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Homer: Ilias

übersetzt von Johann Heinrich Voß

Erster Gesang

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
5
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.
Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?
Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,
10
Sandte verderbliche Seuche durchs Heer; und es sanken die Völker:
Drum weil ihm den Chryses beleidiget, seinen Priester,
Atreus Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Frei zu kaufen die Tochter, und bracht' unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
15
Und den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker:
Atreus Söhn', und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos Stadt zu vertilgen, und wohl nach Hause zu kehren;
20
Doch mir gebt die Tochter zurück, und empfahet die Lösung,
Ehrfurchtsvoll vor Zeus ferntreffendem Sohn Apollon.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
25
Dieser entsandt' ihn mit Schmach, und befahl die drohenden Worte:
Daß ich nimmer, o Greis, bei den räumigen Schiffen dich treffe,
Weder anitzt hier zaudernd, noch wiederkehrend in Zukunft!
Kaum wohl möchte dir helfen der Stab, und der Lorbeer des Gottes!
Jene lös' ich dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,
30
Wann sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,
Mir als Weberin dient, und meines Bettes Genossin!
Gehe denn, reize mich nicht; daß wohlbehalten du kehrest!
Jener sprach's: doch Chryses erschrak, und gehorchte der Rede.
Schweigend ging er am Ufer des weitaufrauschenden Meeres;
35
Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der Alte
Viel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest,
Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,
40
Oder hab' ich dir je von erlesenen Farren und Ziegen
Fette Schenkel verbrannt; so gewähre mir dieses Verlangen:
Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet' er, zürnendes Herzens,
45
Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.
Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,
Als er einher sich bewegt'; er wandelte, düster wie Nachtgraun;
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
50
Nur Maultier' erlegt' er zuerst und hurtige Hunde:
Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,
Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.
Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes.
Drauf am zehnten berief des Volks Versammlung Achilleus,
55
Dem in die Seel' es legte die lilienarmige Here;
Denn sie sorgt' um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend.
Als sie nunmehr sich versammelt, und voll gedrängt die Versammlung;
Trat hervor und begann der mutige Renner Achilleus:
Atreus Sohn, nun denk' ich, wir ziehn den vorigen Irrweg
60
Wieder nach Hause zurück, wofern wir entrinnen dem Tode;
Weil ja zugleich der Krieg und die Pest hinrafft die Achaier.
Aber wohlan, fragt einen der Opferer, oder der Seher,
Oder auch Traumausleger; auch Träume ja kommen von Zeus her:
Der uns sage, warum so ereiferte Phöbos Apollon:
65
Ob versäumte Gelübd' ihn erzürneten, ob Hekatomben:
Wenn vielleicht der Lämmer Gedüft und erlesener Ziegen
Er zum Opfer begehrt, von uns die Plage zu wenden.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Kalchas der Thestoride, der weiseste Vogelschauer,
70
Der erkannte, was ist, was sein wird, oder zuvor war,
Der auch her vor Troja der Danaer Schiffe geleitet
Durch wahrsagenden Geist, des ihn würdigte Phöbos Apollon;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Peleus Sohn, du gebeutst mir, o Göttlicher, auszudeuten
75
Diesen Zorn des Apollon, des fernhintreffenden Herrschers.
Gerne will ich's ansagen; doch du verheiße mit Eidschwur,
Daß du gewiß willfährig mit Wort und Händen mir helfest.
Denn leicht möcht' erzürnen ein Mann, der mächtiges Ansehns
Argos Völker beherrscht, und dem die Achaier gehorchen.
80
Stärker ja ist ein König, der zürnt dem geringeren Manne.
Wenn er auch die Galle den selbigen Tag noch zurückhält;
Dennoch laur't ihm beständig der heimliche Groll in den Busen,
Bis er ihn endlich gekühlt. Drum rede du, willst du mich schützen?
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
85
Sei getrost, und erkläre den Götterwink, den du wahrnahmst.
Denn bei Apollon fürwahr, Zeus Lieblinge, welchem, o Kalchas,
Flehend zuvor, den Achaiern der Götter Rat du enthüllest:
Keiner, so lang' ich leb', und das Licht auf Erden noch schaue,
Soll bei den räumigen Schiffen mit frevelnder Hand dich berühren,
90
Aller Achaier umher! und nenntest du selbst Agamemnon,
Der nun mächtig zu sein vor allem Volke sich rühmet!
Jetzo begann er getrost, und sprach, der untadliche Seher:
Nicht versäumte Gelübd' erzürnten ihn, noch Hekatomben;
Sondern er zürnt um den Priester, den also entehrt' Agamemnon,
95
Nicht die Tochter befreit', und nicht annahm die Erlösung:
Darum gab uns Jammer der Treffende, wird es auch geben.
Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben,
Bis man zurück dem Vater das freudigblickende Mägdlein
Hingibt, frei, ohn' Entgelt, und mit heiliger Festhekatombe
100
Heim gern Chrysa entführt. Das möcht' ihn vielleicht versöhnen.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Atreus Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Zürnend vor Schmerz; es schwoll ihm das finstere Herz voll der Galle,
Schwarz umströmt; und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer.
105
Gegen Kalchas zuerst mit drohendem Blicke begann er:
Unglücksseher, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet!
Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!
Gutes hast du noch nimmer geweissagt, oder vollendet!
Jetzt auch meldest du hier als Götterspruch den Achaiern,
110
Darum habe dem Volk der Treffende Wehe bereitet,
Weil für Chryses Tochter ich selbst die köstliche Lösung
Anzunehmen verwarf. Denn traun! weit lieber behielt' ich
Solche daheim; da ich höher wie Klytämnestra sie achte,
Meiner Jugend Vermählte: denn nicht ist jene geringer,
115
Weder an Bildung und Wuchs, noch an Geist und künstlicher Arbeit.
Dennoch geb' ich sie willig zurück, ist solches ja besser.
Lieber mög' ich das Volk errettet schaun, denn verderbend.
Gleich nur ein Ehrengeschenk bereitet mir, daß ich allein nicht
Ungeehrt der Danaer sei; nie wäre das schicklich!
120
Denn das seht ihr alle, daß mein Geschenk mir entgehet.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus Sohn, ruhmvoller, du habbegierigster aller,
Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?
Nirgends wissen wir doch des gemeinsamen vieles verwahret:
125
Sondern so viel wir aus Städten erbeuteten, wurde geteilet;
Auch nicht ziemt es dem Volke, das einzelne wieder zu sammeln.
Aber entlass' du jetzo dem Gotte sie; und wir Achaier
Wollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal Zeus
Gönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.
130
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Sinn' auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn, noch bereden!
Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selber umsonst hier
Sitze, des meinen beraubt? und gebietest mir, frei sie zu geben?
135
Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,
Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!
Aber verleihn sie es nicht; dann komm' ich selber, und nehm' es,
Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl, oder Odysseus'
Führ' ich hinweg; und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!
140
Doch von solcherlei Dingen ist Zeit zu reden auch künftig.
Auf nun, zieht ein schwärzliches Schiff in die heilige Meerflut;
Sammelt hinein vollzählig die Ruderer; bringt auch Apollons
Hekatomb'; und sie selbst, des Chryses rosige Tochter,
Führet hinein; und Gebieter des Schiffs sei der Könige einer:
145
Ajas, oder der Held Idomeneus, oder Odysseus,
Oder auch du, Peleide, du schrecklichster unter den Männern!
Daß du den Treffenden uns durch heilige Opfer besänftigst.
Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
Ha, du in Unverschämtheit gehülleter, sinnend auf Vorteil!
150
Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,
Einen Gang dir zu gehn, und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?
Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ich
Mit hieher in den Streit; sie haben's an mir nicht verschuldet.
Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt, noch die Rinder;
155
Nie auch haben in Phtia, dem scholligen Männergefilde,
Meine Frucht sie verletzt; indem viel Raumes uns sondert,
Waldbeschattete Berg', und des Meers weitrauschende Wogen.
Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;
Nur Menelaos zu rächen, und dich, du Ehrevergeßner,
160
An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!
Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,
Welches mit Schweiß ich errungen, und mir verehrt die Achaier!
Hab' ich doch nie ein Geschenk, wie das deinige, wann die Achaier
Eine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet;
165
Sondern die schwerste Last des tobenden Schlachtengetümmels
Trag' ich mit meinem Arm: doch kommt zur Teilung es endlich,
Dein ist das größte Geschenk; und ich, mit wenigem fröhlich,
Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.
Doch nun geh' ich gen Phtia! denn weit zuträglicher ist es,
170
Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,
Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz' und Güter dir häufen!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Fliehe nur, wenn's dein Herz dir gebeut! Nie werd' ich dich wahrlich
Anflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,
175
Ehre mir zu erwerben; zumal Zeus waltende Vorsicht!
Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf' und die Schlachten!
Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!
Schiffe denn heim, du selbst mit den Deinigen, daß du in Ruhe
180
Myrmidonen gebietest! denn du bist nichts mir geachtet;
Nichts auch gilt mir dein Pochen! vielmehr noch droh' ich dir also:
Weil mir Chryses Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,
Werd' ich sie mit eigenem Schiff und eignen Genossen
Senden; allein ich hole die rosige Tochter des Brises
185
Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,
Wie viel höher ich sei als du, und ein anderer zage,
Gleich sich mir zu wähnen, und so mir zu trotzen ins Antlitz!
Jener sprach's; da entbrannte der Peleion', und das Herz ihm
Unter der zottigen Brust ratschlagete, wankendes Sinnes:
190
Ob er das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend
Trennen sie sollt' auseinander, und niederhaun den Atreiden;
Oder stillen den Zorn, und die mutige Seele beherrschen.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,
Und er das große Schwert schon hervorzog; naht' ihm vom Himmel
195
Pallas Athen', entsandt von der lilienarmigen Here,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.
Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,
Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.
Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt' er
200
Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt' ihm ihr Auge.
Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte:
Warum, o Tochter Zeus des Ägiserschütterers, kamst du?
Etwa den Frevel zu schaun von Atreus Sohn Agamemnon?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
205
Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!
Drauf antwortete Zeus blauäugige Tochter Athene:
Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.
210
Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zucke das Schwert nicht.
Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.
Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,
Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch' uns.
215
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Euer Wort, o Göttin, geziemet es, wohl zu bewahren,
Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.
Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder.
Sprach's, und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,
220
Stieß in die Scheide zurück das große Schwert, und verwarf nicht
Athenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,
In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern.
Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem
Gegen des Atreus Sohn; denn noch nicht ruht' er vom Zorne:
225
Trunkenbold, mit dem hündischen Blick, und dem Mute des Hirsches!
Niemals weder zur Schlacht mit dem Volke zugleich dich zu rüsten,
Noch zum Hinterhalte zu gehn mit den edlen Achaias,
Hast du im Herzen gewagt! Das scheinen dir Schrecken des Todes!
Zwar behaglicher ist es, im weiten Heer der Achaier
230
Ihm sein Geschenk zu entwenden, der dir entgegen nur redet!
Volkverschlingender König! Denn nichtigen Menschen gebeutst du!
Oder du hättest, Atreide, das letzte Mal heute gefrevelt!
Aber ich sage dir an, und mit heiligen Eide beschwör' ich's!
Wahrlich bei diesem Scepter, der niemals Blätter und Zweige
235
Wieder zeugt, nachdem er den Stamm im Gebirge verlassen;
Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schälte das Erz ihm
Laub und Rinde hinweg; und edele Söhne Achaias
Tragen ihn jetzt in der Hand, die Richtenden, welchen Kronion
Seine Gesetze vertraut: dies sei dir die hohe Beteurung!
240
Wahrlich vermißt wird Achilleus hinfort von den Söhnen Achaias
Allzumal; dann suchst du umsonst, wie sehr du dich härmest,
Rettung, wenn sie in Scharen, vom männermordenden Hektor
Niedergestürzt, hinsterben; und tief in der Seele zernagt dich
Zürnender Gram, daß den besten der Danaer nichts du geehret!
245
Also sprach der Peleid', und warf auf die Erde den Scepter,
Rings mit goldenen Buckeln geschmückt; dann setzt' er sich nieder.
Gegen ihn stand der Atreid' und wütete. Jetzo erhub sich
Nestor mit holdem Gespräch, der tönende Redner von Pylos,
Dem von der Zung' ein Laut wie des Honiges Süße daherfloß.
250
Diesem waren schon zwei der redenden Menschengeschlechter
Hingewelkt, die vordem ihm zugleich aufwuchsen und lebten,
Dort in der heiligen Pylos; und jetzt das dritte beherrscht' er.
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
255
Traun, wohl freun wird sich Priamos des, und Priamos Söhne,
Auch das Volk der Troer wird hoch frohlocken im Herzen,
Wenn sie das alles gehört, wie ihr durch Zank euch ereifert,
Ihr, die ersten Achaier im Rat, und die ersten im Kampfe.
Aber gehorcht! Ihr beide seid jüngeres Alters, denn ich bin!
260
Denn schon vormals pflog ich mit stärkeren Männern Gemeinschaft,
Als ihr seid; und dennoch verachteten jene mich nimmer!
Solche Männer ersah ich nicht mehr, und ersehe sie schwerlich,
So wie Peirithoos war, und der völkerweidende Dryas,
Käneus auch, und der Held Exadios, auch Polyphemos,
265
Oder wie Ägeus Sohn, der götterähnliche Theseus.
Traun, das waren die stärksten der lebenden Erdebewohner,
Waren selbst die stärksten und kämpften nur wider die stärksten,
Wider die Bergkentauren, und übeten grause Vertilgung.
Seht, und jenen war ich ein Kriegsgenoß, der aus Pylos
270
Herkam, fern ans dem Apierland; denn sie riefen mich selber;
Und ich kämpfte das meinige mit. Doch jene vermochte
Keiner, so viel nun leben des Menschengeschlechts, zu bekämpfen.
Dennoch hörten sie Rat von mir, und gehorchten dem Worte.
Aber gehorcht auch ihr; denn Rat zu hören ist besser.
275
Weder du, wie mächtig du seist, nimm jenem das Mägdlein;
Sondern laß, was ihm einmal zum Dank verliehn die Achaier:
Noch auch du, o Peleid', erhebe dich wider den König
So voll Trotz; denn es ward nie gleicher Ehre ja teilhaft
Ein bescepterter König, den Zeus mit Ruhme verherrlicht.
280
Wenn du ein Stärkerer bist, und Sohn der göttlichen Mutter:
Ist er mächtiger doch, weil mehrerem Volk er gebietet.
Atreus Sohn, laß fahren den Zorn; und ich selbst will Achilleus
Anflehn, auch sein Herz zu besänftigen, ihn, der die große
Schutzwehr ist dem achaiischen Volk im verderbenden Kriege.
285
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.
Aber der Mann will immer den anderen allen zuvor sein;
Allen will er gebieten im Heer, und alle beherrschen,
Allen Gesetz' austeilen, die niemand, mein' ich, erkennet!
290
Wenn sie ja Lanzenkund' ihm verliehn, die ewigen Götter;
Stellen sie darum ihm frei, auch Schmähungen auszurufen?
Ihm in die Red' einfallend, begann der edle Achilleus:
Ja fürwahr, ein Feiger und Nichtiger müßt' ich genannt sein,
Wenn ich in allem mich dir demütigte, was du nur aussprichst!
295
Andern gebeut' du solches nach Willkür; aber nur mir nicht
Winke Befehl; ich möchte hinfort dir wenig gehorchen!
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
Niemals heb' ich die Arme zum Streit auf wegen des Mägdleins,
Weder mit dir, noch andern; ihr gabt, und nehmet sie wieder.
300
Aber so viel mir sonst bei dem dunkelen Schiffe sich findet,
Davon nimmst du mir schwerlich das mindeste, wider mein Wollen.
Oder wohlan, versuch' es! damit sie alle mit ansehn,
Wie alsbald an der Lanze dein schwarzes Blut mir herabträuft!
Also haderten beide mit widerstrebenden Worten,
305
Standen dann auf, und trennten den Rat bei den Schiffen Achaias.
Peleus Sohn, zu den Zelten gewandt und schwebenden Schiffen,
Wandelte, samt Menötios' Sohn und seinen Genossen.
Doch der Atreid' entließ ein hurtiges Schiff in die Meerflut;
Wählete zwanzig hinein der Ruderer; bracht' auch Apollons
310
Hekatomb'; und darauf des Chryses rosige Tochter
Führt' er hinein; und Gebieter des Schiffs war der weise Odysseus.
Alle nun eingestiegen, durchsteuerten flüssige Pfade.
Drauf hieß Atreus Sohn sich entsündigen alle Achaier:
Und sie entsündigten sich, und warfen ins Meer die Befleckung,
315
Opferten dann für Apollon vollkommene Sühnhekatomben
Mutiger Stier' und Ziegen am Strand des verödeten Meeres;
Und hoch wallte der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel.
So war alles im Heere beschäftiget. Doch Agamemnon
Ließ nicht ruhn, was er zankend zuvor gedroht dem Achilleus;
320
Sondern Talthybios schnell und Eurybates rief er ermahnend,
Die Herold' ihm waren und rasch aufwartende Diener:
Gehet hin zum Gezelte des Peleiaden Achilleus;
Nehmt an der Hand und bringt des Brises rosige Tochter.
Wenn er sie nicht hergäbe, so möcht' ich selber sie nehmen,
325
Hin mit mehreren kommend; was ihm noch schrecklicher sein wird!
Jener sprach's und entließ sie, die drohenden Worte befehlend.
Ungern gingen sie beid' am Strand des verödeten Meeres,
Bis sie die Zelt' und Schiffe der Myrmidonen erreichten.
Ihn nun fanden sie dort am Gezelt und dunkelen Schiffe
330
Sitzend; und traun, nicht wurde des Anblicks fröhlich Achilleus.
Beide bestürzt vor Scheu und Ehrfurcht gegen den König
Standen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so:
Freude mit euch, Herold', ihr Boten Zeus und der Menschen!
335
Nahet euch! Ihr nicht seid mir Verschuldete; nur Agamemnon,
Der euch beide gesandt um Brises rosige Tochter.
Auf denn, führe heraus das Mägdelein, edler Patroklos,
Und laß jene sie nehmen. Doch sei'n sie selber mir Zeugen,
Vor den seligen Göttern, und vor den sterblichen Menschen,
340
Auch vor dem Könige dort, dem Wüterich: Wenn man hinfort noch
Meiner Hilfe bedarf, dem schmählichen Jammer zu steuern
Jenes Volks...! Ha, wahrlich, er tobt in verderblichem Wahnsinn,
Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,
Daß bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achaier!
345
Jener sprach's; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Führt' aus dem Zelt, und gab des Brises rosige Tochter
Jenen dahin; und sie kehrten zurück zu den Schiffen Achaias.
Ungern ging mit ihnen das Mägdelein. Aber Achilleus
Weinend setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,
350
Hin an des Meeres Gestad', und schaut' in das finstre Gewässer.
Vieles zur trauten Mutter nun flehet er, breitend die Hände:
Mutter, dieweil du mich nur für wenige Tage gebarest,
Sollte mir Ehre doch der Olympier jetzo verleihen,
Der hochdonnernde Zeus! doch er ehret mich nicht, auch ein wenig!
355
Siehe, des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Hat mich entehrt, und behält mein Geschenk, das er selber geraubet!
Also sprach er betränt; ihn vernahm die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.
Eilendes Schwungs entstieg sie der finsteren Flut, wie ein Nebel;
360
Und nun setzte sie nahe sich hin vor den Tränenbenetzten,
Streichelt' ihn drauf mit der Hand, und redete, also beginnend:
Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.
Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
365
Mutter, du weißt das alles; was soll ich es dir noch erzählen?
Thebe belagerten wir, Eëtions heilige Feste,
Und verwüsteten sie, und führeten alles von dannen.
Redlich teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias,
Und man erkor dem Atreiden des Chryses rosige Tochter.
370
Chryses darauf, der Priester des treffenden Phöbos Apollon,
Kam zu den rüstigen Schiffen der erzumschirmten Achaier,
Frei zu kaufen die Tochter, und bracht' unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
Um den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
375
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherrn der Völker.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
Dieser entsandt' ihn mit Schmach, und befahl ihm drohende Worte.
380
Zürnend vernahm es der Greis und wandte sich. Aber Apollon
Hörte des Flehenden Ruf, denn sehr geliebt war ihm jener.
Und nun sandt' er sein Todesgeschoß; und die Völker Achaias
Starben in Scharen dahin, da rings die Geschosse des Gottes
Flogen im weiten Heere der Danaer. Siehe da weissagt'
385
Uns ein kundiger Seher den heiligen Rat des Apollon.
Eilend riet ich selber zuerst, den Gott zu versöhnen.
Aber der Atreion' ereiferte: schnell sich erhebend
Sprach er ein drohendes Wort, das nun der Vollendung genaht ist.
Jene geleiten im Schiff frohblickende Söhne Achaias
390
Heim nach Chrysa zurück, auch bringen sie Gaben dem Herrscher
Doch mir nahmen nun eben die Herold' aus dem Gezelte
Brises Tochter hinweg, das Ehrengeschenk der Achaier.
O wenn du es vermagst, so hilf dem tapferen Sohne!
Steig empor zum Olympos, und flehe Zeus, wenn du jemals
395
Ihm mit Worten das Herz erfreuetest, oder mit Taten.
Denn ich habe ja oft dich selbst im Palaste des Vaters
Rühmen gehört, wie du einst dem schwarzumwölkten Kronion,
Du von den Göttern allein, die schmähliche Kränkung gewendet,
Als vordem ihn zu binden die andern Olympier drohten,
400
Here und Poseidaon zugleich, und Pallas Athene.
Doch du kamst, o Göttin, und lösetest ihn aus den Banden,
Rufend zum hohen Olympos den hundertarmigen Riesen,
Den Briareos nennen die Himmlischen, aber Ägäon
Jeglicher Mensch; denn er raget auch selbst vor dem Vater an Stärke.
405
Dieser nun saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.
Drob erschraken die Götter, und scheuten sich, jenen zu fesseln.
Setze nun, des ihn erinnernd, zu jenem dich, fass' ihm die Knie' auch,
Ob es vielleicht ihm gefallen den Troern Schutz zu gewähren,
Aber zurück zu drängen zum Lager und Meer die Achaier,
410
Niedergehaun, bis sie alle sich sättigen ihres Gebieters,
Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!
Aber Thetis darauf antwortete, Tränen vergießend:
Wehe mir! daß ich, mein Kind, dich erzog, unselig Geborner!
415
Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Tränen und Kränkung
Sitzen; dieweil dein Verhängnis so kurz nur währet, so gar kurz!
Aber zugleich frühwelkend und unglückselig vor allen
Wurdest du! Ja, dich gebar ich dem Jammergeschick im Palaste!
Dies dem Donnerer Zeus zu verkündigen, ob er mich höre,
420
Geh' ich selber hinauf zum schneebedeckten Olympos.
Du indes an des Meers schnellwandelnden Schiffen dich setzend,
Zürne dem Danaervolk, und des Kriegs enthalte dich gänzlich.
Zeus ging gestern zum Mahl der unsträflichen Äthiopen
An des Okeanos Flut; und die Himmlischen folgten ihm alle.
425
Aber am zwölften Tag, dann kehret er heim zum Olympos.
Hierauf steig' ich empor zum ehernen Hause Kronions,
Und umfass' ihm die Knie'; und ich traue mir, ihn zu bewegen.
Als sie solches geredet, einteilte sie. Jener allein nun
Zürnt' im Geist, und gedachte des schöngegürteten Weibes,
430
Das man mit Trotz und Gewalt ihm hinwegnahm. Aber Odysseus
Kam und brachte gen Chrysa die heilige Sühnhekatombe.
Als sie nunmehr in des Ports tiefgründige Räume gekommen,
Zogen sie ein die Segel, und legten ins schwärzliche Schiff sie;
Lehnten darauf zum Behälter den Mast, an den Tauen ihn senkend,
435
Eilig hinab, und schoben das Schiff mit Rudern zur Anfuhrt;
Warfen dann Anker hinaus, und befestigten Seil' am Gestade.
Aus nun stiegen sie selbst an den wogenden Strand der Gewässer,
Aus auch lud man das Opfer dem treffenden Phöbos Apollon;
Aus auch stieg Chryseïs vom meerdurchwallenden Schiffe.
440
Diese nun führte sogleich zum Altar der weise Odysseus,
Gab in des Vaters Hände sie hin, und redete also:
Chryses, mich sandte daher der Völkerfürst Agamemnon,
Daß ich die Tochter dir brächt', und die Sühnhekatombe dem Phöbos
Opferte für die Achaier, den Zorn zu versöhnen des Herrschers,
445
Der nun Argos' Volke so schmerzliches Wehe verhänget.
Sprach's, und gab in die Hände sie ihm; und mit Freuden empfing er
Seine geliebte Tochter. Auch ordneten jene des Gottes
Herrliche Sühnhekatomb' um den schöngebaueten Altar;
Wuschen darauf sich die Händ', und nahmen sich heilige Gerste.
450
Aber Chryses betete laut mit erhobenen Händen:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier;
455
Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen:
Gib den Danaern nun der schmählichen Plage Genesung!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet:
Beugten zurück sie die Häls', und schlachteten, zogen die Häut' ab,
460
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
Jetzo verbrannt' es auf Scheitern der Greis, und dunkeles Weines
Sprengt' er darauf; ihn umstanden die Jünglinge, haltend den Fünfzack.
Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;
465
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet,
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
470
Füllten die Jünglinge schnell die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.
Jene den ganzen Tag versöhnten den Gott mit Gesange,
Schön anstimmend den Päan, die blühenden Männer Achaias,
Preisend des Treffenden Macht; und er hörte freudiges Herzens.
475
Als die Sonne nunmehr hinsank, und das Dunkel herauszog,
Legten sich jene zur Ruh' an den haltenden Seilen des Schiffes.
Als aufdämmernd nun Eos mit Rosenfingern emporstieg;
Jetzo schifften sie heim zum weiten Heer der Achaier.
Günstigen Hauch sandt' ihnen der treffende Phöbos Apollon;
480
Und sie erhuben den Mast, und spannten die schimmernden Segel.
Voll nun schwellte der Wind des Segels Mitt', und umher scholl
Laut die purpurne Wog' um den Kiel des gleitenden Schiffes;
Und es durchlief die Gewässer, den Weg in Eile vollendend.
Als sie nunmehr hinkamen zum weiten Heer der Achaier,
485
Zogen das schwärzliche Schiff sie empor an die Feste des Landes,
Hoch auf den kiesigen Sand, und breiteten drunter Gebälk hin;
Selbst dann zerstreuten sie sich ringsher zu Gezelten und Schiffen.
Jener zürnt', an des Meers schnellwandelnden Schiffen sich setzend,
Peleus göttlicher Sohn, der mutige Renner Achilleus:
490
Niemals mehr in den Rat, den männerehrenden, ging er;
Niemals mehr in die Schlacht. Doch Gram zernagte das Herz ihm,
Daß er blieb; er verlangte nur Feldgeschrei und Getümmel.
Als nunmehr die zwölfte der Morgenröten emporstieg;
Kehreten heim zum Olympos die ewigwährenden Götter
495
Alle zugleich; Zeus führte. Doch Thetis vergaß das Geheiß nicht
Ihres Sohns; sie enttauchte der Woge des Meers, und erhub sich
Schon in dämmernder Frühe zum Himmel empor und Olympos;
Fand nun den wartenden Zeus abwärts von den anderen sitzend,
Dort auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
500
Und sie setzte sich nahe vor ihm, umschlang mit der Linken
Seine Knie', und berührt' ihn unter dem Kinn mit der Rechten;
Flehend zugleich begann sie zum herrschenden Zeus Kronion:
Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir, oder mit Taten,
Frommt' in der Götterschar; so gewähre mir dieses Verlangen:
505
Ehre mir meinen Sohn, der frühhinwelkend vor andern
Sterblichen ward! Doch hat ihn der Völkerfürst Agamemnon
Jetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber o räch' ihn du, Olympier, Ordner der Welt, Zeus!
Stärke die Troer nunmehr mit Siegskraft, bis die Achaier
510
Meinen Sohn mir geehrt, und reichliche Ehr' ihm vergolten!
Jene sprach's; ihr erwiderte nichts der Wolkenversammler;
Lange saß er und schwieg. Doch Thetis schmiegte sich fest ihm
An die umschlungenen Knie', und flehete wieder von neuem:
Unverstellt verheiße mir jetzt, und winke Gewährung;
515
Oder verweigere mir's! (Nichts scheuest du!) daß ich es wisse,
Ganz sei ich vor allen die ungeehrteste Göttin!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Heillos traun ist solches, daß du mit Here zu hadern
Mich empörst, wann sie künftig mich reizt durch schmähende Worte.
520
Zanket sie doch schon so im Kreis der unsterblichen Götter
Stets mit mir, und saget, ich helf' im Streit den Troern.
Eile du denn jetzt wieder hinweg, daß nicht dich bemerke
Here; doch mir sei die Sorge des übrigen, wie ich's vollende.
Aber wohlan, mit dem Haupte dir wink' ich es, daß du vertrauest.
525
Solches ist ja meiner Verheißungen unter den Göttern
Heiligstes Pfand, denn nie ist wandelbar, oder betrüglich,
Noch unvollendet das Wort, das mit winkendem Haupt ich gewähret.
Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion;
Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts
530
Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos.
So ratschlagten sie beid', und trennten sich. Siehe, die Göttin
Fuhr in die Tiefe des Meers vom glanzerhellten Olympos;
Zeus dann in seinen Palast. Die Unsterblichen standen empor ihm
Alle vom Sitz, dem Vater entgegen zu gehn; und nicht einer
535
Harrte des Kommenden dort, entgegen ihm traten sie alle.
Er nun nahte dem Thron, und setzte sich. Aber nicht achtlos
Hatt' es Here bemerkt, wie geheim ratschlagte mit jenem
Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.
Schnell mit kränkender Rede zu Zeus Kronion begann sie:
540
Wer hat, Schlauer, mit dir der Unsterblichen wieder geratschlagt?
Immer war es dir Freude, von mir hinweg dich entfernend,
Heimlich ersonnenen Rat zu genehmigen! Hast du doch niemals
Mir willfähriges Geistes ein Wort gesagt, was du denkest!
Drauf begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
545
Here, nur nicht alles getraue dir, was ich beschließen
Einzusehn; schwer würde dir das, auch meiner Gemahlin!
Zwar was dir zu hören vergönnt ist, keiner soll jenes
Früher erkennen denn du, der Unsterblichen oder der Menschen.
Doch was mir von den Göttern entfernt zu beschließen genehm ist,
550
Solches darfst du mir nicht auskundigen, oder erforschen.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!
Nie doch hab' ich zuvor mich erkundiget, oder geforschet;
Sondern ganz in Ruhe beschließest du, was dir genehm ist.
555
Doch nun sorg' ich im Herzen und fürchte mich, daß dich beschwatze
Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.
Denn sie saß in der Frühe bei dir, und umschlang dir die Kniee.
Ihr dann winkend, vermut' ich, gelobtest du, daß du Achilleus
Ehren willst, und verderben der Danaer viel' an den Schiffen.
560
Gegen sie rief antwortend der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Immer, du Wunderbare, vermutest du; spähest mich immer
Doch nicht schafft dein Tun dir das mindeste; sondern entfernter
Wirst du im Herzen mir stets: was dir noch schrecklicher sein wird;
Wenn auch jenes geschieht, so wird mir's also gelieben!
565
Sitze denn ruhig und schweig', und gehorche du meinem Gebote.
Kaum wohl schätzten dich sonst die Unsterblichen all' im Olympos,
Trät' ich hinan, ausstreckend zu dir die unnahbaren Hände!
Jener sprach's; da erschrak die hoheitblickende Here;
Schweigend saß sie nunmehr, und bezwang die Stürme des Herzens.
570
Doch rings traurten im Saale die göttlichen Uranionen.
Jetzo begann Hephästos, der kunstberühmte, zu reden,
Seiner Mutter zu Gunst, der lilienarmigen Here:
Heillos traun wird solches zuletzt, und gar unerträglich,
Wenn ihr beid' um Sterbliche nun euch also entzweiet,
575
Und zu Tumult aufreizet die Himmlischen! Nichts ja geneußt man
Mehr von der Freude des Mahls; denn es wird je länger, je ärger!
Jetzt ermahn' ich die Mutter, wiewohl sie selber Verstand hat,
Unserem Vater zu nahn mit Gefälligkeit, daß er hinfort nicht
Schelte, der Vater Zeus, und uns zerrütte das Gastmahl.
580
Denn sobald er es wollte, der Donnergott des Olympos,
Schmettert' er uns von den Thronen; denn er ist mächtig vor allen,
Aber wohlan, du wollest mit freundlichen Worten ihm schmeicheln;
Bald wird wieder zu Huld der Olympier uns versöhnt sein.
Jener sprach's, und erhub sich, und nahm den doppelten Becher,
585
Reicht' in die Hand der Mutter ihn dar, und redete also:
Duld', o teuerste Mutter, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Daß ich nicht, du Geliebte, mit eigenen Augen es sehe,
Wann er dich straft; darin sucht' ich umsonst, wie sehr ich mich härmte,
Rettung: schwerlich ja mag dem Olympier einer begegnen!
590
Denn schon einmal vordem, als abzuwehren ich strebte,
Schwang er mich hoch, bei der Ferse gefaßt, von der heiligen Schwelle.
Ganz den Tag hinflog ich, und spät mit der sinkenden Sonne
Fiel ich in Lemnos hinab, und atmete kaum noch Leben;
Aber der Sintier Volk empfing mich Gefallenen freundlich.
595
Sprach's; da lächelte sanft die lilienarmige Here;
Lächelnd darauf entnahm sie der Hand des Sohnes den Becher.
Jener schenkte nunmehr auch der übrigen Götterversammlung
Rechts herum, dem Kruge den süßen Nektar entschöpfend.
Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,
600
Als sie sahn, wie Hephästos in emsiger Eil' umherging.
Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne
Schmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles,
Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,
Noch des Gesangs der Musen mit hold antwortender Stimme.
605
Aber nachdem sich gesenkt des Helios leuchtende Fackel,
Gingen sie auszuruhn, zur eigenen Wohnung ein jeder,
Dort wo jedem vordem der hinkende Künstler Hephästos
Bauete seinen Palast mit erfindungsreichem Verstande.
Zeus auch ging zum Lager, der Donnergott des Olympos,
610
Wo er zuvor ausruhte, wann süßer Schlaf ihm genaht war:
Dorthin stieg er zu ruhn mit der goldenthronenden Here.

Zweiter Gesang

Zeus, des Versprechens eingedenk, bewegt Agamemnon durch einen Traum, die Achaier zur Schlacht auszuführen. Rat der Fürsten; dann Volksversammlung. Agamemnon, das Volk zu versuchen, befiehlt Heimkehr; und alle sind geneigt. Odysseus, von Athene ermahnt, hemmt sie. Thersites dringt schmähend auf Heimkehr, und wird gestraft. Das beschämte Volk, durch Odysseus und Nestor völlig gewonnen, wird von Agamemnon zur Schlacht aufgefordert. Frühmahl, Opfer und Anordnung des Heers. Verzeichnis der achaiischen Völker. Die Troer in Versammlung hören die Botschaft, und rücken aus. Verzeichnis der troischen Völker.

Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,
Schliefen die ganze Nacht; nur Zeus nicht labte der Schlummer;
Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er Achilleus
Ehren möcht', und verderben der Danaer viel' an den Schiffen.
5
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Einen täuschenden Traum zu Atreus Sohne zu senden.
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias;
Gehe dort ins Gezelt zu Atreus Sohn Agamemnon,
10
Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete.
Heiß' ihn rüsten zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All' im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
15
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben.
Jener sprach's; und der Traum, sobald er die Rede vernommen,
Eilte hinweg, und kam zu den rüstigen Schiffen Achaias.
Hin nun eilt' er, und fand des Atreus Sohn Agamemnon
Schlafend in seinem Gezelt; ihn umfloß der ambrosische Schlummer.
20
Jener trat ihm zum Haupt', an Gestalt dem Sohne des Neleus
Nestor gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt' Agamemnon;
Dessen Gestalt nachahmend begann der göttliche Traum so:
Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt's die ganze Nacht zu durchschlummern,
25
Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.
Auf, nun höre mein Wort; ich komm', ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All' im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
30
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
Her von Zeus. Du merk' es im Geiste dir, daß dem Gedächtnis
Nichts entfällt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachest.
35
Also sagt' ihm der Traum, und wandte sich; jenen verließ er
Dem nachsinnend im Geist, was nie zur Vollendung bestimmt war.
Denn er hoffte noch heut' des Priamos Stadt zu erobern;
Tor! und erkannte nicht, was Zeus für Taten geordnet.
Denn er beschloß noch Jammer und Angstgeschrei zu erregen
40
Troern zugleich und Achaiern im Ungestüme der Feldschlacht.
Jetzo erwacht' er vom Schlaf, noch umtönt von der göttlichen Stimme;
Setzte sich aufrecht hin, und zog das weiche Gewand an,
Sauber und neugewirkt, und warf den Mantel darüber;
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen;
45
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln;
Nahm auch den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Wandelte dann zu den Schiffen der erzumschirmten Achaier.
Eos aber die Göttin erstieg den hohen Olympos,
Zeus und den anderen Göttern des Tageslicht zu verkünden.
50
Und er gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
Einen Rat nun setzt' er zuerst der erhabenen Ältsten,
Am Nestorischen Schiffe, des herrschenden Greises von Pylos;
55
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:
Freunde, vernehmt; ein göttlicher Traum erschien mir im Schlummer
Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen Nestor
War an Wuchs und Größ' und Gestalt er wunderbar ähnlich.
Dieser trat mir zum Haupt, und redete, also beginnend:
60
Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt's die ganze Nacht zu durchschlummern,
Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.
Auf, nun höre mein Wort; ich komm' ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
65
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All' im Heer, denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon haben sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
70
Her von Zeus. Du merk' es im Geiste dir. - Dieses geredet,
Flog er hinweg und verschwand; und der liebliche Schlummer verließ mich.
Aber wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Selber zuerst durch Worte versuch' ich sie, wie es Gebrauch ist,
Und ermahne zur Flucht in vielgeruderten Schiffen:
75
Ihr dann, anderswo andre, beredet sie wieder zu bleiben.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Nestor, welcher gebot in Pylos sandigen Fluren;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
80
Hätte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzählet;
Lug wohl nennten wir ihn, und wendeten uns mit Verachtung.
Doch ihn sah, der den ersten vor allem Volke sich rühmet.
Drum wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Jener sprach's, und wandte der erste sich aus der Versammlung.
85
Rings dann standen sie auf, dem Völkerhirten gehorchend,
Alle bescepterten Fürsten. Heran nun stürzten die Völker.
Wie wenn Scharen der Bienen daherziehn dichtes Gewimmels,
Aus dem gehöhleten Fels in beständigem Schwarm sich erneuend;
Jetzt in Trauben gedrängt umfliegen sie Blumen des Lenzes;
90
Andere hier unzählbar entflogen sie, andere dorthin:
Also zogen gedrängt von den Schiffen daher und Gezelten
Rings unzählbare Völker am Rand des hohen Gestades
Schar an Schar zur Versammlung. Entbrannt in der Mitte war Ossa,
Welche, die Botin Zeus, sie beschleunigte; und ihr Gewühl wuchs.
95
Weit nun hallte der Kreis, und es dröhnete drunten der Boden,
Als sich das Volk hinsetzt'; und Getös war. Doch es erhuben
Neun Herolde den Ruf, und hemmten sie, ob vom Geschrei sie
Ruheten, und anhörten die gottbeseligten Herrscher.
Kaum saß endlich das Volk, umher auf den Sitzen sich haltend;
100
Und es verstummt ihr Getön. Da erhub sich der Held Agamemnon,
Haltend den Herrscherstab, den mit Kunst Hephästos gebildet.
Diesen gab Hephästos dem wartenden Zeus Kronion;
Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argoserwürger;
Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Rossebändiger Pelops;
105
Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidenden Atreus;
Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerreichen Thyestes;
Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnon zu tragen,
Viel' Eilande damit und Argos reich zu beherrschen.
Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte:
110
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Hart hat Zeus der Kronid' in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer! welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlos
115
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt's nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,
Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Schande ja daucht es und Hohn noch spätem Geschlecht zu vernehmen,
120
Daß so umsonst ein solches, so großes Volk der Achaier
Niemals frommenden Streit rastlos fortschreitet und kämpfet
Gegen mindere Feind', und noch kein Ende zu sehn ist.
Denn wofern wir wünschten, Achaier zugleich und Troer,
Treuen Bund uns schwörend, die Zahl zu wissen von beiden:
125
Erst zu erlesen die Troer, so viel dort eigenes Herdes;
Wir dann ordneten uns je zehn und zehn, wir Achaier,
Einen Mann der Troer für jegliche wählend zum Schenken:
Viele der Zehenten wohl entbehreten, mein' ich, das Schenken.
So weit daucht mir größer die Zahl der edlen Achaier,
130
Als dort wohnen der Troer in Ilios. Aber Genossen
Sind aus vielen der Städt' auch lanzenschwingende Männer,
Deren Macht mir verwehrt, und nicht, wie ich wollte, gestattet,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
Sind doch bereits neun Jahre des großen Zeus uns vergangen,
135
Und schon stockt den Schiffen das Holz, und die Seile vermodern;
Unsere Weiber indes und noch unmündigen Kinder
Sitzen daheim und schmachten mach uns: wir aber umsonst hier
Endigen nimmer das Werk, um dessenthalb wir gekommen.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
140
Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach's; und allen das Herz im Busen bewegt' er,
Ringsumher in der Menge, die nicht anhörten den Ratschluß.
Rege nun ward die Versammlung, wie schwellende Wogen des Meeres
145
Auf der ikarischen Flut, wann hoch sie der Ost- und der Südwind
Aufstürmt, schnell dem Gewölke des Donnerers Zeus sich entstürzend.
Wie wenn brausend der West unermeßliche Saaten erreget,
Zuckend mit Ungestüm, und die wallenden Ähren hinabbeugt:
So war rings die Versammlung in Aufruhr. Hin mit Geschrei nun
150
Stürzte das Volk zu den Schiffen; empor stieg unter dem Fußtritt
Finsterer Staub in die Luft; sie ermunterten einer den andern,
Anzugreifen die Schiff', und zu ziehn in die heilige Meerflut;
Und man räumte die Graben; es scholl gen Himmel der heimwärts
Strebenden Ruf, und den Schiffen entzog man die stützenden Balken.
155
Jetzo geschah den Argeiern auch trotz dem Schicksal die Heimkehr,
Hätte nicht, zur Athene gewandt, so Here geredet:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Also sollen nun heim zum lieben Lande der Väter
Argos Völker entfliehn auf weitem Rücken des Meeres?
160
Ließe man so dem Priamos Ruhm, und den troischen Männern
Helena, Argos Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der erzumschirmten Achaier!
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red', und verbeut ihm,
165
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefachrudernden Schiffe!
Jene sprach's; ihr gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos;
Schnell erreichte sie dann die rüstigen Schiffe Achaias.
Jetzo fand sie Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
170
Stehn; und nicht an sein Schiff, das schöngebordete schwarze,
Rühret' er, weil ihm der Gram in Herz und Seele gedrungen.
Nahend redete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Also wollt ihr nun heim zum lieben Lande der Väter
175
Hinfliehn, alle gestürzt in vielgeruderte Schiffe?
Ließet ihr so dem Priamos Ruhm, und den troischen Männern
Helena, Argos Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der Danaer, nicht so gezaudert!
180
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red', und verbeut ihm,
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefach rudernden Schiffe!
Jene sprach's; da erkannte der Held die Stimme der Göttin.
Schnell abwerfend den Mantel enteilet er; aber den Mantel
Hob Eurybates auf, sein Herold, der ihm gefolgt war.
185
Jener, wie Atreus Sohn Agamemnon gegen ihn herkam,
Nahm ihm den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Hiermit durcheilt' er die Schiffe der erzumschirmten Achaier.
Welchen der Könige nun und edleren Männer er antraf,
Freundlich hemmt' er diesen, mit schmeichelnden Worten ihm nahend:
190
Halt du, wenig dir ziemt's, wie ein feiger Mann, zu verzagen!
Sitz' in Ruhe du selbst, und treibe zur Ruh' auch die andern!
Denn noch weißt du ja nicht, wie der Atreione gesinnt sei.
Jetzo vielleicht versucht er, und züchtiget bald die Achaier.
Denn nicht all' im Rate vernahmen wir, was er geredet.
195
Daß nicht entbrenne sein Zorn, und wüte durchs Heer der Achaier!
Furchtbar ist der Eifer des gottbeseligten Königs;
Seine Ehr' ist von Zeus, und ihn schirmt Zeus' waltende Vorsicht.
Welchen Mann des Volkes er sah, und schreiend wo antraf,
Diesen schlug sein Scepter, und laut bedroht' er ihn also:
200
Halt du! rege dich nicht, und hör' auf anderer Rede,
Die mehr gelten denn du! Unkriegerisch bist du und kraftlos,
Nie auch weder im Kampf ein gerechneter, noch in dem Rate!
Nicht wir alle zugleich sind Könige hier, wir Achaier!
Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur einer sei Herrscher,
205
Einer König allein, dem der Sohn des verborgenen Kronos
Scepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei.
Also durchherrscht' er das Heer, ein Waltender; und zur Versammlung
Stürzten die Völker zurück, von den Schiffen daher und Gezelten,
Lärmvoll: wie wenn die Woge des weitaufrauschenden Meeres
210
Hoch an das Felsengestad' anbrüllt, und die stürmende Flut hallt.
Alles saß nun ruhig, umher auf den Sitzen sich haltend;
Nur Thersites erhob sein zügelloses Geschrei noch:
Dessen Herz mit vielen und törichten Worten erfüllt war,
Immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, mit den Fürsten zu hadern,
215
Wo ihm nur etwas erschien, das lächerlich vor den Argeiern
Wäre. Der häßlichste Mann vor Ilios war er gekommen:
Schielend war er, und lahm am anderen Fuß; und die Schultern
Höckerig, gegen die Brust ihm geengt; und oben erhub sich
Spitz sein Haupt, auf der Scheitel mit dünnlicher Wolle besäet.
220
Widerlich war er vor allen des Peleus Sohn' und Odysseus;
Denn sie lästert' er stets. Doch jetzt Agamemnon dem Herrscher
Kreischt' er hell entgegen mit Schmähungen. Rings die Achaier
Zürnten ihm heftig empört, und ärgerten sich in der Seele.
Aber der Lästerer schalt mit lautem Geschrei Agamemnon:
225
Atreus Sohn, was klagst du denn nun, und wessen bedarfst du?
Voll sind dir von Erz die Gezelt', und viele der Weiber
Sind in deinen Gezelten, erlesene, die wir Achaier
Immer zuerst dir schenken, vom Raub eroberter Städte.
Mangelt dir auch noch Gold, das ein rossebezähmender Troer
230
Her aus Ilios bringe, zum Lösungswerte des Sohnes,
Welchen ich selbst in Banden geführt, auch sonst ein Achaier?
Oder ein jugendlich Weib, ihr beizuwohnen in Wollust,
Wann du allein in der Stille sie hegst? Traun, wenig geziemt sich's,
Führer zu sein, und in Jammer Achaias Söhne zu leiten!
235
Weichlinge, zag' und verworfen, Achai'rinnen, nicht mehr Achaier!
Laßt doch heim in den Schiffen uns gehn, und diesen vor Troja
Hier an Ehrengeschenken sich sättigen: daß er erkenne,
Ob auch wir mit Taten ihm beistehn, oder nicht also!
Hat er Achilleus doch, den weit erhabeneren Krieger,
240
Jetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber er hat nicht Gall' in der Brust, der träge Achilleus!
Oder du hättest, Atreide, das letztemal heute gefrevelt!
Also schalt Thersites den Hirten des Volks Agamemnon,
Atreus Sohn. Ihm nahte sofort der edle Odysseus;
245
Finster schaut' er auf jenen, und rief die drohenden Worte:
Törichter Schwätzer Thersites, obgleich ein tönender Redner,
Schweig', und enthalte dich, immer allein mit den Fürsten zu hadern!
Denn nicht mein' ich, daß irgend ein schlechterer Mensch wie du selber
Wandle, so viel herzogen mit Atreus Söhnen vor Troja!
250
Nie drum nenne dein Mund die Könige vor der Versammlung!
Schreie sie nicht mit Schmähungen an, noch laur' auf die Heimfahrt!
Denn noch wissen wir nicht, wohin sich wende die Sache:
Ob wir zum Glück heimkehren, wir Danaer, oder zum Unglück.
Sitzest du, Atreus Sohn, den Hirten des Volks Agamemnon,
255
Darum zu schmähn allhier, weil ihm die Helden Achaias
Schätze so reichlich geschenkt, und lästerst ihn vor der Versammlung?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet!
Find' ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben, wie jetzo;
Dann soll Odysseus Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,
260
Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen:
Wenn ich nicht dich ergreif, und jedes Gewand dir entreiße,
Deinen Mantel und Rock, und was die Scham dir umhüllet,
Und mit lautem Geheul zu den rüstigen Schiffen dich sende,
Aus der Versammlung gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!
265
Also der Held; und zugleich mit dem Scepter ihm Rücken und Schultern
Schlug er; da wand sich jener, und häufig stürzt' ihm die Träne.
Eine Striem' erhub sich mit Blut aufschwellend am Rücken
Unter des Scepters Gold. Er setzte sich nun, und bebte,
Murrend vor Schmerz, mit entstelltem Gesicht, und wischte die Trän' ab.
265
Rings, wie betrübt sie waren, doch lachten sie herzlich um jenen.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Trau, gar vieles bereits hat Odysseus gutes vollendet,
Heilsamen Rat zu reden berühmt, und Schlachten zu ordnen;
Aber anjetzt vollbracht er das Trefflichste vor den Argeiern,
275
Daß er den ungestümen und lästernden Redner geschweiget!
Schwerlich möcht' er hinfort, wie das mutige Herz ihn auch antreibt,
Wider die Könige sich mit schmähenden Worten empören!
Also das Volk. Da erhub sich der Städteverwüster Odysseus,
Haltend den Herrscherstab; und neben ihm Pallas Athene,
280
Gleich an Gestalt dem Herold, gebot Stillschweigen den Völkern:
Daß die Nächsten zugleich und die äußersten Männer Achaias
Hörten des Redenden Wort, und wohl nachdächten dem Rate.
Jener begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus Sohn, nun bereiten die Danaer dir, o Gebieter,
285
Hohn und Schmach vor den Völkern des redenden Menschengeschlechtes;
Und vollenden dir nicht die Verheißungen, die man gelobet,
Als man hieher dir folgt' aus der rossenährenden Argos:
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Denn wie zarte Kindelein tun, und verwitwete Weiber,
290
Klagen sie dort einander ihr Leid, und jammern um Heimkehr.
Freilich ringt wohl jeder, wer Trübsal duldet, nach Heimkehr.
Denn wer auch einen Mond nur entfernt ist seiner Gemahlin,
Weilet ja schon unmutig am vielgeruderten Schiffe,
Welches der winternde Sturm aufhält, und des Meeres Empörung.
295
Doch uns schwand das neunte der rollenden Jahre vorüber,
Seit wir allhier ausharren. Ich tadele nicht die Achaier,
Daß man traurt bei den Schiffen, und heimstrebt. Aber es wär' uns
Schändlich doch, die so lange geweilt, leer wiederzukehren!
Duldet, o Freund', und harrt noch ein weniges, daß wir erkennen,
300
Ob uns Wahrheit von Kalchas enthüllt ward, oder nicht also.
Denn wohl denken wir jenes im Geiste noch, und ihr bezeugt es
Alle, die nicht wegführten die graulichen Keren des Todes.
Gestern war's, wie mir daucht, da sich unsere Schiffe bei Aulis
Sammelten, Böses zu bringen dem Priamos selbst und den Troern.
305
Ringsher opferten wir um den Quell den unsterblichen Göttern
Auf geweihten Altären vollkommene Festhekatomben,
Unter des Ahorns Grün, dem blinkendes Wasser entsprudelt.
Sich, und ein Zeichen geschah. Ein purpurschuppiger Drache,
Gräßlich zu schaun, den selber ans Licht der Olympier sandte,
310
Unten entschlüpft dem Altar, fuhr schlängelnd empor an dem Ahorn.
Dort nun ruhten im Neste des Sperlings nackende Kindlein,
Oben auf schwankendem Ast, und schmiegten sich unter den Blättern,
Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter.
Jener nunmehr verschlang die kläglich Zwitschernden alle;
315
Nur die Mutter umflog mit jammernder Klage die Kindlein,
Bis er das Haupt hindreht', und am Flügel die Schreiende haschte.
Aber nachdem er die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings;
Stellte zum Wunderzeichen der Gott ihn, der ihn gesendet:
Denn zum Stein erschuf ihn der Sohn des verborgenen Kronos.
320
Wir nun standen umher, und stauneten ob der Erscheinung,
Wie doch solcherlei Graun eindrang in der Himmlischen Opfer.
Schleunig vor allem Volk weissagete Kalchas der Seher:
Warum steht ihr verstummt, ihr hauptumlockten Achaier?
Uns erschuf dies Wunder der Macht Zeus' waltende Vorsicht,
325
Spät von Dauer, und spät erfüllt, zu ewigem Nachruhm!
Gleichwie jener die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings,
Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter:
Also werden wir dort neun Jahr auch kriegen um Troja,
Doch im zehnten die Stadt voll prächtiger Gassen erobern.
330
So weissagete jener; und nun wird alles vollendet.
Auf denn, bleibt miteinander, ihr hellumschienten Achaier,
Hier nun, bis wir gewonnen des Priamos türmende Feste!
Jener sprach's; auf schrieen die Danaer laut, und umher scholl
Ungestüm von den Schiffen das Jubelgetön der Achaier,
335
Alle das Wort hochpreisend des göttergleichen Odysseus.
Drauf vor jenen begann der gerenische reisige Nestor:
Götter! ja traun ihr redet wie Knäbelein hier in Versammlung,
Die unmündig noch nichts um Taten des Kriegs sich bekümmern!
Wo sind unsere Verheißungen nun, und die heiligen Schwüre?
340
Soll denn in Rauch aufgehen der Rat, und die Sorge der Männer,
Opfer des lauteren Weins, und der Handschlag, dem wir vertrauet?
Denn mit eiteler Rede ja zanken wir; aber vergebens
Spähen wir heilsam Rat, wie lange wir hier auch verweilen!
Atreus Sohn, du künftig, wie vor, unerschüttertes Herzens,
345
Führe der Danaer Volk in wütendes Waffengetümmel.
Aber dahin laß schwinden die einzelnen, welche gesondert
Etwa von uns ratschlagen, (denn nie wird solchen Erfüllung!)
Heim gen Argos zu kehren, bevor vom Ägiserschüttrer
Wir erkannt, ob er Täuschung gelobete, oder nicht also.
350
Denn ich sag', uns winkte der hocherhabne Kronion
Jenes Tags, da wir stiegen in meerdurchgleitende Schiffe,
Argos' Volk, die Troer mit Mord und Verderben bedrohend:
Rechtshin zuckte sein Blitz, ein heilsweissagendes Zeichen!
Drum daß keiner zuvor wegdräng' und strebe zur Heimkehr,
355
Eh' er allhier mit einer der troischen Frauen geruhet,
Eh' er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer!
Sehnt sich einer indes so gar unbändig nach Heimkehr,
Wag' er mir's, sein schwarzes gebogenes Schiff zu berühren:
Daß er zuerst vor allen den Tod und das Schicksal erreiche!
360
Sinne denn selbst, o König, auf Rat, und hör' ihn von andern.
Nicht wird dir verwerflich das Wort sein, welches ich rede.
Sondere rings die Männer nach Stamm und Geschlecht, Agamemnon:
Daß ein Geschlecht dem Geschlecht beisteh', und Stämme den Stämmen.
Tust du das, und gehorchen die Danaer dir; dann erkennst du,
365
Wer von den Führern des Heers der Feigere, wer von den Völkern,
Und wer tapferer sei: denn es kämpft nun jeder das Seine.
Auch erkennst du, ob Göttergewalt die Eroberung hindert,
Oder des Heers Feigheit, und mangelnde Kriegserfahrung.
Ihm antwortete drauf der Völkerfürst Agamemnon:
370
Wahrlich im Rat besiegst du, o Greis, die Männer Achaias.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen', und Apollon,
Noch zehn andere Räte wie du mir wären im Volke!
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
375
Aber Zeus Kronion, der Donnerer, sandte mir Unheil,
Der in ein eitles Gewirr von Hader und Zank mich verwickelt.
Denn ich selbst und Achilleus entzweiten uns, wegen des Mägdleins,
Mit feindseligen Worten; ich aber begann die Entrüstung.
Wenn wir je uns wieder vereinigen; traun nicht länger
380
Säumt dann noch das Verderben von Ilios, auch nicht ein kleines!
Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff.
Wohl bereite sich jeder den Schild, wohl schärf' er die Lanze;
Wohl auch reich' er die Kost den leichtgeschenkelten Rossen;
Wohl auch späh' er den Wagen umher, und gedenke der Feldschlacht:
385
Daß wir den ganzen Tag im schrecklichen Kampf uns versuchen.
Denn nicht wenden wir uns zum Ausruhn, auch nicht ein kleines,
Ehe die Nacht herkommend den Mut der Männer gesondert.
Triefen vom Schweiß wird manchem das Riemengehenk um den Busen
Am ringsdeckenden Schild, und starren die Hand an der Lanze;
390
Triefen auch manchem das Roß, vor den zierlichen Wagen gespannet.
Aber wofern mir einer, der Schlacht mit Fleiß sich enthaltend,
Bei den geschnäbelten Schiffen zurückbleibt; wahrlich umsonst wird
Dieser umher dann schaun, zu entfliehn den Hunden und Vögeln!
Jener sprach's; auf schrien die Danaer laut: wie die Meerflut
395
Brüllt um den hohen Strand, wann kommend der Süd sie emporwühlt
Am vorragenden Fels, der nie von Wogen verschont ist,
Aller Wind' umher, ob sie dorthin wehen, ob dorthin.
Schnell nun sprangen sie auf, und liefen umher durch die Schiffe;
Rings entstieg den Gezelten der Rauch, und sie nahmen das Frühmahl.
400
Andere opferten andern der ewig währenden Götter,
Flehend, dem Tode der Schlacht zu entgehn, und denn Toben des Ares.
Jener selbst auch weihte, der Völkerfürst Agamemnon,
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Und er berief die ältesten, die edleren aller Achaier:
405
Nestor zuerst vor allen, Idomeneus dann, den Beherrscher,
Auch die Ajas beid', und Tydeus Sohn Diomedes,
Auch den sechsten Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion.
Aber es kam freiwillig der Rufer im Streit Menelaos;
Denn er erkannt' im Herzen, wie viel dem Bruder zu tun war.
410
Und sie umstanden den Stier, und nahmen sich heilige Gerste;
Betend erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, schwarzwolkiger, Herrscher des Äthers!
Nicht bevor laß sinken die Sonn', und das Dunkel heraufziehn,
Eh' ich hinab von der Höhe gestürzt des Priamos Wohnung,
415
Dunkel von Rauch, und die Tore mit feindlicher Flamme verwüstet;
Eh' ich vor Hektors Brust ringsher zerrissen den Panzer
Mit eindringendem Erz, und viel um ihn der Genossen,
Vorwärts liegend im Staub, mit Geknirsch in die Erde gebissen!
Jener sprach's; doch mit nichten gewährt' ihm solches Kronion;
420
Sondern er nahm sein Opfer, und häuft' ihm unnennbare Drangsal.
Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet;
Beugten zurück sie den Hals, und schlachteten, zogen die Haut ab,
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
425
Dies verbrannten sie alles, gelegt auf entblätterte Scheiter;
Wendeten dann durchspießt die Eingeweid' an der Flamme.
Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
430
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:
Atreus Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon:
435
Laß uns nicht hier redend die Zeit verlieren, und länger
Nicht aufschieben das Werk, das jetzo der Gott uns vertrauet.
Auf denn und heiß ausrufend die Herolde, rings der Achaier
Erzumpanzertes Volk umher bei den Schiffen versammeln.
Wir dann wollen gesellt das weite Heer der Achaier
440
Alle durchgehn, um schneller die wütende Schlacht zu erregen.
Jener sprach's; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon,
Eilt' und gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings in die Schlacht zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
445
Jen' um den Atreionen, die gottbeseligten Herrscher,
Stürmten umher anordnend. Zugleich ging Pallas Athene,
Haltend die Ägis voll Pracht, unalternd stets und unsterblich:
Hundert zierliche Quäst' aus lauterem Golde geflochten
Hingen daran, und vom Werte der Hekatomben war jeder.
450
Hiermit weithinleuchtend durchflog sie das Heer der Achaier,
Trieb zur Eile sie an, und rüstete jegliches Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Allen sofort schien süßer der Kampf, als wiederzukehren
In den geräumigen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
455
Wie ein vertilgendes Feuer entbrennt in unendlicher Waldung
Auf den Höhn des Gebirgs, und fern die Flamme gesehn wird:
Also dem wandelnden Heer entflog von dem prangenden Erze
Weithin leuchtender Glanz, und durchstrahlte die Luft bis zum Himmel.
Dort, gleichwie der Gevögel unzählbar fliegende Scharen,
460
Kraniche, oder Gäns', und das Volk langhalsiger Schwäne,
Über die asische Wies' um Kaystrios weite Gewässer,
Hierhin flattern und dorthin, mit freudigem Schwunge der Flügel,
Dann mit Getön hinsenken den Flug, daß umher das Gefild' hallt:
So dort stürzten die Scharen von Schiffen daher und Gezelten
465
Auf die skamandrische Flur; und ringsum dröhnte die Erde
Graunvoll unter dem Gang des wandelnden Heers und der Rosse.
Jetzo standen sie all' in der blumigen Au des Skamandros,
Tausende, gleich wie Blätter und knospende Blumen im Frühling.
Aber dicht, wie der Fliegen unzählbar wimmelnde Scharen
470
Rastlos durch das Gehege des ländlichen Hirten umherziehn,
Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:
So unzählbar standen die hauptumlockten Achaier
Gegen die Troer im Felde, sie auszutilgen verlangend.
Jetzo, wie oft Geißhirten die schweifenden Ziegenherden
475
Ohne Müh' aussondern, nachdem sie sich weidend gemischet:
So dort stellten die Führer, und ordneten hierhin und dorthin,
Einzugehn in die Schlacht; mit ihnen der Held Agamemnon,
Gleich an Augen und Haupt dem donnerfrohen Kronion,
Gleich dem Ares an Gurt, und an hoher Brust dem Poseidon.
480
So wie der Stier in der Herd' ein Herrlicher wandelt vor allen,
Männlich stolz; denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Weide:
Also verherrlichte Zeus an jenem Tag Agamemnon,
Daß er hoch aus vielen hervorschien unter den Helden.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
485
Denn ihr seid Göttinnen, und wart bei allem, und wißt es;
Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte:
Welche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter?
Nie vermöcht' ich das Volk zu verkündigen, oder zu nennen;
Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
490
Wär unzerbrechlicher Laut, und ein ehernes Herz mir gewähret:
Wenn die olympischen Musen mir nicht, des Ägiserschüttrers
Töchter die Zahl ansagten, wie viel vor Ilios kamen.
Drum die Ordner der Schiffe genannt, und die sämtlichen Schiffe.
Führer war den Böoten Peneleos, Leïtos Führer,
495
Arkesilaos zugleich, und Klonios, samt Prothoenor.
Alle, die Hyrie rings, und die felsige Aulis bewohnten,
Schönos auch, und Skolos, und weit die Höhn Eteonos,
Dann Thespeia, und Gräa, und weit die Aun Mykalessos;
Auch die Harma umwohnten, Eilesion auch, und Erythrä,
500
Auch die Eleon sich, und Peteon bauten, und Hyle,
Rings Okalea dann, und Medeons prangende Gassen,
Kopä, samt Eutresis, und Thisbe, flatternd von Tauben;
Die Koroneia umher, und die Grasgefild' Haliartos,
Die Platäa gebaut, und die in Glissas gewohnet,
505
Die umher Hypothebe bewohnt in prangenden Häusern,
Auch Onchestos lieblichen Hain um den Tempel Poseidons;
Die dann Arne bewohnt voll Weinhöhn, auch die Mideia,
Auch die heilige Nissa, und fern Anthedon die Grenzstadt:
Diese zogen daher in fünfzig Schiffen, und jedes
510
Trug der böotischen Jugend erlesene hundert und zwanzig.
Die in Orchomenos wohnten, der Minyer, und in Aspledon,
Führt' Askalaphos an, und Ialmenos, Söhne des Ares,
Aus der Astyoche Schoß: in der Burg des azeidischen Aktors
Stieg sie einst in den Söller empor, die schüchterne Jungfrau,
515
Hin zum gewaltigen Ares, und sank in geheimer Umarmung.
Diese trug ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Aber Schedios herrscht' und Epistrophos vor den Phokäern,
Beide des Iphitos Söhne, des naubolidischen Königs:
Die umher Kyparissos gebaut, und die felsige Python,
520
Auch die herrliche Krissa, und Panopeus Äcker, und Daulis;
Die um Anemoreia, und her um Hyampolis wohnten;
Dann die längs dem Kephissos, dem heiligen Strome, gehauset;
Auch die Liläa bestellt, bis hinauf zum Quell des Kephissos:
Diese zogen einher in vierzig dunkelen Schiffen.
525
Jene stellten in Reihn die phokäischen Männer umwandelnd;
Und sie schlossen sich links an die Männerschar der Böoten.
Ajas führte die Lokrer, der schnelle Sohn des Oileus:
Kleiner, und nicht so groß, wie der Telamonier Ajas,
Sondern geringer an Wuchs; doch klein, und im leinenen Harnisch.
530
War er geübt mit der Lanze vor allem Volk der Achaier.
Alle, die Kynos bewohnt, Kalliaros Auen und Opus,
Bessa rings, und Skarphe, die liebliche Flur um Augeia,
Tarphe, und Thronios Au, von Boagrios Strome gewässert:
Folgeten jenem zugleich in vierzig dunkelen Schiffen,
535
Lokrer, die jenseits wohnen dem heiligen Land Euböa.
Darin die Euböa bewohnt, die mutbeseelten Abanter,
Chalkis, Eiretria darin, und die Traubenhöhn Histiäas,
Auch Kerinthos am Meer, und Dios ragende Bergstadt,
Auch die Karystos umher, und Styrons Fluren bebauten:
540
Diese führt' Elephenor zum Kampf, der Sprößling des Ares,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter.
Rasch ihm folgte sein Volk mit rückwärts fliegendem Haupthaar,
Schwinger des Speers, und begierig mit ausgestreckter Esche
Krachend des Panzers Erz an feindlicher Brust zu durchschmettern.
545
Deren folgt ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus
Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen Athene
Nährte, die Tochter Zeus, (ihn gebar die fruchtbare Erde;)
Und in Athenä setzt' in ihren gefeierten Tempel:
550
Wo das Herz ihr erfreun mit geopferten Farren und Lämmern
Jünglinge edler Athener, in kreisender Jahre Vollendung.
Jenen gebot anführend des Peteos Sohn Menestheus.
Ihm war nie zu vergleichen ein Mann von den Erdebewohnern,
Rosse zur Schlacht zu ordnen, und schildgewappnete Männer.
555
Nur wetteiferte Nestor; denn der war höheres Alters.
Diesem folgt ein Geschwader von fünfzig dunkelen Schiffen.
Ajas führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe,
Stellte sie darin, wo in Reihn der Athener Schar sich geordnet.
Dann die Argos bewohnt, und die festummauerte Tiryns,
560
Asinens samt Hermionens Port an besegelter Meerbucht.
Trözen, Eionä auch, und die Traubengestad' Epidauros,
Auch die Ägina und Mases bewohnt, die jungen Achaier:
Diesen gebot obwaltend der Rufer im Streit Diomedes;
Sthenelos auch, des Kapaneus Sohn, des gepriesenen Helden;
565
Auch der dritte gebot Euryalos, ähnlich den Göttern,
Er des Mekistheus Sohn, des taläonidischen Königs.
Alle gesamt dann führte der Rufer im Streit Diomedes.
Ihnen folgt' ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Dann die Mykenä bewohnt, die Stadt voll prangender Häuser,
570
Auch die reiche Korinthos, und schöngebaute Kleonä;
Auch die Orneia bestellt, und Aräthyreens Äcker,
Sikyon auch, wo vordem der Held Adrastos gewaltet,
Hyperesia dann, und die Felsenstadt Gonoessa;
Auch die Pellene gebaut, und Ägion ringsum bestellet,
575
Und die Gestad' umher, und Helike, grün von Ebnen:
Führt' in hundert Schiffen der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus Sohn. Ihm folgte das mehreste Volk und das beste
Her zum Streit; und er selber, in blendendem Erze gerüstet,
Trotzte voran, da er herrlich hervorschien unter den Helden;
580
Weil er der tapferste war, und mit mehrerem Volke daherzog.
Dann die gewohnt in der großen umhügelten Stadt Lakedämon,
Auch die Phare, und Sparta, die Messe, flatternd von Lauben,
Und die Briseia bestellt, und die liebliche Flur um Augeia;
Die in Amyklä gewohnt, auch Helos Bürger, der Meerstadt,
585
Auch die Laas gebaut, und Ötylos Auen bestellet:
Deren führt' ihm der Bruder, der Rufer im Streit Menelaos,
Sechzig Schiffe daher; doch hielt gesondert die Heerschar.
Aber er selbst durchging sie, dem eigenen Mute vertrauend,
Und ermahnte zur Schlacht: denn am heftigsten brannte das Herz ihm,
590
Bis er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer.
Dann die Pylos bewohnt, und die anmutsvolle Arene,
Thryos, Alpheios Furt, und die schöngebauete Äpy,
Auch die Kyparisseïs bestellt, und Amphigeneia,
Pteleos auch, und Helos und Dorion: dort wo die Musen
595
Findend den Thrakier Thamyris einst des Gesanges beraubten,
Der aus Öchalia kam von Eurytos. Denn sich vermessend
Prahlt' er laut, zu siegen im Lied, und sängen auch selber
Gegen ihn die Musen, des Ägiserschütterers Töchter.
Doch die Zürnenden straften mit Blindheit jenen, und nahmen
600
Ihm den holden Gesang, und die Kunst der tönenden Harfe.
Diesen herrschte voran der gerenische reisige Nestor,
Und ihm folgt' ein Geschwader von fünfzig geräumigen Schiffen.
Die in Arkadia weit die kyllenischen Höhen umwohnten,
Am äpytischen Male, die hartandringenden Kämpfer:
605
Die durch Pheneos Flur, und Orchomenos Triften gewohnet,
Ripe, und Stratie dann, und Enispens wehende Gipfel,
Auch die Tegea sich, und die schöne Mantinea bauten,
Auch Stymphalos umher, und Parrhasiens frohe Bewohner:
Deren führt' Ankäos gebietender Sohn Agapenor
610
Sechzig Schiffe daher; und viel' in jedes der Schiffe
Traten arkadische Männer, gewandt in Kriegeserfahrung.
Denn er selbst gab ihnen, der Völkerfürst Agamemnon,
Schöngebordete Schiffe, das dunkele Meer zu durchsteuern,
Atreus Sohn; nicht waren der Meergeschäfte sie kundig.
615
Die Buprasion dann, und die heilige Elis bewohnten,
Was Hyrmine umher, und Myrsinos äußerste Grenzstadt,
Dort der olenische Fels, und dort Aleision einschließt:
Ordneten vier Heerführer zum Kampf; und jeglichem folgten
Zehn der hurtigen Schiffe, gedrängt voll edler Epeier.
620
Denn Amphimachos dort und Thalpios führten die Heerschar.
Jener des Kteatos Sohn, des aktorischen Eurytos dieser;
Hier Amarynkeus Sohn, der tapfere Krieger Diores;
Doch der vierten gebot der göttliche Held Polyxeinos,
Den Agasthenes zeugte, der augeiadische König.
625
Aber Dulichions Volk, und der heiligen Echinaden
Meereilande, die fern von Elis Ufer man schauet:
Dieses ordnete Meges zur Schlacht, dem Ares vergleichbar,
Phyleus Sohn, den erzeugte der Rossebändiger Phyleus,
Der in Dulichion einst auswanderte, zürnend dem Vater.
630
Diesem folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Aber Odysseus führte die mutigen Kephallener:
Die durch Ithaka wohnten, um Neritons rauschende Wälder,
Die Krokyleia bestellten, und Ägilips rauhe Gefilde;
Die Zakynthos umher, und die weitbevölkerte Samos,
635
Auch die Epeiros dort und die Gegenküste bestellten:
Diesen gebot Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion;
Und ihm folgt' ein Geschwader von zwölf rotschnäblichten Schiffen.
Aber Thoas gebot, Andrämons Sohn, den Ätolern:
Welche von Pleuron kamen, von Olenos, und von Pylene,
640
Auch von Chalkis Gestad', und Kalydons felsichter Gegend.
Denn nicht labeten mehr vom Geschlecht des erhabenen Öneus,
Noch er selbst; auch starb der bräunliche Held Meleagros:
Drum ward jenem vertraut die Obergewalt der Ätoler;
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
645
Kretas Volke gebot Idomeneus, kundig der Lanze:
Alle, die Gnossos bewohnt, und die festummauerte Gortyn,
Lyktos auch, und Miletos, und rings die weiße Lykastos,
Phästos und Rhythios auch, die volkdurchwimmelten Städte,
Auch die sonst noch Kreta in hundert Städten bewohnet:
650
Diesen herrschte voran Idomeneus, kundig der Lanze,
Auch Meriones, gleich dem männermordenden Ares.
Ihnen folgt' ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Aber der Herakleide Tlepolemos, groß und gewaltig,
Führt' in neun Meerschiffen der Rhodier trotzende Jugend:
655
Welche die heilige Rhodos umwohneten, dreifach geordnet,
Lindos, samt Ialyssos umher, und die weiße Kameiros:
Diesen herrschte voran Tlepolemos, welchen die Fürstin
Astiocheia gebar der hohen Kraft Herakles.
Diese gewann Herakles an Ephyras Strome Selleïs,
660
Viel Städt' austilgend der gottbeseligten Männer.
Aber Tlepolemos wuchs in Herakles prangender Wohnung
Kaum zum Jüngling empor, da erschlug er Lykymnios plötzlich,
Ihn, des Vaters grauenden Ohm, den Sprößling des Ares.
Schnell nun bauet' er Schiff', und viel des Volkes sich sammelnd,
665
Floh er hinweg auf das Meer; denn Rach' ihm drohten die andern,
Söhne zugleich und Enkel der hohen Kraft Herakles.
Endlich kam er in Rhodos, der Irrende, Kummer erduldend.
Dreifach wohnten sie dort in Stämme geteilt, und gedeihten,
Lieblinge Zeus, der Götter und sterbliche Menschen beherrschet;
670
Segnend herab goß ihnen des Reichtums Schätze Kronion.
Nireus kam aus Syma mit drei gleichschwebenden Schiffen,
Nireus, Charopos Sohn des Herrschenden, und der Aglaia;
Nireus, der der schöneste Mann vor Ilios herzog,
Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus:
675
Aber er war unkriegrisch, und klein ihm folgte die Heerschar.
Dann die Nisyros umher, und Krapathos bauten, und Kasos,
Kos, des Eurypylos Stadt, und umher die kalydnischen Inseln:
Diesen gebot Pheidippos zugleich und Antiphos führend,
Beide Thessalos Söhne, des herakleidischen Königs.
680
Ihnen folgt' ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Nun auch sie, die umher das pelasgische Argos bewohnten:
Die sich in Alos gebaut, und Alope, auch die in Trachin,
Auch die Phtia bewohnt, und Hellas, blühend von Jungfraun;
Myrmidonen genannt, Hellenen zugleich, und Achaier.
685
Diesen in fünfzig Schiffen gebot obwaltend Achilleus.
Doch nicht diese gedachten des schrecklichen Waffengetöses;
Denn nicht war, der jetzo geordneten Scharen voranging.
Still ja lag in den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
Zürnend des Mägdleins wegen, der schöngelockten Briseïs,
690
Die aus Lyrnessos vordem nach hartem Kampf er erbeutet,
Als er umher Lyrnessos zerstört, und die Mauren um Thebe,
Als er den Mynes erlegt und Epistrophos, lanzengeübte,
Mutige Söhn' Euenos, des selepiadischen Königs.
Zürnend lag er vor Schmerz; allein bald sollt' er emporstehn.
695
Dann die Philake bauten, und Parrhasos Blumengefilde,
Gern von Demeter bewohnt, und die lämmernährende Iton,
Antrons laute Gestad', und Pteleos schwellende Rasen:
Diesen herrschte voran der streitbare Protesilaos,
Weil er lebt'; itzt aber umschloß ihn die dunkele Erde.
700
Einsam in Phylake blieb mit zerrissenen Wangen die Gattin
Und sein verödetes Haus: ihn erlegt' ein dardanischer Krieger,
Als er dem Schiff entsprang, zuerst vor allen Achaiern.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt es den Führer;
Sondern es ordnete nun des Ares Sprößling Podarkes,
705
Sohn von Phylakos Sohne, dem herdenreichen Iphiklos,
Und ein leiblicher Bruder des mutigen Protesilaos,
Jünger er selbst an Geburt; der ältere war und der stärkre
Protesilaos, ein Held wie der Kriegsgott. Zwar es gebrach nicht
Am Heerführer dem Volk; doch vermißten sie ihn, den Erhabnen.
710
Jenem folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Darin die Pherä bewohnten, am böbeïdischen Landsee,
Böbe, und Glaphyrä weit, und die prangende Stadt Iaolkos:
Diese führt' Eumelos, der traute Sohn des Admetos,
In elf Schiffen zum Streit; ihn gebar Alkestis, die Fürstin
715
Aller Fraun, die schönste von Pelias blühenden Töchtern.
Die Methone sodann, und Thaumakia ringsum bestellet,
Die Meliböa bewohnt, und das rauhe Gefild Olizon:
Diesen gebot Philoktetes der Held, wohlkundig des Bogens;
Sieben waren der Schiff', und der Ruderer fünfzig in jedem,
720
Alle der Bogenkund' erfahrene, tapfere Streiter.
Aber er selber lag in dem Eiland, Qualen erduldend,
Dort in der heiligen Lemnos, wo Argos Heer ihn zurückließ,
Krank an schwärender Wunde, vom Biß der verderblichen Natter.
Jammernd lag er in Schmerz; allein bald sollte gedenken
725
Argos Heer bei den Schiffen des Königs Philoktetes.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt' es den Führer;
Sondern es ordnete Medon, ein Nebensohn des Oileus,
Welchen Rhene gebar dem Städteverwüster Oileus.
Dann die Trikka bewohnt, und die Felsanhöhen Ithomens,
730
Auch Öchalia rings, des Öchaliers Eurytos Feste:
Diesen herrschten voran Podaleirios samt Machaon,
Zween heilkundige Männer, sie beid' Asklepios Söhne.
Ihnen folgt' ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Die in Ormenion wohnten, und die am Quell Hypereia,
735
Die um Asterion auch, und Titanos schimmernde Häupter:
Führt' Eurypylos her, der glänzende Sohn des Euämon;
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Argissa bestellt, und die Gyrtone bewohnet,
Orthe dann, und Elon', und die schimmernde Burg Oloosson:
740
Diesen herrschte voran der mutige Held Polypötes,
Er, Peirithoos Sohn, den Zeus der unsterbliche zeugte;
Doch dem Peirithoos selbst gebar ihn Hippodameia
Jenes Tags, da er strafte die mähnichten Ungeheuer,
Und sie vom Pelion drängte, zum Volk der Äthiker verjagend:
745
Nicht er allein; auch Leonteus zugleich, der Sprößling des Ares,
Sohn von Käneus Sohne, dem hochgesinnten Koronos.
Diesen folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Guneus kam aus Kyphos mit zweiundzwanzig der Schiffe;
Dieser führt Eniener, und kriegsfrohe Peräber,
750
Die um Dodonas Hain, den winternden, Häuser bewohnten,
Auch die am lieblichen Strom Titaresios Äcker bestellten:
Der in Peneios Flut hinrollt sein schönes Gewässer,
Aber sich nie einmischt in Peneios Silbergestrudel,
Sondern wie glattes Öl auf oberer Welle hinabrinnt;
755
Weil vom furchtbaren Eide, dem stygischen Strom, er entspringet.
Aber Prothoos führte, Tendredons Sohn, die Magneter,
Die am Peneios umher und Pelions rauschenden Gipfeln
Wohneten: diesen gebot der hurtige Sohn des Tendredon;
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
760
Solche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter.
Doch wer war der trefflichste dort: das verkünde mir, Muse:
Jener selbst und der Rosse, die Atreus Söhnen gefolget?
Rosse waren die trefflichsten dort des Pheretiaden,
Die, von Eumelos gelenkt, hinflogen im Lauf, wie die Vögel,
765
Gleiches Haars, gleichjährig, und schnurgleich über den Rücken:
Auf pierischer Weid' ernährte sie Phöbos Apollon,
Stuten beid', und drohend umher mit den Schrecken des Ares.
Trefflich vor Männern war der Telamonier Ajas,
Weil Achilleus zürnte; denn er war tapfrer denn alle;
770
Auch das Gespann, das ihn trug, den untadligen Peleionen.
Aber er, bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres,
Ruhete, zürnend im Geist dein Fürsten des Volks Agamemnon,
Atreus Sohn; und die Völker am wogenden Strande des Meeres
Freueten sich, mit Scheiben und Jägerspießen zu schleudern,
775
Und mit Geschoß. Auch standen an jeglichem Wagen die Rosse
Müßig, den Lotos rupfend und sumpfentsprossenen Eppich;
Aber die Wagen, umhüllt mit Teppichen, standen den Eignern
In dem Gezelt: sie selber, den streitbaren Führer vermissend,
Wandelten hier im Lager und dort, und mieden das Schlachtfeld.
780
Sie dort zogen einher, wie wenn Glut durchs ganze Gefild' hin
Loderte; dumpf aufhallte der Grund, wie dem Gotte der Donner
Zeus, wenn des Zürnenden Strahl weitschmetternd das Land des Typhoeus
Arima schlägt, wo sie sagen, Typhoeus ruhe gelagert:
Also dort ertönte der Grund von der herkommenden Völker
785
Mächtigen Gang; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
Aber den Troern kam die windschnell eilende Iris
Her vom Ägiserschütterer Zeus mit der traurigen Botschaft.
Jene rieten im Rat an Priamos Pforte des Königs,
Alle gedrängt miteinander, die Jünglinge so, wie die Greise.
790
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris,
Gleich an tönender Stimme des Priamos Sohne Polites,
Der zur Hut der Troer, den hurtigen Fersen vertrauend,
Oben saß auf dem Grabe des grauenden Äsyetes,
Spähend, sobald vom Gestad herstürzte das Volk der Achaier;
795
Dessen Gestalt nachahmend begann die schwebende Iris:
Edler Greis, noch immer gefallen dir eitele Reden,
So wie im Frieden vordem; da der Krieg unermeßlich herannaht!
Traun, schon oftmals kam ich in blutige Schlachten der Männer;
Doch nie hab' ich ein solches, so großes Volk noch gesehen!
800
Gleich den Blättern des Waldes an Zahl, und dem Sande des Meeres,
Ziehn sie daher im Gefilde, die Stadt ringsum zu bestürmen!
Hektor, du vor allen gehorche nun meiner Ermahnung.
Viel sind umher in Priamos Stadt der Bundesgenossen,
Andre von andrer Sprache der weitzerstreueten Menschen.
805
Denen gebiete nunmehr ein jeglicher, welchen er vorsteht;
Diese führ' er hinaus, in Ordnungen stellend die Bürger.
Jene sprach's; und Hektor, der Göttin Wort nicht verkennend,
Trennte sofort die Versammlung; und alles entflog zu den Waffen.
Ringsum standen geöffnet die Tor', und es stürzte das Kriegsheer,
810
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
Draußen liegt vor den Toren der Stadt ein erhabener Hügel,
Abgewandt im Gefild', umgehbar hierhin und dorthin.
Diesen pflegt Batieia der Sterblichen Rede zu nennen,
Aber die Götter das Mal der sprunggeübten Myrine.
815
Dort nun teilten die Troer in Reihen sich, und die Genossen.
Erst den Troern gebot der helmumflatterte Hektor,
Priamos Sohn; ihm folgte das mehreste Volk und das beste,
Wohlgeordnet zur Schlacht, voll Muts die Speere bewegend.
Drauf vor den Dardanern ging Äneias einher, des Anchises
820
Starker Sohn, den ihn Aphrodite gebar auf des Idas
Waldigen Höhn, die Göttin zum sterblichen Manne gelagert:
Nicht er allein; zugleich ihm die beiden Söhn' Antenors,
Akamas und Archilochos beid', allkundig des Streites.
Dann die Zeleia bewohnt, am äußersten Hange des Ida,
825
Reich an Hab', und trinkend die dunkele Flut des Äsepos,
Troisches Stamms: die führte der glänzende Sohn des Lykaon,
Pandaros, dem den Bogen Apollon selber verliehen.
Aber die Adrasteia gebaut, und Apäsos Gemeinfeld,
Auch Pityeia gebaut, und die Felsenhöhn von Tereia:
830
Führt' Adrastos daher, und in leinenem Panzer Amphios,
Beide von Merops erzeugt dem Perkosier: welcher vor allen
Fernes Geschick wahrnahm, und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörten
Nicht sein Wort; denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
835
Welche Perkote sodann, und Praktion ringsum bestellet,
Sestos dann und Abydos gebaut, und die edle Arisbe:
Ordnete Hyrtakos Sohn, Held Asios, Männergebieter,
Asios, Hyrtakos Sohn, den hergebracht aus Arisbe
Rosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleïs.
840
Aber Hippothoos führte der speergewohnten Pelasger
Stämme daher aus Larissa, dem Land hochscholliger Äcker;
Samt Hippothoos führte des Ares Sprößling Pyläos:
Beide von Teutamos Sohn, dem pelasgischen Lethos erzeuget.
Aber Akamas führt' und Peiroos Thrakiens Völker,
845
Welche der Hellespontos mit reißendem Strome begrenzet.
Weiter gebot Euphemos kikonischen Lanzenschwingern,
Den Trözenos gezeugt, der gottgeliebte Keade.
Nächst ihm führte Pyrächmes päonische Krümmer des Bogens
Fern aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer,
850
Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet.
Weiter gebot Paphlagonen Pylämenes, trotziges Herzens,
Her aus der Eneter Lande, wo wild aufwachsen die Mäuler:
Die den Kytoros bewohnt, die Sesamos ringsum bestellet,
Und um Parthenios Strom sich gepriesene Häuser gebauet,
855
Kremna, Ägialos auch, und die felsenhohn Erithynö.
Aber Hodios kam und Epistrophos samt Halizonen
Fern aus Alybe her, allwo des Silbers Geburt ist.
Mysern gebot dann Chromis, und Ennomos, kundig der Vögel:
Aber nicht durch Vögel vermied er das schwarze Verhängnis;
860
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners,
Dort im Strom, wo gemordet noch andere Troer ihm sanken.
Phorkys sodann und der Held Askanios führten die Phryger
Fern von Askania her; und sie dürsteten alle nach Feldschlacht.
Mesthles ordnete drauf und Antiphos kühne Mäonen,
865
Beide Pylämenes Söhn', und der Nymph' im Teiche Gygäa,
Die auch mäonische Stämme geführt vom Fuße des Tmolos.
Nastes führte die Karen, ein Volk barbarischer Mundart,
Welche Miletos umwohnt, und das Waldgebirge der Phteirer,
Auch des Mäandros Flut, und Mykalens luftige Scheitel:
870
Diese führt' Amphimachos her und Nastes zur Feldschlacht,
Nastes, der glänzende Held, und Amphimachos, Söhne Nomions;
Er, der mit Golde geschmückt, in die Schlacht einging, wie ein Mädchen.
Tor! nicht konnte das Gold ihn befrein vom grausen Verderben;
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners
875
Dort im Strom; und das Gold trug hin der erhabne Achilleus.
Lykier führte Sarpedon zum Kampf, und der rühmliche Glaukos,
Fern aus Lykia her, von Xanthos wirbelnden Fluten.

Dritter Gesang

Begegnung der Heere. Alexandros oder Paris, nachdem er vor Menelaos geflohn,
erbietet sich ihm durch Hektor zum Zweikampf um Helena, welchen Menelaos annimmt. Die Heere ruhn,
und Priamos wird zum Vertrage aus Ilios gerufen. Indes geht Helena auf das skäische Tor, wo
Priamos mit den Älteste sitzt, und nennt ihm die achaiische Heerführer. Priamos
fährt in das Schlachtfeld hinaus. Vertrag, Priamos Rückkehr, Zweikampf. Den besiegten
Paris entführt Aphrodite in seine Kammer, und ruft ihm Helena. Agamemnon fordert den
Siegespreis.
Aber nachdem sich geordnet ein jegliches Volk mit den Führern,
Zogen die Troer in Lärm und Geschrei einher, wie die Vögel:
So wie Geschrei hertönt von Kranichen unter dem Himmel,
Welche, nachdem sie dem Winter entflohn und unendlichem Regen,
5
Dort mit Geschrei hinziehn an Okeanos strömende Fluten,
Kleiner Pygmäen Geschlecht mit Mord und Verderben bedrohend;
Und aus dämmernder Luft zum schrecklichen Kampfe herannahn.
Jene wandelten still, die mutbeseelten Achaier,
All' im Herzen gefaßt, zu verteidigen einer den andern.
10
Wie auf des Bergs Anhöhen der Süd ausbreitet den Nebel,
Der nicht Hirten erwünscht, doch dem Raubenden besser wie Nacht ist;
Und man so weit vorschauet, als fliegt der geworfene Feldstein;
Also wirbelte Staub von dem Gang der kommenden Völker
Dicht empor; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
15
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Trat hervor aus den Troern der göttliche Held Alexandros,
Tragend ein Pardelvlies und ein krummes Geschoß um die Schultern,
Samt dem Schwert; zwo Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Schwenkt' er, und rief hervor die tapfersten aller Achaier,
20
Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.
Aber sobald ihn sahe der streitbare Held Menelaos
Vor dem Scharengewühl einhergehn mächtiges Schrittes:
So wie ein Löwe sich freut, dem größere Beute begegnet,
Wenn ein gehörneter Hirsch dem Hungrigen, oder ein Gemsbock
25
Nahe kommt; denn begierig verschlinget er, ob auch umher ihn
Hurtiger Hunde Gewühl wegscheucht, und blühende Jäger:
So war froh Menelaos, den göttlichen Held Alexandros
Dort mit den Augen zu schaun; denn er wollt' ihn strafen, den Frevler.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
30
Aber sobald ihn sahe der göttliche Held Alexandros
Schimmern im Vorderheer, da erbebte vor Angst sein Herz ihm;
Und in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
So wie ein Mann, der die Natter ersah, mit Entsetzen zurückfuhr,
In des Gebirgs Waldtal; ihm erzitterten unten die Glieder;
35
Rasch nun floh er hinweg, und Bläss' umzog ihm die Wangen:
Also taucht' er zurück in die Meng' hochherziger Troer,
Zagend vor Atreus Sohn, der göttliche Held Alexandros.
Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
40
Wärest du nie doch geboren, das wünscht' ich dir, oder gestorben,
Eh' du um Weiber gebuhlt! Viel heilsamer wäre dir solches,
Als nun so zum Gespött dastehn, und allen zum Anschaun!
Ja, ein Gelächter erheben die hauptumlockten Achaier,
Welche des Heers Vorkämpfer dich achteten, weil du so schöner
45
Bildung erscheinst; doch wohnt nicht Kraft dir im Herzen, noch Stärke!
Wagtest denn du, ein solcher! in meerdurchwandelnden Schiffen
Über die Wogen zu gehn, von erlesenem Volke begleitet,
Und zu Fremden gesellt, ein schönes Weib zu entführen,
Aus der Apier Lande, die Schwägerin kriegrischer Männer?
50
Deinem Vater zum Gram, und der Stadt und dem sämtlichen Volke,
Aber den Feinden zur Wonn', und zu ewiger Schande dir selber?
Ha, nicht mochtest du stehn vor Atreus Sohn! denn gelernet
Hättest du, welchem Manne die blühende Gattin du raubtest!
Nichts auch frommte die Laute dir jetzt, und die Huld Aphroditens,
55
Nichts dein Haar, und der Wuchs, wenn dort du im Staube dich wälztest!
Wären die Troer nur nicht Feigherzige; traun, es umhüllte
Längst dich ein steinerner Rock, für das Unheil, das du gehäuft hast!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
60
Stets ist dir ja das Herz, wie die eherne Axt, unbezwingbar,
Welche das Holz durchstrebt vor dem Zimmerer, wann er zum Schiffbau
Künstlich die Balken behaut, und ihr Schwung ihm die Stärke vermehret:
So ist fest dir das Herz, und stets unerschrockenes Mutes.
Nur nicht rüge die Gaben der goldenen Aphrodite.
65
Unverwerflich ja sind der Unsterblichen ehrende Gaben,
Welche sie selber verleihn, und nach Willkür keiner empfänget.
Doch jetzt, willst du mich sehn im tapferen Streite des Krieges,
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier,
Laßt dann mich vor dem Volk und den streitbaren Held Menelaos
70
Kämpfen um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib und führe sie heimwärts.
Ihr dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund euch beschwörend,
Wohnt in der scholligen Troja; und jen' entschiffen zu Argos
75
Rossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach's; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede;
Trat dann hervor in die Mitt', und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.
Auf ihn spannten den Bogen die hauptumlockten Achaier,
80
Zieleten mit Wurfspießen daher, und schleuderten Steine.
Aber es rief lauttönend der Völkerfürst Agamemnon:
Haltet ein, Argeier, und werft nicht, Männer Achaias!
Denn er begehrt zu reden, der helmumflatterte Hektor!
Jener sprach's; und sie ließen vom Streit, und harreten schweigend
85
Flugs umher; doch Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier,
Was mir gesagt Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben.
Dieser heißt euch andern, die Troer umher und Achaier,
Strecken das schöne Gerät zur nahrungsprossenden Erde;
90
Daß er allein vor dem Volk und der streitbare Held Menelaos
Kämpf' um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib', und führe sie heimwärts.
Freundschaft sollen wir andern und heiligen Bund uns beschwören.
95
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Menelaos:
Hörer anjetzt auch mich; am meisten ja lastet der Kummer
Meine Seel'; und ich denke, versöhnt nun werdet ihr scheiden,
Argos Volk und ihr Troer, nachdem viel Böses ihr truget,
100
Wegen unseres Streits, den mir Alexandros begonnen.
Wem nunmehr von uns beiden der Tod und das Schicksal bevorsteht,
Solcher sterb'; und ihr andern versöhnt euch eilig, und scheidet.
Bringt zwei Lämmer herbei, dem Helios weiß und ein Böcklein,
Schwarz der Erd' und ein Weibchen; wir bringen dem Zeus noch ein drittes.
105
Ruft alsdann auch Priamos Macht, daß jener das Bündnis
Schwör', er selbst! denn die Söhne sind übermütig und treulos:
Daß kein frevelnder Mann Zeus' heiligen Bund verletze.
Stets ja flattert das Herz den Jünglingen; doch wo ein Alter
Zwischen tritt, der zugleich vorwärts hinschauet und rückwärts,
110
Solcher erwägt, wie am besten die Wohlfahrt beider gedeihe.
Jener sprach's; ihm erfreuten sich hoch Achaier und Troer,
Hoffend, nun auszuruhn vom unglückseligen Kriege.
Und sie hemmten die Ross' in den Ordnungen, sprangen vom Wagen,
Zogen die Rüstungen aus, und legten sie nieder zur Erde,
115
Nahe nur voneinander; denn wenig war Feldes dazwischen.
Aber Hektor beschied zween Herold' eilig gen Troja,
Schnell die Lämmer zu bringen, und Priamos her zu berufen.
Auch den Talthybios sandte der Völkerfürst Agamemnon,
Zu den geräumigen Schiffen zu gehn, damit er das Lamm ihm
120
Holete; jener enteilt' und gehorcht' Agamemnon dem Herrscher.
Iris brachte nunmehr der schimmernden Helena Botschaft,
Ihrer Schwägerin gleich, des Antenoriden Gemahlin,
Ihr, die Antenors Sohn sich vermählt, der Fürst Helikaon,
Priamos rosiger Tochter Laodike, reizender Bildung.
125
Jene fand sie daheim: sie webt' ein Gewand in der Kammer,
Groß und doppelt und hell, durchwirkt mit mancherlei Kämpfen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier,
Welche sie ihrethalb von Ares Händen erduldet.
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris:
130
Komm doch, du trautes Kind, die seltsamen Taten zu schauen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier.
Die jüngst gegeneinander das Graun des Ares getragen
Durch das Gefild', anstrebend zur tränenbringenden Feldschlacht:
Diese ruhn stillschweigend umher, und der Krieg ist geendigt,
135
Hingelehnt auf die Schild', und die rasenden Speer' in dem Boden.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um dich mit langem Speer sich bekämpfen;
Und wer den Gegner besiegt, der nennt dich traute Gemahlin.
Also sprach die Göttin, und schuf ihr süßes Verlangen
140
Nach dem ersten Gemahl, nach Vaterstadt und Gefreunden.
Schnell in den Schleier gehüllt von silberfarbener Leinwand,
Flog sie hinweg aus der Kammer, die zarte Trän' an den Wimpern:
Nicht sie allein; ihr folgten zugleich zwo dienende Jungfraun,
Äthra, des Pittheus Tochter, und Klymene, herrschendes Blickes.
145
Bald nun kamen sie hin, allwo das skäische Tor war.
Aber Priamos dort, und Panthoos, neben Thymötes,
Lampos, und Klytios auch, und Ares Sproß Hiketaon,
Auch Antenor der Held, und Ukalegon, beide voll Weisheit,
Saßen, die Ältsten der Stadt, umher auf dem skäischen Tore:
150
Welche betagt vom Krieg ausruheten; doch in Versammlung
Redner voll Rat, den Cikaden nicht ungleich, die in den Wäldern
Aus der Bäume Gesproß hellschwirrende Stimmen ergießen:
Gleich so saßen der Troer Gebietende dort auf dem Turme.
Als sie nunmehr die Helena sahn zum Turme sich wenden;
155
Leise redete mancher, und sprach die geflügelten Worte:
Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier,
Die um ein solches Weib so lang' ausharren im Elend!
Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!
Dennoch kehr', auch mit solcher Gestalt, sie in Schiffen zur Heimat,
160
Ehe sie uns und den Söhnen hinfort noch Jammer bereitet!
Also die Greis'; und Priamos rief der Helena jetzo:
Komm doch näher heran, mein Töchterchen, setze dich zu mir;
Daß du schaust den ersten Gemahl, und die Freund' und Verwandten!
Du nicht trägst mir die Schuld; die Unsterblichen sind es mir schuldig,
165
Welche mir zugesandt den bejammerten Krieg der Achaier!
Daß du auch jenes Manns, des gewaltigen, Namen mir nennest,
Wer doch dort der Achaier so groß und herrlich hervorprangt!
Zwar es ragen an Haupt noch andere höher denn jener;
Doch so schön ist keiner mir je erschienen vor Augen,
170
Noch so edler Gestalt; denn königlich scheint er von Ansehn!
Aber Helena sprach, die edle der Fraun, ihm erwidernd:
Ehrenwert mir bist du, o teurer Schwäher, und furchtbar
Hätte der Tod mir gefallen, der herbeste, ehe denn hieher
Deinem Sohn ich gefolgt, das Gemach und die Freunde verlassend,
175
Und mein einziges Kind, und die holde Schar der Gespielen!
Doch nicht solches geschah; und nun in Tränen verschwinde ich!...
Jetzo will ich dir sagen, was du mich fragst und erforschest.
Jener ist der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Beides, ein trefflicher König zugleich, und ein tapferer Streiter.
180
Schwager mir war er vordem, der Schändlichen; ach, er war es!
Jene sprach's; und der Greis bewundert ihn, laut ausrufend:
Seliger Atreion', o gesegneter, glücklichgeborner!
Wahrlich doch unzählbar gehorchen dir Männer Achaias!
Vormals zog ich selber in Phrygiens Rebengefilde,
185
Wo ich ein großes Heer gaultummelnder phrygischer Männer
Schauete, Otreus Volk und des götterähnlichen Mygdon,
Welches umher am Gestade Sangarios weit sich gelagert;
Denn ich ward als Bundesgenoss' mit ihnen gerechnet,
Jenes Tags, da die Hord' amazonischer Männinnen einbrach:
190
Doch war minder die Zahl, wie der freudigen Krieger Achaias!
Jetzo erblickt' Odysseus der Greis, und fragte von neuem:
Nenne mir nun auch jenen, mein Töchterchen; siehe, wie heißt er?
Weniger ragt er an Haupt, als Atreus Sohn Agamemnon,
Aber breiteres Wuchses an Brust und mächtigen Schultern.
195
Seine Wehr ist gestreckt zur nahrungsprossenden Erde;
Doch er selbst, wie ein Widder, umgeht die Scharen der Männer:
Gleich dem Bock erscheinet er mir, dickwolliges Vlieses,
Welcher die große Trift weißschimmernder Schafe durchwandelt.
Ihm antwortete Helena drauf, Zeus' liebliche Tochter:
200
Der ist Laertes Sohn, der erfindungsreiche Odysseus,
Welcher in Ithakas Reich aufwuchs, des felsichten Eilands,
Wohlgeübt in mancherlei List und verschlagenem Rate.
Und der verständige Greis Antenor sagte dagegen:
Wahrlich, o Frau, du hast untrügliche Worte geredet.
205
Denn auch hieher kam er vorlängst, der edle Odysseus,
Deinethalben gesandt, und der streitbare Held Menelaos.
Ich herbergete beid', in meinem Palast sie bewirtend:
So daß beider Gestalt und kluger Geist mir bekannt ist.
Als sie nunmehr in der Troer versammelten Kreis sich gesellet,
210
Ragt' im Stehn Menelaos empor mit mächtigen Schultern:
Doch wie sich beide gesetzt, da schien ehrvoller Odysseus.
Aber sobald sie mit Red' und Erfindungen alles umstrickten;
Siehe da sprach Menelaos nur fliegende Worte voll Inhalts,
Wenige doch eindringender Kraft: denn er liebte nicht Wortschwall,
215
Nicht abschweifende Rede, wiewohl noch jüngeres Alters.
Aber nachdem sich erhub der erfindungsreiche Odysseus;
Stand er und schaute zur Erde hinab mit gehefteten Augen;
Auch den Stab, so wenig zurückbewegend wie vorwärts,
Hielt er steif in der Hand, ein Unerfahrner von Ansehn:
220
Daß du leicht für tückisch ihn achtetest, oder für sinnlos.
Aber sobald er der Brust die gewaltigen Stimmen entsandte,
Und ein Gedräng' der Worte, wie stöbernde Winterflocken;
Dann wetteiferte traun kein Sterblicher sonst mit Odysseus,
Und nicht stutzten wir so, des Odysseus Bildung betrachtend.
225
Jetzo sah den Ajas der Greis, und fragte noch einmal:
Wer ist dort der achaiische Mann, so groß und gewaltig,
Höher denn alles Volk an Haupt und mächtigen Schultern?
Aber Helena sprach, die herrliche, langes Gewandes:
Ajas heißt der gewaltige Held, der Danaer Schutzwehr.
230
Dorthin steht, wie ein Gott, Idomeneus unter den Kretern;
Und es umstehn den König die kretischen Führer versammelt.
Oft herbergete jenen der streitbare Held Menelaos,
Wann er aus Kreta kam, daheim in unserer Wohnung.
Nun zwar schau' ich sie alle, die freudigen Krieger Achaias,
235
Die ich wohl noch erkennt', und jeglichen nennte mit Namen:
Zween nur vermag ich nirgend zu schaun der Völkergebieter,
Kastor den reisigen Held, und den Kämpfer der Faust Polydeukes,
Beide mir leibliche Brüder, von einer Mutter geboren.
Folgten sie nicht hieher aus der lieblichen Flur Lakedämon?
240
Oder folgten sie zwar in meerdurchwandelnden Schiffen,
Aber enthalten sich nun, in die Schlacht zu gehen der Männer,
Weil sie die Schand' abschreckt und die große Schmach, die mich zeichnet?
Jene sprach's; doch die beiden umfing die ernährende Erde
In Lakedämon bereits, im lieben Lande der Väter.
245
Aber die Herolde trugen die Bundesopfer der Götter
Durch die Stadt, zwei Lämmer, und fröhlichen Wein des Gefildes,
Im geißledernen Schlauch; es trug Idäos der Herold
Einen blinkenden Krug in der Hand, und goldene Becher.
Dieser nahte dem Greis', und sprach die ermahnenden Worte:
250
Mache dich auf, Laomedons Sohn; dich rufen die Fürsten
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier
Dort hinab ins Gefilde, den heiligen Bund zu beschwören.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um das Weib mit langem Speer sich bekämpfen;
255
Und wer den Gegner besiegt, dem folgt das Weib und die Schätze.
Wir dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund uns beschwörend
Baun die schollige Troja; und jen' entschiffen zu Argos
Rossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach's; da schaurte der Greis, und befahl den Gefährten,
260
Anzuschirren die Ross'; und sie eileten flugs ihm gehorchend.
Priamos trat in den Wagen, und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell durch das skäische Tor entflogen die Ross' ins Gefilde.
Als sie nunmehr hinkamen zu Trojas Volk und Achaias,
265
Stiegen sie beid' aus dem Wagen zur nahrungsprossenden Erde,
Wandelten dann in die Mitte der Troer einher und Achaier.
Eilend darauf erhub sich der Völkerfürst Agamemnon,
Auch Odysseus voll Rat. Die stattlichen Herolde jetzo
Führten die Bundesopfer herbei, auch Wein in dem Kruge
270
Mischten sie, sprengeten dann der Könige Hände mit Wasser.
Doch der Atreid', ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,
Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,
Schnitt vom Haupt der Lämmer das Haar; und die Herolde jetzo
Teileten rings der Troer und Danaer edlen Gebietern.
275
Laut nun fleht' Agamemnon empor, mit erhobenen Händen:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Helios auch, der alles vernimmt, und alles umschauet!
Auch ihr Ström', und du Erd', und die ihr drunten die Geister
Toter Menschen bestraft, wer hier Meineide geschworen!
280
Seid uns Zeugen ihr all', und bewahrt die Schwüre des Bundes!
Wenn den Held Menelaos vielleicht Alexandros erleget;
Dann behalt' er Helena selbst und die sämtlichen Schätze,
Doch wir kehren zurück in meerdurchwandelnden Schiffen.
Aber sinkt Alexandros dem bräunlichen Held Menelaos;
285
Dann entlassen die Troer das Weib und die sämtlichen Schätze;
Buße zugleich den Argeiern bezahlen sie, welche geziemet,
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Doch wenn Priamos dann und Priamos Söhne sich weigern,
Mir zu bezahlen die Buße, nachdem Alexandros gefallen;
290
Dann werd' ich von neuem mit Kriegsmacht wegen der Sühnung
Kämpfen und nicht heimziehn, bis der Zweck des Krieges erreicht ist.
Sprach's, und die Kehlen der Lämmer zerschnitt er mit grausamem Erze.
Beide legt' er nunmehr, die zappelnden, nieder im Staube,
Matt aushauchend den Geist, da die Kraft vom Erze geraubt war.
295
Hierauf Wein aus dem Krug in die goldenen Becher sich schöpfend
Gossen sie aus, und flehten den ewigwährenden Göttern.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, und ihr andern unsterblichen Götter!
Welche von uns zuerst nun beleidigen, wider den Eidschwur;
300
Blutig fließ' ihr Gehirn, wie der Wein hier, rings auf der Erde,
Ihrs und der Kinder zugleich; und die Gattinnen schände der Fremdling!
Also das Volk; doch mit nichten gewährt' ihm solches Kronion.
Aber Priamos sprach, des Dardanos herrschender Enkel:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier.
305
Jetzo kehr' ich wieder zu Ilios luftigen Höhen
Heim; denn nimmer vermag ich mit eigenen Augen zu schauen
Kämpfend den lieben Sohn mit dem streitbaren Held Menelaos.
Zeus erkennt es allein und die andern unsterblichen Götter,
Wem nunmehr von beiden das Ziel des Todes verhängt ist.
310
Also der göttliche Held, und legt' in den Wagen die Lämmer,
Trat dann selber hinein, und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell dann kehrten sie beide, zu Ilios Höhen sich wendend.
Hektor drauf, des Priamos Sohn, und der edle Odysseus,
315
Maßen umher die Weite des Kampfraums, warfen dann eilend
Los' in den ehernen Helm, und schüttelten: welchem das Schicksal
Gönnte, zuerst auf den Gegner die eherne Lanze zu werfen.
Ringsum flehte das Volk, und erhob zu den Göttern die Hände.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
320
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Wer von beiden den Grund zu solchem Streite geleget,
Den laß jetzo vertilgt eingehn in Aïdes Wohnung;
Aber uns versöhne der Freundschaft heiliges Bündnis!
Also das Volk; doch der große, der helmumflatterte Hektor
325
Schüttelte, rückwärts gewandt: da entsprang das Zeichen des Paris.
Rings nun setzten sich all' in Ordnungen, dort wo sich jeder
Rosse gehobenes Hufs, und gebildete Waffen gereihet.
Aber er selbst umhüllte mit zierlichen Waffen die Schultern,
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte.
330
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch
Seines tapferen Bruders Lykaon, der ihm gerecht war;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silbener Buckeln,
335
Eherner Kling'; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt' er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Nahm dann die mächtige Lanze, die ihm in den Händen gerecht war.
So auch zog Menelaos, der streitbare, Waffengeschmeid' an.
340
Als sich diese nunmehr in jeglichem Heere gerüstet,
Traten beid' in die Mitte der Troer einher und Achaier,
Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff, die es ansahn,
Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.
Und nun standen sie nah' im abgemessenen Kampfraum,
345
Wild die Speere bewegend, und zornvoll widereinander.
Erstlich entsandt' Alexandros die weithinschattende Lanze;
Und sie traf dem Atreiden den Schild von gerundeter Wölbung:
Doch nicht brach sie das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze
Auf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
350
Atreus Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion:
Waltender Zeus, laß strafen mich ihn, der zuerst mich beleidigt,
Alexandros den Held, und meinen Arm ihn bezwingen:
Daß man schaudre hinfort auch in späteren Menschengeschlechtern,
Böses dem Freunde zu tun, der wohlgesinnt ihn beherbergt!
355
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze;
Und sie traf dem Paris den Schild von gerundeter Wölbung.
Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Grad' hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
360
Stürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.
Hurtig zog der Atreide das Schwert voll silberner Buckeln,
Hieb dann im Schwunge den Helm, den gekegelten; aber an jenem
Dreifach zerkracht und vierfach, entsprang es umher aus der Rechten.
Atreus Sohn wehklagte, den Blick gen Himmel erhebend:
365
Vater Zeus, nie gleicht dir an Grausamkeit einer der Götter!
Ha, ich hoffte zu strafen die Freveltat Alexandros;
Aber es sprang aus der Hand mir in Trümmer das Schwert, und die Lanze
Flog mir hinweg aus den Händen umsonst, und verwundete nicht ihn!
Sprach's, und stürmte hinan, und ergriff ihn am Busche des Helmes,
370
Zog dann gewandt ihn daher zu den hellumschienten Achaiern.
Jenen engt' an der Kehle der buntgezeichnete Riemen,
Den er unter dem Kinne, des Helmes Band, sich befestigt.
Und er hätt' ihn geschleift, und ewigen Ruhm sich erworben,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus Aphrodite,
375
Und ihn zersprengt den Riemen des stark erschlagenen Stieres.
Leer nun folgte der Helm der nervichten Hand Menelaos.
Diesen schleuderte drauf zu den hellumschienten Aichaiern
Hochaufschwingend der Held; es erhoben ihn teure Genossen;
Und nun stürmt' er von neuem in heißer Begier zu ermorden
380
Hin mit dem ehernen Speer. Doch jenen entrückt' Aphrodite
Sonder Müh, als Göttin, und hüllt' in Nebel ihn ringsher;
Setzt' ihn drauf in die Kammer, von duftender Würze durchräuchert;
Schnell dann Helena suchend enteilte sie. Jene noch fand sie
Dort auf ragendem Turm, und umher viel troische Weiber.
385
Leis' ihr feines Gewand voll Nektarduft ihr bewegend,
Redete sie, in Gestalt der wollekrämpelnden Greisin,
Hochbetagt, die ihr einst in heimischer Burg Lakedämons
Liebliche Wolle gezupft, und ihr am meisten geliebt war;
Dieser gleich an Gestalt, begann Aphrodite die Göttin:
390
Komm; dich ruft Alexandros, mit mir nach Hause zu kehren.
Jener ruht in der Kammer auf zierlichem Lagergestelle,
Strahlend in Reiz und Feiergewand. Kaum solltest du glauben,
Daß er vom Zweikampf komme; vielmehr er gehe zum Reigen,
Oder er sitz' ausruhend vom fröhlichen Reigen ein wenig.
395
Jene sprach's, und erregt' ihr das wallende Herz in dem Busen.
Aber sobald sie bemerkte den lieblichen Nacken der Göttin,
Auch den Busen voll Reiz, und die anmutstrahlenden Augen;
Tief erstaunte sie jetzt, und redete, also beginnend:
Grausame, warum strebst du, mich nochmals schlau zu verleiten?
400
Soll ich vielleicht noch weiter die wohlbevölkerten Städte
Phrygiens, oder der holden Mäonia Städte durchwandern,
Wenn auch dort ein Geliebter dir wohnt der redenden Menschen?
Drum weil jetzt Menelaos den edlen Held Alexandros
Überwand, und beschleußt mich heim, die Verhaßte, zu führen;
405
Darum schleichst du mir jetzo daher voll trüglicher Arglist?
Setze zu jenem dich hin, und verlaß der Unsterblichen Wandel;
Und nie kehre dein Fuß zu den seligen Höhn des Olympos:
Sondern teile des Sterblichen Weh, und pfleg' ihn mit Sorgfalt,
Bis er vielleicht zum Weibe dich aufnimmt, oder zur Sklavin!
410
Dorthin geh' ich dir nimmer, denn unanständig ja wär' es,
Ihm sein Bett zu schmücken hinfort. Des würden mich alle
Troerinnen verschmähn; und Gram schon lastet das Herz mir!
Aber voll Zorns antwortete drauf Aphrodite die Göttin:
Reize mich nicht, o Törin! ich könnt' im Zorne mich wenden,
415
Und so sehr dich hassen, als innig mein Herz dich geliebet!
Beid' entflammt' ich die Völker sodann zu verderblicher Feindschaft,
Troer sowohl wie Achaier; dann raffte dich böses Verhängnis!
Jene sprach's; und verzagt ward Helena, Tochter Kronions.
Eilend ging sie, gesenkt den silberglänzenden Schleier,
420
Still, unbemerkt den übrigen Fraun; und es führte die Göttin.
Als sie nunmehr Alexandros gepriesene Wohnung erreichten,
Wandten die dienenden Mägde sich schnell zur befohlenen Arbeit.
Jene trat in ihr hohes Gemach, die edle der Weiber.
Einen Sessel ergriff die holdanlächelnde Kypris,
425
Trug und stellt' ihn, die Göttin, dem Held Alexandros entgegen.
Helena setzte sich drauf, des Ägiserschütterers Tochter,
Wandte die Augen hinweg, und schalt den Gemahl mit den Worten:
Kommst du vom Kampfe zurück? O lägest du lieber getötet
Dort vom gewaltigen Manne, der mir der erste Gemahl war!
430
Ha, du prahltest vordem, den streitbaren Held Menelaos
Weit an Kraft und Händen und Lanzenwurf zu besiegen!
Gehe denn nun, und berufe den streitbaren Held Menelaos,
Wiederum zu kämpfen im Zweikampf! Aber dir rat' ich,
Bleib' in Ruh, und vermeide den bräunlichen Held Menelaos,
435
Gegen ihn anzukämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung,
Ohne Bedacht; daß nicht durch seinen Speer du erliegest!
Aber Paris darauf antwortete, solches erwidernd:
Frau, laß ab, mir das Herz durch bittere Schmähung zu kränken.
Jetzo hat Menelaos mir obgesiegt mit Athene;
440
Ihm ein andermal ich; denn es walten ja Götter auch unser.
Komm, wir wollen in Lieb' uns vereinigen, sanft gelagert.
Denn noch nie hat also die Glut mir die Seele bewältigt,
Auch nicht, als ich zuerst aus der lieblichen Flur Lakedämon
Segelte, dich entführend in meerdurchwandelnden Schiffen,
445
Und auf Kranaens Au mich gesellt' in Lieb' und Umarmung;
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen.
Sprach's, und nahte dem Lager zuerst; ihm folgte die Gattin.
Beide ruheten dann im schöngebildeten Bette.
Atreus Sohn durchstürmte das Heer nun, ähnlich dem Raubtier,
450
Ob er ihn wo ausspähte, den göttlichen Held Alexandros.
Doch nicht einer des troischen Volks, noch der edlen Genossen,
Konnt' Alexandros ihm zeigen, dem Rufer im Streit Menelaos.
Nicht aus Freundschaft wahrlich verhehlten sie, wenn man ihn schaute:
Denn verhaßt war er allen umher, wie das schwarze Verhängnis.
455
Jetzo erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen!
Offenbar ist Sieger der streitbare Held Menelaos.
Gebt denn Helena jetzt die Argeierin, samt der Besitzung,
Uns zurück; auch Buße bezahlet uns, welche geziemet,
460
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Also sprach der Atreid'; und es lobten ihn alle Achaier.

Vierter Gesang

Zeus und Here beschließen Trojas Untergang. Athene beredet den Pandaros, einen Pfeil auf Menelaos zu schießen. Den Verwundeten heilt Machaon. Die Troer rücken an, und Agamemnon ermuntert die achaiischen Heerführer zum Angriff. Schlacht.

