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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

Am Horizont zeigte sich eine Rauchwolke, die sich vergrößerte. Das Dampfschiff, nach Süden steuernd, und das nach Norden fliegende Luftschiff, das seine Geschwindigkeit sogleich steigerte und die Flügel verkürzte, näherten sich rasch. Bald konnte man die Formen des Schiffes durch das Glas unterscheiden. Der Wimpel am Großtopp ließ es als Kriegsschiff erkennen. Jetzt hatte man auch an Bord der ›Prevention‹ das Luftschiff gesehen. Dieses senkte sich bis auf hundert Meter über die Oberfläche des Meeres und schoß direkt auf das Kanonenboot zu. Dort stieg eine weiße Dampfwolke in die Höhe, und ein Kanonenschuß donnerte über die Flut. Man konnte jetzt die Flagge erkennen.

»Es ist ein Engländer«, sagte Ell. »Er fordert uns auf, unsere Flagge zu zeigen.«

Eine Flagge führte zwar das Luftschiff nicht, man hatte aber diesen Fall vorgesehen und, um keine besonderen Verwicklungen hervorzurufen, eine Flagge improvisiert, die dem Banner der vereinigten Marsstaaten nachgebildet war. Sie bestand einfach in einem schwarzen Tuch von dreieckiger Gestalt, das in der Mitte einen großen orangenfarbigen Kreis trug.

Die Flagge wurde jetzt gehißt, das Luftschiff setzte aber seinen Lauf fort. Ill wollte denselben erst in unmittelbarer Nähe des Schiffes anhalten. Vorsichtshalber stieg er jedoch schnell in größere Höhe.

Ell beobachtete mit dem Glas die Vorgänge an Deck des Schiffes.

»Die gefangenen Martier sind jedenfalls unter Deck«, sagte er. »Das Schiff ist klar zum Gefecht – ich glaube, man will auf uns schießen. Willst du nicht lieber anhalten?«

»Wie ist das Schiff bewaffnet?« fragte Ill.

»Es ist, soviel ich davon verstehe, ein sogenannter Torpedo- Rammkreuzer. Den Rammsteven und die Torpedos haben wir freilich nicht zu fürchten, aber das 25-Zentimeter-Geschütz auf dem Deck ist eine furchtbare Waffe. Es schleudert mit einer Geschwindigkeit von über 600 Metern Granaten, die vielleicht den dritten Teil des Gewichts unseres ganzen Schiffes haben. Ein einziger Schuß zerschmettert uns in Atome.«

»Wenn er uns trifft. Aber wie du siehst, sind wir bereits wieder auf achthundert Meter gestiegen und dem Schiff so nahe, daß sie dem Geschütz nicht die genügende Erhebung geben können.«

Ein gewaltiger Knall unterbrach ihn. Kapitän Keswick hatte sein Riesengeschütz sprechen lassen. Aber das Geschoß flog, bedeutend tiefer als das Luftschiff, unter ihm hin, ohne Schaden zu tun.

»Die Sache ist nicht so gefährlich«, sagte Ill, »selbst wenn wir in der Schußlinie wären, könnten wir den Schuß aufnehmen – da wir dreimal so viel Masse haben als das Geschoß, würde es uns nur eine Geschwindigkeit von höchstens zweihundert Metern geben, und das ist für uns das Gewöhnliche.«

Ell sah ihn erstaunt an.

»Ich meine, wenn wir den Stoß auffangen.«

»Aber wir werden doch zerschmettert.«

»Keine Sorge! Wir müssen nur aufpassen. Jetzt aber wollen wir verhandeln.«

»Wollen Sie sich nicht lieber in die Kajüte begeben?«

Diese Frage richtete Ill an Isma, die den Vorgängen mit Herzklopfen gefolgt war. »Diese Herren sehen mir gerade so aus, als wollten sie uns mit ihren Flintenschüssen begrüßen.«

»O lassen Sie mich hier«, bat Isma. »Könnte nicht vielleicht – mein Mann – auf dem Schiff sein?«

