DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek
www.digbib.org / Kurd Laßwitz / Auf zwei Planeten

Anzeigeoptionen: WebBuch (kapitelweise), vollständiger Text: [HTML], [PDF], [TXT]

Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

49 - Die Flucht in die Berge

Saltner verließ durch die Hintertür des Gartens seine Wohnung. In wenigen Minuten stand er vor der Kaserne, die jetzt den Martiern als Laboratorium, Schule und Strafanstalt diente. Er trat in das Wartezimmer und verlangte den dirigierenden Arzt oder dessen Stellvertreter zu sprechen.

Beide hatten bereits die Anstalt verlassen und sich in die Stadt begeben. Der zweite Assistent, ein ganz junger Mann, der erst vor kurzem vom Mars gekommen war, empfing ihn. Saltner stellte sich vor und legitimierte sich durch seinen Paß. Der junge Nume wurde außerordentlich höflich und etwas verlegen. Er sagte sogleich: »Sie kommen gewiß wegen Ihrer Frau Mutter. Ich muß gestehen, ich weiß nicht recht, wie es zusammenhängt, daß Ihre Frau Mutter hier festgehalten wird, wir wissen ja doch alle, mit welchen Ehren Sie als der erste Bat auf dem Nu empfangen wurden – aber es liegt ein ausdrücklicher Befehl des Instruktors vor.«

»Das hängt einfach so zusammen«, sagte Saltner, »daß ich verreist war und meine Mutter mit den Verhältnissen nicht Bescheid wußte, auch während meiner Abwesenheit nicht über die Mittel verfügte, die geforderte Geldstrafe wegen des versäumten Termins zu bezahlen. Ich komme jetzt, um meine Mutter abzuholen, und deponiere hier Obligationen im Betrag von tausend Gulden für meine Mutter und unsere Dienerin Katharina Wackner, mit dem Vorbehalt, die Gültigkeit der Verordnung auf dem Rechtswege zu bestreiten. Wollen Sie die Güte haben, meine Mutter holen zu lassen.«

»Ich bin sehr gern bereit, Sie zu Ihrer Frau Mutter zu führen, aber das Geld kann ich nicht annehmen, Sie müssen dasselbe auf der Bezirkskasse deponieren, auf den erhaltenen Schein wird die Entlassung verfügt werden. Ich bin dazu nicht ermächtigt.«

»Das ist aber äußerst fatal. Ich kann meine Mutter keinen Augenblick länger hier lassen, sie wird dadurch im höchsten Grade deprimiert, und es steht für ihre Gesundheit das Schlimmste zu befürchten.«

»Ich muß zugeben, es wäre sehr wünschenswert, daß Ihre Frau Mutter zu Ihnen käme – unsrerseits würden wir ja gern sofort –, wenn nicht –« Er zuckte mit einem bedeutungsvollen Blick die Achseln. »Indessen, es wird sie beruhigen, wenn ich Sie inzwischen zu ihr führe. Ich möchte Ihnen gern in jeder Hinsicht gefällig sein und Ihnen daher folgendes vorschlagen. Um zehn Uhr kommt der Direktor zurück, es sind dann noch einige Schlaf- und Traumversuche anzustellen. Inzwischen fahre ich mit dem Geld nach der Kasse, vielleicht treffe ich noch einen Beamten, ich besorge Ihnen den Schein, und darauf wird der Direktor die Entlassung verfügen.«

»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, sagte Saltner. »Es ist nur fraglich, ob es nicht schon zu spät am Tage ist – wollen Sie mir nicht auf Ihre Verantwortung meine Mutter anvertrauen?«

»Das ist mir ganz unmöglich, so gern ich möchte.«

»Nun«, sagte Saltner mit einem Gesicht, das wenig Freude verriet, »dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ihr freund- liches Anerbieten anzunehmen.«

»Sehr gern. Sobald ich Sie zu Ihrer Mutter gebracht habe, fahre ich, und in einer halben Stunde bin ich wieder hier.«

