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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

16 - Die Aussicht nach der Heimat

Die vier Besucher des Ringes begaben sich über die mittlere Galerie nach der Treppe zur oberen. Hier gelangten sie in die weite Halle, von welcher aus die Abfahrt der Raumschiffe stattfand. Das rege Leben, das hier geherrscht hatte, begann sich jetzt zu beruhigen. Denn die Einschiffung der Abreisenden war vollendet, und ihre Begleiter verließen soeben das Schiff. Die Luke sollte geschlossen werden.

Hil mit seiner Begleitung hatte sich doch verspätet, und so mußten Grunthe und Saltner sich diesmal darauf beschränken, das Raumschiff von außen zu betrachten. Sie trösteten sich damit, daß in drei Tagen bereits eine neue Abfahrt stattfände; überdies fesselte sie der Anblick, der sich ihnen darbot, zur Genüge.

Die riesige Halle besaß einen Radius von 60 Meter. An ihrer Decke, und zwar rings um den Rand herum, befanden sich kreisförmige Einschnitte. Auf fünf von ihnen ruhte je ein Raumschiff, so daß das untere Segment desselben in die Halle hineinragte und von hier aus zugänglich war. Der überwiegende Teil jedes Raumschiffs befand sich natürlich oberhalb der Decke nach außen, wodurch die Halle, wenn man sie von oben her hätte betrachten können, wie von fünf Riesenkuppeln gekrönt erschienen wäre. Bei vollbesetzter Station hätten sich acht Kuppeln über der Halle erhoben. Die Martier waren imstande, acht Raumschiffe gleichzeitig auf der Station zu halten. Die vorhandenen fünf Schiffe sollten in dreitägigen Zwischenräumen die Station verlassen; sie vermochten sämtliche anwesende Martier fortzufahren, so daß also der Aufenthalt der Martier auf der Insel in fünfzehn Tagen beendet sein mußte. Man konnte durch die vollständig durchsichtige Decke die Außenseite der Schiffe genau betrachten. Sie stellten vollkommene Kugeln dar, die mit ihrem größten Umfang noch weit über den Rand der Galerie hinausragten. Auch nicht der geringste Vorsprung, nicht die kleinste Unebenheit war an ihnen zu entdecken. Die äußeren Hüllen dieser Kugeln waren durchsichtig. Man erblickte hinter ihnen die innere Kugel, den eigentlichen Schiffsraum, von welchem aus eine Reihe von Öffnungen in den Zwischenraum zwischen beiden Kugeln hineinführte. Dieser über zwei Meter breite Raum trug in regelmäßiger Anordnung allerlei Gerüste, die den verschiedenen Zwecken der Raumfahrt dienten. Jetzt waren sie zum größten Teil von den Martiern besetzt, die mit ihren Freunden in der Abfahrtshalle noch Abschiedsgrüße austauschten.

An der tiefsten Stelle der Kugel befand sich ein abgegrenzter Raum, der die Kommandobrücke bildete. Hier erschien jetzt Jo. Er warf einen Blick auf die Apparate, die rings um seinen Platz angeordnet waren. Dann grüßte er mit einer Handbewegung in die Halle hinein und drückte auf einen Knopf. In diesem Augenblick leuchtete zu seinen Füßen auf der Innenseite der durchsichtigen Kugel das Bild eines Kometen und der Name des Schiffes, das der ›Komet‹ hieß, in bläulichem Fluoreszenzlicht auf. Dies war das Zeichen, daß der ›Komet‹ bereit war, seine Reise anzutreten.

Man hatte schon vorher die ganze Galerie, die sich um ihre vertikale Achse drehen ließ, für die Abfahrt passend eingestellt. Genau in der Sekunde, in welcher diese stattfinden sollte, mußte der Punkt der Galerie, wo das Schiff sich befand, von der Sonne abgewendet stehen. Denn sobald das Schiff bei seiner Abfahrt völlig schwerelos gemacht wurde, bewegte es sich in der Tangente der Erdbahn. Da aber die Erde gleichzeitig in ihrer Bahn fortlief, so hatte dies zur Folge, daß das Schiff in bezug auf die Erde sich auf einer Linie entfernte, welche genau von der Sonne fortwies. Nach dieser Richtung hin also mußte die Bahn frei sein. Die Sonne hatte den niedrigen Stand von gegen sieben Grad über dem Horizont, die Bewegung wich somit von der horizontalen wenig ab.

