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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

34 - Das Retrospektiv

Die Rüstungen der Martier für ihren Zug nach der Erde waren darauf berechnet gewesen, sobald das Frühjahr für die Nordhalbkugel der Erde gekommen sei, sich gleichzeitig mit ihren Luftschiffen über sämtliche Hauptstädte der einflußreicheren Staaten zu legen und die Regierungen zu zwingen, die vom Mars zu diktierenden Bedingungen ohne weiteres anzunehmen. Es sollte dann unter einer Art Protektorat der Marsstaaten den Erdbewohnern die Kultur der Martier zugänglich gemacht werden, und man wollte abwarten, in welcher Weise sich die Marsstaaten am besten aus den alten und neuen Hilfsmitteln der Erde würden schadlos halten können.

Jetzt auf einmal sollte sofort und unter veränderten Umständen eine Expedition abgesandt werden. Man hatte die Erfahrung gemacht, daß die Erdbewohner vermutlich Widerstand leisten würden und daß sie nicht ungefährliche Mittel der Verteidigung besaßen. Man konnte nur wenige Luftschiffe auf einmal nach der Erde transportieren und mußte darauf gefaßt sein, statt einfach ein Protektorat zu erklären, in einen Krieg mit England, vielleicht mit der ganzen Erde verwickelt zu werden.

Daher hatte Ill alle Ursache, in seinen Entschlüssen und Handlungen sich nicht zu überstürzen. Je länger sich die Aktion gegen England hinzog, um so eher konnte er hoffen, eine genügende Macht auf der Erde zu versammeln, um nach dem ursprünglichen Plan eine Besetzung aller Kulturstaaten sofort anzuschließen. Da sich die Planeten jetzt voneinander entfernten, nahm die Reise immer längere Zeit in Anspruch. Wenn sich die Absendung des Raumschiffs noch um einen Monat verzögerte, so mußte wenigstens ein zweiter Monat ablaufen, ehe es nach der Erde gelangte. Aber auch dann wollte er nicht sogleich vorgehen, sondern zunächst weitere Verstärkungen abwarten. Etwa im Januar – nach irdischer Rechnung – hoffte er stark genug zu sein, seinen Forderungen den nötigen Nachdruck zu geben. Ließen sich nun die Verhandlungen mit England noch einige Zeit verschleppen, so hatte sich inzwischen die Raumschiffflotte auf der Außenstation des Nordpols eingefunden, und Mitte März konnte man dort mit der Indienststellung der Luftschiffe beginnen.

Ill hatte aber auch noch andere Gründe, die Absendung des Raumschiffs nach dem Südpol zu verzögern. Es hatte sich ja gezeigt, daß die Luftschiffe vor den Waffen der Erdbewohner keinen genügenden Schutz besaßen. Einen solchen galt es erst herzustellen. Wenn es gelang, die Luftschiffe gegen Geschosse jeder Art aus irdischen Geschützen widerstandsfähig zu machen, so war dadurch der Erfolg gesichert. Versuche darüber konnten erst jetzt angestellt werden, nachdem man die Wirkungsart der Repetiergewehre und der großen Marinegeschütze kennengelernt hatte. Und in dieser Hinsicht war man einer neuen Entdeckung von ganz erstaunlicher Wirkung auf der Spur. Dieses Argument schlug durch. Die oppositionellen Parteien im Parlament wie in der Presse beruhigten sich darüber, daß die Absendung der Expedition sich verzögerte. Die Wichtigkeit der technischen Vervollkommnung der Luftschiffe leuchtete ebenso ein wie die Schuldlosigkeit der Regierung, daß diese Erfahrungen nicht früher gemacht werden konnten. Sobald es sich überhaupt um die Lösung einer wichtigen technischen Aufgabe handelte, gab es keine Parteikämpfe mehr. Dann waren alle einig, und alles Interesse konzentrierte sich darauf. Da war ein Ehrenpunkt für jeden Martier berührt, und das technische Problem drängte alle anderen Fragen in den Hintergrund.