»Das werden wir alles erfahren. Ell soll durch das Sprachrohr die Verhandlung als Dolmetscher führen.«

Wirklich beschoß man das Luftschiff jetzt aus den Gewehren. Es schwebte aber bereits so hoch und so nahe senkrecht über dem englischen Kanonenboot, daß die Kugeln ihm keinen Schaden tun konnten, obwohl sich die Engländer zum Zielen auf den Rücken legten. Jetzt fiel eines der abgeschossenen Langbleie auf das Verdeck des Schiffes selbst zurück und durchschlug seine Planken. Das Feuer mußte eingestellt werden, da die Kugeln die Schützen selbst zu treffen drohten.

Die Martier entfalteten nunmehr eine große, weiße Fahne als Zeichen der Freundschaft und des Friedens. Alsdann senkte sich das Luftschiff, immer mit gleicher Geschwindigkeit senkrecht über dem Kriegsschiff bleibend, zu diesem herab, erst schnell, dann langsamer, bis es sich in einer Höhe von etwa fünfzig Metern über den Spitzen der Masten hielt.

Die Besatzung des Schiffes bestand aus tapferen Männern. Aber bei diesem Anblick pochte allen das Herz in der Brust. Wenn die Fremden Verräter waren? Wenn sie jetzt eine Dynamitbombe herabfallen ließen jeder sagte sich, daß das Schiff dann verloren war. Und sie waren wehrlos. Aber hätte das Luftschiff feindlich vorgehen wollen, so hätte es dies sicherer aus der früheren Höhe tun können.

Der Kapitän stand mit finsteren Blicken auf der Kommandobrücke.

Jetzt zuckte er zusammen. Aus der Höhe kam ein Anruf in englischer Sprache.

»Wer seid Ihr?« fragte er durch das Sprachrohr entgegen.

Ell versuchte eine Erklärung zu geben. Das Luftschiff habe keine feindlichen Absichten. Es gehöre demselben Staat an wie die beiden Gefangenen, die sich auf dem englischen Schiff befänden. Sie seien Bewohner des Planeten Mars, die auf dem Nordpol der Erde eine Kolonie angelegt hätten. Die beiden würden zu Unrecht gefangengehalten, sie hätten sich an den Engländern nicht vergriffen, vielmehr die in den Abgrund gestürzten heraufbefördert. Das Luftschiff wolle nichts als die beiden Gefangenen zurückhaben. Man möge sie in der Nähe ans Land setzen, wo das Luftschiff sie abholen werde. Außerdem wolle man wissen, ob das Schiff Nachricht von der deutschen Nordpolexpedition Torm habe.

Kapitän Keswick erwiderte, von der Tormschen Expedition habe er bis jetzt keinerlei Spuren gefunden. Was die andere Frage beträfe, so verböte es ihm seine Ehre, mit dem Luftschiff zu verhandeln, so lange es sich über seinem eigenen Schiff in bedrohender Stellung befände. Der Kommandant möge zu ihm an Bord kommen; er garantiere ihm unbehinderte Rückkehr.

Es trat eine Pause ein. Auf beiden Schiffen wurde Kriegsrat gehalten.

Ill wollte ohne weiteres dem Wunsch des Kapitäns nachgeben und ihn besuchen, aber Ell riet ihm dringend davon ab.

»Traust du ihm nicht?« fragte Ill.

»Das nicht«, sagte Ell, »sein Wort wird er halten. Aber nach den Anschauungen der Menschen würden wir damit anerkennen, daß wir uns den Bestimmungen des englischen Kriegsschiffs unterordnen. Der Hochmut der Engländer würde dadurch nur wachsen und die Verhandlungen erschweren. Wir nehmen für uns selbst den Charakter eines Kriegsschiffs in Anspruch.«