Die Martier im Innern der Abfahrtshalle fuhren jetzt auf Schienen eine eigentümliche Hebemaschine unter das Schiff. Sie bestand in einem oben offenen, unten geschlossenen Zylinder, welcher dazu diente, das Schiff aus seinem Lager zu heben und gleichzeitig die Öffnung der Abfahrtshalle luftdicht zu schließen. Der Zylinder wurde in die Höhe geschraubt und hob dadurch auf seinem oberen Rande das fast schon schwerelos gemachte und darum leicht bewegliche Schiff empor. Als das Schiff so hoch gebracht war, daß sein tiefster Punkt höher stand als das Dach der Halle, wurde der Hebungszylinder angehalten. Auf ein gegebenes Zeichen mußte er herabfallen und damit das Schiff freigeben.

Der entscheidende Augenblick nahte. Die vollkommene Diabarie des Schiffes mußte genau in dem berechneten Moment eintreten, wenn nicht die Disposition der ganzen Raumreise dadurch verändert werden sollte.

Jo hatte seinen Blick auf die Uhr gerichtet, während seine Hand den Griff des diabarischen Apparats umfaßt hielt. Mit größter Aufmerksamkeit beobachtete ihn der Ingenieur im Innern der Halle, um das Zeichen zum Fallen des Stütz-Zylinders zu geben.

Jetzt blickte Jo hinab und drückte auf den Griff. Zugleich sank der Zylinder nach unten. Die riesige Kugel schwebte, vollständig frei, dicht über dem Dach der Halle.

Die Martier im Schiff und in der Halle schwenkten grüßend Hände und Tücher. Mit angehaltenem Atem folgten Grunthe und Saltner dem wunderbaren Schauspiel, das so gar keine Ähnlichkeit mit dem Aufstieg eines Luftballons hatte. Es schien den Menschen, als müßte die freischwebende Riesenmasse sie im nächsten Augenblick zerschmettern.

In den ersten Sekunden bemerkte man kaum, daß das Raumschiff sich bewege, denn die Abweichung von der Erdbahn, welche in der ersten Sekunde nur 3 Millimeter beträgt, steigt nach 10 Sekunden erst auf 30 Zentimeter. Nach einer Minute aber war die Entfernung schon auf 11 Meter gewachsen. Die Kugel passierte jetzt den Rand der Galerie und schwebte frei über der unendlichen Tiefe, 6.300 Kilometer hoch über der Erde. Selbst die geübten Luftschiffer Grunthe und Saltner überkam ein beängstigendes Gefühl, als sie das Schiff so ganz langsam, ohne jede bemerkbare Triebkraft, über den Abgrund ziehen sahen. Schon wuchs die Entfernung merklicher. Nach zwei Minuten war es 44, nach drei Minuten 100 Meter entfernt, und immer mehr verschwanden die wehenden Tücher. Genau in der Richtung der Sonnenstrahlen, sanft nach unten geneigt, hart am Rand des – übrigens im leeren Raum nicht sichtbaren – Schattens des Ringes zog das Schiff hin. Die Kugel wurde sichtlich kleiner; nach zehn Minuten hatte sie einen Abstand von 1.100 Metern erreicht.

»Es ist nun hier weiter nichts mehr zu sehen«, sagte Hil zu Saltner. »Wenn es Ihnen recht ist, werfen wir jetzt einen Blick auf die Erde durch unsern großen Apparat.«

»Wie lange kann man den ›Komet‹ noch erblicken?« fragte Grunthe.

»Mit dem Fernrohr«, erwiderte Hil, »können wir ihn so lange sehen, bis er Richtschüsse gibt und durch den Erdschatten geht. Wie mir Jo sagte, beabsichtigt er dies zu tun, sobald er 1.000 Kilometer von hier entfernt ist. Das wird in 5 Stunden der Fall sein. Nachher entfernt er sich natürlich mit viel größerer Geschwindigkeit, weil er von der Erdbahn abbiegt.«

»Kann man die Lösung der Richtschüsse von hier beobachten?«

»Davon sehen Sie gar nichts. Ich will Ihnen jetzt etwas Interessanteres zeigen, und Sie sollen mir mancherlei erklären.«

In der inneren auf der Unterseite des Ringes befindlichen Galerie traf die kleine Gesellschaft auf Las Vater, der erst jetzt Saltner und Grunthe freundlich begrüßte, da er bisher zu sehr mit der Expedition des Schiffes beschäftigt gewesen war. Hil bat um Erlaubnis, das große Instrument der Station benutzen zu dürfen. Fru erklärte sich gern bereit, selbst die Einstellung zu übernehmen.

