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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Am fernen schönen See

Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug angehalten hatte, und schaute um sich. Dieses weiße Haus, der kahle Platz davor, der schnurgerade Weg in die Ferne, alles war ihm fremd. Das hatte er in seinem Leben nie gesehen, und er dachte bei sich: »Ich hin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter den Weg hinab, zwischen den Bäumen durch. Nun machte der Weg eine Wendung, und Rico stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen Ufern, und drüben kamen die Berge nahe zusammen. In der Mitte lag die sonnige Bucht, und freundliche Häuser schimmerten herüber. Das kannte Rico, das hatte er einmal gesehen, da hatte er gestanden, gerade da. Diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz nah! Doch es war nicht da.

Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut. Dort schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern. Da mußte auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über dem Ausfluß des Sees; er war oft hinübergegangen. Man konnte sie nicht sehen.

Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, die Straße hinauf. Da war die kleine Brücke, - er wußte auf einmal alles -, da war er gegangen, und jemand hielt ihn an der Hand - die Mutter! Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie er es viele Jahre nie mehr gesehen hatte. Sie hatte neben ihm gestanden und ihn mit liebevollen Augen angesehen, und Rico überkam es wie noch nie in seinem Leben.

Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und schluchzte laut: »0 Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«

So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen. Es war, als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.

Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violettfarbig, und ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico den See im Sinn gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war es, als er es wieder mir seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das alles Stineli zeigen könnte!«

Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico stand und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen hatte. Von der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am andern, wie in einem Garten. Freilich war nur ein offener Zaun darum, und im eigentlichen Garten waren Blumen und Bäume und Weinranken zu sehen.

Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür; im Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große, goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohigemut ein Lied dazu.

Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen könnte!« und stand lange am Zaun.

Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger, und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst!«

Das rief ihm der Bursche italienisch zu, und Rico war es ganz sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so spechen können. Er trat in den Garten hinein, und der Bursche wollte mit ihm reden. Als er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er auf die offene Tur und machte ihm verständlich, daß er dort spielen solle. Rico näherte sich der Tür und trat in ein Zimmer. Ein Bettchen stand darin; daneben saß eine Frau und verfertigte eine Handarbeit aus roten Schnüren. Rico stellte sich auf die Schwelle und fing an, sein Lied zu spielen und zu singen: »Ihr Schäflein, hinunter...«

Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett der bleiche Kopf eines Knaben, der rief:

»Spiel noch einmal!«

Rico spielte eine andere Melodie.

»Spiel noch einmal!« tönre es wieder.

So ging es hintereinander, fünf- bis sechsmal, und immer wieder ertönte aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«

Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder, spiel noch einmal!« Die Frau stand auf und ging zu Rico. Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte: wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe. Rico konnte nicht antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? Er schüttelte den Kopf. Ob er allein sei? Er nickte. Wohin er jetzt am Abend gehen wolle? Rico sagte, daß er es nicht wisse. Da fühlte die Frau Mitleid mit dem kleinen Fremden, rief den Burschen herbei und trug ihm auf, er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen, da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten; denn er sei lange fort gewesen. Der Wirt solle den Knaben auf ihre Kosten über Nacht behalten und ihm auch morgen den rechten Weg weisen, wohin er müsse. Er sei ja noch so jung - »nur ein paar Jahre älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu -, und er solle ihm auch etwas zu essen geben.

Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen!« und ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt muß er aber schlafen, und du auch. «

Der Bursche ging Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.

Es waren gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Mitten in einem Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch, und eine Menge Männer saßen an den Tischen herum.

Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist gut.« Die Wirtin kam auch herbei, und beide sahen sich Rico von oben bis unten an. Als aber die Gäste, die am nächsten Tisch saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich lustig!« Und alle riefen so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in seiner Sprache, daß er über den Malojapaß heruntergekommen sei, und daß er alles verstehe, was sie hier sagten, aber nicht so reden könne. Der Wirt verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen, und sie wollten später noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.

Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem Liede und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von dem Gesang, und die Melodie kam diesen Zuhörern wohl ein wenig einfach vor. Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.

Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende; denn wenn er einmal angefangen hatte, dann sang er es durch. Als er fertig war, besann er sich: einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen. Das Lied der Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen. Jetzt kam ihm ein passendes in den Sinn, und er stimmte an:

»Una sera in Peschiera«

Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so entstand eine völlige Stille, und mit ,einem Male ertönten von da und dort von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so schön, wie Rico nie einen gehört hatte. Er kam in Begeisterung und spielte immer feuriger, und die Männer sangen immer eifriger. War ein Vers zu Ende, so fing Rico mit festem Zuge den neuen an; denn er wußte noch vom Vater her, wo es aufhörte. Als der Schluß kam, brach nach dem schönen Gesang ein solcher Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen und schrien durcheinander und schlugen vor Freude die Fäuste auf den Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf Rico los, und aus jedem sollte er trinken. Zwei schüttelten ihm die Hände und einer klopfte ihn auf die Schultern, und alle miteinander schrien ihn an und machten vor lauter Freudenspektakel dem Rico Angst und Bange, so daß er immer ängstlicher wurde. Er hatte ihr PeschieraLied gespielt, das nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera. Die lebhaft empfindenden Peschierianer konnten dies nicht genug aussprechen und sich freuen über den Wundergeiger; sie wollten Brüderschaft mit ihm trinken.

Nun kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem großen Stück Huhn oben darauf. Sie winkte dem Rico und sagte den Leuten, sie sollten ihn in Ruh lassen. Er müsse nun essen, er sei ja ganz blaß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen kleinen Tisch in der Ecke, setzte sich zu ihm und ermunterte ihn, brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.

Rico fand auch sein Nachtessen vortreffiich; denn seit dem Kaffee am frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten hatte er so viel erlebt heute!

Sobald er seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor Müdigkeit. Der Wirt war an den Tisch getreten und lobte Rico für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico sagte, während er seine Augen mit Mühe offenhielt, er gehöre niemandem, und er wolle nirgends hin.

Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Sorgen schlafen gehen. Morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse wohin.

Die Wirtin zog den Mann am Ärmel und wollte ihn hindern weiterzusprechen. Er redete aber doch fertig, denn er begriff nicht, was sie wollte.

Nun begannen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen, sie wollten noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief die Wirtin: »Nein, nein, am Sonntag wieder. Er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm sie Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer. Ein Pferdegeschirr hing dort an der Wand; in einer Ecke war Korn aufgeschüttet, in der anderen stand ein Bett. In wenigen Minuten lag Rico darin und schlief tief und fest.

Später, als in dem Hause alles still geworden war, saß der Wirt noch an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm; denn sie räumte auf und sagte mit Eifer: »Den solltest du der Frau Menotti nicht wieder zuschicken. Ein solches Bürschlein kann ich gerade zu allerhand Geschäften gebrauchen, und hast du denn nicht bemerkt, wie er geigen kann~ Sie wurden ja alle wild davon. Gib acht, das wird ein Geiger, wie einer ist von unseren dreien, und Tänze spielen lernt der schon. Dann hast du ihn umsonst an allen Tanztagen und kannst ihn noch ausleihen. Den darfst du nicht mehr aus der Hand lassen. Er sieht gut aus und gefällt mir; den behalten wir.«

»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.


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