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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

35 - Die Rente des Mars

»Es geht nicht, Saltner, es geht nicht!«

Ell legte den Brief in Saltners Hand zurück. Der kleine, verschlossene Umschlag trug, von Ismas zierlicher Hand geschrieben, die Adresse Torms.

»Ich darf es nicht«, sagte Ell noch einmal, als Saltner nicht antwortete.

»Auch nicht, wenn Frau Torm Ihnen versichert, daß der Brief keine politischen, keine auf die Operationen und Absichten der Martier bezüglichen Mitteilungen enthält?«

»Auch dann nicht. Wir dürfen keinerlei Briefe von Erdbewohnern mit diesem Schiff nach der Erde befördern, die dem Kommando nicht offen eingereicht werden. Frau Torm verlangt, Sie verlangen von mir, daß ich die Möglichkeit schaffe, diesen Brief heimlich nach der Erde zu bringen. Sie verlangen etwas Unmögliches, den Ungehorsam gegen die Gesetze. Es ist Kriegszustand; Sie verlangen von mir eine Handlung, die als Hochverrat aufgefaßt werden kann. Und dann wollen Sie mir zürnen, wenn ich ein für allemal ablehne? Und Frau Torm ist darüber so entrüstet, daß sie mich nicht sehen, nicht sprechen will? Daß sie sich Ihrer Person bedient, um mir ihren Wunsch noch einmal vorzutragen? Sie hat ja doch an ihren Mann offen geschrieben, ein ganzes Buch. Der Brief liegt bereits hier, mit der Genehmigung des Kommandos versehen. Es steht alles darin, was sie ihm mitzuteilen hat, daß sie in der Sorge um ihn mit meiner Hilfe das Luftschiff benutzt hat, daß sie verhindert war, zurückzukehren, daß sie sich sehnt, sobald es ihr gestattet wird, zurückzukommen – was will sie mehr? Was hat sie dem Mann noch zu schreiben?«

»Das ist ihr persönliches Geheimnis. Wenn Frau Torm es Ihnen nicht mitteilen kann, wie soll ich es wissen? Übrigens weiß sie nichts von diesem Versuch meinerseits, auf Sie einzuwirken. Sie hatte mich nur gebeten, La um Hilfe anzugehen.«

»La? Wie käme La dazu?«

»Sie hatte Grunthe einige areographische Angaben und Aufklärung über verschiedene technische Fragen versprochen – ein kleines Paket, das den Brief sehr gut aufnehmen kann.«

»Und La hat diesen Betrug natürlich von sich gewiesen?«

»Ich habe sie noch gar nicht gefragt. Zunächst bin ich ja den Tag über von Pontius zu Pilatus gelaufen, um eine amt- liche Erlaubnis zu erhalten, dann habe ich La nicht angetroffen, als ich mit ihr sprechen wollte. Ich mußte nun zunächst mit Ihnen als Freund und Mensch reden. Ich sehe jetzt, daß es vergeblich wäre. Sie würden diesen Brief an Torm von mir nicht befördern? Auch nicht einen an meine Mutter?«

Ell schüttelte den Kopf. »Sie haben an beide schon geschrieben.«

»Aber offen. Es gibt Dinge, die man nicht vor andern sagen will. Wo bleibt die gerühmte Freiheit, die versprochene Freiheit, wenn man uns jetzt das persönliche Eigenrecht der Aussprache abschneidet?«

»Sie müssen bedenken, daß dies nur bis zu dem Augenblick geschieht, in welchem unser Verhältnis zur Erde sich geklärt hat. Das ist eine Ausnahme. Es ist ein Unglück, denn es ist allerdings ein Vergehen gegen die sittliche Grundlage, gegen die persönliche Freiheit. Aber sittliche Konflikte sind ein allgemeines Unglück, sie lassen sich nicht vermeiden. Die höhere Pflicht, die Ordnung zwischen den Planeten, erfordert diesen Verzicht des einzelnen auf seine Freiheit. Und im Grunde genommen ist es doch nur der Ausdruck individueller Gefühle, der eine Beschränkung erleidet.«

»Sie geschieht aber bloß aus einem Mißtrauen der Martier gegen die Menschen.«

Ell sah Saltner durchdringend an.

