht, nicht erwehren kann.

Denn so sehr das Geld, weil es für sich nichts ist, durch diese Möglichkeit ein ungeheures Wertplus gewinnt, so erleiden umgekehrt unter sich gleichwertige, aber verschiedenartige Objekte durch ihre - wenn auch mittelbare oder ideelle - Austauschbarkeit eine Herabsetzung der Bedeutung ihrer Individualität.

Immerhin ist -dies wohl auch das tiefer gelegene Motiv, aus dem wir gewisse Dinge, etwas verächtlich, als »gangbare Münze« charakterisieren: Redensarten, Modi des Benehmens, musikalische Phrasen usw.

Hierbei erscheint nun nicht die Gangbarkeit allein als der Vergleichungspunkt, der die Münze, das gangbarste Objekt überhaupt, als seinen Ausdruck herzuruft.

Manchmal mindestens kommt noch das Austauschmoment hinzu.

Es nimmt es gewissermassen jeder an und gibt es wieder aus, ohne ein individuelles Interesse am Inhalt - wie beim Gelde.

Auch hat es jeder in der Tasche, in Vorrat, es bedarf keiner Umformung, um in jeder Situation seinen Dienst zu tun.

Indem es, gegeben oder empfangen, zu dem Einzelnen in Beziehung tritt, erhält es doch keine individuelle Färbung oder Hinzufügung, es geht nicht, wie andere Inhalte des Redens oder Tuns, in den Stil der Persönlichkeit ein, sondern geht unalteriert durch diese hindurch, wie Geld durch ein Portemonnaie.

Die Nivellierung erscheint als Ursache wie als Wirkung der Austauschbarkeit der Dinge - wie gewisse Worte ohne weiteres ausgetauscht werden können, weil sie trivial sind, und trivial werden, weil man sie ohne weiteres auszutauschen pflegt.

Die Lieblosigkeit und Frivolität, durch die sich die Behandlung der Gegenstände in der Gegenwart so sehr von früheren Zeiten unterscheidet, geht sicher zum Teil auf die gegenseitige Entindividualisierung und Abflachung, auf Grund des gemeinsamen Geldwertniveaus, zurück.

Die im Gelde ausgedrückte Tauschbarkeit aber muss unvermeidlich eine Rückwirkung auf die Beschaffenheit der Waren selbst haben, bzw. mit ihr in Wechselwirkung stehen.

Die Herabsetzung des Interesses für die Individualität der Waren führt zu einer Herabsetzung dieser Individualität selbst.

Wenn die beiden Seiten der Ware als solcher ihre Qualität und ihr Preis sind, so scheint es allerdings logisch unmöglich, dass das Interesse nur an einer dieser Seiten hafte: denn die Billigkeit ist ein leeres Wort, wenn sie nicht Niedrigkeit des Preises für eine relativ hohe Qualität bedeutet, und die Höhe der Qualität ist ein ökonomischer Reiz nur dann, wenn (>436) ihr ein irgend angemessener Preis entspricht.

Dennoch ist jenes begrifflich Unmögliche psychologisch wirklich und wirksam; das Interesse für die eine Seite kann so steigen, dass das logisch erforderte Gegenstück derselben ganz herabsinkt. Der Typus für den einen dieser Fälle ist der »Fünfzig-Pfennig-Bazar«.

In ihm hat das Wertungsprinzip der modernen Geldwirtschaft seinen restlosen Ausdruck gefunden.

Als das Zentrum des Interesses ist jetzt nicht mehr die Ware, sondern ihr Preis konstituiert - ein Prinzip, das früheren Zeiten nicht nur schamlos erschienen, sondern innerlich ganz unmöglich gewesen wäre.

Es ist mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass die mittelalterliche Stadt trotz aller Fortschritte, die sie verkörperte, doch noch der ausgedehnten Kapitalwirtschaft ermangelte, und dass dies der Grund gewesen sei, das Ideal der Wirtschaft nicht sowohl in der Ausdehnung (die nur durch Billigkeit möglich ist), als vielmehr in der Güte des Gebotenen zu suchen.

Daher die grossen Leistungen des Kunstgewerbes, die rigorose Überwachung der Produktion, die strenge Lebensmittelpolizei usw.

Das eben ist der eine äusserste Pol der Reihe, deren anderen das Schlagwort: »billig und schlecht« bezeichnet - eine Synthese, die nur dadurch möglich ist, dass das Bewusstsein durch die Billigkeit hypnotisiert ist und ausser ihr überhaupt nichts wahrnimmt. Das Nivellement der Objekte auf die Ebene des Geldes setzt zuerst das subjektive Interesse an ihrer eigenartigen Höhe und Beschaffenheit herab und, als weitere Folge, diese letztere selbst; die Produktion der billigen Schundware ist gleichsam die Rache der Objekte dafür, dass sie sich durch ein blosses indifferentes Mittel aus dem Brennpunkte des Interesses mussten verdrängen lassen.

Durch alles dies ist wohl hinreichend deutlich geworden, in wie radikalem Gegensatz das Geldwesen und seine Folgen zu den vorhin skizzierten, Vornehmheitswerten stehen.

Das Geldwesen zerstört am gründlichsten jenes Aufsichhalten, das die vornehme Persönlichkeit charakterisiert und das von gewissen Objekten und ihrem Gewertet-werden aufgenommen wird; es drängt den Dingen einen ausser ihrer selbst liegenden Massstab auf, wie gerade die Vornehmheit ihn ablehnt; indem es die Dinge in eine Reihe, in der bloss Quantitätsunter-schiede gelten, einstellt, raubt es ihnen einerseits die absolute Differenz und Distanz des einen vom andern, andrerseits das Recht, jedes Verhältnis überhaupt, jede Qualifikation durch die wie auch ausfallende Vergleichung mit anderen abzulehnen - also die beiden Be-stimmungen, deren Vereinigung das eigentümliche Ideal der Vor-nehmheit schafft.

Die Steigerung personaler Werte, die dieses Ideal bezeichnet, erscheint also selbst in seiner Projizierung in Dinge hinein (>437) so weit aufgehoben, wie die Wirksamkeit des Geldes reicht, das die Dinge in jedem Sinne des Wortes »gemein« macht und sie damit schon dem Sprachgebrauch nach in den absoluten Gegensatz zum Vornehmen stellt.

Gegen diesen Begriff gehalten tritt nun erst an der ganzen Breite käuflicher Lebensinhalte die Wirkung des Geldes hervor, die die Prostitution, die Geldheirat und die Bestechung in Personal zugespitzter Form gezeigt haben.

Teil II

Die Umwandlung von Rechten spezifischen Inhalts in Geldforderungen.

Die Erzwingbarkeit.

Die Umsetzung von Sachwerten in Geldwert: der negative Sinn der Freiheit und die Entwurzelung der Persönlichkeit.

Die Wertdifferenz zwischen persönlicher Leistung und Geldäquivalent.

In dem Kapitel über individuelle Freiheit haben wir festgestellt, wie sehr die Umwandlung von naturalen Verpflichtungen in Geldleistungen dem Vorteil beider Parteien dienen kann, welche Steigerung seiner Freiheit und Würde insbesondere der Verpflichtete daraus zieht.

Diese Bedeutung des Geldes für die personalen Werte muß nun aber durch eine Entwicklungsreihe von entgegengesetzter Richtung ergänzt werden.

Der günstige Erfolg jener Umwandlung hängt daran, daß der Verpflichtete bisher eine persönliche Kraft und individuelle Bestimmtheit in das Verhältnis eingesetzt hat, ohne ein entsprechendes Äquivalent zu erhalten.

Was ihm die andere Partei bot, war rein sachlicher Natur; die Rechte, die er aus dem Verhältnis zog, waren relativ unpersönliche, die Pflichten, die es ihm auferlegte, ganz persönliche.

Indem nun die Form der Geldleistung seine Pflichten entpersonalisierte, glich sich diese Unverhältnismäßigkeit aus.

Ein ganz anderer Erfolg aber wird eintreten, wenn der Verpflichtete nicht mit einer sachlichen Gegenleistung glatt abgefunden wird, sondern wenn ihm aus dem Verhältnis ein Recht, ein Einfluß, eine personale Bedeutsamkeit zuwächst, und zwar gerade, weil er diese bestimmte personale Leistung in dasselbe hineingibt.

Dann muß die durch die Geldform zu bewirkende Objektivierung der Beziehung ebenso ungünstig wirken, wie vorher günstig. Die Herabdrückung der Bundesgenossen Athens in eine direkte, größere oder geringere Abhängigkeit begann damit, daß ihr Tribut an Schiffen und Kriegsmannschaften in bloße Geldabgaben verwandelt wurde.

Diese scheinbare Befreiung von ihrer mehr personalen Verpflichtung enthielt eben den Verzicht auf eigene politische Betätigung, auf die Bedeutung, die man nur auf den Einsatz einer spezifischen Leistung, auf die Entfaltung realer Kräfte hin beanspruchen darf.

In jener Pflicht waren doch unmittelbare Rechte enthalten: die von ihnen selbst gelieferte Kriegsmacht konnte nicht so gegen ihre eigenen Interessen verwandt werden, wie es mit dem von ihnen gelieferten Geld möglich war.

Die Naturallieferung besteht, kantisch zu reden, aus der Pflicht als ihrer Form (>439) und dem speziellen Inhalt und Gegenstand als ihrer Materie.

Diese Materie kann nun für sich gewisse Nebenwirkungen haben; sie kann z.B. als Arbeit der fronpflichtigen Bauern die Persönlichkeit und Bewegungsfreiheit derselben arg beschränken, sie kann aber auch als naturaler Beitrag zu den kriegerischen Unternehmungen einer Vormacht diese zu einer gewissen Rücksicht auf die Beitragenden zwingen.

Während die Pflicht als solche in beiden Fällen die gleiche ist, wird die Materie, deren Form sie bildet, sie in dem einen Fall für den Verpflichteten schwer, in dem anderen relativ günstig gestalten.

Wenn nun Geldzahlung an die Stelle dieser naturalen Leistungen tritt, wird das materielle Moment eigentlich ausgeschaltet, es verliert jede folgenreiche Qualität, so daß sozusagen nur die reine ökonomische Pflicht in der abstraktesten Verwirklichung, die sie überhaupt finden kann, zurückbleibt.

Diese Reduktion ihrer wird deshalb in dem ersten der obigen Fälle das Fortfallen einer Erschwerung, in dem zweiten das einer Erleichterung bedeuten, und der Leistende wird also in diesem ebenso herabgedrückt werden, wie er in jenem erhoben wurde.

Wir finden deshalb die Umwandlung der personalen Dienstpflicht in eine Geldzahlung öfters als eine bewußte Politik, durch die die Machtstellung der Verpflichteten heruntergesetzt werden soll, z.B. bei Heinrich II. von England, der es einführte, daß die Ritter, anstatt ihm in die kontinentalen Kriege zu folgen, ihre Dienste mit Geld ablösen konnten.

Viele mögen darauf eingetreten sein, weil es im Augenblick als eine Erleichterung und Befreiung des einzelnen erschien. Tatsächlich indes bewirkte es eine Entwaffnung der Feudalpartei, die der König am meisten zu fürchten hatte, und zwar gerade wegen derjenigen kriegerischen Qualitäten, auf die er selbst bis dahin angewiesen war.

Da bei der Mannschaftsgestellung seitens der Bezirke und Städte kein derartiges individuelles Element mitwirkte, so hatte für sie sich uns oben das Umgekehrte ergeben: der Gewinn von Freiheit durch die Geldablösung jener Verpflichtung.

Was uns all diese Erscheinungen hier so wichtig macht, ist, daß man aus ihnen den Zusammenhang ganz fundamentaler Lebensgefühle mit ganz äußerlichen Tatsachen ablesen kann. Darum ist auch hier die Erkenntnis wesentlich, daß die Bestimmungen, die das Geld jene Zusammenhänge vermitteln lassen, an ihm zwar am reinsten und prägnantesten, aber doch nicht an ihm allein hervortreten.

Die historischen Konstellationen, die innerlich von diesem Sinne getragen werden, lassen sich in eine aufsteigende Reihe ordnen, in der jedes Glied, je nach den sonstigen Verhältnissen der Elemente, ebenso deren Freiheit wie deren Unterdrückung Raum gibt. Von der rein personalen Beziehung liegt das auf der Hand: (>440) diese stellt sich sowohl als die Härte der persönlichen Unterworfenheit unter eine Person wie als die Würde freier Vereinigung dar.

Beides ändert sich, sobald das Richtung gebende Element un-persönlichen Charakter trägt - sei es, daß diese Unpersönlichkeit die dingliche eines äußeren Objekts, sei es, daß sie die einer Mehrheit von Personen sei, in der die Subjektivität der einzelnen verschwindet.

Das vorige Kapitel hat uns gezeigt, wie der Übergang hier als Befreiung wirkt, wie oft der Mensch die Unterworfenheit unter eine unpersönliche Kollektivität oder eine rein sachliche Organisation der unter eine Persönlichkeit vorzieht.

Hier will ich nur erwähnen, daß sowohl Sklaven wie Fronbauern es relativ leicht zu haben pflegten, wenn sie dem Staate zugehörten, daß die Angestellten in den modernen Magazinen von ganz unpersönlicher Betriebsart in der Regel besser situiert sind, als in den kleinen Geschäften, wo der Besitzer sie persönlich ausbeutet.

Umgekehrt, wo von der einen Seite sehr personale Werte eingesetzt werden, wird die Umbildung der anderen in unpersönliche Formen als Unwürdigkeit und Unfreiheit empfunden.

Die aristokratische freie Hingebung bis zu den äußersten Opfern hat oft genug einem Gefühl von Demütigung und Deklassierung Platz gemacht, sobald ihr zwar geringere Opfer, aber als objektiv gesetzliche Pflicht zugemutet wurden.

Noch im 16. Jahrhundert erfuhren die Fürsten in Frankreich, Deutschland, Schottland und den Niederlanden oft erheblichen Widerstand, wenn sie durch gelehrte Substitute oder Verwaltungskörper regieren ließen.

Der Befehl wurde als etwas Persönliches empfunden, dem man auch nur aus persönlicher Hingebung Gehorsam Ieisten wollte, während es einem unindividuellen Kollegium gegenüber nur Unterwerfung schlechthin gab.

Das äußerste Glied dieser Reihe bilden die auf das Geld, als das sachlichste aller praktischen Gebilde, gestellten Verhältnisse: je nach dem Ausgangspunkt und Inhalt hat sich uns die Geldleistung als der Träger der völligen Freiheit wie der völligen Unterdrückung gezeigt.

Deshalb finden wir sie auch gelegentlich mit großer Entschiedenheit versagt.

Als Peter IV. von Arragonien einmal die arragonesischen Stände um eine Geldgewährung anging, erwiderten sie ihm, das wäre doch bisher nicht üblich gewesen; seine christlichen Untertanen seien bereit, ihm mit ihrer Person zu dienen, aber Geld zu geben sei nur Sache der Juden und Mauren.

Auch im angelsächsischen England hatte der König kein Recht direkter Besteuerung, es herrschte vielmehr das alte germanische Prinzip, daß das Gemeinwesen auf der persönlichen Leistung in Heer und Gericht ruhte.

Als der König das Dänengeld erhebt, angeblich als Schutzgeld zur Abwehr neuer Einfälle, bezeichnet dies den Verfall des (>441) Staates.

Soweit es in ihrer Macht steht, lassen sich deshalb die Verpflichteten die Umwandlung des personalen Dienstes in Geldausgaben nur dann gefallen, wenn die Beibehaltung jenes für sie nicht die Bedeutung einer Teilnahme an der Machtsphäre der Berechtigten hat; so daß die verschiedenen Kreise derselben Gruppe sich nach diesem Gesichtspunkte manchmal scharf scheiden.

Die Territorialherren im mittelalterlichen Deutschland, die zur Aushebung von Gemeinfreien und Hörigen zum Kriegsdienst berechtigt waren, erhoben später vielfach eine Steuer an Stelle dessen.

Die Grundherren aber blieben von dieser frei, weil sie den Roßdienst selbst leisteten, also »mit ihrem Blute dienten«.

Woher denn die alte Rechtsregel entsprang: »der Bauer verdient sein Gut mit dem Sack, der Ritter mit dem Pferd«.