Saltner war in verzweifelter Stimmung. Er konnte das Anerbieten des Numen nicht ablehnen, aber er konnte auch unmöglich diese Entwicklung der Angelegenheit abwarten. Denn abgesehen davon, daß sich heute vielleicht überhaupt nichts mehr erreichen ließ, so mußten doch noch gegen zwei Stunden vergehen, ehe die Entlassung vom Direktor zu erhalten war. Das war für Saltner so gut als die Vereitelung seiner Rettung. Denn selbst wenn, was keineswegs ausgeschlossen war, Oß von der Zahlung nichts erfuhr, so mußte doch Saltner mit Gewißheit annehmen, daß noch in dieser Stunde Oß seine Drohung ausführen und ihn persönlich zur Rechenschaft ziehen würde. Vermutlich war sein Haus jetzt schon besetzt; wenn er nicht zurückkehrte, so würde man ihn sicher bei seiner Mutter suchen; er konnte jeden Augenblick erwarten, daß man ihn auf Grund einer besonderen Order, die der Instruktor durchsetzen würde, hier verhaften werde. Jede Minute war ihm kostbar. Das ging ihm durch den Kopf, während er mit dem Assistenten durch die Korridore nach dem Zimmer seiner Mutter schritt.

Der Nume blieb vor einer Tür stehen.

»Hier ist es«, sagte er, »gehen Sie allein hinein. Ich will inzwischen in Ihrem Interesse eilen.«

Saltner schoß ein Gedanke durch den Kopf.

»Gestatten Sie noch eine Frage«, sagte er. »Wer vertritt Sie in Ihrer Abwesenheit von hier?«

»Dr. Frank, der frühere Stabsarzt.«

»Ich kenne ihn. Ich möchte mit ihm über meine Mutter sprechen; würden Sie die Güte haben, ihm sagen zu lassen, daß er sich hierher bemühe?«

»Sehr gern.« Der Nume verabschiedete sich.

Saltner blieb kurze Zeit pochenden Herzens vor der Tür stehen.

Leise klopfte er an. Es erfolgte keine Antwort. Er öffnete die Tür geräuschlos und trat in das Zimmer. Es war fast dunkel, nur ein letzter Schein der Dämmerung ließ noch einen unsichern Überblick zu. Über einem Betstuhl in der Ecke brannte eine ewige Lampe. Davor kniete Frau Saltner, in inbrünstigem Gebet begriffen. Er hörte sie leise Worte murmeln.

Saltner wagte kaum zu atmen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Und doch hing vielleicht alles an einer Minute.

»Mutter«, sagte er leise.

Ihre Lippen verstummten. Ihr Blick richtete sich wie verzückt nach oben.

»Mutter«, wiederholte er. »ich bin’s, der Josef.«

Sie blieb in ihrer Stellung, als fürchtete sie, durch eine Bewegung die Erscheinung zu verscheuchen.

»Es ist seine Stimme«, flüsterte sie. »Die heilige Jungfrau hat mein Gebet erhört.«

Er kniete neben ihr nieder und umschlang sie mit seinem Arm. Jetzt erst wandte sie ihm das Gesicht zu. Mit einem Freudenschrei fiel sie ihm um den Hals.

»Steh auf, Mutter«, sagte er, »und komm schnell, ich bin hier, um dich abzuholen. Wir müssen sogleich gehen.«

Er zog sie empor. Sie küßte ihn zärtlich. Sie sprach kein Wort. Nun er da war, nun war es ihr wie selbstverständlich, daß sie fortgehen konnte. Sie suchte ihre Sachen zusammen.

»Laß nur alles liegen«, sagte er, »es wird alles geholt werden. Nur dein Tuch nimm um, es wird kühl. So, nun komm!«

Ihre Knie zitterten, er mußte sie stützen. Langsam gingen sie zur Tür und betraten den Korridor.

Nach wenigen Schritten kam ihnen Doktor Frank entgegen.

»Guten Abend, Saltner«, sagte er herzlich. »Nun werden Sie ja hoffentlich bald die liebe Frau Mutter wieder haben. Kommen Sie mit mir in mein Zimmer, und essen Sie mit mir zu Abend, dort können Sie alles gemütlich abwarten.«

»Lieber Freund«, antwortete Saltner, »ich danke Ihnen innig, aber ich muß Ihnen eine Überraschung bereiten. Ich gehe jetzt mit meiner Mutter sogleich fort. Ich habe Gründe, weshalb ich nicht warten kann.«

»Haben Sie denn den Schein und das Attest vom Direktor?«

»Nein, das brauche ich nicht, wir gehen so.«

»Aber ich bitte Sie, bester Freund, das ist unmöglich, das darf ich ja leider nicht zulassen –«

»Sie müssen es.«

»Es geht nicht. Sie bringen mich in Teufels Küche. Es geht mir an den Kragen.«

»Ihnen kann gar nichts passieren. Kennen Sie die Verordnung von Oß, wo es heißt: ›Jeder Anordnung eines Numen, gleichviel, worauf sie sich beziehe, ist ohne Widerspruch Folge zu leisten‹, von den Menschen nämlich?«

»Leider ja, ich kenne den Unsinn, muß mich aber danach richten.«

»Nun denn, führen Sie uns in Ihr Zimmer, ich will Ihnen etwas zeigen.«

Sie traten in das Sprechzimmer des Arztes.