So kam es, daß die Hetze gegen die Erdbewohner und die zahllosen Pläne über die Ausnutzung der Erde nach wenigen Wochen verstummten und wieder eine ruhigere Auffassung Platz griff. Doch die Regierung ließ sich dadurch nicht täuschen. Es war kein Zweifel, daß ähnliche Gesinnungen wieder hervortreten würden, ja daß sie sich zu einem chauvinistischen Übermut verdichten würden, sobald es feststand, daß die martischen Schiffe durch menschliche Waffen unverletzbar seien. Die Gefahr lag vor, daß der Gegensatz zwischen beiden Planeten dann zu einer Vergewaltigung der Erde führen, daß die Regierung zu kriegerischen Maßregeln gegen die ohnmächtigen Menschen gedrängt werden könnte. Der Zentralrat war jedoch, in voller Übereinstimmung mit Ill, fest gewillt, dies zu vermeiden und die Würde der Numenheit in den Verhandlungen mit der Erde zu wahren, indem er die Übermacht der Martier nur benutzen wollte, Feindseligkeiten der Menschen ihrerseits unmöglich zu machen und dadurch das friedliche Zusammenwirken der Planeten zu erzielen. Es wurde daher versucht, ein Gesetz durchzubringen, das von vornherein den Menschen die Freiheit der Persönlichkeit garantieren sollte, indem es sie als Vernunftwesen erklärte. Doch war eine starke antibatische Opposition dagegen vorhanden, und auch die gemäßigteren Parteien erklärten, daß zuvor die Angelegenheit mit England geordnet sein müsse.

Man bestrebte sich jetzt von seiten der Regierung wie der Philobaten – so übersetzte Ell die Bezeichnung der menschenfreundlichen Richtung –, nach Möglichkeit bessere Ansichten über die Erdbewohner zu verbreiten. Dahin gehörte auch die Aufklärung des Zwischenfalls mit dem englischen Kriegsschiff. Namentlich war es für die beabsichtigten Unterhandlungen mit England wichtig und erforderlich, genau aus eigenen Quellen zu wissen, was am Cairn vorgegangen sei, womöglich auch, was aus dem Kriegsschiff geworden. Infolgedessen entschloß sich der Zentralrat, auf Antrag von Ill, einen Versuch mit dem Retrospektiv zu machen.

Die Einstellung des Apparates, um durch ihn ein bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit wieder zu erblicken, bedurfte einer längeren Vorbereitung. Es war schwierig, genau die Richtung zu ermitteln, in welcher die Achse des Kegels von Gravitationsstrahlen liegen mußte, den man aussandte, um das zur Zeit des Ereignisses vom Planeten zurückgestrahlte Licht auf seinem Weg durch den Weltraum einzuholen und wieder zurückzubringen. Es kam dabei eine Menge von Einzelheiten in Betracht, welche mehrtägige theoretische Untersuchungen und langwierige Rechnungen erforderten. Alsdann bedurfte es noch praktischer Versuche, um die passendste Einstellung zu finden und zu korrigieren. Nachdem die zurückkehrenden Gravitationswellen wieder in Licht verwandelt worden waren und das optische Relais passiert hatten, erschien endlich das Bild der aufgesuchten Gegend in einem völlig verdunkelten Zimmer auf eine Tafel projiziert. Handelte es sich nicht nur um eine Schaustellung, sondern um Konstatierung von Tatsachen, so wurde das Bild, das sich natürlich fortwährend veränderte, indem es den ganzen Verlauf des beobachteten Ereignisses darstellte, durch eine ununterbrochene Folge von Momentphotographien fixiert, die später im Kinematograph wieder in ihrer lebendigen Folge betrachtet werden konnten. Die Schwierigkeiten des Versuchs waren nun im vorliegenden Fall in noch viel höherem Grad als sonst vorhanden, da man ein Ereignis betrachten wollte, das sich auf einem andern Planeten vollzogen hatte, und da man außerdem beabsichtigte, den Schauplatz, der Bewegung des Schiffes folgend, zu wechseln. Es war das erste Mal, daß man das Retrospektiv auf einen so komplizierten Fall anwendete, und man durfte nicht erwarten, daß alle Teile des Versuchs gleichmäßig oder überhaupt glücken würden. Das Experiment selbst sollte daher nicht öffentlich sein. Es konnte nachträglich wiederholt werden, in jedem Fall gaben die bewegten Momentphotographien ein unwiderlegbares Protokoll über die Beobachtungen, das jedermann zugänglich gemacht werden konnte.

