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Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg

Inhalt

[Ein Schauspiel] [Personen:]

Erster Akt

[Erster Auftritt] [Abs. 1] [Zweiter Auftritt] [Dritter Auftritt] [Vierter Auftritt] [Fünfter Auftritt] [Sechster Auftritt]

Zweiter Akt

[Erster Auftritt] [Zweiter Auftritt] [Dritter Auftritt] [Vierter Auftritt] [Fünfter Auftritt] [Sechster Auftritt] [Siebenter Auftritt] [Achter Auftritt] [Neunter Auftritt] [Zehnter Auftritt]

Dritter Akt

[Erster Auftritt] [Zweiter Auftritt] [Dritter Auftritt] [Vierter Auftritt] [Fünfter Auftritt]

Vierter Akt

[Erster Auftritt] [Zweiter Auftritt] [Dritter Auftritt] [Vierter Auftritt]

Fünfter Akt

[Erster Auftritt] [Zweiter Auftritt] [Dritter Auftritt] [Vierter Auftritt] [Fünfter Auftritt] [Sechster Auftritt] [Siebenter Auftritt] [Achter Auftritt] [Neunter Auftritt] [Zehnter Auftritt] [Elfter Auftritt]

Vierter Akt

Erster Auftritt

Szene: Zimmer des Kurfürsten.

Der Kurfürst steht mit Papieren an einem, mit Lichtern besetzten Tisch.--Natalie tritt durch die mittlere Tür auf und läßt sich in einiger Entfernung, vor ihm nieder.
Pause.

Natalie (knieend).
Mein edler Oheim, Friedrich von der Mark!

Der Kurfürst (legt die Papiere weg).
Natalie! (Er will sie erheben.)

Natalie. Laß, laß!

Der Kurfürst. Was willst du, Liebe?

Natalie.
Zu deiner Füße Staub, wies mir gebührt,
Für Vetter Homburg dich um Gnade flehn!
Ich will ihn nicht für mich erhalten wissen--
Mein Herz begehrt sein und gesteht es dir;
Ich will ihn nicht für mich erhalten wissen--
Mag er sich welchem Weib er will vermählen;
Ich will nur, daß er da sei, lieber Onkel,
Für sich, selbständig, frei und unabhängig,
Wie eine Blume, die mir wohlgefällt:
Dies fleh ich dich, mein höchster Herr und Freund,
Und weiß, solch Flehen wirst du mir erhören.

Der Kurfürst (erhebt sie).
Mein Töchterchen! Was für ein Wort entfiel dir?
--Weißt du, was Vetter Homburg jüngst verbrach?

Natalie.
O lieber Onkel!

Der Kurfürst. Nun? Verbrach er nichts?

Natalie.
O dieser Fehltritt, blond mit blauen Augen,
Den, eh er noch gestammelt hat: ich bitte!
Verzeihung schon vom Boden heben sollte:
Den wirst du nicht mit Füßen von dir weisen!
Den drückst du um die Mutter schon ans Herz,
Die ihn gebar, und rufst: komm, weine nicht;
Du bist so wert mir, wie die Treue selbst!
Wars Eifer nicht, im Augenblick des Treffens,
Für deines Namens Ruhm, der ihn verführt,
Die Schranke des Gesetzes zu durchbrechen:
Und ach! die Schranke jugendlich durchbrochen,
Trat er dem Lindwurm männlich nicht aufs Haupt?
Erst, weil er siegt', ihn kränzen, dann enthaupten,
Das fordert die Geschichte nicht von dir;
Das wäre so erhaben, lieber Onkel,
Daß man es fast unmenschlich nennen könnte:
Und Gott schuf noch nichts Milderes, als dich.

Der Kurfürst.
Mein süßes Kind! Sieh! Wär ich ein Tyrann,
Dein Wort, das fühl ich lebhaft, hätte mir
Das Herz schon in der erznen Brust geschmerzt.
Dich aber frag ich selbst: darf ich den Spruch
Den das Gericht gefällt, wohl unterdrücken?--
Was würde wohl davon die Folge sein?

Natalie.
Für wen? Für dich?

Der Kurfürst. Für mich; nein!--Was? Für mich!
Kennst du nichts Höhres, Jungfrau, als nur mich?
Ist dir ein Heiligtum ganz unbekannt,
Das in dem Lager, Vaterland sich nennt?