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort«, fragte er, »daß in Ihren Briefen nichts über unsre Maßnahmen steht?«

»Nein«, sagte Saltner.

»Und dann verlangen Sie von mir –«

»Ich verlange, was der Mensch vom Menschen, der Deutsche vom Deutschen verlangen kann, daß er ihm hilft, eines übermächtigen Gegners sich zu erwehren –«

»Ich aber stehe auf der Seite dieses sogenannten Gegners, der im Grunde der beste Freund ist.«

»Dann haben wir uns nichts weiter zu sagen. Ich wollte mich nur überzeugen, daß ich von Ihrer Seite für uns Menschen nichts zu erwarten habe.«

»Sie wollen mich nicht verstehen. Nur in Ihrem einseitigen Interesse kann ich nichts tun, sonst aber werden Sie mich stets bereitfinden –«

»Leben Sie wohl.«

Saltner hörte nicht mehr auf Ells Worte. Er war schon auf den Gleitstuhl getreten und löste die Hemmung. Der Stuhl sauste die schraubenförmige Bahn um den Stamm des Riesenbaumes hinab nach dem Erdboden. Das Gespräch hatte auf der Plattform stattgefunden, welche einen der Riesenbäume in der Nähe von Ells Wohnung umgab, dort, wo in einer Höhe von vierzig Meter über dem Boden die ersten Äste ansetzten. Ein mechanischer Aufzug führte in einer Schraubenlinie rings um den Stamm und beförderte ebenso leicht von unten nach oben als von oben nach unten. Diese geschützten Plattformen boten einen äußerst angenehmen Arbeitsplatz. Wie vom Chor eines Domes blickte man zwischen den Säulen der Baumstämme hindurch, über die niedrigen Häuser weit in die Anlagen. Die Luft war hier frischer und kühler als unten.

Ell trat an die Brüstung vor und blickte hinab. Es begann zu dämmern. An den Straßen entlang leuchteten schon die breiten Streifen des Fluoreszenzlichtes, in den Häusern glühten die Lampen. In tiefer Finsternis lag das Laubdach.

Ell seufzte. Also auch er hatte sich von ihm geschieden, der biedere Saltner! Mochte es sein! Was galt ihm das alles noch, da er sie verloren hatte! Finster zog sich seine Stirn zusammen. Das war der Dank, ihr Dank für alles – – Ismas Dank!

Als sie auf der Tafel des Retrospektivs ihren Mann erkannt hatte, wie er aus dem Umiak der Eskimos nach dem Boot des englischen Schiffes winkte, da hatten sie ihre Kräfte auf einen Augenblick verlassen. Auf einen Augenblick. Sie hatte sich sogleich wieder zusammengerafft und mit fieberhafter Erregung die Vorgänge verfolgt. Man hatte gesehen, wie beide Boote der ›Prevention‹ zusteuerten, wie Torm an Bord des Kriegsschiffes stieg, wie er dem Kapitän Papiere überreichte, die dieser prüfte; man sah, wie der Kapitän dann salutierte und Torm die Hand schüttelte, wie sich die Offiziere um Torm versammelten; man sah, wie die Eskimos beschenkt wurden und ihr Boot sich entfernte; wie die ›Prevention‹ ihre Fahrt nach Süden wieder aufnahm. Eine Stunde lang konnte man sie verfolgen. Maschine und Steuer waren offenbar nicht verletzt oder wieder repariert; das Schiff dampfte schnell und leicht vorwärts. Immer undeutlicher wurden die Umrisse desselben. Die Dämmerung brach herein. Bald konnte man nichts mehr unterscheiden als die Lichter. Man stellte den Versuch ein. Es war sicher, daß das Schiff und Torm mit ihm in wenigen Wochen wohlbehalten London erreichen würden. – –

Torm war gerettet. Er hatte ohne Zweifel jetzt schon die Nachricht von Ismas Verschwinden. Man würde in Friedau dafür gesorgt haben, daß ihm dasselbe unter dem Gesichtspunkt der Friedauer erschien. Und sie, die nicht ohne ihn in Friedau bleiben wollte, nun mußte sie ihn allein lassen –

