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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und schaute nach dem Wetter, und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen. Dieser war zugleich Herr und Knecht auf dem schönen, frucht-reichen Gute der Frau; denn er verstand die Garten- und Feldarbeit, regierte und besorgte alles selbst. Er hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.

Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein und bestellte: wenn der junge Musikant von gestern noch nicht weiter sei, so solle er zu Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn noch einmal geigen hören.

»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu sehr eilt«, sagte die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß sie keine Eile habe. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken; denn er geht nicht weiter. Ich habe ihn auf- und angenommen; er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin. Und nun ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.

Der Bursche ging mit seinem Auftrag.

Die Wirtin ließ Rico ausschlafen; denn sie war eine gutmütige Frau. Nur dachte sie zuerst an den eigenen Gewinn und dann an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam frisch die Treppe herunter.

Da winkte ihn die Wirtin in die Küche hinein, stellte eine große Schale voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben Maiskuchen daneben. Dann sagte sie: »So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend noch viel besser; denn da kocht man für die Gäste, und da bleibt immer etwas übrig. Dann kannst du für mich allerlei Wege gehen und daneben geigen, wenn's nötig ist. Du kannst bei uns daheim sein, hast deine eigene Kammer und mußt nicht mehr in der Welt umherziehen. Jetzt sage mir, ob du willst.«

Rico überlegte nicht lange und antwortete zufrieden: »Ja, ich will«; denn soviel konnte er ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.

Nun ging sie mit ihm durch das ganze Haus, durch Scheune und Stall, in den Krautgarten und zum Hühnerhof. Von all den Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum Krämer ging, zum Schuhmacher und zu noch anderen, wichtigen Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl, Seife, Faden und einen geflickten Stiefel; denn sie hatte bemerkt, daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.

Rico besorgte alles richtig. Das gefiel der Wirtin, und gegen Abend sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zu Frau Menotti gehen und dort bleiben, bis es Nacht wird.«

Darüber freute sich Rico sehr; denn auf dem Wege kam er an dem See vorbei und nachher zu den schönen Blumen.

Am See angekommen, lief er zu der kleinen Brücke und lehnte sich an das Geländer. Da iag wieder alle Schönheit vor ihm: das Wasser, und die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.

Aber endlich ging er doch; denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte. Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein; denn die Tür stand immer offen, und es rief: »Komm und spiel wieder!«

Frau Menotti kam heraus, gab Rico freundlich die Hand und zog ihn ins Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die breite Tür in den schönen Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tur gegenüber, und daneben standen nur Tische, Stühle und schöne Schränke im Zimmer, aber kein Bett mehr; denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer gebracht, wo auch das der Mutter stand. Am Morgen trug man das Bettchen mit dem kleinen Kranken wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den Fußboden warf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein paarmal die Stube auf und nieder: denn er konnte weder gehen noch stehen. Seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen können.

Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein an einer langen Schnur empor, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing; es konnte sich nicht aus eigener Kraft aufrichten. Rico trat herzu und schaute das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Armchen, kleine magere Finger und ein so kleines Gesicht, wie es Rico nie an einem Buben gesehen hatte. Zwei große Augen schauten Rico durchdringend an. Das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen Sehnsucht hatte, schaute alles ganz genau an, was auf seinen einsamen Weg kam.

»Wie heißt du?« fragte das Büblein jetzt.

»Rico«, war die Antwort.

»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.

»Bald elf Jahre.«

»Und ich auch bald«, sagte das Büblein. »Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein: »noch nicht völlig vier bist du, so schnell geht's nicht.«

»Spiel wieder!« sagte der kleine Silvio. Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen. Rico stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio konnte nicht genug bekommen; sobald Rico ein Stück fertig hatte, so ertönte sein: »Spiel wieder!«

So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt. Da ging die Mutter weg und kam mit einem Teller wieder, gefüllt mit goldgelben Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen, sich an das Bett setzen und mit Silvio Trauben essen.

Sie ging ein wenig in den Garten hinaus, sah ihre Sachen nach und war froh darüber; denn sie konnte fast nie von dem Bett des Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich. So war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen konnte.

Unterdessen verstanden sich die beiden vortrefflich. Auf Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch geriet es ihm, sich verständlich zu machen, wo er nicht gleich das rechte Wort wußte. Die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter hatte Muße, die Blumenbeete, die Weinreben, die schönen Feigenbäume im Acker und ringsum alles anzusehen, ohne daß Silvio ein einziges Mal gerufen hätte.

Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico aufstand, um fortzugehen, schlug Silvio großen Lärm und hielt Rico mit beiden Händen fest. Er wollte ihn nicht loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen und alle Tage wieder. Aber Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun den Silvia. Sie versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin zu gehen und mit ihr zu sprechen; Rico könne von sich aus nichts versprechen, er müsse folgsam sein.

Endlich ließ der Kleine seinen neuen Freund los und gab ihm die Hand. Dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es so still war, wo alles gut aussah und Silvio und die Mutter so freundlich zu ihm waren.

Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends Frau Menotti wohlgekleidet in die »Goldene Sonne« ein. Die Wirtin lief ihr entgegen und führte sie in den oberen Saal. Frau Menotti fragte höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein paar Abende in der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das kranke Büblein so gut, und sie wollte gern dafür in jeder gewünschten Weise erkenntlich sein.

Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie um eine Gefälligkeit bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico an jedem freien Abend kommen würde. Frau Menotti übernahm dagegen, für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin mit dieser Regelung überaus zufrieden war; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. Die Frauen schieden in der größten Zufriedenheit voneinander.

So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Vor Jahren hatte er es auch einmal gekonnt. Ein Wort nach dem andern fiel ihm ohne Mühe wieder ein; und er hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein ansässiger Italiener, so daß sich alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut gebrauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte; denn seine Aufgaben erfüllte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst es nicht besser tun konnte. Ja, er hatte mehr Geduld als sie, und wenn etwas zu einem Fest hergerichtet werden mußte, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es Rico tun, denn er wußte ja auch, was schön war. Wenn er seine Aufträge erledigte, war er wieder zurück, ehe die Wirtin nur denken konnte, er sei am Ort angekommen. Er brauchte keine Zeit zur Unterhaltung. Wenn ihn jemand aus-fragen wollte, kehrte er auf der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie es merkte, und es flößte ihr eine solche Achtung vor dem Jungen ein, daß sie ihn selbst nicht nach seinem Herkommen ausfragte.

So kam es, daß eigentlich niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war. Es hatte sich eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an und glaubte, er sei als ein verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös behandelt worden. Er sei entlaufen und habe viele Gefahren bestanden auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen: er verdiene auch, daß es ihm so gut ergangen sei und er den Schutz unter ihrem Dach gefun den habe.

Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man nicht wußte, wo sie alle untergebracht werden könnten. Jeder wollte den kleinen fremden Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn am ersten Abend schon gehört hatten, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.

Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann traf, sagte sie jedesmal triumphierend: »Hab ich's nicht gesagt?«

Rico hörte erst einem Tanz zu, der von drei Geigern gespielt wurde. Die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam es, daß er am späten Abend, als man zu tanzen aufhörte, alle Tänze mitspielen konnte; denn man hatte sie öfter durchgenommen.

Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico begleitet. War schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun die Gemüter erst recht ins Feuer, und es ging zu, daß Rico ein paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander los und schlagen sich tot. Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Ihm selbst wurde eine so ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's doch bald zu Ende wäre! Denn nichts war Rico so zuwider wie großer Lärm.

Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Mann: ,Hast's gesehen? Schon das nächste Mal brauchen wir nur noch z.wei Geiger.«

Und der Wirt war zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas geben.«

Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde mit den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Dort war derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht gesungen werden mußte, so ging es nun über anderen Dingen gleich laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: wenn wir nur fertig wären!

Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt auf den Tisch rollen, als er zurückkam. Denn es gehörte der Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva. Diesmal freute sich Rico; denn Riva war jener Ort über dem See, der von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht. um die herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.

Da fuhren die Musikanten am Nachmittag zusammen im offenen Kahn auf dem goldenen See hin unter blauem Himmel, und Rico dachte: wenn ich so mit Stineli hinüberfahren könnte! Wie würde sie erstaunt sein über den See, an den sie nicht glauben wollte!

Aber drüben ging derselbe Lärm los, und Rico wünschte wieder fortzukommen; denn von ferne Riva anzusehen im stillen Abendschein war viel schöner, als hier im Menschengewühl zu sitzen.

