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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

58 - Lösung


Zu derselben Zeit, als Ell in seinem Wagen nicht schnell genug durch die Straßen Berlins jagen konnte, saß Torm an einem der großen Tische des Bibliothekzimmers in der Friedauer Sternwarte. Er beugte sich über seine Arbeit. Wohl zuckte es häufig in seiner Hand, die Blätter mit den langen Zahlenreihen zurückzuschieben, aber er bezwang sich; denn er wußte, daß ihn dann die bohrenden Gedanken nur noch heftiger quälten.

Durfte er noch länger hier zögern? Und was sollte er tun? Grunthe hatte sich an den Protektor Ill selbst gewandt, um zu erfahren, welche Motive den neuen Nachforschungen nach Torm zugrunde lägen. Aber die Antwort war noch nicht eingetroffen. Wie die Zeitungen meldeten, hatte sich der Protektor, vom Zentralrat berufen, zu einer wichtigen Konferenz nach dem Mars begeben. Ehe er zurückkehrte, konnten, trotz der gegenwärtigen günstigen Stellung der Planeten und der neuerdings erzielten kolossalen Geschwindigkeit der Raumschiffe doch noch gegen zwei Wochen vergehen. So lange noch hier auszuhalten, erschien Torm manchmal als eine Unmöglichkeit. Und was dann, wenn die Antwort ungünstig ausfiel?

Alle seine Willenskraft bot er auf, um die Sehnsucht nach Isma zurückzudrängen. Und doch grübelte er immer wieder, ob es nicht richtiger sei, ihr selbst die Entscheidung zu überlassen, sich zu ihm zu bekennen oder nicht. Doch nein, das hieße, sie zu einem verhängnisvollen Entschluß treiben. Aber er, er selbst, sollte er nicht für sich auf die Entscheidung seines Schicksals dringen, indem er Ell benachrichtigte? Er fand die Antwort nicht und versenkte sich aufs neue in seine Rechnungen.

Da klang plötzlich durch die Stille des Raums aus dem Nebenzimmer, in welchem Grunthe arbeitete – die Tür war nur angelehnt –, eine helle Stimme, die Torm emporfahren machte.

»Grüß Gott, Grunthe!« erscholl es.

»Saltner!« hörte er Grunthe freudig überrascht rufen.

»Ja, ich bin’s. Und ich will Sie nur ins Schiff holen, hier getraue ich mich nicht herein. Aber eins, sagen Sie gleich – ist Torm hier? Na, machen’s keine Sperenzen, ich weiß, daß er bei Ihnen logiert. Wo ist er?«

»Er arbeitet in der Bibliothek.«

»Dann heraus mit ihm, rufen Sie ihn. Frau Isma ist hier. Wir haben sie mitgebracht.«

Da flog die Tür auf. Torm stand im Zimmer.

»Wo?« fragte er bloß. Aber er wartete keine Antwort ab. Es konnte ja nicht anders sein – sie war im Schiff, und das Schiff lag natürlich im Garten. Mit einem Satz war er an der Tür der Veranda und riß sie auf.

Hier lehnte Isma am Geländer der Treppe. Pochenden Herzens wartete sie auf den Erfolg von Saltners Botschaft.

Einen Moment blieb Torm stehen, als er sie erkannte, nur einen Moment. Dann hielt er sie in den Armen. Wie lange, sie wußten es nicht.

»Komm herein!« sagte er endlich. Noch vermochte er nichts anderes zu sprechen. Er trug sie fast in das Zimmer. Es war leer. Grunthe und Saltner hatten es durch eine andere Tür verlassen.

Sie hielten sich an den Händen und blickten sich an. Isma zitterte. Die Tränen drängten sich in ihre Augen. Das war er! Der von ihr geschieden war in der blühendsten Kraft des Mannes, hoffnungsfroh und siegesgewiß – das Haar war ergraut, tiefe Falten hatten Anstrengung und Sorge in seine Stirn gegraben –, sie hätte Mühe gehabt, ihn wiederzuerkennen – aber die blauen Augen strahlten ihr in der alten Innigkeit entgegen.