Isma verbrachte eine schlaflose Nacht. Dann setzte sie noch einmal alles in Bewegung, um ihre Mitnahme auf dem Raumschiff nach der Erde zu erreichen. Es war unmöglich. Wenigstens einen Brief sollte man mitnehmen. Ja, aber nur einen offenen. Sie schrieb, doch das konnte ihr nicht genügen. Was sie ihm zu sagen hatte, das ging niemand andern an; das konnte sie nicht lesen lassen. Sie wußte, wie sie schreiben müsse und daß er sie nur so verstehen würde. Und dies wurde versagt. Und hier ließ sie Ell im Stich! Sie bat ihn flehentlich, ihren Brief zu besorgen. Es ginge nicht! Sie bat ihn, selbst die Reise zu machen, ihren Mann aufzuklären. Er weigerte sich, er wolle jetzt nicht auf die Erde zurückkehren. Die Martier selbst hätten es vielleicht gern gesehen, aber er könne sich nicht entschließen, jetzt den Mars zu verlassen. Warum nicht? Warum wollte er nicht? Um sie, Isma, nicht allein zu lassen? Sie glaubte es nicht, sie vermutete einen anderen Grund, den sie ihm nicht verzeihen konnte. Sie sagte ihm Bitteres. Sie wollte ihn nicht wiedersehen. Und er ging. Natürlich! La würde ihn wohl trösten – –

Ell versetzte sich in Ismas Seele, er sah deutlich, was in ihr vorging – alles dachte er wieder durch, während er in die Nacht hinausstarrte – das Gefühl der Bitterkeit verließ ihn, er konnte ihr nicht zürnen. Nur traurig wurde er, tieftraurig.

Aber er mußte es tragen. Er konnte nicht anders handeln, es war unmöglich. Stand sie auf der Erde, so stand er auf dem Mars. Die Kluft überbrückte kein Raumschiff. Und selbst wenn die Planeten sich versöhnten – würde er sie dann wiederfinden?

Er preßte die Hände gegen die Stirn und seufzte tief. Und seltsam, mitten in den Kummer um Isma drängte sich das Bild Las vor Ells Augen. Dieser Verkehr war so beglückend, so frei von dem dunkeln Hintergrund irdischer Fesseln! Das war Numenart, zu geben und zu nehmen! Die reizenden Stunden kamen ihm in den Sinn, in denen er sich sagen durfte, daß sie ihn bevorzugte, und es schien ihm, daß deren immer mehr geworden seien. Und doch! Er mußte sich gestehen, wäre La ihm so geneigt, wie er hoffte, sie hätte sich ihm noch anders zeigen müssen. Sie hatte sich in der letzten Zeit sichtlich von Saltner zurückgezogen, aber gerade darin schien ihm eine gewisse Absichtlichkeit zu liegen. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, daß La unter der gleichmäßigen Liebenswürdigkeit ihres Wesens eine heimliche Sorge barg, und er sann nach, was sie wohl bedrücken könne.

Gestern, als er bei ihr war, hatte er sie überrascht, wie sie in Gedanken versunken saß, und er glaubte die heimlichen Spuren von Tränen in ihrem Auge gesehen zu haben. Aber auf seine warmen Worte erwiderte sie mit Scherzen, es war, als wollte sie nicht verstehen, was sie doch längst wußte, wie er für sie fühle. Zum erstenmal war er fortgegangen, ohne sie recht verstanden zu haben.

Und jetzt war Saltner auf dem Weg zu ihr. Es war ja nicht daran zu denken, daß sie auf seine Bitte eingehen würde – Überhaupt –

Ell fiel es plötzlich ein – vielleicht war sie gar nicht in Kla. La hatte mehrfach davon gesprochen, daß sie möglicherweise verreisen würde, und Saltner hatte sie heute vergebens zu sprechen versucht. – Er wollte sich doch überzeugen, ob La zu Hause sei. Auch die Plattform war mit dem Haus telephonisch verbunden. Er sprach La an. Sie war zu Hause, aber in großer Eile, wie sie sagte. Ell teilte ihr mit, daß Saltner bei ihr vorsprechen werde mit einem Ansinnen, das unmöglich zu erfüllen sei – darauf keine Antwort, trotz seiner wiederholten Frage. Endlich die Worte, wie mit gezwungener Stimme:

»Befürchten Sie nichts. Leben Sie wohl.« –

Nichts, nichts weiter! Ell wußte nicht, was er davon denken sollte.

