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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Wolken am schönen Gardasee

Es kam ein schöner Herbstsonntag. Drüben in Riva war für den Abend Tanz angesagt, und Rico sollte hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag nicht mit Stineli und den anderen zubringen. In der Woche vorher war davon schon mehrmals gesprochen worden. Wenn Rico nicht kommen konnte, war der Tag nicht mehr so licht und freudig.

Stineli suchte alles mögliche hervor, um der Sache noch eine gut Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnneschein über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir denken die ganze Zeit an dich«, hatte sie ihm gesagt, als er zuerst sagte, daß ein Tanzsonntag folge. Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige; denn Stinelis größte Freude war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber sie waren alle traurig, und es war, als machten sie auch ihn traurig; denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue sie ihm das größte Leid an.

Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen hatte, und sagte: »Ich will gehen.«

Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel. Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte. Jetzt sagte sie nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«

»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib hier, Stineli!«

»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur und laß mich gehen! «

Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer kam und sagte: »Es ist alles verloren.«

Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio. Morgen erzähl ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach jetzt keinen Lärm!«

Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging Rico nach. Als sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die erleuchtete Stube, die vom Garten her so wohnlich aussah und sagte:

»Geh wieder, Stineli. Dort gehörst du hinein und bist daheim, und ich gehöre auf die Straße. Ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es immer sein; darum laß mich nur!« »Nein, nein, so lasse ich dich nicht gehen! Rico, wohin willst du jetzt?«

»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als sie an der Böschung standen, hörten sie unten die Wellen leise flüstern, und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:

»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, ginge ich gleich fort, weit fort. Aber ich wüßte nicht, wohin. Ich muß doch immer ein Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang in Wirtshäusern geigen, wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären. Ich muß in einer Kammer schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge. Du gehörst nun in das schöne Haus und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du, wenn ich da hinabsehe, so denke ich: Hätte mich doch die Mutter hier hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser geworden.«

Stineli hatte ihm mit Kummer im Herzen zugehört, aber als er diese ,letzten Worte sagte, bekam sie einen großen Schrecken und rief: »0 Rico, so etwas darfst du nicht sagen! Du hast gewiß lange dein Vaterunser nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken gekommen.«

»Ich, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«

Das war Stineli ein schreckliches Wort.

»0, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief sie jammernd. »Sie müßte einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie gesagt hat: ,Wer sein Vaterunser vergißt, dem geht es schlecht!? 0 komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will's dich gleich lehren. Du kannst es bald wieder!«

Und Stineli fing an und sagte ihm mit warmer Teilnahme ihres Herzens zweimal hintereinander das Vaterunser vor. Als sie nun so tief beteiligt den Worten folgte, bemerkte sie, daß da gerade für Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte sie:

»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so kann er dir schon noch eine Heimat finden; ihm gehört auch alle Kraft, daß er sie dir geben kann.«

»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß er sie mir geben könnte, so will er nicht.«

»Ja, aber du mußt auch eins bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe Gott kann auch bei sich selbst sagen: ,Wenn der Rico etwas von mir will, so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen?.«

Dagegen wußte Rico nichts einzuwenden. Er schwieg eine kleine Weile, dann sagte er: »Sag noch einmal das Vaterunser, ich will's wieder lernen.«

Stineli sagte es noch einmal. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.

An dem Abend aber, als er in seiner stillen Kammer war, betete er von Herzen demütig; denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja nie darum gebeten. Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Sie erwog, ob sie über alles mit Frau Menotti reden sollte. Vielleicht könnte sie für Rico eine andere Beschäftigung finden als dies Geigen zum Tanz in den Wirtshausern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, Frau Menotti mit diesen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihr, als sie in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinen Kissen, atmete heftig und ungleich, und am Bett saß die Mutter und weinte. Silvio hatte plötzlich wieder einen Anfall und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß Stineli fort war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:

Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen. Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal meine, ich könnte es fast nicht mehr ertragen. Du bist freilich jung, aber du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mir dir darüber reden könnte. Du siehsr ja, wie es mit Silvio ist, mit meinem einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechres Gut behalten haben und genießen, obwohl wir es nicht an uns ziehen und behalten wollten. Ich will dir's von Anfang an erzählen.

Als wir uns verheirateten, Menotti und ich, besaß er einen guten Freund, der hatte seine Frau verloren. Deshalb war diesem das Land verleidet und er wollte fort. Er hatte ein Häuschen und einen großen Acker, nicht besonders gutes Land, aber eine große Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme und sagte, das Land trage ja nicht viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das Haus dazu, bis er in einigen Jahren wieder-komme. Die Freunde hielten viel voneinander und verabredeten sonst nichts weiter. Mein Mann sagte: ,Du wirst deine Sache gut wiederfinden, wenn du zurückkommst«; denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut. Das Häuschen und der Garten mußten weg, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus, alles von dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal zu meinem Mann: ,Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus dem Gut eines andern; wenn wir nur wüßten, wo er wäre«! Aber mein Mann beruhigte mich und sagte: ,Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite legte, muß er auch seinen Teil haben.«

Dann bekamen wir Silvio, und als ich entdeckte, daß das Bübbin unheilbar krank blieb, gefiel mir unser Leben nicht mehr, und oft sagte ich zu meinem Mann: ,Wir leben von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.' Und manchmal war es mir so schwer, daß ich lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber mein Mann tröstete mich wieder und sagte: ,Du wirst sehen, wie er mir mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.« Aber er kam nie. Da starb mein Mann vor vier Jahren. Ach, was habe ich seitdem ausgestanden. Ich muß immer denken: wie kann ich nur von dem unrechten Gut abkommen ohne Unrecht! Denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund wiederkommt. Dann denke ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend wäre, und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts von ihm!«

Stineli hatte großes Mitleid mit Frau Menotti; denn sie konnte sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Sie tröstete und meinte: wenn man ein Unrecht nicht wolle und es so gern gutmachen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott bitten, daß er helfe. Dieser könne schon etwas Gutes aus dem machen, was wir Verkehrtes taten, und er wolle das auch tun, wenn es uns recht leid sei. Das wisse sie alles von der Großmutter her; denn sie habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große Angst ausgestanden.

Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt habe und wie sie schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er sei ums Leben gekommen. Es sei ihr dann wieder ganz wohl geworden, als sie gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe. Frau Menotti müsse es auch so machen, dann werde ihr ganz leicht ums Herz werden. Sie könne dann immer fröhlich denken: »Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.

Frau Menotti wurde von Stinelis Worten ganz fromm gestimmt und sagte, sie wolle nun in Frieden zur Ruhe gehen. Das Mädchen hatte sie mit seiner Zuversicht gestärkt.


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