Sie schluchzte. »Ich habe dich wieder!«

Wieder warf sie ihre Arme um seinen Hals, er aber löste sich sanft und sah sie nun an mit einem ernsten Blick voll Kummer und Liebe.

»Isma«, sagte er langsam, »du weißt nicht, wen du umarmst.«

»Ich weiß es, Hugo, ich weiß es! Die Freunde, die treuen, die mich hierherbrachten, haben es mir gesagt. Ich weiß, warum du fernbliebst, warum du nicht zu mir eiltest. Es war nicht recht, doch ich versteh’ es – ich aber gehöre zu dir, drum bin ich hier –«

»Über mir schwebt das Gericht und die Not, die Schande, die den Frevler am Gesetz trifft. Du weißt nicht alles –. Ich brach das Vertrauen der Nume am Pol, ich nahm von ihrem Gut, ich floh mit Gewalttat und stieß den Wächter hinab ins Schiff Ich bin ein Geächteter, solange die Nume herrschen. An dich aber hab ich kein Recht, du stehst im Schutze des Nu, du bist frei. Warum kommst du, mich in die furchtbare Qual zu stürzen, wieder von dir fliehen zu müssen, nachdem ich dich gesehen – oh, es ist furchtbar!«

»Nein, nein«, rief sie, aufs neue sich an ihn schmiegend. »Ich lasse dich nicht von mir, jetzt nicht wieder, und es ist nicht furchtbar. Was du auch getan, du tatest es, um zu mir zu kommen, nun trag ich mit dir, was geschehen soll. Aber du brauchst nichts zu fürchten. Unsere Freunde führen uns, wohin der Arm der Nume nicht reicht.«

Er schüttelte den Kopf. »Das geht nicht«, sagte er finster. »Ich nehme keine Gnade an von denen, die ich als Feinde der Menschheit betrachte, von den Vernichtern meines Glücks – das geht nicht!«

»Oh, wie kannst du so sprechen! Saltner ist in derselben Lage, er hat nicht gezögert, Las Hilfe anzunehmen, er hat sie zur Frau genommen nach den Gesetzen des Nu –«

»Dann kann er es tun, weil er sie liebt. Ich aber hasse diese Nume. Und wir beide sind geschieden nach dem Gesetz des Nu –«

»Geschieden, wir? Wer hat das bestimmt? Dieses Gesetz ist nichts ohne unsern Willen. Es schützt unsern Willen gegen fremden Eingriff, aber gegen unsern Willen kann es weder fesseln noch scheiden. Und ich habe niemals und werde niemals – o Hugo, wie kannst du glauben, ich würde dich verlassen, ich, die ich selbst die Schuld trage unsrer Trennung – hier stand ich, an dieser Stelle, da beschwor ich Ell, mich mitzunehmen nach dem Nordpol, denn binnen Tagesfrist gedacht ich dich zu finden, und es wurden zwei Jahre – nicht durch meine Schuld –«

»Erinnere mich nicht an ihn«, unterbrach er sie hart. »Diese zwei Jahre – oh! Als ich zurückkam und umkehrte vor deiner Tür, da trat er heraus –«

»Hugo«, sagte sie flehend, »das Leid hat dich verbittert, sonst würdest du so nicht reden. Ja, er ist mein Freund, der treueste, beste, das weißt du, und das wird er uns immer beweisen. Eben sagtest du, ich sei frei, wo aber findest du mich? In den Prunkzimmern des Kultorpalais oder hier im Asyl des Geächteten, der mich nicht will?«

Er blickte sie lange an, dann zog er sie an sich.

»Verzeih mir«, sagte er, »es ist wahr, ich habe dich ja hier, du geliebte Frau. Was kümmert uns der Menschen Rede? Ich habe gelitten, und das Elend war über mir. Aber die Philister sollen nicht über uns sein. Wie wollen wir den Numen trotzen, wenn wir nicht uns selbst die Freiheit im Gefühl zu wahren wissen? Mir aber zerreißt es das Herz, daß ich dich nicht halten kann mit offnem Trotz, weil ich selbst keine Stätte mehr habe, so weit die Planeten kreisen. Denn eins will ich bewahren, den Stolz, und Rettung will ich nicht durch ihre Gnade!«

Isma beugte sich zurück und sah ihm groß in die Augen.