Natalie.
O Herr! Was sorgst du doch? Dies Vaterland!
Das wird, um dieser Regung deiner Gnade,
Nicht gleich, zerschellt in Trümmern, untergehn.
Vielmehr, was du, im Lager auferzogen,
Unordnung nennst, die Tat, den Spruch der Richter,
In diesem Fall, willkürlich zu zerreißen,
Erscheint mir als die schönste Ordnung erst:
Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen,
Jedoch die lieblichen Gefühle auch.
Das Vaterland, das du uns gründetest,
Steht, eine feste Burg, mein edler Ohm:
Das wird ganz andre Stürme noch ertragen,
Fürwahr, als diesen unberufnen Sieg;
Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
Erweitern, unter Enkels Hand, verschönern,
Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
Der Freunde, und zum Schrecken aller Feinde:
Das braucht nicht dieser Bindung, kalt und öd,
Aus eines Freundes Blut, um Onkels Herbst,
Den friedlich prächtigen, zu überleben.

Der Kurfürst.
Denkt Vetter Homburg auch so?

Natalie. Vetter Homburg?

Der Kurfürst.
Meint er, dem Vaterlande gelt es gleich,
Ob Willkür drin, ob drin die Satzung herrsche?

Natalie.
Ach, dieser Jüngling!

Der Kurfürst. Nun?

Natalie. Ach, lieber Onkel!
Hierauf zur Antwort hab ich nichts, als Tränen.

Der Kurfürst (betroffen).
Warum, mein Töchterchen? Was ist geschehn?

Natalie (zaudernd).
Der denkt jetzt nichts, als nur dies eine: Rettung!
Den schaun die Röhren, an der Schützen Schultern,
So gräßlich an, daß überrascht und schwindelnd,
Ihm jeder Wunsch, als nur zu leben, schweigt:
Der könnte, unter Blitz und Donnerschlag,
Das ganze Reich der Mark versinken sehn,
Daß er nicht fragen würde: was geschieht?
--Ach, welch ein Heldenherz hast du geknickt!

(Sie wendet sich und weint.)

Der Kurfürst (im äußersten Erstaunen).
Nein, meine teuerste Natalie,
Unmöglich, in der Tat?!--Er fleht um Gnade?

Natalie.
Ach, hättst du nimmer, nimmer ihn verdammt!

Der Kurfürst.
Nein, sag: er fleht um Gnade?--Gott im Himmel,
Was ist geschehn, mein liebes Kind? Was weinst du?
Du sprachst ihn? Tu mir alles kund! Du sprachst ihn?

Natalie (an seine Brust gelehnt).
In den Gemächern eben jetzt der Tante,
Wohin, im Mantel, schau, und Federhut
Er, unterm Schutz der Dämmrung, kam geschlichen:
Verstört und schüchtern, heimlich, ganz unwürdig,
Ein unerfreulich, jammernswürdger Anblick!
Zu solchem Elend, glaubt ich, sänke keiner,
Den die Geschicht als ihren Helden preist.
Schau her, ein Weib bin ich, und schaudere
Dem Wurm zurück, der meiner Ferse naht:
Doch so zermalmt, so fassungslos, so ganz
Unheldenmütig träfe mich der Tod,
In eines scheußlichen Leun Gestalt nicht an!
--Ach, was ist Menschengröße, Menschenruhm!

Der Kurfürst (verwirrt).
Nun denn, beim Gott des Himmels und der Erde,
So fasse Mut, mein Kind; so ist er frei!

Natalie.
Wie, mein erlauchter Herr?

Der Kurfürst. Er ist begnadigt!--
Ich will sogleich das Nötg' an ihn erlassen.

Natalie.
O Liebster! Ist es wirklich wahr?

Der Kurfürst. Du hörst!

Natalie.
Ihm soll vergeben sein? Er stirbt jetzt nicht?

Der Kurfürst.
Bei meinem Eid! Ich schwörs dir zu! Wo werd ich
Mich gegen solchen Kriegers Meinung setzen?
Die höchste Achtung, wie dir wohl bekannt,
Trag ich im Innersten für sein Gefühl:
Wenn er den Spruch für ungerecht kann halten
Kassier ich die Artikel: er ist frei!--

(Er bringt ihr einen Stuhl.)

Willst du, auf einen Augenblick, dich setzen?

(Er geht an den Tisch, setzt sich und schreibt.)

(Pause.)

Natalie (für sich).
Ach, Herz, was klopfst du also an dein Haus?

