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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte, richtete sie es ein, daß Stineli einen freien Augenblick bekam; aber es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf seiner Schwelle und sah erwartungsvoll nach der Tür drüben, ob Stineli komme.

Im September, die Leute saßen oft noch vor den Häusern, um sich der letzten warmen Abende zu erfreuen, da saß auch der Lehrer noch vor seiner Tür; aber er sah abgemagert aus und keuchte immer mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange gestorben; nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und als er seine Geige sah, die ihm gerade gegenüber an der Wand hing, sagte er zu sich: »Die müßte ich auch dalassen.« Der Tag kam ihm in den Sinn, an dem Rico hier vor ihm gestanden und gegeigt hatte. Er hätte sie dem Büblein eher gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigenspielen nichts verstand.

Er überlegte: wenn er sie billig hergeben würde, könnte Rico sie vielleicht erstehen. Der Vater habe ihm doch wohl ein wenig Geld hinterlassen. Da fiel ihm ein, wenn er die Geige verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch gelegt hatte, nicht nur so wegschenken. So dachte er immer schärfer darüber nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber zuletzt kam ihm immer wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande war, und daß all sein Gut hier zurückbleiben würde.

Unterdessen fühlte er das Fieber mehr und mehr, und gegen Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen Gedanken. Alte Dinge stiegen vor seinen Augen auf, die er schon lange vergessen hatte, und verfolgten ihn so daß er am Morgen ganz erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas Gutes tun, er wünschte gleich auf der Stelle ein gutes Werk zu verrichten.

Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam; dies schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle bald zu ihm kommen.

Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und ehe sie nur recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein. Ich will sie Rico schenken, doch soll er sie gut behandeln.«

Die Großmutter verwunderte sich aufs höchste und rief einmal über das andere aus: »Was wird der Rico sagen!«

Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, wie wenn die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld; denn sie konnte selbst kaum erwarten, daß Rico sein Glück erfahre.

Dieser stand unter der Haustür. Auf den Wink der Großmutter kam er ihr entgegengelaufen.

»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.«

Rico stand da wie im Traum; aber es war Wirklichkeit. Die Großmutter hielt ihm wirklich die Geige entgegen.

»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie.

Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, als könne sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weg-sehen würde.

»Du sollst sie gut behandeln«, ergänzte die Großmutter ihren Auftrag. Sie mußte aber ein wenig lachen, die Ermahnung schien nicht nötig zu sein. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie, was er an dir getan hat. Er ist sehr krank.«

Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem Schatz in seine Kammer hinauf; dort war er immer ganz allein.

Dorthin setzte er sich und strich und geigte fort und fort, und vergaß Essen und Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte: »Du kannst erst morgen wieder essen, heut hast du dich nicht gut aufgeführt, so daß dir nichts mehr zukommt.«

Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte. Auch jetzt hatte er nicht ans Essen gedacht und ging ganz getrost ins andere Haus hinüber; er suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an. Wie sie des Rico ansichtig wurde, mußte sie laut auf-jauchzen; denn schon den ganzen Tag hindurch, seit die Großmutter erzählt hatte, was mir des Lehrers Geige geschehen war, brannte ihr der Boden unter den Füßen, weil sie nicht hinaus-konnte, um ihre Freude bei Rico auszulassen; aber sie durfte keinen Augenblick fort. Nun war sie aber auch wie außer sich und rief einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«

Auf den Lärm hin kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu ihr und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken, auch wenn er krank ist?«

Die Großmutter besann sich ein wenig; denn der Lehrer hatte schon am Morgen sehr krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig, Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, eine saubere Schürze anzuziehen. Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat zuerst ein. Rico kam ihr leise nach, die Geige im Arm; denn diese hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.

Der Lehrer lag sehr matt da. Rico trat an das Bett heran und schaute dabei auf seine Geige und konnte nichts sagen, aber seine Augen funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte. Er warf einen frohen Blick auf den Knaben und nickte ihm zu. Dann winkte er die Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite, und der Lehrer sagte mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein Vaterunser beten wolltet; mir wird so bang.«

Jetzt hörte man die Abendglocken herüberläuten; Rico faltete schnell die Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und sie betete das Vaterunser. Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein wenig und drückte dem alten Mann die Augen zu; denn er war verschieden. Dann nahm sie Rico an der Hand und ging leise mit ihm hinaus.


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