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Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten

Inhalt

1 - Am Nordpol

2 - Das Geheimnis des Pols

3 - Die Bewohner des Mars

4 - Der Sturz des Ballons

5 - Auf der künstlichen Insel

6 - In der Pflege der Fee

7 - Neue Rätsel

8 - Die Herren des Weltraums

9 - Die Gäste der Marsbewohner

10 - La und Saltner

11 - Martier und Menschen

12 - Die Raumschiffer

13 - Das Abenteuer am Südpol

14 - Zwischen Erde und Mars

15 - 6.356 Kilometer über dem Nordpol

16 - Die Aussicht nach der Heimat

17 - Pläne und Sorgen

18 - Die Botschaft der Marsstaaten

19 - Die Freiheit des Willens

20 - Das neue Luftschiff

21 - Der Sohn des Martiers

22 - Schnelle Fahrt

23 - Ismas Entschluß

24 - Die Lichtdepesche

25 - Engländer und Martier

26 - Der Kampf mit dem Luftschiff

27 - Auf dem Mars

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

28 - Sehenswürdigkeiten des Mars

29 - Das heimliche Frühstück

30 - Das Erdmuseum

31 - Mars-Politiker

32 - Ideale

33 - Fünfhundert Milliarden Steuern

34 - Das Retrospektiv

35 - Die Rente des Mars

36 - Saltners Reise

37 - Die Wüste Gol

38 - Gefährlicher Ruheplatz

39 - Die Martier sind auf der Erde!

40 - Ismas Leiden

[Abs. 1] [Abs. 2]

41 - Die Schlacht bei Portsmouth

42 - Das Protektorat über die Erde

43 - Die Besiegten

44 - Torms Flucht

45 - Des Unglück des Vaterlands

[Abs. 1] [Abs. 2]

46 - Der Kultor der Deutschen

47 - Isma

48 - Der Instruktor von Bozen

49 - Die Flucht in die Berge

50 - Die Luft-Yacht

51 - Martierinnen in Berlin

[Abs. 1] [Abs. 2]

52 - Im Erdgewitter

53 - Schwankungen

54 - Auf der Sternwarte

55 - In höchster Not

56 - Selbsthilfe

[Abs. 1] [Abs. 2]

57 - Das Spiel verloren

[Abs. 1] [Abs. 2]

58 - Lösung

[Abs. 1] [Abs. 2]

59 - Die Befreiung der Erde

[Abs. 1] [Abs. 2]

60 - Weltfrieden

59 - Die Befreiung der Erde


Zum zweiten Mal war es Herbst geworden, seit La und Saltner die Freunde in Friedau verlassen hatten, um zunächst außerhalb des Machtbereichs der Martier die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika stand ihnen zur Verfügung. Ihr Haus und ihr Glück führten sie mit sich. Ob in den blühenden Gärten des ewigen Frühlings an den Buchten der kalifornischen Küste, ob auf den Schneegipfeln der Sierra Nevada oder unter den Wundern des Yellowstone-Parks, für La und Saltner galt das gleich, das glänzende Luftschiff war ihre Heimat; ob es in den Lüften schwebte oder unter Palmen ruhte, treu barg es die Wonne der Vereinten und machte sie unabhängig von der Welt.

Nur über dieses Freigebiet hinaus durften sie sich nicht wagen. La mußte sich den Wunsch versagen, die Ihrigen auf dem Mars oder auch nur ihren Vater am Pol der Erde zu besuchen, und konnte ihn selbst bloß zu kurzem Besuch einigemal bei sich sehen. Se war alsbald nach dem Mars zurückgekehrt. Palaoro, der sich zum geschickten Luftschiffer ausgebildet hatte, war bei Saltner zurückgeblieben. Auch die beiden Martier, die in Las Diensten standen, blieben ihr treu, selbst als sich das Verhältnis von Martiern und Menschen schärfer zuspitzte.