»Aber du mußt die ganz starke Vergrößerung anwenden«, sagte La schmeichelnd zu ihrem Vater, »der arme Bat hier möchte einmal sehen, wo er zu Hause ist.«

»Und die neugierige La auch, nicht wahr? Nun, du weißt, es kommt alles auf die Beleuchtung an.«

Es gesellten sich noch einige andere Martier hinzu, die ebenfalls die Gelegenheit wahrnehmen wollten, sich die Erde von ihren Bewohnern erklären zu lassen.

»Ach«, sagte Saltner leise zu La, »das wird eine große Gesellschaft, da werden wir wohl nicht viel zu sehen bekommen.«

»Warte nur ab«, antwortete sie ebenso, »das wird gerade hübsch. Du weißt ja gar nicht, wie man bei uns ins Fernrohr sieht.«

Man sammelte sich vor einer geschlossenen Tür.

»Sie denken vielleicht«, sagte La, »daß bei uns jeder für sich durch ein Rohr guckt. O nein, das ist viel bequemer.«

Fru öffnete die Tür. Man trat in ein vollständig verdunkeltes Zimmer, das nur künstlich durch eine Lampe beleuchtet war. Die eine Wand war rein weiß, alle übrigen schwarz angestrichen. Man gruppierte sich vor der weißen Wand, im Vordergrund La, Saltner und Grunthe als Gäste neben ihr. Hinter den Zuschauern befand sich ein Gestell mit verschiedenen Apparaten und Meßinstrumenten, von welchem aus schwarz angestrichene Rohre nach der Decke liefen. Hier stellte sich Fru auf. Das Licht verlosch. Nur die Schrauben und Skalen der Apparate phosphoreszierten in schwachem Eigenlicht.

Als Fru den Verschluß des Suchers öffnete, projizierte sich auf der Wand ein Teil des südlichen Sternenhimmels, und nach einigen Verschiebungen erschien das Bild der Erde, nicht vergrößert, aber sehr scharf in allen Umrissen. Es nahm fast die ganze Fläche der Wand ein, und man konnte deutlich die Abnahme der Beleuchtung an der Schattengrenze beobachten, die jetzt schon etwas weiter nach Westen gerückt war. Zum Glück zeigte sich der Himmel über Deutschland ganz klar, so daß Fru nicht zweifelte, die stärkste Vergrößerung anwenden zu können. Fru ersuchte Grunthe, ihm auf dem Bild an der Wand die Stelle zu bezeichnen, an welcher ungefähr die Hauptstadt seines Landes zu suchen sei. Grunthe deutete auf einen Punkt in Norddeutschland und Fru stellte nun den Projektionsapparat so ein, daß dieser Punkt genau in die Mitte des Bildes kam. Jetzt wandte er hundertfache Vergrößerung an, um die Stadt Berlin erkennen zu lassen. Die Entfernung von der Außenstation bis nach Berlin betrug 8.600 Kilometer; bei der angewandten Vergrößerung wurden also die Gegenstände bis auf 86 Kilometer nahegerückt, und es war somit möglich, Ausdehnungen von etwa hundert Meter Länge zu unterscheiden und bei besonders heller Beleuchtung auch noch kleinere. Der Kreis an der Wand, der jetzt freilich sehr viel lichtschwächer erschien, zeigte sich von bräunlichen und grünlichen Streifen und Vierecken bedeckt, die an zahlreichen Stellen von dunkleren, unregelmäßigen Flecken unterbrochen waren; jene waren die bebauten Felder, diese die dazwischen liegenden Wälder und Seen.