»Es mag sein, doch liegt kein Grund vor, unsre Stellung über dem Schiff beizuhalten, wenn sie den Kapitän beunruhigt. Ich habe mich nur hierhergelegt, um überhaupt zu Wort zu kommen. Wir können ja auch jeden Augenblick hierher zurückkehren, wenn wir wollen; nur nützt es uns wenig. Mit einer Vernichtung des Schiffes zu drohen, geht nicht an, da ich sie doch nicht ausführen würde und auch die Leute sich sagen dürften, daß wir das Schiff nicht in Grund bohren werden, so lange unsere Kameraden sich darauf befinden.«

Ell rief nun durch das Sprachrohr hinab, daß sich das Luftschiff in einiger Entfernung niederlassen werde. Auf demselben befinde sich einer der höchsten Beamten des Mars, der nicht daran denke, sich zuerst dem Kapitän vorzustellen. Der Kapitän möge daher entweder zu ihm an Bord kommen oder eine Stelle am Ufer zur Zusammenkunft bestimmen. Im übrigen genüge es, wenn der Kapitän die beiden Martier ans Land sende. Das Luftschiff werde sich dann sogleich entfernen, sobald es die beiden aufgenommen hätte.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Ill das Luftschiff nach dem Land zu lenken.

Der Engländer hatte inzwischen seinen Lauf angehalten und lag jetzt still. Ihm gegenüber, etwas über einen Kilometer entfernt, in geringer Höhe über dem Ufer, schwebte das Luftschiff der Martier in vollkommener Ruhe. Flügel und Steuer waren eingezogen. Der Hinterteil des Fahrzeugs war gegen das Kriegsschiff gewendet und zeigte die Öffnung eines bis dahin nicht sichtbar gewesenen Rohres. Kapitän Keswick hatte seinen Zweck erreicht, Zeit zu gewinnen und das unheimliche Fahrzeug über seinem Kopf zu entfernen. Er fühlte sich wieder sehr erhaben. Er dachte nun erst recht nicht daran, die Gefangenen auszuliefern. Verhielt es sich wirklich so, daß sie Marsbewohner waren – und eine bessere Erklärung angesichts des Luftschiffes wußte keiner seiner Offiziere –, so wollte er sich den Triumph nicht nehmen lassen, diese seltsamen Geschöpfe nach London zu bringen. Daß man auf dem Mars auch englisch verstand und sich nach der deutschen Nordpolexpedition erkundigte, war schließlich nicht wunderbarer als die Existenz des Luftschiffes überhaupt. Die Zumutung, einem englischen Kriegsschiff Bedingungen zu stellen, hielt Kapitän Keswick für eine Frechheit. Seiner Ansicht nach hatte das fremde Schiff einfach zu gehorchen.

Er signalisierte daher jetzt, das Schiff möge sofort die Flagge streichen und sich ergeben. Da er sich aber allerdings selbst sagte, daß man drüben die Signale nicht verstehen würde, so schickte er einen Offizier in der Jolle soweit vor, bis er durchs Sprachrohr mit dem Luftschiff reden konnte, und ließ durch ihn seinen Befehl ausrichten. Das Luftschiff solle landen und die Besatzung sich von demselben ohne Waffen auf tausend Schritt zurückziehen. Geschähe das nicht, bis das Boot wieder an Bord sei, so würde er Gewalt anwenden.

Ill ließ antworten, es würde ihm sehr leid tun, wenn er seinerseits Gewalt anwenden müßte, um seine Genossen wieder zu erhalten. Bei der geringsten Feindseligkeit seitens der Engländer würde er sich jedoch gezwungen sehen, ihr Schiff kampfunfähig zu machen. Sollte einem der Martier Leides geschehen, so hafteten Kapitän, Offiziere und Mannschaft mit ihrem Leben.

Der Offizier brachte diese Antwort zurück.

»Wir werden mit den Leuten deutlicher reden«, sagte Keswick.

Leutnant Prim hätte sich gern aus Vergnügen die Hände gerieben, aber sie waren immer noch steif. Er konnte nicht einmal seinen Feldstecher halten. Das Luftschiff lag vollkommen ruhig, es konnte gar kein besseres Ziel für das 25-Zentimeter- Geschütz geben, es war nicht zu verfehlen.

Ell beobachtete, daß das Boot kaum beim Schiff angekommen war, als man das Geschütz richtete.