Die Partei der Antibaten auf dem Mars hatte immer deutlicher ihre Ziele enthüllt. Den Menschen sollte die Würde der freien Selbstbestimmung abgesprochen, die Menschheit in eine Art Knechtschaft zum Dienst der Nume gestellt werden. Die Erde wollte man lediglich als ein Objekt der wirtschaftlichen Ausnutzung zugunsten des Mars behandeln und das Kultur- interesse der Menschheit nur insofern berücksichtigen, als es zum Mittel für die größere Leistungsfähigkeit dieser tributären Geschöpfe dienen konnte. Und diese Auffassung des Verhältnisses zur Erde war jetzt auf dem Mars zum Sieg gelangt. Sowohl im Parlament als im Zentralrat besaßen die Antibaten die Majorität. Die Abdankung von Ell, die unglücklicherweise kurz vor die Neuwahlen fiel, durch welche alle Marsjahre ein Drittel der Volksvertreter neu ernannt wurde, hatte zum Sieg der Antibaten bedeutsam mitgewirkt. Sie war als der sichtbare Beweis aufgefaßt worden, daß die bisherige Methode in der Regierung der Menschen nicht die richtige sei. Man verlangte ein rücksichtsloses Verfahren, höhere Revenuen, baldige Unterwerfung Rußlands und der Vereinigten Staaten. Mit dem Sieg der Antibatenpartei begann diese neue Politik. Maßregel folgte auf Maßregel, um die Erde dem Dienst des Mars zu unterwerfen.

Oß und einige andere höhere Beamte der Martier auf der Erde waren allerdings aus ihren Stellungen abberufen worden, da sie zweifellos von jener nervösen Störung befallen waren, die man vulgär als Erdkoller bezeichnete. Aber ihre Ersatzmänner verfolgten die Politik der Unterdrückung nur mit größerer Klugheit. An Ells Stelle war der Martier Lei gekommen, ein ausgesprochener Antibat, ein sehr energischer Mann, der selbst vor gewalttätigen Eingriffen nicht zurückscheute. Ell war auf den Mars gegangen und hatte dort mit aller Kraft zugunsten der Erde zu wirken versucht, vorläufig ohne erkennbaren Erfolg. Gleich ihm waren seine früheren Untergebenen in das Privatleben zurückgetreten und agitierten nun auf dem Mars als seine entschiedenen und gefährlichen Gegner.

Ells Oheim, der Protektor der Erde und Präsident des Polreichs, Ill, kämpfte noch eine Zeitlang gegen die vom Zentralrat gewünschten Maßregeln. Als man aber gegen seinen ausdrücklichen Rat ihn beauftragte, die Vorbereitungen zu treffen, um im nächsten Frühjahr die russische Regierung erforderlichenfalls mit Gewalt zu veranlassen, auch in ihrem Gebiet die Einsetzung martischer Residenten und Kultoren zuzulassen und einen jährlichen Tribut von 30 Milliarden Mark zu zahlen – um sie zu zwingen, die ausgedehnten Steppen und Wüsten im Süden und Osten mit Strahlungsfeldern zu bedecken –, da legte auch Ill mit schwerem Herzen sein Amt nieder. Die Erde war nun der Gewalt einer den Menschen feindlich gesinnten Partei ausgeliefert.

Rußland machte einen Versuch zum Widerstand. Aber der Geist, der jetzt auf dem Mars herrschte, war weniger ›human‹ als in den ersten Kriegen mit den europäischen Staaten. Die Martier scheuten sich nicht, den Hafen von Kronstadt und das blühende Moskau ohne Rücksicht auf Menschenleben zu zerstören. Der Zar gab nach, da er sah, daß alles auf dem Spiel stand und seine Herrschaft zu zerfallen drohte. Es gab keine Mittel für Rußland, der vernichtenden Gewalt der Luftschiffe zu widerstehen. Der russische Kaiser wurde Vasall der Marsstaaten. Das war im Sommer des dritten Jahres nach der Entdeckung des Nordpols.