Wenn der moderne Staat wieder den persönlichen Kriegsdienst der Untertanen eingeführt hat, statt daß der Fürst nur Steuern erhebt und dafür ein Söldnerheer mietet, so ist dieser Ersatz der Geldablösung durch unmittelbaren Dienst der adäquate Ausdruck für die wieder gewachsene politische Bedeutung des einzelnen Bürgers.

Wenn man deshalb gesagt hat, daß das allgemeine Stimm-recht das Korrrelat der allgemeinen Dienstpflicht sei, so ist dies schon aus dem Verhältnis der Geldleistung zur personalen Leistung be-gründbar.

Daß despotische Tendenzen so zur Reduktion aller Verpflichtungen auf Geldleistungen streben, läßt sich aus sehr prinzipiellen Zusammenhängen herleiten.

Der Begriff des Zwanges wird meistens in ganz ungenauer und schlaffer Weise angewendet.

Man pflegt zu sagen, daß jemand »gezwungen« sei, den zu seinem Handeln die Androhung oder Befürchtung einer sehr schmerzlichen Konsequenz für den Unterlassensfall, einer Strafe, eines Verlustes usw. bestimme.

Tatsächlich liegt in allen solchen Fällen ein wirklicher Zwang niemals vor; denn wenn jemand gewillt ist, jene Konsequenzen auf sich zu nehmen, so steht ihm das Unterlassen der Handlung, die damit erzwungen werden soll, völlig frei.

Wirklicher Zwang ist ausschließlich der, der unmittelbar durch physische Gewalt oder durch Suggestion ausgeübt wird.

Z.B. meine Unterschrift zu geben, kann ich nur so wirklich gezwungen werden, daß jemand mit überlegener Kraft meine Hand ergreift, und die Schriftzüge mit ihr ausführt, oder etwa so, daß er es mir in der Hypnose suggeriert; aber keine Todesdrohung kann mich dazu zwingen.

Es ist deshalb ganz ungenau, wenn man vom Staate sagt, er erzwinge die Befolgung seiner Gesetze.

Er kann tatsächlich niemanden dazu zwingen, seiner Militärpflicht zu ge-nügen oder das Leben und Eigentum andrer zu achten oder ein Zeugnis abzulegen, sobald der Betreffende nur bereit ist, es auf (442) die Strafen für die Gesetzesverletzung ankommen zu lassen; was der Staat in diesem Falle erzwingen kann, ist nur, daß der Sünder diese Strafen erdulde.

Nur in Hinsicht auf eine einzige Gesetzeskategorie ist der Zwang zur positiven Erfüllung möglich: auf die Steuerpflicht.

Die Erfüllung derselben (wie die der geldwerten privatrechtlichen Verpflichtungen) kann allerdings im strengsten Sinne des Wortes erzwungen werden, indem dem Pflichtigen der betreffende Wert mit Gewalt abgenommen wird.

Und zwar erstreckt sich dieser Zwang wirklich nur auf Geldleistung, nicht einmal auf ökonomische Leistungen irgendeiner anderen Art.

Wenn jemand zu einer bestimmten Naturallieferung verpflichtet ist, so kann er gerade dies Bestimmte, wenn er es eben unter keinen Umständen produzieren will, zu liefern niemals wirklich gezwungen werden; wohl aber kann irgend etwas anderes, was er besitzt, ihm weggenommen und zu Gelde gemacht werden.

Denn jedes solche Objekt hat Geldwert und kann in dieser, wenn auch vielleicht in keiner einzigen anderen Beziehung für jenes eintreten.

Die despotische Verfassung, die die Unbedingtheit des Zwanges den Untertanen gegenüber erstrebt, wird deshalb am zweckmäßigsten von ihnen gleich von vornherein nur Geldleistungen verlangen.

Der Geldforderung gegenüber gibt es überhaupt denjenigen Widerstand nicht, den die Unmöglichkeit, anderweitige Leistungen absolut zu erzwingen, gelegentlich des Anspruchs auf solche erzeugen mag.

Es ist deshalb von innerlicher und äußerlicher Nützlichkeit, ein Quantum von Forderungen, denen gegenüber jegliche Art von Widerstand zu befürchten ist, auf bloßes Geld zu reduzieren.

Vielleicht ist dies einer der tiefgelegenen Gründe, weshalb wir im allgemeinen das despotische Regime oft mit einer Begünstigung der Geldwirtschaft verbunden sehen (die italienischen Despotien z.B. hatten die durchgängige Tendenz, die Domänen zu veräußern), und weshalb das Merkantilsystem mit seiner gesteigerten Wertung des Geldes in der Zeit der unumschränktesten Fürstenmacht ins Leben gerufen wurde.

So ist von allen Forderungen die auf Geld gerichtete diejenige, deren Erfüllung am wenigsten in den guten Willen des Verpflichteten gestellt ist.

Ihr gegenüber erlahmt die Freiheit, die allen anderen gegenüber besteht und deren Beweis und Bewährung nur davon abhängt, was man dafür auf sich zu nehmen willens ist.

Auch widerspricht dem durchaus nicht die anderweitig so sehr hervorzuhebende Tatsache, daß die Umwandlung der Naturalleistung in Geldleistung eine Befreiung des Individuums zu bedeuten pflegt.

Denn der kluge Despotismus wird immer diejenige Form für seine Forderung wählen, welche dem Untertanen möglichste Freiheit in seinen rein individuellen Beziehungen läßt. (>443)

Die furchtbaren Tyrannien der italienischen Renaissance sind doch zugleich die Pflanzstätten der vollkommensten und freiesten Ausbildung des Individuums in seinen idealen und Privatinteressen geworden, und zu allen Zeiten - vom römischen Kaisertum bis zu Napoleon III. - hat der politische Despotismus in einem aus-schweifenden privaten Libertinismus seine Ergänzung gefunden.

Der Despotismus wird um seines eigenen Vorteils willen seine Forderungen auf dasjenige beschränken, was ihm wesentlich ist, und Maß und Art desselben dadurch erträglich machen, daß er in allem übrigen möglichst große Freiheit gibt.

Die Forderung der Geldleistung vereinigt beide Gesichtspunkte in der denkbar zweckmäßigsten Weise: die Freiheit, die sie nach der rein privaten Seite hin gestattet, verhindert absolut nicht die Entrechtung nach der politischen, die sie so oft vollbracht hat.

Neben diesem Typus von Fällen, in denen der Geldablösung gerade eine Herabdrückung des Verpflichteten entspricht, steht eine zweite Ergänzung der im vorigen Kapitel gewonnenen Resultate.

Wir haben gesehen, welchen Fortschritt es für den Fronbauern bedeutete, wenn er seine Dienste durch Geldzinsung ablösen konnte.

Der ent-gegengesetzte Erfolg tritt nun für ihn ein, sobald die Umsetzung des Verhältnisses in Geldform von der anderen Seite her geschieht, d.h. sobald der Grundherr ihm das Stück Land abkauft, das er bisher zu besseren oder schlechteren Rechten besessen hat.

Die Verbote, die im 18. Jahrhundert und bis tief in das 19. hinein auf dem Gebiet des alten Deutschen Reiches gegen das Auskaufen des Bauern ergehen, haben zwar wesentlich fiskalische und ganz allgemein agrarpolitische Gründe; allein gelegentlich scheint doch das Gefühl mitgewirkt zu haben, daß dem Bauern ein Unrecht damit geschieht, wenn man ihm sein Land selbst gegen volle Entschädigung in Geld abnimmt.

Man mag freilich die Umsetzung eines Besitzstückes in Geld zunächst als eine Befreiung empfinden.

Mit Hilfe des Geldes können wir den Wert des Objektes in jede beliebige Form gießen, während er vorher in diese eine gebannt war; mit dem Gelde in der Tasche sind wir frei, während uns vorher der Gegenstand von den Bedingungen seiner Konservierung und Fruktifizierung abhängig machte.

Die Verpflichtung gegen die Sache scheint sich so von der gegen eine Person gar nicht prinzipiell zu unterscheiden, denn nicht weniger streng bestimmt jene als diese unser Tun und Lassen, wenn wir die empfindlichsten Folgen vermeiden wollen: erst die Reduktion des ganzes Verhältnisses auf Geld - mögen wir es nun in einem Fall nehmen, im anderen geben - löst uns aus den Determinierungen, die uns von einem Außer-Uns gekommen sind.

So geben die häufigen (>444) Zugeldesetzungen des Bauern im 18. Jahrhundert ihm allerdings eine momentane Freiheit.

Allein sie nehmen ihm das Unbezahlbare, das der Freiheit erst ihren Wert gibt: das zuverlässige Objekt persönlicher Betätigung.

In dem Lande steckte für den Bauern noch etwas ganz anderes als der bloße Vermögenswert: es war für ihn die Möglichkeit nützlichen Wirkens, ein Zentrum der Interessen, ein Richtung gebender Lebensinhalt, den er verlor, sobald er statt des Bodens nur seinen Wert in Geld besaß.

Gerade die Reduktion seines Landbesitzes auf dessen bloßen Geldwert stößt ihn auf den Weg des Proletariertums. Eine andere Stufe der Agrarverhältnisse zeigt die gleiche Entwicklungsform.

Auf Bauerngütern z.B. in Oldenburg herrscht vielfach noch das Heuermannsverhältnis; der Heuermann ist verpflichtet, dein Bauern eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahre Arbeit zu leisten, und zwar für einen geringeren Lohn als den der freien Tagelöhner; dafür erhält er vom Bauern Wohnung, Landpacht, Fuhren usw. zu einem billigeren Preise als dem ortsüblichen.

Es ist also, wenigstens partiell, ein Austausch von Naturalwerten. Von diesem Verhältnis nun wird berichtet, es charakterisiere sich durch die soziale Gleichstellung zwischen dem Bauern und dem Heuerling: dieser habe nicht das Gefühl, ein durch seine weniger vermögende Lage zur Lohnarbeit gezwungener Mann zu sein; zu-gleich aber, daß die vordringende Geldwirtschaft dieses Verhältnis zerstöre, und daß die Umwandlung des naturalen Tausches der Dienste in eine glatte Bezahlung dieser den Heuermann deklassiere - wenngleich er auf diese Weise doch eine gewisse Freiheit des Schaltens mit seinem Arbeitsertrag gegenüber der Gebundenheit an vorherbestimmte naturale Empfänge gewinnen müßte.

Dasselbe Gebiet zeigt dieselbe Entwicklung noch an einer anderen Stelle.

Solange die Drescher auf den Gütern durch einen bestimmten Anteil am Erdrusch gelohnt wurden, hatten sie ein lebhaftes persönliches Interesse am Gedeihen der Wirtschaft des Herrn. Die Dreschmaschine verdrängte diese Löhnungsart und der dafür eingeführte Geldlohn läßt es zu jenem persönlichen Bande zwischen Herrn und Arbeiter nicht kommen, aus dem der letztere ein Selbstgefühl und einen sittlichen Halt, ganz anders als aus dem erhöhten Geldeinkommen, gezogen hatte.

Damit zeigt sich an der Bedeutung, welche das Geld für den Gewinn individueller Freiheit hat, eine sehr folgenreiche Bestimmung des Freiheitsbegriffes.

Die Freiheit scheint zunächst bloß negativen Charakter zu tragen; nur im Gegensatz zu einer Bindung hat sie ihren Sinn, sie ist immer Freiheit von etwas und erfüllt ihren Begriff, indem sie die Abwesenheit von Hindernissen ausspricht. Allein (>445) in dieser negativen Bedeutung verharrt sie nicht; sie wäre ohne Sinn und Wert, wenn das Abstreifen der Bindung nicht sogleich durch einen Zuwachs an Besitz oder Macht ergänzt würde: wenn sie Freiheit von etwas ist, so ist sie doch zugleich Freiheit zu etwas.

Erscheinungen der mannigfaltigsten Gebiete bestätigen das. Wo im politischen Leben eine Partei Freiheit verlangt oder erlangt, da handelt es sich eigentlich gar nicht um die Freiheit selbst, sondern um diejenigen positiven Gewinne, Machtsteigerungen, Ausbreitungen, die ihr bisher verschlossen waren.

Die »Freiheit«, die die französische Revolution dem dritten Stande verschaffte, hatte ihre Bedeutung darin, daß ein vierter Stand da war, bzw. sich entwickelte, den jener nun »frei« für sich arbeiten lassen konnte.

Die Freiheit der Kirche bedeutet unmittelbar die Ausdehnung ihrer Machtsphäre; nach der Seite ihrer »Lehrfreiheit« z.B., daß der Staat Bürger erhält, welche von ihr geprägt sind und unter ihrer Suggestion stehen.

An die Befreiung des untertänigen Bauern schloß sich in ganz Europa unmittelbar das Bestreben, ihn auch zum Eigentümer seiner Scholle zu machen - wie schon die altjüdischen Bestimmungen, die den Schuldsklaven nach einer gewissen Reihe von Jahren freizulassen gebieten, gleich hinzufügen, er solle nun auch gleich mit einem Besitz aus-gestattet werden, möglichst sein früheres Grundstück zurückerhalten.

Wo wirklich der rein negative Sinn der Freiheit wirksam wird, da gilt sie deshalb als Unvollkommenheit und Herabsetzung.

Giordano Bruno, in seiner Begeisterung für das einheitlich-gesetzmäßige Leben des Kosmos, hält die Freiheit des Willens für einen Mangel, so daß nur der Mensch in seiner Unvollkommenheit sie besäße, Gott aber allein Notwendigkeit zukäme.

Und nach diesem ganz abstrakten ein ganz konkretes Beispiel: das Land der preußischen Kossäten befand sich außerhalb der Flur, auf der die Bauernäcker im Gemenge lagen.

Da diese letzteren nur nach gemeinsamer Regel bearbeitet werden konnten, so hat der Kossät viel mehr individuelle Freiheit; allein er steht außerhalb des Verbandes, er hat nicht die positive Freiheit, in Flursachen mit zu beschließen, sondern nur die negative, durch keinen Beschluß gebunden zu sein.

Und dies begründet es, daß der Kossät es selbst bei bedeutendem Besitz nur zu einer gedrückten und wenig angesehenen Stellung bringt.

Die Freiheit ist eben an sich eine leere Form, die erst mit und an einer Steigerung anderweitiger Lebensinhalte wirksam, lebendig, wertvoll wird.

Wenn wir die Vorgänge, durch welche Freiheit gewonnen wird, zergliedern, so bemerken wir stets neben ihrer formalen, den reinen Begriff der Freiheit darstellenden Seite, eine materiell bestimmte, welche aber, indem sie jene zu positiver Bedeutung ergänzt, zugleich ihrerseits (>446) eine gewisse Beschränkung enthält, eine Direktive, was nun mit der Freiheit positiv anzufangen wäre.

Es würden sich nun alle Akte mit denen Freiheit gewonnen wird, in eine Skala gliedern lassen, von dem Gesichtspunkt aus: wie erheblich ihr materieller Inhalt und Gewinn ist, im Verhältnis zu ihrem formalen und negativen Momente der Befreiung von bisherigen Bindungen.

Bei dem jungen Manne, z.B., der, aus dem Zwange der Schule entlassen, in die studentische Freiheit eintritt, ist das letztere Moment das betontere, und die neue Substanz des Lebens und Strebens, die dessen positive Seite bildet, zunächst sehr unbestimmt und vieldeutig; so daß der Student, weil die bloße Freiheit etwas ganz leeres und eigentlich unerträgliches ist, sich im Komment freiwillig einen Zwang stärkster Art erzeugt.

Ganz anders liegt das Verhältnis bei einem Kaufmann, der von einer lästigen Handelsbeschränkung befreit wird; hier ist das neue Tun, um dessentwillen jene Befreiung wertvoll ist, seinem Inhalt und seiner Direktive nach sehr bestimmt, er bleibt gar nicht bei der bloßen Freiheit stehen, sondern weiß sofort, wozu er sie unvermeidlich zu benutzen hat.

Bei einem Mädchen, die aus der einengenden Ordnung des Elternhauses heraustritt, um sich eine ökonomische Selbständigkeit zu gründen, hat die Freiheit einen ganz andern positiven Sinn nach Quantität und Qualität, als wenn sie »gefreit« wird und die Führung eines eigenen Hauses sich an jene Befreiung als ihr Wesen und Zweck anschließt.