»Wir sind verloren«, rief er Ill zu.

Dieser hatte schon seine Vorkehrungen getroffen. Er sah scharf auf die Mündung des Geschützes.

»Halte dich fest und befürchte nichts«, sagte er zu Ell gewendet. Seine Hand lag am Griff des Repulsitapparates. Von dem Moment, in welchem der Schuß an Bord des Kriegsschiffs gelöst wurde, bis zu demjenigen, in welchem das Geschoß das Luftschiff treffen konnte, mußten fast zwei Sekunden vergehen. Das genügte ihm.

Jetzt blitzte drüben der Schuß auf. Das vernichtende Geschoß war entsandt. Ell fühlte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte, aber er vertraute auf die Kraft der Nume. Isma hatte sich auf seine Bitte schon vorher zurückgezogen und war sich der unmittelbaren Gefahr glücklicherweise nicht bewußt.

Ill hatte gleichzeitig den Griff des Repulsitgeschützes gedreht. Das Luftschiff erhielt einen Stoß und sauste durch die Luft. Hinter ihm, etwa in der Mitte zwischen dem englischen Schiff und dem martischen, gab es einen ohrenbetäubenden Krach. Die Granate zersprang in der Luft, als sei sie an eine feste, unsichtbare Mauer gestoßen. Die Bruchstücke flogen nicht weiter, sie fielen direkt nach unten und ließen das Meer unter sich aufschäumen.

Im Moment aber spannte das Luftschiff seine Flügel aus, in engem Kreis kehrte es zurück, binnen zehn Sekunden war es wieder bei der ›Prevention‹ angelangt, hinter dem Kanonenboot sank es bis zur halben Höhe seiner Masten. Ein zweiter Repulsitschuß knickte die eisernen Masten wie Strohhalme, die mit einer scharfen Sense abgeschnitten werden. Zugleich aber wurden sie wie von einem Sturmwind fortgetragen, der sie über das Schiff hinwegfegte und gegen hundert Meter weiter ins Meer fallen ließ. Auf dem Verdeck selbst wurde nichts direkt von dem Schuß betroffen; nur die entstehende gewaltige Luftwelle warf die gesamte Mannschaft über den Haufen und setzte das ganze Schiff in schwankende Bewegung. Ehe sich die Engländer wieder auf ihre Füße gefunden hatten, war das Luftschiff, in kurzer Wendung aufsteigend, umgekehrt und ruhte in etwa tausend Meter Höhe senkrecht über dem Kanonenboot.

Ill hatte nur die Wirkung seiner Waffen zeigen wollen. Der im Repulsitgeschütz sich entspannende Äther entwich mit einer Geschwindigkeit, welche der des Lichtes vergleichbar war, und riß die Luft und alles, was in seinem Weg lag, mit sich fort, obgleich seine Masse nur wenige Gramm betrug. Er breitete sich kegelförmig aus und mußte daher das ihm entgegen fliegende Sprenggeschoß auffangen und zur Ruhe bringen. Ill wollte jetzt das Luftschiff wieder sich herabsenken lassen, um neue Verhandlungen zu beginnen, aber die zur Wut gereizten Feinde beschossen es aus ihren Gewehren ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihren eigenen Kugeln getroffen zu werden. Wie sollte er nun, ohne Menschenleben zu vernichten und das Schiff selbst unbrauchbar zu machen, die Herausgabe der Gefangenen erzwingen?

Ill hätte durch den Telelyten das Geschütz demontieren oder das Schiff leck machen können. Der Telelyt ist ein Apparat, durch welchen chemische Wirkung in jeder beliebigen Form erzeugt werden kann, soweit nur die direkte Bestrahlung des Gegenstandes vom Apparat aus möglich ist. Wenn man zum Beispiel glühenden Sauerstoff durch den Telelyten treten ließ, so wurde die chemische Energie durch Strahlung fortgepflanzt und kam auf dem bestrahlten Körper, etwa dem Gußstahl des Geschützes, wieder als chemische Energie zum Vorschein, so daß der Stahl einfach verbrannt wurde.