Er trat zurück an den Tisch, auf dem seine Papiere lagen, und ließ die Lampe aufflammen. Er wollte versuchen, in der Arbeit zu vergessen, und versenkte sich in das Studium des Etats der Marsstaaten.

Die 154 Staaten, welche den Planetenbund des Mars bildeten, waren an Einwohnerzahl sehr stark verschieden; es gab darunter Reiche, die bis gegen hundert Millionen Einwohner zählten, und kleine Staaten, die nicht einmal die Zahl von einer Million erreichten; der kleinste von ihnen umfaßte nur zwanzig Bezirke mit zusammen 800.000 Einwohnern. Ebenso mannigfaltig wie die Größen waren die Verfassungen der Einzelstaaten. Die republikanischen Staatsformen herrschten vor, aber auch unter ihnen gab es eine bunte Musterkarte von kommunistischen, sozialistischen, demokratischen und aristokratischen Verfassungen. Die Monarchien waren besonders unter den kleineren Staaten vertreten. Ganz wie es die historische Entwicklung der lokalen Verhältnisse mit sich gebracht hatte, waren auch in diesen die Verfassungen sehr mannigfaltig; im ganzen unterschieden sie sich von den republikanischen nur dadurch, daß das Staatsoberhaupt nicht durch Wahl, sondern durch Erbfolge bestimmt war und sich eines größeren Einkommens und einer glänzenderen Hofhaltung als die Präsidenten erfreute. Einen höheren politischen Einfluß besaßen die Fürsten des Mars nicht, sie hatten vornehmlich eine ästhetische Bedeutung. Die reiche Entwicklung, welche die Verfeinerung des Lebens durch die Hofhaltung eines intelligenten Fürsten erfahren konnte, und der Einfluß, den eine hochsinnige Persönlichkeit hier zu entfalten vermochte, sollte auch auf dem Mars nicht verlorengehen. Die individualistischen Neigungen der Martier konnten daher nach jeder Richtung hin Befriedigung finden, und dem Ehrgeiz wie dem Unabhängigkeitsgefühl eines jeden war freier Spielraum gelassen. Zwischen allen Staaten herrschte, durch das Bundesgesetz garantiert, vollständige Freizügigkeit und Erwerbsfreiheit. Wem es in dem einen Staat nicht gefiel, transportierte sein Haus in einen andern, und es genügte, daß er dies bei der betreffenden Behörde anmeldete. Dadurch war eine natürliche Regulierung dafür gegeben, daß kein Staat seine Machtbefugnis mißbrauchte, denn er riskierte sonst, sehr bald seine Einwohner zu verlieren. Die natürliche Verschiedenheit der Individuen, ihre Gewohnheiten und ihre Anhänglichkeit für das Hergebrachte sorgten andererseits dafür, daß den einzelnen Staaten ihre Eigentümlichkeiten erhalten blieben und der Fluß der Bevölkerung nicht in Unbeständigkeit ausartete. Jede Gegend hatte ihre Vorzüge. Waren auch die wirtschaftlichen Lebensbedingungen in den breiten, die Wüsten durchziehenden, durch künstliche Bewässerung erhaltenen Kulturstreifen etwas erschwert, so boten dieselben doch andere Vorteile. Die Gelegenheit zum gewerblichen Gewinn war hier wegen der Nähe der großen Energiestrahlungsgebiete günstiger, und ein reicherer Arbeitsertrag entschädigte für die Störungen des äußeren Komforts, die dadurch entstanden, daß bei eintretendem Wassermangel die schützenden Bäume binnen wenigen Tagen ihr Laub verloren und die Vegetation unter ihnen vertrocknete. Dafür waren aber auch die hier gelegenen Staaten imstande, größere Zuschüsse den Privaten zu gewähren.