Isma verzeichnete in ihrem Tagebuch bereits den 18. Oktober. Sie mußte erst einige Zeit in ihrem Gedächtnis nachrechnen, ehe sie sich des Datums vergewisserte, denn in den letzten Tagen hatte sie keinerlei Aufzeichnungen gemacht. Sie fühlte sich sehr niedergeschlagen. Zu ihren Besorgnissen kam eine körperliche Verstimmung infolge der Veränderung ihrer Lebensverhältnisse. Einige Tage hatte ihre Schwäche sie so überwältigt, daß sie ihr Zimmer nicht verlassen konnte. Ihre Gastfreunde waren in liebevollster Weise um sie besorgt und hatten sogar Hil den weiten Weg von seinem Wohnort nach Kla machen lassen, um diesen besten Kenner der menschlichen Konstitution auf dem Mars zu Rate zu ziehen. Er hatte angeordnet, daß für Isma ein besonderer Apparat gebaut werde, um die normalen Verhältnisse der Erde in Schwere und Luftdruck für sie herzustellen; und seitdem sie sich die Nacht über und einige Stunden des Tages in diesem künstlichen Erdklima aufhielt, hatte sich ihr Zustand gebessert, und ihre Kräfte waren wieder gestiegen.

Obwohl ihre Gastfreunde und befreundete Familien derselben, vor allem La, sie in jeder Weise aufzuheitern suchten, obwohl sie manchmal über Saltners harmlose Spöttereien und die Schilderungen seiner Abenteuer auf dem Mars herzlich lachen mußte, zählte sie doch sehnsüchtig die Stunden, in denen Ell bei ihr erschien. Er hatte sie täglich aufgesucht und während ihrer Erkrankung, so oft ihr Zustand es gestattete, sich durch den Fernsprecher mit ihr unterhalten. Sein Verhalten gegen sie war stets unverändert freundschaftlich und teilnehmend geblieben, sie hatte keine der kleinen Aufmerksamkeiten vermißt, mit denen er sie seit Jahren verwöhnt hatte. Ihre Wünsche suchte er zu erraten, fast nie kam er, ohne ihr irgend etwas mitzubringen, von dem er glaubte, daß es sie interessieren würde – einen Artikel in den Zeitungen, eine Abbildung oder eine der tausend unterhaltenden Neuigkeiten der Marsindustrie, und wenn er sie erblickte, ruhten seine Augen mit der alten, zärtlichen Anhänglichkeit auf ihr. Sie hätte nicht sagen können, worüber sie sich beklagen dürfte. Und dennoch – sie konnte sich eines schmerzlichen Gefühls nicht erwehren, als wäre eine Entfremdung zwischen ihr und dem Freund eingetreten. In seiner Anwesenheit verschwand es, aber wenn er fort war, stellte es sich wieder ein. Sie quälte sich selbst mit Grübeleien darüber, was sie ihm vorzuwerfen habe.

Warum konnte er so gar nichts darin durchsetzen, daß ihr die Erlaubnis erteilt werde, mit dem Raumschiff nach dem Südpol der Erde abzureisen? Ihre Bitte war von Ill mit Bedauern, aber entschieden abgeschlagen worden; die Verhältnisse gestatteten es nicht. Ell hatte sich vergeblich für sie verwandt; man hatte erklärt, so lange man sich in einer Art feindseligen Zustandes zur Erde befinde, sei es nicht zulässig, daß einer der Erdbewohner entlassen werde. Aber als Ell einmal in ihrer Gegenwart seinem Oheim gegenüber aufs lebhafteste für ihre Zurücksendung nach der Erde eingetreten war, hatte sie sich wieder durch den Eifer verletzt gefühlt, mit dem er bemüht war, sie fortzuschaffen. Und er wollte auf dem Mars bleiben. Es war gar keine Rede davon gewesen, daß er sie begleite. Und jetzt wäre doch sein Platz auf der Erde gewesen, jetzt hätte er zur Versöhnung tätig sein müssen! Was hielt ihn auf dem Mars zurück?