Ill hätte auch sein Repulsitgebläse auf das Schiff richten und dieses an beliebiger Stelle auf den Strand treiben können.

Aber er wollte sich nicht dazu entschließen. Das Geschütz konnte ihm nicht schaden, wenn er sich über dem Schiff hielt, und auch sonst nicht, wenn er die Abgabe des Schusses rechtzeitig bemerkte. Und das Schiff selbst wollte er nicht untauglich zur Fortsetzung der Reise machen. Er versuchte daher nochmals zu verhandeln und ließ zu diesem Zweck wieder die weiße Fahne aufziehen, obwohl Ell meinte, daß dieses Entgegenkommen falsch verstanden werden würde.

»Was wollen die Schufte?« rief der Kapitän wütend, ließ aber das Feuer einstellen. Das Luftschiff senkte sich. Als es so nahe gekommen war, daß man sich durchs Sprachrohr verständigen konnte, fragte Ell, ob man jetzt bereit sei zu kapitulieren.

»Mit euch Freibeutern gibt es keine Verhandlungen«, schrie Keswick zurück. »Ehe ich meine Flagge streiche, sprenge ich das ganze Schiff samt euren sauberen Brüdern in die Luft.«

»Wir verlangen nicht, daß ihr die Flagge streicht«, lautete die Antwort. »Es genügt, wenn ihr die Gefangenen ans Land setzt. Aber unsere Geduld ist jetzt zu Ende. Stößt das Boot mit unseren Landsleuten nicht binnen zehn Minuten vom Schiffe ab, so macht euch auf das Schlimmste gefaßt. Bis jetzt haben wir euch nur eine Probe gegeben.«

»Der Teufel soll euch holen. Feuer auf die Hunde!« schrie Keswick wütend.

Aber schon hatte sich das Luftschiff fortgeschnellt. Nach wenigen Sekunden war es bereits wieder über einen Kilometer vom Schiff entfernt, das jetzt mit voller Dampfkraft nach Süden strebte.

Da Ill keine Zeit dadurch verlieren wollte, daß sich die Entfernung des Schiffes von der Küste vergrößerte, beschloß er zunächst, den Dampfer aufzuhalten. Er erhob sich so hoch, daß er nicht beschossen werden konnte, und richtete dann einen Repulsitstrom gegen die Meeresoberfläche in einiger Entfernung vor dem Schiff. Das Meer kochte auf, als hätte man einen Berg hineingestürzt. Ein haushoher Wogenwall wälzte sich von der getroffenen Stelle im Kreise nach außen und zwang das englische Schiff, seinen Kurs zu ändern. Alsbald erregte das Luftschiff durch einen zweiten Repulsitschuß an geeigneter Stelle einen neuen Wirbel, und so zwangen die Martier ihren Gegner, sich dahin zu wenden, wohin sie ihn haben wollten. Bald aber war die ganze Umgebung wie von einem Sturm aufgewühlt, und die ›Prevention‹ hatte die größte Mühe, sich in dem tollen Wogengang zu halten. Von einem Gebrauch des Geschützes konnte beim Schwanken des Schiffes jetzt nicht die Rede sein. Inzwischen waren die zehn Minuten Frist längst abgelaufen. Ill ließ dem Schiff noch Zeit, um einen Felsenvorsprung herum in ruhigeres Wasser zu gelangen. Hier erwartete er den Engländer.

Der Kapitän sah nun wohl ein, daß er dem Luftschiff nicht entkommen könne. Aber er war immer noch zu hartnäckig, um nachzugeben. Das Luftschiff lag wieder vollständig ruhig und ließ das Kanonenboot herankommen, während die Vorgänge auf demselben aufs genaueste beobachtet wurden. Ill konnte mit seinem Sprachrohr sich bis auf tausend Meter verständlich machen. Er rief nochmals hinüber, wenn man jetzt nicht gehorche, werde er auf das Schiff selbst schießen.