Aber die Götter um Zeus ratschlageten all' in Versammlung,
Sitzend auf goldener Flur; sie durchging die treffliche Hebe,
Nektar umher einschenkend; und jen' aus goldenen Bechern
Tranken sich zu einander, und schaueten nieder auf Troja,
5
Schnell versuchte Kronion, das Herz der Here zu kränken
Durch aufregende Wort', und redete solche Vergleichung:
Zwo sind hier Menelaos der Göttinnen jetzo gewogen,
Here von Argos zugleich, und Athen', Alalkomenens Göttin.
Aber beide von fern, des Anschauns nur sich erfreuend,
10
Sitzen sie; weil dem andern die holdanlächelnde Kypris
Stets als Helferin naht, und die graulichen Keren ihm abwehrt.
Nun auch entzog sie jenen, da Todesgraun er zuvorsah.
Aber gesiegt hat wahrlich der streitbare Held Menelaos.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache:
15
Ob wir hinfort durch Kriegsgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen oder in Frieden die beiderlei Völker versöhnen.
Wäre dies euch allen so angenehm und gefällig;
Gern noch möchte sie stehn, des herrschenden Priamos Feste,
Doch Menelaos zurück die Argeierin Helena führen.
20
Jener sprach's; da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
25
Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!
Willst du, daß ganz ich umsonst arbeitete, daß ich vergebens
Schweiß der Mühe vergoß, und umher mit ermatteten Rossen
Völker erregt', um dem Priamos Gram und den Söhnen zu schaffen?
Tu's! doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
30
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Grausame, was hat Priamos doch und Priamos Söhne
Dir so Böses getan, daß sonder Rast du dich abmühst,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser?
Möchtest du doch, eingehend durch Tor' und türmende Mauern,
35
Roh ihn verschlingen, den Priamos selbst und Priamos Söhne,
Samt den Troern umher; dann würde dein Zorn dir gesättigt!
Tue, wie dir's gefällt: daß nicht der Hader in Zukunft
Beiden, dir selber und mir, zu größerem Zwiste gedeihe.
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen:
40
Wenn auch mir im Eifer hinwegzutilgen gelüstet
Eine Stadt, wo dir erkorene Günstlinge wohnen;
Daß du alsdann nicht weilest den Rächenden, sondern mich lassest!
Gab doch ich selbst dir willig, obgleich unwilliges Herzens.
Denn was unter der Sonn' und dem sternumleuchteten Himmel
45
Irgend erscheint von Städten der sterblichen Erdebewohner;
Hoch mir vor allen geehrt war Ilios heilige Feste,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Nie ja mangelte mir der Altar des gemeinsamen Mahles,
Nie des Weins und Gedüftes, das uns zur Ehre bestimmt ward.
50
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Siehe drei vor allen sind mir die geliebtesten Städte,
Argos und Sparta zugleich, und die weitdurchwohnte Mykene:
Diese verderb' im Zorn, wenn etwa dein Herz sie erbittern;
Niemals werd' ich solche verteidigen, oder dir eifern.
55
Wenn ich ja gleich mißgönnend dir wehrete, sie zu verderben;
Nichts doch schaffte mein Tun; denn weit gewaltigen bist du.
Aber auch mein Arbeiten geziemet es nicht zu vereiteln.
Denn auch ich bin Göttin, entstammt dem Geschlechte, woher du;
Ich die erhabenste Tochter gezeugt vom verborgenen Kronos,
60
Zweifach erhöht, an Geburt, und weil ich deine Genossin
Ward ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen wartest.
Aber wohlan, dies wollen wir nachsehn einer dem andern,
Dir ich selbst, und du mir; auch andre unsterbliche Götter
Folgen uns dann. Doch jetzo beschleunige Pallas Athene,
65
Hinzugehn in der Troer und Danaer furchtbare Schlachtreihn;
Daß sie versuch', ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Sprach's; ihr gehorchte der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Wandte sich schnell zur Athen', und sprach die geflügelten Worte:
70
Eile sofort in das Heer der Troer hinab und Achaier;
Daß du versuchst, ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
75
Gleich wie ein Stern, gesendet vom Sohn des verborgenen Kronos,
Schiffenden, oder dem Heere gewaffneter Völker zum Zeichen,
Strahlend brennt, und im Flug' unzählige Funken umhersprüht:
Also senkt' hineilend zur Erde sich Pallas Athene
Zwischen die Heere hinab; und Staunen ergriff, die es ansahn,
80
Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Wieder fürwahr soll Kriegesgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen, oder in Frieden versöhnt nun beiderlei Völker
Zeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet!
85
So nun redete mancher der Troer umher und Achaier.
Jen', ein Mann von Gestalt, durchdrang der Troer Getümmel,
Gleich dem Antenoriden Laodokos, mächtig im Speerkampf,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob sie ihn fände.
Jetzo fand sie den starken untadlichen Sohn des Lykaon
90
Stehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgte vom heiligen Strom des Äsepos.
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Möchtest du jetzt mir gehorchen, verständiger Sohn des Lykaon?
Wagtest du wohl, Menelaos ein schnelles Geschoß zu entsenden?
95
Preis gewännst du und Dank von allem Volke der Troer,
Aber vor allem zumeist vom herrschenden Held Alexandros:
Der dich traun vorzüglich mit glänzenden Gaben belohnte,
Säh' er jetzt Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus,
Deinem Geschosse besiegt, die traurige Flamme besteigen.
100
Auf denn, und schnelle den Pfeil zum rühmlichen Held Menelaos.
Aber gelob' Apollon, dem lykischen Bogenberühmten,
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in dein Haus zur heiligen Stadt Zeleia.
Jene sprach's, und bewegte das Herz des törichten Mannes.
105
Schnell entblößt' er den Bogen, geschnitzt von des üppigen Steinbocks
Schönem Gehörn, dem er selber die Brust von unten getroffen;
Als er dem Felsen entsprang, am gewähleten Ort ihn erwartend,
Zielt' und durchschoß er die Brust, daß rücklings ans Fels er hinabsank.
Sechzehn Handbreit ragten empor am Haupte die Hörner.
110
Solche schnitzt' und verband der hornarbeitende Künstler,
Glättete alles umher, und beschlug's mit goldener Krümmung.
Diesen nun stellt' er geschickt, nachdem er ihn spannt', auf die Erde
Angelehnt; und mit Schilden bedeckten ihn tapfere Freunde,
Daß nicht zuvor anstürmten die streitbaren Männer Achaias,
115
Eh' er gefällt Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias.
Jetzo des Köchers Deckel eröffnet' er, wählte den Pfeil dann,
Ungeschnellt und gefiedert, den Urquell dunkeler Qualen.
Eilend ordnet' er nun das herbe Geschoß auf der Senne;
Und er gelobt' Apollon, dem lykischen bogenberühmten,
120
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in sein Haus zur heiligen Stadt Zeleia;
Fassend dann zog er die Kerbe zugleich, und die Nerve des Rindes,
Daß die Senne der Brust annaht', und das Eisen dem Bogen.
Als er nunmehr kreisförmig den mächtigen Bogen gekrümmet;
125
Schwirrte das Horn, und tönte die Senn', und sprang das Geschoß hin,
Scharfgespitzt in den Haufen hineinzufliegen verlangend.
Doch nicht dein, Menelaos, vergaßen die seligen Götter,
Ewig an Macht, vor allen des Zeus siegprangende Tochter,
Welche vor dich hintretend das Todesgeschoß dir entfernte.
130
Gleich so wehrete sie's vom Leibe dir, wie wenn die Mutter
Wehrt' vom Sohne die Flieg', indem süßschlummernd er daliegt.
Aber dorthin lenkt' es die Herrscherin, wo sich des Gurtes
Goldene Spang' ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Stürmend traf das Geschoß den festanliegenden Leibgurt,
135
Sieh' und hinein in den Gurt, den künstlichen, bohrte die Spitze;
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Und in das Blech, das er trug zur Schutzwehr gegen Geschosse,
Welches am meisten ihn schirmt'; allein sie durchdrang ihm auch dieses;
Und nun ritzte der Pfeil die obere Haut des Atreiden,
140
Daß ihm sogleich vorströmte das dunkelnde Blut aus der Wunde.
Wie wenn ein Elfenbein die Mäonerin, oder die Karin,
Schön mit Purpur gefärbt, zum Wangenschmucke des Rosses;
Dort nun liegt's im Gemach, und viel der reisigen Männer
Wünschten es wegzutragen; doch Königen hegt sie das Kleinod,
145
Beides ein Schmuck dem Rosse zu sein, und Ehre dem Lenker:
Also umfloß, Menelaos, das färbende Blut dir die Schenkel,
Stattlich von Wuchs, und die Bein' und zierlichen Knöchel hinunter.
Schauer durchdrang alsbald den Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er sah, wie das Blut ihm schwarz hinfloß aus der Wunde;
150
Schauer durchdrang ihn selber, den streitbaren Held Menelaos.
Aber sobald er die Schnur auswärts und die Haken erblickte;
Ward von neuem mit Mut sein männliches Herz ihm erfüllet.
Schwer aufseufzend begann der Völkerfürst Agamemnon,
Haltend die Hand Menelaos; es seufzten umher die Genossen:
155
O du teurer Bruder, zum Tode dir schloß ich das Bündnis,
Dich allein hinstellend, für uns mit den Troern zu kämpfen!
Denn dich trafen die Troer, das heilige Bündnis zertretend!
Aber umsonst ist nimmer der Eidschwur, oder der Lämmer
Blut, noch der lautere Wein, und der Handschlag, dem wir vertrauet.
160
Wenn auch jetzo sogleich der Olympier nicht es vollendet;
Doch vollendet er spät! und hoch ihm werden sie büßen,
Werden mit eigenem Haupte, mit Weib und Kindern es büßen!
Denn das erkenn' ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
165
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs!
Dann wird Zeus der Kronid' aus strahlender Höhe des Äthers
Gegen sie all' erschüttern das Graun der umnachteten Ägis,
Zürnend ob solchem Betrug! Geschehn wird dieses unfehlbar!
Aber in bitteren Schmerz versenkst du mich, o Menelaos,
170
Wenn du stirbst, und das Maß der Lebenstage nun füllest!
Siehe voll Schmach dann kehrt' ich zur wasserdürftigen Argos!
Denn alsbald gedächten des Vaterlands die Achaier;
Und wir verließen den Ruhm dem Priamos hier und den Troern,
Helena, Argos Kind; es moderten deine Gebeine
175
Liegend in Trojas Gefild', am unvollendeten Werke!
Mancher vielleicht dann spräche der übermütigen Troer,
Fröhlich das Grab umhüpfend dem rühmlichen Held Menelaos:
Daß doch so bei allen den Zorn vollend' Agamemnon,
Wie er jetzo umsonst herführte das Volk der Achaier!
180
Denn schon kehret' er heim zum lieben Lande der Väter,
Leer die sämtlichen Schiff', und verließ den Held Menelaos!
Also spräche man einst! Dann reiße sich weit mir die Erd' auf!
Doch ihn tröstete so der bräunliche Held Menelaos:
Sei getrost, und schrecke noch nicht das Volk der Achaier.
185
Nicht zum Tod' hat jetzo das scharfe Geschoß mich verwundet;
Sondern mich schützte der Gurt von getriebener Pracht, und darunter
Auch die Bind' und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Möcht' es doch also sein, du geliebtester, o Menelaos!
190
Aber es prüfe der Arzt die blutende Wund', und lege
Linderung drauf, um vielleicht die dunkele Qual zu bezähmen.
Sprach's, und rief Talthybios schnell, den göttlichen Herold:
Auf, Talthybios, eil' und rufe mir schleunig Machaon,
Ihn, Asklepios Sohn, des unvergleichbaren Arztes,
195
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias;
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach's; da gehorchte des Königes Worte der Herold;
Schnell durchging er die Scharen der erzumschirmten Achaier,
200
Schauete forschend umher, und fand den Helden Machaon
Stehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgt' aus der rossenährenden Trikka.
Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Auf, Asklepios Sohn, dich ruft der Fürst Agamemnon,
205
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus;
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach's; ihm aber das Herz im Busen erregt' er;
Schnell durchwandelten sie das Gedräng' in den Scharen Achaias.
210
Als sie nunmehr hinkamen, wo Atreus Sohn Menelaos
Blutend stand, und um jenen die Edelsten alle versammelt
Rings, er selbst in der Mitte, der götterähnliche Streiter;
Zog er sofort das Geschoß aus dem festanliegenden Leibgurt;
Und wie er auszog, bogen die spitzigen Haken sich rückwärts.
215
Hierauf löst' er den Gurt von getriebener Pracht, und darunter
Auch die Bind', und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang;
Sog er das quellende Blut, und legt' ihm lindernde Salb' auf,
Kundig, die einst dem Vater verliehn der gewogene Cheiron.
220
Während sie dort umeilten den Rufer im Streit Menelaos;
Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn.
Jen' auch hüllten sich wieder in Wehr, und entbrannten von Streitlust.
Jetzt nicht hättest du schlummern gesehn Agamemnon den Herrscher,
Nicht hinab sich schmiegen, und nicht unwillig zu kämpfen;
225
Sondern gefaßt hineilen zur männerehrenden Feldschlacht.
Denn dort ließ er die Ross' und den erzumschimmerten Wagen;
Und sein Genoß hielt jene, die mutig schnaubenden abwärts,
Held Eurymedon, Sohn von Piräos' Sohn Ptolemäos.
Ihm gebot er mit Ernst, daß er nahete, würden ihm etwa
230
Matt die Glieder vom Gang, die Ordnungen rings zu durchwalten.
Selbst dann eilt' er zu Fuß, und umging die Scharen der Männer.
Wo er nunmehr streitfertig erfand Gaultummler Achaias,
Nahe trat er hinan, und sprach die ermunternden Worte:
Nun, Argeier, gedenkt rastlos des stürmenden Mutes!
235
Denn nicht wird dem Betruge mit Hilf' erscheinen Kronion;
Sondern welche zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur,
Deren Leichname sollen, ein Raub der Geier, vermodern;
Aber die blühenden Weiber und noch unmündigen Kinder
Führen wir selbst in Schiffen, nachdem die Stadt wir erobert!
240
Die er alsdann saumselig erfand zur traurigen Feldschlacht,
Solche straft' er mit Ernst, und rief die zürnenden Worte:
Arges Volk, Pfeilkühne, Verworfene, schämt ihr euch gar nicht?
Warum steht ihr dort so betäubt, wie die Jungen der Hindin,
Die, nachdem sie ermattet vom Lauf durch ein weites Gefilde,
245
Dastehn, nichts im Herzen von Kraft und Stärke noch fühlend?
Also steht ihr jetzo betäubt, und starrt vor der Feldschlacht!
Säumt ihr, bis erst die Troer herannahn, wo wir die Schiffe
Stellten mit prangendem Steuer, am Strand der grauen Gewässer;
Dort zu sehn, ob schirmend Kronions Hand euch bedecke?
250
So mit Herrschergebot umwandelt' er jegliche Heerschar.
Jetzo erreicht' er die Kreter, im Gang durch der Männer Getümmel.
Jen' um Idomeneus her, den feurigen, standen gewappnet;
Aber Idomeneus selber voran, in der Stärke des Ebers;
Und Meriones folgte, die hinteren Reihn ihm erregend.
255
Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Und zu Idomeneus schnell mit freundlicher Rede begann er:
Du, Idomeneus, bist mir geehrt vor den Reisigen allen,
Du im Kriege sowohl, als sonst in jedem Geschäfte,
Auch am Mahl, wann festlich den edleren Helden von Argos
260
Funkelnder Ehrenwein in vollen Krügen gemischt wird.
Denn obgleich die andern der hauptumlockten Achaier
Trinken beschiedenes Maß; doch steht dein Becher beständig
Angefüllt, wie der meine, nach Herzenswunsche zu trinken.
Auf denn, gestürmt in die Schlacht, wie du immer vordem dich gerühmet!
265
Aber Idomeneus rief, der Kreter Fürst, ihm entgegen:
Atreus' Sohn, dir bleib' ich ein treugesinnter Genosse
Immerdar, wie zuerst ich angelobt und beteuert.
Nur die anderen reize der hauptumlockten Achaier,
Schleunig den Kampf zu beginnen; dieweil sie kränkten das Bündnis;
270
Trojas Volk! Nun möge sie Tod und Jammer in Zukunft
Treffen, dieweil sie zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur!
Jener sprach's; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon.
Jetzo erreicht' er die Ajas, im Gang durch der Männer Getümmel.
Beide standen in Wehr, und es folgt' ein Gewölke des Fußvolks.
275
Also schaut von der Warte die finstere Wolke der Geißhirt
Über das Meer aufziehn, von Zephyros Hauche getragen;
Siehe schwärzer denn Pech dem Fernestehenden scheint sie
Über das Meer annahend, und führt unermeßlichen Sturmwind;
Jener erstarrt vor dem Blick, und treibt die Herd' in die Felskluft:
280
Also zog mit den Ajas Gewühl streitfertiger Jugend
Dort zur blutigen Schlacht in dichtgeordneten Haufen,
Schwarz einher, von Schilden umstarrt und spitzigen Lanzen.
Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
285
Ajas beid', Heerführer der erzumschirmten Achaier,
Ihr dort braucht, zu erregen das Volk, nicht meines Gebotes;
Denn schon selbst ermahnt ihr die Eurigen tapfer zu kämpfen.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen', und Apollon,
Solch ein Mut nun allen das Herz im Busen beseelte!
290
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern;
Wo er den Nestor fand, den tönenden Redner von Pylos,
Emsig die Freund' anordnend, und wohl ermahnend zur Feldschlacht:
295
Jen' um Pelagon her, und Chromios, und den Alastor,
Auch um Hämon den Held, und den völkerweidenden Bias.
Erst die Reisigen stellt' er mit Rossen zugleich und Geschirren:
Hinten sodann die Männer zu Fuß, die vielen und tapfern,
Mauer zu sein des Gefechts; und die Feigen gedrängt in die Mitte,
300
Daß, wer sogar nicht wollte, die Not ihn zwänge zu streiten.
Erst die Reisigen nun ermahnet' er, jedem gebietend,
Wohl zu hemmen die Rosse, nicht wild durcheinander zu tummeln.
Keiner, auf Wagenkund' und Männerstärke vertrauend,
Wag' allein vor andern zum Kampfe sich gegen die Troer;
305
Keiner auch weiche zurück: denn also schwächt ihr euch selber.
Welcher Mann vom Geschirr hinkommt auf des anderen Wagen,
Strecke die Lanze daher; denn weit heilsamer ist solches.
Das war der Alten Gebrauch, die Städt' und Mauren zertrümmert,
Solchen Sinn und Mut im tapferen Herzen bewahrend.
310
Also ermahnte der Greis, vorlängst wohlkundig des Krieges.
Ihn auch sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Möchten, o Greis, wie der Mut dein Herz noch füllet im Busen,
So dir folgen die Knie', und fest die Stärke dir dauern!
315
Aber dich drückt des Alters gemeinsame Last! O ihr Götter,
Daß sie ein anderer trüg', und du ein Jüngling einhergingst!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus Sohn, ja gerne verlangt' ich selber noch jetzo
Der zu sein, wie ich einst den Held Ereuthalion hinwarf!
320
Doch nicht alles zugleich verliehn ja die Götter den Menschen.
War ich ein Jüngling vordem, so naht mir jetzo das Alter.
Aber auch so begleit' ich die Reisigen noch, und ermahne
Andre mit Rat und Worten; denn das ist die Ehre der Alten.
Speere laß hinschwingen die Jünglinge, welche der Jahre
325
Weniger zählen denn ich, und noch vertrauen der Stärke!
Jener sprach's; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon;
Fand dann Peteos Sohn, den Rossetummler Menestheus,
Stehn, und umher die Athener geschart, wohlkundig des Feldrufs.
Aber zunächst ihm stand der erfindungsreiche Odysseus,
330
Welchem umher Kephallener in unverächtlichen Schlachtreihn
Standen. Denn nicht ertönte noch beider Volke der Aufruhr,
Weil nur jüngst miteinander erregt andrängten die Scharen
Rossebezähmender Troer und Danaer. Aber erwartend
Standen sie, wann vorrückend ein anderer Zug der Achaier
335
Stürmt' in der Troer Volk, und dort anhöbe das Treffen.
Diese schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
O du, Peteos Sohn, des gottbeseligten Herrschers!
Und du, reichlich geschmückt mit Betörungen, sinnend auf Vorteil!
340
Warum also geschmiegt entfernt ihr euch, harrend der andern?
Wohl euch beiden geziemt' es, zugleich mit den ersten der Kämpfer
Dazustehn, und der flammenden Schlacht euch entgegen zu stürzen!
Seid doch ihr die ersten zum Mahle mir immer gerufen,
Rüsteten wir den Edlen ein Ehrenmahl wir Achaier!
345
Freud' ist's dann, zu schmausen gebratenes Fleisch, und zu trinken
Becher des süßen Weins, des erlabenden, weil euch gelüstet!
Doch nun säht ihr mit Freude, wenn auch zehn Scharen Achaias
Euch zuvor eindrängen mit grausamem Erz in die Feldschlacht!
Finster schaut' und begann der erfindungsreiche Odysseus:
350
Welch ein Wort, o Atreid', ist dir aus den Lippen entflohen?
Wie doch nennst du zur Schlacht saumselig uns? Wann wir Achaier
Gegen die reisigen Troer die Wut des Ares erregen;
Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,
Auch Telemachos Vater gemischt in das Vordergetümmel
355
Troischer Reisigen dort! Du schwatzest da nichtige Worte!
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er zürnen ihn sah, und wendete also die Rede:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Weder Tadel von mir verdienest du, weder Ermahnung.
360
Denn ich weiß, wie das Herz in deinem Busen beständig
Milde Gedanken mir hegt; du gleichst an Gesinnung mir selber.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wenn ja ein hartes
Wort entfiel; das mögen die Himmlischen alles vereiteln!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern.
365
Tydeus Sohn nun fand er, den stolzen Held Diomedes,
Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;
Neben ihm Sthenelos auch, den kapaneïschen Sprößling.
Ihn auch schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
370
Wehe mir, Tydeus Sohn, des feurigen Rossebezähmers,
Wie du erbebst! wie du bang' umschaust nach den Pfaden des Treffens!
Nie hat Tydeus wahrlich so gar zu verzagen geliebet,
Sondern weit den Genossen voraus in die Feinde zu sprengen.
Also erzählt, wer ihn sah in der Kriegsarbeit: denn ich selber
375
Traf und erblickt' ihn nie; doch strebet' er, sagt man, vor andern.
Vormals kam, sich entfernend vom Krieg, der Held in Mykene
Gastlich, samt Polyneikes dem Göttlichen, Volk zu versammeln,
Weil sie mit Streit bezogen die heiligen Mauern von Thebe;
Und sie fleheten sehr um rühmliche Bundesgenossen.
380
Jen' auch wollten gewähren, und billigten, was sie gefodert;
Doch Zeus wendete solches durch unglückdrohende Zeichen.
Als sie nunmehr uns verlassen, und fort des Weges gewandelt,
Und den Asopos erreicht, von Gras und Binsen umufert;
Sendeten dort die Achaier den Tydeus wieder mit Botschaft.
385
Jener enteilt', und fand die versammelten Kadmeionen
Fröhlich am Mahl im Palaste der heiligen Macht Eteokles.
Doch er erblödete nicht, der Rossebändiger Tydeus,
Fremdling zwar, und allein, von vielen umringt der Kadmeier;
Sondern rief zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt' er
390
Sonder Müh: so mächtig als Helferin naht' ihm Athene.
Jene, von Zorn ihm entbrannt, die kadmeiischen Sporner der Rosse
Legeten Hinterhalt, auf dem Heimweg seiner zu harren,
Jünglinge fünfzig an Zahl; und zween Anführer geboten,
Mäon der Hämonid', unsterblichen Göttern vergleichbar,
395
Und Autophonos Sohn, der trotzende Held Lykophontes.
Aber es ward auch jenen ein schmähliches Ende von Tydeus;
Alle streckt' er dahin, und einen nur sandt' er zur Heimat;
Mäon entsandt' er allein, der unsterblichen Zeichen gehorchend.
So war Tydeus einst, der Ätolier! Aber der Sohn hier
400
Ist ein schlechterer Held in der Schlacht, doch ein besserer Redner.
Jener sprach's; ihm erwiderte nichts der Held Diomedes,
Ehrfurchtvoll dem Verweise des ehrenvollen Gebieters.
Aber Kapaneus Sohn, des Gepriesenen, gab ihm zur Antwort:
Rede nicht falsch, Atreide, so wohlbekannt mit der Wahrheit!
405
Tapferer rühmen wir uns, weit mehr denn unsere Väter!
Wir ja eroberten Thebe, die siebentorige Feste,
Weniger zwar hinführend des Volks vor die trotzende Mauer,
Doch durch Götterzeichen gestärkt und die Hilfe Kronions.
Jene bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben.
410
Darum preise mir nicht in gleicher Ehre die Väter!
Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Trauter, halte dich still, und gehorche du meiner Ermahnung.
Denn nicht ich verarg' es dem Hirten des Volks Agamemnon,
Daß er treibt zum Kampfe die hellumschienten Achaier.
415
Denn ihm folgt ja der Ruhm, wenn Achaias Söhne die Troer
Bändigen, und mit Triumph zur heiligen Ilios eingehn;
Ihm auch unendlicher Gram, wenn gebändigt sind die Achaier.
Aber wohlan, und beide gedenken wir stürmendes Mutes!
Sprach's, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
420
Graunvoll klirrte das Erz umher am Busen des Königs,
Als er sich schwang; ihm hätt' auch ein männlicher unten gezittert.
Wie wenn die Meeresflut zum hallenden Felsengestad' her
Wog' an Woge sich stürzt, vom Zephyros aufgewühlet;
Weit auf der Höhe zuerst erhebt sie sich; aber anjetzo
425
Laut am Lande zerplatzt erdonnert sie, und um den Vorstrand
Hänget sie krumm aufbrandend, und speit von ferne den Salzschaum:
Also zogen gedrängt die Danaer, Haufen an Haufen,
Rastlos her in die Schlacht. Es gebot den Seinen ein jeder
Völkerfürst; still gingen die anderen; keiner gedächt' auch,
430
Solch ein großes Gefolg' hab' einen Laut in den Busen:
Ehrfurchtsvoll verstummend den Königen; jeglicher Heerschar
Hell von buntem Geschmeid', in welches gehüllt sie einherzog.
Trojas Volk, wie die Schafe des reichen Mannes in der Hürde
Zahllos stehn, und mit Milch die schäumenden Eimer erfüllen,
435
Blökend ohn' Unterlaß, da der Lämmer Stimme gehört wird:
Also erscholl das Geschrei im weiten Heere der Troer;
Denn nicht gleich war aller Getön, noch einerlei Ausruf,
Vielfach gemischt war die Sprach', und mancherlei Stammes die Völker.
Hier ermunterte Ares, und dort Zeus Tochter Athene;
440
Schrecken zugleich und Graun, und die rastlos lechzende Zwietracht,
Sie des mordenden Ares verbündete Freundin und Schwester:
Die erst klein von Gestalt einherschleicht; aber in kurzem
Trägt sie hoch an den Himmel ihr Haupt, und geht auf der Erde.
Diese nun streuete Zank zu gemeinsamem Weh in die Mitte,
445
Wandelnd von Schar zu Schar, das Geseufz' der Männer vermehrend.
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet;
Trafen zugleich Stierhäut', und Speere zugleich, und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös' auf.
450
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde.
Wie zween Ström' im Herbste geschwellt, den Gebirgen entrollend,
Zum gemeinsamen Tal ihr strudelndes Wasser ergießen,
Aus unendlichen Quellen durch tiefgehöhltes Geklüft hin;
455
Ferne hört ihr Geräusch der weinende Hirt auf den Bergen:
Also erhub den Vermischten sich Wutgeschrei und Verfolgung.
Erst nun erschlug den Troern Antilochos einen der Kämpfer,
Mutig im Vordergewühl, des Thalysios Sohn Echepolos.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
460
Daß er die Stirne durchbohrt'; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz', und Nacht umhüllt ihm die Augen,
Und er sank, wie ein Turm, im Ungestüme der Feldschlacht.
Schnell des Gefallenen Fuß ergriff Elephenor der Herrscher,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter;
465
Dieser entzog den Geschossen begierig ihn, daß er ihm eilig
Raubte das Waffengeschmeid'; allein kurz währt' ihm die Arbeit.
Denn wie den Toten er schleifte, da sah der beherzte Agenor,
Daß dem Gebückten die Seit' entblößt vom Schilde hervorschien,
Zuckte den erzgerüsteten Schaft, und löst' ihm die Glieder.
470
Also verließ ihn der Geist; doch über ihm tobte der Streit nun
Schrecklich umher der Troer und Danaer: ähnlich den Wölfen,
Sprangen sie wild aneinander, und Mann für Mann sich erwürgend.
Ajas der Telamonid' erschlug Anthenions Sohn itzt,
Jugendlich, blühend an Kraft, Simoeisios: welchen die Mutter
475
Einst vom Ida kommend, an Simois Ufer geboren,
Als sie, die Herde zu schaun, dorthin den Eltern gefolgt war:
Darum nannten sie ihn Simoeisios. Aber den Eltern
Lohnet er nicht die Pflege: denn kurz nur blühte das Leben
Ihm, da vor Ajas Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
480
Denn wie er vorwärts ging, traf jener die Brust an der Warze
Rechts, daß gerad' hindurch ihm der eherne Speer aus der Schulter
Drang, und er selbst in den Staub hintaumelte: gleich der Pappel,
Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes emporwuchs,
Glattes Stamms, nur oben entwuchsen ihr grünende Zweige;
485
Und die der Wagener jetzt abhaut mit blinkendem Eisen,
Daß er zum Kranz des Rades sie beug' am zierlichen Wagen;
Jetzo liegt sie welkend am Bord des rinnenden Baches:
So Anthemions Sohn Semoeisios, als ihm die Rüstung
Ajas raubte der Held. Doch Antiphos, rasch in dem Panzer,
490
Sandt' ihm, Priamos Sohn, die spitzige Lanz' im Gewühl her;
Fehlend zwar; doch dem Leukos, Odysseus edlem Genossen,
Flog das Geschoß in die Scham, da zurück den Toten er schleifte:
Auf ihn taumelt' er hin, und der Leichnam sank aus der Hand ihm.
Um den erschlagenen Freund entbrannt' im Herzen Odysseus,
495
Ging durchs Vordergefecht mit strahlendem Erze gerüstet,
Stand dann jenem genäht, und schoß den blinkenden Wurfspieß,
Rings umschauend zuvor; und zurück ihm stoben die Troer,
Als hinzielte der Held; doch flog nicht umsonst das Geschoß ihm,
Sondern Priamos Sohn Demokoon traf es, den Bastard,
500
Der von Abydos ihm kam, vom Gestüt leichtrennender Gaule.
Ihm nun sandte die Lanz', um den Seinigen zürnend, Odysseus
Durch den Schlaf, und hindurch aus dem anderen Schlafe gestürmet
Kam die eherne Spitz'; und Nacht umhüllt' ihm die Augen;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
505
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Doch laut schrien die Danaer auf, und entzogen die Toten,
Drangen dann noch tiefer hinein. Des zürnet' Apollon,
Hoch von Pergamos schauend, und rief, die Troer ermunternd:
Auf, ihr reisigen Troer, wohlauf! und räumet das Feld nicht
510
Argos Volk'; ihr Leib ist ja weder von Stein, noch von Eisen,
Daß abprallte der Wurf des leibzerschneidenden Erzes!
Nicht einmal Achilleus, der Sohn der lockigen Thetis,
Kämpft; er ruht bei den Schiffen, das Herz voll nagendes Zornes!
Also rief von der Stadt der Schreckliche. Doch die Achaier
515
Trieb Zeus' Tochter zum Kampf, die herrliche Tritogeneia,
Wandelnd von Schar zu Schar, wo säumende Kämpfer erschienen.
Jetzt umstrickte der Tod Amarinkeus Sohn, den Diores;
Denn ihn traf an dem Knöchel des rechten Fußes ein Feldstein,
Fausterfüllend und rauh; es warf der thrakische Führer
520
Peiros, Imbrasos Sohn, der hergekommen von Änos.
Sehnen zugleich und Knochen zerschmetterte sonder Verschonen
Ihm der entsetzliche Stein; daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ' umher zu den Freunden verbreitend,
Atemlos hinschlummernd. Da nahete, der ihn verwundet,
525
Peiros, und bohrte die Lanz' in den Nabel ihm; und es entstürzten
Alle Gedärme zur Erd', und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Ihn den Stürmenden traf mit dem Speer der Ätolier Thoas
Über der Warz' in die Brust; und es drang in die Lunge das Erz ihm.
Eilend sprang nun Thoas hinan, und riß ihm des Speeres
530
Mächtigen Schaft aus der Brust; dann zog er das schneidende Schwert aus,
Schwang es und haut' ihm über den Bauch, und raubt' ihm das Leben.
Doch nicht nahm er die Wehr; denn rings umstanden ihn Thraker
Mit hochsträubendem Haar, langschaftige Spieße bewegend,
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,
535
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
Also lagen sie beid' im Staube gestreckt miteinander.
Thrakiens edler Fürst, und der erzumschirmten Epeier
Fürst zugleich; auch sanken noch viel' umher der Genossen.
Jetzo hätte kein Mann das Werk der Krieger getadelt,
540
Wandelt' er, ungetroffen und ungehaun von dem Erze,
Rings durch das Waffengewühl, und leitete Pallas Athene
Ihn an der Hand, abwehrend den fliegenden Sturm der Geschosse.
Denn viel sanken der Troer, und viel der Danaer vorwärts
Jenes Tags in den Staub, und bluteten nebeneinander.

Fünfter Gesang

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros, und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er, geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.

Jetzo schmückt' Athene des Tydeus Sohn Diomedes
Hoch mit Kraft und Entschluß, damit vorstrahlend aus allem
Danaervolk er erschien', und herrlichen Ruhm sich gewänne.
Flammen ihm hieß auf Helm und Schilde sie mächtig umher glühn:
5
Ähnlich dem Glanzgestirne der Herbstnacht, welches am meisten
Klar den Himmel durchstrahlt, in Okeanos Fluten gebadet:
Solche Glut hieß jenem sie Haupt umflammen und Schultern,
Stürmt' ihn dann mitten hinein, wo am heftigsten schlug das Getümmel.
Unter den Troern war ein unsträflicher Priester Hephästos',
10
Dares, mächtig und reich, der ins Heer zween Söhne gesendet,
Phegeus und Idäos, geübt in jeglichem Kampfe.
Diese, getrennt vom Haufen, entgegen ihm sprengten sie jetzo,
Beid' auf Rossegeschirr; er strebte zu Fuß von der Erde.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
15
Sendete Phegeus zuerst die weithinschattende Lanze.
Aber es flog dem Tydeiden das Erz links über die Schulter
Hin, und verwundete nicht. Nun schwang auch jener den Wurfspieß,
Tydeus Sohn; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;
Sondern traf in die Kerbe der Brust, und stürzt' ihn vom Wagen.
20
Aber Idäos entsprang, den zierlichen Sessel verlassend;
Denn ihm zagte das Herz, den ermordeten Bruder zu schützen.
Kaum auch, kaum er selber entrann dem schwarzen Verhängnis;
Doch ihn entrückt' Hephästos, in schirmende Nacht ihn verhüllend,
Daß nicht ganz ihm versänke das Herz des Greises in Jammer.
25
Seitwärts trieb das Gespann der Sohn des erhabenen Tydeus,
Und ihm führten die Freund' es hinab zu den räumigen Schiffen.
Doch wie die mutigen Troer geschaut die Söhne des Dares,
Ihn von dannen entflohn, und ihn entseelt am Geschirre;
Regte sich allen das Herz. Allein Zeus' Tochter Athene
30
Faßt' an der Hand, und redete so zum tobenden Ares:
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer!
Lassen wir nicht sie allein die Troer hinfort und Achaier
Kämpfen, zu welcherlei Volk Zeus' Vorsicht wende den Siegsruhm;
Doch wir weichen zurück, und meiden den Zorn Kronions?
35
Jene sprach's, und entführte der Schlacht den tobenden Ares;
Diesen setzte sie drauf am gehügelten Strand des Skamandros.
Argos Söhn' itzt drängten den Feind, und jeglichem Führer
Sank ein Mann. Erst stürzte der Völkerfürst Agamemnon
Hodios aus dem Geschirr, den Halizonengebieter.
40
Als er zuerst umwandte, da flog in den Rücken der Speer ihm
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Aber Idomeneus tilgte den Sohn des mäonischen Boros,
Phästos, der her aus Tarne, dem scholligen Lande, gekommen.
45
Dieser strebt' auf den Wagen empor, doch die ragende Lanze
Stieß ihm der speerberühmte Idomeneus rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Graun des Todes umhüllt' ihn;
Aber Idomeneus Freund' entzogen ihm eilig die Rüstung.
Ihn, des Strophios Sohn Skamandrios, kundig des Jagens,
50
Raffte mit spitziger Lanze des Atreus Sohn Menelaos,
Jenen tapferen Jäger. Gelehrt von Artemis selber
Traf er alles Gewild, das der Forst des Gebirges ernähret.
Aber nichts ihm nunmehr half Artemis, froh des Geschosses,
Nichts die gepriesene Kunst, ferntreffende Pfeile zu schnellen;
55
Sondern des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Als er vor ihm hinbebte, durchstach mit dem Speer ihm den Rücken
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang.
Jener entsank vorwärts, und es rasselten um ihn die Waffen.
Auch Meriones traf den Phereklos, stammend von Tekton,
60
Harmons Sohn, der mit Händen erfindsam allerlei Kunstwerk
Bildete; denn ihn erkor zum Lieblinge Pallas Athene.
Er hatt' auch Alexandros die schwebenden Schiffe gezimmert,
Jene Beginner des Wehs, die Unheil brachten den Troern,
Und ihm selbst; weil nicht er vernahm der Unsterblichen Ausspruch.
65
Diesen traf, da er jetzt im verfolgenden Lauf ihn ereilte,
Rechts hindurch ins Gesäß Meriones, daß ihm die Spitze
Vorn die Blase durchbohrend am Schambein wieder hervordrang.
Heulend sank er aufs Knie, und Todesschatten umfing ihn.
Meges warf den Pedäos dahin, den Sohn des Antenor,
70
Der unehelich war; doch erzog ihn die edle Theano
Gleich den eigenen Kindern, gefällig zu sein dem Gemahle.
Diesem schoß nachrennend der speerberühmte Phyleide
Hinten die spitzige Lanze gerad' in die Höhle des Nackens;
Zwischen den Zähnen hindurch zerschnitt die Zunge das Erz ihm;
75
Und er entsank in den Staub, am kalten Erze noch knirschend.
Doch der Euämonid' Eurypylos traf den Hypsenor,
Ihn Dolopions Sohn, des Erhabenen, der dem Skamandros
War ein Priester geweiht, wie ein Gott im Volke geehret.
Aber Eurypylos nun, der glänzende Sohn des Euämon,
80
Als er vor ihm hinbebte, verfolgt' und schwang in die Schulter
Ihm anstürmend das Schwert, und hieb ihm den nervichten Arm ab:
Blutig entsank ihm der Arm ins Gefild' hin; aber die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
So arbeiteten jen' im Ungestüme der Feldschlacht.
85
Aber des Tydeus Sohn, nicht wüßte man, welcherlei Volks er
Schaltete, ob er mit Troern einherging, ob mit Achaiern.
Denn er durchtobte das Feld, dem geschwollenen Strome vergleichbar,
Voll vom Herbst, der in reißendem Sturz wegflutet die Brücken;
Nicht ihn zu hemmen vermag der Brücken gewaltiges Bollwerk,
90
Auch nicht hemmen die Zäune der grünenden Saatengefilde
Ihn, der sich schleunig ergießt, wann gedrängt Zeus' Schauer herabfällt;
Weit dann versinkt vor jenem der Jünglinge fröhliche Arbeit:
Also vor Tydeus Sohn enttaumelten dichte Geschwader
Troisches Volks, und harreten nicht, wie viel sie auch waren.
95
Aber sobald ihn schaute der glänzende Sohn des Lykaon,
Wie er durchtobte das Feld, und umher zerstreute die Scharen;
Richtet' auf Tydeus Sohn er sofort sein krummes Geschoß hin,
Schnellte dem Stürmenden zu, und traf ihn rechts an der Schulter
In sein Panzergelenk; ihm flog das herbe Geschoß durch,
100
Grad' in die Schulter hinein, und Blut umströmte den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Angedrängt, ihr Troer voll Kriegsmut, Sporner der Rosse!
Denn nun traf's den besten der Danaer! Nimmer vermut' ich
Wird er es lang' aushalten, das starke Geschoß, so in Wahrheit
105
Mich Zeus' herrschender Sohn zum Streit aus Lykia hertrieb!
Jener riefs aufjauchzend; doch nicht bezwang das Geschoß ihn!
Sondern er wich, und gestellt vor den rossebespanneten Wagen,
Redet' er Sthenelos an, den kapaneïschen Sprößling:
Auf, o trautester Kapaneiad', und steige vom Wagen,
110
Daß du hervor aus der Schulter das herbe Geschoß mir entziehest.
Jener sprach's; doch Sthenelos sprang von dem Wagen zur Erde,
Trat hinan, und entzog den durchdringenden Pfeil aus der Schulter;
Hell durchspritzte das Blut die geflochtenen Ringe des Panzers.
Jetzo betete laut der Rufer im Streit Diomedes:
115
Höre, des ägiserschütternden Zeus' unbezwungene Tochter!
Wenn du mir je und dem Vater mit sorgsamer Liebe genahet
Im feindseligen Streit; so liebe mich nun, o Athene!
Laß mich treffen den Mann, und den fliegenden Speer ihn erreichen,
Welcher zuvor mich verwundet, und nun frohlockend sich rühmet,
120
Nicht mehr schau' ich lange das Licht der strahlenden Sonne!
Also rief er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß', und die Arme von oben;
Nahe nun trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Kehre getrost, Diomedes, zum mutigen Kampf mit den Troern;
125
Denn dir goß ich ins Herz die Kraft und Stärke des Vaters,
Unverzagt, wie sie trug der geschildete reisige Tydeus.
Auch das Dunkel entnahm ich den Augen dir, welches sie deckte;
Daß du wohl erkennest den Gott und den sterblichen Menschen.
Drum so etwa ein Gott herannaht, dich zu versuchen;
130
Hüte dich, seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
Allen sonst: doch käme die Tochter Zeus Aphrodite
Her in den Streit, die magst du mit spitzigem Erze verwunden.
Also sprach und enteilte die Herrscherin Pallas Athene.
Aber es flog Diomedes zurück in das Vordergetümmel.
135
Hatt' er zuvor im Herzen geglüht, mit den Troern zu kämpfen;
Jetzo ergriff ihn dreimal entflammterer Mut, wie den Löwen,
Welchen der Hirt im Felde, die molligen Schafe bewachend,
Streifte, doch nicht erschoß, da über den Zaun er hereinsprang;
Jenem erhebt sich der Zorn, und hinfort kann keiner ihm wehren,
140
Sondern er dringt in die Ställe hinein, die Verlassenen scheuchend;
Und nun liegen gehäuft die Blutenden übereinander;
Aber voll Wut entspringt er dem hochumschränkten Gehege:
Also drang in die Troer voll Wut der Held Diomedes.
Jetzo rafft' er Astynoos hin und den Herrscher Hypeinor:
145
Ihn an der Warze der Brust mit eherner Lanze durchbohrend;
Jenem schwang er ins Schultergelenk des gewaltigen Schwertes
Hieb, daß vom Halse die Schulter sich sonderte, und von dem Rücken.
Diese verließ, und zu Abas enteilet' er, und Polyeidos,
Beid' Eurydamas Söhne, des traumauslegenden Greises.
150
Doch den Scheidenden hatte der Greis nicht Träume gedeutet;
Sondern es raubt' ihr Geschmeide der starke Held Diomedes.
Drauf den Xanthos und Thoon verfolget' er, Söhne des Phänops,
Beide spät ihm geboren; und schwach vom traurigen Alter,
Zeugt' er kein anderes Kind, sein Eigentum zu ererben.
155
Jener entwaffnete nun, ihr süßes Leben vertilgend,
Beid', und ließ den Vater in Gram und finsterer Schwermut
Dort; dieweil nicht lebend sie heim aus dem Treffen ihm kehrten,
Freudig begrüßt, und das Erb' eindringende Fremde sich teilten.
Jetzo zween aus Priamos' Blut, des Dardanionen,
160
Traf er auf einem Geschirr, den Chromios und den Echemon;
Und wie ein Löw' in die Rinder sich stürzt, und den Nacken der starke
Abknirscht, oder der Kuh, die Laubgehölze durchweiden:
Also beide zugleich warf Tydeus Sohn aus dem Wagen
Schrecklich herab mit Gewalt; und hierauf nahm er die Rüstung;
165
Doch das Gespann entführten die Seinigen ihm zu den Schiffen.
Jenen sah Äneias umher verdünnen die Schlachtreihn;
Flugs durcheilt' er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob er ihn fände.
Jetzo fand er den starken untadlichen Sohn des Lykaon,
170
Trat nun hinan vor jenen, und redete, also beginnend:
Pandaros, wo dein Bogen, und wo die gefiederten Pfeile,
Und dein Ruhm, den weder allhier ein anderer teilet,
Noch in Lykia einer dir abzugewinnen sich rühmet?
Hebe die Hände zu Zeus, und sende dem Mann ein Geschoß hin,
175
Der da umher so schaltet, und schon viel Böses den Troern
Stiftete, weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!
Ist er nicht etwa ein Gott, der im Zorn heimsuchet die Troer,
Rächend der Opfer Schuld; denn hart ist die Rache der Götter.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
180
Edler Fürst, Äneias, der erzgepanzerten Troer,
Gleich des Tydeus Sohne, dem Feurigen, acht' ich ihn völlig;
Denn ich erkenne den Schild, und die längliche Kuppel des Helmes,
Auch sein Rossegeschirr; doch vielleicht auch mag er ein Gott sein.
Ist der Mann, den ich sage, der feurige Sohn des Tydeus;
185
Traun nicht ohne Götter ergrimmt' er so, sondern ihm nahe
Steht ein Unsterblicher dort, ein Gewölk um die Schultern sich hüllend,
Der auch das schnelle Geschoß abwendete, welches ihm zuflog.
Denn ihm sandt' ich bereits ein Geschoß, und traf ihm die Schulter
Rechts, daß hinein es drang, das Panzergelenk ihm durchbohrend;
190
Und ich hofft', ihn hinab zu beschleunigen zum Aïdoneus.
Dennoch bezwang ich ihn nicht. Ein Gott muß wahrlich erzürnt sein.
Auch nicht hab' ich die Ross', und ein schnelles Geschirr zu besteigen;
Sondern ich ließ in Lykaons Palast elf zierliche Wagen,
Stark und neu vom Künstler gefügt, mit Teppichen ringsum
195
Überhängt; und bei jeglichem stehn zweispännige Rosse
Müßig, mit nährendem Spelt und gelblicher Gerste gesättigt.
Dringend ermahnete zwar der grauende Krieger Lykaon
Mich den Scheidenden dort in der schöngebaueten Wohnung,
Daß ich erhöht im Sessel des rossebespanneten Wagens
200
Trojas Schar anführte zum Ungestüme der Feldschlacht.
Aber ich hörete nicht, (wie heilsam, hätt' ich gehöret!)
Schonend des edlen Gespanns, daß mir's nicht darbte der Nahrung
Bei umzingeltem Volk, da es reichliches Futter gewohnt war.
Also kam ich zu Fuß gen Ilios, ohne die Rosse,
205
Nur dem Bogen vertrauend; allein nichts sollt' er mir helfen!
Denn schon zween umher der edleren Helden erreicht' ich,
Tydeus Sohn, und des Atreus Sohn; und beiden hervor drang
Helles Blut aus der Wunde: doch reizt' ich beide nur stärker.
Zur unseligen Stund' enthob ich Bogen und Köcher
210
Jenes Tages dem Pflock, da nach Ilios lieblicher Feste
Trojas Schar ich führte, zu Gunst dem erhabenen Hektor.
Werd' ich hinfort heimkehren, und wiedersehn mit den Augen
Vatergefild' und Weib, und die hohe gewölbete Wohnung;
Schleunig haue mir dann das Haupt von der Schulter ein Fremdling,
215
Wo nicht dieses Geschoß in loderndes Feuer ich werfe,
Kurz in den Händen geknickt, daß ein nichtiger Tand mich begleitet!
Aber Äneias sprach, der Troer Fürst, ihm erwidernd:
Freund, nicht also geredet! Zuvor wird dieses nicht anders,
Ehe dem Mann wir beide mit Kriegesrossen und Wagen
220
Kühn entgegengerennt, und mit unserer Wehr ihn versuchet.
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung.
Uns auch wohl in die Stadt erretten sie, wenn ja von neuem
225
Zeus ihm Ehre verleiht, des Tydeus Sohn Diomedes.
Auf denn, die Geißel sofort, und die purpurschimmernden Zügel,
Nimm; ich selbst verlasse die Ross' und warte des Kampfes.
Oder begegn' ihm du; und mir sei die Sorge der Rosse.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
230
Lenke du selbst, Äneias, dein Rossegespann mit den Zügeln.
Hurtiger mögen, gewohnt des Lenkenden, jen' uns entreißen
Auf dem gebognen Geschirr, wann wieder verfolgt der Tydeide:
Daß sie uns nicht abschweifen umhergescheucht, und dem Schlachtfeld'
Uns unwillig enttragen, des Eigeners Stimme vermissend;
235
Aber dahergestürmt der Sohn des mutigen Tydeus
Uns dann beid' erschlag', und entführe die stampfenden Rosse.
Darum lenke du selbst dein Wagengeschirr und die Rosse;
Jenem will ich, so er kommt, mit spitziger Lanze begegnen.
Also redeten beid', und den künstlichen Wagen besteigend',
240
Sprengten auf Tydeus Sohn sie daher mit hurtigen Rossen.
Sie nahm Sthenelos wahr, der kapaneïsche Krieger,
Wandte sich schnell zum Tydeiden, und sprach die geflügelten Worte:
Tydeus Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Schau zween tapfere Männer auf dich herstürmen zum Kampfe,
245
Beid' unermeßlicher Kraft: der dort, wohlkundig des Bogens,
Pandaros, welcher den Sohn des Lykaon rühmend sich nennet;
Weil Äneias ein Sohn des hochbeherzten Anchises
Trotzt entsprossen zu sein von der Tochter Zeus' Aphrodite.
Laß uns schnell im Wagen entfliehn, und wüte mir so nicht
250
Unter dem Vordergewühl, daß nicht dein Leben dir schwinde.
Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Nichts von Flucht mir gesagt; denn schwerlich möcht' ich gehorchen!
Mir nicht ist's anartend, zurückzubeben im Kampfe,
Oder hinab mich zu schmiegen; noch fest mir dauret die Stärke!
255
Mich verdreußt's im Wagen zu stehn; vielmehr, wie ich hier bin,
Wandl' ich gegen sie an; Furcht wehret mir Pallas Athene.
Nie trägt jene zurück ihr Gespann schnellfüßiger Rosse
Beid' aus unseren Händen, wofern auch einer entrinnet.
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
260
Wenn ja den Ruhm mir gewährt die ratende Göttin Athene,
Beide sie hinzustrecken; dann unsere hurtigen Rosse
Hemme zurück, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Und zu Äneias' Rossen enteile mir, daß du sie wegfährst
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
265
Jenes Geschlechts sind diese, das Zeus Kronion dem Troß einst
Gab zum Entgelte des Sohns Ganymedes: edel vor allen
Rossen, so viel' umstrahlet das Tageslicht und die Sonne.
Jenes Geschlechts entwandte der Völkerfürst Anchises,
Ohne Laomedons Kunde die eigenen Stuten vermählend,
270
Welche darauf sechs Füllen in seinem Palast ihm gebaren,
Vier von jenen behaltend ernähret' er selbst an der Krippe;
Diese gab er Äneias dem Sohn, zween stürmende Renner.
Könnten wir dies' erbeuten, dann würd ein herrlicher Ruhm uns!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
275
Schnell nun nahten sie dort, die hurtigen Rosse beflügelnd.
Gegen ihn rufte zuerst der glänzende Sohn des Lykaon:
Feuriger, hochbeherzter, du Sohn des strahlenden Tydeus,
Nicht das herbe Geschoß, das der Bogen schnellte, bezwang dich;
Aber anjetzt mit dem Speere versuch' ich es, ob er mir treffe.
280
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze;
Und sie traf auf den Schild des Königes; aber hindurch flog
Stürmend die eherne Spitz', und schmetterte gegen den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Ha! das traf doch hindurch in die Weiche dir! Nimmer vermut' ich,
285
Wirst du es lang' aushalten; und großen Ruhm mir gewährst du!
Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:
Nicht getroffen, gefehlt! Doch schwerlich werdet ihr, mein' ich,
Eher zur Ruh hingehn, bis wenigstens einer entfallend
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
290
Sprach's, und entsandte den Speer; ihn richtete Pallas Athene
Grad' am Aug' in die Nas'; und die weißen Zähn' ihm durchdrang sie;
Hinten zugleich die Zunge zerschnitt das starrende Erz ihm,
Daß die Spitz' ihm entfuhr am äußersten Ende des Kinnes.
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen,
295
Reges Gelenks, weitstrahlend; und seitwärts zuckten die Rosse,
Mutig und rasch; ihn aber verließ dort Atem und Stärke.
Aber es stürmt' Äneias mit Schild und ragendem Speer an,
Sorgend, daß ihm wegzögen den toten Freund die Achaier.
Rings umwandelt' er ihn, wie ein Löw' in trotzender Kühnheit;
300
Vor ihn streckt' er die Lanz', und den Schild von gerundeter Wölbung,
Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem,
Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff den gewaltigen Feldstein
Tydeus' Sohn, so schwer, daß nicht zween Männer ihn trügen,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
305
Hiermit traf er Äneias das Hüftgelenk, wo des Schenkels
Bein in der Hüfte sich dreht, das auch die Pfanne genannt wird;
Und er zermalmt' ihm die Pfann', und zerriß ihm beide die Sehnen;
Rings auch entblößte die Haut der zackige Stein: und der Held sank
Vorwärts hin auf das Knie, und stemmte die nervichte Rechte
310
Gegen die Erd', und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Dort nun wär' er gestorben der Völkerfürst Äneias,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus' Aphrodite,
Die dem Anchises vordem ihn gebar bei der Herde der Rinder.
Diese den trautesten Sohn mit Lilienarmen umschlingend,
315
Breitet' ihm vor die Falte des silberhellen Gewandes,
Gegen der Feinde Geschoß, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt', und das Leben entrisse.
Also den trautesten Sohn enttrug sie hinweg aus der Feldschlacht.
Doch nicht Kapaneus Sohn war sorglos jenes Vertrages,
320
Welchen ihm anbefahl der Rufer im Streit Diomedes;
Sondern er hemmt' abwärts sein Gespann starkhufiger Rosse
Außer dem Sturm, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Schnell dann Äneias Rosse, die schöngemähnten, entführt' er
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern;
325
Gab sie darauf dem Genossen Deïpylos, den er vor allen
Jugendfreunden geehrt, weil fügsames Sinnes sein Herz war:
Daß zu den Schiffen hinab er sie führete. Selber der Held dann
Stieg in das eigne Geschirr, und ergriff die prangenden Zügel,
Lenkte dann schnell zum Tydeiden die mächtig stampfenden Rosse,
330
Freudiges Muts. Der folgte mit grausamem Erze der Kypris,
Weil er erkannte, sie erschein' unkriegerisch, keine der andern
Göttinnen, welche der sterblichen Schlacht obwaltend durchwandeln,
Weder Athenens Macht, noch der Städt' Unholdin Enyo.
Als er nunmehr sie erreicht, durch Schlachtgetümmel verfolgend;
335
Jetzo die Lanze gestreckt, der Sohn des erhabenen Tydeus,
Traf er daher sich schwingend mit eherner Spitze die Hand ihr,
Zart und weich; und sofort in die Haut ihr stürmte die Lanze
Durch die ambrosische Hülle, die ihr Charitinnen gewebet,
Nah am Gelenk in der Fläche: da rann ihr unsterbliches Blut hin,
340
Klarer Saft, wie den Wunden der seligen Götter entfließet;
Denn nicht essen sie Brot, noch trinken sie funkelndes Weines;
Blutlos sind sie daher, und heißen unsterbliche Götter.
Laut nun schrie die Göttin, und warf zur Erde den Sohn hin.
Aber ihn in den Händen errettete Phöbos Apollon,
345
Hüllend in dunkles Gewölk, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt', und das Leben entrisse.
Jetzo erhub die Stimme der Rufer im Streit Diomedes.
Weiche zurück, Zeus' Tochter, aus Männerkampf und Entscheidung!
Nicht genug, daß du Weiber von schwachem Sinne verleitest?
350
Wo du hinfort in den Krieg dich einmengst; wahrlich ich meine,
Schaudern sollst du vor Krieg, wenn du fern nur nennen ihn hörest!
Jener sprach's; und verwirrt enteilte sie, Qualen erduldend.
Iris nahm und enttrug sie windschnell aus dem Getümmel,
Ach, vom Schmerze betäubt, und die schöne Hand so gerötet!
355
Jetzo fand sie zur Linken der Schlacht den tobenden Ares
Sitzend, in Nacht die Lanze gehüllt, und die hurtigen Rosse.
Jen' auf die Knie' hinfallend vor ihrem teuersten Bruder,
Bat und flehete sehr um die goldgeschirreten Rosse.
Teuerster Bruder, schaffe mich weg, und gib mir die Rosse;
360
Daß zum Olympos ich komm', allwo die Unsterblichen wohnen.
Heftig schmerzt mich die Wunde; mich traf ein sterblicher Mann dort,
Tydeus' Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte.
Jene sprach's; und er gab die goldgeschirreten Rosse.
Und sie trat in den Sessel, ihr Herz voll großer Betrübnis.
365
Neben sie trat dann Iris, und faßt' in den Händen die Zügel;
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.
Bald erreichten sie dann die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun hemmte die Rosse die windschnell eilende Iris,
Schirrte sie ab vom Wagen, und reicht' ambrosische Nahrung.
370
Aber mit Wehmut sank in Dionens Schoß Aphrodite;
Jene ritterlich hielt die göttliche Tochter umarmend,
Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend:
Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern
Sonder Scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
375
Ihr antwortete drauf die holdanlächelnde Kypris:
Tydeus' Sohn dort traf mich, der stolze Held Diomedes,
Weil ich den lieben Sohn aus dem Kampf enttrug, den Äneias,
Welcher mir vor allen geliebt ist unter den Menschen.
Nicht ist's mehr der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht;
380
Sondern es nahn die Achaier sogar Unsterblichen kämpfend!
Ihr antwortete drauf die herrliche Göttin Dione:
Dulde, du liebes Kind, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Viele ja duldeten schon, wir Götter umher des Olympos,
Gram von sterblichen Menschen, indem wir einander gekränket.
385
Ares ertrug's, als jenen die Riesenbrut des Aloeus,
Otos samt Ephialtes, in schmerzenden Banden gefesselt.
Dreizehn lag er der Mond' umschränkt vom ehernen Kerker;
Und er verschmachtete schier, der unersättliche Krieger,
Wenn nicht der Brut Stiefmutter, die reizende Eëriböa,
390
Solches dem Hermes gesagt: der stahl von dannen den Ares,
Kraftlos schon und ermattet; denn hart bezwang ihn die Fessel.
Here auch trug's, als einst Amphitryons mächtiger Sohn ihr
Mit dreischneidigem Pfeil an der rechten Seit' in den Busen
Traf. da hätte sie fast unheilbare Schmerzen empfangen.
395
Selbst auch Aïdes trug's, der gewaltige Schattenbeherrscher,
Als ihn eben der Mann, der Sohn des Ägiserschüttrers,
Unten am Tor der Toten mit schmerzendem Pfeile verwundet.
Aber er stieg zum Hause des Zeus und dem hohen Olympos,
Traurend das Herz, durchdrungen von wütender Pein; denn geheftet
400
War in der mächtigen Schulter der Pfeil, und quält' ihm die Seele.
Doch ihm legt' auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Kühner, entsetzlicher Mann, der frech, nicht achtend des Frevels,
Sein Geschoß auf Götter gespannt, des Olympos Bewohner!
405
Jenen erregte dir Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Tor! er erwog nicht solches, der Sohn des mutigen Tydeus,
Daß nicht lange besteht, wer wider Unsterbliche kämpfet,
Daß nicht Kinder ihm einst an den Knien: mein Väterchen! stammeln,
Ihm der gekehrt aus Krieg und schreckenvoller Entscheidung.
410
Darum hüte sich jetzt, wie tapfer er sei, Diomedes,
Daß nicht stärker denn du ein anderer gegen ihn kämpfe;
Daß nicht Ägialeia, die sinnige Tochter Adrastos,
Einst aus dem Schlaf aufschluchzend die Hausgenossen erwecke,
Schwermutsvoll um den Jugendgemahl, den besten Achaier,
415
Sie, das erhabene Weib von Tydeus' Sohn Diomedes!
Sprach's, und trocknete jener mit beiden Händen die Wunde;
Heil ward jetzo die Hand, und besänftiget ruhten die Schmerzen.
Aber es schauten daher Athen' und die Herrscherin Here,
Und mit stichelnden Worten erregten sie Zeus Kronion.
420
Also redete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Vater Zeus, ob du solches verargen mir wirst, was ich sage?
Sicher bewog nun Kypris ein schönes achaiisches Weiblein,
Mitzugehn zu den Troern, die jetzt unmäßig sie liebet;
Dort vielleicht am Gewande der holden Achaierin streichelnd,
425
Hat sie mit goldener Spange die zarte Hand sich geritzet.
Lächelnd vernahm's der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Rief sie heran, und sprach zur goldenen Aphrodite:
Töchterchen, dein Geschäft sind nicht die Werke des Krieges.
Ordne du lieber hinfort anmutige Werke der Hochzeit.
430
Diese besorgt schon Ares der Stürmende, und Athenäa.
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Dort auf Äneias stürzte der Rufer im Streit Diomedes,
Wissend zwar, daß selber Apollons Hand ihn bedeckte.
Doch nicht scheut' er den Gott, den gewaltigen; sondern begierig
435
Strebt' er zu töten den Held, und die prangende Rüstung zu rauben.
Dreimal stürzt' er hinan, voll heißer Begier zu ermorden;
Dreimal erregte mit Macht den leuchtenden Schild ihm Apollon.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon,
Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
440
Hüte dich, Tydeus' Sohn, und weiche mir! Nimmer den Göttern
Wage dich gleich zu achten; denn gar nicht ähnliches Stammes
Sind unsterbliche Götter, und erdumwandelnde Menschen!
Jener sprach's; da entwich mit zauderndem Schritt Diomedes,
Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
445
Doch den Äneias enttrug dem Schlachtgetümmel Apollon,
Wo sein Tempel ihm stand auf Pergamos heiliger Höhe.
Sein dort pflegeten Leto und Artemis, froh des Geschosses,
Drinnen im heiligsten Raum, ihm Kraft und Herrlichkeit schenkend.
Jener schuf ein Gebild, der Gott des silbernen Bogens,
450
Selbst dem Äneias gleich an Gestalt und jeglicher Rüstung;
Und um das Bild die Troer und hochbeherzten Achaier
Haueten wild einander umher an den Busen die Stierhaut
Schöngeründeter Schild' und leichtgeschwungener Tartschen.
Doch zum tobenden Ares begann nun Phöbos Apollon:
455
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer!
Möchtest du nicht den Mann aus der Schlacht hingehend vertreiben,
Tydeus' Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte?
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;
Aber darauf mich selber bestürmet er, stark wie ein Dämon!
460
Dieses gesagt, ging jener auf Pergamos Höhe sich setzend.
Aber die Troer durcheilt' und ermunterte Ares der Wütrich,
Akamas gleich an Gestalt, dem rüstigen Führer der Thraker.
Jetzt des Priamos Söhnen, den gottbeseligten, rief er:
O ihr Priamos Söhne, des gottbeseligten Herrschers,
465
Bis wie lang' erlaubt ihr das Morden des Volks den Achaiern?
Bis vielleicht um der Stadt schönprangende Tore gekämpft wird?
Liegt doch der Mann, den gleich wir geehrt dem göttlichen Hektor,
Dort Äneias, der Sohn des hochgesinnten Anchises!
Aber wohlan, dem Getümmel entreißt den edlen Genossen!
470
Jener riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Jetzo begann Sarpedon, und schalt den göttlichen Hektor:
Hektor, wohin entflohe der Mut dir, den du zuvor trugst?
Schirmen auch ohne Volk und Verbündete wolltest du Troja,
Du allein mit den Schwägern und deinen leiblichen Brüdern!
475
Keinen davon nun kann ich umherschaun, oder erblicken;
Sondern geschmiegt sind alle, wie scheue Hund' um den Löwen;
Doch wir tragen die Schlacht, die wir als Berufene mitgehn.
Auch ich selbst, ein Bundesgenoß, sehr ferne ja kam ich,
Her aus dem Lykierland' an Xanthos wirbelnden Fluten:
480
Wo ein geliebtes Weib und ein zarter Sohn mir zurückblieb,
Auch der habe so viel, als nur ein Darbender wünschet.
Aber auch so ermahn' ich die Lykier, eifere selbst auch,
Meinem Mann zu begegnen; wiewohl nichts solches mir hier ist,
Welches hinweg mir trüg' ein Danaer, oder entführte.
485
Doch du stehst da selber, und auch nicht andere treibst du
Auszuharren im Volk, und Schutz zu schaffen den Weibern.
Daß nur nicht, wie gefangen im weiteinschließenden Zuggarn,
Ihr feindseligen Männern zu Raub und Beute dahinsinkt,
Welche sie bald austilgten, die Stadt voll prangender Häuser!
490
Dir ja gebührt's, das alles bei Tag' und Nacht zu besorgen,
Flehend umher den Fürsten der fernberufenen Helfer,
Rastlos hier zu bestehn, und nicht zu drohen mit Vorwurf!
Also sprach Sarpedon, das Herz verwundend dem Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
495
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt' er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn, und begegneten kühn den Achaiern;
Argos Volk dort harrte, gedrängt in Scharen und furchtlos.
Doch wie der Wind hinträget die Spreu durch heilige Tennen,
500
Unter der Wurfeler Schwung, wann die gelbgelockte Demeter
Sondert die Frucht und die Spreu im Hauch andrängender Winde;
Fern dann häuft das weiße Gestöber sich: also umzog nun
Weiß von oben der Staub die Danaer, den durch die Heerschar
Hoch zum ehernen Himmel emporgeschlagen die Rosse,
505
Wieder zum Kampf anrennend, da rings umwandten die Lenker.
Rasch mit der Hände Gewalt vorstrebten sie. Aber in Nacht nun
Hüllte der tobende Ares die Schlacht, zum Schirme den Troern,
Wandelnd um jegliche Schar, und richtete aus die Ermahnung,
Was ihm Phöbos Apollon mit goldenem Schwerte geheißen,
510
Trojas Volke den Mut zu erhöhn; als Pallas Athene
Scheiden er sah, die dort als Helferin ging den Achaiern.
Jener entsandt' Äneias nunmehr aus des prangenden Tempels
Heiligtum, und erfüllte mit Kraft den Hirten der Völker.
Plötzlich trat zu den Seinen der Herrliche; aber mit Freude
515
Schaueten sie, daß lebend und unverletzt er daherging,
Und voll tapferes Mutes; allein ihn fragete keiner;
Denn es verbot das Geschäft, das sonst Apollon erregte,
Ares der Würger zugleich, und die rastlos lechzende Eris.
Aber die Ajas beid', und Odysseus, samt Diomedes,
520
Trieben daher zum Kampfe die Danaer, welche von selbst auch
Weder dem Drang der Troer erzitterten, weder dem Feldruf;
Sondern sie harreten fest, dem Gewölk gleich, welches Kronion
Stellt' in ruhiger Luft auf hochgescheitelten Bergen,
Unbewegt, weil schlummert des Boreas Wut, und der andern
525
Vollandrängenden Winde, die bald die schattigen Wolken
Mit lautbrausendem Hauche zerstreut auseinander dahinwehn:
Also standen dem Feind die Danaer ruhig und furchtlos.
Atreus Sohn durcheilte die Heerschar, vieles ermahnend:
Seid nun Männer, o Freund', und erhebt euch tapferes Herzens!
530
Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!
Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer denn fallen;
Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt, noch Errettung!
Rief's, und entsandte den Speer mit Gewalt; und im vorderen Treffen
Streckt' er Deïkoon hin, den Freund des edlen Äneias,
535
Pergasos Sohn, den hoch wie Priamos Söhne die Troer
Ehrten; denn rasch war jener im Vorderkampfe zu kämpfen.
Diesem traf mit der Lanze den Schild Agamemnon der Herrscher;
Und nicht hemmete jener den Speer; durchstürmte das Erz ihm
Unten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
540
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Jetzo entrafft' Äneias der Danaer tapferste Männer,
Krethon samt dem Bruder Orsilochos, Söhne Diokles.
Aber der Vater wohnt' in der schöngebaueten Fähre,
Reich an Lebensgut, und erwuchs vom Geschlecht des Alpheios,
545
Welcher den breiten Strom hinrollt durch der Pylier Äcker:
Der den Orsilochos zeugt', ein großes Volk zu beherrschen;
Aber Orsilochos zeugte den hochgesinnten Diokles;
Und dem Diokles wurden die Zwillingssöhne geboren,
Krethon und Orsilochos, beid' allkundig des Streites.
550
Beid' als Jünglinge nun in dunkelen Schiffen des Meeres
Folgeten Argos Heere zum Kampf mit den Reisigen Trojas,
Ruhm für Atreus Söhn', Agamemnon und Menelaos,
Suchend im Streit: nun hüllte sie dort des Todes Verhängnis.
Wie zween freudige Löwen zugleich auf ragenden Berghöhn
555
Wuchsen genährt von der Mutter, in dunkeler Tiefe des Waldes;
Jetzo Rinder umher und gemästete Schafe sich raubend,
Weit der Männer Gehege verwüsten sie; bis sie nun selber
Fallen durch Menschenhand, von spitzigem Erze getötet:
So voll Kraft, von Äneias gewaltigen Händen besieget,
560
Sanken die zween, gleich Tannen mit hochaufsteigenden Wipfeln.
Ihren Fall betraurte der Rufer im Streit Menelaos.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Nahet' er, schwenkend den Speer; und das Herz ermuntert' ihm Ares,
Weil er hofft', ihn gestreckt von Äneias Händen zu schauen.
565
Als ihn Antilochos sahe, der Sohn des erhobenen Nestor,
Eilt er durchs Vordergewühl; denn er sorgt' um den Hirten der Völker,
Daß er blieb', und dem Volke vereitelte alle die Arbeit.
Beide schon die Arm' und die erzgerüsteten Lanzen
Hielten sie gegeneinander gewandt, in Begierde des Kampfes.
570
Aber Antilochos trat dem Völkerhirten zur Seite:
Und nicht harrt' Äneias, obgleich ein rüstiger Kämpfer,
Als er sah zween Männer, voll Muts miteinander beharrend.
Jene, nachdem sie die Toten zum Volk der Achaier gezogen,
Ließen dort die Armen gelegt in die Hände der Freunde;
575
Doch sie selber gewandt, arbeiteten wieder im Vorkampf.
Ihnen sank Pylämenes nun, dem Ares vergleichbar,
Fürst der Paphlagonen, der schildgewappneten Streiter:
Welchen des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Stach, wie er stand, mit der Lanz', am Schlüsselbein ihn durchbohrend.
580
Aber Antilochos warf den zügellenkenden Diener,
Mydon, Atymnios Sohn, da er wandte die stampfenden Rosse,
Grad' an des Armes Gelenk mit dem Feldstein; daß ihm die Zügel,
Schimmernd von Elfenbein, in den Staub des Gefildes entsanken.
Doch Antilochos naht' und hieb ihm das Schwert in die Schläfe;
585
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel,
Häuptlings hinab in den Staub, auf Scheitel gestellt und Schultern.
Also stand er lange, vom lockeren Sande gehalten,
Bis anstoßend die Ross' in den Staub hinwarfen den Leichnam;
Denn sie trieb mit der Geißel Antilochos zu den Achaiern.
590
Jetzt wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt' er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer,
Tapfere. Dort ging Ares voran, und die grause Enyo:
Diese Getös' herbringend und unermeßlichen Aufruhr;
Ares dort in den Händen die schreckliche Lanze bewegend,
595
Wandelte bald vor Hektor einher, bald folget' er jenem.
Ihn erblickt' aufschauend der Rufer im Streit Diomedes.
So wie ein Mann unkundig, der Fremdlinge Fluren durchwandernd,
Steht am Rand des reißenden Stroms, der ins Meer sich ergießet,
Starr voll Schaum hinbrausen ihn sieht, und in Eile zurückkehrt:
600
Also entriß der Tydeid' in Eile sich, sprach dann zum Volke:
Freunde, wie sehr erstaunen wir doch dem göttlichen Hektor,
Ihm als Lanzenschwinger und unerschrockenen Krieger?
Geht bei ihm doch immer ein Gott, und wehrt dem Verderben!
Jetzt auch naht' ihm Ares, der dort wie ein Sterblicher wandert!
605
Auf denn, gegen die Troer zurückgewendet das Antlitz,
Weichen wir, nicht verlangend den Kampf mit unsterblichen Göttern!
Jener sprach's; und die Troer in Schlachtreihn wandelten näher.
Aber Hektor erschlug zween streiterfahrene Männer,
Beid' auf einem Geschirr, Anchialos und Menesthes.
610
Ihren Fall betraurte der Telamonier Ajas.
Näher trat er hinan, und schwang die eherne Lanze;
Selagos Sohn dort traf er, Amphios, welcher in Päsos
Wohnete, güterreich und feldreich; doch das Verhängnis
Führt' ihn, Helfer zu sein, dem Priamos her und den Söhnen.
615
Diesen traf am Gurte der Telamonier Ajas,
Daß ihm tief in den Bauch eindrang die ragende Lanze;
Dumpf hinkracht' er im Fall. Da naht' ihm der leuchtende Ajas,
Rasch die Wehr zu entziehn; doch es schütteten Speere die Troer,
Blinkend und scharfgespitzt, und den Schild umstarreten viele.
620
Jetzo den Fuß anstemmend, die eherne Lanz' aus dem Leichnam
Zog er heraus; doch nicht vermocht' er die prangende Rüstung
Auch von der Schulter zu nehmen; denn dicht umstürmte Geschoß ihn.
Furcht nun gebot der mächtige Kreis hochherziger Troer,
Welche viel und tapfer ihm droheten, Speere bewegend;
625
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
So arbeiteten jen' im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber den Herakleiden Tlepolemos, groß und gewaltig,
Trieb auf Sarpedon daher, den göttlichen, böses Verhängnis.
630
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,
Sohn zugleich und Enkel des schwarzumwölkten Kronion;
Jetzo hub Tlepolemos an, und redete also:
Herrscher des Lykiervolks Sarpedon, rede, was zwang dich,
Hier in Angst zu vergehn, ein Mann unkundig des Streites?
635
Unwahr preisen sie dich ein Geschlecht des Ägiserschüttrers
Zeus, denn sehr gebricht dir die Heldentugend der Männer,
Welche von Zeus abstammten in vorigen Menschengeschlechtern!
Welch ein anderer war die hohe Kraft Herakles,
Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, löwenbeherzte:
640
Welcher auch hieher kam, Laomedons Rosse zu fordern,
Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet,
Aber die Stadt verödet, und leer die Gassen zurückließ!
Du bist feig im Herzen, und führst hinsterbende Völker;
Und nicht wirst du den Troern, so scheinet es, Hilfe gewähren,
645
Kommend aus Lykiens Flur, auch nicht wenn du tapferer wärest,
Sondern von mir bezwungen zu Aïdes Pforten hinabgehn!
Drauf begann Sarpedon, der Lykier Fürst, ihm erwidernd:
Zwar, Tlepolemos, jener verwüstete Ilios Feste,
Um des erhabenen Helden Laomedons frevelnde Torheit,
650
Weil er für Wohltat ihn mit heftiger Rede bedrohend,
Nicht die Rosse verliehn, weshalb er ferne gekommen.
Doch dir meld' ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,
Durch mich selbst dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,
Gibst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul' Aïdoneus.
655
Also sprach Sarpedon; und hoch mit eschenem Wurfspieß
Drohte Tlepolemos her, und zugleich entstürmeten beider
Lange Geschosse der Hand. Es traf dem Gegner Sarpedon
Grad' in den Hals, daß hinten die Spitz' ihm schrecklich hervordrang;
Schnell umhüllt' ihm die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
660
Aber Tlepolemos traf den linken Schenkel Sarpedons
Mit dem gewaltigen Speer; und hindurch flog strebend die Spitze,
Bis an den Knochen gedrängt; nur den Tod noch hemmte der Vater.
Jetzo den göttlichen Held Sarpedon führeten liebend
Edle Freund' aus dem Kampf, doch die ragende Lanze beschwert' ihn,
665
Nachgeschleift; denn keiner bemerkte sie, oder besann sich,
Daß er dem Schenkel entzöge den Wurfspieß, leichter zu wandeln,
Unter der Hast; so in Eil' arbeiteten seine Besorger.
Auch Tlepolemos trugen die hellumschienten Achaier
Schnell aus dem Kampfe zurück. Dies sah der edle Odysseus,
670
Voll ausdaurender Kraft; und bewegt ward innig das Herz ihm.
Und er erwog hinfort in des Herzens Geist und Empfindung:
Ob er zuvor Zeus' Sohn, des donnerfrohen, verfolgte;
Oder mehreren dort der Lykier raubte das Leben.
Aber Odysseus nicht, dem Erhabenen, gönnte das Schicksal,
675
Zeus' gewaltigen Sohn mit scharfem Erz zu erlegen;
Drum in das Volk der Lykier trieb den Mut ihm Athene.
Dort den Köranos rafft' er, den Chromios, und den Alastor,
Halios auch, und Alkandros, und Prytanis, auch den Noëmon.
Und noch mehr der Lykier schlug der edle Odysseus,
680
Wenn nicht schnell ihn bemerkt der helmumflatterte Hektor.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Kam er, ein Graun der Achaier; doch froh des nahenden Freundes
Ward Zeus' Sohn Sarpedon, und sprach mit trauriger Stimme:
Laß nicht, Priamos' Sohn, mich nun zum Raub den Achaiern
685
Liegen; verteidige mich! Dann mög' auch fliehen mein Leben
Dort in euerer Stadt; dieweil ja nicht mir verhängt ward,
Heimgekehrt in mein Haus, zum lieben Lande der Väter,
Einst mein liebendes Weib und den zarten Sohn zu erfreuen!
Jener sprach's; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor!
690
Sondern er stürmte vorbei, voll heißer Begier, wie er eilig
Wegdrängt' Argos Volk, und vielen noch raubte das Leben.
Aber den göttlichen Held Sarpedon legten die Freunde
Unter des ägiserschütternden Zeus' weitprangende Buche.
Dort nun zog ihm hervor den eschenen Speer aus dem Schenkel
695
Pelagon, tapfer und stark, der ihm ein trauter Genoß war.
Und ihn verließ sein Geist, und Nacht umzog ihm die Augen.
Doch nun atmet' er auf, und kühlende Hauche des Nordwinds
Wehten umher Erfrischung dem matt arbeitenden Leben.
Argos Volk, von Ares gedrängt und dem strahlenden Hektor,
700
Wandte sich weder hinab zu den dunkelen Schiffen des Meeres,
Noch auch strebt' es entgegen den Streitenden; sondern allmählich
Wichen sie, als sie vernahmen im Heer der Troer den Ares.
Welchen entblößte zuerst, und welchen zuletzt des Geschmeides
Hektor zugleich, des Priamos' Sohn, und der eherne Ares?
705
Teuthras den göttlichen Held, und den Rossetummler Orestes,
Drauf den Önomaos auch, und Ätoliens Kämpfer den Trechos,
Helenos, Önops Sohn, und Oresbios, rüstig im Leibgurt:
Der einst Hyle bewohnt, des Reichtums sorgsamer Hüter,
Wo am See Kephissis er bauete, und ihm benachbart
710
Viel der böotischen Männer, der Segensflur sich erfreuend.
Aber nunmehr bemerkte die lilienarmige Here
Argos Volk hinsinkend in schreckenvoller Entscheidung,
Wandte sich schnell zur Athen', und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus' unbezwungene Tochter!
715
Traun ein eiteles Wort verhießen wir einst Menelaos,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja,
Wenn wir so zu wüten dem tobenden Ares vergönnen!
Aber wohlan, auch selber gedenken wir stürmendes Mutes!
Sprach's; und willig gehorcht' ihr Zeus' blauäugige Tochter.
720
Jene nun eilt' anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Hebe fügt' um den Wagen alsbald die gerundeten Räder,
Eherne mit acht Speichen, umher an die eiserne Achse.
Gold ist ihnen der Kranz, unalterndes; aber umher sind
725
Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wunder dem Anblick.
Silbern glänzen die Nahen in schönumlaufender Ründung.
Dann in goldenen Riemen und silbernen schwebet der Sessel
Ausgespannt, und umringt mit zween umlaufenden Rändern.
Vornhin streckt aus Silber die Deichsel sich; aber am Ende
730
Band sie das goldene Joch, das prangende; dem sie die Seile,
Schön und golden, umschlang. In das Joch nun fügete Here
Ihr schnellfüßig Gespann, und brannte nach Streit und Getümmel.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
Ließ hingleiten das feine Gewand im Palaste des Vaters,
735
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Siehe sie warf um die Schulter die Ägis, prangend mit Quästen,
Fürchterlich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzet.
740
Drauf ist Streit, drauf Stärke und drauf die starre Verfolgung,
Drauf das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,
Schreckenvoll und entsetzlich, das Graun des donnernden Vaters!
Auch umschloß sie das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Golden und groß, die Streiter aus hundert Städten zu decken.
745
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte dann mit geschwungener Geißel die Rosse;
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
750
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,
Daß sie die hüllende Wolk' itzt öffneten, jetzo verschlossen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Jetzo fanden sie Zeus, der entfernt von anderen Göttern
Saß auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
755
Dort nun hemmt' ihr Gespann die lilienarmige Here,
Und den erhabenen Zeus befragte sie, also beginnend:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, den gewaltigen Taten des Ares,
Wie er verderbt ein so großes und herrliches Volk der Achaier,
Frech, nicht der Ordnung gemäß? Mich schmerzet es! Aber in Ruhe
760
Freuen sich Kypris zugleich und der Gott des silbernen Bogens,
Welche den Wüterich reizten, der keine Gerechtigkeit kennet!
Vater Zeus, ob du des mir ereifertest, wenn ich den Ares
Schlagend mit traurigem Schlag hinweg aus dem Kampfe verscheuchte?
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
765
Frisch nur, gereizt auf jenen die Siegerin Pallas Athene
Die am meisten ihn pflegt in bitteren Schmerz zu versenken!
Jener sprach's; ihm gehorchte die lilienarmige Here.
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,
Zwischen der Erd' einher und dem sternumleuchteten Himmel.
770
Weit wie die dunkelnde Fern' ein Mann durchspäht mit den Augen,
Sitzend auf hoher Wart', in das finstere Meer hinschauend:
So weit heben im Sprung sich der Göttinnen schallende Rosse.
Aber nachdem sie Troja erreicht, und die doppelte Strömung,
Wo des Simois Flut sich vereiniget und des Skamandros;
775
Jetzo hemmt ihr Gespann die lilienarmige Here,
Abgelöst vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus;
Aber Ambrosia sproß der Simois jenen zur Weide.
Sie nun eilten dahin gleich schüchternen Tauben am Gange
Beid' entbrannt zu helfen den Männerscharen von Argos.
780
Als sie nunmehr hinkamen, allwo die meisten und stärksten
Standen um Tydeus' Sohn, den gewaltigen Rossebezähmer,
Dichtgedrängt, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,
Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke;
Jetzo stand sie und rufte, die lilienarmige Here,
785
Stentorn gleich, dem starken an Brust und eherner Stimme,
Dessen Ruf laut tönte, wie fünfzig anderer Männer:
Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Weil noch mit in die Schlacht einging der edle Achilleus,
Wageten nie die Troer aus Dardanos schirmenden Toren
790
Vorzugehn; denn sie scheuten Achilleus mächtige Lanze!
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld!
Jene riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Aber zu Tydeus Sohn enteilete Pallas Athene;
Und sie fand den Herrscher am rossebespanneten Wagen,
795
Wie er die Wund' abkühlte, die Pandaros Pfeil ihm gebohret.
Denn ihn quälte der Schweiß, und der Druck des breiten Gehenkes
An dem gerundeten Schild'; und kraftlos starrte die Hand ihm.
Jetzo hob er den Riemen, und wischte sich dunkeles Blut ab.
Aber das Joch der Rosse berührt', und sagte die Göttin:
800
Wenig gleicht dem Erzeuger der Sohn des mutigen Tydeus!
Tydeus dort war klein von Gestalt nur, aber ein Krieger!
Selbst einmal, da ich jenem den Kampf nicht wollte verstatten,
Noch ausschweifenden Trotz, da er einging fern von Achaiern,
Abgesandt in Thebe, zu häufigen Kadmeionen;
805
(Ruhig hieß ich ihn sitzen am Feiermahl im Palaste:)
Dennoch zeigt' er den Mut voll Ungestüms, wie beständig,
Rief die Kadmeier zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt' er
Sonder Müh': so mächtig als Helferin naht' ich ihm selber.
Zwar auch deiner walt' ich mit Hilf' und schirmender Obhut,
810
Und zu freudigem Kampf ermahn' ich dich wider die Troer:
Doch dir starren vielleicht von stürmischer Arbeit die Glieder;
Oder dich lähmt auch Furcht, die entseelende! Nimmer in Zukunft
Scheinst du von Tydeus erzeugt, dem feurigen Sohne des Öneus!
Ihr antwortete drauf der starke Held Diomedes:
815
Wohl erkenn' ich dich, Göttin, des Ägiserschütterers Tochter;
Drum verkünd' ich dir frei und unverhohlen die Wahrheit.
Weder lähmt mich die Furcht, die entseelende weder die Trägheit;
Sondern annoch gedenk' ich, o Herrscherin, deines Gebotes:
Niemals seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
820
Allen sonst; doch käme die Tochter Zeus' Aphrodite
Her in den Streit, die möcht' ich mit spitzigem Erze verwunden.
Darum weich' anjetzo ich selber zurück, und ermahn' auch
Andre von Argos Volk, sich hieher alle zu sammeln;
Denn ich erkenne den Ares, der dort das Treffen durchwaltet.
825
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Tydeus' Sohn, Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Fürchte du weder den Ares hinfort, noch einen der andern
Götter umher: so mächtig als Helferin nah' ich dir selber!
Mutig, zuerst auf Ares gelenkt die stampfenden Rosse!
830
Dann verwund' in der Näh', und scheu' nicht Ares den Wütrich,
Jenen Rasenden dort, den verderbenden Andrenumandren!
Ihn der neulich mir selbst und zugleich der Here gelobte,
Trojas Volk zu bekämpfen, und beizustehn den Argeiern;
Aber anjetzt die Troer verteidiget, jener vergessend!
835
Jene sprach's; und sofort den Sthenelos trieb sie vom Wagen,
Ihn mit der Hand abreißend; und nicht unwillig entsprang er.
Doch sie trat in den Sessel zum edlen Held Diomedes,
Heiß in Begierde des Kampfs; laut stöhnte die buchene Achse
Lastvoll, tragend den tapfersten Mann, und die schreckliche Göttin.
840
Geißel sofort und Zügel ergriff nun Pallas Athene,
Eilt' und lenkt' auf Ares zuerst die stampfenden Rosse.
Jener entwaffnete dort der Ätolier tapfersten Krieger,
Periphas, groß und gewaltig, Ochesios edlen Erzeugten:
Diesen entwaffnete Ares, der blutige. Aber Athene
845
Barg sich in Aïdes Helm, damit nicht Ares sie sähe.
Als nun der mordende Ares ersah Diomedes den Edlen;
Ließ er Periphas schnell, den Gewaltigen, dort in dem Staube
Liegen, allwo er zuerst des Erschlagenen Seele geraubet;
Eilte dann grade daher auf den reisigen Held Diomedes.
850
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Vor dann streckte der Gott sich über das Joch und die Zügel
Mit erzblinkender Lanz', in Begier ihm die Seele zu rauben.
Doch mit der Hand sie ergreifend, die Herrscherin Pallas Athene
Stieß sie hinweg vom Sessel, daß nichtiges Schwungs sie vorbeiflog.
855
Jetzo erhub sich auch jener, der Rufer im Streit Diomedes,
Mit erzblinkender Lanz'; und es drängte sie Pallas Athene
Gegen die Weiche des Bauchs, wo die eherne Binde sich anschloß:
Dorthin traf und zerriß ihm die schöne Haut Diomedes;
Zog darin die Lanze zurück. Da brüllte der eherne Ares:
860
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrien, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend.
Rings nun erbebte das Volk der Troer umher und Achaier,
Voll von Angst: so brüllte der rastlos wütende Ares.
Jetzo wie hoch aus Wolken umnachtetes Dunkel erscheinet,
865
Wenn nach drückender Schwül' ein Donnersturm sich erhebet:
Also dem Held Diomedes erschien der eherne Ares,
Als er in Wolken gehüllt auffuhr zum erhabenen Himmel.
Eilendes Schwungs erreicht' er die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun saß er bei Zeus dem Donnerer, trauriges Herzens,
870
Zeigte das göttliche Blut, das niedertroff aus der Wunde;
Und er begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, die gewaltigen Taten erblickend?
Stets doch haben wir Götter die bitterste Qual zu erdulden,
Einer vom Rat des andern, und Gunst den Menschen gewährend!
875
Doch dir streiten wir alle! denn dein ist die rasende Tochter,
Die, zu verderben entbrannt, nur frevele Taten ersinnet!
Alle die anderen Götter, so viel den Olympos bewohnen,
Folgen dir untertan, und huldigen deinem Gebote.
Jene nur, weder mit Worten bezähmst du sie, weder mit Taten;
880
Sondern vergönnst, weil selbst die verderbende Tochter du zeugtest:
Welche nun den Tydeiden, den stolzen Held Diomedes,
Reizte daherzuwüten auf uns unsterbliche Götter!
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;
Aber darauf mich selber bestürmet' er, stark wie ein Dämon!
885
Nur mit eilenden Füßen entrann ich ihm. Lange vielleicht noch
Räng' ich dort mit Qualen im gräßlichen Leichengewimmel;
Oder ich lebt' ein Krüppel, entstellt von des Erzes Verwundung!
Finster schaut' und begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Hüte dich, Andrerumandrer, mir hier zur Seite zu winseln!
890
Ganz verhaßt mir bist du vor allen olympischen Göttern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf' und die Schlachten!
Gleich der Mutter an Trotz und unerträglichem Starrsinn,
Heren, welche mir kaum durch Worte gebändiget nachgibt!
Auch ihr Rat, wie ich mein', hat dieses Weh dir bereitet!
895
Aber ich kann nicht länger es ansehn, daß du dich quälest.
Bist du doch meines Geschlechts, und mir gebar dich die Mutter.
Hätt' ein anderer Gott dich erzeugt, heilloser Verderber;
Traun du lägest vorlängst tief unter den Uranionen.
Also Zeus, und gebot dem Päeon, jenen zu heilen.
900
Ihm nun legt' auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Schnell wie die weiße Milch von Feigenlabe gerinnet,
Flüssig zuvor, wann in Eil' umher sie dreht der Vermischer:
Also schloß sich die Wunde sofort dem tobenden Ares.
905
Jetzo badet' ihn Hebe, und hüllt' ihm schöne Gewand' um;
Und er saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.
Heim nun kehreten jen' in Zeus' des Allmächtigen Wohnung,
Here von Argos zugleich, und Athen' Alalkomenens Göttin,
Als sie gehemmt den Verderber, den männermordenden Ares.

Sechster Gesang

Die Achaier im Vorteil. Hektor eilt in die Stadt, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Glaukos und Diomedes erkennen sich als Gastfreunde. Hekabe mit den edlen Troerinnen fleht. Hektor ruft den Paris zur Schlacht zurück. Er sucht seine Andromache zu Hause, und findet sie auf dem skäischen Tore. Er kehrt mit Paris in die Schlacht.

Einsam war der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht.
Viel nun hierhin und dort durchtobte der Kampf das Gefilde,
Ungestüm aufeinander gewandt erzblinkende Lanzen,
Innerhalb des Simois her und des strömenden Xanthos.
5
Ajas der Telamonide zuerst, Schutzwehr der Achaier,
Brach die Schar der Troer, und schaffte Licht den Genossen,
Treffend den Mann, der der beste des thrakischen Volkes einherging,
Ihn des Eusoros' Sohn, den Akamas, groß und gewaltig.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
10
Daß er die Stirne durchbohrt'; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz', und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Drauf den Axylos erschlug der Rufer im Streit Diomedes,
Teuthrans Sohn: er wohnt' in der schöngebauten Arisbe,
Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Menschen,
15
Weil er alle mit Lieb' herbergete, wohnend am Heerweg.
Doch nicht einer davon entfernt' ihm das grause Verderben,
Vor ihn selbst hintretend: es tötete beide der Krieger,
Ihn und den Kampfgenossen Kalesios, der des Gespannes
Lenker ihm war; und zugleich versanken sie unter die Erde.
20
Aber Euryalos nahm des Opheltios Waffen und Dresos;
Drauf den Äsepos ereilt' er und Pedasos, die mit der Naïs
Abarbarea einst der edle Bukolion zeugte.
Aber Bukolion war Laomedons Sohn des Erhabnen,
Seines Geschlechts der erste; doch heimlich gebar ihn die Mutter.
25
Hütend vordem der Schafe gewann er Lieb' und Umarmung,
Und befruchtet gebar ihm Zwillingssöhne die Nymphe.
Beiden löste nunmehr die Kraft und die strebenden Glieder
Er der Mekisteiad', und entzog den Schultern die Rüstung.
Auch den Astyalos schlug der streitbare Held Polypötes;
30
Und den Pedytes bezwang, den Perkosier, stürmend Odysseus
Mit erzblinkender Lanz'; und Teukros den Held Aretaon.
Nestors mutiger Sohn Antilochos warf den Ableros
Hin, und den Elatos hin der Völkerfürst Agamemnon:
Dieser bewohnt' an des Stroms Satniois grünenden Ufern
35
Pedasos luftige Stadt; den Phylakos traf, da er hinfloh,
Leïtos; und Eurypylos nahm des Melanthios Rüstung.
Doch den Adrastos erhaschte der Rufer im Streit Menelaos
Lebend anjetzt; denn die Rosse durchsprengten ihm scheu das Gefilde,
Aber die Füß' im Zweige der Tamariske verwickelnd
40
Brachen sie vorn die Deichsel des krummen Geschirrs, und enteilten
Selber zur Stadt, wo noch andre verwilderte Rosse hinaufflohn.
Jener entsank dem Sessel, und taumelte neben dem Rade
Vorwärts hin in den Staub auf das Antlitz. Siehe da naht' ihm
Atreus' Sohn Menelaos mit weithinschattender Lanze.
45
Aber Adrastos umschlang ihm die Knie', und jammerte flehend:
Fahe mich, Atreus Sohn, und nimm dir würdige Lösung.
Viel der Kleinode hegt der begüterte Vater im Hause,
Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht mein Vater dir gern unermeßliche Lösung,
50
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Jener sprach's, und diesem das Herz im Busen bewegt' er.
Und schon war er bereit ihn dem Kampfgenossen zu geben,
Der zu den hurtigen Schiffen ihn führete. Doch Agamemnon
Eilete laufend heran, und laut ihn scheltend begann er:
55
Trautester, o Menelaos, warum doch sorgest du also
Jener? Ja herrliche Taten geschahn dir daheim von den Männern
Trojas! Keiner davon entfliehe nun grausem Verderben,
Keiner nun unserem Arm! auch nicht im Schoße das Knäblein,
Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich ihm
60
Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet!
Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht; und er stieß den edlen Adrastos
Weg mit der Hand. Da bohrt' ihm der Völkerfürst Agamemnon
Seine Lanz' in den Bauch; und er kehrte sich. Atreus Sohn dann
65
Stemmte die Fers' auf die Brust, und zog den eschenen Speer aus.
Nestor anjetzt ermahnte mit lautem Ruf die Argeier:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Daß nun keiner zu Raub und Beute gewandt mir dahinten
Zaudere, um das meiste hinab zu den Schiffen zu tragen!
70
Laßt uns töten die Männer! Nachher auch könnt ihr geruhig
Leichnamen durch das Gefild' ausziehn ihr Waffengeschmeide.
Jener sprach's, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Bald nun wären die Troer vor Argos kriegrischen Söhnen
Ilios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt;
75
Aber schnell zu Äneias und Hektor redete nahend
Helenos, Priamos' Sohn, der kundigste Vogeldeuter:
Hektor du, und Äneias; denn euch belastet die meiste
Kriegsarbeit der Troer und Lykier, weil ihr die Besten
Seid zu jeglichem Zweck, mit Kraft gerüstet und Weisheit:
80
Steht allhier, und hemmet das Volk zurück vor den Toren,
Rings das Gedräng' umwandelnd, bevor in die Arme der Weiber
Fliehend sich jene gestürzt, dem höhnenden Feinde zum Jubel!
Aber nachdem ihr umher die Ordnungen wieder ermuntert,
Wollen wir selbst hier bleibend der Danaer Scharen bekämpfen,
85
Hart bedrängt wie wir sind; denn Not gebietet ja solches:
Hektor, du geh indessen gen Ilios, sage dann eilend
Unserer Mutter es an. Sie, edlere Weiber versammelnd
Hoch auf die Burg, zum Tempel der Herrscherin Pallas Athene
Öffne dort mit dem Schlüssel die Pforte des heiligen Hauses;
90
Und das Gewand, so ihr das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast, und ihr das geliebteste selber,
Lege sie hin auf die Kniee der schöngelockten Athene;
Und gelob' in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,
Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,
95
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;
Wenn sie des Tydeus' Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter,
Den ich fürwahr den Stärksten im Volk der Danaer achte!
Selbst vor Achilleus nicht, dem Herrschenden, zagten wir also,
100
Welcher doch Sohn der Göttin gepriesen wird! Jener, wie heftig
Wütet er! Keiner vermag an Gewalt ihm gleich sich zu stellen!
Jener sprach's; doch Hektor gehorcht' unverdrossen dem Bruder.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt' er alle Geschwader,
105
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn', und begegneten kühn den Achaiern.
Argos' Söhn' itzt wichen zurück, und ruhten vom Morde,
Wähnend, es sei ein unsterblicher Gott vom sternichten Himmel
Niedergeeilt, zu helfen den schnell umkehrenden Troern.
110
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Trojas mutige Söhn', und fernberufene Helfer!
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes;
Während ich selbst hinwandle gen Ilios, und die erhabnen
Greise des Rats anmahne, zugleich auch unsere Weiber,
115
Daß sie den Himmlischen flehn, und Sühnhekatomben verheißen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Oben schlug ihm den Nacken, und tief die Knöchel des schwarzen
Felles Rand, der rings am genabelten Schild' ihm umherlief.
Glaukos nun, des Hippolochos' Sohn, und der Held Diomedes,
120
Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,
Redete also zuerst der Rufer im Streit Diomedes:
Wer doch bist du, Edler, der sterblichen Erdebewohner?
Nie ersah ich ja dich in männerehrender Feldschlacht
125
Vormals; aber anjetzt erhebst du dich weit vor den andern,
Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.
Meiner Kraft begegnen nur Söhn' unglücklicher Eltern!
Aber wofern du ein Gott herabgekommen vom Himmel,
Nimmer alsdann begehr' ich mit himmlischen Mächten zu kämpfen.
130
Nicht des Dryas Erzeugter einmal, der starke Lykurgos,
Lebete lang', als gegen des Himmels Mächt' er gestrebet:
Welcher vordem Dionysos des Rasenden Ammen verfolgend
Scheucht' auf dem heiligen Berge Nysseion; alle zugleich nun
Warfen die laubigen Stäbe dahin, da der Mörder Lykurgos
135
Wild mit dem Stachel sie schlug; auch selbst Dionysos voll Schreckens
Taucht' in die Woge des Meers, und Thetis nahm in den Schoß ihn,
Welcher erbebt', angstvoll vor der drohenden Stimme des Mannes.
Jenem zürnten darauf die ruhig wartenden Götter,
Und ihn blendete Zeus der Donnerer; auch nicht lange
140
Lebt' er hinfort, denn verhaßt war er allen unsterblichen Göttern.
Nicht mit seligen Göttern daher verlang' ich zu kämpfen.
Wenn du ein Sterblicher bist, und genährt von Früchten des Feldes;
Komm dann heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest.
Ihm antwortete drauf Hippolochos edler Erzeugter:
145
Tydeus' mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechte der Menschen;
Einige streuet der Wind auf die Erd' hin, andere wieder
Treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlinges Wärme:
So der Menschen Geschlecht, dies wächst, und jenes verschwindet.
150
Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennest
Unserer Väter Geschlecht; wiewohl es vielen bekannt ist:
Ephyra heißt die Stadt in der rossenährenden Argos,
Wo einst Sisyphos war, der schlaueste unter den Männern,
Sisyphos, Äolos' Sohn; der zeugte sich Glaukos zum Sohne;
155
Glaukos darauf erzeugte den herrlichen Bellerophontes,
Welchem Schönheit die Götter und reizende Männerstärke
Schenketen. Aber Prötos ersann ihm Böses im Herzen:
Der aus dem Land' ihn vertrieb, dieweil er mächtig beherrschte
Argos' Volk, und Zeus ihm Gewalt und Scepter vertrauet.
160
Jenem entbrannt' Anteia, des Prötos edle Gemahlin,
Daß sie in heimlicher Lieb' ihm nahete; doch er gehorcht' ihr
Nicht, der edelgesinnte verständige Bellerophontes.
Jetzo mit Lug erschien sie, und sprach zum Könige Prötos:
Tod dir, oder, o Prötos, erschlage du Bellerophontes,
165
Welcher frech zuliebe mir nahete, wider mein Wollen.
Jene sprach's; und der König ereiferte, solches vernehmend.
Dennoch vermied er den Mord, denn graunvoll war der Gedank' ihm.
Aber er sandt' ihn gen Lykia hin, und traurige Zeichen
Gab er ihm, Todesworte geritzt auf gefaltetem Täflein:
170
Daß er dem Schwäher die Schrift darreicht', und das Leben verlöre.
Jener wandelte hin, im Geleit obwaltender Götter.
Als er nunmehr gen Lykia kam, und dem strömenden Xanthos;
Ehrt' ihn gewogenes Sinns der weiten Lykia König,
Gab neuntägigen Schmaus, und erschlug neun Stiere zum Opfer.
175
Aber nachdem zum zehnten die rosige Eos emporstieg;
Jetzo fragt' er den Gast, und hieß ihn zeigen das Täflein,
Welches ihm sein Eidam, der herrschende Prötos gesendet.
Als er nunmehr vernommen die Todesworte des Eidams;
Hieß er jenen zuerst die ungeheure Chimära
180
Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs:
Vorn ein Löw', und hinten ein Drach', und Geiß in der Mitte,
Schrecklich umher aushauchend die Macht des lodernden Feuers.
Doch er tötete sie, der unsterblichen Zeichen vertrauend.
Weiter darauf bekämpft' er der Solymer ruchtbare Völker;
185
Diesen nannt' er den härtesten Kampf, den er kämpfte mit Männern.
Drauf zum dritten erschlug er die männliche Hord' Amazonen.
Aber dem Kehrenden auch entwarf er betrügliche Täuschung:
Wählend die tapfersten Männer des weiten Lykierlandes
Legt' er im Hinterhalt; allein nicht kamen sie heimwärts,
190
Alle vertilgte sie dort der untadliche Bellerophontes.
Als er nunmehr erkannte den Held aus göttlichem Samen;
Hielt er dort ihn zurück, und gab ihm die blühende Tochter,
Gab ihm auch die Hälfte der Königsehre zum Anteil.
Auch die Lykier maßen ihm auserlesene Güter,
195
Schön an Ackergefild' und Pflanzungen, daß er sie baute.
Jene gebar drei Kinder dem feurigen Bellerophontes,
Erst Isandros, Hippolochos dann, und Laodameia.
Laodameia ruht' in Zeus des Kroniden Umarmung;
Und sie gebar Sarpedon, den götterähnlichen Streiter.
200
Aber nachdem auch jener den Himmlischen allen verhaßt ward;
Irrt' er umher einsam, sein Herz von Kummer verzehret,
Durch die aleïsche Flur, der Sterblichen Pfade vermeidend.
Seinen Sohn Isandros ermordete Ares der Wütrich,
Als er kämpft' in der Schlacht mit der Solymer ruchtbaren Völkern.
205
Artemis raubt' ihm die Tochter, die Lenkerin goldener Zügel.
Aber Hippolochos zeugete mich, ihn rühm' ich als Vater.
Dieser sandt' in Troja mich her, und ermahnte mich sorgsam,
Immer der erste zu sein, und vorzustreben vor andern;
Daß ich der Väter Geschlecht nicht schändete, welches die ersten
210
Männer in Ephyra zeugt', und im weiten Lykierlande.
Sieh aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm' ich mich jetzo.
Sprachs; doch freudig vernahm es der Rufer im Streit Diomedes.
Eilend steckt' er die Lanz' in die nahrungsprossende Erde,
Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:
215
Wahrlich, so bist du mir Gast aus Väterzeiten schon vormals!
Öneus der Held hat einst den untadlichen Bellerophontes
Gastlich im Hause geehrt, und zwanzig Tage geherbergt.
Jen' auch reichten einander zum Denkmal schöne Geschenke.
Öneus Ehrengeschenk war ein Leibgurt, schimmernd von Purpur,
220
Aber des Bellerophontes ein goldener Doppelbecher;
Und ihn ließ ich scheidend zurück in meinem Palaste.
Tydeus gedenk' ich nicht mehr; denn noch ein stammelnder Knabe
Blieb ich daheim, da vor Thebe das Volk der Achaier vertilgt ward.
Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos;
225
Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche.
Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel.
Viel ja sind der Troer mir selbst, und der rühmlichen Helfer,
Daß ich töte, wen Gott mir gewährt, und die Schenkel erreichen;
Viel' auch dir der Achaier, daß, welchen du kannst, du erlegest.
230
Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andern
Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen.
Also redeten jen', und herab von den Wagen sich schwingend,
Faßten sie beid' einander die Händ', und gelobten sich Freundschaft.
Doch den Glaukos erregte Zeus, daß er ohne Besinnung
235
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,
Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andern.
Als nun Hektor erreicht das skäische Tor und die Buche;
Jetzt umeilten ihn rings die troischen Weiber und Töchter,
Forschend dort nach Söhnen, nach Brüdern dort, und Verwandten,
240
Und den Gemahlen im Heer. Er ermahnte sie, alle die Götter
Anzuflehn; doch vielen war Weh und Jammer verhänget.
Als er den schönen Palast des Priamos jetzo erreichte,
Der mit gehauenen Hallen geschmückt war: aber im Innern
Waren fünfzig Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
245
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
Priamos Söhn' umher, mit blühenden Gattinnen wohnend;
Aber den Töchtern waren zur anderen Seite des Hofes
Zwölf gewölbte Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
250
Priamos Eidam' umher, mit züchtigen Gattinnen wohnend:
Dort begegnete Hektor der gernausteilenden Mutter,
Die zu Laodike ging, der holdesten Tochter an Bildung.
Jene faßt ihm die Hand, und redete, also beginnend:
Lieber Sohn, wie kommst du, das wütende Treffen verlassend?
255
Hart uns drängen fürwahr die entsetzlichen Männer Achaias,
Kämpfend um unsere Stadt; daß nun dein Herz dich hierhertrieb,
Deine Hände zu Zeus von Ilios Burg zu erheben!
Aber verzeuch, bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe;
Daß du Zeus dem Vater zuvor und den anderen Göttern
260
Sprengest, und dann auch selber des Labetrunks dich erfreuest.
Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung,
So wie du dich ermüdet, im Kampf für die deinigen stehend.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Nicht des süßen Weins mir gebracht, ehrwürdige Mutter,
265
Daß du nicht mich entnervst, und des Muts und der Kraft ich vergesse.
Ungewaschener Hand Zeus dunkelen Wein zu sprengen,
Scheu ich mich; nimmer geziemts, den schwarzumwölkten Kronion
Anzuflehn, mit Blut und Kriegesstaube besudelt.
Aber wohlan, zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
270
Gehe mit Räuchwerk hin, die edleren Weiber versammelnd;
Und das Gewand, so dir das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast, und dir das geliebteste selber,
Solches leg' auf die Kniee der schöngelockten Athene,
Und gelob' in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,
275
Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;
Wenn sie des Tydeus Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter.
Auf denn, gehe zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
280
Du; dieweil zu Paris ich wandele, jenen zu rufen,
Ob er vielleicht noch achte des Rufenden. O daß die Erd' ihn
Lebend verschläng'! Ihn erschuf zum Verderben der Gott des Olympos
Trojas Volk, und Priamos selbst, und den Söhnen des Herrschers.
Säh' ich jenen versunken, hinab in Aïdes Wohnung;
285
Dann vergäß' ich im Herzen des unerfreulichen Elends!
Jener sprach's; und die Mutter ins Haus sich wendend, beschied dort
Mägd' in die Stadt; und sie riefen die Schar der edleren Weiber.
Selbst dann stieg sie hinab in die lieblich duftende Kammer,
Wo sie die schönen Gewande verwahrete, reich an Erfindung,
290
Werke sidonischer Fraun, die der göttliche Held Alexandros
Selbst aus Sidon gebracht, weithin die Wogen durchschiffend,
Als er Helena heim die Edelentsprossene führte.
Deren enthub itzt Hekabe eins zum Geschenk der Athene,
Welches das größeste war, und das schönste zugleich an Erfindung:
295
Hell wie ein Stern, so strahlt' es, und lag am untersten aller.
Und sie enteilt', ihr folgten gedrängt die edleren Weiber.
Als sie nunmehr auf der Burg den Tempel erreicht der Athene;
Öffnete jenen die Pforte die anmutvolle Theano,
Kisseus Tochter, vermählt dem Gaulbezähmer Antenor,
300
Welche die Troer geweiht zur Priesterin Pallas Athenens.
All' erhuben die Hände mit jammerndem Laut zur Athene.
Aber es nahm das Gewand die anmutvolle Theano,
Legt' es hin auf die Kniee der schöngelockten Athene,
Flehete dann gelobend zu Zeus des Allmächtigen Tochter:
305
Pallas Athene voll Macht, Stadtschirmerin, edelste Göttin!
Brich doch jetzo den Speer Diomedes'; aber ihn selber
Laß auf das Antlitz gestürzt vor dem skäischen Tore sich wälzen!
Daß wir jetzo sofort zwölf stattliche Küh' in dem Tempel,
Jährige, ungezähmte, dir heiligen: wenn du der Stadt dich,
310
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmest!
Also sprach sie betend; es weigerte Pallas Athene.
Während sie dort nun flehten zu Zeus des Allmächtigen Tochter;
Wandelte Hektor dahin zum schönen Palast Alexandros,
Welchen er selbst sich erbaut mit den kunsterfahrensten Männern
315
Aller umher in Troja, dem Land hochscholliger Äcker:
Diese bereiteten ihm das Gemach und den Saal und den Vorhof,
Hoch auf der Burg, und nahe bei Priamos Wohnung und Hektors.
Dort hinein ging Hektor, der göttliche; und in der rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng'; und vorn an dem Schafte
320
Blinkte die eherne Schärf', umlegt mit goldenem Ringe.
Ihn im Gemach dort fand er, die stattlichen Waffen durchforschend,
Panzer und Schild, und glättend das Horn des krummen Geschosses.
Aber Helena saß, die Argeierin, unter den Weibern
Emsig, den Mägden umher anmutige Werke gebietend.
325
Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte:
Sträflicher, nicht geziemt' es, so unmutsvoll zu ereifern!
Siehe das Volk verschwindet, um Stadt und türmende Mauer
Kämpfend; und deinethalb ist Feldgeschrei und Getümmel
Rings entbrannt um die Feste! Du zanktest ja selbst mit dem andern;
330
Welchen du wo saumselig ersähst zur traurigen Feldschlacht.
Auf denn, ehe die Stadt in feindlicher Flamme verlodre!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
Darum sag' ich dir an; doch du vernimm es, und höre.
335
Gar nicht wider die Troer so unmutsvoll und ereifert,
Saß ich hier im Gemach; zum Grame nur wollt' ich mich wenden.
Doch nun hat mich die Gattin mit freundlichen Worten beredet,
Auszugehn in die Schlacht; auch scheinet es also mir selber
Besser hinfort zu sein; denn es wechselt der Sieg um die Männer.
340
Aber verzeuch, bis ich jetzo in Kriegesgerät mich gehüllet;
Oder geh, so folg' ich, und hoffe dich bald zu erreichen.
Jener sprach's; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor.
Aber Helena sprach mit hold liebkosenden Worten:
O mein Schwager, des schnöden, des unheilstiftenden Weibes!
345
Hätte doch jenes Tags, da zuerst mich die Mutter geboren,
Ungestüm ein Orkan mich entführt auf ein ödes Gebirg' hin,
Oder hinab in die Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Daß mich die Woge verschlang', eh solche Taten geschahen!
Aber nachdem dies Übel im Rat der Götter verhängt ward;
350
Wär' ich wenigstens doch des besseren Mannes Gemahlin,
Welcher empfände die Schmach und die kränkenden Reden der Menschen!
Dem ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihm
Solches verliehn; und ich meine, genießen werd' er der Früchte!
Aber o komm doch herein, und setze dich hier auf den Sessel,
355
Schwager; dieweil dir am meisten die Arbeit liegt an der Seele,
Um mich schändliches Weib und die Freveltat Alexandros:
Welchen ein trauriges Los Zeus sendete, daß wir hinfort auch
Bleiben umher ein Gesang der kommenden Menschengeschlechter!
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
360
Heiße mich, Helena, nicht so freundlich sitzen; ich darf nicht
Denn schon dringt mir das Herz mit Heftigkeit, daß ich den Troern
Helfe, die sehnsuchtsvoll nach mir Abwesenden umschaun.
Aber du muntere diesen nur auf, auch treib' er sich selber;
Daß er noch in den Mauren der Stadt mich wieder erreiche.
365
Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauen
Mein Gesind', und das liebende Weib, und das stammelnde Söhnlein.
Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre,
Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
370
Bald erreicht' er darauf die wohlgebauete Wohnung.
Doch nicht fand er die schöne Andromache dort in den Kammern;
Sondern zugleich mit dem Kind und der Dienerin, schönes Gewandes,
Stand sie annoch auf dem Turm, und jammerte, seufzend und weinend.
Als nun Hektor daheim nicht fand die untadliche Gattin,
375
Trat er zur Schwelle hinan, und rief den Mägden des Hauses:
Auf wohlan, ihr Mägde, verkündiget schnell mir die Wahrheit.
Wohin ging die schöne Andromache aus dem Palaste?
Ob sie zu Schwestern des Manns, ob zu stattlichen Frauen der Schwäger,
Oder zum Haus Athenens sie eilete, wo auch die andern
380
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen?
Ihm antwortete drauf die emsige Schaffnerin also:
Hektor, weil du gebeutst, die Wahrheit dir zu verkünden;
Nicht zu Schwestern des Manns, noch zu stattlichen Frauen der Schwäger,
Oder zum Haus Athenens enteilte sie, wo auch die andern
385
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen;
Sondern den Turm erstieg sie von Ilios, weil sie gehöret,
Daß der Achaier Macht siegreich die Troer bestürme.
Eben geht sie hinaus mit eilendem Schritte zur Mauer,
Einer Rasenden gleich; und die Wärterin trägt ihr das Kind nach.
390
Also sprach zu Hektor die Schaffnerin; schnell aus der Wohnung
Eilt' er den Weg zurück durch die wohlbebaueten Gassen.
Als er das skäische Tor, die gewaltige Feste durchwandelnd,
Jetzo erreicht, wo hinaus sein Weg ihn führt' ins Gefilde;
Kam die reiche Gemahlin Andromache eilendes Laufes
395
Gegen ihn her, des edlen Eëtions blühende Tochter:
Denn Eëtion wohnt' am waldigen Hange des Plakos,
In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,
Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor,
Diese begegnet' ihm jetzt; die Dienerin aber ihr folgend
400
Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein;
Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.
Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die andern
Nannten Astyanax ihn, denn allein schirmt' Ilios Hektor.
Siehe mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein,
405
Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,
Drückt' ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:
Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes, noch mein des elenden Weibes,
Ach bald Witwe von dir! denn dich töten gewiß die Achaier,
410
Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das beste,
Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken; denn weiter
Ist kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,
Sondern Weh! und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter!
Meinen Vater erschlug ja der göttliche Streiter Achilleus,
415
Und verhehrte die Stadt, von kilikischen Männern bevölkert,
Thebe mit ragendem Tor: den Eëtion selber erschlug er,
Doch nicht nahm er die Waffen; denn graunvoll war der Gedank' ihm;
Sondern verbrannte den Held mit dem künstlichen Waffengeschmeide,
Häufte darauf ihm einmal; und rings mit Ulmen umpflanzten's
420
Bergbewohnende Nymphen, des Ägiserschütterers Töchter.
Sieben waren der Brüder mir dort in unserer Wohnung;
Diese wandelten all' am selbigen Tage zum Aïs;
Denn sie all' erlegte der mutige Renner Achilleus
Bei weißwolligen Schafen und schwerhinwandelnden Rindern.
425
Meine Mutter, die Fürstin am waldigen Hange des Plakos,
Führet' er zwar hieher mit anderer Beute des Krieges;
Doch befreit' er sie wieder, und nahm unendliche Lösung:
Aber sie starb durch Artemis Pfeil im Palaste des Vaters.
Hektor, siehe du bist mir Vater jetzo und Mutter,
430
Und mein Bruder allein, o du mein blühender Gatte!
Aber erbarme dich nun, und bleib' allhier auf dem Turme!
Mache nicht zur Waise das Kind, und zur Witwe die Gattin!
Stelle das Heer dorthin bei dem Feigenbaume; denn dort ist
Leichter die Stadt zu ersteigen, und frei die Mauer dem Angriff.
435
Dreimal haben ja dort es versucht die tapfersten Krieger,
Kühn um die Ajas beid', und den hohen Idomeneus strebend,
Auch um des Atreus' Söhn', und den starken Held Diomedes:
Ob nun jenen vielleicht ein kundiger Seher geweissagt,
Oder auch selbst ihr Herz aus eigener Regung sie antreibt.
440
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Mich auch härmt das alles, o Trauteste; aber ich scheue
Trojas Männer zu sehr, und die saumnachschleppenden Weiber,
Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.
Auch verbeut es mein Herz; denn ich lernete tapferes Mutes
445
Immer zu sein, und voran mit Trojas Helden zu kämpfen,
Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm, und den meinen!
Zwar das erkenn' ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
450
Doch nicht kümmert mich so der Troer künftiges Elend,
Nicht der Hekabe selbst, noch Priamos auch des Beherrschers,
Noch der Brüder umher, die dann, so viel und so tapfer,
All' in den Staub hinsinken, von feindlichen Händen getötet:
Als wie dein's, wenn ein Mann der erzumschirmten Achaier
455
Weg die Weinende führt, der Freiheit Tag dir entreißend;
Wenn du in Argos webst für die Herrscherin, oder auch mühsam
Wasser trägst aus dem Quell Hypereia, oder Messeïs,
Sehr unwilliges Muts; doch hart belastet der Zwang dich!
Künftig sagt dann einer, die Tränenvergießende schauend:
460
Hektors Weib war diese, des tapfersten Helden im Volke
Rossebezähmender Troer, da Ilios Stadt sie umkämpften!
Also spricht man hinfort; und neu erwacht dir der Kummer,
Solchen Mann zu vermissen, der retten dich könnt' aus der Knechtschaft!
Aber es decke mich Toten der aufgeworfene Hügel,
465
Eh' ich deines Geschreies vernehm', und deiner Entführung!
Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt' er die Arme;
Aber zurück an den Busen der schöngegürteten Amme
Schmiegte sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,
Scheuend des Erzes Glanz, und die flatternde Mähne des Busches,
470
Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.
Lächelnd schaute der Vater das Kind, und die zärtliche Mutter.
Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,
Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber
Küßte sein liebes Kind, und wiegt' es sanft in den Armen;
475
Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern:
Zeus und ihr anderen Götter, o laßt doch dieses mein Knäblein
Werden dereinst, wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer,
Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen!
Und man sage hinfort: Der ragt noch weit vor dem Vater!
480
Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladen
Eines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter!
Jener sprach's, und reicht' in die Arme der liebenden Gattin
Seinen Sohn; und sie drückt' ihn an ihren duftenden Busen,
Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
485
Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend:
Armes Weib, nicht mußt du zu sehr mir trauren im Herzen!
Keiner wird gegen Geschick hinab mich senden zum Aïs.
Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,
Edel oder geringe, nachdem er einmal gezeugt ward.
490
Doch zum Gemach hingehend besorge du deine Geschäfte,
Spindel und Webestuhl, und gebeut den dienenden Weibern,
Fleißig am Werke zu sein. Der Krieg gebühret den Männern
Allen, und mir am meisten, die Ilios Feste bewohnen.
Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
495
Seinen umflatterten Helm; und es ging die liebende Gattin
Heim, oft rückwärts gewandt, und häufige Tränen vergießend.
Bald erreichte sie nun die wohlgebauete Wohnung
Hektors des Männervertilgers, und fand die Mägd' in der Kammer
Viel an der Zahl; und allen erregte sie Kummer und Tränen.
500
Lebend noch ward Hektor beweint in seinem Palaste;
Denn sie glaubten gewiß, er kehre nie aus der Feldschlacht
Wieder heim, der Achaier gewaltigen Händen entrinnend.
Paris auch zauderte nicht in der hochgewölbeten Wohnung;
Sondern sobald er in Waffen von strahlendem Erz sich gehüllet,
505
Eilt' er daher durch die Stadt, den hurtigen Füßen vertrauend.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt, und stampfendes Laufs in die Felder
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblich wallenden Stromes,
Trotzender Kraft; hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
510
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten:
Also wandelte Paris daher von Pergamos Höhe,
Priamos' Sohn, umstrahlt von Waffenglanz, wie die Sonne,
Freudiges Muts; und es flogen die Schenkel ihm. Eilend nun hatt' er
515
Hektor den Bruder erreicht, den Erhabenen, als er sich wenden
Wollte vom Ort, wo vertraulich mit seinem Weib' er geredet.
Also begann zu jenem der göttliche Held Alexandros:
Wahrlich, mein älterer Bruder, dich Eilenden hielt ich zu lange
Zaudernd auf, und kam nicht ordentlich, wie du befahlest.
520
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Guter, dir darf kein sterblicher Mann, der Billigkeit achtet,
Tadeln die Werke der Schlacht, du bist ein tapferer Streiter.
Oft nur säumest du gern, und willst nicht. Aber es kränkt mir
Innig das Herz, von dir die schmähliche Rede zu hören
525
Unter dem troischen Volk, das um dich so manches erduldet.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wann uns einmal Zeus
Gönnen wird, des Himmels unendlich waltenden Göttern
Dankend den Krug zu stellen der Freiheit in dem Palaste,
Weil wir aus Troja verjagt die hellumschienten Achaier.

Siebenter Gesang

Athene und Apollon, die Schlacht zu enden, heißen Hektor den tapfersten Achaier zum Zweikampf fodern. Unter neun Fürsten trifft das Los den Ajas, Telamons Sohn. Die Nacht trennt die Kämpfer. Nestor in Agamemnons Gezelt rät Stillstand, um die Toten zu verbrennen, und Verschanzung des Lagers. Antenor in Ilios rät, die Helena zurückzugeben; welches Paris verwirft. Am Morgen läßt Priamos die Achaier um Stillstand bitten. Bestattung der Toten. Verschanzung des Lagers, und Poseidons Unwille. In der Nacht unglückliche Zeichen von Zeus.

Dieses gesagt, durcheilte das Tor der strahlende Hektor;
Auch Alexandros der Bruder enteilete; aber ihr Herz war
Beiden entbrannt, zu kämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung.
Wie wenn ein Gott den Schiffern nach sehnlichem Harren den Fahrwind
5
Sendet, nachdem arbeitend mit schöngeglätteten Rudern
Lange das Meer sie geregt, und müd' hinsanken die Glieder:
Also erschienen sie dort den sehnlich harrenden Troern.
Jeder entrafft': er nun den Menesthios, jenes Beherrschers
Areithoos' Sohn, den der Keulenschwinger in Arne
10
Areithoos zeugt' und die herrliche Philomedusa.
Aber Hektor durchschoß dem Eïoneus unter des Helmes
Ehernem Rand mit dem Speere den Hals, und löst' ihm die Glieder.
Glaukos, Hippolochos' Sohn, der lykischen Männer Gebieter,
Traf den Iphinoos jetzt im Sturme der Schlacht mit dem Wurfspieß,
15
Dexias' Sohn, da das schnelle Gespann er bestieg, in die Schulter;
Und er entsank vorn Wagen zur Erd', ihm erschlafften die Glieder.
Doch als jene bemerkt' die Herrscherin Pallas Athene,
Argos Volk hinraffend im Ungestüme der Feldschlacht;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos
20
Hin zu Ilios Stadt. Entgegen ihr eilet' Apollon,
Schauend von Pergamos Zinne, den Troern gönnend den Siegsruhm.
Jetzt begegneten sich die Unsterblichen dort an der Buche;
Und zur Athene begann Zeus' Sohn, der Herrscher Apollon:
Warum so voller Begier, o Zeus' des Allmächtigen Tochter,
25
Kamst du anjetzt vorn Olympos? wie treibt dich der heftige Eifer?
Daß du vielleicht den Achaiern der Schlacht abwechselnden Sieg nun
Gebest? Denn nicht der Troer, der fallenden, jammert dich jemals!
Aber gehorchtest du mir, was weit zuträglicher wäre;
Jetzt darin ließen wir ruhn den feindlichen Kampf der Entscheidung,
30
Heut': doch künftig erneun sie die Feldschlacht, bis sie das Schicksal
Ilios endlich erreicht; dieweil es also im Herzen
Euch Göttinnen gefällt, die hohe Stadt zu verwüsten.
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Also sei's, Ferntreffer; denn dies auch selber gedenkend
35
Kam ich anjetzt vom Olympos zu Troern herab und Achaiern.
Aber wohlan, wie strebst du den Kampf der Männer zu stillen?
Ihr antwortete drauf Zeus' Sohn, der Herrscher Apollon:
Hektor erhöhn wir den Mut, dem gewaltigen Rossebezähmer,
Ob er einzeln vielleicht der Danaer einen hervorruft,
40
Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung;
Und ob dann unwillig die erzumschienten Achaier
Einen allein hersenden zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
Jener sprach's; ihm gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Helenos aber vernahm, des Priamos' Sohn, in der Seele
45
Jenen Rat, der beider unsterblichen Sinne gefallen;
Eilend trat er zu Hektor hinan, und redete also:
Hektor, Priamos' Sohn, an Ratschluß gleich dem Kronion,
Willst du jetzt mir gehorchen Dein liebender Bruder ja bin ich.
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier;
50
Selbst dann rufe hervor den tapfersten aller Achaier,
Gegen dich anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.
Denn noch nicht dir fällt es, den Tod und das Schicksal zu dulden:
Also vernahm ich die Stimme der ewigwährenden Götter.
Jener sprach's; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede;
55
Trat dann hervor in die Mitt', und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.
Auch Agamemnon setzte die hellumschienten Achaier.
Aber Pallas Athen' und der Gott des silbernen Bogens
Setzten sich beid', an Gestalt wie zween hochfliegende Geier,
60
Auf die erhabene Buche des ägiserschütternden Vaters,
Froh die Männer zu schaun; und die Ordnungen saßen gedrängt nun,
Dicht von Schilden und Helmen und ragenden Lanzen umstarret.
So wie unter dem West hinschauert ins Meer ein Gekräusel,
Wann er zuerst andrängt, und dunkler die Flut sich erhebet:
65
Also saßen geschart die Achaier umher und die Troer
Durch das Gefild'; und Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Unseren Bund hat Zeus der Erhabene nicht vollendet;
70
Sondern bösen Entschluß verhänget er beiderlei Völkern:
Bis entweder ihr selbst einnahmt die getürmete Troja,
Oder vor uns ihr erliegt bei den meerdurchwandelnden Schiffen,
Euch ja sind im Heere die tapfersten Helden Achaias.
Wem nun Solcher das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
75
Hieher tret' er hervor, mit dem göttlichen Hektor zum Vorkampf!
Also beding' ich das Wort, und Zeug' uns werde Kronion.
Wenn mich jener erlegt mit ragender Spitze des Erzes,
Trag' er den Raub des Geschmeides hinab zu den räumigen Schiffen;
Aber den Leib entsend' er gen Ilios, daß in der Heimat
80
Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.
Wenn ich jenen erleg', und Ruhm mir gewähret Apollon,
Trag' ich den Raub des Geschmeides in Ilios heilige Feste,
Daß ich ihn häng' an den Tempel des treffenden Phöbos Apollon;
Doch der Erschlagene kehrt zu den schöngebordeten Schiffen,
85
Daß mit Pracht ihn bestatten die hauptumlockten Achaier,
Und ihm ein Grab aufschütten am breiten Hellespontos.
Künftig sagt dann einer der spätgeborenen Menschen,
Im vielrudrigen Schiffe zum dunkelen Meer hinsteuernd:
Seht das ragende Grab des längst gestorbenen Mannes,
90
Der einst tapfer im Streit hinsank dem göttlichen Hektor!
Also spricht er hinfort, und mein ist ewiger Nachruhm.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen;
Schimpflich war's zu weigern, und anzunehmen gefahrvoll.
Endlich stand Menelaos empor, und redete also,
95
Strafend mit herbem Verweis, und schwer erseufzt' er im Herzen:
Weh mir, drohende Prahler, Achairinnen, nicht mehr Achaier!
Traun, doch Schmach ist solches und unauslöschliche Schande,
Wenn kein Danaer nun dem Hektor wagt zu begegnen!
Aber o mögt ihr all' in Wasser und Erd' euch verwandeln.
100
Wie ihr umher dasitzet, so herzlos jeder und ruhmlos!
Selber dann gürt' ich jenem zum Kampfe mich! Oben im Himmel
Hangen des Siegs Ausgäng' an der Hand der unsterblichen Götter!
Jener sprach's, und hüllte das stattliche Waffengeschmeid' um.
Jetzo war, Menelaos, des Lebens Ziel dir genahet,
105
Unter Hektors Händen, der weit an Kraft dich besiegte;
Hätten dich nicht auffahrend gehemmt die König' Achaias.
Selbst auch Atreus' Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Faßt' ihm die rechte Hand, und redete, also beginnend:
Nimm doch Bedacht, Menelaos, du Göttlicher! wenig bedarfst du
110
So unbedachtsamer Wut; drum fasse dich, herzlich betrübt zwar;
Und wetteifere nicht, den stärkeren Mann zu bekämpfen,
Hektor, Priamos' Sohn, vor dem auch andere zittern!
Ihm hat Achilleus selbst in der männerehrenden Feldschlacht
Schaudernd stets sich genaht, der doch viel stärker wie du ist.
115
Du denn setze dich nun, zur Schar der Deinigen wandelnd;
Diesem zum Kampf erhebt sich ein anderer wohl der Achaier.
Mög' er auch furchtlos sein, auch unersättlich des Krieges;
Doch wird, mein' ich, er froh die ermüdeten Kniee beugen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung!
120
Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht; er gehorcht' ihm; und die Genossen
Zogen ihm freudig nunmehr den Waffenschmuck von den Schultern.
Aber Nestor erhub sich in Argos Volk, und begann so:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
125
Weinen ja würde vor Schmerz der graue reisige Peleus,
Rühmlich die Myrmidonen mit Rat und Rede beherrschend;
Der einst herzlich erfreut mich fragt' in seinem Palaste,
Rings nach aller Argeier Geschlecht und Zeugungen forschend!
Hört' er nun, wie sie alle sich scheu hinschmiegen vor Hektor;
130
Flehend würd' er die Händ' empor zu den Himmlischen heben,
Daß aus den Gliedern der Geist einging' in Aïdes Wohnung!
Wenn ich, o Vater Zeus, und Pallas Athen', und Apollon,
Grünete, so wie einst, da an Keladons reißendem Strome
Kämpfte der Pylier Heer mit Arkadiens Lanzengeübten,
135
Hart an Pheias Mauern, wo schnell der Jardanos hinströmt!
Vorn war jenen im Kampf Ereuthalion, ähnlich den Göttern,
Hell um die Schultern geschmückt mit des Areithoos Rüstung,
Jenes erhabenen Helden, der Keulenschwinger mit Namen
Rings von Männern genannt und schöngegürteten Weibern:
140
Denn nie trug er Bogen noch ragende Lanz' in der Feldschlacht,
Sondern trennte die Reihn mit dem Schwung der eisernen Keule.
Diesen erschlug Lykurgos durch Arglist, nicht durch Gewalt ihn,
Laurend im engen Wege, wo nichts ihm die eiserne Keule
Frommete gegen den Tod: denn zuvor ihm rannte Lykurgos
145
Mitten die Lanz' in den Leib, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Und er entblößt' ihn der Wehr, die geschenkt der eherne Ares;
Diese trug er selber hinfort im Getümmel des Ares.
Aber nachdem Lykurgos daheim im Palaste gealtert,
Übergab er die Wehr Ereuthalion, seinem Genossen;
150
Der nun trotzend darauf die Tapfersten alle hervorrief.
Doch sie erbebten ihm all' und zitterten; keiner bestand ihn.
Mich nur entflammte der Mut voll kühnes Vertrauns zu dem Kampfe,
Unverzagt; doch war an Geburt ich der jüngste von allen.
Und ich kämpft' ihm entgegen, und Ruhm verlieh mir Athene.
155
Ihn den größesten nun und gewaltigsten Mann erschlug ich,
Daß weit ausgestreckt er umherlag hiehin und dorthin.
Wär' ich so jugendlich noch, und ungeschwächtes Vermögens;
Traun bald fände des Kampfs der helmumflatterte Hektor!
Aber von euch ringsher, den tapfersten Helden Achaias,
160
Keiner auch wagt es getrost dem Hektor dort zu begegnen!
Also schalt der Greis; da erhuben sich neun in der Heerschar.
Erst vor allen erstand der Herrscher des Volks Agamemnon;
Ihm zunächst der Tydeide, der starke Held Diomedes;
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;
165
Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus Kriegesgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;
Auch Eurypylos darin, der glänzende Sohn des Euämon;
Thoas auch, der Andrämonid', und der edle Odysseus.
Alle sie waren bereit zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
170
Doch von neuem begann der gerenische reisige Nestor:
Jetzt durchs Los miteinander entscheidet es, welcher bestimmt sei.
Hoch erfreun wird dieser die hellumschienten Achaier;
Aber er wird auch selbst in seinem Herzen sich freuen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung.
175
Jener sprach's; und ein Los bezeichnete jeder sich selber;
Alle warfen sie dann in den Helm Agamemnons des Königs.
Aber das Volk hub flehend die Händ' empor zu den Göttern;
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, gib Ajas das Los, o gib's dem Tydeiden,
180
Oder ihm selbst, dem König der golddurchstrahlten Mykene.
Also das Volk; dort schüttelte nun der reisige Nestor;
Und es entsprang dem Helme das Los, das sie selber gewünschet,
Ajas Los; rings trug es der Herold durch die Versammlung
Rechtshin, allen es zeigend, den edelen Helden Achaias.
185
Aber nicht erkennend verleugnete solches ein jeder.
Doch wie er jenen erreicht, ringsum die Versammlung durchwandelnd,
Der das bezeichnete warf in den Helm, den strahlenden Ajas;
Hielt er unter die Hand, und hinein warf's nahend der Herold,
Schnell erkannt' er schauend sein Los, und freute sich herzlich;
190
Warf es darin vor die Füße zur Erd' hin, also beginnend:
Wahrlich mein ist, Freunde, das Los, und ich freue mich selber
Herzlich; dieweil ich hoffe den Sieg vom göttlichen Hektor.
Aber wohlan, indes ich mit Kriegsgerät mich umhülle;
Fleht ihr alle zu Zeus, dem waltenden Sohne des Kronos,
195
Vor euch selbst in der Stille, daß nicht die Troer es hören;
Oder mit lautem Gebet, denn niemand fürchten wir wahrlich!
Keiner soll durch Gewalt unwillig mit Zwang mich vertreiben,
Noch durch siegende Kunst; denn nicht unkundig des Krieges
Hoff' ich in Salamins Flur geboren zu sein und erzogen!
200
Jener sprach's; und sie flehten zu Zeus Kronion dem Herrscher.
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida,
Gib nun Ajas den Sieg, daß glänzenden Ruhm er gewinne!
Aber ist auch Hektor dir wert, und waltest du seiner;
205
Gleich darin schmücke sie beide mit Kraft und Ehre des Sieges!
Also das Volk; denn es deckte mit blinkendem Erze sich Ajas.
Aber nachdem er den Leib ringsum in Waffen gehüllet;
Stürmt' er daher, wie Ares der Ungeheure sich nahet,
Der in die Schlacht eingehet zu Männern, welche Kronion
210
Trieb zum erbitterten Kampfe der geistverzehrenden Zwietracht:
Also erhub sich Ajas, der ragende Hort der Achaier,
Lächelnd mit finsterem Ernste des Antlitzes; und mit den Füßen
Wandelt' er mächtiges Schritts, und schwang die erhabene Lanze.
Sein erfreuten sich hoch die Danaer ringsher schauend;
215
Aber dem Volk der Troer durchschauderte Schrecken die Glieder.
Selbst dem Hektor begann sein Herz im Busen zu schlagen;
Doch nicht konnt' er nunmehr wo zurückfliehn, noch sich verbergen
Unter die Haufen des Volks; denn er forderte selber den Zweikampf.
Ajas nahte heran, und trug den türmenden Schild vor,
220
Ehern und siebenhäutig, den Tychios klug ihm vollendet,
Hoch berühmt in des Leders Bereitungen, wohnend in Hyle:
Dieser schuf ihm den regsamen Schild aus sieben Häuten
Feistgenähreter Stier', und umzog zum achten mit Erz sie.
Den nun trug vor der Brust der Telamonier Ajas,
225
Stellte sich nahe vor Hektor, und sprach die drohenden Worte:
Hektor, deutlich nunmehr erkennest du, einer mit einem,
Wie sich im Danaervolk noch andere Helden erheben,
Auch nach Peleus' Sohn, dem zermalmenden, löwenbeherzten!
Jener zwar bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres
230
Ruht nun, zürnend im Geist dem Hirten des Volks Agamemnon;
Aber auch wir sind Männer, mit Freudigkeit dir zu begegnen,
Und noch viel! Wohlauf, und beginne du Kampf und Entscheidung!
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
235
Denke mich nicht durch Trotz, wie ein schwaches Kind, zu versuchen,
Oder ein Weib, das nimmer des Kriegs Arbeiten gelernet!
Wohl sind mir die Kämpfe bekannt, und die Schlachten der Männer!
Rechtshin weiß ich zu wenden, und links zu wenden den Stierschild,
Dürrer Last, um stets unermüdeter Stärke zu kämpfen;
240
Weiß zu Fuß ihn zu tanzen den Tanz des schrecklichen Ares,
Weiß auch rasch im Getümmel die fliegenden Rosse zu lenken!
Aber nicht ereile mein Speer dich, tapferer Krieger,
Heimlich mit laurender List; nein öffentlich, ob er dich treffe!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze;
245
Und sie traf dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Auf das obere Erz, das ihm zum achten umherlag:
Sechs der Schichten durchdrang das spaltende Erz unbezwingbar,
Doch in der siebenten Haut ermattet es. Wieder entsandt' ihm
Ajas der göttliche Held die weithinschattende Lanze;
250
Und sie traf dem Hektor den Schild von gerundeter Wölbung.
Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Grad' hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
Stürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.
255
Beide dann zogen heraus die ragenden Speer', und zugleich nun
Rannten sie an, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,
Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke.
Priamos' Sohn stieß mächtig den Speer auf die Mitte des Schildes;
Doch nicht brach er das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze.
260
Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurch drang
Schmetternd die eherne Lanz', und erschütterte jenen im Angriff.
Streifend am Hals hinfuhr sie, und schwarz entspritzte das Blut ihm.
Doch nicht ruhte vom Kampf der helmumflatterte Hektor;
Sondern wich, und erhub mit nervichter Rechte den Feldstein,
265
Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen;
Schwang ihn hin, und dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Traf er gerad' auf den Nabel, daß ringsum dröhnend das Erz scholl.
Wieder erhub nun Ajas den noch viel größeren Feldstein,
Sandt' ihn daher umschwingend, und strengt' unermeßliche Kraft an.
270
Einwärts brach er den Schild mit dem mühlsteinähnlichen Felsen,
Und verletzt ihm die Kniee, daß rücklings jener dahinsank,
Fest den Schild in der Hand; doch schnell erhub ihn Apollon.
Jetzt auch hätten mit Schwertern in nahem Kampf sie verwundet,
Wenn nicht zween Herolde, die Boten Zeus' und der Männer,
275
Eilend genaht, von den Troern und erzumschirmten Achaiern,
Dort Idäos, und hier Talthybios, beide verständig.
Zwischen die Kämpfenden streckten die Stäbe sie; aber Idäos
Sprach das Wort, der Herold, verständiges Rates erfahren:
Nun nicht mehr, ihr Kinder, des feindlichen Kampfs und Gefechtes!
280
Beide ja seid ihr geliebt dem Herrscher im Donnergewölk Zeus';
Beid' auch tapfere Streiter: das schaueten jetzo wir alle.
Doch nun nahet die Nacht; gut ist's, auch der Nacht zu gehorchen.
Gegen ihn rief antwortend der Telamonier Ajas:
Erst den Hektor ermahnt, Idäos, also zu reden;
285
Weil er selbst zum Kampfe die Tapfersten alle hervorrief.
Jener beginn'; und gerne gehorch' ich dir, wenn er zuerst will.
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, dieweil dir ein Gott die Kraft und die Größe verliehen,
Und den Verstand, und im Speere der beste du bist der Achaier;
290
Laß uns jetzt ausruhen vom feindlichen Kampf der Entscheidung,
Heut; doch künftig erneun wir die Feldschlacht, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Denn nun nahet die Nacht; gut ist's, auch der Nacht zu gehorchen:
Daß du dort bei den Schiffen das Herz der Achaier erfreuest,
295
Doch vor allen der Freund' und deiner lieben Genossen;
Aber ich selbst, heimkehrend in Priamos Stadt des Beherrschers,
Trojas Männer erfreu' und saumnachschleppende Weiber,
Welche für mich aufflehend an heiliger Stätte sich sammeln,
Laß uns jetzt auch einander mit rühmlichen Gaben beschenken;
300
Daß man sage hinfort bei Troern und bei Achaiern:
Seht, sie kämpften den Kampf der geistverzehrenden Zwietracht,
Und dann schieden sie beid' in Freundschaft wieder versöhnet.
Jener sprach's, und reicht' ihm das Schwert voll silberner Buckeln
Samt der Scheid' in die Hand, und dem schöngezierten Gehenke.
305
Ajas schenkt' ihm dagegen den Leibgurt, schimmernd von Purpur.
Also schieden sie beid'; es kehrte zum Volk der Achaier
Einer, zum Heer der Troer der andere: jene mit Freude
Schaueten nun, daß lebend und unverletzt er daherging,
Ajas Händen entflohn und unaufhaltsamer Stärke;
310
Führten ihn dann in die Stadt, und glaubeten kaum ihn errettet.
Auch den Ajas führten die hellumschienten Achaier
Hin zum Held Agamemnon, der hoch des Sieges erfreut war.
Als sie nunmehr ins Gezelt um Atreus' Sohn sich versammelt;
Opferte, jenen zum Schmaus, der Völkerfürst Agamemnon
315
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Rasch ihn zogen sie ab, und zerlegeten alles geschäftig,
Schnitten behend' in Stücke das Fleisch, und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;
320
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber den Ajas ehrt' er mit weithinreichendem Rücken,
Atreus' Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
325
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus' Sohn, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Viele ja sind gestorben der hauptumlockten Achaier,
Welchen das schwarze Blut um den schönen Strom des Skamandros
330
Ares der Wütrich vergoß, und die Seelen zum Aïdes sanken.
Darum laß mit dem Morgen den Krieg ausruhn der Achaier,
Daß wir gesamt auf Wagen die Leichname holen, von Rindern
Und Maultieren geführt; alsdann verbrennen wir alle,
Etwas entfernt von den Schiffen, damit einst jeder den Kindern
335
Bringe den Staub, wann wieder zum Vaterlande wir heimziehn.
Einen Hügel am Brand' erheben wir draußen versammelt
Allen zugleich im Gefild'; und neben ihm bauen wir eilig
Hochgetürmt die Mauer, uns selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauen wir Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
340
Daß bequem durch solche der Weg sei Rossen und Wagen.
Draußen umziehn wir sodann mit tiefem Graben die Mauer,
Welcher rings abwehre den Reisigen Zeug und das Fußvolk;
Daß nicht einst andränge die Macht hochherziger Troer.
Jener sprach's; und umher die Könige riefen ihm Beifall.
345
Auch die Troer kamen auf Ilios Burg zur Versammlung,
Schreckenvoll und verwirrt, vor Priamos' hohem Palaste;
Und vor ihnen begann der verständige Held Antenor:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
350
Auf, die Argeierin Helena nun, und die Schätze mit jener,
Geben wir Atreus' Söhnen zurück. Nun streiten wir treulos
Gegen den heiligen Bund; drum hoff ich nimmer, daß Wohlfahrt
Unserem Volke gedeihe, bevor wir also gehandelt.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
355
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte;
Dieser erwiderte drauf, und sprach die geflügelten Worte:
Keineswegs, Antenor, gefällt mir, was du geredet!
Leicht wohl könntest du sonst ein besseres raten, denn solches!
Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet;
360
Traun dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung!
Jetzo verkünd' auch ich den rossebezähmenden Troern;
Grade heraus bekenn' ich: Das Weib, nie geb' ich es wieder;
Aber das Gut, so viel ich aus Argos führt' in die Wohnung,
Will ich gesamt nun erstatten, und noch des Meinen hinzutun.
365
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Priamos, Dardalios Enkel, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen;
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
370
Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, so wie gewöhnlich,
Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.
Morgen geh' Idäos hinab zu den räumigen Schiffen:
Daß er den Fürsten des Volks Agamemnon und Menelaos
Sage die Red' Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben;
375
Auch dies heilsame Wort dann verkündige, ob sie geneigt sind,
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
380
Ringsum nahm man das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen.
Morgens ging Idäos hinab zu den räumigen Schiffen.
Und er fand die Achaier im Rat, die Genossen des Ares,
Neben dem Hinterschiff Agamemnons. Jener sich nahend
Trat in den Kreis, und begann, der lautaustönende Herold:
385
Atreus' Söhn', und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Priamos sendete mich, und die anderen Edlen der Troer,
Daß ich, wär' es vielleicht euch angenehm und gefällig,
Sagte die Red' Alexandros', um welchen der Streit sich erhoben.
Alles Gut, so viel Alexandros in räumigen Schiffen
390
Her gen Troja geführt, (hätt' eher der Tod ihn ereilet!)
Will er gesamt euch erstatten, und noch des Seinen hinzutun.
Aber die Jugendvermählte von Atreus' Sohn Menelaos
Gibt er nie, wie er sagt; ob zwar ihn die Troer ermahnen.
Dieses Wort auch sollt' ich verkündigen, ob ihr geneigt seid
395
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
400
Daß nur keiner das Gut Alexandros' nehme, ja selbst nicht
Helena! Wohl ja erkennt, auch wer unmündiges Geistes,
Daß nunmehr den Troern das Ziel des Verderbens daherdroht!
Jener sprach's; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
405
Jetzo sprach zu Idäos der Völkerfürst Agamemnon:
Selber jetzt, Idäos, vernahmst du das Wort der Achaier,
Welchen Bescheid sie geben; auch mir geliebet es also.
Doch der Toten Verbrennung sei euch mit nichten verweigert.
Nicht ja gebührt Kargheit bei abgeschiedenen Toten,
410
Daß man, nachdem sie gestorben, mit Glut zu besänftigen eile.
Höre den Bund Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
Jener sprach's, und empor zu den Himmlischen hob er den Scepter.
Aber es kehrt' Idäos zur heiligen Ilios wieder.
Jene noch saßen im Rat, die Troer und Dardanionen,
415
Alle gedrängt miteinander, und harreten seiner Zurückkunft.
Jetzo kam Idäos daher, und sagte die Botschaft,
Hingestellt in die Mitte. Da rüsteten jene sich eilig,
Andere, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Auch die Argeier indes von den schöngebordeten Schiffen
420
Eileten, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Aber die Sonn' erhellte mit jungem Strahl die Gefilde,
Aus des tiefergoßnen Okeanos ruhiger Strömung,
Steigend am Himmel empor. Da begegneten jen' einander.
Schwer nun war's zu erkennen im Schlachtfeld jeden der Männer.
425
Doch sie wuschen mit Wasser den blutigen Mord von den Gliedern,
Heiße Tränen vergießend, und huben sie all' auf die Wagen.
Aber zu weinen verbot Held Priamos; jene nun schweigend
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,
Zündeten an das Feuer, und kehrten zur heiligen Troja.
430
Also auch dort entgegen die hellumschienten Achaier
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,
Zündeten an das Feuer, und kehrten zu räumigen Schiffen.
Als noch nicht der Morgen erschien, nur grauende Dämmrung,
Jetzo erhub um den Brand sich erlesenes Volk der Achaier.
435
Einen Hügel umher erhoben sie draußen versammelt
Allen zugleich im Gefild'; und neben ihm bauten sie eilig
Hochgetürmt die Mauer, sich selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauten sie Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
Daß bequem durch solche der Weg war Rossen und Wagen.
440
Draußen umzogen sie dann mit tiefem Graben die Mauer,
Breit umher und groß, und drinnen auch pflanzten sie Pfähle.
So arbeiteten hier die hauptumlockten Achaier.
Dort die Götter um Zeus den Wetterleuchtenden sitzend
Staunten dem großen Werke der erzumschirmten Achaier.
445
Unter ihnen begann der Erderschüttrer Poseidon:
Vater Zeus, ist irgend ein Mensch der unendlichen Erde,
Der zu den Himmlischen noch mit Herz und Sinne sich wende?
Siehest du nicht, wie jetzo die hauptumlockten Achaier
Eine Mauer den Schiffen erbaueten, rings auch den Graben
450
Führeten, ohn' uns Göttern zuvor Hekatomben zu opfern?
Nun wird diesen ein Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet;
Doch vergessen wird jene, die ich und Phöbos Apollon
Einst um Laomedons Stadt mit ringender Kraft gegründet!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
455
Wehe mir, Erderschüttrer, gewaltiger! welcherlei Rede!
Wenn ja ein anderer noch der Unsterblichen jener Erfindung
Zitterte, der weit schwächer denn du an Arm und Gewalt ist!
Doch dir währet der Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet.
Auf wohlan, sobald nun die hauptumlockten Achaier
460
Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Reiße dann ein die Mauer, und stürze sie ganz in die Meerflut,
Wieder das große Gestad' umher mit Sande bedeckend,
Daß auch die Spur hinschwinde vom großen Bau der Achaier.
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
465
Nieder sank nun die Sonn', und der Danaer Werk war vollendet.
Rings in den Zelten erschlugen sie Stier', und genossen des Mahles.
Aber viel der Schiffe, mit Wein beladen, aus Lemnos
Landeten, hergesandt vom Jasoniden Euneos,
Welchen Hypsipyle trug dem Völkerhirten Jason.
470
Atreus' Söhnen allein, Agamemnon und Menelaos,
Sandt' er edleren Trank zum Geschenk her, tausend der Maße.
Dort nun kauften des Weins die hauptumlockten Achaier:
Andere brachten Erz, und andere blinkendes Eisen,
Andere dann Stierhäut', und andere lebende Rinder,
475
Andre Gefangne der Schlacht, und bereiteten lieblichen Festschmaus.
Also die Nacht durchharrten die hauptumlockten Achaier
Schmausend; auch dort die Troer in Ilios und die Genossen.
Aber die ganze Nacht sann Unheil Zeus der Erhabne,
Drohend mit Donnergetön; da faßte sie bleiches Entsetzen.
480
Ringsher Wein aus den Bechern vergossen sie; keiner auch durft' ihn
Trinken, bevor er gesprengt dem allmächtigen Sohne des Kronos.
Jeder ruhete dann, und empfing die Gabe des Schlafes.