Der Kurfürst (indem er schreibt).
Der Prinz ist drüben noch im Schloß?

Natalie. Vergib!
Er ist in seine Haft zurückgekehrt.--

Der Kurfürst (endigt und siegelt; hierauf kehrt er mit dem
Brief wieder zur Prinzessin zurück).
Fürwahr, mein Töchterchen, mein Nichtchen, weinte!
Und ich, dem ihre Freude anvertraut,
Mußt ihrer holden Augen Himmel trüben!

(Er legt den Arm um ihren Leib.)

Willst du den Brief ihm selber überbringen?

Natalie.
Ins Stadthaus! Wie?

Der Kurfürst (drückt ihr den Brief in die Hand).
Warum nicht?--He! Heiducken!

(Heiducken treten auf.)

Den Wagen vorgefahren! Die Prinzessin
Hat ein Geschäft beim Obersten von Homburg!

(Die Heiducken treten wieder ab.)

So kann er, für sein Leben, gleich dir danken.

(Er umarmt sie.)

Mein liebes Kind! Bist du mir wieder gut?

Natalie (nach einer Pause).
Was deine Huld, o Herr, so rasch erweckt,
Ich weiß es nicht und untersuch es nicht.
Das aber, sieh, das fühl ich in der Brust,
Unedel meiner spotten wirst du nicht:
Der Brief enthalte, was es immer sei,
Ich glaube Rettung--und ich danke dir!

(Sie küßt ihm die Hand.)

Der Kurfürst.
Gewiß, mein Töchterchen, gewiß! So sicher,
Als sie in Vetter Homburgs Wünschen liegt. (Ab.)

Zweiter Auftritt

Szene: Zimmer der Prinzessin.

Prinzessin Natalie tritt auf. Zwei Hofdamen und der Rittmeister, Graf Reuß, folgen.

Natalie (eilfertig).
Was bringt Ihr, Graf?--Von meinem Regiment?
Ists von Bedeutung? Kann ichs morgen hören?

Graf Reuß (überreicht ihr ein Schreiben).
Ein Brief vom Obrist Kottwitz, gnädge Frau!

Natalie.
Geschwind! Gebt! Was enthält er?
(Sie eröffnet ihn.)

Graf Reuß. Eine Bittschrift,
Freimütig, wie Ihr seht, doch ehrfurchtsvoll,
An die Durchlaucht des Herrn, zu unsers Führers,
Des Prinz von Homburg, Gunsten aufgesetzt.

Natalie (liest).
"Supplik, in Unterwerfung eingereicht,
Vom Regiment, Prinzessin von Oranien."--

(Pause.)

Die Bittschrift ist von wessen Hand verfaßt?

Graf Reuß.
Wie ihrer Züg unsichre Bildung schon
Erraten läßt, vom Obrist Kottwitz selbst.--
Auch steht sein edler Name obenan.

Natalie.
Die dreißig Unterschriften, welche folgen--?

Graf Reuß.
Der Offiziere Namen, Gnädigste,
Wie sie, dem Rang nach, Glied für Glied, sich folgen.

Natalie.
Und mir, mir wird die Bittschrift zugefertigt?

Graf Reuß.
Mein Fräulein, untertänigst Euch zu fragen,
Ob Ihr, als Chef, den ersten Platz, der offen,
Mit Eurem Namen gleichfalls füllen wollt.

(Pause.)

Natalie.
Der Prinz zwar, hör ich, soll, mein edler Vetter,
Vom Herrn aus eignem Trieb, begnadigt werden,
Und eines solchen Schritts bedarf es nicht.

Graf Reuß (vergnügt).
Wie? Wirklich?

Natalie. Gleichwohl will ich unter einem Blatte,
Das, in des Herrn Entscheidung, klug gebraucht,
Als ein Gewicht kann in die Waage fallen,
Das ihm vielleicht, den Ausschlag einzuleiten,
Sogar willkommen ist, mich nicht verweigern--
Und, eurem Wunsch gemäß, mit meinem Namen,
Hiemit an eure Spitze setz ich mich.

(Sie geht und will schreiben.)

Graf Reuß.
Fürwahr, uns lebhaft werdet Ihr verbinden!

(Pause.)

Natalie (wendet sich wieder zu ihm).
Ich finde nur mein Regiment, Graf Reuß!
Warum vermiß ich Bomsdorf Kürassiere,
Und die Dragoner Götz und Anhalt-Pleß?