»Wenn nicht durch ihre Gnade«, sagte sie langsam, »dann gibt es nur eins: durch die Wahrheit!«

Seine Augen erweiterten sich, als er erwiderte: »Wenn ich dich recht verstehe –«

»Vertraue dich Ell an. Sage ihm alles und höre, was er für richtig hält. Und wenn es nötig ist, stelle dich ihrem Gericht. Ich aber werde bei dir sein.«

Er zögerte. »Das heißt, ich gebe mich in seine Hand.«

»Er ist edel und groß.«

Torm runzelte die Stirn. Er dachte lange nach. Endlich sagte er: »Ich sehe keinen andern Ausweg. Und nun du zu mir kamst, darf ich nicht länger zögern, mein Schicksal zu entscheiden. Ich werde gehen.«

Sie fiel ihm um den Hals. »Geh«, rief sie, »gehen wir, und sogleich!«

»Jetzt? Auf der Stelle? Wie meinst du das? Es ist Abend – und ich, in meiner Überraschung, ich habe noch nicht einmal gefragt, wie kamst du her?«

»Komm mit zu La, und du wirst alles begreifen.«

Er schloß sie noch einmal in seine Arme. Dann gingen sie Hand in Hand durch das Zimmer nach der Veranda, in den Garten.

Sie standen vor dem Luftschiff.

»Verzeih mir«, sagte Torm zu Isma, »aber jetzt in die Gesellschaft der andern zu gehen, sie zu begrüßen, zu reden – es ist mir unmöglich – und es ist doch schon zu spät, um Ell noch zu sprechen, selbst wenn La uns wirklich so schnell und noch jetzt –«

»Ich werde La rufen.«

Die Beratung mit La dauerte nicht lange.

»Sie, Torm«, sagte sie, »wird Ell jederzeit empfangen, und Sie haben nicht eher Ruhe, bis die Entscheidung gefallen. Für uns aber ist es erwünscht, noch heute nacht alles abzuwickeln, denn der Boden Europas brennt uns unter den Füßen, und wenn die Sonne aufgeht, möchte ich hoch über den Wolken sein. In einer halben Stunde können Sie in Ells Zimmer stehen.«

»Ihr Interesse entscheidet«, sagte Torm. »Meinetwegen dürfen Sie sich nicht aufhalten. Ich bin bereit.«

La führte Torm und Isma ins Schiff. Sie sahen noch, wie La mit Grunthe sprach, der das Schiff verließ. Dann blieben sie allein im kleinen Salon. Was hatten sie nicht alles sich mitzuteilen! Sie glaubten eben erst begonnen zu haben, als La eintrat und sagte:

»Wir sind auf dem Vorbau des Kultorpalais, auf dem Anlegeplatz für die Luftschiffe, steigen Sie schnell aus und lassen Sie sich melden. Da Sie an dieser nur für Nume zugänglichen Tür Einlaß verlangen, wird man keine Schwierigkeiten machen. Unser Schiff finden Sie am Akazienplatz, wohin Sie eine der vor dem Palais haltenden Droschken in wenigen Minuten bringt. Und nun viel Glück auf den Weg!«

Isma umarmte ihn schweigend, dann stieg Torm die Schiffstreppe hinab. Von den Türmen der Stadt schlug die elfte Stunde, als der diensttuende Bed Torm nach seinem Begehr fragte. Ein Besuch um diese Zeit mußte wohl etwas sehr Wichtiges sein, darum zögerte er nicht anzufragen, ob der Kultor noch empfange. Er arbeitete noch.

Ell erbleichte, als er die Karte las.

»In mein Privatzimmer«, sagte er.

