DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek
www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Anzeigeoptionen: WebBuch (kapitelweise), vollständiger Text: [HTML], [PDF], [TXT]

Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

In der Heimat

Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die hellen Feigenbäume, und die goldenen Weinranken dazwischen, - da sagte sie leise für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich's nirgends mehr finden.«

Jetzt trat Rico in den Garten; er mußte ja heute nachmittag fort; doch konnte er es nicht gut aushalten, ohne einmal zu kommen. Als er gerade zur Stube gehen wollte, rief ihn Frau Menotti und sagte:

»Setz dich einen Augenblick zu mir. Wer weiß, wie lange wir hier noch nebeneinander sitzen werden!«

Rico erschrak.

»Warum denn, Frau Menotti, Sie gehen doch nicht fort?«

Frau Menotti antwortete nicht. Es kam ihr plötzlich in den Sinn, was Stineli gestern abend von Rico erzählt hatte. Sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen, daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt kam ihr ein Gedanke.

»Sag einmal Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da, daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern Stineli erzählt hat?«

»Ja, als ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«

»Wie kamst du denn hierher, alls du klein warst?«

»Hier kam ich auf die Welt.«

»Was hier? Was war dein Vater, daß er aus den Bergen hier herunterkam? «

»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«

»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«

»Doch, er war von hier.«

»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig!

Du hast doch keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«

»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«

Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.

»Was sagst du da, Rico!« rief sie, »was hast du soeben gesagt?«

»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.

Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.

»Stineli, gib mir ein Halstuch!« rief sie hinein.

»Ich muß auf der Stelle zum Herrn Pfarrer, mir zittern alle Glieder.«

Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.

»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen; »ich muß dich noch etwas fragen.«

Noch zweimal mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher sei. Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Warum hatte sie früher nie nach Ricos Namen gefragt? Er war ihnen eben der liebe Rico gewesen, das hatte ihnen genügt! Nun trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war verwundert über den Zustand der Frau Menotti.

Rico hatte seine Geige mitgebracht. Er wußte, daß es Stineli jedesmal Freude machte, wenn er sie unter den Arm geklemmt trug. Als er nun damit in der Stube anlangte, traf er Silvio und Stineli in der besten Stimmung; denn Stineli hatte ihrem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli erzählt und damit sich und Silvio in die größte Heiterkeit versetzt. Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir singen, mit Stineli wollen wir die ,Schäflein' singen.«

Stineli hatte ihr Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte, überraschte sie sehr; denn sie wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es ihm vorgesungen hatte. Stineli hatte die größte Freude, daß sie das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte. Jetzt ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Ton nach durch das viele Anhören behalten. Aber diesmal war das Lachen an Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so sonderbar aus, daß sie vor Lachen nicht singen konnte, und als nun Silvio Stineli mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an, und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, so daß Stineli noch mehr lachen mußte, und dazu geigte Rico mit aller Kraft sein: »Schäflein hinunter«.

So tönte schon von weitem eine bunte Fröhlichkeit der Frau Menotti entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein. Sie mußte sich gleich auf den ersten Stuhl niederlassen; denn der Schrecken und die Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie überwältigt. Sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich gesammelt.

»Rico«, sagte sie feierlicher als sonst, »Rico, sieh dich um! Dieses Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen kannst von oben bis unten, alles gehört dir. Du bist der Besitzer, es ist dein väterliches Erbgut. Deine Heimat ist hier. Dein Name steht im Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines Mannes nächster Freund. « Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen, und unaussprechliche Freude überstrahlte ihr Gesicht. Rico saß wie versteinert auf einem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:

»0, jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo kann er schlafen?«

»Kann? - Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo er will. Er kann uns alle drei heute noch da hinausweisen, wenn er will und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«

»Dann ginge ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.

»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus: »Wenn du uns bei dir lassen willst? Wir bleiben so gern! Siehst du, ich habe mir schon auf dem Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte das halbe Haus, den halben Garten und das halbe Land von dir mieten, so gehörte dir die eine Hälfte von allem, und die andere Silvio.« »Dann gebe ich meine Hälfte Stineli«, rief Silvio. »Und ich die meine auch«, sagte Rico.

»Oho, nun gehört alles Stineli«, frohlockte der Kleine aus seinem Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die Stühle, die Tische, ich, und Rico und seine Geige. Jetzt wollen wir wieder singen!«

Aber so abgemacht, wie Silvio die Sache auffaßte, kam sie Rico wieder nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti nachgedacht und fragte nun zaghaft:

»Aber wie könnte es sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre? Vielleicht, weil mein Vater sein Freund war?« Da fiel Frau Menotti ein, daß ja Rico von dem Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie erzählte die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am Abend vorher alles Stineli erzählt hatte. Als sie zu Ende war, hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen ging ein unbeschreiblicher Jubel los; denn da war kein Hindernis mehr, daß Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.

Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico: »Weil wir uns einig sind, Frau Menotti, braucht hier im Hause nichts geändert zu werden. Ich komme nun zu euch und bin hier daheim, und wir bleiben so zusammen, und Sie sind unsere Mutter.«

»0, Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott alles so schön herausgeführt! Daß ich alles dir zu übergeben habe und doch dableiben kann mit dem besten Gewissen! Ich will dir auch eine Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch schon lange lieb wie ein eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen und Stineli auch, und wir sind die glücklichste Haushaitung in Peschieral«

»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen!« rief Silvio, dem es so ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit; denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie damit fertig waren, sagte Stineli:

~Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für eines?«

»Ja, ich weiß«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten; wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte, und Stineli sang mit ihrem ganzen Herzen dazu:


Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitte per eMail melden.


[Startseite] [Fragen&Antworten] [Partner/Links] [Impressum]