Kurz jeder Befreiungsakt zeigt eine besondere Proportion zwischen der Betonung und Ausdehnung des damit überwundenen-Zustandes und der des damit gewonnenen.

Würde man eine solche Reihe je nach dem allmählich steigenden Übergewicht des einen Momentes über das andere wirklich konstruieren können, so würde die durch den Geldverkauf eines Objekts gewonnene Freiheit an einem Endpunkt derselben stehen - wenigstens dann, wenn das Objekt bisher den Lebensinhalt nach sich bestimmt hat.

Wer sein Landgut gegen ein Haus in der Stadt vertauscht, der ist damit allerdings von den Mühseligkeiten und Sorgen der Landwirtschaft befreit; aber diese Freiheit bedeutet, daß er sich sogleich den Aufgaben und Chancen des städtischen Grundbesitzes zu widmen hat.

Verkauft er aber sein Gut gegen Geld, so ist er nun wirklich frei, das negative Moment der Befreiung von den bisherigen Lasten ist das überwiegende, seine neu geschaffene Situation als Geldbesitzer enthält nur ein Minimum bestimmter Direktiven für die Zukunft.

In der Befreiung vom Zwange des Objekts durch den Geldverkauf ist das positive Moment derselben auf seinen Grenzwert hinabgesunken; das Geld hat die Aufgabe gelöst, die Freiheit des Menschen nahezu in ihrem rein negativen Sinne zu verwirklichen. (>447) So ordnet sich die ungeheure Gefahr, die die Zugeldesetzung für den Bauern bedeutete, einem allgemeinen System der menschlichen Freiheit ein.

Allerdings war es Freiheit, was er gewann; aber nur Freiheit von etwas, nicht Freiheit zu etwas; allerdings scheinbar Freiheit zu allem - weil sie eben bloß negativ war -, tatsächlich aber eben deshalb ohne jede Direktive, ohne jeden bestimmten und bestimmenden Inhalt und deshalb zu jener Leerheit und Haltlosigkeit disponierend, die jedem zufälligen, launenhaften, verführerischen Impuls Ausbreitung ohne Widerstand gestattete - entsprechend dem Schicksal des ungefesteten Menschen, der seine Götter dahingegeben hat und dessen so gewonnene »Freiheit« nur den Raum gibt, jeden beliebigen Augenblickswert zum Götzen aufwachsen zu lassen.

Nicht anders ergeht es manchem Kaufmann, für den, von den Sorgen und Arbeiten seines Geschäftes belastet, der Verkauf desselben das ersehnteste Ziel ist.

Wenn er dann aber endlich, mit dem Erlös dafür in der Hand, wirklich »frei« ist, so stellt sich oft genug jene typische Langeweile, Lebenszwecklosigkeit, innere Unruhe des Rentiers ein, die ihn zu den wunderlichsten und allem inneren und äußeren Sinne zuwiderlaufendsten Beschäftigungsversuchen treibt, damit er nur seiner »Freiheit« einen substanziellen Inhalt einbaue. Ganz so verhält es sich vielfach mit dem Beamten, der nur möglichst rasch eine Stufe erreichen will, deren Pension ihm ein »freies« Leben ermöglicht.

So erscheint uns mitten in den Qualen und Ängsten der Welt oft der Zustand bloßer Ruhe als das absolute Ideal, bis der Genuß derselben uns sehr bald belehrt, daß die Ruhe vor bestimmten Dingen nur wertvoll, ja, nur erträglich ist, wenn sie zugleich die Ruhe zu bestimmten Dingen ist.

Während sowohl der ausgekaufte Bauer wie der Rentier gewordene Kaufmann oder der pensionierte Beamte ihre Persönlichkeit aus dem Zwange befreit zu haben scheinen, den die spezifischen Bedingungen ihrer Besitztümer oder Positionen ihnen antaten, ist - in den hier vorausgesetzten Fällen - tatsächlich das Umgekehrte eingetreten: sie haben die positiven Inhalte ihres Ich für das Geld dahingegeben, das ihnen keine ebensolchen gewährt.

Sehr bezeichnend erzählt ein französischer Reisender von den griechischen Bäuerinnen, die Stickereien fabrizieren und außerordentlich an ihren sehr mühseligen Arbeiten hängen: elles les donnent, elles les reprennent, elles regardent l'argent, puis leur ouvrage, puis l'argent; l'argent finit toujours par avoir raison, et elles s'en vont désolées de se voir si riches.

Weil die Freiheit, die das Geld gibt, nur eine potenzielle, formale, negative ist, so bedeutet sein Eintausch gegen positive Lebensinhalte - wenn sich nicht sogleich andere von anderen Seiten her an die leergewordene Stelle schieben - den Ver- (>448) kauf von Persönlichkeitswerten.

Darum hat die preußische Gemeinheitsteilung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts das Aufkommen eines unsteten, wurzellosen Tagelöhnerstandes sehr begünstigt.

Die nationalen Wiesen- und Waldrechte waren eine Beihilfe für die Existenz des ärmeren Bauern, die das in abstracto ermittelte Äquivalent absolut nicht aufwog - in Geld ausbezahlt, war es sehr bald verloren, in Land war es zu klein, um selbständige Bewirtschaftung zu lohnen; so daß auch diese Landentschädigungen möglichst schnell zu Gelde gemacht wurden und den Weg zur Proletarisierung und Lockerung der Lebenssubstanz eher verbreiterten als einengten.

Ganz entsprechend dem Verhalten der griechischen Bäuerinnen berichten die Ethnologen von der außer-ordentlichen Schwierigkeit, bei Naturvölkern Gebrauchsgegenstände zu erstehen.

Denn jeder derselben trägt - so hat man dies begründet - nach Ursprung und Bestimmung ausgesprochen individuelles Gepräge; die ungeheure Mühe, die auf Herstellung und Ausschmückung des Objekts verwendet wird, und sein Verbleiben im persönlichen Gebrauch läßt es zu einem Bestandstück der Person selbst werden, von dem sich zu trennen, einem der Art nach gleichen Widerstand begegnet, wie von einem Körpergliede; so daß statt der Expansion des Ich - die die unendlichen »Möglichkeiten« des Geldbesitzes ebenso lockend wie undeutlich versprechen - eine Kontraktion desselben eintritt.

Die Klarheit hierüber ist nicht ohne Belang für das Verständnis unserer Zeit.

Seit es überhaupt Geld gibt, ist, im großen und ganzen, jedermann geneigter zu verkaufen als zu kaufen.

Mit steigender Geldwirtschaft wird diese Geneigtheit immer stärker und ergreift immer mehr von denjenigen Objekten, welche gar nicht zum Verkauf hergestellt sind, sondern den Charakter ruhenden Besitzes tragen und vielmehr bestimmt scheinen, die Persönlichkeit an sich zu knüpfen, als sich in raschem Wechsel von ihr zu lösen: Geschäfte und Betriebe, Kunstwerke und Sammlungen, Grundbesitz, Rechte und Positionen allerhand Art. Indem alles dies immer kürzere Zeit in einer Hand bleibt, die Persönlichkeit immer schneller und öfter aus der spezifischen Bedingtheit solchen Besitzes heraustritt, wird freilich ein außerordentliches Gesamtmaß von Freiheit verwirklicht; allein weil nur das Geld mit seiner Unbestimmtheit und inneren Direktionslosigkeit die nächste Seite dieser Befreiungsvorgänge ist, so bleiben sie bei der Tatsache der Entwurzelung stehen und leiten oft genug zu keinem neuen Wurzelschlagen über.

Ja, indem jene Besitze bei sehr rapidem Geldverkehr überhaupt nicht mehr unter der Kategorie eines definitiven Lebensinhaltes angesehen werden, kommt es von vornherein nicht zu jener innerlichen Bindung, (>449) Verschmelzung, Hingabe, die der Persönlichkeit zwar eindeutig determinierende Grenzen, aber zugleich Halt und Inhalt gibt.

So erklärt es sich, daß unsere Zeit, die, als ganze betrachtet, sicher mehr Freiheit besitzt als irgendeine frühere, dieser Freiheit doch so wenig froh wird.

Das Geld ermöglicht nicht nur, uns von den Bindungen anderen gegenüber, sondern auch von denen, die aus unserem eigenen Besitz quellen, loszukaufen; es befreit uns, indem wir es geben und indem wir es nehmen.

So gewinnen fortwährende Befreiungsprozesse einen außerordentlich breiten Raum im modernen Leben, auch an diesem Punkte den tieferen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit den Tendenzen des Liberalismus enthüllend, freilich auch einen der Gründe aufweisend, weshalb die Freiheit des Liberalismus so manche Haltlosigkeit, Wirrnis und Unbefriedigung erzeugt hat.

Indem so viele Dinge aber, fortwährend durch Geld abgelöst, ihre Richtung gebende Bedeutung für uns verlieren, findet diese Veränderung unserer Beziehung zu ihnen eine praktische Reaktion.

Wenn sich jene geldwirtschaftliche Unsicherheit und Treulosigkeit gegenüber den spezifischen Besitzen in dem so sehr modernen Gefühle rächt: daß die Hoffnung der Befriedigung, die sich an ein Erlangtes knüpft, im nächsten Augenblick schon darüber hinauswächst, daß der Kern und Sinn des Lebens uns immer von neuem aus der Hand gleitet - so entspricht dem eine tiefe Sehnsucht, den Dingen eine neue Bedeutsamkeit, einen tieferen Sinn, einen Eigenwert zu verleihen.

Die Leichtigkeit im Gewinn und Verlust der Besitze, die Flüchtigkeit ihres Bestandes, Genossenwerdens und Wechselns, kurz: die Folgen und Korrelationen des Geldes, haben sie ausgehöhlt und vergleichgültigt. Aber die lebhaften Erregungen in der Kunst, das Suchen nach neuen Stilen, nach Stil überhaupt, der Symbolismus, ja, die Theosophie, sind Symptome für das Verlangen nach einer neuen, tiefer empfindbaren Bedeutung der Dinge - sei es, daß jedes für sich wertvollere, seelenvollere Betonung erhalte, sei es, daß es diese durch die Stiftung eines Zusammenhanges, durch die Erlösung aus ihrer Atomisierung gewinne.

Wenn der moderne Mensch frei ist - frei, weil er alles verkaufen, und frei, weil er alles kaufen kann - so sucht er nun, oft in problematischen Velleitäten, an den Objekten selber diejenige Kraft, Festigkeit, seelische Einheit, die er selbst durch das vermöge des Geldes veränderte Verhältnis zu ihnen verloren hat. Wenn wir früher sahen, daß durch das Geld der Mensch sich aus dem Befangensein in den Dingen erlöst, so ist andrerseits der Inhalt seines Ich, Richtung und Bestimmtheit doch mit konkreten Besitztümern soweit solidarisch, daß das fortwährende Verkaufen und Wechseln derselben, ja, die bloße Tatsache der Verkaufsmöglichkeit (>450) oft genug einen Verkauf und eine Entwurzelung personaler Werte bedeutet.

Daß der Geldwert der Dinge nicht restlos das ersetzt, was wir an ihnen selbst besitzen, daß sie Seiten haben, die nicht in Geld ausdrückbar sind - darüber will die Geldwirtschaft mehr und mehr hinwegtäuschen.

Wo es dennoch nicht zu verkennen ist, daß die in Geld erfolgende Schätzung und Hingabe sie der abschleifenden Banalität des täglichen Verkehrs nicht entziehen kann, da sucht man wenigstens manchmal eine Geldform dafür, die von der alltäglichen weit absteht.Die älteste italische Münze war das Kupferstück ohne bestimmte Form, das deshalb nicht gezählt, sondern gewogen wurde. Und nun wurde bis in die Kaiserzeit hinein, bei einem unvergleichlich verfeinerten Geldwesen, dieses formlose Kupferstück sowohl zu religiösen Spenden, wie als juristisches Symbol mit Vorliebe verwendet.

Daß der neben dem Geldwert liegende Wert der Dinge sich dennoch Anerkennung erzwingt, liegt besonders nahe, wenn nicht eine Substanz, sondern eine persönlich ausgeübte Funktion verkauft wird, und wenn diese nicht nur in ihrer äußerlichen Verwirklichung, sondern auch ihrem Inhalte nach individuellen Charakter trägt.

Die folgende Erscheinungsreihe mag das klar machen. Wo Geld und Leistungen ausgetauscht werden, da beansprucht zwar der Geldgeber nur das festgestellte Objekt, die sachlich umschriebene Leistung.

Der sachlich Leistende dagegen verlangt, wünscht wenigstens, in vielen Fällen noch etwas mehr, außer dem Gelde.

Wer in ein Konzert geht, ist zufrieden, wenn er für sein Geld die erwarteten Stücke in erwarteter Vollendung hört; der Künstler ist aber mit dem Gelde nicht zufrieden, er verlangt auch Beifall. Wer sich malen läßt, ist befriedigt, wenn er das hinreichend gelungene Porträt in Händen hat; der Maler aber nicht, wenn er den verabredeten Preis in Händen hat, sondern erst, wenn ihm noch dazu subjektive Anerkennung und übersubjektiver Ruhm zu teil wird.

Der Minister verlangt nicht nur den Gehalt, sondern auch den Dank des Fürsten und der Nation, der Lehrer und der Geistliche nicht nur ihre Bezüge, sondern auch Pietät und Anhänglichkeit, ja, der bessere Kaufmann will nicht nur Geld für seine Ware, sondern auch, daß der Käufer zufrieden sei - und das keineswegs immer nur, damit er wiederkomme.

Kurz, sehr viele Leistende beanspruchen außer dem Gelde, das sie objektiv als das zureichende Äquivalent ihrer Leistung anerkennen, doch noch eine persönliche Anerkennung, irgendein subjektives Bezeigen des Bezahlers, das jenseits seiner verabredeten Geldleistung steht und diese für das Gefühl des Empfangenden erst zur vollen Äquivalenz mit seiner Leistung ergänzt.

Hier haben wir das genaue Gegenstück (>451) der Erscheinung, die ich im dritten Kapitel als das Superadditum des Geldbesitzes beschrieb.

Dort wuchs dem Geldgebenden außer dem präzisen Gegenwert seiner Aufwendung noch ein Mehr aus dem über jeden einzelnen Objektwert hinausgreifenden Charakter des Geldes zu.

Aber eben seinem Wesen, das am meisten von allen empirischen Dingen, mit Jakob Böhme zu reden, Wurf und Gegenwurf miteinander verbindet, entspricht diese Ausgleichung: personale Darbietungen, die gerade über ihr Geldäquivalent hinaus noch ein Plus fordern.

Und wie dort nach der Seite des Geldes, so drückt sich hier nach der Seite der Leistung der Anspruch über den direkten Austausch hinaus in einer Sphäre aus, die die Persönlichkeit als der geometrische Ort ihrer Ansprüche umgibt und jenseits jedes einzelnen von diesen besteht.

Der Saldo, der auf diese Weise bei dem Austausch von Geld und personaler Leistung zugunsten der letzteren bleibt, kann so sehr als das Überwiegende empfunden werden, daß die Annahme eines Geldäquivalentes schon die Leistung und damit die Person herabzusetzen scheint: als würde, was man an Geld erhält, jenem idealen Lohne abgeschrieben, von dem man sich doch keinen Abzug gefallen lassen will; so wissen wir von Lord Byron, daß er Verlegerhonorare nur mit den peinlichsten Empfindungen angenommen hat.

Wo die gelderwerbende Tätigkeit schon als solche des Ansehens entbehrt, wie im klassischen Griechenland (weil man die soziale Bedeutung und Produktivität des Geldkapitals noch nicht kannte, dieses vielmehr nur der egoistischen Konsumtion dienstbar glaubte) - da steigert sich diese Deklassierung noch besonders angesichts persönlich-geistiger Leistungen: etwa, für Geld zu lehren und überhaupt geistig zu arbeiten, erschien als Entwürdigung der Person.

Gegenüber allen aus dem Kern der Persönlichkeit quellenden Betätigungen ist es eine oberflächliche, die wirkliche Gefühlsweise gar nicht treffende Vorstellung, daß man »seinen Lohn dahin haben« könne.

