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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Die Schule

Rico war zehn Jahr alt und hatte schon zwei Winter hindurch die Schule besucht; denn im Sommer gab es droben in den Bergen keine Schule. Der Lehrer hatte in dieser Zeit seinen Acker zu bestellen und Gras zu mähen wie alle anderen Leute; zur Schule hatte dann niemand Zeit, Das tat aber Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu unterhalten. Wenn er sich am Morgen auf die Schwelle gestellt hatte, so blieb er dort stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und bewegte sich nicht. Stundenlang konnte er so stehen, wenn nicht drüben am andern Häuschen die Tür aufging und ein kleines Mädel herauskam, das lachend zu ihm herüberschaute. Rico lief dann schnell hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder seit gestern viel zu sagen. Das Mädchen hieß Stineli und war gerade so alt wie Rico; sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in derselben Klasse; schon von jeher waren sie gern beieinander gewesen. Es war ja nur ein schmaler Weg zwischen den Häuschen, und sie waren die allerbesten Kameraden.

Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft; denn mit den Buben ringsum hatte er keine Freude. Wenn sie sich prügelten und auf dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, ging er davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt wollen wir einmal den Rico prügeln«, dann stand er still und stellte sich geradeauf hin und sagte nichts; aber er schaute sie mit seinen dunklen Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner anpackte.

Bei Stineli war es ihm wohl zumute. Das Mädchen hatte ein lustiges Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die immerfort lachten, Um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr sauber aus; denn Stineli war ordentlich und wußte sich zu helfen, Sie war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war wohl kaum zehn Jahre alt, aber sie war die älteste Tochter und mußte der Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach Stineli kamen noch Trudi und Sami und Peterli und Urschli und Anne-Deteli und Kunzli und dann noch das Ungetaufte. Immerfort rief man nach Stineli aus allen Ecken, und sie war dabei so flink geworden, daß alles, was sie tat, wie von selbst lief, Den Kleinen hatte sie immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und festgebunden, ehe Trudi dem einen, dem sie helfen sollte, nur die Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander nach Stineli riefen, konnte geschehen, daß der Vater noch aus dem Stall nach ihr rief, Er hatte dort die Mütze verlegt, oder die Peitsche war verknüpft und Stineli mußte ihm helfen; denn sie fand die Mütze immer sofort. Sie lag meistens auf dem Futterkasten, und ihre gelenkigen Finger brachten die Peitschenschnur gleich auseinander.

So war Stineli immerfort im Laufen und am Arbeiten, aber lustig und munter dabei, und im Winter froh über die Schule; denn dann wanderte sie dahin und wieder heim mit Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen, Und im Sommer war sie wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, an denen durfte sie hinaus, Dann ging sie mit Rico spazieren, der schon lange unter seiner Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen, schauten in den grünen See hinunter und hatten einander viel zu erzählen und zu fragen; und es war ihnen so wohl, daß Stineli sich die ganze Woche und durch alle Mühen hindurch freute; denn es wurde immer wieder Sonntag.

In dem Häuschen war noch jemand, der dann und wann nach Stineli rief, das war die alte Großmutter, Die rief aber nicht, damit sie ihr noch helfe, sondern sie hatte ihr etwa ein kleines Geldstück zu geben, das ihr in die Hand kam, oder sonst etwas; denn Stineli war ihr Liebling, und sie erkannte mehr als sonst jemand, wieviel die kleine Helferin schon tun mußte für ihr Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihr gern etwas, daß sie auch, wie andere Kinder, am Jahrmarkt etwas kaufen könne, etwa ein rotes Bändchen oder ein Nadelbüchschen, Die Großmutter war auch gegen Rico sehr gut, sah die Kinder gern beisammen und tat auch manchmal etwas für St.ineli, daß sie mit Rico noch ein wenig draußen bleiben durfte.

An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzklotz, der da lag; oft standen Stineli und Rico bei ihr, und sie erzählte ihnen aus ihrem Leben, Wenn dann die Abendglocke vom Türmchen läutete, sagte sie: »Jetzt müßt ihr ein Vaterunser beten. Ihr dürft nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß,« - »Seht, Kinder«, sagte die Großmutter ein andermal, »,ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt hätte, aber ich kenne manchen, der es mit der Angst gesucht und nicht mehr gefunden hat, wenn die Not da war,« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig da, und jedes betete ein Vaterunser.

Jetzt war es Mai, und eine kleine Zeit mußte die Schule noch geöffnet bleiben, Lange konnte dies aber nicht mehr dauern, denn es grünte unter den Bäumen, und große Flächen waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon eine Weile unter der Tür und stellte diese Betrachtungen an. Dabei schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen wollte, Jetzt ging sie auf, und Stineli kam herausgesprungen.

,Bist du schon lange dagestanden? Hast du wieder geschaut, Rico?« rief sie lachend, »Aber heute ist's noch früh, wir können langsam gehen.«

Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.

»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen. »Ja, gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht. »Einmal träumte mir von ihm, Ich sah große, rote Blumen an seinem Ufer, und drüben die violetten Berge.«

»Ach, das gilt nicht, was man träumt«, sagte Stineli lebhaft, »Es hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: ,Stineli, zieh mir die Strümpfe an«. Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann,«

Rico mußte stark nachdenken, ob das so sei; denn in ihm lebte eine Erinnerung, von der er annahm, er habe sie im Traum erlebt.

Aber jetzt waren sie beim Schulhaus angelangt, und ein ganzer Trupp Kinder lärmte von der anderen Seite daher, Sie traten alle miteinander ein, und bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen, grauen Haaren; denn er war schon undenklich lange Lehrer gewesen, so daß ihm darüber die Haare grau geworden und viele ausgefallen waren, Es ging nun an ein strenges Buchstabieren und Silbentrennen, dann kam das Einmaleins an die Reihe, und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an, und alle sangen aus voller Kehle: »Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh«, und der Lehrer spielte dazu auf der Geige.

Rico schaute so gespannt auf die Geige und des Lehrers Finger, wie dieser die Saiten griff, daß er darüber das Singen vergaß und keine.n Ton mehr von sich gab. Plötzlich fiel die ganze Sängerschar einen halben Ton hinunter, Die Geige wurde dadurch unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre; aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt: »Was ist das für ein Gesang? ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch wüßte, wer so falsch singt und den ganzen Gesang verdirbt!«

Da sagte der kleine Bub, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es so gekommen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.«

Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß nicht nur der Gesang, sondern auch die Geige am sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.

»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft zu diesem gewandt. »Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer Schüler kann den Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal anfangen, und daß du aufpassest, Rico!«

Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, die Geige folgte nach, und die Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden; er tat noch ein paar feste Striche auf der Geige, rieb sich dann die Hände und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.«


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