Graf Reuß.
Nicht, wie vielleicht Ihr sorgt, weil ihre Herzen
Ihm lauer schlügen, als die unsrigen!--
Es trifft ungünstig sich für die Supplik,
Daß Kottwitz fern in Arnstein kantoniert,
Gesondert von den andern Regimentern,
Die hier, bei dieser Stadt, im Lager stehn.
Dem Blatt fehlt es an Freiheit, leicht und sicher,
Die Kraft, nach jeder Richtung zu entfalten.

Natalie.
Gleichwohl fällt, dünkt mich, so das Blatt nur leicht?--
Seid Ihr gewiß, Herr Graf, wärt Ihr im Ort,
Und sprächt die Herrn, die hier versammelt sind,
Sie schlössen gleichfalls dem Gesuch sich an?

Graf Reuß.
Hier in der Stadt, mein Fräulein?--Kopf für Kopf!
Die ganze Reuterei verpfändete
Mit ihren Namen sich; bei Gott, ich glaube,
Es ließe glücklich eine Subskription,
Beim ganzen Heer der Märker, sich eröffnen!

Natalie (nach einer Pause).
Warum nicht schickt ihr Offiziere ab,
Die das Geschäft im Lager hier betreiben?

Graf Reuß.
Vergebt!--Dem weigerte der Obrist sich!
--Er wünsche, sprach er, nichts zu tun, das man
Mit einem übeln Namen taufen könnte.

Natalie.
Der wunderliche Herr! Bald kühn, bald zaghaft!--
Zum Glück trug mir der Kurfürst, fällt mir ein,
Bedrängt von anderen Geschäften, auf,
An Kottwitz, dem die Stallung dort zu eng,
Zum Marsch hierher die Order zu erlassen!--
Ich setze gleich mich nieder es zu tun.

(Sie setzt sich und schreibt.)

Graf Reuß.
Beim Himmel, trefflich, Fräulein! Ein Ereignis,
Das günstger sich dem Blatt nicht treffen könnte!

Natalie (während sie schreibt).
Gebrauchts Herr Graf von Reuß, so gut Ihr könnt.

(Sie schließt, und siegelt, und steht wieder auf.)

Inzwischen bleibt, versteht, dies Schreiben noch,
In Eurem Portefeuille; Ihr geht nicht eher
Damit nach Arnstein ab, und gebts dem Kottwitz:
Bis ich bestimmtem Auftrag Euch erteilt!

(Sie gibt ihm das Schreiben.)

Ein Heiduck (tritt auf).
Der Wagen, Fräulein, auf des Herrn Befehl,
Steht angeschirrt im Hof und wartet Euer!

Natalie.
So fahrt ihn vor! Ich komme gleich herab!

(Pause, in welcher sie gedankenvoll an den Tisch tritt, und
ihre Handschuh anzieht.)

Wollt Ihr zum Prinz von Homburg mich, Herr Graf,
Den ich zu sprechen willens bin, begleiten?
Euch steht ein Platz in meinem Wagen offen.

Graf Reuß.
Mein Fräulein, diese Ehre, in der Tat--!
(Er bietet ihr den Arm.)

Natalie (zu den Hofdamen).
Folgt, meine Freundinnen!--Vielleicht daß ich
Gleich, dort des Briefes wegen, mich entscheide!

(Alle ab.)

Dritter Auftritt

Szene: Gefängnis des Prinzen.

Der Prinz von Homburg hängt seinen Hut an die Wand, und läßt sich nachlässig auf ein, auf der Erde ausgebreitetes Kissen nieder.

Der Prinz von Homburg.
Das Leben nennt der Derwisch eine Reise,
Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen
Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter.
Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!
Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,
Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib,
Und übermorgen liegts bei seiner Ferse.
Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,
Und über buntre Felder noch, als hier:
Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert,
Das diese Herrlichkeit erblicken soll.

Vierter Auftritt

Prinzessin Natalie tritt auf, geführt von dem Rittmeister, Graf Reuß. Hofdamen folgen. Ihnen voran tritt ein Läufer mit einer Fackel.--Der Prinz von Homburg.

Läufer.
Durchlaucht, Prinzessin von Oranien!

Der Prinz von Homburg (steht auf).
Natalie!

Läufer. Hier ist sie selber schon.

Natalie (verbeugt sich gegen den Grafen).
Laßt uns auf einen Augenblick allein!