Achter Gesang

Den versammelten Göttern verbietet Zeus, weder Achaiern noch Troern beizustehn, und fährt zum Ida. Schlacht. Zeus wägt den Achaiern Verderben, und schreckt sie mit dem Donner. Here bittet den Poseidon umsonst, den Achaiern zu helfen. Die Achaier in die Verschanzung gedrängt. Agamemnon und ein Zeichen ermuntert sie zum neuen Angriff. Teukros streckt viele mit dem Bogen, und wird von Hektor verwundet. Die Achaier von neuem in die Verschanzung getrieben. Here und Athene fahren vom Olympos den Achaiern zu Hilfe. Zeus befiehlt ihnen durch Iris umzukehren. Er selbst zum Olympos gekehrt droht den Achaiern noch größere Niederlage. Hektor mit den siegenden Troern übernachtet vor dem Lager.

Eos im Safrangewand' erleuchtete rings nun die Erde,
Als der Donnerer Zeus die Unsterblichen rief zur Versammlung
Auf den obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
Selbst nun begann er den Rat; und die Himmlischen horchten ihm alle.
5
Hört mein Wort, ihr Götter umher, und ihr Göttinnen alle,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Keine der Göttinnen nun erhebe sich, keiner der Götter,
Trachtend, wie dies mein Wort er vereitele; sondern zugleich ihr
Stimmt ihm bei, daß ich eilig Vollendung schaffe dem Werke!
10
Wen ich jetzt von den Göttern gesondertes Sinnes erkenne,
Daß er geht, und Troer begünstiget, oder Achaier;
Schmählich geschlagen fürwahr kehrt solcher mir heim zum Olympos!
Oder ich fass' und schwing' ihn hinab in des Tartaros Dunkel,
Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde:
15
Den die eiserne Pforte verschleußt und die eherne Schwelle,
So weit unter dem Aïs, wie über der Erd' ist der Himmel!
Dann vernimmt er, wie weit ich der Mächtigste sei vor den Göttern!
Auf wohlan, ihr Götter, versucht's, daß ihr all' es erkennet,
Eine goldene Kette befestigend oben am Himmel;
20
Hängt dann all' ihr Götter euch an, und ihr Göttinnen alle:
Dennoch zögt ihr nie vom Himmel herab auf den Boden
Zeus den Ordner der Welt, wie sehr ihr rängt in der Arbeit!
Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen;
Selbst mit der Erd' euch zög' ich empor, und selbst mit dem Meere;
25
Und die Kette darauf um das Felsenhaupt des Olympos
Bänd' ich fest, daß schwebend das Weltall hing' in der Höhe!
So weit rag' ich vor Göttern an Macht, so weit vor den Menschen!
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt' er geredet.
30
Endlich erwiderte Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, o du, der Gebietenden höchster,
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.
35
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all' hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
40
Meinung sprach ich das Wort; ich will dir freundlich gesinnt sein!
Jener sprach's und schirrt' in das Joch erzhufige Rosse,
Stürmendes Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
Selbst dann hüllt' er in Gold sich den Leib, und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens.
45
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,
Zwischen der Erd' einher und dem sternumleuchteten Himmel.
Schnell den Ida erreicht' er, den quelligen Nährer des Wildes,
Gargaros, wo ihm pranget ein Hain und duftender Altar.
Dort nun hielt der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
50
Löste die Rosse vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus.
Selber setzt' er nunmehr auf die Höhe sich, freudiges Trotzes,
Und umschaute der Troer Stadt, und die Schiffe Achaias.
Jene nun nahmen das Mahl, die hauptumlockten Achaier,
Rasch in den Zelten umher, und hüllten sodann ihr Geschmeid' um.
55
So auch dort die Troer in Ilios faßten die Waffen,
Weniger zwar, doch entbrannt zum blutigen Kampf der Entscheidung,
Durch hartdringende Not; denn es galt für Weiber und Kinder.
Ringsum standen geöffnet die Tor', und es stürzte das Kriegsheer,
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
60
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet;
Trafen zugleich Stierhäut', und Speere zugleich, und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös' auf.
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
65
Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde.
Weil noch Morgen es war, und der heilige Tag emporstieg;
Hafteten jegliches Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
Aber nachdem die Sonne den Mittagshimmel erstiegen;
Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
70
Legt' in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,
Trojas reisigem Volk und den erzumschirmten Achaiern,
Faßte die Mitt', und wog: da lastete schnell der Achaier
Schicksalstag, daß die Schale zur nahrungsprossenden Erde
Niedersank, und der Troer zum weiten Himmel emporstieg.
75
Laut vom Ida herab nun donnert' er, und sein entbrannter
Strahl durchzuckte das Heer der Danaer; jen' ihn erblickend
Starreten auf, und alle durchschauerte bleiches Entsetzen.
Nicht Idomeneus selber verweilt itzt, nicht Agamemnon,
Nicht die Ajas wagten zu stehn, die Genossen des Ares.
80
Nestor allein noch stand, der gerenische Hort der Achaier,
Ungern, weil ihm verletzt war ein Roß: das traf mit dem Pfeile
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte,
Grad' in die Scheitel des Haupts, wo zuerst die Mähne der Rosse
Vorn dem Schädel entwächst, und am tödlichsten ist die Verwundung.
85
Angstvoll bäumt' es empor, weil tief der Pfeil ins Gehirn drang,
Und verwirrte die Ross', um das Erz in der Wunde sich wälzend.
Während der Greis die Stränge dem Nebenroß mit dem Schwerte
Abzuhaun sich erhub; kam Hektors schnelles Gespann ihm
Durch die Verfolgung daher, mit dem unerschrockenen Lenker,
90
Hektor! Dort nun hätte der Greis sein Leben verloren,
Wenn nicht schnell ihn bemerkt der Rufer im Streit Diomedes.
Furchtbar jetzt ausrufend, ermahnt' er so den Odysseus:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Wohin fliehst du, den Rücken gewandt, wie ein Feiger im Schwarme?
95
Daß nur keiner den Speer dir Fliehenden heft' in die Schulter!
Bleib doch, und hilf vom Greise den schrecklichen Mann mir entfernen!
Jener sprach's; nicht hörte der herrliche Dulder Odysseus,
Sondern er stürmte vorbei zu den räumigen Schiffen Achaias.
Doch der Tydeid', auch selber allein, drang kühn in den Vorkampf,
100
Stellte sich nun vor die Rosse des neleiadischen Greises,
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Wahrlich, o Greis, sehr hart umdrängen dich jüngere Männer!
Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt, und ermüdet die Rosse.
105
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung:
Die ich jüngst von Äneias errang, dem Schreckengebieter.
Jene laß den Gefährten zur Obhut; wir mit den Meinen
110
Wollen den reisigen Troern entgegen gehn, daß auch Hektor
Lern', ob mir selber vielleicht auch wüte der Speer in den Händen!
Sprach's; und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor.
Jetzt die nestorischen Rosse besorgeten beide Gefährten,
Sthenelos, tapferes Muts, und Eurymedon, glühend vor Ehrsucht.
115
Jene dann traten zugleich in das rasche Geschirr Diomedes'.
Nestor faßt' in die Hände die purpurschimmernden Zügel,
Schwang dann die Geißel zum Lauf; und bald erreichten sie Hektor.
Ihm, wie er grad' andrang, entsandte den Speer Diomedes;
Und er verfehlt' ihn zwar; doch dem wagenlenkenden Diener,
120
Jenem Eniopeus, dem Sohn des erhabnen Thebäos,
Als er hielt das Gezäum, durchschoß er die Brust an der Warze;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
125
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes,
Liegen; und forscht', ob irgend ein mutiger Lenker erschiene;
Und nicht lang' ihm entbehrten die Rosse der Hut, denn er fand nun
Iphitos' mutigen Sohn Archeptolemos: eilend ihn hieß er
Steigen ins rasche Geschirr, und reicht' in die Hand ihm die Zügel.
130
Jetzt wär' entschieden der Kampf und unheilbare Taten vollendet,
Und sie zusammengescheucht in Ilios, gleich wie die Lämmer;
Schauete nicht der Vater des Menschengeschlechts und der Götter.
Furchtbar erscholl sein Donner daher, und der leuchtende Strahl schlug
Schmetternd hinab in den Grund vor dem raschen Gespann Diomedes:
135
Schrecklich lodert' empor die schweflichte Flamme des Himmels;
Und wild bebten in Angst die Rosse zurück vor dem Wagen.
Nestors Hand entsanken die purpurschimmernden Zügel,
Und er erschrak im Herzen, und sprach zum Held Diomedes:
Tydeus' Sohn, auf! wende zur Flucht die stampfenden Rosse!
140
Oder erkennest du nicht, daß Zeus nicht Sieg dir gewähret?
Jetzo zwar wird jener von Zeus Kronion verherrlicht,
Heut'; doch künftig werden wir selbst auch, wenn's ihm gelüstet,
Wieder geehrt! Darf keiner doch Zeus' Ratschlüsse verhindern,
Nicht der Gewaltigste Selbst; denn er ist mächtig vor allen!
145
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Diomedes:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet;
Aber ein heftiger Schmerz durchdringt mir die Tiefe des Herzens!
Hektor sagt nun hinfort in des troischen Volkes Versammlung:
Tydeus' Sohn ist vor mir hinabgeflohn zu den Schiffen!
150
Also trotzt er hinfort; dann reiße sich weit mir die Erd' auf!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Wehe mir, Tydeus' Sohn, des Feurigen, welcherlei Rede!
Denn wofern dich Hektor auch feig' einst nennet und kraftlos,
Niemals glauben ihm doch die Troer und Dardanionen,
155
Oder die Fraun der Troer, der schildgewappneten Streiter,
Welchen umher in den Staub die blühenden Männer du strecktest.
Jener sprach's, und wandte zur Flucht die stampfenden Rosse
Durch die Verfolgung zurück; nach stürmeten Troer und Hektor
Mit graunvollem Geschrei, und schütteten herbe Geschosse.
160
Aber es rief lauttönend der helmumflatterte Hektor:
Tydeus' Sohn, dich ehrten die reisigen Helden Achaias
Hoch an Sitz, und an Fleisch, und vollgegossenen Bechern.
Künftig verachten sie dich; wie ein Weib erscheinest du jetzo!
Fort, du zagendes Mädchen! denn nie, mich selber vertreibend,
165
Steigst du die Mauren hinan von Ilios, oder entführest
Uns die Weiber im Schiff; zuvor dir send' ich den Dämon!
Jener sprach's; da erwog mit wankendem Sinn Diomedes,
Ob er die Ross' umlenkt', und kühn entgegen ihm kämpfte.
Dreimal sann er umher in des Herzens Geist und Empfindung;
170
Dreimal erscholl vom Ida das Donnergetön des Kronion,
Trojas Volk ankündend der Schlacht abwechselnden Siegsruhm.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
175
Denn ich erkenne, wir mir voll Huld zuwinkte Kronion
Sieg und erhabenen Ruhm, doch Schmach den Achaiern und Unheil.
Törichte, welche nunmehr zum Schutz sich erfanden die Mauer,
Schwach und verachtungswert, die nichts vor meiner Gewalt ist!
Denn mir springen die Rosse mit Leichtigkeit über den Graben!
180
Aber sobald ich dort den gebogenen Schiffen genahet,
Dann gedenke man wohl für brennendes Feuer zu sorgen;
Daß ich die Schiff' anzünde mit Glut, und sie selber ermorde,
Argos' Söhn' um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes!
Jener sprach's; und die Ross' ermahnet' er, laut ausrufend:
185
Xanthos, und du Podargos, und mutiger Lampos, und Äthon,
Jetzt die reichliche Pflege vergeltet mir, welche mit Sorgfalt
Euch Andromache gab, des hohen Eëtions Tochter;
Da sie zuerst vor euch den lieblichen Weizen geschüttet,
Auch des Weines gemischt, nach Herzenswunsche zu trinken,
190
Eher denn mir, der doch ihr blühender Gatte sich rühmet!
Auf denn, mit großer Gewalt, und verfolget sie: daß wir erobern
Nestors strahlenden Schild, des Ruhm nun reichet zum Himmel,
Golden sei die Wölbung umher, und die Stangen des Schildes;
Auch herab von der Schulter dem reisigen Held Diomedes
195
Jenen künstlichen Harnisch, den selbst Hephästos geschmiedet!
Würd' uns solches ein Raub, dann hofft' ich wohl, die Achaier
Möchten die Nacht noch steigen in leichthinsegelnde Schiffe!
Also jauchzet' er laut; da zürnt' ihm die Herrscherin Here,
Wandte sich heftig im Thron, und erschütterte weit den Olympos.
200
Drauf zu Poseidaon, dem mächtigen Gotte begann sie:
Wehe mir, Erderschüttrer, Gewaltiger, wenden auch dir nicht
Argos sinkende Scharen das Herz im Busen zu Mitleid?
Bringen sie doch gen Ägä und Helike dir der Geschenke
Viel' und erfreuende stets! O gönne du ihnen den Sieg nun!
205
Denn wenn wir nur wollten, der Danaer sämtliche Helfer,
Trojas Volk wegdrängen, und Zeus dem Donnerer steuern;
Traun bald säß' er daselbst sich einsam härmend auf Ida!
Unmutsvoll nun begann der Erderschüttrer Poseidon:
Welch ein Wort, o Here, Verwegene, hast du geredet!
210
Nimmermehr verlang' ich mit Zeus Kronion zu kämpfen,
Ich und die anderen hier; denn er ist mächtig vor allen!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Dort so weit von den Schiffen zum Wall und Graben sich hinstreckt,
Voll war's rings von Rossen und schildgewappneten Männern,
215
Dichtgedrängt; denn es drängte, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Hektor, Priamos' Sohn, nachdem Zeus Ruhm ihm gewährte.
Und nun hätt' er verbrannt in lodernder Flamme die Schiffe,
Legete nicht Agamemnon ins Herz die erhabene Here,
Ihm der auch selbst umeilte, die Danaer schnell zu ermuntern.
220
Schleunig ging er hinab der Danaer Schiff' und Gezelte,
Haltend in nervichter Hand den großen purpurnen Mantel,
Und er betrat des Odysseus' gewaltiges dunkeles Meerschiff,
Welches die Mitt' einnahm daß beiderseits sie vernähmen,
Dort zu Ajas Gezelten hinab, des Telamoniden,
225
Dort zu des Peleionen, die beid' an den Enden ihr Schiffheer
Aufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Wo ist jetzo der Ruhm, da wir uns Tapfere priesen;
230
Was ihr vordem in Lemnos mit nichtiger Rede geprahlet,
Schmausend das viele Fleisch der hochgehörneten Rinder,
Und ausleerend die Krüge, zum Rand mit Weine gefüllet?
Gegen hundert der Troer, ja selbst zweihundert, vermaß sich
Jeder im Kampfe zu stehn! Nicht einem auch gelten wir jetzo,
235
Hektor, der bald die Schiffe verbrennt in loderndem Feuer!
Hast du, o Vater Zeus, je einen gewaltigen König
So beladen mit Fluch, und des herrlichen Ruhms ihn beraubet?
Weißt du doch, wie ich nie vor deinem prangenden Altar
Im vielrudrigen Schiff hinsteuerte, als ich hieherkam;
240
Nein auf allen verbrannt' ich der Stiere Fett und die Schenkel,
Wünschend hinwegzutilgen die festummauerte Troja.
Aber, o Zeus, gewähre mir doch nur dieses Verlangen:
Laß uns wenigstens selber errettet sein und entfliehen,
Und nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
245
Jener sprach's; da jammerte Zeus des weinenden Königs;
Und er winkt' ihm Errettung der Danaer, nicht ihr Verderben.
Schnell den Adler entsandt' er, die edelste Vorbedeutung;
Dieser trug in den Klauen ein Kind der flüchtigen Hindin,
Und vor Zeus' Altar, den prangenden, warf er das Hirschkalb,
250
Wo dem enthüllenden Zeus die Danaer pflegten zu opfern.
Jene, sobald sie gesehn, wie von Zeus herschwebte der Vogel,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust.
Keiner rühmte sich nun, so viel auch Danaer waren,
Daß vor Tydeus' Sohn er gelenkt die hurtigen Rosse,
255
Vorgesprengt ans dem Graben, und kühn entgegen gekämpfet;
Sondern zuerst den Troern ermordet' er einen der Kämpfer,
Fradmons' Sohn Agelaos: zur Flucht dort wandt' er die Rosse;
Doch dem Gewendeten stieß der Tydeide den Speer in den Rücken,
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
260
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hinter ihm Atreus' Söhn', Agamemnon und Menelaos;
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;
Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus' Kriegesgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;
265
Auch Eurypylos dann, der glänzende Sohn des Euämon;
Teukros auch kam der neunte, gespannt den schnellenden Bogen,
Hinter des Ajas' Schilde gestellt, des Telamoniden:
Oft daß Ajas den Schild ihm hinweghob; aber der Held dort
Schaut' umher, und sobald sein Todesgeschoß im Getümmel
270
Traf, dann taumelte jener dahin, sein Leben verhauchend;
Doch er eilte zurück, wie ein Kind an die Mutter sich schmieget,
Nah an Ajas gedrängt, der mit strahlendem Schild' ihn bedeckte.
Wen nun traf von den Troern zuerst der untadliche Teukros?
Erst den Orsilochos traf er, und Ormenos, auch Ophelestes,
275
Dätor und Chromios auch, und den göttlichen Held Lykophontes,
Auch Polyämons Sohn Hamopaon, auch Melanippos:
All' aneinander gestürzt zur nahrungsprossenden Erde.
Ihn nun sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Wie er mit starkem Geschoß die troischen Reihen vertilgte;
280
Nahe trat er hinan, und sprach zu jenem die Worte:
Teukros, edelster Freund, Telamonier, Völkergebieter,
Triff so fort, und werde der Danaer Licht, und des Vaters
Telamon auch, der in Liebe dich nährete, als du ein Kind warst,
Und, der Dienerin Sohn, dich pflegt in seinem Palaste:
285
Ihn, den Entferneten nun, erhebe zu glänzendem Ruhme!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.
Wenn mir solches gewährt der Donnerer Zeus und Athene,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser;
Werd' ich zuerst nach mir die geehrteste Gabe dir reichen:
290
Ob es ein Dreifuß sei, ob ein rasches Gespann mit dem Wagen,
Oder ein blühendes Weib, das dir dein Lager besteige.
Jener sprach's; ihm erwiderte schnell der untadliche Teukros:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, warum, da ich selber ja strebe,
Treibst du mich an? Nichts wahrlich, so viel die Kraft mir gewähret,
295
Zauder' ich; sondern seitdem gen Ilios jene wir drängen,
Hab' ich feindliche Männer mit zielendem Bogen getötet.
Acht schon hab' ich versandt der langgespitzten Geschosse,
Und sie hafteten all' in streitbarer Jünglinge Leibern.
Jenen nur nicht vermag ich, den wütenden Hund zu erreichen!
300
Sprach's, und sandt' ein andres Geschoß von der Senne des Bogens,
Grad' auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.
Und er verfehlt' ihn zwar; doch den edlen Gorgythion traf er,
Priamos' tapferen Sohn, ihm die Brust mit dem Pfeile durchbohrend:
Welchen ein Nebenweib, aus Äsyme gewählt, ihm geboren,
305
Kastianeira die Schön', an Gestalt den Göttinnen ähnlich.
So wie der Mohn zur Seite das Haupt neigt, welcher im Garten
Steht, von Wuchs belastet, und Regenschauer des Frühlings:
Also neigt' er zur Seite das Haupt, vom Helme beschweret.
Teukros sandt' ein andres Geschoß von der Senne des Bogens
310
Grad' auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.
Aber auch jetzt verfehlt' er; denn seitwärts wandt' es Apollon.
Archeptolemos nur, dem mutigen Lenker des Hektor,
Als er sprengt' in die Schlacht, durchschoß er die Brust an der Warze;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
315
Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes.
Schnell nun hieß er den Bruder Kebriones, der ihm genaht war,
Nehmen der Rosse Gezäum; und nicht unwillig gehorcht' er.
320
Aber er selbst entschwang sich dem glänzenden Sessel des Wagens,
Mit graunvollem Geschrei, und faßt' in der Rechte den Feldstein,
Drang dann grad' auf Teukros, in heißer Begier ihn zu treffen.
Jener hatt' aus dem Köcher ein herbes Geschoß sich gewählet,
Und auf die Senne gefügt; da traf der gewaltige Hektor,
325
Als er die Senn' anzog, ihn am Schlüsselbein auf die Achsel,
Zwischen Hals und Brust, wo am tödlichsten ist die Verwundung:
Dort den Strebenden traf er mit zackigem Stein des Gefildes,
Und zerriß ihm die Senn'; es erstarrte die Hand an dem Knöchel,
Und er entsank hinknieend, es glitt aus der Hand ihm der Bogen.
330
Doch nicht Ajas vergaß des hingesunkenen Bruders,
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell dann bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios' Sohn Mekisteus zugleich, und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den Schweraufstöhnenden trugen.
335
Wieder erhob die Troer mit Mut der olympische König.
Grade zurück an den Graben verdrängten sie nun die Achaier;
Hektor drang mit den ersten voran, wutfunkelndes Blickes.
So wie ein Hund den Eber des Bergwalds, oder den Löwen,
Kühn mit dem Rachen erhascht, den hurtigen Füßen vertrauend,
340
Hinten an Hüft' und Lend', und stets des Gewendeten achtet:
Also verfolgt' itzt Hektor die hauptumlockten Achaier,
Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.
Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet
Fliehend und manchen gestürzt die mordenden Hände der Troer;
345
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend,
Und ermahnten einander; und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
Hektor tummelt' umher das Gespann schönmähniger Rosse,
Graß wir Gorgo an Blick, und der männermordende Ares.
350
Jene nun sah erbarmend die lilienarmige Here,
Wandte sich schnell zur Athen', und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, o Tochter Zeus' des Donnerers, wollen wir noch nicht
Retten das sterbende Volk der Danaer, auch nur zuletzt noch?
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden,
355
Unter des einen Gewalt! Da wütet er ganz unerträglich,
Hektor, Priamos' Sohn, und viel schon tat er des Frevels!
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Wohl schon hätte mir dieser den Mut und die Seele verloren,
Unter der Hand der Argeier vertilgt im heimischen Lande;
360
Aber es tobt mein Vater mit übelwollendem Herzen,
Grausam, und stets unbillig, und jeden Entschluß mir vereitelnd.
Nicht gedenkt er mir dessen, wie oft vordem ich den Sohn ihm
Rettete, wann er gequält von Eurystheus Kämpfen sich härmte.
Auf zum Himmel weinte der Duldende; aber es sandt' ihm
365
Mich zur Helferin schnell von des Himmels Höhe Kronion.
Hätt' ich doch solches gewußt im forschenden Rate des Herzens,
Als er hinab in Aïs verriegelte Burg ihn gesendet,
Daß er dem Dunkel entführte den Hund des greulichen Gottes!
Niemals wär er entronnen dem stygischen Strom des Entsetzens!
370
Nun bin ich ihm verhaßt; doch den Rat der Thetis vollführt er,
Welche die Knie' ihm geherzt, und die Hand zum Kinn ihm erhoben,
Flehend, daß Ruhm er gewähre dem Städteverwüster Achilleus.
Aber er nennt mich einmal blauäugiges Töchterchen wieder!
Auf, und schirr' uns sofort das Gespann starkhufiger Rosse;
375
Weil ich selbst, in den Saal des ägiserschütternden Vaters
Gehend, zum Kampf anlege die Rüstungen: daß ich erkenne,
Ob uns Priamos' Sohn, der helmumflatterte Hektor,
Freuen sich wird, wenn ich plötzlich erschein' in den Pfaden des Treffens.
Traun wohl mancher der Troer wird sättigen Hund' und Gevögel
380
Seines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Sprach's; und willig gehorcht' ihr die lilienarmige Here.
Jene nun eilt' anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
385
Ließ hinsinken das feine Gewand im Palaste des Vaters,
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze,
390
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte nun mit geschwungener Geißel die Rosse;
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,
395
Daß sie die hüllende Wolk' itzt öffneten, jetzo verschlossen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Aber da Zeus vom Ida sie schauete, heftig ergrimmt' er;
Drauf als Botin entsandt' er die goldgeflügelte Iris:
Eile mir, hurtige Iris, und wende sie, ehe daher sie
400
Kommen; denn unsanft möchten im Kampf wir einander begegnen!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.
Lähmen werd' ich jenen die hurtigen Ross' an dem Wagen,
Stürzen sie selbst vom Sessel herab, und den Wagen zerschmettern!
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
405
Würden die Wunden geheilt, womit mein Strahl sie gezeichnet:
Daß mir erkenn' Athene den schrecklichen Kampf mit dem Vater!
Minder erregt mir Here des Unmuts, oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was ich beschlossen!
Jener sprach's; doch Iris, die windschnell eilende Botin,
410
Flog von Idas Gebirg' einher zum großen Olympos.
Jetzt am vordersten Tore des vielgebognen Olympos
Hielt sie die Kommenden an, und sprach die Worte Kronions:
Sagt mir, wohin so eifrig? was wütet das Herz euch im Busen?
Nicht verstattet euch Zeus, der Danaer Volke zu helfen.
415
Denn so droht' euch jetzo der Donnerer, wo er's vollendet:
Lähmen werd' er euch beiden die hurtigen Ross' an dem Wagen,
Stürzen euch selbst vorn Sessel herab, und den Wagen zerschmettern.
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
Würden die Wunden geheilt, womit sein Strahl euch gezeichnet:
420
Daß du erkennst, Athene, den schrecklichen Kampf mit dem Vater.
Minder erregt ihm Here des Unmuts, oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was er beschlossen.
Aber Entsetzliche du, Schamloseste, wenn du in Wahrheit
Wagst, zum Kampfe mit Zeus den gewaltigen Speer zu erheben!
425
Also sprach, und entfloh die leichthinschwebende Iris.
Aber Here begann, und sprach zu Pallas Athene:
Weh mir, o Tochter Zeus' des Donnerers! länger fürwahr nicht
Duld' ich es, daß wir Zeus um sterbliche Menschen bekämpfen!
Mag ein anderer sinken in Staub, und ein anderer leben,
430
Welchen es trifft! Doch jener, nach eigenem Rate beschließend,
Richte den Streit der Troer und Danaer, wie es ihm ansteht!
Sprach's, und lenkte zurück das Gespann starkhufiger Rosse.
Dort nun lösten die Horen die schöngemähneten Rosse;
Diese banden sie fest zu ambrosischen Krippen geführet,
435
Stellten darauf den Wagen empor an schimmernde Wände.
Jene selbst dann setzten auf goldene Sessel sich nieder,
Unter die anderen Götter, ihr Herz voll großer Betrübnis.
Aber Zeus vom Ida im schöngeräderten Wagen
Trieb zum Olympos die Ross', und kam zu der Götterversammlung.
440
Dort nun löst' ihm die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
Hub aufs Gestell den Wagen empor, und umhüllt' ihn mit Leinwand.
Er, dem goldenen Throne genaht, der Ordner der Welt Zeus
Setzte sich; unter dem Gang' erbebten die Höhn des Olympos.
Jene, getrennt von Zeus und allein, Athenäa und Here,
445
Saßen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so:
Warum seid ihr also betrübt, Athenäa und Here?
Doch nicht lange bemüht' euch die männerehrende Feldschlacht,
Trojas Volk zu verderben, das heftigen Groll euch erregt hat!
450
Alle, so weit ich rag' an Gewalt und unnahbaren Händen,
Möchten mich nicht abwehren, die Götter gesamt im Olympos!
Doch euch bebten ja eher vor Angst die reizenden Glieder,
Eh' ihr den Krieg noch gesehn, und die schrecklichen Taten des Krieges.
Denn ich verkündige nun, und wahrlich wär' es vollendet!
455
Nimmer in eurem Geschirre, vom Schlag der Donner verwundet,
Wärt ihr gekehrt zum Olympos, dem Sitz der unsterblichen Götter!
Jener sprach's; da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,
460
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
465
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all' hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
470
Morgen gewiß noch mehr, du hoheitblickende Here,
Wirst du schaun, so du willst, den überstarken Kronion
Tilgen ein großes Heer von Achaias Lanzengeübten.
Denn nicht ruhn soll eher vom Streit der gewaltige Hektor,
Eh' sich erhebt bei den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
475
Jenes Tags, wann dort sie zusammengedrängt um die Steuer
Kämpfen in schrecklicher Eng', um den hingesunknen Patroklos.
Also sprach das Verhängnis! Doch dein der Zürnenden acht' ich
Nichts, und ob du im Zorn an die äußersten Enden entflöhest
Alles Lands und des Meers, wo Japetos drunten und Kronos
480
Sitzen, von Helios nie, dem leuchtenden Sohn Hyperions,
Noch von Winden erfreut; denn tief ist der Tartaros ringsum!
Nicht ob auch dort hinschweifend du wandertest, nicht auch ein wenig
Acht' ich der Tobenden doch; weil nichts schamloser denn du ist!
Sprach's; ihm erwiderte nichts die lilienarmige Here.
485
Doch zum Okeanos sank des Helios' leuchtende Fackel,
Ziehend die dunkele Nacht auf die nahrungsprossende Erde.
Ungern sahn die Troer das tauchende Licht; doch erfreulich
Kam und herzlich erwünscht die finstere Nacht den Achaiern.
Jetzo berief die Troer zum Rat der strahlende Hektor,
490
Abgewandt von den Schiffen zum wirbelnden Strome sie führend,
Wo noch rein das Gefild' aus umliegenden Leichen hervorschien.
Alle, den Wagen entstiegen zur Erd' hin, hörten die Rede,
Welche nun Hektor begann, der Göttliche: und in der Rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng'; und vorn an dem Schafte
495
Blinkte die eherne Schärf', umlegt mit goldenem Ringe;
Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen.
Jetzo hofft' ich, verderbend die Schiff' und alle Achaier,
Siegreich heimzukehren zu Ilios luftigen Höhen;
500
Doch uns ereilte die Nacht, die jetzt am meisten gerettet
Argos Volk und die Schiff' am wogenden Strande des Meeres.
Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,
Und das Mahl uns bereiten. Die schöngemähneten Rosse
Löst aus dem Joch der Geschirr', und reicht vorschüttend das Futter.
505
Doch aus der Stadt führt Rinder zum Schmaus' und gemästete Schafe
Eilend daher; auch Wein, den herzerfreuenden, bringt uns
Reichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch leset in Menge:
Daß wir die ganze Nacht bis zum dämmernden Schimmer der Eos
Feuer brennen durchs Heer, und der Glanz den Himmel erreiche;
510
Daß nicht gar im Finstern die hauptumlockten Achaier
Uns zu entfliehn versuchen auf weitem Rücken des Meeres,
Wenigstens nicht in Muße die Schiff' und ruhig besteigen;
Nein daß mancher von jenen daheim die Wunde des Pfeiles
Oder des scharfen Speers sich lindere, welche den Flüchtling,
515
Springend ins Schiff, noch ereilte; damit auch andre sich scheuen,
Gegen die reisigen Troer das Weh des Krieges zu tragen.
Aber ruft durch die Stadt, ihr Herolde, Freunde Kronions,
Daß die blühenden Knaben und silberhaarigen Greise
Rings um die Stadt sich lagern, auf gottgebaueten Türmen.
520
Aber die zarten Fraun, umher in den Wohnungen jede,
Brennen ein mächtiges Feuer; und wachsame Hut sei beständig:
Daß nicht schlau einbreche der Feind, da die Krieger entfernt sind.
Also sei's, wie ich red', ihr edelmütigen Troer;
Und gesagt ist das Wort, das jetzt ich heilsam geachtet.
525
Morgen werd' ich das andre den reisigen Troern verkünden.
Flehend wünsch' ich, und hoffe zu Zeus und den anderen Göttern,
Endlich hinwegzutreiben die wütenden Hunde des Schicksals,
Welche das Schicksal gebracht auf dunkelen Schiffen des Meeres.
Auf, und laßt uns die Nacht das Heer sorgfältig bewachen;
530
Aber früh am Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Gegen die räumigen Schiff' erheben wir stürmenden Angriff.
Dann will ich sehn, ob Tydeus' gewaltiger Sohn Diomedes
Mich von den Schiffen zur Mauer hinwegdrängt, oder ich selbst ihn
Töte mit meinem Erz, und blutige Waffen erbeute.
535
Morgen zeig' uns der Held die Tapferkeit, ob er vor meiner
Nahenden Lanze besteht. Doch unter den vordersten, mein ich,
Sinkt er dem Stoße der Hand, und viel umher der Genossen,
Wann uns Helios morgen emporstrahlt. O so gewiß nur
Möcht' ich unsterblich sein, und blühn in ewiger Jugend,
540
Ehrenvoll, wie geehrt wird Athene selbst und Apollon:
Als der kommende Tag ein Unheil bringt den Argeiern!
Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer.
Sie nun lösten die Rosse, die schäumenden unter dem Joche,
Banden sie dann mit Riemen, am eigenen Wagen ein jeder.
545
Schnell nun führte man Rinder zum Schmaus' und gemästete Schafe
Her aus der Stadt; auch Wein, den herzerfreuenden, trug man
Reichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch las man in Menge.
Und man brachte den Göttern vollkommene Festhekatomben;
Und dem Gefild' entwallte der Opferduft in den Himmel,
550
Süßes Geruchs: doch verschmäheten ihn die seligen Götter,
Abgeneigt; denn verhaßt war die heilige Ilios jenen,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Sie dort, mutig und stolz, in des Kriegs Abteilung gelagert,
Saßen die ganze Nacht; und es loderten häufige Feuer.
555
Wie wenn hoch am Himmel die Stern' um den leuchtenden Mond her
Scheinen in herrlichem Glanz, wann windlos ruhet der Äther;
Hell sind rings die Warten der Berg', und die zackigen Gipfel,
Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther;
Alle nun schaut man die Stern', und herzlich freut sich der Hirte.
560
So viel, zwischen des Xanthos Gestad' und den Schiffen Achaias,
Loderten, weit erscheinend vor Ilios, Feuer der Troer.
Tausend Feuer im Feld' entflammten sie; aber an jedem
Saßen fünfzig der Männer, im Glanz des lodernden Feuers.
Doch die Rosse, mit Spelt und gelblicher Gerste genähret,
565
Standen bei ihrem Geschirr, die goldene Früh' erwartend.

Neunter Gesang

Agamemnon beruft die Fürsten, und rät zur Flucht. Diomedes und Nestor widerstehn. Wache am Graben. Die Fürsten von Agamemnon bewirtet ratschlagen. Auf Nestors Rat sendet Agamemnon, den Achilleus zu versöhnen, den Phönix, Ajas Telamons Sohn, und Odysseus, mit zween Herolden. Achilleus empfängt sie gastfrei, aber verwirft die Anträge, und behält den Phönix zurück. Die anderen bringen die Antwort in Agamemnons Zelt. Diomedes ermahnt zur Beharrlichkeit, und man geht zur Ruhe.

So dort wachten die Troer vor Ilios. Doch die Achaier
Ängstete greuliche Flucht, des starrenden Schreckens Genossin;
Und unduldsamer Schmerz durchdrang die Tapfersten alle.
Wie zween Winde des Meers fischwimmelnde Fluten erregen,
5
Nord und sausender West, die beid' aus Thrakia herwehn,
Kommend in schleuniger Wut; und sogleich nun dunkles Gewoge
Hoch sich erhebt, und häufig ans Land sie schütten das Meergras:
Also zerriß Unruhe das Herz der edlen Achaier.
Atreus' Sohn, von unendlichem Gram in der Seele verwundet,
10
Wandelt' umher, Herolden von tönender Stimme gebietend,
Jeglichen Mann mit Namen zur Ratsversammlung zu rufen,
Doch nicht laut; auch selbst arbeitet' er unter den ersten.
Jetzo saßen im Rat die Bekümmerten; und Agamemnon
Stand voll Tränen empor, der schwärzlichen Quelle vergleichbar,
15
Die aus jähem Geklipp hergeußt ihr dunkles Gewässer.
Also schwer aufseufzend vor Argos' Söhnen begann er:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Hart hat Zeus der Kronid' in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer, welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
20
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlos
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt's nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,
25
Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
30
Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus' Sohn, gleich muß ich dein törichtes Wort dir bestreiten,
Wie es gebührt, o König, im Rat; du zürne mir des nicht.
Zwar mir schmähtest du jüngst die Tapferkeit vor den Achaiern,
35
Mutlos sei ich und ganz unkriegerisch; aber das alles
Wissen nun Argos' Söhne, die Jünglinge so wie die Greise.
Dir gab eins nur von beiden der Sohn des verborgenen Kronos:
Nur mit dem Scepter der Macht geehrt zu werden vor allen;
Doch nicht Tapferkeit gab er, die edelste Stärke der Menschen!
40
Wunderbarer, du glaubtest im Ernst, die Männer Achaias
Wären so gar unkriegrisch und mutlos, wie du geredet?
Doch wenn dir selber das Herz so eifrig drängt nach der Heimkehr,
Wandere! Frei ist der Weg, und nahe die Schiff' an dem Meerstrand
Aufgestellt, die in Menge dir hergefolgt von Mykene.
45
Aber die anderen bleiben, die hauptumlockten Achaier,
Bis wir zerstört die Feste des Priamos! Wollen auch jene,
Laß sie entfliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
Ich dann und Sthenelos kämpfen, und ruhn nicht, bis wir das Schicksal
Ilios endlich erreicht; denn ein Gott geleitet' uns hieher!
50
Jener sprach's; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
Jetzo erstand vor ihnen und sprach der reisige Nestor:
Tydeus' Sohn, wohl bist du der tapferste Krieger im Schlachtfeld,
Auch im Rat erscheinst du von deinem Alter der beste.
55
Keiner mag dir tadeln das Wort, von allen Achaiern,
Noch entgegen dir reden; nur ward nicht vollendet das Wort dir.
Zwar auch bist du ein Jüngling, und könntest sogar mein Sohn sein,
Selber der Jüngst' an Geburt! allein du sprichst mit Verstande
Unter den Fürsten des Heers, da der Sache gemäß du geredet.
60
Aber wohlan, ich selber, der höherer Jahre sich rühmet,
Will ausreden das Wort und endigen; schwerlich auch wird mir
Einer die Rede verschmähn, auch nicht Agamemnon der Herrscher.
Ohne Geschlecht und Gesetz, ohn' eigenen Herd ist jener,
Wer des heimischen Kriegs sich erfreut, des entsetzlichen Scheusals!
65
Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,
Und das Mahl uns bereiten. Allein die Hüter der Scharen
Gehn hinaus, und lagern am Graben sich, außer der Mauer.
Solches nun befehl' ich den Jünglingen. Aber du führ' uns,
Atreus' Sohn, ins Gezelt; denn du bist Obergebieter.
70
Gib den Geehrten ein Mahl; dir gleich ist solches, nicht ungleich.
Voll sind dir die Gezelte des Weins, den der Danaer Schiffe
Täglich aus Thrakia her auf weitem Meere dir bringen;
Dir ist aller Bewirtung genug, der du vieles beherrschest.
Sind dann viele gesellt, so gehorch' ihm, welcher den besten
75
Rat zu raten vermag: denn Not ist allen Achaiern
Kluger und heilsamer Rat, da die Feind' uns nahe den Schiffen
Brennen der Feuer so viel! Wer mag wohl dessen erfreut sein?
Diese Nacht wird vertilgen das Kriegsheer, oder erretten!
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
80
Schnell zur Hut enteilten gewappnete Männer dem Lager:
Dort um Nestors Sohn, den Hirten des Volks Thrasymedes;
Dort um Askalaphos her und Jalmenos, Söhne des Ares;
Auch um Meriones dort, um Deïpyros auch, und den edlen
Aphareus, auch um Kreions erhabenen Sohn Lykomedes.
85
Sieben geboten der Hut; und hundert Jünglinge jedem
Folgten gereiht, in den Händen die ragenden Speere bewegend.
Zwischen dem Graben umher und der Mauer setzten sich jene;
Dort entflammten sie Feuer, und rüsteten jeder die Nachtkost.
Atreus' Sohn nun führte die edleren Fürsten Achaias
90
All' ins Gezelt, und empfing sie mit herzerfreuendem Schmause.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
95
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Dir soll beginnen das Wort, dir endigen; weil du so vielen
Völkern mächtig gebeutst, und dir Zeus selber verliehn hat
Scepter zugleich und Gesetz, daß aller Wohl du beratest.
100
Drum ziemt dir's vor allen, zu reden ein Wort, und zu hören,
Auch zu vollziehn dem andern, wem sonst sein Herz es gebietet,
Daß er rede zum Heil; denn du entscheidest, was sein soll.
Aber ich selbst will sagen, wie mir's am heilsamsten dünket.
Denn kein anderer mag wohl besseren Rat noch ersinnen,
105
Als mein Herz ihn bewahrt, nicht vormals, oder anjetzt auch,
Seit dem Tag, da du, Liebling des Zeus, die schöne Briseïs
Aus dem Gezelt entführtest dem zürnenden Peleionen:
Nicht nach unserem Sinne fürwahr; denn ich habe mit großem
Ernste dich abgemahnt. Doch du, hochherziges Geistes,
110
Hast den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten,
Schmählich entehrt; denn du nahmst sein Geschenk ihm. Aber auch jetzo
Sinnt umher, wie wir etwa sein Herz versöhnend bewegen
Durch gefällige Gaben, und sanft einnehmende Worte.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
115
Greis, nicht unwahr hast du mir meine Fehle gerüget.
Ja ich fehlt', und leug'n es auch nicht! Traun, vielen der Völker
Gleicht an Stärke der Mann, den Zeus im Herzen sich auskor:
Wie nun jenen er ehrt', und niederschlag die Achaier.
Aber nachdem ich gefehlt, dem schädlichen Sinne gehorchend;
120
Will ich gern es vergelten, und biet' unendliche Sühnung.
Allen umher nun will ich die herrlichen Gaben benennen:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
Sieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
125
Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes:
Als mir Siegskleinode gebracht die stampfenden Rosse!
Sieben Weiber auch geb' ich, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da er Lesbos, die blühende, selber erobert,
130
Ich mir erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun geb' ich ihm; es begleite sie, die ich entführet,
Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwör' ich's,
Daß ich nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
135
Dieses empfang' er alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos' mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;
Reichlich soll er sein Schiff mit Gold und Erz belasten,
Selbst einsteigend, wann einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle sich zwanzig er selber,
140
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;
Soll er mein Eidam sein, und ich ehr' ihn gleich dem Orestes,
Der mein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind mir der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:
145
Deren wähl' er sich eine, Chrysothemis, Iphianassa,
Oder Laodike auch, und führ' umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; ich geb' ihm selber noch Brautschatz,
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben geb' ich ihm dort der wohlbevölkerten Städte:
150
Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,
Phera, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia die schön', und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
Alle sind nah' am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:
155
Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, ihn verehrten,
Und dem Scepter gehorchend ihm steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollend' ich jenem, sobald er sich wendet vom Zorne.
Zähm' er sich! Aïdes ist unbiegsam, und unversöhnlich;
Aber den Sterblichen auch der Verhaßteste unter den Göttern.
160
Mir nachstehn doch sollt' er, so weit ich höher an Macht bin,
Und so weit ich älter an Lebensjahren mich rühme.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Nicht verächtliche Gaben gewährst du dem Herrscher Achilleus.
165
Auf denn, erlesene Männer entsenden wir, eilendes Schrittes
Hinzugehn ins Gezelt des Peleiaden Achilleus.
Oder wohlan, ich selber erwähle sie; und sie gehorchen.
Phönix gehe zuerst, der Liebling des Zeus, als Führer;
Dann auch Ajas der Große zugleich, und der edle Odysseus.
170
Aber Hodios folg' und Eurybates ihnen als Herold.
Sprengt nun mit Wasser die Händ', und ermahnt zur Stille der Andacht;
Daß wir Zeus den Kroniden zuvor anflehn um Erbarmung.
Jener sprach's; und allen gefiel die Rede des Königs.
Eilend sprengten mit Wasser die Herold' ihnen die Hände;
175
Jünglinge füllten sodann die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts, und verteileten allen die Becher.
Als sie des Tranks nun gesprengt, und nach Herzenswunsche getrunken;
Eilten sie aus dem Gezelte von Atreus' Sohn Agamemnon.
Viel ermahnte sie noch der gerenische reisige Nestor,
180
Jeglichem Mann zuwinkend, allein vor allen Odysseus,
Eiferig doch zu bereden den herrlichen Peleionen.
Beide nun gingen am Ufer des weitaufrauschenden Meeres,
Beteten viel und gelobten dem Erdumgürter Poseidon,
Daß sie doch leicht gewönnen den hohen Sinn des Achilleus.
185
Als sie die Zelt' und Schiffe der Myrmidonen erreichten;
Fanden sie ihn, erfreuend sein Herz mit der klingenden Leier,
Schön und künstlich gewölbt, woran ein silberner Steg war;
Die aus der Beut' er gewählt, da Eëtions Stadt er vertilget:
Hiermit erfreut' er sein Herz, und sang Siegstaten der Männer.
190
Gegen ihn saß Patroklos allein, und harrete schweigend
Dort auf Äakos' Enkel, bis seinen Gesang er vollendet.
Beid' itzt gingen daher, und voran der edle Odysseus,
Nahten und standen vor ihm; bestürzt nun erhub sich Achilleus,
Samt der Leier zugleich, verlassend den Sitz, wo er ruhte.
195
Auch Patroklos erhub sich, sobald er sahe die Männer.
Beid' an der Hand anfassend begann der Renner Achilleus:
Freude mit euch! willkommen ihr Teuersten! Zwar ist gewiß Not!
Doch auch dem Zürnenden kommt ihr geliebt vor allen Achaiern.
Also sprach, und führte hinein, der edle Achilleus,
200
Setzte sie dann auf Sessel und Teppiche, schimmernd von Purpur.
Eilend sprach er darauf zu Patroklos, der ihm genaht war:
Einen größeren Krug, Menötios' Sohn, uns gestellet;
Misch' auch stärkeren Wein, und jeglichem reiche den Becher;
Denn die wertesten Männer sind unter mein Dach nun gekommen.
205
Jener sprach's; da gehorchte dem lieben Freunde Patroklos.
Selbst nun stellt' er die mächtige Bank im Glanze des Feuers,
Legte darauf den Rücken der feisten Zieg' und des Schafes,
Legt' auch des Mastschweins Schulter darauf voll blühendes Fettes.
Aber Automedon hielt, und es schnitt der edle Achilleus;
210
Wohl zerstückt' er das Fleisch, und steckt es alles an Spieße.
Mächtige Glut entflammte Menötios' göttlicher Sohn itzt.
Als nun die Loh' ausbrannt', und des Feuers Blume verwelkt war;
Breitet' er hin die Kohlen, und richtete drüber die Spieße,
Sprengte mit heiligem Salz, und dreht' auf stützenden Gabeln.
215
Als er nunmehr es gebraten, und hin auf Borde geschüttet;
Teilte Patrokles das Brot in schöngeflochtenen Körben
Rings um den Tisch; und das Fleisch verteilete selber Achilleus;
Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,
Dort an der anderen Wand, und gebot, daß Patroklos den Göttern
220
Opferte; dieser gehorcht', und warf die Erstling' ins Feuer.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzt winkt Ajas dem Phönix. Das sah der edle Odysseus,
Füllte mit Wein den Becher, und trank dem Peleiden mit Handschlag:
225
Heil dir, Peleid'! es mangelt uns nicht des gemeinsamen Mahles,
Weder dort im Gezelt um Atreus' Sohn Agamemnon,
Noch auch jetzo allhier; denn genug des Erfreuenden stehet
Hier zum Schmaus; doch nicht nach lieblichem Mahle verlangt uns;
Sondern das große Weh, du Göttlicher, ringsum schauend,
230
Zagen wir! Jetzo gilt's, ob errettet sind, oder verloren,
Uns die gebogenen Schiffe, wo du nicht mit Stärke dich gürtest!
Nahe den Schiffen bereits und der Mauer drohn sie gelagert,
Trojas mutige Söhn', und die fernberufenen Helfer,
Ringsum Feuer entflammend durchs Heer; und es hemme sie, trotzt man,
235
Nichts annoch, sich hinein in die dunkelen Schiffe zu stürzen.
Ihnen gewährt auch Zeus rechtshin erscheinende Zeichen
Seines Strahls; doch Hektor, die funkelnden Augen voll Mordlust,
Wütet daher, und vertrauend dem Donnerer, achtet er nichts mehr,
Weder Menschen noch Gott; so treibt ihn der Taumel des Wahnsinns.
240
Sehnlich wünscht er, daß bald der heilige Morgen erscheine;
Denn er verheißt von den Schiffen zu haun die prangenden Schnäbel,
Sie dann selbst zu verbrennen in stürmender Flamm', und zu morden
Argos' Söhn' um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes.
Doch nun sorg' ich im Herzen, und fürchte mich, daß ihm die Drohung
245
Ganz vollenden die Götter, und uns das Schicksal verhängt sei,
Hinzusterben in Troja, entfernt von der fruchtbaren Argos.
Aber wohlauf! wenn das Herz dir gebeut, die Männer Achaias
Jetzt, auch spät, zu befrein aus der drängenden Troer Getümmel.
Siehe dich selbst hinfort bekümmert es; aber umsonst ja
250
Sucht man geschehenem Übel noch Besserung; lieber zuvor nun
Sinn' umher, wie du wendest den schrecklichen Tag der Achaier.
Ach mein Freund, wie sehr ermahnte dich Peleus der Vater
Jenes Tags, da aus Phtia zu Atreus' Sohn er dich sandte:
Lieber Sohn, Siegsstärke wird dir Athenäa und Here
255
Geben, wenn's ihnen gefällt; nur bändige du dein erhabnes
Stolzes Herz in der Brust; denn freundlicher Sinn ist besser.
Meide den bösen Zank, den verderblichen, daß dich noch höher
Ehre das Volk der Argeier, die Jünglinge so wie die Greise.
Also ermahnte der Greis; du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
260
Ruh', und entsage dem Zorne, dem kränkenden! Sieh Agamemnon
Beut dir würdige Gaben, sobald du dich wendest vom Zorne.
Willst du, so höre mich an, damit ich dir alles erzähle,
Was dir dort im Gezelt zur Gabe verhieß Agamemnon:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
265
Sieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes;
Als Agamemnons Rosse der Siegskleinode gewannen.
270
Sieben Weiber auch gibt er, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da du Lesbos, die blühende, selber erobert,
Er sich erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun gibt er dir; es begleite sie, die er entführet,
Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwört er's,
275
Daß er nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Dieses empfängst du alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos' mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;
Reichlich sollst du dein Schiff mit Gold und Erz belasten,
280
Selbst einsteigend, wenn einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle du zwanzig dir selber,
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;
Sollst du sein Eidam sein, und er ehrt dich gleich dem Orestes,
285
Der sein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind ihm der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:
Deren wähle dir eine, Chrysothemis, Iphianassa,
Oder Laodike auch, und führ' umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; er gibt dir selber noch Brautschatz,
290
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben gibt er dir dort der wohlbevölkerten Städte:
Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,
Pherä, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia die schön', und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
295
Alle sind nah' am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:
Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, dich verehrten,
Und dein Scepter gehorchend dir steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollendet er dir, sobald du dich wendest vom Zorne.
300
Aber wenn Atreus' Sohn zu sehr dir im Herzen verhaßt ist,
Er und seine Geschenk'; o so schau der andern Achaier
Drängende Not mit Erbarmen im Heer, das wie einen der Götter
Ehren dich wird; denn wahrlich erhabenen Ruhm dir gewännst du:
Hektor entraftest du nun! denn nahe dir wagt' er zu kommen,
305
Voll unsinniger Wut; da er wähnt, nicht einer auch gleiche
Ihm in der Danaer Volk, so viel hertrugen die Schiffe.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Sieh ich muß die Rede nur grad' und frank dir verweigern,
310
So wie im Herzen ich denk'; und wie's unfehlbar geschehn wird;
Daß ihr mir nicht vorjammert, von hier und dort mich belagernd.
Denn mir verhaßt ist jener, so sehr wie des Aïdes Pforten,
Wer ein andres im Herzen verbirgt, und ein anderes redet.
Aber ich selbst will sagen, wie mir's am heilsamsten dünket.
315
Weder des Atreus' Sohn Agamemnon soll mich bereden,
Noch die andern Achaier; dieweil ja nimmer ein Dank war,
Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!
Gleich ist des Bleibenden Los, und sein, der mit Eifer gestritten;
Gleicher Ehre genießt der Feig' und der tapfere Krieger;
320
Gleich auch stirbt der Träge dahin, und wer vieles getan hat.
Nichts ja frommt es mir selbst, da ich Sorg' und Kummer erduldet,
Stets die Seele dem Tod' entgegentragend im Streite.
So wie den nackenden Vöglein im Nest herbringet die Mutter
Einen gefundenen Bissen, wenn ihr auch selber nicht wohl ist:
325
Also hab' ich genug unruhiger Nächte durchwachet,
Auch der blutigen Tage genug durchstrebt in der Feldschlacht,
Tapfere Männer bestreitend, um jenen ein Weib zu erobern!
Zwölf schon hab' ich mit Schiffen bevölkerte Städte verwüstet,
Und elf andre zu Fuß umher in der scholligen Troja;
330
Dort aus allen erkor ich der Kleinode viel und geehrte
Mir voraus, und brachte sie all' Agamemnon zur Gabe,
Atreus' Sohn; er ruhend indes bei den rüstigen Schiffen,
Nahm die Schätz', und verteilt' ein weniges, vieles behielt er.
Dennoch gab er den Helden und Königen Ehrengeschenke,
335
Die noch jeder verwahrt; nur mir von allen Achaiern
Nahm er's, und hat das reizende Weib, womit er der Wollust
Pflegen mag! Was bewog denn zum Kriegszug gegen die Troer
Argos' Volk? Was fährt' er hieher die versammelten Streiter,
Atreus' Sohn? War's nicht der lockigen Helena wegen?
340
Lieben allein denn jene die Fraun von den redenden Menschen,
Atreus' Söhn'? Ein jeglicher Mann, der edel und weis' ist,
Liebt und pflegt die Seine mit Zärtlichkeit: so wie ich jene
Auch von Herzen geliebt, wiewohl mein Speer sie erbeutet.
Nun er mir aus den Händen den Siegslohn raubte mit Arglist,
345
Nie versuch' er hinfort mich Kundigen! Nimmer ihm trau' ich!
Sondern mit dir, Odysseus, und anderen Völkergebietern
Sinn' er nach, von den Schiffen die feindliche Glut zu entfernen.
Wahrlich schon sehr vieles vollendet' er ohne mein Zutun:
Schon die Mauer erbaut' er, und leitete draußen den Graben,
350
Breit umher und groß; und drinnen auch pflanzet' er Pfähle!
Dennoch kann er ja nicht die Gewalt des mordenden Hektors
Bändigen! Aber da ich im Danaervolke noch mitzog;
Niemals wagt' es Hektor, entfernt von der Mauer zu kämpfen;
Sondern nur zum skäischen Tor und der Buche gelangt' er,
355
Wo er einst mich bestand, und kaum mir entfloh vor dem Angriff.
Nun mir nicht es gefällt, mit dem göttlichen Hektor zu kämpfen;
Bring' ich morgen ein Opfer für Zeus und die anderen Götter,
Wohl dann belad' ich die Schiff', und nachdem ich ins Meer sie gezogen,
Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,
360
Schwimmen im Morgenrot auf dem flutenden Hellespontos
Meine Schiff', und darin die emsig rudernden Männer;
Und wenn glückliche Fahrt der Gestaderschüttrer gewähret,
Möcht' ich am dritten Tag' in die schollige Phtia gelangen.
Vieles hab' ich daheim, das ich hieher wandernd zurückließ;
365
Anderes auch von hier, des rötlichen Erzes und Goldes,
Schöngegürtete Weiber zugleich, und grauliches Eisen,
Bring' ich, durchs Los mir beschert; doch den Siegslohn, der ihn gegeben,
Nahm ihn mir selbst hochmütig, der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus' Sohn! Das alles verkünd' ihm, so wie ich sage,
370
Öffentlich: daß auch die andern im Volk der Achaier ergrimmen,
Wenn er vielleicht noch einen der Danaer hofft zu betrügen,
Jener in Unverschämtheit gehüllete! Schwerlich indes mir
Wagt er hinfort, auch frech wie ein Hund, ins Antlitz zu schauen;
Nimmer ihm werd' ich zu Rat mich vereinigen, nimmer zu Taten!
375
Einmal betrog er mich nun, und frevelte; nimmer hinfort wohl
Täuscht sein tückisches Wort; er begnüge sich! sondern geruhig
Wandr' er dahin: denn ihm raubte der waltende Zeus die Besinnung.
Greul sind mir seine Geschenk', und ich acht' ihn selber nicht so viel!
Nein, und böt' er mir zehnmal und zwanzigmal größere Güter,
380
Als was jetzo er hat, und was er vielleicht noch erwartet;
Böt' er sogar die Güter Orchomenos, oder was Thebe
Hegt, Ägyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen:
Hundert hat sie der Tor', und es ziehn zweihundert aus jedem
Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren:
385
Böt' er mir auch so viel, wie des Sandes am Meer und des Staubes;
Dennoch nimmer hinfort bewegte mein Herz Agamemnon,
Eh' er mir ausgebüßt die seelenkränkende Schmähung!
Keine Tochter begehr' ich von Atreus' Sohn Agamemnon;
Trotzte sie auch an Reiz der goldenen Aphrodite,
390
Wäre sie klug, wie Pallas Athen', an künstlicher Arbeit;
Dennoch begehr' ich sie nicht! Er wähle sich sonst der Achaier
Einen, der ihm gemäß, und der auch höher an Macht ist.
Denn erhalten die Götter mich nur, und gelang' ich zur Heimat;
Dann wird Peleus selbst ein edeles Weib mir vermählen.
395
Viel der Achaierinnen sind rings in Hellas und Phtia,
Töchter erhabener Fürsten, die Städt' und Länder beherrschen;
Hievon, die mir gefällt, erwähl' ich zur trauten Gemahlin.
Dort auch trachtet mir oft des mutigen Herzens Verlangen,
Einer Ehegenossin vermählt, in gefälliger Eintracht,
400
Mich der Güter zu freun, die Peleus der Greis sich gesammelt.
Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir: nichts, was vordem auch
Ilios barg, wie man sagt, die Stadt voll prangender Häuser,
Einst, als blühte der Fried', eh' die Macht der Achaier daherkam;
Noch, was die steinerne Schwelle des Treffenden drinnen bewahret,
405
Phöbos Apollons Schatz, in Pythos klippichten Feldern.
Beutet man doch im Kriege gemästete Rinder und Schafe,
Und gewinnt Dreifüß' und braungemähnete Rosse;
Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet,
Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.
410
Meine göttliche Mutter, die silberfüßige Thetis,
Sagt, mich führe zum Tod' ein zweifach endendes Schicksal.
Wenn ich allhier verharrend die Stadt der Troer umkämpfe;
Hin sei die Heimkehr dann, doch blühe mir ewiger Nachruhm.
Aber wenn heim ich kehre zum lieben Lande der Väter;
415
Dann sei verwelkt mein Ruhm, doch weithin reiche des Lebens
Dauer, und nicht frühzeitig ans Ziel des Todes gelang' ich.
Auch den übrigen möcht' ich ein ratsames Wort zureden,
Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
420
Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.
Aber ihr nun geht, den edelen Fürsten Achaias
Botschaft anzusagen: das Ehrenamt der Geehrten:
Daß sie anderen Rat und besseren jetzo ersinnen,
Welcher die Schiff' errette zugleich, und das Volk der Achaier
425
Bei den geräumigen Schiffen; denn nicht ist jener gedeihlich,
Welchen sie jetzt ausdachten, da ich im Zorne beharre.
Phönix indes mag bleibend bei uns zur Ruhe sich legen,
Daß er mit mir heimschiffe zum lieben Lande der Väter
Morgen, wenn's ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
430
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt' er geredet.
Endlich begann vor ihnen der graue reisige Phönix,
Mit vordrängenden Tränen, besorgt um der Danaer Schiffe:
Hast du die Heimkehr denn im Geiste dir, edler Achilleus,
435
Vorgesetzt, und entsagst du durchaus, vom vertilgenden Feuer
Unsere Schiffe zu retten, da Zorn dein Herz dir erfüllet;
O wie könnt' ich von dir, mein Sohn, verlassen noch weilen,
Einsam? Mich sandte mit dir der graue reisige Peleus
Jenes Tags, da aus Phtia zu Atreus' Sohn er dich sandte,
440
Noch sehr jung, unkundig des allverheerenden Krieges,
Und ratschlagender Reden, wodurch sich Männer hervortun.
Darum sandt' er mich her, um dich das alles zu lehren:
Beides beredt in Worten zu sein, und rüstig in Taten.
Also könnt' ich von dir, mein trauter Sohn, mich unmöglich
445
Trennen, und gäbe mir auch ein Himmlischer selbst die Verheißung,
Mich vorn Alter enthüllt zum blühenden Jüngling zu schaffen:
So wie ich Hellas verließ, das Land der rosigen Jungfraun,
Fliehend des Vaters Zank, des Ormeniden Amyntor,
Der um die Lagergenossin, die schöngelockte, mir zürnte:
450
Diese liebt' er im Herzen, die ehliche Gattin entehrend,
Meine Mutter. Doch stets umschlang sie mir flehend die Kniee,
Jene zuvor zu beschlagen, daß gram sie würde dem Greise.
Ihr gehorcht' ich, und tat's. Doch sobald es merkte der Vater,
Rief er mit gräßlichem Fluch der Erinnyen furchtbare Gottheit,
455
Daß nie sitzen ihm möcht' auf seinen Knieen ein Söhnlein,
Von mir selber gezeugt; und den Fluch vollbrachte der grause
Unterirdische Zeus, und die schreckliche Persephoneia.
Erst zwar trieb mich der Zorn mit scharfem Erz ihn zu töten;
Doch der Unsterblichen einer bezähmte mich, welcher ins Herz mir
460
Legte des Volks Nachred', und die Schmähungen unter den Menschen:
Daß nicht rings die Achaier den Vatermörder mich nennten.
Jetzo durchaus nicht länger ertrug's mein Herz in dem Busen,
Daß vor dem zürnenden Vater ich dort umging' in der Wohnung,
Häufig zwar umringten mich Jugendfreund' und Verwandte,
465
Welche mit vielem Flehn zurück im Hause mich hielten.
Viele gemästete Schaf' und viel schwerwandelndes Hornvieh
Schlachteten sie, und manches mit Fett umblühete Mastschwein
Sengten sie ausgestreckt in der lodernden Glut des Hephästos;
Viel auch wurde des Weines geschöpft aus den Krügen des Greises.
470
Neun der Nächte bei mir verweileten jene beständig,
Wechselnd die Hut umeinander; und nie erloschen die Feuer;
Eins am Tor in der Halle des festummauerten Vorhofs,
Eins auf des Hauses Flur, vor der Doppelpforte der Kammer.
Aber nachdem die zehnte der finsteren Nächte gekommen;
475
Jetzt erbrach ich der Kammer mit Kunst gefügete Pforte,
Eilte hinaus, und erstieg die feste Mauer des Vorhofs
Leicht, von keinem der Hüter bemerkt und der wachenden Weiber,
Sprang dann hinab, und entfloh durch Hellas weite Gefilde,
Bis ich zur scholligen Phtia, voll wimmelnder Auen, gekommen,
480
Hin zum Könige Peleus; der gern und freundlich mich aufnahm,
Und mich geliebt, wie ein Vater den einzigen Sohn nur liebet,
Den er im Alter gezeugt, sein großes Gut zu ererben.
Jener machte mich reich, und gab mir ein Volk zu verwalten,
Fern an der Grenze von Phtia, der Doloper mächtige Herrschaft.
485
Dich auch macht' ich zum Manne, du göttergleicher Achilleus,
Liebend mit herzlicher Treu; auch wolltest du nimmer mit andern
Weder zum Gastmahl gehn, noch daheim in den Wohnungen essen,
Eh' ich selber dich nahm, auf meine Kniee dich setzend,
Und die zerschnittene Speise dir reicht', und den Becher dir vorhielt.
490
Oftmals hast du das Kleid mir vorn am Busen befeuchtet,
Wein aus dem Munde verschüttend in unbehilflicher Kindheit.
Also hab' ich so manches durchstrebt, und so manches erduldet,
Deinethalb; ich bedachte, wie eigene Kinder die Götter
Mir versagt, und wählte, du göttergleicher Achilleus,
495
Dich zum Sohn, daß du einst vor traurigem Schicksal mich schirmtest.
Zähme dein großes Herz, o Achilleus! Nicht ja geziemt dir
Unerbarmender Sinn; oft wenden sich selber die Götter,
Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr' und Gewalt sind.
Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
500
Durch Weinguß und Gedüft, der Sterbliche umzulenken,
Flehend, nachdem sich einer versündiget oder gefehlet.
Denn die reuigen Bitten sind Zeus' des Allmächtigen Töchter,
Welche lahm und runzlig und scheeles Blicks einhergehn,
Und stets hinter der Schuld den Gang zu beschleunigen streben.
505
Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allen
Weithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auch
Kommt sie, schadend den Menschen; doch jen' als heilende folgen.
Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions,
Diesem helfen sie sehr, und hören auch seines Gebetes.
510
Doch wenn einer verschmäht, und trotziges Sinnes sich weigert;
Jetzo flehn die Bitten, zu Zeus Kronion gewendet,
Daß ihm folge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet.
Aber gewähr', Achilleus, auch du den Töchtern Kronions
Ehre, die auch Andrer und Tapferer Herz gebeugt hat.
515
Denn wofern nicht Gaben er böt', und künftig verhieße,
Atreus' Sohn, und stets in feindlichem Sinne beharrte;
Nimmer fürwahr begehrt' ich, daß leicht wegwerfend den Zorn du
Argos Volk abwehrtest die Not, wie sehr sie's bedürften.
Doch nun gibt er ja vieles sogleich, und andres verheißt er;
520
Sandt' auch, dich zu erflehen, daher die edelsten Männer,
Die er in Argos Volk auswählete, weil sie die liebsten
Aller Achaier dir sind. Du verschmäh' nicht diesen die Rede,
Oder den Gang. Nicht war ja zuvor unbillig dein Zürnen.
Also hörten wir auch in der Vorzeit rühmen die Männer
525
Göttliches Stamms, wenn einer zu heftigem Zorn sich ereifert;
Doch versöhnten sie Gaben und mild zuredende Worte.
Einer Tat gedenk' ich von alters her, nicht von neulich,
Wie sie geschah; ich will sie vor euch, ihr Lieben, erzählen.
Mit den Kureten stritt der Ätolier mutige Heerschar
530
Einst um Kalydons Stadt, und sie würgten sich untereinander:
Denn die Ätolier kämpften für Kalydons liebliche Feste,
Weil der Kureten Volk sie mit Krieg zu verheeren entbrannt war.
Artemis sandte das Weh, die goldenthronende Göttin,
Zürnend, daß ihr kein Opfer der Ernt' auf fruchtbarem Acker
535
Öneus bracht'; ihm genossen die Himmlischen all Hekatomben;
Ihr nur opfert' er nicht, der Tochter Zeus' des Erhabnen,
Achtlos, oder vergessend; doch groß war seine Verschuldung.
Jene darauf voll Zorns, die Unsterbliche, froh des Geschosses,
Reizt' ihm ein borstenumstarrt Waldschwein mit gewaltigen Hauern,
540
Das viel Böses begann, des Öneus Äcker durchstürmend.
Viel hochragende Bäume hinab warf's übereinander
Samt den Wurzeln zur Erd', und samt den Blüten des Obstes.
Endlich erschlug den Verderber des Öneus' Sohn Meleagros,
Der aus vielen Städten die mutigsten Jäger und Hunde
545
Sammelte; denn nie hätt' er mit kleinerer Schar es bezwungen,
Jenes Gewild, das viel' auf die traurigen Scheiter geführet.
Artemis aber erregt' ein großes Getös' und Getümmel
Über des Ebers Haupt und borstenstarrende Hülle,
Zwischen dem Volk der Kureten und hochgesinnten Ätoler.
550
Weil nunmehr Meleagros der Streitbare mit in die Feldschlacht
Zog, traf stets die Kureten das Unheil; und sie vermochten
Nicht mehr außer der Mauer zu stehn, so viel sie auch waren.
Doch da von Zorn Meleagros erfüllt ward, welcher auch andern
Oft anschwellt im Busen das Herz, den Verständigsten selber;
555
Jener nunmehr, Groll tragend der leiblichen Mutter Althäa,
Ruhte daheim bei der Gattin, der rosigen Kleopatra,
Die von der raschen Marpissa erwuchs, der Tochter Euenos,
Und dem gewaltigen Idas, dem tapfersten Erdebewohner
Jener Zeit; denn selbst auf den herrschenden Phöbos Apollon
560
Hatt' er den Bogen gespannt, um das leichthinwandelnde Mägdlein.
Jene ward im Palaste darauf von Vater und Mutter
Mit Zunamen genannt Alkyone, weil ihr die Mutter
Einst das Jammergeschick der Alkyon traurig erduldend,
Weinete, da sie entführt der treffende Phöbos Apollon.
565
Bei ihr ruhete jener, das Herz voll nagendes Zornes,
Hart gekränkt ob der Mutter Verwünschungen, welche die Götter
Angefleht viel seufzend, um ihres Bruders Ermordung:
Viel mit den Händen auch schlug sie die nahrungsprossende Erde,
Rufend zu Aïdes Macht und der schrecklichen Persephoneia,
570
Hingesenkt auf die Knie', und netzte sich weinend den Busen,
Tod zu senden dem Sohn; und die wütende grause Erinnys
Hört' aus dem Erebos sie, das nachtdurchwandelnde Scheusal.
Schnell nun erscholl um die Tore der feindliche Sturm, und die Türme
Rasselten laut von Geschoß. Da kamen Ätoliens Greise
575
Flehend zu ihm, und sandten die heiligsten Priester der Götter,
Daß er zum Kampf auszög', ein großes Geschenk ihm verheißend.
Wo die fetteste Flur der lieblichen Kalydon prange,
Dort geboten sie ihm ein stattliches Gut sich zu wählen,
Fünfzig Morgen umher: die Hälft' an Rebengefilde,
580
Und die Hälft' unbeschattetes Land für die Saat zu durchschneiden.
Viel auch flehet' ihm selbst der graue reisige Öneus,
Steigend hinan die Schwelle der hochgewölbeten Kammer,
Schütternd die festeinfugende Pfort', und jammernd zum Sohne.
Viel auch die Schwestern zugleich und die ehrfurchtwürdige Mutter
585
Fleheten ihm; doch mehr nur verweigert' er; viel auch die Freunde,
Welche stets vor allen geliebt ihm waren und teuer.
Dennoch konnten sie nicht sein Herz im Busen bewegen;
Bis schon häufig die Kammer Geschoß traf, schon auf die Türme
Klomm der Kureten Volk, und die Stadt rings flammte von Feuer.
590
Jetzo bat den Helden die schöngegürtete Gattin,
Flehend mit Jammerton, und nannt' ihm alle das Elend,
Das unglückliche Menschen umringt in eroberter Feste:
Wie man die Männer erschlägt, und die Stadt mit Flammen verwüstet,
Auch die Kinder entführt, und die tiefgegürteten Weiber.
595
Jetzt ward rege sein Herz, da so schreckliche Taten er hörte.
Eilend ging er, und hüllte das strahlende Waffengeschmeid' um.
Also wandt' er nunmehr den bösen Tag der Ätoler,
Folgend dem eigenen Mut; doch gaben sie nicht die Geschenk' ihm,
Viel' und köstliches Wertes, umsonst nun wandt' er das Übel.
600
Nicht so denke du mir, mein Trautester; laß dir den Dämon
Nicht dorthin verleiten das Herz! Weit schlechter ja wär' es,
Wenn du die brennenden Schiffe verteidigtest! Nein, für Geschenke
Komm; dann ehren dich rings, wie einen Gott, die Achaier.
Doch wenn sonder Geschenk in die mordende Schlacht du hineingehst;
605
Nicht mehr gleich wird Ehre dir sein, wie mächtige du obsiegst.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Phönix, mein alter Vater, du Göttlicher, wenig bedarf ich
Jener Ehr'; ich meine, daß Zeus' Ratschluß mich geehret!
Diese dauert bei den Schiffen der Danaer, weil mir der Atem
610
Meinen Busen noch hebt, und Kraft in den Knieen sich reget.
Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
Störe mir nicht die Seele mit jammernder Klag' und Betrübnis,
Atreus' Heldensohn zu begünstigen. Wenig geziemt dir's,
Daß du ihn liebst; du möchtest in Haß die Liebe mir wandeln.
615
Besser daß du mit mir den kränkst, der mich selber gekränket!
Gleich mir herrsche hinfort, und empfang die Hälfte der Ehre.
Diese verkünden es schon; du lege dich auszuruhen
Hier auf weichem Lager. Sobald der Morgen sich rötet,
Halten wir Rat, ob wir kehren zum Unsrigen, oder noch bleiben.
620
Sprach's, und gebot dem Patroklos geheim mit deutenden Wimpern,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen; daß sie der Heimkehr
Schnell aus seinem Gezelt sich erinnerten. Eilend begann nun
Ajas, der göttliche Sohn des Telamon, vor der Versammlung:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
625
Laß uns gehn; denn schwerlich, so scheint's, wird jetzo der Endzweck
Unseres Weges erreicht; zu verkündigen aber in Eile
Ziemt's das Wort den Achaiern, wiewohl es wenig erfreuet;
Denn sie sitzen gewiß, und erwarten uns. Aber Achilleus
Trägt ein Herz voll Stolzes und Ungestüms in dem Busen!
630
Grausamer! nichts bewegt ihn die Freundschaft seiner Genossen,
Die wir stets bei den Schiffen ihn hochgeehrt vor den andern!
Unbarmherziger Mann! Sogar für des Bruders Ermordung,
Oder des toten Sohns, empfing wohl mancher die Sühnung;
Dann bleibt jener zurück in der Heimat, vieles bezahlend;
635
Aber bezähmt wird diesem der Mut des erhabenen Herzens,
Wann er die Sühnung empfing. Allein dir gaben ein hartes
Unversöhnliches Herz die Unsterblichen, wegen des einen
Mägdleins! Bieten wir dir doch sieben erlesene Jungfraun,
Auch viel andres dazu! O sei doch erbarmendes Herzens;
640
Ehr' auch den heiligen Herd: wir sind dir Gäste des Hauses
Ans der Danaer Volk, und achten es groß, vor den andern
Nahe verwandt dir zu sein, und die wertesten aller Achaier.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
645
Alles hast du beinahe mir selbst aus der Seele geredet.
Aber es schwillt mein Herz von Galle mir, wenn ich des Mannes
Denke, der mir so schnöde vor Argos' Volke getan hat,
Atreus' Sohn, als wär' ich ein ungeachteter Fremdling.
Ihr demnach geht hin, und verkündiget dort die Botschaft.
650
Denn nicht eher gedenk' ich des Kampfs und der Männerermordung,
Ehe des waltenden Priamos' Sohn, der göttliche Hektor,
Schon die Gezelt' und Schiffe der Myrmidonen erreicht hat,
Argos' Volk hinmordend, und Glut in den Schiffen entflammt.
Doch wird, hoff' ich, bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
655
Hektor, wie eifrig er ist, sich wohl enthalten des Kampfes.
Jener sprach's; und jeglicher nahm den doppelten Becher,
Sprengt', und ging zu den Schiffen gewandt; sie führet' Odysseus.
Aber Patroklos befahl den Genossen umher und den Mägden,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen, ohne Verweilen.
660
Ihm gehorchten die Mägd', und breiteten emsig das Lager,
Wollige Vlies', und die Deck', und der Leinwand zarteste Blume.
Dort nun ruhte der Greis, die heilige Früh' erwartend.
Aber Achilleus schlief im innern Gemach des Gezeltes;
Und ihm ruhte zur Seit' ein rosenwangiges Mägdlein,
665
Das er in Lemnos gewann, des Forbas Kind, Diomede.
Auch Patroklos legt' ihm entgegen sich; aber zur Seit' ihm
Iphis hold und geschmückt, die der Peleion' ihm geschenket,
Als er Skyros bezwang, die erhabene Stadt des Enyeus.
Jene, nachdem sie erreicht die Kriegsgezelt' Agamemnons,
670
Grüßte mit goldenen Bechern die Schar der edlen Achaier,
Andere anderswoher entgegeneilend und fragend.
Aber zuerst erforschte der Völkerfürst Agamemnon:
Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier,
Will er vielleicht abwehren die feindliche Glut von den Schiffen?
675
Oder versagt er, und nähret den Zorn des erhabenen Herzens?
Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Noch will jener den Zorn nicht bändigen, sondern nur höher
Schwillt ihm der Mut; dein achtet er nicht, noch deiner Geschenke.
680
Selber heißer er dich mit Argos' Söhnen erwägen,
Wie du die Schiffe zu retten vermögst und das Volk der Achaier.
Aber er selber droht, sobald der Morgen sich rötet,
Nieder ins Meer zu ziehen die schöngebordeten Schiffe.
Auch den übrigen möcht' er ein ratsames Wort zureden,
685
Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.
Also sprach er; auch diese bezeugen es, welche mir folgten,
Ajas und beid' Herolde zugleich, die verständigen Männer.
690
Phönix der Greis blieb dort, und legte sich; denn so gebot er:
Daß er mit ihm heimschiffe zum lieben Lande der Väter
Morgen, wenn's ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt' er geredet.
695
Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Hättest du nie doch gefleht dem untadligen Peleionen,
Reiche Geschenk' ihm verheißend! Denn stolz ist jener ja so schon;
700
Und nun hast du noch mehr im stolzen Sinn ihn bekräftigt.
Doch fürwahr ich denke, wir lassen ihn; ob er hinweggeht,
Oder bleibt. Dann wird er zur Feldschlacht wieder mit ausziehn,
Wann sein Herz im Busen gebeut, und ein Gott ihn erreget.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
705
Jetzo geht zur Ruhe, nachdem ihr das Herz euch erfreuet
Nährender Kost und Weines; denn Kraft ist solches und Stärke.
Aber sobald nun Eos mit Rosenfingern emporstrahlt;
Ordne du schnell vor den Schiffen die Reisigen so wie das Fußvolk,
Muntre sie auf, und kühn mit den vordersten kämpfe du selber.
710
Jener sprach's; und umher die Könige riefen ihm Beifall,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
Als sie des Tranks nun gesprengt, da kehrten sie heim in die Zelte,
Jeder ruhete dort, und empfing die Gabe des Schlafes.

Zehnter Gesang

Der schlaflose Agamemnon und Menelaos wecken die Fürsten. Sie sehn nach der Wache, und besprechen sich am Graben. Diomedes und Odysseus, auf Kundschaft ausgehend, ergreifen und töte den Dolon, welchen Hektor zum Spähen gesandt. Von ihm belehrt, töten sie im troischen Lager den neugekommenen Rhesos mit zwölf Thrakiern, und entführen des Rhesos' Rosse.

Alle sonst bei den Schiffen, die edleren Helden Achaias,
Schliefen die ganze Nacht, von sanftem Schlummer gefesselt;
Nur nicht Atreus' Sohne, dem Hirten des Volks Agamemnon,
Nahte der süße Schlaf, da vieles im Geist er bewegte.
5
Wie wenn der Donnerer blitzt, der Gemahl der lockigen Here,
Vielen Regen bereitend, unendlichen, oder auch Hagel,
Oder ein Schneegestöber, das weiß die Gefilde bedecket,
Oder des Kriegs weit offenen Schlund, des bitteren Unheils:
So vielfältig erseufzt im Innersten nun Agamemnon
10
Tief aus dem Herzen empor, und Angst durchbebte die Brust ihm.
Siehe so oft er das Feld, das troische, weit umschaute;
Staunt' er über die Feuer, wie viel vor Ilios brannten,
Über der Flöten und Pfeifen Getön, und der Menschen Getümmel.
Aber so oft zu den Schiffen er sah und dem Volk der Achaier;
15
Viel alsdann aus dem Haupt mit den Wurzeln rauft' er sich Haare,
Hoch aufflehend zu Zeus; und das edele Herz ihm durchdrang Weh.
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Erst zu Nestor zu gehn, dem neleiadischen König;
Ob er mit jenem vielleicht unsträflichen Rat aussönne,
20
Welcher das Bös' abwehrte von allem Volk der Achaier.
Aufrecht nun umhüllt' er die Brust mit wolligem Leibrock;
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen;
Warf dann das blutige Fell des gewaltigen Leun um die Schultern,
Falb und groß, das die Knöchel erreicht'; und faßte die Lanze.
25
So auch war Menelaos in bebender Angst, und niemals
Ruht' ihm Schlaf auf den Augen, dem Sinnenden, was doch verhängt sei
Argos' tapferem Volk, das um ihn durch weites Gewässer
Kam in der Troer Gefild', unverdrossenem Streite sich bietend.
Erst nun ein Pardelvlies um den breiten Rücken sich hüllt' er,
30
Zottig und buntgefleckt; dann barg er das Haupt in des Helmes
Ehernen Schirm, und faßte den Speer mit nervichter Rechte,
Schnell dann ging er zu wecken den herrschenden Bruder, der mächtig
Allen Achaiern gebot, wie ein Gott im Volke geehret.
Ihn nun fand er, die Schultern mit strahlender Rüstung sich deckend,
35
Hinten am dunkelen Schiff, und herzlich erwünscht ihm erschien er.
Jetzo begann zuerst der Rufer im Streit Menelaos:
Warum wappnest du dich, mein Älterer? Soll zu den Troern
Dir hingehen ein Freund zu erkundigen? Aber ich fürchte
Sehr im Geist, daß keiner zu solcher Tat sich erbiete,
40
Hin zum feindlichen Heer als Spähender einsam zu wandeln
Durch die ambrosische Nacht; der müßt' ein entschlossener Mann sein!
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Rat bedürfen wir beide, du Göttlicher, o Menelaos,
Wohl ersonnenen Rat, der Sicherheit schaff' und Errettung
45
Argos' Volk' und den Schiffen; dieweil Zeus' Herz sich gewandt hat.
Wahrlich zu Hektors Opfer hat mehr sein Herz er geneiget!
Denn nie sah ich vordem, noch höret' ich je erzählen,
Daß der Wunder so viel ein Mann am Tage vollendet,
Als nun Hektor getan, Zeus' Liebling, am Volk der Achaier,
50
Selber für sich, obzwar nicht Gott ihn zeugte noch Göttin.
Aber er tat, des wahrlich mit Schmerz die Argeier gedenken,
Spät und lange hinfort: so häuft' er das Weh den Achaiern!
Eile mir, Ajas nun und Idomeneus herzurufen,
Hurtiges Laufs zu den Schiffen: weil ich zum göttlichen Nestor
55
Wandl' und aufzustehn ihn ermuntere; ob er geneigt sei,
Hin zur heiligen Schar der Wächter zu gehn, und zu ordnen.
Ihm gehorchen sie wohl am freudigsten; denn sein Sohn ist
Führer der Hut mit Meriones dort, des kretischen Königs
Waffenfreund; denn diesen vertraueten wir sie am meisten.
60
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Menelaos:
Was denn ist dein Will', und die Absicht deines Gebotes?
Bleib' ich dort mit jenen, und warte dein, bis du hinkommst?
Oder lauf' ich dir nach, sobald ich's jenen verkündigt?
Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
65
Bleibe dort; vielleicht verfehlten wir sonst einander
Irrend in Nacht; denn viel durchkreuzen ja Wege das Lager.
Rufe, wohin du gehst, und ermuntere rings zu wachen,
Jeglichen Mann nach Geschlecht mit Vaternamen benennend,
Jeglichem Ehr' erweisend; und nicht erhebe dich vornehm.
70
Laß uns vielmehr arbeiten wie andere! Also verhängt' es
Zeus bei unsrer Geburt, dies lastende Weh uns bereitend!
Jener sprach's, und entsandte den wohl ermahneten Bruder;
Eilete dann, um Nestor den Völkerhirten zu wecken.
Diesen fand er dort am Gezelt und dunkelen Schiffe,
75
Ruhend im weichen Bett'; und neben ihm prangte die Rüstung:
Schild, und strahlender Helm, und zwo erzblinkende Lanzen;
Neben ihm prangt' auch der Gurt, der künstliche, welcher den Alten
Gürtete, wann zur mordenden Schlacht er gewappnet einherzog,
Führend das Volk; denn erachtete nicht des traurigen Alters.
80
Jetzo erhob er das Haupt, auf den Ellenbogen sich stützend,
Rief dem Atreiden zu, und fragt' ihn, also beginnend:
Wer bist du, der einsam des Lagers Schiffe durchwandelt,
Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Ob du einen der Freund' umhersuchst, oder ein Maultier?
85
Red', und nahe mir nicht, ein Schweigender! Wessen bedarfst du?
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Kenne doch Atreus' Sohn Agamemnon, welchen vor allen
Zeus in unendlichen Jammer versenkt hat, weil mir der Atem
90
Meinen Busen noch hebt, und Kraft in den Knieen sich reget.
So nun irr' ich, dieweil kein ruhiger Schlaf mir die Augen
Zuschließt, sondern der Krieg und die Not der Achaier mich kümmert.
Denn ich sorge mit Angst um die Danaer; hin ist der feste
Mut, und alle Besinnung dahin; es entfliegt aus dem Busen
95
Mir das klopfende Herz, und es zittern mir unten die Glieder!
Aber sinnst du auf Tat, da auch dir nicht nahet der Schlummer;
Laß zu den Hütern nunmehr uns hinabgehn, daß wir erkennen,
Ob sie vielleicht, entkräftet von Kriegsarbeit und Ermüdung,
Sich zum Schlummer gelegt, und ganz der Wache vergessen.
100
Denn das feindliche Heer ist nah uns; keiner ja weiß es,
Ob nicht selbst in der Nacht sie anzugreifen beschließen.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Nie wird doch dem Hektor ein jeglicher Wunsch von Kronion
105
Gänzlich erfüllt, den er jetzt sich erträumete, sondern ihn, hoff' ich,
Drängen der Sorgen hinfort noch mehrere, wenn nur Achilleus
Von dem verderblichen Zorn die erhabene Seele gewendet.
Gern begleit' ich dich nun; doch laß uns auch andere wecken:
Tydeus' Sohn, den Schwinger des Speers, und den edlen Odysseus,
110
Ajas den Schnellen zugleich, und Phyleus' tapferen Sprößling.
Wenn auch einer geschwind' hinwandelte, jene zu rufen,
Ajas, Telamons Sohn, und Idomeneus, Kretas Beherrscher;
Deren Schiffe ja stehn am fernesten, nicht in der Nähe.
Aber ihn, den geliebten und edlen Freund Menelaos,
115
Schelt' ich fürwahr, und wiewohl du mir eifertest, nimmer verberg' ich's,
Daß er schläft, und allein dir zugewendet die Arbeit.
Ziemt' es ihm doch, arbeitend die sämtlichen Fürsten Achaias
Anzuflehn; denn die Not umdrängt uns, ganz unerträglich!
Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
120
Greis, zu anderer Zeit verstatt' ich dir, jenen zu tadeln;
Denn oft säumt mein Bruder, und geht ungern an die Arbeit,
Nicht von Trägheit besiegt, noch Unverstande des Geistes,
Sondern auf mich herschauend, und mein Beginnen erwartend.
Doch nun wacht' er früher vom Schlaf, und besuchte mich selber;
125
Und ich sandt' ihn umher, daß er forderte, welche du wünschest.
Gehen wir denn! sie finden wir sicherlich dort bei den Hütern
Außer dem Tor, wo ich ihnen bedeutete sich zu versammeln.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
So wird kein Achaier hinfort ihm zürnen, noch ungern
130
Folgen, sobald er einen zur Arbeit treibt und ermuntert.
Dieses gesagt, umhüllt' er die Brust mit wolligem Leibrock:
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen;
Um sich schnallt' er darauf den purpurschimmernden Mantel,
Doppelt, und weitgefaltet, umblüht von der Wolle Gekräusel;
135
Nahm auch die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes;
Eilte dann längs den Schiffen der erzumschirmten Achaier.
Jetzo zuerst den Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
Weckte der Greis aus dem Schlaf, der gerenische reisige Nestor,
Lautes Rufs; doch jenem erscholl zum Herzen die Stimme;
140
Und er kam aus dem Zelt, und sprach zu ihnen die Worte:
Warum irrt ihr so einsam, des Lagers Schiffe durchwandelnd,
Durch die ambrosische Nacht? Was doch für Not, die euch antreibt?
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
145
Zürne nicht; denn große Bekümmernis drängt die Achaier.
Komm denn, und wecke mit uns noch andere, welchen es ziemet,
Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr, oder des Kampfes.
Jener sprach's; da eilt' ins Gezelt der weise Odysseus,
Warf den prangenden Schild um die Schulter sich, folgte dann jenen.
150
Schnell nun kamen sie hin, wo Tydeus' Sohn Diomedes
Draußen lag am Gezelt mit den Rüstungen; auch die Genossen
Schliefen umher, auf den Schilden das Haupt; und jegliches Lanze
Ragt' auf des Schaftes Spitz' emporgerichtet, und fernhin
Strahlte das Erz, wie die Blitze des Donnerers. Aber der Held selbst
155
Schlummerte, hingestreckt auf die Haut des geweideten Stieres;
Auch war unter dem Haupt ein schimmernder Teppich gebreitet.
Nahend weckt' ihn vom Schlaf der gerenische reisige Nestor,
Rührend den Fuß mit der Fers', und ermuntert' ihn, scheltend ins Antlitz:
Wache doch, Tydeus Sohn! Was schlummerst du ruhig die Nacht durch?
160
Hörtest du nicht, wie die Troer sich dort auf dem Hügel des Feldes
Lagerten, nahe den Schiffen, und weniger Raum sie entfernet?
Also der Greis; doch schleunig erstand aus dem Schlaf Diomedes;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Allzu emsiger Greis, du ruhst auch nimmer von Arbeit!
165
Sind nicht andere noch und jüngere Männer Achaias,
Welchen es mehr obläge, der Könige jeden zu wecken,
Rings durchwandelnd das Heer? Du übertreibst es, o Alter!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Wahrlich, o Freund, du hast wohlziemende Worte geredet.
170
Selber hab' ich ja Söhn' und treffliche, hab' auch der Völker
Sonst genug, daß mir einer umhergehn könnte zu rufen.
Aber viel zu große Bekümmernis drängt die Achaier!
Denn nun steht es allein fürwahr auf der Schärfe des Messers:
Schmählicher Untergang den Achaiern, oder auch Leben!
175
Auf denn, Ajas den Schnellen, und Phyleus' tapferen Sprößling
Wecke vom Schlaf, du bist ja der jüngere, daurt dich mein Alter.
Sprach's; und sogleich warf jener das Löwenfell um die Schultern,
Falb und groß, das die Knöchel erreicht', und faßte die Lanze;
Hin dann eilte der Held, und erweckt' und brachte die andern.
180
Als sie nunmehr der Hüter versammelte Scharen erreichten,
Fanden sie auch nicht schlafen die edelen Führer der Scharen;
Sondern munter und wach mit den Rüstungen saßen sie alle.
So wie die Hund' unruhig die Schaf' im Gehege bewachen,
Hörend das Wutgebrüll des Untiers, das aus der Waldung
185
Herkommt durch das Gebirg', umtönt von lautem Getümmel
Treibender Männer und Hund'; entflohn ist ihnen der Schlummer:
Also entfloh auch jenen der süße Schlaf von den Wimpern,
Welche die Nacht durchwachten, die schreckliche, stets nach dem Felde
Hingewandt, ob sie etwa die kommenden Troer vernähmen.
190
Diese sah mit Freude der Greis, und redete Stärkung;
Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
Recht so, trauteste Kinder, seid wachsam; keinen besiege
Nun der Schlaf. daß nicht zur Freude wir werden den Feinden!
Jener sprach's; und den Graben durcheilet er; aber ihm folgten
195
Argos' Könige nach, so viel zum Rat sich versammelt.
Auch Meriones folgt', und Nestors edler Erzeugter,
Ihnen zugleich; denn sie selber beriefen sie mit zur Beratung.
Jetzt nachdem sie den Graben durchwandelten, setzten sich alle,
Wo noch rein das Gefild' aus umliegenden Leichen hervorschien;
200
Dort wo der stürmende Hektor sich wendete von der Argeier
Blutigem Mord', als schon die finstere Nacht sie umhüllte:
Dort nun setzten sich jen', und redeten untereinander.
Also begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:
Freund', o möcht nicht jetzt ein Mann vertrauen der Kühnheit
205
Seines entschlossenen Muts, zu den edelmütigen Troern
Hinzugehn? ob er einen der äußersten etwa erhaschte,
Oder vielleicht ein Gespräch der feindlichen Männer behorchte,
Was sie jetzo im Rat abredeten: ob sie gedenken,
Fern allhier zu bleiben von Ilios, oder zur Stadt nun
210
Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier.
Dieses erforscht' er alles vielleicht, und kehrte zu uns dann
Unverletzt; groß wäre der Ruhm ihm unter dem Himmel
Rings in der Menschen Geschlecht, auch lohnten ihm edle Geschenke.
Denn so viel den Schiffen umher gebieten der Herrscher,
215
Deren sollt' ein jeder ein schwarzes Schaf ihm verehren,
Samt dem saugenden Lamm; kein Eigentum wär' ihm vergleichbar;
Auch zu jeglichem Fest und Gastmahl würd' er geladen.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
220
Nestor, mich reizt mein Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit,
Einzugehn in das Heer der nahe gelagerten Troer.
Doch wenn ein anderer Mann zugleich mir folgte; dann wäre
Mehr der Zuversicht, und des unerschrockenen Mutes.
Wo zween wandeln zugleich, da bemerkt der ein' und der andre
225
Schneller, was heilsam sei; doch der einzelne, ob er bemerket,
Ist doch langsamer stets sein Sinn, und schwach die Entschließung.
Jener sprach's; und viel' erboten sich schnell dem Tydeiden:
Willig waren die Ajas zugleich, die Genossen des Ares;
Willig Meriones auch, sehr willig der Sohn des Nestor,
230
Willig der Atreione, der Schwinger des Speers Menelaos;
Willig war auch Odysseus, der Duldende, unter die Troer
Einzugehn; denn er trug ein wagendes Herz in dem Busen.
Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon:
Tydeus' Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
235
Selbst nunmehr zum Genossen erwähle dir, welchen du wünschest,
Aller umher den besten, dieweil so viele bereit sind.
Doch nicht täusche das Herz die Ehrfurcht, daß du den bessern
Übergehst, und den schlechtern aus blöder Scheu dir gesellest,
Schauend auf edleren Stamm, und wer erhabner an Macht sei.
240
Jener sprach's; denn er sorgt' um den bräunlichen Held Menelaos.
Jetzo begann von neuem der Rufer im Streit Diomedes:
Wenn ihr nun den Genossen mir selbst zu wählen gebietet,
Wie vergäße doch ich des göttergleichen Odysseus?
Dem so entschlossen der Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit
245
Ragt in jeder Gefahr; denn es liebt ihn Pallas Athene.
Wenn mich dieser begleitet, sogar aus flammendem Feuer
Kehrten wir beide zurück; weil keiner ihm gleicht an Erfindung.
Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Tydeus' Sohn, nicht darfst du so sehr mich rühmen, noch tadeln;
250
Denn vor kundigen Männern von Argos redest du solches.
Gehen wir denn! schnell eilet die Nacht, und nah ist der Morgen.
Weit schon rückten die Stern', und das Meiste der Nacht ist vergangen.
Um zwo Teile bereits; nur der dritte Teil ist noch übrig.
Dieses gesagt, verhüllten sich beid' in schreckliche Rüstung.
255
Tydeus' Sohne nun gab der streitbare Held Thrasymedes
Sein zweischneidiges Schwert; denn das eigene blieb bei den Schiffen;
Auch den Schild; und bedeckt' ihm das Haupt mit dem Helme von Stierhaut
Sonder Kegel und Busch, der auch Sturmhaube genannt wird,
Und ohn' Erz die Scheitel der blühenden Jünglinge schirmet.
260
Aber Meriones gab dem Odysseus Bogen und Köcher,
Samt dem Schwert; und bedeckte des Königes Haupt mit dem Helme,
Auch aus Leder geformt: inwendig mit häufigen Riemen
Wölbt' er sich, straff durchspannt; und auswärts schienen die Hauer
Vom weißzahnigen Schwein, und starreten hiehin und dorthin,
265
Schön und künstlich gereiht; und ein Filz war drinnen befestigt.
Einst aus Eleon hatt' Autolykos diesen erbeutet,
Stürmend den festen Palast des Hormeniden Amyntor;
Jener gab dem Kytherer Amphidamas ihn gen Skandeia;
Aber Amphidamas gab zum Gastgeschenk ihn dem Molos;
270
Dieser gab ihn Meriones drauf dem Sohne zu tragen;
Und nun barg er umher Odysseus' Haupt zur Beschützung.
Jetzo nachdem sich beid' in schreckliche Rüstung gehüllet,
Eilten sie hin, und verließen die edelen Helden Achaias.
Ihnen naht' ein Reiher, gesandt von Pallas Athene,
275
Rechtsher fliegend am Weg'; ihn sahen sie nicht mit den Augen
Durch die finstere Nacht, nur ward sein Tönen gehöret.
Freudig vernahm Odysseus den Flug, und rief zu Athene:
Höre mich, Tochter Zeus' des Donnerers, die du beständig
Mich in allen Gefahren verteidigest, und, wo ich hingeh',
280
Meiner gedenkst; auch jetzo gewähre mir Lieb', o Athene!
Laß uns wohl zu den Schiffen und ruhmvoll wieder gelangen,
Täter erhabener Tat, die Kummer schaffe den Troern!
Ihm zunächst auch flehte der Rufer im Streit Diomedes:
Höre du jetzt auch mich, o Zeus' unbezwungene Tochter!
285
Folge mir, wie du dem Vater gefolgt, dem göttlichen Tydeus,
Als er gen Thebe ging, ein Gesendeter von den Achaiern.
Jen' am Asopos verlassend, die erzumschirmten Achaier,
Bracht' er freundliche Worte den kriegrischen Kadmeionen
Dorthin; doch umkehrend vollendet' er schreckliche Taten,
290
Mit dir, heilige Göttin, da ihm willfährig du beistandst.
So nun wollest du mir auch beistehn und mich behüten!
Dir gelob' ich ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,
Ungezähmt, das nimmer ein Mann zum Joche gebändigt:
Dieses gelob' ich zum Opfer, mit Gold die Hörner umziehend.
295
Also flehten sie dort; sie hörete Pallas Athene.
Drauf nachdem sie gefleht zu Zeus' des Allmächtigen Tochter;
Gingen sie schnell, zween Löwen an Mut, im nächtlichen Dunkel,
Hin durch Mord, durch Leichen, durch Rüstungen hin, und Schlachtblut
Auch nicht ließ dort Hektor die edelmütigen Troer
300
Ausruhn, sondern berief die Edelsten nun zur Versammlung,
Alle des troischen Volks erhabene Fürsten und Pfleger.
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:
Wer doch möchte die Tat mir übernehmend gewähren,
Um ein großes Geschenk, das ihm zum Lohne genug sei?
305
Einen Wagen ihm geb' ich, und zween hochwiehernde Rosse,
Welche die edelsten sein bei den rüstigen Schiffen Achaias:
Wer auch immer es wagt, und selbst den Ruhm sich erstrebet,
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen:
Ob sie stets noch bewachen die rüstigen Schiffe, wie vormals;
310
Oder ob sie vielleicht, von unseren Händen bezähmet,
Schon die Flucht miteinander beschleunigen, und sich enthalten,
Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Aber im troischen Volk war Dolon, Sohn des Eumedes,
315
Eines göttlichen Herolds, an Golde reich und an Erze;
Zwar ein häßlicher Mann von Gestalt, doch ein hurtiger Läufer,
Und der einzige Sohn mit fünf aufwachsenden Schwestern.
Dieser begann hintretend im Rat der Troer zu Hektor:
Hektor, mich reizt mein Mut, und das Herz voll freudiger Kühnheit,
320
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen.
Aber wohlan, den Scepter erhebe mir, heilig beschwörend,
Daß du jenes Gespann, und den erzumschimmerten Wagen,
Schenken mir willst, das ihn trägt, den untadligen Peleionen.
Nicht umsonst auch werd' ich dir spähn, noch gegen Erwartung.
325
Denn so weit ihr Lager durchwander' ich, bis ich erreiche
Selbst Agamemnons Schiff, wo vielleicht sein werden die Fürsten,
Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr, oder des Kampfes.
Jener sprach's; doch Hektor erhub den Scepter, und schwur ihm:
Höre den Schwur Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
330
Nie soll jenes Gespann ein anderer lenken der Troer;
Sondern dir verheiß' ich daherzuprangen beständig!
Also der Held, und beschwur Meineid, und reizete jenen.
Eilend hängt' er darauf das krumme Geschoß um die Schulter,
Hüllete dann sich umher ein graugezotteltes Wolfsfell,
335
Fügte den Otterhelm auf das Haupt, und faßte den Wurfspieß,
Eilete dann zu den Schiffen der Danaer. Aber ihm ward nicht
Wiederkehr von den Schiffen, um Hektorn Kunde zu bringen.
Als er nunmehr verlassen der Ross' und der Männer Getümmel,
Ging er den Weg mit Begier. Allein der edle Odysseus
340
Merkte des Nahenden Gang, und sprach zum Sohne des Tydeus:
Siehe doch, Diomedes, da kommt ein Mann aus dem Lager!
Will er vielleicht auskundend zu unseren Schiffen herannahn,
Oder einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Aber wir lassen ihn erst vorübergehn im Gefilde
345
Wenig; und dann verfolgen wir ihn, und erhaschen den Flüchtling
Eilendes Laufs. Doch wenn er zuvor uns rennt mit den Füßen;
Immer dann zu den Schiffen vom Lager hinweg ihn gescheuchet,
Mit anstürmendem Speer, daß nicht zur Stadt er entrinne.
Also besprachen sich beid', und bargen sich außer dem Wege,
350
Unter den Toten geschmiegt; und vorbei lief jener bedachtlos.
Als er so weit sich entfernt, wie ein Joch Maultier' an des Ackers
Ende gewinnt; denn sie gehn vor langsam folgenden Stieren,
Mutig die Brach' entlang mit starkem Pflug zu durchfurchen:
Schnell nun liefen sie nach; und er stand, das Getöse vernehmend;
355
Denn er vermutet' im Geist, zurück berufende Freunde
Kämen aus Trojas Volk, ihm nachgesendet von Hektor.
Aber so weit nur entfernt, wie ein Speerwurf, oder noch minder,
Kannt' er die Männer als Feind'; und die hurtigen Kniee bewegend,
Floh er dahin; doch jene verfolgeten angestrenget.
360
Wie wenn zween scharfzahnige Hund', erfahren der Wildjagd,
Dringender Eil' hintreiben ein Hirschkalb oder den Hasen,
Durch dickwaldige Räum', und voran der Quäkende rennet:
Also trieb der Tydeid' und der Städteverwüster Odysseus
Jenen in dringender Eil', hinweg von dem Lager ihn scheuchend.
365
Aber nachdem schon nahe der Danaer Hut er gekommen,
Fliehend hinab zu den Schiffen; mit Zorn nun erfüllt' Athenäa
Tydeus' Sohn, daß keiner der erzumschirmten Achaier
Früheres Wurfs sich rühmt', und er selbst der zweite nur käme;
Drohend erhub er die Lanz', und rief, der Held Diomedes:
370
Steh da, oder ich werfe die Lanze dir! Schwerlich noch wirst du
Lange dem schrecklichen Tod' aus meinen Händen entfliehen!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er den Speer, und fehlte mit Vorsatz;
Rechtshin über die Schulter ihm flog des geglätteten Speeres
Erz in den Boden hinein: und er stand nun, starr vor Schrecken,
375
Bebend das Kinn, und es klappten ihm laut in dem Mund die Zähne,
Blaß sein Gesicht vor Angst. Jetzt nahten sie keuchend, und hielten
Beid' an den Händen ihn fest; doch er mit Tränen begann so:
Faht mich; dann erkauf' ich mich frei. Mir lieget daheim ja
Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.
380
Hievon reicht mein Vater dir gern unendliche Lösung,
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Sei getrost; kein Todesgedank' umschwebe das Herz dir!
Aber sage mir jetzt, und verkündige lautere Wahrheit.
385
Warum gehst du allein vom Lager hinab zu den Schiffen,
Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Willst du einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Oder sandte dich Hektor, daß wohl bei den Schiffen du alles
Spähetest? Oder bewog dein eigenes Herz dich zu gehen?
390
Ihm antwortete Dolon darauf; und ihm bebten die Glieder:
Ach zu Jammer und Weh verleitete Hektor das Herz mir,
Welcher des tadellosen Achilleus stampfende Rosse
Mir zum Geschenke verhieß, und den erzumschimmerten Wagen;
Und mir befahl, durchwandelnd der Nacht stillfliehendes Dunkel,
395
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen:
Ob ihr stets noch bewacht die rüstigen Schiffe, wie vormals;
Oder ob ihr vielleicht, von unseren Händen bezähmet,
Schon die Flucht miteinander beschleuniget, und euch enthaltet,
Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit.
400
Lächelnd erwiderte drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Traun nach großem Geschenk hat dir die Seele gelüstet,
Nach des Peleiden Gespann, des feurigen! Schwer sind die Rosse
Jedem sterblichen Manne zu bändigen, oder zu lenken,
Außer Achilleus selbst, den gebar die unsterbliche Mutter.
405
Aber sage mir jetzt, und verkündige lautere Wahrheit.
Wo verließest du Hektor, den Hirten des Volks, da du weggingst?
Wo sind ihm die Geräte des Kriegs? wo stehn ihm die Rosse?
Auch die anderen Troer, wie wachen sie, oder wie ruhn sie?
Sag' auch, was sie im Rat abredeten: ob sie gedenken,
410
Fern allhier zu bleiben von Ilios, oder zur Stadt nun
Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier.
Ihm antwortete Dolon darauf, der Sohn des Eumedes:
Gern will ich dir dieses nach lauterer Wahrheit verkünden.
Hektor berief nun alle des Heers ratgebende Fürsten,
415
Rat mit ihnen zu halten am Mal des göttlichen Ilos,
Abgewandt vom Geräusch. Doch die Wachen, o Held, die du forschest?
Keine gesonderte schirmt das Kriegsheer, oder bewacht es.
Rings wo Troer sich Glut anzündeten, welchen es not ist,
Diese warten der Hut, und ermahnen sich untereinander,
420
Wach zu sein. Hingegen die fernberufenen Helfer
Ruhn im Schlaf, den Troern es überlassend zu wachen;
Denn nicht jenen sind Kinder und Gattinnen hier in der Nähe.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Wie denn, etwa vermischt mit Trojas reisigen Männern
425
Schlafen sie, oder allein? Dies sage mir, daß ich es wisse.
Ihm antwortete Dolon darauf, der Sohn des Eumedes:
Gern will ich auch dieses nach lauterer Wahrheit verkünden.
Meerwärts ruhn mit den Karen, päonische Krümmer des Bogens,
Leleger auch, Kaukonen zunächst, und edle Pelasger;
430
Gegen Thymbra der Lykier Volk, und trotzige Myser,
Phrygiens reisige Schar, und Mäoniens Rossebezähmer.
Aber warum dies alles von mir umständlich erforschen?
Denn wofern ihr begehrt ins troische Lager zu wandeln;
Dort am Ende des Heers sind neu ankommende Thraker,
435
Hingestreckt um Eioneus Sohn, den herrschenden Rhesos:
Dessen Rosse die schönsten und größesten, die ich gesehen,
Weißer denn blendender Schnee, und hurtiges Laufs wie die Winde.
Auch sein Geschirr ist köstlich mit Gold und Silber geschmücket.
Rüstungen auch aus Golde, gewaltige, Wunder dem Anblick,
440
Trägt er daher; kaum ziemt es den sterblichen Erdebewohnern
Solches Gerät zu tragen, vielmehr unsterblichen Göttern.
Doch nun führt mich hinab zu des Meers schnellwandelnden Schiffen;
Oder laßt mich allhier in grausamen Banden gefesselt,
Bis ihr zurückgekehrt, und mich erkannt aus Erfahrung,
445
Ob ich vor euch die Wahrheit verkündiget, oder nicht also.
Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Nur nicht Flucht, o Dolon, erwarte mir jetzo im Herzen,
Gabst du auch guten Bescheid, da in unsere Hände du kamest!
Denn wofern wir anjetzt dich löseten, oder entließen;
450
Traun du kämst auch hinfort zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Sei es um auszuspähn, sei's öffentlich uns zu bekämpfen.
Doch so von meiner Hand du besiegt dein Leben verlierest;
Nimmermehr dann magst du beleidigen uns Argeier.
Sprach's; und bereit war jener, das Kinn mit nervichter Rechte
455
Rührend, ihn anzuflehn; doch tief in den Nacken ihm schwang er
Schnell das erhobene Schwert, und durchschnitt ihm beide die Sehnen,
Daß des Redenden Haupt mit dem Staub' hinrollend vermischt ward.
Hierauf nahmen ihm jene den Otterhelm von der Scheitel,
Auch sein krummes Geschoß, den ragenden Speer, und das Wolfsfell.
460
Alles nunmehr zu Zeus' siegprangender Tochter erhub es
Hoch Odysseus der Held, und rief anbetend die Worte:
Freue dich des, o Göttin; denn dich zuerst im Olympos
Rufen wir an vor allen Unsterblichen! Aber auch jetzo
Leit' uns hin zum Lager der thrakischen Männer und Rosse!
465
Also betet' er laut, und legete hebend die Rüstung
Auf des Gefilds Tamarisk', und dabei zum deutlichen Merkmal
Legt' er gesammeltes Rohr, und brach Tamariskengezweig' ab;
Daß sie des Orts nicht fehlten, zurück durch Finsternis kehrend.
Vorwärts gingen sie nun, durch Rüstungen hin und Schlachtblut.
470
Schnell zu der thrakischen Männer Gedräng' itzt kamen sie wandelnd.
Jene schliefen entnervt von der Arbeit; aber bei ihnen
Prangten gestreckt zur Erde die Rüstungen, schön nach der Ordnung,
Dreifach gereiht, und bei jedem die stampfenden Doppelgespanne.
Rhesos schlief in der Mitt', und bei ihm die hurtigen Rosse
475
Standen mit Riemen gehemmt am hintersten Ringe des Wagens.
Diesen ersah Odysseus zuerst, und zeigt ihn dem Freunde:
Dies ist dir, Diomedes, der Mann, und dieses die Rosse,
Welche zuvor uns Dolon bezeichnete, den wir getötet.
Aber wohlan, nun zeige die Tapferkeit; denn dir geziemt nicht,
480
Hier untätig zu stehn mit den Rüstungen! Löse die Rosse;
Oder du töte die Männer, und mir sei die Sorge der Rosse.
Sprach's; doch jenen beseelte mit Mut Zeus' Tochter Athene.
Rings nun würgt' er umher, und schreckliches Röcheln erhub sich
Unter dem mordenden Schwert, und gerötet von Blut war der Boden.
485
So wie ein Löw', antreffend die ungehütete Herde,
Ziegen oder auch Schafe, mit grimmigem Mut sich hineinstürzt:
Also die thrakischen Männer durchwandelte dort Diomedes,
Bis er zwölf nun ermordet. Allein der kluge Odysseus,
Welchen Mann der Tydeide mit hauendem Schwerte getötet,
490
Solchen zog Odysseus zurück, am Fuß ihn ergreifend;
Denn er bedacht' im Geist, wie die schöngemähneten Rosse
Leicht hindurch ihm gingen, und nicht anstutzend erbebten,
Über Tote zu schreiten, noch ungewohnt des Ermordens.
Aber nachdem den König der Held Diomedes erreichet,
495
Zum dreizehnten auch ihm das süße Leben entriß er;
Und schwer atmet' er auf: ein schrecklicher Traum zu dem Haupte
Stand ihm die Nacht des Öneiden Sohn, durch den Rat der Athene.
Emsig löst' Odysseus indes die stampfenden Rosse,
Band sie mit Riemen vereint, und trieb sie hinweg aus dem Haufen,
500
Mit dem Geschoß anschlagend; denn nicht die schimmernde Geißel
Hatt' er zu nehmen bedacht aus dem künstlichen Sessel des Wagens.
Jetzo pfiff' er leis', und warnte den Held Diomedes.
Jener blieb und sann, was kühner annoch er begönne:
Ob er den Wagen zugleich, wo die glänzenden Rüstungen lagen,
505
Zög' an der Deichsel hinweg, ob hinaustrüg', hoch ihn erhebend;
Oder mehreren dort der Thrakier raubte das Leben.
Als er dieses im Geist umhersann, siehe, da naht' ihm
Pallas Athen', und begann zum edlen Held Diomedes:
Denke der Wiederkehr, o Sohn des erhabenen Tydeus
510
Zu den geräumigen Schiffen; daß nicht du ein Fliehender kommest,
Wenn vielleicht auch die Troer erweckt der Unsterblichen einer!
Jene sprach's; da erkannte der Held die Stimme der Göttin.
Eilend bestieg er ein Roß; da schlug mit dem Bogen Odysseus
Beid', und sie flogen daher zu den rüstigen Schiffen Achaias.
515
Aber nicht achtlos lauschte der Gott des silbernen Bogens;
Als er sah, wie Athene zu Tydeus' Sohn sich gesellet;
Zürnend ihr, drang er sofort in des troischen Heeres Getümmel,
Und den Thrakierfürsten Hippokoon weckt' er vom Schlummer,
Rhesos' tapferen Sippen. Doch er dem Lager entfahrend,
520
Als er den Ort leer sah, wo die hurtigen Rosse gestanden,
Und noch zappelnd die Männer in schreckenvoller Ermordung;
Laut wehklagt' er nunmehr, und rief dem lieben Genossen.
Aber die Troer mit Lärm und unermeßlichem Aufruhr
Stürzten heran, und schauten erstarrt die entsetzlichen Taten,
525
Was doch die Männer verübt, die entflohn zu den räumigen Schiffen.
Als sie den Ort nun erreicht, wo sie Hektors Späher getötet;
Hemmte die hurtigen Rosse der Held, Zeus' Liebling Odysseus;
Doch zur Erd' entsprang der Tydeid', und die blutige Rüstung
Reicht' er Odysseus' Händen, und stieg auf den Rücken des Rosses.
530
Jener schlug mit dem Bogen; und rasch hinflogen die Rosse
Zu den geräumigen Schiffen; denn dorthin wünschten sie herzlich.
Nestor hörte zuerst die stampfenden Huf', und begann so:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Irr' ich, oder ist Wahrheit mein Wort? Doch die Seele gebeut mir's.
535
Schnell hertrabender Rosse Gestampf umtönt mir die Ohren.
Wenn doch Odysseus jetzt und der starke Held Diomedes
Hurtig daher von den Troern beflügelten stampfende Rosse!
Aber ich sorg' im Herzen und fürchte mich, was sie betroffen,
Argos tapferste Helden im lärmenden Troergetümmel!
540
Noch nicht ganz war geredet das Wort; da kamen sie selber.
Und sie schwangen herab auf die Erde sich; jene mit Freude
Reichten die Hände zum Gruß, und redeten freundliche Worte.
Doch vor allen begann der gerenische reisige Nestor:
Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier,
545
Wie doch diese Ross' ihr erbeutetet? ob ihr ins Lager
Eindrangt, oder vielleicht ein begegnender Gott sie euch darbot?
Wunderbar gleicht ihr Schimmer den leuchtenden Sonnenstrahlen!
Stets zwar schalt' ich im troischen Heer, und zaudere, mein' ich,
Niemals gern bei den Schiffen, wiewohl ein grauender Krieger;
550
Doch nie hab' ich Rosse wie die gesehn noch bemerket!
Aber gewiß hat euch ein begegnender Gott sie verliehen;
Denn es liebt euch beide der Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Und des allmächtigen Zeus' blauäugige Tochter Athene.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
555
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Leicht kann wahrlich ein Gott noch schönere Rosse denn diese,
Wenn's ihm gefällt, darbieten; denn weit gewaltiger sind sie!
Diese, Greis, wie du fragst, sind neuankommende Rosse,
Thrakische, deren Gebieter der tapfere Held Diomedes
560
Tötete, zwölf auch umher der edelsten Kriegesgefährten.
Zum dreizehnten annoch erschlugen wir, nahe den Schiffen,
Einen spähenden Mann, der Kundschaft unseres Heeres
Forschte, von Hektor gesandt und den anderen Fürsten der Troer.
Sprach's, und lenkte den Graben hindurch die stampfenden Rosse,
565
Jauchzendes Muts; ihn begleiteten froh die andern Achaier.
Als sie nunmehr erreichten das schöne Gezelt Diomedes';
Banden sie dort die Rosse mit wohlgeschnittenen Riemen
Fest an die Kripp', allwo die anderen Rosse des Königs
Standen, geflügeltes Laufs, mit lieblichem Weizen sich nährend.
570
Aber Odysseus legte die blutige Beute des Dolon
Hinten ins Schiff, bis sie könnten ein Dankfest weihn der Athene.
Drauf entwuschen sich beide den vielen Schweiß in die Meerflut
Eingetaucht, von den Beinen, vom Hals' umher, und den Schenkeln.
Aber nachdem die Woge den vielen Schweiß der Arbeit
575
Ganz den Gliedern entspült, und ihr mutiges Herz sich erlabet;
Stiegen sie ein zum Bad in schöngeglättete Wannen.
Beide vom Bad erwärmt, und gesalbt mit geschmeidigem Öle,
Saßen zum Frühmahl jetzt; und aus vollem Kruge sich schöpfend,
Gossen sie aus vor Athene des herzerfreuenden Weines.