Kann man etwa die Aufopferungen der Liebe durch irgendein Tun, selbst ein gleich wertvolles, aus gleich starkem Ge-fühle fließendes, völlig vergelten? Es bleibt immer ein Verpflichtungsverhältnis des Ganzen der Persönlichkeiten bestehen, das vieleicht gegenseitig ist, aber sich der Aufrechnung auch durch die Gegenseitigkeit prinzipiell entzieht.

Ebensowenig kann ein Vergehen, soweit es innerlicher Natur ist, durch die Strafe so gesühnt werden, als ob es nun ungeschehen wäre, wie etwa der äußerlich angerichtete Schaden es kann. Wenn der Schuldige nach erduldeter Strafe eine völlige Entsündigung fühlt, so entsteht dies nicht aus einem Quittsein mit der Sünde durch die gezahlte Strafe, sondern aus einer durch diese bewirkten innerlichen Umwandlung, die die (>452) Wurzel der Sünde zerstört.

Die bloße Strafe aber zeigt ihre Unfähigkeit, die Missetat wirklich zu begleichen, in dem weiterwirkenden Mißtrauen und der Deklassierung, die der Sünder trotz ihrer noch erfährt.

Was ich früher ausführte: daß es zwischen qualitativ verschiedenen Elementen keine unmittelbare Äquivalenz wie zwischen Aktiven und Passiven eines Kontokorrents geben könne - das gewinnt seine gründlichste Bewährung an den Werten, in denen sich die individuelle Persönlichkeit verkörpert, und wird in dem Maße ungültiger, in dem die Werte, von dieser Wurzel gelöst, selbständig-dinglichen Charakter annehmen, sich so ins Unendliche dem Geld nähernd, das der schlechthin inkommensurablen Persönlichkeit gegenüber das schlechthin Kommensurable, weil das absolut Sachliche ist.

Es hat einerseits etwas Grauenhaftes, sich die tiefe gegenseitige Unangemessenheit der Dinge, Leistungen, psychischen Werte vorzustellen, die wir immerfort wie wirkliche Äquivalente gegeneinander einsetzen; andrerseits gibt gerade diese Unvergleichbarkeit von Lebenselementen, ihr Recht, von keinem angebbaren Aquivalent genau gedeckt zu werden, dem Leben doch einen unersetzlichen Reiz und Reichtum.

Daß die personalen Werte durch das Geld, für das sie dargeboten werden, gar nicht ausgeglichen werden, mag einerseits der Grund von unzähligen Ungerechtigkeiten und tragischen Situationen sein; aber andrerseits erhebt sich doch gerade daran das Bewußtsein von dem Werte des Persönlichen, der Stolz des individuellen Lebensinhaltes, sich durch keine Steigerung bloß quantitativer Werte aufgewogen zu wissen.

Diese Inadäquatheit wird, wie wir es schon so oft als typisch erkannten, bei sehr hohen Summen als Gegenwerten gemildert, weil diese ihrerseits von jenem Superadditum umschwebt werden, von phantastischen, über die Zahlbestimmtheit hinausgreifenden Möglichkeiten, die, in ihrer Art, der in die Einzelleistung hineingegebenen und doch über jede Einzelleistung hinausreichenden Persönlichkeit korrespondieren.

Deshalb mag man gewisse Objekte oder Leistungen für sehr vieles Geld wohl hingeben; aber wenn dies nicht erlangbar ist, so verschenkt man sie lieber, als daß man wenig Geld dafür nehme. Denn nur dies, aber nicht jenes deklassiert sie. Aus diesem Gefühlszusammenhang heraus müssen unter feiner empfindlichen Menschen Geschenke, die den Charakter persönlicher Huldigung haben, ihren Geldwert gleichsam unsichtbar machen: bei Blumen und Näschereien, die man einer fernerstehenden Dame allein zu schenken wagen darf, wirkt die rasche Vergänglichkeit wie eine Aufhebung jedes substanziellen Wertes.

Nun ist weder das Hinausragen der Leistung über ihr Geldäquivalent (>453) immer von merkbarer Größe, noch, wenn es dies ist, immer so zum Ausdruck zu bringen, wie in den angeführten Fällen des Künstlers und des Arztes, des Beamten und des Gelehrten.

Wenn die Leistung sehr unindividuell ist und die Persönlichkeit sich mit ihr nicht aus dem Durchschnitt heraushebt, wie etwa bei dem ungelernten Arbeiter, so fehlt der Punkt der Inkommensurabilität, das Hineinwachsen der mit nichts vergleichbaren Persönlichkeit in das Werk, die sich immer nur in einer irgendwie singulären Qualität zu erkennen geben kann.

Andrerseits, ob der Leistende eine Begleichung jenes Saldo auf die angegebenen Arten erlangt, hängt im Prinzip davon ab, ob seine soziale Stellung ihm überhaupt derartige ideale Anerkennungen zugänglich macht; wo sie wegen seiner allgemeinen Untergeordnetheit ausbleiben, erscheint er natürlich um so herabgewürdigter, je persönlicheres er für Geld und nur für Geld zu geben gezwungen ist.

So wurden die mittelalterlichen Spielleute verachtet, mit der gelegentlichen Begründung, daß sie auf Bestellung Lustiges wie Trauriges sängen, ihre persönlichen Empfindungen damit prostituierten, daß sie »Geld für Ehre nahmen«.

Um die Ausschließung jenes idealen Lohnes aufrechtzuerhalten, war es deshalb durchaus konsequent, daß man sie wenigstens in bezug auf den ökonomischen Lohn auch streng gewissenhaft behandelte: obgleich die Spielleute allenthalben schlechtes Recht hatten, so wurde ihnen doch, wie ich schon erwähnte, gerade in bezug auf Hab und Gut unparteilich Recht gemessen.

Wo der eigentlich personale Wert schlechthin gegen Geld, ohne eine darüber hinausgehende ideelle Entschädigung, fortgegebeil werden muß, da findet deshalb eine Lockerung, gleichsam ein Substanzverlust des individuellen Lebens statt.

Das Gefühl der Tatsache, daß im Geldverkehr personale Werte für einen inadäquaten Gegenwert ausgetauscht werden, ist sicher einer der Gründe, aus denen in Kreisen von wirklich vornehmer und stolzer Gesinnung der Geld-erkehr so oft perhorresziert und sein Gegenpol, die Landwirtschaft, als das allein Geziernende gepriesen worden ist.

So war es zum Beispiel bei den Adligen der schottischen Hochlande, die bis zum acht-zehnten Jahrhundert ein ganz isoliertes und rein autochthones Dasein führten, das aber ganz unter dem Ideal der denkbar höchsten persönlichen Freiheit stand.

Denn so sehr das Geld diese fördern kann, wenn erst einmal ein eng gesponnener Verkehr die Menschen in sich verwebt und eingeschlungen hat, so stark muß man doch vom Standpunkt einer freien, auf sich gestellten und sich selbst genügenden Existenz aus empfinden, daß der Austausch von Besitz und Leistungen gegen Geld das Leben entpersonalisiert.

Wenn die subjektiven und die objektiven Seiten des Lebens sich erst gesondert (>454) haben, so kann freilich die Entpersonalisierung, die letzteren immer entschiedener ergreifend, der reinen Herausarbeitung der ersteren dienen; bei einer primitiveren und einheitlicheren Existenz muß es umgekehrt als eine Unverhältnismäßigkeit und ein Verlust gelten, wenn Besitz und Leistung, bisher nur persönlich genossen oder persönlich gewährt, bloß zum Element eines Geldverkehrs und zum Gegenstand seiner objektiven Gesetzmäßigkeiten werden.

Bei dem Übergange der mittelalterlichen Grundherrschaft des Ritters zu der modernen Landwirtschaft ist zu konstatieren, daß seine Standes- begriffe sich zwar dahin erweitern: außer der Kriegstätigkeit sei doch auch Erwerbstätigkeit für ihn zulässig - aber dies sei eben nur der Betrieb der eigenen Güter; ein Erwerb, dessen Eigenart ihn nun den Kaufmann, den Händler womöglich noch mehr verachten ließ, als es vor seiner Wendung zum Ökonomischen der Fall war.

Das spezifische Gefühl der Würdelosigkeit des Geldverkehrs tritt hier gerade deshalb so schroff hervor, weil die beiden Wirtschaftsarten jetzt nahe aneinander gerückt sind.

Es ist eine der durchgehendsten soziologischen Erscheinungen, daß der Gegensatz zwischen zwei Elementen nie stärker hervortritt, als wenn derselbe sich von einem gemeinsamen Boden aus entwickelt: Sekten der gleichen Religion pflegen sich intensiver zu hassen als ganz verschiedene Religionsgemeinschaften die Feindschaften kleiner benachbarter Stadtstaaten waren, die ganze bekannte Geschichte hindurch, leidenschaftlicher als die großer Staaten mit ihren räumlich und sachlich getrennten Interessen- gebieten, ja, man hat behauptet, daß der glühendste Haß, den es gibt, der zwischen Blutsverwandten wäre.

Diese Steigerung des Antagonismus, der sich gleichsam von dem Hintergrund einer Gemeinsamkeit abhebt, scheint in manchen Fällen dann ein Maximum zuerreichen, wenn die Gemeinsamkeit oder Ähnlichkeit in der Zunahme begriffen ist und damit die Gefahr droht, daß der Unterschied und Gegensatz überhaupt verwischt werde, an dessen Bestand wenigstens eine der Parteien lebhaft interessiert ist.

Je mehr ein tiefer- und ein höherstehendes Element sich einander nähern, desto energischer wird das letztere die noch bestehenden Differenzpunkte betonen, desto höher sie werten.

So entsteht der leidenschaftliche und aggressive Klassenhaß nicht dann, wenn die Klassen noch durch unüberbrückbare Klüfte geschieden sind, sondern erst in dem Augenblick, wo die niedere Klasse sich schon etwas erhoben hat, die höhere einen Teil ihres Prestige verloren hat und ein Nivellement beider diskutiert werden kann.

So empfand der Grundherr in seinem Umwandlungsprozeß in den wirtschaftstreibenden Gutsbesitzer eine gesteigerte Notwendigkeit, sich von dem geldwirtschaftenden Kaufmann (>455) abzuscheiden.

Er trieb Wirtschaft, aber zunächst doch nur für den eigenen Bedarf, er gab doch nicht sein Eigen für Geld hin; und wenn er das tat, so war es doch schließlich nur das Produkt, er stellte sich doch nicht, wie der Kaufmann, mit der Unmittelbarkeit persönlicher Leistung in den Dienst des Geldgebers; wie es von einem ähnlichen Motiv aus - wenngleich unter dem wesentlichen Mitwirken anderer - dem spartanischen Vollbürger zwar gestattet war, Land zu besitzen, aber nicht, es selbst zu bebauen.

Jenen Unterschied gegen andere Verkäufer zu betonen, war im Interesse der aristokratischen Stellung deshalb so wichtig, weil das Geldgeschäft demokratisch nivellierend wirkt; insbesondere wenn der sozial Höher-stehende der Geldnehmer, der Tieferstehende der Empfänger der sachlichen Leistung ist, macht es die Parteien leicht miteinander »gemein«.

Deshalb empfindet der Aristokrat das Geldgeschäft als deklassierend, während der Bauer, wenn er statt seiner Natural-leistungen dem Herrn in Geld zinst, dadurch ein Aufsteigen erfährt.

Das zeigt sich also auch an dem Geldverkauf personaler Werte als das Unvergleichliche des Geldes, daß es allen Entgegengesetztheiten historisch-psychologischer Möglichkeiten sich leihend, mit seiner eigenen Unentschiedenheit und Inhaltlosigkeit doch alle jene zu äußerster Entschiedenheit ausbildet.

In der so gesteigerten praktischen Welt erscheint das Geld, die verkörperte Relativität der Dinge, gleichsam als das Absolute, das alles Relative mit seinen Gegensätzen umschließt und trägt.

Teil III

Das Arbeitsgeld und seine Begründung.

Die Gratisleistung des Geistes.

Die Höhenunterschiede der Arbeit als Quantitätsunterschiede.

Die Muskelarbeit als Arbeitseinheit.

Der Wert physischer Leistung auf den der psychischen Leistung reduzierbar.

Die Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit als Gegengrund gegen das Arbeitsgeld; dadurch geförderte Einsicht in die Bedeutung des Geldes.

Die Bedeutung des Geldäquivalents der Arbeit ist auf diesen Seiten so oft direkt und indirekt berührt, daß ich hier nur noch eine darauf bezügliche Prinzipienfrage abhandeln möchte: ob die Arbeit selbst etwa der Wert schlechthin ist, der also das Wertmoment in allen ökonomischen Einzelheiten ebenso in concreto bildet, wie dasselbe in abstracto durch das Geld ausgedrückt wird.

Die Bemühungen, die Gesamtheit der wirtschaftlichen Werte aus einer einzigen Quelle abzuleiten und auf einen einzigen Ausdruck zu reduzieren - auf die Arbeit, die Kosten, den Nutzen usw. - wären sicher nicht aufgetreten, wenn nicht die Umsetzbarkeit aller jener Werte in Geld auf eine Einheit ihres Wesens hingedeutet und als Pfand für die Erkennbarkeit eben dieser Einheit gedient hätte. Der Begriff des »Arbeitsgeldes«, der in sozialistischen Plänen auftaucht, drückt diesen Zusammenhang aus.

Geleistete Arbeit als der allein wert-bildende Faktor gibt danach allein das Recht, die Arbeitsprodukte Anderer zu beanspruchen, und dafür weiß man eben keine andere Form, als daß man die Symbole und Anerkenntnisse eines bestimmten Arbeitsquantums als Geld bezeichnet.

Das Geld muß also selbst da als Einheitsform der Werte konserviert werden, wo seine augenblickliche Beschaffenheit verworfen wird, weil deren Eigenleben es hindere, der adäquate Ausdruck der fundamentalen Wertpotenz zu sein.

Wenn man selbst neben der Arbeit noch die Natur als Wertbildner zuläßt, da doch auch das aus ihr entnommene Material der Arbeit Wert besitzt, und so, wie man sagte, die Arbeit zwar der Vater, die Erde aber die Mutter des Reichtums ist - so muß der sozialistische Gedankengang dennoch am Arbeitsgeld münden; denn da die Schätze der Natur nicht mehr Privateigentum, sondern die gemeinsame, jedem a priori in gleicher Weise zugängige Grundlage des Wirtschaftens überhaupt sein sollen, so ist dasjenige, was jeder in den Tausch zu geben hat, schließlich doch nur seine Arbeit.

Er kann freilich, wenn er mit Hilfe dieser ein wertvolles Naturprodukt (>457) eingetauscht hat und dieses weiter vertauscht, dessen Stoffwert mit in Rechnung stellen; aber die Werthöhe desselben ist doch nur genau gleich dem Werte seiner Arbeit, für die er es erworben hat, und diese bildet also für das fragliche Naturprodukt das Maß seines Tauschwertes.

Wenn die Arbeit so die letzte Instanz ist, auf die alle Wertbestimmung der Objekte zurückzugehen hat, so ist es eine Unangemessenheit und ein Umweg, sie ihrerseits erst an einem Objekte von fremder Provenienz, wie das jetzige Geld es ist, zu messen; vielmehr müßte man dann allerdings eine Möglichkeit suchen, die Arbeitseinheit ganz rein und unmittelbar in einem Symbol auszudrücken, das als Tausch- und Meßmittel, als Geld fungierte.

Ohne von den angedeuteten Vereinheitlichungen des Wertes eine als die allein legitime zu verkünden, möchte ich die Arbeitstheorie wenigstens für die philosophisch interessanteste halten.

In der Arbeit gewinnen die Körperlichkeit und die Geistigkeit des Menschen, sein Intellekt und sein Wille, eine Einheitlichkeit, die diesen Potenzen versagt bleibt, solange man sie gleichsam in ruhendem Nebeneinander betrachtet; die Arbeit ist der einheitliche Strom, in dem sie sich wie Quellflüsse mischen, die Geschiedenheit ihres Wesens in der Ungeschiedenheit des Produktes auslöschend.

Wäre sie wirklich der alleinige Träger des Wertes, so würde der letztere damit in den definitiven Einheitspunkt unserer praktischen Natur eingesenkt, und dieser würde sich den adäquatesten Ausdruck, den er in der äußeren Realität finden kann, erwählt haben.

