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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

39 - Die Martier sind auf der Erde!

Auf der Erde hatte die Nachricht von der Besetzung des Nordpols durch die Martier und der Existenz eines Luftschiffes, mit welchem sie siebenhundert Kilometer in der Stunde in der Erdatmosphäre zurückzulegen vermochten, ein Aufsehen erregt wie kaum ein anderes Ereignis je zuvor. Der Bericht Grunthes und die von ihm vorgelegten Beweise ließen keinen Zweifel zu, überdies war das Luftschiff in Italien, der Schweiz, Frankreich und England gesehen worden, ja, die Ankunft Grunthes und das Verschwinden Ells und Frau Torms waren auf keine andere Weise zu erklären. Die Schriften Ells, welche jetzt herauskamen, gaben eine hinreichende Auskunft über die Möglichkeit technischer Leistungen, wie sie von den Martiern vollzogen wurden.

Als daher Kapitän Keswick, sobald er mit der ›Prevention‹ die erste Telegraphenstation berührte, seinen Bericht an die englische Regierung abgab und Torm nach Friedau telegraphierte, daß er glücklich gerettet sei, erregten diese Nachrichten schon nicht mehr die Verwunderung, die man auf der ›Prevention‹ erwartet hatte. Wohl aber wurde in England die anfänglich für die Martier vorhandene Begeisterung stark abgekühlt und machte einer in der Presse sich äußernden, etwas bramarbasierenden Entrüstung Platz, daß man diesen Herrn vom Mars doch etwas mehr Respekt vor der britischen Flagge beibringen müsse. Indessen fehlte es nicht an Stimmen, die zur äußersten Vorsicht rieten und die Gefahren ausmalten, welche den Nationen des Erdballs von einer außerirdischen Macht drohten, der so ungewöhnliche und unbegreifliche Mittel zur Durchsetzung ihres Willens zu Gebote ständen wie den Martiern.

Diese Sorge, die Bedrohung durch eine unbestimmte Gefahr, beherrschte das Verhalten der Regierungen aller zivilisierter Staaten. Man wußte weder, was man zu erwarten habe, noch wie man einem etwaigen weiteren Vorgehen der Martier begegnen solle. Ein äußerst lebhafter Depeschenwechsel fand statt, man erwog den Plan, einen allgemeinen Staatenkongreß zu berufen, und konnte sich vorläufig nur noch nicht über das vorzulegende Programm und den Ort des Zusammentritts einigen. Während man sich auf der einen Seite einer gewissen Solidarität der politischen Interessen aller Staaten gegenüber den Martiern bewußt war, zeigten sich doch auf der andern Seite sehr verschiedene Auffassungen über den zu erwartenden kulturellen Einfluß der Martier. Die Presse aller Nationen beschäftigte sich aufs eifrigste mit der Mars-Frage, und eine unübersehbare Menge von Meinungen und abenteuerlichen Hypothesen erfüllte die Blätter und erhitzte die Gemüter.

Die Quelle aller dieser Erwägungen war das Buch von Ell über die Einrichtungen der Martier und die Erklärungen, welche Grunthe aus seinen Erfahrungen am Nordpol dazu geben konnte. Ein Verständnis derselben, wenigstens im größeren Publikum, war jedoch nicht zu erreichen. Der Sprung von der technischen und sozialen Kultur der Menschen zu der Entwicklung, welche diese bei den Martiern erreicht hatte, war zu groß, als daß man sich in letztere hätte finden können. Gerade die ersten Mahnungen Grunthes, man möge sich unter keinen Umständen in einen Konflikt mit den Martiern einlassen, weil ihre Macht alle menschlichen Begriffe überstiege, fanden am wenigsten Gehör; dazu waren sie schon viel zu wissenschaftlich in der Form.