Gemeinschaftlich für den gesamten Staatenbund und unmittelbar dem Zentralrat unterstellt, der seinerseits dem Bundesparlament verantwortlich blieb, war die technische Verwaltung. Sie schied sich in die beiden großen Gebiete des Verkehrswesens und des Bewässerungswesens, wozu als drittes jetzt noch die Raumschifffahrt gekommen war. Diese ungeheure Organisation hielt die Bundesstaaten als ein untrennbares Ganze zusammen und machte es ebenso unmöglich, daß sich einzelne, selbst mächtige Staaten, vom Zusammenhang des Planeten ablösen konnten, als sich ein Organ des menschlichen Körpers der Blutzirkulation zu entziehen vermag.

Unterhalten wurde der Riesenbetrieb durch ein stehendes Arbeitsheer von sechzig Millionen Personen – ›Mann‹ kann man nicht gut sagen, denn die allgemeine einjährige Dienstpflicht galt für beide Geschlechter. Für besondere Fälle stand eine dreifache Reserve zur Verfügung. Finanziert wurde der Betrieb durch die Sonne selbst. Der Gesamtetat der Marsstaaten betrug – nach deutschem Geld gerechnet für das Erdenjahr, also für ein halbes Marsjahr – 300 Billionen, das sind 300.000 Milliarden Mark, also 100.000 Mark auf den Kopf der Bevölkerung. Dabei hatte aber niemand eine Steuer, außer der persönlichen Dienstleistung während eines Lebensjahres, beizutragen. Das Privateinkommen der Martier belief sich außerdem im Durchschnitt pro Kopf der Bevölkerung auf 100.000 Mark, schwankte jedoch für den einzelnen zwischen dem Maximum des zulässigen Einkommens von zwanzig Millionen und der Null. Die Besteuerung des Einkommens der Privaten diente nur dazu, um jedem, der nichts verdiente, wenigstens ein Minimum von Kapital pro Jahr zu sichern, wodurch er sich wieder heraufarbeiten konnte. Ein Notleiden aus Mangel an Nahrung, Wohnung und Kleidung konnte nicht eintreten, da hierfür durch öffentliche Verpflegungsanstalten gesorgt war. Aber es war natürlich jedem daran gelegen, dieser Armenpflege nicht anheimzufallen. Der Gesamtbetrag, der vom Staat und von den Privaten auf dem ganzen Planeten in einem halben Marsjahr eingenommen wurde, belief sich also auf 600 Billionen Mark. Dies war jedoch nur die Hälfte dessen, was bei völliger Ausnutzung aller Kräfte hätte erzielt werden können.

Diese Summen erschienen Ell so ungeheuerlich, daß er sich damit beschäftigte, sie nachzuprüfen und sich zu vergewissern, wie es möglich sei, eine so kolossale Rente zu erzielen. Ell hatte bei seinem ersten Versuch, den Geldwert auf dem Mars mit dem auf der Erde zu vergleichen, seiner Umrechnung den Wärmewert der Kohle zugrunde gelegt; er führte nun die Rechnung noch einmal so durch, daß er als Vergleichseinheit die Pferdestärken nahm, welche durch die Sonnenstrahlung pro Stunde als Arbeitseffekt erzielt werden konnten. Wenn er den gegenwärtigen Stand der Technik auf der Erde in Betracht zog, so glaubte er annehmen zu dürfen, daß selbst unter den günstigsten Verhältnissen, bei Berücksichtigung der Anlagekosten, die Pferdekraft in der Stunde nicht unter 0,8 Pfennig oder 1 Centime geliefert werden könne. Um nun den geringsten Wert der Sonnenrente für den Mars zu ermitteln, nahm er an, daß auch auf dem Mars nur die direkte Wärmestrahlung seitens der Sonne – nicht die anderen Wellengattungen – zur Arbeit verwertet werden. Er fand dann, daß im Lauf eines Erdenjahres die Sonnenstrahlung dem Mars soviel Wärme zuführt, daß, wenn sie vollständig in Arbeit übergeführt wurde, ihr Wert pro Quadratmeter der Oberfläche durchschnittlich 30 Mark betragen würde. Die zur Bestrahlung ausgenutzte Oberfläche des Mars beträgt aber rund hundert Billionen Quadratmeter, somit erhält der Mars eine Rente von 3.000 Billionen Mark. Von diesem Strahlungsbetrag können jedoch nur etwa 40 Prozent wirklich in Arbeit verwandelt und ausgenutzt werden – bei dem Stand der Technik auf dem Mars –, so daß der Gesamtgewinn des Mars an Arbeit (im Laufe eines Erdenjahrs) 1.200 Billionen Mark beträgt. Tatsächlich benutzte man hiervon nur die Hälfte. Denn die Gesamteinnahme der Marsstaaten betrug 300 Billionen, die der Privaten ebensoviel. Es war also kein Zweifel, daß die Marsstaaten über diese ungeheuren Mittel verfügten. Und dabei empfängt der Mars nur etwa ein Neuntel so viel Wärme von der Sonne wie die Erde. Wie weit also war die Erde zurück in der Ausnutzung der Mittel, die ihr von der Natur verliehen waren! Wieviel konnte sie noch gewinnen, wenn ihr die Erfahrung der Martier zugute kam!