»Können Sie martisch lesen?« fragte Saltner.

»Ich habe es einigermaßen lernen müssen.«

»Dann sehen Sie sich das an.« Er zeigte seinen Paß.

»Erkennen Sie an, daß mir danach alle Rechte eines Numen ausnahmslos zuerkannt sind?«

»Ich muß es anerkennen.«

»Demnach befehle ich Ihnen, meine Mutter und mich sogleich aus diesem Hause zu entlassen.«

Der Arzt sah ihn verdutzt an. Dann blinzelten die Augen unter seiner Brille, und ein vergnügtes Schmunzeln ging über sein ganzes Gesicht. Endlich lachte er und rieb sich die Hände.

»Das ist gut!« rief er. »Das nenne ich den Jäger in seiner eignen Falle gefangen. Ja, wenn Eure Numenheit befehlen, so muß ein armer Bat ja folgen. Aber um meiner Sicherheit willen möchte ich mir den Befehl doch schriftlich ausbitten.«

Er rückte Papier und Feder zurecht.

Saltner schrieb eilig in martischer Sprache: »Auf Grund der Verordnung des Instruktors von Südtirol vom 18. September kommt Dr. Frank, in Vertretung des Direktors des Laboratoriums, meinem Befehl nach, Frau Marie Saltner aus der Anstalt zu entlassen. Josef Saltner, Ehrenbürger der Marsstaaten. Bozen, am 20. September.«

Frank verbeugte sich und nahm das Papier in Empfang. Er schüttelte Saltner die Hand und sagte: »Nun wünsche ich recht glückliche Reise, denn Sie werden sich wohl auf einige Zeit aus der Nähe verziehen. Ich begleite Sie bis vors Haus.«

Langsam stiegen sie die Treppe hinab, denn Frau Saltner fiel das Gehen noch immer schwer. Da kam ihnen ein Diener eilig entgegen.

»Herr Doktor«, rief er, »eben kommt der Instruktor vor die Tür gefahren. Er wird gleich hier sein.«

Saltner stand erstarrt. Im letzten Augenblick sollte er scheitern?

»Haben Sie nicht einen Nebenausgang, durch den Sie uns führen können?« fragte er schnell.

Frank verstand. »Kommen Sie«, sagte er. Und zu dem Diener: »Sagen Sie dem Herrn Instruktor, ich würde sofort zur Stelle sein. Sie sehen, ich bin eben bei einer Kranken.«

Damit faßte er Frau Saltner unter den andern Arm, und sie gingen schnell durch einen Korridor nach einer Nebentreppe und durch einige Wirtschaftsräume in den Hof. Hier führte eine kleine Tür auf einen schmalen Weg, der sich hinter dem Haus zwischen den Weingärten hinzog. Schnell schloß Frank die Tür hinter Saltner und seiner Mutter zu und eilte ins Haus zurück.

Jetzt tat Eile not.

»Wir müssen uns eilen, Mutter«, sagte er, »damit wir fortkommen, denn in unserm Haus dürfen wir nicht bleiben. Ich habe einen Wagen bestellt, wir wollen über die Berge, wo der Oß nichts mehr zu sagen hat. Ich will dich deshalb das Stückchen tragen.«

»Du wirst es schon recht machen«, sagte sie.

Er nahm sie auf den Arm wie ein Kind und schritt rasch und ohne Beschwerden zwischen den Mauern dahin. Der Weinhüter kam ihm entgegen. Als er ihn erkannte, grüßte er ehrerbietig und öffnete ihm die Türen. So kam er schnell an die Stelle, wo der Wagen hielt. Kathrin saß schon darin, Rieser stand selbst bei den Pferden. Saltner hob seine Mutter hinein, Kathrin wickelte sie in eine Decke und bot ihr Wein an.