Sie glaubte, es wohl zu wissen. Warum sprach er anfänglich so viel und mit solcher Wärme und Bewunderung von La? Und jetzt suchte er ihren Namen zu vermeiden. Was war zwischen ihn und Saltner getreten, daß sie sich so kühl und förmlich begegneten, wo sie doch mehr als je auf sich angewiesen waren? Und wenn Ell mit La bei ihr zusammentraf, wie seltsam pflegte er sie anzusehen! Sie kannte diesen Blick. Und warum sprach er manchmal so schnell und eifrig zu La in ihrer Sprache, daß sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte? Sie mochte die beiden nicht zusammen sehen. Ein Gefühl der Kälte durchzog ihre Seele und machte sie feindselig und unwirsch gegen La wie gegen Ell. Es war ja nichts, das sie ihnen vorwerfen konnte, und doch war ihr dieser Verkehr unbehaglich und verstimmte sie. Wenn dann La gegangen war und Ell noch zurückblieb, wenn er dann mit derselben Herzlichkeit zu ihr sprach, die sie eben auch La gegenüber in seinem Ton gehört zu haben glaubte, so stieg es wie Zorn in ihr auf, als wäre ihr etwas genommen, das ihr allein gebührte. Sie war dann unfreundlich gegen Ell, sie machte ihm Vorwürfe, die sie nicht verantworten konnte, und wenn er fort war, bereute sie ihre Worte, ihre Blicke und schalt sich undankbar und schlecht.

Ach, sie kannte auch diesen Zustand, dieses Gefühl der Unzufriedenheit. Und sie konnte es doch nicht ändern. Es war jedesmal so gewesen, wenn Ell an einer anderen Gefallen gefunden hatte. Sie sagte sich selbst, wie töricht sie sei. Sie hatte jedes Recht auf ihn aufgegeben, sie hatte es zur Bedingung ihrer Freundschaft erhoben, daß er sich keine Hoffnungen mache, mehr von ihr zu besitzen als diese Freundschaft. Wie durfte sie ihm verwehren, eine andere zu lieben, da sie selbst verzichtet hatte? Und doch, jedesmal, wenn diese Gefahr zu drohen schien, fühlte sie sich von Eifersucht ergriffen, die sie sich nicht gestehen wollte und die sie doch ohne ihren Willen ihm durch ihr Benehmen eingestand. Warum auch mußte er ihr das jetzt antun, wo sie fremd auf fremdem Planeten, eine Gefangene, krank und einsam weilen mußte, wo er der einzige war, der sie verstehen konnte? Warum mußte er jetzt –? Aber was warf sie ihm denn vor? Warum war sie selbst nicht besser? Warum sagte sie ihm denn nicht, hier, frei von allen Menschensatzungen, daß sie nicht ohne ihn sein wolle, daß sie ihn nicht entbehren wolle, nicht könne? Warum? Weil sie ihn ja doch nicht lieben wollte! Und warum konnte sie sich nicht von ihm losreißen, da sie doch ihren Mann liebte, da sie ausgezogen war, ihn zu suchen in den Öden der Polarnacht, und da sie zu ihm zurückwollte durch die Leere des Weltraums? Und wenn Torm nicht mehr war? Wenn sie zurückkam nach Friedau und er verschollen war, ein Opfer der Forschung, wie so viele vor ihm? Wenn sie dann verlassen war, hier wie dort? Sie ließ die Feder sinken und legte den Kopf in ihre Hände. Ach, daß es kein Zeichen von ihm gab, keine Nachricht! Und daß sie hier sitzen mußte, nicht mehr Tausende, sondern Millionen von Meilen von ihm getrennt, und angewiesen auf den Freund, der um ihretwillen gegangen war, allein mit ihm – gerade alles, was sie hatte vermeiden wollen! Gerade in diese Gefahr hatte sie sich gestürzt, der sie zu entfliehen gedachte. Und sie sah sie vor sich, leibhaftig, jeden Tag in den großen treuen Augen, die sie teilnehmend ansahen –. Ach, darum quälte sie ihn ja, quälte sie sich –