(Graf Reuß und der Läufer ab.)

Der Prinz von Homburg.
Mein teures Fräulein!

Natalie. Lieber, guter Vetter!

Der Prinz von Homburg (führt sie vor).
Nun sagt, was bringt Ihr? Sprecht! Wie stehts mit mir?

Natalie.
Gut. Alles gut. Wie ich vorher Euch sagte,
Begnadigt seid Ihr, frei; hier ist ein Brief,
Von seiner Hand, der es bekräftiget.

Der Prinz von Homburg.
Es ist nicht möglich! Nein! Es ist ein Traum!

Natalie.
Lest, lest den Brief! So werdet Ihrs erfahren.

Der Prinz von Homburg (liest).
"Mein Prinz von Homburg, als ich Euch gefangen setzte,
Um Eures Angriffs, allzufrüh vollbracht,--
Da glaubt ich nichts, als meine Pflicht zu tun;
Auf Euren eignen Beifall rechnet ich.
Meint Ihr, ein Unrecht sei Euch widerfahren,
So bitt ich, sagts mir mit zwei Worten--
Und gleich den Degen schick ich Euch zurück."

(Natalie erblaßt. Pause. Der Prinz sieht sie fragend an.)

Natalie (mit dem Ausdruck plötzlicher Freude).
Nun denn, da stehts! Zwei Worte nur bedarfs--!
O lieber süßer Freund! (Sie drückt seine Hand.)

Der Prinz von Homburg.
Mein teures Fräulein!

Natalie.
O sel'ge Stunde, die mir aufgegangen!
Hier, nehmt, hier ist die Feder; nehmt, und schreibt!

Der Prinz von Homburg.
Und hier die Unterschrift?

Natalie. Das F; sein Zeichen!
O Bork! O freut euch doch!--O seine Milde
Ist uferlos, ich wußt es, wie die See.--
Schafft einen Stuhl nur her, er soll gleich schreiben.

Der Prinz von Homburg.
Er sagt, wenn ich der Meinung wäre--?

Natalie (unterbricht ihn). Freilich!
Geschwind! Setzt Euch! Ich will es Euch diktieren.

(Sie setzt ihm einen Stuhl hin.)

Der Prinz von Homburg.
--Ich will den Brief noch einmal überlesen.

Natalie (reißt ihm den Brief aus der Hand).
Wozu?--Saht Ihr die Gruft nicht schon im Münster,
Mit offnem Rachen, Euch entgegengähn'n?--
Der Augenblick ist dringend. Sitzt und schreibt!

Der Prinz von Homburg (lächelnd).
Wahrhaftig, tut Ihr doch, als würde sie
Mir, wie ein Panther, übern Nacken kommen.

(Er setzt sich, und nimmt eine Feder.)

Natalie (wendet sich und weint).
Schreibt, wenn Ihr mich nicht böse machen wollt!

(Der Prinz klingelt einem Bedienten; der Bediente tritt auf.)

Der Prinz von Homburg.
Papier und Feder, Wachs und Petschaft mir!

(Der Bediente nachdem er diese Sachen zusammengesucht, geht
wieder ab. Der Prinz schreibt.--Pause.)

Der Prinz von Homburg (indem er den Brief, den er angefangen
hat, zerreißt und unter den Tisch wirft).
Ein dummer Anfang. (Er nimmt ein anderes Blatt.)

Natalie (hebt den Brief auf).
Wie? Was sagtet Ihr?
Mein Gott, das ist ja gut; das ist vortrefflich!

Der Prinz von Homburg (in den Bart).
Pah!--Eines Schuftes Fassung, keines Prinzen.--
Ich denk mir eine andre Wendung aus.

(Pause.--Er greift nach des Kurfürsten Brief, den die Prinzessin
in der Hand hält.)

Was sagt er eigentlich im Briefe denn?

Natalie (ihn verweigernd).
Nichts, gar nichts!

Der Prinz von Homburg.
Gebt!

Natalie. Ihr last ihn ja!

Der Prinz von Homburg (erhascht ihn). Wenn gleich!
Ich will nur sehn, wie ich mich fassen soll.

(Er entfaltet und überliest ihn.)

Natalie (für sich).
O Gott der Welt! Jetzt ists um ihn geschehn!

Der Prinz von Homburg (betroffen).
Sieh da! Höchst wunderbar, so wahr ich lebe!
--Du übersahst die Stelle wohl?

