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www.digbib.org / Johanna Spyri / Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

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Johanna Spyri: Heimatlos Am Silser- und am Gardasee

Inhalt

Ein stilles Haus im Engadin

Die Schule

Die Geige des alten Schullehrers

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Der ferne, schöne See ohne Namen

Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen

Ricos Mutter

Ein wunderbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser

Am Silsersee

Ein rätselhaftes Ereignis

Ein wenig Licht

Denn was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein gutes End.

Eine lange Reise

[Abs. 1] [Abs. 2]

Die Weiterreise

Am fernen schönen See

Neue Freundschaft, und die alte nicht vergessen

Silvios großer Wunsch

Der Rat des Herrn Pfarrer

Zurück ins Engadin

Zwei frohe Reisende

Wolken am schönen Gardasee

In der Heimat

[Abs. 1] [Abs. 2]

Sonnenschein am Gardasee

Zwei frohe Reisende

Am Montag konnte die Reise erst spät vor sich gehen. Das hatte der Pferdehändler dem Rico deutlich beschrieben, so daß er über den Verlauf der Rückreise genau unterrichtet war. Nachdem nun Abschied genommen war, wanderten Rico und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopf, und den Korb trug Rico auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider füllten beide Gepäckstücke bis oben hin.

Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er wollte gern und berichtete, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.

Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter: ~Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon gestern nachgefragt!« Der Pferdehändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: ~Kommt herauf! Die andern haben hier draußen gefroren, der Wagen ist voll, und ihr seid jung.«

Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen und nahm eine dicke Decke hervor, die stopfte er um die beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging's vorwärts. Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen, was sie in den drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an. Unter dem funkelnden Sternenhimmel fuhren sie dahin und schliefen nicht während der ganzen Nacht vor lauter Freude und Vergnügen. Am Morgen waren sie am ersten See, dem Comersee. Nach der Eisenbahnfahrt gelangten sie zur gleichen Stunde, in der Rico vor drei Jahren angekommen war, in Peschiera an. Sie gingen vom Bahnhof den Weg hinunter, dem Gardasee zu. Rico wollte nicht, daß Stineli den See sehe, bevor sie an seinem Plätzchen angekommen waren. So führte er sie nun zwischen den Bäumen durch, bis sie auf einmal bei der kleinen Brücke ins Freie kamen.

Da lag der See in der Abendsonne. Rico und Stineli setzten sich auf die niedere Uferböschung und schauten hinüber. Er war, wie ihn Rico geschildert hatte, aber noch viel schöner; denn solche Farben hatte Stineli noch nie gesehen. Sie schaute hin und her nach den violetten Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er ist noch schöner als der Silsersee!« Rico hatte aber auch noch nie empfunden, wie schön er war, wie jetzt, da er ihn mit Stineli zusammen sah.

Im stillen hatte Rico noch eine Freude: wie wollte er Silvio und seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er sobald zurück sein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und nun saßen sie schon da am See. Rico mußte Stineli zeigen, wo die Mutter gestanden hatte, wenn sie am See wusch, und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn an der Hand hielt.

»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das Haus gefunden, in das ihr hineingegangen seid?«

Rico verneinte. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der Mutter gewesen, habe auf einer Stufe gesessen und vor uns die roten Blumen gesehen, aber von allem kann ich nichts mehr entdecken. Und den Weg hinauf linde ich nicht, auf den kann ich mich nicht mehr besinnen.«

Endlich standen sie auf und gingen zu Frau Menottis Haus. Rico trug den Sack und Stineli den Korb. Als sie in den Garten eintraten, erstaunte Stineli und rief laut: »0 wie schön, o die schönen Blumen! «

Das schnellte den Silvio hoch wie eine Feder. Er schrie aus Leibeskräften: »Rico kommt mit Stineli!«

Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt. Sie warf die Sachen, au denen sie arbeitete, beiseite und eilte herbei.

In dem Augenblick trat Rico unter die Tür, und vor Schrecken und Freude hätte er die gute Frau fast umgeworfen; denn bis auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte Rico ans Leben gehen.

Hinter Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen Gesicht, daß es sogleich der Frau Menotti Herz gewann. Erst mußte sie aber dem Rico beide Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli schnell an das Bettchen und begrüßte Silvio. Sie legte den Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm freundlich ins Gesicht, als hätten sie sich schon lange gekannt und gern gehabt, und Silvio packte sie gleich um den Hals und zog sie auf sein Gesicht herunter.

Dann legte Stineli ein Geschenk aufs Bett, das sie in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das Peterli von jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannenzapfen, dem in jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen aus Pantoffelholz festgemacht. Diese Figürchen zappelten lustig gegeneinander und verbeugten sich; sie hatten von Rötel und Kohle so feurig bemalte Gesichter, daß Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.

Unterdessen hatte die Mutter von Rico über den sicheren und glücklichen Verlauf der Reise das Notwendigste vernommen. Sie kehrte sich nun zu Stineli und begrüßte sie mit aller Herzlichkeit. Stineli sprach mehr mit ihren freundlichen Augen als mit dem Mund. Sie konnte nicht Italienisch und mußte sich mit den wenigen ihr bekannten romanischen Wörtern helfen, so gut sie konnte. Aber sie war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich zurecht, und wo sie das Wort nicht fand, da beschrieb sie die Sache gleich mit den Fingern und allerhand Zeichen, was Silvio unbeschreiblich kurzweilig vorkam; denn so ging's zu wie in einem Spiel, wo es immer etwas zu erraten gab.

