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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Die Weiterreise

Rico war auch eingeschlafen. Er erwachte davon, daß ihn der Kutscher packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus, und die drei Studenten kamen noch auf Rico zu, schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm viel Glück auf seiner Reise. Und einer rief: »Grüß auch Stineli freundlich von uns!«

Dann verschwanden sie in einer Straße, und Rico hörte, wie sie noch einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«

Rico stand in der dunklen Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren lassen, und er wollte es gleich noch tun. Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war ringsum dunkel. Jedoch drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu. Sie hing an der Stalltiir, wo die Pferde eben hineingeführt wurden. Daneben stand der Schafhändler mit dem dicken Stock; er schien auf den Kutscher zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete.

Der Schafhändler schien ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt zu haben. Auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo bringst du denn die Nacht zu?«

»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.

»Das wäre der Tausend! Um elf Uhr in der Nacht ein solches Bißchen von einem Buben wie du, und im fremden Lande -« Der Schafhändler konnte den Satz nicht beenden; denn Rico lief auf den Kutscher zu, der aus dem Stall herauskam und sagte: »Ich muß mich noch bedanken für das Mitnehmen.«

»Das ist gerade gut, daß du noch kommst; jetzt hätte ich dich über den Pferden vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. - Eben wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter, irgendwohin; es ist eins von denen, die so hin und her - Ihr versteht mich schon.«

Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und verlorenen Kindern vor Augen. Er schaute Rico im Schein der Laterne mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus, als stecke er nicht in seinem richtigen Anzug. Er wird wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«

Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen hatte, nahmen die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, er solle mit ihm kommen.

Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.

»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß wir wissen, wie weit du damit kommst. Wohin mußt du unten am See?«

»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog nun seine Geldstücke alle hervor, ein ansehnliches Häuflein kleiner Münzen und oben darauf das größere Silberstück.

»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.

»Ja, nur das, von Euch hab ich's«, entgegnete Rico.

Dem Mann gefiel es, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und daß es der Junge wußte. Er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der behäbige Mann seinem kleinen Nachbarn zu und sagte: »Das bezahl ich und das Nachtlager auch; so reichst du morgen mit deinem Vermögen aus.«

Rico war so müde von der langen Fahrt und all dem Singen und Geigen, daß er kaum mehr essen konnte; und in der großen Kammer, wo er zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zu-zubringen hatte, war er kaum in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.

Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus dem Schlaf gerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter stand schon mit dem Stock in der Hand reisefertig da.

Es währte nicht lange, so stand auch Rico zur Abreise bereit, die Geige im Arm. Erst traten die heiden in die Wirtsstube ein, und Ricos Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur recht viel davon zu sich nehmen; denn nun komme eine lange Fahrt, die werde Hunger machen.

Als das Frühstück beendet war, zogen die Reisenden aus. Nach einer Strecke des Weges kamen sie um eine Ecke herum, und -wie mußte Rico da die Augen auftun - auf einmal sah er einen großen, flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der Gardasee.«

»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden lang dahin. Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. - Jetzt legte er plötzlich sein Silberstück auf den Tisch.

»Was, was, hast du schon zuviel Geld?« fragte der Schafhändler, der, mit beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.

»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.«

»Du gibst acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch. Gib mir's einmal her!«

Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher Silberstücke war - denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da konnte er es nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück herzugeben. Er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:

»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen. Jetzt bist du noch bei mir, und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du hineingehen darfst?«

»Nein, ich weiß kein Haus», antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes heimliches Erstaunen zu bewältigen; des Bübleins Geschichte kam ihm sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht weiter. Er dachte, da komme er doch nicht ins klare. Der Kutscher müsse ihm einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte bald seinen Schutz verlieren.

Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So verlier ich dich nicht, und du kommst besser nach; denn jetzt heißt's gut marschieren; die warten nicht.« Rico hatte zu tun, den langen Schritten nachzukommen.

Er schaute weder rechts noch links, und auf einmal stand er vor einer langen Reihe sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum erstenmal in seinem Leben mit der Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der Schafhandler auf und sagte: »Jetzt sind wir in Bergamo. Ich muß dich hier verlassen. Du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt; dann bist du da. Ich habe all das geregelt.»

»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico.« Das bestätigte sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön; denn er hatte wohl verstanden, wieviele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so schieden sie, und die Trennung tat jedem leid.

Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zu träumen; denn es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt, wie schon mehrere Male.

Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm Rico am Arm und zog ihn in Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe hinab und sagte: »Peschiera!; und im Nu war er wieder im Wagen droben und verschwunden. Der Zug sauste weiter.


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