Grunthe hatte richtig geschätzt. An der rechten Seite des Bildes waren die ausgedehnten Seen der Havel bei Potsdam unverkennbar, links erschien noch der Lauf der Oder bei Frankfurt auf dem Bild. Eine verwaschene Stelle nach rechts unten zeigte die von Rauch erfüllte Atmosphäre der Millionenstadt an. Diese wurde nun in die Mitte der Projektion gebracht und nochmals um das Zehnfache vergrößert. Dadurch rückte die Stadt bis auf kaum neun Kilometer an den Standpunkt des Beschauers heran. Es war, als ob man sie aus einem dreitausend Meter über dem Nordende der Stadt schwebenden Luftballon betrachtete, nur freilich bei einer außerordentlich matten Beleuchtung. Der auf der Wand abgebildete Kreis umfaßte in Wirklichkeit einen Durchmesser von zehn Kilometern.

Dem Mangel an Licht, welcher eine Folge der Projektion bei starker Vergrößerung war, konnten die Martier durch eine ihrer genialen Erfindungen abhelfen; sie schalteten in den Gang der Lichtstrahlen ein sogenanntes optisches Relais ein. Die Strahlen passierten dabei eine Vorrichtung, durch welche sie neue Energie aufnahmen, und zwar jede Farbengattung genau Licht derselben Art und im Verhältnis ihrer Helligkeit. Dadurch erhielt das ganze Bild, ohne seinen Charakter zu verändern, die erforderliche Lichtstärke. Eins aber konnte freilich nicht entfernt werden – der über der ganzen Stadt lagernde Dunst und Qualm. Die Felder nördlich von der Stadt und ein Teil der Vororte waren zu erkennen. Man bemerkte die feinen Linien, von einem Rauchwölkchen gekrönt, welche die der Hauptstadt zustrebenden Eisenbahnzüge vorstellten. Das Häusermeer selbst aber verschwamm in einem grauen Nebel, über den nur die Türme und Kuppeln der Kirchen hervorragten. Deutlich erkannte man den Reflex der Sonne an dem Dach des Reichstagsgebäudes und an der Siegessäule.

Grunthe und Saltner hatten natürlich schon öfter Gelegenheit gehabt, bei ihren Gesprächen mit den Martiern die wichtigsten geographischen und politischen Aufklärungen über die Menschen zu geben. Sie würden noch besseres Verständnis dafür gefunden haben, wenn nicht die Inselbewohner als Techniker hauptsächlich mathematisch-naturwissenschaftlich gebildet gewesen wären, so daß ihre historischen Kenntnisse nur der allgemeinen Bildung der Martier entsprachen. So wußten diese bloß im allgemeinen zu sagen, daß ihnen die Einrichtungen der Erde auf dem Standpunkt zu stehen schienen, den man auf dem Mars als Periode der Kohlenenergie bezeichnete. Sie lag für die Geschichte der Martier um mehrere hunderttausend Jahre zurück. Rassen, Staaten und Stände in heißem Konkurrenzkampf um Lebensunterhalt und Genuß, die ethischen und ästhetischen Ideale noch nicht rein geschieden von den theoretischen Bestimmungen, der Energieverbrauch ganz auf das Pflanzenreich angewiesen, ob diese Energie nun von der Landwirtschaft aus den lebenden oder von der Industrie aus den begrabenen Pflanzen, den Kohlen, gezogen wurde.

»Woher kommen diese Nebel über Ihren großen Städten?« fragte einer der Martier.

»Hauptsächlich von der Verbrennung der Kohle«, erwiderte Grunthe.

»Aber warum nehmen Sie die Energie nicht direkt von der Sonnenstrahlung? Sie leben ja vom Kapital statt von den Zinsen.«

»Wir wissen leider noch nicht, wie wir das machen sollen. Übrigens sind die Kohlen doch nur zurückgelegte Zinsen, die unsere geehrten Vorfahren im Tierreich nicht aufzehren konnten.«

»Die Wolken sind häßlich, man kann ja nichts deutlich sehen«, sagte La.