Schwer lag die Fremdherrschaft über Europa und den von ihm abhängigen Ländern. Die Geldsummen, welche in Gestalt von Energie nach dem Mars flossen, waren ungeheuer. Jedoch nicht diese Leistungen waren es, die als drückend empfunden wurden. Zwar erhoben die Staaten, um die auferlegten Tribute zu bezahlen, Steuern in einer Höhe, die man vorher für unmöglich gehalten hätte. Aber dies war nur die Form, in welcher ein Strom des Reichtums nach dem Mars hin mündete, dessen schier unerschöpfliche Quelle in der Sonne lag und nun zum erstenmal von den Menschen bemerkt und benutzt wurde. Es fehlte nicht an Geld, vielmehr, der Nationalreichtum stieg sichtlich, und zwar in allen Schichten der Bevölkerung, die Lebenshaltung hob sich, und von wirtschaftlicher Not war nirgends die Rede. Denn zahllose Arbeitskräfte fanden zur Herstellung und Bearbeitung der Strahlungsfelder Beschäftigung, und selbst die gefürchtete Entwertung von Grund und Boden trat nicht ein. Mit dem Fortschritt in der Herstellung billiger chemischer Nahrungsmittel fanden sich zugleich andere Methoden der Bodenausnutzung. Der Verkehr blühte. Das Hauptzahlungsmittel bestand in Anweisungen auf die Energie- Erträge der großen Strahlungsfelder. Die aufgespeicherte Energie selbst kam nur zum kleinen Teil in den Verkehr, die geladenen Metallpulvermassen, die ›Energieschwämme‹, wurden zum größten Teil direkt nach dem Mars exportiert, die Scheine über diese Erträge aber wanderten von Hand zu Hand und in die Regierungskassen als Steuern. Von hier wurden sie als Tribut an die Marsstaaten verrechnet.

So hatten die Martier allerdings durch ihre Tributforderungen die Menschen gezwungen, der neuen Quelle des Reichtums in der direkten Sonnenstrahlung sich zuzuwenden und der Menschheit einen ungeahnten wirtschaftlichen Fortschritt verliehen. Aber sie hatten dies nicht, wie die Menschenfreunde auf dem Mars wollten, durch allmähliche Erziehung zur Freiheit getan, sondern durch Zwang. Und dieser Zwang war es, der die Menschen des äußeren Segens nicht froh werden ließ. Es war Fremdherrschaft, die auf ihnen lag, und je leichter ihnen der Gewinn des Unterhalts wurde, um so schwerer empfanden sie den Verlust der Freiheit und Selbständigkeit. Und der gemeinsame Druck ward wider Willen der Martier ein schnell wirkendes Mittel zur Erziehung des Menschengeschlechts. Er weckte das Bewußtsein der gemeinsamen Würde.

Je schwerer die Hand der Martier auf den Völkern ruhte, um so rascher und mächtiger verbreitete sich der allgemeine Menschenbund. Seine Prinzipien waren noch dieselben: Numenheit ohne Nume! Erringung der Kulturvorteile, die der höhere Standpunkt der Martier bieten konnte, um die Erde unabhängig von ihrer Herrschaft zu machen – auf friedlichem Weg.

Aber was Ill und Ell als das eigene Ziel betrachtet hatten, darin sahen die neuen Gewalthaber eine gefährliche Überhebung der Menschen, die nur zu Unbotmäßigkeit führen würde. Und sie begingen den großen Fehler, den Menschenbund zu verbieten.

Damit wurde aus dem Bund eine geheime Gesellschaft, die nur um so fester zusammenhing. Er wurde ein wirklicher Bund der Menschen, der aufklärend und verbrüdernd wirkte zwischen allen Nationen und Stämmen, zwischen allen Gesellschaftsklassen und Bildungsstufen. Ein jeder fühlte nun, daß er nicht bloß Franzose oder Deutscher, Handarbeiter oder Künstler, Bauer oder Beamter sei, sondern daß er dies nur sei, um ein Mensch zu sein, um eine Stelle auszufüllen in der gemeinsamen Arbeit, das Gute auf dieser Erde zu verwirklichen. Die Gegensätze milderten sich, das Verbindende trat hervor. In den Staaten, in denen herrschende Klassen die hergebrachte Scheu vor der Geltung des Volkswillens noch immer nicht überwunden hatten, machte sich nun doch die Einsicht geltend, daß allein in der Einigkeit des ganzen Volkes die Kraft zur Erhebung zu finden sei. Längst erstrebte Forderungen einer volkstümlichen Politik wurden von den Fürsten zugestanden. Man lernte, jeden eignen Vorteil dem Wohl des Ganzen unterzuordnen. Und während ein ohnmächtiger Zorn gegen den Mars in den Gemütern kochte, erhoben sich die Herzen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und ein machtvoller, idealer Zug erfüllte die Geister: Friede sei auf Erden, damit die Erde den Menschen gehöre!