Man stellte sich wohl vor, daß sich die Martier durch wunderbare Erfindungen eine ungeheure Macht über die Natur angeeignet hätten, aber man hatte keinerlei Verständnis dafür, wie ihre ethische und soziale Kultur sie den Gebrauch dieser Macht benutzen, mäßigen und einschränken ließ. Vor allem blieb das eigentliche Wesen ihrer staatlichen Ordnung trotz der Erläuterungen in Ells Buch ein Rätsel. Die individuelle Freiheit war so überwiegend, die Entscheidung des einzelnen in allen Lebensfragen so ausschlaggebend und so wenig von staatlichen Gesetzen überwacht, daß vielfach die Ansicht ausgesprochen wurde, das Gemeinschaftsleben der Martier sei durchaus anarchistisch. In der Tat, die Form des Staates war auf dem Mars an kein anderes Gesetz gebunden als an den Willen der Staatsbürger, und so gut ein jeder seine Staatsangehörigkeit wechseln konnte, so konnte auch die Majorität, ohne in den Verdacht der Staatsumwälzung oder der Staatsfeindschaft zu kommen, von monarchischen zu republikanischen Formen und umgekehrt übergehen. Keine Partei nahm das Recht in Anspruch, die alleinige Vertreterin des Gemeinschaftswohls zu sein, sondern in der gegenseitigen, aber nur auf sittlichen Mitteln beruhenden Messung der Kräfte sah man die dauernde Form des staatlichen Lebens. Es gab keinen regierenden Stand, so wenig es einen allein wirtschaftlich oder allein bildend tätigen Stand gab. Vielmehr war zwischen diesen Berufsformen ein stetiger Übergang, so daß ein jeder, ganz nach seinen Fähigkeiten und Kräften, diejenige Betätigungsform erreichen konnte, wozu er am besten tauglich war. Dies war freilich nur möglich infolge des hohen ethischen und wissenschaftlichen Standpunktes der Gesamtbevölkerung, wonach die Bildungsmittel jedem zugänglich waren, aber von jedem nur nach seiner Begabung in Anspruch genommen wurden. Natürlich bedeutete das nicht die Herrschaft des Dilettantismus, sondern jede Tätigkeit setzte berufsmäßige Schulung voraus, der Eintritt in höhere politische Stellen vor allem eine tiefe philosophische Bildung. Aber der Fähige konnte sie erwerben. Und dies beruhte wieder darauf, daß die Beherrschung der Natur durch Erkenntnis die unmittelbare Quelle des Reichtums in der Sonnenstrahlung erschlossen hatte.

Andere wieder behaupteten, die Staatsform der Martier sei durchaus kommunistisch. Auch hierfür schien manches zu sprechen. Denn wenn auch, was Ell nicht genügend hervorgehoben hatte, die Verwaltung der großen Betriebe der Strahlungssammlung, des Verkehrs und so weiter tatsächlich in der Hand von Privatgesellschaften lag, so war doch das Anlagekapital Staatseigentum. Es existierte auch eine staatliche Konzentration der wirtschaftlichen Tätigkeit, obwohl diese der Arbeit des einzelnen völlig freie Hand ließ und keineswegs die Güterproduktion durch Vorschriften regelte. Aber die Zentralregierung, deren Mitglieder auf eine zwanzigjährige Amtsdauer erwählt wurden, setzte unter Einwilligung des Parlaments einen ›Strahlungsetat‹ fest, das heißt, es war dadurch für ein Jahr im voraus bestimmt, welches Maximum von Energie der Sonne entnommen, also auch welches Maximum mechanischer Arbeit auf dem Planeten geleistet werden konnte. Sie setzte auch ein bestimmtes Kapital fest, das jeder als ein zinsloses Darlehen in Anspruch nehmen konnte, falls seine eignen Arbeitsmittel durch ungünstige Verhältnisse in Verlust geraten waren. Im übrigen aber war ein jeder auf seinen eigenen Fleiß angewiesen.

Auf dem Kulturstandpunkt der Menschheit erschienen die Einrichtungen des Mars als Utopien, und mit Recht; denn sie setzten eben Staatsbürger voraus, die in einer hunderttausendjährigen Entwicklung sich sittlich geschult hatten und theoretisch an der rechten Stelle alle die Mittel gleichzeitig zu benutzen wußten, deren Gebrauch im Lauf der sozialen Lebensformen nach irgendeiner Seite erprobt worden war. Ein Teil der Regierungen der Erdstaaten befürchtete nun, daß das Beispiel der Martier die Veranlassung zu übereilten Reformen, vielleicht zu gewaltsamen Umwälzungen geben würde. Die agrarische Bevölkerung geriet in Bestürzung über die drohende Konkurrenz der Lebensmittelfabrikation ohne Vermittlung der Landwirtschaft. Auf der anderen Seite begrüßten die Arbeiterschaft und alle für schnellen Kulturfortschritt enthusiasmierten Gemüter die Martier als die Erlöser aus der Not, deren Erscheinen nun bald bevorstünde. Durchweg aber war man im unklaren, was geschehen würde und was geschehen solle.