»Ich wünschte«, sprach Hil mehr für sich als zu den andern, »wir hätten bei uns einen Teil Ihrer Wolken. Welch gewaltige Wasserbecken haben Sie auf der Erde!«

»Es ist aber hier an der Stadt wirklich nichts zu sehen«, bemerkte Fru. »Die Luft ist zu unruhig in größerer Höhe über der Stadt, wir bekommen keine klaren Bilder.«

»Lassen Sie uns einmal meine Heimat schauen«, rief Saltner. »Bitt’ schön! Da ist die Luft klar wie auf dem Mars.«

»Das wollen wir sehen«, sagte La. »Aber Heimweh dürfen Sie nicht bekommen.«

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie reisen müssen. Drehen Sie einmal so, daß wir nach Westen kommen –«

»Wie weit ist es bis nach Ihrer Heimat?«

»Von Berlin? Nun so siebenhundert Kilometer oder etwas mehr werden’s wohl sein.«

»Nun, da kommen wir doch rascher zum Ziel, wenn wir erst noch einmal die hundertfache Vergrößerung nehmen und dann einstellen. So, jetzt dirigieren Sie. Das Bild faßt nunmehr hundert Kilometer im Durchmesser.«

»Also westlich bitte – aber nicht zu schnell, sonst erkenn ich nichts. Das ist Potsdam, nun weiter –. Das ist die Elbe – meinen Sie nicht, Grunthe? Das dort muß Magdeburg sein – halt! Nun immer direkt südlich.«

Fru ließ die Karte von Deutschland über die Tafel wandern. Der Harz, die Hügel- und Waldlandschaften Thüringens und des fränkischen Jura zogen schnell vorüber, die bayerische Hochebene beherrschte das Bild.

»Das dort muß München sein, da ist’s schön!« rief Saltner. »Bitte, machen Sie einmal groß. Und dann erst weiter, dann kommen die Alpen.«

Fru stellte den Apparat wieder auf tausendfache Vergrößerung und schaltete das optische Relais ein. Die Hauptstadt Bayerns zeigte ihre Kuppeln.

»Jetzt dachte ich doch wirklich einen Augenblick«, rief La, »dort eine Frau zu erkennen. Aber das müßte ja eine seltsame Riesin sein.«

»Das ist sie auch«, sagte Saltner lachend. »Es ist die Bildsäule der Bavaria, die Sie sehen.«

»Bavaria? Wodurch hat sich die Frau so verdient gemacht, daß man ihr Bildsäulen setzt? Hat sie ein Problem gelöst?«

»Die Bierfrage«, sagte Saltner.

»Die Bildsäule stellt die Personifikation eines unsrer Staaten vor«, erklärte Grunthe.

»Warum nehmen Sie aber dazu nicht einen Mann?« fragte La wieder.

»Das hätte Grunthe auch sicher getan, wenn er gefragt worden wäre«, neckte Saltner.

»Ich denke«, sagte Grunthe, »es ist Zeit weiterzureisen.«

»Nun immer weiter nach Süden!« rief Saltner.

Die Vorberge der Alpen erschienen im klaren Licht der Nachmittagssonne. Ein dunkler Bergsee erfüllte die Wand, dahinter erhoben sich die Spitzen der bayerischen Alpen –

»Der Walchensee!« rief Saltner.

»Das ist schön – so schön gibt es nichts bei uns –«, sagte La.

»Wartens nur«, rief Saltner, der jetzt alles um sich und beinahe selbst La vergaß. »Es kommt noch schöner. Nun drehens nur langsam!«

Es war ein wunderbares Wandelpanorama, das sich jetzt entfaltete. Je höher die Gebirgswelt anstieg, um so klarer und reiner wurde die Luft und damit die Schärfe der Bilder. Man betrachtete das Gebirge aus einer Entfernung von neun Kilometern und unter einem Neigungswinkel von annähernd zwanzig Grad, also wie aus einer Höhe von dreitausend Metern, doch so, daß man unter dieser Neigung stets einen Umkreis von zehn Kilometern Durchmesser vor sich hatte, entsprechend einem Flächenraum von achtzig Quadratkilometern. So sah man jetzt gerade den Nordabfall der Karwendelwand vor sich, aber man blickte darüber hinweg auf die dahinterliegenden Gebirgsketten. Alles dies erschien im höchsten Grade plastisch, genau wie ein Relief der Gegend; denn das Fernrohr wirkte durch seine Konstruktion wie ein Stereoskop.