Im Hinblick auf diese Bedeutung der Arbeit erscheint es mir eine untergeordnete Frage, ob man nicht der Arbeit daraufhin den Wert abzusprechen habe, daß sie doch vielmehr die Werte erst erzeuge - wie die Maschine, die einen Stoff bearbeitet, doch die Form nicht selbst besitzt, die sie diesem erteilt.

Gerade wenn man nur den Produkten menschlicher Arbeit Wert zuspreche, könne nicht sie selbst - die eine physiologische Funktion ist -, sondern nur die Arbeitskraft Wert haben. Denn diese allerdings werde vom Menschen erzeugt, nämlich durch die Unterhaltungsmittel, die ihrerseits menschlicher Arbeit entstammen.

Daß sie sich dann in wirkliche Arbeit umsetzt, fordert er-sichtlich nicht wiederum Arbeit, bedeutet also selbst keinen Wert; dieser vielmehr haftet nun erst wieder an den von solcher Arbeit bedingten Produkten.

Ich halte dies indes für eine im wesentlichen terminologische Angelegenheit.

Denn da die Arbeitskraft sicher kein Wert wäre, wenn sie latent bliebe und sich nicht in wirkliches Arbeiten umsetzte, sondern erst in diesem wertbildend wirkt, so kann man für alle Zwecke der Berechnung und des Ausdrucks die Arbeit einsetzen.

Das wird auch nicht durch die Überlegung geändert, daß (>458) die als Nahrung konsumierten Werte nicht Arbeit, sondern Arbeitskraft erzeugen und deshalb nur diese, als Trägerin jener aufgenommenen Werte, selbst ein Wert sein könne.

Die Nahrungsmittel können schon deshalb nicht die zulängliche Ursache des vom Menschen verwirklichten Wertes sein, weil dieser letztere den in den ersteren investierten übersteigt, da es andernfalls nie zu einer Wertvermehrung kommen könnte.

Die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeit ist nur für die Zwecke des Sozialismus wichtig, weil sie die Theorie anschaulich macht, daß der Arbeiter nur einen Teil der Werte erhält, die er erzeugt.

Seine Arbeit produziert mehr Werte, als in seiner Arbeitskraft, in Form der Unterhaltsmittel, investiert sind; indem der Unternehmer die ganze Arbeitskraft um den Wert der letzteren kauft, profitiert er das ganze Mehr, um welches die schließlichen Arbeitsprodukte diesen Wert überragen.

Aber selbst von diesem Standpunkt aus scheint mir, man könnte, statt der Arbeitskraft die Arbeit als Wert bezeichnend, innerhalb der letzteren die Quanten gegeneinander abgrenzen, deren Werte einerseits als Lohn zum Arbeiter zurückkehren, andrerseits den Gewinn des Unternehmers ausmachen.

Ich gehe hierauf also nicht weiter ein, sondern untersuche im folgenden nur die nähere Bestimmung, unter welcher uns die Arbeitstheorie des Wertes so häufig entgegentritt: sie sucht einen Arbeitsbegriff, der für Muskelarbeit und geistige Arbeit gleichmäßig gilt, und mündet dabei tatsächlich auf der Muskelarbeit, als dem primären Werte oder Wertproduzenten, der als Maß jeglicher Arbeit überhaupt zu gelten habe.

Es wäre irrig, hierin nur proletarischen Trotz und prinzipielle Entwürdigung geistiger Leistungen zu sehen. Vielmehr wirken dazu tiefere und verwickeltere Ursachen.

Von dem Anteil des Geistes an der Arbeit ist zunächst behauptet worden, daß er kein »Aufwand« sei, er fordere keinen Ersatz wegen Abnutzung und erhöhe deshalb die Kosten des Produktes nicht; so daß als Begründerin des Tauschwertes nur die Muskelarbeit übrigbleibe.

Wenn man dem gegenüber hervorgehoben hat, daß auch die geistige Kraft erschöpfbar sei und ganz ebenso wie die körper-liche durch Ernährung erhalten und ersetzt werden müßte, so ist dabei das Moment von Wahrheit übersehen, das jener Theorie, wenn auch nur als instinktives Gefühl, zum Grunde liegen mag.

Der Anteil des Geistes an einem Arbeitsprodukt bedeutet nämlich zwei scharf zu unterscheidende Seiten desselben.

Wenn ein Tischler einen Stuhl nach einem längst bekannten Modell herstellt, so geht das freilich nicht ohne einen Aufwand psychischer Tätigkeit ab, die Hand muß vom Bewußtsein geleitet werden.

Allein dies ist keineswegs die ganze in dem Stuhl investierte Geistigkeit.

Er wäre auch nicht herstellbar (>459) ohne die geistige Tätigkeit desjenigen, der, vielleicht vor Generationen, das Modell dazu ersonnen hat; auch die hiermit verbrauchte psychische Kraft bildet eine praktische Bedingung dieses Stuhles.

Nun aber besteht der Inhalt dieses zweiten geistigen Prozesses in einer Form weiter, in der er keinen psychischen Kraftaufwand mehr involviert: als Tradition, objektiv gewordener Gedanke, den jeder aufnehmen und nachdenken kann.

In dieser Form wirkt er im Protduktionsprozeß des jetzigen Tischlers, bildet den Inhalt der aktuellen geistigen Funktion, die freilich von dessen subjektiver Kraft getragen und vollzogen werden muß, und geht vermöge dieser letzteren in das Produkt, als dessen Form, ein.

Die zweierlei psychischen Betätigungen, von denen ich erst sprach, sind ganz sicher der Abnutzung und der Notwendigkeit eines physiologischen Ersatzes unterworfen: sowohl die des Tischlers wie die des Erfinders des Stuhles.

Aber das dritte geistige Moment, das offenbar für das jetzige Zustandekommen des Stuhles entscheidend wichtig ist, ist allerdings dem Verbrauchtwerden enthoben, und nach der Idee dieses Stuhles mögen Tausende von Exemplaren gearbeitet werden, sie selbst leidet dadurch keine Abnutzung, fordert keine Restaurierung und vermehrt also allerdings, obgleich sie den formgebenden, sachlich-geistigen Gehalt jedes einzelnen Stuhles dieser Art bildet, die Kosten desselben nicht.

Unterscheidet man also mit der erforderlichen Schärfe zwischen dem objektiv-geistigen Inhalt in einem Produkt und der subjektiven geistigen Funktion, die nach der Norm jenes Inhaltes das Produkt herstellt, so sieht man das relative Recht jener Behauptung, daß der Geist nichts koste; freilich auch ihr relatives Unrecht, weil diese unentgeltliche und unvernutzbare Idee des Dinges sich nicht von selbst in Produkten verwirklicht, sondern nur vermittels eines Intellekts, dessen jetziges, jener Idee gemäßes Funktionieren organische Kraft fordert und zu dem Kostenwert des Produktes aus denselben Gründen beiträgt, wie die Muskelleistung es tut - wenngleich der durch einen so präformierten Inhalt gelenkte psychische Aufwand natürlich ein viel geringerer ist, als wenn er zugleich den Inhalt originell aufzubringen hat.

Die Differenz zwischen beiden ist die Gratisleistung des Geistes.

Und dieses ideell-inhaltliche Moment ist es, das den geistigen Besitz nach zwei Seiten hin so völlig von dem ökonomischen unterscheidet: er kann einem einerseits viel gründlicher, andrerseits viel weniger genommen werden, als dieser.

Der einmal ausgesprochene Gedanke ist durch keine Macht der Welt wieder einzufangen, sein Inhalt ist unwiderruflich öffentliches Eigentum aller, die die psychische Kraft, ihn nachzudenken, aufwenden.

Deshalb aber kann er einem auch, wenn dies einmal geschehen ist, durch keine Macht der Welt wieder (>460) geraubt werden, der einmal gedachte Gedanke bleibt, als immer wieder reproduzierbarer Inhalt, der Persönlichkeit so unentreißbar verbunden, wie es im Ökonomischen gar keine Analogie findet.

Indem sich der geistige Prozeß aus seinem Inhalt, der diese über-ökonomische Bedeutung hat, und dem psychologischen Prozeß als solchem zusammensetzt, handelt es sich hier ersichtlich nur um den letzteren, um die Frage, welche Rolle der seelische Kraftverbrauch in der Wertbildung noch neben der Muskelarbeit spiele.

Daß die Bedeutung der geistigen Arbeit auf die der physischen reduziert werde, ist schließlich nur eine Seite der ganz allgemeinen Tendenz, eine Einheit des Arbeitsbegriffes herzustellen.

Das Gemeinsame aller mannigfaltigen Arten der Arbeit - einer viel weiteren und abgestufteren Mannigfaltigkeit, als der bloße Gegensatz zwischen physischer und psychischer Arbeit zeigt - gilt es aufzufinden.

Damit wäre theoretisch wie praktisch außerordentlich viel gewonnen, soviel wie entsprechend mit der Tatsache des Geldes; man hätte nun die generelle, qualitative Einheit, auf Grund deren alle Wertverhältnisse zwischen den Ergebnissen menschlicher Tätigkeit rein quantitativ, durch ein bloßes Mehr oder Weniger, auszudrücken wären.

Auf allen Gebieten hat dies den wesentlichen Fortschritt der Erkenntnis bedeutet: daß die qualitative Abwägung der Objekte gegeneinander, die immer eine relativ unsichere und unexakte bleibt, in die allein unzweideutige quantitative übergeführt wird, indem eine durchgängige innere Einheit an ihnen festgestellt wird und diese nun, als überall dieselbe und selbstverständliche, in der Berechnung der relativen Bedeutungen der Einzelheiten keine Berücksichtigung mehr verlangt.

Auf sozialistischer Seite ist dies offenbar eine bloße Fortsetzung und Konsequenz der Bestrebung, alle Werte überhaupt auf ökonomische, als ihren Ausgangspunkt und ihre Substanz zurückzuführen.

Und auf dieser Bestrebung mußte sie unvermeidlich münden, wenn sie ihre Nivellierungstendenz zu Ende dachte.

Denn auf dem Gebiete des Ökonomischen kann man allenfalls eine Gleichheit der Individuen als möglich denken; auf allen anderen: intellektuellen, gefühlsmäßigen, charakterologischen, ästhetischen, ethischen usw. würde das Nivellement, selbst nur das der »Arbeitsmittel«, von vornherein aussichtslos sein.

Will man es dennoch unternehmen, so bleibt nichts übrig, als diese Interessen und Qualitäten irgendwie auf jene, die allein eine annähernde Gleichmäßigkeit der Verteilung gestatten, zu reduzieren.

Ich weiß wohl, daß der heutige wissenschaftliche Sozialismus die mechanisch-kommunistische Gleichmacherei von sich weist und nur eine Gleichheit der Arbeitsbedingungen herstellen will, von der aus die Verschiedenheit der Begabung, (>461) Kraft und Bemühung auch zu einer Verschiedenheit der Stellung und des Genusses führen soll.

Allein dem heutigen Zustand gegenüber, in dem Erbrecht, Klassenunterschiede, Akkumulation des Kapitals und alle möglichen Chancen der Konjunktur weit größere als den individuellen Betätigungsunterschieden entsprechende Abstände erzeugen - würde jenes nicht nur tatsächlich eine wesentliche Ausgleichung in jeder Hinsicht bedeuten, sondern die Ausgleichung auch der Besitz- und Genußmomente scheint mir auch heute noch für die Massen das eigentlich wirksame Agitationsmittel zu sein.

Wenn der historische Materialismus zum wissenschaftlichen Beweisgrund der sozialistischen Lehre gemacht worden ist, so geht hier, wie so oft, der systematische Aufbau den umgekehrten Weg wie der schöpferische Gedankengang, und man hat nicht aus dem unabhängig fest-gestellten historischen Materialismus die sozialistische Theorie logisch gefolgert, sondern die praktisch feststehende sozialistisch-kommunistische Tendenz hat sich erst nachträglich den für sie allein möglichen Unterbau geschaffen, die ökonomischen Interessen als den Quellpunkt und Generalnenner aller anderen zu deklarieren.

Ist dies aber einmal geschehen, so muß sich die gleiche Tendenz in das Gebiet des Ökonomischen selbst fortsetzen und die Mannigfaltigkeit seiner Inhalte auf eine Einheit bringen, die über alles individuelle Leisten die Möglichkeit einer Gleichheit und äußerlich nachweisbaren Gerechtigkeit stellt.

Denn die Behauptung, der Wert aller wertvollen Objekte bestehe in der Arbeit, die sie gekostet haben, genügt für diesen Zweck noch nicht.

Damit könnte sich nämlich noch immer die qualitative Verschiedenheit der Arbeit vereinigen, derart, daß ein geringeres Quantum höherer Arbeit einen gleichen oder höheren Wert bildete, wie ein erhebliches von niederer Arbeit.

Hierdurch aber wäre eine ganz andere als die beabsichtigte Wertskala eingeführt.

Die entscheidenden Eigenschaften der Feinheit, Geistigkeit, Schwierigkeit würden zwar auch dann immer noch mit und an der Arbeit produziert, realisierten sich nur als Attribute ihrer; allein das Wertmoment ruhte nun doch nicht mehr auf der Arbeit als Arbeit, sondern auf der nach einem ganz selbständigen Prinzip aufgebauten Ordnung der Qualitäten, für die die Arbeit als solche, die das Allgemeine aller Arbeitsqualitäten ist, nur der für sich noch irrelevante Träger wäre.

Damit wäre die Arbeitstheorie in dasselbe Dilemma gebracht, dem die moral-philosophische Lehre unterlegen ist, daß die Produktion von Glücksgefühlen der alsolute ethische Wert sei.

Ist nämlich die Handlung wirklich in dem Maße sittlich, in dem sie Glück zur Folge hat, so bedeutet es eine Durchbrechung des Prinzips und die Einführung (>462) neuer definitiver Wertmomente, wenn das reinere, geistigere, vornehmere Glück als das wertvollere gepriesen wird.

Denn dann wäre der Fall möglich, daß ein solches Glück, wenngleich quantitativ, d.h. als bloßes Glück, geringer als ein niedriges, sinnliches, selbstisches, dennoch diesem gegenüber das sittlich erstrebenswertere wäre.

Die ethische Glückseligkeitstheorie ist deshalb nur dann konsequent, wenn alle ethischen Unterschiede sinnlichen und geistigen, epikureischen und asketischen, egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten Grunde, alle Begleit- und Folgeerscheinungen eingerechnet, bloße Maßunterschiede einer und derselben, qualitativ immer gleichen Glücksart sind.

Ebenso muß die konsequente Arbeitstheorie es durchführen können, daß alle die unzweideutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden Wertunterschiede zwischen zwei Leistungen, die als Arbeit extensiv und intensiv gleich erscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, daß in der einen mehr Arbeit verdichtet ist, als in der anderen, daß nur der erste und flüchtige Blick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer dringende aber ein tatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den Grund ihres Mehr oder Weniger von Wert entdeckt.

Tatsächlich ist diese Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zu-erst scheint.

Man muß nur den Begriff der Arbeit weit genug fassen. Betrachtet man die Arbeit zunächst in der Beschränkung auf ihren individuellen Träger, so liegt auf der Hand, daß in jedem irgend »höheren« Arbeitsprodukt keineswegs nur diejenige Arbeitssumme investiert ist, die unmittelbar auf eben diese Leistung verwendet worden ist.

Die ganzen vorhergegangenen Mühen vielmehr, ohne die die jetzige, relativ leichtere Herstellung unmöglich wäre, müssen in sie, als für sie erforderliche Arbeit, pro rata eingerechnet werden. Gewiß ist die »Arbeit« des Musikvirtuosen an einem Konzertabend oft im Verhältnis zu ihrer ökonomischen und idealen Einschätzung eine geringe; ganz anders aber steht es, wenn man die Mühen und die Dauer der Vorbereitung als Bedingung der unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum derselben hinzurechnet.

Und so bedeutet auch in unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eine Form von mehr Arbeit; nur daß diese nicht in der sinnlichen Wahrnehmbarkeit momentaner Anstrengung, sondern in der Kondensation und Aufspeicherung vorangegangener und die jetzige Leistung bedingender Anstrengungen gelegen ist: in der spielenden Leichtigkeit, mit der der Meister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel mehr Arbeitsmühe verkörpert sein, als in dem Schweiß, den der Stümper schon um eines sehr viel niederen Ergebnisses willen vergießen muß.