Die beiden Freunde standen einander gegenüber. Beide fühlten sich nicht frei. Beide hatten gegen die Macht eines Verhängnisses gekämpft, das stärker war als sie, dem sie sich nun ergeben mußten. Auch in Ells Zügen hatten Überarbeitung und Sorgen ihre Spuren zurückgelassen. Es war nur ein Moment, daß ihre Blicke aufeinander ruhten. Und jeder sah im andern ein stilles Leid, das an ihm zehrte, und die Erinnerung stieg auf an die Jahre treuer, gemeinsamer Freundesarbeit und kühner Hoffnung, und die Rührung des Wiedersehens umschleierte ihre düsteren Blicke mit milder Freude. Sie eilten aufeinander zu, und ihre Hände lagen ineinander.

»Sie werden vor allen Dingen wissen wollen, wo ich war«, begann Torm endlich »ich aber komme, um von Ihnen zu hören – Sie empfangen mich als Freund, wie aber empfängt mich der Kultor – was habe ich zu erwarten?«

»Ich verstehe Sie nur halb«, erwiderte Ell betroffen. »Was veranlaßt Sie zu der Frage? Sprechen Sie offen –. Kommen Sie aus Tibet über Kalkutta?«

Torm zuckte zusammen. »Ach, Sie wissen? Doch nun hören Sie erst alles.«

Er berichtete kurz über seine Flucht vom Pol und aus dem Luftschiff und die Ereignisse, die sich dabei zutrugen. Er verheimlichte nichts. Er erzählte, was ihn veranlaßt hatte, weder seine Frau noch Ell aufzusuchen, sondern sich in Friedau verborgen zu halten, wo Se ihn erkannt habe; daß ihn Isma infolgedessen aufgesucht hätte und er jetzt hier sei, um den Rat Ells zu vernehmen und die Folgen seiner Handlungen zu tragen.

Ell hörte schweigend zu, den Kopf sinnend auf die Hand gestützt. Er unterbrach ihn mit keinem Wort, keine Miene verriet, was in ihm vorging.

Das hatte er nicht gewußt. Die Tat gegen den Wächter des Schiffes war verderblich für Torm. Ell, als oberster Beamter der Nume hierselbst, mußte sie verfolgen. Der eben erhaltene Erlaß hatte ihm seine Pflicht eingeschärft. Wenn er dieser Pflicht folgte, wenn er die Mahnung des Zentralrats annahm, so war Torm verloren. Torms Schicksal war in seine Hand gelegt. Ein Druck auf diese Klingel, und er kehrte nicht mehr aus diesem Zimmer zurück, nicht mehr zu Isma – –. Und dann? Isma war frei. Aber wo war sie? Ohne ein Wort des Abschieds hatte sie ihn verlassen und war zu ihrem Mann geeilt. Ein tiefer, bitterer Schmerz gekränkter Liebe durchzuckte ihn. Durch Jahre hatte sie ihn in hoffnungsfroher Freundschaft gehalten, bis die Erwartung des nahen Glücks ihn ganz eingenommen, und jetzt – nun war er ihr nichts mehr. Das war Isma! Ja, er konnte sich rächen. Er konnte auch – –. Und durfte er denn schweigen? Durfte er Torm, nun er um sein Verbrechen wußte, unbehelligt ziehen lassen? Ihn der Gattin zurückgeben und sie in ihrem Glück schützen? Und wie dann den Gedanken an sie ertragen?

Torm hatte längst geendet. Ell saß noch immer, den Kopf in die Hand gestützt, die seine Augen beschattete, ohne zu sprechen. Torm wartete geduldig, obwohl sein Herz pochte. Denn jetzt mußte sich alles entscheiden.

Endlich richtete sich Ill auf und blickte Torm an. Er begann ruhig, fast gleichgültig:

»Ihr Prozeß am Pol und was damit zusammenhängt, die Entwendung des Sauerstoffs – wovon übrigens nichts bekannt geworden ist –, die unerlaubte Benutzung des Luftschiffs zur Flucht – darüber können Sie beruhigt sein. Ich sehe dies als eine zusammenhängende einzige Handlung an, die unter die Friedensamnestie fällt. Sie können deswegen nicht verfolgt werden. Ich nehme es auf mich, diese Akten kassieren zu lassen. Aber das andere! Das ist traurig, das ist schwer! Wenn es zur Anzeige kommt, sind Sie verloren.«

Torm sprang auf.