Als im Oktober die Parlamente der meisten Staaten zusammentrafen, gab es überall Interpellationen an die Regierungen über die Marsfrage. Und überall lautete die Antwort ausweichend dahin, es fänden Erwägungen statt über einen allgemeinen Staatenkongreß, worüber man indessen Näheres noch nicht mitteilen könne. Überall sprachen dann die Führer der verschiedenen Parteien die Ansichten über den Mars aus, die sie vorher in ihren Blättern hatten drucken lassen. Einige wollten die Martier enthusiastisch aufnehmen, andere sie dilatorisch behandeln, andere sie überhaupt von der Erde zurückweisen. Wie man das machen solle, wußte freilich niemand zu sagen. Der Erfolg war jedoch in allen Staaten der gleiche: neue Bewilligungen zur Vermehrung des Heeres und der Flotte.

Zum Glück für die Regierungen, die dadurch Zeit zur Beratung gewannen, hörte man nun nichts mehr von den Martiern. Das Luftschiff ließ sich nicht wieder sehen, die Martier schienen verschwunden.

Da plötzlich kam im Januar die Nachricht vom Wiedererscheinen eines Luftschiffs in Sydney. Am 2. Januar telegraphierte der Gouverneur von Neusüdwales nach London, daß in Sydney mehrere Luftschiffe eingetroffen seien, bestimmt, eine außerordentliche Gesandtschaft der Marsstaaten nach London zu bringen, falls die englische Regierung sich bereit erkläre, mit derselben wie mit der bevollmächtigten Gesandtschaft einer anerkannten Großmacht zu unterhandeln. Die Martier hatten sofort in Sydney einen berühmten Rechtsanwalt als Agenten engagiert, der die Verhandlungen mit den Behörden führte. Daß sie vom Mars mehr als 2.000 Kilogramm Gold in Barren mitgebracht und bei der Bank of New South Wales deponiert hatten, war eine so vorzügliche Empfehlung, daß ganz Neusüdwales für sie eingenommen war.

Die diplomatischen Verhandlungen waren inzwischen nicht weitergekommen. Auf Englands erneute Anregung einigte man sich jetzt endlich dahin, daß man die Marsstaaten als politische Macht anerkennen wolle, wenn sie gewisse Garantien gäben, daß sie sich dem auf der Erde geltenden Völkerrecht unterwärfen. Daraufhin beantwortete die englische Regierung die Depesche der Marsstaaten im Prinzip bejahend, knüpfte aber verschiedene Bedingungen an die Bewilligung weiterer diplomatischer Verhandlungen. Sie verlangte von den Martiern außer der Anerkennung der völkerrechtlichen Gewohnheiten der zivilisierten Erdstaaten, daß genau festgesetzt werde, worüber mit der Gesandtschaft verhandelt werden solle, und daß kein anderer Punkt zur Verhandlung käme, nachdem man die Martier in London zugelassen habe. Ihrerseits versprach natürlich die Regierung der Gesandtschaft den völkerrechtlichen Schutz auf der Erde.

Der Bevollmächtigte der Marsstaaten, Kal, ging hierauf ohne weiteres ein und stellte folgende Forderungen zur Verhandlung in einer Depesche vom 22. Januar:

1) Formelle Entschuldigung der englischen Regierung wegen des Angriffs, den die Mannschaft des Kanonenboots auf die beiden Martier und der Kapitän auf das Luftschiff unternommen hatten.

2) Bestrafung des Kapitäns Keswick und des Leutnants Prim.

3) Entschädigung für die beiden Martier von je hunderttausend Pfund.

4) Anerkennung der Hoheitsrechte der Marsstaaten auf die Polargebiete der Erde jenseits des 87. Grades nördlicher und südlicher Breite.

5) Anerkennung der Gleichberechtigung der Martier mit allen andern Nationen in bezug auf Niederlassung, Verkehr, Handel und Erwerb.

Gleichzeitig depeschierte Kal an die Regierungen aller größeren Staaten den Wunsch der Marsstaaten, über die beiden letzten Punkte in Verhandlung zu treten.