Nun aber kann diese Deutung der Qualitätsunterschiede der Arbeit (>463) als quantitativer sich über die bloß persönlichen Vorbedingungen hinauserstrecken.

Denn diese reichen offenbar nicht aus, um diejenigen Eigenschaften der Arbeit in der angegebenen Weise zu redu-zieren, die ihre Höhe durch eine angeborene Begabung oder durch die Gunst dargebotener objektiver Vorbedingungen gewinnen.

Hier muß man sich einer Vererbungshypothese bedienen, die freilich hier wie überall, wo sie insbesondere erworbene Eigenschaften einbezieht, nur eine ganz allgemeine Denkmöglichkeit darbietet.

Wollen wir die verbreitete Erklärung des Instinkts akzeptieren, daß er aus den aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu bestimmten zweckmäßigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt haben und in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, daß bei diesen die zweckmäßige Bewegung auf den entsprechenden Nervenreiz hin rein mechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen, erfolgt - wenn wir dies akzeptieren wollen - so kann man die angeborene spezielle Begabung als einen besonders günstigen Fall des Instinkts betrachten.

Nämlich als denjenigen, in dem die Summierung solcher physisch verdichteten Erfahrungen ganz besonders entschieden nach einer Richtung hin und in einer solchen Lagerung der Elemente erfolgt ist, daß schon der leisesten Anregung ein fruchtbares Spiel bedeutsamer und zweckmäßiger Funktionen antwortet.

Daß das Genie so viel weniger zu lernen braucht, wie der gewöhnliche Mensch zu der gleichartigen Leistung, daß es Dinge weiß, die es nicht erfahren hat - dieses Wunder scheint auf eine ausnahmsweise reiche und leicht ansprechende Koordination vererbter Energien hinzuweisen.

Wenn man die hiermit angedeutete Vererbungsreihe weit genug zurückgliedert und sich klar macht, daß alle Erfahrungen und Fertigkeiten innerhalb derselben nur durch wirkliches Arbeiten und Ausüben gewonnen und weitergebildet werden konnten, so erscheint auch die individuelle Besonderheit der genialen Leistung als das kondensierte Resultat der Arbeit von Generationen.

Der besonders »begabte« Mensch wäre demnach derjenige, in dem ein Maximum von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zur Weiterverwertung disponierter Form aufgehäuft ist; so daß der höhere Wert, den die Arbeit eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letzten Grunde auch auf ein quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das er freilich nicht persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durch die Eigenart seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht.

Die Leistung wäre dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjekte vorausgesetzt, in dem Maße eine verschieden hohe, in dem die Struktur ihres psychisch-physischen Systems eine verschieden große und mit verschiedener Leichtigkeit (>464) wirkende Summe erarbeiteter Erfahrungen und Geschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt.

Und wenn man die Wertgröße der Leistungen, statt durch das Quantum der erforderlichen Arbeit, in der gleichen Tendenz durch die zu ihrer Herstellung »gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« ausgedrückt hat, so entzieht sich auch dies nicht der gleichen Deutung: der höhere Wert der durch besondere Begabung getragenen Leistungen bedeutete dann, daß die Gesellschaft immer eine gewisse längere Zeit hindurch leben und wirken muß, ehe sie wieder ein Genie hervorbringt; sie braucht den längeren Zeitraum, der den Wert der Leistung bedingt, in diesem Falle nicht zu deren unmittelbarer Produktion, sondern zur Produktion der - eben nur in relativ längeren Zwischenräumen auftretenden - Produzenten solcher Leistungen.

Die gleiche Reduktion kann auch in objektiver Wendung erfolgen.

Die Höherwertung des Arbeitsergebnisses bei gleicher subjektiver Anstrengung findet nicht nur als Erfolg eines persönlichen Talents statt; sondern es gibt bestimmte Kategorien von Arbeiten, die von vornherein einen höheren Wert als andere repräsentieren, so daß die einzelne Leistung innerhalb jener weder größere Mühe noch größere Begabung als die innerhalb anderer zu enthalten braucht, um dennoch einen höheren Rang einzunehmen.

Wir wissen sehr wohl, daß unzählige Arbeiten in den »höheren Berufen« an das Subjekt keinerlei höhere Ansprüche stellen, als solche in den »niederen«; daß die Arbeiter in Bergwerken und Fabriken oft eine Umsicht, Entsagungsfähigkeit, Todesverachtung besitzen müssen, die den subjektiven Wert ihrer Leistung weit über den vieler Beamten- oder Gelehrtenberufe erhebt; daß die Leistung eines Akrobaten oder Jongleurs genau dieselbe Geduld, Geschicklichkeit und Begabung fordert, wie die manches Klaviervirtuosen, der seine manuelle Fertigkeit durch keinen Beisatz seelischer Vertiefung adelt.

Und doch pflegt nicht nur die eine Kategorie von Arbeiten der anderen gegenüber tatsächlich viel höher entlohnt zu werden, sondern auch ein sozial vorurteilsloses Schätzungsgefühl wird in vielen Fällen den- selben Weg gehen.

Bei vollem Bewußtsein der gleichen oder höheren subjektiven Arbeit, die das eine Produkt erfordert, wird man dem anderen dennoch einen höheren Rang und Wert zusprechen, so daß es hier wenigstens scheint, als ob andere Momente als die des Arbeitsmaßes seine Schätzung bestimmen.

Doch ist dieser Schein nicht unüberwindlich. Man kann nämlich die Arbeitsleistungen höherer Kulturen in eine Stufenreihe von dem Gesichtspunkt aus einstellen, welches Quantum Arbeit bereits in den objektiven, technischen Vorbedingungen aufgehäuft ist, auf Grund deren die einzelne Arbeit (>465) überhaupt möglich ist.

Damit es überhaupt höhere Stellungen in einer Beamtenhierarchie gebe, muß erstens eine unübersehbare Arbeit in der Verwaltung und der allgemeinen Kultur bereits geleistet sein, deren Geist und Ergebnis sich zu der Möglichkeit und Notwendigkeit solcher Stellungen verdichtet; und zweitens setzt jede einzelne Tätigkeit höherer Funktionäre die Vorarbeit vieler subalterner voraus, die sich in ihr konzentrieren; so daß die Qualität solcher Arbeit wirklich nur durch ein sehr hohes Quantum schon vollbrachter und in sie eingehender Arbeit zustande kommt.

Ja, gegenüber der »un-qualifizierten« beruht alle qualifizierte Arbeit als solche keineswegs nur auf der höheren Ausbildung des Arbeiters, sondern ebenso auch auf der höheren und komplizierteren Struktur der objektiven Arbeitsbedingungen, des Materials und der historisch-technischen Organisation.

Damit auch der mittelmäßigste Klavierspieler möglich sei, bedarf es einer so alten und breiten Tradition, eines so unüber-sehbaren überindividuellen Bestandes technischer und artistischer Arbeitsprodukte, daß allerdings diese in ihr gesammelten Schätze seine Arbeit weit über die vielleicht subjektiv viel erheblichere des Seiltänzers oder Taschenspielers erheben.

Und so im allgemeinen: was wir als die höheren Leistungen schätzen, nur nach der Kategorie des Berufes und ohne daß personale Momente ihre Höhe bewirkten, das sind diejenigen, die in dem Aufbau der Kultur die relativ abschließenden, am meisten von langer Hand vorbereiteten sind, die ein Maximum von Arbeit Vor- und Mitlebender als ihre technische Bedingung in sich aufnehmen - so ungerecht es auch sei, aus diesem, durch ganz überpersönliche Ursachen entstandenen Wert der objektiven Arbeitsleistung eine besonders hohe Entlohnung oder Schätzung für den zufälligen Träger derselben herzuleiten. Auch wird dieser Maßstab selbstverständlich nicht genau innegehalten.

Wertungen von Leistungen und Produkten, die durch ihn begründet sind, werden auf andere, dieses Rechtsgrundes entbehrende, übertragen: sei es wegen äußerlich-formeller Ähnlichkeit, sei es wegen historischer Verknüpfung mit jenen, sei es, weil die Inhaber der betreffenden Berufe eine aus anderer Quelle fließende, soziale Macht zur Steigerung ihrer Schätzung benutzen.

Ohne solche, aus der Komplikation des historischen Lebens folgende Zufälligkeiten abzurechnen, läßt sich aber überhaupt kein einziger prinzipieller Zusammenhang in sozialen Dingen behaupten.

Im großen und ganzen kann, wie mir scheint, die Deutung aufrechterhalten werden: daß die verschiedene Wertung der Leistungsqualitäten, bei Gleichheit der subjektiven Arbeitsmühe, dennoch der Verschiedenheit der Arbeitsquanten entspricht, die in vermittelter Form in den betreffenden (>466) Leistungen enthalten sind.

So erst wäre der Gewinn für die theoretische Vereinheitlichung der ökonomischen Werte, auf den die Arbeitstheorie ausging, in vorläufige Sicherheit gebracht.

Damit ist aber nur der allgemeine Begriff der Arbeit maßgebend geworden und die Theorie beruht insoweit auf einer sehr künstlichen Abstraktion.

Man könnte ihr vorwerfen, sie baue sich auf dem typischen Irrtum auf, daß die Arbeit zunächst und fundamental Arbeit überhaupt wäre, und dann erst, gewissermaßen als Bestimmungen zweiten Grades, ihre spezifischen Eigenschaften dazu träten, um sie zu dieser bestimmten zu machen.

Als ob diejenigen Eigenschaften, auf die hin wir ein Handeln als Arbeit überhaupt bezeichnen, nicht mit seinen übrigen Bestimmungen eine vollkommene Einheit bildeten, als ob jene Scheidung und Rangordnung nicht auf einem ganz willkürlich gesetzten Grenzstrich beruhte!

Gerade als ob der Mensch erst Mensch überhaupt wäre, und dann, in realer Scheidung davon, erst das bestimmte Individuum! Freilich ist auch dieser Irrtum begangen und zur Grundlage sozialer Theorien gemacht worden.

Der Arbeitsbegriff, mit dem die ganze vorhergehende Erörterung rechnet, ist eigentlich nur negativ bestimmt: als dasjenige, was übrigbleibt, wenn man von allen Arten des Arbeitens alles wegläßt, was sie voneinander unterscheidet.

Allein, was hier tatsächlich übrigbleibt, entspricht keineswegs, wie eine verlockende Analogie nahelegen könnte, dem physikalischen Begriff der Energie, die, in quantitativer Un-eränderlichkeit, bald als Wärme, bald als Elektrizität, bald als mechanische Bewegung auftreten kann; hier ist allerdings ein mathematischer Ausdruck möglich, der das Gemeinsame aller dieser spezifischen Erscheinungen und sie als Äußerungen dieser einen Grund-tatsache darstellt.

Menschliche Arbeit aber, ganz im allgemeinen, gestattet keine derartig abstrakte, aber doch bestimmte Formulierung.

Die Behauptung, daß alle Arbeit schlechthin Arbeit und nichts anderes wäre, bedeutet, als Grundlage für die Gleichwertigkeit derselben, etwas genau so Ungreifbares, abstrakt Leeres, wie jene Theorie: jeder Mensch sei eben Mensch und deshalb seien alle gleichwertig und zu den gleichen Rechten und Pflichten qualifiziert.

Soll der Begriff der Arbeit also, dem in seiner bisher angenommenen Allgemeinheit mehr ein dunkles Gefühl als ein fester Inhalt seine Bedeutung geben konnte, eine solche wirklich erhalten, so bedarf es einer näheren Präzision des realen Vorganges, den man unter ihm verstehen kann.

Als dieses letzte, konkrete Element ist, worauf ich jetzt zurückkomme, die Muskelarbeit behauptet worden; und wir fragen nach dem Rechte dieser Behauptung, nachdem wir ihren Beweis aus der (>467) Kostenlosigkeit der geistigen Arbeit oben in seiner Gültigkeit beschränkt haben. Ich will nun von vornherein gestehen: ich halte es nicht für schlechthin ausgeschlossen, daß einmal das mechanische Äquivalent auch der psychischen Tätigkeit gefunden werde.

Freilich, die Bedeutung ihres Inhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle in den logischen, ethischen, ästhetischen Zusammenhängen steht absolut jenseits aller physischen Bewegungen, ungefähr wie die Bedeutung eines Wortes jenseits seines physiologisch - akustischen Sprachlautes steht.

Aber die Kraft, die der Organismus für das Denken dieses Inhaltes als Gehirnvorgang aufwenden muß, ist prinzipiell ebenso berechenbar wie die für eine Muskelleistung erforderliche.

Sollte dies eines Tages gelingen, so könnte man allerdings das Kraftmaß einer bestimmten Muskelleistung zur Maßeinheit machen, nach der auch der psychische Kraftverbrauch bestimmt wird, und die psychische Arbeit wäre nach dem, was daran wirklich Arbeit ist, auf gleichem Fuße mit der Muskelarbeit zu behandeln, ihre Produkte würden in eine bloß quantitative Wertabwägung mit denen der letzteren eintreten.

Dies ist natürlich eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartun kann, daß die Reduktion aller wirtschaftlich anrechenbaren Arbeit auf Muskelarbeit selbst für einen keineswegs dogmatisch-materialistischen Standpunkt nicht den prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mit dem der Dualismus von Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuch zu schlagen schien. In etwas konkreterer Weise scheint sich die folgende Vorstellung dem gleichen Ziele zu nähern.

Ich gehe davon aus, daß unsere Unterhaltsmittel durch physische Arbeit produziert werden.

Zwar ist keine Arbeit rein physisch, jede Handarbeit wird erst durch das irgendwie wirkende Bewußtsein zu einer zweckmäßigen Leistung, so daß auch diejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Bedingungen bereitet, selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält.

Allein diese psychische Leistung des Handarbeiters wird doch ihrerseits erst wieder durch Unterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je niedriger der Arbeiter steht, d.h. je geringfügiger das seelische Element seiner Arbeit im Verhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine Unterhaltsmittel (im weitesten Sinne) durch Arbeit von wesentlich physischem Charakter hergestellt werden - mit einer der modernsten Zeit angehörigen und im letzten Kapitel zu behandelnden Ausnahme.

Da sich dies Verhältnis nun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt, so ergibt dies eine unendliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit zwar nie verschwinden kann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben wird.

So ruhen die Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf einer Reihe von Arbeiten, in (>468) denen der psychische Beisatz jedes Gliedes durch ein Glied von rein physischem Wert getragen wird, so daß jener sich auf der letzten Stufe dem Grenzwert Null nähert.

Es läßt sich also denken, daß prinzipiell alle äußeren Bedingungen der geistigen Arbeit in Muskelarbeitsgrößen ausdrückbar sind. Könnte man nun die alte Theorie vom Kostenwert gelten lassen, so würde der Wert der geistigen Arbeit, insofern er den Kosten ihrer Produktion gleich ist, dem Werte gewisser Muskelleistungen gleich sein.

Und nun wäre diese Theorie vielleicht in einer Modifikation haltbar: der Wert eines Produkts ist zwar nicht seinen Kosten gleichzusetzen, wohl aber könnten sich die Werte zweier Produkte zueinander verhalten, wie die ihrer Entstehungsbedingungen.

Eine Psyche, durch Unterhaltsmittel ernährt und angeregt, wird Produkte hergeben, die den Wert jener von ihr verbrauchten Bedingungen um ein Vielfaches übersteigen mögen; darum könnte aber doch das Wertverhältnis je zweier Bedingungs-komplexe gleich dem je zweier Produkte sein - wie die Werte zweier Bodenerzeugnisse, von denen jedes ein Vielfaches seines Samens ist, sich so verhalten können wie die Werte der Samen zueinander; denn der werterhöhende Faktor könnte, für den Durchschnitt der Menschen, eine Konstante sein.

Wenn alle diese Voraussetzungen zuträfen, so wäre damit die Reduktion der geistigen Arbeiten auf physische in dem Sinne vollbracht, daß man zwar nicht die absolute, aber die relative Wertbedeutung jeder der ersteren durch bestimmte Verhältnisse der letzteren ausdrücken könnte.

Nun erscheint aber der Gedanke, daß die Werthöhen der geistigen Leistung sich proportional den Werten der Unterhalts-mittel verhalten sollten, völlig paradox, ja unsinnig.