Wenn keine Tanztage waren, konnte Rico jeden Abend zu dem kleinen Silvio gehen und lange dort bleiben; denn die Wirtin wollte der Frau Menotti einen Dienst erweisen. Rico ging gern hin, das war seine Freude. Stets ging er dann am See vorbei zur schmalen Steinbrücke hin und setzte sich dort; denn dies war der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Lebendig kam ihm nun vor Augen, wie es war, als er noch daheim war. Was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und hier erinnerte er sich auch deutlich der Mutter. Dort am See hatte sie etwas ausgewaschen, ab und zu herübergesehen und ihm liebevolle Worte zugerufen. Er saß jetzt auf dem gleichen Plätzchen, das wußte er genau.

Er mußte sich zwingen, diesen schönen Ort seiner frühesten Jugend zu verlassen; aber er wußte, daß Silvio nach ihm schaute. Wenn er dann durch den Garten kam, wurde es ihm auch wieder wohl, und er trat gern .in das stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich zu ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl. Sie empfand Mitleid mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, nachdem sie die im Ort erzählte Geschichte seiner Flucht vernommen hatte. Sie fragte ihn nie nach seinem Leben in den Bergen; denn sie dachte, es wecke in ihm nur traurige Erinnerungen. Sie fühlte, daß Rico nicht die Pflege hatte, die ein Büblein in seinem Alter und von so stiller Art noch brauchte, aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es anging. Manchmal legte sie ihm leise die Hand auf den Kopf, was ihm sehr wohltat.

Dem kleinen Silvio wurde Rico täglich unentbehrlicher. Schon am Morgen begann er zu jammern und nach Rico zu begehren, und wenn seine Schmerzen da waren, schrie er noch mehr und wollte sich nicht mehr beruhigen, wenn Rico nicht kommen konnte. Denn seit Rico so fließend sprechen konnte, hatte Silvia eine neue, nie versiegende Quelle der Kurzweil bei ihm gefunzlen; das war sein Erzählen.

Rico hatte angefangen, dem Silvio von Stineli zu erzählen, und da ihm selbst dabei wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, wurde er dabei so lebendig und unterhaltend, daß der ruhige Knabe wie ausgewechselt war. Er wußte hundert Geschichten zu erzählen: wie Stineli einmal den Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte und nun immerzu aus aller Kraft daran ziehen und oben hinaus schreien mußte, während der Sami unten schrie, bis der Vater ganz langsam herbeikam; denn er nahm immer an, Kinder schrien von Natur und ohne Not. - Und wie sie dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen. Und wie alle Kinder nach Stineli schrien, wenn sie krank waren, weil sie dann vergaßen. was ihnen weh tat, wenn sie mit ihnen spielte. Und dann erzählte Rico, wie er mit Stineli auszog und wie schön das war. Seine Augen leuchteten dann so zündend, und der ganze Rico wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico schwieg, rief er gleich: »Erzähl wieder von Stineli!«

Eines Abends kam Silvio in die äußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte, morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.

Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten hereingestürzt kam, rief er immerzu: »Der Rico darf nie mehr ins Wirtshaus, er muß bleiben! Er muß immer hier sein! Du mußt hierbleiben, Rico, du mußt, du mußt!«

Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«

Frau Menotti war in großer Verlegenheit. Sie wußte wohl, was Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter keiner Bedingung. So beschwichtigte sie Silvio, wie sie nur konnte, und Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes Waislein!«

Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch ein Waislein sein!«

Nun kam auch Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach, Silvio, willst du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, das keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim ist.«

Rico hatte seine dunklen Augen auf die Frau geheftet. Sie sahen immer dunkler drein, die Frau bemerkte es jedoch nicht. Sie hatte nicht mehr an Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab. Rico schlich leise zur Tür hinaus. Frau Menotti dachte, er sei so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal auf gebracht werde, und es war ihr recht.

Sie setzte sich nun an das Bettlein und sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären, dann machst du keinen Lärm mehr. Siehst du, die Buben kann man aneinander nicht nur so wegnehmen ; denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, könnte sie kommen und mir den Silvia nehmen. Dann könntest du den Garten und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen, wo das Pferdegeschirr hängt. Rico geht so ungern da hinein; er hat dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«

»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr still und legte sich aufs Ohr.

Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da setzte er sich auf sein Plätzchen nieder, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte trostlos: »Jetzt weiß ich's, Mutter: auf der ganzen Welt bin ich nirgends daheim, nirgendwo!«

Bis in die Nacht hinein saß er so in seiner großen Traurigkeit und wäre am liebsten gar nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er endlich doch wieder zurückkehren.


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