Nun ging Frau Menotti an den Schrank, wo alles bereit lag, was man zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch, das kalte Huhn, die Früchte und der Wein. Sobald Stineli das bemerkte, lief sie augenblicklich hin, trug herzu, deckte den Tisch und war so erstaunlich flink, daß Frau Menotti gar nichts mehr zu tun übrig blieb, als nur verwundert zuzusehen. Bevor sie nur Zeit hatte, zu überlegen, was nun folgen werde, war schon alles ordentlich vorgerichtet. Wie es sein mußte, und auf einem Brett dem Silvio vorgelegt, was diesem sehr gut gefiel.

Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht gehabt; aber jetzt komm und setze dich, Stineli, und iß mit uns.«

Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, als hätten sie immer zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann berichtete Rico von der Reise, und derweilen stand Stineli auf und räumte leise alles wieder weg in den Schrank hinein; sie wußte nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Nun setzte sie sich ganz nah an Silvios Bett und machte Figuren mit ihren gelenkigen Fingern, so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte Silvio hell auf und rief: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine Spinne mit langen Beinen!«

So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es zehn Uhr schlug. Rico stand auf, er wußte, daß er nun gehen mußte. Es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte kurz »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber Stineli lief ihm nach, und ,im Garten nahm sie ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht traurig werden, Rico! Es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir gefällt. Wie froh bin ich! Das alles habe ich dir zu danken! Und morgen kommst-du wieder, und alle Tage. Freut es dich nicht, Rico?«

»Ja«, sagte er und schaute Stineli niedergeschlagen an, »und alle Abende, wenn's am schönsten ist, muß ich weg und gehöre zu niemand.«

»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli.

»Wir haben doch immer zueinander gehört, und ich habe mich drei Jahre lang immer darauf gefreut, daß wir wieder einmal zusammenkommen werden. Wenn es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein wollen, dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder bei Rico sein könnte, wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so gekommen, daß ich keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du dich nicht mit mir freuen, Rico?«

»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute Stineli heller an. Er gehörte doch zu jemand; Stinelis Worte hatten ihn wieder ins Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann ging Rico zum Garten hinaus.

Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung Silvia Gutenacht sagen wollte, ging ein neuer Kampf an. Er wollte sie durchaus nicht von sich weglassen und rief einmal ums andere: »Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bett sitzen! Sie sagt lustige Worte und lacht mit den Augen.«

Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du jetzt Stineli die ganze Nacht über fest, daß sie nicht schlafen kann; dann ist sie morgen krank wie du und kann nicht aufstehen, und du siehst sie nicht mehr für lange Zeit.«

Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte, und sagte:

»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«

Das versprach Stineli, und nun zeigte Frau Menotti ihr ein sauberes Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg.

Mit jedem Tage wurde Stineli nun dem kleinen Silvia unentbehrlicher; wenn sie nur zur Tür hinausging, sah er das als ein Unglück an. Dafür war er aber auch ordentlich und gut, wenn sie bei ihm war, tat alles, was sie ihn hieß und plagte seine Mutter nicht mehr. Es war auch, als ob das zappelige Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen Schmerzen verloren habe. Noch nie hatte es gejammert, seit sie an seinem Bett saß, und doch war nun schon mancher Tag seit jenem ersten Abend hingegangen.

Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von Unterhaltungen, und alles, was sie in die Hand nahm, und was sie tat und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für Silvio; denn Stineli hatte sich von klein auf nach den kleinen Kindern richten und immerfort darauf bedacht sein müssen, sie zufrieden zu erhalten mit Worten, Händen und Blicken, und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.

So war Stineli unbewußt in ihrem Sein und ganzen Wesen schon die allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Die gelehrige Stineli hatte bald dem Silvio ganze Sätze abgelauscht und schwatzte unverzagt mit ihm drauflos, und wenn sie die Wörter noch verkehrt gebrauchte, hatte er einen Hauptspaß daran, und die Sache war für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.

Die Mutter konnte Rico nie in den Garten treten sehen, ohne daß sie ihm entgegenlief. Jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und wann es ihr gefiel. Sie nahm ihn gern noch ein wenig auf die Seite, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe, wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen Leben noch nie, und wie sie nur nicht begreife, daß es ein solches Mädchen geben könne. Mit Silvio sei es ganz kindlich und gerade so, als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein Kurzweil machten. Mit Stineli könne man vernünftig reden; sie habe eine Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau. Seit sie Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst, und sie habe alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte nicht genug Worte finden, um das Mädchen in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu loben, und Rico hörte ihr gern zu.

Wenn sie dann alle beisammensaßen und immer eins das andere freundlich ansah, als wollte keines mehr vom anderen weggehen, hätte man denken können, das seien die glüddichsten Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwarzer, sobald es zehn Uhr schlug, und wenn auch Frau Menotti in ihrer frohen Stimmung nichts merkte, sah Stineli dies sehr gut, und heimlich bekümmerte sie sich und dachte: »Es ist wie vor einem Gewitter!«


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