Dennoch lohnt es, die Punkte aufzusuchen, in denen sich die Wirklichkeit ihm wenigstens nähert, weil diese tief in die inneren und kulturellen Beziehungen geistiger Werte zu ihren wirtschaftlichen Bedingungen und Äquivalenten hinabreichen. Wir haben uns wohl vorzustellen, daß im Gehirn, als dem Gipfelpunkt der organischen Entwicklung, ein sehr großes Maß von Spannkräften aufgespeichert liegt.

Das Gehirn ist offenbar imstande, eine große Kraftsumme abzugeben, woraus sich unter anderem die erstaunliche Leistungsfähigkeit schwacher Muskeln erklärt, die sie auf psychische Reize hin entfalten können.

Auch die große Erschöpfung des ganzen Organismus nach geistigen Arbeiten oder Alterationen weist darauf hin, daß die psychische Tätigkeit, von der Seite ihres physischen Korrelats her angesehen, sehr viel organische Kraft verbraucht.

Der Ersatz dieser Kraft ist nun nicht nur durch ein bloßes Mehr derjenigen Unterhaltsmittel, die der Muskelarbeiter braucht, zu erzielen, denn die Aufnahmefähigkeit (>469) des Körpers ist in Hinsicht auf das Quantum von Er-ährung ziemlich eng begrenzt und bei überwiegend geistiger Arbeit eher herunter- als heraufgesetzt.

Deshalb kann der Kraftersatz ebenso wie die erforderliche nervöse Anregung bei geistiger Arbeit in der Regel nur durch eine Konzentrierung, Verfeinerung, individuelle Angepaßtheit des Lebensunterhaltes und der allgemeinen Lebensbedingungen geleistet werden.

Zwei kulturhistorisch bedeutsame Momente werden hier wichtig. Unsere täglichen Nahrungs-mittel sind in einer Periode erwählt und ausgebildet worden, in der die übrigen Lebensbedingungen von den heutigen der intellektuellen Stände sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frische Luft gegenüber der Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweise dominierten.

Die zahllosen, direkten und indirekten Verdauungskrankheiten einerseits, das hastige Suchen nach konzentrierten und leicht assimilierbaren Nährmitteln andrerseits verkünden, daß die Anpassung zwischen unserer körperlichen Verfassung und unseren Nahrungsstoffen in weitem Umfang unterbrochen ist.

Aus dieser ganz allgemeinen Beobachtung ist ersichtlich, mit wie großem Rechte für Menschen sehr differenzierter Berufe auch differenzierte Ernährung gefordert wird, und daß es nicht nur Sache der Zungenkultur, sondern der Volksgesundheit ist, dem höchstentwickelten Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen, verfeinerten und durch persönliche Ansprüche bestimmten Ernährung zu gewähren.

Wesent-icher aber und zugleich verborgener ist der Umstand, daß die geistige Arbeit ihre Vorbedingungen weit mehr in die Gesamtheit des Lebens hin erstreckt und von einer viel weiteren Peripherie mittelbarer Beziehungen umgeben ist, als die körperliche.

Die Umsetzung der körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen unmittelbar geschehen, während die geistigen Spannkräfte ihre volle Arbeit im allgemeinen nur leisten können, wenn, weit über ihr unmittelbar-aktuelles Milieu hinaus, das ganze komplizierte System der körperlich-geistigen Stimmungen, Eindrücke, Anregungen sich in einer bestimmten Organisiertheit, Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit befindet.

Selbst unter denjenigen, die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell nivellieren wollen, ist es deshalb schon ein trivialer Satz, daß die höhere Entlohnung des geistigen Arbeiters durch die physiologischen Bedingungen seiner Tätigkeit gerechtfertigt werde.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, daß der moderne geistige Mensch so viel mehr von seinem Milieu abhängig zu sein scheint, als der frühere Mensch, und zwar nicht in dem Sinn, daß er bildsamer, qualitativ bestimmbarer ist, sondern gerade so, daß die Entwicklung seiner spezifischen Kräfte, seiner innerlichen Produktivität, (>470) seiner persönlichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm individuell angepaßte Lebensbedingungen möglich ist.

Die un-glaublich bescheidenen Verhältnisse, unter denen früher oft ein höchstes geistiges Leben sich entfaltete, wären für die überwiegende Mehrzahl der heutigen geistigen Arbeiter von vornherein erdrückend, diese würden in ihnen nicht die Begünstigungen und Anregungen finden, die sie - manchmal jeder anders als der andere - gerade für ihre individuelle Produktion brauchen.

Das kann jedem Epikureismus völlig fern liegen, und geht, als reale Bedingung der Leistung, vielleicht einerseits aus der gewachsenen Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, andrerseits aus der zugespitzten Individualisiertheit hervor, die auf jene einfachen, d.h. typisch-generellen Lebensreize nicht reagieren kann, sondern sich nur auf entsprechend individualisierte hin entfaltet.

Wenn die neueste Zeit die historische Milieu-Theorie aufs entschiedenste durchgeführt hat, so dürften wohl auch hier reale Verhältnisse durch ihre Exaggerierung eines Elementes uns den Blick für dessen Wirksamkeit auch auf Stufen seiner geringeren Entwicklung geöffnet haben - gerade wie die in Wirklichkeit gestiegene Bedeutung der Massen im 19. Jahrhundert erst die Veranlassung geworden ist, sich ihrer Bedeutung auch in allen früheren Epochen wissenschaftlich bewußt zu werden.

Insoweit diese Verhältnisse gelten, besteht also wirklich eine gewisse Proportion zwischen den Werten, die wir konsurnieren, und denen, die wir produzieren, d.h. die letzteren, als geistige Leistungen, sind Funktionen der Muskelleistungen, die in den ersteren investiert sind.

Allein diese mögliche Reduktion geistiger auf Muskelarbeitswerte findet von verschiedenen Seiten her eine sehr frühe Grenze. Jene Proportion ist nämlich zunächst nicht umkehrbar.

Zu bestimmten Leistungen gehören allerdings sehr erhebliche personale Aufwendungen, aber diese ihrerseits erzeugen keineswegs überall jene Leistungen: der Unbegabte, in noch so günstige und verfeinerte Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch niemals dasjenige leisten, wozu ebendieselben den Begabten anregen.

Die Reihe der Produkte könnte also nur dann eine stetige Funktion der Reihe der Aufwendungen sein, wenn die letzteren genau im Verhältnis der natürlichen personalen Begabungen erfolgten.

Allein das Unmögliche selbst angenommen, daß die letzteren sich exakt feststellen ließen und eine ideale Anpassung, nach dieser Feststellung die Unterhaltsmittel genau bemessend, die Leistungshöhen zum Index der letzteren machen wollte, so würde dies Unternehmen seine Grenze immer an der Ungleichmäßigkeit der Unterhaltsbedingungen finden, die selbst zwischen den zu gleichen Leistungen qualifizierten Persönlichkeiten (>471) besteht.

Hier liegt eines der großen Hemmnisse sozialer Gerechtigkeit.

So sicher nämlich im allgemeinen die höhere, geistige Leistung auch höhere Lebensbedingungen fordert, so sind doch die menschlichen Beanlagungen gerade in den Ansprüchen, die die Entfaltung ihrer höchsten Kräfte stellt, äußerst ungleichmäßig.

Von zwei Naturen, die zu der objektiv gleichen Leistung befähigt sind, wird die eine zur Verwirklichung dieser Möglichkeit ein - der Höhe nach - ganz andres Milieu, ganz andre materielle Vorbedingungen, ganz andre Anregungen nötig haben, als die zweite.

Diese Tatsache, die zwischen den Idealen der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Maximisierung der Leistungen eine unversöhnliche Disharmonie stiftet, ist noch keineswegs genügend beachtet.

Die Verschiedenheit unserer physisch-psychischen Strukturen, der Verhältnisse zwischen zweckmäßigen und hemmenden Energien, der Wechselwirkungen zwischen Intellekt und Willenscharakter bewirkt, daß die Leistung, als Produkt der Persönlichkeit und ihrer Lebensbedingungen, in der ersteren einen höchst inkonstanten Faktor findet; so daß, um das gleiche Resultat zu ergeben, auch der andere Faktor entsprechend große Variierungen erleiden muß.

Und zwar scheint es, als ob diese Abweichungen der Naturelle in bezug auf die Verwirklichungsbedingungen ihrer inneren Möglichkeiten um so erheblichere wären, je höher, komplizierter und geistiger das Leistungsgebiet ist.

Die Personen, die überhaupt die Muskelkraft zu einer bestimmten Arbeit haben, werden für deren Ausführung so ziemlich der gleichen Ernährung und allgemeinen Lebenshaltung bedürfen; wo aber führende, gelehrte, künstlerische Tätigkeiten in Frage stehen, wird die oben bezeichnete Verschiedenheit zwischen denen, die schließlich alle das gleiche leisten könnten, bedeutsam hervortreten.

Die persönliche Begabung ist so variabler Art, daß die gleichen äußeren Umstände, auf sie einwirkend, die allerverschiedensten Endresultate zeitigen, und dadurch bei dem Vergleich von Indivi-duum mit Individuum jede Wertproportion zwischen den materiellen Unterhaltsbedingungen und den darauf gebauten psychischen Leistungen völlig illusorisch wird.

Nur wo große historische Epochen oder ganze Bevölkerungsklassen in ihrem Durchschnitt miteinander verglichen werden, mögen die relativen Höhen der physisch beschaffbaren Bedingungen dasselbe Verhältnis wie die der psychischen Leistungen zeigen.

So kann man z.B. beobachten, daß bei sehr niedrigen Preisen der notwendigen Nahrungsmittel die Kultur im ganzen nur langsam fortschreitet, also die Luxusartikel, in denen eine erheblichere geistige Arbeit investiert ist, außerordentlich teuer sind; wogegen die Preiserhöhung jener ersteren mit einer Preiserniedri- (>472) gung und weiteren Verbreitung der letzteren Hand in Hand zu gehen pflegt.

Für niedere Kulturen ist es charakteristisch, daß der unentbehrliche Unterhalt sehr billig, die höhere Lebenshaltung dagegen sehr teuer ist, wie etwa noch jetzt in Rußland im Verhältnis zu Zentraleuropa.

Die Billigkeit von Brot, Fleisch und Wohnung läßt es einerseits zu dem Druck nicht kommen, der den Arbeiter zur Erkämpfung höherer Löhne zwingt, die Teuerung der Luxusartikel andrerseits rückt ihm diese ganz außer Sehweite und verhindert ihre Ausbreitung.

Erst die Verteuerung des ursprünglich Billigen und die Verbilligung des ursprünglich Teuren - deren Zusammenhang ich schon oben hervorhob - bedeutet und bewirkt ein Aufsteigen der geistigen Betätigungen.

Unter all der ungeheuren Inkommensurabilität im einzelnen verraten diese Proportionen dennoch eine allgemeine, in jenen Einzelheiten dennoch wirksame Beziehung von physischer und psychischer Arbeit, die das Wertmaß der letzteren durch die erstere auszudrücken wohl gestatten würde, wenn ihre Wirksamkeit nicht durch die soviel stärkere der individuellen Begabungsunterschiede übertönt würde.

Endlich gibt es einen dritten Standpunkt, von dem aus die Reduktion alles Arbeitswertes auf den Wert der Muskelarbeit ihres rohen und plebejischen Charakters entkleidet wird.

Sehen wir nämlich genauer zu, woraufhin denn eigentlich die Muskelarbeit als Wert und Aufwand gilt, so ergibt sich, daß dies gar nicht die rein physische Kraftleistung ist.

Ich meine damit nicht das schon Erwähnte, daß diese überhaupt ohne eine gewisse intellektuelle Dirigierung ganz nutzlos für die menschlichen Zwecke wäre, in welcher Hinsicht aber das psychische Element ein bloßer Wertbeisatz bleibt; der eigentliche Wert könnte dabei doch immer in dem rein Physischen bestehen, nur daß dasselbe, um die erforderliche Richtung zu bekommen, jenes Zusatzes bedürfte.

Ich meine vielmehr, daß die physische Arbeit ihren ganzen Ton von Wert und Kostbarkeit nur durch den Aufwand von psychischer Energie erhält, der sie trägt.

Wenn jene Arbeit, äußerlich angesehen, das Überwinden von Hemmnissen bedeutet, die Formung einer Materie, die dieser Formung nicht ohne weiteres gehorcht, sondern ihr zunächst Widerstand entgegensetzt - so zeigt die Innenseite der Arbeit dieselbe Gestalt.

Die Arbeit ist eben Mühe, Last, Schwierigkeit; so daß, wo sie das nicht ist, betont zu werden pflegt, daß sie eben keine eigentliche Arbeit ist.

Sie besteht, auf ihre Gefühlsbedeutung hin angesehen, in der fortwährenden Überwindung der Impulse zu Trägheit, Genuß, Erleichterung des Lebens - wobei es irrelevant ist, daß diese Impulse, wenn man sich ihnen wirklich ununterbrochen hingäbe, das Leben gleichfalls zu einer Last machen (>473) würden; denn die Last der Nichtarbeit wird nur in den seltensten Ausnahmefällen empfunden, die der Arbeit aber nur in eben solchen nicht empfunden.

Niemand pflegt daher Leid und Mühe der Arbeit auf sich zu nehmen, ohne etwas dafür einzutauschen.

Was an der Arbeit eigentlich vergolten wird, der Rechtstitel, auf den hin man eine Vergeltung für sie fordert, ist der psychische Kraftaufwand, dessen es zum Aufsichnehmen und Überwinden der inneren Hemmungsund Unlustgefühle bedarf.

Die Sprache deutet diesen Sachverhalt gut an, indem sie den äußerlich-ökonomischen ebenso wie den innerlich-moralischen Ertrag unseres Tuns gleichmäßig als Verdienst bezeichnet.

Denn auch im letzteren Sinne tritt dieses doch erst ein, wenn der sittliche Impuls Hemmnisse der Versuchung, des Egoismus, der Sinnlichkeit überwunden hat, nicht, wenn die sittliche Handlung aus einem ganz selbst-verständlichen, die Möglichkeit des Gegenteils von vornherein ausschließenden Triebe quillt; so daß, um den sittlichen Musterbildern nicht das sittliche Verdienst absprechen zu müssen, die Mythenbildung der Völker allenthalben ihre Religionsstifter eine »Versuchung« besiegen läßt und Tertullian sogar den Ruhm Gottes für größer hält, si laboravit. Wie sich der eigentlich moralische Wert an das überwundene Hemmnis entgegengesetzter Impulse knüpft, so der ökonomische.

Wenn der Mensch seine Arbeit leistete, wie die Blume ihr Blühen oder der Vogel sein Singen, so würde sich kein entgeltbarer Wert mit ihr verknüpfen.

Dieser liegt also nicht in ihrer äußeren Erscheinung, in dem sichtbaren Tun und Erfolg, sondern auch bei der Muskelarbeit in dem Willensaufwand, den Gefühlsreflexen, kurz, in den seelischen Bedingungen.

Damit gewinnen wir die Ergänzung für die an das andere Ende der wirtschaftlichen Reihen sich anschließende fundamentale Erkenntnis: daß aller Wert und alle Bedeutung der Gegenstände und ihres Besitzes in den Gefühlen liegt, die sie hervorrufen, daß das Haben ihrer als ein bloß äußerliches Verhältnis gleichgültig und sinnlos wäre, wenn sich nicht innere Zustände, Affekte der Lust, der Erhöhung und Erweiterung des Ich, daran schlössen.

So wird die Sichtbarkeit wirtschaftlicher Güter von beiden Seiten - des Leistenden wie des Genießenden - her durch psychische Vorgänge begrenzt, die allein es begründen, daß für die einzelne Leistung ein Gegenwert gefordert wie gewährt wird.

Ebenso unwesentlich und beziehungslos, wie uns ein Besitzgegenstand ist, der nicht in eine psychische Erregung übergeht, wäre uns das eigne Tun, wenn es nicht aus einem inneren empfundenen Zustande hervorginge, dessen Unlust und Opfergefühl allein die Forderung eines Entgeltes und deren Maß in sich trägt. In Hinsicht des Wertes kann (>474) man deshalb sagen, Muskelarbeit sei psychische Arbeit.