So schob sich die Gegend nach und nach vor den Blicken der Zuschauer vorüber, als ob dieselben in einem Luftballon schnell darüber hinschwebten. Der Einschnitt des Inntals wurde passiert, und nun leuchteten hell im Sonnenstrahl die Ferner der Ötztaler Alpen. Fru war bei der Drehung des Fernrohrs nach Westen abgewichen. Wieder erblickte man den schmalen Streifen eines tief eingeschnittenen Tales, und dahinter erschien eine herrliche Berggruppe, alle Gipfel mit glänzendem Weiß bedeckt.

»Was ist denn das«, rief Saltner, »da sind wir von der Richtung abgekommen. Das ist der Ortler! Nun müssen Sie wieder nach Osten drehen – so – immer weiter! Sehen Sie, immer an diesem Streifen hin, das ist nämlich das Etschtal, und jetzt können Sie gerad hineinschauen, hier schwenkt es nach Südost ab. Noch immer weiter, bis es ganz nach Süden geht – da – da schaun Sie hin – ah, wie schade, aus dem Tal steigt die Luft so unruhig in die Höhe, aber die Etsch können Sie durchschimmern sehn. Und jetzt, ganz langsam, noch ein bißchen, hier, die Berge am linken Ufer, hier ist’s wieder klar – nun bitte, halt!«

Er beugte sich ganz dicht vor, daß der Schatten seines Kopfes auf die Wand fiel und die andern nicht mehr gut sehen konnten.

»Da, da ist’s«, rief er jubelnd, »ich kann’s deutlich erkennen. Das ist die alte Burg, links daneben liegt das Haus, mein Haus – Jesus Maria – ich kann’s wahrhaftig sehen, wie ein kleines, weißes Pünktchen! Da wohnt mein Mutterl.«

Jetzt beugte auch La sich vor.

»Wo?« fragte sie.

Mit der Spitze einer Nadel bezeichnete Saltner den Punkt.

Ihre Köpfe berührten sich. Lange betrachtete La die Gegend, als wollte sie sich jede Einzelheit einprägen. Saltner trat beiseite.

»Ich hab nun genug geschaut, mir tun die Augen weh«, sagte er und zog sich auf einen der Stühle zurück. Er bedeckte die Augen mit der Hand und saß schweigend. La setzte sich neben ihn und drückte leise seine Linke.

Nach längerer Pause, während deren Fru die Schattengrenze der Erde betrachten ließ, die jetzt schon bis an den Ural vorgerückt war, sagte La zu Saltner: »Du möchtest wohl jetzt den Mars nicht mehr sehen?«

»Warum nicht?« entgegnete Saltner. »Ich will ihn auch liebgewinnen – aber du mußt verzeihen! Es ist ein bissen viel auf einmal, was jetzt durch meinen dummen Menschenverstand geht.«

»Ja, ihr armen Menschen«, sagte La, »es wird wohl noch ein Weilchen dauern, eh ich recht begreife, wie es in solchem Kopf aussieht. Die Heimat liebhaben und die Eltern und die Freunde, das ist gut. Und was gut ist, wie kann das traurig machen?«

»Wenn man es nicht hat –«

»Nicht hat? Wie kann man das nicht haben, was doch nur vom Willen abhängt? Wer kann dir die Treue nehmen, die du für recht hältst? Diese Liebe hast du doch, ob hier oder dort, weil du sie selbst bist.«

»Aber La, kennt ihr Nume die Sehnsucht nicht?«

»Die Sehnsucht? Siehst du, du törichter Lieber, was wirfst du doch durcheinander! Also bist du gar nicht gut aus reinem Willen, sondern dich treibt das Verlangen nach dem Besitz. Und aus diesem Widerstreit bist du traurig. Oh, was seid ihr für Wilde!«

»So würdest du dich nie nach mir sehnen?«

»Nach dir? Das ist doch ganz etwas anderes. Ich hab dich doch nicht lieb, weil es Pflicht ist, weil es gut ist, sondern lieb hab ich dich, weil es schön ist zu lieben und geliebt zu werden. Deine Nähe wünsche ich, wie ich den Ton des Liedes wünsche, um mich an seiner Schönheit zu erfreuen – aber nein, das ist auch noch nicht richtig, du könntest denken, das sei nur ein Mittel zur ästhetischen Lust – nein, so brauch ich deine Liebe und Nähe, wie der Künstler die eigne Seele braucht, um das Schöne zu schaffen. – Ach, ich komme mit eurer Sprache nicht zurecht. Ihr sprecht von Liebe in hundertfachem Sinn. Ihr liebt Gott und das Vaterland und die Eltern und die Kinder und die Gattin und die Geliebte und den Freund, ihr liebt das Gute und das Schöne und das Angenehme, ihr liebt euch selbst, und das sind doch absolut verschiedene Zustände des Gemüts, und immer habt ihr nur das eine Wort.«

