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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Der ferne, schöne See ohne Namen

Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte sie eine große Freude im Herzen und wußte nicht warum, bis sie sich besann, daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte: »Morgen sollst du einen schönen Sonntag haben, der ganze Nachmittag gehört dir!« Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und den Tisch abgewaschen hatte, rief Peterli: »Komm zu mir, Stineii«, und die zwei anderen im Bett schrien: »Nein~ zu mir!« Und der Vater sagte: »Stineli muß zu der Geiß sehen.«

Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte Stineli nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern will ich schon aufwarten, und wenn die Glocke vom Türmchen läutet, dann kommt ordentlich heim,« Die Großmutter wußte schon, daß es ihrer zwei waren.

Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht hat, und drüben stand Rico, der hatte schon lange gewartet. Nun zogen sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien über die Berge, und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber nun kam die Sonne von vorn und flimmerte über den See. Schöne, trockene Plätzchen gab's schon am Abhang, steil über dem Wasser. Dahin setzten sich die Kinder. Ein scharfer Wind pfiff über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren, Stineli war voll lauter Freude. Ein Mal über das andere rief sie aus:

»Sieh, sieh, die Sonne, wie schön! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie es glitzert auf dem See, Es kann gar keinen schöneren See geben, als der ist«, sagte sie zuversichtlich.

»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!« und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.

»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind glänzende, grüne Blätter und große rote Blumen, und die Berge stehen nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und warm, Der Wind ist dort nicht so rauh, und die Füße hat man nicht voll Schnee. Man kann immer am sonnigen Boden sitzen und zuschauen,«

Stineli war hingerissen. Sie sah schon die roten Blumen und den goldenen See vor sich, das mußte doch schön sein!

»Vielleicht kannst du wieder einmal dahingehen an den See und alles wieder sehen; weißt du den Weg?«

»Man geht auf den Malojapaß. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen. Er hat mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Berg hinunter, immer so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man fast nicht hinkommen kann,«

»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli; »du müßtest nur immer weiter gehen, so kämest du sicher zuletzt hin.«

»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt. Siehst du, Stineli: wenn man auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da, muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben,«

»Oh, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico freute sich nicht mit.

»Das ist gerade soviel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige her«, sagte er traurig.

»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön!«

Eine Weile saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf in die Hand gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte er sich wieder zu Stineli, die unterdessen von dem weichen, grünen Moos ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die wollte sie der k:anken Urschli bringen.

»Du sagst, ich soll nur daheim bleiben, Stincli«, sagte er mit gekrauster Stirne; »aber siehst du, mir ist es gerade so, als wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin,«

»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich, Da ist man immer daheim, wo man seinen Vater und seine Mutter - " ; hier hielt sie plötzlich inne: Rico hatte ja keine Mutter, und der Vater war schon lange fort, und die Base? Stineli kam der Base nie zu nah, denn diese hatte ihr nie ein gutes Wort gegeben; sie wußte gar nicht mehr, wäs sie noch sagen sollte, Aber Stineli konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben, Rico sann wieder vor sich hin; auf einmal faßte sie ihn am Arm und rief:

»Nun möchte ich doch wissen, wie der See heißt, wo es so schön ist?«

Rico dachte nach, »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst darüber verwundert.

Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie der See heiße; denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, müßte er ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu beraten, wen man fragen könnte: den Lehrer oder die Großmutter, Da fiel es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen, sobald er heim-komme.

Unterdessen war die Zeit vergangen, und auf einmal hörten die Kinder ganz in der Ferne ein leises Läuten, Sie kannten den Ton, es war die Abendglocke. Sie sprangen sofort vom Boden auf und rannten mitoinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter und über die Wiese hin, und die Glocke war noch nicht lange verklungen, als sie schon an der Tür standen, wo die Großmutter nach ihnen aussah.

Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr vor der Tür stehen.«

Das hatte die Großmuter noch nie zu ihm gesagt, obschon er immer gern noch draußen blieb; denn es gelüstete ihn nie, ins Haus zu gehen. Er gehorchte aber der Großmutter aufs Wort und ging sofort hinein.


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