Der Dampfer machte eine Wendung und stoppte. Die Martier glaubten, es geschehe, um ein Boot auszusetzen; aber das Manöver hatte nur den Zweck, zum Schuß zu kommen. Ehe die Martier es erwarten konnten, blitzte der Schuß auf. Die Entfernung war zu kurz, um den Gegenschuß der Martier genau abzumessen. Er erfolgte sofort, aber er war zu heftig. Mit rasender Geschwindigkeit schleuderte der Rückstoß das Luftschiff fort. Die Insassen wurden von ihren Plätzen geworfen. Isma stieß einen Schrei aus und klammerte sich schreckensbleich an die Wand. Zum Glück hatte sie keinen Schaden genommen. Das Luftschiff gehorchte wieder dem Steuer, die Bewegung wurde gemäßigt, es kehrte in weitem Bogen zurück und lagerte sich in einer Entfernung von etwa acht Kilometern vom Kriegsschiff auf der Spitze eines Hügels, von wo aus man mit dem Fernglas die Vorgänge auf dem Schiff gut beobachten konnte.

Hier sah es schlimm aus. Unter dem Gegenstoß des Repulsits war das Sprenggeschoß explodiert, aber die Trümmer waren nicht in das Meer gefallen, sondern, weil die Wirkung zu stark gewesen war, auf das Schiff zurück. Ein Teil der Mannschaft und der Kapitän selbst waren verwundet. Der Verschluß des Geschützes war abgeschlagen. Dichter Qualm drang aus einem der zertrümmerten Schornsteine.

Ill nahm das Glas vom Auge. Ein finsterer Ernst lagerte über seinen Zügen.

»Es ist schrecklich«, sagte er. »Ich habe das Meinige getan, um Blutvergießen zu vermeiden. Auch das jetzige Unglück ist gegen meine Absicht geschehen, wir hatten bei der Plötzlichkeit des Überfalls nicht länger Zeit, unsern Schuß abzuwägen. Die Menschen sind wahnsinnig.«

Er sann lange nach.

»Ich erwäge«, sagte er dann, »ob ich es gegen unsere Genossen verantworten kann, wenn ich jetzt nachgebe und das Schiff entlasse. Aber ich bin ja nicht einmal sicher, ob man ihr Leben schonen wird, nachdem dieses Blut geflossen ist. Das also ist unser erstes Zusammentreffen mit den Menschen, das ist die Verbrüderung der Planeten! Ich hatte es mir anders gedacht. Ich höre, die Menschen haben unsern Planeten nach dem Gott des Krieges genannt; wir wollten den Frieden bringen, aber es scheint, daß die Berührung mit diesem wilden Geschlecht uns in die Barbarei zurückwirft. Gott gebe, daß diese Begegnung kein Vorzeichen ist. Indessen – wir können nicht mehr zurück. Wir wollen aus dem einen Fall noch keine Schlüsse ziehen.«

Er wandte sich zu Isma und sagte ihr bedauernde Worte, daß ihre Reise mit so schrecklichen Ereignissen begönne. Ell wollte eben seine Äußerungen übersetzen, als der wachthabende Martier meldete:

»Das Schiff setzt ein Boot aus.«

Es war so, man sah, daß die beiden Martier in das Boot hinabgelassen wurden. Dieses ruderte dem Land zu. In einer kleinen Bucht, deren Ufer mit Eisschollen bedeckt waren, landeten die Engländer. Sie warfen die Gefangenen rücksichtslos auf eine Scholle, feuerten ihre Gewehre in die Luft ab, um ein Signal zu geben, und kehrten dann schleunigst zurück an Bord ihres Schiffes.

Sofort befahl Ill, daß das Luftschiff aufsteigen solle, um die Genossen abzuholen. Der Weg war nicht weit, doch lag die kleine Bucht auf der anderen Seite des Kriegsschiffs, das man in einem Bogen umgehen mußte, um sich nicht etwaigem Gewehrfeuer auszusetzen. Dann senkte sich das Schiff mit eingezogenen Flügeln nahe am felsigen Abhang hinab. Hierbei streifte es einmal bis dicht an einen Felsen und legte sich stärker nach der Seite, als beabsichtigt war. Der Ingenieur machte ein bedenkliches Gesicht. Es kam bei diesen langsamen Bewegungen auf und nieder auf die äußerste Präzision in der Funktion des diabarischen Apparats an, und es schien ihm, als ob das Schiff auf der linken Seite nicht mit derselben Geschwindigkeit seine Schwere ändere wie auf der rechten. Man war jetzt auf der breiten Eisscholle angelangt.