Als Ausnahme hiervon könnten nur diejenigen Arbeiten gelten, die der Mensch als Konkurrent der Maschine oder des Tieres vollbringt; denn obwohl sich auch diese in bezug auf die innere Bemühung und psychische Kraftaufwendung wie alle anderen verhalten, so hat doch der, zu dessen Gunsten sie vollbracht werden, keine Veranlassung, für diese innere Leistung etwas zu vergüten, da der ihm allein wichtige äußere Effekt auch durch eine rein physische Potenz erreichbar ist und die kostspieligere Produktion nirgends vergolten wird, sobald eine billigere möglich ist.

Aber mit einem ganz kleinen Schritt tiefer ist vielleicht auch diese Ausnahme in die Allbefaßtheit des Äußerlichen durch das Seelische zurückzuführen.

Was an den Leistungen einer Maschine oder eines Tieres vergolten wird, ist doch die menschliche Leistung, die in Erfindung, Herstellung und Dirigierung der Maschine, in der Aufzucht und Abrichtung des Tieres steckt; so daß man sagen kann.

Jene menschlichen Arbeiten werden nicht wie diese physisch-untermenschlichen vergolten, sondern, umgekehrt, diese werden gleichfalls mittelbar als psychisch-menschliche gewertet. Dies wäre nur eine ins Praktische hineinreichende Fortsetzung der Theorie, daß wir auch den Mechanismus der unbelebten Natur schließlich nach den Kraft- und Anstrengungsgefühlen deuten, die unsere Bewegungen begleiten.

Wenn wir unser eignes Wesen der allgemeinen Naturordnung einfügen, um es in ihrem Zusammenhange zu verstehen, so ist dies nur so möglich, daß wir zuvor die Formen, Impulse und Gefühle unserer Geistigkeit in die allgemeine Natur hineintragen, das »Unterlegen« und das »Auslegen« unvermeidlich zu einem Akt verbindend.

Wenn wir, dies Verhältnis zur Welt auf unsere praktische Frage ausdehnend, an der Leistung untermenschlicher Kräfte nur die Leistung menschlicher durch Gegenleistung aufwiegen, so fällt damit in der hier fraglichen Hinsicht der prinzipielle Grenzstrich zwischen denjenigen menschlichen Arbeiten, deren Entgelt sich auf ihr psychisches Fundament stützt, und denen, die wegen der Gleichheit ihres Effektes mit rein äußerlich-mechanischen diese Begründung ihres Entgeltes abzulehnen schienen.

Man kann also jetzt ganz allgemein behaupten, daß nach der Seite des aufzuwiegenden Wertes hin der Unterschied zwischen geistiger und Muskelarbeit nicht der zwischen psychischer und materieller Natur sei, daß vielmehr auch bei der letzteren schließlich nur auf die Innenseite der Arbeit, auf die Unlust der Anstrengung, auf das Aufgebot an Willenskraft hin das Entgelt gefordert werde.

Freilich ist diese Geistigkeit, die gleichsam das Ding-an-sich hinter der Erscheinung der Arbeit ist und den Binnenwert derselben bildet, keine intellektuelle, (>475) sondern besteht in Gefühl und Willen; woraus dann folgt, daß derselbe dem der geistigen Arbeit nicht koordiniert ist, sondern auch diesen fundamentiert.

Denn auch an ihm bringt ursprünglich nicht der objektive Inhalt des geistigen Prozesses, sein von der Persönlichkeit gelöstes Resultat, die Forderung des Entgeltes hervor, sondern die subjektive, vom Willen geleitete Funktion, die ihn trägt, die Arbeitsmühe, der Energieaufwand, dessen es für die Produktion jenes geistigen Inhaltes bedarf.

Indem so als der Quellpunkt des Wertes nicht nur von seiten des Aufnehmenden, sondern auch des Leistenden her sich ein Tun der Seele enthüllt, erhalten Muskelarbeit und »geistige« Arbeit einen gemeinsamen, - man könnte sagen: moralischen - wertbegründenden Unterbau, durch den die Reduktion des Arbeitswertes überhaupt auf Muskelarbeit ihr banausisches und brutal materialistisches Aussehn verliert.

Das verhält sich ungefähr wie mit dem theoretischen Materialismus, der ein ganz neues und ernsthafter diskutables Wesen bekommt, wenn man betont, daß doch auch die Materie eine Vorstellung ist, kein Wesen, das, im absoluten Sinne außer uns, der Seele entgegengesetzt ist, sondern in seiner Erkennbarkeit durchaus bestimmt von den Formen und Voraussetzungen unserer geistigen Organisation.

Von diesem Standpunkt, auf dem die Wesensverschiedenheit körperlicher und geistiger Erscheinungen statt der absoluten eine relative wird, ist das Verlangen, die Erklärung für die im engeren Sinn geistigen in der Reduktion auf die körperlichen zu suchen, sehr viel weniger unerträglich.

Hier, wie in dem Falle des praktischen Wertes, muß das Äußere nur aus seiner Starrheit, Isolierung und Gegensätzlichkeit gegen das Innere erlöst werden, damit es sich als einfachster Ausdruck und Maßeinheit für die höheren »geistigen« Tatsachen auftun könne.

Diese Reduktion mag gelingen oder nicht; aber mit ihrer Behauptung vertragen sich nun wenigstens prinzipiell die Forderungen der Methode und der fundamentalen Wertsetzungen.

Diese Ausführungen können nicht sowohl erweisen, daß das Äquivalent für die Arbeit sich ausschließlich an das Quantum der Muskeltätigkeit knüpft, als gewisse Bedenken beseitigen, die man dieser Verbindung vorzuhalten pflegt.

Dennoch findet sie eine Schwierigkeit, die mir unüberwindlich scheint, und zwar die von dem ganz trivialen Einwand ausgehende, daß es doch auch wertlose, über-flüssige Arbeit gebe.

Denn die Widerlegung, unter der Arbeit als dem fundamentalen Werte verstehe man natürlich nur die zweckmäßige, durch ihr Ergebnis gerechtfertigte Arbeit, enthält ein Zugeständnis, das der ganzen Theorie verderblich ist.

Wenn es nämlich wertvolle und wertlose Arbeit gibt, so gibt es zweifellos auch (>476) Zwischenstufen, geleistete Arbeitsquanten, welche einige, aber nicht lauter Elemente von Zweck und Wert enthalten; der Wert des Produktes also, der der Voraussetzung nach durch die in ihm investierte Arbeit bestimmt wird, ist ein größerer oder geringerer, je nach der Zweckmäßigkeit dieser Arbeit.

Das bedeutet: der Wert der Arbeit mißt sich nicht an ihrem Quantum, sondern an der Nützlichkeit ihres Ergebnisses!

Und hier hilft nicht mehr die oben bezüglich der Qualität der Arbeit versuchte Methode: die höhere, feinere, geistigere Arbeit bedeute eben der niedrigeren gegenüber mehr Arbeit, eine Häufung und Verdichtung eben derselben allgemeinen »Arbeit«, von der die grobe und unqualifizierte Arbeit nur gleichsam eine größere Verdünnung, eine niedrigere Potenz darstelle.

Denn dieser Unterschied der Arbeit war ein innerer, der die Nützlichkeitsfrage noch ganz beiseite ließ, indem die Nützlichkeit als der fraglichen Arbeit in immer gleichem Maße einwohnend dabei vorausgesetzt wurde: die Arbeit des Straßenkehrers ist für diese Überlegung nicht weniger »nützlich« als die des Violinspielers, und ihre geringere Schätzung stammt aus der inneren Quantität ihrer als bloßer Arbeit, aus der geringeren Kondensiertheit der Arbeitsenergien in ihr.

Nun aber zeigt sich, daß diese Voraussetzung eine zu einfache war und daß die Verschiedenheit der äußeren Nützlichkeit nicht gestattet, die Wertungsunterschiede der Arbeit von ihren bloß inneren Bestimmungen abhängen zu lassen.

Wenn man die unnütze Arbeit, oder richtiger: die Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit aus der Welt schaffen und bewirken könnte, daß die Arbeit genau in demselben Maße mehr oder weniger nützlich sei, in dem sie mehr oder weniger konzentriert, kraftverbrauchend, mit einem Wort: mehr oder weniger Arbeitsquantität ist - so wäre damit zwar noch nicht die Muskel-arbeit als der einzige Wertbildner erwiesen; wohl aber könnte dann die Arbeit überhaupt als Wertmaß der Objekte gelten, da dann deren anderer Faktor, die Nützlichkeit, immer derselbe wäre, also die Wertrelationen nicht mehr alterierte.

Allein die Nützlichkeitsunterschiede bestehen eben, und es ist ein Trugschluß, wenn das ethisch vielleicht begründbare Postulat: aller Wert ist Arbeit - in den Satz umgekehrt wird: alle Arbeit ist Wert, d.h. gleicher Wert.

Hier zeigt sich nun der tiefe Zusammenhang der Arbeitswerttheorie mit dem Sozialismus; denn dieser erstrebt tatsächlich eine Verfassung der Gesellschaft, in der der Nützlichkeitswert der Objekte, im Verhältnis zu der darauf verwendeten Arbeitszeit, eine Konstante bildet.

Im dritten Bande des »Kapital« führt Marx aus: die Bedingung alles Wertes, auch bei der Arbeitstheorie, sei der Gebrauchswert; allein das bedeute, daß auf jedes Produkt (>477) gerade so viel Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit verwendet werden, wie im Verhältnis zu seiner Nützlichkeitsbedeutung auf dasselbe kommen.

Es wird also sozusagen ein qualitativ einheitlicher Gesamtbedarf der Gesellschaft vorgestellt - dem Motto der Arbeitstheorie, Arbeit sei eben Arbeit und als solche gleichwertig, entspricht hier das weitere, Bedürfnis sei eben Bedürfnis und als solches gleich wichtig - und die Nützlichkeitsgleichheit aller Arbeiten wird nun erzielt, indem in jeder Produktionssphäre nur so viel Arbeit geleistet wird, daß genau der von ihr umschriebene Teil jenes Bedarfes gedeckt wird.

Unter dieser Voraussetzung wäre freilich keine Arbeit weniger nützlich als die andere.

Denn wenn man z.B. heute Klavierspielen für eine weniger nützliche Arbeit als Lokomotivenbauen hält, so liegt das nur daran, daß mehr Zeit darauf verwandt wird, als dem wirklichen Bedürfnis danach entspricht.

Wäre es auf das hiermit bezeichnete Maß eingeschränkt, so wäre es genau so wertvoll wie Lokomotivenbauen - gerade wie auch das letztere unnützlicher würde, wenn man mehr Zeit darauf verwendete, d.h. mehr Lokomotiven baute, als Bedarf danach ist.

Mit anderen Worten: es gibt prinzipiell gar keine Gebrauchswertunterschiede; denn wenn ein Produkt momentan weniger Gebrauchswert hat als ein anderes (also die auf jenes verwandte Arbeit wertloser ist, als die dem letzteren geltende), so kann man einfach die Arbeit an seiner Kategorie, d.h. die Quantität seiner Produktion, so lange herabsetzen, bis das darauf gerichtete Bedürfnis ebenso stark ist, wie das auf den anderen Gegenstand gerichtete, d.h. bis die »industrielle Reservearmee« völlig verschwunden ist.

Nur unter dieser Bedingung kann die Arbeit das Wertmaß der Produkte getreu ausdrücken.

Das Wesen jedes Geldes nun ist seine unbedingte Fungibilität, die innere Gleichartigkeit, die jedes Stück durch jedes, nach quantitativen Abwägungen, ersetzbar macht.

Damit es ein Arbeitsgeld gebe, muß der Arbeit diese Fungibilität verschafft werden, und dies kann nur auf die soeben geschilderte Weise geschehen: daß ihr der immer gleiche Nützlichkeitsgrad verschafft wird, und dies wiederum ist nur durch Reduktion der Arbeit für jede Produktionsgattung auf dasjenige Maß erzielbar, bei dem der Bedarf nach ihr genau so groß ist wie der nach jeder anderen.

Dabei würde natürlich die tatsächliche Arbeitsstunde noch immer höher oder tiefer bewertet werden können; aber jetzt wäre man sicher, daß der höhere Wert, aus der höheren Nützlichkeit des Produktes abgeleitet, ein proportional konzentrierteres Arbeitsquantum pro Stunde anzeigt; oder umgekehrt: daß, sobald auf die Konzentrierung der Arbeit hin der Stunde ein höherer Wert zugesprochen wird, sie auch ein höheres Nützlichkeitsquantum (>478) enthält.

Dies aber setzt ersichtlich eine völlig rationalisierte und providenzielle Wirtschaftsordnung voraus, in der jede Arbeit planmäßig, unter absoluter Kenntnis des Bedarfs und des Arbeitserfordernisses für jedes Produkt erfolgt - also eine solche, wie sie der Sozialismus erstrebt.

Die Annäherung an diesen völlig utopischen Zustand scheint nur so technisch möglich zu sein, daß überhaupt nur das unmittelbar Unentbehrliche, das ganz indiskutabel zum Leben Gehörige produziert wird; denn wo ausschließlich dies der Fall ist, ist allerdings jede Arbeit genau so nötig und nützlich wie die andere.

Sobald man dagegen in die höheren Gebiete aufsteigt, auf denen einerseits Bedarf und Nützlichkeitsschätzung unvermeidlich individueller, andrerseits die Intensitäten der Arbeit schwerer festzustellen sind, wird keine Regulierung der Produktionsquanten bewirken können, daß das Verhältnis zwischen Bedarf und aufgewandter Arbeit überall das gleiche sei.

So verschlingen sich an diesen Punkten alle Fäden der Erwägungen über den Sozialismus; an ihm wird klar, daß die Kulturgefährdung seitens des Arbeitsgeldes keineswegs eine so unmittelbare ist, wie man meistens urteilt; vielmehr, daß sie aus der technischen Schwierigkeit stammt, die Nützlichkeit der Dinge, als ihren Wertungsgrund, im Verhältnis zur Arbeit, als ihrem Wert-träger, konstant zu erhalten - eine Schwierigkeit, die sich im Verhältnis der Kulturhöhe der Produkte steigert und deren Vermeidung freilich die Produktion zu den primitivsten, unentbehrlichsten, durchschnittlichsten Objekten herabsenken müßte.

Dieses Ergebnis des Arbeitsgeldes beleuchtet nun aufs schärfste das Wesen des Geldprinzips überhaupt.

Die Bedeutung des Geldes ist, daß es eine Einheit des Wertes ist, die sich in die Vielheit der Werte kleidet; sonst würden die Quantitätsunterschiede des einheitlichen Geldes nicht als den Qualitätsunterschieden der Dinge äquivalent empfunden werden.

Dadurch geschieht nun freilich diesen oft genug unrecht, wird namentlich den personalen Werten eine Gewalt angetan, die ihr Wesen verlöscht.

Von dieser Verfassung des Geldes strebt das Arbeitsgeld hinweg, es will dem Gelde einen zwar immer noch abstrakten, aber doch dem konkreten Leben näherliegenden Begriff unterbauen; mit ihm soll ein eminent personaler, ja, man könnte sagen, der personale Wert zum Maßstab der Werte überhaupt werden.

Und nun zeigt sich, daß es, weil es doch nun einmal die Eigenschaften alles Geldes besitzen soll: die Einheitlichkeit, die Fungibilität, die nirgends versagende Geltung - gerade der Differenzierung und personalen Ausbildung der Lebensinhalte bedrohlicher wäre, als das bisherige Geldl Wenn es die unvergleichliche Kraft des Geldes ist, sich um einer Folge willen der entgegengesetzten (>479) nicht zu entziehen, wenn wir es einerseits der Herabdrückung, andrerseits der oft sogar exaggerierten Steigerung personaler Differenziertheit dienen sehen, so raubt ihm der Versuch, es konkreter, wenngleich noch immer äußerst allgemein zu gestalten, seine Stellung sozusagen über den Parteien, und stellt es auf die eine Seite der Alternative, mit Ausschluß der anderen.

So sehr man am Arbeitsgeld die Tendenz, das Geld den personalen Werten wieder näherzurücken, anerkennen muß, so erweist jener Erfolg doch gerade, wie eng die Fremdheit gegen diese mit seinem Wesen verbunden ist.


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