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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Ein stilles Haus im Engadin

Im Oberengadin, an der Straße gegen den Malojapaß hinauf, liegt das einsame Dörfchen Sils. Von der Straße gelangt man querfeldein zu den Bergen, an die sich der kleine Ort Sils-Maria anlehnt. Zwei Häuschen standen dort einander gegenüber, ein wenig abseits in den Feldern. Beide hatten uralte Haustüren aus Holz und ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Zu einem Haus gehörte ein kleines Stück Garten; in ihm wuchsen Kraut und Kohl; es standen auch vier Blumenstöcke darin, die sahen aber mager und aufgeschossen aus wie das Kraut, Bei dem anderen Häuschen war nur ein kleiner Stall neben der Tür; da liefen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch kleiner als das andere und die hölzerne Tür war schwarz vor Alter.

Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der mußte sich bücken, um hinauszukommen. Er hatte glänzend schwarze Haare und schwarze Augen und unter der schön geformten Nase wuchs ein so dichter Bart, daß Wangen und Kinn darunter verschwanden und auch vom Mund nichts mehr zu sehen war als die weißen Zähne, die durchschimmerten, wenn der Mann einmal sprach; aber er sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand nannte ihn bei seinem Namen, er hieß nur »der Italiener«. Er ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und die Malojastraße hinauf. Es wurde viel an der Straße gebaut, und dort hatte der Italiener seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter, dem Badeort St. Moritz zu, wo man Häuser baute; auch hier fand er seine Arbeit.

Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder in das Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der Vater draußen war, und schaute mit den großen dunklen Augen lange dem Vater nach, oder sonst in die Gegend, man hätte nicht sagen können, wohin. Es schien, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was vor ihnen lag, und auf etwas hinsah, das niemand sehen konnte.

Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, gingen die beiden manchmal miteinander die Straße hinauf. Wenn man sie so sah, erblickte man in den zwei Gestalten dasselbe Bild, nur bei dem Büblein war alles kleiner. Es sah dem Vater gleich, bis auf den schwarzen Bart, den es natürlich nicht haben konnte. Aber ein schmales, bleiches Gesicht war zu sehen, und um den Mund herum lag etwas Trauriges, wie wenn es nicht lachen möchte. Bei dem Vater konnte man solches nicht entdecken, weil der Bart den Gesichtsausdruck nicht erkennen ließ.

Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, sagte keiner ein Wort zu dem andern; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal auch lauter, und das Büblein hörte zu, Wenn es aber am Sonntag regnete, saß der Vater daheim im Häuschen auf einer Bank am Fenster und das Büblein neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Der Vater holte dann eine Mundharmonika und spielte eine Melodie nach der andern; und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied, Es war, als gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte.

Einmal hatte er eine Geige mitgebracht, die das Büblein so entzückte, daß es diese nicht wieder vergaß. Der Vater spielte viele Lieder darauf, Das Büblein hörte nicht nur, sondern schaute unverwandt zu. Als die Geige weggelegt war, versuchte es leise, wie man die Melodien herausbringe. Das geriet nicht schlecht, Der Vater lächelte und sagte: »So komm!« Er legte die großen Finger seiner linken Hand auf die kleinen, und mit der rechten nahm er die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen; und so geigten sie mancherlei Melodien.

Während der folgenden Tage, wenn der Vater fort war, versuchte das Büblein immer wieder ein Lied zu spielen. Doch als es soweit war, daß die Töne gut und ohne Stocken erklangen, war die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder zum Vorschein, Manchmal, wenn sie so zusammensaßen, sang der Vater, erst leise, dann immer deutlicher. Das Büblein sang mit, und wenn es die Worte nicht konnte, so sang es doch die Töne. Der Vater sang italienisch, und es verstand vieles, aber manches war ihm nicht so recht bekannt und geläufig zum Singen. Eine Weise konnte es besser als alle anderen; denn der Vater hatte sie vielhundertmal gesungen.

Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an: »Una sera in Peschiera« - Ein Abend in Peschiera. Die sehr wehmütige Melodie gefiel dem Büblein so gut, daß es ,immer freudig und ganz andächtig mitsang.Es hatte eine helle, glockenreine Stimme, die schön mit des Vaters Baß zusammenklang. Jedesmal, wenn dieses Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater dem Klei-nen freundlich auf die Schulter und sagte: »Bene, Enrico, va bene.« - Gut, Enrico, es geht gut. Der Knabe wurde aber nur vom Vater Enrico genannt, bei allen anderen Leuten hieß er nur Rico.

Da war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte. die flickte und kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann. Rico mußte immer nachdenken, wie er seine Wege einrichten könne; denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal die Tür in Ruh, es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tal Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.


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