Aufs neue fühlte sich Ell in der Ansicht bestärkt, daß gegenüber dem immensen Fortschritt, der hier für die Menschheit in Frage stand, die Rücksicht auf die Neigung der gegenwärtigen Menschheit, dieses Geschenk anzunehmen, zu schweigen hatte. Noch viel weniger aber durfte er sich seinen Handlungen durch persönliche Neigungen irre machen lassen. Mochte man ihn als Überläufer, als Verräter an der Sache der Erde betrachten, mochte man Schmach und Verachtung auf ihn häufen – gleichviel! Er wußte, daß er zum besten der Kultur überhaupt und so auch der Menschheit handle, wenn er voll auf der Seite des Mars stand. Mochte er selbst seine persönlichen Freunde verlieren, er mußte es tragen. Einst würden sie gerechter über ihn urteilen. Und Isma! Er sah den traurigen Blick der blauen Augen, er sah das schmerzliche Zucken ihrer Lippen und das verächtliche Zurückwerfen des Kopfes –. Und noch einmal sprang er empor und starrte trüben Blickes in die dunkle Nacht. Dort drüben, wo der hellgrüne Schimmer des Straßenstreifens sich hinzog, da wohnte sie. O könnte er hingehen und sie rufen, wie damals, als das Luftschiff auf sie wartete, könnte er sie wieder zur Erde zurückführen und dafür ihren dankbaren Blick erhalten! Doch es ging nicht. Sie durfte nicht fort, sie konnte nicht, selbst wenn er versucht hätte, sie fortzubringen. Aber er selbst! Ihm stand es frei, er besaß die Erlaubnis, mit nach der Erde zu gehen, er hatte die Vollmacht hier vor sich, die er eben mit den übrigen Briefschaften an Ill zurückschicken wollte. In wenigen Tagen ging das Raumschiff. Ill fuhr zu diesem Zweck selbst an die Polstation, um der Abreise beizuwohnen. Er konnte mitreisen. Er konnte ihr den Wunsch erfüllen, mit Torm selbst zu sprechen. – Nein doch, nein! Es war unmöglich. Würde ihm Torm glauben können, wenn er ohne Isma kam? Und in diese Verhältnisse! Unter diesen Umständen! Sich gewissermaßen entschuldigen? Von allen Seiten beargwöhnt und angefeindet, würde er überhaupt jetzt etwas zur Versöhnung beitragen können? Nein, wenn er überhaupt zur Erde zurückging, da konnte es nur sein, wenn die Menschen begriffen hatten, was die Nume ihnen bringen und wie sie dieselben aufzunehmen haben. Er wollte auf dem Mars bleiben, bis er zurückkehren konnte als ein Herr und Beglücker der Menschen.

Ell schloß die Papiere für Ill in die Mappe und fügte seinen Paß für das Raumschiff hinzu. Er brauchte ihn nicht.


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