»Sie wissen es, so bin ich verloren.«

Auch Ell erhob sich. Er schritt durch das Zimmer auf und nieder, noch immer mit sich kämpfend. Dann blieb er wieder vor Torm stehen.

»Wenn es zur Anzeige kommt, sage ich, und wenn Sie bei Ihrem Geständnis stehen bleiben.«

»Wie kann ich anders.«

»Denn es ist nichts davon bekannt geworden. Es ist etwas geschehen, was Sie nicht wissen. Das Schiff mit der gesamten Besatzung ist auf der Rückkehr bei Podgoritza durch die Albaner vernichtet worden, ehe irgendeine Nachricht von ihm zu uns gelangt ist. Niemand wurde gerettet, alle Papiere und Aufzeichnungen sind verbrannt oder verschwunden. Niemand kann beweisen, was Sie getan haben, außer Ihnen – und mir!«

»O ich Tor!« murmelte Torm; bleich und finster blickte er auf Ell.

»Wollen Sie widerrufen, was Sie mir gesagt haben? Es war vielleicht nur eine poetische Ausschmückung ihres Abenteuers? Sie haben den Wächter nur leicht beiseite gedrängt?«

»Ich schlug ihn vor die Stirn, ich hörte ihn mit einem Aufschrei dumpf auf die Kante der Treppe schlagen. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, ich hätte vielleicht geschwiegen. Lügen werde ich nicht. Und doch – komme, was da kommen will, es ist besser so. Gewißheit konnte ich nicht anders erlangen, als daß ich mit Ihnen sprach. Gewißheit mußte ich erlangen, und die Wahrheit mußte ich sagen, wenn ich überhaupt sprach. Und Sie müssen meine Bestrafung einleiten.«

»Ich muß es, wenn –«, er unterbrach sich und ging wieder auf und ab. Dann trat er an das Fenster. Torm hörte ihn leise stöhnen. Nun wandte er sich um. Er schritt auf Torm zu. Er sah verändert aus. Aus dem geisterhaft bleichen Gesicht leuchteten seine großen Augen wie von einem überirdischen Feuer. Vor Torm blieb er stehen und faßte seine Hände.

»Gehen Sie«, sagte er mit Bestimmtheit. »Gehen Sie, mein Freund, ich werde die Anzeige nicht erstatten. Was Sie gesprochen haben, der Kultor hat es nicht gehört – verstehen Sie –«

Torm schüttelte den Kopf.

»Sie werden es verstehen, binnen einer Stunde. Wohin gehen Sie? Nach Friedau? Sie haben nichts mehr zu befürchten. Gehen Sie – geben Sie sich zu erkennen – und seien Sie glücklich – gehen Sie –«

Er drängte Torm zur Tür. Ein Diener nahm ihn in Empfang und zeigte ihm den Weg durch die Gemächer und über die Treppen.

Sobald Ell allein war, sank er wie gebrochen auf einen Sessel. Er schloß die Augen und preßte die Hände vor die Stirn. Nur wenige Minuten. Dann stand er auf. Er wußte, was er wollte.

Mit fester Hand setzte er zwei Depeschen auf. Die eine war in martischer Kurzschrift, sie war an den Protektor der Erde gerichtet und trug den Zusatz: Als Lichtdepesche auf den Nu nachzusenden. Die andre ging an Grunthe: Sofort zu bestellen.


»Besorgen Sie dies eilends«, sagte er zu dem Diener. »Und nun wünsche ich nicht mehr gestört zu sein.«

Torm fand vor der Tür des Palais bereits einen Wagen halten, und als er herantrat, winkte ihm Isma entgegen. Sie hatte keine Ruhe im Schiff gefunden und wollte ihn hier erwarten. Angstvoll blickte sie ihm entgegen.

»Alles gut!« rief er und sprang in den Wagen, der sogleich sich in Bewegung setzte.