Der Menschenbund war der Träger dieser Ideen, aber man zweifelte nun, sie auf friedlichem Weg durchführen zu können. Rettung, so schien es, war nicht mehr zu hoffen vom guten Willen der Martier; man mußte sie zu erobern suchen durch eine allgemeine gewaltsame Erhebung gegen die Bedrücker – »zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr verfangen will, ist uns das Schwert gegeben« –. Der Menschenbund wurde eine stille Verschwörung zur Abschüttelung der Fremdherrschaft. Aber wo war ein Schwert, das nicht vom Luftmagneten emporgerissen, vom Nihilit nicht zerstört wurde, das hinaufreichte zu den schwerelosen, pfeilgeschwinden, verderbenbringenden Hütern der martischen Herrschaft?

Die herrschende Gärung konnte den Martiern nicht verborgen bleiben. Die Partei der Menschenfreunde auf dem Mars machte sich die Tatsache zunutze, daß die Unzufriedenheit auf der Erde nicht zu leugnen war. Sie wies auf die Gefahren hin, die hieraus entstehen mußten. Unermüdlich war Ell an der Arbeit, die Tendenzen der Antibaten zu bekämpfen und die Nume mit dem Wesen, der geschichtlichen Entwicklung und den Bestrebungen der Menschen bekannter zu machen. Und seine Anhänger wuchsen an Zahl. Aber gerade weil die Antibaten bemerkten, daß sie Gefahr liefen, an Macht einzubüßen, wurden sie um so verblendeter in den Mitteln zu ihrer Erhaltung. Aufs neue gewann die Absicht deutlichere Gestalt, den Menschen durch ein Gesetz direkt das Recht der Freiheit als sittliche Personen abzusprechen. Und gegen den Menschenbund wurde ein System von Verfolgungen in Szene gesetzt. Die Erbitterung nahm zu. Die Martier aber erkannten, daß die Fäden der Verschwörung nach den Vereinigten Staaten hinwiesen. Der Sitz der Zentralleitung des Bundes war nicht mehr in Europa, er befand sich in einem Land, das ihrer Macht nicht unterworfen war.

Es kam zu einer stürmischen Sitzung im Parlament und im Zentralrat des Mars, etwa ein Jahr nach der Unterwerfung Rußlands. Man verlangte, daß nun auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika gezwungen werden sollten, sich der direkten Regierung durch die Marsstaaten zu fügen. Eher werde man vor den Umtrieben des Menschenbundes und der Widersetzlichkeit der Erde nicht sicher sein. Und die Antibaten siegten wieder, obwohl mit geringer Majorität. Den Vereinigten Staaten wurde die Forderung gestellt, die Häupter des Menschenbundes, unter denen man Saltner als eines der gefährlichsten bezeichnete, auszuliefern und Residenten und Kultoren der Marsstaaten in die Hauptstädte der einzelnen Staaten aufzunehmen.

Der Beschluß fand in einem großen Teil der Marsstaaten keineswegs Billigung. Die Ansichten Ells, der bei einer Nachwahl in das Parlament berufen worden war, wurden in weiten Kreisen geteilt. Man sagte sich, daß ein etwaiger Widerstand der Vereinigten Staaten zur Niederwerfung viel größere Mittel erfordern würde als die Bezwingung des russischen Reiches. Denn hier war die Sache entschieden, wenn der Zar sich beugte. In Amerika aber war anzunehmen, daß, wenn auch die zentrale Regierungsgewalt aufgehoben werde, jeder Staat für sich einen Widerstand leisten könne, der bei der weiten Ausdehnung des Gebietes zu umfangreichster Machtentfaltung und wahrscheinlich zu traurigen Verheerungen zwingen würde. Aber der Beschluß war nun gefaßt und mußte durchgeführt werden. Das Ultimatum wurde gestellt. Es enthielt die Drohung, daß im Fall irgendeiner Feindseligkeit gegen die zur Ausführung der verlangten Bestimmungen eintreffenden Luftschiffe das Gesetz als sanktioniert zu gelten habe, wonach die gesamte Bevölkerung der Erde des Rechts der freien Selbstbestimmung für verlustig erklärt werde.

Die Vereinigten Staaten antworteten mit der Kriegserklärung.