Die gefangenen, nunmehr befreiten Martier befanden sich in üblem Zustand. Sie waren zwar nicht gefesselt, aber der Druck der Erdschwere, dem sie seit achtzehn Stunden – denn es war inzwischen Mittag geworden – ausgesetzt waren, die beim Kampf und zuletzt beim Transport erlittenen Mißhandlungen und der Mangel an für sie genießbarer Nahrung hatten sie körperlich schwer mitgenommen. Sie atmeten beglückt auf, als im Innern des Luftschiffes ihre Leiden gemildert wurden. Ill wandte sich betrübt ab, als er erfuhr, welche Behandlung ihnen zuteil geworden war. Die Strafe der Engländer war hart, dachte er, aber verdient. Und doch, im Grunde waren sie unschuldig an ihrem Irrtum.

Und nun vorwärts zum Pol! In anderthalb Stunden konnte er erreicht sein. Das Luftschiff erhob sich langsam, und wieder bemerkte der Steuermann die Ungleichmäßigkeit der Diabarie auf den beiden Seiten des Schiffes. Er machte Ill darauf aufmerksam, doch konnte man die Ursache nicht sogleich auffinden. Inzwischen war die Höhe des Felsufers überstiegen. Die Flügel wurden nun ausgebreitet, und vom Reaktionsapparat getrieben glitt das Schiff auf schiefer Ebene weiter aufwärts und nordwärts.

Plötzlich vernahm man einige scharfe Schläge gegen die Flügel des Schiffes.

»Höher!« rief Ill. »Höher und schneller!«

Mit dem Schiff und den geretteten Gefährten beschäftigt, hatte man kaum noch auf den Engländer geachtet. Auch war man so weit von ihm entfernt, daß die Martier außer Schußweite zu sein glaubten. Die Engländer aber hatten, als sie sahen, daß das Luftschiff sich entfernte, ihm auf gut Glück noch einige Schüsse aus ihren weittragenden Gewehren nachgesendet, und einige Kugeln hatten es erreicht.

»Höher«, lautete der Befehl. Aber als der diabarische Apparat dementsprechend gestellt wurde, legte sich das Schiff auf die Seite. Infolge der Flügelstellung beschrieb es sofort eine Spirale nach rückwärts und kam dadurch nochmals in den Bereich der feindlichen Geschosse. Man mußte die Diabarie der rechten Seite wieder vermindern, da die linke nicht folgte. Das Schiff schwebte zwar, aber man konnte es nur langsam und in engen Grenzen heben und senken. Der Repulsitapparat war dagegen in Ordnung und trieb das Schiff vorwärts. Es entfernte sich nun vom Schauplatz des Kampfes nach Norden, in verhältnismäßig geringer Höhe über der Erde. Ein Gebirge, das noch zu überwinden war, konnte nur durch das Vorwärtstreiben mit schräggestellten Flügeln genommen werden. Infolgedessen nahm die Fahrt bis zum Pol die vierfache Zeit wie gewöhnlich in Anspruch.