Saltner schwang sich auf den Bock. Der Weinhüter war herangetreten. Hier kannte ihn jeder und liebte ihn, keiner hätte ihn verraten. Saltner beugte sich zu dem Mann herab und sagte: »Die Nume sind hinter uns her, sie dürfen uns nicht kriegen.«

»Schon recht«, sagte der Hüter, »ich habe nichts gesehen, hier ist niemand gewesen.« Damit tauchte er wieder in das Dunkel der Mauern. Die Pferde zogen an, der Wagen rollte auf der Straße nach Meran davon.

Saltner sprach zurück in den halbgedeckten Wagen. Er erkundigte sich, wie Kathrin ihre Aufträge ausgerichtet habe. Palaoro war zu Hause gewesen, er hatte gesagt, zwei zuverlässige Leute, die besten, die da seien, würden gern mit ihm kommen, weil es für den Herrn Saltner sei. Aber ob er die Maultiere gleich bekommen würde, wüßte er nicht, doch werde er sein Möglichstes tun. Der Herr Saltner möge sich nur nicht sorgen, wenn es etwas spät in der Nacht würde. Dann wäre sie nach Hause gelaufen und hätte die Sachen zusammengepackt. Als sie gerade wieder hinten zum Hause hinausgewollt, hätte es vorn gepocht. Da hat sie das Licht schnell ausgelöscht und zum Guckfenster hinausgeschaut. Dort ist der Wagen des Herrn Instruktor gestanden, und noch eine Menge von Fahrrädern mit den großen elektrischen Lampen sind dagewesen und wohl zehn Leute mit Glockenhelmen, die haben ins Haus gewollt. Da ist sie schnell hinten hinaus und hat die Tür verschlossen und ist zum Rieser gelaufen, und der ist auch gerade mit dem Wagen gekommen.

Die Häuser des Ortes lagen hinter den Flüchtlingen. Die Nacht war klar, und eine Spur von Dämmerung erleuchtete den Weg. Saltner besprach sich mit dem Besitzer des Fuhrwerks und setzte ihm auseinander, worauf es ankäme. Sobald Oß die Entführung aus dem Laboratorium erfahren haben würde, und das war jetzt natürlich schon geschehen, würde er sie jedenfalls verfolgen lassen. Er konnte zwar nicht wissen, ob sie sich nicht in Gries versteckt hielten, aber er würde jedenfalls auch seine fahrenden Gendarmen die Hauptstraßen entlangschicken. Diese mußten mit ihren schnellen elektrischen Rädern auf den glatten Chausseen den Wagen bald einholen. Sie durften also nicht auf der Chaussee bleiben, wenn auch die Fahrt auf diese Weise viel länger dauern mußte. Hatte Oß nach den umliegenden Ortschaften telephonisch den Befehl gesandt, sie aufzuhalten, so war ihnen die Nachricht doch in jedem Fall vorangeeilt. Man mußte dann sehen, wie man durchkam.

»In der Hinsicht«, sagte Rieser, »brauchen Sie nichts zu befürchten, wenn nicht gerade ein Nume in Andrian ist. Aber wie sollte da einer hinkommen? Der Vorsteher sieht gern durch die Finger, wenn er den Numen ein Schnippchen schlagen kann. Sie setzen sich dann in den Wagen, und wenn ich mit dem Mann gesprochen habe, wird er Sie gar nicht erkennen.«

Sie hatten jetzt die Straße verlassen und verfolgten einen schlechten Feldweg, zwischen Obst- und Weingärten oder Rohrfeldern. Die Schwierigkeit lag aber darin, über die Eisenbahn und die Etsch hinüberzukommen. Dazu mußten sie bis Sigmundskron heran, und hier galt es vorsichtig sein. Die Mitte des Bozener Bodens war noch nicht erreicht, als sie hinter sich, wo die Straße nach Meran sich etwas erhöht am Berg hinzieht, die unverkennbaren Lichter der Martier sich in schneller Fahrt in der Richtung nach Terlan hinbewegen sahen. Gleich darauf bemerkten sie auch vor sich Lichter, die in derselben Richtung wie sie auf den dunkel vorspringenden Felsen von Sigmundskron hineilten. Sie waren aber auf der Chaussee ihnen bereits voraus und verschwanden bald hinter den Bäumen und Baulichkeiten des Orts.