Die Antworten ließen auf sich warten. Die Regierungen der Erde verhandelten zunächst untereinander, da sie in ihren vorangegangenen Verabredungen übereingekommen waren, gemeinsam vorzugehen, falls die Martier mit allgemeinen Fragen des internationalen Verkehrs an sie herantreten sollten. Die Vereinigten Staaten, Frankreich, Italien und Japan traten dafür ein, den Martiern entgegenzukommen, Deutschland, Österreich- Ungarn und andere zögerten noch, Rußland verhielt sich ablehnend. Die englische Regierung war zuerst geneigt, Verhandlungen einzuleiten. Aber sobald die Forderungen der Martier in der Bevölkerung bekannt geworden waren, erhob sich ein allgemeiner Entrüstungssturm. Das Nationalgefühl forderte ungestüm die Ablehnung des Ansinnens der Martier, das britische Selbstbewußtsein lasse nicht zu, daß man mit einem Haufen Abenteurer in Verhandlungen über Entschuldigungen und Entschädigungen trete. Es kam zu einer bewegten Parlamentssitzung, in welcher das friedlich gestimmte Ministerium gestürzt wurde. Ein Toryministerium, zu entschiedenem Vorgehen geneigt, trat an die Stelle und erklärte sofort, daß es jede weitere Unterhandlung mit den Marsstaaten zurückweise. Die ablehnende Note, welche nach Sydney zur Mitteilung an den Gesandten der Marsstaaten geschickt wurde, war in sehr kühlem und herablassendem Ton gehalten.

Die übrigen Staaten hatten jetzt, nachdem England eigenmächtig vorgegangen war, keine Veranlassung, sich gegenseitig zu binden, und erklärten nunmehr sämtlich im Prinzip sich zu Unterhandlungen bereit, indem sie sich jedoch völlige Freiheit ihrer weiteren Entschließungen vorbehielten.

Sobald die Martier in Sydney aus den Zeitungen, die sie aufs sorgfältigste verfolgten, entnommen hatten, daß sie in England vermutlich auf kein Entgegenkommen rechnen durften, sandte Kal nach dem Mars die Lichtdepesche, derzufolge die verabredeten Verstärkungen abzusenden seien. Ein Luftschiff vermittelte täglich den Verkehr zwischen Sydney und dem Südpol, von dessen Außenstation die Lichtdepeschen abgingen. Aber auch schon vorher hatte sich eine ansehnliche Macht am Südpol angesammelt. Es waren drei neue Raumschiffe angelangt, nachdem die früheren, um ihnen Platz zu machen, zurückgegangen waren, und hatten neue Luftschiffe und Mannschaften gelandet. Gegenwärtig befanden sich bereits vierundzwanzig Luftschiffe am Südpol, sämtlich mit Nihilitpanzern, Repulsitgeschützen und Telelyten ausgerüstet, eine furchtbare Macht, deren militärischen Oberbefehl ein energischer Martier aus dem Norden namens Dolf führte. Es ließ sich berechnen, daß binnen vier Wochen die Streitmacht der Martier auf 48 Fahrzeuge angewachsen sein würde. Mit dem letzten der Raumschiffe, dessen Ankunft im März zu erwarten war, wollte Ill selbst eintreffen, um die Leitung der Erdangelegenheiten zu übernehmen. Inzwischen hatte man Kal eine Anzahl anderer bedeutender Männer zur Seite gestellt, die als Gesandte an die Regierungen der Großmächte gehen sollten.

Als die Note der großbritannischen Regierung Kal übermittelt war, telegraphierte sie dieser sofort nach dem Mars. Die Antwort traf noch denselben Tag ein. Sie besagte nur, daß Kal genau nach den Instruktionen verfahren solle, welche für den Fall einer ablehnenden Haltung Englands festgesetzt seien. Am 15. März sei das Hauptquartier nach dem Nordpol zu verlegen, woselbst im Laufe des März nach und nach noch vierundzwanzig Raumschiffe mit durchschnittlich je sechs Luftschiffen eintreffen würden. Damit würde die Macht der Martier auf der Erde auf 144 große und eine Anzahl kleinerer Luftschiffe mit 3.456 Mann gebracht sein, eine Flotte, die den Martiern genügend schien, den Kampf im Notfall mit der gesamten Erde aufzunehmen.