Endlich kam die Polinsel Ara zu Gesicht, und das Schiff senkte sich vorsichtig auf das Dach derselben. Aufs äußerste ermüdet entstiegen die Martier dem Fahrzeug, von den Bewohnern der Insel freudig bewillkommt. Isma wurde der Obhut der Gemahlin Ras übergeben und von ihr aufs freundlichste aufgenommen. Ehe sie die Treppe in die Wohnung hinabstieg, warf sie noch einen forschenden Blick auf die Umgebung und suchte in Gedanken die Stelle zu finden, wo der Fallschirm des Ballons herabgestürzt war. Dann reichte sie Ell die Hand. Sie wollte zu ihm sprechen, aber sie fand keine Worte. Nur ihr Blick dankte ihm. »Auf Wiedersehen!«

Bereits vierundzwanzig Stunden hatte Isma auf der Polinsel zugebracht, ohne daß die in Aussicht genommenen Entdeckungsfahrten nach ihrem Mann angetreten wurden. So sehr sie sich danach sehnte, hatte sie doch keine Zeit, ungeduldig zu werden, denn die Fülle der neuen Umgebung beschäftigte sie ausreichend. Die Gegenwart Ells gab ihr die erforderliche Zuversicht in den neuen Verhältnissen. Saltner mit Se, La und Fru waren bereits nach dem Mars abgegangen, aber unter den noch anwesenden Martiern befanden sich noch mehrere, mit denen sie sich deutsch unterhalten konnte, so vor allem der Vorsteher Ra, dessen Frau und der Arzt Hil. Von ihnen erhielt sie nicht nur Nachricht über die Verhältnisse des Mars, sondern auch Einzelheiten über die Schicksale der Gefährten ihres Mannes, die ihr Gemüt lebhaft bewegten.

Man begab sich eben zu der üblichen Plauderstunde ins Empfangszimmer, wo Isma und Ell jetzt die Plätze einzunehmen pflegten, die für Grunthe und Saltner eingerichtet waren, als Ell mit bekümmertem Antlitz eintrat.

Isma sah ihn erschrocken an.

»Was ist geschehen?« rief sie.

»Fassen Sie sich, liebste Freundin.«

»Hugo ist –?«

»Nein, nein – wir wissen nichts – aber wir können ihn nicht suchen.«

»Warum nicht?«

»Das Luftschiff ist unbrauchbar geworden.«

»Um Gottes willen!«

»Der diabarische Apparat hat durch den übermäßigen Luftdruck bei unserm zweiten Verteidigungsschuß auf das Kanonenboot einen Fehler erhalten. Außerdem ist eine verirrte Gewehrkugel in denselben eingedrungen und hat den Differential- Regulator verletzt. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Reparatur hier nicht möglich ist. Der auseinandergenommene Apparat läßt sich nur in der Werkstätte auf dem Mars mit den dortigen Mitteln wieder einsetzen. Leider ist auch das kleine Luftboot für weitere Fahrten nicht mehr zu verwenden. Wir müssen die Nachsuchungen aufgeben.«

Isma saß starr. »Mein armer Mann!« sagte sie tonlos.

»Geben Sie sich um seinetwillen nicht so großer Sorge hin«, suchte Ell sie zu trösten. »Er wird sicherlich glücklich heimkehren. Vielleicht früher als wir«, setzte er zögernd hinzu.

Isma sah ihn an. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und ließ sie endlich langsam herabsinken.

»Wir können nicht – zurück –?«

»Es ist unmöglich – in diesem Jahr.«

»Und ich – ich glaubte – in acht Tagen – – o ich Törin! Was hab ich getan! O wäre ich nicht so eigensinnig gewesen.«

»Es ist der Fall, vor dem Ill uns warnte.«

Isma weinte still. Ell saß ratlos neben ihr.

»Was nun?« fragte sie endlich.

»Es bleibt uns nichts übrig, als mit Ill und Ra nach dem Mars zu gehen. Im ersten Frühjahr kehren wir mit neuen Luftschiffen zurück. Bis dahin hilft uns nichts als Fassung.«

»Nach dem Mars!« flüsterte Isma wie geistesabwesend. Dann stand sie auf. Sie trat vor Ell. Ihren Schmerz bezwingend, reichte sie ihm beide Hände.

»Vertrauen Sie mir!« sagte er.

Sie sahen sich in die Augen.

»Ich werde tun, was Sie verlangen«, erwiderte Isma. »Ich habe das Geschick herausgefordert. Ich muß es tragen.«

»Ob auf dem Mars oder auf der Erde – wir können dieselben bleiben.«


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