Drei Tage darauf erfolgte von seiten der Marsstaaten die Verkündigung des angedrohten Gesetzes: Die Bewohner der Erde besitzen nicht das Recht freier Persönlichkeit.

Es war eine Zeit unbeschreiblicher Aufregung in allen zivilisierten Staaten. Man empfand die Erklärung als eine Beschimpfung der gesamten Menschheit. In Europa herrschte eine ohnmächtige Wut. Jeder bangte davor, sich zu äußern oder zu widersprechen, weil er den Schutz des Rechtes von sich genommen fühlte. Ein letzter Rest der Hoffnung ruhte noch auf den Vereinigten Staaten. Aber die Hoffnung war gering. Wie wollten sie der Macht der Martier widerstehen? Und wirklich – die Überflutung der Staaten durch eine Luftschifflotte von gegen dreihundert Schiffen ging vor sich, ohne daß Widerstand versucht wurde. Die martischen Schiffe verteilten sich auf die Hauptverkehrspunkte in dem ganzen ungeheuren Gebiet. Eine merkwürdige Ruhe herrschte im Land, ein passiver Widerstand, der unheimlich war. Die Kultoren und Residenten waren da, aber außerhalb des Nihilitpanzers ihrer Schiffe wagten sie nichts zu unternehmen. Die Martier stellten eine dreitägige Frist zur Übergabe der Regierungsgewalt und drohten im Fall der Weigerung mit Verwüstungen in großem Maßstab, vor allem auch mit Unterbrechung des Verkehrs. Es schien keine Rettung. Mit Zittern und Bangen verfolgte man auf der ganzen Erde die Vorgänge in Nord-Amerika. In dumpfem Schmerz beugten sich die Gemüter. Sollte auch das letzte Bollwerk der Freiheit auf der Erde vernichtet werden? Das war das Ende der Menschenwürde!

Der gegenwärtige Protektor der Erde und Präsident des Polreichs, Lei, war mit der Exekution gegen die Vereinigten Staaten beauftragt worden. Sein Admiralsschiff lag auf dem Kapitol zu Washington. Am 11. Juli sollte die zur Unterwerfung gestellte Frist ablaufen. Es war am Morgen dieses Tages, der die Geschichte der Menschheit entscheiden mußte, als der Protektor durch den Lichtfernsprecher der Außenstation am Nordpol den Auftrag geben wollte, eine Nachricht durch Lichtdepesche nach dem Mars zu senden. Vergeblich versuchte der Beamte zu sprechen. Der Apparat versagte – man mußte auf der Außenstation den Anschluß nicht zustande bringen können. Es wurde nun nach der Polinsel Ara telegraphiert. Die Leitung war nicht unterbrochen. Aber lange erhielt man keine Antwort. Endlich kam eine Depesche: »Anwesenheit des Protektors sofort erforderlich.« Das Schiff des Protektors raste nach dem Nordpol, von einer kleinen Schutzflottille gefolgt. Im Lauf des Nachmittags bemerkte man, daß die übrigen in Washington befindlichen Luftschiffe der Martier ebenfalls nach Norden hin sich entfernten. Gleiche Nachrichten liefen aus allen übrigen Städten ein. Sobald das letzte Schiff der Martier die Hauptstadt verlassen hatte, tauchten vorher in den Häusern verborgen gehaltene amerikanische Truppen überall auf, die martischen Beamten, die allein den Verkehr mit dem Pol hatten vermitteln dürfen, sahen sich plötzlich für gefangen erklärt, und die nächste Depesche nach dem Pol lautete, nicht mehr in martischer, sondern in englischer Sprache: »Wir sind im Besitz des Telegraphen. Die feindlichen Schiffe sind fort.«

Und die Antwort, gezeichnet vom Bundesfeldherrn Miller, lautete: »Großer Sieg! Die Außenstation ist erobert, achtzehn Raumschiffe mit 83 Luftschiffen fielen in unsere Hände. Lei gefangen. Von den zurückkehrenden Luftschiffen sind bereits über fünfzig genommen. Ruft alle Völker zum Kampf auf!«

Das Unglaubliche war geschehen. Was niemand für möglich gehalten hatte – die Macht der Martier war gebrochen, die Unbesiegbaren waren gefangen in ihrem eigenen Bollwerk! Eine Vereinigung von lange vorbereiteter Überlegung, von unerhörter Tatkraft und schlauem Mut hatte es zustande gebracht. Die Nume waren vollständig überrascht worden.