Elfter Gesang

Am Morgen rüstet sich Agamemnon, und führt zur Schlacht. Hektor ihm entgegen. Vor Agamemnons Tapferkeit fliehn die Troer. Zeus vom Ida sendet dem Hektor Befehl, bis Agamemnon verwundet sei, den Kampf zu vermeiden. Der verwundete Agamemnon entweicht, und Hektor dringt vor. Verwundet kehrt Diomedes zu den Schiffen; dann Odysseus, von Ajas aus der Umzingelung gerettet; dann Machaon und Eurypylos. Zu Nestor, der mit Machaon vorbeifuhr, sendet Achilleus den Patroklos zu fragen, wer der Verwundete sei. Patroklos, durch Nestors Rede gerührt, begegnet dem Eurypylos, führt ihn voll Mitleid ins Zelt, und verbindet ihn.

Eos nunmehr aus dem Lager des hochgesinnten Tithonos
Hub sich, Göttern das Licht und sterblichen Menschen zu bringen.
Zeus nun sandte daher zu den rüstigen Schiffen Achaias
Eris, die schreckliche Göttin, das Zeichen des Kampfs in den Händen.
5
Und sie betrat des Odysseus gewaltiges dunkeles Meerschiff,
Welches die Mitt' einnahm, daß beiderseits sie vernähmen,
Dort zu Ajas' Gezelten hinab, des Telamoniden,
Dort zu des Peleionen, die beid' an den Enden ihr Schiffheer
Aufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.
10
Hier nun stand die Göttin und schrie, machtvoll und entsetzlich,
Laut in Achaias Heer, und rüstete jegliches Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Allen sofort schien süßer der Krieg, als wiederzukehren
In den gebogenen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
15
Atreus' Sohn auch rief und ermahnete, schnell sich zu gürten,
Argos' Volk; auch deckt' er sich selbst mit blendendem Erze.
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch,
20
Welchen Kinyras einst zum Gastgeschenk ihm verliehen.
Denn er vernahm in Kypros den großen Ruf der Achaier,
Daß sie vereint gen Troja hinaufzuschiffen beschlossen;
Darum schenkt' er ihm jenen, gefällig zu sein dem Beherrscher.
Ringsum wechselten zehn blauschimmernde Streifen des Stahles,
25
Zwölf aus funkelndem Gold', und zwanzig andre des Zinnes;
Auch drei bläuliche Drachen erhuben sich gegen den Hals ihm
Beiderseits, voll Glanz wie Regenbogen, die Kronos'
Sohn in die Wolken gestellt, den redenden Menschen zum Zeichen.
Hierauf warf er das Schwert um die Schulter sich: goldene Buckeln
30
Leuchteten über das Heft; und die Kling' umhüllte die Scheide,
Silberhell, am Gehenk von strahlendem Golde befestigt.
Drauf den gewaltigen Schild, den ringsbedeckenden, hub er,
Schön von Kunst: ihm liefen umher zehn eherne Kreise;
Auch umblinkten ihn zwanzig von Zinn gewölbete Nabel,
35
Weiß, und der mittlere war von dunkeler Bläue des Stahles.
Auch die Schreckengestalt der Gorgo drohete schlängelnd,
Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen.
Silbern war des Schildes Gehenk; und gräßlich auf diesem
Schlängelt' ein bläulicher Drache dahin; drei Häupter des Scheusals
40
Waren umhergekrümmt, aus einem Halse sich windend.
Drauf umschloß er das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch.
Auch zwo mächtige Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Faßte der Held, daß ferne das Erz zum erhabenen Himmel
45
Leuchtete. Laut her donnerten nun Athenäa und Here,
Hoch zu ehren den König der golddurchstrahlten Mykene.
Jetzo gebot ein jeder dem eigenen Wagenlenker,
Dort am Graben die Ross' in geordneter Reihe zu halten.
Aber die Streiter zu Fuß mit ehernen Waffen gerüstet
50
Drangen voran; und laut erscholl ihr Geschrei in der Dämmrung.
Vor den Reisigen zogen sie nun, am Graben geordnet;
Nahe folgeten dann die Reisigen. Aber Getümmel
Tobte durchs Heer, von Kronion erregt, der hoch aus dem Äther
Tau mit Blute gesprengt ausschüttete; denn er gedachte,
55
Viele tapfere Häupter hinabzusenden zum Aïs.
Jenseits hielten die Troer geschart auf dem Hügel des Feldes;
Hektor der Große gebot und der edle Polydamas jenen,
Auch Äneias, geehrt wie ein Gott im Volke der Troer,
Polybos auch, und Agenor der Held, und der mutige Jüngling
60
Akamas, Göttern gleich, drei tapfere Söhn' Agenors.
Hektor durchging die ersten mit rund gewölbetem Schilde.
So wie aus Nachtgewölk ein Stern zum Verderben hervorblickt,
Strahlend umher; dann wieder sich taucht in schattende Wolken:
Also erschien itzt Hektor, die vordersten rings durchwandelnd,
65
Jetzo im äußersten Zug', und ordnete; ganz in dem Erze
Leuchtet' er, ähnlich dem Strahl des ägiserschütternden Vaters.
Siehe nunmehr, wie Schnitter entgegenstrebend einander
Grade das Schwad hinmähn, auf der Flur des begüterten Mannes,
Weizen oder auch Gerst', und die sinkenden Bunde sich häufen:
70
Also stürmten die Troer und Danaer gegeneinander
Mordend, nicht hier noch dort der verderblichen Flucht sich erinnernd;
Haupt an Haupt drang alles zur Feldschlacht; und wie die Wölfe
Tobten sie. Froh nun schaute die jammererregende Eris:
Denn sie allein war noch der Unsterblichen unter den Streitern;
75
Und kein anderer Gott gesellte sich; sondern geruhig
Saßen sie all' in den eignen Behausungen, dort wo für jeden
Prangt' ein schöner Palast, auf den steigenden Höhn des Olympos.
Alle tadelten sie den schwarzumwölkten Kronion,
Weil er beschloß den Troern des Sieges Ruhm zu verleihen.
80
Doch nicht achtete dessen der Donnerer; ferne gesondert
Schied er hinweg von den andern, und setzte sich, freudiges Trotzes,
Weit umschauend der Troer Stadt und die Schiffe Achaias,
Und den Glanz des Erzes, und Würgende rings und Erwürgte.
Weil noch Morgen es war, und der heilige Tag emporstieg;
85
Hafteten jegliches Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
Doch wenn ein Mann, holzhauend im Forst, sein Mahl sich bereitet,
An des Gebirgs Abhängen, nachdem er die Arme gesättigt,
Ragende Bäume zu haun, und Unlust drang in die Seele,
Und nach erquickender Kost sein Herz vor Verlangen ihm schmachtet:
90
Jetzo mit Kraft durchbrachen die Danaer kühn die Geschwader,
Rufend den Freunden umher in den Ordnungen. Sieh' Agamemnon
Stürmte voran, und entraffte den Völkerhirten Bianor,
Ihn, und darauf den Genossen, den Wagenlenker Oileus.
Dieser schwang sich herab vom Wagengeschirr, sind bestand ihn;
95
Doch in des grad' Anstrebenden Stirn mit spitziger Lanze
Stach er; und nicht verwehrte des Helms erzlastende Kuppel,
Sondern sie drang durch Erz und Schädel ihm, und sein Gehirn ward
Ganz mit Blute vermischt: so bändigt' er jenen im Angriff.
Sie nun ließ er daselbst, der Völkerfürst Agamemnon,
100
Nackt die schimmernden Brüste, nach abgehülleten Panzern;
Eilte sodann auf Isos und Antiphos, gierig des Mordes,
Söhne des Priamos beid', unecht und ehelich, beide
Stehend in einem Geschirr. Der Bastard lenkte die Zügel;
Antiphos stand zum Kampfe, der Herrliche: sie die Achilleus
105
Einst auf Idis Höhn mit weidenden Gerten gefesselt,
Als er hütend der Schafe sie fand, und um Lösung befreiet.
Aber des Atreus' Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Jenem über der Warze durchschoß er die Brust mit der Lanze;
Antiphos haut' er am Ohr mit dem Schwert, und stürzt' ihn vom Wagen.
110
Schnell entzog er darauf der Getöteten prangende Rüstung,
Kennend beid'; er sah sie vordem bei den rüstigen Schiffen,
Als sie vom Ida geführt der mutige Renner Achilleus.
So wie ein Leu der Hindin noch unbehilfliche Kinder
Leicht nacheinander zermalmt, mit mächtigen Zähnen sie fassend.
115
Wann er im Lager sie traf, und ihr blühendes Leben entreißet;
Jene, wie nahe sie ist, vermag nicht ihnen zu helfen;
Denn ihr selbst erbeben von schrecklicher Angst die Gebeine;
Eilendes Laufs entflieht sie durch dichtes Gebüsch und durch Waldung,
Rastlos, triefend von Schweiß, vor der Wut des mächtigen Raubtiers:
120
Also konnt' itzt keiner des troischen Volks vom Verderben
Jene befrein; auch selber vor Argos' Söhnen entflohn sie.
Jetzo den kriegsfrohen Hippolochos und den Pisandros,
Beid' Antimachos Söhne, des waltenden: welcher am meisten
Drang, vom Gold' Alexandros', den glänzenden Gaben, betöret,
125
Helena nicht zu geben dem bräunlichen Held Menelaos:
Dessen Söhne nun traf der Völkerfürst Agamemnon,
Beid' auf einem Geschirr, die hurtigen Rosse bezähmend;
Denn es entflohn den Händen die purpurschimmernden Zügel,
Und sie tummelten wild. Da stürzt' er heran, wie ein Löwe,
130
Atreus' Sohn; und sie flehten ihm hingeschmiegt vom Wagen:
Fah' uns, Atreus' Sohn, und nimm dir würdige Lösung.
Viel der Kleinode ruhn in Antimachos hohem Palaste,
Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht der Vater dir gern unermeßliche Lösung,
135
Wenn er uns noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Also fleheten sie mit freundlichen Worten den König
Weinend an; da erscholl die unbarmherzige Stimme:
Hat Antimachos denn, der waltende Held, euch gezeuget,
Welcher im Rat einst hieß, daß Trojas Volk Menelaos,
140
Als er gesandt hinkam, mit dem göttergleichen Odysseus,
Dort erschlüg', und sie nicht heimsendete zu den Achaiern,
Auf, so büßt mir jetzo des Vaters schändlichen Frevel.
Sprach's, und stürzte Pisandros vom Wagengeschirr auf die Erde,
Werfend den Speer in die Brust, daß zurück auf den Boden er hinsank.
145
Aber Hippolochos sprang von dem Sitz; da erschlug er ihn unten,
Weg mit dem Schwerte die Händ', und das Haupt von der Schulter ihm hauend;
Ließ dann rollen den Rumpf, wie ein Mörser gewälzt im Getümmel.
Jene verließ er, und dort, wo am dichtesten drängten die Haufen,
Stürzt' er hinein, begleitet von hellumschienten Achaiern.
150
Fußvolk mordete nun Fußvolk, das gezwungen zurückfloh,
Reisige nun der Reisigen Schar, (und wölkender Staub stieg
Aus dem Gefild', erregt von den donnernden Hufen der Rosse,)
Tötendes Erz nachschwingend. Doch Atreus' Sohn Agamemnon,
Immer verfolgt' er mordend, und rief den Männern von Argos.
155
Wie wenn vertilgendes Feuer in nie gehauene Waldung
Fällt, dann wirbelnd der Sturm es umherträgt, und bis zur Wurzel
Stämm' und Gezweig' hinsinken, gerafft von des Feuerorkans Wut:
Also vor Atreus' Sohn Agamemnon sanken die Häupter
Fliehender Troer umher, und viel hochwiehernde Rosse
160
Rasselten, leer die Geschirre, dahin durch die Pfade des Treffens,
Ihrer untadligen Lenker beraubt, die zerstreut im Gefilde
Lagen, den Geiern anitzt weit lieblicher, als den Vermählten.
Hektor entzog aus Geschossen der Donnerer, und aus dem Staube,
Aus dem Gewürge der Schlacht, aus strömendem Blut und Getümmel.
165
Doch ihm folgt' Agamemnon, mit Macht die Achaier ermunternd.
Jene flohn zu dem Male des alten dardanischen Ilos
Mitten durch das Gefild an dem Feigenbaume vorüber,
Sehnsuchtsvoll nach der Stadt; doch stets lautschreiend verfolgt' er,
Atreus' Sohn, mit Blut die unnahbaren Hände besudelt.
170
Als sie nunmehr dem skäischen Tor und der Buche genahet,
Standen sie endlich still, und erwarteten einer den andern.
Stets durchs Gefild her stürzten die Flüchtlinge, scheu wie die Rinder,
Welche der Löwe verscheucht, in dämmernder Stunde des Melkens,
Alle zugleich; doch der einen erscheint das grause Verderben;
175
Ihr nun bricht er den Nacken, mit mächtigen Zähnen sie fassend,
Erst, dann schlürft er das Blut und die Eingeweide hinunter:
Also verfolgte sie Atreus' gewaltiger Sohn Agamemnon,
Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.
Vorwärts taumelten viel' und rückwärts viele vom Wagen,
180
Unter der Hand des Atreiden; so tobt' er voran mit der Lanze.
Aber da bald er nunmehr zur Stadt und türmenden Mauer
Nahete; siehe der Vater des Menschengeschlechts und der Götter
Setzte sich nun auf dem Gipfel des quellenströmenden Ida,
Nieder vom Himmel gesenkt, den flammenden Blitz in den Händen.
185
Schnell nun entsandt' er als Botin die goldgeflügelte Iris:
Eile mir, hurtige Iris, dem Hektor das Wort zu verkünden.
Weil er sieht, daß annoch der Völkerhirt Agamemnon
Tobt in dem Vordergewühl, und die Reihn der Männer vertilget;
Weich' er selber zurück, doch dem anderen Volke gebiet' er,
190
Gegen den Feind zu kämpfen im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber sobald ein Speer ihn verwundete, oder ein Pfeilschuß,
Daß er den Wagen besteigt; dann rüst' ich jenen mit Stärke,
Niederzuhaun, bis er naht den schöngebordeten Schiffen,
Bis die Sonne sich senkt, und heiliges Dunkel herauszieht.
195
Jener sprach's; ihm gehorchte die windschnell eilende Iris;
Schwebte von Idas Höhn zur heiligen Ilios nieder,
Fand des waltenden Priamos' Sohn, den göttlichen Hektor,
Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;
Nahe dann trat und begann die leichthinschwebende Iris:
200
Hektor, Priamos' Sohn, dem Zeus an Rate vergleichbar.
Zeus entsendete mich, dir dieses Wort zu verkünden.
Weil du siehst, daß annoch der Völkerhirt Agamemnon
Tobt in dem Vordergewühl, und die Reihn der Männer vertilget;
Weiche du selber zurück, doch gebeut dem anderen Volke,
205
Gegen den Feind zu kämpfen im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber sobald ein Speer ihn verwundete, oder ein Pfeilschuß,
Daß er den Wagen besteigt; dann rüstet er dich mit Stärke,
Niederzuhaun, bis du nahst den schöngebordeten Schiffen,
Bis die Sonne sich senkt, und heiliges Dunkel heraufzieht.
210
Also sprach, und entflog, die leichthinschwebende Iris.
Hektor vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang auf die Erde.
Schwenkend die spitzigen Lanzen durchwandelt' er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn, und begegneten kühn den Achaiern.
215
Argos' Söhn' auch drüben verstärkten die Macht der Geschwader;
Neu begann das Gefecht; ein drangen sie: doch Agamemnon
Stürmte voraus; denn er wollte der Vorderste kämpfen vor allen.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
Welcher kam zuerst Agamemnons Händen entgegen,
220
Unter den Troern selbst, und den rühmlichen Bundesgenossen?
Erst Antenors Sohn Iphidamas, groß und gewaltig,
Aufgenährt in Thraka, der scholligen Mutter der Schafe.
Kisseus der Ahn' erzog ihn als Kind in seinem Palaste,
Welcher Theano gezeugt, Iphidamas' rosige Mutter.
225
Aber nachdem er das Ziel der rühmlichen Jugend erreichet,
Jetzo behielt ihn der Ahn', und gab ihm die blühende Tochter.
Neuvermählt dann folgt' er dem großen Ruf der Achaier
Aus dem Gemach, mit zwölf schönprangenden Schiffen des Meeres;
Ließ darauf in Perkope zurück die schwebenden Schiffe,
230
Aber zu Fuß hinwandelnd erreicht' er Ilios' Mauern.
Dieser begegnete jetzt des Atreus' Sohn' Agamemnon.
Als nunmehr sich genaht die Eilenden gegeneinander,
Jetzo verfehlt' Agamemnon, und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Iphidamas stieß auf den Gurt ihm, unter dem Panzer,
235
Kraftvoll, drängte dann nach, der nervichten Rechte vertrauend.
Dennoch nicht durchbohrt' er den schöngetriebenen Gürtel;
Sondern vom Silber gehemmt, verbog wie Blei sich die Spitze.
Schleunig ergriff die Lanze der herrschende Held Agamemnon,
Zog sie heran, mit Gewalt, wie ein Berglöw', und aus der Hand ihm
240
Riß er sie; schwang in den Nacken das Schwert, und löst' ihm die Glieder.
Also sank er daselbst, und schlief den ehernen Schlummer,
Mitleidswert, von der Gattin getrennt, für die Seinigen kämpfend,
Ihr, die jugendlich nicht ihm belohnt die großen Geschenke:
Hundert Rinder schenkt' er zuerst, und gelobte dem Schwäher
245
Tausend Ziegen und Schaf' aus seinen unzähligen Herden.
Ihn entwaffnete jetzt des Atreus' Sohn Agamemnon,
Trug dann einher durch der Danaer Reihn die prangende Rüstung.
Aber da jetzt ihn Koon ersah, der gepriesenste Kämpfer,
Er Antenors älterer Sohn; da umhüllt' ihm die Augen
250
Überschwenglicher Gram um den hingesunkenen Bruder.
Seitwärts genaht mit dem Speer, und unbemerkt Agamemnon,
Stach er ihm in die Mitte des Arms, dicht unter der Beugung,
Daß ihm grade durchdrang die schimmernde Spitze der Erzes.
Schauer ergriff nun plötzlich den herrschenden Held Agamemnon;
255
Dennoch rastet' er nicht vom Kampf und Schlachtengetümmel,
Sondern er stürzt' auf Koon mit sturmgenähreter Lanze.
Jener zog den Iphidamas nun, den leiblichen Bruder,
Eifrig am Fuße gefaßt, und rief den Tapfersten allen.
Doch wie er zog im Gedränge, verwundet ihn unter dem Schilde
260
Jener mit erzgerüstetem Schaft, und löst' ihm die Glieder;
Hieb dann über dem Bruder das Haupt von der Schulter ihm nahend.
So vom Atreiden besiegt dem Könige, fanden Antenors
Beide Söhn' ihr Verhängnis, und sanken in Aïdes' Wohnung.
Aber jener durchflog noch andere Scharen der Männer,
265
Mordend mit Lanz' und Schwert und gewaltigen Steinen des Feldes,
Weil ihm das Blut noch warm aus offener Wund' hervordrang.
Aber sobald ihm stockte das Blut in erharschender Wunde,
Heftiger Schmerz nun faßte den Heldenmut Agamemnons.
Wie der Gebärerin Seele der Pfeil des Schmerzes durchdringet,
270
Herb und scharf, den gesandt hartringende Eileithyen,
Sie der Here Töchter, von bitteren Wehen begleitet:
Also faßte der Schmerz den Heldenmut Agamemnons.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,
Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.
275
Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Ihr nun hemmt zurück von den meerdurchwandelnden Schiffen
Diesen entsetzlichen Streit, da mir Zeus' waltende Vorsicht
Nicht gewährt, die Troer den ganzen Tag zu bekämpfen!
280
Sprach's; da geißelte jener die schöngemähneten Rosse
Hin zu den räumigen Schiffen; und nicht unwillig entflohn sie.
Beide mit schäumender Brust, und besprengt von unten mit Staube,
Trugen sie fern aus der Schlacht den qualenduldenden König.
Aber wie Hektor ersah, daß Atreus' Sohn sich entfernte,
285
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
Troer und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
Fern ist der tapferste Mann, und mir gibt herrlichen Siegsruhm
Zeus der Kronid'! Auf, grade gelenkt die stampfenden Rosse
290
Gegen der Danaer Helden, daß höheren Ruhm ihr gewinnet!
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Wie wenn oft ein Jäger die Schar weißzahniger Hunde
Reizt auf den grimmigen Eber des Waldtals, oder den Löwen:
So auf die Danaer reizte die edelmütigen Troer
295
Hektor, Priamos' Sohn, dem mordenden Ares vergleichbar.
Selbst voll trotzendes Muts durchwandelt' er vorn das Getümmel,
Stürzte sich dann in die Schlacht, wie ein hochherbrausender Sturmwind,
Der in gewaltigem Sturz die dunkelen Wogen empöret.
Welchen streckte zuerst, und welchen zuletzt in den Staub hin
300
Hektor, Priamos' Sohn, da ihm Zeus Ehre verliehen?
Erst Assäos den Held, Autonoos dann, und Opites,
Dolops, Klytios' Sohn, und Opheltios, auch Agelaos,
Oros, Äsymnos sodann, und Hipponoos, freudig zur Feldschlacht.
Diese Gebieter entrafft' er den Danaern, würgte dann weiter
305
Unter dem Volk: wie der West auseinander wirrt die Gewölke
Vom blaßschauernden Süd, mit dichtem Sturm sie verdrängend;
Häufig wälzt hochbrandend die Woge sich, aber empor spritzt
Weißer Schaum, vor dem Stoße der vielfach zuckenden Windsbraut:
So rings stürzten vor Hektor bezwungene Häupter des Volkes.
310
Jetzt wär' entschieden der Kampf, und unheilbare Taten vollendet,
Und in die Schiffe gedrängt das fliehende Heer der Achaier;
Hätte nicht den Tydeiden ermahnt der Dulder Odysseus:
Tydeus' Sohn, wie vergessen wir doch des stürmenden Mutes?
Auf, tritt näher, mein Freund, steh' neben mir! Schande ja wär es,
315
Wenn er die Schiff' einnähme, der helmumflatterte Hektor!
Ihm antwortete drauf der starke Held Diomedes:
Gerne beharr' ich allhier, und dulde noch; aber nur wenig
Fruchtet unsere Kraft; denn der Herrscher im Donnergewölk Zeus
Will die Troer mit Sieg verherrlichen, vor den Achaiern!
320
Sprach's, und warf Thymbräos vom Wagen herab auf die Erde,
Links durchschmetternd die Brust mit dem Wurfspieß; aber Odysseus
Traf den edlen Molion, des Königes Wagengenossen.
Jene ließen sie dort ausruhn von der kriegrischen Arbeit,
Drangen hinein ins Getümmel, und wüteten: wie wenn die Eber
325
Unter die Hunde der Jagd hochtrotzendes Mutes sich stürzen:
Also durchtobten den Feind die Gewendeten; und die Achaier
Freuten sich aufzuatmen, gescheucht von dem göttlichen Hektor.
Jetzt war erhascht ein Geschirr; zween tapferste Männer des Volkes
Trug es, von Merops erzeugt dem Perkosier: welcher vor allen
330
Fernes Geschick wahrnahm, und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörten
Nicht sein Wort, denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
Diesen kann der Tydeide, der Schwinger des Speers Diomedes,
Raubete Geist und Leben, und trug die prangende Rüstung.
335
Doch des Hippodamas' Wehr und Hypeirochos nahm sich Odysseus.
Nun ließ schweben die Schlacht im Gleichgewichte Kronion,
Schauend von Idas Höhn; und sie würgten sich untereinander.
Siehe den Päoniden Agastrophos traf Diomedes
Stoßend mit eherner Lanz' am Hüftbein; denn sein Gespann war
340
Nicht ihm nah zu entfliehn; so groß war des Geistes Betörung!
Abwärts hielt der Genoß den Wagen ihm; aber er selber
Tobte zu Fuß durch das Vordergewühl, bis sein Leben dahin war.
Doch wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt' er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer.
345
Ihn erblickt' aufschauend der Rufer im Streit Diomedes,
Wandte sich schnell, und begann zu Odysseus, der ihm genaht war:
Schau, dort wälzt das Verderben sich her, der gewaltige Hektor!
Aber wohlan, wir bleiben, und widerstehn unerschüttert!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze,
350
Traf, und verfehlete nicht, auf das Haupt dem Kommenden zielend,
Oben die Kuppel des Helms; doch prallte das Erz von dem Erze,
Eh' es die schöne Haut ihm berührt; denn es wehrte der Helm ab,
Dreifach, länglich gespitzt, ihm geschenkt von Phöbos Apollon.
Hektor flog unermeßlich zurück, in die Scharen sich mischend;
355
Und er entsank hinkineend, und stemmte die nervichte Rechte
Gegen die Erd'; und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Aber indes der Tydeide den Schwung der Lanze verfolgte,
Fern durch das Vordergewühl, wo sie nieder ihm schoß in den Boden;
Kehrete Hektors Geist, und schnell in den Sessel sich schwingend,
360
Jagt' er hinweg ins Gedräng', und vermied das schwarze Verhängnis.
Doch mit dem Speer nachstürmend, begann der Held Diomedes:
Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben
Über dein Haupt; allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!
365
Doch bald mein' ich mit dir zu endigen, künftig begegnend,
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil' ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!
Sprach's, und Päons Sohne, dem Tapferen, raubt' er die Rüstung.
Aber der Held Alexandros, der lockigen Helena Gatte,
370
Richtet' auf Tydeus' Sohn das Geschoß, den Hirten der Völker,
Hinter die Säule geschmiegt, auf dem männerbereiteten Grabmal
Ilos des Dardaniden, des vormals waltenden Greises.
Jener entriß dem starken Agastrophos eilend des Panzers
Künstlichen Schmuck von der Brust, und den mächtigen Schild von den Schultern
375
Samt dem gewichtigen Helm. Da zog er den Bügel des Hornes,
Schoß und traf, leicht umsonst den Pfeil von der Nerve versendend,
Unten den rechten Fuß; und das Erz, durch die Sohle gedrungen,
Bohrt' in den Boden hinein. Doch er mit behaglicher Lache
Sprang aus dem Hinterhalt, und rief lautjauchzend die Worte:
380
Ha das traf! nicht umsonst mir entflog das Geschoß! O wie gerne
Hätt' ich die Weiche des Bauchs dir durchbohrt, und das Leben entrissen!
Dann vermochten die Troer nun aufzuatmen von Drangsal,
Welche du wild hinscheuchst, wie ein Leu die meckernden Ziegen!
Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:
385
Lästerer, Bogenschütz, Pfeilprangender, Mädchenbeäugler!
Wenn du mit offner Gewalt in Rüstungen wider mich kämest,
Wenig frommte dir wohl dein Geschoß und die häufigen Pfeile.
Jetzt da du leicht den Fuß mir ritzetest, prahlest du eitel.
Nichts gilt mir's! als träf' ein Mädchen mich, oder ein Knäblein!
390
Kraftlos spielt das Geschoß des nichtsgeachteten Weichlings!
Traun wohl anders von mir, und ob nur ein wenig es fasse,
Dringt ein scharfes Geschoß, und sofort zu den Toten gesellt es!
Seiner Vermählten daheim sind umher zerrissen die Wangen,
Und die Kinder verwaist; mit Blut die Erde befleckend
395
Modert er; und des Gevögels umschwärmt ihn mehr, denn der Weiber!
Jener sprach's; doch Odysseus der Lanzenschwinger sich nahend
Trat vor ihn; nun saß er geschirmt, und zog sich den schnellen
Pfeil aus dem Fuß; und der Schmerz durchdrang ihm heftig die Glieder.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,
400
Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.
Einsam war nun Odysseus der Lanzenschwinger, und niemand
Harrt' um ihn der Achaier, denn Furcht verscheuchte sie alle.
Tief erseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe, was soll mir geschehn! O Schande doch, wenn ich entflöhe,
405
Fort durch Menge geschreckt! Doch entsetzlicher, wenn sie mich fingen,
Einsam hier; denn die andern der Danaer scheuchte Kronion!
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Weiß ich ja doch, daß Feige von dannen gehn aus dem Kampfe!
Doch wer edel erscheint in der Feldschlacht, diesem gebührt es,
410
Tapfer den Feind zu bestehn, er treffe nun, oder man treff' ihn!
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,
Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn;
Und sie umschlossen ihn rings, ihr Unheil selber umzingelnd.
Wie auf den Eber umher die Hund' und die blühenden Jäger
415
Stürzen; er wandelt hervor aus tiefverwachsenem Dickicht,
Wetzend den weißen Zahn im zurückgebogenen Rüssel;
Rings nun stürmen sie an; und wild mit klappenden Hauern
Wütet er; dennoch bestehn sie zugleich, wie schrecklich er drohet:
Also dort um Odysseus den Göttlichen stürzten sich ringsher
420
Troer. Doch jener zuerst dem untadligen Deïopites
Stach er die Schulter von oben, mit spitziger Lanz' ihn ereilend;
Auch den Thoon darauf und Ennomos streckt' er in Blut hin;
Auch dem Chersidamas rannt' er, der schnell vom Wagen herabsprang,
Unter dem bucklichten Schild den scharfen Speer in den Nabel,
425
Tief; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Jene verließ er, und Hippasos' Sohn mit der Lanze durchstach er,
Charops, den leiblichen Bruder des wohlentsprossenen Sokos.
Ihm ein Helfer zu sein, wie ein Gott, kam Sokos gewandelt;
Nahe trat er hinan, und sprach zu jenem die Worte:
430
O preisvoller Odysseus, an List unerschöpft, und an Arbeit,
Heut ist entweder dein Ruhm, daß Hippasos' Söhne du beide,
Solche Männer, dahingestreckt, und die Waffen erbeutet;
Oder von meiner Lanze durchbohrt verlierst du das Leben!
Jener sprach's, und stieß auf des Schildes geründete Wölbung.
435
Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Ganz dann entriß sie die Haut von den Rippen ihm; aber Athene
Wehrte dem Erz zu dringen ins Eingeweide des Mannes.
Doch wie Odysseus erkannt, nicht tödlich sei das Geschoß ihm,
440
Wich er ein wenig zurück, und sprach zu Sokos die Worte:
Unglückseliger, traun! dich ergreift nun grauses Verderben!
Zwar mich hast du gehemmt, der Troer Volk zu bekämpfen:
Doch dir meld' ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,
Diesen Tag dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,
445
Gibst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul' Aïdoneus.
Sprach's; und jener zur Flucht hinweggewendet enteilte;
Doch dem Gewendeten schoß er den ehernen Speer in den Rücken,
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall; und es rief frohlockend Odysseus:
450
Sokos, Hippasos' Sohn, des feurigen Rossebezähmers,
Siehe der endende Tod erhaschte dich, und du entrannst nicht!
Wehe dir, nicht dein Vater und deine liebende Mutter
Drücken die Augen dir zu, dem Sterbenden; sondern des Raubes
Vögel zerhacken dich bald, mit den Fittichen froh dich umflatternd!
455
Sterb' auch ich, dann schmücken mein Grab die edlen Achaier!
Jener sprach's, und den mächtigen Speer des erhabenen Sokos
Zog er hervor aus der Wund', und dem hochgenabelten Schilde.
Blut nun schoß dem entzogenen nach, und schwächte das Herz ihm.
Doch wie die mutigen Troer das Blut des Königes schauten,
460
Riefen sie laut einander, und wandelten gegen ihn alle.
Aber Odysseus wich dem Gedräng', und schrie zu den Freunden.
Dreimal schrie er empor, wie die Brust aushallet des Mannes;
Dreimal vernahm das Geschrei der streitbare Held Menelaos.
Schnell begann er und sprach zu Ajas, der ihm genaht war:
465
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
Eben umscholl Odysseus' des Duldenden fernes Geschrei mich,
Jenem gleich, als drängten den einsam Verlassenen etwa
Troer, den Weg abschneidend im Ungestüme der Feldschlacht,
Auf, wir gehn durchs Getümmel; denn ihm zu helfen geziemt uns.
470
Daß nur nichts ihm begegne, dem Einsamen unter den Troern,
Stark wie er sei; und schmerzlich der Danaer Volk ihn vermisse!
Sprach's und ging; ihm folgte der götterähnliche Streiter.
Und sie erreichten Odysseus den Herrlichen; um ihn gedrängt war
Troergewühl: so wie oft rotgelbe Schakal' im Gebirge
475
Um den gehörneten Hirsch, den verwundeten, welchen ein Jäger
Traf mit der Senne Geschoß; ihm zwar entrann er im Laufe
Fliehend, dieweil warm strömte das Blut, und die Kniee sich regten;
Aber sobald nun der Schmerz des geflügelten Pfeils ihn gebändigt,
Dann zerreißen Schakal' im Gebirg' ihn, gierig des Fleisches,
480
Tief im schattigen Hain; doch ein Leu, vom Dämon gesendet,
Naht grimmvoll; es entfliehn die Schakal', und jener verschlingt nun:
Also dort um Odysseus, den feurigen Held voll Erfindung,
Drangen viel der Troer und Tapfere. Aber der Held schwang
Seine Lanz', und wehrte dem grausamen Todestage.
485
Ajas jetzo genaht, den türmenden Schild vortragend,
Trat zu ihm; und die Troer entzitterten hiehin und dorthin.
Jenen führt' an der Hand der streitbare Held Menelaos
Aus dem Gewühl, bis die Rosse der Wagengenoß ihm genähert.
Ajas sprang in der Troer Gedräng', und entraffte Doryklos,
490
Priamos' Nebensohn; und darauf auch den Pandokos stürzt' er,
Stürzte Lysandros dahin, und Pyrasos, und den Pylartes.
Wie wenn hochgeschwollen ein Strom in das Tal sich ergießet,
Strudelnd im Herbst vom Gebirg', indem Zeus' Regen ihn fortdrängt;
Viel der dorrenden Eichen alsdann, viel Kiefergehölz auch
495
Wälzt er hinab, und viel des trübenden Schlamms in die Salzflut:
Also durchtobt' hinstürzend das Feld der strahlende Ajas,
Bahn durch Männer sich hauend und Reisige. Aber noch hört' es
Hektor nicht; denn er kämpft' an der linken Seite des Treffens,
Längs dem Gestade des Stroms Skamandros: dort wo am meisten
500
Taumelten Häupter der Männer, und graunvoll brüllte der Schlachtruf,
Um den erhabenen Idomeneus her, und den mutigen Nestor.
Hektor schaltete dort mit den Danaern; schreckliche Taten
Übt' er mit Speer und Wagen, der Jünglinge Reihen verwüstend.
Dennoch wären ihm nicht Achaias Helden gewichen,
505
Hätte nicht Alexandros, der lockigen Helena Gatte,
Mitten im Streite gehemmt den Völkerhirten Machaon,
Mit dreischneidigem Pfeil ihm rechts die Schulter verwundend.
Seinethalb erschraken die mutbeseelten Achaier,
Sorgend, es möchte der Feind in gewendeter Schlacht ihn ermorden.
510
Und Idomeneus sprach zum göttlichen Nestor in Eile:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Hurtig, betritt dein Wagengeschirr; auch betret' es Machaon
Neben dir; dann zu den Schiffen gelenkt die stampfenden Rosse!
Denn ein heilender Mann ist wert wie viele zu achten,
515
Der ausschneidet den Pfeil, und mit lindernder Salbe verbindet.
Sprach's; und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor;
Schnell betrat er sein Wagengeschirr; auch betrat es Machaon,
Er Asklepios' Sohn, des unvergleichbaren Arztes.
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse
520
Zu den geräumigen Schiffen; denn dorthin wünschten sie herzlich.
Aber Kebriones sah der troischen Männer Getümmel,
Hektors Wagengenoß, und redete, also beginnend:
Hektor, wir beide sind hier mit Danaerscharen beschäftigt,
Fern am Ende der brüllenden Schlacht; doch die übrigen Troer
525
Tummeln dort durcheinander gewirrt, die Gespann' und sie selber.
Ajas durchtobt das Gewühl, der Telamonid'; ich erkenn' ihn:
Denn breit ragt sein Schild an der Schulter ihm. Wenn wir denn itzo
Dorthin Ross' und Wagen beflügelten, wo nun am meisten
Streiter zu Fuß und zu Wagen, im schrecklichen Kampf sich begegnend,
530
Rings einander ermorden, und graunvoll brüllet der Schlachtruf!
Sprach's, und geißelte rasch das Gespann schönmähnichter Rosse
Mit hellknallendem Schwung; doch sie, der Geißel gehorchend,
Trugen das schnelle Geschirr durch Troer dahin und Achaier,
Stampfend auf bäuchige Schild' und Leichname: unten besudelt
535
Troff die Achse von Blut, und die zierlichen Ränder des Sessels,
Welchen jetzt von der Hufe Gestampf anspritzten die Tropfen,
Jetzt von der Räder Beschlag. So strebte der Held in der Männer
Dichtes Gewühl, zu zerstreun, wo er stürmete! Grauses Getümmel
Bracht er dem Volk der Achaier, und rastete wenig vom Speere.
540
Aber stets durchflog er der anderen Männer Geschwader,
Mordend mit Lanz' und Schwert und gewaltigen Steinen des Feldes;
Ajas nur vermied er im Kampf, den Telamoniden;
Denn ihm eiferte Zeus, wann den stärkeren Mann er bekämpfte.
Zeus der Allmächtige sandte nun Furcht in die Seele des Ajas.
545
Starrend stand, und warf er den lastenden Schild auf die Schulter,
Flüchtete dann, umschauend im Männergewühl, wie ein Raubtier,
Rückwärts häufig gewandt, mit langsam wechselnden Knieen.
Wie wenn den gelblichen Leun vom verschlossenen Rindergehege
Oftmals Hund' abscheuchen und landbewohnende Männer,
550
Welche nicht ihm gestatten, das Fett der Rinder zu rauben,
Ganz durchwachend die Nacht; er dort, nach Fleische begierig,
Rennt grad an; doch er wütet umsonst; denn häufige Speere
Fliegen ihm weit entgegen, von mutigen Händen geschleudert,
Auch hellodernde Bränd'; und er zuckt im stürmenden Angriff,
555
Scheidet dann frühmorgens hinweg, mit bekümmertem Herzen:
Also ging nun Ajas mit traurendem Geist von den Troern,
Sehr ungern; denn er sorgte voll Angst um der Danaer Schiffe.
Wie wenn am Feld' ein Esel geführt obsieget den Knaben,
Träges Gangs, auf welchem schon viel der Stecken zertrümmert;
560
Aber er frißt eindringend die tiefe Saat; und die Knaben
Schlagen umher mit Stecken; doch schwach ist die Stärke der Kinder,
Und sie vertreiben ihn kaum, nachdem er mit Fraß sich gesättigt:
Also schwärmt' um den Held, den Telamonier Ajas,
Mutiger Troer Gewühl und fernberufener Helfer,
565
Die auf den Schild die Lanzen ihm schmetterten, immer verfolgend.
Aber bald gedachte der Held des stürmenden Mutes,
Wieder das Antlitz gewandt, und zwang die dichten Geschwader
Reisiger Troer zurück; bald kehrt' er von neuem zur Flucht um.
Allen indes verwehrt' er den Weg zu den rüstigen Schiffen;
570
Denn er selbst, in der Troer und Danaer Mitte sich stellend,
Wütete; aber die Speere, von mutigen Händen geschleudert,
Hafteten teils anprallend im siebenhäutigen Stierschild;
Viel auch im Zwischenraume, den schönen Leib nicht erreichend,
Standen empor aus der Erde, voll Gier im Fleische zu schwelgen.
575
Als ihn Eurypylos jetzt, der glänzende Sohn des Euämon,
Schauete, dicht umdrängt vorn Ungestüm der Geschosse;
Stand er zu jenem genaht, und schwang den blinkenden Wurfspieß,
Und traf Phausias' Sohn, den Hirten des Volks Apisaon,
Unter der Brust in die Leber, und stracks ihm löst' er die Glieder.
580
Schnell dann sprang er hinzu, und raubte die Wehr von den Schultern.
Aber sobald ihn ersah der göttliche Held Alexandros,
Wie er die Waffen entzog dem Getöteten; spannt' er den Bogen
Gegen Eurypylos schnell, und schoß in die Lende den Pfeil ihm,
Rechts hinein; und das Rohr brach ab, und beschwert' ihm die Lende.
585
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal;
Und es erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Steht, die Stirne gewandt, und schirmt vor dem grausamen Tage
Ajas, der hart von Geschossen bedrängt wird! Schwerlich entrinnt er
590
Jetzt dem grimmen Getöse der Feldschlacht! Aber o stellt euch
Gegen den Feind, um Ajas, den mächtigen Telamoniden!
So der verwundete Held Eurypylos; und die Genossen
Stellten sich nah um ihn, die Schilde gelehnt an die Schultern,
Alle die Lanzen erhöht. Daher nun wandelte Ajas,
595
Stand dann zum Feinde gekehrt, da der Seinigen Schar er erreichte.
Also kämpften sie dort, gleich lodernden Feuerflammen.
Nestor indes enttrugen der Schlacht die neleischen Stuten,
Schäumend in Schweiß, und brachten den Völkerhirten Machaon.
Jenen sah und erkannte der mutige Renner Achilleus;
600
Denn er stand auf dem Hinterverdeck des gewaltigen Meerschiffs,
Schauend die Kriegsarbeit, und die tränenwerte Verfolgung.
Schnell zu seinem Genossen Patrokleus redet' er jetzo,
Rufend vom Schiffe daher; doch jener im Zelt es vernehmend
Kam gleich Ares hervor; dies war des Wehes Beginn ihm;
605
Eilend sprach zu jenem Menötios' tapferer Sprößling:
Warum rufest du mir, o Achilleus? wessen bedarfst du?
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Edler Menötiad', o meiner Seele Geliebter,
Bald wohl nahn, vermut' ich, zu meinen Knien die Achaier,
610
Anzuflehn; denn die Not umdränget sie, ganz unerträglich.
Aber o geh, Patroklos, du Göttlicher, forsche von Nestor,
Welchen verwundeten Mann er dort herführt aus dem Treffen.
Zwar von hinten erschien er Machaon ganz an Gestalt gleich,
Ihm des Asklepios Sohn; allein nicht sah ich das Antlitz,
615
Denn mir stürmten die Rosse vorbei, im geflügelten Laufe.
Jener sprach's; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Eilte dahin zu den Zelten und rüstigen Schiffen Achaias.
Jene sobald sie das Zelt des Neleiaden erreichten,
Stiegen sie selbst vom Wagen zur nahrungsprossenden Erde;
620
Aber die Rosse löst' Eurymedon, Diener des Greises,
Von dem Geschirr. Sie aber, den Schweiß der Gewande zu kühlen,
Stellten sich gegen den Wind am luftigen Meergestade,
Gingen darauf ins Gezelt, und setzten sich nieder auf Sessel.
Weinmus mengte nun ihnen die lockige Hekamede,
625
Die aus Tenedos brachte der Greis, wie Achilleus sie einnahm,
Tochter des hochgesinnten Arsinoos, die die Achaier
Ihm erwählt, dieweil er im Rat vorragte vor allen.
Diese rückte zuerst die schöne geglättete Tafel
Mit stahlblauem Gestell vor die Könige; mitten darauf dann
630
Stand ein eherner Korb mit trunkeinladenden Zwiebeln,
Gelblicher Honig dabei, und die heilige Blume des Mehles;
Auch ein stattlicher Kelch, den der Greis mitbrachte von Pylos:
Welchen goldene Buckeln umschimmerten; aber der Henkel
Waren vier, und umher zwo pickende Tauben an jedem,
635
Schön aus Golde geformt; zwei waren auch unten der Boden.
Mühsam hob ein andrer den schweren Kelch von der Tafel,
War er voll; doch Nestor der Greis erhob ihn nur spielend.
Hierin mengte das Weib, an Gestalt den Göttinnen ähnlich,
Ihnen des pramnischen Weins, und rieb mit eherner Raspel
640
Ziegenkäse darauf, mit weißem Mehl ihn bestreuend,
Nötigte dann zu trinken vom wohlbereiteten Weinmus.
Beide, nachdem sie im Tranke den brennenden Durst sich gelöschet,
Freueten sich des Gesprächs, und redeten viel miteinander.
Jetzo stand an der Pforte Patroklos, ähnlich den Göttern.
645
Als ihn erblickte der Greis, da entsprang er dem schimmernden Sessel,
Führt' ihn herein an der Hand, und nötigte freundlich zum Sitze.
Doch Patroklos versagt' es dem Greis', und erwiderte also:
Nötige nicht zum Sitze, du göttlicher Greis; denn ich darf nicht.
Ehrfurcht fordert und Scheu, der mich gesendet, zu forschen,
650
Welchen Verwundeten dort du herführst. Aber ich selber
Kenn' ihn schon; denn ich sehe den Völkerhirten Machaon.
Jetzo, das Wort zu verkünden, enteil' ich zurück zum Achilleus,
Wohl ja kennest auch du, ehrwürdiger Alter, des Mannes
Heftigen Sinn, der leicht Unschuldige selber beschuldigt.
655
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Was doch kümmern so sehr Achilleus Herz die Achaier,
Welche bereits das Geschoß verwundete? Aber er weiß nicht,
Welch ein Weh sich erhub durch das Kriegsheer! Alle die Tapfern
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet!
660
Wund von Geschoß ist Tydeus' Sohn, der Held Diomedes;
Wund von der Lanz' Odysseus der Herrliche, und Agamemnon;
Auch Eurypylos traf ein fliegender Pfeil in die Lende.
Diesen anderen bracht' ich selber nur jüngst aus der Feldschlacht,
Als der Senne Geschoß ihn verwundete. Aber Achilleus
665
Hegt, zwar tapfer, mit uns nicht Mitleid oder Erbarmung!
Harrt er vielleicht, bis erst die rüstigen Schiff' am Gestade,
Trotz der Achaiermacht, in feindlicher Flamme verlodern,
Und wir selbst hinbluten der Reihe nach? Nicht ja besteht mir
Kraft, wie vordem sie gestrebt in den leichtgebogenen Gliedern!
670
Wär' ich so jugendlich noch, und ungeschwächtes Vermögens,
Wie als einst der Eleier und Pylier Streit sich erhoben,
Ober den Rinderraub; da ich den Itymoneus hinwarf,
Ihn den tapferen Sohn des Hypeirochos, wohnend in Elis,
Und mir Entschädigung nahm. Er stritt, die Rinder uns wehrend;
675
Aber ihn traf im Vordergewühl mein stürmender Wurfspieß,
Daß er sank, und in Angst sein ländliches Volk sich zerstreute.
Viel und reichliche Beute gewannen wir rings aus den Feldern:
Fünfzig Herden der Rinder umher, der weidenden Schafe
Eben so viel, auch der Schweine so viel, und der streifenden Ziegen;
680
Auch der bräunlichen Rosse gewannen wir hundertundfünfzig,
Stuten all', und viele von saugenden Füllen begleitet.
Weg nun trieben wir jene hinein zur nelaïschen Pylos,
Nachts in die Stadt ankommend; und herzlich freute sich Neleus,
Daß mir Jünglinge schon so viel Kriegsbeute beschert war.
685
Herolde riefen nunmehr, sobald der Morgen emporstieg,
Jeden herbei, wem Schuld in der heiligen Elis gebührte.
Aber des Pyliervolks versammelte Obergebieter
Teileten aus; denn vielen gebührete Schuld von Epeiern,
Seit wir wenigen dort in Drangsal Pylos bewohnet.
690
Denn uns drängt' hinkommend die hohe Kraft Herakles'
Einige Jahre zuvor, und erschlug die tapfersten Männer.
Siehe wir waren zwölf untadlige Söhne des Neleus;
Davon blieb ich allein; die anderen sanken getötet.
Drum verachteten uns die erzumschirmten Epeier,
695
Und voll Übermutes verübten sie mancherlei Frevel.
Draus nun wählte der Greis sich eine Herde der Rinder,
Eine von Schafen gedrängt, drei Hunderte samt den Hirten;
Weil auch ihm viel Schuld in der heiligen Elis gebührte:
Vier siegprangende Rosse zusamt dem Wagengeschirre,
700
Zum Wettrennen gesandt; denn ein Dreifuß war zur Belohnung
Aufgestellt; da behielt der Völkerfürst Augeias
Jene zurück, und entsandte den traurenden Wagenlenker.
So zum Zorne gereizt durch Wort' und Taten des Frevels,
Wählte sich vieles der Greis; das übrige gab er dem Volke,
705
Gleichgeteilt, daß keiner ihm leer der Beute hinwegging.
Wir vollendeten nun ein jegliches, und um die Stadt her
Weihten wir Opfer des Danks. Doch schnell am dritten der Tage
Kamen die Feind' unzählbar, sie selbst und stampfende Rosse,
Alle geschart; auch kamen die zween Molionen gerüstet,
710
Kinder annoch, und wenig geübt zum herzhaften Angriff.
Eine Stadt Thryoessa erhebt sich auf felsichtem Hügel,
Fern an Alpheios' Strom, die heilige Elis begrenzend:
Diese bekämpfte der Feind, sie auszutilgen verlangend.
Doch wie sie ganz das Gefild umschwärmeten, kam uns Athene
715
Schnell als Botin daher vom Olympos, uns zu bewaffnen,
Nachts; und nicht unwillig erhuben sich Pylos' Bewohner,
Sondern mit freudigem Mut zu der Feldschlacht. Mir nur verwehrte
Neleus, mitzugehn in den Streit, und barg mir die Rosse;
Denn noch wähnt' er mich nicht zu Kriegsarbeiten gewitzigt.
720
Dennoch strahlt' ich hervor in unserer Reisigen Scharen,
Ohne Gespann, auch zu Fuß; so trieb in den Kampf mich Athene.
Aber es rollt ein Strom Minyeïos nieder zur Salzflut,
Dicht an Aren': hier harreten wir der heiligen Frühe,
Pylos' reisige Schar; und daher floß Menge des Fußvolks.
725
Drauf mit gesamter Macht in wohlgerüstetem Heerzug
Kamen wir mittags hin zum heiligen Strom Alpheios.
Allda brachten wir Zeus dem Allmächtigen prangende Opfer,
Einen Stier dem Alpheios, und einen Stier dem Poseidon,
Eine Kuh von der Herde für Zeus' blauäugige Tochter;
730
Nahmen die Abendkost durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen,
Legten uns dann zur Ruh, in eigener Rüstung ein jeder,
Längs dem Ufer des Stroms. Die hochgesinnten Epeier
Standen bereits um die Stadt, sie hinwegzutilgen verlangend;
Aber sie fanden zuvor des Ares schreckliche Arbeit.
735
Denn als leuchtend die Sonn' emporstieg über die Erde,
Rannten wir an zum Gefecht, und fleheten Zeus und Athenen.
Als nun die Schlacht anhub der Pylier und der Epeier,
Rafft' ich den ersten der Feind', und nahm die stampfenden Rosse,
Mulios, kühn und gewandt, der ein Eidam war des Augeias,
740
Seiner ältesten Tochter vermählt, Agamede der blonden,
Die Heilkräuter verstand, so viel rings nähret die Erde.
Ihn, wie er gegen mich kam, mit eherner Lanze durchbohrt' ich;
Und er entsank in den Staub; und ich, in den Sessel mich schwingend,
Stand nun im Vordergewühl. Die hochgesinnten Epeier
745
Zitterten ängstlich umher, da den Mann hinfallen sie sahen,
Ihn der, führend den reisigen Zeug, vorstrebt' in der Feldschlacht.
Aber ich stürmt' in die Feinde, dem dunkelen Donnerorkan gleich;
Fünfzig gewann ich der Wagen, und zween Kriegsmänner um jeden
Knirschten den Staub mit den Zähnen, von meiner Lanze gebändigt.
750
Aktors Söhn' auch hätt' ich gestreckt, die zween Molionen,
Hätte nicht ihr Vater, der Erderschüttrer Poseidon,
Schnell dem Gefecht sie entrückt, ringsher in Nebel sie hüllend.
Jetzo gewährete Zeus den Pyliern herrliche Siegsmacht.
Denn stets folgeten wir durch schildbestreuete Felder,
755
Niederhauend den Feind, und stattliche Rüstungen sammelnd,
Bis wir zum Weizengefilde Buprasion trieben die Rosse,
Und zum olenischen Fels, und wo Alesions Hügel
Wird genannt, wo zurück uns wendete Pallas Athene.
Dort verließ ich den letzten Erschlagenen; und die Achaier
760
Lenkten das schnelle Gespann von Buprasion wieder gen Pylos,
Preisend mit Dank von den Himmlischen Zeus, von den Sterblichen Nestor.
So war ich, ja ich war's! in der Feldschlacht! Aber Achilleus
Hegt der Tugend Genuß sich allein nur! Wahrlich mit Tränen
Wird er hinfort es bejammern, nachdem das Volk uns vertilgt ist!
765
Ach mein Freund, wohl hat dich Menötios also ermahnet,
Jenes Tags, da aus Pytia zu Atreus' Sohn er dich sandte.
Denn wir beide darinnen, ich selbst und der edle Odysseus,
Höreten all' im Gemach die Ermahnungen, die er dir mitgab.
Siehe wir kamen dahin zu Peleus' schönem Palaste,
770
Völker umher versammelnd im fruchtbaren Land Achaias;
Und wir fanden den Held Menötios dort im Palaste,
Dich und Achilleus zugleich. Der alte reisige Peleus
Brannte dem Donnerer Zeus die fetten Schenkel des Stieres
In dem umschlossenen Hof, und hielt den goldenen Becher,
775
Sprengend den funkelnden Wein in die heilige Flamme des Opfers.
Ihr bereitetet beide das Stierfleisch. Jetzo erschienen
Wir an der Pforte des Hofs; bestürzt nun erhub sich Achilleus,
Führt' uns herein an der Hand, und nötigte freundlich zum Sitze,
Wohl dann bewirtet' er uns, nach heiliger Sitte des Gastrechts.
780
Aber nachdem wir der Kost uns gesättiget und des Getränkes,
Jetzo begann ich die Red', euch mitzugehen ermahnend;
Ihr auch wolltet es gern, und viel euch geboten die Väter.
Peleus der graue Held ermahnete seinen Achilleus,
Immer der Erste zu sein, und vorzustreben vor andern.
785
Aber dich ermahnte Menötios, Aktors Erzeugter:
Lieber Sohn, an Geburt ist zwar erhabner Achilleus,
Älter dafür bist du; doch ihm ward größere Stärke;
Aber du hilf ihm treulich mit Rat und kluger Erinnrung,
Und sei Lenker dem Freund'; er folgt dir gerne zum Guten.
790
Also ermahnte der Greis; du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
Sage dies Achilleus dem Feurigen, ob er gehorche.
Denn wer weiß, ob vielleicht durch göttliche Hilf' ihn beweget
Dein Zuspruch! Gut immer ist redliche Warnung des Freundes.
Aber wofern im Herzen ein Götterspruch ihn erschrecket,
795
Und ihm Worte von Zeus die göttliche Mutter gemeldet;
Send' er zum wenigsten dich, und der Myrmidonen Geschwader
Folge zugleich, ob du etwa ein Licht der Danaer werdest.
Dir auch geb' er das Waffengeschmeid' im Kampfe zu tragen,
Ob dich für ihn ansehend vielleicht vom Kampfe die Troer
800
Abstehn, und sich erholen die kriegrischen Männer Achaias
Ihrer Angst; wie klein sie auch sei die Erholung des Krieges.
Leicht auch könnt ihr, noch frisch, die ermüdeten Männer im Angriff
Rückwärts drängen zur Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Also der Greis, und jenem das Herz im Busen bewegt' er.
805
Schnell durchlief er die Schiffe zum Äakiden Achilleus.
Aber nachdem zu den Schiffen des göttergleichen Odysseus
Laufend Patroklos genaht, wo der Volkskreis und der Gerichtplatz
War, wo rings auch Altäre, gebaut den unsterblichen Göttern;
Traf er Eurypylos dort, den glänzenden Sohn des Euämon,
810
Welcher hart verwundet daher, mit dem Pfeil in der Lende,
Mühsam hinkt' aus der Schlacht; herab ihm strömte der Angstschweiß
Häufig von Schulter und Haupt, und hervor aus der schmerzenden Wunde
Rieselte schwarzes Blut; doch blieb ihm die Stärke des Geistes.
Mitleidsvoll erblickt' ihn Menötios' tapferer Sprößling;
815
Und er begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Weh euch, weh! der Achaier erhabene Fürsten und Pfleger!
Solltet ihr so, den Freunden entfernt und dem Vatergefilde,
Nähren mit weißem Fett in Troja hurtige Hunde?
Aber verkündige mir, Eurypylos, göttlicher Kämpfer:
820
Ob noch bestehn die Achaier dem übergewaltigen Hektor,
Oder bereits hinsinken, von seiner Lanze gebändigt?
Und der verständige Sohn des Euämon sagte dagegen:
Nichts mehr, göttlicher Held Patrokleus, schafft den Achaiern
Heil; bald werden sie all' um die dunkelen Schiffe gestreckt sein!
825
Denn sie alle bereits, die vordem die tapfersten waren,
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet,
Unter der Hand der Troer, die stets anwachsen an Stärke!
Aber errette du mich, zum dunkelen Schiffe mich führend;
Schneid' aus der Lende den Pfeil, und rein mit laulichem Wasser
830
Wasche das schwärzliche Blut; auch lege mir lindernde Salb' auf,
Heilsame, welche du selbst von Achilleus, sagt man, gelernet,
Ihm, den Cheiron gelehrt, der gerechteste aller Kentauren.
Denn die Ärzte des Heers, Podaleirios und Machaon:
Einer wird im Gezelt an seiner Wunde, vermut' ich,
835
Selber anjetzt bedürftig des wohlerfahrenen Arztes,
Liegen; der andr' im Gefilde besteht die wütende Schlacht noch.
Ihm antwortete drauf Menötios' tapferer Sprößling:
Wie kann solches geschehn? was machen wir, Sohn des Euämon?
Eilend muß ich Achilleus dem Feurigen melden die Botschaft,
840
Welche mir Nestor befahl, der gerenische Hort der Achaier.
Dennoch werd' ich nimmer dich hier verlassen im Schmerze!
Sprach's und unter der Brust den Völkerhirten umfassend
Führt' er ins Zelt; ein Genoß dort breitete Felle der Stier' aus.
Hierauf streckt' ihn der Held, und schnitt mit dem Messer den scharfen
845
Schmerzenden Pfeil aus der Lend'; auch rein mit laulichem Wasser
Wusch er das schwärzliche Blut; dann streut' er bittere Wurzel
Drauf, mit den Händen zermalmt, die lindernde, welche die Schmerzen
Alle bezwang; und es stockte das Blut in erharschender Wunde.

Zwölfter Gesang

Künftige Vertilgung der Mauer. Die Achaier eingetrieben. Hektor, wie Polydamas riet, läßt die Reisigen absteigen, und in fünf Ordnungen anrücken. Nur Asios mit seiner Schar fährt auf das linke Tor, welches zween Lapithen verteidigen. Ein unglücklicher Vogel erscheint den Troern; Polydamas warnt den Hektor umsonst. Zeus sendet den Achaiern einen stäubenden Wind entgegen. Hektor stürmt die Mauer, und die beiden Ajas' ermuntern zur Gegenwehr. Sarpedon und Glaukos nahn dem Turme des Menestheus, dem Telamons Söhne zu Hilfe eilen. Glaukos entweicht verwundet; Sarpedon reißt die Brustwehr herab. Hektor zersprengt ein Tor mit einem Steinwurf; worauf die Troer zugleich über die Mauer und durch das Tor eindringen.

Also heilt' im Gezelte Menötios tapferer Sprößling
Jetzt den Eurypylos dort, den verwundeten. Aber es kämpften
Arges' Söhn' und die Troer mit Heerskraft. Siehe nicht länger
Sollte der Graben beschirmen die Danaer, oder die Mauer,
5
Welche sie breit um die Schiff' auftürmeten, rings dann den Graben
Leiteten: denn nicht brachten sie Festhekatomben den Göttern,
Daß ihr Werk die rüstigen Schiff' und erbeuteten Schätze
Drinnen bewahrt' im Lager; zum Trotz den unsterblichen Göttern
Ward es gebaut; drum stand's nicht lange Zeit unerschüttert.
10
Denn weil Hektor lebend noch war, noch zürnet' Achilleus,
Und unzerrüttet die Stadt des herrschenden Priamos ragte;
Eben so lang' auch bestand der Danaer mächtige Mauer,
Aber nachdem gestorben der Troer tapferste Helden,
Mancher auch der Argeier vertilgt war, mancher noch übrig,
15
Und nun Priamos Stadt hinsank im zehnten der Jahre,
Dann die Argeier in Schiffen zur Heimat wiedergekehret;
Jetzo beschloß Poseidon im Rat und Phöbos Apollon,
Wegzutilgen den Bau, der Ströme Gewalt hinlenkend.
Alle die hoch vom Idagebirg' in das Meer sich ergießen,
20
Rhodios und Karesos, Heptaporos auch, und Granikos,
Rhesos auch, und Äsepos zugleich, und der edle Skamandros,
Simois auch, wo gehäuft Stierschild' und gekegelte Helme
Sanken hinab in den Staub, und das Göttergeschlecht der Heroen.
Allen zugleich nun wandte die Mündungen Phöbos Apollon
25
Gegen den Bau; neun Tage beströmt' er ihn; während herab Zeus
Regnete, schneller ins Meer die umflutete Mauer zu wälzen.
Aber der Erderschütterer selbst, in den Händen den Dreizack,
Ging voran, und stürzt' aus dem Grunde gewühlt in die Wogen
Alle Blöck' und Steine, die mühsam gelegt die Achaier;
30
Schleift' und ebnet' es rings am reißenden Hellespontos,
Und umhüllte mit Sand weithin das große Gestade,
Wo er die Mauer vertilgt; dann wandt' er zurück in das Flutbett
Jeglichen Strom, wo zuvor er ergoß sein schönes Gewässer.
Also sollte hinfort Poseidons Macht und Apollons
35
Taten tun. Doch jetzo war Schlacht und Getümmel entbrannt rings
Um den gewaltigen Bau, und der Türme geworfene Balken
Donnerten. Argos' Volk, von Kronions Geißel gebändigt,
Drängte sich eingehegt bei den schwarzen gebogenen Schiffen,
Bange vor Hektors Wut, des stürmenden Schreckengebieters.
40
Jener stritt, wie zuvor, mit dem Ungestüm des Orkanes.
Wie wenn im Kreise der Hund' und rüstigen Jäger ein Waldschwein
Ringsher, oder ein Löwe, sich dreht, wutfunkelndes Blickes;
Jene dort, miteinander in Heerschar wohlgeordnet,
Stehn ihm entgegen gewandt, und es fliegen geschwungene Spieße
45
Häufig daher aus den Händen; doch sein ruhmatmendes Herz kennt
Weder Furcht noch Entfliehn, und Tapferkeit tötet ihn endlich;
Vielfach drehet er sich, die Reihn der Männer erforschend;
Und wo er grad' andringt, da weichen ihm Reihen der Männer:
So im Gewühl ging Hektor umhergewandt, und ermahnte
50
Über den Graben zu sprengen die Seinigen. Aber nicht wagten's
Ihm die Rosse, geflügeltes Laufs; sie wieherten laut auf,
Stehend am äußersten Bord; denn zurück sie schreckte des Grabens
Breite, zum Sprung hinüber nicht schmal genug, noch zum Durchgang
Leichtgebahnt: denn ein jäh abhängiges Ufer erhob sich
55
Rings an jeglicher Seit', auch war mit spitzigen Pfählen
Obenher er bepflanzt, die Achaias Söhne gestellet,
Dichtgereiht und mächtig, zur Abwehr feindlicher Männer.
Schwerlich vermocht' ein Roß, an den rollenden Wagen gespannet,
Überzugehn; Fußvölker nur eiferten, ob sie vermöchten.
60
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, und ihr der Troer Gewaltige, und der Genossen,
Torheit ist's, durch den Graben die hurtigen Rosse zu treiben.
Viel zu schwer ist wahrlich der Weg; denn spitzige Pfähle
Stehn ja umher, und daran der Danaer mächtige Mauer.
65
Dort lenkt keiner hinab der Reisigen, keiner besteht auch
Unten den Kampf, hin sänken sie all', in der Enge verwundet.
Denn wofern nun ganz im vertilgenden Zorne sie heimsucht
Der hochdonnernde Zeus, und den Troern Hilfe gewähret;
Traun dann wünscht' ich selber aufs schleunigste solches vollendet,
70
Daß hier ruhmlos stürben von Argos fern die Achaier.
Wenn sie jedoch umkehrten, und Rückverfolgung begönne
Von den Schiffen daher, in des Grabens Tief' uns verdrängend;
Nimmer käm', ich fürcht' es, auch nicht ein Bote von dannen,
Wieder gen Troja zurück, vor der Wut der gewandten Achaier.
75
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Laßt die Ross' am Graben, gehemmt von den Wagengenossen;
Wir dann, Streiter zu Fuß, mit ehernen Waffen gerüstet,
Drängen uns all' um Hektor, und folgen ihm. Doch die Achaier
Stehn uns nicht, wenn jenen das Ziel des Verderbens daherdroht.
80
So des Polydamas Rat; den unschädlichen billigte Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Auch nicht blieben in Wagen die anderen Troer versammelt;
Sondern sie stürmten herab, da sie sahn den göttlichen Hektor.
Jetzo gebot ein jeder dem eigenen Wagenlenker,
85
Dort am Graben die Ross' in geordneter Reihe zu halten.
Selber darauf sich teilend, in fünf Heerscharen geordnet,
Gingen sie wohlgereiht, und folgeten ihren Gebietern.
Hektor selbst und der edle Polydamas führten die Ordnung,
Welche die meisten enthielt und tapfersten, alle begierig,
90
Durch die Mauer zu brechen, und kühn um die Schiffe zu kämpfen.
Auch Kebriones folgt der dritte noch; und dem geringern
Blieb, an Kebriones Statt, nun Hektors Wagen vertrauet.
Paris gebot der zweiten, Alkathoos auch, und Agenor.
Helenos führte die dritt', und Deïphobos, göttlicher Bildung,
95
Beide des Priamos' Söhn'; auch Asios führte mit jenen,
Asios, Hyrtakos' Sohn, den hergebracht aus Arisbe
Rosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleïs.
Aber der vierten herrscht Äneias voran, des Anchises
Starker Sohn; zugleich ihm Antenors tapfere Söhne,
100
Akamas und Archilochos beid', allkundig des Streites.
Endlich gebot Sarpedon den rühmlichen Bundesgenossen,
Der sich den Glaukos gesellt', und den kriegerischen Asteropäos:
Denn sie dünkten ihm beide die Tapfersten sonder Vergleichung,
Aller umher, nach ihm selbst; er ragete weit vor den andern.
105
Als sie nunmehr sich zusammengedrängt mit Schilden von Stierhaut:
Eilten sie freudiges Mutes auf die Danaer, hoffend, nicht obstehn
Würden sie, sondern bald um die dunkelen Schiffe gestreckt sein.
Alle sonst, die Troer und fernberufenen Helfer,
Waren Polydamas' Rate, des Tadellosen, gefolget;
110
Nur nicht Asios wollte, des Hyrtakos Sohn, der Gebieter,
Dort verlassen die Ross' und den wagenlenkenden Diener;
Sondern er drang mit ihnen zugleich an die rüstigen Schiffe.
Törichter! ach nicht sollt' er, die schrecklichen Keren vermeidend,
Samt dem Gespann und Wagen in stolzem Triumph, von den Schiffen
115
Wiederum heimkehren zu Ilios luftigen Höhen;
Denn ihn umhüllte zuvor das grauenvolle Verhängnis
Unter Idomeneus Lanze, des herrlichen Deukalionen.
Denn er wandt' in die Schiffe zur Linken sich, wo die Achaier
Aus dem Gefild' einzogen mit hurtigen Rossen und Wagen:
120
Dorthin lenkt' er hindurch der Rosse Geschirr; und er fand nicht
Vorgestreckt die Flügel des Tors, noch den mächtigen Riegel;
Offen noch hielten es Männer, und harreten, ob der Genossen
Einer, dem Treffen entflohn, sich retten wollt' in die Schiffe.
Gradan lenkt' er die Rosse, der Wähnende; andere folgten
125
Nach mit hellem Geschrei; denn die Danaer würden nicht obstehn,
Hofften sie, sondern bald um die dunkelen Schiffe gestreckt sein.
Toren! sie fanden dort zween tapfere Männer am Eingang,
Edelmütige Söhne der speergewohnten Lapithen:
Ihn, Peirithoos' Sohn, den starken Held Polypötes,
130
Ihn, den Leonteus auch, dem mordenden Ares vergleichbar.
Beid' an dem Eingang dort des hochgeflügelten Tores
Standen sie: also stehn hochwipflichte Eichen der Berge,
Welche dem Sturm ausharren und Regenschauer beständig,
Eingesenkt mit großen und weithinreichenden Wurzeln:
135
Also die zween, der Gewalt der mächtigen Arme vertrauend,
Harrten dem Angriff kühn des Asios, und unerschrocken.
Grad' auf die trotzende Mauer, mit wildaufhallendem Feldruf,
Sprengten sie an, und erhoben die trockenen Schilde von Stierhaut,
Um Held Asios her, um Iamenos her, und Orestes,
140
Akamas, Asios' Sohn, um Önomaos auch, und um Thoon.
Sie dort hatten zuvor die hellumschienten Achaier
Drinnen im Lager ermahnt, zum mutigen Kampf für die Schiffe;
Aber sobald zur Mauer mit Macht anrennen sie sahen
Troias Söhn', und erscholl der Danaer Angst und Getümmel,
145
Brachen sie beid' hervor, und kämpfeten draußen am Eingang.
Gleich zween Ebern an Mut, unbändigen, die in dem Bergwald
Kühn der Männer und Hund' anwandelnde Hetze bestehen;
Seitwärts dahergestürmt durchschmettern sie rings die Gesträuche,
Weg vom Stamme sie mähend, und wild mit klappenden Hauern
150
Wüten sie, bis ein Geschoß ihr mutiges Leben vertilget:
Also klappt' auch jenen das schimmernde Erz an den Busen,
Unter der Feinde Geschoß; denn sie wehrten mit großer Gewalt ab,
Oben dem Volk der Mauer und eigener Stärke vertrauend.
Jene mit Steinen daher von den wohlgebaueten Türmen
155
Schleuderten, um sich selbst zu verteidigen, und die Gezelte,
Samt den Schiffen des Meers. Wie des Schnees Gestöber herabfällt,
Welches ein heftiger Wind, die schattigen Wolken erschütternd,
Häufig heruntergießt zur nahrungsprossenden Erde:
Solch ein Schwall von Geschossen entstöberte dort der Achaier
160
Händen, und dort der Troer; und dumpf rings krachten die Helme,
Von Mühlsteinen umprallt, und die hochgenabelten Schilde.
Laut nunmehr wehklagte, vor Schmerz die Hüften sich schlagend,
Asios, Hyrtakos' Sohn, und rief unwilliges Herzens:
Vater Zeus, ja wahrlich auch dir gefielen der Falschheit
165
Täuschungen! Nie doch hätt' ich geglaubt, die Helden Achaias
Würden bestehn vor unserer Macht und unnahbaren Händen!
Aber sie, wie die Wespen mit regem Leib, und die Bienen,
Die am höckrichten Weg ihr Felsennest sich bereitet,
Nicht verlassen ihr Haus in den Höhlungen, sondern den Angriff
170
Raubender Jäger bestehn, im mutigen Kampf für die Kinder:
So auch wollen sie nicht, obgleich nur zween, von dem Tore
Abstehn, bis sie entweder erlegt sind, oder gefangen!
Sprach's; doch nicht bewegt' er Kronions Herz mit der Rede;
Hektorn nur willfahrte sein Ratschluß Ruhm zu gewähren.
175
Andere kämpften den Kampf um andere Tore des Lagers.
Aber zu schwer ist mir's, wie ein Himmlischer, alles zu melden!
Denn ringsum an der Mauer entloderte schrecklich die Flamme
Prasselnder Stein'; unmutig, allein gezwungen, beschirmten
Argos' Söhne die Schiff; und es trauerten herzlich die Götter,
180
Alle, so viel den Achaiern im Kampf mithelfende waren.
Stürmend begann der Lapithen Gefecht und Waffengetümmel.
Siehe Peirithoos' Sohn, der starke Held Polypötes,
Schoß auf Damasos' Stirne den Speer, durch die eherne Kuppel:
Wenig hemmte das Erz den Stürmenden; sondern hindurch drang
185
Schmetternd die eherne Spitz' in den Schädel ihm, und sein Gehirn ward
Ganz mit Blute vermischt: so bändigt' er jenen im Angriff.
Weiter darauf den Pylon und Ormenos streckt' er in Blut hin.
Doch den Hippomachos traf des Ares Sprößling Leonteus,
Ihn des Antimachos' Sohn, mit dem Wurfspieß unten am Leibgurt.
190
Hurtig dann aus der Scheide das scharfe Schwert sich entreißend,
Drang er zuerst auf Antiphates ein, durch das grause Getümmel,
Schwang in der Näh', und hieb, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Weiter darauf den Menon, Iamenos dann, und Orestes,
Streckt' er gehäuft miteinander zur nahrungsprossenden Erde.
195
Während sich jen' enthüllten des schimmernden Waffengeschmeides,
Folgten dem Hektor dort und Polydamas blühende Männer,
Sie die meisten an Zahl und tapfersten, alle begierig,
Durch die Mauer zu brechen, und rings zu entflammen die Schiffe.
Diese zauderten noch, unschlüssiges Rats, an dem Graben.
200
Denn ein Vogel erschien, da sie überzugehn sich entschlossen,
Ein hochfliegender Adler, der, links an dem Heere sich wendend,
Eine gerötete Schlang' in den Klaun hintrug, unermeßlich,
Lebend annoch, und zappelnd, noch nicht vergessend der Streitlust.
Denn dem haltenden Adler durchstach sie die Brust an dem Halse,
205
Rückwärts gewunden ihr Haupt; er schwang sie hinweg auf die Erde,
Hart von Schmerzen gequält; und sie fiel in die Mitte des Haufens;
Aber er selbst lauttönend entflog im Hauche des Windes.
Starrend sahn die Troer umher die ringelnde Schlange
Liegen im Staub, das Zeichen des ägiserschütternden Vaters,
210
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, du pflegst mich zwar in Versammlungen immer zu tadeln,
Red' ich heilsamen Rat; denn traun mit nichten geziemt es,
Anderer Meinung zu sein, dem Gehorchenden, weder im Rate,
Noch in der Schlacht, vielmehr dein Ansehn stets zu vergrößern:
215
Dennoch sag' ich dir jetzo, wie mir's am heilsamsten dünket.
Laßt nicht weiter uns gehn, um der Danaer Schiffe zu kämpfen.
Denn so wird, vermutlich, es endigen, wenn ja den Troern
Dieser Vogel erschien, da sie überzugehn sich entschlossen:
Ein hochfliegender Adler, der, links an dem Heere sich wendend,
220
Eine gerötete Schlang' in den Klaun hintrug, unermeßlich,
Lebend; doch schnell sie entschwang, bevor sein Nest er erreichet,
Und nicht vollends sie brachte, zum Raub den harrenden Kindern.
So auch wir: wo wir anders durch Mauer und Tor der Achaier
Brechen mit großer Gewalt, und vor uns fliehn die Achaier;
225
Kehren wir nicht in Ordnung den selbigen Weg von den Schiffen;
Sondern viel der Troer verlassen wir, die der Achaier
Volk mit dem Erze getötet, im mutigen Kampf für die Schiffe.
Also würd' ein Seher verkündigen, welcher im Geiste
Kennte der Zeichen Verstand, und dem die Völker gehorchten.
230
Finster schaut' und begann der helmumflatterte Hektor:
Keineswegs gefällt mir, Polydamas, was du geredet!
Leicht wohl könntest du sonst ein besseres raten, denn solches!
Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet;
Traun dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung:
235
Der du befiehlst, zu vergessen des Donnerers Zeus Kronions
Ratschluß, welchen er selbst mir zugewinkt und gelobet.
Aber du ermahnest, den weitgeflügelten Vögeln
Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,
Ob sie rechts hinfliegen, zum Tagesglanz und zur Sonne,
240
Oder auch links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet.
Nein, des erhabenen Zeus' Ratschluß vertrauen wir lieber,
Der die Sterblichen all' und unsterbliche Götter beherrschet!
Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!
Doch was zitterst denn du vor Kampf und Waffengetümmel?
245
Sänken wir anderen auch an den rüstigen Schiffen Achaias
Alle getötet umher; dir droht kein Schrecken des Todes!
Denn dir ward kein Herz, ausharrend den Feind und die Feldschlacht!
Wo du mir aber dem Kampf dich entziehn wirst, oder der andern
Einen vom Krieg abwenden, durch törichte Wort' ihn verleitend;
250
Schnell von meiner Lanze durchbohrt verlierst du das Leben!
Dieses gesagt, ging jener voran; ihm folgten die andern
Mit graunvollem Geschrei. Der donnerfrohe Kronion
Sendete hoch vom Idagebirg' unermeßlichen Sturmwind,
Der zu den Schiffen den Staub hinwirbelte: daß den Achaiern
255
Sank der Mut, doch der Troer und Hektors Ruhm sich erhöhte.
Jetzo dem Wink des Gottes, und eigener Stärke vertrauend,
Strebten sie durchzubrechen der Danaer mächtige Mauer;
Rissen herab die Zinnen der Türm' und regten die Brustwehr,
Und umwühlten mit Hebeln des Baus vorragende Pfeiler,
260
Welche zuerst die Achaier gestellt, zur Feste den Türmen:
Diese wuchtet' ihr Stoß, und sie hofften der schütternden Mauer
Einbruch. Doch nicht wichen die Danaer dort von der Stelle;
Sondern mit starrenden Schilden die Brustwehr rings umzäunend,
Warfen sie Stein' und Geschoss' auf die mauerstürmenden Feinde.
265
Aber die Ajas' beide das Volk auf den Türmen ermahnend,
Wandelten ringsumher, und erregten den Mut der Achaier,
Den mit freundlicher Red', und den mit harter Bedrohung
Züchtigend, welchen sie ganz im Gefecht nachlässig erblickten:
Freund', im Danaervolk wer hervorstrebt, oder wer mitgeht,
270
Auch wer dahinten bleibt; denn gar nicht gleich miteinander
Schaffen die Männer im Kampf: nun zeigt für alle sich Arbeit!
Auch ihr selber fürwahr erkennet es! Nimmer zurück denn
Wendet euch gegen die Schiffe, die Drohungen hörend des Trotzers;
Sondern voran dringt all', und ermahnet euch untereinander:
275
Ob ja Zeus vergönne, der Donnergott des Olympos,
Daß wir, den Streit abwehrend, zur Stadt die Feinde verfolgen!
Also schrien sie beid', und erregten den Kampf der Achaier.
Dort, gleichwie Schneeflocken daher in dichtem Gestöber
Fallen am Wintertage, wann Zeus der Herrscher sich aufmacht,
280
Über die Menschen zu schnein, der Allmacht Pfeile versendend;
Ruhn dann heißt er die Wind', und schüttet herab, bis er decket
Rings die Höhn der schroffen Gebirg', und die zackigen Gipfel,
Auch die Gefilde voll Klee, und des Landmanns fruchtbare Saaten;
Auch des greulichen Meers Vorstrand' und Buchten umfliegt Schnee,
285
Aber die Wog' anrauschend verschlinget ihn; alles umher sonst
Wird von oben umhüllt, wann gedrängt Zeus' Schauer herabfällt:
So dort flog von Heere zu Heer der Steine Gewimmel,
Welche die Troer hier, und die Danaer dort auf die Troer
Schleuderten; und um die Mauer erscholl rings dumpfes Gepolter.
290
Noch nicht hätten die Troer anjetzt und der strahlende Hektor
Durchgebrochen die Pfort' und den mächtigen Riegel der Mauer;
Hätte der waltende Zeus nicht seinen Sohn, den Sarpedon,
Auf die Argeier gesandt, wie den Leun auf gehörnete Rinder.
Vor sich trug er den Schild von gleichgeründeter Wölbung,
295
Schöngehämmert aus Erz, den prangenden; welchen der Wehrschmied
Hämmerte, drinnen gefügt aus häufigen Rinderhäuten,
Und um den Rand ringsher mit goldenen Stäben durchzogen:
Diesen sich nun vortragend zum Schirm, zween Speere bewegend,
Eilt' er hinan, wie ein Löwe des Bergwalds, welcher des Fleisches
300
Lang' entbehrt, und jetzo, gereizt von der mutigen Seele,
Eindringt, Schafe zu würgen, auch selbst in ein dichtes Gehege;
Findet er zwar bei ihnen die wachsamen Hirten versammelt,
Die mit Hunden und Spießen umher die Schafe behüten,
Doch nicht ohne Versuch von dem Stall zu entfliehen gedenkt er;
305
Nein, entweder er raubt, wo er einsprang, oder auch selber
Wird er verletzt im Beginn von rüstiger Hand mit dem Wurfspieß:
So dort reizte sein Mut den göttergleichen Sarpedon,
Stürmend der Mauer zu nahn, und durchzubrechen die Brustwehr.
Schnell zu Glaukos gewandt, Hippolochos' Sohne, begann er:
310
Glaukos, warum doch ehrte man uns so herrlich vor andern
Immer an Sitz, an Fleisch, und vollgegossenen Bechern,
Heim im Lykierland', umher wie auf Himmlische blickend?
Und was baun wir ein großes Gefild' am Ufer des Xanthos,
Prangend mit Obst und Trauben und weizenbesäeten Äckern?
315
Darum gebührt uns jetzt in der Lykier Vordergetümmel
Dazustehn, und hinein in die brennende Schlacht uns zu stürzen;
Daß man also im Volk der gepanzerten Lykier sage:
Wahrlich nicht unrühmlich beherrschen sie Lykiens Söhne,
Unsere Könige hier, mit gemästeten Schafen sich nährend,
320
Und herzstärkendem Wein, dem erlesenen; sondern ihr Mut ist
Groß, denn sie kämpfen den Kampf in der Lykier Vordergetümmel!
Trautester, könnten wir ja, durch dieses Kampfes Vermeidung,
Immerdar fortblühen, unsterblich beid' und unalternd;
Weder ich selbst darin stellte mich unter die vordersten Kämpfer,
325
Noch ermuntert' ich dich zur männerehrenden Feldschlacht.
Aber da gleichwohl drohn unzählbare Schrecken des Todes
Rings, und keiner entflieht der Sterblichen, noch sie vermeidet;
Auf! daß wir anderer Ruhm verherrlichen, oder den unsern!
Jener sprach's; nicht träge war Glaukos darob, noch entzog sich.
330
Gradan drangen sie beide, die Schar der Lykier führend.
Doch sie ersah aufschauernd des Peteos' Sohn Menestheus;
Denn ihm nahten zum Turm sie daher, mit Verderben gerüstet.
Rings umspäht' er den Turm, ob der Danaerfürsten er einen
Schauete, welcher die Not abwendete seinen Genossen.
335
Jetzo sah er die Ajas, sie beide des Kampfs unersättlich,
Dastehn, auch den Teukros, der jüngst vom Gezelte zurückkam,
Nahe sich; doch nicht konnt' er mit vollem Ruf sie erreichen,
Durch das Getöse der Schlacht: es erscholl zum Himmel der Aufruhr,
Weil die getroffenen Schild' und umflatterten Helm', und die Tore
340
Donnerten; denn sie all' umdrängte man; und die davor nun
Stehenden strebten mit Macht sich durchzubrechen den Eingang.
Schnell zu Ajas dahin entsandt' er Thootes den Herold:
Laufe mir, edler Thootes, in Eil', und rufe den Ajas;
Lieber sie beide zugleich: denn weit das beste von allem
345
Wär' es, dieweil hier bald ein gräßliches Morden bevorsteht!
Denn hart drängen die Fürsten der Lykier, welche von jeher
Ungestüm anrennen in schreckenvoller Entscheidung!
Aber wofern auch dort die Kriegsarbeit sie beschäftigt;
Komme doch Ajas allein, des Telamons tapferer Sprößling,
350
Und ihm gesellt sei Teukros der Held, wohlkundig des Bogens!
Jener sprach's; nicht träge vernahm die Worte der Herold,
Sondern enteilt' an der Mauer der erzumschirmten Achaier,
Stand den mutigen Ajas genaht, und redete also:
Ajas beid', Heerführer der erzumschirmten Achaier,
355
Euch ermahnt des Peteos' Sohn, der edle Menestheus,
Dort der Kriegsgewalt ein weniges nur zu begegnen;
Lieber ihr beide zugleich: denn weit das beste von allem
Wär' es, dieweil dort bald ein gräßliches Morden bevorsteht!
Denn hart drängen die Fürsten der Lykier, welche von jeher
360
Ungestüm anrennen in schreckenvoller Entscheidung!
Aber wofern auch hier die Kriegsarbeit euch beschäftigt;
Komme doch Ajas allein, des Telamons tapferer Sprößling,
Und ihm gesellt sei Teukros der Held, wohlkundig des Bogens!
Sprach's; und willig gehorchte der Telamonier Ajas.
365
Schnell zu Oïleus Sohn die geflügelten Worte begann er:
Ajas, ihr beid' allhier, du selbst und der Held Lykomedes,
Stehet fest, und ermahnt die Danaer, tapfer zu streiten,
Aber ich selber gehe, der Arbeit dort zu begegnen;
Schnell dann eil' ich zurück, nachdem ich jene verteidigt.
370
Also sprach und enteilte der Telamonier Ajas;
Und ihm gesellt ging Teukros, sein leiblicher Bruder vom Vater;
Auch Pandion zugleich trug Teukros' krummes Geschoß nach.
Als sie dem Turm itzt nahten des hochgesinnten Menestheus,
Drinnen die Mauer entlang, zu Bedrängeten nahten sie wahrlich.
375
Dort an die Brustwehr klommen, dem düsteren Sturme vergleichbar,
Jene, des Lykiervolks erhabene Fürsten und Pfleger;
Tobend begann nun nahes Gefecht, und es hallte der Schlachtruf.
Ajas der Heldensohn des Telamon streckte zuerst nun
Einen Freund des Sarpedon, den hochbeherzten Epikles,
380
Mit scharfzackigem Marmor gefällt, der drinnen der Mauer
Groß an der Brustwehr lag, der oberste. Schwerlich vielleicht wohl
Trüg' ihn mit beiden Händen ein Mann, auch in blühender Jugend,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schleuderte, hoch ihn erhebend,
Brach ihm des Helms viergipflichtes Erz, und zerknirschte zugleich ihm
385
Alle Gebeine des Haupts; und schnell, wie ein Taucher von Ansehn,
Schoß er vom ragenden Turm, und der Geist verließ die Gebeine.
Teukros traf den Glaukos, Hippolochos' edlen Erzeugten,
Mit dem Geschoß, da stürmend der Mauer Höh' er hinanstieg,
Wo er ihn sah entblößen den Arm, und hemmte die Streitlust.
390
Schnell von der Mauer entsprang er geheim, daß nicht ein Achaier,
Wenn er die Wund' erblickte, mit stolzer Red' ihn verhöhnte.
Schmerz durchdrang dem Sarpedon die Brust, als Glaukos hinwegging,
Gleich nachdem er es merkte; doch nicht vergaß er des Kampfes;
Sondern er traf Alkmaon, des Thestors Sohn, mit der Lanze
395
Stoß, und entriß ihm den Schaft; da taumelt' er, folgend der Lanze,
Vorwärts, und ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Doch Sarpedon mit großer Gewalt anfassend die Brustwehr
Zog, und umher nachfolgend entstürzte sie; aber von oben
Ward die Mauer entblößt, und öffnete vielen den Zugang.
400
Ajas sofort und Teukros begegneten: der mit dem Pfeile
Traf ihm das Riemengehenk, das hell um den Busen ihm strahlte,
Am ringsdeckenden Schild'; allein Zeus wehrte dem Schicksal
Seines Sohns, daß nicht bei den äußersten Schiffen er hinsank.
Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurch drang
405
Schmetternd die eherne Lanz', und erschütterte jenen im Angriff.
Weg von der Brustwehr zuckt' er ein weniges; doch nicht gänzlich
Wich er, dieweil sein Herz noch erwartete Ruhm zu gewinnen.
Laut ermahnt' er gewandt der Lykier göttliche Heerschar:
Lykier, o wie vergesset ihr doch des stürmenden Mutes?
410
Schwer ja ist's mir allein, und wär' ich der tapferste Streiter,
Durchzubrechen die Mauer, und Bahn zu den Schiffen zu öffnen!
Auf denn, zugleich mir gefolgt! denn mehrerer Arbeit ist besser!
Jener sprach's; und geschreckt von des Königes scheltendem Zuruf,
Rannten sie heftiger an, gedrängt um den wartenden König.
415
Argos' Söhn' auch drüben verstärkten die Macht der Geschwader,
Innerhalb der Mauer; und fürchterlich drohte die Arbeit.
Denn es vermochten weder der Lykier tapfere Streiter,
Durchzubrechen die Mauer, und Bahn zu den Schiffen zu öffnen;
Noch vermochten die Helden der Danaer, Lykiens Söhne
420
Weg von der Mauer zu drängen, nachdem sie sich einmal genahet.
Sondern wie zween Landmänner die Grenz' einander bestreiten;
Jeder ein Maß in der Hand, auf gemeinsamer Scheide des Feldes,
Stehn sie auf wenigem Raum, und zanken sich wegen der Gleichung:
Also trennt' auch jene die Brustwehr; über ihr kämpfend
425
Haueten wild sie einander umher an den Busen die Stierhaut
Schöngeründeter Schild' und leichtgeschwungener Tartschen.
Viel auch wurden am Leib vom grausamen Erze verwundet:
Einige, wann sich wendend im Streit sie den Rücken entblößten
Durch das Gewühl, und manche sogar durch die Schilde von Stierhaut.
430
Überall von Türmen und Brustwehr rieselte rotes
Blut, an jeglicher Seite, der Troer und der Achaier.
Doch nicht schafften sie Flucht der Danaer; sondern sie standen
Gleich: wie die Waage steht, wenn ein Weib, lohnspinnend und redlich,
Abwägt Woll' und Gewicht, und die Schalen beid' in gerader
435
Schwebung hält, für die Kinder den ärmlichen Lohn zu gewinnen:
Also stand gleichschwebend die Schlacht der kämpfenden Völker;
Bis nunmehr Zeus höheren Ruhm dem Hektor gewährte,
Priamos' Sohn, der zuerst hinstürmt' in der Danaer Mauer.
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in die Scharen der Troer:
440
Auf, ihr reisigen Troer, hinan! durchbreche der Argeier
Mauer, und werft in die Schiffe die schreckliche Flamme des Feuers!
Also ermahnte der Held; und aller Ohren vernahmens.
Gradan drang zu der Mauer die Heerschar; jene begierig
Klommen empor die Zinnen, geschärfte Speer' in den Händen.
445
Hektor nun trug aufraffend den Feldstein, welcher am Tore
Dastand, draußen gestellt, von unten dick, und von oben
Zugespitzt; ihn hätten nicht zween der tapfersten Männer
Leicht zum Wagen hinauf vom Boden gewälzt mit Hebeln,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende;
450
Denn ihm erleichterte solchen der Sohn des verborgenen Kronos.
Wie wenn ein Schäfer behend' hinträgt die Wolle des Widders,
Fassend in einer Hand, und wenig die Last ihn beschweret:
Also erhob auch Hektor und trug den Stein zu den Bohlen,
Welche das Tor verschlossen mit dicht einfugender Pforte,
455
Zweigeflügelt und hoch; und zween sich begegnende Riegel
Hielten sie innerhalb, mit einem Bolzen befestigt.
Nah itzt trat er hinan, und warf gestemmt auf die Mitte,
Weit gespreizt, daß nicht ein schwächerer Wurf ihm entflöge.
Schmetternd zerbrach er die Angeln umher, und es stürzte der Marmor
460
Schwer hinein; dumpf krachte das Tor; auch die mächtigen Riegel
Hielten ihm nicht, und die Bohlen zerspalteten hiehin und dorthin,
Unter des Steines Gewalt; und es sprang der erhabene Hektor
Furchtbar hinein, wie das Grauen der Nacht: er strahlt' in des Erzes
Schrecklichem Glanz, der ihn hüllt', und zwo hellblinkende Lanzen
465
Schüttelt' er. Schwerlich hätt' ein Begegnender jetzt ihn gehemmet,
Außer ein Gott, da er sprang in das Tor, wutfunkelndes Blickes.
Laut ermahnt' er die Troer umhergewandt im Getümmel,
Über die Mauer zu steigen; und schnell ihm gehorchten die Völker:
Andere drangen zur Mauer und kletterten, andere strömten
470
Durch die gezimmerte Pforte hinein. Doch es flohn die Achaier
Zu den geräumigen Schiffen; es tobt' unermeßlicher Aufruhr.

Dreizehnter Gesang

Kampf um die Schiffe. Poseidon, von Zeus unbemerkt, kommt die Achaier zu ermuntern. Dem Hektor am erstürmte Tore des Menestheus widerstehn vorzüglich die Ajas. Zur Linken kämpfen am tapferste Idomeneus und Meriones wider Äneias, Paris und andere. Auf Polydamas Rat beruft Hektor die Fürsten, daß man vereint kämpfe, oder
zurückziehe. Verstärkter Angriff.

Zeus, nachdem er die Troer und Hektor bracht' an die Schiffe,
Ließ sie nunmehr bei jenen in Arbeit ringen und Elend,
Rastlos fort; dann wandt' er zurück die strahlenden Augen,
Seitwärts hinab auf das Land gaultummelnder Thrakier schauend,
5
Auch nahkämpfender Myser, und trefflicher Hippomolgen,
Dürftig, von Milch genährt, der gerechtesten Erdebewohner.
Doch auf Troja wandt' er nicht mehr die strahlenden Augen;
Denn nicht hofft' er im Geist, der Unsterblichen würde noch einer
Kommen, um Trojas Volk zu verteidigen, oder Achaias.
10
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon.
Denn er saß, anstaunend die Schlacht und das Waffengetümmel,
Hoch auf dem obersten Gipfel der grünumwaldeten Samos
Thrakiens: dort erschien mit allen Höhn ihm der Ida,
Auch erschien ihm Priamos Stadt, und der Danaer Schiffe.
15
Dorthin entstieg er dem Meer, und sahe mit Gram die Achaier
Fallen vor Trojas Macht, und ergrimmte vor Zorn dem Kronion.
Plötzlich stieg er herab von dem zackigen Felsengebirge,
Wandelnd mit hurtigem Gang; und es bebten die Höhn und die Wälder
Weit den unsterblichen Füßen des wandelnden Poseidaon.
20
Dreimal erhob er den Schritt; und das vierte Mal stand er am Ziele,
Ägä: dort wo ein stolzer Palast in den Tiefen des Sundes
Golden und schimmerreich ihm erbaut ward, stets unvergänglich.
Dorthin gelangt nun schirrt' er ins Joch erzhufige Rosse,
Stürmendes Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
25
Selbst dann hüllt' er in Gold sich den Leib, und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens,
Lenkte dann über die Flut: die Ungeheuer des Abgrunds
Hüpften umher aus den Klüften, den mächtigen Herrscher erkennend,
Freudig ihm trennte des Meers Gewoge sich; und wie geflügelt
30
Eilten sie, ohne daß unten die eherne Achse genetzt ward;
Hin zu Achaias Schiffen enttrugen im Sprung ihn die Rosse.
Eine geräumige Grott' ist tief in den Schlünden des Sundes,
Zwischen Tenedos' Höhn und der rauhumstarreten Imbros:
Dorthin stellte die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
35
Abgespannt vom Geschirr, und reicht' ambrosische Nahrung
Ihnen zur Speis'; und die Füß' umschlang er mit goldenen Fesseln,
Unzerbrechlich, unlösbar, daß fest auf der Stelle sie harrten,
Bis ihr Herrscher gekehrt; dann ging er ins Heer der Achaier.
Doch die Troer gedrängt, denn Orkan gleich, oder dem Feuer,
40
Folgeten Priamos' Sohn' unersättlicher Gier in den Kampf hin,
Brausendes, wüstes Geschreis; denn der Danaer Schiffe zu nehmen
Hofften sie, und um die Schiffe die Danaer alle zu morden.
Aber der Erderschüttrer, der Landumstürmer Poseidon,
Reizte den Mut der Argeier, des Meers Abgründen entstiegen,
45
Ähnlich ganz dem Kalchas an Wuchs und gewaltiger Stimme.
Erst zu den Ajas begann er, die selbst schon glühten vor Kampflust:
Ihr, o Ajas, vermögt der Danaer Volk zu erretten,
Wenn ihr der Stärke gedenkt, und nicht des starrenden Schreckens.
Denn sonst fürcht' ich sie nicht, die unnahbaren Hände der Troer,
50
Welche mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen;
Allen schon begegnen die hellumschienten Achaier.
Hier nur sorg' ich am meisten und fürchte mich, was uns betreffe,
Wo der Rasende dort, wie ein brennendes Feuer, voranherrscht,
Hektor, der sich entsprossen von Zeus dem Allmächtigen rühmet!
55
Gäbe doch euch in die Seel' ein Unsterblicher diesen Gedanken,
Selbst entgegen zu stehn mit Gewalt, und andre zu reizen!
Traun, wie eifrig er strebt, hinweg von den Schiffen Achaias
Drängtet ihr ihn, wenn gleich der Olympier selbst ihn erwecket!
Sprach's, und rührte sofort, der umufernde Ländererschüttrer,
60
Beide mit mächtigem Stab', und erfüllte sie tapferes Mutes;
Leicht auch schuf er die Glieder, die Füß' und die Arme von oben.
Aber er selbst, wie ein Habicht in hurtigem Flug sich emporschwingt,
Der, von des Felsengebirgs hochschwindelnder Jähe gehoben,
Rasch hinfährt in die Tale, den anderen Vogel verfolgend:
65
Also schwang sich von jenen der Erderschüttrer Poseidon.
Erst von beiden erkannt' es der schnelle Sohn des Oïleus,
Und zu Ajas sogleich, dem Telamoniden, begann er:
Ajas, dieweil ein Unsterblicher uns, von den Höhn des Olympos,
Gleich an Gestalt dem Seher, gebeut bei den Schiffen zu kämpfen:
70
Denn nicht Kalchas war es, der deutende Vogelschauer;
Wohl ja bemerkt' ich von hinten der Füße Gang und der Schenkel,
Als er hinweg sich wandte; denn leicht zu erkennen sind Götter:
Jetzo verlangt mir selber der Mut im innersten Herzen,
Stürmischer aufgeregt, zu kämpfen den Kampf der Entscheidung;
75
Und mir streben von unten die Füß', und die Hände von oben.
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
So nun streben auch mir um den Speer die unnahbaren Hände
Ungestüm, und es hebt sich die Seele mir; unten die Füß' auch
Fliegen mir beide von selbst, und Sehnsucht fühl' ich, auch einzeln,
80
Hektor, Priamos' Sohn, den Stürmer der Schlacht, zu bekämpfen!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander,
Freudig der Kampfbegier, die der Gott in den Herzen entflammet.
Hinten indes erregte die Danaer Poseidaon,
Die bei den rüstigen Schiffen das Herz sich ein wenig erlabten:
85
Welchen zugleich vom entsetzlichen Kampf hinsanken die Glieder,
Und auch Gram die Seele belastete, weil sie die Troer
Sahn, die mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen:
Diese dort anschauend, entstürzten sie Tränen den Wimpern,
Hoffnungslos zu entfliehn den Schrecknissen. Aber Poseidon
90
Kräftigte leicht durchwandelnd den Mut der starken Geschwader.
Siehe zu Teukros zuerst und Leïtos trat er ermahnend,
Auch zu Peneleos hin, zu Deïpyros auch, und zu Thoas,
Dann zu Meriones auch, und Antilochos, Helden des Kampfes;
Diese reizte der Gott, und sprach die geflügelten Worte:
95
Schande doch, Argos' Söhn', ihr Jünglinge! Euch ja vertraut' ich,
Daß ihr mit tapferem Arm errettetet unsere Schiffe!
Aber wo ihr der Gefahr euch entzieht des verderblichen Kampfes,
Dann ist erschienen der Tag, da der Troer Gewalt uns bezwinget!
Weh mir! ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen,
100
Graunvoll, welches ich nimmer auch nur für möglich geachtet:
Troer an unseren Schiffen so nahe nun! welche vordem ja
Gleich den Hindinnen waren, den flüchtigen, die in den Wäldern
Beute sind für Schakal' und reißende Pardel und Wölfe,
So in die Irre gescheucht, wehrlos, nicht freudig zum Angriff:
105
Also wollten die Troer den Mut und die Kraft der Achaier
Nimmer vordem ausharren mit Abwehr, auch nur ein wenig.
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld,
Durch des Gebieters Vergehn, und Lässigkeiten der Völker,
Welche, von jenem gekränkt, nicht kühn zu verteidigen streben
110
Unsre gebogenen Schiffe, vielmehr hinbluten bei ihnen.
Aber wird er auch wahrlich mit völligem Rechte beschuldigt,
Atreus' Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Weil er schmählich entehrt den mutigen Renner Achilleus;
Doch nicht uns geziemt es, so abzustehn vom Gefechte!
115
Auf denn, und laßt euch heilen; der Edelen Herzen sind heilbar.
Nimmer euch selbst zur Ehre vergeßt ihr des stürmenden Mutes,
Ihr die Tapfersten alle der Danaer! Schwerlich ja würd' ich
Gegen den Mann mich ereifern, der wo dem Gefecht sich entzöge,
Feig' und schwach; euch aber verarg' ich es wahrlich von Herzen!
120
Trauteste Freund', ach bald noch größeres Wehe verschafft ihr
Durch nachlässigen Sinn! Wohlauf, und gedenket im Herzen
Alle der Scham und der Schand'! Ein gewaltiger Kampf ja erhub sich!
Hektor stürmt um die Schiffe, der Rufer im Streit, uns bekämpfend,
Fürchterlich, und durchbrach sich das Tor und den mächtigen Riegel!
125
Also rief und erregte die Danaer Poseidaon.
Sich um die Ajas beide gestellt nun gingen Geschwader,
Tapfere, die selbst Ares untadelig hätte gefunden,
Auch Athenäa selbst, die Zerstreuerin. Denn der Achaier
Edelste harrten der Troer gefaßt, und des göttlichen Hektors:
130
Lanz' an Lanz' eindrängend, und Schild mit Schild aufeinander,
Tartsch' an Tartsche gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger;
Und die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich
Mit hellschimmernden Zacken: so dichtvereint war die Heerschar;
Aber die Speer', unruhig in mutigen Händen beweget,
135
Zitterten; grad' anstrebten sie all', und entbrannten von Kampfgier.
Vor auch drangen die Troer mit Heerskraft; aber voranging
Hektor in rascher Begier: wie ein schmetternder Stein von dem Felsen,
Welchen herab vom Geklipp fortreißt die ergossene Herbstflut,
Brechend mit stürmischem Regen das Band des entsetzlichen Felsens;
140
Hochher tobt er in hüpfendem Sprung, und zerschmetterte Waldung
Kracht; doch stets unaufhaltsam enttaumelt er, bis er erreichet
Ebenen Grund; dann rollt er nicht mehr, wie gewaltig er andrang:
Also droht' auch Hektor zuerst, bis zum Ufer des Meeres
Leicht hindurchzudringen der Danaer Schiff' und Gezelte,
145
Mordend; allein da nunmehr die geschlossenen Reihen er antraf,
Stand er, wie nah' er gestrebt. Die begegnenden Männer Achaias,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefachschneidenden Lanzen,
Drängten ihn mutig zurück; und er wich voll jäher Bestürzung.
Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in die Scharen der Troer:
150
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Haltet euch! Traun nicht lange bestehn vor mir die Achaier,
Nahen sie gleich miteinander in Heerschar wohlgeordnet;
Sondern bald vor dem Speer entweichen sie, wo mich in Wahrheit
Trieb der erhabenste Gott, der donnernde Gatte der Here!
155
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Aber Deïphobos ging voll trotzendes Muts in der Heerschar,
Priamos' Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Leise bewegend den Schritt, und unter dem Schild anwandelnd.
Doch Meriones zielte mit blinkender Lanz' ihm entgegen,
160
Schoß, und verfehlete nicht des gewaltigen Schildes von Stierhaut
Runden Kreis: nicht jenen durchbohret' er, sondern zuvor ihm
Brach an der Öse der ragende Schaft; Deïphobos aber
Hielt den gewaltigen Schild vom Leibe sich, weil er im Herzen
Scheute Meriones' Speer, des feurigen Helden; doch jener,
165
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, heftig erbittert,
Beides zugleich, um den Sieg, und den Wurfspieß, welcher ihm abbrach;
Und er enteilt' an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Holend den mächtigen Speer, der daheim ihm blieb im Gezelte.
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
170
Teukros der Telamonid' erschlug den tapferen Kämpfer
Imbrios, Mentors Sohn, des rossebegüterten Herrschers.
Jener wohnt' in Pedäos, bevor die Achaier gekommen,
Priamos' Nebentochter vermählt, die Medesikaste.
Aber nachdem die Achaier in Ruderschiffen gelandet,
175
Kam er gen Ilios wieder, und ragete hoch vor den Troern;
Auch bei Priamos wohnt' er, der gleich ihn ehrte den Söhnen.
Ihn traf Telamons Sohn jetzt unter dem Ohr mit der Lanze
Stoß, und entriß ihm den Schaft; da taumelt' er hin, wie die Esche,
Welche hoch auf dein Gipfel des weitgesehenen Berges
180
Abgehaun mit dem Erz ihr zartes Gezweig' hinabstreckt:
So sank jener, umklirrt von dem Erz der prangenden Rüstung.
Teukros lief nun hinan, in Begier das Geschmeid' ihm zu rauben;
Aber im Lauf warf Hektor die blinkende Lanz' ihm entgegen.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
185
Kaum; doch Amphimachos, Kteatos' Sohn, des Aktorionen,
Als er sich nahte zum Kampf, flog stürmend der Speer in den Busen;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hektor lief nun hinan, den Helm, der den Schläfen sich anschloß,
Abzuziehn von Amphimachos' Haupt, des erhabenen Kämpfers;
190
Aber im Lauf warf Ajas die blinkende Lanz' ihm entgegen.
Hektors Leib zwar rührte sie nicht; denn er starrete ringsher
Schrecklich in strahlendem Erz; doch den Schild auf den Nabel ihm traf er
Schmetternd, und stieß mit großer Gewalt, daß er eilend zurückwich
Von den erschlagenen Zween: die zogen hinweg die Achaier.
195
Ihn den Amphimachos trugen Athens streitkundige Fürsten,
Stichios samt Menestheus, hinab in das Heer der Achaier;
Imbrios aber die Ajas, entbrannt von stürmendem Mute.
Wie zween Löwen die Geiß, der Gewalt scharfzahniger Hunde
Weggerafft, forttragen durch dichtverwachsne Gesträuche,
200
Hoch empor von der Erd' im blutigen Rachen sie haltend:
So nun empor ihn haltend, die zween geharnischten Ajas,
Raubten sie dort das Geschmeid'; und das Haupt vom zarten Genick ihm
Hieb des Oïleus' Sohn, um Amphimachos heftig erbittert,
Schwang es dann wie die Kugel umhergedreht ins Getümmel;
205
Und vor Hektors Füße dahin entrollt' es im Staube.
Siehe von Zorn entbrannte der Meerbeherrscher Poseidon,
Als sein Enkel ihm sank in schreckenvoller Entscheidung;
Und er enteilt' an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Trieb die Achaier zum Kampf, und bereitete Jammer den Troern.
210
Ihm begegnete jetzt Idomeneus, kundig der Lanze,
Wiedergekehrt vom Genossen, der jüngst ihm aus dem Gefechte
Kam, an der Beugung des Knies mit scharfem Erze verwundet.
Diesen brachten die Freund', und er befahl ihn den Ärzten,
Eilete dann zum Gezelte; denn noch in das Treffen verlangt' er
215
Einzugehn. Ihm nahend begann der starke Poseidon,
Gleich an tönender Stimm'Andrämons Sohne dem Thoas,
Der durch Pleuron umher und Kalydons bergige Felder
Allen Ätolern gebot, wie ein Gott im Volke geehret:
Wo ist, Kretas Beherrscher Idomeneus, alle die Drohung
220
Hingeflohn, die den Troern Achaias Söhne gedrohet?
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Thoas, keiner im Volk ist jetzo schuldig, so weit ich
Sehen kann; denn alle verstehn wir den Feind zu bekämpfen:
Keinen fesselt die Furcht, die entseelende; keiner, von Trägheit
225
Laß, entzieht des Kampfes Gefahren sich: sondern es wird wohl
Also beschlossen sein vom allmächtigen Sohne des Kronos,
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier.
Thoas, wohlan! du warst ja vordem ausharrendes Mutes,
Und ermahnst auch andre, wo jemand säumen du sahest;
230
Drum laß jetzo nicht ab, und ermuntere jeglichen Streiter!
Ihm antwortete drauf der Erderschüttrer Poseidon:
Nimmer kehre der Mann, Idomeneus, nimmer von Troja
Wieder heim, hier werd' er zerfleischenden Hunden ein Labsal,
Welcher an diesem Tage den Kampf freiwillig vermeidet!
235
Aber wohlan zu den Waffen, und folge mir! Beiden gebührt nun
Tätig zu sein, ob wir Hilfe vielleicht noch schaffen, auch zween nur.
Wirkt doch vereinigte Kraft auch selbst von schwächeren Männern;
Und wir sind ja kundig mit Tapferen selber zu kämpfen.
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
240
Aber der Held, nachdem sein schönes Gezelt er erreichet,
Hüllt in stattliche Waffen den Leib, und faßte zwo Lanzen,
Eilte dann, ähnlich dem Blitze des Donnerers, welchen Kronion
Hoch mit der Hand herschwang vom glanzerhellten Olympos,
Sterblichen Menschen zum Zeichen; er strahlt mit blendendem Glanze:
245
Also blitzte das Erz um die Brust des eilenden Königs.
Aber Meriones kam, sein edler Genoß, ihm entgegen,
Nah' annoch dem Gezelt; denn die eherne Lanze sich holend
Lief er hinab; ihm ruft' Idomeneus' heilige Stärke:
Molos' rüstiger Sohn Meriones, liebster der Freunde,
250
Warum kamst du verlassend Gefecht und Waffengetümmel?
Traf dich vielleicht ein Geschoß, und quält dich die Wunde des Erzes?
Oder suchest du mich mit Botschaft? Selber gewiß nicht
Auszuruhn im Gezelte verlangst mich, sondern zu kämpfen!
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
255
Idomeneus, Fürst der erzgepanzerten Kreter,
Sieh ich komm', ob dir etwa ein Speer im Gezelte zurückblieb,
Ihn mir holend zum Kampf, denn, den ich hatte, zerbrach ich,
Treffend Deïphobos Schild, des übergewaltigen Kriegers.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
260
Suchst du Speere, mein Freund, so findest du einen, ja zwanzig,
Dort in meinem Gezelt an schimmernde Wände gelehnet,
Troische, die von Erschlagnen ich beutete. Denn ich bekenne,
Niemals ferne zu stehn im Kampf mit feindlichen Männern.
Darum hab' ich der Speere genug, und genabelter Schilde,
265
Auch der Helm', und der Panzer, umstrahlt von freudigem Schimmer.
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
Mir auch fehlt's bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
Nicht an Raub der Troer; doch fern ist's dessen zu holen.
Denn noch nie, wie ich meine, vergaß ich selber des Mutes;
270
Sondern vorn in den Reihen der männerehrenden Feldschlacht
Steh' ich, sobald anhebt der blutige Kampf der Entscheidung.
Manchem anderen wohl der erzumschirmten Achaier
Bleib' ich verborgen im Streit; allein du kennst mich vermutlich.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
275
Deine Tapferkeit kenn' ich; was brauchest du dieses zu sagen?
Würden anjetzt bei den Schiffen zum Hinterhalte wir Tapfern
Ausersehn, wo am meisten erkannt wird Tugend der Männer,
Wo der furchtsame Mann, wie der mutige, deutlich hervorscheint:
(Denn dem Zagenden wandelt die Farbe sich, immer verändert;
280
Auch nicht ruhig zu sitzen vergönnt sein wankender Geist ihm,
Sondern er hockt unstet, auf wechselnden Knieen sich stützend;
Und ihm schlägt das Herz voll Ungestüms in dem Busen,
Ahnend des Todes Graun, und dem Schaudernden klappen die Zähne:
Doch nie wandelt dem Tapfern die Farbe sich, nie auch erfüllt ihn
285
Große Furcht, wann er einmal zum Hinterhalt sich gelagert;
Sondern er wünscht, nur bald den schrecklichen Kampf zu bestehen:)
Keiner möchte sodann dein Herz und die Arme dir tadeln!
Wenn auch fliegendes Erz dich verwundete, oder gezucktes;
Doch nicht träf' in den Nacken Geschoß dir, noch in den Rücken,
290
Sondern der Brust entweder begegnet' es, oder dem Bauche,
Weil du gerad' anstürmtest im Vordergewühl der Entschloßnen.
Aber laß nicht länger uns hier, gleich albernen Kindern,
Schwatzend stehn, daß keiner in zürnendem Herzen ereifre,
Sondern du geh ins Gezelt, und nimm dir die mächtige Lanze.
295
Jener sprach's; und Meriones, gleich dem stürmenden Ares,
Holete schnell aus dem Zelte hervor die eherne Lanze,
Folgt' Idomeneus dann, voll heftiger Gier des Gefechtes.
Wie wenn Ares zum Kampf hingeht, der Menschenvertilger,
Und ihm der Schrecken, sein Sohn, an Kraft und an Mut unerschüttert,
300
Nachfolgt, welcher verscheucht auch den kühnausharrenden Krieger;
Beid' aus Thrakia her zu den Ephyrern gehn sie gewappnet,
Oder zum mutigen Volke der Phlegyer; aber zugleich nicht
Hören sie beider Gebet, ein Volk nur krönet der Siegsruhm:
So Meriones dort und Idomeneus, Fürsten des Heeres,
305
Gingen sie beid' in die Schlacht, mit strahlendem Erze gewappnet.
Aber zum Könige sprach Meriones, also beginnend:
Deukalione, wo denkst du hineinzugehn ins Getümmel?
Dort zur rechten Seite der Heerschar, dort in die Mitte,
Oder auch dort zur Linken? Denn nirgends scheinen mir etwa
310
Dürftig des Kampfes zu sein die hauptumlockten Achaier.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Mitten sind schon andre Verteidiger unseren Schiffen,
Ajas beid', und Teukros, der fertigste Bogenschütze
Unter dem Volk, auch tapfer im stehenden Kampf der Entscheidung:
315
Welche genug ihn hemmen, wie kühn zum Gefecht er dahertobt,
Hektor, Priamos' Sohn, und ob er der Tapferste wäre!
Schwer wird's wahrlich ihm sein, dem rasenden Stürmer der Feldschlacht,
Jener Heldenmut und unnahbare Hände besiegend,
Anzuzünden die Schiffe; wofern nicht selber Kronion
320
Einen lodernden Brand in die rüstigen Schiffe hineinwirft.
Aber ein Mann scheucht nimmer den Telamonier Ajas,
Keiner, der sterblich ist, und Frucht der Demeter genießet,
Auch durchdringlich dem Erz, und gewaltigen Steinen des Feldes.
Selbst vor Achilleus nicht, dem Zerschmetterer, möcht' er weichen,
325
Im stillstehenden Kampf, denn im Lauf wetteifert ihm niemand.
Dort denn eil' uns zur Linken der Heerschar, daß wir in Eile
Sehn, ob wir anderer Ruhm verherrlichen, oder den unsern!
Jener sprach's; und Meriones, gleich dem stürmenden Ares,
Eilte voran, bis sie kamen zur Heerschar, wo er ihn hintrieb.
330
Doch wie die Feind' Idomeneus sahn, dem Feuer an Kraft gleich,
Ihn und seinen Genossen in prangendem Waffengeschmeide;
Riefen sie laut einander, und wandelten gegen ihn alle.
Eins nun ward das Getümmel der Schlacht um die ragenden Steuer.
Wie mit dem Wehn lautbrausender Wind' Unwetter daherziehn,
335
Jenes Tags, wann häufig der Staub die Wege bedecket;
Und sich alsbald aufwölkt' ein finsterer Nebel des Staubes:
So nun stürmte zusammen die Schlacht; denn sie sehnten sich herzlich,
Durch das Gewühl einander mit spitzigem Erze zu morden.
Weithin starrte die würgende Schlacht von erhobenen Lanzen,
340
Lang emporgestreckten, zerfleischenden; blendend dem Auge
Schien der eherne Glanz von sonnenspiegelnden Helmen,
Neugeglättetem Panzergeschmeid', und leuchtenden Schilden,
Als sie sich nahten zum Kampf. Der müßt' ein entschlossener Mann sein,
Welcher sich freute zu schaun den Tumult dort, und nicht verzagte!
345
Jene, gesondertes Sinns, die mächtigen Söhne des Kronos,
Sannen dem Heldengeschlecht unnennbares Weh zu bereiten.
Zeus beschied den Troern den Sieg und dem göttlichen Hektor,
Peleus rüstigen Sohn zu verherrlichen; aber nicht gänzlich
Wollt' er Achaias Söhne vor Ilios lassen verderben,
350
Ruhm nur schafft' er der Thetis und ihrem erhabenen Sohne.
Doch die Argeier durchging und ermunterte Poseidaon,
Heimlich enttaucht dem greulichen Meer; denn er sahe mit Gram sie
Fallen vor Trojas Macht, und ergrimmte vor Zorn dem Kronion
Beide zwar entsprossen aus gleichem Stamm und Geschlechte;
355
Aber Zeus war eher gezeugt, und höherer Weisheit.
Drum auch scheute sich jener sie offenbar zu beschirmen;
Heimlich stets ermahnt' er die Ordnungen, menschlich gebildet.
Siehe, des schrecklichen Streits und allverheerenden Krieges
Fallstrick zogen sie beid', und warfen es über die Völker,
360
Unzerbrechlich, unlösbar, das viel' in Verderben hinabriß.
Jetzo, wiewohl halbgrauendes Haupts, die Achaier ermunternd,
Stürmt' Idomeneus ein, und trieb die erschrockenen Troer.
Denn er erschlug den edlen Othryoneus, der von Kabesos
Neulich dahergekommen zum großen Rufe des Krieges.
365
Dieser warb um Kassandra, die schönste von Priamos' Töchtern,
Ohne Geschenk, und verhieß ein großes Werk zu vollenden,
Weg aus Troja zu drängen die trotzenden Männer Achaias.
Priamos aber der Greis gelobete winkend die Tochter
Ihm zur Eh': und er kämpfte, des Königes Worte vertrauend.
370
Doch Idomeneus zielte mit blinkender Lanz' ihm entgegen,
Schoß, wie er hoch herwandelt', und traf, nichts half ihm der Panzer,
Schwer von Erz, den er trug; sie drang in die Mitte des Bauches;
Dumpf hinkracht' er im Fall; da rief frohlockend der Sieger:
Traun dich preis' ich, Othryoneus, hoch vor den Sterblichen allen,
375
Wenn du gewiß das alles hinausführst, was du verheißen
Priamos, Dardanos' Sohne, der dir die Tochter gelobet.
Wir auch hätten dir gern ein gleiches gelobt und vollendet:
Siehe, die schönste Tochter des Atreionen gewännst du,
Her aus Argos geführt, zum Weibe dir; wenn du uns hilfest,
380
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
Folge mir, dort bei den Schiffen der Danaer reden wir weiter
Über die Eh'; wir sind nicht karg ausstattende Schwäher.
Also sprach der Held Idomeneus, zog dann am Fuß ihn
Durch das Getümmel der Schlacht. Doch Asios kam ihm ein Rächer,
385
Vor dem Gespann herwandelnd, das nah' ihm stets an den Schultern
Schnob, vom Wagengenossen gelenkt; und er sehnte sich herzlich,
Wie er Idomeneus träfe: doch schnell warf jener den Speer ihm
Unter dem Kinn in die Gurgel, daß hinten das Erz ihm hervordrang;
Und er entsank, wie die Eiche dahinsinkt, oder die Pappel,
390
Oder die stattliche Tanne, die hoch auf Bergen die Künstler
Ab mit geschliffenen Äxten gehaun, zum Balken des Schiffes:
Also lag er gestreckt vor dem rossebespannten Wagen,
Knirschend vor Angst, mit den Händen des blutigen Staubes ergreifend.
Aber dem starrenden Lenker entsank jedwede Besinnung;
395
Nicht einmal vermocht' er, die feindlichen Hände vermeidend,
Umzudrehn das Gespann: doch Antilochos, freudig zur Feldschlacht,
Traf ihn scharf mit durchbohrendem Speer; nichts half ihm der Panzer,
Schwer von Erz, den er trug; er drang in die Mitte des Bauches;
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel.
400
Aber der Nestorid' Antilochos lenkte die Rosse
Schnell aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
Siehe, Deïphobos kam dem Idomeneus nahe gewandelt,
Traurend um Asios Fall, und warf die blinkende Lanze.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
405
Kretas Fürst, und barg sich mit gleichgeründetem Schilde,
Welchen er trug, aus Häuten der Stier' und blendendem Erze
Starkgewölbt, inwendig mit zwo Querstangen befestigt:
Unter ihn schmiegt' er sich ganz, daß der Wurfspieß über ihn hinflog,
Und mit heiserm Getöne der Schild von der streifenden Lanze
410
Scholl; doch nicht vergebens entflog sie der nervichten Rechte,
Sondern Hippasos' Sohne, dem Völkerhirten Hypsenor,
Fuhr in die Leber das Erz, und löst' ihm die strebenden Kniee.
Aber Deïphobos rief mit hoch frohlockender Stimme:
Nicht fürwahr ungerächt liegt Asios; sondern ich meine,
415
Wandelnd zu Aïs Burg mit starkverriegelten Toren,
Wird er sich freun im Geist; denn ich gab ihm einen Begleiter.
Jener sprach's; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
Aber Antilochos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Doch nicht, wie er auch traurte, vergaß er seines Genossen,
420
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell darin bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios' Sohn Mekistheus zugleich, und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den schwer Aufstöhnenden trugen.
Rastlos tobte voll Mutes Idomeneus; immer noch strebt' er,
425
Ob er einen der Troer mit Nacht des Todes umhüllte,
Ob er auch selbst hinkrachte, das Weh der Achaier entfernend.
Siehe, den mutigen Held Alkathoos, welchen der Herrscher
Äsyetes erzeugt: ein Eidam war er Anchises,
Seiner ältesten Tochter vermählt, der Hippodameia,
430
Die von Herzen der Vater daheim und die zärtliche Mutter
Liebeten; weil sie vor allen zugleich aufblühenden Jungfraun
Glänzt' an Schönheit und Kunst und Tugenden; darum erkor sie
Auch der edelste Mann im weiten Lande der Troer:
Diesen bezwang durch Idomeneus jetzt der Herrscher Poseidon,
435
Täuschend den hellen Blick, und die stattlichen Glieder ihm hemmend.
Denn nicht rückwärts konnt' er hinwegfliehn, oder auch seitwärts;
Sondern gleich der Säul', und dem hochgewipfelten Baume,
Stand er ganz unbewegt; da stieß ihm Idomeneus kraftvoll
Seinen Speer in die Brust, und zerschmetterte rings ihm den Panzer,
440
Welcher von Erz geflochten ihn sonst vor dem Tode geschirmet;
Doch rauh tönt' er nunmehr; um die mächtige Lanze zerberstend.
Dumpf hinkracht' er im Fall', und es steckte die Lanz' in dem Herzen,
Daß von dem pochenden Schlage zugleich der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes.
445
Aber Idomeneus rief mit hoch frohlockender Stimme:
Scheint sie dir billig zu sein, Deïphobos, unsere Rechnung,
Drei für einen erlegt? Denn umsonst nur hast du geprahlet,
Törichter! Aber wohlan, und stelle dich selber mir entgegen,
Daß du erkennst, welch einer von Zeus' Geschlecht ich hieherkam!
450
Dieser zeugete Minos zuerst, den Hüter von Kreta;
Minos darauf erzeugte Deukalions heilige Stärke;
Aber Deukalion mich, der unzähligen Menschen gebietet
Weit in Kretas Gefild'; allein jetzt segelt' ich hieher,
Dir und dem Vater zum Weh' und anderen Söhnen von Troja!
455
Jener sprach's; da erwog Deïphobos wankendes Sinnes:
Ob er sich einen gesellte der edelmütigen Troer,
Rückwärts wieder gewandt; ob allein er wagte den Zweikampf.
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hinzugehn zu Äneias. Er fand ihn hinter der Heerschar
460
Stehend; denn immerdar dem göttlichen Priamos zürnt' er,
Weil er ihn nicht ehrte, den tapferen Streiter des Volkes.
Nahe nun trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Edler Fürst der Troer, Äneias, traun dir geziemt nun
Deinen Schwager zu rächen, wofern dich rührt die Verwandtschaft.
465
Komm denn, und räche mit mir Alkathoos, welcher vordem ja,
Deiner Schwester Gemahl, als Kind dich erzog im Palaste;
Ihn hat Idomeneus nun der Speerberühmte getötet.
Jener sprach's; ihm aber das Herz im Busen erregt' er.
Schnell zu Idomeneus eilt' er daher, in Begierde des Kampfes.
470
Doch nicht zagte vor Furcht Idomeneus, gleich wie ein Knäblein;
Sondern er stand, wie ein Eber des Bergs, der Stärke vertrauend,
Welcher fest das Gehetz anwandelnder Männer erwartet,
In unwirtbarer Haid', und den borstigen Rücken emporsträubt;
Sieh, es funkeln von Feuer die Augen ihm; aber die Hauer
475
Wetzet er, abzuwehren gefaßt, wie die Hund' auch die Jäger:
Also bestand der Streiter Idomeneus kühn den Äneias,
Der mit Geschrei anstürmte; doch ruft' er seinen Genossen,
Aphareus, samt Askalaphos dort, und Deïpyros schauend,
Auch Meriones dort, und Antilochos, kundig des Feldrufs;
480
Diese reizt' er zum Kampf, und sprach die geflügelten Worte:
Kommt, o Freund', und beschützt mich Einzelnen! Schrecken ergreift
Vor des raschen Äneias' Herannahn, der mich bestürmet;
Der ein Gewaltiger ist in der Feldschlacht Männer zu töten;
Auch noch blüht ihm Jugend in üppiger Stärke des Lebens.
485
Wären wir doch an Alter so gleich uns, wie an Gesinnung;
Bald würd' ihn Siegsehre verherrlichen, oder mich selber!
Jener sprach's; und sie all', einmütiges Sinnes versammelt,
Stellten sich nah umher, die Schilde gelehnt an die Schultern.
Auch Äneias indes ermahnete seine Genossen,
490
Paris, samt Deïphobos dort, und den edlen Agenor,
Welche die Troer mit ihm anführeten; aber die Völker
Folgeten nach: so folgen die blökenden Schafe dem Widder
Von der Weide zur Tränk'; es freuet sich herzlich der Schäfer:
Also war dem Äneias das Herz im Busen voll Freude,
495
Als er der Völker Schar nachwandeln sahe sich selber.
Jetzt um Alkathoos her begegneten jene sich stürmend
Mit langschaftigen Speeren; und rings um die Busen der Männer
Rasselte schrecklich das Erz, von den Zielenden gegeneinander
Durch das Gewühl. Zween Männer, voll Kriegesmuts vor den andern,
500
Beid', Äneias der Held und Idomeneus, ähnlich dem Ares,
Strebten einander den Leib mit grausamem Erz zu verwunden.
Erstlich schoß Äneias den Speer auf Idomeneus zielend;
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Daß Äneias' Geschoß mit bebendem Schaft in den Boden
505
Stürmte, nachdem es umsonst aus nervichter Hand ihm entflogen.
Aber Idomeneus traf des Önomaos wölbenden Panzer
Mitten am Bauch, daß schmetternd ins Eingeweid' ihm die Spitze
Taucht'; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Zwar Idomeneus riß den langen Speer aus dem Toten
510
Eilend; doch nicht vermocht' er die andere prangende Rüstung
Ihm von der Schulter zu ziehn: so drängten umher die Geschosse.
Auch nicht frisch war der Füße Gelenk dem strebenden Kämpfer,
Weder hinanzuspringen nach seinem Geschoß, noch zu weichen.
Drum in stehendem Kampf zwar wehrt' er dem grausamen Tage;
515
Aber zur Flucht nicht trugen die Schenkel ihn rasch aus dem Treffen.
Als er nun langsam wich, da flog Deïphobos' Lanze
Blinkend ihm nach; denn er hegte den daurenden Groll ihm noch immer.
Doch verfehlt' er auch jetzt; und Askalaphos bohrte die Lanze,
Ihm Enyalios' Sohne, mit stürmendem Erz in die Schulter
520
Tief; und der sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Nicht annoch vernahm es der brüllende Wüterich Ares,
Daß sein Sohn gefallen im Ungestüme der Feldschlacht;
Fern auf den Höhn des Olympos, durch Zeus' des Allmächtigen Ratschluß,
Saß er, von goldenen Wolken umschränkt; dort saßen zugleich ihm
525
Andre unsterbliche Götter, zurückgehemmt von dem Kriege.
Jetzt um Askalaphos her begegneten jene sich stürmend.
Siehe Deïphobos riß von Askalaphos' Haupte den blanken
Flatternden Helm; doch Meriones, rasch wie der tobende Ares,
Rannte den Speer in den Arm des Raubenden, daß aus der Hand ihm
530
Schnell der längliche Helm mit Getön hinsank auf den Boden.
Doch Meriones sprang von neuem hinan, wie ein Habicht,
Und er entriß aus dem Ende des Arms den gewaltigen Wurfspieß,
Dann in der Freunde Gedräng' entzog er sich. Aber Polites,
Seinen verwundeten Bruder Deïphobos mitten umfassend,
535
Führt' ihn hinweg aus dem Sturme der brüllenden Schlacht zu den Rossen,
Welche geflügeltes Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen.
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger,
Matt vor Schmerz; und das Blut entfloß dem verwundeten Arme.
540
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
Jetzo stürzt' Äneias auf Aphareus, Sohn des Kaletor,
Welcher sich gegen ihn wandt', und stieß ihm den Speer in die Gurgel.
Jenem sank zur Seite das Haupt, es folgte der Schild nach,
Auch der Helm; und des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
545
Als Antilochos jetzt den gewendeten Thoon bemerkte,
Stieß er dahergestürmt, und ganz die Ader zerschnitt er,
Welche längs dem Rücken emporläuft bis zu dem Nacken:
Diese zerschnitt er ihm ganz, daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ' umher zu den Freunden verbreitend.
550
Aber Antilochos eilt', und entzog den Schultern die Rüstung,
Mit umschauendem Blick; denn rings anstürmende Troer
Trafen den breiten Schild, den prangenden; doch sie vermochten
Nicht ihm durchhin zu verwunden den Leib mit grausamen Erze,
Nestors Sohn; denn siehe, der Erderschüttrer Poseidon
555
Schirmt' Antilochos rings im mächtigen Sturm der Geschosse.
Denn nie war er der Feind' entlediget, sondern durchtobte
Stets ihr Gewühl; nie ruhte der Speer ihm, sondern beständig
Bebt' er geschwungen umher; denn er wählete, mutiges Herzens,
Jetzt dem Wurfe sein Ziel, und jetzt dem stürmenden Anlauf.
560
Wohl nahm Adamas nun des Zielenden wahr im Getümmel,
Asios' Sohn, und traf ihm den Schild mit spitzigem Erze,
Nahe daher sich stürzend; doch kraftlos machte die Schärfe
Der schwarzlockige Herrscher des Meers, sein Leben ihm weigernd:
Stecken blieb ein Teil, wie ein Pfahl in der Flamme gehärtet,
565
Dort in Antilochos' Schild', und der andere lag auf der Erde.
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber Meriones folgt', und schoß die Lanze dem Flüchtling
Zwischen Scham und Nabel hinein: wo am meisten empfindlich
Naht der blutige Mord den unglückseligen Menschen:
570
Dort durchdrang ihn das Erz, daß er hingestürzt um die Lanze
Zappelte, gleich wie ein Stier, den im Bergwald weidende Männer,
Wie er sich sträubt, fortziehn durch Zwang des Rutengeflechtes:
Also zappelt' im Blut er ein weniges, aber nicht lange;
Denn ihm nahte der Held Meriones, welcher dem Leibe
575
Mächtig die Lanz' entriß; und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Helenos hieb nun genaht dem Deïpyros über die Schläfe
Mit dem gewaltigen thrakischen Schwert, und den Helm von dem Haupte
Schmettert' er, daß er getrennt hintaumelte; und ein Achaier,
Als vor der Streitenden Füß' er daherrollt', hob ihn vom Boden;
580
Doch ihm hüllte die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
Schmerz ergriff den Atreiden, den Rufer im Streit Menelaos;
Schnell mit furchtbarem Drohn auf Helenos eilt' er den Herrscher,
Schwenkend den ehernen Speer; doch Helenos spannte den Bogen.
Also nahten sie beid', und trachteten, dieser den Wurfspieß
585
Gegen ihn herzuschnellen, und jener den Pfeil von der Senne.
Priamos' Sohn itzt traf mit dem Pfeil den wölbenden Panzer
Jenem über der Brust; doch es flog das herbe Geschoß ab.
Wie von der breiten Schaufel herab auf geräumiger Tenne
Hüpfet der Bohnen Frucht, der gesprenkelten, oder der Erbsen,
590
Unter des Windes Geräusch, und dem mächtigen Schwunge des Wurflers:
Also vom Panzer herab dem herrlichen Held Menelaos
Ferne zurückgeprallt, entflog das herbe Geschoß hin.
Nun traf jener die Hand, der Rufer im Streit Menelaos,
Welche den Bogen ihm hielt, den geglätteten; und in den Bogen
595
Stürmte, die Hand durchbohrend, hinein die eherne Lanze:
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit hinhangender Hand, und schleppte den eschenen Speer nach.
Diesen zog aus der Hand der hochgesinnte Agenor;
Dann verband er sie selbst mit geflochtener Wolle des Schafes
600
Einer Schleuder, geführt von dem Kriegsgefährten des Herrschers.
Aber Peisandros rannt' auf den herrlichen Held Menelaos
Ungestüm; denn ihn führte zum Tod' ein böses Verhängnis,
Dir, Menelaos, zu fallen in schreckenvoller Entscheidung.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
605
Schoß er fehl, der Atreid', und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Peisandros traf dem herrlichen Held Menelaos
Seinen Schild; doch konnt' er hindurch nicht treiben die Spitze;
Denn sie hemmte der Schild, daß ab der Schaft an der Öse
Brach: schon freute sich jener im Geist, und erwartete Siegsruhm;
610
Doch der Atreid', ausziehend das Schwert voll silberner Buckeln,
Sprang auf Peisandros hinan. Der hob die schimmernde Streitaxt
Unter dem Schild, die ehrne, geschmückt mit dem Stiele von Ölbaum,
Schöngeglättet und lang; und sie drangen zugleich aneinander.
Dieser haut' ihm den Kegel des schweifumflatterten Helmes
615
Oben dicht an dem Busch: doch er des Nahenden Stirne
Über der Nas'; es zerkrachte der Knochen ihm, aber die Augen
Fielen ihm blutig hinab vor die Füß' auf den staubigen Boden;
Und er entsank sich windend. Gestemmt nun die Fers' auf die Brust ihm,
Raubt' er das Waffengeschmeid', und rief frohlockend die Worte:
620
So doch verlaßt ihr endlich der reisigen Danaer Schiffe,
Ihr unmenschlichen Troer, des schrecklichen Streits unersättlich!
Auch noch anderer Schmach und Beleidigung nimmer ermangelnd:
Wie ihr schändlichen Hunde mich schmähetet, und nicht geachtet
Zeus' schwertreffenden Zorn, des Donnerers, welcher das Gastrecht
625
Heiliget, und zerstören euch wird die erhabene Feste!
Die ihr mein jugendlich Weib und viel der reichen Besitzung
Frech mir von dannen geführt, nachdem sie euch freundlich bewirtet!
Und nun möchtet ihr gern die meerdurchwandelnden Schiffe
Tilgen mit schrecklicher Flamm', und Achaias Helden ermorden!
630
Aber ihr ruht wohl endlich, wie sehr ihr tobt, von dem Kriege!
Vater Zeus, man sagt ja, du seist erhaben an Weisheit
Über Menschen und Götter; doch warst du Stifter des alles:
Wie du anjetzt willfahrest den übermütigen Männern
Trojas, welchen, vor Trotz und Üppigkeit, nimmer das Herz sich
635
Sättigen kann am Streite des allverderbenden Krieges!
Alles wird man ja satt, des Schlummers selbst, und der Liebe,
Auch des süßen Gesangs, und bewunderten Reigentanzes:
Welche doch mehr anreizen die sehnsuchtsvolle Begierde,
Als der Krieg; doch die Troer sind niemals satt des Gefechtes!
640
Jener sprach's, und dem Leibe die blutigen Waffen entreißend
Gab er den Freunden sie hin, der untadlige Held Menelaos;
Selbst dann wandt' er sich wieder, und drang in das Vordergetümmel.
Siehe, Pylämenes' Sohn Harpalion wütete jetzo
Gegen ihn her, der, gesellt dem herrschenden Vater, gen Troja
645
Kam in den Krieg, allein nicht wiederkehrte zur Heimat;
Dieser traf dem Atreiden gerade den Schild mit der Lanze,
Nahe gestellt; doch konnt' er hindurch nicht treiben die Spitze:
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit umschauendem Blick, ob den Leib ein Erz ihm erreichte.
650
Aber Meriones schoß den ehernen Pfeil nach dem Flüchtling,
Welcher rechts am Gesäß ihn verwundete, daß ihm die Spitze
Vorn, die Blase durchbohrend, am Schambein wieder hervordrang.
Hingesetzt auf der Stelle, den liebenden Freunden im Arme,
Matt den Geist ausatmend, dem Wurme gleich, auf der Erde
655
Lag er gestreckt; schwarz strömte sein Blut, und netzte den Boden.
Ihn umeilten geschäftig die paphlagonischen Streiter,
Die in den Wagen gelegt ihn zur heiligen Ilios brachten,
Wehmutsvoll; auch folgte der Vater ihm, Tränen vergießend;
Doch nicht konnt' er rächen den Tod des lieben Sohnes.
660
Jetzt ward Paris im Geist um den Fallenden heftig erbittert,
Welcher sein Gastfreund war im paphlagonischen Volke;
Zürnend um ihn entsandt' er den ehernen Pfeil von der Senne.
Einer hieß Euchenor, ein Sohn Polyidos des Sehers,
Reich an Hab' und edel, ein Haus in Korinthos bewohnend,
665
Der, wohlkundig des Trauergeschicks, im Schiffe daherkam.
Denn oft sagt' ihm solches der gute Greis Polyidos,
Sterben würd' er zu Haus an peinlich schmachtender Krankheit,
Oder auch unter den Schiffen des Heers von den Troern getötet;
Darum mied er sowohl der Danaer schmähliche Strafe,
670
Als der Krankheit Schmerz, daß nicht in Gram er versänke.
Paris nun traf am Ohr und Backen ihn, daß aus den Gliedern
Schnell der Geist ihm entfloh; und Graun des Todes umhüllt' ihn.
Also kämpften sie dort, wie lodernde Flammen des Feuers.
Doch nicht Hektor vernahm, der Göttliche, oder erkannt' es,
675
Daß zur Linken der Schiff' ihm die Seinigen würden getötet
Unter der Danaer Hand, und bald sich des Siegs die Achaier
Freueten: also trieb der Gestadumstürmer Poseidon
Argos' Söhne zum Kampf, auch selbst mit Stärke beschirmt' er:
Sondern er hielt, wo zuerst durch Mauer und Tor er hereinsprang,
680
Dichte Reihn durchbrechend geschildeter Männer von Argos;
Dort wo Ajas die Schiff' an den Strand und Protesilaos
Längs dem grauen Gewässer emporzog; aber die Mauer
Baueten dort die Achaier am niedrigsten, wo vor den andern
Ungestüm anstrebten zum Kampf sie selbst und die Rosse.
685
Dort Böoten zugleich, und in langem Gewand' Iaonen,
Lokrer, und Phtias Söhn', auch hochberühmte Epeier,
Hemmten mit Müh von den Schiffen den Stürmenden; doch sie vermochten
Nicht hinweg zu drängen die flammende Stärke des Hektor.
Vornan kämpften Athens Erlesene; und ihr Gebieter
690
Wandelte Peteos' Sohn Menestheus; aber zugleich ihm
Pheidas, und Bias der Held, und Stichios. Drauf den Epeiern
Ging der Phyleid' Held Meges, und Drakios vor, und Amphion.
Medon drauf vor den Phtiern, zugleich der tapfre Podarkes.
Jener war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
695
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
Ferne vom Vaterland in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug, Eriopis der späteren Gattin Oileus:
Doch Podarkes ein Sohn des Phylakiden Iphiklos.
Diese voran gewappnet vor Phtias mutiger Jugend
700
Kämpften, der Danaer Schiffe verteidigend, nächst den Böoten.
Ajas wollte sich nie, der rasche Sohn des Oileus,
Fernen, auch nicht ein wenig, vom Telamonier Ajas;
Sondern wie zween Pflugstiere den starken Pflug durch ein Brachfeld,
Schwärzlich und gleich an Mute, daherziehn, und an den Stirnen
705
Ringsum häufiger Schweiß vorquillt um die ragenden Hörner;
Beide von einem Joch, dem geglätteten, wenig gesondert,
Gehn sie die Furche hinab, den Grund durchschneidend des Feldes:
So dort halfen sich beid', und wandelten dicht aneinander.
Aber Telamons Sohn begleiteten viel' und entschloßne
710
Männer zum Streite gesellt, die seinen Schild ihm enthoben,
Wann ihm die Kriegsarbeit und der Schweiß die Kniee beschwerte.
Doch nicht folgten die Lokrer dem mutigen Sohn des Oileus:
Denn nicht duldet' ihr Herz im stehenden Kampfe zu kämpfen;
Denn nicht hatten sie Helme von Erz mit wallendem Roßschweif,
715
Hatten auch nicht gewölbete Schild' und eschene Lanzen;
Sondern mit Bogen allein und geflochtener Wolle des Schafes
Zogen sie voll Vertrauen gen Ilios, warfen mit diesen
Dichte Geschoss', und brachen die troischen Kriegsgeschwader.
Jene nunmehr vornan, in prangendem Waffengeschmeide,
720
Kämpften mit Trojas Volk und dem erzumschimmerten Hektor:
Diese, von fern herwerfend, verbargen sich. Aber die Troer
Dachten nicht mehr des Gefechtes, verwirrt von dem Sturm der Geschosse.
Schmachvoll wären anjetzt von den Schiffen daher und Gezelten
Heimgekehrt die Troer zu Ilios luftiger Höhe;
725
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, du bist nicht leicht durch anderer Rat zu bewegen.
Weil dir ein Gott vorzüglich des Kriegs Arbeiten verliehn hat,
Darum willst du an Rat auch kundiger sein vor den andern?
Aber du kannst unmöglich doch alles zugleich dir erwerben.
730
Anderem ja gewährte der Gott Arbeiten des Krieges,
Anderem Reigentanz, und anderem Harf' und Gesänge;
Anderem legt' in den Busen Verstand Zeus' waltende Vorsicht,
Heilsamen, dessen viel' im Menschengeschlecht sich erfreuen,
Der auch Städte beschirmt; doch zumeist er selber genießt sein.
735
Drum will ich dir sagen, wie mir's am besten erscheinet.
Rings ja droht dir umher die umzingelnde Flamme des Krieges.
Doch die mutigen Troer, nachdem sie die Mauer erstiegen,
Wenden sich teils vom Gefecht mit den Rüstungen; andere kämpfen,
Weniger sie mit mehreren noch, durch die Schiffe zerstreuet.
740
Weiche demnach, und berufe die Edelsten alle des Volkes;
Daß wir vereint für alles entscheidenden Rat ausdenken:
Ob wir hinein uns stürzen ins Heer vielrudriger Schiffe,
So uns ein Gott willfährig den Sieg schenkt; ob wir anitzo
Heim von den Schiffen ziehn, unbeschädiget! Denn ich besorge
745
Traun, uns wägen zurück die gestrige Schuld die Achaier
Reichlich, dieweil bei den Schiffen der unersättliche Krieger
Harrt, der schwerlich hinfort sich ganz enthält des Gefechtes.
So des Polydamas Rat; den unschädlichen billigte Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde;
750
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Sammle, Polydamas, hier die Edelsten alle des Volkes.
Dorthin geh ich selber, der wütenden Schlacht zu begegnen;
Aber ich kehre sofort, nachdem ich alles geordnet.
Sprach's, und stürmte hinweg, dem Schneegebirge vergleichbar,
755
Lautes Rufs, und durchflog die Troer und die Genossen.
Doch zu Polydamas her, des Panthoos streitbarem Sohne,
Eilten die Edelsten alle, da Hektors Ruf sie vernahmen.
Nur den Deïphobos noch, und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios' Sohn, samt Asios, Hyrtakos' Sohne,
760
Sucht' im Vordergetümmel der Wandelnde, ob er sie fände.
Doch nicht fand er sie mehr unbeschädiget, noch ungetötet:
Einige lagen bereits um die ragenden Steuer von Argos,
Unter der Danaer Hand der mutigen Seelen beraubet;
Andere waren daheim, von Geschoß und Lanze verwundet.
765
Ihn nun fand er zur Linken der jammerbringenden Feldschlacht,
Alexandros den Held, der lockigen Helena Gatten,
Welcher mit Mut beseelte die Freund', und ermahnte zu kämpfen.
Nahe trat er hinan, und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
770
Sprich, wo Deïphobos ist, und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios' Sohn, samt Asios, Hyrtakos' Sohne?
Auch Othryoneus wo? Nun sank herab von dem Gipfel
Ilios tarnende Stadt; nun naht dein grauses Verhängnis!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
775
Hektor, dieweil dein Herz Unschuldige selber beschuldigt;
Eher ein andermal wohl zur Unzeit rasten vom Kampfe
Mocht' ich; denn mich auch gebar nicht ganz unkriegrisch die Mutter!
Denn seitdem bei den Schiffen zur Schlacht du erregtest die Freunde,
Streben wir hier beständig im Scharengewühl der Achaier
780
Sonder Verzug! Doch die Freund' entschlummerten, welche du forschest;
Zween, Deïphobos nur, und des herrschenden Helenos Stärke,
Eilten hinweg, verwundet mit langgeschafteten Lanzen,
Beid' an der Hand; doch den Tod entfernete Zeus Kronion.
Führe nunmehr, wohin dein Herz und Mut es gebietet:
785
Wir mit freudiger Seele begleiten dich; nimmer auch sollst du
Unseres Muts vermissen, so viel die Kraft nur gewähret!
Über die Kraft kann keiner, auch nicht der Tapferste, kämpfen!
Also sprach, und wandte des Bruders Herz Alexandros.
Beide nun eilten sie hin, wo am heftigsten Streit und Gefecht war,
790
Um Kebriones her, und Polydamas' heilige Stärke,
Phalkes, und Orthäos, den göttlichen Held Polypötes,
Palmys, Askanios auch, und Morys, Hippotions Söhne:
Die aus dem scholligen Land' Askania wechselnd gekommen
Früh am vorigen Tag'; itzt trieb in die Schlacht sie Kronion.
795
Diese rauschten einher, wie der Sturm unbändiger Winde,
Der vor dem rollenden Wetter des Donnerers über das Feld braust,
Und graunvolles Getöse die Flut aufregt, daß sich ringsum
Türmen die brandenden Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Krummgewölbt und beschäumt, vorn andr', und andere hinten:
800
So dort drängten sich Troer in Ordnungen, andre nach andern,
Schimmernd im ehernen Glanz, und folgeten ihren Gebietern.
Hektor strahlte voran, dem mordenden Ares vergleichbar,
Priamos' Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Dicht aus Häuten gedrängt, und umlegt mit starrendem Erze;
805
Und um des Wandelnden Schläfen bewegte sich strahlend der Helmschmuck.
Ringsumher versucht' er mit kühnem Gang die Geschwader,
Ob sie vielleicht ihm wichen, wie unter dem Schild' er dahertrat;
Doch nicht schreckt' er den Mut in der männlichen Brust der Achaier.
Ajas nahte zuerst und foderte, mächtiges Schrittes:
810
Komm, Unglücklicher, komm! Warum doch schreckest du also
Argos' Volk? Wir sind nicht unerfahrene Krieger;
Sondern Zeus mit der Geißel des Wehs bezwang die Achaier.
Sicherlich wohl im Herzen erwartest du auszutilgen
Unsere Schiffe; doch rasch sind auch uns die Hände zur Abwehr!
815
Traun weit eher vielleicht wird eure bevölkerte Feste
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Auch dir selbst verkünd' ich den nahen Tag, da du fliehend
Jammern wirst zu Zeus und allen unsterblichen Göttern,
Daß mit der Schnelle der Falken die schöngemähneten Rosse
820
Heim zu der Stadt dich tragen, in staubender Flucht durch die Felder.
Als er es sprach, da schwebt' ihm rechtsher nahend ein Vogel,
Ein hochfliegender Adler; und lautauf schrien die Achaier,
Durch das Zeichen gestärkt. Doch es rief der strahlende Hektor:
Ajas, was plauderst du da, großprahlender, eiteler Schwätzer?
825
Wär' ich doch so sicher ein Sohn des Ägiserschüttrers
Zeus, zum unsterblichen Gott von der Herrscherin Here geboren,
Ewig geehrt, wie geehrt Athenäa wird von Apollon:
Als der heutige Tag ein Unheil bringt den Argeiern
Allen; du selbst auch liegst ein Erschlagener, wenn du es wagest,
830
Meinen gewaltigen Speer zu bestehn! Er zerreißt dir den zarten
Leib; dann sättigest du der Troer Hund' und Gevögel
Deines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Also rief der Herrscher, und führete; jene nun folgten
Mit graunvollem Geschrei, und laut nachjauchzten die Völker.
835
Laut auch schrien die Argeier daher, des stürmenden Mutes
Eingedenk, und bestanden die nahenden Helden der Troer.
Beider Geschrei ertönte zu Zeus' hochstrahlendem Äther.

