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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Die Geige des alten Schullehrers

Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus der Schar herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.

»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico«, fragte jetzt Stineli, »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?«

»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: ,Ihr Schäflein hinunter?. Wenn ich nur eine Geige hätte!«

Dieser Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen; denn er sagte es mit einem tiefen Seufzer. Stineli war voller Teilnahme und unternehmender Gedanken,

»Wir wollen zusammen eine kaufen«, rief sie plötzlich in großer Freude über den Einfall, der ihr in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele Batzen von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?«

»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben, ehe er fortging, aber die Base hat gesagt, Geld tauge nicht für mich. Sie hat es genommen und hoch hinauf in den Kasten gelegt; ich kann nicht mehr daran.«

Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir doch Geld genug, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«, sagte sie tröstend. »Weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht viel; es ist nur altes Holz, vier Saiten sind darüber gespannt, das kostet nicht viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und nachher suchen wir eine.

So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, sie wolle daheim tun, was sie nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh die Mutter auf sei; denn wenn sie so immerfort etwas tat von früh bis spät, steckte ihr gewöhnlich die Großmutter einen Batzen in den Sack.

Am folgenden Morgen als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus, und an der Ecke vom Schulhaus stand sie still hinter dem Holzhaufen und wartete auf Rico, der jetzt den Lehrer wegen der Geige fragen sollte. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit Ungeduld hinter dem Holz hervor; aber es waren nur die anderen Buben, die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt - richtig, Rico kam um den Holzhaufen herum. Da war er.

»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem vor Erwartung.

»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt.

,0 wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte sie wieder fröhlich und nahm ihn bei der Hand zum Heimgehen, »du kannst morgen fragen. Ich habe auch schon wieder einen Batzen bekommen heute früh von der Großmutter, weil ich schon auf war, als sie in die Küche kam. «

Aber am folgenden Tag ging es wieder wie vorher, und am dritten auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und fragen. Da dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann frag ich. Am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat eilig heraus und stieß so gewaltig gegen Rico an, daß däs kleine Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. ,Was ist, Rico?« fragte er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an die Tür und klopfst nicht an, wenn du da etwas willst? Solltest du mir etwas sagen wollen, kannst du's gleich hier tun, Was willst du also?«

»Was kostet eine Geige?« fragte Rico vor lauter Angst in voller Hast.

Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich von dir denken?« fragte er mit strenger Miene; »kommst du deshalb an die Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu richten? Oder was hast du sonst damit sagen wollen?«

»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen, was eine Geige kostet.«

,Du hast mich nicht verstanden, Rico. Paß jetzt auf, was ich dir sage: ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck, oder er denkt sich nichts dabei, dann macht er unnütze Worte. Hast du soeben diese Frage ohne Grund getan, oder aus Neugierde, oder hat dich jemand geschickt, der eine Geige kaufen will?« »Ich möchte mir gerne eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er erschrak sehr, als der Lehrer mit einemmal in hellem Zorn ihn anfuhr: »Was? Was sagst du da? So ein - dummes, unvernünftiges, welsches Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh ich eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer, zweiundzwanzig Jahre alt, und stand in meinem Beruf! Und dann so ein Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ,ich dir sagen, was eine Geige kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe ich dafür bezahlt; kannst du dir die Summe vorstellen? Wir wollen sie gleich einmal in Batzen auflösen: Enthält ein Gulden 100 Batzen, so enthalten sechs Gulden sechsmal 100, gleich? - gleich? - Nun, Rico, du bist sonst keiner von den Ungeschickten, - gleich?«

»Gleich 600 Batzen«, ergänzte Rico leise; denn der Schrecken versagte ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Batzen damit verglich.

»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer weiter fort, »was denkst du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da muß er viel lernen, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein.« Der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand. »Da nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand. So, Büblein, und wenn du nun c d e f herausbringst, so geb ich dir gleich einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen leuchteten auf wie Feuer. c d e f - spielte er fest und völlig richtig.

»Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer überrascht aus, »woher kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Töne finden?«

»Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf«, sagte Rico und schaute mit Verlangen auf die Fiedel in seinem Arm. »Spiels!« sagte der Lehrer. Jetzt spielte Rico sicher und eilt freudefunkelnden Augen:


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