»Ich bin frei, wir sind sicher! Nun habe ich dich erst wieder!«

»Gott sei bedankt«, flüsterte Isma, an seine Schulter gelehnt. »Und was sagte Ell?«

»Gehen Sie nach Friedau, seien Sie glücklich!«

»Sonst nichts?«

»Nichts.«

Nach ihr hatte er nicht gefragt, für sie hatte er keinen Gruß, keinen Glückwunsch, ihr Name war nicht über seine Lippen gekommen. So klang es schmerzlich durch ihre Seele, während Torm, immer lebhafter werdend, seine Unterredung mit Ell berichtete.

Am Akazienplatz verließen sie den Wagen. Alsbald senkte sich das Luftschiff auf den menschenleeren Platz und nahm sie auf.

Gegen ein Uhr nachts ließ sich das Luftschiff wieder auf seinen Ankerplatz im Garten der Sternwarte von Friedau nieder.

Grunthe hatte die Rückkehr erwartet. Saltner holte ihn herbei.

»Es ist zwar schon spät, aber das hilft heute nichts, und aus den Beobachtungen wird auch nichts. Eine Stunde müssen Sie uns noch schenken. Ich feiere nämlich meine Hochzeit, schauen’s, da müssen Sie schon noch einmal lustig sein. Ich habe die ganze Expedition eingeladen.«

Als er in den Salon des Schiffes trat, fand er eine Tafel für sechs Personen nach Menschensitte gedeckt.

»Wir sind eigentlich zwei Brautpaare«, sagte Saltner zu Grunthe. »Von Ihnen verlangen wir nicht, daß Sie das dritte abgeben, aber eine Dame haben wir doch für Sie. Meine Mutter schläft freilich, aber hier – die Se kennen’s ja, wir haben uns wieder versöhnt.«

»Ausnahmsweise«, sagte Se lachend, »werde ich mich heute herablassen, mit euch fünf Menschen an einem Tisch zu essen, aber nur zu Ehren der drei Entdecker des Nordpols.«

Unter lebhaftem Gespräch hatte man an der Tafel Platz genommen. Torm wandte sich zu Se und sagte, sein Glas erhebend: »Die Vertreterin der Nume gestatte mir, nach unsrer Sitte ihr zu danken. Denn ihrem Scharfblick verdanke ich das Glück dieser Stunde.«

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Se, »und ich freue mich, daß Sie nun dem Bild wieder ähnlich sehen, nach welchem ich Sie erkannte.«

»Und jetzt«, rief Saltner, die Gläser neu füllend, »wie damals, als wir zuerst den Pol erblickten, bring ich wieder ein Hoch aus auf unsre gnädige Kommandantin, auf Frau Isma Torm, und diesmal stößt sie selbst mit an, und das ist das beste. Und nun, Grunthe, können Sie wieder sagen: Es lebe die Menschheit!«

Grunthe erhob sich steif. Sein Unterarm streckte sich im rechten Winkel von seinem Körper aus, und seine möglichst wenig gebogenen Finger balancierten das Weinglas wie ein Lot, mit dem er eine Messung ausführen wollte.

»Es lebe die Menschheit«, sagte er, »so sprach ich einst. Ich sage es jetzt deutlicher: Es lebe die Freiheit! Denn ohne diese ist sie des Lebens nicht wert. Wenn die Freiheit lebt, so ist es auch kein Widerspruch, wenn ich mich dessen freue, was meine verehrten Freunde von der Polexpedition für ihre Freiheit halten, die Vereinigung mit einem Vernunftwesen, das kein Mann ist. Um aber den abstrakten Begriff der Freiheit durch eine konkrete Persönlichkeit unsrer symbolischen Handlung zugänglich zu machen, sage ich, sie lebe, die uns die Freiheit gebracht hat. Wie sie herabstieg von dem Sitz der Nume und den Wandel seliger Götter tauschte mit dem schwanken Geschick der Menschen, nur weil sie erkannte, daß es keine höhere Würde gibt als die Treue gegen uns selbst, so zeigte sie uns, wie die Menschheit sich erheben kann über ihr Geschick, wenn sie nur sich selbst getreu ist. Denn es gibt nur eine Würde, die Numen und Menschen gemeinsam ist, wie der Sternenhimmel über uns, das ist die Kraft, nachzuleben dem Gesetz der Freiheit in uns. Sie tat es, und so brachte sie die Freiheit diesen meinen Freunden, und allen ein Vorbild, wie Nume und Menschen gleich sein können. Darauf gründet sich unsre Hoffnung der Versöhnung, der wir entgegenstreben. Ihr aber, die in so hohem Sinn uns genaht und die Freunde der Not entrissen, ihr gelte unser Glückwunsch und Hoch. Und so sage ich nun: Es lebe La!«