Tief verborgen in der Einsamkeit des Urwalds war ein Verein von Ingenieuren seit Jahr und Tag tätig gewesen. Der Opfersinn amerikanischer Bürger und die von der ganzen Erde zusammenströmenden Mittel des Menschenbundes hatten hier eine mit unbeschränktem Kapital arbeitende Werkstatt ins Leben gerufen. Man hatte auf dem Mars die Technik des Luftschiffbaus schon längst studieren lassen, und auf der Erde diente das Luftschiff ›La‹ als Muster. Es war gelungen, durch schlaue Operationen große Quantitäten von Rob, Repulsit und Nihilit einzuführen, und der allmächtige Dollar hatte es in Verbindung mit Kühnheit und Intelligenz fertiggebracht, daß hier in aller Stille eine Flotte von dreißig Luftschiffen hergestellt worden war. Die nötige Mannschaft war eingeübt worden. Das Letztere war hauptsächlich Saltner zu verdanken, der diesen Dienst auf seinem eigenen Luftschiff gründlich erlernt hatte. So war es gekommen, daß die Vereinigten Staaten ohne Wissen der Martier über Luft-Kriegsschiffe verfügten, die den martischen an Geschwindigkeit nichts nachgaben.

Freilich, diese wenigen Schiffe konnten gegen die Übermacht der Martier und ihre überlegene Übung nichts ausrichten. Aber General Miller, der Generalstabschef der Union, hatte einen Plan ausgedacht, zu dessen Durchführung sie ausreichen konnten.

Sobald die Flotte der Martier zur Besetzung der Staaten aufgebrochen war, hatte sich die kleine Unionsflotte unbemerkt in das nördliche Polargebiet begeben. Äußerlich besaßen die Schiffe ganz das Ansehen und die Abzeichen der martischen Kriegsschiffe. So näherten sie sich unbefangen der Polinsel Ara. Keiner der hier anwesenden Martier konnte vermuten, daß es sich um feindliche Schiffe handeln könne. Die Insel war überhaupt nicht eigentlich militärisch besetzt, denn sie war durch ihre Lage am Nordpol vollständig gegen eine Überrumpelung geschützt gegenüber einem Feind, der keine Luftflotte besaß. Außerdem ließ sich die ganze Insel auf dem Meer durch einen Nihilit-Kordon gegen jede Annäherung zu Schiff absperren. Es befanden sich daher nur einige Avisos zum Nachrichtendienst hier. Auf den benachbarten Inseln waren noch große Werkstätten errichtet, wo die vom Mars eingeführten Luftschiffe montiert und bemannt wurden. Daneben befanden sich ausgedehnte Werke zur Komprimierung von Luft, die nach dem Mars verfrachtet wurde. Im ganzen hatte sich so hier eine Kolonie von einigen tausend Martiern angesiedelt, die aber in keiner Weise auf einen kriegerischen Angriff eingerichtet war.