Aber wäre es in Friedau besser gewesen, wenn sie nun doch von ihrem Mann nichts erfahren konnte? Eines wenigstens war sie los, die fortwährenden Fragen, die teilnehmend sein sollten und doch so heuchlerisch waren, die hämischen Blicke, die widerwärtigen, kleinlichen, schamlosen Klatschereien – –

Aus ihrem Nachsinnen weckte sie der Ton, der den Eintritt eines Besuches durch das Gartentor meldete. Sie hörte den Wagen vor der Veranda halten. Das war Ells Stimme, er sprach mit Ma. Isma strich über ihr Haar, sie warf einen Blick in den Spiegel und ärgerte sich über ihre Erregung. Gleich darauf trat Ell ein. Sie ging ihm lächelnd entgegen. Er blickte sie an.

»Es geht Ihnen gut«, sagte er freudig. »Sie sehen wieder frisch und kräftig aus.«

Er hielt ihre Hände. In ihren Augen las er ihre Freude. Es war einer der Tage, an dem sie nicht verbergen konnte, wie lieb er ihr war. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Es geht mir eigentlich gar nicht gut. Ich kann von meinen Gedanken nicht loskommen.«

»Dann kommen Sie mit mir, Isma. Sie sollen etwas sehen, worauf wir schon lange warten. Das Retrospektiv ist glücklich eingestellt – der Cairn ist gefunden –«

»Ach, Ell! Noch einmal die schreckliche Geschichte! Ich bin ja leider dabei gewesen. Soll ich sie wirklich noch einmal sehen?«

»Ich dachte, der Triumph der Technik würde Sie interessieren. In die Vergangenheit zu blicken –«

Isma wollte eine abweisende Antwort geben. Aber sie sah, daß es Ell erfreuen würde, wenn sie ihn begleitete. Sie wollte gut zu ihm sein, sie wollte ihm nichts abschlagen.

»Nun denn«, sagte sie, »wenn es Ihnen lieb ist – kommen Sie. Es ist doch etwas Neues in der Form, wenn auch nicht im Stoff. Ich habe aber schon vor einigen Tagen den Platz abgelehnt, den Ihr Oheim mir anzubieten die Güte hatte.«

»Ich habe noch einen für Sie reserviert, allerdings etwas mehr im Hintergrund, wo La und Saltner sitzen, und wer sonst Verbindungen mit der Erdkommission hat. Sie wissen, es handelt sich nur um einen Versuch; außer dem Zentralrat, den Kommissionsmitgliedern und dem Präsidium des Parlaments sind nur einige Vertreter der Presse da. Aber unsre Plätze sind auch gut, und mit diesem Glas, daß ich Ihnen mitgebracht habe, können Sie sicherlich die einzelnen Personen erkennen – wenn wir sie überhaupt zu Gesicht bekommen. Allerdings wird das Bild etwas aus der Vogelperspektive erscheinen, doch hat man den Neigungswinkel so günstig genommen, als es die atmosphärischen Verhältnisse nur immer gestatteten. Ich habe den ›Steinmann‹ vor mir gesehen wie von einem niedrig schwebenden Luftschiff aus.«

Isma schwieg ein Weilchen. Also La war natürlich auch da. Sie verdrängte den aufsteigenden Gedanken und sagte:

»Aber ich begreife nicht – wenn man so deutliche Bilder aus so riesigen Entfernungen erzielen kann, warum betrachten Sie denn nicht die Erde direkt, warum können wir nicht einmal nach Friedau, nach unserm Haus sehen?«

»Mit Hilfe des Retrospektivs ginge das wohl an, aber Sie können nicht verlangen, daß man dieses äußerst schwierige, zeitraubende und kostspielige Experiment anstellt, um irgendeine Neugier zu befriedigen. Was sollte Ihnen das nützen? Was wollte man damit erfahren? Und selbst wenn eine Zeitung zufällig irgendwo aufgeschlagen läge, mit neuen Nachrichten über die Verhältnisse auf der Erde, und sie erschiene im Retrospektiv, so geht die Deutlichkeit doch nicht so weit, daß wir sie lesen könnten.«

»Und mit Ihren Fernrohren können Sie so genau nicht sehen, daß Sie Menschen auf der Erde erkennen könnten?«

»Das ist unmöglich. Beim Fernrohr haben wir mit den Lichtwellen zu tun, da bekommen wir auf so riesige Entfernungen keine erkennbaren Bilder von so kleinen Gegenständen. Das geht nur mit Hilfe der Gravitationswellen. Sie müssen bedenken, daß es die Gravitationsschwingungen sind, durch welche wir die ganze, vom zu beobachtenden Ereignis ausgegangene Bewegung zurückbringen, und daß die Umwandlung in Licht erst hier, innerhalb des Apparates, geschieht. Da bilden sich wieder dieselben Schwingungen, wie sie bei der Aussendung waren, abgesehen von den Störungen, die inzwischen durch äußere Verhältnisse eingetreten sind. Wenn zum Beispiel das Licht auf seinem Weg durch den Weltraum einen Meteorschwarm passiert hatte, so erhalten wir kein deutliches Bild mehr. Fernrohr und Retrospektiv verhalten sich etwa wie ein Sprachrohr und ein Telephon. Direkt können Sie die Schallwellen nicht weit senden, mit dem Telephon aber können Sie sprechen, so weit die elektrischen Schwingungen reichen.«

Isma hatte sich inzwischen zu ihrem Weg zurecht gemacht. Ill und seine Frau befanden sich schon im Retrospektiv-Gebäude. Eine halbe Stunde später hatten auch Isma und Ell ihre Plätze eingenommen. La und Saltner waren kurz zuvor gekommen.

Der große Saal war vollständig verdunkelt, trotzdem konnte man sich in ihm unschwer zurechtfinden und die in der Nähe sitzenden Anwesenden erkennen. Denn das erleuchtete Bild, von welchem das Licht im Saal ausging, nahm an der einen Wand einen Kreis von zehn Metern Durchmesser ein und erhellte dadurch die Umgebung. Es stellte die Gegend an der Küste von Grinnell-Land dar, welche der Schauplatz des englisch-martischen Konflikts gewesen war. Deutlich erkannte man ziemlich in der Mitte des Bildes die Gruppe der beiden englischen Matrosen, welche unter Leitung des Leutnants Prim mit der Errichtung des Cairns beschäftigt waren. Es war überraschend zu sehen, wie die etwa spannenlangen Figuren sich lebhaft durcheinander bewegten. Die Deutlichkeit des Bildes wechselte, mitunter erschien diese, dann jene Stelle etwas verschwommen, mitunter verdunkelte sich ein ganzer Streifen, im allgemeinen waren jedoch selbst Einzelheiten deutlich zu erkennen. Mit ihrem Glas konnte sich Isma die Gestalten der Engländer so nahe bringen, daß sie in dem Offizier denselben Mann wiedererkannte, den sie durch ihr Fernrohr auf dem Verdeck des Kriegsschiffs gesehen hatte.

