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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Ein rätselhaftes Ereignis

Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang war wohl eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen.

»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld. Ich will lieber irgendetwas anderes tun, als einen Buben hüten, wie du einer bist.«

Rico hatte nie ein einziges Wörtchen geantwortet, wenn die Base ihn schmähte, aber an diesem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann dir schon aus dem Wege gehen, Base.«

Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es krachte, dann schoß sie in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in seine dunkle Kammer hinauf.

Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern, Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base herübergelaufen und rief in die Stube hinein, ob sie etwas von Rico wüßten; sie wisse nicht, wo er sei.

»Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht«, antwortete der Vater geruhlich.

Die Base kam ganz in die Stube hinein; denn sie hatte gedacht, sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen; das sei noch wie gestern. Sie glaube fast, der sei schon am frühesten Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen; denn der Riegel sei schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun wollte. Zuerst sei ihr der Gedanke gekommen, sie selbst habe versehentlich vergessen, zuzuriegeln; denn kein Mensch wisse, was sie für Ärger herumtragen müsse.

»Da ist was Übles geschehen«, sagte der Vater, unentwegt ruhig. »Er wird in eine Spalte hineingefallen sein, am Berg oben; das gibt es manchmal mit so schmalen Buben, die überall herum-klettern. Ihr hättet es ein wenig früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn suchen müssen, und des Nachts sieht man nichts.«

Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer, wenn man schon jahrelang soviel ertragen und dazu geschwiegen habe.

»Kein Mensch sieht ihm an«, rief sie aus und glaubte damit eine große Wahrheit zu sagen, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier Jahren. Ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schändlicher Lump!«

Die Großmutter hatte schon lange aufgehört zu essen. Sie war vom Tische aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte. »Hört auf, Nachbarin, hört auf«, mußte die Großmutter zweimal sagen, bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann, und das vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, niemanden anzuklagen hat, der schweres Unrecht an ihm getan hat mit bösen Worten.«

Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann dir schon aus dem Wege gehen.« Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie mochte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen, vielleicht sei Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern gesehen hätte.

Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen Rico vor der Großmutter, aber auch sonst sprach sie nicht mehr viel.

Sie glaubte, wie alle anderen Leute auch, Rico sei tot und war froh, daß niemand wußte, was er am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.

Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und suchte eine Stange. Er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen, man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher zu und oben bei den Felsspalten.

Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht, komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.«

Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte sie: »Aber Vater, wenn Rico vielleicht der Straße nachgegangen wäre, dann könnte er doch in nichts hineingefallen sein?«

»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch unvernünftige Buben kommen vom Weg ab und in die Klüfte hinein, sie wissen gar nicht, wie. Er war ein Träumer.«

Daß Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von dem Augenblick an kam eine große Angst in ihr Herz und wuchs mit jedem Tage, so daß sie vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre sie nicht dabei.

Rico wurde nicht gefunden. Kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen. Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen und hatte niemand mehr.«


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