Er blieb stehen, wie in Nachsinnen verloren, sein Glas starr vor sich hinhaltend, an das die andern mit Herzlichkeit anstießen.

Saltner küßte La und flüsterte: »Du kannst dir aber etwas einbilden, das ist das erste Mal, daß er eine Frau leben läßt!«

»Und das letzte Mal«, murmelte Grunthe, sich niedersetzend.

Saltner aber sprang auf und trat zu Grunthe und umarmte ihn, ehe er es verhindern konnte.

Grunthe wand sich verlegen. »Ich glaube«, sagte er, »ich meine ja eigentlich diese La, in der wir sitzen, das schöne Luftschiff –«

»Oh, oh!« rief Se, »das hilft Ihnen nichts mehr, Sie haben von ›Persönlichkeit‹ gesprochen – jetzt können Sie nichts mehr zurücknehmen.«

»Nein, ich will es ja auch nicht«, sagte er ernsthaft.

Da öffnete sich die Tür. Der Schiffer trat ein.

»Eine Depesche für Herrn Dr. Grunthe ist eben gebracht worden«, sagte er.

Grunthe stand auf und trat beiseite. Er las.

Dann kehrte er zum Tisch zurück. Er sah sehr ernst aus.

»Es ist etwas Wichtiges geschehen«, sagte er auf die fragenden Blicke der andern. »Ell hat sein Amt niedergelegt.«

»Wie? Was? Lesen Sie!«

Er reichte Saltner das Blatt. Dieser las:

»Ich benachrichtige Sie hierdurch, daß ich soeben bei Ill um Enthebung vom Kultoramt und um meine Entlassung aus dem Dienst der Marsstaaten eingekommen bin. Unter den obwaltenden Umständen ist mir die Fortführung unmöglich. Ich bitte Sie, meinen Besitz in Friedau als den Ihrigen zu betrachten. Ich selbst gehe nach dem Mars, um gegen die Antibaten zu wirken. Sie werden bald von mir hören. Glück dem Menschenbund! Saltner und Torm meinen Gruß. Ihr Ell.«

Isma wußte nicht, wohin sie blicken sollte. Sie fühlte, wie Blässe und Röte auf ihrem Antlitz wechselten. In der allgemeinen Erregung achtete man nicht auf sie.

»Also darum«, sagte Torm, »darum sagte er, in einer Stunde werde ich verstehen, warum der Kultor meinen Bericht nicht gehört habe – –. Lassen Sie uns des edlen Freundes gedenken!«

»Auf Ell!« sagte Saltner. »Aber Sie müssen mir noch erklären –«

»Es muß ein politisches Ereignis eingetreten sein – vielleicht ist der Antrag über die Steuern angenommen«, bemerkte Torm. »Also auf Ell!«

Sie erhoben die Gläser. Ismas Hand zitterte. Als sie anstieß, entglitt das Glas ihren Fingern und zerbrach.

La allein hatte gesehen, was in Isma vorging. Kaum klangen die Scherben auf dem Tisch, als sie auch ihr Glas fallen ließ und mit einem leichten Stoß Saltner das seine aus der Hand schlug.

»Das ist recht!« rief sie.

»Fort alle mit den Gläsern und Flaschen! Auch der Nu will sein Recht haben. Ehe wir Abschied nehmen, meine lieben Freunde, noch einen Zug vom Nektar des Nu aus den Kellern der La!

Und dann hinauf in den Äther!«


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