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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Sonnenschein am Gardasee

So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag schöner als der andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit ihrer Abreise gekommen war, und sie mußte mit sich kämpfen, daß sie nicht den Mut verlor; denn fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste Gedanke, der noch je auf ihr Herz gefallen war. Auch Rico wußte, was ihnen Trübes bevorstand, und sprach manchen Tag lang nur noch die notwendigsten Worte. Der Mutter Menotti wurde ganz unheimlich zumute; sie forschte der unbekannten Ursache nach. Schon lange hatte sie vergessen, daß Stineli konfirmiert werden sollte und zu diesem Zweck nach Hause mußte. Als diese Besorgnis herauskam, sagte Mutter Menotti beruhigend: »Man kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein Jahr weiter.

Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen aus den Bergen herunter, der habe Befehl, Stineli mit nach Hause zu nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein Besessener; aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht aufkommen. Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater was er will, wenn er dich nur wieder gehen läßt!«

Rico sagte gar nichts mehr. So reiste Stineli ab, und von dem Tage an lag es über dem Haus wie eine graue, schwere Wolke, wenn auch draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Haus blieb es ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben Silvia und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen fröhlicheren Empfang für mich?«

Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien Rico wieder auf der Schwelle und mit ihm Stineli. Und wie ihre Augen wieder in die Stube hereinlachten - da war der langverlorene Sonnenschein zurückgekehrt; und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich keins von allen in der Zwischenzeit hatte vorstellen können. Da saßen sie wieder am Tisch bei Silvios Bett, und es ging an ein Fragen und Erzählen und Berichten und Frohlocken über das Ende der schweren Trennungszeit. Es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken können, diesen vier Menschen könne nichts mehr mangeln zu einem herzhaften Glück. Aber Rico schien plötzlich anderes in den Sinn zu kommen. Mitten in der Fröhlichkeit verfiel er in Träumerei, wie vorzeiten. Doch hatte sie anscheinend bald ein Ziel gefunden; denn er war schnell wieder mit seinen Gedanken anwesend, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:

»Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt sie uns noch einmal fort; das halten wir nicht noch einmal aus.«

Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses Unternehmen, und es währte nicht lange, so waren alle einig darüber, daß dieser Plan später schöne Wirklichkeit werden müsse.

Einige Jahre waren wiederum vergangen. Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne« entgegen.

Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten, an seiner Seite frohäugig die junge Frau Stineli mit einem Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam im weichgepolsterten Wägelchen, von zwei fröhlichen Peschiera-Buben gezogen, der Silvia, freudeglänzend wie ein gefeierter Held, darauf folgte Mutter Menotti, ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte. Und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn das schöne Paar wollten alle sehen und die Hochzeit mitfeiern. Es war wie ein allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und wiedergekehrte Peschieraner daranging, in seiner Heimat ein festes Haus zu gründen.

Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor ihrem Haus ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie mit Überlegenheit: »Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der ,Goldenen Sonne'!« In dem Haus am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren; aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Vaterunser nie wieder vergessen wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen Chor in den Garten hinaus.


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