»Nun so schnell wie möglich ihnen nach«, rief Saltner. »Die fahren sicher den Berg hinan, um zu sehen, ob wir über die Mendel wollen. Bis sie zurückkommen, muß der Weg frei sein.«

»Sie werden aber nicht weit fahren«, sagte Rieser. »Denn das wissen sie doch, daß sie uns in der ersten halben Stunde einholen müssen, wenn sie auf dem richtigen Weg sind.«

»Wir müssen unser Glück versuchen.«

Ohne aufgehalten zu werden, passierten sie den Ort und den Fluß und waren glücklich an der Stelle vorüber, wo links die Straße nach dem Mendelpaß abgeht. Sie wandten sich rechts, um am Gebirge entlang ihr Ziel zu erreichen. Jetzt durften sie hoffen, keinem Verfolger mehr zu begegnen. Die Straße führte hier ein großes Stück geradeaus, das sie schon zurückgelegt hatten, und Saltner spähte vorsichtshalber noch einmal rückwärts. Da bemerkte er plötzlich, wie hinter ihnen das elektrische Licht eines Rades auftauchte. Es näherte sich nur langsam, da der Weg kein schnelles Fahren gestaltete. Sie wurden verfolgt.

Saltner verlor die Geistesgegenwart nicht. Er sah, daß es nur ein einzelner Bed war, der diese Straße einschlug; vielleicht hatte man ihm gesagt, daß ein Wagen diesen Weg gefahren sei. Er durfte es nicht darauf ankommen lassen, daß der Wagen erkannt wurde. Der Bed hätte Hilfe herbeigeholt, und man hätte ihn jedenfalls noch in Andrian erreicht. Er fühlte nach der Telelytwaffe, die er vom Mars mitgebracht und heute zu sich gesteckt hatte. Ohne Rieser etwas von dem Verfolger zu sagen, rief er ihm nur zu: »Fahren Sie weiter, ich komme gleich nach!«und sprang während der Fahrt vom Wagen.

Er mußte den Bed abhalten, ihnen zu folgen, aber er durfte ihn auch nicht zurückkehren lassen, um zu melden, daß er durch einen Überfall verhindert worden sei, die Verfolgung fortzusetzen; vielmehr mußte er es so einrichten, daß der Bed an einen zufälligen Unfall glaubte. Und er hatte schon unterwegs daran gedacht, wie er das einrichten könne. Saltner sprang hinter einen Baum, der ihn gegen das Licht der Laterne deckte. Die Telelytwaffe ließ sich ausziehen, daß man wie mit einem Gewehr genau zielen konnte. Das Rad mit dem Bed näherte sich hell beleuchtet und mochte noch etwa hundert Schritt entfernt sein. Saltner setzte eine kleine Sprengpatrone ein und zielte an die Stelle, wo der diabarische Glockenhelm von den beiden dünnen Stützen getragen wird, die ihn mit der Fußbekleidung verbinden. Wird diese Verbindung unterbrochen, so ist die Diabarität aufgehoben, da der zu schützende Körper nach beiden Seiten gegen die Richtung der Schwerkraft gedeckt sein muß. Es kommt beim Gebrauch des Telelyts nicht wie bei einem Schuß auf eine einzige Entladung an, sondern man kann die Wirkung, die sich wie das Licht in Ätherwellen fortpflanzt, einige Zeit wirken lassen. Saltner war daher sicher, wenn er auch bei den Schwankungen des Helms einigemal das Ziel verlor, doch den Sprengerfolg zu erreichen. Und in der Tat, nach fünf bis sechs Sekunden begann der Helm sich zu neigen, und die eine Stütze brach. Der Bed hielt erschrocken sein Rad an. Diesen Moment der Ruhe benutzte Saltner, um auch die andere Stütze zu sprengen. Der Helm fiel herab, und der Bed bückte sich sichtlich unter dem Druck der Erdschwere. Er konnte jedenfalls so bald weder vorwärts noch rückwärts weit gelangen und war mit seinem Unfall so beschäftigt, daß er nicht mehr auf den Weg achtete.

In schnellen Sprüngen eilte Saltner dem Wagen nach. Ohne ein Wort zu sagen, schwang er sich wieder auf den Bock. Eine Stunde später traf der Wagen in Andrian ein. Rieser ging voraus und überzeugte sich, daß hier noch keine Nachforschungen angestellt seien. Der Wirt brachte die Frauen in seiner eignen Wohnung unter, und auch Saltner legte sich einige Stunden zur Ruhe, um die Ankunft der Führer abzuwarten.