Vierzehnter Gesang

Nestor, der den verwundeten Machaon bewirtet, eilt auf das Getöse hinaus, und spähet. Ihm begegnen Agamemnon, Diomedes und Odysseus, die, matt von den Wunden, das Treffen zu schaun kommen. Agamemnons Gedanken an Rückzug tadelt Odysseus. Nach Diomedes' Vorschlag gehn sie die Achaier zu ermuntern; und Poseidon tröstet den Agamemnon. Here, mit Aphroditens Gürtel geschmückt, schläfert den Zeus auf Ida ein, daß Poseidon noch mächtiger helfe. Hektor, den Ajas mit dem Steine traf, wird ohnmächtig aus der
Schlacht getragen. Die Troer fliehn, indem Ajas, Oileus' Sohn, sich auszeichnet.

Nestor vernahm das Geschrei, auch sitzend am Trunk nicht achtlos;
Schnell zu Asklepios' Sohn die geflügelten Worte begann er:
Denke doch, edler Machaon, wohin sich wende die Sache!
Lauter hallt um die Schiffe der Ruf von blühenden Streitern!
5
Aber bleib du sitzen, und trink des funkelnden Weines,
Bis dir ein warmes Bad die lockige Hekamede
Wärmt, und rein die Glieder vom blutigen Staube dir badet.
Ich will indes hineilen, und schnell umschaun von der Höhe.
Sprach's, und nahm den gediegenen Schild des trefflichen Sohnes
10
Der im Gezelt dalag dem reisigen Held Thrasymedes,
Überstrahlt von Erz: der ging mit dem Schilde des Vaters:
Nahm dann die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Stellte sich außer dem Zelt, und schaut' unerfreuliche Taten:
Diese dahergescheucht, und jen' im Tumult sie verfolgend,
15
Trojas mutige Söhn'; auch gestürzt war die Mauer Achaias.
Wie wenn dunkel sich hebt das Meer mit stummem Gewoge,
Ahndend nur der sausenden Wind' herzuckende Wirbel,
Kaum, doch nirgendwohin die schlagende Woge gewälzt wird,
Bis ein entscheidender Sturm sich herunterstürzt von Kronion:
20
Also erwog unruhig der Greis in der Tiefe des Herzens,
Zwiefach: ob er zur Schar gaultummelnder Danaer ginge,
Oder zu Atreus' Sohn, dem Hirten des Volks Agamemnon.
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hin zum Atreiden zu gehn. Dort würgten sie einer den andern,
25
Wütend im Kampf; und es krachte das starrende Erz um die Leiber
Unter dem Stoß der Schwerter und zwiefachschneidenden Lanzen.
Nestorn begegneten nun die gottbeseligten Herrscher
Wiedergekehrt von den Schiffen, so viel das feindliche Erz traf,
Tydeus' Sohn, und Odysseus, und Atreus' Sohn Agamemnon:
30
Welchen weit vom Treffen entfernt sich reihten die Schiffe
Tief am Gestade des Meers. Denn die erstgelandeten zog man
Feldwärts auf, und erhub an den Steuerenden die Mauer.
Nimmermehr ja konnte, wie breit es war, das Gestade
Alle Schiff' einschließen des Heers; und es engte die Völker:
35
Darum zog man gestuft sie empor, und erfüllte des Ufers
Weite Bucht, die begrenzt von den Vorgebirgen umherlief.
Drum nun kamen zu schaun das Feldgeschrei und Getümmel,
Matt auf die Lanze gestützt, die Verwundeten; und von Betrübnis
Schwoll in den Busen ihr Herz. Es begegnete jetzo der graue
40
Nestor, und macht' hinstarren das Herz der edlen Achaier.
Ihn anredend begann der herrschende Held Agamemnon:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Warum kommst du daher, das würgende Treffen verlassend?
Ach ich sorg', es vollende sein Wort der stürmende Hektor,
45
Wie er vordem mir gedroht im Rat der versammelten Troer:
Eher nicht von den Schiffen gen Ilios wiederzukehren,
Eh' er in Glut die Schiffe verbrannt, und getötet sie selber.
Also redete jener; und nun wird alles vollendet.
Götter, gewiß sie alle, die hellumschienten Achaier,
50
Hegen mir Groll im Herzen, und hassen mich, gleich wie Achilleus;
Daß sie dem Kampf sich entziehn um die ragenden Steuer der Schiffe!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Dies ward alles vollbracht und gefertiget; nimmer vermocht' auch
Selbst der Donnerer Zeus es anders wieder zu schaffen!
55
Denn schon sank die Mauer in Schutt, die ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr.
Jen' um die rüstigen Schiff', unermeßliche Kämpfe bestehn sie,
Rastlos; nicht erkanntest du mehr, wie scharf du umhersähst,
Welcherseits die Achaier im tobenden Schwarme sich tummeln:
60
So ist vermischt das Gemord', und es schallt zum Himmel der Aufruhr.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache,
Wenn ja Verstand noch hilft. Nur rat' ich nicht, in die Feldschlacht
Einzugehn; denn es taugt der Verwundete nimmer zu streiten.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
65
Nestor, dieweil schon wütet der Kampf um die ragenden Steuer,
Und nichts frommte der Mauer gewaltiger Bau, noch der Graben,
Was mit Müh' uns Achaiern gelang, und ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr;
So gefällt es nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
70
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier.
Wußt' ich es doch, als Zeus huldvoll die Achaier beschirmte;
Und weiß nun, daß er jene zur Herrlichkeit seliger Götter
Auserwählt, uns aber den Mut und die Hände gefesselt.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
75
Welche Schiffe zunächst am Rande des Meers wir gestellet,
Nehmen wir all', und ziehn sie hinab in die heilige Meerflut,
Hoch auf der Flut mit Ankern befestigend, bis uns herannaht
Öde Nacht, wo alsdann auch zurück sich hält vom Gefechte
Trojas Volk; drauf ziehn wir die sämtlichen Schiff' in die Wogen.
80
Denn nicht Tadel verdient's, der Gefahr auch bei Nacht zu entrinnen!
Besser, wer fliehend entrann der Gefahr, als wen sie ereilet!
Finster schaut' und begann der erfindungsreiche Odysseus:
Welch ein Wort, o Atreid', ist dir aus den Lippen entflohen?
Schrecklicher! daß du vielmehr doch ein anderes feigeres Kriegsvolk
85
Führetest, doch nicht uns obwaltetest, welchen fürwahr Zeus
Früh von Jugend gewährte bis spät zum Alter zu dauern
Unter des Kriegs Drangsalen, bis tot auch der letzte dahinsinkt!
Also gedenkst du im Ernst, von der weitdurchwanderten Troja
Heimzufliehn, um welche des Grams so viel wir erduldet?
90
Schweig, damit kein andrer in Argos' Volk es vernehme,
Dieses Wort, das schwerlich ein Mann mit den Lippen nur ausspricht,
Dessen Seele gelernt, anständige Dinge zu reden,
Wenn er, geschmückt mit dem Scepter, so mächtige Völker beherrschet,
Als dir, König, daher aus Argos' Städten gefolgt sind!
95
Jetzo tadl' ich dir gänzlich den Einfall, welchen du vorbringst!
Mitten in Schlacht und Getümmel die schöngebordeten Schiffe
Nieder ins Meer zu ziehen, ermahnest du: daß noch erwünschter
Ende der Troer Geschick, die so schon siegen an Stärke,
Und uns Tod und Verderben zerschmettere! Denn die Achaier
100
Halten nicht aus das Gefecht, wann ins Meer wir die Schiffe hinabziehn
Sondern voll Angst umschauend, vergessen sie alle der Streitlust!
Traun dann wäre dein Rat uns fürchterlich, Völkergebieter!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Tief in die Seele fürwahr, Odysseus, drang dein Verweis mir,
105
Schreckenvoll! Doch ich heiße ja nicht, daß wider ihr Wollen
Argos' Söhn' in das Meer die gebogenen Schiffe hinabziehn.
Komme nunmehr, wer besseren Rat zu sagen vermeinet,
Jüngling oder auch Greis; mir sei er herzlich willkommen!
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
110
Hier ist der Mann! Was suchen wir länger ihn? höret ihr anders
Guten Rat, und verschmähet ihn nicht, unwilliges Herzens,
Weil ich zwar an Geburt der jüngere bin von euch allen.
Aber ich rühme mich stolz nicht weniger edles Geschlechtes,
Tydeus' Sohn, den in Thebe gehügelte Erde bedecket!
115
Portheus wurden ja drei untadlige Söhne geboren,
Welche Pleuron bewohnt, und Kalydons bergichte Felder:
Agrios erst, dann Melas, und dann der reisige Öneus,
Tydeus' Vater, mein Ahn', berühmt vor jenen an Tugend.
Dieser weilte daselbst; doch es zog mein Vater gen Argos,
120
Lange verirrt: so ordnet' es Zeus und die anderen Götter.
Einer Tochter vermählt des Adrastos, wohnt' er im Hause,
Reich an Lebensgut; auch genug der Weizengefilde
Hatt' er, und viel der Gärten, von Baum und Rebe beschattet,
Viel auch der weidenden Schaf'; und an Lanzenkunde besiegt' er
125
Alles Volk. Doch sicher vernahmt ihr schon, wie es wahr ist.
Darum wähnet mich nicht unkriegrisches feiges Geschlechtes,
Noch verachtet den Rat, den ich frei und gut euch eröffne.
Kommt, wir gehn in die Schlacht, verwundet zwar, doch genötigt!
Dort dann wollen wir zwar uns selbst enthalten des Kampfes,
130
Aus dem Geschoß, daß nicht uns Wund' auf Wunde verletze;
Doch ermahnen wir andre zur Tapferkeit, welche zuvor schon,
Ihrem Mut willfahrend, zurückflohn, müde des Kampfes.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Eilend folgten sie jetzt dem Herrscher des Volks Agamemnon.
135
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon;
Sondern er trat zu ihnen, ein alternder Krieger von Ansehn,
Faßte die rechte Hand dem Herrscher des Volks Agamemnon,
Redete drauf zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Atreus' Sohn, nun schlägt des Achilleus grausames Herz wohl
140
Hoch vor Freud' in der Brust, das Gewürg' und die Flucht der Achaier
Anzuschaun; denn ihm fehlt auch die mindeste gute Besinnung.
Laß ihn seinem Verderben; ein Himmlischer zeichne mit Schand' ihn!
Noch sind dir nicht ganz die seligen Götter gehässig;
Sondern gewiß der Troer erhabene Fürsten und Pfleger
145
Füllen noch weit das Gefilde mit Staub, und du siehest noch einmal
Heim sie entfliehn in die Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Sprach's, und mit lautem Geschrei durchwandelt' er schnell das Gefilde.
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrein, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend:
150
Solche Stimm' enthallte des erderschütternden Königs
Starker Brust in das Heer, und rüstete jegliches Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Here stand nun schauend, die goldenthronende Göttin,
Hoch vom Gipfel herab des Olympos; und sie erkannte
155
Schnell den Schaltenden dort in der männerehrenden Feldschlacht,
Ihren leiblichen Bruder und Schwager, freudiges Herzens.
Ihn alsdann auf der Höhe des quellenströmenden Ida
Sahe sie sitzen, den Zeus, und zürnt' ihm tief in der Seele.
Jetzo sann sie umher, die hoheitblickende Here,
160
Wie sie täuschte den Sinn des ägiserschütternden Gottes.
Dieser Gedank' erschien der Zweifelnden endlich der beste:
Hinzugehn auf Ida, geschmückt mit lieblichem Schmucke;
Ob er vielleicht begehrte, von Lieb' entbrannt zu umarmen
Ihren Reiz, und sie ihm einschläfernde sanfte Betäubung
165
Gießen möcht' auf die Augen, und seine waltende Seele.
Und sie enteilt' ins Gemach, das ihr Sohn, der kluge Hephästos,
Ihr gebaut, und die künstliche Pfort' an die Pfosten gefüget
Mit verborgenem Schloß, das kein anderer Gott noch geöffnet.
Dort ging jene hinein, und verschloß die glänzenden Flügel.
170
Jetzt entwusch sie zuerst mit Ambrosia jede Befleckung
Ihrem reizenden Wuchs, und salbt' ihn mit lauterem Öle,
Fein und ambrosischer Kraft, von würzigem Dufte durchbalsamt;
Welches auch, kaum nur bewegt im ehernen Hause Kronions,
Erde sogleich und Himmel mit Wohlgerüchen umhauchte:
175
Hiermit salbte sie rings die schöne Gestalt; auch das Haupthaar
Kämmt' und ordnete sie, und ringelte glänzende Locken,
Schön und ambrosiaduftend, herab von der göttlichen Scheitel;
Hüllte sich drauf ins Gewand, das ambrosische, so ihr Athene
Zart und künstlich gewirkt, und reich an Wundergebilde;
180
Dann mit goldenen Spangen verband sie es über dem Busen;
Schlang dann umher den Gürtel, mit hundert Quästen umbordet.
Jetzo fügte sie auch die schönen Gehäng' in die Ohren,
Dreigestirnt, hellspielend; und Anmut leuchtete ringsum.
Auch ein Schleier umhüllte das Haupt der erhobenen Göttin,
185
Lieblich und neu vollendet; er schimmerte, hell wie die Sonne;
Unter die glänzenden Füß' auch band sie sich stattliche Sohlen.
Als sie nunmehr vollkommen den Schmuck der Glieder geordnet,
Eilte sie aus dem Gemach, und rief hervor Aphrodite,
Von den anderen Göttern entfernt, dann freundlich begann sie:
190
Möchtest du jetzt mir gehorchen, mein Töchterchen, was ich begehre;
Oder vielleicht es versagen, mir darum zürnend im Herzen,
Weil ich selbst die Achaier, und du die Troer beschützest?
Ihr antwortete drauf die Tochter Zeus' Aphrodite:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos,
195
Rede, was du verlangst; mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren, und ist es selber gewährbar.
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Gib mir den Zauber der Lieb' und Sehnsucht, welcher dir alle
Herzen der Götter bezähmt, und sterblicher Erdebewohner.
200
Denn ich geh' an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau', und Thetys die Mutter:
Welche beid' im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen,
Ihnen von Rheia gebracht, da der waltende Zeus den Kronos
Unter die Erde verstieß und die Flut des verödeten Meeres.
205
Diese geh' ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Könnt' ich jenen das Herz durch freundliche Worte bewegen,
Wieder zu nahn dem Lager, gesellt zu Lieb' und Umarmung;
210
Stets dann würd' ich die teure geehrteste Freundin genennet.
Ihr antwortete drauf die hold anlächelnde Kypris:
Nie wär's recht, noch geziemt es, dir jenes Wort zu verweigern;
Denn du ruhst in den Armen des hocherhabnen Kronion.
Sprach's, und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel,
215
Buntgestickt: dort waren des Zaubers Reize versammelt;
Dort war schmachtende Lieb' und Sehnsucht, dort das Getändel,
Und die schmeichelnde Bitte, die selbst den Weisen betöret.
Den nun reichte sie jener, und redete, also beginnend:
Da, verbirg' in dem Busen den bunt durchschimmerten Gürtel,
220
Wo ich des Zaubers Reize versammelte. Wahrlich du kehrst nicht
Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.
Sprach's; da lächelte sanft die hoheitblickende Here;
Lächelnd drauf verbarg sie den Zaubergürtel im Busen.
Jene nun ging in den Saal, die Tochter Zeus' Aphrodite.
225
Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos,
Trat auf Pieria dann, und Emathiens liebliche Felder,
Stürmete dann zu den schneeigen Höhn gaultummelnder Thraker,
Über die äußersten Gipfel, und nie die Erde berührend;
Schwebete dann vom Athos herab auf die Wogen des Meeres;
230
Lemnos erreichte sie dann, die Stadt des göttlichen Thoas.
Dort nun fand sie den Schlaf, den leiblichen Bruder des Todes,
Faßt' ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:
Mächtiger Schlaf, der Menschen und ewigen Götter Beherrscher,
Wenn du je mir ein Wort vollendetest, o so gehorch' auch
235
Jetzo mir; ich werde dir Dank es wissen auf immer.
Schnell die leuchtenden Augen Kronions unter den Wimpern
Schläfre mir ein, nachdem uns gesellt hat Lieb' und Umarmung.
Deiner harrt ein Geschenk, ein schöner unalternder Sessel,
Strahlend von Gold: ihn soll mein hinkender Sohn Hephästos
240
Dir bereiten mit Kunst, und ein Schemel sei unter den Füßen;
Daß du behaglich am Mahl die glänzenden Füße dir ausruhst.
Und der erquickende Schlaf antwortete, solches erwidernd:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vorn gewaltigen Kronos,
Jeden anderen leicht der ewigwährenden Götter
245
Schläfert' ich ein, ja selbst des Okeanos wallende Fluten,
Jenes Stroms, der allen Geburt verliehn und Erzeugung.
Nur nicht Zeus Kronion, dem Donnerer, wag' ich zu nahen,
Oder ihn einzuschläfern, wo nicht er selbst es gebietet.
Einst schon witzigten mich, o Königin, deine Befehle,
250
Jenes Tags, da Zeus' hochherziger Sohn Herakles
Heim von Ilios fuhr, die Stadt in Trümmern verlassend.
Denn ich betäubte den Sinn des ägiserschütternden Gottes,
Sanft umhergeschmiegt; du aber ersannst ihm ein Unheil,
Über das Meer aufstürmend die Wut lautbrausender Winde,
255
Und verschlugst ihn darauf in Kos' bevölkertes Eiland,
Weit von den Freunden entfernt. Allein der Erwachende zürnte,
Schleudernd umher die Götter im Saal; mich aber vor allen
Sucht' er, und hätt' austilgend vom Äther ins Meer mich gestürzet;
Nur die Nacht, die Bändigerin der Götter und Menschen
260
Nahm mich Fliehenden auf: da ruhete, wie er auch tobte,
Zeus, und scheute sich, die schnelle Nacht zu betrüben.
Und nun treibst du mich wieder, ein heillos Werk zu beginnen!
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Schlaf, warum doch solches in deiner Seele gedenkst du?
265
Meinst du vielleicht, die Troer verteidige so der Kronide,
Wie um Herakles vor Zorn, um seinen Sohn, er entbrannt war?
Aber komm; ich will auch der jüngeren Grazien eine
Dir zu umarmen verleihn, daß dir sie Ehegenossin
Heiße, Pasithea selbst, nach welcher du stets dich gesehnet.
270
Jene sprach's; und der Schlaf antwortete freudiges Herzens:
Nun wohlan, beschwör' es bei Styx' wehdrohenden Wassern,
Rührend mit einer Hand die nahrungsprossende Erde,
Und mit der andern das schimmernde Meer; daß alle sie uns nun
Zeugen sein, die um Kronos versammelten unteren Götter:
275
Ganz gewiß mir verleihn der jüngeren Grazien eine
Willst du, Pasithea selbst, nach welcher ich stets mich gesehnet.
Sprach's; und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Schwur, wie jener begehrt, und rief mit Namen die Götter
All' im Tartaros unten, die man Titanen benennet.
280
Aber nachdem sie gelobt, und ausgesprochen den Eidschwur;
Eilten sie, Lemnos Stadt und Imbros beide verlassend,
Eingehüllt in Nebel, mit leicht hinschwebenden Füßen.
Ida erreichten sie nun, den quelligen Nährer des Wildes,
Lekton, wo erst dem Meer sie entschwebeten; dann auf der Feste
285
Wandelten beid'; es erbebten vom Gang die Wipfel des Waldes.
Dort nun weilte der Schlaf, bevor Zeus' Augen ihn sahen,
Hoch auf die Tanne gesetzt, die erhabene, welche des Idas
Höchste nunmehr durch trübes Gedüft zum Äther emporstieg:
Dort saß jener umhüllt von stachelvollem Gezweige,
290
Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert,
Chalkis genannt von Göttern, und Nachtrab' unter den Menschen.
Here mit hurtigem Schritt erstieg des Gargaros Gipfel,
Idas Höh'; und sie sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus.
So wie er sah, so umhüllt' Inbrunst sein waltendes Herz ihm,
295
Jener gleich, da zuerst sich beide gesellt zur Umarmung,
Nahend dem bräutlichen Lager, geheim von den liebenden Eltern.
Und er trat ihr entgegen, und redete, also beginnend:
Here, wohin verlangst du, da hier vom Olympos du herkommst?
Auch nicht hast du die Ross' und ein schnelles Geschirr zu besteigen.
300
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Zeus, ich geh' an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau', und Thetys die Mutter,
Welche beid' im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen;
Diese geh' ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
305
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Aber die Ross', am untersten Fuß des quelligen Ida
Stehen sie, mich zu tragen durch festes Land und Gewässer.
Deinethalb nun bin ich hieher vom Olympos gekommen,
310
Daß nicht etwa dein Herz mir eiferte, wandert' ich heimlich
Zu des Okeanos Burg, des tiefhinströmenden Herrschers.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, dorthin magst du nachher auch enden die Reise.
Komm, wir wollen in Lieb' uns vereinigen, sanft gelagert.
315
Denn so sehr hat keine der Göttinnen oder der Weiber
Je mein Herz im Busen mit mächtiger Glut mir bewältigt:
Weder, als ich entflammt von Ixions Ehegenossin
Einst den Peirithoos zeugt', an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Noch da ich Danae liebt', Akrisios' reizende Tochter,
320
Welche den Perseus gebar, den herrlichsten Kämpfer der Vorzeit;
Noch auch Phönix' Tochter, des ferngepriesenen Königs,
Welche mir Minos gebar, und den göttlichen Held Rhadamanthys;
Noch da ich Semele liebt', auch nicht Alkmene von Thebe,
Welche mir Mutter ward des hochgesinnten Herakles;
325
Jene gebar die Freude des Menschengeschlechts Dionysos;
Noch da ich einst die erhabne, die schöngelockte Demeter,
Oder die herrliche Leto umarmete, oder dich selber:
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen!
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
330
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wenn du jetzt in Liebe gesellt zu ruhen begehrest
Oben auf Idas Höhn, wo umher frei alles erscheinet;
O wie wär's, wenn uns einer der ewigwährenden Götter
Beid' im Schlummer erblickt', und den Himmlischen allen es eilend
335
Meldete? Traun nie kehrt' ich hinfort zu deinem Palaste,
Aufgestanden vom Lager; denn unanständig ja wär' es!
Aber wofern du willst, und deiner Seel' es genehm ist;
Hast du ja ein Gemach, das dein Sohn, der kluge Hephästos,
Dir gebaut, und die künstliche Pfort' an die Pfosten gefüget:
340
Dorthin gehn wir zu ruhn, gefällt dir jetzo das Lager.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, weder ein Gott, vertraue mir, weder ein Mensch auch
Wird uns schaun: denn ein solches Gewölk umhüll' ich dir ringsum,
Strahlend von Gold; nie würd' uns hindurchspähn Helios selber,
345
Der doch scharf vor allen mit strahlenden Augen umherblickt.
Also Zeus, und umarmte voll Inbrunst seine Gemahlin.
Unten nun sproß die heilige Erd' aufgrünende Kräuter,
Lotos mit tauiger Blum', und Krokos, samt Hyakinthos,
Dichtgedrängt und weich, die empor vom Boden sie trugen:
350
Hierauf ruheten beid', und hüllten sich rings ein Gewölk um,
Schön und strahlend von Gold; und es taueten glänzende Tropfen.
Also schlummerte dort auf Gargaros Höhe der Vater,
Sanft von Schlaf bezwungen und Lieb', und umarmte die Gattin.
Eilend lief der erquickende Schlaf zu den Schiffen Achaias,
355
Botschaft anzusagen dem Erderschüttrer Poseidon;
Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Jetzo mit Ernst, Poseidon, den Danaern Hilfe gewähret!
Ihnen verleih' itzt Ruhm, zum wenigsten, weil noch Kronion
Schläft; ich selber umhüllt' ihn mit sanft betäubendem Schlummer,
360
Als ihn Here betört zu holder Lieb' und Umarmung.
Dieses gesagt, entflog er zu rühmlichen Menschengeschlechtern.
Doch ihn reizt' er noch mehr, dem Danaervolke zu helfen.
Schnell in das Vordergetümmel voraus sich stürzend ermahnt' er:
Argos' Söhn', auch jetzo vergönnen wir Sieg dem Hektor,
365
Priamos' Sohn, daß er nehme die Schiff, und Ruhm sich gewinne?
Aber er wähnt zwar also, und frohlockt, weil noch Achilleus
Bei den geräumigen Schiffen verweilt mit zürnendem Herzen.
Dennoch vermissen wir sein nicht sonderlich, wenn nur wir andern
Mutiger angestrengt uns verteidigen untereinander!
370
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzt die gewaltigsten Schild' und größesten unseres Heeres
Angelegt und die Häupter in weithinstrahlende Helme
Eingehüllt, in den Händen die mächtigsten Lanzen bewegend,
Wollen wir gehn, ich selber voran; und schwerlich besteht uns
375
Hektor, Priamos' Sohn, wie ungestüm er daherstrebt!
Ist wo ein streitbarer Mann, der mit kleinerem Schilde sich decket,
Reich' er dem schwächeren Krieger ihn dar, und nehme den größern!
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Ringsum ordneten diese die Könige selbst, auch verwundet,
380
Tydeus' Sohn, und Odysseus, und Atreus' Sohn Agamemnon;
Gingen umher, und vertauschten die kriegrischen Waffen der Männer:
Starke bekam der Starke, dem Schwächeren gaben sie schwache.
Aber nachdem sie den Leib mit blendendem Erz sich umhüllet,
Drangen sie vor; sie führte der Erderschüttrer Poseidon,
385
Tragend ein Schwert, entsetzlich und lang, in der nervichten Rechte,
Gleich dem flammenden Blitz, dem niemand wagt zu begegnen
In der vertilgenden Schlacht; auch die Furcht schon hemmet die Krieger.
Trojas Söhn' auch stellte der strahlende Hektor in Ordnung.
Siehe mit schrecklicher Wut nun strengten den Kampf der Entscheidung
390
Der schwarzlockige Herrscher des Meers, und der strahlende Hektor,
Dieser dem Troervolk, und der den Danaern helfend.
Hoch aufwogte das Meer an der Danaer Schiff' und Gezelte
Brandend empor; und sie rannten mit lautem Geschrei aneinander.
Nicht so donnert die Woge mit Ungestüm an den Felsstrand,
395
Aufgestürmt aus dem Meer vom gewaltigen Hauche des Nordwinds;
Nicht so prasselt das Feuer heran mit sausenden Flammen
Durch ein gekrümmt Bergtal, wann den Forst zu verbrennen es auffuhr;
Nicht der Orkan durchbrauset die hochgewipfelten Eichen
So voll Wut, wann am meisten mit großem Getös' er dahertobt:
400
Als dort laut der Troer und Danaer Stimmen erschollen,
Da sie mit grausem Geschrei anwüteten gegeneinander.
Jetzo zielt' auf Ajas zuerst der strahlende Hektor,
Als er sich gegen ihn wandt', und nicht verfehlt' ihn die Lanze:
Dort wo ihm zween Riemen sich breiteten über den Busen,
405
Dieser vom Schild', und jener des silbergebuckelten Schwertes,
Traf er; doch beide beschirmten den Leib. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Und in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber den Weichenden traf der Telamonier Ajas
410
Schnell mit dem Stein; denn viele, die räumigen Schiffe zu stützen,
Lagen gewälzt vor den Füßen der Kämpfenden: den nun erhebend,
Warf er über dem Schilde die Brust ihm, nahe dem Halse;
Jenen schwang, wie den Kräusel, der Wurf, und er taumelte ringsum;
So wie vor Zeus' hochschmetterndem Schlag hinstürzet die Eiche,
415
Wurzellos, und entsetzlich der Dampf des brennenden Schwefels
Ihr entsteigt; mutlos und betäubt steht, welcher es anschaut
Nahe dem Ort; denn furchtbar ist Zeus' des Allmächtigen Donner:
Also stürzt' in den Staub die Gewalt des göttlichen Hektor.
Schnell entsank die Lanze der Hand, es folgte der Schild nach,
420
Auch der Helm; ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Laut vor Freud' aufjauchzend bestürmten ihn Männer Achaias,
Hoffend ihn wegzuziehn, und schleuderten häufig Speere
Gegen ihn; dennoch traf den Völkerhirten nicht einer,
Weder mit Stoß noch Wurf, denn die Tapfersten nahten umwandelnd,
425
Held Äneias, Polydamas auch, und der edle Agenor,
Auch Sarpedon, der Lykier Fürst, und der treffliche Glaukos;
Auch der anderen keiner versäumt' ihn, sondern sie hielten
Wohlgeründete Schild' ihm zur Abwehr. Doch ihn erhebend
Trugen die Freund' auf den Armen aus Kriegsarbeit zu den Rossen,
430
Welche geflügeltes Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen;
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger.
Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte;
435
Legten sie dort vom Geschirr zur Erd' ihn, sprengten dann Wasser
Über ihn her: bald atmet' er auf, und blickte gen Himmel;
Hingekniet dann saß er, und spie schwarzschäumendes Blut aus;
Aber zurück nun sank er zur Erd' hin, und es umhüllte
Finstere Nacht ihm die Augen; denn noch betäubte der Wurf ihn.
440
Argos' Söhn', als jetzo sie Hektor sahen hinweggehn,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust.
Siehe zuerst traf Ajas, der rasche Sohn des Oileus,
Satnios, ungestüm mit spitziger Lanz' ihn ereilend,
Enops Sohn; ihn gebar dem rinderweidenden Enops
445
Eine schöne Najad' an Satniois grünenden Ufern:
Diesen traf anrennend der streitbare Sohn des Oileus
Durch die Weiche des Bauchs, daß er taumelte; und ihn umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Aber der Lanzenschwinger Polydamas kam ihm ein Rächer,
450
Panthoos Sohn, und schoß Prothoënor rechts in die Schulter,
Areïlykos' Sohn, daß hindurch der stürmende Wurfspieß
Fuhr; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Hoch frohlockte darob Polydamas, laut ausrufend:
Nicht ist jetzt, wie ich meine, dem mutigen Panthoiden
455
Aus der gewaltigen Hand umsonst entsprungen der Wurfspieß;
Sondern der Danaer einer empfing ihn im Leib'; und vermutlich
Wird er, gestützt auf den Stab, in Aïdes Wohnung hinabgehn!
Jener sprach's; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
Aber dem Ajas schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis,
460
Ihm des Telamons Sohn, dem zunächst hinsank Prothoënor.
Schnell dem Weichenden nach entsandt' er die blinkende Lanze.
Zwar Polydamas selber vermied das schwarze Verhängnis,
Schnell zur Seite gewandt; doch Archilochos, Sohn des Antenor,
Fing es auf; ihn weihte der Götter Rat dem Verderben.
465
Diesem flog das Geschoß, wo Haupt und Nacken sich füget,
Oben am Wirbel hinein, und durchschnitt ihm beide die Sehnen;
Daß ihm eher das Haupt und Mund und Nas' auf die Erd' hin
Taumelten, ehe hinab die Knie' und Schenkel ihm sanken.
Laut rief Ajas nunmehr zu Panthoos trefflichem Sohne:
470
Sinne, Polydamas, nach, und sage mir lautere Wahrheit!
War nicht dieser ein Mann, Prothoënors wegen zu fallen,
Würdig genug? Kein Niedrer erscheint er mir, oder von Niedern;
Sondern ein leiblicher Bruder des Rossezähmers Antenor,
Oder ein Sohn; ihm muß an Geschlecht er nahe verwandt sein.
475
Sprach's, ihn wohl erkennend; doch Schmerz erfüllte die Troer.
Akamas stieß mit dem Speer itzt Promachos hin den Böoten,
Treu den Bruder umwandelnd, da er an den Füßen ihn wegzog.
Hoch frohlockte darob Held Akamas, laut ausrufend:
Argos' Volk, Pfeilkühne, der Drohungen ganz unersättlich!
480
Nicht wird wahrlich allein Mühseligkeit stets und Betrübnis
Uns zu teil; euch selber ist so zu fallen geordnet!
Schaut, wie Promachos euch, von meiner Lanze gebändigt,
Ruhig schläft; daß nicht des Bruders schuldige Rache
Lang' euch bleib' unbezahlt! So wünscht auch ein anderer Mann wohl
485
Einen Freund im Hause, des Streits Abwehrer, zu lassen!
Jener sprach's; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier.
Aber Peneleos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Wild auf Akamas sprang er; doch nicht zu bestehen vermochte
Jener des Königes Sturm; und Ilioneus streckt' er danieder,
490
Phorbas' Sohn, des herdebegüterten, welchen Hermeias
Hoch im Volk der Troer geliebt, und mit Habe gesegnet;
Doch ihm hatte sein Weib den Ilioneus einzig geboren:
Unter der Brau' ihm stach er die unterste Wurzel des Auges,
Daß ihm der Stern ausfloß, und der Speer durchs Auge gebohret,
495
Hinten den Schädel zerbrach; und er saß ausbreitend die Hände
Beide. Peneleos drauf, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Schwang es gerad' auf den Nacken, und schmetterte nieder zur Erde
Samt dem Helme das Haupt; noch war die gewaltige Lanze
Ihm durchs Auge gebohrt; dann hub er es, ähnlich dem Mohnhaupt,
500
Zeigt' es dem Troervolk, und sprach mit jauchzender Stimme:
Meldet mir dies, ihr Troer, Ilioneus' Vater und Mutter,
Daß sie den glänzenden Sohn daheim im Palaste betrauern!
Denn auch nicht des Promachos Weib, des Sohns Alegenors,
Heißt den trauten Gemahl willkommen hinfort, wann aus Troja
505
Heim wir kehren in Schiffen, wir blühenden Männer Achaias!
Jener sprach's; und rings nun faßte sie bleiches Entsetzen;
Jeglicher schaut' umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wer der Achaier zuerst des Erschlagenen blutige Rüstung
510
Raubte, nachdem gewendet die Schlacht der gewaltige Meergott.
Ajas, Telamons Sohn, stieß erst den Hyrtios nieder,
Gyrtias' Sohn, den Ordner der trotzigen Myserscharen;
Drauf Antilochos nahm des Mermeros Wehr, und des Phalkes;
Aber Meriones warf den Hippotion nieder und Morys;
515
Teukros darauf entraffte den Prothoon und Periphetes;
Atreus' Sohn auch stach dem Hirten des Volks Hyperenor
Tief in die Weiche des Bauchs, und die Eingeweide durchdrang ihm
Schneidend das Erz; daß die Seel' aus der gaffenden Todeswunde
Schleunig entfloh, und die Augen ihm nächtliches Dunkel umhüllte.
520
Doch schlug Ajas die meisten, der rasche Sohn des Oileus;
Denn ihm gleich war keiner, im fliegenden Lauf zu verfolgen
Zitternder Männer Gewühl, sobald Zeus Schrecken erregte.

Fünfzehnter Gesang

Der erwachte Zeus bedroht Here, und gebeut, ihm Iris und Apollon vom Olympos
zu rufen; daß jene den Poseidon aus der Schlacht gehen heiße, dieser den Hektor
herstelle, und die Achaier scheuche, bis Achilleus den Patroklos sende. Es geschieht. Hektor mit
Apollon schreckt die Achaier, deren Helden nur widerstehn, in das Lager zurück, und folgt mit
den Streitwagen über Graben und Mauer, wo Apollon ihm bahnt. Den Kampf hört Patroklos in
Eurypylos Zelt, und eilt den Achilleus zu erweichen. Die Achaier ziehn sich von den vorderen
Schiffen. Ajas, Telamons Sohn, kämpft von den Verdecken mit einem Schiffspeere, und verteidigt
des Protesilaos Schiff, das Hektor anzünden will.
Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet,
Fliehend, und mancher erlag dem mordenden Arm der Achaier;
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Wagen beharrend,
Blaß ihr Gesicht vor Angst, die Erschrockenen. Doch es erwachte
5
Zeus auf Idas Höhn bei der goldenthronenden Here.
Schnell nun stand er empor, und umsah die Achaier und Troer:
Diese dahergescheucht, und jen' im Tumult sie verfolgend,
Argos' Söhn', und mit ihnen den Meerbeherrscher Poseidon.
Hektor auch sah er im Felde, den liegenden; und die Genossen
10
Saßen umher; noch beklemmt, aufatmet' er, schwindelnd in Ohnmacht,
Und spie Blut; denn ihn traf kein schwächerer Mann der Achaier.
Mitleidsvoll erblickt' ihn der waltende Herrscher der Welt Zeus;
Drohend mit finsterem Blick zur Here wandt' er die Worte:
Traun, dein böser Betrug, arglistige, tückische Here,
15
Hemmte den göttlichen Hektor vom Streit, und erschreckte die Völker!
Doch wer weiß, ob nicht wieder des schlauersonnenen Frevels
Erste Frucht du genießest, von meiner Geißel gezüchtigt!
Denkst du nicht mehr, wie du hoch herschwebtest, und an die Füß' ich
Zween Ambosse dir hängt', und ein Band um die Hände dir schürzte,
20
Golden und unzerbrechlich? Aus Ätherglanz und Gewölk her
Schwebtest du; ringsum traurten die Himmlischen durch den Olympos;
Doch nicht wagte zu lösen ein Nahender: wen ich erhaschte,
Schleudert' ich mächtig gefaßt von der Schwell' ihn, bis er zur Erde
Niedergestürzt ohnmächtig; auch so nicht ruhte der Zorn mir,
25
Heftig entbrannt um die Qual des göttergleichen Herakles,
Welchen du, mit Boreas Hilf' aufregend die Stürme,
Sendetest durch das verödete Meer, trugsinnendes Herzens,
Und ihn endlich in Kos' bevölkerte Insel verschlugest;
Doch ihn führt' ich von dannen zurück, und bracht' ihn in Argos'
30
Rossenährendes Land, nach mancherlei Kämpfen des Elends.
Dessen erinnr' ich dich, daß hinfort du entsagest dem Truge,
Bis du erkannt, ob frommen dir mög' Umarmung und Lager,
Dem du entfernt von den Göttern dich nahetest, und mich betörtest!
Jener sprach's; da erschrak die hoheitblickende Here;
35
Und sie begann dagegen, und sprach die geflügelten Worte:
Zeuge mir jetzo die Erd', und der wölbende Himmel von oben,
Auch die stygische Flut, die hinabrollt: welches der größte
Eidschwur ja und furchtbarste ist den seligen Göttern:
Auch dein heiliges Haupt, und unserer blühenden Jugend
40
Hochzeitbett, bei welchem ich nie falsch wagte zu schwören!
Daß nicht meines Geheißes der Erderschüttrer Poseidon
Trojas Söhn' und Hektor verletzt, doch jene beschirmt;
Sondern vielleicht sein Herz aus eigener Regung ihn antreibt,
Weil er gedrängt bei den Schiffen die Danaer sah mit Erbarmung!
45
Eher ja möcht' ich auch ihm ein ratsames Wort zureden,
Hinzugehn, wo du, Schwarzwolkiger, selbst es gebietest!
Lächelnd vernahm's der Vater des Menschengeschlechts und der Götter;
Und er erwiderte drauf, und sprach die geflügelten Worte:
Wenn nur du hinführo, du hoheitblickende Here,
50
Gleich mir selbst an Gesinnung im Rat der Unsterblichen säßest;
Wahrlich Poseidon würde, wie sehr er auch anderswohin strebt,
Bald umlenken den Sinn, nach deinem Herzen und meinem.
Aber wofern ja im Ernst und ohne Falsch du geredet;
Wandele nun zu der Götter Geschlecht, und rufe mir eilig
55
Iris hieherzugehn, und den bogenberühmten Apollon:
Daß sie schnell in das Heer der erzumschirmten Achaier
Niedersteig', und verkünde dem Meerbeherrscher Poseidon,
Abzulassen vom Kampf, und heim zum Palaste zu kehren;
Aber den Hektor zur Schlacht aufmuntere Phöbos Apollon,
60
Wiederum ihn beseele mit Kraft, und zähme die Schmerzen,
Die nun schwer sein Herz ihm ängstigen; doch die Achaier
Wieder zur Flucht umwend', unmutiges Schrecken erregend;
Daß die Fliehenden bang in des Peleiaden Achilleus
Ruderschiffe sich stürzen. Er heißt dann seinen Patroklos
65
Aufstehn; doch ihn erlegt mit dem Speer der strahlende Hektor,
Nahe vor Ilios' Mauren, nachdem er der Jünglinge viele
Ausgetilgt, auch meinen erhobenen Sohn Sarpedon.
Ihn dann rächend erschlägt den göttlichen Hektor Achilleus.
Doch alsdann von neuem verhäng' ich Flucht und Verfolgung
70
Stets von den Schiffen hinfort gen Ilios, bis die Achaier
Nehmen die hohe Stadt, durch weisen Rat der Athene.
Eher werd' ich den Zorn nicht mäßigen, oder der andern
Himmlischen einem gestatten, die Danaer dort zu beschirmen;
Ehe dem Peleionen erfüllt ist, was er verlanget:
75
Wie ich zuerst ihm verhieß, mit gewährendem Winke des Hauptes,
Jenes Tags, als Thetys die Kniee mir flehend umfaßte,
Ihren Sohn zu ehren, den Städteverwüster Achilleus.
Sprach's; und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Eilte von Idas Höhn, und ging zum hohen Olympos.
80
Wie der Gedanke des Mannes umherfliegt, der, da er viele
Länder bereits durchging, im sinnenden Herzen erwäget:
Dorthin möcht' ich, und dort; und mancherlei Pfade beschließet:
Also durchflog hineilend den Weg die Herrscherin Here;
Kam nun zum hohen Olympos, und fand die unsterblichen Götter
85
Dort in des Donnerers Saale vereiniget. Jene sie schauend,
Sprangen empor von den Sitzen, und grüßten sie alle mit Bechern.
Aber sie ließ die andern, und nahm der rosigen Themis'
Becher allein; denn zuerst entgegen ihr kam sie gewandelt,
Redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten Worte:
90
Warum kommst du, o Here? Du scheinst erschrocken im Antlitz.
Sicherlich hat dein Gemahl, des Kronos' Sohn, dich geängstet.
Ihr antwortete drauf die lilienarmige Here:
Frage mich nicht, o Themis, du Göttliche; selber ja weißt du,
Wie unfreundlich er ist, und übermütiges Herzens.
95
Aber beginn mit den Göttern im Saal das gemeinsame Gastmahl;
Dann zugleich samt allen Unsterblichen sollst du vernehmen,
Welcherlei Greuel uns Zeus ankündiget. Nimmer, vermutlich,
Freut sich allen das Herz, den Sterblichen, oder den Göttern;
Hat auch mancher bisher in behaglicher Ruhe geschmauset.
100
Jene sprach's, und setzte sich hin, die Herrscherin Here.
Rings nun traurten im Saal die Unsterblichen. Sie mit den Lippen
Lächelte, doch nicht wurde die Stirn' um die dunkelen Brauen
Aufgeklärt; und zu allen mit zürnender Seele begann sie:
Törichte, die wir mit Zeus so gedankenlos uns ereifern,
105
Oder sein Tun zu stören uns abmühn, nahend mit Worten,
Oder mit Macht! Er sitzet von fern, und achtet nicht unser,
Unbesorgt; denn er dünkt sich vor allen unsterblichen Göttern
Weit an Kraft und Gewalt den Erhabensten sonder Vergleichung.
Duldet denn, was auch immer des Unheils jedem er sendet.
110
Eben nur ward, ich meine, dem Ares Jammer bereitet;
Denn Askalaphos sank, sein Trautester unter den Menschen,
Dort in der Schlacht, sein Sohn, wie der stürmende Ares bekennet.
Jene sprach's; doch Ares, die nervichten Hüften sich schlagend
Mit gebreiteten Händen, erhub die jammernde Stimme:
115
Jetzo verargt mir's nicht, olympischer Höhen Bewohner,
Daß ich ein Rächer des Sohns hingeh zu den Schiffen Achaias;
Wäre sogar mein Los, von des Donnerers Strahle zerschmettert,
Unter den Toten zugleich in Blut und Staube zu liegen!
Jener sprach's; und die Rosse gebot er dem Graun und Entsetzen
120
Anzuschirren, und zog hellstrahlendes Waffengeschmeid' an.
Jetzo fürwahr noch größer und schreckenvoller denn jemals
Wäre den Göttern entbrannt der Zorn und die Rache Kronions;
Wenn nicht Athene, besorgt um alle unsterblichen Götter,
Eilt' aus der Pforte des Saals, den Thron, wo sie ruhte, verlassend.
125
Ihm vom Haupt entriß sie den Helm, und den Schild von den Schultern;
Auch die eherne Lanz', aus starker Hand ihm entreißend,
Stellte sie hin, und schalt den ungebändigten Ares:
Rasender du, Sinnloser, du rennst in Verderben! Umsonst denn
Hast du Ohren zu hören, und hegst nicht Scham noch Besinnung?
130
Hörtest du nicht die Rede der lilienarmigen Here,
Die nun eben von Zeus dem Olympier wieder zurückkam?
Willst du vielleicht, selbst füllend das Maß des unendlichen Jammers,
Heim zum Olympos kehren, ein Traurender zwar, doch genötigt;
Und uns übrigen allen des Jammers Fülle bereiten?
135
Denn alsbald der Troer und Danaer mutige Völker
Läßt er, und wandelt uns mit Getümmel daher zum Olympos,
Und ergreift nacheinander, wer schuldig ist, oder nicht also!
Drum nun, rat' ich, entsage dem Zorn ob des Sohnes Ermordung.
Mancher bereits, und besser an Kraft und Armen denn jener,
140
Sank, und sinkt noch hinfort ein Erschlagener. Ist's doch unmöglich,
Aller sterblichen Menschen Geschlecht vom Tode zu retten.
Jene sprach's, und setzt' auf den Thron den stürmenden Ares.
Here nunmehr berief den Apollon aus dem Gemache,
Iris zugleich, die Verkündigerin unsterblicher Götter;
145
Und sie begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
Zeus befiehlt, daß ihr beid' aufs schleunigste kommet zum Ida.
Aber sobald ihr genaht, und des Donnerers Antlitz gesehen;
Tut alsdann, was immer sein Herz verlangt und gebietet.
Dieses gesagt, nun kehrte zurück die Herrscherin Here,
150
Setzte sich dann auf den Thron. Doch jen' entflogen in Eile,
Bis sie den Ida erreicht, den quelligen Nährer des Wildes.
Und sie fanden den wartenden Zeus auf Gargaros Gipfel
Hingesetzt; ihn barg die duftende Wolkenumhüllung.
Als sich beide genaht dem Wolkensammler Kronion,
155
Standen sie; und nicht war des Schauenden Seele voll Zornes,
Weil sie schleunig gehorcht dem Befehl der trauten Gemahlin.
Drauf zur Iris zuerst die geflügelten Worte begann er:
Eile mir, hurtige Iris, zum Meerbeherrscher Poseidon,
Alles verkünd' ihm genau, und sei nicht täuschende Botin.
160
Auszuruhn gebeut ihm von Kampf und Waffengetümmel,
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen, oder zur Meerflut.
Wenn er nicht das Gebot mir beschleuniget, sondern verachtet;
Dann erwäg' er hinfort in des Herzens Geist und Empfindung,
Ob er nicht, wie mächtig er sei, mich Nahenden schwerlich
165
Möchte bestehn; denn ich dünke mich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet sein Herz es,
Gleich sich mir zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Jener sprach's; ihm gehorchte die windschnell eilende Iris;
Schnell vom Ida entflog sie zur heiligen Ilios nieder.
170
Wie wenn daher aus Wolken der Schnee fliegt, oder des Hagels
Kalter Schauer gejagt vom heiter frierenden Nordwind;
Also durchflog hineilend den Weg die geflügelte Iris;
Nahe gestellt nun sprach sie zum Erderschüttrer Poseidon:
Eine Verkündigung dir, schwarzlockiger Erdumstürmer,
175
Bring' ich dahergesendet von Zeus dem Ägiserschüttrer.
Auszuruhn gebeut er von Kampf und Waffengetümmel,
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen, oder zur Meerflut.
Wenn du nicht das Gebot ihm beschleunigest, sondern verachtest;
Siehe dann droht er selber zu schrecklichem Kampfe gerüstet
180
Wider dich herzukommen: doch warnet er dich, zu vermeiden
Seinen Arm; denn er dünke sich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet dein Herz es,
Gleich dich ihm zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Unmutsvoll nun begann der erderschütternde Herrscher:
185
Traun das heißt, wie mächtig er sei, hochmütig geredet,
Mir, der an Würd' ihm gleicht, mit Gewalt den Willen zu hemmen!
Denn wir sind drei Brüder, die Kronos zeugte mit Rheia:
Zeus, ich selbst, und Aïs, der Unterirdischen König.
Dreifach geteilt ward alles, und jeder gewann von der Herrschaft:
190
Mich nun trafs, beständig das graue Meer zu bewohnen,
Als wir gelost; den Aïdes traf das nächtliche Dunkel;
Zeus dann traf der Himmel umher in Äther und Wolken;
Aber die Erd' ist allen gemein, und der hohe Olympos.
Nimmer folg' ich demnach Zeus' Ordnungen; sondern geruhig
195
Bleib' er, wie stark er auch ist, in seinem beschiedenen Dritteil.
Nicht mit den Armen fürwahr, wie den Zagenden, schrecke mich jener!
Seine Töchter vielleicht und Söhn' auch möcht' er mit Anstand
Durch hochfahrende Worte bedräun, die er selber gezeuget;
Denn sie werden aus Zwang auf jedes Gebot ihm gehorchen!
200
Ihm antwortete drauf die windschnell eilende Iris:
Völlig so, wie du sagst, schwarzlockiger Erdumstürmer,
Bring' ich Zeus die Rede, so ungestüm, und so trotzig?
Oder wendest du noch? Gern wenden sich Herzen der Edeln.
Weißt du doch, daß Älteren stets die Erinnyen beistehn.
205
Wieder begann dagegen der Erderschüttrer Poseidon:
Iris, du hast, o Göttin, verständige Worte geredet.
Wahrlich ein gutes Ding, wenn ein Bote weiß, was geziemet.
Aber der bittere Schmerz hat Seel' und Geist mir durchdrungen,
Wenn er, wer gleich an Würd', und ähnlichem Schicksal bestimmt ist,
210
Den zu schelten gedenkt mit wild anfahrenden Worten.
Dennoch möcht' ich für jetzt, obgleich unwillig, ihm weichen.
Aber ich sage dir an, und beschließ' im Herzen die Drohung:
Wo er zum Trotz mir selbst, und der Siegerin Pallas Athene,
Hermes, und der Here zum Trotz, und dem Herrscher Hephästos,
215
Ilios Feste verschont, die erhabene, und die Vertilgung
Nicht beschleußt, noch schenkt des Sieges Gewalt den Achaiern;
Wiss' er dann, daß ewig unheilbarer Zorn uns entflammt!
Also sprach, und verließ die Danaer Poseidaon,
Ging und taucht' in die Fluten, vermißt von den Helden Achaias.
220
Jetzo begann zu Apollon der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Phöbos, geh, o Geliebter, zum erzgepanzerten Hektor;
Denn bereits ja entwich der Erderschüttrer Poseidon
Wieder ins heilige Meer, den verderblichen Grimm zu vermeiden
Unseres Zorns. Wohl hätten den Kampf auch andre gehöret,
225
Selbst die Unsterblichen unter der Erd', um Kronos versammelt!
Aber sowohl für mich weit heilsamer, als für ihn selber,
War's, daß jener zuvor, obgleich unwillig, enteilte
Meinem Arm; nicht hätten wir ohne Schweiß uns gesondert!
Auf du nimm in die Hände die quastumbordete Ägis;
230
Diese mit Macht herschütternd, erschrecke das Herz der Achaier.
Aber du selbst, Ferntreffender, sorg' um den strahlenden Hektor:
Denn so lang' erhebe den Mut ihm, bis die Achaier
Fliehend daher die Schiff' und den Hellespontos erreichet.
Dann beschließ' ich selber mit Wort und Tat es zu ordnen,
235
Daß sich wieder erholen des schweren Kampfs die Achaier.
Jener sprach's; und dem Vater war nicht unfolgsam Apollon.
Schnell von des Idas Höhn entschwang er sich, gleich wie der Habicht
Stürmend zum Taubenmord, der geschwindeste aller Gevögel.
Priamos' Sohn nun fand er, den heldenmütigen Hektor,
240
Sitzend; er lag nicht mehr, und erfrischt vom kehrenden Leben
Kannt' er die Seinigen rings; des Atems Schwer' und der Angstschweiß
Ruhete, weil ihn erweckt des Ägiserschütterers Ratschluß.
Nahe nun trat und begann der treffende Phöbos Apollon:
Hektor, Priamos' Sohn, warum so entfernt von den andern
245
Sitzest du kraftlos hier? Hat etwa ein Leid dich getroffen?
Wieder begann schwachatmend der helmumflatterte Hektor:
Wer bist du, o bester der Himmlischen, welcher mich fraget?
Hörtest du nicht, daß dort um die ragenden Steuer von Argos,
Wo ich die Freund' ihm vertilgte, mich warf der gewaltige Ajas
250
Mit dem Gestein an die Brust, und im stürmischen Kampfe mich hemmte?
Glaubt' ich doch die Geister der Tief' und Aïdes Wohnung
Diesen Tag noch zu sehn; denn schon verhaucht' ich die Seele.
Ihm antwortete drauf der treffende Herrscher Apollon:
Sei getrost; solch einen gewaltigen Rettet entsendet
255
Zeus dir vom Ida herab, dir beizustehn und zu helfen,
Mich den Phöbos Apollon mit goldenem Schwert, der zuvor auch
Schirmte dich selber zugleich, und Ilios türmende Feste.
Jetzo wohlan, ermahne die reisigen Scharen der Krieger,
Auf die gebogenen Schiffe die hurtigen Rosse zu lenken.
260
Sieh ich wandle voran, und ebne die Bahn vor den Rossen
Weit hinab, und wende zur Flucht die Helden Achaias.
Also der Gott, und beseelte mit Mut den Hirten der Völker.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt, und stampfendes Laufs in die Felder
265
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblichwallenden Stromes,
Trotzender Kraft; hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten:
So auch Hektor, in Eile die Knie' und die Schenkel bewegend,
270
Trieb er der Reisigen Schar, da des Gottes Stimm' er vernommen.
Dort, wie wenn ein Gewild, den Kronhirsch, oder den Geißbock,
Jagende Hund' hinscheuchten und landbewohnende Männer;
Ihn dann des steilen Gebirgs Felshaupt und ein schattiges Dickicht
Rettete; denn ihn versagte das Schicksal noch den Verfolgern;
275
Doch auf das laute Getümmel erschien ein bärtiger Löwe
Drohend am Weg', und verscheuchte die Strebenden alle mit einmal:
So die Achaier zuerst, in Schlachtreihn folgten sie immer,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen;
Doch wie sie Hektor gesehn die Männerscharen umwandeln,
280
Standen sie starr, und allen entsank vor die Füße der Mut hin.
Drauf ermahnte sie Thoas, der tapfere Sohn Andrämons,
Edel im Volk der Ätoler, ein kundiger Held mit dem Wurfspieß,
Auch im stehenden Kampf; den Redenden aber besiegten
Wenige, wann um ihr Wort Achaias Jünglinge stritten;
285
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Weh mir! ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen!
Wie doch von neuem erstand, den greulichen Keren entronnen,
Hektor! Eben nur hofft' in sicherem Herzen ein jeder,
Daß er von Ajas' Händen gestürzt, des Telamoniden.
290
Aber ein Gott hat wieder emporgestellt und errettet
Hektor, der schon vielen der Danaer löste die Kniee:
Welches auch jetzt, vermut' ich, geschehn wird! Schwerlich ja steht er
Ohne den Donnerer Zeus so freudiges Muts in dem Vorkampf
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
295
Heißt die Menge des Volks zu unseren Schiffen zurückziehn;
Selbst nur, so viele wir uns die Tapfersten rühmen des Heeres,
Laßt uns stehn, um zuerst dem Ungestüm zu begegnen,
Alle die Lanzen erhöht. Ich meine ja, wie er auch wütet,
Wird er im Herzen sich scheun, der Danaer Schar zu durchbrechen.
300
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Schnell um die Ajas' her, und Idomeneus, Kretas Beherrscher,
Teukros auch, und Meriones auch, und den kriegrischen Meges,
Ordneten jene die Schlacht, die edelsten Helden berufend,
Gegen der Troer Gewalt und Hektors; aber von hinten
305
Zog die Menge des Volks zurück zu den Schiffen Achaias.
Vor nun drangen die Troer mit Heerskraft; Hektor voran ging
Mächtiges Schritts; vor ihm selbst dann wandelte Phöbos Apollon,
Eingehüllt in Gewölk, und trug die stürmische Ägis,
Graunvoll, rauhumsäumt, hochfeierlich: welche Hephästos
310
Schmiedet', und Zeus dem Donnerer gab zum Einsetzen der Männer:
Diese trug in den Händen der Gott, und führte die Völker.
Argos' Söhn' auch harrten gedrängt dort; und ein Geschrei stieg
Laut aus beiderlei Heer, die Pfeile geschnellt von den Sennen
Sprangen; und häufige Speere, von mutigen Händen geschleudert,
315
Hafteten teils anprallend im Leib der blühenden Kämpfer;
Viel' auch im Zwischenraume, den schönen Leib nicht erreichend,
Standen empor aus der Erde, voll Gier im Fleische zu schwelgen.
Weil noch still die Ägis einhertrug Phöbos Apollon,
Hafteten jegliches Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
320
Aber sobald er sie gegen der reisigen Danaer Antlitz
Schüttelte, laut aufschreiend und fürchterlich; jetzo verzagte
Ihnen im Busen das Herz, und vergaß des stürmenden Mutes.
Jetzt wie die Herd', entweder des Hornviehs, oder der Schafe,
Zwei Raubtiere zerstreut, in dämmernder Stunde des Melkens,
325
Kommend in schleuniger Wut, wann nicht der Hüter dabei ist:
Also entflohn kraftlos die Danaer, ganz von Apollons
Schrecken betäubt; denn die Troer und Hektor ehrt' er mit Siegsruhm.
Nun schlug Mann vor Mann, im zerstreueten Kampf der Entscheidung.
Hektor raffte den Stichios hin und Arkesilaos:
330
Diesen der erzumschirmten Böotier ordnenden Führer,
Jenen des hochgesinnten Menestheus treuen Genossen.
Auch Äneias entriß des Jasos Waffen und Medons:
Dieser war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
335
Ferne vom Vaterland' in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug, Eriopis der späteren Gattin Oileus:
Jasos war zum Führer der Athenäer geordnet,
Sphelos' Sohn im Volke genannt, und Bukolos Enkel.
Auch den Mekistheus schlug Polydamas, auch den Polites
340
Echios vorn im Gefecht, und den Klonios mordet' Agenor.
Paris durchschoß rückwärts dem Deïochos oben die Schulter,
Als er im Vorkampf floh, daß vorn das Erz ihm hervordrang.
Während sie jen' entblößtem der Rüstungen; jetzt die Achaier,
Schnell auf Graben und Pfähle dahergestürzt in Verwirrung,
345
Bebten sie dorthin und dort, und tauchten aus Zwang in die Mauer.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Auf die Schiffe gesprengt, und verlaßt die blutige Rüstung!
Wen ich vielleicht wo anders entfernt von den Schiffen erblicke,
Gleich den Tod auf der Stelle bereit' ich ihm! Keine Verwandtschaft
350
Folgt dann, Männer und Fraun, zum Totenfeuer dem Leichnam;
Sondern er liegt, von Hunden zerfleischt, vor Ilios Mauern!
Sprach's, und schwang die Geißel dem raschen Gespann auf die Schultern,
Lautes Rufs anmahnend die Ordnungen. Alle zugleich nun
Lenkten sie, laut aufschreiend, die wagenbeflügelnden Rosse,
355
Mit graunvollem Getös'; und der fahrende Phöbos Apollon
Stürzete leicht mit den Füßen des Grabens ragende Ufer
Stampfend hinab in die Mitt', und brückte den Pfad hinüber,
Lang zugleich und breit, so fern der geschwungene Wurfspieß
Hinfliegt, welchen ein Mann, die Kraft zu versuchen, entsendet.
360
Dort nun strömten sie vor in geschlossener Schar, und Apollon
Vorn, von der Ägis umstrahlt; hinstürzt' er der Danaer Mauer
Leicht, wie etwa den Sand ein Knab' am Ufer des Meeres,
Der, nachdem er ein Spiel aufbaut' in kindischer Freude,
Wieder mit Hand und Fuße die Häuflein spielend verschüttet:
365
So, ferntreffender Phöbos, verschüttetest du der Achaier
Müh und daurenden Fleiß, und scheuchtest sie selbst mit Entsetzen.
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend,
Und ermahnten einander; und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
370
Nestor vor allen der Greis, der gerenische Herr der Achaier,
Flehte, die Händ' ausstreckend zum sternumleuchteten Himmel:
Vater Zeus, so dir einer in Argos' Weizengefilden
Fette Schenkel des Stiers anzündete, oder des Widders,
Flehend um Wiederkehr, und du ihm gewinkt und gelobet;
375
Denk' uns des, und steur', Olympier, solchem Verderben!
Laß nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
Also fleht' er empor; da donnerte Zeus Kronion
Laut, das Gebet erhörend des neleiadischen Greises.
Trojas Söhn', als sie hörten des Ägiserschütterers Ratschluß,
380
Drangen gestärkt in der Danaer Volk, und entbrannten vor Streitlust.
Wie die gewaltige Woge des weitdurchwanderten Meeres
Über den Bord des Schiffes hinabstürzt, wann sie verfolget
Wut des Orkans, wie am höchsten die brandende Flut sie emportürmt:
So dort stürzten die Troer mit lautem Geschrei von der Mauer,
385
Lenkten die Rosse hinein, und mit zwiefach schneidenden Lanzen
Kämpften vermischt um die Steuer die Nahenden: jene vom Wagen,
Diese hoch vom Verdeck, die dunkelen Schiffe besteigend,
Mit langragenden Stangen, die dort auf den Schiffen zum Meerkampf
Lagen, zusammengefügt, und vorn mit Erze gerüstet.
390
Aber der Held Patroklos, indes die Achaier und Troer
Noch die Mauer umkämpften, getrennt von den rüstigen Schiffen,
Saß noch stets in des edlen Eurypylos schönem Gezelte,
Ihn mit Worten erfreuend, und fügt' auf die schmerzende Wund' ihm
Lindernde Heilungssäfte, die dunkele Qual zu bezähmen.
395
Aber sobald zur Mauer mit Macht anrennen er hörte
Trojas Söhn', und erscholl der Danaer Angst und Getümmel;
Laut wehklagt' er nunmehr, und beide Hüften sich schlagend
Mit gebreiteten Händen, erhub er die jammernde Stimme:
Nein, ich kann nicht länger, Eurypylos, darfst du auch meiner,
400
Hier verweilen bei dir; zu laut schon erhebt sich der Aufruhr!
Drum dein Waffengenoß vergnüge dich; aber ich selber
Eile zu Peleus' Sohn, ihn aufzuregen zur Feldschlacht.
Denn wer weiß, ob vielleicht durch göttliche Hilf' ihn beweget
Mein Zuspruch! Gut immer ist redliche Warnung des Freundes.
405
Dieses gesagt, enttrugen die Schenkel ihn. Dort die Achaier,
Fest vor der Troer Gewalt bestanden sie; doch sie vermochten
Nicht, die wenigern zwar, hinweg von den Schiffen zu drängen.
Nicht auch vermochten die Troer, der Danaer dichte Geschwader
Trennend hindurchzubrechen in Ruderschiff' und Gezelte.
410
Sondern gleich, wie die Schnur abmißt den Balken des Schiffes
Unter des Zimmerers Hand, des erfahrenen, welcher die Weisheit
Aller Kunst durchdachte, gelehrt von Pallas Athene:
Also stand gleichschwebend die Schlacht der kämpfenden Völker;
Ringsher kämpften sie Kampf um die Meerschiff, andre bei andern.
415
Hektor erschien nun Ajas, dem Ruhmverklärten, begegnend.
Beid' um eines der Schiff' arbeiteten; aber nicht konnte,
Weder er ihn austreiben, und Glut in den Schiffen entflammen,
Noch ihn jener verdrängen, nachdem ihn genähert ein Dämon.
Ajas der Held schoß jetzo des Klytios' Sohne Kaletor
420
Seinen Speer in die Brust, da er Glut zum Schiffe dahertrug.
Dumpf hinkracht' er im Fall, und der Brand entstürzte der Rechten.
Aber wie Hektor ersah, daß ihm sein tapferer Vetter
Hingestürzt in den Staub, am dunkelen Schiffe des Meeres;
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
425
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe!
Nimmermehr doch entweichet des Kampfs graunvollem Gedräng' hier;
Sondern errettet den Sohn des Klytios, daß die Achaier
Nicht ihm die Wehr abziehn, der im Kreis der Schiffe dahinsank.
Jener sprach's, und dem Ajas entsandt' er die blinkende Lanze.
430
Zwar ihn selbst verfehlt' er; doch Mastors Sohne Lykophron,
Ajas' Genossen im Streit, dem Kytherier, welcher bei jenem
Wohnete, seit er um Mord wegfloh aus der edlen Kythera:
Diesem traf er ins Haupt mit dem Wurfspieß über dem Ohre,
Dicht wie an Ajas er stand; und rücklings herab auf die Erde
435
Sank er vom Hinterverdeck in den Staub; ihm erschlafften die Glieder.
Starrend schaut' ihn Ajas, und sprach, zum Bruder gewendet:
Teukros, o Trautester, sieh, uns sank ein treuer Gefährte,
Mastors Sohn, den wir beide, seitdem von Kythera er ankam,
Wert wie Vater und Mutter in unserem Hause geachtet!
440
Ihn schlug Hektor anitzt, der Gewaltige! Wo die geschwinden
Todesgeschoss' und der Bogen, den dir geschenket Apollon?
Jener sprach's; doch der Bruder vernahm's, und naht' ihm in Eile,
Haltend zugleich in der Hand das schnellende Horn, und den Köcher,
Pfeilevoll; und schleunig entsandt' er Geschosse den Troern.
445
Kleitos zuerst nun traf er, den blühenden Sohn Peisenors,
Und des Polydamas' Freund, des gefeierten Panthoiden,
Welchem die Zügel er lenkt': itzt tummelt' er mühsam die Rosse,
Lenkend dahin, wo vor allen am dichtesten tobten die Schlachtreihn,
Hektorn und den Troern gefällig zu sein: doch sofort ihm
450
Nahte das Weh, dem ihn keiner entriß der strebenden Freunde.
Denn ihm traf von hinten der schmerzende Pfeil in den Nacken;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
Leer das Geschirr hinrasselnd. Polydamas aber erkannt' es
Schnell, und eilte zuerst den flüchtigen Rossen entgegen.
455
Diese gab er Astynoos drauf, dem Sohn Protiaons,
Welchen er sehr anmahnte, die Ross' ihm nahe zu halten,
Schauend auf ihn; dann eilt' er, und drang in das Vordergetümmel.
Teukros, ein andres Geschoß auf den schimmernden Hektor ergreifend,
Zielt'; und er hätte gehemmt den Kampf bei den Schiffen Achaias,
460
Hätt' er den tapfersten Held mit treffendem Pfeile getötet.
Doch nicht seiner vergaß der waltende Zeus; er beschirmte
Hektor, und raubte den Ruhm dem Telamonier Teukros.
Siehe, die schöngeflochtene Schnur des untadligen Bogens
Brach er im Anziehn schnell; und seitwärts flog ihm verirrend
465
Sein erzschweres Geschoß, und der Bogen entsank aus der Linken.
Starrend schaut' es Teukros, und sprach, zum Bruder gewendet:
Wehe mir! traun es vereitelt ein Gott uns jeglichen Vorsatz
Unseres Kampfs, der den Bogen aus meiner Hand mir hinwegschlug,
Und mir die Senne zerriß, die neugeflochten ich umband
470
Heute früh, zu erdulden auch viel' abspringende Pfeile.
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
Trautester, laß den Bogen doch nur und die häufigen Pfeile
Ruhn, nachdem ihn zernichtet ein Gott, der die Danaer neidet.
Jetzt in der Hand den ragenden Speer und den Schild auf der Schulter
475
Kämpfe mit Trojas Volk, und ermahn' auch andere Scharen:
Daß nicht arbeitlos, und siegten sie gleich, sie erobern
Unsre gebordeten Schiffe! Wohlauf, und gedenke der Streitlust!
Jener sprach's; und den Bogen verwahrete Teukros im Zelte;
Warf alsdann um die Schulter die Last des vierfachen Schildes;
480
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt' er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Nahm auch die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes;
Lief dann zurück, und stellt' in Eile sich neben den Bruder.
Hektor, sobald er gesehn, daß Teukros' Bogen zerstört war,
485
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe!
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes
Um die gebogenen Schiffe! Denn schon mit den Augen ersah ich
Einem tapferen Manne zerstört das Geschoß von Kronion.
490
Leicht ja erkannt wird Zeus' obwaltender Schutz von den Menschen,
Jenen sowohl, die er hoch mit glänzendem Ruhme verherrlicht,
Als die er niederbeugt, und nicht zu verteidigen achtet:
Wie nun Argos' Völker er schwächt, uns aber beschirmt.
Auf, zum Kampf um die Schiffe mit Heerskraft! Welcher von euch nun
495
Tod und Schicksal erreicht, mit Wurf und Stoße verwundet,
Sterbe! Nicht ruhmlos ist's, für des Vaterlandes Errettung
Sterben: in Wohlfahrt läßt er die Gattin zurück und die Kinder,
Und sein Haus und Erb' unbeschädiget, wann die Achaier
Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
500
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Ajas indes auch drüben ermunterte seine Genossen:
Schande doch, Argos' Volk! Nun gilt's, entweder zu sterben,
Oder uns Heil zu schaffen, und unseren Schiffen Errettung!
Hofft ihr vielleicht, wenn die Schiffe gewinnt der gewaltige Hektor,
505
Daß dann jeder zu Fuß heimkehr' in der Väter Gefilde?
Höret ihr nicht, wie laut er die feindlichen Scharen ermuntert,
Hektor, der schon die Schiffe mit Glut zu verbrennen daherstürmt?
Nicht zum Tanze fürwahr ermahnt er sie, sondern zum Kampfe!
Uns erscheint nun nirgend ein besserer Rat und Entschluß mehr,
510
Als hinein in den Feind mit gewaffneter Hand uns zu stürzen!
Besser, die Wahl des Todes beschleunigen, oder des Lebens,
Als so lang' hinschmachten in schreckenvoller Entscheidung,
So umsonst bei den Schiffen, vertilgt von schlechteren Männern!
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
515
Hektor erschlug den Schedios nun, den Sohn Perimedes',
Der den Phokäern gebot; doch Ajas streckte des Fußvolks
Führer Laodamas hin, den glänzenden Sohn Antenors.
Auch Polydamas nahm dem Kyllenier Otos die Rüstung,
Welcher, des Meges Genoß, vorging den stolzen Epeiern.
520
Rächend flog der Phyleide daher; doch Polydamas wich ihm
Seitwärts aus; ihn selbst nun verfehlet' er, weil ihm Apollon
Weigerte, Panthoos' Sohn im Vorderkampf zu bezwingen;
Aber dem Krösmos rannt' er gerad' in den Busen die Lanze;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und jener entzog ihm die Rüstung.
525
Gegen ihn flog nun Dolops daher, wohlkundig der Lanze,
Lampos' Sohn, den Lampos, der tapferste Kämpfer, gezeuget,
Er Laomedons Sohn, den kundigen Stürmer der Feldschlacht:
Dieser durchstach dem Phyleiden die Mitte des Schilds mit der Lanze,
Nahe daher sich stürzend; allein ihn schirmte der Panzer,
530
Dicht und stark mit Gelenken befestiget: welchen noch Phyleus
Mit aus Ephyra brachte, vom heiligen Strom Selleïs;
Denn sein Gastfreund schenkt' ihm, der Völkerfürst Euphetes,
Solchen im Streit zu tragen, zur Abwehr feindlicher Männer:
Der ihm auch jetzt vom Leibe des Sohns abhielt das Verderben.
535
Ihm nun traf der Phyleide des schweifumflatterten Helmes
Oberste Wölbung von Erz mit dem Stoß der spitzigen Lanze;
Daß der gemähnete Busch ihm abbrach, ganz dann zur Erde
Niedersank in den Staub, noch neu gerötet von Purpur.
Während er ihn noch kämpfend bestand, und hoffte den Siegsruhm;
540
Kam ihm ein Helfer daher, der streitbare Held Menelaos.
Seitwärts trat er geheim mit dem Speer, und die Schulter von hinten
Warf er, daß vorne die Brust das stürmende Erz ihm durchbohrte,
Ungestüm vorstrebend; da taumelt' er nieder aufs Antlitz.
Beide nun sprangen hinzu, die eherne Wehr von den Schultern
545
Abzuziehn. Doch Hektor gebot den Verwandten und Brüdern
Allen umher; vor allen den edlen Sohn Hiketaons
Straft' er, den Held Melanippos: der einst schwerwandelnde Rinder
In Perkote geweidet, da fern noch waren die Feinde;
Aber nachdem die Achaier in Ruderschiffen gelandet,
550
Kam er gen Ilios wieder, und ragete hoch vor den Troern;
Auch bei Priamos wohnt' er, der gleich ihn ehrte den Söhnen.
Diesen straft' itzt Hektor, und laut ausrufend begann er:
Also jetzt, Melanippos, versäumen wir? Wendet auch dir nicht
Mildes Erbarmen das Herz, da tot dein Retter dahinsank?
555
Siehst du nicht, wie sehr sie um Dolops Rüstung sich abmühn?
Folge mir! Jetzo gilt's, nicht fern von den Söhnen Achaias
Kämpfend zu stehn! Entweder wir morden sie, oder vom Gipfel
Stürzen sie Ilios Feste herab, und ermorden die Bürger!
Sprach's, und eilte voran; ihm folgte der göttliche Streiter.
560
Argos' Söhn auch ermahnte der Telamonier Ajas:
Seid nun Männer, o Freund', und Scham erfüll' euch die Herzen!
Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!
Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer, denn fallen;
Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt, noch Errettung!
565
Jener sprach's; und sie selber dem Feind zu wehren begierig,
Faßten all' in die Herzen das Wort; sie umzäunten die Schiffe
Rings mit ehrnem Geheg'; und Zeus trieb stürmend die Troer.
Doch den Antilochos reizte der Rufer im Streit Menelaos:
Keiner ist jünger denn du, Antilochos, vor den Achaiern,
570
Weder geschwinder im Lauf, noch tapfer wie du in der Feldschlacht;
Wenn du anjetzt vorspringend doch tötest einen der Troer!
Dieses gesagt, nun eilt' er zurück, und reizete jenen;
Und er entsprang dem Gewühl, und warf die blinkende Lanze,
Mit umschauendem Blick; und es flohn auseinander die Troer,
575
Als hinzielte der Mann: doch umsonst nicht sandt' er die Lanze,
Sondern dem Held Melanippos, dem mutigen Sohn Hiketaons,
Welcher zum Kampf herschritt, durchschoß er die Brust an der Warze:
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Aber Antilochos sprang, wie der rasche Hund auf des Rehes
580
Blutendes Kalb anstürzt, das, weil aus dem Lager es auffuhr,
Schnell der laurende Jäger durchschoß, und die Glieder ihm löste:
So, Melanippos, auf dich sprang Nestors kriegrischer Sohn itzt,
Dir die Wehr zu entreißen. Ihn sah der göttliche Hektor,
Welcher entgegen ihm lief, durch Kampf und Waffengetümmel.
585
Nicht, wie tapfer er war, bestand Antilochos jenen;
Sondern entflüchtete, gleich dem Gewild, das Böses getan hat,
Das, da den Hund um die Rinder es mordete, oder den Hirten,
Wegflieht, ehe die Schar versammelter Männer herandringt:
Also der Nestorid'; ihm nach die Troer und Hektor
590
Rannten mit lautem Getös', und schütteten herbe Geschosse;
Doch nun stand er gewandt, da der Seinigen Schar er erreichet.
Trojas Volk, blutgierig wie raubverschlingende Löwen,
Stürzte nunmehr in die Schiffe, des Donnerers Rat vollendend:
Der sie mit höherem Mut stets kräftigte, doch den Argeiern
595
Schwächte das Herz, und des Ruhms sie beraubete, stärkend die Troer.
Denn dem Hektor beschloß sein Ratschluß Ruhm zu gewähren,
Priamos' Sohn, damit er die schreckliche Flamme des Feuers
Würf' in die prangenden Schiff', und ganz erfüllte der Thetys
Unbarmherzigen Wunsch: drum harrete Zeus Kronion,
600
Leuchten zu sehn den Glanz von einem brennenden Schiffe;
Doch alsdann verhängt' er den Troern Flucht und Verfolgung
Immerdar von den Schiffen, und Siegesruhm den Achaiern.
Also gesinnt, erregt er, der Danaer Schiffe zu stürmen,
Hektor, Priamos' Sohn, der selber des Kampfs auch begehrte.
605
Tobt' er doch wild, wie Ares mit raffendem Speer, und wie Feuer
Schrecklich die Berge durchtobt, in verwachsener Tiefe des Waldes!
Siehe der Schaum umstand die Lippen ihm, während die Augen
Unter den düsteren Brauen ihm funkelten; und um die Schläfen
Wehte der Mähnenbusch von dem Helm des kämpfenden Hektors
610
Fürchterlich! Selbst war ihm aus des Äthers Höhn ein Beschirmer
Zeus, der jenem allein in mächtigen Scharen der Männer
Preis und Herrlichkeit gab: denn wenige Tage nur waren
Ihm gewährt; schon lenkt' ihm das finstere Todesverhängnis
Pallas Athene daher durch siegende Macht des Achilleus.
615
Jener nun ging zu durchbrechen die Ordnungen, rings versuchend,
Wo den dichtesten Haufen er sah, und die trefflichsten Waffen:
Dennoch versucht' er umsonst Einbruch, wie gewaltig er andrang;
Denn stets hemmt' ihn die Schar der Geschlossenen: gleich wie ein Felsen,
Hochgetürmt und groß, an des bläulichen Meeres Gestade,
620
Welcher besteht der sausenden Wind' herzuckende Wirbel,
Und die geschwollene Flut, die gegen ihn brandend emporrauscht:
So vor den Troern bestand der Danaer Volk, und entfloh nicht.
Er, den strahlendes Feuer umleuchtete, sprang auf die Heerschar,
Hergestürzt, wie die Wog' in das rüstige Schiff sich hineinstürzt,
625
Ungestüm aus den Wolken vom Sturme genährt; es bedeckt sich
Ganz mit Schaume das Schiff, und fürchterlich saust in dem Segel
Oben die Wut des Orkans; und es bebt den erschrockenen Schiffern
Bange das Herz; weil wenig vom Tode getrennt sie entfliegen;
Also empört Unruhe das Herz der edlen Achaier.
630
Aber der Held, wie ein Löwe voll Wut eindringt in die Rinder,
Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes umhergehn,
Tausende; nur ein Hirt begleitet sie, wenig geübt noch,
Ein krummhorniges Rind zu verteidigen wider ein Raubtier;
Zwar bei den vordersten bald, und bald bei den äußersten Rindern,
635
Wandelt er ängstlich umher; doch er, in die Mitte sich stürzend,
Würgt den Stier, und es entfliehn die Erschrockenen: so die Achaier,
Graunbetäubt entflohn sie vor Hektors Macht und Kronions,
Alle; doch einen erschlug er, Mykenens Held Periphetes,
Kopreus' Sohn des Berühmten, der einst des Königs Eurystheus
640
Botschaft pflag zu bringen der hohen Kraft Herakles:
Ihm ein besserer Sohn, dem schlechteren Vater, gezeuget,
War er in jeglicher Tugend, im rüstigen Lauf, und im Kampfe,
Auch an Verstand mit den ersten im Rat der Mykener gepriesen;
Der nun sank vor Hektor, noch höheren Ruhm ihm gewährend.
645
Denn wie zurück er wandte, da stieß er sich unten am Borde
Seines Schilds, den er trug, die fers'erreichende Schutzwehr:
Er, verwickelt daran, sank rückwärts, und um die Schläfen
Tönte mit furchtbarem Klange der Helm des fallenden Kriegers.
Hektor sofort bemerkt' es, und eilendes Laufs ihm genahet,
650
Bohrt' er die Lanz' in die Brust, ihn dicht bei den lieben Genossen
Mordend: sie suchten umsonst, betraurend zwar den Genossen,
Rettung; sie selbst erbebten zu sehr dem göttlichen Hektor.
Vorwärts hatten sie jetzt, und umher die äußersten Schiffe,
Die man zuerst aufzog; allein nachstürzten sich jene.
655
Zwar die Danaer wichen genötiget auch von den vordern
Schiffen zurück; doch dort beharrten sie bei den Gezelten
Scharweis, nicht sich zerstreuend durchs Lager umher; denn es hielt sie
Scham und Furcht; sie ermahnten sich unablässig einander.
Nestor vor allen der Greis, der gerenische Hort der Achaier,
660
Flehete jeglichem Manne, bei Stamm und Geschlecht ihm beschwörend:
Seid nun Männer, o Freund', und Scham erfüll' euch die Herzen
Scham vor anderen Menschen! Noch mehr erinnre sich jeder
Seines Weibs, und der Kinder, des Eigentums, und der Eltern,
Welchen sie leben sowohl, als welchem bereits sie gestorben!
665
Ihrenthalb, der Entfernten, beschwör' ich jetzo euch flehend,
Tapfer den Feind zu bestehn, und nicht zur Flucht euch zu wenden!
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Allen nunmehr von den Augen entnahm Athene des Dunkels
Hehres Gewölk; und Licht umstrahlte sie hiehin und dorthin,
670
Nach der Seite der Schiff, und des allverheerenden Krieges.
Hektor sahn sie, den Rufer im Streit, und sahn die Genossen,
Jene, die hinterwärts sich entferneten, müde des Kampfes,
Und die mutig den Kampf um die rüstigen Schiffe noch kämpften.
Nicht mehr jetzt gefiel es dem heldenmütigen Ajas,
675
Dort in der Ferne zu stehn mit den anderen Söhnen Achaias;
Sondern der Schiffe Verdeck' umwandelt' er, mächtiges Schrittes,
Und bewegt' in dein Händen die mächtige Stange des Meerkampfs,
Wohlgefügt mit Ringen, von zweiundzwanzig Ellen.
So wie ein Mann, mit Rossen daherzusprengen verständig,
680
Der, nachdem er aus vielen sich vier Reitrosse vereinigt,
Rasch aus dem flachen Gefilde zur großen Stadt sie beflügelt,
Auf dem gemeinsamen Weg'; und viel anstaunend ihm zuschaun,
Männer umher und Weiber; denn sicher stets und unfehlbar
Springt er vom anderen Roß aufs andere; und sie entfliegen:
685
So dort Ajas, auf vieler gerüsteten Schiffe Verdecke
Wandelt' er mächtiges Schritts; und es tönte sein Ruf bis zum Äther.
Immerdar mit schrecklichem Laut den Achaiern gebot er,
Daß sie Schiff' und Gezelte verteidigten. Aber auch Hektor
Weilete nicht im Haufen der dichtumpanzerten Troer;
690
Nein, wie ein glänzender Adler auf weitgeflügelter Vögel
Scharen daher sich stürzt, die weidend am Strom sich gelagert,
Kraniche, oder Gäns', und das Volk langhalsiger Schwäne:
So drang Hektor dort auf ein schwarzgeschnäbeltes Meerschiff
Grad' im stürmenden Lauf; ihn schwang von hinten Kronion
695
Mit allmächtiger Hand, und erregte die folgende Heerschar.
Wiederum ein bitterer Streit bei den Schiffen erhub sich;
Gleich als flög' unermüdet und nie bezwungenes Mutes
Jeder zum Kampfe daher: so tobten sie wild aneinander.
Dieser Gedank' entflammte die Streitenden: sie, die Achaier
700
Dachten nicht zu entfliehn vor den Schrecknissen, sondern zu sterben;
Aber den Troern hofft' ein jeglicher mutiges Herzens,
Anzuzünden die Schiff', und Achaias Helden zu morden.
Also gefaßt im Herzen bekämpften sie wütend einander.
Hektor erhub nun die Hand zum Steuerende des Meerschiffs,
705
Das, leichtsegelnd und schön, den Protesilaos gen Troja
Hergeführt, allein nicht wiederbrachte zur Heimat.
Hierum kämpfeten jetzt die Troer und die Achaier,
Wild durcheinander gemengt, und mordeten: siehe fürwahr nicht
Ferne des Bogenschusses erharrten sie, oder des Speeres;
710
Sondern nahe zusammen gedrängt, einmütiges Herzens,
Schwangen sie scharfe Beil' und hauende Äxt' aufeinander,
Auch gewaltige Schwerter, und zwiefach schneidende Lanzen.
Manches stattliche Schwert mit schwarzumwundenem Hefte
Stürzete dort aus der Hand in den Staub, und dort von den Schultern
715
Streitender Männer herab; und in Blut floß ringsum die Erde.
Hektor, nachdem er das Schiff anrührete, ließ es durchaus nicht,
Fest den Knauf in den Händen gefaßt, und ermahnte die Troer:
Feuer her, und erhebt in stürmendem Drange den Schlachtruf!
Uns nun sendete Zeus den Tag, der alle vergütet:
720
Daß wir die Schiff' einnehmen, die trotz den Unsterblichen landend
Uns so viel Unheiles gebracht, durch die Zagheit der Greise,
Welche, so oft zu kämpfen ich strebt' um die ragenden Steuer,
Immer mich selbst abhielten, und Kriegsvolk mir versagten.
Aber hat auch dann uns betört Zeus' waltende Vorsicht
725
Unseren Sinn; doch jetzo ermahnt er selbst und gebietet!
Jener sprach's; und sie stürmten noch heftiger auf die Achaier,
Ajas bestand nicht fürder, ihn drängten zu sehr die Geschosse;
Sondern entwich ein wenig, da Todesgraun er zuvorsah,
Hoch auf des Steuerers Bank, vom Verdeck des schwebenden Schiffes.
730
Dort gestellt nun späht' er umher, mit der Lanze die Troer
Stets von den Schiffen entfernend, wer loderndes Feuer herantrug;
Stets auch ruft' er mit schrecklichem Laut, und gebot den Achaiern:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
735
Wähnen wir denn, uns stehn noch tapfere Helfer dahinten?
Oder ein stärkerer Wall, der das Weh abwehre den Männern?
Keine Stadt ist nahe, mit türmender Mauer befestigt,
Die uns verteidigen könnt', abwechselndes Volk uns gewährend;
Sondern ja hier im Felde der dichtumpanzerten Troer
740
Liegen wir nahe dem Meer, entfernt vorn Lande der Väter!
Nur in den Armen ist Heil, und nicht in der Laue des Kampfes!
Sprach's, und schaltete wütend daher mit der spitzigen Lanze.
Wer auch alljetzt der Troer den räumigen Schiffen sich nahte,
Flammende Glut in der Hand, dem ermahnenden Hektor gehorsam;
745
Schnell verwundet' ihn Ajas, mit langem Speer ihn empfangend.
Zwölf mit stürmender Hand vor Achaias Schiffen erlegt' er.

Sechzehnter Gesang

Dem Patroklos erlaubt Achilleus, in seiner Rüstung zur Verteidigung der Schiffe, aber nicht weiter, auszuziehn. Ajas wird überwältigt, und das Schiff brennt. Achilleus treibt den Patroklos sich zu bewaffnen, und ordnet die Scharen. Patroklos vertreibt die Troer, erst vom brennenden Schiffe, dann völlig. Verfolgung und Abschneidung der äußersten. Sarpedons Tod. Patroklos ersteigt die Mauer, wird aber von Apollon gehemmt.
Hektor fährt gegen Patroklos zurück, der seinem Wagenlenker Kebriones tötet. Den tapferen Patroklos macht Apollon betäubt und wehrlos; worauf ihm Euphorbos den Rücken, dann Hektor den Bauch durchbohrt. Seinen Genossen Automedon verfolgt Hektor.