Die Überrumpelung der Insel gelang vollkommen. Zwei Schiffe drangen unmittelbar an den inneren Rand des Daches der Insel. Die Besatzung dieser Schiffe bestand aus lauter Freiwilligen, die geschulte Ingenieure waren und die Einrichtungen des abarischen Feldes sorgfältig studiert hatten. Ehe man in den Maschinenräumen wußte, was vorging, waren die martischen Ingenieure überwältigt oder durch die vorgehaltene Waffe zur Ausführung der Befehle der Amerikaner gezwungen. Sie wurden verhindert, eine Nachricht durch das abarische Feld nach der Außenstation zu geben. Den nächsten Flugwagen, der zum Ring der Außenstation auffuhr, bestieg General Miller selbst mit einer auserwählten Schar von Offizieren, Ingenieuren und Mannschaften. Eine Stunde später waren sie auf dem Ring. Auch hier wurden die Ingenieure, welche das abarische Feld bedienten, ohne Schwierigkeit überrumpelt und gefesselt. Dann drang man in die obere Galerie, die große Landungshalle der Raumschiffe vor. Hier lag die größte Schwierigkeit. Mehrere hundert Martier waren damit beschäftigt, die Raumschiffe zu entladen, denn es waren neue Raumschiffe gekommen mit Kriegsmaterial, vor allem mit neuen Luftschiffen. Dies waren hauptsächlich Mannschaften der Kriegsflotte, die mit Telelytrevolvern bewaffnet waren. Sobald sie die erste Überraschung überwunden hatten, setzten sie sich zur Wehr und zwangen das kleine Häuflein der Angreifer, sich schleunigst in das untere Stockwerk zurückzuziehen. Hier erhielten diese zwar nach einiger Zeit Verstärkung durch einen zweiten Flugwagen, dennoch konnten es beide Teile nicht auf einen Kampf ankommen lassen – die Telelytwaffen, die hier gegeneinander wirksam geworden wären, hätten binnen wenigen Minuten zur vollständigen Vernichtung von Freund wie Feind geführt. Die Menschen aber befanden sich im Besitz des abarischen Feldes und der Elektromagneten der Insel – sie drohten, den ganzen Ring durch Veränderung des Feldes zum Sinken zu bringen und die Außenstation zu zerstören, wenn sich die Martier nicht auf der Stelle ergäben.

Die Martier konnten zwar auf ihren Raumschiffen die Außenstation verlassen, doch hätte es mehrere Stunden gedauert, ehe sie dieselben klar zum Raumflug hätten machen können. In dieser Zeit konnte, wenn die Menschen ernstmachten, das Kraftfeld der Station und damit das Gleichgewicht des Ringes gestört werden. Überhaupt sagten sie sich, daß sie bald Hilfe und Ersatz von den Ihrigen bekommen müßten, und wollten deshalb nicht diese wichtigste ihrer Anlagen auf der Erde gefährden. So blieb ihnen nichts übrig, als sich gefangenzugeben.

Inzwischen hatten die übrigen amerikanischen Luftschiffe die gesamte Kolonie auf den Inseln um den Pol eingeschlossen und rücksichtslos mit ihren Nihilitsphären und Repulsitgeschützen angegriffen. Die vollständig überraschten Martier waren wehrlos, die wenigen Schiffe, die zum Gebrauch fertig waren, wurden sofort durch die Angreifer zerstört, ehe sie soweit bemannt waren, daß sie sich durch den Nihilitpanzer schützen konnten. Andererseits waren diesmal die Menschen durch das Nihilit gegen einen Angriff durch die Telelytwaffen geschützt. Auch hier war die Überrumpelung gelungen, die Martier mußten sich ergeben. Sie wurden sämtlich auf der Insel Ara untergebracht und hier bewacht.

Sobald die Insel im Besitz der Amerikaner war, wurde nach den Städten der Union telegraphiert, gleich als ob es sich um Bitten oder Anordnungen der Martier handle. Zunächst hatte man den Protektor um sofortige Rückkehr gebeten, dann richtete man ähnliche Ansuchen an die übrigen Schiffe der Martier. Einzelne Kapitäne folgten ohne Bedenken, andere hielten weitere Umfragen, wodurch eine allgemeine Verwirrung entstand. Es bestätigte sich jedoch, daß der Protektor selbst mit einer Flottille nach dem Pol aufgebrochen war. Endlich kam von der dem Pol zunächst gelegenen Station von einem martischen Kapitän selbst ein in der amtlichen Geheimschrift aufgegebenes Telegramm, das den tatsächlichen Vorgang meldete; die Polstation sei von einer Luftschifflotte der Union überfallen. Hierauf wurden sämtliche Schiffe zur Hilfeleistung nach dem Pol berufen, und auch das letzte Stationsschiff verließ Washington. Der Telegraph wurde nun von den Beamten der Union in Besitz genommen, und die Menschen erhielten jetzt die Nachricht von dem unerhörten Ereignis.

Ahnungslos war Lei mit dem schnellen Admiralsschiff allen andern vorangeeilt, um nur sobald als möglich auf der Insel zu erfahren, was geschehen sei. In seinem raschen Flug bemerkte er die Zerstörungen in der Kolonie, konnte aber nichts anderes glauben, als daß es sich um einen Unglücksfall, eine Explosion handle. Er senkte sich auf das Dach der Insel, wo nichts Verdächtiges zu bemerken war. Aber kaum berührte das Schiff das Dach, als es im Augenblick erstürmt wurde. Der Protektor der Erde war kriegsgefangen.