Um drei Uhr wurde er geweckt. Palaoro war mit zwei Führern und den Maultieren eingetroffen. Alles wurde sogleich zum Aufbruch vorbereitet. Frau Saltner fühlte sich vollkommen kräftig, die Befreiung von ihrer Angst hatte ihr aufgeholfen. Nur die Füße konnte sie nicht gut gebrauchen, aber auf dem bequemen Sattel des Maultiers hatte sie keinerlei Beschwerden. Es war noch finster, als der kleine Zug aufbrach und auf schmalen Pfaden durch eine enge Schlucht zur Stufe des Mittelgebirges hinaufklomm. Sie waren erst ein kurzes Stück vorwärts gekommen, als Palaoro in seine Tasche griff und zu Saltner sagte:

»Da habe ich doch noch etwas vergessen. Gehen Sie nur ruhig vorwärts, ich hole Sie bald wieder ein.«

Er schritt gemächlich den Weg zurück. Der Wirt, der zugleich Ortsvorsteher war, trat eben ins Haus, um sich noch ein wenig aufs Ohr zu legen, als Palaoro herankam.

Er überreichte ihm eine Depesche und sagte: »Das hat mir diese Nacht der Postmeister in Terlan mitgegeben. Er hatte nach allen Richtungen Boten ausschicken müssen, so daß er keinen mehr an euch hatte; da hab ich gesagt, ich wolle das Telegramm mitnehmen. Beinahe hätt’ ich’s vergessen. B’hüt euch Gott.«

Und schon war er mit raschen Schritten in der Dunkelheit verschwunden. Der Wirt ging langsam ins Zimmer und entfaltete beim Schein der Laterne das Telegramm. Es lautete:

»Josef Saltner mit Frau Marie Saltner und Katharina Wackner sind, wo sie auch auf diesseitigem Gebiet betroffen werden, zu verhaften und sogleich der hiesigen Gerichtsstelle zuzuführen.«

Der Ortsvorsteher faltete das Papier zusammen und sprach: »Das hätte halt nachher schon vorher kommen gesollt.« Dann ging er wieder zu Bett.

Die Flüchtenden hatten das Mittelgebirge überschritten und kletterten jetzt auf halsbrecherischen Pfaden die steilen Abstürze des Gantkofels hinauf. Immer mit gleicher Sicherheit ging Palaoro voran, die Saumtiere folgten an der Hand ihrer Führer mit festem Tritt, und Saltner beschloß den Zug. Die Sonne ging auf und vergoldete die Bergspitzen. Ohne Rast, den Abgrund zur einen, die Felswand zur andern Seite, setzten die Reisenden ihren Anstieg fort. Nach vier Stunden war der Rücken erreicht, mit welchem das Mendelgebirge steil gegen das Etschtal abbricht. Dieser Rücken ist die deutsch-italienische Sprachgrenze und das Ende des Oß’schen Machtbereichs.

Menschen und Tiere blieben stehen und erholten sich. Der Blick hatte sich nach Süden und Westen geöffnet. Auf den schlanken Pyramiden der Presanella, auf den ewigen Schneemassen der Ortler-Alpen glänzte strahlend das Sonnenlicht. Drunten im Tal zogen Nebelstreifen, und über ihnen ruhten dunkel die bizarren Formen der Dolomiten.

Saltner winkte einen Gruß zurück ins Tal.

»Auf Wiedersehen«, rief er, »wenn die Nebel vergangen sind. Jetzt sind wir frei!«

Noch eine Viertelstunde mäßig bergab. Dann tat eine grüne, schmale Talschlucht sich auf, von einem frischen Gebirgsbächlein durchrieselt. Auf dem Rasen winkte eine Schutzhütte auf einem verborgenen, selten besuchten Platz. Palaoro schloß auf.

»Hier werden wir wohnen«, sagte Saltner, indem er seine Mutter vom Maultier hob, »bis das Recht wieder eingezogen ist in unser Land.«

»Wo könnte es schöner sein?« sagte sie. »Und du bist hier.«


Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitte per eMail melden.


[Startseite] [Fragen&Antworten] [Partner/Links] [Impressum]