Also kämpften sie dort um das schöngebordete Meerschiff.
Aber Patroklos trat zum Völkerhirten Achilleus,
Heiße Tränen vergießend, der finsteren Quelle vergleichbar,
Die aus jähem Geklipp' hergeußt ihr dunkles Gewässer.
5
Mitleidsvoll erblickt ihn der mutige Renner Achilleus;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Warum also geweint, Patrokleus? gleich wie ein Mägdlein,
Klein und zart, das die Mutter verfolgt, und: nimm mich! sie anfleht,
An ihr Gewand sich schmiegend, den Lauf der Eilenden hemmet,
10
Und mit tränenden Augen emporblickt, bis sie es aufhebt:
So auch dir, Patroklos, entrinnt das tröpfelnde Tränchen.
Bringst du den Myrmidonen Verkündigung, oder mir selber?
Hast du etwa allein Botschaft aus Phtia vernommen?
Lebt doch annoch, wie sie sagen, Menötios, Aktors Erzeugter;
15
Peleus auch, des Äakos' Sohn, lebt herrschend im Volke:
Welche zween wir am meisten betrauerten, wenn sie gestorben.
Oder um Argos' Volk wehklagest du, wie es verderbt wird
An den geräumigen Schiffen, zum Lohn des eigenen Frevels?
Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.
20
Schwer aufseufzend erwidertest du, Gaultummler Patroklos:
Peleus' Sohn, Achilleus, erhabenster Held der Achaier,
Zürne mir nicht; zu schwer ja belastet der Gram die Achaier!
Denn sie alle bereits, die vordem die tapfersten waren,
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet:
25
Wund von Geschoß ist Tydeus' Sohn, der Held Diomedes;
Wund von der Lanz' Odysseus der Herrliche, und Agamemnon;
Auch Eurypylos traf ein fliegender Pfeil in die Lende.
Dieser pflegen umher vielkundige Ärzte mit Heilung,
Lindernd die Qual. Du aber bist ganz unbiegsam, Achilleus!
30
Nie doch fülle der Zorn die Seele mir, welchen du hegest,
Starker zu Weh! Wer anders genießt dein, auch in der Zukunft,
Wenn du nicht die Argeier vorn schmählichen Jammer errettest?
Grausamer! Nicht dein Vater war traun der reisige Peleus,
Noch auch Thetys die Mutter; dich schuf die finstere Meerflut,
35
Dich hochstarrende Felsen: denn starr ist dein Herz und gefühllos!
Aber wofern im Herzen ein Götterspruch dich erschrecket,
Und dir Worte von Zeus die göttliche Mutter gemeldet;
Sende zum wenigsten mich, und der Myrmidonen Geschwader
Folge zugleich, ob ich etwa ein Licht der Danaer werde.
40
Gib mir auch um die Schultern die Rüstungen, welche du trägest;
Ob mich für dich ansehend vielleicht vom Kampfe die Troer
Abstehn, und sich erholen die kriegrischen Männer Achaias
Ihrer Angst, wie klein sie auch sei die Erholung des Krieges.
Leicht auch können wir Frische die schon ermüdeten Kämpfer
45
Rückwärts drängen zur Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Also sprach er flehend, der Törichte! Siehe, sich selber
Sollt' er jetzo den Tod und das schreckliche Schicksal erflehen!
Unmutsvoll antwortete drauf der Renner Achilleus:
Wehe mir, edeler Held Patrokleus, welcherlei Rede!
50
Weder ein Wink der Götter bekümmert mich, welchen ich wahrnahm;
Noch hat Worte von Zeus mir die göttliche Mutter gemeldet.
Aber der bittere Schmerz hat Seel' und Geist mir durchdrungen,
Wenn nunmehr den Gleichen ein Mann zu berauben gedenket,
Und sein Geschenk zu entziehn, da nur an Gewalt er vorangeht!
55
Das ist mir bitterer Schmerz; denn ich trug unendlichen Kummer!
Jene, die mir auskoren zum Ehrengeschenk die Achaier,
Und mit der Lanz' ich gewann, die türmende Feste zerstörend,
Sie nun rafft' aus den Händen der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus' Sohn, als wär' ich ein ungeachteter Fremdling!
60
Aber vergangen sei das Vergangene! Nimmer ja war auch
Sonder Rast zu zürnen mein Vorsatz; denn ich beschloß zwar
Eher nicht den Groll zu besänftigen, aber sobald nun
Meinen Schiffen genaht das Feldgeschrei und Getümmel.
Du denn hülle die Schultern in meine gepriesene Rüstung,
65
Führ' auch das streitbare Volk der Myrmidonen zum Kampfe:
Weil ja mit düsterem Graun der Troer Gewölk sich umherzog,
Gegen die Schiff' anstürmend; und jen', am Gestade des Meeres
Eingezwängt, nur wenig des schmalen Raums noch behaupten,
Argos' Söhn', und der Troer gesamte Stadt auf sie eindringt,
70
Trotziglich: denn nicht schaun sie von meinem Helme die Stirne
Nah herstrahlen voll Glanz! Bald hätten sie fliehend die Graben
Angefüllt mit Toten, wenn mir Agamemnon der Herrscher
Billigkeit hätte gewährt; nun kämpfen sie rings um das Lager!
Denn nicht Tydeus' Sohn Diomedes schwingt in den Händen
75
Seinen wütenden Speer, der Danaer Schmach zu entfernen;
Noch den tönenden Ruf von Atreus' Sohne vernehm' ich
Aus dem verhaßten Mund: doch Hektors Ruf, des Erwürgers,
Trojas Söhn' anmahnend, umschmettert mich! Jene mit Kriegsschrei
Decken das ganze Gefild', und besiegen im Kampf die Achaier!
80
Dennoch jetzt, Patroklos, das Weh von den Schiffen entfernend,
Stürz' in die Troer mit Macht; daß nicht in flammendem Feuer
Jene die Schiff' anzünden, und rauben die fröhliche Heimkehr.
Aber vernimm, wie dir's mit umfassendem Wort ich gebiete;
Daß du mir hochherrlichen Ruhm und Ehre gewinnest
85
Vor dem Volk der Achaier, und sie das rosige Mägdlein
Wieder zurück mir geben, und köstliche Gaben hinzutun:
Treib' aus den Schiffen sie weg, und wende dich! Ob dir vielleicht auch
Ruhm zu gewinnen verleiht der donnernde Gatte der Here;
Doch nicht ohne mich selbst verlange dein Herz zu bekämpfen
90
Trojas streitbare Söhne: denn weniger ehrte mich solches.
Auch nicht üppiges Mutes im Streit und Waffengetümmel
Führe du, mordend die Troer, das Volk vor Ilios Mauern;
Daß nicht her vom Olympos der ewig waltenden Götter
Einer dir nah'; es liebt sie der treffende Phöbos Apollon:
95
Sondern zurück dich gewandt, nachdem du den Schiffen Errettung
Brachtest, und laß die andern im Feld' umher sich ermorden.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen', und Apollon,
Auch kein einziger Troer sich rettete, aller die da sind,
Auch der Danaer keiner; und wir nur entflohn der Vertilgung;
100
Daß wir allein abrissen die heiligen Zinnen von Troja!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Ajas bestand nicht fürder; ihn drängten zu sehr die Geschosse.
Denn ihn bezwang Zeus' heiliger Rat, und die mutigen Troer,
Werfend Geschoß; daß schrecklich der leuchtende Helm um die Schläfen
105
Ringsumprallt von Geschoß aufrasselte; denn es umprallt' ihm
Stets das gebuckelte Erz; und links erstarrt' ihm die Schulter,
Stets vom Schilde beschwert, dem beweglichen: dennoch vermocht' ihn
Keiner umher zu erschüttern, mit Todesgeschoß ihn umdrängend.
Häufig indes und schwer aufatmet' er, und es umfloß ihn
110
Rings von den Gliedern herab der Angstschweiß; nimmer Erholung
Ward ihm vergönnt; ringsher ward Graun an Graun ihm gereihet.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wie nun Feuer zuerst einfiel in der Danaer Schiffe.
Hektor heran sich stürzend auf Ajas' eschene Lanze
115
Schwang das gewaltige Schwert, und dicht an der Öse des Erzes
Schmettert' er grade sie durch; und der Telamonier Ajas
Zuckt' umsonst in der Hand den verstümmelten Schaft, da geschleudert
Fern die Spitze von Erz mit Getön hinsank auf den Boden.
Ajas erkannte nunmehr in erhabener Seel' aufschauernd,
120
Göttergewalt, daß gänzlich des Kampfs Anschläge vereitle
Der hochdonnernde Zeus, und den Troern gönne den Siegsruhm;
Und er entwich dem Geschoß. Da warfen sie brennendes Feuer
Schnell in das Schiff, und plötzlich durchflog unlöschbar umher Glut.
Also lodert' am Steuer die Flamm' auf. Aber Achilleus
125
Schlug sich die Hüften vor Schmerz, und sprach zum Freunde Patrokleus:
Hebe dich, edeler Held Patrokleus, reisiger Kämpfer!
Denn ich seh' in den Schiffen des feindlichen Feuers Gewalt nun!
Eh' sie die Schiff' einnehmen, und kein Entfliehn noch vergönnt wird!
Hüll' in die Waffen dich schnell; und ich selbst versammle die Völker!
130
Jener sprach's; doch Patroklos umschloß sich mit blendendem Erze.
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung.
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch,
Künstlich und sternenhell, des äakidischen Renners;
135
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Eherner Kling'; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt' er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Auch zwo mächtige Lanzen, gerecht in den Händen, ergriff er.
140
Nur nicht nahm er den Speer des untadligen Peleionen,
Schwer und groß und gediegen; es konnt' ihn der Danaer keiner
Schwingen, allein vermocht' ihn umherzuschwingen Achilleus:
Pelions ragende Esche, die Cheiron schenkte dem Vater,
Pelions Gipfel enthaun, zum Mord den Heldengeschlechtern.
145
Aber Automedon hieß er in Eil' anschirren die Rosse,
Ihn den trautesten Freund nach dem Scharentrenner Achilleus,
Und ihm bewährt vor allen den stürmenden Kampf zu bestehen.
Und Automedon führt' in das Joch die hurtigen Rosse
Xanthos und Balios her, die rasch hinflogen wie Winde:
150
Diese gebar dem Zephyros einst die Harpye Podarge,
Weidend auf grüner Au an Okeanos strömenden Wassern,
Nebengespannt dann ließ er den mutigen Pedasos wandeln,
Den aus Eëtions Stadt siegreich einst führet' Achilleus,
Der, zwar sterblich gezeugt, mit unsterblichen Rossen einherlief.
155
Aber die Myrmidonen bewaffnete wandelnd Achilleus
Rings durch jedes Gezelt mit Rüstungen. Jene, wie Wölfe,
Gierig nach Fleisch, und ihr Herz voll unermeßlicher Stärke,
Welche den mächtigen Hirsch mit Geweih, den sie würgten im Bergwald,
Fressend umstehn, sie alle von Blut die Backen gerötet;
160
Jetzo geschart hinrennend zur finstersprudelnden Quelle,
Lecken sie, dünn die Zungen gestreckt, des dunklen Gewässers
Obenhin, ausspeiend den blutigen Mord; und es trotzet
Kühn im Busen ihr Herz, und gedehnt sind allen die Bäuche:
Also der Myrmidonen erhabene Fürsten und Pfleger,
165
Wild um den edlen Genossen des äakidischen Renners
Stürmten sie; unter der Schar stand kriegrisches Mutes Achilleus,
Laut ermahnend die Ross' und schildgewappneten Männer.
Fünfzig waren der Schiffe von raschem Lauf, die Achilleus
Her gen Troja geführt, der Göttliche; aber in jedem
170
Waren fünfzig Männer, die Ruderbänke bedeckend.
Diesen ordnet' er fünf Kriegsobersten, welchen er traute,
Zum Befehl; und er selber gebot obwaltend den Herrschern.
Eine der Ordnungen führte Menesthios, rasch in dem Panzer,
Er ein Sohn Spercheios, des himmelentsprossenen Stromes:
175
Ihn gebar Polydora, des Peleus' liebliche Tochter,
Durch Spercheios Kraft, das Weib zum Gotte gelagert;
Doch als Vater genannt ward Boros, der Sohn Perieres,
Welcher sie öffentlich nahm nach unendlicher Bräutigamsgabe.
Drauf die andere führt' Eudoros, jener beherzte
180
Jungfraunsohn, den die schönste zu Reigentanz Polymele,
Phylas Tochter, gebar: denn der mächtige Argoswürger
Liebte sie, als er im Chor der Sängerinnen sie wahrnahm
Tanzend an Artemis' Fest, der Göttin mit goldener Spindel;
Eilend stieg er zum Söller empor, und umarmte sie heimlich,
185
Hermes, der Retter aus Not; und den glänzenden Sohn Eudoros
Trug ihr Schoß, im Laufe so rasch, und so rasch in der Feldschlacht.
Aber nachdem ihn jetzo die ringende Eileithya
Zog an das Tageslicht, und der Sonne Glanz er gesehen;
Führete jen' Echeklos, der starke Sohn des Aktor,
190
Heim in seinen Palast, nach unendlicher Bräutigamsgabe;
Phylas indes der Greis erzog den Knaben, und pflegt' ihn
Mit treuherziger Lieb', als wär's sein leibliches Söhnlein.
Drauf der Dritten gebot der streitbare Held Peisandros,
Mämalos' Sohn, der berühmt vor den myrmidonischen Kämpfern
195
Strebt an Kunde des Speers, nach Achilleus' Freunde Patroklos.
Dann der Vierten gebot der graue reisige Phönix.
Endlich der Sohn Laerkes Alkimedon führte die Fünfte.
Aber nachdem sie alle zusamt den Gebietern Achilleus'
Wohl gereiht und gestellt, jetzt rief er mit Ernst die Befehle:
200
Keiner, o Myrmidonen, vergesse mir alle die Drohung,
Die bei den rüstigen Schiffen ihr angedroht den Troern,
Stets dieweil ich gezürnt; und wie sehr mich jeder beschuldigt:
Grausamer Peleussohn, ja mit Gall' erzog dich die Mutter!
Harter, mit Zwang an den Schiffen die traurenden Freunde zu halten!
205
Heimwärts laß uns vielmehr in rüstigen Schiffen des Meeres
Kehren, da dir doch also von bösem Zorne das Herz tobt!
Dies oft redetet ihr in Versammlungen. Nun ist erschienen,
Sehet, der Tag des Gefechts, nach welchem so lang' ihr geschmachtet!
Jetzt, wem das mutige Herz es gebeut, der bekämpfe die Troer!
210
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer;
Enger noch schlossen die Reihn, nachdem sie den König vernommen.
Fest wie die Wand sich füget ein Mann aus gedrängeten Steinen,
Eines erhabenen Saals, die Gewalt der Winde vermeidend:
Also fügten sich Helm' und genabelte Schild' aneinander,
215
Tartsch' an Tartsche gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger;
Und die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich
Mit hellschimmernden Zacken: so dichtvereint war die Heerschar.
Vornan gingen dem Zug die zween gewappneten Krieger,
Beide, Patroklos der Held und Automedon, mutiges Herzens,
220
Einzuhaun vor der Schar der Ihrigen. Aber Achilleus
Eilte zurück ins Gezelt, und hob den Deckel des Kastens,
Welchen, schön und künstlich, die silberfüßige Thetys
Ihm mitgab in das Schiff, wohlangefüllt mit Gewanden,
Mit dickwolligen Decken, und windabwehrenden Mänteln.
225
Drin auch lag ihm ein Becher voll Kunstwerk; nimmer noch hatte
Weder ein andrer daraus des funkelnden Weines getrunken,
Noch er einem gesprengt der Unsterblichen, außer Kronion.
Den aus dem Kasten erhebend nun reinigte jener mit Schwefel
Erst, und wusch ihn darauf in lauteren Fluten des Wassers;
230
Wusch dann sich selber die Händ', und schöpfte des funkelnden Weines;
Trat in die Mitte des Hofs, und betete, sprengte den Wein dann,
Schauend gen Himmel empor, und nicht unbemerkt von Kronion:
Zeus, dodonischer König, pelasgischer, ferne gebietend,
Herrscher im frostigen Hain Dodonas, wo dir die Seller
235
Dienst gelobt, ungewaschen die Füß', auf Erde gelagert!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier:
Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen.
Selbst zwar bleib' ich allhier im Kreis der Schiffe beharrend;
240
Aber den Freund entsend' ich mit häufigen Myrmidonen
Hin zur Schlacht. O gesell' ihm Siegsruhm, Herrscher der Welt Zeus!
Stärke sein Herz im Busen mit Tapferkeit, daß nun auch Hektor
Lernen mög', ob allein auch den Kampf zu tragen verstehe
Unser Waffengenoß, ob nur dann die unnahbaren Händ' ihm
245
Wüten, wann ich ihm zugleich eingeh' ins Getümmel des Ares!
Aber sobald von den Schiffen er Streit und Getöse verdränget;
Unverletzt mir alsdann in die rüstigen Schiffe gelang' er,
Samt dem Waffengeschmeid' und den nah' anstürmenden Freunden!
Also sprach er flehend; ihn hörete Zeus Kronion.
250
Doch ein anderes gab ihm der Gott, ein andres versagt' er:
Weg von den Schiffen zu drängen den Streit und das Kriegesgetöse,
Gab er; allein versagte, gesund aus dem Streite zu kehren.
Jetzo, nachdem er gesprengt, und Zeus dem Vater geflehet,
Eilt' er zurück ins Gezelt, und legt' in den Kasten den Becher,
255
Kam dann, und stand vor dem Zelte; denn noch verlangte das Herz ihm,
Anzuschaun der Troer und Danaer blutige Feldschlacht.
Jene nunmehr um Patroklos den Mutigen wohlgerüstet
Zogen einher, in die Troer mit trotziger Kraft sich zu stürzen.
Schnell wie ein Schwarm von Wespen am Heerweg, strömten sie vorwärts,
260
Die mutwillige Knaben erbitterten nach der Gewohnheit,
Immerdar sie kränkend, die hart am Wege genistet,
Törichtes Sinns, da sie vielen gemeinsames Übel bereiten;
Denn wofern ein wandernder Mann, der etwa vorbeigeht,
Absichtslos sie erregt, schnell tapferes Mutes zur Abwehr
265
Fliegen sie alle hervor, ihr junges Geschlecht zu beschirmen:
Also die Myrmidonen, von tapferem Mute beseelet,
Strömten sie vor aus den Schiffen; und graunvoll brüllte der Schlachtruf
Aber Patroklos gebot mit lautem Ruf den Genossen:
Myrmidonen, Erwählte des Peleiaden Achilleus,
270
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes:
Daß wir Peleus' Sohn verherrlichen, ihn der voranstrebt
Allen in Argos' Volk, dem stürmen zum Kampf die Genossen;
Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!
275
Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Wild eindrang in die Troer die Heerschar; und in den Schiffen
Donnerte dumpf nachhallend das Feldgeschrei der Achaier.
Doch wie die Troer ersahn Menötios' tapferen Sprößling,
Ihn, und seinen Genossen, in strahlendem Waffengeschmeide;
280
Regte sich allen das Herz, und es schwankten verwirrt die Geschwader,
Wähnend, es hab' an den Schiffen der mutige Renner Achilleus
Abgelegt den zürnenden Groll, und Freundschaft erkoren;
Jeglicher schaut' umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.
Aber Patroklos zuerst entschwang die blinkende Lanze,
285
Grad' in die Mitte hinein, wo am dichtesten schwoll das Getümmel,
Hinten am dunkelen Schiff des erhabenen Protesilaos;
Und er traf den Pyrächmes, der gaulgewandte Päonen
Führt' aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer:
Rechts ihm durchbohrt' er die Schulter; und rücklings hinab auf den Boden
290
Taumelt' er, laut wehklagend; und rings die päonischen Freunde
Flüchteten, alle von Schrecken betäubt vor dem edlen Patroklos,
Als den Gebieter er schlug, den Tapfersten einst in der Feldschlacht.
Weg von den Schiffen sie trieb er, und löschte die lodernde Flamm' aus.
Halbverbrannt blieb stehen das Schiff, und es flohen die Troer
295
Mit graunvollem Getümmel; es gossen sich nach die Achaier
Durch die geräumigen Schiff'; und es tobt' unermeßlicher Aufruhr.
Wie wenn hoch vom ragenden Haupt des großen Gebirges
Dickes Gewölk fortdrängt der Donnerer Zeus Kronion;
Hell sind rings die Warten der Berg', und die zackigen Gipfel,
300
Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther:
So, da die feindliche Glut sie hinweggedrängt von den Schiffen,
Atmeten auf die Achaier; doch nicht war Ruhe der Feldschlacht.
Denn nicht flohn die Troer vor Argos' kriegrischen Söhnen,
Schon die Rücken gewandt, von den dunkelen Schiffen des Meeres;
305
Sondern sie boten noch Trotz, und wichen aus Zwang von den Schiffen.
Nun schlug Mann vor Mann, im zerstreueten Kampf der Entscheidung,
Jeglicher Fürst: doch zuerst Menötios' tapferer Sprößling,
Schnell wie jener sich kehrte, durchschoß Areïlykos' Schenkel
Mit scharfspitziger Lanze, daß vorn das Erz ihm hervordrang;
310
Krachend zerbrach das Gebein, und vorwärts hin auf den Boden
Taumelt' er. Drauf Menelaos der kriegrische bohrte dem Thoas
Neben dem Schild' in die offene Brust, und löst' ihm die Glieder.
Phyleus' Sohn den Amphiklos, der wild anstürmte, bemerkend,
Zuckt' ihm entgegen die Lanz' in das obere Bein, wo am dicksten
315
Strotzt die Wade des Menschen von Fleisch; es zerriß ihm die Sehnen
Rings das durchbohrende Erz, und die Augen ihm schattete Dunkel.
Nestors Söhn': er Antilochos fuhr mit der spitzigen Lanze
Gegen Atymnios an, und durchstieß ihm die Weiche des Bauches;
Und er entsank vorwärts; da schwang mit der Lanze sich Maris
320
Nah an Antilochos her, voll Zorns um den leiblichen Bruder,
Vor den Erschlagnen gestellt; doch der göttliche Held Thrasymedes
Streckte den Speer, eh' jener verwundete; nicht ihn verfehlend,
Drang in die Schulter das Erz; und hinweg vom Gelenke des Armes
Rissen die Muskeln zerfleischt, und es brach der zerschmetterte Knochen;
325
Dumpf hinkracht' er im Fall, und die Augen ihm schattete Dunkel.
Also dort, zween Brüdern gebändiget, gingen die Brüder
Beid' in des Erebos Nacht, Sarpedons tapfre Genossen,
Lanzenkundige Söhn' Amisodaros, der die Chimära
Nährte, das Ungeheuer, das viel hinraffte der Menschen.
330
Ajas, Oileus' Sohn, sprang vor, und ergriff Kleobulos
Lebend, indem das Gedräng' ihn hinderte; aber sofort ihm
Löst' er die Kraft, mit gewaltigem Schwert in den Nacken ihm hauend:
Ganz ward warm die Klinge vom spritzenden Blut; und die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
335
Siehe Peneleos rannt' und Lykon zugleich aneinander;
Denn mit Lanzen verfehlten sie beid', und warfen vergebens;
Jetzt mit erhobenem Schwert anrannten sie: Lykon zuerst nun
Traf den gekegelten Helm an dem Roßbusch, aber am Hefte
Sprang ihm die Klinge zerknickt; Peneleos unter dem Ohr ihm
340
Schwang in den Nacken das Schwert, ganz taucht' es hinein, und die Haut nur
Hing, und getrennt hinschwebte das Haupt, ihm erschlafften die Glieder.
Aber Meriones haschte den Akamas hurtiges Laufes,
Als er den Wagen bestieg, und stach ihm rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Nacht umzog ihm die Augen.
345
Aber Idomeneus traf in Erymas Mund mit des Erzes
Stoß; und es drang aus dem Nacken die eherne Lanze durchbohrend
Unter dem Hirn ihm hervor, und zerbrach die Gebeine des Hauptes;
Und ihm entstürzten die Zähn', und Blut erfüllte die Augen
Beid', auch atmet' er Blut aus dem offenen Mund' und der Nase
350
Röchelnd empor; und dunkles Gewölk des Todes umhüllt' ihn.
Diese Danaerfürsten ermordeten jeder den seinen.
Wie wenn Wölf' in Lämmer sich stürzeten, oder in Zicklein,
Grimmvoll, weg sie zu rauben aus weidender Herd' im Gebirge,
Welche vom Hirten versäumt sich zerstreuete; jen' es ersehend
355
Nahn in Eil', und durchwürgen die mutlos bebenden Tierlein:
So in die Troer nun stürzten die Danaer; nur des Entfliehens
Dachten sie und des Geschreis, und vergaßen des stürmenden Mutes.
Ajas der Größere strebte den erzumschimmerten Hektor
Stets mit dem Speer zu erreichen; doch er voll Kriegeserfahrung,
360
Mit stierledernem Schilde bedeckt um die mächtigen Schultern,
Nahm in acht der Pfeile Geschwirr und das Sausen der Lanzen.
Zwar bereits erkannt' er der Schlacht abwechselnden Siegsruhm;
Aber auch so verweilt' er, und rettete teure Genossen.
Wie vom Olympos daher ein Gewölk den Himmel umwandelt,
365
Aus hellstrahlendem Äther, wann Zeus Sturmwetter verbreitet:
So von den Schiffen zurück war Angst und Geschrei und Verfolgung.
Nicht in geordnetem Zuge durchdrangen sie. Hektorn entführte
Hurtiges Laufs sein Gespann mit den Rüstungen; aber zurück blieb
Trojas Volk, das in Angst die gegrabene Tiefe noch hemmte.
370
Viel' in dem Graben umher der wagenbeflügelnden Rosse
Ließen zerschellt an der Deichsel zurück die Geschirre der Eigner.
Aber Patroklos verfolgte, mit Macht die Achaier ermunternd,
Unglück drohend dem Feind'; und rings mit Geschrei und Getümmel
Füllten sie jeglichen Weg, die Zerstreueten; hoch zu den Wolken
375
Wirbelte finsterer Staub; und es sprengten die stampfenden Rosse
Langgestreckt nach der Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Er, wo das dickste Gedräng' hintummelte, sprengte Patroklos
Nach mit tönendem Ruf, und vorwärts unter die Räder
Stürzten die Männer in Staub, und zerrüttete Sessel erkrachten.
380
Über den Graben hinweg nun sprang der Unsterblichen Rosse
Schnelles Gespann, die dem Peleus die ehrenden Götter geschenket,
Vorwärts eilend im Sturm; denn auf Hektor reizte der Mut ihn,
Daß sein Speer ihn ereilte, der schnell mit den Rossen dahinfloh.
Wie wenn stürmischer Regen die schwarze Erd' umher deckt,
385
Spät in Tagen des Herbstes, wann reißende Wasser ergießet
Zeus, heimsuchend im Zorn die Freveltaten der Männer,
Welche gewaltsam richtend im Volk die Gesetze verdrehen,
Und ausstoßen das Recht, sorglos um die Rache der Götter;
Alle nunmehr sind ihnen gedrängt die flutenden Ströme,
390
Viel Abhäng' auch verschwemmen die schroff aushöhlenden Wasser;
Und in das finstere Meer mit lautem Geräusch sich ergießend,
Taumeln sie hoch vom Gebirg'; und verheert sind die Werke der Menschen:
Also die troischen Rosse, da laut mit Geräusch sie dahinflohn.
Doch wie Patroklos nunmehr abschnitt die nächsten Geschwader,
395
Scheucht' er gewandt zu den Schiffen die Flüchtlinge, und zu der Stadt nicht
Ließ er die Sehnenden weiter hinaufziehn; sondern im Mittel
Dort der Schiff' und des Stromes, und dort der türmenden Mauer,
Mordet' er stürmend umher, und schaffte sich viele Vergeltung.
Siehe den Pronoos warf er zuerst mit blinkender Lanze
400
Neben dem Schild in die offene Brust, und löst' ihm die Glieder;
Dumpf hinkracht' er im Fall. Dann auf Thestor, Enops Erzeugten,
Wieder dahergestürzt: der saß in dem zierlichen Sessel,
Eingeschmiegt; denn die Angst betäubte sein Herz, und den Händen
War das Gezäum entsunken: da stieß ihm jener genahet
405
Rechts in den Backen den Speer, und ganz ihm die Zähne durchbohrt' er;
Über den Rand dann zog er am Schaft ihn: gleich wie ein Fischer,
Auf vorragender Klippe gesetzt, den gewaltigen Meerfisch
Aufwärts zieht aus den Fluten an Schnur und eherner Angel:
So an blinkender Lanze den Schnappenden zog er vom Sessel,
410
Schüttelt' ihn dann aufs Gesicht; und der Fallende hauchte den Geist aus.
Jener nun warf Eryalos, der gegen ihn lief, mit dem Steine
Grad' auf die Mitte des Haupts; und ganz voneinander zerbarst es
Unter dem lastenden Helm, und vorwärts hin auf den Boden
Taumelt' er; aber des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
415
Weiter den Erymas dann, und Amphoteros, und den Epaltes,
Pyres, und Echios dann, und Tlepolemos, Sohn des Damastor,
Ipheus dann, und Euippos, und Argeas' Sohn Polymelos,
Streckt' er gehäuft miteinander zur nahrungsprossenden Erde.
Jetzt wie Sarpedon ersah die gurtlos trotzenden Freunde
420
Unter Patroklos' Hand des Menötiaden bezwungen;
Laut ermahnt' er und schalt der Lykier göttliche Heerschar:
Schande doch, Lykias Volk! wo entflieht ihr? Rüstig gewandt nun!
Denn ich will begegnen dem Manne da; daß ich erkenne,
Wer da umher so schaltet, und schon viel Böses den Troern
425
Stiftete; weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!
Sprach's, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Auch Patroklos, sobald er ihn schauete, sprang aus dem Sessel.
Beide den Habichten gleich, scharfklauigen, krummgeschnabelt,
Die auf luftigem Fels mit wildem Getön sich bekämpfen:
430
Also mit lautem Geschrei nun stürzten sie gegeneinander.
Diese schaut' erbarmend der Sohn des verborgenen Kronos;
Und zur Here begann er, der leiblichen Schwester und Gattin:
Wehe mir, wann das Geschick Sarpedon, meinen Geliebten,
Unter Patroklos' Hand des Menötiaden mir bändigt!
435
Zwiefachen Rat nun bewegt mein sinnendes Herz im Busen:
Ob ich ihn lebend annoch aus der tränenbringenden Feldschlacht
Setze hinweggerafft in Lykiens fruchtbare Fluren;
Oder ihn unter der Hand des Menötiaden bezwinge.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
440
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher! hast du geredet?
Einen sterblichen Mann, längst ausersehn dem Verhängnis,
Denkst du anitzt von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu's! doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
445
Wenn du ihn lebend entsendest in seinen Palast den Sarpedon;
Dann bedenk', ob nicht ein anderer Gott auch begehre,
Seinen geliebten Sohn der schrecklichen Schlacht zu entführen.
Denn noch viel' um die Feste des herrschenden Priamos kämpfen
Söhn' unsterblicher Götter; die trügen dir heftigen Groll nach.
450
Aber wofern du ihn liebst, und deine Seel' ihn betrauert;
Siehe so laß ihn zwar im Ungestüme der Feldschlacht
Sterben, besiegt von der Hand des Menötiaden Patroklos;
Doch sobald ihn verlassen der Geist und der Odem des Lebens,
Gib ihn hinwegzutragen dem Tod' und dem ruhigen Schlafe,
455
Bis sie gekommen zum Volk des weiten Lykierlandes:
Wo ihn rühmlich bestatten die Brüder zugleich und Verwandten
Mit Grabhügel und Säule; denn das ist die Ehre der Toten.
Jene sprach's; ihr gehorchte der waltende Herrscher der Welt Zeus.
Siehe mit blutigen Tropfen beträufelt' er jetzo die Erde,
460
Ehrend den lieben Sohn, den bald ihm sollte Patroklos
Tilgen in Trojas Lande, dem scholligen, fern von der Heimat.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo traf Patroklos den herrlichen Held Thrasymelos,
Der ein tapfrer Genoß Sarpedons war des Gebieters;
465
Diesem durchbohrt' er unten den Bauch, und löst' ihm die Glieder.
Auch Sarpedon verfehlt' ihn selbst mit der blinkenden Lanze,
Werfend den anderen Wurf; doch Pedasos stürmt' er dem Rosse
Rechts in die Schulter den Speer; und es röchelte schwer aufatmend,
Stürzete dann in den Staub mit Geschrei, und das Leben entflog ihm.
470
Jene sprangen zerscheucht, und es knarrte das Joch, und die Zügel
Wirrten sich, als in dem Staube das Nebenroß sich herumwarf
Doch Automedon steurte, der Lanzenschwinger, dem Unheil:
Schnell das geschliffene Schwert von der nervichten Hüfte sich reißend,
Naht' und zerhieb er den Strang des getöteten, nicht unentscheidend;
475
Und nun stellten sich beid', und zogen gerad' in den Strängen.
Wieder bekämpften sich jen' im vertilgenden Kampfe des Todes.
Doch Sarpedon verfehlt' auch jetzt mit der blinkenden Lanze;
Denn links über die Schulter Patroklos' stürmt' ihm des Erzes
Schärf', und verwundete nicht. Nun schwang der edle Patroklos
480
Seinen Speer; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;
Sondern traf, wo ums Herz des Zwerchfells Hülle sich windet;
Und er entsank, wie die Eiche dahinsinkt, oder die Pappel,
Oder die stattliche Tanne, die hoch auf Bergen die Künstler
Ab mit geschliffenen Äxten gehaun, zum Balken des Schiffes:
485
Also lag er gestreckt vor dem rossebespanneten Wagen,
Knirschend vor Angst, mit den Händen des blutigen Staubes ergreifend.
So wie den Stier ermordet ein Löw', in die Herde sich stürzend,
Ihn, der glänzend und stolz vorragt schwerwandelnden Rindern;
Doch er verhaucht aufstöhnend die Kraft in dem Rachen des Löwen:
490
So dem Patroklos erlag der geschildeten Lykier Heerfürst;
Zürnendes Muts hinsank er, und rief dem teuren Genossen:
Glaukos, o Freund, du des Kampfes Gewaltiger, jetzo gebührt dir's,
Lanzenschwinger zu sein, und unerschrockener Krieger!
Jetzo sein dir erwünscht Kriegsschrecknisse, wenn du beherzt bist!
495
Erst ermuntere nun der Lykier edle Gebieter,
Wandelnd um jegliche Schar, zu verteidigen ihren Sarpedon;
Aber sodann auch selber für mich mit dem Erze gekämpfet!
Denn dir werd' ich hinfort zur Schmach und daurenden Schande
Sein durch alle Geschlechter in Ewigkeit, wo die Achaier
500
Mir die Waffen entziehn, der im Kreis der Schiffe dahinsank!
Auf denn, heran mit Gewalt, und ermuntere jeglichen Streiter!
Als er dieses geredet, umschloß ihm das Ende des Todes
Augen zugleich und Nase. Gestemmt nun die Fers' auf die Brust ihm,
Zog er die Lanz' aus dem Leib; es folgt' ihr die Hülle des Herzens;
505
Also die Seele zugleich, und die Schärfe des Speers ihm entriß er.
Myrmidonen hielten des Königes schnaubende Rosse,
Sehnsuchtsvoll zu entfliehn, da der Eigner Geschirr sie verlassen.
Glaukos' Seele durchdrang Wehmut bei der Rede des Freundes;
Und ihm stürmte das Herz, daß nicht er vermochte zu helfen.
510
Fassend drückt' er den Arm mit der Hand; denn es quälte die Wund' ihn
Heftig, die Teukros ihm dem Stürmenden schoß mit dem Pfeile,
Als er die ragende Mauer verteidigte seinen Genossen.
Laut nun fleht' er empor zum treffenden Phöbos Apollon:
Herrscher, vernimm; ob vielleicht du in Lykias fruchtbarem Lande
515
Bist, vielleicht auch in Troja: du kannst aus jeglichem Ort ja
Hören den leidenden Mann, wie anjetzt mich leiden umdränget!
Diese Wund' hier trug' ich, die schreckliche! Ganz wird der Arm mir
Von tiefbrennenden Schmerzen gepeiniget; nicht auch zu hemmen
Ist das quellende Blut, und beschwert mir starret die Schulter!
520
Nicht den Speer zu halten vermag ich noch, oder zu kämpfen,
Unter die Feinde gemengt: und der tapferste Mann, Sarpedon
Starb, Zeus' Sohn! der sogar des eigenen Kindes nicht achtet!
Hilf denn du, o Herrscher, die schreckliche Wunde mir heilend!
Schläfere ein die Schmerzen, und stärke mich: daß ich die Männer
525
Lykiens rufend umher aufmuntere, tapfer zu streiten;
Und auch selbst um die Leiche des Abgeschiedenen kämpfe!
Also sprach er flehend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Plötzlich stillt' er die Schmerzen, und hemmt' aus der schrecklichen Wunde
Sein schwarzrinnendes Blut, und haucht' ihm Mut in die Seele.
530
Glaukos aber erkannt' es im Geist, und freute sich herzlich,
Daß so schnell sein Gebet der mächtige Gott ihm gewähret.
Erst ermuntert' er nun der Lykier edle Gebieter,
Wandelnd um jegliche Schar, zu verteidigen ihren Sarpedon.
Aber sodann auch die Troer durchwandelt' er, mächtiges Schrittes,
535
Hin zu Polydamas, Panthoos Sohn, und dem edlen Agenor,
Auch zu Äneias darauf, und dem erzumschimmerten Hektor;
Nahe trat er zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
Hektor, so gänzlich nunmehr vergaßest du deiner Berufnen,
Welche für dich, von Freunden entfernt und Vatergefilde,
540
Hier aushauchen den Geist; du aber versagst sie zu retten!
Siehe Sarpedon sank, der geschildeten Lykier Heerfürst,
Welcher Lykiens Heil durch Gerechtigkeit und durch Gewalt hob;
Unter Patroklos' Speer bezwang ihn der eherne Ares.
Eilet hinzu, ihr Geliebten, und nehmt zu Herzen die Kränkung,
545
Wenn ihn die Myrmidonen entwaffneten, wenn sie den Leichnam
Schändeten, über den Tod der Danaer aller erbittert,
Die um die hurtigen Schiffe wir ausgetilgt mit den Lanzen!
Jener sprach's; und die Troer umschlug schwerlastender Kummer,
Ungestüm, und unleidlich; denn eine Säule der Stadt war
550
Jener, wiewohl aus fremdem Geschlecht: viel tapferes Volkes
Führt' er daher, er selbst der tapferste Held in der Heerschar.
Gradan drangen sie wild in die Danaer; aber voran ging
Hektor, glühend vor Zorn um Sarpedon. Auch die Achaier
Trieb des Menötiaden Patrokleus männliches Herz an.
555
Erst zu den Ajas begann er, die selbst schon glühten von Kampflust:
Ajas ihr, nun müsse der Feind' Abwehr euch erwünscht sein,
So wie vordem mit Männern ihr schaltetet, oder noch tapfrer!
Seht, er liegt, der zuerst einbrach in der Danaer Mauer,
Er Sarpedon der Held! O daß wir entstellten den Leichnam,
560
Daß wir die Wehr von der Schulter ihm raubeten, auch der Genossen
Manchen im Streit um ihn selber mit grausamem Erze bezähmten!
Jener sprach's; und auch selbst schon waren sie gierig des Kampfes.
Aber da beiderseits sie dichter verstärkt die Geschwader,
Troer und Lykier dort, hier Myrmidon' und Achaier;
565
Rannten sie wild um die Leiche des Abgeschiednen zu kämpfen,
Mit graunvollem Geschrei; und es rasselten Waffen der Männer.
Zeus mit entsetzlicher Nacht umzog das Getümmel des Mordes,
Daß um den trauten Sohn noch entsetzlicher tobte die Kriegswut.
Trojas Söhn' itzt drängten die freudigen Krieger Achaias:
570
Denn es sank nicht der feigste der myrmidonischen Männer,
Er vom Held Agakles erzeugt, der edle Epeigeus:
Welcher mit Macht geboten im wohlbewohnten Budeion
Ehmals; aber nachdem er den trefflichen Vetter getötet,
Kam er um Peleus Schutz und der silberfüßigen Thetys;
575
Welche zugleich mit Achilleus dem Scharentrenner ihn sandten
Gegen Ilios her, zum Kampf mit den reisigen Troern.
Der nun faßte den Toten; da warf der strahlende Hektor
Ihm mit dem Steine das Haupt; und ganz voneinander zerbarst es
Unter dem lastenden Helm, und vorwärts hin auf den Leichnam
580
Taumelt' er; aber des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
Schmerz ergriff den Patroklos, da tot sein Freund ihm dahinsank.
Gradan stürmt' er durchs Vordergewühl, mit der Schnelle des Habichts,
Welcher den flüchtigen Schwarm der Star' und Dohlen verfolget:
So in der Lykier Schar, Patrokleus, reisiger Kämpfer,
585
Stürmtest du ein und der Troer, ergrimmt um den Tod des Genossen.
Sieh, er traf Sthenelaos, Ithämenes Sohn, an den Nacken
Mit dem gewaltigen Stein, und zerschmetterte ganz ihm die Sehnen.
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Weit wie die Lanz' im Schwunge, die langgeschaftete, hinfliegt,
590
Wenn sie ein Mann aussendet mit Kraft, entweder im Kampfspiel,
Oder im Schlachtgefild', umdroht von mordenden Feinden:
So weit wichen die Troer, gedrängt von den Söhnen Achaias.
Glaukos aber zuerst, der geschildeten Lykier Heerfürst,
Wandte sich um, und erschlug den großgesinnten Bathykles,
595
Chalkons trefflichen Sohn, der, ein Haus in Hellas bewohnend,
Reich an Gut und Habe vor Myrmidonen hervorschien:
Diesem nunmehr stieß Glaukos die Lanz' in die Mitte des Busens,
Gegen ihn plötzlich gewandt, als schon ihn ereilt der Verfolger;
Dumpf hinkracht' er im Fall. Da ergriff Wehmut die Achaier,
600
Als der Tapfere sank; doch die Troer freuten sich herzlich;
Und sie umstanden gedrängt den Liegenden: auch die Achaier,
Nicht vergessend der Kraft, kühn drangen sie grad' in die Heerschar.
Aber Meriones traf den Laogonos unter den Troern,
Tapfer und kühn, den Sohn des Onetor, welcher ein Priester
605
War des idäischen Zeus, wie ein Gott im Volke geehret:
Den an Backen und Ohr durchschmettert' er, daß aus den Gliedern
Schnell der Geist ihm entfloh; und grauliches Dunkel umfing ihn.
Gegen Meriones schwang den ehernen Speer Äneias;
Denn er hofft' ihn zu treffen, wie unter dem Schild' er dahertrat.
610
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Vorwärts niedergebückt; da flog der gewaltige Speer ihm
Über das Haupt in die Erde, daß hinten der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes,
Des ergrimmt' Äneias im mutigen Geist, und begann so:
615
Bald, o Meriones, hätte dich leichtgewendeten Tänzer
Meine Lanz' auf immer beruhiget, hätt' ich getroffen.
Aber der speerberühmte Meriones sagte dagegen:
Schwer wird dir's, Äneias, wiewohl du ein mächtiger Held bist,
Aller Menschen Gewalt zu bändigen, wer dir entgegen
620
Kommt zum Streite gefaßt; auch du bist sterblich geboren.
Wenn ich selber dich träf, erzielt mit der Schärfe des Erzes:
Bald, wie tapfer du bist, und mächtigen Händen vertrauend,
Gäbst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul' Aïdoneus!
Jener sprach's; da straft' ihn Menötios' tapferer Sprößling:
625
Warum, Edler im Streit, Meriones, schwatzest du also?
Trautester, nie ja werden vor schmähenden Worten die Troer
Weichen vom Toten zurück, eh' manchen noch decket die Erde.
Denn im Arm ist Entscheidung des Kriegs, und des Wortes im Rate.
Drum nicht Rede zu häufen gebührt uns, sondern zu kämpfen!
630
Sprach's, und eilte voran; ihm folgte der göttliche Streiter.
Jetzo wie laut das Getös' holzhauender Männer emporsteigt
Aus des Gebirgs Waldtal, und weit umher es gehört wird:
So dort stieg ein Getön von der weitumwanderten Erde,
Erzes zugleich und Leders und wohlbereiteter Stierhaut,
635
Unter dem Stoß der Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen.
Nicht wär' itzt, auch ein achtsamer Mann, der den edlen Sarpedon
Kennete; so mit Geschossen, mit Blut ringsher, und mit Staube
War er vom Haupte bedeckt bis hinab zu den äußersten Sohlen.
Immer noch den Toten umschwärmten sie: gleich wie die Fliegen
640
Sumsen im Meierhof' um die milcherfülleten Eimer,
Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:
Also dort den Toten umschwärmten sie. Aber Kronion
Wandte nie vom Getümmel der Schlacht die strahlenden Augen;
Sondern schaut' auf die Streiter hinab, und vieles im Herzen
645
Dacht' er über den Tod des Patrokleus, tiefnachsinnend:
Ob bereits auch jenen, in schreckenvoller Entscheidung,
Dort um den hohen Sarpedon die Kraft des strahlenden Hektors
Tilgte mit mordendem Erz, und die Wehr von der Schulter ihm raubte;
Oder ob mehrere noch er überhäufte mit Arbeit.
650
Dieser Gedank' erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Daß der tapfre Genoß des Peleiaden Achilleus
Wieder der Troer Volk und den erzumschimmerten Hektor
Rückwärts drängte zur Stadt, und vielen noch raubte das Leben.
Hektorn sandt' er zuerst unmutige Furcht in die Seele;
655
Und er sprang in den Sessel, und wandte sich, rufend den andern
Troern zu fliehn; denn er kannte Kronions heilige Waage.
Auch nicht Lykias Helden verweileten, sondern gescheucht flohn
Alle, nachdem sie den König gesehn, der im Herzen verwundet
Lag, im Gemisch der Toten gestreckt; denn viel' um ihn selber
660
Sanken in Blut, da den heftigen Streit anstrengte Kronion.
Jen' entzogen nunmehr von Sarpedons Schulter die Rüstung,
Schimmernd von Erz, und hinab zu den räumigen Schiffen zu tragen
Gab sie den Kampfgenossen Menötios' tapferer Sprößling.
Jetzo begann zu Apollon der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
665
Phöbos, geh', o Geliebter, vom dunkelen Blut ihn zu säubern;
Aus dem Geschoß enthebe Sarpedon, trage darauf ihn
Fern hinweg an den Strom, und spül' ihn rein im Gewässer;
Auch mit Ambrosia salb' ihn, und hüll' ihm ambrosisch Gewand um.
Dann ihn wegzutragen vertrau den schnellen Geleitern,
670
Beiden dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn
Setzen ins weite Gebiet des fruchtbaren Lykierlandes:
Wo ihn rühmlich bestatten die Brüder zugleich und Verwandten
Mit Grabhügel und Säule; denn das ist die Ehre der Toten.
Jener sprach's; und dem Vater war nicht unfolgsam Apollon.
675
Eilend schwebt' er vom Idagebirg' in die schreckliche Feldschlacht;
Aus dem Geschoß enthub er den Held Sarpedon, und trug ihn
Fern hinweg an den Strom, und spült' ihn rein im Gewässer;
Auch mit Ambrosia salbt' er, und hüllt' ihm ambrosisch Gewand um.
Dann ihn wegzutragen vertraut' er den schnellen Geleitern,
680
Beiden dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn
Setzten ins weite Gebiet des fruchtbaren Lykierlandes.
Aber Patroklos, die Ross' und Automedon laut ermahnend,
Jagte den Troern nach und Lykiern, rennend ins Unheil:
Törichter! Hätt' er das Wort des Peleiaden bewahret,
685
Traun er entrann dem bösen Geschick des dunkelen Todes.
Aber Zeus' Ratschluß ist mächtiger stets, denn der Menschen:
Der auch den tapferen Kämpfer verscheucht, und den Sieg ihm entwendet,
Sonder Müh; dann wieder ihn selbst antreibt zum Gefechte:
Er der jenem auch nun das Herz im Busen entflammte.
690
Welchem entzogst du zuerst, und welchem zuletzt das Geschmeide,
Als, o Menötios' Sohn, dich zum Tod' itzt riefen die Götter?
Ihn den Adrastos zuerst, Antonoos dann, und Echeklos,
Perimos, Megas' Sohn, und Epistor, samt Melanippos,
Weiter den Elasos drauf, und Mulios, auch den Pylartes,
695
Rafft' er dahin; doch die andern entzitterten alle voll Schreckens.
Jetzt hätt' Argos Volk die türmende Troja erobert,
Unter Patroklos' Hand; so tobt' er voran mit der Lanze:
Wenn nicht Phöbos Apollon auf festgegründetem Turme
Dastand, ihm Verderben ersann, und die Troer beschirmte.
700
Dreimal stieg zur Ecke der hohen Mauer Patroklos
Kühn hinan, und dreimal verdrängte mit Macht ihn Apollon,
Gegen den leuchtenden Schild mit unsterblichen Händen ihm stoßend.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
705
Weiche mir, edeler Held Patrokleus! Nicht dir gewährt ist,
Daß dein Speer verwüste die Stadt hochherziger Troer;
Nicht dem Achilleus einmal, der weit an Kraft dir vorangeht!
Jener sprach's; da entwich mit eilendem Schritt Patroklos,
Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
710
Hektor am skäischen Tor nun hielt die stampfenden Rosse;
Denn er sann, ob er kämpfte, zurück ins Getümmel sie treibend,
Oder dem Volk in die Mauer sich einzuschließen geböte.
Als er solches erwog, da nahete Phöbos Apollon,
Gleich an Gestalt dem Mann in blühender Stärke der Jugend,
715
Asios, welcher ein Ohm des rossetummelnden Hektors
War, der Hekabe Bruder, und Sohn des trefflichen Dymas,
Welcher in Phrygia wohnt' an Sangarios' grünenden Ufern;
Dessen Gestalt nachahmend begann itzt Phöbos Apollon:
Hektor, warum entziehst du dem Kampfe dich? Wenig geziemt dir's!
720
Möcht' ich, so weit ich dir folge, so weit an Stärke dir vorgehn;
Bald dann wärst du zum Graun hinweg aus dem Kampfe gewichen!
Aber wohlan, auf Patroklos gelenkt die stampfenden Rosse;
Ob du vielleicht ihn erlegst, und Ruhm dir gewähret Apollon!
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
725
Doch dem Kebriones rief der helmumflatterte Hektor,
Daß er die Ross' in die Schlacht angeißelte. Aber Apollon
Drang in die Scharen hinein, und empört' in grauser Verwirrung
Argos' Volk; doch die Troer und Hektor schmückt' er mit Ehre.
Hektor vermied sonst alle die Danaer, keinen ermordend;
730
Nur auf Patroklos lenkt' er die mächtig stampfenden Rosse.
Auch Patroklos dagegen entsprang vom Geschirr auf die Erde,
Trug in der Linken den Speer, und faßt' in die Rechte den Marmor,
Glänzendweiß, rauhzackig, den eben die Faust ihm umspannte.
Angestrengt nun warf er; und nicht flog säumend zum Manne,
735
Noch verirrt das Geschoß; den Wagenlenker des Hektor
Traf er, Kebriones, ihn des Priamos' mutigen Bastard,
Wie er die Zügel gefaßt, an der Stirn mit dem zackigen Steine.
Beide Brauen zerknirscht' ihm der Fels; nicht wehrte des Hauptes
Knochen ihm; sondern die Augen entflossen zur Erd' in den Staub ihm.
740
Dort vor die Füße hinab; und schnell, wie ein Taucher von Ansehn,
Schoß er vom prangenden Sitz, und der Geist verließ die Gebeine.
Kränkenden Spott nun riefst du daher, Gaultummler Patroklos:
Wunder doch, wie behende der Mann! wie leicht er hinabtaucht!
Übt' er die Kunst einmal in des Meers fischreichen Gewässern;
745
Viele sättigte wahrlich der Mann mit gefangenen Austern,
Hurtig vom Bord abspringend, und stürmt' es noch so gewaltig:
So wie jetzt im Gefild' er behend' aus dem Wagen hinabtaucht!
Traun, auch im troischen Volk sind unvergleichliche Taucher!
Also sprach er, und stürzt' auf Kebriones Leiche des Helden,
750
Ungestüm, wie ein Löwe, der ländliche Hürden verödend,
Jetzt an der Brust verwundet, durch eigene Kühnheit vertilgt wird:
So auf Kebriones dort, Patrokleus, sprängest du wütend.
Hektor auch dagegen entsprang vom Geschirr auf die Erde.
Beid' um Kebriones kämpften, wie zween blutgierige Löwen,
755
Die auf den Höhn des Gebirgs um eine getötete Hindin,
Beide von Hunger gequält, hochtrotzendes Muts sich bekämpfen:
So um Kebriones dort die zween schlachtkundigen Männer,
Er Patroklos, Menötios' Sohn, und der strahlende Hektor,
Strebend einander den Leib mit grausamem Erz zu verwunden.
760
Hektor, nachdem er das Haupt anrührete, ließ es durchaus nicht;
Drüben hielt Patroklos am Fuß ihn; und sie umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Wie wenn der Ost und der Süd mit Gewalt wetteifernd daherstürmt
In des Gebirgs Waldtalen, den tiefen Forst zu erschüttern,
765
Buche zugleich und Esch' und zähumwachsne Kornelle;
Daß sie wild aneinander die ragenden Äste zerschlagen
Mit graunvollem Getös', und der Sturz der Zerbrochnen umherkracht:
Also stürzten die Troer und Danaer gegeneinander,
Mordend, nicht hier noch dort der verderblichen Flucht sich erinnernd,
770
Viel' um Kebriones starrten der spitzigen Lanzen geheftet,
Auch der gefiederten Pfeile, die schnellenden Bogen entsprangen;
Viel' auch der mächtigen Steine zerschmetterten krachende Schilde
Kämpfender Männer umher; er lag im Gewirbel des Staubes,
Groß, weithingestreckt, der Wagenkunde vergessend.
775
Weil annoch die Sonne am Mittagshimmel einherging;
Hafteten jegliches Heeres Geschoß', und es sanken die Völker.
Aber sobald die Sonne zum Stierabspannen sich neigte;
Jetzt ward gegen das Schicksal die Übermacht den Achaiern:
Denn sie entrissen den Held Kebriones aus den Geschossen,
780
Und aus der Troer Geschrei, und raubten die Wehr von den Schultern.
Aber Patroklos stürzte mit feindlicher Wut in die Troer.
Dreimal stürzt' er hinein, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Schreiend mit grausen Getön; dreimal neun Männer erschlug er.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
785
Jetzt war dir, Patroklos, genaht das Ende des Lebens.
Denn dir begegnete Phöbos im Ungestüme der Feldschlacht
Fürchterlich. Doch nicht merkt' er den Wandelnden durch das Getümmel,
Weil in finstere Nacht der begegnende Gott sich gehüllet.
Hinten stand und schlug er den Rücken ihm zwischen den Schultern,
790
Mit gebreiteter Hand; da schwindelten jenem die Augen.
Auch ihm hinweg vom Haupte den Helm schlug Phöbos Apollon;
Dieser rollte dahin, und erklang von den Hufen der Rosse
Hell, der gekegelte Helm; und besudelt ward ihm der Haarbusch
Ganz in Blut und Staube. Zuvor nicht war es nur denkbar,
795
Daß der umflatterte Helm besudelt würd' in dem Staube;
Sondern dem göttlichen Manne das Haupt und die liebliche Stirne
Deckt' er, dem Peleionen: allein Zeus gab ihn dem Hektor
Jetzt auf dem Haupte zu tragen; doch nah' ihm war das Verderben.
Auch in den Händen zerbrach ihm die weithinschattende Lanze,
800
Schwer und groß und gediegen, die eherne; und von den Schultern
Sank ihm der Schild mit dem Riemen, der langausreichende nieder.
Auch den Harnisch löst' ihm der herrschende Phöbos Apollon.
Graun nun betäubte sein Herz, und starr die blühenden Glieder,
Stand er erstaunt. Doch von hinten die spitzige Lanz' in den Rücken
805
Bohrt' ihm zwischen die Schultern genaht ein dardanischer Krieger,
Panthoos' Sohn Euphorbos, der vor den Genossen der Jugend
Prangt' an Lanz', an reisiger Kunst, und an hurtigen Schenkeln:
Denn schon zwanzig vordem der Kämpfenden stürzt' er vom Wagen,
Als er zuerst im Geschirre daherflog, lernend die Feldschlacht.
810
Dieser warf dir zuerst ein Geschoß, Gaultummler Patroklos;
Doch bezwang er dich nicht: dann eilt' er zurück in die Heerschar,
Schnell aus der Wund' entraffend den eschenen Speer, und bestand nicht
Vor Patroklos, entblößt wie er war, im Kampf der Entscheidung.
Jener, vom Schlag des Gottes gebändiget, und von der Lanze,
815
Rasch in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
Hektor, sobald er sahe den hochgesinnten Patroklos
Wieder dem Kampf sich entziehn, vom spitzigen Erze verwundet,
Stürmt' er ihm nahe daher durch die Ordnungen, stieß dann die Lanze
Ihm in die Weiche des Bauchs, daß hinten das Erz ihm hervordrang:
820
Dumpf hinkracht' er im Fall, und erfüllte mit Gram die Achaier.
Wie den gewaltigen Eber der Löw' im Kampfe bezwinget,
Die auf den Höhn des Gebirgs hochtrotzendes Muts sich bekämpfen,
Nahe dem mäßigen Quell; denn sie sehnen sich beide zu trinken;
Aber der Schnaubende stürzt, der Gewalt des Löwen gebändigt:
825
Also bezwang den Würger, Menötios' tapferen Sprößling,
Hektor, Priamos' Sohn, und entriß mit dem Speer ihm das Leben.
Laut nunmehr frohlockt' er, und sprach die geflügelten Worte:
Ha! Patroklos, du dachtest die Stadt uns bald zu verwüsten,
Und die troischen Weiber, beraubt der heiligen Freiheit,
830
Weg in Schiffen zu führen zum lieben Lande der Väter!
Törichter! Jenen zum Schutz sind Hektors hurtige Rosse
Kühn im Sturm zu durchsprengen die Feldschlacht; auch mit der Lanze
Rag' ich selbst vor den Helden des Troervolks, und entferne
Ihnen der Knechtschaft Tag! Hier fressen dich jetzo die Geier!
835
Elender! Nichts hat, stark wie er ist, dir geholfen Achilleus,
Welcher gewiß dort bleibend dir Gehenden mancherlei auftrug:
Kehre nur ja nicht eher, Patrokleus, reisiger Kämpfer,
Zu den gebogenen Schiffen, bevor des mordenden Hektors
Blutigen Panzerrock ringsher um die Brust du zerrissen!
840
Also sprach er vielleicht, und bewog das törichte Herz dir!
Schwaches Lauts antwortetest du, Gaultummler Patroklos:
Immerhin, o Hektor, erhebe dich! Dir ja gewährte
Siegsruhm Zeus der Kronid' und Apollon, die mich bezwungen,
Sonder Müh; denn sie selber entzogen die Wehr von den Schultern.
845
Solche wie du, wenn mir auch zwanzige wären begegnet,
Alle sie lagen gestreckt, von meiner Lanze gebändigt!
Mich hat böses Geschick, und Letos Sohn nur getötet,
Und von Menschen Euphorbos; du dritter nur raubst mir die Waffen.
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
850
Selbst fürwahr nicht lange noch wandelst du, sondern bereits dir
Nahe steht zur Seite der Tod und das grause Verhängnis,
Daß du erliegst vor Achilleus, dem göttlichen Äakiden.
Als er dieses geredet, umschloß ihn das Ende des Todes;
Aber die Seel' aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
855
Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Auch dem Toten erwiderte noch der strahlende Hektor:
Was weissagest du mir, Patrokleus, grauses Verderben?
Wer doch weiß, ob Achilleus, der Sohn der lockigen Thetys,
Nicht von meiner Lanze durchbohrt sein Leben verliere?
860
Also sprach der Held, und den ehernen Speer aus der Wund' ihm
Zog er, die Fers' anstemmend, und warf ihn zurück von dem Speere.
Schnell alsdann mit dem Speer zu Automedon kam er gewandelt,
Ihm dem edlen Genossen des äakidischen Renners,
Sehnsuchtsvoll ihn zu treffen; allein die unsterblichen Rosse
865
Retteten ihn, die dem Peleus die ehrenden Götter geschenket.

Siebzehnter Gesang

Streit um Patroklos. Euphorbos von Menelaos erlegt. Hektor, von Automedon sich wendend, raubt dem Patroklos die Rüstung, ehe Ajas, Telamons Sohn, ihn verscheucht. Drauf in Achilleus' Rüstung verstärkt er den Angriff auf den Leichnam, dem mehrere Achaier zu Hilfe eilen. Hartnäckiger Kampf bei wechselndem Glück. Die traurenden Rosse des Achilleus, die Zeus gestärkt, lenkt Automedon in die Schlacht, wo Hektor und Äneias
umsonst ihn angreifen. Um Patroklos wankender Sieg. Menelaos sendet den Antilochos mit der Nachricht zu Achilleus. Er selbst und Meriones tragen den Leichnam, indes beide Ajas abwehren.

Nicht unbemerkt dem Atreiden, dem kriegrischen Held Menelaos,
War's, wie Menötios' Sohn den Troern erlag in der Feldschlacht.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Kam und umwandelt' er ihn, wie ihr Kalb die blökende Starke,
5
Die ihr Erstes gebar, noch neu den Sorgen der Mutter:
Also umging Patroklos der bräunliche Held Menelaos.
Vor ihn streckt' er die Lanz', und den Schild von gerundeter Wölbung,
Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem.
Auch nicht Panthoos' Sohn vergaß, der Lanzenberühmte,
10
Sein des gefallnen Patroklos, des herrlichen; sondern genaht ihm
Stand er, und rief, anredend den streitbaren Held Menelaos:
Atreus' Sohn, Menelaos, du Göttlicher, Völkergebieter,
Weiche zurück vom Toten, und laß mir die blutige Rüstung!
Keiner zuvor der Troer und rühmlichen Bundesgenossen
15
Hat Patroklos verletzt im Ungestüme der Feldschlacht:
Drum laß mich Siegsehre verherrlichen unter den Troern,
Eh' ich dich treff', und hinweg dein süßes Leben dir raube!
Unmutsvoll nun begann der bräunliche Held Menelaos:
Vater Zeus, nicht ziemt es, so trotzige Worte zu rufen!
20
Nie doch trotzt' ein Pardel so fürchterlich, nie auch ein Löwe,
Noch der Eber des Waldes, der grimmige, welchem vor allen
Großer Zorn im Busen mit drohender Stärke daherschnaubt:
Als sich Panthoos' Söhne, die Lanzenschwinger, erheben!
Doch nicht hatte fürwahr die Heldenkraft Hyperenors
25
Seiner Jugend Genuß, da der Schmähende wider mich hertrat!
Dieser lästerte mich den verworfensten Krieger Achaias;
Aber ich mein', er kehrte mir nicht mit eigenen Füßen
Heim, der liebenden Gattin zur Freud', und den würdigen Eltern.
Also lös' ich auch dir die strebende Kraft, wo du näher
30
Gegen mich kommst! Wohlan denn, ich rate dir, weiche mir eilig
Unter die Menge zurück, und scheue dich, mir zu begegnen;
Eh' dich ein Übel ereilt! Geschehenes kennet der Tor auch!
Sprach's, und nicht ihn bewegt' er; vielmehr antwortet' er also:
Traun nunmehr, Menelaos, du Göttlicher, sollst du mir büßen,
35
Daß du den Bruder erschlugst, und rühmend der Tat dich erhebest,
Daß du zur Witwe gemacht sein Weib in der bräutlichen Kammer,
Und unnennbaren Gram den jammernden Eltern bereitet!
Ach den Elenden würd' ich des Grams Erleichterung schaffen,
Wenn ich zurück dein Haupt und die blutigen Rüstungen tragend
40
Überreicht in Panthoos' Hand und der göttlichen Phrontis!
Doch nicht länger annoch sei unversucht uns die Arbeit,
Und nicht leer der Entscheidung, der Tapferkeit und des Entsetzens!
Jener sprach's, und rannt' auf den Schild von gerundeter Wölbung;
Doch nicht brach er das Erz; denn rückwärts bog sich die Spitze
45
Auf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
Atreus' Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion:
Dann dem Zurückgezognen gerad' in die Wurzel des Schlundes
Stieß er, und drängete nach, der nervichten Rechte vertrauend;
Daß ihm hindurch aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang:
50
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Blutig troff ihm das Haar, wie der Huldgöttinnen Gekräusel,
Schöngelockt, und zierlich mit Gold' und Silber durchflochten.
Gleich dem stattlichen Sprößling des Ölbaums, welchen ein Landmann
Nährt am einsamen Ort, wo genug vorquillt des Gewässers;
55
Lieblich sproßt er empor, und sanft bewegt ihn die Kühlung
Aller Wind' umher, und schimmernde Blüte bedeckt ihn;
Aber ein schnell andrängender Sturm mit gewaltigen Wirbeln
Reißt aus der Grube den Stamm, und streckt ihn lang auf die Erde:
Also erschlug den Euphorbos, den panthoidischen Streiter,
60
Atreus' Sohn Menelaos, und raubt' ihm die prangende Rüstung.
Jetzt wie ein Löw' im Gebirge genährt, der Stärke vertrauend,
Hascht aus der werdenden Herde die Kuh, die am schönsten hervorschien;
Ihr nun bricht er den Nacken, mit mächtigen Zähnen sie fassend,
Erst, dann schlürft er das Blut und die Eingeweide hinunter,
65
Und zerfleischt; doch ringsum die Hund' und die Männer des Hirten
Scheuchen ihn laut anschreiend von fernher, aber auch keiner
Wagt ihm entgegen zu gehn, denn es faßte sie bleiches Einsetzen;
Also wagt' auch keinem das mutige Herz in dem Busen,
Dort ihm entgegen zu gehn, dem rühmlichen Held Menelaos.
70
Leicht enttrüg' er nunmehr Euphorbos prangende Rüstung,
Atreus' Sohn, wenn nicht ihm neidete Phöbos Apollon,
Der ihm den Hektor erregte, dem stürmenden Ares vergleichbar:
Denn er naht' in Mentes Gestalt, des Kikonengebieters;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
75
Hektor, du läufst nun also einher, Unerreichbares suchend,
Nach des Peleiden Gespann, des feurigen! Schwer sind die Rosse
Jedem sterblichen Manne zu bändigen, oder zu lenken,
Außer Achilleus selbst, den gebar die unsterbliche Mutter.
Aber indes hat Atreus' erhabener Sohn Menelaos,
80
Als er Patroklos umging, dir den tapfersten Troer ermordet,
Panthoos' Sohn Euphorbos, den stürmenden Mut ihm bezähmend.
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
Hektorn umfing Wehmut das finstere Herz in dem Busen.
Ringsum schaut' er nunmehr durch die Ordnungen; plötzlich erkannt er
85
Ihn, der die prangende Wehr sich erbeutete, jenen zur Erde
Hingestreckt, dem das Blut aus offener Wund' hervorrann.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Eilt' er und schrie lautauf, wie die lodernde Glut des Hephästos
Ungestüm. Wohl hörte den schmetternden Ruf der Atreide;
90
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir! wenn ich anitzt die prangende Rüstung verlasse,
Samt Patroklos, der hier mein Ehrenretter dahinsank;
Eifern wird mir jeder der Danaer, welcher mich anschaut!
Aber wofern ich allein mit Hektor kämpf' und den Troern,
95
Scheuend die Schmach; dann, sorg' ich, umringen mich einzelnen viele,
Wenn mit dem ganzen Volk anstürmt der gewaltige Hektor.
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Wagt es ein Mann, dem Dämon zum Trotz, mit dem Helden zu kämpfen,
Den ein Himmlischer ehrt, bald rollt auf das Haupt ihm ein Unheil.
100
Darum eifre mir keiner der Danaer, welcher mich siehet
Weichen vor Hektors Macht; denn er kämpft mit Hilfe der Götter.
Wenn ich indes nur Ajas den Rufer im Streit wo vernähme;
Beide dann kehrten wir um, des freudigen Kampfes gedenkend,
Selbst dem Dämon zum Trotz, ob entziehn wir möchten den Leichnam
105
Für den Peleiden Achilleus; denn Besserung wär' es dem Unglück.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung;
Nahten bereits die Troer in Schlachtreihn, folgend dem Hektor.
Jetzo wich Menelaos hinweg, und verließ den Erschlagnen,
Rückwärts häufig gewandt: wie ein bärtiger Löwe des Bergwalds,
110
Welchen Hund' und Männer hinweg vom Gehege verscheuchen
Rings mit Speer und Geschrei; sein mutiges Herz in dem Busen
Schaudert ihm, und unwillig vom ländlichen Hof' entweicht er:
Also ging von Patroklos der bräunliche Held Menelaos;
Stand dann zum Feinde gekehrt, da der Seinigen Schar er erreichte,
115
Rings nach Ajas schauend, dem mächtigen Telamoniden.
Diesen erkannt' er sofort linkshin im Gemenge der Feldschlacht,
Wo er mit Mut beseelte die Freund', und ermahnte zu kämpfen;
Denn unermeßliche Schrecken erregte Phöbos Apollon.
Eilend lief er dahin, und bald ihm genahet begann er:
120
Ajas, her, o Geliebter! zum Kampf um den toten Patroklos
Eilen wir; ob ja die Leiche zu Peleus' Sohne wir bringen,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor.
Jener sprach's; doch Ajas dem Feurigen regt' er das Herz auf.
Schnell durch die vordersten ging er mit Atreus' Sohn Menelaos.
125
Hektor, nachdem er Patroklos beraubt der prangenden Rüstung,
Zog ihn, das Haupt von der Schulter zu haun mit schneidendem Erze,
Und den geschleiften Rumpf vor die troischen Hunde zu werfen.
Ajas naht' ihm nunmehr, und trug den türmenden Schild vor.
Schnell dann wandte sich Hektor zurück in die Schar der Genossen,
130
Sprang in den Sessel empor, und gab die prangende Rüstung
Troern zur Stadt zu tragen, ihm selbst zum herrlichen Denkmal.
Ajas mit breitem Schild den Menötiaden bedeckend,
Stand vor ihm, wie ein Löwe vor seine Jungen sich darstellt;
Väterlich führt er die Schwachen einher, da begegnen ihm plötzlich
135
Jagende Männer im Forst; und er zürnt wutfunkelndes Blickes,
Zieht die gerunzelten Brauen herab, und deckt sich die Augen:
Also erschien dort Ajas, den Held Patroklos umwandelnd.
Atreus' Sohn auch drüben, der streitbare Held Menelaos,
Stellte sich dar, mit unendlichem Graus die Seele belastet.
140
Glaukos nun, des Hippolochos' Sohn, der Lykier Heerfürst,
Schauete finster auf Hektor, und straft' ihn mit heftiger Rede:
Hektor, an Schönheit ein Held, der Tapferkeit mangelt dir vieles!
Traun umsonst erhebt dich der Ruhm, dich zagenden Flüchtling!
Sinn' itzt nach, wie du selber die Burg und die Feste verteidigst,
145
Du allein mit dem Volk, in Ilios Grenze geboren!
Denn der Lykier keiner bekämpft die Danaer künftig,
Eure Stadt zu beschirmen; dieweil ja nimmer ein Dank war,
Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!
Welchen geringeren Mann verteidigst du wohl in der Heerschar,
150
Grausamer, da du Sarpedon, der Gastfreund dir und Genoß war,
Unbeschützt den Achaiern zu Raub und Beute verließest?
Der so oft dir Nutzen geschafft, der Stadt und dir selber,
Weil er gelebt? Nun jenem die Hund' auch zu scheuchen verzagst du!
Drum anjetzt, wo mir einer der lykischen Männer gehorchet,
155
Kehren wir heim, und Troja versinkt in grauses Verderben!
Denn wenn jetzt die Troer entschlossene Kühnheit beseelte,
Unverzagt, wie Männer sie kräftiget, die für die Heimat
Gegen feindliche Männer des Kriegs Arbeiten erdulden;
Würden wir bald Patroklos hinein in Ilios ziehen.
160
Und wenn dieser nur erst in des herrschenden Priamos Feste
Käme, der tote Held, und wir dem Gefecht ihn entzögen;
Würden alsbald die Argeier Sarpedons prangende Rüstung
Lösen, zugleich ihn selber, in Ilios' Feste zu tragen.
Denn es sank der Genoß des Gewaltigen, welcher voranstrebt
165
Allen in Argos' Volk, dem stürmen zum Kampf die Genossen.
Und nicht Ajas einmal dem Mutigen hast du gewaget
Fest zu stehn mit geheftetem Blick in der Feinde Getümmel,
Noch gradan zu kämpfen; denn weit an Tapferkeit ragt er!
Finster schaut' und begann der helmumflatterte Hektor:
170
Glaukos, wie hast du, ein solcher, so übermütig geredet?
Wahrlich, mein Freund, ich glaubte, du seist verständig vor andern,
Welche durch Lykia rings hochschollige Äcker bewohnen.
Jetzo tadl' ich dich gänzlich den Einfall, welchen du vorbringst;
Der du sagst, nicht steh' ich dem übergewaltigen Ajas.
175
Niemals traun erschreckt mich die Schlacht und das Stampfen der Rosse!
Aber mächtiger stets ist Zeus' des Donnerers Ratschluß:
Der auch den tapferen Kämpfer verscheucht, und den Sieg ihm entwendet,
Sonder Müh; dann wieder ihn selbst antreibt zum Gefechte.
Aber wohlan, tritt näher, mein Freund, und schaue mein Tun an:
180
Ob ich verzagt erscheine den ganzen Tag, wie du redest;
Ob auch der Danaer manchen, wie heftiger Mut ihn entflammet,
Hemmen ich werde vom Kampf um den hingesunknen Patroklos!
Dieses gesagt, ermahnt' er mit lautem Rufe die Troer:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
185
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes;
Bis ich selbst in Achilleus' des Göttlichen Waffen mich hülle,
Köstliche, die von Patroklos' vertilgeter Kraft ich erbeutet.
Also rief und enteilte der helmumflatterte Hektor
Aus der erbitterten Schlacht, und erreicht' im Lauf die Genossen
190
Bald, nicht ferne davon, mit hurtigen Füßen verfolgend,
Welche zur Stadt hintrugen Achilleus' prangende Rüstung.
Jetzo gewandt vom Jammer der Feldschlacht, tauscht' er die Waffen;
Gab dann seine zu tragen in Ilios' heilige Feste
Trojas kriegrischen Söhnen, und zog die unsterbliche Wehr an,
195
Sein des Peleiden Achilleus, die göttliche Uranionen
Peleus dem Vater geschenkt; der reichte sie wieder dem Sohne,
Altend; doch nicht der Sohn ward alt in den Waffen des Vaters.
Als so entfernt ihn sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Wie er Achilleus' Waffen, des Göttergleichen, sich anzog;
200
Ernst bewegt' er das Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
Armer, ach! kein Todesgedank' umschwebt dir die Seele;
Und schon nahet er dir! Du zeuchst die unsterbliche Wehr an,
Sein des erhabenen Mannes, vor dem auch andere zittern!
Ihm den Genossen erschlugst du, so sanftgesinnt, und so tapfer;
205
Auch die Wehr, nicht der Ordnung gemäß, vom Haupt ihm und Schultern
Raubtest du! Dennoch will ich dir jetzt Siegsehre verleihen,
Des zum Vergelt, weil nicht dir Kehrenden aus dem Gefechte
Grüßend Andromache löst die gepriesene Wehr des Achilleus!
Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion.
210
Hektors Leib umschlossen die Rüstungen; stürmend durchdrang ihn
Ares' kriegrischer Geist, und innerlich strotzten die Glieder
Ihm voll Kraft und Gewalt. Zu den rühmlichen Bundesgenossen
Ging er mit lautem Geschrei; und allen nun schien er vergleichbar,
Leuchtend im Waffenschmuck, dem erhabenen Peleionen.
215
Rings das Gedräng' umwandelnd, ermuntert' er jeden mit Worten:
Mesthles dort, und Glaukos, Thersilochos auch, und Medon,
Auch Deisenor, Hippothoos auch, und Asteropäos,
Chromios auch, und Phorkys, und Eunomos, kundig der Vögel;
Alle sie trieb er zum Kampf, und sprach die geflügelten Worte:
220
Hört, unzählbare Stämm' umwohnender Bundesgenossen!
Nicht weil Menge des Volks ich verlangete, oder entbehrte,
Hab' ich rings euch daher aus eueren Städten versammelt;
Nein, daß Trojas Weiber und noch unmündige Kinder
Freudiges Muts ihr schirmtet vor Argos' kriegrischen Völkern.
225
Also gesinnt, erschöpf' ich durch Kriegessteuer und Speise
Unser Volk, und streb' euch allen das Herz zu ermuntern.
Drum nun grade hinein euch gewandt, und entweder gestorben,
Oder Heil euch erkämpft! denn das ist der Wandel des Krieges!
Doch wer mir Patroklos, auch nur den Erschlagenen, jetzo
230
Her zu Trojas Reisigen zieht, und Ajas zurückdrängt;
Dem erteil' ich die Hälfte der Beut', und die Hälfte behalt' ich
Selbst mir: dann ist der Ruhm ihm verherrlichet, gleichwie der meine.
Jener sprach's; und gerad' in die Danaer drangen sie machtvoll,
Alle die Lanzen erhöht, und getrost im Herzen von Hoffnung,
235
Herzuziehn den Toten vom Telamonier Ajas:
Törichte! Vielen umher auf dem Leichnam raubt' er das Leben.
Jetzo wandte sich Ajas zum Rufer im Streit Menelaos:
Trautester, o Menelaos, du Göttlicher! nimmer, erwart' ich,
Freuen wir noch uns selber der Heimkehr aus dem Gefechte!
240
Nicht so sehr noch sorg' ich um unseren toten Patroklos,
Der bald sättigen muß der Troer Hund' und Gevögel;
Als um mein eigenes Haupt ich besorgt bin, was es betreffe,
Und um deins! da des Krieges Gewölk rings alles umdunkelt,
Hektor; und uns mit Schrecken erscheint das nahe Verderben!
245
Auf denn, und rufe den Helden der Danaer, ob man es höre.
Sprach's; und willig gehorchte der Rufer im Streit Menelaos;
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Die ihr um Atreus' Söhn' Agamemnon und Menelaos
250
Trinkt vom Weine des Volks, und Gebot austeilet, ein jeder
Seiner Schar; da Zeus ihn mit Ruhm und Ehre verherrlicht!
Doch mir ist's unmöglich herauszuspähen die Führer
Jeden im Volk; zu heftig entbrannt ist die Flamme des Krieges!
Komme denn jeder von selbst, und fühle die Schmach in der Seele,
255
Daß Patroklos liege, den troischen Hunden ein Labsal!
Jener sprach's; wohl hört' ihn der schnelle Sohn des Oileus.
Dieser zuerst nun nahte, die Schlacht in Eile durchrennend;
Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus' Kriegsgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares.
260
Doch der anderen Namen wer könnt' im Geiste sie nennen,
Alle die jetzt nachfolgend die Schlacht der Achaier erweckten.
Vor nun drangen die Troer mit Heerskraft, folgend dem Hektor.
Wie wenn laut an der Mündung des himmelentsprossenen Stromes
Braust die gewaltige Flut, die heranwogt; rings dann die äußern
265
Felsengestad' auftosen, mit weithin spritzendem Salzschaum:
Solch ein Getön der Troer erscholl nun. Doch die Achaier
Standen fest um Menötios' Sohn, einmütiges Herzens;
Und erzstarrende Schild' umzäunten sie. Ihnen umher nun
Über die leuchtenden Helme verbreitete nächtliches Dunkel
270
Zeus: nie hatt' er zuvor Menötios' Sohn ja gehasset,
Weil er lebt', ein Genoß des äakidischen Renners;
Auch ein Greuel ihm war's, daß troischen Hunden zum Raube
Läge der Held; drum ihm zur Verteidigung sandt' er die Freunde.
Trojas' Söhn' itzt drängten die freudigen Krieger Achaias,
275
Daß von der Leiche hinweg sie entzitterten; aber auch keinen
Mordet' ein Speer der Troer, wie heftiges Muts sie auch strebten.
Doch sie zogen den Toten, allein nur wenig entfernt ihm
Sollten die Danaer sein; denn sogleich hatt' alle gewendet
Ajas, der hoch an Gestalt, und hoch an Taten hervorschien
280
Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus.
Grad' andrang er durchs Vordergefecht, wie ein trotzender Eber
Einbricht, der im Gebirge die Hund' und die rüstigen Jäger
Leicht auseinander zerstreut, durch die waldigen Tale sich wendend:
So des herrlichen Telamons Sohn, der strahlende Ajas,
285
Leicht, hinein sich stürzend, zerstreut' er der Troer Geschwader,
Welche rings Patroklos umwandelten, gieriges Herzens,
Ihn zur eigenen Feste zu ziehn, und Ruhm zu gewinnen.
Siehe Hippothoos nun, der Sohn des pelasgischen Lethos,
Zog am Fuß ihn hinweg durch schreckliches Waffengetümmel;
290
Denn er umband mit dem Riemen die Sehnen ihm unten am Knöchel,
Hektorn und den Troern gefällig zu sein; doch sofort ihm
Nahte das Weh, dem ihn keiner entriß der strebenden Freunde.
Denn der Telamonide, dahergestürmt durch den Aufruhr,
Schlug ihm nahe den Speer durch des Helms erzwangige Kuppel;
295
Und es zerbarst der umflatterte Helm um die Schärfe des Speeres,
Durchgehaun von der mächtigen Lanz' und der nervichten Rechte;
Und das Gehirn entspritzt' an der Röhre des Speers aus der Wunde
Blutig hervor: schnell lösten die Kräfte sich; und aus den Händen
Ließ er Patroklos' Fuß des Hochgesinnten zur Erd' hin
300
Sinken; und nah ihm sank er auch selbst vorwärts auf den Leichnam,
Weit entfernt von Larissa, der scholligen; aber den Eltern
Lohnet' er nicht die Pflege; denn kurz nur blühte das Leben
Ihm, da vor Ajas Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
Hektor zielt' auf Ajas, und warf die blinkende Lanze.
305
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Kaum; doch Schedios traf er, den Iphitos' Stärke gezeuget,
Ihn des phokäischen Volkes Gewaltigsten, der in der edlen
Panopeus' Häuser bewohnt', und viel der Männer beherrschte:
Mitten am Schlüsselbein erzielt' er ihn, daß ihn durchbohrend
310
Scharf die eherne Spitz' an der oberen Schulter hervordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Ajas genaht dem Phorkys, dem feurigen Sohne des Phänops,
Der um Hippothoos kämpfte, durchstieß ihm den wölbenden Panzer,
Mitten am Bauch, daß schmetternd ins Eingeweid' ihm die Spitze
315
Taucht'; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Doch laut schrien die Danaer auf, und entzogen die Toten,
Phorkys zugleich und den edlen Hippothoos, raubten die Wehr dann.
Bald nun wären die Troer vor Argos' kriegrischen Söhnen
320
Ilios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt;
Und Ruhm hätten gewonnen die Danaer, gegen das Schicksal
Zeus, durch eigene Kraft und Gewalt. Doch selber Apollon
Trieb Äneias zum Kampf, dem Periphas ähnlich erscheinend,
Epytos' Sohn, dem Herold, der ihm bei dem grauenden Vater
325
Dienend dem Alter genaht, getreu und redliches Herzens:
Dessen Gestalt nachahmend, begann der Herrscher Apollon:
O wie rettetet ihr, Äneias, gegen die Götter
Ilios hohe Burg? wie ich andere Männer gesehen,
Ihrer Kraft und Gewalt und männlichem Mute vertrauend,
330
Und zahllosem Gefolge der furchtverachtenden Völker!
Uns gewähret ja Zeus weit günstiger, als den Achaiern,
Siegesruhm; doch ihr selber entbebt scheu, ohne zu kämpfen!
Sprach's; und Äneias erkannte den treffenden Phöbos Apollon,
Schauend sein Angesicht, und sprach lautrufend zu Hektor:
335
Hektor, und ihr der Troer Gewaltige, und der Genossen,
Schande doch wäre das nun, vor Argos' kriegrischen Söhnen
Ilios zuzufliehn, durch Ohnmacht alle gebändigt!
Aber mir sagt auch zugleich ein Unsterblicher, neben mir stehend,
Zeus der Herrscher der Welt sei unser Schirm in der Feldschlacht!
340
Drum gradan in der Danaer Heer! nicht müssen sie ruhig
Dort den Schiffen sich nahn mit dem Leichnam ihres Patroklos!
Sprach's; und weit vorspringend den vordersten, stand er zum Kampfe.
Jene nun wandten die Stirn', und begegneten kühn den Achaiern.
Doch Äneias durchstach den Leiokritos dort mit der Lanze,
345
Ihn des Arisbas' Sohn, Lykomedes' edlen Genossen.
Seinen Fall betraurte der streitbare Held Lykomedes;
Nah ihm trat er hinan, und schoß die blinkende Lanze;
Sieh und Hippasos' Sohne, dem Hirten des Volks Apisaon,
Fuhr in die Leber das Erz, und löst' ihm die strebenden Kniee:
350
Der aus Päonia kam, dem Land' hochscholliger Äcker,
Und nach Asteropäos der Tapferste kämpft' in der Heerschar.
Seinen Fall betraurte der kriegrische Asteropäos;
Gradan drang nun auch dieser zum Kampf mit den Söhnen Achaias;
Aber umsonst: denn rings mit geschlossenen Schilden umzäunet,
355
Standen sie all' um Patroklos, gestreckt die ragenden Lanzen.
Ajas stets geschäftig umeilte sie, vieles ermahnend:
Weder zurück von dem Toten verstattet' er einem zu weichen,
Weder hervorzudringen zum Kampf vor den andern Achaiern;
Sondern dicht zu umwandeln die Leich', und nahe zu kämpfen.
360
Also gebot dort Ajas, der Mächtige; ringsum gerötet
Floß die Erde von Blut, und es taumelten übereinander
Tote zugleich der Troer und mutigen Bundesgenossen,
Danaer auch; nicht gingen sie ohne Blut aus dem Kampfe;
Doch viel weniger sanken sie hin: denn sie dachten beständig,
365
Sich im Gedräng' einander den schrecklichen Mord zu entfernen.
So dort tobten wie Feuer die Kämpfenden. Keiner erkannt' itzt,
Ob am Himmel die Sonn' unversehrt sei, oder der Mond noch.
Denn von Dunkel umhüllt im Gefecht dort waren die Tapfern,
Welche Menötios' Sohn den Erschlagenen rings umstanden.
370
Doch die anderen Troer und erzumschienten Achaier
Stritten frei in der Helle des Tags; denn es strahlete ringsum
Brennender Sonnenschein, und Gewölk beschattete nirgends
Weder Feld noch Gebirg'. Auch pflegten sie oft vom Gefechte
Auszuruhn, vermeidend die bitteren Todesgeschosse,
375
Weit voneinander gestellt. Doch die Mittleren duldeten Jammer
Dort im Dunkel und Kampf, und gequält vom grausamen Erze
Waren die Helden gesamt. Nur zween noch hörten den Ruf nicht,
Beide gepriesene Männer, Antilochos und Trasymedes,
Daß Patroklos sank, der Untadlige; sondern sie wähnten,
380
Daß noch lebend im Vordergewühl er die Troer bekämpfe.
Aufmerksam verhütend den Tod und die Flucht der Genossen,
Stritten sie fern in der Schlacht: denn so ermahnte sie Nestor,
Als er zum Kampf sie entließ von den dunkelen Schiffen Achaias.
Jene den ganzen Tag wetteiferten heftig in Mordlust,
385
Tobender stets; von Arbeit und triefendem Schweiße beständig
Wurden die Knie' und die Schenkel und unteren Füße der Streiter,
Wurden die Händ' und die Augen im wütenden Kampfe besudelt,
Um den edlen Genossen des äakidischen Renners.
Wie wenn ein Mann die Haut des gewaltigen Stiers von der Herde
390
Auszudehnen den Seinigen gab, mit Fette getränket;
Sie nun nehmen die Haut, und ziehn, auseinander sich stellend,
Rings, daß bald die Nässe verschwand, und die Fertigkeit eindringt,
Wann so viel' ausrecken, und ganz umher sie gedehnt wird:
Also zogen auch jene den Leichnam hiehin und dorthin,
395
Stehend auf wenigem Raum; denn fest vertrauten die Männer,
Trojas, weg ihn zu führen gen Ilios, aber Achaias,
Zu den gebogenen Schiffen; und ringsum tobte der Aufruhr
Fürchterlich: selbst nicht Ares der Wüterich, oder Athene,
Hätt' ihn schauend getadelt, wie sehr auch der Zorn sie entflammte.
400
So schuf Zeus um Patroklos den Männern dort und den Rossen
Jenes Tags Arbeiten und Schrecknisse. Aber noch gar nichts
Wußte vom Tod des Patroklos der göttergleiche Achilleus;
Denn weit kämpften die Heer' entfernt von den hurtigen Schiffen,
Unter der Mauer der Stadt. Drum hofft' er nimmer im Geiste,
405
Tot ihn, sondern lebend, sobald er den Toren genahet,
Wiederkehren zu sehn: denn das auch hofft' er mitnichten,
Daß er die Stadt einnähme, nicht sonder ihn, noch ihm gesellt auch.
Oft ja vernahm er dies ingeheim von der göttlichen Mutter,
Wann sie ihm enthüllte den Rat des großen Kronion;
410
Doch auch dann verschwieg sie das Schreckliche, was ihm bevorstand,
Mütterlich: daß ihm anjetzt der geliebteste sank der Genossen.
Jene stets um den Toten die spitzigen Lanzen bewegend,
Tobten zusammengedrängt, und würgten sich untereinander.
So nun redete mancher der erzumschirmten Achaier:
415
Freunde, fürwahr nicht folget der Ruhm uns, kehren wir jetzo
Zu den geräumigen Schiffen! O nein, eh' schlinge der Erde
Schwarzer Schlund uns hinab! Das wär' uns besser in Wahrheit;
Als den hier zu verlassen den gaulbezähmenden Troern,
Daß sie zur eigenen Stadt ihn ziehn, und Ruhm sich gewinnen!
420
Also sprach auch mancher der übermütigen Troer:
Freund', und wär' uns bestimmt, bei diesem Manne zu sterben,
Alle zugleich; doch nicht entziehe sich einer dem Kampfe!
So dort redete mancher, den Mut des Genossen entflammend.
Also bekämpften sich jen'; und eisernes dumpfes Geprassel
425
Scholl zum ehernen Himmel, des Äthers Wüste durchdringend.
Aber Achilleus' Rosse, die abwärts standen dem Schlachtfeld,
Weineten, als sie gehört, ihr Wagenlenker Patroklos
Lieg' im Staube gestreckt von der Hand des mordenden Hektor.
Ach Automedon zwar, der tapfere Sohn des Diores,
430
Strebte sie oft mit der Geißel geschwungenem Schlag zu beflügeln,
Oft mit schmeichelnden Worten ermahnet' er, oft auch mit Drohung;
Doch nicht heim zu den Schiffen am breiten Hellespontos
Wollten sie gehn, und nicht in die Feldschlacht zu den Achaiern:
Sondern gleich der Säule, die unbewegt auf dem Hügel
435
Eines gestorbenen Mannes emporragt, oder des Weibes;
Also standen sie fest, vor dem prangenden Sessel des Wagens,
Beid' ihr Haupt fest auf den Boden gesenkt; und Tränen entflossen
Heiß herab von den Wimpern der Traurenden, welche des Lenkers
Dachten mit sehnendem Schmerz; auch sank die blühende Mähne
440
Wallend hervor aus dem Ringe des Jochs, mit Staube besudelt.
Mitleidsvoll nun sahe die Traurenden Zeus Kronion;
Ernst bewegt' er das Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
Arme, warum doch schenkten wir euch dem Könige Peleus,
Ihm dem Sterblichen euch, unalternd beid' und unsterblich?
445
Etwa daß Gram ihr ertrügt mit den unglückseligen Menschen?
Denn kein anderes Wesen ist jammervoller auf Erden,
Als der Mensch, von allem, was Leben haucht und sich reget.
Aber umsonst hofft euch vor dem kunstreich prangenden Wagen
Hektor, Priamos' Sohn, zu bändigen; nimmer gestatt' ich's!
450
Nicht genug, daß die Waffen er hat, und eitel sich rühmet?
Beiden Kraft in die Kniee gewähr' ich euch, und in die Herzen,
Daß ihr Automedon auch erretten mögt aus der Feldschlacht,
Zu den geräumigen Schiffen. Denn Ruhm noch schenk' ich den Troern,
Niederzuhaun, bis sie nahn den schöngebordeten Schiffen,
455
Bis die Sonne sich senkt, und heiliges Dunkel heraufzieht.
Jener sprich's, und die Rosse mit edeler Stärke beseelt' er.
Beide, nachdem von den Mähnen zur Erde den Staub sie geschüttelt,
Sprengten sie rasch mit dem Wagen in Troer hinein und Achaier.
Aber Automedon kämpfte, betrübt zwar um den Genossen,
460
Stürmend im Flug des Gespanns, wie ein Geier gestürzt in die Gänse:
Leicht anitzt entfloh er zurück vor der Troer Getümmel,
Leicht dann stürmt er hinein in die dichtesten Haufen verfolgend.
Doch nicht mordet' er Männer, wann ungestüm er hinandrang.
Denn ihm war's unmöglich, allein in dem heiligen Sessel,
465
Herzuschwingen die Lanz', und die hurtigen Rosse zu lenken.
Endlich nunmehr erblickt' ihn Alkimedon dort mit den Augen,
Sein Genoß, ein Sohn des Ämoniden Laerkes;
Hinter den Wagen gestellt des Automedon, redet' er also:
Welch ein Gott, Automedon, war's, der den nichtigen Vorsatz
470
Dir in die Seele gelegt, und entwand die gute Besinnung?
Daß du so die Troer bekämpfst im Vordergetümmel,
Einzeln, da tot der Genoß dir hinsank, und mit Achilleus'
Rüstungen Hektor nun selbst die Schulter geschmückt einherprangt!
Aber Automedon sprach, Diores' Sohn, ihm erwidernd:
475
Wer doch, Alkimedon, weiß gleich dir von allen Achaiern,
Dieser unsterblichen Ross' unbändigen Mut zu bezähmen;
Außer Patroklos selbst, den Himmlischen ähnlich an Weisheit,
Weil er lebt'? itzt aber ereilet' ihn Tod und Verhängnis.
Auf denn, die Geißel sofort und die purpurschimmernden Zügel
480
Nimm; ich selbst verlasse die Ross', und warte des Kampfes.
Sprach's; und Alkimedon stracks in den rüstigen Wagen sich schwingend
Faßte die Geißel geschwind' und das schöne Gezäum in die Hände.
Aber dem Sessel entsprang Automedon. Diesen bemerkt' itzt
Hektor, und redete schnell zu Äneias, der ihm genaht war:
485
Edler Fürst, Äneias, der erzumpanzerten Troer,
Schau, dort seh' ich die Rosse des äakidischen Renners
Wild in die Schlacht versprengen mit sehr unkriegrischen Lenkern.
Darum hoff' ich beinah', wir nehmen sie, wenn du nur selber
Solches begehrst: denn nimmer, sobald wir beide bestürmen,
490
Wagen sie, uns entgegen gestellt, des Gefechtes Entscheidung.
Jener sprach's; ihm gehorchte der tapfere Sohn des Anchises.
Gradan stürmten sie beid', und mächtige Schilde von Stierhaut
Hüllten sie, dürr und gedrängt, und umlegt mit starrendem Erze.
Chromios, ihnen gesellt, und Aretos, ähnlich den Göttern,
495
Folgten zugleich; denn sicher vertrauten sie, beide zu töten,
Aber hinweg das Gespann hochwiehernder Rosse zu treiben:
Törichte! traun nicht sollten sie ohne Blut aus dem Kampfe
Heim von Automedon kehren. Sobald er gefleht zu Kronion,
Ward mit Kraft und Gewalt sein finsteres Herz ihm erfüllet.
500
Schnell zum treuen Genossen Alkimedon redet' er also:
Ja nicht ferne von mir, Alkimedon, halte die Rosse,
Sondern dicht mir am Rücken die Schnaubenden! Nimmer vermut ich,
Hektor, Priamos' Sohn, werd' itzt der Gewalt sich enthalten,
Eh' er Achilleus' Rosse, die schöngemähnten, daherlenkt,
505
Uns in den Staub gestreckt, und umhergescheucht die Geschwader
Argos'; oder auch selbst hinsank im Vordergetümmel!
Jener sprach's, und berief die Ajas und Menelaos:
Ajas beid', Heerführer der Danaer, und Menelaos,
Ihn nunmehr, den Toten, vertraut den Tapfersten allen,
510
Daß sie rings umwandelnd die Reihn der Männer entfernen;
Doch von uns, die leben, entfernt den Tag des Verderbens!
Denn dort drängen heran durch Jammer und Graun des Gewürges
Hektor und Äneias, die tapfersten Helden von Troja!
Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter!
515
Ich auch sende den Speer; für das übrige sorge Kronion!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze;
Und er traf dem Aretos den Schild von gerundeter Wölbung:
Und nicht hemmete jener den Speer; durch stürmte das Erz ihm
Unten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
520
Wie wenn mit scharfer geschwungener Axt ein mutiger Jüngling,
Hauend den Nacken des Stiers, des geweideten, hinter den Hörnern,
Ganz ihm die Sehne durchschnitt, und der Stier aufspringend hinabsank:
Also sank aufspringend er rücklings in Staub; und der Wurfspieß,
Welcher ihm scharf die Gedärme durchwütete, löste die Glieder.
525
Hektor schwang auf Automedon jetzt die blinkende Lanze;
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Vorwärts niedergebückt; da flog der gewaltige Speer ihm
Über das Haupt in die Erde, daß hinten der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes.
530
Jetzt auch wären mit Schwertern in nahem Kampf sie begegnet,
Hätten die Ajas nicht auseinander getrennt die Entbrannten,
Die durch Gedräng' herkamen, da laut ihr Genoß sie anrief
Abgeschreckt von diesen enteileten wieder von dannen
Hektor und Äneias; und Chromios, göttlich von Bildung;
535
Und sie verließen Aretos daselbst, der zerrissenes Herzens
Lag; Automedon drauf, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Raubte das Waffengeschmeid', und rief frohlockend die Worte:
Ha! ein weniges doch um den Tod des edlen Patroklos
Labt' ich vom Jammer das Herz, den Schlechteren zwar nur erlegend!
540
Sprach's, und warf den blutigen Raub in den Sessel des Wagens,
Trat dann selber hinein, die Füß' und die Hände von oben
Blutbefleckt, wie ein Löwe, vom mächtigen Stiere gesättigt.
Wieder begann um Patroklos mit Ungestüm die Entscheidung,
Schrecklich und tränenwert: denn es weckte den Kampf Athenäa,
545
Welche dem Himmel einstieg, vom Zeus dem Vater gesendet,
Argos' Volk zu entflammen; denn jetzo wandte sein Herz sich.
Wie wenn den purpurnen Bogen den Sterblichen hoch am Himmel
Zeus ausspannt, ein Zeichen zu sein, entweder des Krieges,
Oder des Wintersturms, des schaudrigen, welcher die Arbeit
550
Hemmt der Menschen im Feld', und die blökende Herde betrübet;
Also trat, umhüllt mit purpurner Wolke, die Göttin
Unter Achaias Volk, und ermunterte jeglichen Streiter.
Siehe zuerst Menelaos dem Göttlichen rief sie ermahnend,
Atreus' tapferem Sohne, denn dieser stand ihr am nächsten,
555
Ähnlich ganz dem Phönix an Wuchs und gewaltiger Stimme:
Dir wird's traun, Menelaos, zur Schmach und daurenden Schande
Ewig sein, wo Achilleus, des Herrlichen, treuen Genossen
Unter Ilios' Mauern die hurtigen Hund' umherziehn!
Auf denn, heran mit Gewalt, und ermuntere jeglichen Streiter!
560
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Menelaos:
Phönix, Vater und Greis, Ehrwürdiger, wenn doch Athene
Kraft mir wollte verleihn, und wehren dem Sturm der Geschosse!
Gern dann wär' ich bereit, ihm beizustehn und zu helfen,
Unserem Freund; denn es drang mir Patroklos' Tod in die Seele!
565
Aber es tobt ja Hektor mit Feuergewalt, und ruht nicht
Niederzuhaun mit dem Erz; weil ihm Zeus Ehre gewähret!
Jener sprach's; froh aber war Zeus' blauäugige Tochter,
Weil ihr selbst er zuerst vor den Himmlischen allen geflehet.
Diese stärkt' ihm die Schultern mit Kraft und die strebenden Kniee,
570
Und in das Herz ihm gab sie der Flieg' unerschrockene Kühnheit:
Welche, wie oft sie immer vom menschlichen Leibe gescheucht wird,
Doch anhaltend ihn sticht, nach Menschenblute sich sehnend:
So ausharrender Trotz erfüllt' ihm das finstere Herz nun.
Schnell zu Patroklos eilt' er, und schwang die blinkende Lanze.
575
Unter den Troern war ein Sohn des Eëtion Podes,
Reich an Hab' und edel; auch ehrt' am meisten im Volk ihn
Hektor; denn ihm war er ein lieber Gefährt' und Tischfreund:
Diesen am Gurt nun traf der bräunliche Held Menelaos,
Als er zur Flucht sich gewendet; und ganz durchbohrte das Erz ihn;
580
Dumpf hinkracht' er im Fall. Doch Atreus' Sohn Menelaos
Zog die Leich' aus den Troern hinweg in die Schar der Genossen.
Hektorn nahte sofort und ermunterte Phöbos Apollon,
Phänops, Asios' Sohn, an Gestalt gleich, welcher vor allen
Gästen geliebt ihm war, ein Haus in Abydos bewohnend;
585
Diesem gleich ermahnt' ihn der treffende Phöbos Apollon:
Hektor, wer doch hinfort der Danaer möchte dich scheuen,
Den nun so Menelaos zurückschreckt? er, der zuvor ja
Weichlich war in der Schlacht, jetzt aber allein aus den Troern
Kühn den Toten entführt! Auch schlug er den treuen Genossen,
590
Tapfer im Vordergefecht, den Sohn des Eëtion Podes!
Sprach's; und jenen umhüllte der Schwermut finstere Wolke,
Schnell durch die vordersten ging er, mit strahlendem Erze gewappnet.
Siehe da nahm Kronion die quastumbordete Ägis,
Hellumglänzt; und den Ida in dunkeln Wolken verhüllt' er,
595
Blitzt' und donnerte laut, und erschütterte mächtig die Ägis.
Sieg nun den Troern gewährt' er, und schreckte das Volk der Achaier.
Erst Peneleos nun der Böotier kehrte zur Flucht um;
Denn ihm traf in die Schulter, da vorwärts immer er andrang,
Oben ein streifender Speer; doch ritzte das Fleisch bis zum Knochen
600
Ihm des Polydamas' Erz; denn dieser warf, ihm genahet.
Hektor sodann durchstach des Leïtos' Hand an dem Knöchel,
Ihm des erhabnen Alektryons Sohn, und hemmt' ihn im Kampfe:
Bang' umschauend entbebt' er; denn nie mehr hofft er im Geiste,
Einen Speer in der Hand, mit Trojas Volke zu kämpfen.
605
Hektorn schoß Idomeneus jetzt, da er Leïtos nachlief,
Seinen Speer auf den Harnisch, gerad' an der Warze des Busens;
Doch ihm brach an der Öse der Schaft; und es schrieen die Troer.
Jener schwang auf Idomeneus nun, den Deukalionen,
Welcher stand im Geschirr; und ihn zwar fehlt' er ein wenig:
610
Aber Meriones' Freund und mutigen Wagenlenker
Köranos, der aus Lyktos bevölkerter Stadt ihm gefolget:
(Denn zu Fuß erst kam er, die Ruderschiffe verlassend,
Kretas Fürst, und den Troern gewähret' er mächtigen Sieg nun,
Wenn nicht Köranos schnell die hurtigen Rosse genähert;
615
Ihm zum Heil erschien er, den grausamen Tag ihm entfernend,
Doch selbst sank er entseelt von der Hand des mordenden Hektor:)
Den an Backen und Ohr durchschmettert' er; siehe die Zähn' aus
Stieß ihm der eherne Speer, und mitten die Zung' ihm durchschnitt er.
Und er entsank dem Geschirr, und goß die Zügel zur Erde.
620
Diese nahm Meriones schnell mit eigenen Händen
Niedergebückt aus dem Staub', und drauf zu Idomeneus sprach er:
Geißele nun, daß hinab zu den hurtigen Schiffen du kommest!
Denn du erkennst ja selbst, nicht mehr sei der Sieg der Achaier!
Sprach's; und Idomeneus trieb das Gespann schönmähniger Rosse
625
Zu den geräumigen Schiffen; denn Furcht nun füllt' ihm die Seele.
Nicht unbemerkt war Ajas dem herrlichen und Menelaos
Zeus, daß nun den Troern den wechselnden Sieg er gewähret.
Also begann das Gespräch der Telamonier Ajas:
Jammer doch! jetzo fürwahr kann selbst, wer blöd' an Verstand ist,
630
Schaun, daß Zeus der Vater den Troern Ehre verleihet!
Denn von ihnen ja trifft auch jedes Geschoß, ob ein Feiger,
Oder ein Tapferer schwingt, und Zeus selbst lenket sie alle:
Aber uns so umsonst entfallen sie all' auf die Erde!
Auf denn, wir selbst nun wollen den heilsamsten Rat uns ersinnen:
635
Daß nicht nur wir den Toten hinwegziehn, sondern auch selber
Unseren lieben Genossen zur Freud' heimkehren vom Kampfe;
Welche daher nun schauend sich ängstigen, keiner erwartend,
Daß wir des mordenden Hektors Gewalt und unnahbare Hände
Noch bestehn, und vielmehr an den dunkelen Schiffen erliegen.
640
Wäre doch irgend ein Freund, der schnell ansagte die Botschaft
Peleus' Sohn; denn nichts ja, vermut' ich, hörete jener
Noch von dem Jammergeschick, wie der traute Genoß ihm dahinsank.
Aber nirgend erscheint mir ein solcher im Heer der Achaier;
Denn rings Dunkel umhüllt sie selber zugleich und die Rosse!
645
Vater Zeus, o errett' aus der dunkelen Nacht die Achaier!
Schaff' uns Heitre des Tags, und gib mit den Augen zu schauen!
Nur im Licht verderb' uns, da dir's nun also geliebet!
Jener sprach's; da jammerte Zeus des weinenden Königs.
Bald zerstreut' er die dunkele Nacht, und verdrängte den Nebel;
650
Hell nun strahlte die Sonn', und die Schlacht ward ringsum erleuchtet.
Jetzo begann Held Ajas zum Rufer im Streit Menelaos:
Spähe nunmehr, Menelaos, du Göttlicher, ob du wo lebend
Noch Antilochos schaust, den Sohn des erhabenen Nestor.
Heiß ihn zu Peleus' Sohne, dem Feurigen, schleunig hinabgehn,
655
Meldend das Wort, wie jetzo der trauteste Freund ihm dahinsank.
Jener sprach's; ihm gehorchte der Rufer im Streit Menelaos;
Eilt' und ging, wie ein Löwe voll Wut vorn ländlichen Hofe,
Wann er zuletzt ermüdet, die Hund' und die Männer zu reizen,
Welche nicht ihm gestatten, das Fett der Rinder zu rauben,
660
Ganz durchmachend die Nacht; er dort, des Fleisches begierig,
Rennt gradan; doch er wütet umsonst; denn häufige Speere
Fliegen ihm weit entgegen, von mutigen Händen geschleudert,
Auch hellodernde Bränd'; und er zuckt im stürmenden Angriff,
Scheidet dann frühmorgens hinweg, mit bekümmertem Herzen:
665
Also ging von Patroklos der Rufer im Streit Menelaos
Sehr unwillig hinweg; denn er fürchtete, daß die Achaier
In der entsetzlichen Angst zum Raub' ihn ließen den Feinden.
Viel dem Meriones noch und den mutigen Ajas gebot er:
Ajas beid', und Meriones du, Heerführer von Argos,
670
Jetzo seid der Milde des jammervollen Patroklos
Eingedenk, der allen mit freundlicher Seele zuvorkam,
Weil er lebt'; itzt aber ereilet' ihn Tod und Verhängnis!
Dieses gesagt, enteilte der bräunliche Held Menelaos,
Mit umschauendem Blick, wie ein Adeler, welcher am schärfsten,
675
Sagen sie, fern ausspäht vor den luftdurchschweifenden Vögeln;
Dem auch nicht in der Höhe der flüchtige Hase versteckt ist
Unter umlaubtem Gesträuch, wo er hinduckt; sondern auf jenen
Stürzt er herab, und erhascht ihn geschwind', und raubt ihm das Leben:
So auch dir hellstrahlend, o göttlicher Held Menelaos,
680
Rollten die Augen umher, durch die weite Schar der Genossen,
Ob du Nestors Sohn noch irgendwo lebend erblicktest.
Diesen erkannt' er sofort linkshin im Gemenge der Feldschlacht,
Wo er mit Mut beseelte die Freund', und ermahnte zu kämpfen.
Nahe trat und begann der bräunliche Held Menelaos:
685
Auf, Antilochos, komm, du Göttlicher, daß du vernehmest
Unser Jammergeschick, das nie doch möchte geschehn sein!
Zwar du selbst, vermut' ich, mit eigenen Augen erkennend,
Weißt es schon, daß ein Gott Unheil den Danaern zuwälzt,
Aber den Troern Sieg! Denn es sank Patroklos, Achaias
690
Tapferster Held, den schmerzlich die Danaer alle vermissen!
Auf denn, schnell dem Achilleus, hinab zu den Schiffen einteilend,
Melde das Wort, ob er eilig zum Schiff errette den Leichnam,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor!
Sprach's; und Schauer durchfuhr den Antilochos, als er es hörte.
695
Lange blieb er verstummt und sprachlos; aber die Augen
Waren mit Tränen erfüllt, und atmend stockt' ihm die Stimme.
Dennoch nicht versäumt' er, was ihm Menelaos geboten;
Sondern enteilt', und dem edlen Laodokos gab er die Rüstung,
Der, sein Genoß, ihm nahe die stampfenden Rosse dahertrieb.
700
Ihn den Weinenden trugen die Schenkel hinweg aus der Feldschlacht,
Peleus' Sohn dem Achilleus das schreckliche Wort zu verkünden.
Doch nicht dir, Menelaos, o Göttlicher, wollte das Herz nun
Dort die ermüdeten Freunde verteidigen, wo er hinwegging,
Nestors Sohn, den schmerzlich die Pylier alle vermißten;
705
Sondern jenen erregt' er den edelen Held Thrasymedes;
Selber dann zu Patroklos dem Göttergleichen enteilt' er.
Jetzt zu den Ajas trat er hinan, und redete schleunig:
Ihn zwar hab' ich hinab zu den rüstigen Schiffen gesendet,
Daß er dem schnellen Peleiden verkündige; schwerlich indes wohl
710
Kommt er anjetzt, wie sehr er auch zürnt dem göttlicher Hektor:
Denn nicht könnt' er ja doch wehrlos die Troer bekämpfen.
Aber wir selbst nun wollen den heilsamsten Rat uns ersinnen:
Daß nicht nur wir den Toten hinwegziehn, sondern auch selber
Fern aus der Troer Getöse den Tod und das Schicksal vermeiden.
715
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
Wahrheit hast du geredet, gepriesener Held Menelaos.
Selbst denn eil' und Meriones her, und nieder euch bückend
Tragt die erhobene Leich' aus der Feldschlacht. Aber wir anderer
Halten im Kampf die Troer zurück und den göttlichen Hektor,
720
Wir, die gleich an Namen, und gleich an mutiger Seele,
Stets vereint miteinander die Wut des Gefechtes erduldet.
Jener sprach's; da erhuben sie schnell von der Erde den Leichnam
Hoch empor mit Gewalt; und es schrien die Troer von hinten
Graunvoll, als sie die Leich' auf den Armen ersahn der Achaier.
725
Gradan rannten sie nun, wie die Hunde der Jagd auf ein Waldschwein
Stürzen, das blutet vom Speer, voran den blühenden Jägern;
Anfangs laufen sie zwar, es hinwegzutilgen verlangend;
Aber sobald es zu ihnen sich kehrt, der Stärke vertrauend,
Weichen sie alle zurück, und zerstreuen sich dorthin und dahin:
730
Also die Troer zuerst, in Schlachtreihn folgten sie immer,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen;
Aber sobald die Ajas herumgewendet zu ihnen
Standen, da wandelte jenen die Farbe sich; keiner auch wagt' es,
Vorwärts angestürmt um den Leichnam Kampf zu erheben.
735
Also trugen gestrengt den Leichnam beid' aus der Feldschlacht
Zu den geräumigen Schiffen; und stets nachtobte des Kriegs Wut,
Ungestüm, wie ein Feuer die Stadt der Männer durchstürmend,
Plötzlich entbrannt, in Flammen verschlingt; es verschwinden die Häuser
Rings im mächtigen Glanz; und es saust in die Lohe der Sturmwind:
740
So dort scholl von den Rossen und speergewappneten Männern
Rastlos tobender Lärm, die Wandelnden immer verfolgend.
Sie, wie der Mäuler Gespann, mit gewaltiger Stärke gerüstet,
Schwer hinschleppt vom Gebirg' auf steinigem Pfade den Balken,
Oder den ragenden Mast des Meerschiffs; aber ihr Herz wird
745
Müde zugleich von Arbeit und Schweiß den Angestrengten:
Also trugen gestrengt die Leiche sie. Aber von hinten
Wehrten die Ajas ab, wie die Flut abwehret ein Hügel,
Waldbekränzt, in die Ebne sich ganz hinunter erstreckend;
Welcher auch der gewaltigsten Ström' antobende Fluten
750
Hemmt, und sogleich sie alle zum Lauf in andere Täler
Abscheucht; denn nicht mag der Ströme Gewalt ihn durchbrechen:
So dort drängten die Ajas zurück anstürmende Streiter
Trojas; jene verfolgten, doch zween am meisten vor allen,
Held Äneias der Anchisiad', und der strahlende Hektor.
755
Dort wie der Stare Gewölk' einherzieht, oder der Dohlen,
Allzumal aufschreiend, sobald sie den kommenden Habicht
Sahn, der blutigen Mord herbringt dem kleinen Gevögel:
Also dort vor Äneias und Hektor flohn die Achaier
Allzumal aufschreiend dahin, und vergaßen der Kampflust.
760
Viel auch des Waffengeschmeides entsank ringsher um den Graben
Argos' fliehenden Söhnen; und nicht war Ruhe der Feldschlacht.

Achtzehnter Gesang

Achilleus jammert um Patroklos' Tod. Thetys hört seinen Entschluß Hektor zu töten, obgleich ihm bald nach jenem zu sterben bestimmt sei, und verheißt ihm andere Waffen von Hephästos. Den Achaiern entreißt Hektor beinahe den Leichnam; aber Achilleus, der sich waffenlos an den Graben stellt, schreckt durch sein Geschrei die Troer. Nacht. Den Troern rät Polydamas, in die Feste zu ziehn, ehe Achilleus hervorbreche: welches Hektor verwirft. Die Achaier wehklagen um Patroklos und legen ihn auf Leichengewande. Der Thetys schmiedet
Hephästos die erbetenen Waffen.

Also kämpften sie dort, wie lodernde Flammen des Feuers.
Doch zu Achilleus bracht' Antilochos eilend die Botschaft.
Ihn nun fand er vorn in des Meers hochhauptigen Schiffen,
Dem nachsinnend im Geist, was schon zur Vollendung genahet.
5
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir doch! was fliehen die hauptumlockten Achaier
Wieder mit Angst zu den Schiffen, dahergescheucht im Gefilde?
Wenn nur nicht die Götter das Jammergeschick mir vollendet,
So wie vordem mir die Mutter verkündiget, und mir gesaget,
10
Daß noch, weil ich lebte, der tapferste Myrmidone
Unter der Troer Hand das Licht der Sonne verließe!
Wahrlich gewiß schon starb Menötios' tapferer Sprößling!
Böser! traun ich befahl, wann die feindliche Glut er gewendet,
Heim zu den Schiffen zu gehn, nicht Hektor mit Macht zu bekämpfen!
15
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung;
Siehe da kam ihm nahe der Sohn des erhabenen Nestor,
Heiße Tränen vergießend, und sprach die schreckliche Botschaft:
Wehe mir, Peleus' Sohn, des Feurigen, ach ein entsetzlich
Jammergeschick vernimmst du, was nie doch möchte geschehn sein!
20
Unser Patroklos sank; sie kämpfen bereits um den Leichnam,
Nackt wie er ist; denn die Waffen entzog der gewaltige Hektor!
Sprach's; und jenen umhüllte der Schwermut finstere Wolke.
Siehe mit beiden Händen des schwärzlichen Staubes ergreifend,
Überstreut' er sein Haupt, und entstellte sein liebliches Antlitz;
25
Auch das ambrosische Kleid umhaftete dunkele Asche.
Aber er selber groß weithingestreckt in dem Staube
Lag, und entstellete raufend mit eigenen Händen das Haupthaar.
Mägde zugleich, die Achilleus erbeutete, und Patroklos,
Laut mit bekümmerter Seel' aufschrieen sie; all' aus der Türe
30
Liefen sie her um Achilleus den Feurigen, und mit den Händen
Schlugen sie alle die Brust, und jeglicher wankten die Kniee.
Drüben Antilochos auch wehklagete, Tränen vergießend,
Haltend Achilleus' Händ', als beklemmt sein mutiges Herz rang:
Daß er nicht die Kehle sich selbst mit dein Eisen durchschnitte.
35
Fürchterlich weint' er empor. Da hört' ihn die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.
Laut aufschluchzte sie nun; und die Göttinnen kamen versammelt,
Alle, so viel Nereiden des Meers Abgründe bewohnten.
Dort war Glauke nunmehr, Kymodoke auch, und Thaleia,
40
Speio, Nesäa, und Thoe, und Halia, herrschendes Blickes,
Auch Aktäa, Kymothoe auch, und Limnoreia,
Melite dann, und Jära, Amphithoe auch, und Agaue,
Doto zugleich, und Protho, Dynamene, Kallianeira,
Auch Dexamene dort, Aphionome auch, und Pherusa,
45
Doris, und Panope auch, und edles Ruhms Galateia,
Dann Nemertes, Apseudes zugleich, und Kallinassa;
Dort war auch Ianeira, und Klymene, auch Ianassa,
Mära, und Oreithya, und schönumlockt Amatheia;
Und wo sonst Nereïden des Meers Abgründe bewohnten.
50
Jene, die silberne Grotte der Herrscherin weit erfüllend,
Schlugen sich alle die Brust; und zuerst wehklagete Thetys:
Hört mich all', ihr Schwestern, unsterbliche Töchter des Nereus,
Daß ihr vernehmt den Jammer, wieviel mir die Seele belastet!
Weh mir Armen, o mir unglücklichen Heldenmutter,
55
Die ich den Sohn mir gebar, so edeles Sinns, und so tapfer,
Hoch vor den Helden geschmückt Er schwang sich empor, wie ein Sprößling;
Und ich erzog ihn mit Fleiß, wie die Pflanz' im fruchtbaren Acker;
Drauf in geschnäbelten Schiffen gen Ilios sandt' ich daher ihn,
Trojas Volk zu bekämpfen; doch nie empfang' ich ihn wieder,
60
Wann er zur Heimat kehrt, in Peleus' ragende Wohnung!
Aber so lang' er mir lebt, und das Licht der Sonne noch schauet,
Duldet er Qual; und nichts vermag ich ihm nahend zu helfen!
Dennoch geh ich, zu schaun mein trautes Kind, und zu hören,
Welch ein Jammer ihn traf, der entfernt vom Kriege beharret!
65
Dieses gesagt, verließ sie die Wölbungen; jene zugleich ihr
Gingen mit Tränen benetzt, und umher die Woge des Meeres
Trennte sich. Als sie nunmehr zur scholligen Troja gelangten,
Stiegen sie auf zum Gestade der Reihe nach, wo das Geschwader
Myrmidonischer Schiff' herstand um den schnellen Achilleus.
70
Nahe jetzt dem Schluchzenden trat die göttliche Mutter,
Und lautweinend umschlang sie das Haupt des teuersten Sohnes;
Und sie begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
Sprich, verhehle mir nichts! Dir ward doch alles vollendet
75
Jenes von Zeus, wie vordem mit erhobenen Händen du flehtest:
Daß um die Steuer zusammengedrängt die Männer Achaias,
Schmachtend nach deiner Hilf', unwürdige Taten erlitten!
Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
Mutter, es hat mir zwar der Olympier jenes vollendet.
80
Aber was frommt mir solches, nachdem mein teurer Patroklos
Mir hinsank, den ich wert vor allen Freunden geachtet,
Wert wie mein eigenes Haupt! Er sank; und die Waffen entzog ihm
Hektor, der ihn erschlug, so gewaltige, Wunder dem Anblick,
Köstliche: welche dem Peleus die ehrenden Götter geschenket,
85
Jenes Tags, da sie dich dem Sterblichen führten zum Lager.
Daß du vielmehr doch dort zu Meergöttinnen gesellet
Wohntest, und Peleus hätt' ein sterbliches Weib sich erkoren!
Nun muß dir auch die Seel' unendlicher Jammer belasten,
Um den gestorbenen Sohn; denn nie empfängst du ihn wieder,
90
Wann er zur Heimat kehrt! Ja selbst gebeut mir das Herz nicht,
Lebend umherzugehn mit Sterblichen, wo mir nicht Hektor
Erst von meiner Lanze durchbohrt das Leben verlieret,
Und für Patroklos' Raub, des Menötiaden, mir büßet!
Aber Thetys darauf antwortete, Tränen vergießend:
95
Bald, mein Sohn, verblühet das Leben dir, sowie du redest!
Denn alsbald nach Hektor ist dir dein Ende geordnet!
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
Möcht' ich sogleich hinsterben, da nicht mir gönnte das Schicksal,
Meinen erschlagenen Freund zu verteidigen! Fern von der Heimat
100
Sank er, und mangelte meiner, des Fluchs Abwehrer zu werden!
Nun da ich nicht heimkehre zum lieben Lande der Väter,
Hab' ich weder Patroklos mit Heil erfreut, noch die andern
Freund' im Volk, die so viele dem göttlichen Hektor erlagen;
Sondern ich sitz' an den Schiffen, umsonst die Erde belastend,
105
Solch ein Mann, wie keiner der erzumschirmten Achaier,
In der Schlacht; denn im Rate besiegen mich andere Männer!
Möchte der Zank aus Göttern und sterblichen Menschen vertilgt sein,
Und der Zorn, der selbst auch den Weiseren pflegt zu erbittern:
Der, weit süßer zuerst denn sanfteingleitender Honig,
110
Bald in der Männer Brust aufwächst, wie dampfendes Feuer!
So nun erzürnete mich der Herrscher des Volks Agamemnon.
Aber vergangen sei das Vergangene, wie es auch kränkte;
Dennoch das Herz im Busen bezähmen wir auch mit Gewalt uns!
Hin nun geh ich, den Mörder des wertesten Haupts zu erreichen,
115
Hektor! Doch mein Los, das empfang' ich, wann es auch immer
Zeus zu vollendet beschleußt, und die andern unsterblichen Götter!
Nicht ja Herakles einmal, der Gewaltige, mied das Verhängnis,
Welcher der Liebste doch war dem herrschenden Zeus Kronion;
Sondern ihn zwang das Geschick und der heftige Zorn der Here.
120
Also auch ich, wofern ein gleiches Geschick mir bevorsteht,
Lieg' ich, vom Tode gestreckt: jetzt tracht' ich noch Ruhm zu gewinnen!
Manche Troerin noch und Dardanerin, schwellendes Busens,
Soll mir mit beiden Händen von jugendlich blühenden Wangen
Tränen des Grams abtrocknen, mit schwer aufzitternden Seufzern!
125
Fühlen sie's nun, daß ich lange genug von dem Kriege gerastet!
Nicht mir wehre den Kampf, du Liebende; nimmer gehorch' ich!
Ihm antwortete drauf die silberfüßige Thetys:
Wahrheit hast du geredet, mein Kind; nicht übel ist solches,
Seine geängsteten Freunde, vor Tod und Verderben zu schützen.
130
Doch in der Troer Gewalt ist dir die stattliche Rüstung.
Strahlend von Erz, mit welcher der helmumflatterte Hektor
Selbst die Schultern geschmückt einherprangt. Zwar wird er schwerlich
Lange darin frohlocken, denn nah' ihm schwebet der Tod schon.
Aber du sollst mir noch nicht eingehn ins Getümmel des Ares,
135
Bis du zurück mich kehrend mit deinen Augen erblickest.
Denn ich komm' in der Frühe, sobald die Sonne hervorgeht,
Stattliche Wehr dir bringend vom mächtigen Herrscher Hephästos.
Also sprach die Göttin, und kehrte hinweg von dem Sohne;
Drauf gewandt zu den Schwestern, den Meergöttinnen, begann sie:
140
Taucht ihr jetzo hinab in den Schoß des unendlichen Meeres,
Daß ihr den alternden Meergott schaut, und die Wohnung des Vaters;
Ihm dann verkündiget alles. Indes auf den hohen Olympos
Geh' ich zum kunstberühmten Hephästos, ob er mir willfahrt,
Rüstungen, schön und strahlend, für meinen Sohn zu bereiten.
145
Jene sprach's; da tauchten die Göttinnen unter die Meerflut.
Selbst dann ging zum Olympos die silberfüßige Thetys
Schnell, dem geliebten Sohne gepriesene Waffen zu bringen.
So zum Olympos enttrugen die Schenkel sie. Doch die Achaier
Mit graunvollem Geschrei vor dem männermordenden Hektor
150
Flohn sie gescheucht, die Schiff' und den Hellespontos erreichend.
Nicht Patroklos auch hätten die hellumschienten Achaier
Aus den Geschossen entführt, den erschlagenen Freund des Achilleus;
Denn es ereilt' ihn wieder der Männer Getös' und der Rosse,
Hektor zumal, des Priamos' Sohn, gleich stürmendem Feuer.
155
Dreimal faßt' ihn von hinten am Fuß der strahlende Hektor,
Strebend ihn wegzuziehn, und laut die Troer ermahnt' er;
Dreimal stießen die Ajas, mit stürmender Stärke gewappnet,
Ihn von dem Toten hinweg. Er fest, der Stärke vertrauend,
Wütete jetzo hinan das Gewühl durch, jetzo von neuem
160
Stand er mit lautem Geschrei; doch rückwärts wandt' er sich niemals.
Wie vom ermordeten Tiere durchaus den funkelnden Leun nicht
Nächtliche Hirten der Flur, den hungrigen Würger, verscheuchen:
So vermochten auch nicht die beiden gerüsteten Ajas
Hektor, Priamos' Sohn, von dem Leichnam abzuschrecken.
165
Und er hätt' ihn geraubt, und unendlichen Ruhm sich erworben;
Wenn nicht Peleus' Sohne die windschnell eilende Iris
Kam als Botin genaht vom Olympos, mitzustreiten,
Zeus und den anderen Göttern geheim; denn es sandte sie Here.
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
170
Hebe dich, Peleus' Sohn, du schrecklichster unter den Männern!
Eile Patroklos zu Hilf', um den die entsetzliche Feldschlacht
Draußen tobt vor den Schiffen. Sie morden sich untereinander:
Diese mit Macht beschirmend den hingesunkenen Leichnam;
Dort hinweg ihn zu reißen nach Ilios luftiger Höhe,
175
Wüten die Troer daher; vor allen der strahlende Hektor
Ist ihn zu rauben entbrannt: denn das Haupt ihm wünschet er herzlich,
Hauend vom zarten Hals', auf spitzige Pfähle zu heften.
Auf, nicht länger gesäumt; und Graun durchschaudre das Herz dir,
Daß Patroklos liege den troischen Hunden ein Labsal!
180
Dein ist Schmach, wenn irgend entstellt die Leiche daherkommt!
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Welcher Gott hat, o Iris, dich mir als Botin gesendet?
Wieder begann dagegen die windschnell eilende Iris:
Here sandte mich her, Zeus' rühmliche Lagergenossin.
185
Auch nicht Zeus erfuhr's, der Erhabene, oder ein Gott sonst,
Aller, die rings des Olympos beschneiete Höhen umwohnen.
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Wie doch geh' ich zur Schlacht, da jene die Rüstungen haben?
Auch die liebende Mutter verwehrte mir mitzustreiten,
190
Bis ich zurück sie kehrend mit meinen Augen erblickte;
Denn sie verhieß, von Hephästos mir herrliche Waffen zu bringen.
Niemand weiß ich ja sonst, des prangende Wehr mir gerecht sei;
Wo nicht Ajas Schild, des gewaltigen Telamoniden.
Aber er selbst ist, hoff' ich, im Vorderkampfe beschäftigt,
195
Mordend mit schrecklichem Speer um den hingesunknen Patroklos.
Wieder begann dagegen die windschnell eilende Iris:
Wohl ja wissen auch wir's, wie die herrlichen Waffen geraubt sind.
Doch nur so an den Graben genaht, erscheine den Troern;
Ob vor dir erschrocken vielleicht vom Kampfe die Troer
200
Abstehn, und sich erholen die kriegrischen Männer Achaias
Ihrer Angst, wie klein sie auch sei, die Erholung des Krieges.
Dieses gesagt, entflog sie, die windschnell eilende Iris.
Aber Achilleus erhob sich, der Göttliche. Selber Athene
Hängt' um die mächtigen Schultern die quastumbordete Ägis;
205
Auch sein Haupt mit Gewölk umkränzte die Heilige Göttin,
Goldenem, und ihm entstrahlt' ein ringsumleuchtendes Feuer.
Wie hochwallender Rauch aus der Stadt aufsteiget zum Äther,
Fern aus dem Meereiland, das feindliche Männer bestürmen;
Jene den ganzen Tag, im Kriegsgraun sich versuchend,
210
Kämpfen aus ihrer Stadt; doch sobald die Sonne sich senket,
Brennen sie Reisgebund auf Warten umher, und es leuchtet
Hoch der steigende Glanz, daß Ringsumwohnende schauen;
Ob vielleicht in Schiffen des Streits Abwehrer herannahn:
So von Achilleus' Haupt erhub sich der Glanz in den Äther.
215
Schnell nun trat er zum Graben, die Mauer hindurch; doch vermied er
Argos' Volk, denn er scheute der Mutter sorgsame Warnung:
Dort gestellt aufschrie er; auch seitwärts Pallas Athene
Schrie lautauf; und die Troer durchtobt' unermeßlicher Aufruhr.
Wie wenn hell auftönet der Kriegsausruf der Drommete,
220
Wann um die Stadt herwühlt wehdrohender Feinde Getümmel:
So nun hell auftönte der Kriegsausruf des Peleiden.
Aber sobald sie vernommen den ehernen Ruf des Peleiden;
Regte sich allen das Herz, und die schöngemähneten Rosse
Wandten zurück ihr Geschirr; denn sie ahndeten Jammer im Herzen.
225
Starrend sahn auch die Lenker die lodernde Flamme des Feuers
Graunvoll über dem Haupt des erhabenen Peleionen
Brennen, entflammt von Zeus' blauäugiger Tochter Athene.
Dreimal schrie vom Graben mit Macht der edle Achilleus;
Dreimal zerstob der Troer Gewirr und der Bundesgenossen.
230
Dort nun starben vertilgt durch eigene Wagen und Lanzen
Zwölf der tapfersten Helden im Volk. Doch die Männer Achaias,
Freudig nunmehr Patroklos den Mordgeschossen entreißend,
Legeten ihn auf Betten; und ringsum standen die Freunde
Wehmutsvoll; auch folgte der mutige Renner Achilleus,
235
Heiße Tränen vergießend, da dort den treuen Genossen
Liegen er sah auf der Bahre, zerfleischt von der Schärfe des Erzes.
Ihn ach jüngst nur entsandt' er mit Rossen zugleich und Geschirre
Hin zur Schlacht; nicht aber den Kehrenden sollt' er empfangen.
Helios, rastlos im Lauf, gesandt von der Herrscherin Here,
240
Kehrete jetzt unwillig hinab zu Okeanos' Fluten.
Nieder sank die Sonn'; und das Heer der edlen Achaier
Ruhte vom schrecklichen Kampf und allverderbenden Kriege.
Trojas Söhn' auch drüben, vom Ungestüme der Feldschlacht
Wiedergekehrt, entlösten die hurtigen Rosse den Wagen;
245
Eilten darauf zur Versammlung, bevor sie des Mahles gedachten.
Aufrecht standen im Kreis die Versammelten; keiner auch wagt' es,
Sich zu setzen; denn all' erbebten sie, weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet.
Und der verständige Held Polydamas sprach zur Versammlung,
250
Panthoos' Sohn, der allein Zukunft und Vergangenes wahrnahm,
Hektors Freund, mit jenem in einer Nacht auch geboren;
Er durch Worte berühmt, er dort durch Kunde des Speeres;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Wohl erwägt, ihr Lieben, den Rat; ich denke, sogleich nun
255
Kehren wir heim in die Stadt, nicht harrend der heiligen Frühe
Hier im Feld' an den Schiffen; da weit die Mauer entfernt ist.
Weil noch jener Mann dem Held Agamemnon erzürnt war,
Damals ward uns leichter der Kampf mit den Söhnen Achaias.
Ja ich freute mich selbst vor den rüstigen Schiffen zu schlafen,
260
Hoffend bald zu gewinnen die zwiefachrudernden Schiffe.
Doch nun fürcht' ich mit Angst den mutigen Renner Achilleus.
So wie das Herz ihm strebt voll Heftigkeit, wird er fürwahr nicht
Säumen allhier im Gefilde, wo Trojas Söhn' und Achaias
Gleich bisher miteinander die Wut des Ares geteilet;
265
Nein um die blühende Stadt nun kämpfet er, und um die Weiber.
Kehren wir denn in die Feste; gehorchet mir: also geschieht es!
Jetzo hemmte vom Kampf den mutigen Renner Achilleus
Nur die ambrosische Nacht. Doch findet er morgen allhier uns,
Wann er hervor sich stürzt, der Gewappnete; traun dann erkennt wohl
270
Mancher den Held, und gerne zur heiligen Ilios flüchtet,
Wer ihm entrann; viel sättigen Hund' und zerfleischende Geier,
Trojas Söhn'! O möge vom Ohre mir solches entfernt sein!
Aber wofern mein Wort ihr genehmiget, traurendes Herzens;
Haltet die Nacht auf dem Markte die Kriegsmacht: türmende Mauern
275
Schützen die Stadt ringsum, und hohe befestigte Tore,
Wohlverwahrt mit großen und dicht einfugenden Flügeln.
Frühe sodann vor Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Stehen wir rings auf der Mauer; und weh ihm, wo er begehret,
Angestürmt von den Schiffen mit uns um die Mauer zu kämpfen!
280
Heim zu den Schiffen entweicht er, wann sein hochwiehernd Gespann ihm
Satt von mancherlei Lauf um Ilios hergetummelt.
Aber hinein wird nimmer sein Mut ihm zu dringen verstatten;
Nie erobert er auch: eh' fressen ihn hurtige Hunde!
Finster schaut' und begann der helmumflatterte Hektor:
285
Keineswegs gefällt mir, Polydamas, was du geredet,
Der du ermahnst in die Feste die Kehrenden einzuschließen.
Noch nicht wurdet ihr müd', umhegt zu sein von der Mauer?
Sonst war Priamos' Stadt bei vielfachredenden Menschen
Weit auf der Erde berühmt, als reich an Gold', und an Erze;
290
Doch nunmehr ist geschwunden die köstliche Hab' aus den Häusern;
Viel nach Phrygien nun und Mäoniens schönem Gefilde
Gehn zum Verkauf Kleinode, da Zeus' Allmacht uns ergrimmt ist.
Aber anjetzt, da mir ja der Sohn des verborgenen Kronos
Ruhm verliehn bei den Schiffen, ans Meer die Achaier zu drängen;
295
Törichter, nicht mehr äußre mir solcherlei Rat in dem Volke!
Denn kein einziger Troer gehorchet dir; nimmer gestatt' ich's!
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen;
Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.
300
Wer der Troer mit Angst um sein Vermögen sich härmet,
Solcher nehm' und geb' es dem Volk zu gemeinsamen Gastmahl:
Besser daß jene damit sich belustigen, als die Achaier!
Frühe sodann vor Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Gegen die räumigen Schiff' erheben wir stürmenden Angriff.
305
Wenn denn gewiß bei den Schiffen erstand der edle Achilleus;
Wohl, so erkor er sich selbst das Schlimmere! Nie ja vor jenem
Werd' ich fliehn aus dem Sturme der Feldschlacht; nein ihm entgegen
Steh' ich, ob ihn Siegsehre verherrliche, oder mich selber!
Gleich ist Ares gesinnt, und oft auch den Würgenden würgt er!
310
Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer:
Törichte! welchen den Geist verblendete Pallas Athene.
Siehe dem Hektor stimmten sie bei, der Böses beschlossen;
Doch dem Polydamas nicht, der heilsame Worte geredet.
Rings nun nahm man das Mahl durch das Kriegsheer. Doch die Achaier
315
Ganz die Nacht um Patroklos erhuben sie Klagen und Seufzer.
Peleus' Sohn vor ihnen begann die jammernde Klage;
Hingelegt die mordenden Händ' auf den Busen des Freundes,
Ächzet' er häufig empor: wie ein bärtiger Löwe des Bergwalds,
Welchem die Jungen geraubt ein hirschverfolgender Jäger
320
Tief aus verwachsnem Gehölz; er drauf ankommend betrübt sich,
Eilt dann von Tale zu Tale der Spur nachrennend des Mannes,
Ob er ihn wo ausforsche; denn bitterer Zorn durchdrang ihn:
Also schweraufseufzend vor Myrmidonen begann er:
Götter, wie eitele Worte sind jenes Tags mir entfallen,
325
Als ich Trost im Palaste dem Held Menötios zusprach!
Heim verhieß ich gen Opus den rühmlichen Sohn ihm zu bringen,
Wann er Troja verheert, und reichliche Beute geloset.
Aber der Mensch entwirft, und Zeus vollendet es anders!
Uns war beiden bestimmt, die selbige Erde zu röten,
330
Hier im troischen Land'! Auch mich wird nimmer empfangen,
Heimgekehrt zum Palaste, der graue reisige Peleus,
Noch auch Thetys die Mutter; entfernt hier deckt mich die Erde.
Doch nun ich, Patroklos, nach dir in die Erde versinke;
Feier' ich dir nicht eher das Grabfest, bis ich dir Hektors
335
Waffen gebracht und das Haupt, des Trotzigen, deines Mörders!
Auch zwölf Jünglinge werd' ich am Totenfeuer dir schlachten,
Trojas edlere Söhn', im Zorn ob deiner Ermordung!
Ruh' indessen allhier bei meinen geschnäbelten Schiffen!
Manche Troerin auch und Dardanerin, schwellendes Busens,
340
Soll wehklagen um dich, bei Tag' und Nacht dich beweinend,
Welche wir selbst erbeutet mit Kraft und gewaltigen Lanze,
Blühende Städte verheerend der vielfachredenden Menschen.
Also sprach der edle Peleid', und den Freunden gebot er,
Eilend ein groß dreifüßig Geschirr auf Feuer zu stellen,
345
Um von dem blutigen Staube Patroklos' Leiche zu säubern.
Sie nun stellten das Badegeschirr auf loderndes Feuer,
Gossen dann Wasser hinein, und legeten Holz an die Flamme;
Rings umschlug sie den Bauch des Geschirrs, und es kochte das Wasser,
Aber nachdem das Wasser gekocht im blinkenden Erze,
350
Wuschen sie jetzt, und salbten mit fettem Öle den Leichnam;
Mit neunjähriger Salb' erfüllten sie jetzo die Wunden;
Legten ihn dann auf Betten und breiteten köstliche Leinwand
Ihm vom Haupt zu den Füßen, und drauf den schimmernden Teppich.
Aber die ganze Nacht um den mutigen Renner Achilleus
355
Klagten die Myrmidonen Patroklos weinend und seufzend.
Zeus nun sprach zu Here, der göttlichen Schwester und Gattin:
Endlich gelang dir's doch, du hoheitblickende Here,
Peleus' Sohn zu erregen, den Mutigen. Sicher aus deinem
Eigenen Schoß entstammten die hauptumlockten Achaier.
360
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet?
Kann ja doch wohl etwas ein Mensch dem Manne vollenden,
Er der sterblich nur ist, und nicht so kundig des Rates.
Aber ich, die stolz der Göttinnen erste sich rühmet,
365
Zwiefach erhöht, durch Geburt, und weil ich deine Genossin
Ward ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen waltest,
Sollt' ich nicht den Troern im Zorn ein Übel bereiten?
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Aber Hephästos' Palast erreichte die Herrscherin Thetys,
370
Sternenhell, unvergänglich, in strahlender Pracht vor den Göttern,
Welchen aus Erz er selbst sich gebaut, der hinkende Künstler.
Ihn dort fand sie voll Schweiß um die Blasebälge beschäftigt,
Eiferig: denn Dreifüße bereitet' er, zwanzig in allem,
Rings zu stehn an der Wand der wohlgeründeten Wohnung.
375
Goldene Räder befestigt' er jeglichem unter den Boden;
Daß sie von selbst annahten zur Schar der unsterblichen Götter,
Dann zu ihrem Gemach heimkehreten, Wunder dem Anblick.
Sie nun waren so weit gefertiget; nur noch der Henkel
Zierat fehlte daran; jetzt fügt er sie, hämmernd die Nägel.
380
Während er solches erschuf mit erfindungsreichem Verstande,
Siehe da kam ihm nahe die silberfüßige Thetys.
Diese sah vorwandelnd die feinumschleierte Charis,
Schön und hold, die Gattin des hinkenden Feuerbeherrschers;
Und sie faßt' ihr die Hand, und redete, also beginnend:
385
Thetys in langem Gewande, wie nahest du unserer Wohnung,
Ehrenwert und geliebt? Denn sonst besuchst du mich wenig.
Aber komm doch herein, damit ich als Gast dich bewirte,
Also sprach, und führte sie ein, die herrliche Göttin.
Jene setzte sie dann auf den silbergebuckelten Sessel,
390
Schön und prangend an Kunst; und ein Schemel stützt' ihr die Füße.
Drauf dem kunstberühmten Hephästos rief sie, und sagte:
Tritt hervor, Hephästos; die Herrscherin Thetys bedarf dein.
Ihr antwortete drauf der hinkende Feuerbeherrscher:
Traun ja, so ist die erhabne, die edelste Göttin daheim mir,
395
Welche vordem mich gerettet im Schmerz des unendlichen Falles,
Als mich die Mutter verwarf, die entsetzliche! welche mich Lahmen
Auszutilgen beschloß. Da duldet' ich Wehe des Herzens,
Hätt' Eurynome nicht und Thetys im Schoß mich empfangen,
Jene, des kreisenden Stroms Okeanos blühende Tochter.
400
Dort neun Jahre verweilt' ich, und schmiedete mancherlei Kunstwerk,
Spangen und Ring', und Ohrengehenk', Haarnadeln und Kettlein,
Dort in gewölbeter Grott'; und der Strom des Okeanos ringsher
Schäumte mit brausendem Hall, der unendliche: keiner der andern
Kannte sie, nicht der Götter, und nicht der sterblichen Menschen;
405
Sondern Thetys allein und Eurynome, die mich gerettet.
Diese besucht uns jetzo im Haus'; und darum gebührt mir,
Froh der lockigen Thetys den Rettungsdank zu bezahlen.
Auf, nun reiche du ihr des Gastrechts schöne Bewirtung,
Während ich selbst die Bälge hinwegräum', und die Gerätschaft.
410
Sprach's, und erhub sich vom Amboß, das rußige Ungeheuer,
Hinkend, und mühsam strebten daher die schwächlichen Beine.
Abwärts legt' er vom Feuer die Bälg', und nahm die Gerätschaft,
Alle Vollender der Kunst, und verschloß sie im silbernen Kasten;
Wusch sich dann mit dem Schwamme die Hände beid', und das Antlitz,
415
Auch den nervichten Hals, und den haarumwachsenen Busen;
Hüllte den Leibrock um, und nahm den stemmigen Scepter,
Hinkte sodann aus der Tür'; und Jungfraun stützten den Herrscher,
Goldene, Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung:
Diese haben Verstand in der Brust, und redende Stimme,
420
Haben Kraft, und lernten auch Kunstarbeit von den Göttern.
Schräge vor ihrem Herrn hineilten sie; er nachwankend,
Nahte, wo Thetys saß, und ruht' auf schimmerndem Sessel;
Ihr nun faßt' er die Hand, und redete, also beginnend:
Thetys in langem Gewande, wie nahtest du unserer Wohnung,
425
Ehrenwert und geliebt? Denn sonst besuchst du mich wenig.
Rede, wie du verlangst; mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren, und ist es selber gewährbar.
Aber Thetys darauf antwortete, Tränen vergießend:
Ach Hephästos, war eine der Göttinnen auf dem Olympos
430
Je so viel im Herzen des traurigen Wehes erduldend,
Als auf mich vor allen Kronion Jammer gehäuft hat?
Mich aus den Meergöttinnen dem sterblichen Manne gesellt' er,
Peleus Äakos' Sohn', und ich trug des Mannes Umarmung,
Sehr unwillig aus Zwang; doch jetzt vor traurigem Alter
435
Lieget er dort im Palast, ein Entkräfteter. Aber noch mehr nun!
Einen Sohn zu gebären verlieh er mir, und zu erziehen,
Hoch vor Helden geschmückt! Er schwang sich empor, wie ein Sprößling;
Und ich erzog ihn mit Fleiß, wie die Pflanz' im fruchtbaren Acker;
Drauf in geschnäbelten Schiffen gen Ilios sandt' ich daher ihn,
440
Trojas Volk zu bekämpfen. Doch nie empfang' ich ihn wieder,
Wann er zur Heimat kehrt, in Peleus' ragende Wohnung!
Aber so lang' er mir lebt, und das Licht der Sonne noch schauet,
Duldet er Qual; und nichts vermag ich ihm nahend zu helfen!
Die zum Ehrengeschenk ihm die Danaer wählten, die Jungfrau
445
Nahm aus der Hand ihm wieder der Völkerfürst Agamemnon.
Traurend das Herz um diese zerquält' er sich. Aber die Troer
Schlossen die Danaer ein um die ragenden Steuer, und ließen
Nicht aus dem Lager sie gehn. Ihm fleheten drauf die Achaier
Älteste, welche viel und herrliche Gaben ihm boten.
450
Selbst nunmehr verweigert' er zwar dem Verderben zu wehren;
Aber den Freund Patroklos, mit eigenen Waffen ihn rüstend,
Sandt' er daher in die Schlacht, und viel des Volks ihm gesellt' er.
Ganz den Tag durchkämpften sie nun am skäischen Tore;
Ja und verheert des Tages wär' Ilios, wenn nicht Apollon
455
Jenen Vertilger des Volks, Menötios' tapferen Sprößling,
Schlug in dem Vordergefecht, und Hektorn Ehre gewährte.
Drum nun flehend die Knie' umfass' ich dir, ob du geneigt seist,
Schild und Helm zu verleihen dem bald hinwelkenden Sohne,
Prangende Schienen zugleich mit schließender Knöchelbedeckung,
460
Harnisch auch: was er hatte, verlor sein Genoß, den ermordet
Trojas Söhn'; und er liegt auf der Erd', unmutiges Herzens.
Ihr antwortete drauf der hinkende Feuerbeherrscher:
Sei getrost, und laß nicht dieses dein Herz dir bekümmern.
Daß ich doch dem greulichen Tod' ihn also vermöchte
465
Weit hinweg zu entziehn, wann einst sein Jammergeschick naht:
Als nun prangende Wehr ihn erfreun wird, solche wie mancher
Wohl anstaunt im Geschlechte der Sterblichen, wer sie erblicket!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und ging in die Esse,
Wandt' in das Feuer die Bälg' und hieß sie mit Macht arbeiten.
470
Zwanzig bliesen zugleich der Blasebälg' in die Ösen,
Allerlei Hauch aussendend des glutanfachenden Windes,
Bald des Eilenden Werk zu beschleunigen, bald sich erholend,
Je nachdem es Hephästos befahl zur Vollendung der Arbeit.
Jener stellt' auf die Glut unbändiges Erz in den Tiegeln,
475
Auch gepriesenes Gold, und Zinn, und leuchtendes Silber;
Richtete dann auf dem Block den Amboß, nahm mit der Rechten
Drauf den gewaltigen Hammer, und nahm mit der Linken die Zange.
Erst nun formt' er den Schild, den ungeheuren und starken,
Ganz ausschmückend mit Kunst. Ihn umzog er mit schimmerndem Rande,
480
Dreifach und blank, und fügte das silberne schöne Gehenk an.
Aus fünf Schichten gedrängt war der Schild selbst; oben darauf nun
Bildet' er mancherlei Kunst mit erfindungsreichem Verstande.
Drauf nun schuf er die Erd', und das wogende Meer, und den Himmel,
Auch den vollen Mond, und die rastlos laufende Sonne;
485
Drauf auch alle Gestirne, die rings den Himmel umleuchten,
Drauf Plejad' und Hyad', und die große Kraft des Orion,
Auch die Bärin, die sonst der Himmelwagen genannt wird,
Welche sich dort umdreht, und stets den Orion bemerket,
Und allein niemals in Okeanos' Bad sich hinabtaucht.
490
Drauf zwo Städt' auch schuf er der vielfach redenden Menschen,
Blühende: voll war die ein' hochzeitlicher Fest' und Gelage.
Junge Bräut' aus den Kammern, geführt beim Scheine der Fackeln,
Gingen einher durch die Stadt; und hell erhub sich das Brautlied:
Tanzende Jünglinge drehten behende sich unter dem Klange,
495
Der von Flöten und Harfen ertönete; aber die Weiber
Stauden bewunderungsvoll, vor den Wohnungen jede betrachtend.
Auch war dort auf dem Markte gedrängt des Volkes Versammlung:
Denn zween Männer zankten, und haderten wegen der Sühnung
Um den erschlagenen Mann. Es beteuerte dieser dem Volke,
500
Alles hab' er bezahlt; ihm leugnete jener die Zahlung.
Jeder drang, den Streit durch des Kundigen Zeugnis zu enden.
Diesem schrien und jenem begünstigend eifrige Helfer;
Doch Herolde bezähmten die Schreienden. Aber die Greise
Saßen umher im heiligen Kreis' auf gehauenen Steinen;
505
Und in die Hände den Stab dumpfrufender Herolde nehmend,
Stauden sie auf nacheinander, und redeten wechselnd ihr Urteil.
Mitten lagen im Kreis' auch zwei Talente des Goldes,
Dem bestimmt, der vor ihnen das Recht am gradesten spräche.
Jene Stadt umsaßen mit Krieg zwei Heere der Völker,
510
Leuchtend im Waffenglanz. Die Belagerer droheten zwiefach:
Auszutilgen die Stadt der Verteidiger, oder zu teilen
Alles Gut, das die liebliche Stadt in den Mauern verschlösse.
Jene verwarfen es stolz, zum Hinterhalte sich rüstend.
Ihre Mauer indes bewahreten liebende Weiber,
515
Und unmündige Kinder, gesellt zu wankenden Greisen.
Jen' enteilten, von Ares geführt und Pallas Athene:
Beide sie waren von Gold, und in goldene Kleider gehüllet,
Beide schön in den Waffen und groß, wie unsterbliche Götter,
Weit umher vorstrahlend; denn kleiner an Wuchs war die Heerschar.
520
Als sie den Ort nun erreicht, den zum Hinterhalt sie gewählet,
Nahe dem Bach, wo zur Tränke das Vieh von der Weide geführt ward;
Dort nun setzten sich jene, geschirmt mit blendendem Erze.
Abwärts saßen indes zween spähende Wächter des Volkes,
Harrend, wann sie erblickten die Schaf' und gehörneten Rinder.
525
Bald erschienen die Herden, von zween Feldhirten begleitet,
Welche, den Trug nicht ahndend, mit Flötenklang sich ergötzten.
Schnell auf die Kommenden stürzt' aus dem Hinterhalte die Heerschar,
Raubt' und trieb die Herden hinweg, der gehörneten Rinder
Und weißwolligen Schaf', und erschlug die begleitenden Hirten.
530
Jene, sobald sie vernahmen das laute Getös' um die Rinder,
Welche die heiligen Tore belagerten; schnell auf die Wagen
Sprangen sie, stürmten in fliegendem Lauf, und erreichten sie plötzlich.
Alle gestellt nun schlugen sie Schlacht um die Ufer des Baches,
Und hin flogen und her die ehernen Kriegeslanzen.
535
Zwietracht tobt' und Tumult ringsum, und des Jammergeschicks Ker,
Die dort lebend erhielt den Verwundeten, jenen vor Wunden
Sicherte, jenen entseelt durch die Schlacht hinzog an den Füßen;
Und ihr Gewand um die Schulter war rot vom Blute der Männer.
Gleich wie lebende Menschen durchschalteten diese die Feldschlacht,
540
Und entzogen einander die Leichname toter Helden.
Weiter schuf er darauf ein Brachfeld, locker und fruchtbar,
Breit, zum Dritten gepflügt; und viel der ackernden Männer
Trieben die Joch' umher, und lenketen hiehin und dorthin.
Aber so oft sie kehrend des Ackers Ende gewannen,
545
Reicht' ein Mann den Becher des herzerfreuenden Weines
Jeglichem dar nach der Ordnung; sie wandten sich dann zu den Furchen,
Freudiges Muts, das Ende der tiefen Flur zu erreichen.
Aber es dunkelte hinten das Land, und geackertem ähnlich
Schien es, obgleich von Gold: so wunderbar hatt' er's bereitet.
550
Drauf auch schuf er ein Feld tiefwallender Saat, wo die Schnitter
Mäheten, jeder die Hand mit schneidender Sichel bewaffnet.
Längs dem Schwad' hinsanken die häufigen Griffe zur Erde;
Andere banden die Binder mit strohernen Seilen in Garben;
Denn drei Garbenbinder verfolgeten. Hinter den Mähern
555
Sammelten Knaben die Griff'; und trugen sie unter den Armen
Rastlos jener daher. Der Herr stillschweigend bei ihnen
Stand, den Stab in den Händen, am Schwad', und freute sich herzlich.
Abwärts unter der Eiche bereiteten Diener die Mahlzeit,
Rasch um den großen Stier, den sie schlachteten; Weiber indessen
560
Streueten weißes Mehl zum labenden Mus für die Ernter.
Drauf auch ein Rebengefilde, von schwellendem Weine belastet,
Bildet' er schön aus Gold; doch schwärzlich glänzten die Trauben;
Und es standen die Pfähle gereiht ans lauterem Silber.
Rings dann zog er den Graben von dunkeler Bläue des Stahles,
565
Samt dem Gehege von Zinn. Ein Pfand nur führte zum Rebhain,
Für die Träger zu gehn, in der Zeit der fröhlichen Lese.
Jünglinge nun, aufjauchzend vor Lust, und rosige Jungfrauen
Trugen die süße Frucht in schöngeflochtenen Körben.
Mitten auch ging ein Knab' in der Schar; aus klingender Leier
570
Lockt' er gefällige Tön', und sang den Reigen von Linos
Mit hellgellender Stimm'; und ringsum tanzten die andern,
Froh mit Gesang und Jauchzen und hüpfendem Sprung ihn begleitend.
Eine Herd' auch schuf er darauf hochhauptiger Rinder;
Einige waren aus Golde geformt, ans Zinne die andern.
575
Laut mit Gebrüll vom Hof' enteilten sie dort auf die Weide,
Längs dem rauschenden Fluß, der hinabschoß, wankend von Schilfrohr.
Aber goldene Hirten begleiteten emsig die Rinder,
Vier an der Zahl, auch folgeten neun schnellfüßige Hunde.
Zween entsetzliche Löwen, gestürzt in die vordersten Rinder,
580
Faßten den dumpf aufbrummenden Stier; und mit lautem Gebrüll nun
Ward er geschleift; doch Hund' und Jünglinge folgten ihm schleunig.
Jene, nachdem sie zerrissen die Haut des gewaltigen Stieres,
Schlürften die Eingeweid' und das schwarze Blut; und vergebens
Scheuchten die Hirten daher, die hurtigen Hund' anhetzend.
585
Sie dort zuckten zurück, mit Gebiß zu fassen die Löwen,
Standen genaht, und bellten sie an, doch immer vermeidend.
Eine Trift auch erschuf der hinkende Feuerbeherrscher,
Im anmutigen Tal, durchschwärmt von silbernen Schafen,
Hirtengeheg' und Hütten zugleich, und schirmende Ställe.
590
Einen Reigen auch schlang der hinkende Feuerbeherrscher,
Jenem gleich, wie vordem in der weitbewohnten Knossos
Dädalos künstlich ersann der lockigen Ariadne.
Blühende Jünglinge dort und vielgefeierte Jungfraun
Tanzten den Ringeltanz, an der Hand einander sich haltend.
595
Schöne Gewand' umschlossen die Jünglinge, hell wie des Öles
Sanfter Glanz, und die Mädchen verhüllete zarte Leinwand.
Jegliche Tänzerin schmückt' ein lieblicher Kranz, und den Tänzern
Hingen goldene Dolche zur Seit' an silbernen Riemen.
Kreisend hüpften sie bald mit schöngemessenen Tritten
600
Leicht herum, so wie oft die befestigte Scheibe der Töpfer
Sitzend mit prüfenden Händen herumdreht, ob sie auch laufe;
Bald dann hüpften sie wieder in Ordnungen gegeneinander.
Zahlreich stand das Gedräng' um den lieblichen Reigen versammelt,
Innig erfreut; und zween nachahmende Tänzer im Kreise
605
Stimmten an den Gesang, und dreheten sich in der Mitte.
Auch die Gewalt des Stromes Okeanos bildet' er ringsum
Strömend am äußersten Rand des schönvollendeten Schildes.
Als er den Schild nun bereitet, den ungeheuren und starken;
Schuf er anjetzt ihm den Harnisch, den strahlenden, heller denn Feuer;
610
Schuf ihm sodann den gewaltigen Helm, der den Schläfen sich anschloß,
Schön und prangend an Kunst; und zog aus Golde den Haarbusch;
Schuf ihm zuletzt auch Schienen; aus feinem Zinne gegossen.
Als nun jedes Gerät vollbracht der hinkende Künstler;
Nahm er, und legt' es gehäuft vor Achilleus göttliche Mutter.
615
Schnell wie ein Habicht herab vom schneebedeckten Olympos
Sprang sie, und trug von Hephästos das schimmernde Waffengeschmeide.