Da man den Apparat auf ein und dieselbe Stelle des Weltraums eingestellt hielt und nur nach der sich verändernden Lage der beiden Planeten regulierte, so gab das Bild den Verlauf der Ereignisse in dem gleichen Zeitmaß wieder, wie er sich in Wirklichkeit vollzogen hatte. Man befand sich offenbar noch am Morgen, und wenn der ganze Tag in seinem Geschehen verfolgt werden sollte, so stand eine lange und ermüdende Sitzung in Aussicht. Die eintönige Arbeit der Engländer begann schon etwas langweilig zu werden, und Saltner sagte zu La:

»Merkwürdig ist ja die Geschichte, und immerhin können die Herrn Nume hier schon sehen, daß die Englishmen doch nicht ganz so wild sind wie auf ihrem Theater. Aber läßt sich denn die Sache nicht ein bissel beschleunigen?«

»Das geht allerdings«, antwortete Ell, der auf der andern Seite von La saß, »und man wird es wohl nachher auch tun. Man braucht nur den Apparat allmählich auf näher gelegene Stellen des Raumes zu richten, so fängt man die Lichtstrahlen in immer früheren Zeitmomenten ab und bewirkt dadurch, daß alles viel schneller zu geschehen scheint. Aber es treten dabei andere Schwierigkeiten auf. Und jetzt ist es nicht möglich, weil jeden Augenblick der entscheidende Moment eintreten kann. Wir müssen uns also in Geduld fassen.«

Es dauerte nicht mehr lange, so verstummte die Unterhaltung, denn man sah, wie der Leutnant den Cairn verließ und den benachbarten Hügel bestieg. Man konnte auch erkennen, daß er mit dem Feldstecher nach einer bestimmten Richtung blickte. Es zeigten sich nun alle die Ereignisse, wie sie sich abgespielt hatten. Unter lautloser Spannung sah man die Matrosen sich entfernen, man sah mit Hilfe einer kleinen Verschiebung des Bildes, wie sie verunglückten und von den Martiern gerettet wurden, man sah den ganzen Konflikt sich entwickeln – –

Die Martier waren von dem Versuch sehr befriedigt, da sich nun eine Erklärung des Mißverständnisses ergab. Die Engländer hatten die Martier in der Tat für Feinde halten müssen.

Man verfolgte das Schicksal der Gefangenen, bis sie auf dem Kriegsschiff unter Deck gebracht worden waren. Es war nun nichts mehr zu beobachten, da man wußte, daß man die Gefangenen nicht wieder erblicken konnte bis zu dem Moment ihrer Auslieferung. Diese achtzehn Stunden hindurch den Lauf des Kriegsschiffs und seinen Kampf mit dem Luftschiff zu verfolgen, hatte kein Interesse für die vorliegende Frage. Dagegen wollte man gern wissen, was aus der ›Prevention‹ nach ihrer Niederlage geworden sei. Es war daher beschlossen worden, durch eine Umstellung des Apparats diese später liegenden Ereignisse zu beobachten. Während der Vorbereitungen hierzu, die einige Stunden in Anspruch nahmen, verließen die Zuschauer den Saal. Isma erfuhr, daß erst in den Abendstunden die Fortsetzung des Versuchs zu erwarten sei.

Saltner und Isma, ebenso wie Ell, brauchten daher ihre gewöhnliche Tagesbeschäftigung nicht abzusagen, wie sie ursprünglich beabsichtigt hatten. Diese bestand darin, daß sie auf Ersuchen der Regierung es übernommen hatten, täglich einige Stunden mit dazu ausgewählten höheren Beamten das Studium der wichtigsten europäischen Sprachen zu treiben. Außer dem Deutschen hatte Ell den Unterricht im Englischen, Saltner im Italienischen und Isma im Französischen übernommen, den sie nur während ihrer Erkrankung einige Zeit hatte aussetzen müssen.