Die Note der englischen Regierung war vom 18. Februar datiert. Am zwanzigsten erfolgte die Antwort Kals. Sie besagte, daß die Regierung der Marsstaaten hiermit an die großbritannische Regierung das Ultimatum richte, bis zum 1. März sämtliche gestellte Forderungen zuzugestehen, widrigenfalls sich die Marsstaaten als im Kriegszustand mit England betrachten würden. Diese Erklärung wurde gleichzeitig allen andern Regierungen mitgeteilt.

Am 23. Februar drängte sich in Berlin auf der Wilhelmstraße, Unter den Linden und vor dem königlichen Schloß eine ungeheure Menschenmenge. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, eine Gesandtschaft der Martier sei eingetroffen, sie befinde sich im Palais des Reichskanzlers und werde vom Kaiser empfangen werden. Die Schaulust der Menge sollte jedoch nicht befriedigt werden, dagegen wurde der gesamten Bevölkerung eine andere Überraschung zuteil durch eine Nachricht, welche der Reichsanzeiger in einer Extraausgabe brachte. Es wurde darin mitgeteilt, daß sich allerdings in der Nacht eine Gesandtschaft der Martier in Berlin befunden, die Stadt aber bereits am Morgen verlassen habe. Die Beziehungen zur Regierung der Marsstaaten seien äußerst freundliche, und man hoffe, daß auch ein Einvernehmen mit England hergestellt werden würde. Bald darauf teilte der Telegraph aus allen Hauptstädten ähn- liche Nachrichten mit.

In aller Stille nämlich hatten die Martier mit den Mächten einzeln verhandelt, und in der Nacht vom 22. zum 23. Februar waren gleichzeitig in Washington, Paris, Berlin, Wien, Rom und Petersburg Gesandtschaften der Martier heimlich eingetroffen, um durch mündlichen Verkehr mit den leitenden Staatsmännern die Lage zur Klärung zu bringen. In Berlin hatte ein Luftschiff mehrere Stunden im Garten des Reichskanzlerpalais gelegen, und der martische Gesandte hatte sich mit dem Reichskanzler besprochen. Aber weder aus Deutschland noch aus irgendeinem andern Staat konnte man erfahren, was der Gegenstand und das Resultat dieser Unterredungen gewesen sei. Man vermutete, daß es sich um Erklärungen der Martier über ihre Absichten und um die Vermittlung der Mächte zwischen den Marsstaaten und Großbritannien handle. Man bezweifelte nicht, daß die Martier friedliche Versicherungen gemacht hätten, aber man setzte kein Vertrauen darauf, daß die Vermittlungsvorschläge der Mächte bei England günstige Aufnahme finden würden.

Sie waren wohl auch hauptsächlich in der Absicht zugesagt, die Geschäftswelt einigermaßen zu beruhigen; denn auf die erste Nachricht vom Ultimatum der Martier hatten die Börsen aller Länder mit einem gewaltigen Sturz aller englischen Werte geantwortet, und die dadurch eingerissene Panik dauerte fort. Die Nachrichten aus England aber wurden nicht günstiger. Die Stimmung war kriegerisch. Nur wenige Blätter wagten einem Nachgeben gegen die Martier das Wort zu reden, und sie wurden tumultuarisch überschrien. Krieg gegen den Mars war die Losung geworden. Krampfhaft rüstete man in Heer und Flotte, obwohl man nicht wußte, in welcher Form man einen Angriff zu gewärtigen habe. Fieberhafte Tätigkeit herrschte in den Arsenalen und Werkstätten, wo man hauptsächlich damit beschäftigt war, die Konstruktion der Geschütze so umzuändern, daß sie eine größere Elevation gestatteten. Denn man erwartete, den Kampf mit einem Gegner führen zu müssen, der sich in der Luft befand. Man tröstete sich mit der Sicherheit, daß die Martier jedenfalls nicht imstande seien, außerhalb ihrer Luftschiffe irgend etwas auszurichten, weil ihre Körper unter dem Einfluß der Erdschwere zu Kraftleistungen, ja zur einfachen Bewegung untauglich seien. Man hoffte daher, wenn man sich nur die Luftschiffe vom Halse halten konnte, nichts Ernstliches zu befürchten zu haben und den auf der Erde fremden Gegner bald zu ermüden.


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