Neunzehnter Gesang

Am Morgen bringt Thetys die Waffen, und sichert den Leichnam vor Verwesung. Achilleus beruft die Achaier, entsagt dem Zorn, und verlangt sogleich Schlacht. Agamemnon erkennt sein Vergehn, und erbietet sich die Geschenke holen zu lasse . Auf Odysseus' Rat nehmen die Achaier das Frühmahl, die Geschenke nebst der Briseïs werden gebracht, und Agamemnon schwört, sie niemals berührt zu haben. Achilleus ohne Nahrung wird von Athene gestärkt, und zieht mit dem Heere gerüstet zum Kampf. Sein Roß weissagt ihm nach dem heutigen Siege den nahen Tod, den er verachtet.

Eos im Safrangewand' Okeanos' Fluten entsteigend,
Hub sich, Göttern das Licht und sterblichen Menschen zu bringen.
Jene nun kam zu den Schiffen, vom Gott herbringend die Gaben.
Jetzo fand sie den Sohn gestreckt um den lieben Patroklos,
5
Weinend mit lauter Stimm'; und viel' umher der Genossen
Jammerten. Unter sie trat die silberfüßige Göttin;
Und sie faßt' ihm die Hand, und redete, also beginnend:
Lieber Sohn, ihn, denk' ich, nun lassen wir, herzlich betrübt zwar,
Ruhen, nachdem ihn der Rat der ewigen Götter bezwungen.
10
Du nimm hier von Hephästos die hochgepriesene Rüstung,
Wunderschön, wie sie nimmer ein Mann um die Schulter getragen.
Also sprach die Göttin, und legete nieder die Waffen,
Vor dem Sohn; da rasselte laut das Wundergeschmeide.
Alle die Myrmidonen durchdrang Furcht; keiner auch wagt es,
15
Grade sie anzuschaun; sie entzitterten. Aber Achilleus,
So wie er sah, so ergriff ihn noch stärkerer Zorn; und die Augen
Strahlten ihm unter den Wimpern, wie schreckliche Flamme des Feuers.
Freudig umfaßt' und hielt er die herrliche Gabe des Gottes.
Aber nachdem er sein Herz gesättiget, schauend das Wunder;
20
Schnell zur Mutter gewandt, die geflügelten Worte begann er:
Mutter, die Waffen verlieh ein Gott mir, so wie sie wahrlich
Schafft der Unsterblichen Hand, kein sterblicher Mann sie bereitet.
Gleich denn jetzt erschein' ich in Rüstungen. Aber bekümmert
Sorg' ich, daß mir indes Menötios' tapferem Sprößling
25
Fliegen, hineingeschmiegt in die erzgeschlagenen Wunden,
Drinnen Gewürm erzeugen, und ganz entstellen den Leichnam;
(Denn sein Geist ist entflohn!) und der Leib hinsink' in Verwesung.
Ihm antwortete drauf die silberfüßige Thetys:
Mutig, o Sohn, und laß nicht dieses dein Herz dir bekümmern.
30
Jenem versuch' ich selber hinwegzuscheuchen die Fliegen,
Deren Geschlecht raubgierig erschlagene Männer verzehret.
Wenn er sogar daläge bis ganz zur Vollendung des Jahres,
Dennoch soll ihm der Leib unversehrt sein, oder noch schöner.
Rufe demnach zur Versammlung die edelsten Helden Achaias
35
Ausgesöhnt von dem Zorne mit Atreus' Sohn Agamemnon;
Schnell dann eile gewappnet zum Kampf, und gürte mit Kraft dich.
Also redete jen', und gab ihm entschlossene Kühnheit.
Drauf dem Patroklos goß sie Ambrosiasaft in die Nase,
Und rotfunkelnden Nektar, den Leib unversehrt zu erhalten.
40
Er nun ging am Gestade des Meers, der edle Achilleus,
Schreiend mit grausem Getön, und erregte der Danaer Helden.
Jene sogar, die zuvor im Kreis der Schiffe beharret,
Auch die Steuerer selbst, die am Ruder saßen der Schiffe,
Auch die Schaffner der Schiffe, das Brot zu verteilen geordnet;
45
Sie auch eilten nunmehr zur Versammlung: weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet.
Jene beid' auch hinkten daher, die Genossen des Ares,
Tydeus' Sohn, der streitbare Held, und der edle Odysseus,
Matt auf die Lanze gestützt; denn sie trugen noch schmerzende Wunden;
50
Und sie setzten sich beid' in den vordersten Reihn der Versammlung.
Doch am spätesten kam der Herrscher des Volks Agamemnon,
Krank an der Wund'; ihm hatt' in schreckenvoller Entscheidung
Koon, Antenors Sohn, mit ehernem Speer sie gebohret.
Aber nachdem sich alle zusammengedrängt die Achaier;
55
Jetzo erstand vor ihnen und sprach der schnelle Achilleus:
Atreus' Sohn, traun dieses war jüngst schon beiden erwünschter,
Dir und mir selber zugleich; als wir, unmutiger Seele,
Mit herzkränkendem Zank uns ereiferten, wegen des Mägdleins!
Hätte doch an den Schiffen der Artemis Pfeil sie getötet,
60
Jenes Tags, da ich selbst sie erkor aus der Beute Lyrnessos;
Ehe so viel Achaier den Staub mit den Zähnen gebissen,
Unter der Feinde Gewalt, weil ich im Zorne beharrte!
Hektorn war's und den Troern erfreulicher; doch die Achaier
Werden noch lang', ich meine, sich unseres Zwistes erinnern.
65
Aber vergangen sei das Vergangene, wie es auch kränkte;
Dennoch das Herz im Busen bezähmen wir auch mit Gewalt uns.
Meinen Zorn nun hab' ich besänftiget; denn mir gebührt nicht,
Rastlos stets zu eifern voll Unmuts. Auf denn, sogleich nun
Angereizt zum Gefechte die hauptumlockten Achaier:
70
Daß ich noch die Troer einmal versuche begegnend,
Ob an den Schiffen zu ruhn sie geneigt sind. Mancher indes wohl
Möchte sich herzlich froh die ermüdeten Kniee beugen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und unserer Lanze!
Jener sprach's; froh wurden die hellumschienten Achaier,
75
Als dem Zorn entsagte der mutige Peleione.
Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon,
Dort von dem Sitz aufstehend, und nicht vortretend im Kreise:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Ihn, der steht, anhören geziemet sich, nicht in die Red' ihm
80
Fallen; denn solches beschwert, wie viel auch wisse der Störer.
Bei so großem Getümmel des Volks wer vermag da zu hören,
Wer zu reden? Betäubt wird sogar ein tönender Redner.
Peleus' Sohne nunmehr erklär' ich mich; aber ihr andern
Merkt, Argeier, es wohl, und beherziget jeder die Worte.
85
Oft schon haben mir dieses Achaias Söhne gerüget,
Und mich bitter geschmäht; doch trag' ich dessen die Schuld nicht,
Sondern Zeus, das Geschick, und das nächtliche Schrecken Erinnys:
Die in der Volksversammlung zum heftigen Fehl mich verblendet,
Jenes Tags, da ich selber Achilleus' Gab' ihm entwandte.
90
Aber was konnt' ich tun? Die Göttin wirkt ja zu allem,
Zeus' erhabene Tochter, die Schuld, die alle betöret,
Schreckenvoll: leicht schweben die Füß' ihr; nimmer dem Grund' auch
Nahet sie, nein hoch wandelt sie her auf den Häuptern der Männer,
Reizen die Menschen zum Fehl; und wenigstens einen verstrickt sie.
95
Ihn ja selber einmal, Zeus irrte sie, der an Gewalt doch
Weit vor Menschen und Göttern emporragt; aber auch ihn hat
Here, wiewohl ein Weib, durch listige Ränke verleitet,
Jenes Tags, wie Alkmene die hohe Kraft Herakles'
Jetzo gebären sollt' in der starkummauerten Thebe.
100
Rühmend redete Zeus in der Schar der seligen Götter:
Hört mein Wort, ihr Götter umher, und ihr Göttinnen alle,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Heute schafft an das Licht die ringende Eileithya
Einen Mann, der hinfort die Umwohnenden alle beherrschet,
105
Jenes Heldengeschlechts, die aus meinem Blute gezeugt sind.
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Wahrlich du trügst, und nimmer zum Ausgang führst du die Rede.
Oder wohlan, gleich schwör', Olympier, heiligen Eid mir,
Daß gewiß er hinfort die Umwohnenden alle beherrsche,
110
Welcher an diesem Tage dem Schoß des Weibes entsinket,
Jenes Heldengeschlechts, die aus deinem Blute gezeugt sind.
Jene sprach's; doch Zeus argwöhnete nichts des Betruges;
Sondern schwur ihr den Eid, und büßte drauf die Verblendung.
Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos;
115
Und zur achaiischen Argos gelangte sie, wo ihr bekannt war
Sthenelos' edles Weib, des perseiadischen Königs.
Jene trug ein Knäblein, und jetzt war der siebente Monat.
Dies nun zog sie ans Licht, unzeitig annoch, und hemmte
Dort der Alkmene Geburt, die Eileithyen entfernend.
120
Selber nunmehr es verkündend, zu Zeus Kronion begann sie:
Vater Zeus, Strahlschwinger, ein Wort nun leg' ich ans Herz dir.
Schon ist geboren der Held, der einst die Argeier beherrschet,
Sthenelos' Sohn Eurystheus, des perseiadischen Königs,
Dein Geschlecht, und kein unwürdiger Herrscher für Argos.
125
Jene sprach's; und heftiger Gram durchwühlte das Herz ihm.
Eilend faßt' er die Schuld an den glänzenden Locken des Hauptes,
Tief im Herzen ergrimmt, und schwur den heiligen Eidschwur,
Nie zum Olympos hinfort und dem sternumleuchteten Himmel
Solle sie wiederkehren, die Schuld, die alle betöret.
130
Also Zeus, und warf sie vom sternumleuchteten Himmel
Aus umschwingender Hand; und sie stürzt' auf die Werke der Menschen.
Diese fortan beseufzt' er, wann seinen Sohn er erblickte,
Wie mühselig er rang im harten Dienst des Eurystheus.
Also auch ich, so lange der helmumflatterte Hektor
135
Argos' Scharen vertilgt' um die ragenden Steuer der Schiffe,
Konnt' ich nicht vergessen der Schuld, die zuerst mich verblendet.
Aber nachdem ich gefehlt, und Zeus die Besinnung mir wegnahm;
Will ich gern es vergelten, und hier' unendliche Sühnung.
Auf denn, zeuch in den Kampf, und treib' auch die anderen Völker.
140
Auch die Geschenke zu reichen erbiet' ich mich, alle die gestern
Dir im Gezelt ankommend verhieß der edle Odysseus.
Oder willst du, so bleib, wie sehr dich verlangt nach der Feldschlacht;
Und dir sollen Genossen aus meinem Schiff die Geschenke
Bringen, damit du sehest, was dir zur Versöhnung ich gebe.
145
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Ob die Geschenke zu reichen dir gut deucht, wie es geziemet,
Ob zu behalten; du magst! Jetzt laß uns gedenken der Kampflust,
Ohne Verzug; nichts frommt es, allhier im Gespräche zu zaudern,
150
Und mit dem Werke zu säumen: denn viel ist annoch unvollendet!
Daß man Achilleus wieder im Vordertreffen erblicke,
Wie sein eherner Speer hinstreckt die Geschwader der Troer!
Also auch ihr seid jeder bedacht mit dem Feinde zu kämpfen!
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
155
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Treibe sie ungegessen vor Ilios hin die Achaier,
Trojas Volk zu bekämpfen! Denn nicht für wenige Zeit nur
Währt das Gefecht, wenn sich einmal begegnet sind die Geschwader
Kämpfender, aber ein Gott Mut einhaucht jeglicher Heerschar.
160
Laß sich erquicken zuvor an den rüstigen Schiffen die Männer
Alle mit Speis' und Wein; denn Kraft gibt solches und Stärke.
Denn kein Mann vermöchte, den Tag bis zur sinkenden Sonne,
Ungestärkt von Speise, dem Feind' entgegen zu kämpfen.
Wenn ihn auch sein mutiges Herz antreibt zum Gefechte;
165
Dennoch werden gemach die Glieder ihm schwer, und es quälet
Hunger zugleich und Durst, und dem Gehenden wanken die Kniee.
Aber ein Mann, der mit Weine sich erst und Speise gesättigt,
Ob feindselige Männer den ganzen Tag er bekämpfe,
Bleibt ihm getrost sein Herz in der Brust, und nimmer erstarren
170
Eher die Knie', eh' alle zurückziehn aus dem Gefechte.
Aber wohlan, zerstreue das Volk, und heiß' sie das Frühmahl
Rüsten. Es mag die Geschenke der Völkerfürst Agamemnon
Bringen in unseren Kreis, damit ein jeder Achaier
Hier mit den Augen sie schau' und du im Herzen dich freuest.
175
Dann auch schwör' er den Eid, vor Argos' Volk sich erhebend,
Daß er nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Und nun sei dir selber das Herz im Busen besänftigt.
Drauf bewirt' er dich endlich mit köstlichem Mahl im Gezelte
180
Feierlich, daß du nichts der schuldigen Ehren vermissest.
Atreus' Sohn, du wirst auch billiger gegen die andern
Künftig sein; denn es ist nicht unanständig dem König,
Einen Mann zu versöhnen, nachdem er zuerst ihn beleidigt.
Wieder begann dagegen der Völkerfürst Agamemnon:
185
Freudig vernahm ich dein Wort, du edler Sohn des Laertes;
Weil du mit Fug das alles hinausgeführt und geordnet.
Gern auch will ich schwören den Eid; denn die Seele gebeut mir's:
Und, beim schirmenden Gott, nicht Meineid! Aber Achilleus
Weile noch hier so lange, wie sehr ihn verlangt nach der Feldschlacht;
190
Auch verweilt miteinander ihr übrigen: bis die Geschenke
Aus dem Gezelt herkommen, und treuen Bund wir beschwören.
Dieses sei dir selber noch anvertraut und befohlen.
Wähle der Jünglinge dir, die edelsten aller Achaier;
Bringe dann die Geschenk' aus meinem Schiff, die wir gestern
195
Peleus' Sohn zu geben bestimmt, auch führe die Weiber.
Aber Talthybios schaff' aus dem weiten Heer der Achaier
Einen Eber, für Zeus' und Helios' Macht ihn zu opfern.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
200
Mehr zu anderer Zeit geziemet euch das zu besorgen,
Wann einmal uns Erholungsfrist vom Gefechte sich darbeut,
Und mir der Zorn nicht also das Herz im Busen durchwütet.
Doch nun liegen ja dort Erschlagene, welche zerfleischt hat
Hektor, Priamos' Sohn, als ihm Zeus Ehre gewährte!
205
Ihn nun treibt erst beide zum Mahle sie! Wahrlich ich selber,
Gleich ermahnt' ich vielmehr in die Schlacht zu gehn die Achaier,
Nüchtern und ungespeist, und dann mit der sinkenden Sonne
Allen ein Mahl zu bereiten, nachdem wir gerächt die Beschimpfung.
Mir soll wenigstens nichts zuvor die Kehle durchgleiten,
210
Weder Trank noch Speise, da tot mein Freund mir hinsank,
Welcher mir im Gezelte zerfleischt von der Schärfe des Erzes
Daliegt, gegen die Türe gewandt; und Genossen umstehn ihn
Wehmutsvoll! Nein wahrlich, mir liegt nicht solches am Herzen,
Sondern Mord nur, und Blut, und schreckliches Männergeröchel!
215
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Peleus' Sohn, Achilleus, erhabenster Held der Achaier,
Stärker bist du denn ich, und tapferer, nicht um ein kleines,
Mit dem Speer; doch möcht' ich's an Rat dir etwa zuvortun,
Weit, da ich länger gelebt, und mehr gesehn und erfahren.
220
Drum gehorche dein Herz besänftiget meiner Ermahnung.
Bald ja des Menschengewürgs ersättigen sich die Menschen,
Wo in Menge die Halme das Erz zur Erde dahinstreckt;
Kurz auch dauert das Mähn, nachdem herneigte die Waagschal
Zeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet.
225
Nicht mit dem Bauch ja müssen die Danaer Tote betrauern;
Denn zu viel aufeinander und scharweis jegliches Tages,
Fallen sie: wer vermochte dann aufzuatmen vom Kummer?
Billig demnach jedweden beerdiget, wie er gestorben,
Mit verhärteter Seel', und einen Tag ihn beweinend.
230
Doch wie viel' entrannen des Kriegs graunvoller Vertilgung,
Müssen mit Trank und Speise sich kräftigen; daß noch entflammter
Wir ausdaurendes Muts feindselige Männer bekämpfen,
Unter der ehernen Last der Rüstungen. Aber daß niemand,
Harrend des zweiten Befehls in Argos' Volke verweile!
235
Dieser Befehl bringt wahrlich Verderben ihm, welcher zurückbleibt
Unter den Schiffen des Heers! Nein, alle zugleich ausstürmend
Gegen die reisigen Troer erheben wir grause Vertilgung!
Sprach's, und Nestors Söhne gesellt' er sich, jenes Erhabnen,
Meges zugleich den Phyleiden, Meriones auch, und Thoas,
240
Kreions tapferen Sohn Lykomedes, und Melanippos.
Eilend gingen sie nun zum Kriegsgezelt Agamemnons.
Schnell dann war, wie geredet das Wort, so die Sache vollendet.
Sieben nahmen sie dort dreifüßiger Kessel im Zelte,
Die er versprach, zwölf Ross', und zwanzig schimmernde Becken;
245
Führten dann schnell die Weiber, untadlige, kundig der Arbeit,
Sieben, zugleich die achte, des Brises rosige Tochter.
Aber Odysseus wog die zehn Talente des Goldes,
Ging dann voran; ihm folgten die Jünglinge alle mit Gaben.
Die nun stellten sie dort in den Volkskreis. Doch Agamemnon
250
Hub sich; Talthybios dann, Unsterblichen ähnlich an Stimme,
Trat zum Hirten des Volks, und hielt in den Händen den Eber.
Doch der Atreid' ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,
Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,
Schor von des Ebers Haupte das Erstlingshaar, und erhob dann
255
Betend die Hände zu Zeus; rings saßen indes die Argeier
Still umher, nach der Sitte, des Königes Wort zu vernehmen.
Flehend nunmehr begann er, den Blick gen Himmel gewendet:
Höre nun Zeus zuerst, der Seligen Höchster und Bester,
Erd' und Helios auch, und Erinnyen, unter der Erde
260
Einst die Toten bestrafend, wer hier Meineide geschworen!
Niemals hab' ich die Hand an Brises' Tochter geleget,
Weder des Lagers Genuß abnötigend, weder ein andres;
Sondern sie blieb unberührt in den Wohnungen meines Gezeltes!
Schwör' ich einiges falsch, dann senden mir Elend die Götter,
265
Ohne Maß, wie sie senden dem frevelnden Schwörer des Meineids!
Sprach's, und des Ebers Kehle zerschnitt er mit grausamem Erze;
Welchen Talthybios drauf in des Meers grauwogende Fluten
Wirbelnd den Fischen zum Fraß hinschleuderte. Aber Achilleus
Stand empor und begann vor Argos' kriegrischen Söhnen:
270
Vater Zeus, traun große Verblendungen gibst du den Menschen!
Nimmermehr wohl hätte den Mut in der Tiefe des Herzens
Atreus' Sohn mir empört so fürchterlich, oder das Mägdlein
Weg mir geführt mit Gewalt, der Unbiegsame; sondern fürwahr Zeus
Wollte nur vielen den Tod in Argos' Volke bereiten!
275
Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff!
Jener sprach's, und trennte sofort die rege Versammlung.
Alle zerstreuten sich rings, zum eigenen Schiff ein jeder.
Doch die Geschenk' umeilten die Myrmidonen geschäftig,
Brachten sie dann zum Schiffe des göttergleichen Achilleus.
280
Dies nun legten sie dort im Gezelt und setzten die Weiber;
Aber die Ross' entführten zur Herd' hochherzige Diener.
Brises' Tochter nunmehr, wie die goldene Aphrodite,
Als sie gesehn Patroklos zerfleischt von der Schärfe des Erzes;
Goß sie um jenen sich hin, und weinete laut, und zerriß sich
285
Beide Brüst', und den blühenden Hals, und ihr rosiges Antlitz.
Also sprach mit Tränen das Weib, den Göttinnen ähnlich:
Ach mein teurer Patroklos, gefälligster Freund mir im Elend!
Lebend noch verließ ich im Zelte dich, als ich hinwegging;
Und ich Kehrende finde dich tot nun, Völkergebieter,
290
Hingestreckt! So verfolgt mich Unheil immer auf Unheil!
Meinen Mann, dem der Vater mich gab, und die würdige Mutter,
Sah ich dort vor der Stadt zerfleischt von der Schärfe des Erzes;
Auch drei leibliche Brüder, von einer Mutter geboren,
Herzlich geliebt, die mir alle der Tag des Verderbens hinwegriß;
295
Dennoch wolltest du nicht, da den Mann der schnelle Achilleus
Mir erschlug, und verheerte die Stadt des göttlichen Mynes,
Weinen mich sehn; du versprachst mir, des göttergleichen Achilleus
Jugendlich Weib zu werden, der einst in Schiffen gen Phtia
Heim mich brächt', und feirte den Myrmidonen das Brautmahl.
300
Ach du starbst, und ohn' Ende bewein' ich dich, freundlicher Jüngling!
Also sprach sie weinend; und ringsum seufzten die Weiber,
Um Patroklos zum Schein, doch jed' um ihr eigenes Elend.
Jenen indes umringten die edleren Helden Achaias,
Flehend des Mahls zu genießen; allein er versagt' es mit Seufzen.
305
Trauteste Freund', ich fleh euch, wofern ihr Liebe mir heget,
Eher nicht ermahnt mich mit Trank und nährender Speise
Meinen Geist zu erfrischen; denn heftiger Kummer durchdringt mich!
Nein bis die Sonne sich senkt, ich harr', und gedulde mich standhaft!
Dieses gesagt, entließ er die anderen Fürsten des Heeres.
310
Atreus' Söhne nur blieben zurück, und der edle Odysseus,
Nestor, Idomeneus auch, und der graue reisige Phönix,
Sorgsam all' aufheiternd den Traurenden; aber sein Herz floh
Heiterkeit, eh' in den Schlund des blutigen Kriegs er hineindrang.
Stets gedacht' er des Freundes, und redete schnell aufatmend:
315
Ach du hast mir vordem, Unglücklicher, liebster der Freunde,
Selber so oft im Gezelte gebracht ein labendes Frühmahl,
Schnell in geschäftiger Hast, wenn das Heer der Achaier hinausdrang,
Gegen die reisigen Troer das Graun des Krieges zu tragen!
Und nun liegest du ein Erschlagener; aber das Herz mir
320
Will nicht Trank genießen noch Kost, von dem reichlichen Vorrat,
Schmachtend nach dir! Nie könnt' auch ein herberes Wehe mich treffen.
Nicht und wenn ich sogar des Vaters Ende vernähme,
Der wohl nun in Phtia die bittersten Tränen vergießet,
Solches Sohns zu entbehren, der hier im Lande des Fremdlings
325
Um die entsetzliche Helena kämpft mit den Reisigen Trojas;
Oder den Tod des Sohnes, der mir in Skyros ernährt wird,
Wenn er etwa noch lebt, Neoptolemos, göttlich von Bildung!
Ehmals hegte mir immer das Herz im Busen die Hoffnung,
Sterben würd' ich allein von der rossenährenden Argos
330
Fern, im troischen Land'; und du heimkehren gen Phtia,
Daß du mir den Sohn im dunklen gebogenen Schiffe
Brächtest aus Skyros' Flur, und dort jedwedes ihm zeigtest,
Meine Hab', und die Knecht', und die hohe gewölbete Wohnung.
Denn schon ahnd' ich im Geist, daß Peleus tot in der Erde
335
Schlummere, oder vielleicht noch kümmerlich leb' in Schwermut,
Niedergebeugt von Alter und Traurigkeit, weil er beständig
Harrt des schrecklichen Boten, der meinen Tod ihm verkündigt!
Also sprach er weinend; und ringsum seufzten die Fürsten,
Eingedenk, was jeder in seinem Hause zurückließ.
340
Mitleidsvoll erblickte die Traurenden Zeus Kronion;
Schnell zur Athene gewandt, die geflügelten Worte begann er:
Trautes Kind, so gänzlich verlässest du jetzo den Helden!
Gar nicht kümmert sich mehr dein Herz um den edlen Achilleus?
Schau, wie jener dort vor des Meers hochhauptigen Schiffen
345
Sitzt, um den Freund wehklagend, den teuersten! Alle die andern
Gingen zum Frühmahl hin; er rührt nicht Speise noch Trank an.
Eile denn, jenem Ambrosia jetzt und lieblichen Nektar
Sanft in die Brust zu flößen, daß nicht ihn quäle der Hunger.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin.
350
Schnell wie ein schreiender Adler mit weitverbreiteten Flügeln
Schwang sie vom Himmel herab durch den Äther sich. Dort die Achaier
Rüsteten emsig im Heere die Feldschlacht. Doch dem Achilleus
Flößt' Athen' Ambrosia jetzt und lieblichen Nektar
Sanft in die Brust, daß nicht vor Hunger ihm starrten die Kniee.
355
Selbst dann heim zum Palaste des allgewaltigen Vaters
Kehrte sie. Jen' entströmten den hurtigen Schiffen des Meeres.
Wie wenn häufige Flocken des Schnees von Zeus sich ergießen,
Kalt heruntergestürmt vom heiterfrierenden Nordwind:
So dort häufige Helm', umstrahlt von freudiges Schimmer,
360
Drangen hervor aus den Schiffen, und hochgenabelte Schilde,
Auch Brustharnische, mächtig gewölbt, und eschene Lanzen.
Glanz erreichte den Himmel, und ringsum lachte die Erde,
Hell von dem Erze bestrahlt; und Getön scholl unter dem Fußtritt
Wandelnder. Mitten auch wappnete sich der edle Achilleus.
365
Ihm von den Zähnen ertönt' ein Geknirsch her: aber die Augen
Funkelten, gleich wie lodernde Glut; und das Herz ihm erfüllte
Unausduldsamer Schmerz. So heftig ergrimmt auf die Troer,
Nahm er das Göttergeschenk, das Hephästos' Kunst ihm geschmiedet.
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
370
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Eherner Kling'; und darauf den Schild auch, groß und gediegen,
Nahm er, der ferne den Glanz hinsendete, ähnlich dem Vollmond.
375
Wie wenn draußen im Meere der Glanz herleuchtet den Schiffern,
Vom auflodernden Feuer, das hoch auf Bergen entflammet
Brennt in einsames Hürd'; indes mit Gewalt sie der Sturmwind
Fern in des Meers fischwimmelnde Flut von den Freunden hinwegträgt:
So von Achilleus' Schild' entleuchtete Glanz in den Äther,
380
Schön wie er prangt' an Kunst. Den schweren Helm nun erhebend,
Deckt' er das Haupt ringsher; und es strahlete, gleich dem Gestirne,
Sein hochbuschiger Helm; und die Mähn' aus gesponnenem Golde
Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
Jetzo versucht' in der Rüstung sich selbst der edle Achilleus,
385
Ob sie genau anschlöss', und leicht sich bewegten die Glieder;
Und wie Flügel ihm war sie, und hob den Hirten der Völker.
Auch dem schönen Gehäus' entzog er den Speer des Erzeugers,
Schwer und groß und gediegen; es konnt' ihn der Danaer keiner
Schwingen, allein vermocht' ihn umherzuschwingen Achilleus:
390
Pelions ragende Esche, die Cheiron schenkte dem Vater,
Pelions Gipfel enthaun, zum Mord den Heldengeschlechtern.
Aber Automedon jetzt und Alkimos fügten die Rosse
Schnell in die Seile des Jochs, die zierlichen; drauf in die Mäuler
Legten sie jedem Gezäum, und spanneten rückwärts die Zügel
395
Zum gebildeten Sessel. Automedon faßte die Geißel,
Blank und bequem, mit der Hand, und sprang in den Sessel des Wagens.
Hinter ihn drauf, gerüstet zur Feldschlacht, schwang sich Achilleus,
Leuchtend im Waffenschmuck, wie die strahlende Sonne des Himmels.
Schreckliches Rufs nun ermahnt' er die mutigen Rosse des Vaters:
400
Xanthos und Balios ihr, ruhmvolles Geschlecht der Podarge,
Anders jetzo gedenkt den Wagenlenker zu bringen
Wieder ins Heer der Achaier, nachdem wir des Kampfs uns gesättigt;
Aber nicht, wie Patroklos, verlaßt ihn tot im Gefilde!
Unter dem Joch antwortete drauf das geflügelte Streitroß
405
Xanthos, und neigte das Haupt; ihm sank die blühende Mähne
Wallend hervor aus dem Ringe des Jochs, und erreichte den Boden;
Aber die Stimme gewährt' ihm die lilienarmige Here:
Ja, wohl bringen wir jetzt dich Lebenden, starker Achilleus;
Doch des Verderbens Tag ist nahe dir! Dessen sind wir nicht
410
Schuldig, sondern der mächtige Gott und das harte Verhängnis.
Nicht fürwahr durch Säumnis und Langsamkeit unserer Schenkel
Raubte der Troer Volk von Patroklos' Schulter die Rüstung;
Nein der gewaltigste Gott, der Sohn der lockigen Leto,
Schlug ihn im Vordergefecht, dem Hektor Ehre gewährend.
415
Wir zwar wollten im Lauf auch Zephyros Atem ereilen,
Welcher doch schnell vor allen daherstürmt: aber dir selber
Wird bestimmt, dem Gott und dem sterblichen Manne zu fallen.
Jener sprach's; da verschloß der Erinnyen Hand ihm die Stimme.
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
420
Xanthos, warum mir den Tod weissagest du? Solches bedarf's nicht!
Selber weiß ich es wohl, daß fern von Vater und Mutter
Hier des Todes Verhängnis mich hinrafft. Aber auch so nicht
Rast' ich, bevor ich die Troer genug im Kampfe getummelt!
Sprach's, und lenkte voran mit Geschrei die stampfenden Rosse.

Zwanzigster Gesang

Zeus verstattet den Göttern Anteil an der Schlacht, daß nicht Achilleus, dem Schicksal entgegen, sogleich Troja erobere. Donner und Erdbeben. Die Götter zum Kampfe gestellt. Den Äneias reizt Apollon gegen Achilleus. Beiderlei Schutzgötter setzen sich gesondert. Den besiegten Äneias entrückt Poseidon, damit seine Nachkommen die Troer beherrschen. Hektor, den Achilleus angehend, wird von Apollon zurückgehalten. Durch des
Bruders Polydoros Ermordung gerührt, naht er ihm gleichwohl. Hektors Speer haucht Athene zurück, ihn selbst entführt Apollon. Achilleus mordet die Fliehenden.

So an den räumigen Schiffen bewaffneten sich die Achaier,
Um dich, Peleus' Sohn, unersättlicher Krieger, geordnet.
Jenseits hielten die Troer geschart auf dem Hügel des Feldes.
Zeus nun gebot der Themis, die Götter zum Rat zu berufen,
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Von des Olympos Haupt, des vielgebognen; und ringsum
Wandelte jen' und gebot, sich in Zeus' Palast zu versammeln.
Auch kein Gott der Ströme war fern, nur Okeanos einzig,
Keine der Nymphen umher, die liebliche Haine bewohnen,
Oder Quellen der Ström', und grünbekräuterte Täler.
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Als sie im Haus' ankamen des Donnerers Zeus Kronion,
Rings in gehauenen Hallen nun saßen sie, welche dem Vater
Selbst Hephästos gebaut mit erfindungsreichem Verstande.
So dort saßen um Zeus die Versammelten. Nicht auch Poseidon
War unfolgsam dem Ruf, er kam aus dem Meer zu den andern.
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Sitzend nunmehr im Kreis', erforscht' er den Rat des Kronion:
Warum doch, Strahlschwinger, beriefst du der Götter Versammlung?
Denkst du über die Troer und Danaer etwas zu ordnen,
Welchen anjetzt ganz nahe der Krieg und das Treffen entbrannt ist?
Ihm antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
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Erderschüttrer, du kennst den Ratschluß meiner Gedanken,
Und weshalb ich berief. Sie kümmern mich, auch im Verderben.
Selber indes nun bleib' ich auf ragendem Hang des Olympos
Sitzend, mein Herz zu erfreuen des Anschauns. Aber ihr anderer
Geht hinab in die Heere der Troer und der Achaier:
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Beiden mögt ihr helfen, wie jedem das Herz es gebietet.
Denn wo Achilleus allein den Troern naht in der Feldschlacht,
Nicht auch kleines bestehn sie den rüstigen Peleionen.
Stets vor ihm ja zuvor auch entbebten sie, schon ihn erblickend;
Doch nunmehr, da so heftig um seinen Freund er ergrimmt ist,
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Sorg' ich, daß er die Mauer auch trotz dem Schicksal verwüste.
Also redete Zeus, und erregt' unermeßliche Kriegswut.
Schnell nun eilten zum Kampf die Unsterblichen, zwiefaches Sinnes.
Here ging zum Kreise der Schiff', und Pallas Athene;
Auch Poseidon zugleich, der Umuferer; auch Hermeias
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Folgte, der Bringer des Heils, mit frommendem Rate geschmücket;
Auch Hephästos begleitete sie, wutfunkelndes Blickes,
Hinkend, und mühsam strebten daher die schwächlichen Beine.
Doch zu den Troern Ares mit wehendem Helm; und zugleich ihm
Phöbos, das Haupt ungeschoren, und Artemis, froh des Geschosses,
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Leto, und Xanthos zugleich, und die holdanlächelnde Kypris.
Weil noch fern die Götter dem Kampf der Sterblichen waren,
Prangeten stets die Achaier in Herrlichkeit, weil Achilleus
Wieder erschien, der lange vom schrecklichen Kampfe gerastet;
Doch den Troern umher erzitterten unten die Glieder
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Heftig vor Angst, da sie schauten den rüstigen Peleionen,
Leuchtend im Waffenschmuck, dem mordenden Ares vergleichbar.
Aber nachdem ins Gemeng' Olympier kamen zu Männern:
Wütete Eris mit Macht, die Zerstreuerin; schrie auch Athene,
Stehend bald an der Tiefe des Grabens, außer der Mauer,
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Bald an des Meers weithallendem Strand scholl mächtig ihr Ausruf.
Dort brüllt' Ares entgegen, dem düsteren Sturme vergleichbar,
Laut von der obersten Höhe der Stadt die Troer ermunternd,
Bald am Simois laufend umher auf Kallikolone.
So dort gegeneinander empöreten selige Götter
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Beide Heer', und entflammten zerschmetternden Streit der Vertilgung.
Graunvoll donnerte nun der wartende Herrscher der Welt Zeus
Obenher; und von unten erschütterte Poseidaon
Weit die unendliche Erd', und der Berg' aufstarrende Häupter.
Alle sie wankten bewegt die Füße des quelligen Ida,
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Bis zu den Höhn, auch Ilios Stadt, und der Danaer Schiffe.
Bang' erschrak dort unten der Schattenfürst Aïdoneus:
Bebend sprang er vom Thron mit Geschrei auf, daß ihm von oben
Nicht die Erd' aufrisse der Landerschüttrer Poseidon,
Daß nicht Menschen erschien' und Unsterblichen seine Behausung,
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Fürchterlich dumpf, wustvoll, und selbst den Göttern ein Abscheu.
Solch ein Getös' erscholl, da die Götter zum Kampf sich erhuben!
Siehe nunmehr entgegen dem Meerbeherrscher Poseidon
Stellte sich Phöbos Apollon, und trug die gefiederten Pfeile;
Gegen den Ares stand die Kriegerin Pallas Athene;
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Gegen Here die Göttin der Jagd, mit goldener Spindel,
Artemis, froh des Geschosses, des Fernetreffenden Schwester;
Gegen Leto Hermeias, der segnende Bringer des Heiles;
Doch dem Hephästos entgegen des Stroms tiefstrudelnder Herrscher,
Xanthos im Kreis der Götter genannt, von Menschen Skamandros.
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So dort stürzten auf Götter die Götter sich. Aber Achilleus
Gegen den Hektor zumeist ins Gewühl zu tauchen begehrt' er,
Priamos' Sohn; denn vor allen mit seinem Blute verlangt' ihn
Sehnlich den Ares zu tränken, den unaufhaltsamen Krieger.
Doch den Äneias stürmte der Volkzerstreuer Apollon
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Grad' auf den Peleionen, und haucht' ihm edelen Mut ein,
Ähnlich an Wuchs und Stimme des Priamos' Sohn Lykaon;
Dessen Gestalt nachahmend, begann der Herrscher Apollon:
Wo ist, Fürst der Troer, Äneias, alle die Drohung,
Welche du Trojas Helden bei festlichem Weine verhießest,
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Kühn entgegen zu kämpfen dem Peleionen Achilleus?
Aber Äneias darauf antwortete, solches erwidernd:
Priamos' Sohn, warum ermahnst du mich, ohne mein Wollen,
Gegen Achilleus' Macht, des Hochbeherzten, zu kämpfen?
Schwerlich heute zuerst vor dem mutigen Renner Achilleus
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Würd' ich bestehn, der mich eher bereits mit der Lanze vom Ida
Weggescheucht, da er kam die weidenden Rinder zu rauben,
Und Lyrnessos verheert' und Pedasos. Aber Kronion
Rettete mich, der Kraft mir erregt' und hurtige Schenkel.
Traun ich wäre vertilgt von Achilleus' Hand und Athenens,
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Welche Licht ihm zu schaffen voranging, und ihn ermahnte,
Leleger rings und Troer mit ehernem Speer zu ermorden.
Drum nicht mag dem Achilleus ein Mann zum Kampfe begegnen;
Stets ist ihm ein Unsterblicher nah, der Böses ihm abwehrt.
Auch zugleich sein Geschoß fliegt gradan, nicht ihm ermüdend,
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Eh' es in Menschenblut sich gesättiget. Wenn nur ein Gott uns
Gleich ausmäße des Kampfs Entscheidungen; nimmer so leicht dann
Würd' ihm der Sieg, und trotzt' er, aus starrendem Erze gebildet!
Ihm antwortete drauf Zeus' Sohn, der Herrscher Apollon:
Edler, wohlan du selber die ewigwährenden Götter
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Angefleht! Dich hat ja die Tochter Zeus Aphrodite,
Sagt man, erzeugt; und jenen gebar die geringere Göttin:
Eine von Zeus abstammend, die andere nur vom Meergreis.
Grade denn trag' ihm entgegen dein mächtiges Erz, und durchaus nicht
Werde durch pochende Worte zurückgewandt noch Bedrohung!
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Also der Gott, und beseelte mit Mut den Hirten der Völker.
Schnell durch die vordersten ging er, mit strahlendem Erze gewappnet.
Doch nicht eilt' unbemerkt von der lilienarmigen Here
Gegen den Peleionen der Held durch das Männergetümmel.
Jene berief die Götter umher, und redete also:
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Überlegt nun beide, Poseidon du, und Athene,
Jeder in seinem Herzen, wohin sich wende die Sache.
Dorther kommt Äneias, mit strahlendem Erze gewappnet,
Gegen den Peleionen; es reizt' ihn Phöbos Apollon.
Aber wohlan, wir wollen zurück ihn drängen von dannen
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Alle nun; oder auch einer verteidige neben ihm stehend,
Peleus' Sohn, und erfüll' ihn mit Kraft, und lasse sein Herz nicht
Mangeln des Muts: daß er sehe, die mächtigsten unter den Göttern
Sei'n ihm hold; doch nichtig sei jener Schutz, die von jeher
Trojas Volk abwehren den Krieg und das Waffengetümmel.
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All' entstiegen wir ja dem Olympos, um zu begegnen
Diesem Gefecht; daß nichts im Troervolk er erdulde,
Heute nur; künftig indes erduld' er, was ihm das Schicksal,
Als ihn die Mutter gebar, in den werdenden Faden gesponnen.
Aber entdeckt nicht solches ein Götterspruch dem Achilleus;
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Schrecken ergreift ihn gewiß, wann ein Gott entgegen ihm wandelt
Durch die Schlacht; denn furchtbar sind himmlische Götter von Anblick.
Ihr antwortete drauf der Erderschüttrer Poseidon:
Here, nicht so gewütet mit Heftigkeit; wenig geziemt dir's.
Ungern möcht' ich solches, daß wir die anderen Götter
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Feindlich im Kampf anfielen; denn weit gewaltigen sind wir.
Laßt uns jetzo vielmehr hingehn und nieder uns setzen
Außer dem Weg' auf die Wart', und den Krieg die Männer besorgen.
Aber wo Ares zuerst Kampf anhebt, oder Apollon,
Auch wo Achilleus sie hemmen, und nicht ihn lassen im Kampfe;
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Schleunig sodann uns selber wird stracks sich erheben der Aufruhr
Wildes Gefechts; und geschwinde hinweg dann scheidend, vermut' ich,
Kehren sie heim zum Olympos, zur Schar der anderen Götter,
Unter unseren Händen mit Kraft und Stärke gebändigt.
Dieses gesagt, ging jener voran, der Finstergelockte,
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Zu dem geschütteten Walle des göttergleichen Herakles,
Den ihm hoch die Troer vordem und Pallas Athene
Ründeten, daß sich bergend dem Meerscheusal er entrönne,
Wann es einmal vom Gestade daher ihn scheucht' in das Blachfeld.
Dorthin ging Poseidon, und saß mit den anderen Göttern,
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Ringsumher undurchdringlich Gewölk um die Schultern gehüllet.
Drüben setzten sich jen' auf der Stirn der Kallikolone,
Schnellender Phöbos, um dich, und den stadtverwüstenden Ares.
Also saßen dort die Unsterblichen gegeneinander,
Sinnend auf Rat: vom Beginne des harthinstreckenden Kampfes
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Säumten sie beiderseits; doch Zeus hochthronend gebot ihn.
Voll ward nun das ganze Gefild', und strahlte vom Erze
Wandelnder Männer und Ross'; und es dröhnte der Grund von dem Fußtritt,
Als sie sich nahten in Wut. Doch zween vorstrebende Männer
Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes,
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Held Äneias der Anchisiad', und der edle Achilleus.
Sieh' Äneias zuerst kam wildandrohend; und hochher
Nickte der Busch vom gewaltigen Helm; doch den stürmenden Stierschild
Trug er der Brust vorhaltend, und schwenkte den ehernen Wurfspieß.
Gegen ihn drang der Peleide mit Ungestüm, wie ein Löwe,
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Grimmvoll, den die Männer hinwegzutilgen verlangend
Kommen, ein ganzes Volk; im Anfang stolz und verachtend
Wandelt er; aber sobald mit dem Speer ein mutiger Jüngling
Traf, dann gähnet er eingeschmiegt, und der Schaum von den Zähnen
Rinnt ihm herab, und es stöhnt sein edeles Herz in dem Busen;
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Dann mit dem Schweif die Hüften und mächtigen Seiten des Bauches
Geißelt er rechts und links, sich selbst anspornend zum Kampfe,
Graß nun die Augen verdreht anwütet er, ob er ermorde
Einen Mann, ob er selbst hinstürz' im Vordergetümmel:
So den Achilleus drängte der Mut des erhabenen Herzens,
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Kühn entgegen zu gehn dem tapferen Held Äneias.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Rief zuerst anredend der mutige Renner Achilleus:
Wie so weit, Äneias, hervor aus der Menge dich wagend
Nahest du? Ob dir das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
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Weil du hoffst zu beherrschen die gaulbezähmenden Troer,
Künftig in Priamos Macht? O wenn du schon mich erregtest,
Nie wird Priamos drum in die Hand dir geben die Ehre.
Denn selbst hat er ja Söhn'; und fest, nicht wankend beharrt er.
Maßen vielleicht die Troer dir auserlesene Güter,
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Schön an Ackergefild' und Pflanzungen, daß du sie bautest,
Wenn mich einst du erschlügst! Das möchtest du schwerlich vollenden!
Einmal schon, wie ich meine, dich selbst mit der Lanze verfolgt' ich.
Denkst du nicht mehr, wie ich dort dich Einsamen weg von den Rindern
Scheuchte die Höhn des Ida hinab mit hurtigen Schenkeln,
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Fliegendes Laufs? Nicht wagtest du umzuschaun im Entfliehen!
Dorther bis in Lyrnessos entflohest du; aber in Trümmer
Warf ich sie, eingestürmt mit Pallas Athen' und Kronion.
Viele gefangene Weiber, beraubt der heiligen Freiheit
Führt' ich; allein dich rettete Zeus und die anderen Götter.
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Schwerlich indes erretten sie heute dich, wie du im Herzen
Etwa wähnst! Wohlan denn, ich rate dir, weiche mir eilig
Unter die Menge zurück, und scheue dich, mir zu begegnen,
Eh' dich ein Übel ereilt! Geschehenes kennet der Tor auch!
Aber Äneias darauf antwortete, solches erwidernd:
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Peleus' Sohn, mit Worten fürwahr nicht, gleich wie ein Knäblein,
Hoffe mich abzuschrecken; denn wohl vermocht' ich ja selber,
So herzschneidende Wort' als frevele auszurufen.
Kennen wir doch des andern Geschlecht, und kennen die Eltern,
Hörend die längstberühmten Erzählungen sterblicher Menschen;
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Nie sahn wir, die meinigen du, noch ich selber die deinen.
Doch man sagt, dich zeugte der unvergleichbare Peleus,
Dem dich Thetys gebar, des Meers schönlockige Göttin.
Aber ich selbst, ein Sohn des hochgesinnten Anchises
Rühm' ich entsprossen zu sein, von der Tochter Zeus' Aphrodite.
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Jenen ist oder auch diesen, den trauten Sohn zu beweinen,
Heute bestimmt; nicht werden ja wir, durch kindische Worte
So auseinander getrennt, das Schlachtfeld wieder verlassen.
Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennest
Unserer Väter Geschlecht, wiewohl es vielen bekannt ist:
215
Dardanos zeugte zuerst der Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Ihn Dardanias Stifter; denn Ilios heilige Feste
Stand noch nicht im Gefilde, bewohnt von redenden Menschen;
Sondern am Abhang wohnten sie noch des quelligen Ida.
Dardanos drauf erzeugt' Erichthonios sich, den Beherrscher,
220
Welcher der reichste war der sterblichen Erdebewohner.
Stuten weideten ihm drei Tausende rings in den Auen,
Säugende, üppiges Mutes, von hüpfenden Füllen begleitet.
Boreas selbst, von den Reizen entbrannt der weidenden Stuten,
Gattete sich, in ein Roß mit dunkeler Mähne gehüllet;
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Und zwölf mutige Füllen gebaren sie seiner Befruchtung.
Diese, so oft sie sprangen auf nahrungsprossender Erde,
Über die Spitzen des Halms hinflogen sie, ohn' ihn zu knicken;
Aber so oft sie sprangen auf weitem Rücken des Meeres,
Liefen sie über die Wogen, nur kaum die Hufe benetzend.
230
Dann Erichthonios zeugte den Tros zum Gebieter den Troern;
Aber von Tros entsprangen die drei untadligen Söhne,
Ilos, Assarakos auch, und der göttliche Held Ganymedes,
Welcher der schönste war der sterblichen Erdebewohner:
Ihn auch rafften die Götter empor, Zeus' Becher zu füllen,
235
Wegen der schönen Gestalt, den Unsterblichen zugesellet.
Ilos zeugte den Sohn Laomedon, tapfer und edel;
Aber Laomedon zeugte den Priamos, und den Tithonos,
Lampos und Klytios auch, und den streitbaren Held Hyketaon.
Kapys, Assakaros' Sohn, erzeugete drauf den Anchises;
240
Aber Anchises mich selbst; und Priamos zeugte den Hektor.
Sieh aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm' ich mich jetzo.
Doch der Menschen Gedeihn vermehrt und mindert Kronion,
Wie sein Herz es gebietet; denn er ist mächtig vor allen.
Aber laß nicht länger uns hier, gleich albernen Kindern,
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Schwatzend stehn in der Mitte des feindlichen Waffengetümmels.
Denn leicht ist es beiden, uns kränkende Worte zu sagen,
Viele, daß kaum sie trüg' auch ein hundertrudriges Lastschiff.
Flüchtig ja ist die Zunge der Sterblichen, vielfach die Reden
Aller Art, und weit das Gefild' hinstreifender Worte.
250
Wie du selbst geredet das Wort, so magst du es hören.
Doch was nötiget uns, in Erbitterung gegeneinander
Lästerworte zu lästern und Schmähungen, gleich den Weibern,
Die zum Zorne gereizt von herzdurchdringender Feindschaft
Lästern gegeneinander, in offener Straße sich treffend,
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Manches wahr, und auch nicht; denn der Zorn gebietet auch solches.
Worte ja werden mir nimmer den Mut abwenden vom Angriff,
Ehe mit Erz du entgegen gekämpft hast! Auf denn, geschwinde
Kosten wir untereinander die ehernen Kriegeslanzen!
Sprach's, und den ehernen Speer auf den furchtbaren Schild des Entsetzens
260
Schwang er; und ringsum hallte der große Schild von dem Speerwurf.
Doch der Peleid' hielt ferne den Schild mit nervichtem Arme,
Schreckenvoll; denn er wähnte, die weitherschattende Lanze
Würde leicht durchdringen dem mutigen Held Äneias:
Tor! er bedachte nicht in des Herzens Geist und Empfindung,
265
Daß so leicht nicht sein der Unsterblichen herrliche Gaben
Sterblicher Menschen Gewalt zu bändigen, noch zu durchbohren.
Auch nicht jetzt Äneias des Feurigen stürmende Lanze
Brach den Schild; denn es hemmte das Gold, die Gabe des Gottes.
Zwo der Schichten allein durchstürmte sie; aber annoch drei
270
Waren; denn fünf der Schichten vereinigte hämmernd der Künstler,
Jene zwo von Erz, und die inneren beide von Zinne,
Aber die eine von Gold, wo die eherne Lanze gehemmt ward.
Auch der Peleid' itzt schwang die weithinschattende Lanze;
Und er traf dem Äneias den Schild von geründeter Wölbung,
275
Nahe dem äußersten Rand, wo das Erz am dünnsten umherlief,
Auch am dünnsten ihn deckte die Stierhaut; aber hindurch drang
Pelions ragende Esche mit Sturm, und es krachte die Wölbung.
Nieder duckt' Äneias in Eil', und streckte den Schild auf,
Angstvoll; aber der Speer, der ihm hinsaust', über die Schultern,
280
Stand in die Erde gebohrt, und zerschlug ihm beide die Ränder
Am ringsdeckenden Schild; doch entflohn der gewaltigen Lanze,
Stand er nunmehr, und Entsetzen umgoß ihm die Augen mit Dunkel,
Starrend, wie nah das Geschoß ihm haftete. Aber Achilleus
Stürzte begierig hinan, das geschliffene Schwert sich entreißend,
285
Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff Äneias den Feldstein,
Groß und ungeheuer, daß nicht zween Männer ihn trügen,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
Jetzo hätt' Äneias des Stürmenden Helm mit dem Steine,
Oder den Schild ihm getroffen, der doch dem Verderben gewehret;
290
Ihn dann hätt' Achilleus gehaun mit dem Schwert und getötet:
Wenn nicht schnell sie bemerkte der Erderschüttrer Poseidon.
Eilend begann er das Wort zur unsterblichen Götterversammlung:
Wehe doch! traun mich jammert der mutige Held Äneias,
Welcher bald, vom Peleiden besiegt, zum Aïs hinabfährt,
295
Weil er gehorcht dem Worte des treffenden Phöbos Apollon:
Tor! denn nichts ihm frommt er, dem traurigen Tode zu wehren.
Aber warum soll jener nun schuldlos Jammer erdulden,
Also verkehrt, um anderer Weh; da gefällige Opfer
Stets er den Göttern gebracht, die weit den Himmel bewohnen
300
Auf, wir selbst nun wollen der Todesgefahr ihn entreißen;
Daß nicht auch der Kronid' ereifere, wenn ihn Achilleus
Tötete jenen Mann; denn das Schicksal gönnt ihm Errettung:
Daß nicht samenlos das Geschlecht hinschwind' und der Name
Dardanos, den der Kronid' aus allen Söhnen sich auskor,
305
Welche von ihm aufwuchsen und sterblichen Menschentöchtern.
Denn des Priamos' Stamm ist schon verhaßt dem Kronion;
Jetzo soll Äneias' Gewalt obherrschen den Troern,
Und die Söhne der Söhn', in künftigen Tagen erzeuget.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
310
Selber im Geist erwäg' es, o erderschütternder König,
Ob du erretten ihn willst, den Äneias, oder verstatten,
Daß hinsinke der Held dem Peleionen Achilleus.
Denn fürwahr wir beide beteuerten oft mit Eidschwur,
Vor den Unsterblichen allen, ich selbst und Pallas Athene,
315
Niemals einem der Troer den grausamen Tag zu entfernen,
Nicht wenn Troja sogar in verheerenden Flamme des Feuers
Loderte, rings entflammt von den kriegrischen Söhnen Achaias.
Als er solches vernommen, der Erderschüttrer Poseidon;
Flugs durcheilt' er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
320
Hin wo Äneias war, und der hochberühmte Achilleus.
Jenem sogleich nun goß er umschattende Nacht vor die Augen,
Peleus' Sohn Achilleus, und selbst die mordende Esche
Zog er zurück aus dem Schilde dem mutigen Held Äneias,
Legte sie dann vor die Füße des Peleionen Achilleus.
325
Doch den Äneias schwang er, empor von der Erd' ihn erhebend;
Und weit über die Reihen des Volks, und die Reihen der Rosse,
Flog Äneias hinweg, von der Hand des Gottes geschleudert;
Bis er kam an die Grenze des tobenden Schlachtengetümmels,
Wo der Kaukonen Volk zum Kampf gerüstet einherzog,
330
Jetzo naht' ihm wieder der Erderschüttrer Poseidon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Welch ein Gott, Äneias, gebietet dir, also verblendet
Gegen des Peleus' Sohn zu kämpfen dem Kampf der Entscheidung,
Der weit mächtiger ist, und mehr geliebt von den Göttern?
335
Künftig weiche zurück, so oft du jenem begegnest;
Daß nicht trotz dem Verhängnis in Aïdes Haus du hinabsteigst.
Aber nachdem Achilleus den Tod und das Schicksal erreicht hat;
Dann getrost fortan in den vordersten Reihen gekämpfet!
Denn kein anderer sonst der Danaer raubt dir die Rüstung.
340
Sprach's, und verließ ihn daselbst, nachdem er ihm alles verkündigt.
Schnell dem Achilleus anjetzt von den Augen scheucht' er des Nebels
Hehre Nacht; und sofort weit schauet' er rings mit den Augen.
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Weh mir! ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen!
345
Siehe, die Lanze liegt an der Erd' hier; aber der Mann ist
Nirgends, dem ich sie warf, ihn auszutilgen verlangend!
Ei daß auch Äneias geliebt von unsterblichen Göttern
War! doch meint' ich gewiß, er rühme sich nur so vergebens.
Wandr' er dahin! Nie wahrlich mit mir sich annoch zu versuchen
350
Waget er, der auch nun zu entfliehn sich freut aus dem Tode!
Auf denn, nunmehr anmahnend der Danaer Kriegesgeschwader,
Will ich die anderen Troer im feindlichen Kampfe versuchen!
Rief's, und sprang in die Reihn, und ermunterte jeglichen Streiter:
Nicht so fern von den Troern enthaltet euch, edle Achaier;
355
Alle nun, Mann auf Mann, dringt ein, und gedenket des Kampfes!
Denn zu schwer wird mir's, wie groß auch meine Gewalt sei,
Solch ein Männergewühl zu umgehn, und mit allen zu kämpfen!
Selbst nicht Ares vermöcht' ein Unsterblicher zwar, noch Athene,
Solchen Schlund des Gewürgs mit Kriegsarbeit zu umwandeln!
360
Aber so viel ich selber vermag an Händen und Schenkeln
Und an Gewalt; nicht mein' ich das mindeste des zu versäumen;
Sondern rings durchwandl' ich die Ordnungen; nimmer auch, hoff' ich
Wird ein Troer sich freun, wer meinem Speere begegnet!
Also ermahnte der Held; auch dort der strahlende Hektor
365
Rief den Troern Befehl, und verhieß dem Kampf mit Achilleus:
Trojas mutige Söhne, verzagt nicht vor dem Peleiden!
Wohl auch ich mit Worten Unsterbliche selber bekämpft' ich,
Doch mit dem Speer unmöglich; denn weit gewaltiger sind sie.
Nimmer vermag auch Achilleus ein jegliches Wort zu vollenden;
370
Sondern eins vollbringt er, das andere läßt er verstümmelt.
Ihm nun eil' ich entgegen, und wäre sein Arm wie die Flamme,
Wäre sein Arm wie die Flamme, sein Mut wie blinkendes Eisen!
Also ermahnte der Held; da erhuben sie drohende Lanzen,
Trojas Söhn', und es stürmte der Streiter Gewühl, und Geschrei scholl.
375
Jetzo trat zu Hektor und redete Phöbos Apollon:
Hektor, durchaus nicht mehr mit Achilleus wage den Vorkampf,
Sondern umher in der Meng' und dem Schlachtgetümmel erhasch' ihn:
Daß nicht etwa sein Speer dich bändige, oder sein Schwerthieb!
Jener sprach's; und Hektor entwich in den Haufen der Männer,
380
Angstvoll, als er die Stimme vernahm des redenden Gottes.
Aber Achilleus sprang voll stürmender Kraft in die Troer,
Mit graunvollem Geschrei; und zuerst den Iphition rafft' er,
Ihn des Otrynteus Sohn, den tapferen Völkergebieter,
Welchen gebar die Najade denn Städteverwüster Otrynteus,
385
Unten am schneeigen Tmolos, in Hydas fettem Gefilde.
Diesem, der anlief, schoß mit dem Speer der edle Achilleus
Grad' auf die Mitte des Haupts, und ganz voneinander zerbarst es.
Dumpf hinkracht' er im Fall; da rief frohlockend Achilleus:
Liege nun, Otrynteide, du Schrecklichster unter den Männern!
390
Hier ist also dein Tod; die Geburt war fern an Gygäas
Schönem See, wo dir dein väterlich Erbe gebaut wird,
Am fischwimmelnden Hyllos, und Hermos strudelnden Wassern!
So frohlockte der Held; doch jenen umschattete Dunkel;
Und von der Danaer Rossen zermalmt mit rollenden Rädern
395
Lag er im Vordergewühl. Nach ihm dem Demoleon jetzo,
Jenem tapferen Wehrer der Schlacht, Antenors Erzeugtem,
Stieß er den Speer in den Schlaf, durch des Helms erzwangige Kuppel:
Wenig hemmte das Erz den Stürmenden; sondern hindurch drang
Schmetternd die eherne Spitz' in den Schädel ihm; und sein Gehirn ward
400
Ganz mit Blute vermischt: so bändigt' er jenen im Angriff.
Drauf dem Hippodamas stürmt' er, der rasch vom Wagen herabsprang,
Als er vor ihm hinbebte, den ehernen Speer in den Rücken;
Und er verhauchte den Geist, und stöhnete dumpf, wie ein Stier oft
Stöhnete, umgeschleppt um den helikonischen Herrscher,
405
Wann ihn Jünglinge schleppen; es freut sich ihrer Poseidon:
Also stöhnt' auch jener, den mutigen Geist aushauchend.
Er dann flog mit dem Speer auf den göttlichen Held Polydoros,
Priamos' Sohn. Ihm wehrete noch sein Vater die Feldschlacht,
Weil er der jüngste Sohn, gezeugt in späterem Alter,
410
Und der geliebteste war, ein rüstiger Läufer vor allen.
Jetzt vor kindischer Lust, mit hurtigen Füßen zu prangen,
Tobt' er im Vorderkampf, bis sein blühendes Leben dahin war.
Den nun traf mit der Lanze der mutige Renner Achilleus,
Als er vorüberflog, an den Rückgrat, wo sich des Gurtes
415
Goldene Spang' ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Aber hindurch an den Nabel durchstürmt' ihn die eherne Spitze;
Heulend sank er aufs Knie; und Gewölk des Todes umhüllt' ihn
Schwarz; und er rafft' empor das Gedärm mit den Händen sich krümmend.
Hektor, sobald er gesehn, wie dort Polydoros der Bruder
420
Hielt das Gedärm in den Händen, umhergekrümmt auf der Erde;
Schnell vor die Augen herab floß Dunkel ihm, und er ertrug nicht
Länger entfernt sich zu wenden; hinangestürmt zu Achilleus,
Schwenkt' er den blinkenden Speer, wie ein Glutstrahl. Aber Achilleus,
So wie er sah, aufsprang er, und rief frohlockend die Worte:
425
Siehe der Mann, der so schmerzlich mein innerstes Herz mir verwundet,
Der den Genossen mir schlug, den trautesten! Länger fürwahr nicht
Wollen wir scheu voreinander entfliehn durch die Pfade des Treffens!
Sprach's, und mit finsterem Blicke begann er zum göttlichen Hektor:
Näher heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest!
430
Wieder begann unerschrocken der helmumflatterte Hektor:
Peleus' Sohn, mit Worten fürwahr nicht, gleich wie ein Knäblein,
Hoffe mich abzuschrecken; denn wohl vermöcht' ich ja selber,
So herzschneidende Wort' als frevele auszurufen.
Weiß ich doch, wie tapfer du bist, und wie weit ich dir nachsteh.
435
Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter:
Ob ich, wiewohl geringer an Kraft, dein Leben dir raube,
Treffend mit meinem Geschoß, das auch an der Spitze geschärft ist.
Sprach's, und die Lanz' aufschwingend, entsandt' er sie. Aber Athene
Trieb mit dem Hauch sie zurück vom Peleionen Achilleus,
440
Sanft entgegen ihr atmend; und hin zum göttlichen Hektor
Flog sie, und sank kraftlos zu den Füßen ihm. Aber Achilleus
Stürzte begierig hinan, ihn auszutilgen verlangend,
Mit graunvollem Geschrei; doch schnell entrückt ihn Apollon,
Sonder Müh', als Gott, und hüllt, in Nebel ihn ringsher.
445
Dreimal stürzt' er hinan, der mutige Renner Achilleus,
Zuckend mit ehernem Speer, und dreimal stach er den Nebel.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
Jetzo mit drohendem Laut die geflügelten Worte begann er:
Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben
450
Über dem Haupt; allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!
Doch bald mein' ich mit dir zu endigen, künftig begegnend;
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil' ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!
455
Sprach's, und Dryops stach er gerad' in den Hals mit der Lanze,
Daß er hinab vor die Füß' ihm taumelte. Den nun verließ er;
Drauf den Philetoriden Demuchos, groß und gewaltig,
Hemmt' er im Lauf, sein Knie mit gesendeter Lanze verwundend,
Schwang dann genaht sein mächtiges Schwert, und raubt' ihm die Seele.
460
Drauf den Laogonos auch und Dardanos, Söhne des Bias,
Stürzet' er beid' anrennend vom Wagengeschirr auf die Erde:
Den mit der Lanze Wurf, und den mit dem Hiebe des Schwertes.
Tros dann, Alastors Sohn: der naht' ihm, fassend die Kniee,
Ob er sein des Gefangenen schont', und ihn lebend entließe,
465
Und ihn nicht zu erschlagen, an Alter ihm gleich, sich erbarmte:
Törichter, nicht ja erkannt' er, wie all sein Flehen umsonst war;
Denn nicht sanft war jener gesinnt, noch freundliches Herzens,
Sondern ein heftiger Mann! Zwar faßt' ihm jener die Kniee,
Strebend ihn anzuflehn; doch er haut' ihm das Schwert in die Leber,
470
Daß ihm die Leber entsank, und das schwarze Blut aus der Wunde
Ganz den Busen erfüllt'; und Nacht umzog ihm die Augen,
Weil ohnmächtig er sank. Auch dem Mulios stieß er die Lanze
Nahend ins Ohr, und sogleich aus dem anderen Ohre hervor drang
Jenem das spitzige Erz. Auch Agenors Sohn dem Echeklos
475
Schwang er tief in den Schädel das Schwert mit gewaltigem Hefte:
Ganz ward warm die Klinge vom spritzenden Blut; und die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
Auch den Deukalion jetzt: wo der Sehnen Geflecht sich vereinigt
Unter dem Buge des Arms, dort traf, die Rechte durchbohrend,
480
Ihn das spitzige Erz; und er harrt', am Arme gelähmet,
Vor sich schauend den Tod; doch das Schwert in den Nacken ihm haut' er
Daß mit dem Helme das Haupt ihm enttaumelte; und aus den Wirbeln
Spritzte das Mark ihm empor, und er lag auf der Erde sich streckend.
Weiter darauf enteilt' er zu Peireos trefflichem Sohne,
485
Rigmos, der aus Thrake der scholligen hergekommen:
Diesem schoß er die Lanze gerad' in die Weiche des Bauches;
Und er entsank dem Geschirr. Areïthoos drauf dem Genossen,
Als er die Ross' umlenkte, den ehernen Speer in den Rücken
Stieß er, und warf ihn vom Wagen; es tummelten bäumend die Rosse.
490
Wie ein entsetzlicher Brand die gewundenen Tale durchwütet,
Hoch im dürren Gebirg'; es entbrennt unermeßlich die Waldung,
Und rings wehet der Wind mit sausenden Flammenwirbeln:
So rings flog mit der Lanze der Wütende, stark wie ein Dämon,
Folgend zu Mord und Gewürg'; und Blut umströmte die Erde.
495
Wie wenn ein Mann ins Joch breitstirnige Stiere gespannet,
Weiße Gerste zu dreschen auf rundgeebneter Tenne;
Leicht wird zermalmt das Getreide vom Tritt der brüllenden Rinder:
So vor Achilleus dort dem Erhabenen trabten die Rosse
Stampfend auf bäuchige Schild' und Leichname; unten besudelt
500
Troff die Achse von Blut, und die zierlichen Ränder des Sessels,
Welchen jetzt von der Hufe Gestampf anspritzten die Tropfen,
Jetzt von der Räder Beschlag. So wütet' er, Ruhm zu gewinnen,
Peleus' Sohn, mit Blut die unnahbaren Hände besudelt.

Einundzwanzigster Gesang

Achilleus stürzt einer Schar Troer in den Skamandros mit dem Schwerte
nach. Zwölf Lebende fesselt er zum Sühnopfer für Patroklos. Den getöteten
Lykaon hineinwerfend, höhnt er, daß der Stromgott nicht rette. Auch den Asteropäos,
eines Stromgottes Sohn, welchen Skamandros erregte, streckt er ans Ufer, und höhnt der
Stromgötter. Skamandros gebeut ihm, außer dem Strome zu verfolgen. Er verspricht's; doch
in der Wut springt er wieder hinein. Der zürnende Strom verfolgt ihn ins Feld. Jener, von
Göttern gestärkt, durchdringt die Flut. Als Skamandros noch wütender den Simois zu
Hilfe ruft, sendet ihm Here den Hephästos entgegen, der das Feld trocknet, dann ihn selber
entflammt. Des Jammernden gebeut Here zu schonen. Ares und Aphrodite von Athene besiegt,
Phöbos dem Poseidon ausweichend, Artemis von Here geschlagen, Hermes die Leto scheuend.
Rückkehr der Götter. Priamos öffnet den Flüchtigen das Tor. Den verfolgenden
Achilleus hemmt Agenor; dann in Agenors Gestalt fliehend, lockt Apollon ihn feldwärts, indes
die Troer einflüchten.
Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte;
Dort auseinander sie trennend, verfolgt' er jen' ins Gefilde
Stadtwärts, wo die Achaier dahergescheucht sich ergossen
5
Erst den vorigen Tag, vor der Wut des strahlenden Hektors:
Hier flohn jene nunmehr angstvoll: doch es hemmte sie Here,
Dickes Gewölk vorbreitend den Flüchtlingen. Aber die andern,
Hingedrängt an des Stroms tiefstrudelnde Silbergewässer,
Stürzten hinab mit lautem Getös': und es rauschten die Fluten,
10
Daß die Gestad' umher laut halleten; rings mit Geschrei nun
Schwammen sie hiehin und dorthin, umhergedreht in den Wirbeln.
Wie vor des Feuers Gewalt sich ein Schwarm Heuschrecken emporhebt,
Hinzufliehn in den Strom; denn es flammt unermüdetes Feuer,
Plötzlich entbrannt im Gefild', und sie fallen gescheucht in das Wasser:
15
So vor Achilleus ward dem tiefhinstrudelnden Xanthos
Voll sein rauschender Strom von der Rosse Gewirr und der Männer.
Aber der göttliche Held ließ dort die Lanz' an dem Ufer,
Auf Tamarisken gelehnt, und stürzte sich, stark wie ein Dämon,
Nach, sein Schwert in der Hand, und entsetzliche Taten ersann er.
20
Rings nun schlug er umher; und schreckliches Röcheln erhub sich
Unter dem mordenden Schwert, und gerötet von Blut war das Wasser.
Wie vor dem ungeheuren Delphin die anderen Fische
Fliehend die Buchten erfüllen des wohlanlandbaren Hafens,
Bange gedrängt; denn gräßlich verschlinget er, wen er erhaschet:
25
So die Troer voll Angst in des furchtbaren Stromes Gewässern
Flohen sie unter die Bord'. Als drauf vom Ermorden die Händ' ihm
Starreten, wählt' er annoch zwölf lebende Jüngling' im Strome;
Abzubüßen den Tod des Menötiaden Patroklos.
Diese zog er heraus, betäubt, wie die Jungen der Hindin;
30
Band dann zurück die Hände mit wohlgeschnittenen Riemen,
Welche sie selbst getragen um ihre geflochtenen Panzer;
Gab sie darauf den Genossen, hinab zu den Schiffen zu führen.
Wieder hinein dann stürzt' er, nach Mord und Gewürge sich sehnend.
Jetzt begegnet' ihm Priamos' Sohn, des Dardanionen,
35
Der aus dem Strom aufstrebte, Lykaon: den er vordem selbst
Weggeführt mit Gewalt von des Vaters fruchtbarem Obsthain,
Einst in der Nacht ausgehend. Es schnitt mit dem Erze der Jüngling
Wildernder Feigen Gesproß, zum Sesselrande des Wagens.
Doch unverhofft ihm nahte zum Weh der edle Achilleus.
40
Damals sandt' er in Lemnos' bevölkerte Stadt zum Verkauf ihn,
Führend im Schiff, und den Wert bezahlte der Sohn des Jason.
Dorther löste sein Gast Eëtion, Herrscher in Imbros,
Ihn sehr teuer erkauft, und sandt' ihn zur edlen Arisbe.
Heimlich schlich er von dannen, und kam zum Palaste des Vaters
45
Elf der Tage nunmehr erfreut' er das Herz mit den Seinen,
Wiedergekehrt aus Lemnos; doch jetzt am zwölften von neuem
Gab in Achilleus' Hand ihn ein Himmlischer, welcher bestimmt war,
Ihn zum Aïs zu senden, wie sehr ungern er dahinging.
Als ihn jetzo erblickte der mutige Renner Achilleus,
50
Ihn der entblößt von Helme, von Schild und Lanze daherkam:
Alles hatt' er zur Erde gelegt; denn ermattet von Angstschweiß
Strebt' er empor aus dem Strom, und kraftlos wankten die Kniee:
Unmutsvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:
Weh wir, ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen!
55
Ganz gewiß nun werden die edelmütigen Troer,
Die ich erschlug, von neuem aus nächtlichem Dunkel hervorgehn:
Sowie jener auch kommt, entflohn dem grausamen Tage,
Der in die heilige Lemnos verkauft ward; aber ihn hielt nicht
Wogend das graue Meer, das viele mit Zwang zurückhemmt.
60
Aber wohlan, nun soll er die Spitz' auch unserer Lanze
Kosten, damit ich erkenn' in meinem Geist, und vernehme,
Ob er so gut auch von dannen zurückkehrt, oder ihn endlich
Hält die ernährende Erde, die selbst den Tapferen festhält.
Also dacht' er, und stand; ihm nahete jener voll Schreckens,
65
Seine Kniee zu rühren bereit: denn er wünschte so herzlich,
Noch zu entfliehn dem grausamen Tod' und dem schwarzen Verhängnis.
Siehe den ragenden Speer erhob der edle Achilleus,
Ihn zu durchbohren bereit; doch er eilt' und umfaßt' ihm die Kniee,
Hergebückt; und der Speer, der ihm hinsaust' über die Schultern,
70
Stand in der Erd', und lechzt' im Menschenblute zu schwelgen.
Aber mit einer Hand umschlang er ihm flehend die Kniee,
Und mit der anderen hielt er die spitzige Lanz' unverrückt' ihm;
Laut nun fleht' er empor, und sprach die geflügelten Worte:
Flehend umfass' ich dem Knie; erbarme dich meiner, Achilleus!
75
Deinem Schutz ja ward ich vertraut; drum scheue mich, Edler!
Denn bei dir zuerst genoß ich die Frucht der Demeter,
Jenes Tags, da dein Arm mich ergriff in dem fruchtbaren Obsthain,
Und du fern mich verkauftest, getrennt von Vater und Freunden,
Nach der heiligen Lemnos, und hundert Stiere gewannest.
80
Jetzo löst' ich mich dreimal so hoch! Der zwölfte der Morgen
Leuchtet mir erst, seitdem ich in Ilios' Mauern zurückkam,
Viel gequält; und wieder hat dir in die Hand mich gesendet
Böses Geschick! Wohl muß ich dem Vater Zeus ja verhaßt sein,
Der dir wieder mich gab; und für wenige Tage gebar mich
85
Meine liebende Mutter Laothoe, Tochter des Greises
Altes, welcher im Volk der streitbaren Leleger herrschet,
Pedasos' luftige Burg an Satniois' Ufer bewohnend.
Dessen Tochter war Priamos' Weib, nebst vielen der andern;
Und zween Söhne gebar sie; doch du willst beid' uns erwürgen!
90
Jenen im Vordergefecht fußwandelnder Kämpfer bezwangst du,
Ihn den Held Polydoros, mit spitziger Lanze getroffen;
Und mein harrt das Verderben allhier nun! Nimmer ja hoff' ich
Deiner Hand zu entfliehn, nachdem mich genähert ein Dämon!
Eines verkünd' ich dir noch, und du bewahr' es im Herzen.
95
Töte mich nicht; denn ich bin kein leiblicher Bruder des Hektor,
Welcher den Freund dir erschlug, so sanftgesinnt und so tapfer!
So dort flehte zu jenem des Priamos' edler Erzeugter
Jammernd empor; da erscholl die unbarmherzige Stimme:
Törichter, nicht von Lösung erzähl' und schwatze mir länger!
100
Denn bevor Patroklos den Tag des Geschickes erreichte,
War ich annoch im Herzen geneigt, zu schonen der Troer;
Viel' auch führt' ich gefangen hinweg, und verkaufte sie lebend.
Doch nun fliehe den Tod nicht einer auch, welchen ein Dämon
Hier vor Ilios' Mauern in meine Hand mir gesendet,
105
Aller Troer gesamt, und am wenigsten Priamos' Söhne!
Stirb denn, Lieber, auch du! Warum wehklagst du vergebens?
Starb doch auch Patroklos, der weit an Kraft dir voranging!
Siehest du nicht, wie ich selber so schön und groß an Gestalt bin?
Denn dem edelsten Vater gebar mich die göttliche Mutter!
110
Doch wird mir nicht minder der Tod und das harte Verhängnis
Nahn, entweder am Morgen, am Mittag, oder am Abend;
Wann ein Mann auch mir in der Schlacht das Leben entreißet,
Ob er die Lanze mir schnellt, ob auch ein Geschoß von der Senne.
Also der Held; doch jenem erzitterten Herz und Kniee.
115
Fahren ließ er den Speer, und saß ausbreitend die Hände
Beide. Doch Peleus' Sohn, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Stieß es hinein am Gelenke des Halses ihm: tief in die Gurgel
Drang zweischneidig das Schwert; und vorwärts nun auf der Erde
Lag er gestreckt; schwarz strömte das Blut und netzte den Boden.
120
Ihn dann schwang der Peleid', am Fuße gefaßt in den Strom hin;
Und mit jauchzendem Ruf die geflügelten Worte begann er:
Dort nun streck' im Gewimmel der Fische dich, die von der Wunde
Sorglos dir ablecken das Blut! Nie bettet die Mutter
Dich auf Leichengewand' und wehklagt; sondern Skamandros
125
Trägt dich strudelnd hinab in des Meers weitoffenen Abgrund.
Hüpfend sodann naht unter der Flut schwarzschauernder Fläche
Mancher Fisch, um zu schmausen am weißen Fette Lykaons.
Treff' euch Weh, bis wir kommen zu Ilios' heiliger Feste,
Ihr in stürzender Flucht, ich aber mit Mord euch verfolgend.
130
Nicht ja einmal der Strom mit mächtigem Silbergestrudel
Rettet euch, welchem ihr oft so viel darbringet der Stiere,
Und starkhufige Ross' in die Flut lebendig versenket:
Aber auch so vertilgt euch das Jammergeschick, bis ihr alle
Für Patroklos' Mord mir gebüßt, und das Weh der Achaier,
135
Die an den hurtigen Schiffen ihr tötetet, als ich entfernt war!
Jener sprach's; doch der Strom ereiferte wilderes Herzens;
Und er erwog im Geist, wie er hemmen möcht' in der Arbeit
Peleus' göttlichen Sohn, und die Plag' abwenden den Troern.
Aber Achilleus indes mit weithinschattender Lanze
140
Sprang auf Asteropäos, ihn auszutilgen verlangend,
Pelegons Sohn: den zeugte des Axios strömender Herrscher,
Axios, und Deriböa, des Akessamenos Tochter,
Schön, an Geburt die erste, geliebt vom wirbelnden Stromgott.
Gegen ihn drang der Peleid': er dort, aus dem Strome begegnend,
145
Stand, zween Speer' in den Händen; und Mut ihm haucht' in die Seele
Xanthos, dieweil er mit Zorn die ermordeten Jünglinge schaute,
Die der Peleid' in den Fluten ermordete, sonder Erbarmen.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Rief zuerst an redend der mutige Renner Achilleus:
150
Wer, und woher der Männer, der mir zu nahn sich erkühnet?
Meiner Kraft begegnen nur Söhn' unglücklicher Eltern!
Ihm antwortete drauf des Pelegons edler Erzeugter:
Peleus' mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Fern aus dem scholligen Lande Päonia führ' ich die Scharen
155
Speerumragter Päonen zur Schlacht; und der elfte der Morgen
Leuchtet mir nun, seitdem ich in Ilios' Mauern hineinging.
Doch mein Geschlecht entstammt von des Axios strömendem Herrscher,
Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet:
Dieser zeugte den Pelegon einst, und der lanzenberühmte
160
Pelegon mich, wie man sagt. Doch kämpfe nun, edler Achilleus!
Also droht' er daher; da erhob der edle Achilleus
Pelions ragende Esch'; allein zwo Lanzen zugleich warf
Asteropäos der Held, der rechts mit jeglicher Hand war.
Eine traf des Schildes Gewölb' ihm; aber hindurch nicht
165
Brach sie den Schild; denn es hemmte das Gold, die Gabe des Gottes.
Aber die andere streift' ihm den rechten Arm an der Beugung,
Daß ihm dunkeles Blut vorrieselte; über ihm selbst dann
Stand sie gebohrt in die Erde, voll Gier im Fleische zu schwelgen.
Jetzo schwang auch Achilleus die gradanstürmende Esche
170
Hin auf Asteropäos, ihn auszutilgen verlangend.
Doch ihn selbst verfehlt' er, und traf das erhabene Ufer,
Daß bis zur Hälft' in das Ufer die eschene Lanze hineindrang.
Peleus' Sohn, das geschliffene Schwert von der Hüfte sich reißend,
Stürmte hinan mit Begier: da strebte den Speer des Achilleus,
175
Aber umsonst, dem Bord zu entziehn mit nervichter Rechte.
Dreimal erschüttert' er jenen, und mühte sich auszuziehen;
Dreimal versagt' ihm die Kraft; doch das vierte Mal dacht' er im Herzen,
Biegend ihn abzubrechen, den eschenen Speer des Achilleus.
Aber es nahte der Held mit dem Schwert, und raubt' ihm das Leben.
180
Denn er hieb in dem Bauch am Nabel ihm; und es entstürzten
Alle Gedärme zur Erd'; und dem Röchelnden starrten die Augen
Trüb in Nacht. Doch Achilleus, daher auf den Busen sich werfend,
Nahm ihm das Waffengeschmeid', und rief frohlockend die Worte:
Lieg' also! Schwer magst du des hocherhabnen Kronions
185
Söhne mit Streit angehen, obgleich von dem Strome du abstammst!
Denn du rühmst dich entstammt von des Stroms breitwallendem Herrscher;
Doch ich preise mich selbst vom gewaltigen Zeus zu entstammen.
Mich ja erzeugte der Herrscher des myrmidonischen Volkes,
Peleus, Äakos' Sohn; und dem Äakos zeugte Kronion.
190
Drum wie mächtig Zeus vor den meerabrauschenden Strömen,
So ist mächtig auch Zeus' Geschlecht vor den Söhnen des Stromes.
Auch ein gewaltiger Strom rauscht neben dir, möcht' er dir etwa
Helfen; doch keiner vermag mit Zeus Kronion zu kämpfen.
Gleich ihm wähnt sich auch nicht der mächtige Gott Acheloos,
195
Noch des Okeanos Kraft, des tiefhinströmenden Herrschers:
Welchem doch alle Ström', und alle Fluten des Meeres,
Alle Quellen der Erd', und sprudelnde Brunnen entfließen:
Dennoch scheut auch jener den Wetterstrahl des Kronion,
Und den entsetzlichen Donner, der hoch vom Himmel herabkracht.
200
Sprach's, und hervor aus dem Bord' entzog er die eherne Lanze.
Ihn dann ließ er daselbst, nachdem er den Geist ihm genommen,
Hingestreckt auf dem Sande, bespült vom dunklen Gewässer.
Ringsher schlängelten Aal' und wimmelnde Fisch' um den Leichnam;
Gierig das weiße Fett, das die Nieren umwuchs, ihm benagend.
205
Selbst dann eilt er dahin zur reisigen Schar der Päonen,
Welche noch voll Angst am wirbelnden Strom umherflohn,
Als sie den Tapfersten sahn in schreckenvoller Entscheidung
Unter Achilleus' Hand und gewaltigem Schwerte gebändigt.
Dort den Thersilochos nun, und Astypylos schlug er, und Mydon,
210
Thrasios dann, auch Mnesos, und Änios, auch Ophelestes.
Und noch mehr der Päonen erschlug der schnelle Achilleus,
Wenn nicht zürnend geredet des Stroms tiefstrudelnder Herrscher,
Der in Menschengestalt aufruft' aus tiefem Gestrudel:
Peleus' Sohn, du wütest, an Kraft und entsetzlichen Taten
215
Mehr als Mensch; denn immer begleiten dich waltende Götter.
Wenn dir Zeus die Troer verlieh, daß du alle verderbtest;
Außer mir selbst sie verfolgend, erfülle mit Graun die Gefilde.
Voll sind mir von Toten bereits die schönen Gewässer;
Kaum auch kann ich annoch ins heilige Meer mich ergießen,
220
Eingeengt von Toten: so übest du Mord und Vertilgung!
Aber wohlan, laß ab; ich staune dir, Völkergebieter!
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Solches gescheh', o Skamandros, du Göttlicher, wie du gebietest.
Doch nicht raste mein Arm, die frevelen Troer zu morden,
225
Bis ich zur Stadt sie gescheucht, und Hektors Stärke geprüfet,
Ob er im Kampfe vielleicht mich bändiget, oder ich selbst ihn.
Also der Held, und stürzt' in die Troer sich, stark wie ein Dämon.
Jetzo begann zu Apollon des Stroms tiefstrudelnder Herrscher:
Wehe, du achtest ja nicht, Zeus' Sohn mit silbernem Bogen,
230
Was Kronion beschloß, der dir voll Ernstes geboten,
Trojas Söhne mit Macht zu verteidigen, bis sich des Abends
Dämmernde Späte genaht, die scholligen Äcker beschattend.
Jener sprach's; und Achilleus der Herrliche sprang in den Strudel
Hoch vom hängenden Bord. Da wütete schwellend der Strom her.
235
All' erregt' er die Fluten getrübt, und drängte die Toten,
Häufige, die ringsher ihn erfüllt, die getötet Achilleus:
Diese warf er hinaus, mit lautem Gebrüll, wie ein Pflugstier,
An das Gestad'; und die Lebenden rings in den schönen Gewässern
Rettet' er, eingehüllt in hochaufstrudelnde Wogen.
240
Schrecklich umstand den Peleiden die trübe geschwollene Brandung,
Schlug an den Schild dann schmetternd herab; und nicht auf den Füßen
Konnt' er fest noch bestehn. Da faßt' er die Ulm' in den Händen,
Frisch von Wuchs, hochragend; doch jene, gestürzt aus den Wurzeln,
Riß das Gestad' auseinander, und sank, die schönen Gewässer
245
Hemmend mit dichtem Gezweig', und überbrückte die Fluten,
Ganz hinein gestürzt; und der Held aus der Tiefe sich schwingend,
Eilte dahin durch die Ebne mit hurtigen Füßen zu fliegen,
Angstvoll. Noch nicht ruhte der Schreckliche, sondern er stürzt' ihm
Nach mit dunkelnder Flut; daß er hemmen möcht' in der Arbeit
250
Peleus' göttlichen Sohn, und die Plag' abwenden den Troern.
Aber Achilleus entsprang, so weit die Lanze dahinfliegt,
Ungestüm wie der Adler, der schwarzgeflügelte Jäger,
Welcher der mächtigste ist und geschwindeste aller Gevögel:
Diesem gleich hinstürmt' er; das Erzgeschmeid' um den Busen
255
Rasselte grauses Getöns; und seitwärts jenem entschlüpfend
Floh er; allein nachrauschte der Strom mit lautem Getös' ihm.
Wie wenn ein wässernder Mann von des Bergquells dunklem Gesprudel
Über Saat und Gärten den Lauf der Gewässer daherführt,
Und, in der Hand die Schaufel, den Schutt wegräumt aus der Rinne;
260
Jetzo strömt es hervor, und die Kieselchen alle des Baches
Werden gewälzt; denn geschwinde mit rauschenden Wellen entstürzt es
Vom abschüssigen Hang', und eilet zuvor auch dem Führer:
Also erreichte der Strom mit wogender Flut den Achilleus
Stets, wie rasch er auch war; denn stark vor Menschen sind Götter.
265
Aber so oft ansetzte der mutige Renner Achilleus,
Fest ihm entgegen zu stehn, daß er schauete, ob ihn die Götter
Alle zur Flucht hinscheuchten, die weit den Himmel bewohnen;
Naht' ihm sofort das Gewoge des himmelentsprossenen Stromes
Hoch die Schultern umspülend. Dann sprang er empor mit den Füßen,
270
Unmutsvoll in der Seel'; und der Strom bezwang ihm die Kniee,
Schräg anrollend mit Macht, und den Staub den Füßen entreißend.
Laut wehklagt' Achilleus, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, daß auch keiner der Himmlischen nun sich erbarmet,
Mich aus dem Strom zu retten! Wie gern dann duldet' ich alles!
275
Keiner indes ist mir der Uranionen so schuldig,
Als die liebende Mutter, die mich durch Lüge getäuschet;
Denn sie sprach, an der Mauer der erzumpanzerten Troer
Sei mir zu sterben bestimmt durch Apollons schnelle Geschosse.
Hätte mich Hektor getötet, der hier der Tapferste aufwuchs!
280
Dann wär' ein Starker erlegt, und es raubt ein Starker die Rüstung!
Doch nun ward zu sterben den schmählichen Tod mir geordnet,
Eingehemmt von dem mächtigen Strom, wie ein jüngerer Sauhirt,
Welcher im Regenbache versinkt, durchwatend im Winter!
Als er es sprach, da traten Poseidon schnell und Athene
285
Ihm zur Seite genaht, an Gestalt gleich sterblichen Männern,
Fügten ihm Hand in Hand, und redeten tröstende Worte;
Also begann vor ihnen der Erderschüttrer Poseidon:
Nicht so bang, o Peleid', erzittere, noch so verzagend;
Denn wir sind dir beid' als helfende Götter genahet,
290
Mit Einwilligung Zeus', ich selbst und Pallas Athene!
So nicht ward zu sterben im Strom dir geordnet vom Schicksal;
Sondern bald kehrt jener zur Ruh, und du selber erkennst es.
Doch ermahnen wir dich aufs Fleißigste, wenn du gehorchest.
Laß nicht ruhn die Hände vom allverheerenden Kriege,
295
Eh' in Ilios' türmende Stadt du die Scharen der Troer
Eingehemmt, wer entrann. Doch wann Hektors Geist du geraubt hast,
Dann zu den Schiffen gekehrt; wir geben dir Ruhm zu gewinnen.
Also redeten beid', und eilten hinweg zu den Göttern.
Jener nun drang, vom Gebot der Unsterblichen mächtig ermuntert,
300
In das Gefild'; und es wogte von weitergossenen Wassern.
Viel schönprangende Waffen der kampferschlagenen Männer
Schwammen mit Leichen umher. Doch sprang er empor mit dem Knieen
Gegen die Flut gradaus, der Stürmende, welchen umsonst nun
Hemmte der breite Strom; denn mit Kraft erfüllt' ihn Athene.
305
Noch nicht ließ Skamandros vom Zorn ab; nein noch ergrimmter
Eifert' er Peleus' Sohn, und erhub hochwogige Brandung,
Mächtig empor sich bäumend, und laut zum Simois rief er:
Bruder, wohlan! Die Gewalt des Mannes da müssen wir beid' itzt
Bändigen, oder sofort des herrschenden Priamos' Feste
310
Wirft er in Staub; denn die Troer bestehn ihn nicht im Getümmel!
Auf denn, und hilf in Eil', und erfülle den Strom mit Gewässern
Rings aus den Quellen der Berg', und ermuntere jeglichen Gießbach!
Hoch nun erhebe die Flut, und rolle mit donnernder Woge
Blöck' und Steine daher; daß den schrecklichen Mann wir bezähmen,
315
Welcher die Schlacht durchherrscht, und gleich dem Unsterblichen schaltet!
Nicht soll, mein' ich, die Kraft ihn verteidigen, oder die Bildung,
Noch die prangenden Waffen: die sollen mir tief in dem Sumpfe
Liegen von häufigem Schlamme bedeckt; und ihn selber umwälz' ich
Rings mit Sand, in den Schwall von Muscheln und Kies ihn verschüttend,
320
Hoch, daß selbst sein Gebein nicht aufzusammeln vermögen
Argos' Söhn'; im unendlichen Wust, den ich über ihn ausgoß!
Dort soll das Denkmal sein des Gestorbenen; und er bedarf nicht,
Daß ihm ein Rasengrab die bestattenden Danaer häufen!
Sprach's, und drang auf Achilleus in trüb' aufstürmender Brandung,
325
Laut mit Schaum anrauschend und Blut und gewirbelten Leichen.
Purpurbraunes Gewoge des himmelentsprossenen Stromes
Wallete hochgetürmt, und schlug auf den Peleionen.
Here nunmehr schrie auf, voll großer Angst um Achilleus,
Daß ihn mit Macht wegraffte des Stroms tiefstrudelnder Herrscher.
330
Schnell zu Hephästos gewandt, dem lieben Sohne, begann sie:
Hebe dich, Sohn Hephästos, du Hinkender! Deiner Gewalt ist,
Achten wir, gleich im Kampfe der mächtig strudelnde Xanthos;
Auf denn, und hilf in Eile, mit lodernden Flammen erscheinend!
Aber ich selbst will gehen, den West und den schauernden Südwind
335
Schnell von dem Meergestade zum heftigen Sturm zu erregen,
Welcher das Heer der Troer mit Mann und Waffen verbrenne,
Schreckliche Glut forttragend. Doch du ans Gestade des Xanthos
Zünde die Bäum', auch ihn selber durchlodere; aber durchaus nicht
Werde durch freundliche Worte zurückgewandt noch Bedrohung!
340
Eher nicht laß deine Gewalt ruhn, als wann ich selber
Rufe das laute Gebot; dann zähme die Glut der Vertilgung!
Jene sprach's; doch Hephästos ergoß den entsetzlichen Glutstrahl.
Erst durchflog das Gefilde die Glut, und verbrannte die Toten,
Häufige, die ringsher es erfüllt, die getötet Achilleus.
345
Ganz ward trocken das Feld, und gehemmt das blinkende Wasser.
Wie wenn in herbstlicher Schwüle der Nord den gewasserten Garten
Alsobald austrocknet, und fröhlich es schaut der Besteller:
So ward trocken das ganze Gefild, und die Leichname ringsum
Brannten. Da stürmte der Gott in den Strom helleuchtende Flamme.
350
Brennend standen die Ulmen, die Weidichte, und Tamarisken,
Brennend der Lotos umher, Riedgras und duftender Galgant,
Welche die schönen Gewässer des Stroms weitwuchernd umsproßten;
Angstvoll schnappten die Aal' und die Fisch' umher in den Strudeln,
Welche die schönen Gewässer durchtaumelten hiehin und dorthin,
355
Matt von dem Flammenhauch des erfindungsreichen Hephästos.
Brennend auch wogte der Strom, und redete, also beginnend:
Keiner, Hephästos, hält dir Obstand unter den Göttern;
Auch nicht ich verlange mit dir, Glutsprüher, zu kämpfen!
Ruhe vom Streit! Die Troer sofort auch mag sie Achilleus
360
Treiben aus Ilios' Stadt! Was acht' ich des Streits und der Hilfe?
Sprach's, und brannt' in der Glut, und es sprudelten seine Gewässer.
So wie braust ein Kessel, gedrängt vom gewaltigen Feuer,
Wann er das Fett ausschmelzet des wohlgenähreten Mastschweins,
Ringsumher aufbrodelnd, umflammt von trockenen Scheitern:
365
So durchglühte das Feuer den Strom, und es brauste das Wasser.
Nicht mehr floß er im Lauf; er stockt', in der Lohe geängstet
Durch Hephästos Gewalt, des Erfindenden. Aber zur Here
Wandt' er sich laut wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Here, warum doch quälet dein Sohn so heftig vor andern
370
Meinen Strom? Ich habe mich dir ja minder verschuldet,
Als die anderen alle, so viel beistehen dem Troern.
Doch nun will ich ja gern mich beruhigen, wenn du gebietest;
Nur sei ruhig auch jener! Zugleich auch dieses beschwör' ich,
Niemals einem der Troer den grausamen Tag zu entfernen,
375
Nicht wenn Troja sogar in verheerender Flamme des Feuers
Loderte, rings entflammt von den kriegrischen Söhnen Achaias!
Als sie solches vernommen, die lilienarmige Here;
Schnell zu Hephästos gewandt, dem lieben Sohne, begann sie:
Halt, mein Sohn Hephästos, Gepriesener! nicht ja geziemt dir's,
380
So den unsterblichen Gott der Sterblichen wegen zu martern!
Jene sprach's; da löschte der Gott sein entsetzliches Feuer;
Schnell nun rollten zurück in den Strom die schönen Gewässer.
Aber da Xanthos' Mut so gedämpft war, beide von nun an
Ruheten sie; denn Here bezähmte sie, heftig erzürnt zwar.
385
Doch die anderen Götter durchwütete Zank schwerlastend,
Ungestüm; denn getrennt tobt' allen das Herz in den Busen.
Laut nun erscholl der Begegnenden Sturm; weit krachte der Erdkreis,
Und hochrollende Donner drommeteten. Ferne vernahm es
Zeus auf Olympos' Höhn, wo er saß; und es lachte das Herz ihm
390
Wonnevoll, da er sahe die Götter zum Kampf sich begegnen.
Jetzt nicht länger annoch verweilten sie. Siehe voran drang
Ares der Schilddurchbrecher, und stürmt' auf Pallas Athene,
Haltend den ehernen Speer; und er rief die schmähenden Worte:
Warum treibst du die Götter zum Kampf, schamloseste Fliege,
395
Stürmischer Dreistigkeit voll. Du tobst unbändiges Mutes!
Weißt du noch, wie du Tydeus' Sohn Diomedes gereizet,
Mir zu nahn, und du selber den strahlenden Speer mit den Händen
Grade daher gedrängt, den blühenden Leib mir verwundend?
Jetzo sollst du mir alles berichtigen, was du verschuldet!
400
Also der Gott, und stieß auf die quastumbordete Ägis,
Schrecklich und hehr, die auch Zeus niemals mit dem Donner bezähmte;
Hierauf stieß mit gewaltigem Speer der blutige Ares.
Doch sie wich, und erhub mit nervichter Rechte den Feldstein,
Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen,
405
Aufgestellt zur Grenze der Flur von Männern der Vorzeit:
Hiermit traf sie des Wüterichs Hals, und löst' ihm die Glieder.
Sieben Hufen bedeckt' er im Fall, und bestäubte das Haupthaar;
Und ihn umklirrte das Erz. Da lächelte Pallas Athene;
Und mit jauchzendem Ruf die geflügelten Worte begann sie:
410
Törichter, nie wohl hast du bedacht, wie weit ich an Kraft dir
Vorzugehn mich rühme, da mir voll Trotz du begegnest.
Also magst du der Mutter Verwünschungen ganz nun büßen,
Welche von Zorn und Haß dir entbrannt ist, weil du verließest
Argos' Söhn', und verteidigst die übermütigen Troer.
415
Also redete jen', und wandte die strahlenden Augen.
Ihn dann führt' an der Hand die Tochter Zeus' Aphrodite,
Ares, der schnell aufstöhnt'; und kaum ihm kehrte der Atem.
Aber da jen' erblickte die lilienarmige Here;
Schnell zur Athene gewandt die geflügelten Worte begann sie:
420
Weh mir! des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Schau, wie dreist die Fliege den mordenden Ares hinwegführt
Aus dem entscheidenden Kampf durch den Aufruhr! Hurtig verfolge!
Jene sprach's; und Athene verfolgte sie, freudiges Herzens.
Stürmend drang sie hinan, und schlug mit mächtiger Hand ihr
425
Gegen die Brust; und sofort erschlafften ihr Herz und Kniee.
Also lagen sie beid' auf der nahrungsprossenden Erde.
Jene mit jauchzendem Rufe begann die geflügelten Worte:
Also müssen sie alle, so viel beistehen den Troern,
Künftig sein, wann sie Argos' gepanzerte Söhne bekämpfen,
430
Eben so kühn und daurendes Muts, wie nun Aphrodite
Herkam, Ares zu helfen, und meiner Stärke sich darbot!
O dann hätten wir längst schon ausgeruht von dem Kriege,
Weil wir Troja verheert, die Stadt voll prangender Häuser!
Sprach's; da lächelte sanft die lilienarmige Here.
435
Doch zu Apollon begann der Erderschüttrer Poseidon:
Phöbos, warum so entfernt uns stehen wir? Nicht ja geziemt es,
Da schon andre begannen! O Schande doch, wollten wir kampflos
Beid' hingehn zum Olympos, zum ehernen Hause Kronions!
Hebe denn an; du bist ja der Jüngere; aber mir selbst nicht
440
Ziemet es, weil an Geburt ich vorangeh', und an Erfahrung.
Tor, wie erinnerungslos dir das Herz ist! Selber ja des nicht
Denkst du, wie viel wir bereits um Ilios Böses erduldet,
Wir von den Göttern allein, als, hergesandt von Kronion,
Wir ein ganzes Jahr dem stolzen Laomedon dienten,
445
Für bedungenen Lohn, und jener Befehl' uns erteilte,
Ich nun selbst erbaute der Troer Stadt, und die Mauer,
Breit und schön, der Feste zur undurchdringlichen Schutzwehr;
Doch du weidetest, Phöbos, das schwerhinwandelnde Hornvieh
Durch die waldigen Krümmen des vielgewundenen Ida.
450
Aber nachdem des Lohnes Ziel die erfreuenden Horen
Endlich gebracht, da entzog mit Gewalt der grausame König
Uns den sämtlichen Lohn, und entließ uns mit schrecklicher Drohung.
Denn dir drohete jener die Füß' und die Hände zu fesseln,
Und zum Verkauf dich zu senden in fernentlegene Inseln;
455
Ja er verhieß, uns beiden mit Erz die Ohren zu rauben.
Also kehreten wir mit erbitterter Seele von jenem,
Zornvoll wegen des Lohns, um den der Versprecher getäuschet.
Dessen Volke nunmehr willfahrest du, nicht mit uns andern
Trachtend, wie ganz hinstürzen die frevelen Troer von Grund' aus,
460
Schrecklich vertilgt, mit Kindern zugleich und züchtigen Weibern!
Ihm antwortete drauf der treffende Phöbos Apollon:
Herrscher des Meers, dir selbst nicht wohlbehaltenes Geistes
Schien' ich, wofern mit dir, der Sterblichen wegen, ich kämpfte,
Elender, die hinfällig, wie grünes Laub in den Wäldern,
465
Jetzo in Kraft aufstreben, die Frucht der Erde genießend,
Jetzo wieder entseelt dahinfliehn. Auf denn, in Eile
Ruhen wir beide vorn Kampf, und jen' entscheiden ihn selber!
Also sprach Apollon, und wandte sich, scheuend in Ehrfurcht,
Wider des Vaters Bruder den Arm der Gewalt zu erheben.
470
Doch ihn strafte die Schwester, die Herrscherin streifendes Wildes,
Artemis, fröhlich der Jagd, und rief die höhnenden Worte:
Fliehest du schon, Ferntreffer? und hast den Sieg dem Poseidon
Ganz nun eingeräumt, und umsonst den Ruhm ihm gegeben?
Tor, was trägst du den Bogen, den nichtigen Tand, an der Schulter?
475
Daß ich nimmer hinfort dich hör' im Palaste des Vaters
Prahlend drohn, wie vordem im Kreis der unsterblichen Götter,
Kühn entgegen zu kämpfen dem Meerbeherrscher Poseidon!
Jene sprach's; doch nichts antwortete Phöbos Apollon.
Aber es zürnete Zeus' ehrwürdige Lagergenossin:
480
Wie doch wagst du anitzt, schamloseste Hündin, mir selber
Obzustehn? Schwer magst du mit mir dich messen an Stärke,
Trotz dem Geschoß, das du trägst. Denn sterblichen Frauen zur Löwin,
Setzte dich Zeus, und gab, daß du mordetest, die dir gelüstet.
Wahrlich besser dir wär' es, die Bergscheusale zu fällen,
485
Oder flüchtige Hirsch', als höherer Macht zu bekämpfen.
Aber gefällt auch des Kampfes Versuch dir; auf, so erkenne,
Wie viel stärker ich sei, da du mir voll Trotzes dich darstellst!
Sprach's, und ergriff mit der Linken ihr beide Händ' an dem Knöchel,
Nahm mit der Rechten sodann von der Schulter ihr Bogen und Köcher,
490
Schlug damit dann lächelnd das Angesicht um die Ohren
Ihr die zurück sich gewandt; und die Pfeil' entsanken dem Köcher.
Weinend floh die Göttin nunmehr, wie die schüchterne Taube,
Welche, vorn Habicht verfolgt, in den höhligen Felsen hineinfliegt,
Tief in die Kluft; noch nicht war erhascht zu werden ihr Schicksal:
495
Also floh sie weinend hinweg, und ließ ihr Geschoß dort.
Aber zu Leto sprach der bestellende Argoswürger:
Leto, mit dir zu streiten, sei ferne mir; denn zu gefahrvoll
Ist der Kampf mit den Weibern des schwarzumwölkten Kronion.
Darum getrost nur immer im Kreis der unsterblichen Götter
500
Rühme dich, daß du mir obgesiegt durch gewaltige Kräfte!
Sprach's; da sammelte Leto das krumme Geschoß und die Pfeile,
Andere anderswoher, wie im wirbelnden Staub sie gefallen.
Als sie nunmehr sie genommen, enteilte sie, hin zu der Tochter.
Jene kam zum Olympos, zum ehernen Hause Kronions;
505
Weinend setzte sich dort auf des Vaters Kniee die Jungfrau;
Und es erbebt' ihr feines Gewand, von Ambrosia duftend.
Herzlich umarmte sie Zeus, und begann mit freundlichem Lächeln:
Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern,
Sonder scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
510
Ihm antwortete drauf die Jägerin, lieblich im Kranze:
Vater, dein Weib hat mir leides getan, die erhabene Here,
Welche die himmlischen Götter zu Zank und Hader empöret.
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Aber Apollon ging in Ilios heilige Feste;
515
Denn ihm sorgte das Herz um die wohlgegründete Mauer,
Daß nicht trotz dem Verhängnis die Danaer heut sie verheerten.
Doch zum Olympos eilten die anderen ewigen Götter,
Die voll zürnendes Grams, und jen' hochprangendes Ruhmes;
Saßen sodann um den Vater, den Donnerer. Aber Achilleus
520
Mordete Trojas Söhne zugleich und stampfende Rosse.
Wie wenn wallender Rauch zum weiten Himmel emporsteigt
Aus der brennenden Stadt, erregt vom Zorne der Götter;
Allen schafft er Arbeit, und vielen auch Jammer erzeugt er:
Also schuf den Troern Achilleus Arbeit und Jammer.
525
Dort stand Priamos jetzo der Greis auf dem heiligen Turme,
Schauend auf Peleus' Sohn, den Gewaltigen; und wie vor jenem
Fliehender Troer Gewühl hertummelte, nirgend auch Abwehr
Noch erschien. Wehklagend vom Turm nun stieg er zur Erde,
Und gebot an der Mauer den rühmlichen Hütern des Tores:
530
Öffnet die Flügel des Tors, und haltet sie, bis sich die Völker
All' in die Stadt eindrängen, die Fliehenden; denn der Peleide
Tobt dort nahe dem Schwarm! Nun, sorg' ich, droht uns ein Unheil!
Aber sobald in die Mauer sie eingehemmt sich erholen,
Schließt dann wieder das Tor mit dicht einfugenden Flügeln;
535
Denn ich besorg', uns stürmt der verderbliche Mann in die Mauer!
Jener sprach's; und sie öffneten schnell, wegdrängend die Riegel;
Und die gebreiteten Flügel erretteten. Aber Apollon
Eilte hinaus, um begegnend die Not der Troer zu wenden.
Jene, gerad' auf die Stadt und die hochgetürmete Mauer,
540
Ausgedörrt vom Durste, mit Staube bedeckt, ans dem Blachfeld
Flohn sie; doch rasch mit der Lanze verfolget' er; wild ihm von Wahnsinn
Tobte beständig das Herz, und er wütete Ruhm zu gewinnen.
Jetzt hätt' Argos Volk die türmende Troja erobert,
Wenn nicht Phöbos Apollon den Held Agenor erweckte,
545
Ihn des Antenors Sohn, den untadligen tapferen Streiter.
Kühneren Mut ihm haucht' er ins Herz, und selber zur Seit' ihm
Stand er, um abzuwehren die schrecklichen Hände des Todes,
Dicht an die Buche gedrängt, ringsher in Nebel sich hüllend.
Jener, sobald er gesehn den Städteverwüster Achilleus,
550
Stand, und vieles bewegt' unruhig sein Geist, wie er harrte.
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir doch! wofern ich hinweg vor dem starken Achilleus
Fliehe des Wegs, wo die andern in scheuem Gewirr sich ergossen;
Dennoch wird er mich fahn, und gleich dem Feigsten erwürgen.
555
Aber lass' ich jene gescheucht die Gefilde durchtummeln
Vor dem Peleiden Achilleus, und fliehe, gewandt von der Mauer,
Nach dem idäischen Felde mit Schnelligkeit, bis ich erreichet
Idas gewundene Tal', und im dichten Gesträuch mich verborgen;
Dann am Abende könnt' ich, nachdem ich im Strome gebadet,
560
Abgekühlt vom Schweiße, gen Ilios heimlich zurückgehn.
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Wenn er nur nicht von der Stadt mich feldwärts Fliehenden wahrnimmt,
Und nachstürmendes Laufs einholt mit hurtigen Füßen!
Nimmer annoch entrönn' ich dem Tod' und dem grausen Verhängnis;
565
Denn zu sehr an Gewalt vor allen Geborenen ragt er!
Aber wofern vor Ilios Stadt ihm entgegen ich wandle;
Ist ja auch jenem der Leib dem spitzigen Erze verwundbar,
Auch ein Geist beseelet ihn nur, und sterblich wie andre
Nennen sie ihn; doch Zeus der Donnerer schenket ihm Ehre!
570
Sprach's; und gefaßt den Achilleus erwartet' er; und in dem Busen
Strebt' ihm das mutige Herz zu kämpfen den Kampf der Entscheidung.
Wie wenn kühn ein Pardel aus tiefverwachsenem Dickicht
Anrennt gegen den jagenden Mann, und weder im Herzen
Zagt, noch erschrocken entflieht, nachdem das Gebell ihn umtönte;
575
Denn ob jener ihn stechend verwundete, oder auch werfend,
Dennoch, selbst von der Lanze durchbohrt schon, rastet er niemals
Stürmend, bevor er jenen erreicht hat, oder dahinsinkt:
Also Antenors Sohn, der tapfere Streiter Agenor,
Nicht begehrt' er zu fliehn, bevor er versucht den Achilleus;
580
Sondern sich selbst vorstreckend den Schild von gerundeter Wölbung,
Zuckt' er die Lanz' auf jenen daher, und rief mit Getön aus:
Wohl schon hast du im Herzen gehofft, ruhmvoller Achilleus,
Diesen Tag zu verheeren die Stadt der mutigen Troer!
Törichter! traun noch viel soll des Elends werden um jene;
585
Weil wir annoch so viel' und so tapfere Männer darin sind,
Die für Eltern zugleich, und blühende Weiber und Kinder,
Ilios Feste beschirmen! Doch deiner harrt das Geschick hier,
Du entsetzlicher Mann, und unerschrockener Krieger!
Sprach's, und den blinkenden Speer aus gewaltiger Rechte versandt' er,
590
Traf, und verfehlete nicht, das Schienbein unter dem Kniee,
Daß ringsher ihm die Schiene des neugegossenen Zinnes
Tönte mit schrecklichem Klang; doch es prallte das Erz vom Getroffnen
Ab, und durchbohrete nicht, gehemmt von der Gabe des Gottes.
Auch der Peleid' itzt drang auf den göttergleichen Agenor
595
Wütend; doch nicht verstattet' Apollon Ruhm zu gewinnen,
Sondern hinweg ihn rafft' er, und rings mit Nebel umhüllend,
Ließ er ihn ruhig nunmehr aus Schlacht und Getümmel hinweggehn.
Aber den Peleionen mit List entfernt' er vom Volke.
Denn der treffende Gott, in Agenors Bildung erscheinend,
600
Trat ihm nah vor die Füß', und eilendes Laufes verfolgt' er.
Während er jenem anitzt nachlief durch Weizengefilde,
Welcher, gewandt zum wirbelnden Strom des tiefen Skamandros,
Wenig zuvor ihm entrann; denn mit List verlockt' ihn Apollon,
Daß er beständig ihn hofft' im fliegenden Lauf zu erhaschen:
605
Kamen indes einflüchtend die anderen Troer mit Haufen
Herzlich erwünscht in die Stadt, die umher von Gedrängten erfüllt ward.
Keiner vermocht' anjetzt vor der Stadt und der türmenden Mauer
Andere noch zu erwarten, und umzuschaun, wer entflohn sei,
Und wer gefallen im Streit; nein herzlich erwünscht in die Feste
610
Strömten sie, wen die Schenkel und hurtigen Kniee gerettet.

Zweiundzwanzigster Gesang

Den zurückkehrenden Achilleus erwartet Hektor vor der Stadt, obgleich die Eltern von der Mauer ihn jammernd hereinrufen; beim Annahn des Schrecklichen flieht er, dreimal um Ilios verfolgt. Zeus wägt Hektors Verderben, und sein Beschützer Apollon weicht. Athene in Deïphobos Gestalt verleitet den Hektor zu widerstehn. Achilleus fehlt, Hektors Lanze prallt ab; drauf mit dem Schwert anrennend wird er am Halse durchstochen, dann entwaffnet, und rückwärts am Wagen zu den Schiffen geschleift. Wehklage der Eltern von der Mauer, und der zukommenden Andromache.