Gegen Abend wurde Isma von Ell mit der Nachricht angesprochen, daß der Apparat wieder eingestellt und das Kriegsschiff aufgefunden sei. Man räume eifrig auf demselben auf, um die erlittenen Beschädigungen zu beseitigen, und es scheinen daß das Schiff seine Fahrt wieder aufnehmen wolle. Als Isma im Saal des Retrospektivgebäudes erschien, zeigte indessen das Bild nur einen Teil des Meeres und des felsigen Ufers; von einem Schiff war nichts zu sehen. Sie hörte, daß es seinen Kurs nach Süden fortgesetzt habe, dabei aber dem Gesichtskreis entschwunden sei. Infolge einer vorübergehenden Trübung war es noch nicht gelungen, das Schiff wieder aufzufinden. Jetzt war das Bild wieder hell, und in dem Bemühen, das englische Schiff zu entdecken, ließ man die Fläche der Bai und die Felsenufer vorüberziehen. Bald blickte man auf treibende Schollen, bald in Buchten und Fjorde hinein.

Isma kam es vor, als befände sie sich wieder an Bord des Luftschiffes und durchspähte die Gegend, der sie so schnell entzogen worden war, nach Spuren von Hugo – –

Vielleicht war er gar nicht so weit von der Stelle entfernt, die sie jetzt vor Augen hatte, vielleicht verdeckte nur jener Berggipfel das Lager der Eskimos, bei denen ihr Mann weilte! Und da – nein – ja doch – das war doch ein Boot, zwei, drei Boote, was dort in dem Kanal unter dem Ufer sich bewegte –

Isma ergriff krampfhaft Ells Arm. »Sehen Sie doch – sehen Sie nicht dort –?«

»Wahrhaftig«, rief Ell, »es sind Boote, Umiaks, sogenannte Weiberboote der Eskimos. Sie scheinen mehrere Familien mit ihren Habseligkeiten zu tragen. Man wird gewiß das Bild festhalten –«

In der Tat stand die Landschaft jetzt still, man wollte die Boote betrachten, aber die Verschiebung war doch so weit gegangen, daß sie schon durch das höhere Ufer verdeckt waren.

Dicht daneben zeigte das Bild das freie Wasser der Bai, in welche der schmale Kanal mündete. Man erwartete, daß die Boote dort zum Vorschein kommen müßten. Bis dahin wollten die Beobachter das freiere Fahrwasser der Umgegend absuchen. Das Bild bewegte sich wieder, man sah nur Meer – und da – am Rand des Lichtkreises bewegte sich etwas Dunkles – es war das Kriegsschiff.

Bis jetzt hatte man ein größeres Gesichtsfeld angewendet, um einen weiteren Umblick zu haben. Nun kam es darauf an, stärkere Vergrößerung zu gewinnen, dabei mußte sich das Gesichtsfeld einschränken. Man sah jetzt, allerdings so deutlich, daß man die Stellung der Matrosen erkennen konnte, nur das Schiff und seine nächste Umgebung; mit dem Glas konnte man den Kapitän und den Leutnant Prim erkennen, der seine Hände, wie zur Übung, langsam hin und her bewegte. Man bemerkte, daß eine Meldung gemacht wurde und sich die Geschwindigkeit des Schiffes, dem der Apparat mit wunderbarer Präzision und nur geringen Schwankungen folgte, verringerte. Ein Boot wurde herniedergelassen. Die Ingenieure des Retrospektivs waren zweifelhaft, ob sie dem Boot folgen oder das Schiff im Auge behalten sollten. Das erstere wurde beschlossen, da das Boot ja jedenfalls zum Schiff zurückkehren mußte. Alsbald war nur noch das rasch rudernde, mit acht Matrosen bemannte Boot auf der Wasserfläche zu sehen. Da erschien ein zweites Boot, ihm entgegenfahrend. Man winkte von diesem aus. Die Fahrzeuge näherten sich rasch, das fremde war jetzt deutlich als grönländischer Umiak zu erkennen. An der Spitze desselben richtete sich ein Mann empor und schwenkte seine Mütze – ein blonder Vollbart umrahmte das weiße Gesicht – er war kein Eskimo –

»Hugo!« gellte eine Stimme laut durch den Saal. Die Martier blickten erstaunt auf, sie wußten nicht, was das bedeute.

»Es ist Torm!« rief Ell erklärend zu Ill hinüber, indem er die zusammensinkende Isma in seinem Arm auffing.


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