»Ich will dich ja ohne alle Worte lieben, du kluge La –«

Sie blickte tief in seine Augen und sprach: »Wie nennt ihr das, was niemals wirklich ist, was man nur in der Phantasie sich vorstellt, und indem man es sich vorstellt, ist das Glück wirklich in uns? Wie nennt ihr das?«

Saltner zauderte mit der Antwort, und La fuhr fort: »Und das, was man wollen muß, ob es auch nicht glücklich macht, und was im Wollen erfreut, wenn es auch nicht wirklich wird, wie nennt ihr das?«

»Ich glaube«, erwiderte Saltner, »das erste nennen wir schön, und das zweite gut.«

»Und wenn ihr eine Frau liebt, rechnet ihr das zum Schönen oder zum Guten?«

Es kam zu keiner Antwort.

»Was ist das?« hörte man plötzlich Fru laut rufen. Eine Bewegung entstand bei den Martiern. Sie drängten sich nahe an die Wand und hefteten ihre Augen auf eine bestimmte Stelle des Bildes, das soeben vom Fernrohr projiziert wurde.

Grunthe hatte Fru gebeten, ihm die Einrichtung des Apparats zu erklären. Hierbei hatte Fru die Schrauben hin und her gedreht, das Bild der Erde war nicht mehr im Gesichtsfeld, zahllose Sterne liefen infolge der Umdrehung der Erde über den projizierten Teil des Himmels. Jetzt setzte Fru, weiter demonstrierend, das Uhrwerk in Gang, welches das Fernrohr der Erdbewegung entgegen drehte, so daß die Sterne auf dem Bild stillstanden. Fru warf einen Blick auf den Teil des Himmels, der sich zufällig eingestellt hatte. Es war ein Stückchen der ›südlichen Krone‹, das sich abbildete. Verwundert blickte er schärfer hin. Er kannte die Stelle zu genau, als daß ihm nicht ein Stern hätte auffallen sollen, der sich sonst nicht hier befand. Einer der Asteroiden konnte es nicht sein. Er änderte die Einstellung ein wenig und erkannte daran, daß der fragliche Körper sich in verhältnismäßig großer Nähe befinden müsse.

Dies hatte ihn zu dem lauten Ausruf veranlaßt. Aufmerksam prüften alle den Lichtpunkt, der sich deutlich von den Bildern der Fixsterne als eine kleine rötliche Scheibe unterschied.

»Es ist ein Schiff!« rief endlich einer der Martier.

»Der ›Komet‹?« fragte Grunthe.

»Das ist nicht möglich«, sagte Fru. »Es ist der ›Glo‹! Kein Zweifel, er ist an seiner roten Farbe kenntlich, es ist das Staatsschiff.«

»Die Ablösung!« hieß es in den Reihen der Martier.

»Und Instruktionen von der Regierung«, rief Fru.

»Wie lange Zeit braucht das Schiff noch bis zur Ankunft?« fragte Grunthe.

»Darüber können noch Stunden vergehen. Aber trotzdem muß ich leider um Entschuldigung bitten, daß ich Ihnen heute den Mars nicht mehr zeigen kann. Ich hoffe, es wird nächstens Gelegenheit dazu sein. Denn ich muß sofort die Vorbereitungen zur Landung treffen. Und deshalb, so leid es mir tut, muß ich auch den Flugwagen früher als beabsichtigt hinabgehen lassen. Sie müssen also die Güte haben, sich zur Rückfahrt nach der Insel bereitzuhalten.«

Fru verabschiedete sich herzlich von Grunthe, Saltner und La, und diese wie die übrigen Martier begaben sich nach der Abfahrtsstelle der Flugwagen, um auf die Insel zurückzukehren.


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