So flohn jene zur Stadt angstvoll, wie die Jungen der Hindin,
Kühleten atmend den Schweiß, und tranken, den Durst sich zu löschen,
Längs der Mauer gestreckt an der Brustwehr. Doch die Achaier
Wandelten dicht zur Mauer, die Schilde gelehnt an die Schultern.
5
Hektorn zwang zu beharren das schreckenvolle Verhängnis,
Außerhalb vor Ilios Stadt und dem skäischen Tore.
Aber zum Peleionen begann itzt Phöbos Apollon:
Warum doch, o Peleide, verfolgst du mich eilendes Laufes,
Selbst ein Sterblicher nur den Unsterblichen? Schwerlich indes wohl
10
Kennst du den himmlischen Gott, daß sonder Rast du dich abmühst.
Traun nichts gilt der Troer Gefecht dir, welche du scheuchtest:
Diese flohn in die Feste gedrängt; und du wandtest dich hieher.
Nie ja tötest du mich, der keinem Verhängnisse frönet.
Unmutsvoll antwortete drauf der schnelle Achilleus:
15
O des Betrugs, Ferntreffer, du grausamster unter den Göttern,
Daß du so weit von der Mauer mich wendetest! Wahrlich noch viele
Knirschten die Zähn' in den Staub, eh' Ilios Stadt sie erreichet!
Doch mir nimmst du den herrlichen Ruhm, und rettetest jene,
Sonder Müh; denn du darfst nicht Rache scheun in der Zukunft!
20
Traun ich rächte mich gern, wenn genug der Stärke mir wäre!
Dieses gesagt, hineilt' er voll trotzendes Muts zu der Mauer,
Ungestüm, wie ein Roß, zum Siege gewöhnt, mit dem Wagen,
Welches behend' und gestreckt einhersprengt durch das Gefilde:
So der Peleid', eilfertig die Knie' und die Schenkel bewegt' er.
25
Priamos aber der Greis ersah ihn zuerst mit den Augen,
Strahlenvoll wie der Stern, da er herflog durch das Gefilde,
Welcher im Herbst aufgeht, und mit überstrahlender Klarheit
Scheint vor vielen Gestirnen in dämmernder Stunde des Melkens;
Welcher Orions Hund genannt wird unter den Menschen;
30
Hell zwar glänzt er hervor, doch zum schädlichen Zeichen geordnet,
Denn er bringt ausdörrende Glut den elenden Menschen:
So dort strahlte das Erz um die Brust des laufenden Herrschers.
Laut wehklagte der Greis, und schlug sein Haupt mit den Händen,
Hoch empor sie erhebend, und rief wehklagend hinunter,
35
Flehend dem lieben Sohn, der außerhalb vor dem Tore
Stand, voll heißer Begier, mit dem Peleionen zu kämpfen;
Diesem rief lautjammernd der Greis, und streckte die Händ' aus:
Hektor, erwarte mir nicht, mein trautester Sohn, den Verderber,
Einsam, getrennt von den andern, daß nicht dich ereile das Schicksal
40
Unter Achilleus' Hand, der weit an Stärke dir vorgeht!
Möchte der Grausame doch den Unsterblichen also geliebt sein,
Wie mir selbst! bald läg er, ein Raub den Hunden und Geiern
Dargestreckt; dann schwände der Gram, der das Herz mir belastet!
Ach, der Söhne so viel' und so tapfere raubte mir jener,
45
Mordend teils, und verkaufend in fernentlegene Inseln!
Jetzt auch zween der geliebten, Lykaon samt Polydoros,
Schau' ich nirgend im Heere der eingeschlossenen Troer,
Die mir Laothoe beide gebar, die Fürstin der Weiber.
Wenn sie nur noch leben im Kriegsheer, wieder hinfort dann
50
Könnt' ich mit Erz und Gold sie befrein; denn ich habe daheim ja:
Vieles ja gab der Tochter der graue gepriesene Altes.
Sind sie jedoch schon tot, und in Aïdes Schattenbehausung;
Gram dann füllt mir das Herz, und der Mutter, die wir sie zeugten.
Aber das übrige Volk wird weniger jene betrauern,
55
Wenn nur du nicht stirbst, von Achilleus Stärke gebändigt.
Komm denn herein in die Stadt, mein Trautester, daß du errettest
Trojas Männer und Fraun, daß nicht mit Ruhm du verherrlichst
Peleus' Sohn, und selber dem süßes Leben verlierest!
Auch erbarme dich mein, des Elenden, weil ich noch atme,
60
Ach des jammervollen, den Zeus an der Schwelle des Alters
Straft zu schwinden in Gram, und unendliches Weh zu erblicken:
Meine Söhn' erwürgt, und hinweggerissen die Töchter,
Ausgeplündert die Kammern der Burg, und die stammelnden Kinder
Hin auf den Boden geschmettert, in schreckenvoller Entscheidung,
65
Auch die Schnüre geschleppt von der grausamen Hand der Achaier!
Selber zuletzt wohl lieg' ich zerfleischt am Tor des Palastes
Von blutgierigen Hunden, nachdem ein mordendes Erz mir,
Zuckend oder geschnellt, den Geist aus den Gliedern hinwegnahm,
Die ich im Hause genährt am Tisch, zu Hütern des Tores;
70
Sie dann lecken mein Blut, und wild von rasendem Wahnsinn
Liegen sie vorn am Tor! Dem Jünglinge stehet es wohl an,
Wenn er im Streit erschlagen, zerfleischt von der Schärfe des Erzes,
Daliegt; schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet.
Aber wird das grauende Haupt, und der grauende Bart nun,
75
Auch die Scham von Hunden entstellt dem ermordeten Greise;
Das ist traun das kläglichste Leid dem elenden Menschen!
Also der Greis, und raufte sich graues Haar mit den Händen
Rings von dem Haupt; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen.
Auch die Mutter zunächst wehklagete, Tränen vergießend,
80
Trennte des Busens Gewand, und erhob die Brust mit der Linken;
So von Tränen benetzt die geflügelten Worte begann sie:
Hektor! scheue, mein Sohn, den Anblick, ach und erbarm dich
Meiner selbst! Wo ich je die stillende Brust dir geboten,
Denke mir des, mein Kind, und wehre dem schrecklichen Manne
85
Hier, in die Mauer gerettet; nur dort nicht stelle dich jenem!
Rasender! wenn er sogar dich ermordete; nimmer beweint' ich
Dich auf Leichengewanden, du trautester Sprößling des Schoßes,
Noch die reiche Gemahlin; vielmehr so entfernt von uns beiden,
Dort an der Danaer Schiffen, zerfleischten dich hurtige Hunde!
90
Also weineten beide, den lieben Sohn anflehend,
Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;
Nein er erharrt' Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.
So wie ein Drach' im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,
Satt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;
95
Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft:
So unbändiges Mutes verweilt' auch Hektor, und wich nicht,
Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe mir! wollt' ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn;
100
Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,
Welcher mir riet in die Feste das Heer der Troer zu führen,
Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.
Aber ich hörete nicht; wie heilsam, hätt' ich gehöret!
Jetzo nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,
105
Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,
Daß nicht einst mir sage der Schlechteren einer umher wo:
Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!
Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:
Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,
110
Oder ihm selbst zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.
Aber legt' ich zur Erde den Schild von gerundeter Wölbung,
Samt dem gewichtigen Helm, und den Speer an die Mauer gelehnet,
Eilt' ich entgegen zu gehn dem tadellosen Achilleus,
Und verhieß ihm Helena selbst, und ihre Besitzung
115
Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen
Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,
Daß er zu Atreus' Söhnen es führt'; auch umher den Achaiern
Anderes auszuteilen, wie viel die Stadt auch verschließet;
Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,
120
Nichts ingeheim zu entziehn, nein zwiefach alles zu teilen,
Was an Gut die liebliche Stadt inwendig verschließet: -
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein sonder Erbarmung
Würd' er, und sonder Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
125
Grad' hinweg, wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.
Nicht fürwahr nun gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen
Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,
Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.
Besser zu feindlichem Kampfe hinangerannt! daß wir eilig
130
Sehn, wem etwa von uns der Olympier Ehre verleihe!
Also dacht' er, und blieb. Doch näher kam ihm Achilleus,
Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,
Pelions ragende Esch' auf der rechten Schulter bewegend,
Fürchterlich; aber das Erz umleuchtet' ihn, ähnlich dem Schimmer
135
Lodernder Feuersbrunst, und der hellaufgehenden Sonne.
Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte; nicht auch vermocht' er
Dort zu bestehn, und er wandte vorn Tore sich, ängstlich entziehend.
Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.
So wie ein Falk des Gebirgs, der geschwindeste aller Gevögel,
140
Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;
Seitwärts schlüpfet sie oft; doch nah mit hellem Getön ihr
Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:
So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor
Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.
145
Beid' an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenbaume,
Immer hinweg von der Mauer, entflogen sie über den Fahrweg.
Und sie erreichten die zwo schönsprudelnden Quellen, woher sich
Beide Bäch' ergießen des wirbelvollen Skamandros.
Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr
150
Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;
Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel,
Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.
Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
Steinerne, schöngehaun, wo die stattlichen Feiergewande
155
Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
Als noch blühte der Fried', eh' die Macht der Achaier daherkam.
Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.
Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte
Stürmendes Laufs: denn nicht um ein Weihvieh, oder ein Stierfell,
160
Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;
Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektors.
So wie zum Siege gewöhnt um das Ziel starkhufiger Rosse
Hurtiger wenden den Lauf, denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,
Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:
165
Also kreiseten sie dreimal um Priamos Feste
Rings mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.
Jetzo begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
Wehe doch! einen Geliebten umhergejagt um die Mauer
Seh' ich dort mit den Augen; und herzlich jammert mich seiner,
170
Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier' auf dem Altar
Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
Rings um Priamos' Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß:
175
Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
Einen sterblichen Mann, längst ausersehn dem Verhängnis,
180
Denkst du anitzt von des Todes graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu's; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
185
Tue, wie dir nun selbst es genehm ist; nicht so gezaudert.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
Hektorn drängt' unablässig im Lauf der Verfolger Achilleus.
Wie wenn den Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
190
Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal' und Gebüsche;
Ob auch jener sich berg' und niederduck' in dem Dickicht,
Stets doch läuft er umher, der Spürende, bis er gefunden:
So barg Hektor sich nicht dem mutigen Renner Achilleus.
Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
195
Hinzuwenden den Lauf, und den festgebaueten Türmen,
Ob vielleicht von oben der Freunde Geschoß ihn beschützte;
Eilete stets der Verfolger zuvor, und wendet' ihn abwärts
Nach dem Gefild', er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
Wie man im Traum umsonst den Fliehenden strebt zu verfolgen;
200
Nicht kann dieser hinweg ihm entfliehn, noch jener verfolgen:
Also ergriff nicht dieser im Lauf, noch enteilete jener.
Doch wie wär' itzt Hektor entflohn den Keren des Todes,
Wenn nicht ihm noch einmal zuletzt Apollon der Herrscher
Nahete, welcher ihm Kraft aufregt' und hurtige Schenkel?
205
Aber dem Volke verbot mit winkendem Haupt der Peleide,
Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
Daß kein Treffender raubte den Ruhm, er der zweite dann käme.
Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet;
Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
210
Legt' in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,
Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor,
Faßte die Mitt', und wog: da lastete Hektors Schicksal
Schwer zum Aïdes hin; es verließ ihn Phöbos Apollon.
Doch zu Achilleus kann die Herrscherin Pallas Athene;
215
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Jetzt doch, hoff' ich gewiß, Zeus' Liebling, edler Achilleus,
Bringen wir großen Ruhm hinab zu dem Schiffen Achaias,
Hektor dort austilgend, den unersättlichen Krieger.
Nun nicht mehr vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
220
Nein wie viel auch erdulde der treffende Phöbos Apollon,
Hingewälzt vor die Kniee des ägiserschütternden Vaters.
Aber wohlan nun steh und erhole dich; während ich selber
Jenem genaht zurede, dir kühn entgegen zu kämpfen.
Also sprach Athen'; er gehorcht' ihr, freudiges Herzens,
225
Stand, und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
Jene verließ ihn selbst, und erreichte den göttlichen Hektor,
Ganz dem Deïphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
230
Rings um Priamos' Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
Aber wohlan, wir bleiben, und widerstehn unerschüttert!
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Stets, Deïphobos, warst du auch sonst mein trautester Bruder,
Aller, die Priamos zeugt' und Hekabe, unsere Mutter;
235
Aber noch mehr gedenk' ich hinfort dich im Herzen zu ehren,
Daß du um meinetwillen, sobald du mich sahst mit den Augen,
Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.
Ihm antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
240
Die umeinander die Kniee mir rühreten, auch die Genossen
Fleheten, dort zu bleiben: so sehr sind alle voll Schreckens.
Doch mein Herz im Busen durchdrang der schmerzende Kummer.
Nun gradan mit Begierde zum Kampf! nun unserer Lanzen
Nicht geschonet annoch! damit wir sehn, ob Achilleus
245
Uns vielleicht ermordet, und blutige Waffen hinabträgt
Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz' er dahinsinkt!
Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo begann anredend der helmumflatterte Hektor:
250
Nicht hinfort, o Peleid', entflieh' ich dir, so wie bis jetzo!
Dreimal umlief ich die Feste des Priamos, nimmer es wagend,
Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
Fest dir entgegen zu stehn, ich töte dich, oder ich falle!
Laß uns jetzt zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
255
Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
Zeus, als Sieger zu stehn, und dir die Seele zu rauben;
Sondern nachdem ich gewonnen dein schönes Geschmeid', o Achilleus;
Geb' ich die Leiche zurück den Danaern. Tue mir Gleiches.
260
Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
Hektor, mir nicht, unvergeßlicher Feind, von Verträgen geplaudert!
Wie kein Bund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
Auch nicht Wölf' und Lämmer in Eintracht je sich gesellen;
Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
265
So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
Mich zu befreunden und dich, bis einer, gestürzt auf den Boden,
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
Jeglicher Kampfeskund' erinnre dich! Jetzo gebührt dir's,
Lanzenschwinger zu sein, und unerschrockener Krieger!
270
Nicht entrinnst du annoch; durch meine Lanze bezähmt dich
Pallas Athene sofort! Nun büßest du alles auf einmal,
Meiner Genossen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze.
Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;
275
Denn er sank in die Knie'; und es flog der eherne Wurfspieß
Über ihn weg in die Erd': ihn ergriff und reichte die Göttin
Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.
Aber Hektor begann zu dem tadellosen Achilleus:
Weit gefehlt! Wohl schwerlich, o göttergleicher Achilleus,
280
Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;
Sendern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,
Daß ich vor dir hinbebend des Muts und der Stärke vergäße.
Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;
Sondern gerad' anstürm' ich: wohlauf! in die Brust ihn gestoßen,
285
Wenn dir ein Gott es verlieh! Doch jetzt vermeide die Schärfe
Dieses Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!
Leichter wäre sodann der Kampf für die Männer von Troja,
Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!
Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze,
290
Traf, und verfehlete nicht, gerad' auf den Schild des Peleiden;
Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Stand, und schaute bestürzt; denn ihm fehlt' ein anderer Wurfspieß.
Laut zu Deïphobos drauf, dem Weißgeschildeten, ruft' er,
295
Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.
Hektor erkannt' es anjetzt in seinem Geist und begann so:
Wehe mir doch! nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!
Denn ich dachte, der Held Deïphobos wolle mir beistehn;
Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.
300
Nun ist nahe der Tod, der schreckliche! nicht mir entfernt noch;
Auch kein Entfliehn! Denn ehmals beschloß noch solches im Herzen
Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welche zuvor mich
Stets willfährig geschirmt; doch jetzo erhascht mich das Schicksal!
Daß nicht arbeitlos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
305
Nein erst Großes vollendend, wovon auch Künftige hören!
Also redete jener, und zog das geschliffene Schwert aus,
Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;
An nun stürmt' er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,
Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken
310
Raubt den Hasen im Busch, wo der hinduckt, oder ein Lämmlein:
Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.
Gegen ihn drang der Peleid', und Wut erfüllte das Herz ihm
Ungestüm: er streckte der Brust den gerundeten Schild vor,
Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipflig und strahlend,
315
Nickt' auf dem Haupt; und die stattliche Mähn' aus gesponnenem Golde
Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
Hell wie der Stern vorstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,
Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:
So von der Schärfe des Speers auch strahlet' es, welchen Achilleus
320
Schwenkt' in der rechten Hand, wutvoll dem göttlichen Hektor,
Spähend den schönen Leib, wo die Wund' am leichtesten hafte.
Rings zwar sonst umhüllt' ihm den Leib die eherne Rüstung,
Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;
Nur wo das Schlüsselbein den Hals begrenzt und die Achsel,
325
Schien die Kehl' ihm entblößt, die gefährlichste Stelle des Lebens:
Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,
Daß ihm hindurch aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.
Doch nicht gänzlich den Schlund durchschnitt der eherne Speer ihm,
Daß er noch zu reden vermocht' im Wechselgespräche;
330
Und er entsank in den Staub; da rief frohlockend Achilleus:
Hektor, du glaubtest gewiß, da Patrokleus' Wehr du geraubet,
Sicher zu sein, und achtetest nicht des entfernten Achilleus.
Törichter! Jenem entfernt war ein weit machtvollerer Rächer
Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst, zurück ihm geblieben,
335
Der dir die Kniee gelöst! Dich zerren nun Hund' und Gevögel,
Schmählich entstellt; ihn aber bestatten mit Ruhm die Achaier.
Wieder begann schwachatmend der helmumflatterte Hektor:
Dich beschwör' ich beim Leben, bei deinen Knien, und den Eltern,
Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer Hunde zerreißen;
340
Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes
Zum Geschenk, das der Vater dir beut, und die würdige Mutter.
Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat
Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.
Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
345
Nicht beschwöre mich, Hund, bei meinen Knien, und den Eltern!
Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen
Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!
So sei fern, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!
Wenn sie auch zehnmal so viel, und zwanzigfältige Sühnung,
350
Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!
Ja wenn dich selber mit Gold auch aufzuwägen geböte
Priamos, Dardanos' Sohn; auch so nicht bettet die Mutter
Dich auf Leichengewand', und wehklagt, den sie geboren;
Sondern Hund' und Gevögel umher zerreißen den Leichnam!
355
Wieder begann schon sterbend der helmumflatterte Hektor:
Ach ich kenne dich wohl, und ahndete, nicht zu erweichen
Wärest du mir; denn eisern ist traun dem Herz in dem Busen.
Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,
Jenes Tags, wann Paris dich dort und Phöbos Apollon
360
Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!
Als er dieses geredet, umschloß ihn das Ende des Todes;
Aber die Seel' aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Auch dem Toten erwiderte noch der edle Achilleus:
365
Stirb! mein eigenes Los, das empfang' ich, wann es auch immer
Zeus zu vollenden beschließt, und die andern unsterblichen Götter!
Also sprach er und zog die eherne Lanz' aus dem Leichnam;
Sie dann legt' er zur Seit', und raubte die Wehr von den Schultern,
Blutbefleckt. Da umliefen ihn andere Männer Achaias,
370
Die ringsher anstaunten den Wuchs und die herrliche Bildung
Hektors; und auch keiner umstand ihn ohne Verwundung.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Wunder doch! viel sanfter fürwahr ist nun zu betasten
Hektor, als da die Schiff' in lodernder Glut er verbrannte!
375
Also redete mancher, und nahte sich, ihn zu verwunden.
Aber nachdem ihn entwaffnet der mutige Renner Achilleus,
Stand er in Argos Volk, und sprach die geflügelten Worte:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Jetzo da diesen Mann mir die Götter verliehn zu bezähmen,
380
Der viel Böses getan, weit mehr denn die anderen alle;
Auf, nun laßt uns die Stadt in Rüstungen rings versuchen,
Bis wir ein wenig erkannt den Sinn, den die Troer bewahren:
Ob sie vielleicht uns räumen die Burg, weil dieser dahinsank;
Oder zu stehn sich erkühnen, wiewohl nicht Hektor begleitet.
385
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Liegt doch tot bei den Schiffen, und ohne Klag' und Bestattung,
Unser Freund Patroklos, den nie ich werde vergessen,
Weil ich mit Lebenden geh', und Kraft in den Knieen sich reget!
Wenn man auch der Toten vergißt in Aïdes Wohnung,
390
Dennoch werd' ich auch dort des trautesten Freundes gedenken!
Auf nun, mit Siegesgesang des Päeon, Männer Achaias,
Kehren wir, Hektor führend, hinab zu den räumigen Schiffen!
Groß ist der Ruhm des Sieges; uns sank der göttliche Hektor,
Welchem die Troer der Stadt, wie einem Gott, sich vertrauten!
395
Sprach's, und schändlichen Frevel ersann er dem göttlichen Hektor.
Beiden Füßen nunmehr durchbohret' er hinten die Sehnen,
Zwischen Knöchel und Fers', und durchzog sie mit Riemen von Stierhaut
Band am Sessel sie fest, und ließ nachschleppen die Scheitel;
Trat dann selber hinein, und erhob die prangende Rüstung;
400
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.
Staubgewölk umwallte den Schleppenden; rings auch zerrüttet
Rollte sein finsteres Haar, da ganz sein Haupt in dem Staube
Lag, so lieblich zuvor! allein nun hatt' es den Feinden
Zeus zu entstellen verliehn in seiner Väter Gefilde.
405
Also bestaubt ward jenem das Haupt ganz. Aber die Mutter
Rauft' ihr Haar, und warf den glänzenden Schleier des Hauptes
Weit hinweg, und blickte mit Jammergeschrei nach dem Sohne.
Kläglich weint' auch der Vater und jammerte; doch von den Völkern
Tönte Geheul ringsher und Angstgeschrei durch die Feste.
410
Weniger nicht scholl jetzo die Wehklag', als wenn die ganze
Ilios hochgetürmt in Glut hinsänke vom Gipfel.
Kaum noch hielten die Völker den Greis, der in zürnender Wehmut
Strebte hinauszugehn ans dem hohen dardanischen Tore.
Allen fleht' er umher, auf schmutzigem Boden sich wälzend,
415
Nannte jeglichen Mann mit seinem Namen, und sagte:
Haltet, o Freund', und laßt mich allein, wie sehr ihr besorgt seid,
Gehn vor die Feste hinaus, und nahn den Schiffen Achaias!
Anflehn will ich den Mann, den entsetzlichen Täter des Frevels:
Ob er vielleicht mein Alter mit Ehrfurcht und mit Erbarmung
420
Anschaut; denn auch jenem ist schon grauhaarig der Vater,
Peleus, der ihn erzeugt' und nährete, ach zum Verderben
Trojas; doch vor allen mir selbst bereitet' er Jammer!
Denn so viele Söhn' erschlug er mir, blühender Jugend!
Alle jedoch betraur' ich nicht so sehr, herzlich betrübt zwar,
425
Als ihn allein, des wütender Schmerz mich zum Aïs hinabführt,
Hektor! Wär' er doch mir in meinen Armen gestorben!
Satt darin hätten wir uns das Herz geweint und gejammert,
Ich, und die ihn gebar, die unglückselige Mutter!
Also sprach er weinend; und ringsum seufzten die Bürger.
430
Hekabe aber erhub die Wehklag' unter den Weibern:
Sohn, was soll ich Arme hinfort noch leben in Jammer,
Da du Trauter mir starbst? der mir bei Nacht und bei Tage
Ruhm und Trost in Ilios war, und allen Errettung,
Trojas Männern und Fraun, die dich, wie einen der Götter,
435
Achteten! Traun du würdest mit großer Ehre sie krönen,
Lebtest du noch! Nun aber hat Tod und Geschick dich ereilet!
Also sprach sie weinend. Doch nichts noch hörte die Gattin
Hektors; denn nicht kam ihr ein Kundiger, welcher die Botschaft
Meldete, daß der Gemahl ihr auswärts blieb vor dem Tore;
440
Sendern sie webt' ein Gewand, im innern Gemach des Palastes,
Doppelt und blendend weiß, und durchwirkt mit mancherlei Bildwerk.
Jetzo rief sie umher den lockigen Mägden des Hauses,
Eilend ein groß dreifüßig Geschirr auf Feuer zu stellen,
Zum erwärmenden Bade, wann Hektor kehrt' aus der Feldschlacht:
445
Törin! sie wußte nicht, daß weit entfernt von den Bädern
Ihn durch Achilleus' Hände besiegt Zeus' Tochter Athene.
Aber Geheul vernahm sie und Jammergeschrei von dem Turme;
Und ihr erbebten die Glieder, es sank zur Erde das Webschiff,
Ängstlich nunmehr in dem Kreis schönlockiger Mägde begann sie:
450
Auf, ihr zwo mir gefolgt; ich eile zu schaun, was geschehn ist!
Eben vernahm ich die Stimme der Schwäherin; ich, und mir selber
Schlägt das Herz im Busen zum Hals' empor, und die Kniee
Starren mir! Sicherlich naht ein Unheil Priamos' Söhnen!
Fern sei meinem Ohr die Verkündigung! aber mit Unruh
455
Sorg' ich, den mutigen Hektor hab' itzt der edle Achilleus
Abgeschnitten allein von der Stadt, ins Gefilde verfolgend,
Und wohl schon ihn gehemmt in seiner entsetzlichen Kühnheit,
Welche stets ihn beseelt! Denn niemals weilt' er im Haufen;
Sondern voran flog mutig der Held, und zagte vor niemand!
460
Sprach's, und hinweg aus der Kammer enteilte sie, gleich der Mänade,
Wild ihr pochendes Herz; und es folgten ihr dienende Weiber.
Aber nachdem sie den Turm und die Schar der Männer erreichet;
Stand sie und blickt' auf die Mauer umher, und schauete jenen
Hingeschleift vor Ilios Stadt; und die hurtigen Rosse
465
Schleiften ihn sorglos hin zu den räumigen Schiffen Achaias.
Schnell umhüllt' ihr die Augen ein mitternächtliches Dunkel;
Und sie entsank rückwärts, und lag entatmet in Ohnmacht.
Weithin flog vom Haupte der köstlich prangende Haarschmuck,
Vorn das Band, und die Haub', und die schöngeflochtene Binde,
470
Auch der Schleier, geschenkt von der goldenen Aphrodite,
Jenes Tags, da sie führte der helmumflatterte Hektor
Aus Eëtions Burg, nach unendlicher Bräutigamsgabe.
Rings auch stunden ihr Schwestern des Manns und Frauen der Schwäger,
Haltend die Atemlose, vom Kummer betäubt wie zum Tode.
475
Als sie zu atmen begann, und der Geist dem Herzen zurückkam;
Jetzt mit gebrochener Klage vor Trojas Frauen begann sie:
Hektor, o weh mir Armen! zu gleichem Geschick ja geboren
Wurden wir einst: du selber in Priamos' Hause zu Troja;
Aber ich zu Thebe, am waldigen Hange des Plakos,
480
In Eëtions Burg; der mich erzog, da ich klein war,
Elend ein elendes Kind! Ach hätt' er mich nimmer erzeuget!
Du nun gehst zu Aïdes Burg in die Tiefen der Erde,
Scheidend von mir; ich bleib', in Schmerz und Jammer verlassen,
Eine Witw' im Haus', und das ganz unmündige Söhnlein,
485
Welches wir beide gezeugt, wir Elenden! Nimmer, o Hektor,
Wirst du jenem ein Trost, da du tot bist, oder dir jener!
Überlebt er auch etwa den traurigen Krieg der Achaier,
Dennoch wird ja beständig ihm Sorg' und Gram in der Zukunft
Drohn; denn andere werden ihm rings abschmälern sein Erbgut.
490
Siehe der Tag der Verwaisung beraubt ein Kind der Gespielen;
Immer senkt es die Augen beschämt, mit Tränen im Antlitz.
Darbend gehet das Kind umher zu den Freunden des Vaters,
Fleht und faßt den einen am Rock, und den andern am Mantel;
Aber erbarmt sich einer, der reicht ihm das Schälchen ein wenig,
495
Daß er die Lippen ihm netz', und nicht den Gaumen ihm netze.
Oft verstößt es vom Schmaus' ein Kind noch blühender Eltern,
Das mit Fäusten es schlägt, und mit kränkenden Worten es anfährt:
Hebe dich weg! dein Vater ist nicht bei unserem Gastmahl!
Weinend geht von dannen das Kind zur verwitweten Mutter,
500
Unser Astyanax, der sonst auf den Knieen des Vaters
Nur mit Mark sich genährt, und fettem Fleische der Lämmer;
Und wann, müde des Spiels, er auszuruhen sich sehnte,
Schlummert' er süß im schönen Gestell, in den Armen der Amme,
Auf sanftschwellendem Lager, das Herz mit Freude gesättigt.
505
Doch viel duldet er künftig, beraubt des liebenden Vaters,
Unser Astyanax, wie Trojas Männer ihn nennen:
Denn du allein beschirmtest die Tor' und die türmenden Mauern.
Nun wird dort an den Schiffen der Danaer, fern von den Eltern,
Reges Gewürm dich verzehren, nachdem du die Hunde gesättigt,
510
Nackt! Doch liegen genug der Gewand' in deinem Palaste,
Fein und zierlich gewebt von künstlichen Händen der Weiber!
Aber ich werde sie all' in lodernder Flamme verbrennen!
Nichts ja frommen sie dir; denn niemals ruhst du auf ihnen!
Brennen sie denn vor Troern und Troerinnen zum Ruhm dir!
515
Also sprach sie weinend; und ringsum seufzten die Weiber.

Dreiundzwanzigster Gesang

Achilleus mit den Seinen umfährt den Patroklos, wehklagt, und legt den Hektor aufs Antlitz am Totenlager. In der Nacht erscheint ihm Patroklos, und bittet um Bestattung. Am Morgen holen die Achaier Holz zum Scheiterhaufen. Patroklos wird ausgetragen, mit Haarlocken umhäuft und samt den Totenopfern verbrannt. Boreas und Zephyros erregen die Flammen. Den andern Morgen wird Patroklos' Gebein in eine Urne gelegt, und, bis Achilleus' Gebein hinzukomme, beigesetzt; vorläufiger Ehrenhügel auf der Brandstelle. Wettspiele zur Ehre des Toten: Wagenrennen, Faustkampf, Ringen, Lauf, Waffenkampf, Kugelwurf, Bogenschuß, Speerwurf.

So nun seufzeten jene durch Ilios. Doch die Achaier,
Als sie nunmehr die Schiff' und den Hellespontos erreichet,
Schnell zerstreuten sich alle, zum eigenen Schiff ein jeder.
Nur den Myrmidonen verbot der edle Achilleus
5
Sich zu zerstreun, und begann vor den kriegserfahrnen Genossen:
Reisige Myrmidonen, ihr wertgeachteten Freunde,
Auf, noch nicht den Geschirren entlöst die stampfenden Rosse;
Sondern zugleich mit Rossen und rollenden Wagen uns nahend,
Weinen wir erst Patroklos; denn das ist die Ehre der Toten.
10
Aber nachdem wir die Herzen des traurigen Grames erleichtert,
Lösen wir unsre Gespann', und schmausen allhier miteinander.
Sprach's, und begann Wehklag'; auch klageten alle Genossen.
Dreimal lenkten sie rings schönmähnige Ross' um den Leichnam,
Traurend, und Thetys erregte des Grams wehmütige Sehnsucht.
15
Naß war der Sand von Tränen, und naß die Rüstung der Männer,
Welche den Held vermißten, den mächtigen Schreckengebieter.
Peleus' Sohn vor ihnen begann die jammernde Klage,
Hingelegt die mordenden Händ' auf den Busen des Freundes:
Freude dir, o Patroklos, auch noch in Aïdes Wohnung!
20
Alles ja wird dir jetzo vollbracht, was zuvor ich gelobet:
Hektor dahergeschleift den zerfleischenden Hunden zu geben;
Auch zwölf Jünglinge dir am Totenfeuer zu schlachten,
Trojas edlere Söhn', im Zorn ob deiner Ermordung!
Sprach's, und schändlichen Frevel ersann er dem göttlichen Hektor,
25
Vorwärts am Leichengewand des Menötiaden ihn streckend,
Hin in den Staub. Sie aber enthüllten sich alle der Rüstung,
Blank von Erz, und lösten die schallenden Rosse vom Wagen;
Setzten sich dann am Schiffe des äakidischen Renners,
Tausende; jener darauf gab köstlichen Schmaus der Begräbnis.
30
Viele der mutigen Stier' umröchelten blutend das Eisen,
Abgewürgt, auch viele der Schaf' und meckernden Ziegen;
Viel weißzahnige Schweine zugleich, in der Blüte des Fettes,
Sengten sie ausgestreckt in der lodernden Glut des Hephästos;
Und rings strömte das Blut, mit Schalen geschöpft, um den Leichnam.
35
Aber ihn selbst den Herrscher, den rüstigen Peleionen
Führten zum Held Agamemnon die waltenden Fürsten Achaias,
Kaum durch Worte bewegt; denn er zürnete wegen des Freundes.
Als sie das schöne Gezelt Agamemnons jetzo erreichten;
Schnell gebot Herolden von tönender Stimme der König,
40
Eilend auf Glut zu stellen ein großes Geschirr; ob gehorchte
Peleus' Sohn, zu entwaschen den blutigen Staub von den Gliedern.
Aber er weigerte sich standhaft, und gelobte mit Eidschwur:
Nein bei Zeus, der waltet, der Seligen Höchster und Bester!
Nicht geziemt's, daß eher ein Bad mir rühre die Scheitel,
45
Eh' ich Patroklos auf Feuer gelegt, und das Mal ihm geschüttet,
Und mir geschoren das Haar! denn nie wird fürder mir also
Gram durchdringen das Herz, so lang' ich mit Lebenden wandle!
Aber wohlan, jetzt fügen wir uns dem traurigen Gastmahl.
Doch am Morgen gebeut, o Völkerfürst Agamemnon,
50
Daß man Holz aus dem Wald herführ', und alles bereite,
Was dem Toten gebührt, der ins nächtliche Dunkel hinabgeht:
Daß uns jenen nunmehr verbrenn' unermüdetes Feuer,
Schnell aus den Augen hinweg, und das Volk zum Geschäfte sich wende.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
55
Als nun emsig umher die Abendkost sie gerüstet,
Schmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Gingen sie auszuruhn, zum eigenen Zelt ein jeder.
Peleus' Sohn am Gestade des weitaufrauschenden Meeres
60
Legte sich seufzend vor Gram, mit umringenden Myrmidonen,
Dort wo rein der Strand von der steigenden Welle gespült war:
Als ihn der Schlummer umfing, und der Seel' Unruhen zerstreuend,
Sanft umher sich ergoß; denn es starrten die reizenden Glieder
Ihm, der Hektor verfolgt' um Ilios' luftige Höhen.
65
Jetzo kam die Seele des jammervollen Patroklos,
Ähnlich an Größ' und Gestalt und lieblichen Augen ihm selber,
Auch an Stimm', und wie jener den Leib mit Gewanden umhüllet;
Ihm zum Haupt nun trat er, und sprach anredend die Worte:
Schläfst du, meiner so ganz uneingedenk, o Achilleus?
70
Nicht des Lebenden zwar vergaßest du, aber des Toten!
Auf, begrabe mich schnell, daß Aïdes' Tor ich durchwandle!
Fern mich scheuchen die Seelen hinweg, die Gebilde der Toten,
Und nicht über den Strom vergönnen sie mich zu gesellen;
Sondern ich irr' unstet um Aïdes mächtige Tore.
75
Und nun gib mir die Hand; ich jammere! Nimmer hinfort ja
Kehr' ich aus Aïdes Burg, nachdem ihr der Glut mich gewähret!
Ach nie werden wir lebend, von unseren Freunden gesondert,
Sitzen, und Rat aussinnen: denn mich verschlang das Verhängnis
Jetzt in den Schlund, das verhaßte, das schon dem Gebornen bestimmt ward;
80
Und dir selbst ist geordnet, o göttergleicher Achilleus,
Unter der Mauer zu sterben der wohlentsprossenen Troer.
Eines sag' ich dir noch, und ermahne dich, wenn du gehorchest.
Lege nicht mein Gebein von deinem getrennt, o Achilleus;
Sondern zugleich, wie mit dir ich erwuchs in eurem Palaste,
85
Seit Menötios mich, den blühenden Knaben, aus Opus
Führte zu euerer Burg, nach der schrecklichen Tat der Ermordung,
Jenes Tags, nachdem ich Amphidamas' Knaben getötet,
Ohne Bedacht, nicht wollend, erzürnt beim Spiele der Knöchel;
Freundlich empfing mich in seinem Palast der reisige Peleus,
90
Und erzog mich mit Fleiß, und ernannte mich deinen Genossen:
So auch unser Gebein umschließ' ein gleiches Behältnis,
Jenes goldne Gefäß, das die göttliche Mutter dir schenkte.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Was, mein trautester Bruder, bewog dich herzukommen,
95
Und mir solches genau zu verkündigen? Gerne gelob' ich,
Alles dir zu vollziehn, und gehorche dir, wie du gebietest.
Aber wohlan, tritt näher; damit wir beid' uns umarmend,
Auch nur kurz, die Herzen des traurigen Grames erleichtern.
Als er dieses geredet, da streckt' er verlangend die Händ' aus;
100
Aber umsonst: denn die Seele, wie dampfender Rauch, in die Erde
Sank sie hinab hellschwirrend. Bestürzt nun erhub sich Achilleus,
Schlug die Hände zusammen, und sprach mit jammernder Stimme:
Götter, so ist denn fürwahr auch noch in Aïdes Wohnung
Seel' und Schattengebild, allein ihr fehlt die Besinnung!
105
Diese Nacht ja stand des jammervollen Patroklos
Seele mir selbst am Lager, die klagende, herzlich betrübte,
Und gebot mir manches, und glich zum Erstaunen ihm selber!
Sprach's, und erregt' in allen des Grams wehmütige Sehnsucht.
Doch den Traurenden kam die rosenarmige Eos
110
Um den bejammerten Toten. Und siehe der Held Agamemnon
Trieb Maultier' und Männer daher aus den Zelten des Lagers,
Holz vom Walde zu führen; zugleich, ein edler Gebieter,
Eilte Meriones mit, des tapfern Idomeneus Kriegsfreund.
Diese wandelten nun, holzhauende Äxt' in den Händen,
115
Auch geflochtene Seil'; und voran die hurtigen Mäuler.
Lange bergan und bergab, Richtweg' und Krümmungen ging man.
Aber nachdem sie erstiegen die Höhn des quelligen Ida,
Schnell nunmehr mit geschliffenem Erz hochwipfliche Bäume
Hauten sie emsiger Eil'; und herab mit lautem Gepolter
120
Stürzten sie; aber das Holz zerspalteten rasch die Achaier,
Bandens den Mäulern dann fest; und sie trabten den Grund mit den Hufen,
Sehnsuchtsvoll nach der Ebne, das dichtverwachsne Gesträuch durch.
Auch die Männer trugen zugleich schwerlastende Kloben,
So wie Meriones hieß, des tapfern Idomeneus Kriegsfreund.
125
Jetzt an den Strand hinwarf man in Reihen es, dort wo Achilleus
Auserkor dem Patroklos das ragende Grab, und sich selber.
Aber nachdem ringsher sie gereiht die unendliche Waldung,
Blieben sie dort miteinander, und setzten sich. Aber Achilleus
Rief alsbald den Scharen der myrmidonischen Streiter,
130
Umzugürten das Erz, und vorzuspannen den Wagen
Jeder die Ross'; und sie sprangen empor, und hüllten Geschmeid' um.
Jetzt betraten die Sessel die Reisigen, Kämpfer und Lenker;
Diese voran, und es zog des Fußvolks dickes Gewölk nach,
Tausende; mitten trug der Freunde Schar den Patroklos.
135
Überstreut ward ganz mit geschorenen Locken der Leichnam;
Und ihm hielt nachfolgend das Haupt der edle Achilleus,
Traurend; denn seinen Freund, den untadligen, sandt' er zum Aïs.
Als sie den Ort nun erreicht, den ihnen genannt der Peleide;
Setzten sie nieder die Bahr', und häuften ihm mächtige Waldung.
140
Aber ein andres ersann der mutige Renner Achilleus:
Abgewandt vom Gerüste beschor er sein bräunliches Haupthaar,
Das er dem Strom Spercheios genährt, vollblühendes Wuchses.
Unmutsvoll nun sprach er, und schaut' in das dunkle Gewässer:
O Spercheios, umsonst dir gelobete Peleus der Vater,
145
Dort einst, wiedergekehrt zum lieben Lande der Väter,
Sollt' ich dir scheren das Haar, und weihn die Dankhekatombe,
Auch daselbst an den Quellen dir fünfzig üppige Widder
Heiligen, wo dir pranget ein Hain und duftender Altar.
Also gelobte der Greis; du hast sein Flehn nicht vollendet.
150
Nun da ich nicht heimkehre zum lieben Lande der Väter,
Laß mich dem Held Patroklos das Haar mitgeben zu tragen!
Jener sprach's, in die Hände des trautesten Freundes das Haupthaar
Legend; und allen erregt' er des Grams wehmütige Sehnsucht.
Siehe den Klagenden wäre das Licht der Sonne gesunken,
155
Wenn nicht schnell der Peleid' Agamemnon nahend geredet:
Atreus' Sohn, denn deinen Ermahnungen horcht ja vor allen
Argos' Volk; des Grams sich ersättigen können sie immer.
Jetzo gebeut, daß jene, vom Totenbrand sich zerstreuend,
Rüsten ihr Mahl. Dies Werk vollenden wir, denen am meisten
160
Sorg' um die Leich' obliegt; auch laß die Könige weilen.
Als er solches vernommen, der Völkerfürst Agamemnon;
Schnell zerstreut' er das Volk zu den gleichgezimmerten Schiffen.
Nur die Bestattenden blieben daselbst, und häuften die Waldung,
Bauend das Totengerüst, je hundert Fuß ins Gevierte,
165
Legten dann hoch aufs Gerüst den Leichnam, trauriges Herzens.
Viele gemästete Schaf', und viel schwerwandelndes Hornvieh,
Zogen sie ab am Gerüst, und bestellten sie; aber von allen
Nahm er das Fett, und bedeckte den Freund, der edle Achilleus,
Ganz vom Haupt zu den Füßen; die abgezogenen Leiber
170
Häuft' er umher; auch Krüge voll Honiges stellt' er und Öles
Nah um das Leichengewand; und vier hochhalsige Rosse
Warf er mit großer Gewalt auf das Totengerüst, lautstöhnend.
Neun der häuslichen Hund' ernährt' am Tische der Herrscher;
Deren auch warf aufs Totengerüst er zweene geschlachtet;
175
Auch zwölf tapfere Söhne der edelmütigen Troer,
Die mit dem Erz er gewürgt; denn schreckliche Taten ersann er;
Ließ dann der Flamme Gewalt mit eiserner Wut sich verbreiten.
Und nun jammert' er laut, den trautesten Freund anrufend:
Freude dir, o Patroklos, auch noch in Aïdes Wohnung!
180
Alles ja wird dir jetzo vollbracht, was zuvor ich gelobet.
Auch zwölf tapfere Söhne der edelmütigen Troer,
Diese zugleich dir tilget die Flamme nun; Hektor indes nicht,
Priamos' Sohn, soll dem Feuer ein Raub sein, sondern den Hunden!
Also drohte der Held; doch ihm nicht naheten Hunde;
185
Sondern die Hund' entfernte die Tochter Zeus' Aphrodite
Tag und Nacht, und salbte den Leib mit ambrosischem Balsam,
Rosiges Dufts, daß schleifend auch nicht er die Haut ihm verletzte.
Aber ein dunkles Gewölk ihm breitete Phöbos Apollon
Hoch vom Himmel aufs Feld, und umhüllete ringsum die Gegend,
190
Wo der Ermordete lag; daß nicht der Sonne Gewalt ihm
Früh um die Sehnen das Fleisch ausdörrete, und an den Gliedern.
Doch nicht lodert' in Glut das Gerüst des toten Patroklos.
Schnell ein andres ersann der mutige Renner Achilleus,
Trat abwärts vom Gerüst, und laut zween Winde des Himmels,
195
Boreas rief er und Zephyros an, Dankopfer gelobend;
Viel auch sprengt' er des Weins aus goldenem Becher, und flehte,
Rasch zu wehn, und den Toten in lodernder Glut zu verbrennen,
Mächtig das Holz anfachend zum Brand. Doch die hurtige Iris
Hörete seine Gelübd', und kam als Botin den Winden.
200
Sie nun saßen gesellt in des sausenden Zephyros' Wohnung,
Froh am restlichen Schmaus; und Iris, fliegendes Laufes,
Trat auf die steinerne Schwell'. Als jene sie sahn mit den Augen,
Sprangen sie alle vom Sitz, und neben sich lud sie ein jeder.
Doch sie weigerte sich des gebotenen Sitzes, und sagte:
205
Nötiget nicht; denn ich eile zurück an Okeanos' Fluten,
Dort wo die Äthiopen den Ewigen jetzt Hekatomben
Festlich weihn, daß ich selber des Opfermahls mich erfreue.
Aber, o Boreas, dir und dem sausenden Zephyros flehet
Peleus' Sohn zu kommen, und heilige Opfer gelobt er,
210
Daß ihr in Glut aufregt das Totengerüst des Patroklos,
Wo er liegt, den seufzend das Volk der Achaier bejammert.
Also sprach sie, und eilte hinweg. Da erhuben sich jene,
Rauschend mit wildem Getös', und tummelten rege Gewölk' her.
Bald nun erreichten sie stürmend das Meer; da erhub sich die Brandung
215
Unter dem brausenden Hauch: und sie kamen zur scholligen Troja,
Stürzten sich dann ins Gerüst; und es knatterte mächtig umher Glut.
Siehe die ganze Nacht durchwühlten sie zuckende Flammen,
Sausend zugleich in das Totengerüst; und der schnelle Achilleus
Schöpfte die ganze Nacht, in der Hand den doppelten Becher,
220
Wein aus goldenem Krug', und feuchtete sprengend den Boden,
Stets die Seel' anrufend des jammervollen Patroklos.
Wie wenn klagt ein Vater, des Sohns Gebeine verbrennend,
Der ein Bräutigam starb, zum Weh der jammernden Eltern:
Also klagte der Held, das Gebein des Freundes verbrennend,
225
Und umschlich das Totengerüst mit unendlichen Seufzern.
Jetzt wann der Morgenstern das Licht ankündend hervorgeht,
Eos im Safrangewand dann über das Meer sich verbreitet;
Jetzt sank in Staub das Gerüst, und es ruhte die Flamme.
Schnell nun flogen die Winde zurück, nach Hause zu kehren,
230
Über das thrakische Meer; und es braust' aufstürmend die Brandung.
Peleus' Sohn, abwärts vom glimmenden Schutte sich sondernd,
Legte sich abgemattet; und süßer Schlummer umfing ihn.
Aber um Atreus' Sohn versammelten jene sich ringsher,
Und der Kommenden Lärm und Getös' erweckt' ihn vom Schlummer.
235
Aufrecht setzt' er sich nun, und sprach zu jenen die Worte:
Atreus' Sohn, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Erst nun löscht den glimmenden Schutt mit rötlichem Weine,
Überall, wo die Glut hinwütete; aber dann laßt uns
Sammeln umher das Gebein des Menötiaden Patroklos,
240
Wohl es unterscheidend; und leicht zu erkennen ist jenes.
Denn er lag in der Mitte der Glut; und die andern gesondert
Brannten am äußeren Rande vermischt, die Ross' und die Männer.
Dann in gedoppeltes Fett, in eine goldene Urne,
Legen wir's, bis ich selber hinuntersinke zum Aïs.
245
Über das Grab, nicht rat' ich es allzu groß zu erheben,
Sondern so schicklich nur; hinfort dann mögt ihr es immer
Weit und hoch aufhäufen, ihr Danaer, die ihr mich etwa
Überlebt, und umher in den Ruderschiffen zurückbleibt.
Jener sprach's; sie gehorchten dem rüstigen Peleionen:
250
Löschten zuerst den glimmenden Schutt mit rötlichem Weine,
Rings wo die Flamme gewütet, und hoch die Asche gehäuft lag;
Sammelten drauf das weiße Gebein des herzlichen Freundes
Weinend, in doppeltes Fett, in eine goldene Urne;
Setzten sie dann im Gezelt, umhüllt mit köstlicher Leinwand;
255
Maßen den Kreis des Males, und warfen dem Grund in die Ründung
Rings um den Brand, und häuften geschüttete Erde zum Hügel.
Als sie das Mal nun geschüttet, enteilten sie. Aber Achilleus
Hemmte das Volk, und hieß es in großem Kreise sich setzen;
Brachte darauf zu Preisen des Kampfs dreifüßige Kessel,
260
Becken, und Ross' und Mäuler und mächtige Stier' aus den Schiffen,
Schöngegürtete Weiber zugleich, und blinkendes Eisen.
Erst dem Lenker des schnellsten Gespanns zum herrlichen Kampfpreis
Setzt' er ein Weib zu nehmen, untadelig, kundig der Arbeit,
Samt dem gehenkelten Kessel von zweiundzwanzig Maßen:
265
Dieses dem ersten zum Preis; dem zweiten nun setzt' er die Stute,
Ungezähmt, sechsjährig, beschwert vom Füllen des Maultiers;
Dann dem dritten bestimmt' er zum Preis ein schimmerndes Becken,
Schön, vier Maß enthaltend, noch rein von der Flamme des Feuers,
Drauf dem vierten den Preis von zwei Talenten des Goldes;
270
Endlich dem fünften die doppelte Schal', unberührt von der Flamme.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor dem Argeiern:
Atreus' Sohn, und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Für die Reisigen stehn die Kampfpreis' hier in dem Kreise.
Wär es ein anderer nun, den wir Danaer ehrten mit Wettkampf,
275
Dann wohl trüg' ich selber den ersten Preis zum Gezelte.
Denn ihr wißt, wie an Tugend hervor mein edles Gespann ragt.
Auch unsterblich ja ist es: Poseidon schenkte dem Peleus,
Meinem Vater, die Rosse, der mir darauf sie gewähret.
Doch nun bleib' ich selber zurück, und die stampfenden Rosse.
280
Denn sie verloren die Kraft des edelsten Wagenlenkers,
Ach des Freundlichen, welcher so oft mit geschmeidigem Öle
Ihnen die Haare gesprengt, wann in lauterer Flut sie gebadet.
Diesen nunmehr dastehend betrauren sie, und auf den Boden
Fließen die Mähnen herab, und sie stehn unmutiges Herzens.
285
Auf denn, ihr andern im Heere, beschicket euch, wer der Achaier
Eigenen Rossen vertraut, und dem wohlgezimmerten Wagen!
Also sprach der Peleid'; und rüstige Lenker erstanden.
Erst vor allen erhub sich der Völkerfürst Eumelos,
Er des Admetos' Sohn, der an Wagenkunde hervorschien.
290
Auch der Tydeid' erhub sich, der starke Held Diomedes,
Welcher die troischen Ross' anschirrete, die dem Äneias
Jüngst er geraubt; ihn selber errettete Phöbos Apollon.
Drauf erstand der Atreide, der bräunliche Held Menelaos,
Göttliches Stamms, und jochte die hurtigen Ross' an den Wagen,
295
Äthe, die Stut' Agamemnons, und seinen Hengst, den Podargos.
Jene gab dem Bruder der Anchisiad' Echepolos
Einst zum Geschenk, um nicht vor Ilios jenem zu folgen,
Sondern dort sich der Ruhe zu freun; denn mächtigen Reichtum
Gab ihm Zeus, und er wohnt' in Sikyons fruchtbaren Tälern:
300
Diese nun springt' er ins Joch, die mutige, gierig des Wettlaufs.
Dann der vierte bereitet' Antilochos' glänzende Rosse,
Nestors trefflicher Sohn, des edelmütigen Herrschers,
Sein des Neleïaden; und hurtige Rosse von Pylos
Flogen einher mit dem Wagen. Ihm riet jetzt nahend der Vater
305
Guten Rat, der kundige Greis dem verständigen Jüngling:
Sohn, wie jung du auch bist, Antilochos, liebten dich dennoch
Zeus und Poseidaon, und lehrten dich Kunde des Wagens
Aller Art; drum möcht' es nicht Not sein, dich zu belehren.
Wohl das Ziel zu umlenken verstehest du; aber die Rosse
310
Sind dir die trägsten im Lauf; drum sorg' ich, täuscht dich der Ausgang.
Rascher sind jenen die Ross' und fertiger; selber indes nicht
Wissen sie besseren Rat, als du, mein Sohn, zu ersinnen.
Aber wohlan, mein Teurer, ins Herz dir fasse die Lehre
Mancher Art; daß nicht ein edeler Preis dir entgehe.
315
Mehr ja vermögen durch Rat Holzhauende, weder durch Stärke;
Auch durch Rat nur lenket im dunkelen Meere der Steurer
Sein hineilendes Schiff, umhergestürmt von den Winden:
So durch Rat auch besiegt ein Wagenlenker den andern.
Wer allein dem Gespann und rollenden Wagen vertraut,
320
Ohne Bedacht hinsprengt er, und wendet sich dorthin und dahin,
Wild auch schweiften die Ross' und ungezähmt in der Rennbahn.
Doch wer den Vorteil kennt, und schlechtere Rosse dahertreibt,
Schaut beständig das Ziel, und beugt kurzum, und vergißt nie,
Welchen Strich er zuerst sie gelenkt mit Seilen von Stierhaut;
325
Nein fest hält er den Lauf, und merkt auf den Vorderen achtsam
Deutlich muß ich das Ziel dir verkündigen, daß du nicht fehlest.
Dorrend ragt ein Pfahl, wie die Klafter hoch, aus der Erde,
Kienholz, oder von Eichen, das nicht im Regen vermodert;
Rechtsan lehnen und links sich zween weißschimmernde Steine,
330
Dort in der Enge des Wegs, wo die ebene Bahn sich herumschwingt:
Sei er vielleicht ein Mal des längst verstorbenen Mannes,
Oder ein Rennziel auch von vorigen Menschen errichtet;
Den nun stellt zum Zeichen der mutige Renner Achilleus.
Dicht an jenen gedrängt, beflügele Wagen und Rosse;
335
Selber zugleich dann beug' in dem schöngeflochtenen Sessel
Sanft zur Linken dich hin; und das rechte Roß des Gespannes
Treib mit Geißel und Ruf, und laß ihm die Zügel ein wenig:
Während dir nah am Ziele das linke Roß sich herumdreht,
So daß fast die Nabe den Rand zu erreichen dir scheinet
340
Deines zierlichen Rades. Den Stein nur zu rühren vermeide,
Daß du nicht verwundest die Ross', und den Wagen zerschmetterst:
Denn ein Triumph den andern, und schmähliche Kränkung dir selber
Wäre das! Auf denn, Geliebter, sei vorsichtsvoll und behutsam.
Hast du nur erst am Ziele herumgewendet den Vorsprung;
345
Keiner ist dann, der verfolgend dich einholt, oder vorbeijagt:
Trieb er sogar im Sturme dir nach den edlen Areion,
Der aus Göttern entstammte, das hurtige Roß des Adrastos,
Oder Laomedons Rosse, die hier voll Herrlichkeit aufblühn!
Also redete Nestor, der neleiadische König,
350
Setzte sich dann, nachdem er dem Sohn jedwedes bedeutet.
Auch der fünfte nun schirrte Meriones' glänzende Rosse.
Alle betraten die Sessel, und warfen die Los', und Achilleus
Schüttelte: plötzlich entsprang Antilochos' Los aus dem Helme;
Nächst dem Nestoriden gewann der Herrscher Eumelos;
355
Diesem zunächst der Atreide, der streitbare Held Menelaos;
Hierauf traf das Los den Meriones; aber zuletzt traf
Tydeus' tapferen Sohn das Los die Rosse zu lenken.
Alle gereiht nun standen; es wies das Zeichen Achilleus
Fern in dem flachen Gefild; und dabei zum Schauer bestellt' er
360
Phönix den göttlichen Held, den Kriegsgefährten des Vaters,
Wohl zu bemerken den Lauf, und alles genau zu verkünden.
Alle zugleich nun schwangen empor auf die Rosse die Geißeln,
Schlugen zugleich mit den Riemen, und schrien lautdrohende Worte,
Heftiges Muts; und in Eil' entflogen sie durch das Gefilde,
365
Schnell von den Schiffen hinweg; und emporstieg unter den Brüsten
Dick aufwallender Staub, dem Gewölk gleich, oder dem Sturmwind;
Und wild flogen die Mähnen im wehenden Hauche des Windes.
Jetzo rollten die Wagen gesenkt an der nährenden Erde,
Jetzo durchstürmten die Luft die Erhobenen. Aber die Lenker
370
Standen empor in den Sesseln; es schlug ihr Herz in den Busen
Laut vor Begierde des Siegs, und jeglicher drohte den Rossen
Mächtiges Rufs; und sie flogen in staubendem Lauf durch die Felder.
Doch wie dem Ende des Laufs die hurtigen Rosse sich nahten,
Kehrend zum bläulichen Meer; nun war's, wo jegliches Tugend
375
Schien; und gestreckt fortschossen die Rennenden. Aber in Eile
Sprangen voraus die Stuten des Pheretiaden Eumelos;
Diesen zunächst dann stürmte das Hengstgespann Diomedes,
Troisches Stamms: nicht ferne verfolgten sie, sondern so nahe,
Daß sie stets auf den Sessel des vorderen schienen zu springen,
380
Und ihm warm auf den Rücken ihr Hauch und die mächtigen Schultern
Atmete; denn ihn berührte das Haupt der fliegenden Rosse.
Und nun wär' er voraus, doch wenigstens gleich ihm gekommen,
Wenn nicht Phöbos Apollon gezürnt dem Sohne des Tydeus,
Und ihm schnell aus den Händen die glänzende Geißel geschleudert.
385
Unmutsvoll entstürzten die Tränen ihm über das Antlitz,
Als er noch weiter voraus die fliegenden Stuten erblickte,
Aber die Hengst' ihm säumten, die treibende Geißel vermissend.
Nicht geheim vor Athene belistete Phöbos Apollon
Tydeus' Sohn; schnell eilte sie her zum Hirten der Völker,
390
Gab ihm die Geißel zurück, und stärkte mit Mut ihm die Rosse.
Zürnend verfolgte sie drauf den tapferen Sohn des Admetos,
Und zerbrach ihm das Joch, die Unsterbliche: wild auseinander
Sprangen die Stuten vom Weg', und es scharrt' an der Erde die Deichsel.
Jener entsank dem Sessel, und wälzte sich neben dem Rade,
395
Beide Arm' an der Beugung, den Mund und die Nase verletzend;
Auch die Stirn' an den Brauen verwundet' er; aber die Augen
Wurden mit Tränen erfüllt, und atmend stockt' ihm die Stimme.
Tydeus' Sohn trieb schleunig vorbei die stampfenden Rosse,
Weit den anderen allen voraus; denn es stärkt' ihm Athene
400
Seine Rosse mit Mut, und krönt' ihn selber mit Siegsruhm.
Nächst ihm flog der Atreide, der bräunliche Held Menelaos.
Aber Antilochos rief des Vaters Rossen ermunternd:
Angestrengt die Glieder, und dehnet euch fliegendes Laufes!
Daß mit jenen ihr kämpft um den Vorsprung, forder' ich gar nicht,
405
Mit des Tydeiden Gespann, des Feurigen, welchen Athene
Jetzo Geschwindigkeit gab, und ihn selber krönte mit Siegsruhm.
Nur Menelaos' Gespann holt ein, und bleibt nicht dahinten,
Stürmender Kraft, daß nicht mit kränkender Schmach euch bedecke
Äthe, die Stute nur ist! Was säumet ihr, treffliche Rosse?
410
Denn ich verkünd' euch zuvor, und das wird wahrlich vollendet:
Nie wird Pfleg' euch hinfort beim völkerweidenden Nestor
Dargereicht; schnell mordet er euch mit der Schärfe des Erzes,
Wenn wir anitzt nachlässig geringeren Preis nur gewinnen!
Auf denn, mit großer Gewalt, und verfolget sie hurtiges Laufes!
415
Aber ich selbst will dieses mit Kunst ausführen und Sorgfalt,
Daß in der Enge des Wegs ich vorüber schlüpf', ihn bemerkend.
Jener sprach's; und geschreckt von des Königes scheltendem Zuruf,
Sprangen sie schneller dahin ein weniges. Jetzo erblickt' er
Dort die Enge des Wegs, Antilochos, freudig zur Feldschlacht:
420
Ausgehöhlt war der Grund, wo gesammelte Wintergewässer
Durch den Weg sich gewühlt, ringsum die Erde vertiefend.
Dorthin fuhr Menelaos, der Wagen Gemisch zu vermeiden.
Seitwärts trieb Antilochos schnell die stampfenden Rosse
Außer dem Weg', und wenig vorbei ihm lenkend verfolgt' er.
425
Des erschrak der Atreid' und rief dem Sohne des Nestor:
Sinnlos lenkst du den Wagen, Antilochos! Hemme die Rosse!
Eng ist der Weg; bald eil' auf breiterer Bahn mir vorüber:
Daß du nicht an den Wagen mir fährst, und uns beide beschädigst!
Jener sprach's; doch Antilochos trieb noch schneller die Rosse,
430
Drängend mit Geißelhieben, dem nichts Vernehmenden ähnlich.
Weit wie die Scheib' hinflieget vom Schwung des erhobenen Armes,
Warm sie ein blühender Mann, die Kraft zu versuchen, entsendet:
So weit sprangen sie vor, und es säumeten jene von hinten
Atreus' Sohn'; auch hielt er mit Fleiß den eilenden Lauf an:
435
Daß nicht wo anprellend im Weg die stampfenden Rosse
Beide Geschirr' umstürzten von schönem Geflecht, und sie selber
Dort in den Staub hinsänken, gereizt von Begierde des Sieges.
Scheltend begann nunmehr der bräunliche Held Menelaos:
Keiner, Antilochos, gleicht an verderblichem Sinne dir selber!
440
Geh! wir nannten dich falsch den Verständigen sonst, wir Achaier!
Doch nicht sollst du fürwahr ohn' Eidschwur nehmen den Kampfpreis!
Dieses gesagt, ermahnt' er mit lautem Rufe die Rosse:
Weilet mir nicht so träg', und steht nicht traurendes Herzens!
Bald wird jenen die Kraft der Knie' und Schenkel erstarren,
445
Eher denn euch; denn beiden verschwand die blühende Jugend!
Jener sprach's; und geschreckt von des Königes scheltendem Zuruf
Sprangen sie schneller dahin, und bald nun nahten sie jenen.
Argos' Söhn' indessen im Kampfkreis schaueten sitzend,
Wie die Gespann' hinflogen in staubendem Lauf durch die Felder.
450
Kretas Herrscher zuerst Idomeneus merkte die Rosse;
Denn er saß aus dem Kreise getrennt auf der höheren Warte.
Jenen anjetzt von fern, der laut herdrohte, vernehmend
Kannt' er, und merkte das Roß, das hell und kennbar hervorschien:
Welchem rötlich umher der Leib war, aber die Stirne
455
Weiß die gerundete Blässe bezeichnete, ähnlich dem Vollmond.
Aufrecht stand der König, und redete vor den Argeiern:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Kenn' ich allein die Rosse der Kommenden, oder auch ihr dort?
Andere dünken mir jetzt die vorderen Rosse der Kämpfer,
460
Auch ihr Lenker erscheint ein anderer. Jene vielleicht sind
Dort im Gefilde verletzt, die hinauf die tapfersten waren.
Denn zwar sah ich zuerst sie herum an dem Ziele sich schwingen;
Doch nun kann ich sie nirgends ersehn, ob rings mir die Augen
Durch der Troer Gefild' umherschaun forschendes Blickes.
465
Sind dem Lenker vielleicht die Zügel entflohn, und vermocht' er
Nicht zu wenden ums Ziel, und traf unglücklich die Beugung?
Dort wohl stürzt' er vorn Sessel herab, und der Wagen zerbrach ihm,
Und es entsprangen zerscheucht mit verwildertem Geiste die Stuten.
Aber schauet auch ihr, und erhebet euch! Nicht ja vermag ich
470
Jene genau zu erkennen; doch dünkt der Lenker des Wagens
Mir der ätolische Mann, der Argos' Scharen beherrschet,
Tydeus' des reisigen Sohn, der starke Held Diomedes.
Höhnend verwies ihm Ajas, der schnelle Sohn des Oileus:
Was weissagst du so laut, Idomeneus? Ferne hinweg ja
475
Fliegen gehobenes Hufs die Ross' im weiten Gefilde!
Nicht doch bist du der jüngste so sehr im Volk der Argeier,
Noch sind dir am schärfsten im Haupt die spähenden Augen!
Aber du warst beständig ein Plauderer! Nicht ja geziemt dir,
Rasch mit der Zunge zu sein; denn hier sind bessere Männer!
480
Dort sind die Stuten annoch die vorderen, so wie im Anfang;
Und noch fährt Eumelos, die lenkenden Seil' in den Händen!
Aber voll Zorns antwortete drauf der Herrscher von Kreta:
Ajas, im Zank der erste, du Lästerer! Anderer Tugend
Trägst du wenig im Volk, denn du bist unfreundliches Herzens!
485
Hurtig, ein Dreifuß steh' uns Wettenden, oder ein Becken;
Aber ein Zeuge des Streits sei Atreus' Sohn Agamemnon,
Wessen die vorderen Rosse: damit du es büßend erkennest!
Jener sprach's; da erhub sich der schnelle Sohn des Oileus,
Zürnendes Muts, noch mehr der heftigen Worte zu wechseln.
490
Und noch hätten fortan die Zankenden beide geeifert,
Wenn nicht Achilleus selbst sich emporhub, also beginnend:
Nicht mehr jetzt miteinander der heftigen Worte gewechselt,
Ajas, und Idomeneus du; denn wenig geziemt's euch!
Selbst ja tadeltet ihr's, wenn ein anderer solches begönne.
495
Aber sitzt ihr ruhig im Kreis', und schaut nach den Rossen
Forschend hinauf: bald werden, gereizt von Begierde des Sieges,
Jene von selbst ankommen; dann mögt ihr jeder erkennen,
Welches Gespann der Argeier voranläuft, welches dahinten.
Also der Held; da nahte mit raschem Gespann Diomedes.
500
Immer umschwang er die Schultern, und geißelte; aber die Rosse
Huben sich hoch von der Erde, den Weg in Eile vollendend.
Immer auch flog um den Lenker der Staub, von den Hufen gesprenget;
Während der prangende Wagen, mit Zinn und Golde gezieret,
Schnell dem Sturm des Gespanns nachrasselte; und nur ein wenig
505
Tauchte von hinten das Gleis der erzbeschlagenen Räder
In den gelockerten Staub: so eileten fliegend die Rosse.
Mitten nun hielt er im Kreis', und es quoll den dampfenden Rossen
Ringsum Schweiß von den Nacken und vorn von der Brust auf die Erde.
Selber darauf entsprang er dem hellumschimmerten Sessel,
510
Lehnete dann die Geißel ans Joch. Nicht säumte der tapfre
Sthenelos nun, er ergriff in freudiger Eile den Kampfpreis,
Gab dann hinwegzuführen das Weib den mutigen Freunden,
Samt dem gehenkelten Kessel, und lösete selber die Rosse.
Nächst ihm lenkte die Ross' Antilochos, Enkel des Neleus,
515
Welcher durch List, durch Schnelligkeit nicht, Menelaos zuvorkam.
Dennoch trieb Menelaos ihm nah die hurtigen Rosse.
Weit wie dem Rade das Roß entfernt ist, welches den Eigner
Trägt, und gestreckt vor dem Wagen dahersprengt durch das Gefilde;
Hinten berührt's des Rades umschienten Rand mit den Haaren
520
Seines Schweifs; denn nah ihm enteilet es, und nur ein wenig
Raum ist, welcher es trennt im Lauf durch das weite Gefilde:
Auch so weit von dem edlen Antilochos blieb Menelaos
Nun zurück, da zuerst bis zum Scheibenwurf er zurückblieb;
Doch bald holt' er ihn ein: denn mutiger stets und entflammter
525
Sprang die Stut' Agamemnons einher, die glänzende Äthe.
Hätte noch weiter die Bahn sich erstreckt den jagenden Kämpfern,
Sicherlich wär' er voraus, doch wenigstens gleich ihm gekommen.
Aber Meriones drauf, Idomeneus' tapferer Kriegsfreund,
Blieb des Speerwurfs Weite vom rühmlichen Held Menelaos:
530
Denn am trägsten ihm war das Gespann schönmähniger Rosse,
Wenig er selbst auch geübt ein Geschirr zu lenken im Wettkampf.
Endlich der Sohn Admetos' erschien zuletzt nach den andern,
Schleppend den zierlichen Wagen, und vorwärts treibend die Rosse.
Mitleidsvoll erblickt' ihn der mutige Renner Achilleus,
535
Stand im Kreis der Argeier, und sprach die geflügelten Worte:
Schaut, wie zuletzt der tapfere Mann sein edles Gespann lenkt!
Aber wohlan, ihm selber nach Billigkeit werde der Preise
Zweiter verliehen; doch der erste gebührt dem Sohne des Tydeus.
Jener sprach's; und alle sie billigten, was er geordnet.
540
Und nun hätt' er das Roß ihm verliehen, denn die Danaer wollten's;
Hätt' Antilochos nicht, der Sohn des erhobenen Nestor,
Schnell vom Sitz sich erhebend, mit Peleus' Sohne gerechtet:
Heftig werd' ich dir zürnen, Achilleus, wo du vollendest
Dieses Wort! denn du willst mir selbst entwenden den Kampfpreis,
545
Denkend im Geist, weil jener Gespann und Wagen beschädigt,
Er ein trefflicher Mann! Allein den unsterblichen Göttern
Sollt' er flehn; nie wär er zuletzt mit dem Wagen gekommen!
Aber bedaurst du ihn, und gefällt es dir also im Herzen;
Siehe so hast du im Zelte des Goldes viel und des Erzes,
550
Hast auch Schaf', und Mägde genug, und stampfende Rosse:
Nimm davon, und ehr' ihn sogar mit höherem Kampfpreis,
Künftig oder auch gleich, damit die Achaier dich loben.
Aber nie entsag' ich dem Roß; um dieses versuche,
Welcher Mann es begehrt, mit mir im Kampfe zu streiten!
555
Sprach's; und lächelnd vernahm es der mutige Renner Achilleus,
Seines Antilochos froh, der ihm ein trauter Genoß war.
Ihm antwortet' er drauf, und sprach die geflügelten Worte:
Soll ich, Antilochos, denn ein andres Geschenk dem Eumelos
Geben aus meinem Gezelt; ich will dir auch dieses gewähren.
560
Ihm denn schenk' ich den Harnisch, von Asteropäos erbeutet,
Dem um die eherne Scheib' ein Guß hellstrahlendes Zinnes,
Ringsumher sich dreht; nicht wenig wird er ihm wert sein.
Sprach's, und Automedon drauf, dem trauten Freunde, gebot er,
Aus dem Gezelt ihn zu bringen; er eilt', und brachte den Harnisch.
565
Diesen reicht' er Eumelos; und freudig nahm ihn der König.
Jetzo stand Menelaos empor, unmutiges Herzens,
Zürnend mit Ungestüm dem Antilochos; aber ein Herold
Reicht' in die Händ' ihm den Scepter, und rief, Stillschweigen gebietend,
Argos' Volk; und jetzo begann der göttliche Kämpfer:
570
Welche Tat begingst du, Antilochos, sonst so verständig?
Meine Tugend hast du geschmäht, und die Rosse gehindert,
Deine mit List vordrängend, die weit geringer doch waren!
Aber wohlan, der Argeier erhabene Fürsten und Pfleger,
Schlichtet das Recht uns beiden nach Billigkeit, keinem zuliebe;
575
Daß nicht jemand sage der erzumschirmten Achaier:
Trüglich hat Atreus' Sohn den Antilochos überwältigt,
Und ihn der Stute beraubt, da weit geringer doch waren
Seine Ross', er selber an Macht vorragend und Stärke.
Aber ich selbst will schlichten, und schwerlich wird, was ich sage,
580
Tadeln sonst ein Achaier im Volk; denn gerecht sei der Ausspruch.
Auf, Antilochos, komm, du Göttlicher, und nach der Sitte
Vor die Rosse gestellt und des Wagens Geschirr, in den Händen
Haltend die schwanke Geißel, womit du eben gelenket,
Rühre die Ross', und schwöre zum Erderschüttrer Poseidon,
585
Daß du nicht vorsätzlich mit List mir den Wagen gehindert!
Und der verständige Jüngling Antilochos sagte dagegen:
Zähme dein Herz; du siehst ja, ich bin weit jüngeres Alters,
Edler Fürst Menelaos, du ragst an Jahren und Tugend.
Weißt du doch, wie ein Jüngling sich leicht zu Vergehungen wendet:
590
Übereilt ist ihr flatternder Sinn, und eitel ihr Ratschluß.
Drum laß jetzo das Herz dir besänftigen. Gern ja die Stute
Geb' ich dir, die ich nahm; und fordertest du von dem Meinen
Sonst ein Größeres noch, mit Freudigkeit brächt' ich sogleich es
Dir zum Geschenk: nur daß ich, o göttlicher Held, nicht auf immer
595
Deinem Herzen entfall', und sündige wider die Götter!
Sprach's, und führte das Roß, der Sohn des erhabenen Nestor,
Gab es sodann in die Hand Menelaos'. Jenem durchdrang nun
Wonne das Herz, wie der Tau sich mild um die Ähren verbreitet
Frisch aufwachsender Saat, wann ringsum starren die Felder:
600
So durchdrang, Menelaos, dein Herz erfrischende Wonne.
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Jetzo will ich selber, Antilochos, gerne dir nachsehn,
Eifert' ich schon; denn nicht ausschweifendes, flatterndes Geistes
Warst du vordem, und jetzo besiegte dein Herz nur die Jugend.
605
Aber hinfort vermeide, die besseren schlau zu belisten.
Nicht so leicht hätt' ein anderer mich der Achaier besänftigt;
Doch du hast ja so vieles getan, und so vieles erduldet,
Meinethalb, du selbst, und dein tapferer Vater und Bruder.
Drum willfahr' ich gerne dir Flehenden, und auch die Stute
610
Geb' ich, die meinige, dir: daß all' umher es erkennen,
Weit sei entfernt mein Herz von Übermut und Gewalttat.
Dieses gesagt, gab jener Antilochos' Freunde Noemon
Wegzuführen das Roß, und nahm sich das schimmernde Becken.
Aber Meriones nahm die zwei Talente des Goldes,
615
Er der vierte des Kampfs. Der fünfte Preis, der zurückblieb,
War die doppelte Schale; die gab dem Nestor Achilleus,
Trug durch Argos' Söhne sie hin, und redete nahend:
Nimm, und bewahr', o Greis, dies Denkmal unserer Freundschaft,
Zu des begrabnen Patroklos Erinnerung! Nimmer hinfort ihn
620
Schaust du in Argos Volk! Ich gewähre dir diesen Kampfpreis
Frei: auch teilst du schwerlich den Faustkampf, oder das Ringen,
Noch das Spiel des geschwungenen Speers, noch hurtiger Schenkel
Wettlauf; denn schon drückt dich die Last des höheren Alters.
Sprach's, und reicht' ihm die Schal'; und freudig nahm sie der König;
625
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Wahrlich, o Sohn, du hast wohlziemende Worte geredet.
Nicht mehr fest sind die Glieder, die Füße, mein Freund, auch die Arme
Regen sich nicht von den Schultern so leicht und behende wie ehmals.
Wär' ich so jugendlich noch, und ungeschwächtes Vermögens,
630
Wie in Buprasion einst am Leichenfest Amarynkeus,
Als Kampfpreise gesetzt des epeiischen Königes Kinder.
Dort war mir nicht einer an Kraft gleich, nicht der Epeier,
Noch der Pylier selbst, noch auch der erhabnen Ätoler.
Denn mit der Faust besiegt' ich des Enops Sohn Klytomedes;
635
Ringend drauf Ankäos von Pleuron, welcher mir aufstand;
Eilete dann vorüber dem fertigen Läufer Iphiklos;
Schoß darin ab mit dem Speere dem Phyleus, samt Polydoros.
Nur mit Rossen gewannen mir ab die Aktorionen,
Aber an Zahl vorstrebend, im neidischen Durste des Sieges;
640
Denn dort waren die größten der herrlichen Preise noch übrig.
Beide nun fuhren gepaart: der hielt und lenkte die Zügel,
Lenkte die Zügel mit Macht; und der andere trieb mit der Geißel.
So war ich einst! Doch jetzo vergönn' ich es jüngeren Männern,
Solcherlei Taten zu tun, ich selbst vom traurigen Alter
645
Abgelöst: doch damals wie schimmert' ich unter dem Helden!
Gehe denn hin, und feire den Tod des Genossen mit Wettkampf.
Gern empfang' ich dieses Geschenk, und es freuet mein Herz sich,
Daß du noch meiner gedenkst, des Liebenden, nimmer vergessend,
Mich mit geziemender Ehr' in Argos' Volke zu ehren.
650
Lohnen es dir die Götter mit herzerfreuendem Danke!
Jener sprach's, und Achilleus, die Schar der Achaier durchwandelnd,
Ging, nachdem er das Lob des Neleiaden vernommen.
Jetzt der schrecklichen Wette des Faustkampfs setzt' er die Preise.
Führend band er im Kreis' ein arbeitduldendes Maultier,
655
Ungezähmt, sechsjährig, und hart zu bezähmendes Trotzes;
Doch dem Besiegeten ward ein doppelter Becher beschieden.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:
Atreus' Söhn', und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Hierum laßt zween Männer, die tapfersten hier, sich bekämpfen,
660
Hoch die Händ' aufhebend zum Faustkampf. Wem nun Apollon
Gibt, als Sieger zu stehn, erkannt von allen Achaiern,
Solcher führ' ins Gezelt das arbeitduldende Maultier;
Doch wer im Kampf erlag, empfange den doppelten Becher.
Jener sprach's; da erhub sich ein Mann, machtvoll und gewaltig,
665
Panopeus' Sohn Epeios, geübt in der Kunde des Faustkampfs.
Der nun rief, anfassend das arbeitduldende Maultier:
Komme heran, wer begehrt den doppelten Becher zu nehmen!
Aber das Maultier, mein' ich, entführt kein andrer Achaier,
Siegend im Kampfe der Faust; denn ich rühme mich selber dem besten.
670
Nicht genug, daß der Schlacht ich ermangele? Traun ja unmöglich
Könnt' in jeglichem Werk ein Sterblicher Kunde gewinnen.
Dieses verkünd' ich zuvor, und das wird wahrlich vollendet:
Ganz den Leib zerschmettr' ich umher, und Gebeine zermalm' ich!
Bleibe denn hier miteinander die Schar der Leichenbesorger,
675
Daß sie dem Mann wegtragen, von meiner Stärke gebändigt.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Nur der göttliche Mann Euryalos trat ihm entgegen,
Er des Mekistheus' Sohn, des taläonidischen Herrschers,
Welcher in Thebe vordem, am Leichenfest des erschlagnen
680
Ödipus, alles Volk der Kadmeionen besieget.
Emsig bereitete diesen der speerberühmte Tydeide,
Sprach ermunternde Wort', und wünscht' ihm herzlich den Siegsruhm.
Erstlich legt' er den Gürtel ihm dar, und reichte darauf ihm
Schöngeschnittene Riemen des mächtigen Stiers von der Weide.
685
Als sich beide gegürtet, da traten sie vor in den Kampfkreis.
Gegeneinander zugleich mit gewaltigen Armen sich hebend,
Stürmten sie an, und es mischten die lastenden Arme sich ringsum;
Schrecklich erscholl um die Kiefer der Fäuste Geklatsch, und der Angstschweiß
Floß von den Gliedern herab. Nun erhub sich der edle Epeios
690
Hoch, und schlug auf den Backen des Schauenden, daß er nicht länger
Stehen konnt', und zur Erde die blühenden Glieder ihm sanken.
Wie vor dem kräuselnden Nord ein Fisch aus dem Wasser emporspringt
Am meergrasigen Strand, und die dunkele Wog' ihn bedecket:
So von dem Streich aufsprang er. Allein der erhabne Epeios
695
Stellt' ihn empor bei den Händen; und traute Freund', ihn umeilend,
Führten ihn weg durch den Kreis mit schwernachschleppenden Füßen,
Dickes Blut ausspeiend, das Haupt gehängt auf die Schulter;
Zwischen sich dann den Betäubten und Irrenden setzten sie nieder.
Andere gingen indes, und trugen den doppelten Becher.
700
Peleus' Sohn nun setzte noch andere Preise des Kampfes,
Zeigend dem Danaervolk, des mühsamstrebenden Ringens:
Erst dem Sieger ein groß dreifüßig Geschirr auf dem Feuer,
Welches in Wert zwölf Rinder bei sich die Danaer schätzten;
Doch in dem Besiegeten stellt' er ein blühendes Weib in den Kampfkreis,
705
Klug in mancherlei Kunst, und geschätzt vier Rinder an Werte.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:
Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Jener sprach's; da erhub sich der Telamonier Ajas,
Auch der erfindungsreiche Odysseus, kundig des Vorteils.
710
Als sich beide gegürtet, da traten sie vor in den Kampfkreis,
Faßten sich dann einander umschmiegt mit gewaltigen Armen:
Gleich den begegnenden Sparren, die fest der Zimmerer fügte,
Eines erhabnen Gebäus, die Gewalt der Winde vermeidend.
Beiden knirschte der Rücken, von stark umschlungenen Armen
715
Angestrengt und gezuckt; und es strömte der Schweiß von den Gliedern;
Aber häufige Striemen umher an den Seiten und Schultern,
Rot von schwellendem Blut, erhuben sich; immer voll Sehnsucht
Rangen sie beide nach Sieg, um den schöngegossenen Dreifuß.
Weder Odysseus vermocht' ihn verrückt auf den Boden zu schmettern,
720
Noch auch Ajas vermocht' es, gehemmt von der Kraft des Odysseus.
Aber nachdem schon murrten die hellumschienten Achaier,
Jetzo begann zu jenem der Telamonier Ajas:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Hebe mich, oder ich dich; für das übrige sorge Kronion!
725
Sprach's, und hub ihn empor; doch der List vergaß nicht Odysseus,
Schlug ihm von hinten die Beugung des Knies, und löst' ihm die Glieder:
Rücklings warf er ihn hin, und es sank von oben Odysseus
Ihm auf die Brust; rings schauten erstaunt und wundernd die Völker.
Jetzo hub auch jenen der herrliche Dulder Odysseus,
730
Und bewegt' ihn vom Boden ein weniges, nicht ihn erhebend;
Dennoch beugt' er sein Knie; da sanken sie beid' auf den Boden
Dicht aneinander hinab, ringsum mit Staube besudelt.
Und zum drittenmal hätten sie beid' aufspringend gerungen;
Aber Achilleus erhub sich, und hemmte sie, also beginnend:
735
Nicht mehr strebt miteinander, euch selbst abmattend in Arbeit.
Beiden gebührt der Sieg; mit gleichem Preis denn belohnet.
Geht, damit noch andre der Danaer eifern im Kampfspiel.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten;
Wischten sich ab den Staub, und hüllten die Röck' um die Schultern.
740
Peleus' Sohn nun setzte noch andere Preise dem Wettlauf:
Einen silbernen Krug von prangender Kunst; er umfaßte
Sechs der Maß', und besiegt' an Schönheit all' auf der Erde
Weit; denn kunsterfahrne Sidonier schufen ihn sinnreich;
Aber phönikische Männer, auf finsteren Wogen ihn bringend,
745
Boten in Häfen ihn feil, und schenkten ihn endlich dem Thoas;
Drauf für den Priamiden Lykaon gab zur Bezahlung
Ihn dem Held Patroklos Jasons Sohn Euneos.
Den nun setzt' Achilleus, den Freund zu ehren, zum Kampfpreis
Ihm, der am schnellsten im Laufe der hurtigen Schenkel erschiene;
750
Einen mächtigen Stier dem folgenden, schwer des Fettes;
Drauf des Goldes ein halbes Talent bestimmt' er dem letzten.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:
Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Sprach's; und Ajas erhub sich, der schnelle Sohn des Oileus,
755
Drauf Odysseus im Rate gewandt, und Antilochos endlich,
Nestors Sohn; denn rasch vor den Jünglingen siegt' er im Wettlauf.
Alle gereiht nun standen; es wies das Zeichen Achilleus.
Ihnen erstreckte der Lauf von dem Stande sich; aber in Eile
Stürmete Ajas voran; ihm flog der edle Odysseus
760
Nahe gedrängt: so wie dicht an des schöngegürteten Weibes
Busen das Webschiff fliegt, das schön mit den Händen sie herwirft,
Zartes Gespinst ausziehend zum Eintrag; nahe dem Busen
Lenkt sie es: also verfolgt' ihn Odysseus nah; und von hinten
Trat er die Spur mit den Füßen, eh' fallend der Sand sie bedeckte;
765
Und an den Nacken ihm strömte den Hauch der edle Odysseus
Stets im geflügelten Lauf; und daher schrien alle Achaier
Ihm, wie er strebte nach Sieg, den Eilenden mehr noch ermunternd.
Als sie dem Ende des Laufs nun naheten, betet' Odysseus
Schnell zu des mächtigen Zeus' blauäugiger Tochter im Herzen:
770
Höre mich, Göttin, mit Huld, und bringe mir Hilfe zum Wettlauf!
Also sprach er flehend; ihn hörete Pallas Athene;
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß, und die Arme von oben.
Als sie nun annahten hinanzufliegen zum Kampfpreis;
Jetzo strauchelte Ajas im Lauf, denn es irrt' ihn Athene,
775
Dort wo der Unrat lag der geschlachteten brüllenden Rinder,
Die zu Patroklos' Ehre der Peleione getötet;
Und mit dem Rinderkot ward Mund und Nas' ihm besudelt.
Aber den Krug ergriff der herrliche Dulder Odysseus
Schnell, wie zuvor er kam; und den Stier der gewaltige Ajas.
780
Dieser stand, in den Händen das Horn des gewendeten Rindes,
Immer noch Kot ausspeiend, und redete vor den Argeiern:
Traun, wohl irrte die Göttin im Laufe mich, welche von jeher
Mütterlich naht dem Odysseus, ihm beizustehn und zu helfen!
Jener sprach's; und umher erhuben sie frohes Gelächter.
785
Auch Antilochos jetzo enttrug den letzten der Preise
Lächelnd umher, und also vor Argos' Söhnen begann er:
Freunde, das wißt ihr alle, doch sag' ich es: daß auch anitzt noch
Ehre den älteren Menschen verleihn die unsterblichen Götter.
Ajas zwar ist nur ein weniges älter denn ich bin;
790
Jener indes ist früheres Stamms, und früherer Menschen:
Doch man preist sein Alter ein grünendes; schwerlich gelingt es,
Daß im Lauf ihn ereil' ein Danaer, außer Achilleus.
Jener sprach's, lobpreisend den rüstigen Peleionen.
Aber Achilleus drauf antwortete, solches erwidernd:
795
Nicht umsonst, Antilochos, sei dies Lob dir geredet;
Sondern ich will des Goldes ein halbes Talent dir hinzutun.
Sprach's, und reicht' ihm das Gold; und freudig nahm es der Jüngling.
Jetzo trug der Peleide die weithinschattende Lanze,
Samt dem Schild' und dem Helm, und legte sie nieder im Kampfkreis,
800
Jene Wehr des Sarpedon, die jüngst Patroklos erbeutet.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:
Hierum laßt zween Männer, die tapfersten unseres Heeres,
Beid' in Waffen gehüllt, und zerschneidendes Erz in den Händen,
Angestrengt einander vor Argos' Volk sich versuchen,
805
Wer nun den blühenden Leib des anderen eher verletzet,
Durch die Waffen das Fleisch und das dunkele Blut ihm berührend:
Dem gewähr' ich zum Preise dies Schwert voll silberner Buckeln,
Schön, von thrakischer Kunst, das ich Asteropäos geraubet.
Aber die Rüstungen hier empfangen sie beide gemeinsam;
810
Und mit köstlichem Mahle bewirt' ich sie beid' im Gezelte.
Jener sprach's; da erhub sich der Telamonier Ajas,
Auch der Tydeid' erstand, der starke Held Diomedes.
Als sie nun beiderseits im versammelten Volk sich gewappnet;
Traten sie beid' in die Mitte hervor, voll Begierde des Kampfes,
815
Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff die Achaier.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Dreimal rannten sie an, und dreimal stürmten sie nahe.
Ajas darauf stieß jenem den Schild von gerundeter Wölbung;
Doch nicht rührt' er den Leib; ihm wehrt' inwendig der Harnisch.
820
Aber der Held Diomedes hinweg am mächtigen Schild' ihm
Zielet' er stets nach dem Hals mit der blinkenden Schärfe des Speeres.
Laut nun riefen daher, um Ajas besorgt, die Achaier,
Daß sie vom Streit abließen, und gleich sich teilten den Kampfpreis.
Aber Achilleus gab das große Schwert dem Tydeiden,
825
Samt der Scheid' in die Hand, und dem schöngeschnittenen Riemen.
Jetzo trug der Peleide die rohgegossene Kugel,
Welche vordem geworfen Eëtions mächtige Stärke;
Aber jenen erschlug der mutige Renner Achilleus,
Und entführt' in Schiffen mit anderer Habe die Kugel.
830
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:
Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Wenn er auch weit umher fruchttragende Äcker beherrschet,
Hat er daran zu fünf umrollender Jahre Vollendung
Reichen Gebrauch: denn nimmer ihm darf aus Mangel des Eisens
835
Weder Hirt noch Pflüger zur Stadt gehn, sondern er reicht ihm.
Jener sprach's; da erhub sich der streitbare Held Polypötes,
Auch Leonteus Kraft, des göttergleichen Beherrschers,
Ajas auch, der Telamonid', und der edle Epeios.
Alle gereiht nun standen: da faßt' Epeios die Kugel,
840
Schwang sie ins Wirbel, und warf; und es lachten umher die Achaier.
Hierauf nahm sie und warf des Ares' Sprößling Leonteus;
Nächst ihm drauf entschwang sie der Telamonier Ajas
Aus der gewaltigen Hand, daß sie hinflog über die Zeichen.
Doch da die Kugel ergriff der streitbare Held Polypötes:
845
Weit wie ein Rinderhirt den gebogenen Stecken entschwinget,
Welcher im Wirbel gedreht hinfliegt durch die weidenden Rinder:
So ganz über den Kreis entschwang er sie; alle nun schrien auf.
Und es erhuben sich Freunde des göttlichen Manns Polypötes,
Die zu den räumigen Schiffen den Preis hintrugen des Königs.
850
Hierauf setzte den Schützen der Held blauschimmerndes Eisen,
Zehn zweischneidige Äxt', und zehn der Beile zum Kampfpreis.
Dann erhub er den Mast des schwarzgeschnäbelten Meerschiffs
Fern am kiesigen Strand; und eine schüchterne Taube
Band er daran mit dem Fuß an dünnem Faden, zum Ziele
855
Ihrem Geschoß. Wer nun die schüchterne Taube getroffen,
Nehme die doppelten Äxte gesamt, zum Gezelte sie tragend;
Wer indes den Faden nur trifft, und den Vogel verfehlet,
Solcher mag wie besiegt mit den kleineren Beilen hinweggehn.
Jener sprach's; da erhub sich die Kraft des herrschenden Teukros,
860
Auch Meriones dann, Idomeneus' tapferer Kriegsfreund.
Beid' itzt nahmen sich Los', und schüttelten; aber des Teukros'
Sprang aus dem ehernen Helm. Sogleich von gespanneter Senne
Schnellt' er den Pfeil mit Gewalt; doch nicht gelobt' er dem Herrscher
Feirend die Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern.
865
Siehe den Vogel verfehlt' er; denn ihm mißgönnt' es Apollon;
Aber er traf den Faden am Fuß des gebundenen Vogels,
Und es durchschnitt den Faden das Erz des herben Geschosses.
Aufwärts schwang die Taub' in die Lüfte sich, aber herunter
Hing der Faden zur Erd'; und laut aufschrien die Achaier.
870
Eilend nunmehr entriß Meriones jenem den Bogen
Aus der Hand; denn den Pfeil hielt längst er bereit, um zu schnellen.
Alsobald gelobt' er dem treffenden Phöbos Apollon
Feirend die Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern.
Hoch nun unter den Wolken ersah er die schüchterne Taube;
875
Und wie im Kreise sie flog, durchschoß er sie unter dem Flügel:
Ganz hindurch drang stürmend der Pfeil, und zurück auf die Erde
Bohrt' er hinab vor den Fuß des Meriones; aber der Vogel
Ließ auf den Mast sich nieder des schwarzgeschnäbelten Meerschiffs,
Saß, und senkte den Hals, und die ausgebreiteten Flügel.
880
Bald entfloh aus den Gliedern der Geist, und ferne vom Mastbaum
Sank er hinab: rings schauten erstaunt und wundernd die Völker.
Aber Meriones nahm die zehn zweischneidigen Äxte;
Teukros die Beil' erhebend durchging die gebogenen Schiffe.
Peleus' Sohn nun legte den ragenden Speer und ein Becken,
885
Rein von Glut, mit Blumen geziert, vom Werte des Stieres,
Hergebracht in den Kreis. Da erhuben sich Sender des Wurfspeers:
Erstlich erstand der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Auch Meriones dann, Idomeneus' tapferer Kriegsfreund.
Doch es begann vor ihnen der mutige Renner Achilleus:
890
Atreus' Sohn, wir wissen, wie weit du allen vorangehst,
Auch wie weit du an Kraft und Speerwurf alle besiegest.
Darum kehre du selbst mit diesem Preis zu den Schiffen;
Aber den Speer laß uns dem Held Meriones reichen,
Wenn es dir im Herzen gefällt; ich wenigstens rat' es.
895
Jener sprach's; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon.
Er nun reichte den Speer dem Meriones; aber der Held dort
Gab dem Herold Talthybios hin den prangenden Kampfpreis.

Vierundzwanzigster Gesang

Achilleus, nach schlafloser Nacht, schleift Hektors Leib um Patroklos' Grab; doch Apollon verhütet Entstellungen. Zeus befiehlt dem Achilleus durch Thetys, den Leichnam zu erlassen; und dem Priamos durch Iris, dem Achilleus die Lösung zu bringen. Priamos, durch ein Zeichen gestärkt, kommt unter Hermes Geleit, unbemerkt von den Hütern, zu Achilleus' Gezelt. Er erlangt den Leichnam des Sohns, nebst Waffenstillstand zur Bestattung, und kehrt unbemerkt nach Ilios zurück. Um Hektors Totenlager Wehklage der Gattin, der Mutter, und Helenens. Bestattung und Gastmahl.

Jetzo trennten den Kreis die Versammelten; rings zu den Schiffen
Eilten die Völker zerstreut, und jeglicher sorgte des Mahles
Und des erquickenden Schlafs sich zu sättigen. Aber Achilleus
Weinete, denkend den trautesten Freund; nicht zwang ihn des Schlummers
5
Allgewaltige Kraft; er wälzte sich hiehin und dorthin,
Sehnsuchtsvoll nach Patroklos' erhabener Tugend und Stärke.
Ach wie viel er vollendet mit ihm, und wie manches erduldet,
Schlachten umher der Männer, und schreckliche Wogen durchstrebend:
Dessen gedacht' er im Geist, und häufige Tränen vergoß er.
10
Bald nun legt' auf die Seiten er sich, und bald auf den Rücken,
Bald auf das Antlitz hin; dann plötzlich empor sich erhebend,
Schweift' er am Ufer des Meers, voll Bangigkeit. Jetzo erschien ihm
Eos im rötlichen Glanze, das Meer und die Ufer bestrahlend.
Schnell, nachdem er ins Joch die hurtigen Rosse gespannet,
15
Hektor drauf zum Schleifen befestiget hinten am Sessel,
Zog er ihn dreimal ums Grab des Menötiaden Patroklos,
Ging dann zurück ins Gezelt, und ruhete; jenen verließ er
Dort im Staube gestreckt auf sein Antlitz. Aber Apollon
Schützte den schönen Leib vor Entstellungen, weil ihn des Mannes
20
Jammerte, selbst im Tod', und deckt' ihn ganz mit der Ägis
Goldenem Schirm, daß schleifend auch nicht er die Haut ihm verletzte.
Also frevelte jener im Zorn an dem göttlichen Hektor.
Ihn nun sahn mit Erbarmen die seligen Götter des Himmels,
Und sie geboten Einwendung dem spähenden Argoswürger.
25
Zwar den anderen allen gefiel's; nur der Here durchaus nicht,
Auch nicht Poseidaon, noch Zeus' blauäugiger Tochter;
Sondern noch stets blieb ihnen verhaßt die heilige Troja,
Priamos selbst und das Volk, um die Freveltat Alexandros',
Welcher die Göttinnen schmähte, da ihm zur Hütte sie kamen,
30
Und sie pries, die zum Lohn ihm verderbliche Üppigkeit darbot.
Aber nachdem die zwölfte der Morgenröten emporstieg,
Jetzo begann im Kreis der Unsterblichen Phöbos Apollon:
Grausam seid ihr, o Götter, und eiferig! Hat euch denn niemals
Hektor Schenkel verbrannt erlesener Rinder und Ziegen?
35
Doch versagtet ihr jetzo, auch selbst dem Toten, Errettung,
Daß sein Weib ihn sähe, das stammelnde Kind, und die Mutter,
Priamos auch sein Vater, und Ilios' Volk: die sogleich dann
Jenen in Glut verbrennten mit festlichem Leichenbegängnis!
Aber dem bösen Peleiden, ihr Himmlischen, helft ihr so willig,
40
Dessen Herz nichts achtet der Billigkeit, noch die Gesinnung
Biegsam ist in der Brust; wie ein Bergleu, denkt er nur Wildheit,
Der, von gewaltiger Kraft und trotzendem Mute gereizet,
Wild in der Sterblichen Herd' eindringt, sich ein Mahl zu erhaschen:
So ist erbarmungslos der Peleid'; auch selber die Scham nicht
45
Kennet er, welche den Menschen zum Heil ist, oder zum Schaden.
Traurt doch mancher fürwahr um einen geliebteren Toten,
Dem sein leiblicher Bruder dahinsank, oder ein Sohn auch;
Dennoch hemmt er die Tränen, und stillt die Klage des Jammers:
Denn ausduldenden Mut verlieh den Menschen das Schicksal.
50
Jener indes, nachdem er den göttlichen Hektor ermordet,
Band ans Geschirr den Entseelten, und rings um des Freundes Begräbnis
Schleift er ihn! Nimmer ihm selbst das schönere oder das beßre!
Daß nur nicht, wie edel er sei, wir Götter ihm eifern!
Denn unempfindlichen Staub mißhandelt er, tobend vor Unsinn!
55
Wieder begann voll Zornes die lilienarmige Here:
Hingehn möchte dein Wort, o Gott des silberner Bogens,
Wenn ihr Achilleus gleich dem Hektor achtet an Würde!
Sterblich nur ist Hektor, gesäugt vom Busen des Weibes;
Aber Achilleus ist der Göttin Geschlecht, die ich selber
60
Nähret' und auferzog, und dem Mann hingab zur Genossin,
Peleus, den vor allen zum Lieblinge koren die Götter.
Alle ja kamt ihr Götter zum Brautfest; du auch mit jenen
Schmausetest, haltend die Harf', o Freund der Bösen, o Falscher!
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
65
Eifere nicht, o Here, so unmutsvoll mit den Göttern.
Zwar nicht gleicher Würde genießen sie; aber auch Hektor
War ja den Göttern geliebt vor den Sterblichen allen in Troja;
Also auch mir! denn nimmer versäumet' er köstliche Gaben;
Nie auch mangelte mir der Altar des gemeinsamen Mahles,
70
Nie des Weins und Gedüftes, das uns zur Ehre bestimmt ward.
Ihn indes entwenden, das lassen wir (nie ja geschäh' es
Heimlich vor Peleus' Sohn), den mutigen Hektor; dem immer
Kommt zu ihm die Mutter, sowohl bei Nacht wie bei Tage.
Doch wenn irgend ein Gott daher mir riefe die Thetys,
75
Daß ich ein heilsames Wort ihr redete, wie nun Achilleus
Gaben aus Priamos' Hand annehm', und Hektor ihm löste.
Sprach's; und Iris erhub sich, die windschnell eilende Botin.
Zwischen Samos hinab, und die rauhumstarrete Imbros,
Sprang sie ins finstere Meer; und es scholl die Woge des Sundes.
80
Jene sank, wie geründetes Blei, in die Tiefe hinunter,
Welches über dem Horn des gewendeten Stieres befestigt
Sinkt, Verderben zu bringen den gierigen Fischen des Meeres.
Jetzo fand sie Thetys in wölbender Grott', und die andern
Meergöttinnen umher; sie selbst in die Mitte gesetzet
85
Weinte des Sohns Schicksal, des Untadligen, welchem bestimmt war,
Ferne vom Vaterland in der scholligen Troja zu sterben.
Nahe trat und begann die windschnell eilende Iris:
Hebe dich, Thetys, es ruft der ewige Herrscher der Welt Zeus.
Ihr antwortete drauf die silberfüßige Thetys:
90
Warum heißt mich solches der Mächtige? Blödigkeit hält mich,
Ewigen Göttern zu nahn, weil Gram mir die Seele belastet.
Aber ich geh'; auch entfall' umsonst kein Wort, was er redet.
Also sprach, und nahm ihr Gewand, die heilige Göttin,
Dunkelschwarz, noch keinen umhüllete schwärzere Kleidung.
95
Jene nun ging, und voran die windschnell eilende Iris
Führete; seitwärts flog die getrennete Woge des Meeres.
Als sie den Strand nun erstiegen, entschwangen sich beide gen Himmel.
Und sie fanden den waltenden Zeus, und rings um den Herrscher
Saßen zum Rate gesellt die unsterblichen seligen Götter.
100
Jene nunmehr saß nieder bei Zeus, es wich ihr Athene.
Here reicht in die Hand ihr den schönen goldenen Becher,
Freundliche Wort' ihr sagend; sie trank, und reichte zurück ihn.
Jetzo begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
Thetys, du kamst zu Olympos, o Herrscherin, herzlich betrübt zwar;
105
Denn unendlicher Gram belastet dich; selber ja weiß ich's.
Dennoch sag' ich dir an, warum ich daher dich gefodert.
Schon neun Tag' empörte der Streit die unsterblichen Götter,
Über Hektors Leich' und den Städteverwüster Achilleus.
Denn sie geboten Entwendung dem spähenden Argoswürger;
110
Aber ich selbst will dessen den Ruhm dem Peleiden gewähren,
Scheu und Liebe für dich noch stets im Herzen bewahrend.
Schleunig denn gehe zum Heer, und verkündige solches dem Sohne.
Sag', ihm zürnen die Götter gesamt, doch vor allen ich selber
Sei im Herzen entbrannt, dieweil er in tobendem Unsinn
115
Hektor ungelöst bei den prangenden Schiffen zurückhält;
Ob er vielleicht mich scheut, und Hektors Lösung empfänget.
Aber ich selbst will Iris dem herrschenden Priamos senden,
Daß er löse den Sohn, zu den Schiffen der Danaer wandelnd,
Und mit gefälligen Gaben Achilleus' Seele versöhne.
120
Jener sprach's; ihm gehorchte die silberfüßige Thetys;
Stürmendes Schwungs entflog sie dem Felsenhöhn des Olympos.
Bald nun des Sohnes Gezelt erreichte sie, wo sie ihn selber
Fand, schwerseufzend vor Gram; und umher die trauten Genossen
Eilten mit emsigem Fleiße das Morgenmahl zu bereiten;
125
Denn ein Schaf, dickwollig und groß, war im Zelte geschlachtet.
Nahe dem Sohn nun setzte sich hin die erhabene Mutter,
Streichelt' ihn sanft mit der Hand, und redete, also beginnend:
Lieber Sohn, wie lange vor Gram wehklagend und seufzend
Willst du das Herz dir verzehren, des Tranks und der Speise vergessend,
130
Auch des Schlafs? Gut wär' es, ein blühendes Weib zu umarmen.
Denn nicht lange fortan mir wandelst du, sondern bereits dir
Nahe steht zur Seite der Tod und das grause Verhängnis.
Auf, und vernimm, was ich red'; ich bringe dir Worte Kronions.
Zorn dir hegen die Götter gesamt, doch vor allen er selber
135
Ist im Herzen entbrannt, dieweil du in tobendem Unsinn
Hektor ungelöst bei den prangenden Schiffen zurückhältst.
Aber wohlan, entlass' ihn, und nimm die Lösung des Leichnams.
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Wohl denn, wer die Lösung mir bringt, der empfange den Leichnam,
140
Wenn ja mit ernstem Beschluß der Olympier selbst es gebietet.
Also redeten dort im Kreis der geordneten Schiffe
Viele geflügelte Worte der Sohn und die göttliche Mutter.
Zeus entsandte nun Iris zu Ilios' heiliger Feste:
Eile mir, hurtige Iris, verlassend die Höhn des Olympos;
145
Bring' in Ilios' Stadt dem herrschenden Priamos Botschaft,
Daß er löse den Sohn, zu dem Schiffen der Danaer wandelnd,
Und mit gefälligen Gaben Achilleus' Seele versöhne,
Er allein, von keinem der anderen Troer begleitet.
Nur ein Herold folg' ihm, ein älterer, welcher die Mäuler
150
Samt dem rollenden Wagen ihm lenk', und wieder von dannen
Führe den Leichnam zur Stadt, den der Peleione getötet.
Weder Tod bekümmre sein Herz, noch andere Schrecknis:
Denn wir gesellen zur Hut ihm den mächtigen Argoswürger,
Daß er ihn hingeleite vors Angesicht des Achilleus.
155
Wann ihn jener geführt ins Gezelt des edlen Achilleus,
Selbst nicht wird er ihn töten, und allen umher es verwehren.
Nicht ja vernunftlos ist er, noch unbedacht, noch ein Frevler;
Nein voll Huld wird er schonen des hilfeflehenden Mannes.
Sprach's; und Iris erhub sich, die windschnell eilende Botin,
160
Kam in Priamos' Burg, und fand Wehklag' und Geheul dort.
Ringsher saßen die Söhn' um den traurenden Vater im Vorhof,
Netzend mit Tränen die Kleider; er selbst der Greis in der Mitte,
Straff, daß die Bildung erschien, in den Mantel gehüllt, und umher lag
Viel Unrats auf Nacken und Haupt des herrschenden Greises,
165
Den er vor Schmerz sich wälzend mit eigenen Händen emporwarf.
Aber die Töchter und Schnür' in den Wohnungen jammerten lautauf,
Eingedenk der aller, die schon, so viel und so tapfer,
Lagen des Geistes beraubt von der Danaer mordenden Händen.
Nahe vor Priamos trat die Botin Zeus', und begann nun,
170
Redend mit leiser Stimm'; und Schauer durchfuhr ihm die Glieder:
Fasse dich, Dardanos' Sohn, o Priamos, nicht so verzaget;
Denn kein übeles Wort zu verkündigen nah' ich dir jetzo,
Sondern Gutes gedenkend; ich komm' als Botin Kronions,
Der dich sehr, auch ferne begünstiget, dein sich erbarmend.
175
Lösen heißt der Olympier dich den göttlichen Hektor,
Und mit gefälligen Gaben Achilleus' Seele versöhnen,
Dich allein, von keinem der anderen Troer begleitet.
Nur ein Herold folg', ein älterer, welcher die Mäuler
Samt dem rollenden Wagen dir lenk', und wieder von dannen
180
Führe den Leichnam zur Stadt, den der Peleione getötet.
Weder Tod bekümmre dein Herz, noch andere Schrecknis:
Denn er gesellt dir zur Hut den mächtigen Argoswürger,
Daß er dich hingeleite vors Angesicht des Achilleus.
Wann dich jener geführt ins Gezelt des edlen Achilleus,
185
Selbst nicht wird er dich töten, und allen umher es verwehren.
Nicht ja vernunftlos ist er, noch unbedacht, noch ein Frevler;
Nein voll Huld wird er schonen des hilfeflehenden Mannes.
Also sprach und entflog die windschnell eilende Iris.
Aber Priamos hieß die Söhn' ihm den rollenden Wagen
190
Rüsten mit Mäulergespann, und den Korb auf den Wagen ihm binden.
Selbst dann stieg er hinab in die lieblich duftende Kammer,
Hoch, mit Cedern getäfelt, die viel Kleinode verwahrte;
Rief dann Hekabe her, sein edeles Weib, und begann so:
Armes Weib, mir nahte von Zeus olympische Botschaft,
195
Daß ich löse den Sohn, zu den Schiffen der Danaer wandelnd,
Und mit gefälligen Gaben Achilleus' Seele versöhne.
Aber sage mir nun, wie deucht dir solches im Herzen?
Denn mir selber entflammt ein gewaltigen Eifer die Seele,
Hinzugehn zu den Schiffen, ins weite Heer der Achaier.
200
Also der Greis; doch schluchzend erwiderte jenem die Gattin:
Wehe, wohin doch entfloh der Verstand dir, der so gepriesen
Ehemals war bei Menschen der Fremd', und deines Gebietes?
Welch ein Mut, so allein zu der Danaer Schiffen zu wandeln,
Jenem Mann vor die Augen, der dir so viel und so tapfre
205
Söhn' erschlug? Du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen!
Denn sobald er dich hält und dort erblickt mit den Augen,
Jener Mann, blutgierig und falsch; nie heget er Mitleid
Oder Erbarmen mit dir! Drum laß uns fern ihn beweinen,
Sitzend in unserm Palast: so hat's ihm das grause Verhängnis,
210
Als ich selbst ihn gebar, in den werdenden Faden gesponnen,
Einst schnellfüßige Hunde zu sättigen, fern von den Eltern,
Dort bei dem schrecklichen Mann, dem ich gern ans dem Busen die Leber
Roh verschläng' einbeißend! Das wär' ihm gerechte Vergeltung
Meines Sohns! Denn nicht der Verworfenen einen erschlug er;
215
Sondern für Trojas Männer und tiefgegürtete Weiber
Stand der Held, nicht achtend der Flucht, noch des zagen Vermeidens!
Ihr antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
Halte mich nicht, der zu gehen beschloß, noch werde du selber
Zum wehdrohenden Vogel im Hause mir; nimmer gehorch' ich!
220
Hätt' es ein anderer mir der Erdbewohner geboten,
Etwa ein Zeichendeuter, ein Opferprophet, und ein Priester;
Lug wohl nennten wir solches, und wendeten uns mit Verachtung.
Nun (denn ich hörte die Göttin ja selbst, und schaut' ihr ins Antlitz,)
Geh' ich, und nicht umsonst sei die Rede mir! Droht denn das Schicksal
225
Mir den Tod bei den Schiffen der erzumschirmten Achaier;
Wohl! er ermorde mich gleich, der Wüterich; halt' ich nur meinen
Lieben Sohn in den Armen, das Herz mit Tränen gesättigt!
Sprach's, und öffnete schnell die zierlichen Deckel der Kisten.
Dorther wählt er sich zwölf der köstlichen Feiergewande,
230
Zwölf der Teppiche dann, und einfache Hüllen des Schlafes,
Auch Leibröcke so viel, und so viel der prächtigen Mäntel.
Hierauf wog er des Goldes, und nahm zehn volle Talente;
Auch vier schimmernde Becken, und zween dreifüßige Kessel;
Auch den köstlichen Becher, den thrakische Männer ihm schenkten,
235
Als er gesandt hinkam, ein Kleinod! aber auch sein nicht
Schonete jetzt im Palaste der Greis; denn er wollte so herzlich
Lösen den trauten Sohn. Doch jetzt die sämtlichen Troer
Scheucht' aus der Hall' er hinweg, mit schmählichen Worten bedrohend:
Fort, ihr versuchtes Gezücht, Nichtswürdige! Habt ihr nicht selber
240
Trauer im Hause genug, daß ihr herkommt, mich zu bekümmern?
Achtet ihr's klein, daß Zeus mir den Jammer beschied, zu verlieren
Meinen tapfersten Sohn? Wohlan, ihr erfahrt es schon selber!
Denn viel leichter hinfort wird's wohl den Söhnen Achaias,
Euch, da jener geschieden, zu bändigen! Aber o möcht' ich,
245
Eh' ich die Trümmerhaufen der Stadt, und die grause Verwüstung,
Selbst mit den Augen geschaut, eingeht in Aïdes Wohnung!
Sprach's, und hinaus mit dem Stabe zerscheucht' er sie; und sie enteilten
Weg vor dem eifernden Greis. Dann ruft' er scheltend die Söhne,
Helenos her, und Paris, und Agathon, göttlicher Bildung,
250
Pammon, Antiphonos auch, und Deïphobos, auch den Polites,
Tapfer im Streit, Hippothoos auch, und den mutigen Dios;
Diesen neun gebot mit scheltendem Rufe der Vater:
Eilt, untüchtige Söhn', ihr schändlichen! daß ihr zugleich doch
Alle für Hektor lägt bei den hurtigen Schiffen getötet!
255
Ich unglücklicher Mann! die tapfersten Söhn' erzeugt' ich
Weit in Troja umher, und nun ist keiner mir übrig!
Mestor den göttlichen Held, und Troilos, froh des Gespannes,
Hektor auch, der ein Gott bei Sterblichen war, und an Tugend
Nicht wie des sterblichen Manns, wie ein Sohn der Götter einherging!
260
Diese mir raffte der Krieg; nur die Schandfleck' alle sind übrig,
Lügener all' und Gaukler und treffliche Reigentänzer,
Räuber des Volks, nur schwelgend im Fett der Lämmer und Zicklein!
Wollt ihr nicht mir den Wagen sogleich ausrüsten, und alles
Dies in den Korb einlegen, daß unseren Weg wir vollenden?
265
Jener sprach's; und geschreckt vom scheltenden Rufe des Vaters,
Trugen sie schnell aus der Halle den rollenden Wagen der Mäuler,
Schön und neugefügt, und banden den Korb auf den Wagen;
Huben sodann vom Pflocke das Joch der Mäuler von Buchsbaum,
Glatt, mit Buckeln erhöht, und wohl mit Ringen befestigt;
270
Brachten zugleich mit dem Joche sein Band, neun Ellen an Länge,
Legeten dieses behend' auf die wohlgeglättete Deichsel,
Vorn am äußersten End', und fügten den Ring auf den Nagel;
Dreimal umschlangen sie jetzo des Jochs vorragende Buckeln,
Banden dann grade sie fest, und knüpfeten unten die Schlinge.
275
Emsig darauf aus der Kammer, den zierlichen Wagen beladend,
Trugen sie Hektors Lösegeschenk', unendliches Wertes;
Fügeten dann die Mäuler, die stampfenden, rüstig zur Arbeit,
Welche dem Priamos einst die ehrenden Myser geschenket.
Rosse für Priamos' Joch nun führten sie, welche der Alte
280
Selbst mit Sorge gepflegt an schöngeglätteter Krippe;
Beid' itzt fügten die Ross' im Hof des hohen Palastes,
Priamos selbst und der Herold, des Rats allkundige Greise.
Ihnen nahete Hekabe nun mit bekümmertem Herzen;
Einen goldenen Becher des herzerfreuenden Weines
285
Trug sie daher in der Rechten, zum Opfertrank vor der Reise,
Trat hinzu vor die Ross', und redete, also beginnend:
Nimm, und sprenge für Zeus, und fleh' ihm, daß du zurückkehrst
Heim aus der feindlichen Männer Gewalt, da das mutige Herz dich
Doch hintreibt zu den Schiffen, wie sehr ungern ich es wollte.
290
Aber wohlan, nun bete zum schwarzumwölkten Kronion,
Idas Gott, der umher auf Trojas Fluren herabschaut:
Senden woll' er zum Zeichen den raschgeflügelten Vogel,
Welcher, ihm lieb vor allen, an mächtiger Stärke hervorragt,
Rechts einher; damit du, ihn selbst mit den Augen erkennend,
295
Seiner getrost zu dem Schiffen der reisigen Danaer gehest.
Doch wenn nicht dir gewährt der Donnerer seinen Gesandten;
Nie dann möcht' ich hinfort durch meinen Rat dich bewegen,
Hin zu der Danaer Schiffen zu gehn, wie sehr du es wünschest.
Ihr antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
300
Liebes Weib, gern will ich auf diesen Rat dir gehorchen;
Wohl erhebt man die Hände zu Zeus, um Erbarmen ihn flehend.
Also der Greis, und berief die Schaffnerin, daß sie die Hände
Ihm mit lauterem Wasser besprengete; jene nun nahte,
Haltend das Waschgefäß und die Kanne zugleich in den Händen.
305
Als sich der Greis nun gewaschen, empfing er den Becher der Gattin,
Stand in der Mitte des Hofs, und betete, sprengte den Wein dann,
Schauend zum Himmel empor, und rief mit erhobener Stimme:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida,
Laß mich vor Peleus' Sohn doch Mitleid finden und Gnade!
310
Sende mir auch zum Zeichen den raschgeflügelten Vogel,
Welcher, dir lieb vor allen, an mächtiger Stärke hervorragt,
Rechts einher; damit ich, ihn selbst mit den Augen erkennend,
Seiner getrost zu den Schiffen der reisigen Danaer gehe.
Also sprach er flehend; ihn hörete Zeus Kronion.
315
Schnell dem Adler entsandt' er, die edelste Vorbedeutung,
Wohnend in Tal und Gesümpf, den schwarzgeflügelten Jäger.
Weit wie die Türe sich öffnet der hochgewölbeten Kammer,
Eines begüterten Manns, mit festem Schlosse gefüget:
Also breitete jener die Fittiche, als er am Himmel
320
Rechtsher über der Stadt anstürmete. Jen' ihn erblickend
Freueten sich, und allen durchglühete Wonne die Herzen.
Eilend betrat nun der Greis den zierlichen Sessel des Wagens,
Lenkte darauf aus dem Tor, und der dumpfumtönenden Halle.
Vor ihm zogen die Mäuler der Last vierrädrigen Wagen,
325
Von Idäos gelenkt, dem feurigen; aber von hinten
Stampfte der Rosse Gespann, die der Greis antrieb mit der Geißel,
Hurtig einher durch die Stadt; und alle die Seinigen folgten
Laut wehklagend ihm nach als ob er zum Tod hinginge.
Als sie nunmehr von der Höhe der Stadt in die Ebene kamen,
330
Kehrten zurück die Eidam' und Söhn' in Ilios Feste.
Doch nicht ihrer vergaß des Zeus' allwaltende Vorsicht,
Welche das Feld durchfuhren; er schaute den Greis mit Erbarmung;
Schnell zu Hermeias darauf, dem lieben Sohne, begann er:
Hermes, o Sohn, (denn dir ja das angenehmste Geschäft ist's,
335
Männern gesellig zu nahn, auch hörest du, wen dir geliebet;)
Eil', und den Priamos dort zu den räumigen Schiffen Achaias
Führe mir, daß ihn keiner erseh', und keiner bemerke,
Rings in der Danaer Volk, bis Peleus' Sohn er erreichet.
Jener sprach's; ihm gehorchte der tätige Argoswürger;
340
Eilte sofort, und unter die Füße sich band er die Sohlen,
Schön, ambrosisch und golden, womit er über die Wasser
Und das unendliche Land hinfährt, wie im Hauche des Windes.
Hierauf nahm er den Stab, womit er der Sterblichen Augen
Zuschließt, welcher er will, und die Schlummernden wieder erwecket;
345
Diesen trug und entflog der tapfere Argoswürger.
Schnell nun Trojas Gefild' und den Hellespontos erreicht' er;
Ging dann einher, an Gestalt wie ein blühender Sohn des Beherrschers,
Dem die Wange sich bräunt, im holdesten Reize der Jugend.
Als nun jene vorbei an Ilos Male gelenket,
350
Hielten sie beid' ein wenig, die Ross' und die Mäuler zu tränken
Unten am Strom; schon lag in Dämmerung rings das Gefilde.
Ihn nunmehr in der Näh' ersah der bemerkende Herold,
Hermes dort, und gewandt zu Priamos redet' er also:
Merke doch, Dardanion'; hier gilt's aufmerksame Klugheit.
355
Schaue den Mann; ich sorge, der wird uns beide vertilgen
Laß uns schnell mit den Rossen hinwegfliehn, oder auch nahend
Jenem die Knie' umfassen, und flehn um Gnad' und Erbarmung!
Sprach's; und die Seele des Greises durchschauerte banges Entsetzen.
Aufrecht starrten die Haar', und gelähmt an den biegsamen Gliedern,
360
Stand er erstaunt. Da nahte der freundliche Bringer des Heiles,
Faßte die Hand des Greises, und fragt' ihn, also beginnend:
Vater, wohin gedenkst du die Ross' und die Mäuler zu lenken,
Durch die ambrosische Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Gar nicht fürchtest du denn die mutbeseelten Achaier,
365
Welche ja nahe dir drohn, so feindlich gesinnt und erbittert?
Sähe dich einer davon in der Nacht schnellfliehendem Dunkel
Führen so köstliche Habe, wie wär' alsdann dir zu Mute?
Selbst ja bist du nicht jung, und ein Greis ist jener Begleiter,
Einem Mann zu wehren, wer etwa zuerst euch beleidigt.
370
Doch ich werde dir nichts zuleide tun, und auch andre
Möcht' ich von dir abwehren dem lieben Vater ja gleichst du.
Ihm antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
Also ist es fürwahr, mein lieber Sohn, wie du sagest.
Aber auch mich noch decket ein Gott mit schirmender Rechte,
375
Daß mir solch ein Gefährt auf meinem Wege begegnet,
Mir zum Heil, so wie du, an Gestalt und Bildung ein Wunder,
Und so verständig an Geist; du entstammst glückseligen Eltern.
Wieder begann dagegen der tätige Argoswürger:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.
380
Aber sage mir jetzt, und verkündige lautete Wahrheit.
Sendest du etwa hinweg so viel und erlesene Güter
Fern in ein Fremdlingsvolk, daß dir dies wenigstens bleibe?
Oder verlaßt ihr alle bereits die heilige Troja
Angstvoll? denn solch einen, den tapfersten Mann ja verlort ihr,
385
Deinen Sohn! Nichts wich er an mutigem Kampf den Achaiern!
Ihm antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
Aber wer bist du, o Bester, und welchen Eltern entstammst du,
Der du so schön vom Tode des armen Sohns mir geredet?
Wieder begann dagegen der tätige Argoswürger:
390
Siehe du prüfst mich, o Greis, und fragst nach dem göttlichen Hektor.
Jenen hab' ich so oft in männerehrender Feldschlacht
Selbst mit den Augen gesehn, auch als er gedrängt zu den Schiffen
Argos Männer erschlug, mit scharfem Erz sie zerfleischend.
Wir dann standen von fern, und bewunderten; weil uns Achilleus
395
Wehrt' in den Kampf zu gehn, dem Atreionen noch zürnend.
Denn ich bin sein Genoß, in dem selbigen Schiffe gekommen,
Myrmidonisches Stamms, und es heißt mein Vater Polyktor.
Reich ist jener an Gut, doch ein Greis schon, so wie du selber.
Sechs noch hat er der Söhn', ich selbst bin der siebente Bruder.
400
Als mit diesen ich loste, da traf mich's, hieher zu folgen.
Jetzo ging ich ins Feld von dem Schiffsheer; denn mit dem Morgen
Ziehn in die Schlacht um die Stadt frohblickende Männer Achaias.
Denn mit Verdruß schon harren die Sitzenden; und es bezähmen
Kaum den kampfbegierigen Mut die Fürsten Achaias.
405 Ihm antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
Wenn du denn ein Genoß des Peleiaden Achilleus
Bist; wohlan so verkünde mir ganz die lautete Wahrheit:
Ob noch dort bei den Schiffen mein Sohn ist, oder Achilleus
Schon in Stücke zerhaun den gierigen Hunden ihn vorwarf.
410
Wieder begann dagegen der tätige Argoswürger:
Greis, noch nicht wird jener den Hunden ein Fraß, noch den Vögeln;
Sondern er liegt noch dort im Schiff des edlen Achilleus,
So im Gezelte gestreckt; und schon den zwölften der Morgen
Lieget er, ohne daß Moder ihm schadete, noch des Gewürmes
415
Reger Schwarm, der gierig erschlagene Männer verzehret.
Immer zwar um das Grab des trautesten Freundes Patroklos
Schleift er ihn mitleidslos, wann der heilige Morgen emporsteigt;
Doch nicht schändet er ihn. Mit Bewunderung sähest du selber,
Wie er so frisch und tauig, umher vom Blute gereinigt,
420
Daliegt, nirgend befleckt, und die Wunden sich alle geschlossen,
Die ihn durchbohrt, so viel' auch das Erz auf jenen gezucket.
Also walten des edelen Sohns die seligen Götter
Dir im Tode sogar; denn geliebt war er jenen von Herzen.
Jener sprach's; froh hörte der Greis, und erwiderte also:
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Kind, wie gut, wenn der Mensch den Unsterblichen bringt die Geschenke
Seiner Pflicht! So vergaß mein Sohn auch, ach da er lebte,
Nie im Palast der Götter, die hoch den Olympos bewohnen;
Drum gedenken sie sein auch selbst in des Todes Verhängnis.
Aber wohlan, nimm jetzo von mir den stattlichen Becher,
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Dann verleihe mir Schutz, und geleite mich hin mit den Göttern,
Bis ich komm' ins Gezelt des Peleiaden Achilleus.
Wieder begann dagegen der tätige Argoswürger:
Greis, umsonst versuchst du mich Jüngeren; nimmer gehorch' ich,
Daß ich deine Geschenk', ohn' Achilleus' Wissen, empfange.
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Jenen scheu' ich im Herzen, und zittere, ihn zu berauben,
Ehrfurchtsvoll, daß nicht ein Übel hinfort mir begegne.
Gern dich brächt' ich indes bis selbst zur gepriesenen Argos,
Sorgsam im rüstigen Schiff, und sorgsam zu Fuß dich geleitend;
Keiner auch würd', achtlos des Geleitenden, wider dich annahn.
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Also der Bringer des Heils, und ins Rossegeschirr sich erhebend,
Faßt' er die Geißel geschwind' und das schöne Gezäum in die Hände,
Und gab edelen Mut den Rossen zugleich und den Mäulern.
Als sie nunmehr die Mauer der Schiff' und den Graben erreichten,
Fanden sie dort die Hüter am Abendschmaus noch beschäftigt.
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Doch sie betaute mit Schlaf der bestellende Argoswürger
All', und öffnete schleunig das Tor, wegdrängend die Riegel,
Führte dann Priamos ein, und die schönen Geschenk' auf der Lastfuhr.
Als sie nunmehr das Gezelt des Peleiaden erreichten,
Welches hoch dem Beherrscher die Myrmidonen erbauet,
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Zimmernd der Tannen Gebälk, und obenher es bedecket
Mit grauwolligem Schilf, aus sumpfigen Wiesen gesammelt:
Ringsum bauten sie dann den geräumigen Hof dem Beherrscher
Dicht von gereiheten Pfählen, und nur ein tannener Riegel
Hemmte die Pfort'; es schoben ihn vor drei starke Achaier,
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Und drei schoben zurück den mächtigen Riegel des Tores,
Anderer; nur Achilleus vermocht' allein ihn zu schieben:
Jetzo öffnete schnell der Bringer des Heils Hermeias,
Führte den Greis ins Geheg' und das edle Geschenk für Achilleus,
Stieg dann herab vom Wagen zur Erd', und redete also:
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Greis, dir bin ich hieher ein unsterblicher Gott gekommen,
Hermes, den zum Geleiter dir selbst der Vater gesendet.
Aber wohlan, nun will ich hinweggehn, eh' ich Achilleus
Angesichte genaht; denn unanständig ja wär' es,
Wenn ein unsterblicher Gott für Sterbliche sorgte so sichtbar.
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Geh du hinein, und die Kniee des Peleionen umfassend,
Flehe bei seinem Vater ihn an, und der lockigen Mutter,
Und dem geliebtesten Sohne; damit du das Herz ihm erregest.
Dieses gesagt, nun eilte hinweg zum hohen Olympos
Hermes; doch Priamos sprang vom Rossegeschirr auf die Erde,
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Ließ dann Idäos im Hofe zurück, daß bleibend der Herold
Ross' und Mäuler bewahrt', und eilte gerad' in die Wohnung,
Dort wo Achilleus saß, der Göttliche. Jenen daheim nun
Fand er; es saßen getrennt die Seinigen; aber allein zween,
Held Automedon nur, und Alkimos, Sprößling des Ares,
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Dieneten jenem gesellt; er ruhete kaum von der Mahlzeit,
Satt der Speis' und des Tranks, und vor ihm stand noch die Tafel.
Ein nun ging unbemerkt Held Priamos, und ihm genahet
Stand er, umschlang dem Peleiden die Knie', und küßt ihm die Hände,
Ach die entsetzlichen Würger, die viel der Söhn' ihm gemordet!
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Wie wenn ein Mann, belastet mit Blutschuld, der in der Heimat
Einen Bürger erschlug, zum anderen Volke sich rettet,
In des Begüterten Haus, und erstaunt ihn jeder betrachtet:
Also staunt' Achilleus, den göttlichen Priamos schauend.
Auch die übrigen staunten, und sahn einander ins Antlitz.
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Aber flehend begann der erhabene Priamos also:
Deines Vaters gedenk', o göttergleicher Achilleus,
Sein, der bejahrt ist wie ich, an der traurigen Schwelle des Alters!
Und vielleicht, daß jenen auch rings umwohnende Völker
Drängen, und niemand ist, vor Jammer und Weh ihn zu schirmen.
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Aber doch, wann jener von dir dem Lebenden höret,
Freut er sich innig im Geist, und hofft von Tage zu Tage,
Wiederzusehn den trautesten Sohn, heimkehrend von Troja.
Ich unglücklicher Mann! die tapfersten Söhn' erzeugt' ich
Weit in Troja umher, und nun ist keiner mir übrig!
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Fünfzig hatt' ich der Söhn', als Argos Menge daherzog:
Ihrer neunzehn wurden von einer Mutter geboren,
Und die anderen zeugt' ich mit Nebenfraun im Palaste.
Vielen davon zwar löste der stürmende Ares die Glieder;
Doch der mein einziger war, der die Stadt und uns alle beschirmte,
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Diesen erschlugst du jüngst, da er kämpfte den Kampf für die Heimat,
Hektor! Für ihn nun komm' ich herab zu den Schiffen Achaias,
Ihn zu erkaufen von dir, und bring' unendliche Lösung.
Scheue die Götter demnach, o Peleid', und erbarme dich meiner,
Denkend des eigenen Vaters! ich bin noch werter des Mitleids!
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Duld' ich doch, was keiner der sterblichen Erdebewohner:
Ach zu küssen die Hand, die meine Kinder getötet!
Sprach's, und erregt' in jenem des Grams Sehnsucht um den Vater;
Sanft bei der Hand anfassend, zurück ihn drängt' er, den Alten.
Beide nun eingedenk: der Greis des tapferen Hektors,
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Weinete laut, vor den Füßen des Peleionen sich windend:
Aber Achilleus weinte den Vater jetzo, und wieder
Seinen Freund; es erscholl von Jammertönen die Wohnung.
Aber nachdem sich gesättigt des Grams der edle Achilleus,
Und aus der Brust ihm entfloh der Wehmut süßes Verlangen;
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Sprang er vom Sessel empor, bei der Hand den Alten erhebend,
Voll Mitleids mit dem grauenden Haupt, und dem grauenden Barte;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Armer, fürwahr viel hast du des Wehs im Herzen erduldet!
Welch ein Mut, so allein zu der Danaer Schiffen zu wandeln,
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Jenem Mann vor die Augen, der dir so viel und so tapfre
Söhn' erschlug! Du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen!
Aber wohlan, nun setz' auf den Sessel dich; laß uns den Kummer
Jetzt in der Seel' ein wenig beruhigen, herzlich betrübt zwar.
Denn wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut.
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Also bestimmten die Götter der elenden Sterblichen Schicksal,
Bang' in Gram zu leben; allein sie selber sind sorglos.
Denn es stehn zwei Fässer gestellt an der Schwelle Kronions,
Voll das eine von Gaben des Wehs, das andre des Heiles.
Wem nun vermischt austeilet der donnerfrohe Kronion,
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Solcher trifft abwechselnd ein böses Los, und ein gutes.
Wem er allein des Wehs austeilt, den verstößt er in Schande;
Und herznagende Not auf der heiligen Erde verfolgt ihn,
Daß, nicht Göttern geehrt noch Sterblichen, bang' er umherirrt.
Also verliehn zwar Peleus die ewigen glänzende Gaben
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Seit der Geburt; denn hoch vor allen Menschen gesegnet
Ragt' er an Hab' und Macht, der Myrmidonen Beherrscher;
Ja dem sterblichen Manne vermähleten jene die Göttin.
Aber auch Unheil gab ihm ein Himmlischer; denn er versagt' ihm
Edle Söhn' im Palaste gezeugt zu künftiger Herrschaft.
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Einen Sohn nur zeugt' er, der früh hinwelkt, und sogar nicht
Pflegen des Alternden kann; denn weit entfernt von der Heimat
Sitz' ich in Troja hier, dich selbst und die Deinen betrübend.
Dich auch priesen, o Greis, vordem glückselig die Völker:
Alles, was Lesbos dort, des Makars Insel, begrenzet,
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Phrygia dort, und hier der unendliche Hellespontos,
Das beherrschest du, Greis, durch Macht und Söhne verherrlicht.
Aber nachdem dies Leid dir gesandt die Uranionen,
Tobt dir stets um die Mauern von Schlacht und Männerermordung.
Duld' es, und jammere nicht so unablässig im Herzen;
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Denn doch nichts gewinnst du, um deinen Sohn dich betrübend,
Noch erweckest du ihn; eh' schaffst du dir anderen Kummer!
Ihm antwortete Priamos drauf, der göttliche Herrscher:
Setze mich nicht auf den Sessel, o Liebling Zeus', da noch Hektor
Liegt in deinem Gezelt, unbeerdiget! Eilig erlass' ihn,
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Daß ich mit Augen ihn seh', und du empfahe die Lösung,
Reichliche, die wir gebracht. Du geneuß des Gutes, und kehre
Heim in das Vaterland, nachdem du zuerst mir vergönnet,
Lebend annoch zu schauen das Licht der strahlenden Sonne.
Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
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Nicht mehr jetzt mich gereizet, o Greis! Ich gedenke ja selber,
Hektor dir zu erlassen; denn Zeus entsandte mir Botschaft,
Meine Gebärerin Thetys, erzeugt vom alternden Meergott.
Auch erkenn' ich im Geist, o Priamos, ohne zu zweifeln,
Daß ein Gott dich geführt zu dem hurtigen Schiffen Achaias.
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Denn nicht wagt' es fürwahr ein Sterblicher, wär' er auch Jüngling,
Her ins Lager zu kommen; auch nie entschlich' er den Wächtern,
Noch eröffnet' er leicht die Riegel unserer Tore.
Drum laß ab, noch mehr mein bekümmertes Herz zu erregen;
Denn sonst möcht' ich, o Greis, auch dein nicht schonen im Zelte,
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Wie demütig du flehst, und Zeus' Gebote verletzen.
Jener sprach's; bang' hört' es der Greis, und gehorchte der Rede.
Aber Achilleus sprang, wie ein Löw', aus der Pforte der Wohnung
Nicht er allein; ihm folgten zugleich zween wackre Genossen,
Held Automedon dort, und Alkimos, welche vor allen
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Ehrete Peleus' Sohn, nach dem abgeschiednen Patroklos.
Und sie entlösten dem Joch die Rosse zugleich und die Mäuler;
Dann herein auch führend des Königes tönenden Herold,
Setzten sie ihn auf dem Sessel; und drauf vom zierlichen Wagen
Huben sie Hektors Lösegeschenk, unendliches Wertes.
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Zween nur ließ man der Mäntel, und einen köstlichen Leibrock,
Daß er die Leich' in Gewande gehüllt dargäbe zur Heimfahrt.
Jener berief die Mägd', und hieß sie waschen und salben
Hektors Leib, doch entfernt, und unge