Natalie. Nein!--Welche?

Der Prinz von Homburg.
Mich selber ruft er zur Entscheidung auf!

Natalie.
Nun, ja!

Der Prinz von Homburg.
Recht wacker, in der Tat, recht würdig!
Recht, wie ein großes Herz sich fassen muß!

Natalie.
O seine Großmut, Freund, ist ohne Grenzen!
--Doch nun tu auch das Deine du, und schreib,
Wie ers begehrt; du siehst, es ist der Vorwand,
Die äußre Form nur, deren es bedarf:
Sobald er die zwei Wort in Händen hat,
Flugs ist der ganze Streit vorbei!

Der Prinz von Homburg (legt den Brief weg).
Nein, Liebe!
Ich will die Sach bis morgen überlegen.

Natalie.
Du Unbegreiflicher! Welch eine Wendung?
Warum? Weshalb?

Der Prinz von Homburg (erhebt sich leidenschaftlich vom Stuhl).
Ich bitte, frag mich nicht!
Du hast des Briefes Inhalt nicht erwogen!
Daß er mir unrecht tat, wies mir bedingt wird,
Das kann ich ihm nicht schreiben; zwingst du mich,
Antwort, in dieser Stimmung, ihm zu geben,
Bei Gott! so setz ich hin, du tust mir recht!
(Er läßt sich mit verschränkten Armen wieder an den Tisch nieder
und sieht in den Brief.)

Natalie (bleich).
Du Rasender! Was für ein Wort sprachst du?

(Sie beugt sich gerührt über ihn.)

Der Prinz von Homburg (drückt ihr die Hand).
Laß, einen Augenblick! Mir scheint--

(Er sinnt.)

Natalie. Was sagst du?

Der Prinz von Homburg.
Gleich werd ich wissen, wie ich schreiben soll.

Natalie (schmerzvoll).
Homburg!

Der Prinz von Homburg (nimmt die Feder).
Ich hör! Was gibts?

Natalie. Mein süßer Freund!
Die Regung lob ich, die dein Herz ergriff.
Das aber schwör ich dir: das Regiment
Ist kommandiert, das dir Versenktem morgen,
Aus Karabinern, überm Grabeshügel,
Versöhnt die Totenfeier halten soll.
Kannst du dem Rechtsspruch, edel wie du bist,
Nicht widerstreben, nicht ihn aufzuheben,
Tun, wie ers hier in diesem Brief verlangt:
Nun so versichr' ich dich, er faßt sich dir
Erhaben, wie die Sache Steht, und läßt
Den Spruch mitleidsvoll morgen dir vollstrecken!

Der Prinz von Homburg (schreibend).
Gleichviel!

Natalie. Gleichviel?

Der Prinz von Homburg. Er handle, wie er darf;
Mir ziemts hier zu verfahren, wie ich soll!

Natalie (tritt erschrocken näher).
Du Ungeheuerster, ich glaub, du schriebst?

Der Prinz von Homburg (schließt).
"Homburg; gegeben, Fehrbellin, am zwölften--";
Ich bin schon fertig.--Franz!

(Er kuvertiert und siegelt den Brief.)

Natalie. O Gott im Himmel!

Der Prinz von Homburg (steht auf).
Bring diesen Brief aufs Schloß, zu meinem Herrn!

(Der Bediente ab.)

Ich will ihm, der so würdig vor mir steht,
Nicht, ein Unwürdger, gegenüber stehn!
Schuld ruht, bedeutende, mir auf der Brust,
Wie ich es wohl erkenne; kann er mir
Vergeben nur, wenn ich mit ihm drum streite,
So mag ich nichts von seiner Gnade wissen.

Natalie (küßt ihn).
Nimm diesen Kuß!--Und bohrten gleich zwölf Kugeln
Dich jetzt in Staub, nicht halten könnt ich mich,
Und jauchzt und weint und spräche: du gefällst mir!
--Inzwischen, wenn du deinem Herzen folgst,
Ists mir erlaubt, dem meinigen zu folgen.
--Graf Reuß!

(Der Läufer öffnet die Tür; der Graf tritt auf.)

Graf Reuß. Hier!

Natalie. Auf, mit Eurem Brief,
Nach Arnstein hin, zum Obersten von Kottwitz!
Das Regiment bricht auf, der Herr befiehlts;
Hier, noch vor Mitternacht, erwart ich es!

(Alle ab.)


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