Nun erhob sich die kleine Luftflotte der Amerikaner und flog den nach und nach eintreffenden martischen Schiffen entgegen. Diese konnten in den sich nähernden Schiffen nichts anderes erwarten wie entgegenkommende Boten. Sie mäßigten ihren Flug, um etwaige Signale zu erkennen. Da zischten die Repulsitgeschosse, und ehe sich eine Hand nach dem Griff des schützenden Nihilitapparates ausstrecken konnte, wurden die Robhüllen zertrümmert, und die Schiffe der Martier stürzten in die Wogen des Meeres oder zerschellten auf den schwimmenden Eismassen. Es war eine furchtbare, erbarmungslose Zerschmetterung der Feinde.

Noch mehrfach gelang es, vereinzelt ankommende Schiffe der Martier durch Überraschung zum Sinken zu bringen. Dann hatten einige der nachfolgenden Schiffe den Überfall bemerkt, die später eintreffenden waren gewarnt und näherten sich in ihren Nihilitpanzern. Zwischen zwei mit den Waffen und Verteidigungsmitteln der Martier ausgerüsteten Schiffen konnte es keinen Kampf geben, beide waren unverletzlich. Die Amerikaner zogen sich daher auf die Insel zurück, deren Umkreis auf dem Meer sie durch die Nihilitzone und deren Dach sie durch ihre Luftschiffe schützten. So war es auch den Martiern, die nun im Verlauf des Tages ihre ganze Flotte aus den Vereinigten Staaten um den Pol konzentrierten, nicht möglich, einen Angriff zu wagen.

Während die Kapitäne noch berieten, brachte ein Schiff die Nachricht, daß nach einer Depesche vom Südpol auch die Außenstation an diesem Pol in den Händen der Menschen sei. Sie war gleichzeitig mit dem Nordpol von zwei amerikanischen Luftschiffen überrascht worden, die hier leichtes Spiel hatten. Der Südpol lag in der Nacht des Winters vergraben, die Station war bis auf eine kleine Anzahl Wächter verlassen, die den unerwarteten Besuch ohne Mißtrauen aufgenommen hatten und sogleich überwältigt worden waren.

Die Nume auf der Erde waren somit von jeder Verbindung mit dem Mars abgeschnitten.

Als die Nachricht nach Europa gelangte, brach ein Jubel aus, wie ihn die Erde noch nicht vernommen. Aber auch hier war alles zu einer Erhebung vorbereitet. Überall, wo sich die Beamten der Martier nicht in ihre Luftschiffe retten konnten, bemächtigte man sich ihrer Personen. Allerdings hielten die Luftschiffe ihrerseits die Hauptstädte besetzt und bedrohten sie mit vollständiger Vernichtung. Sie unterbrachen die Verbindungen der Länder mit dem Pol, und zwei Tage lang schwebte Europa wieder in banger Sorge. Es war der Rache der Martier schutzlos ausgesetzt, und die Regierungen waren gezwungen, die eignen Staatsbürger zum Teil mit Anwendung von Gewalt zu veranlassen, die gefangenen Martier wieder freizugeben. Der erste Jubel verklang so schnell, wie er gekommen war, und eine tiefe Niedergeschlagenheit trat an seine Stelle.

Doch welch Erstaunen ergriff die Bewohner der europäischen Hauptstädte, als sie eines Tages die drohenden Kriegsschiffe auf den Dächern der Regierungsgebäude verschwunden sahen. Zuerst wollte man an keine günstige Veränderung glauben, man befürchtete irgendeine unbekannte, neue Gefahr. Um Mittag erst erklärte eine Bekanntmachung der Regierungen allen Völkern, was geschehen sei. Der Waffenstillstand mit dem Mars war geschlossen worden.

Die Amerikaner hatten am Pol neben ungeheuren Vorräten an Rob und Kriegsmaterial einige achtzig Luftschiffe erbeutet und diese durch die gefangenen Martier instand setzen lassen. Dadurch waren sie in die Lage gesetzt, nicht nur den Pol zu halten, sondern ihre Macht auch über die ganze Erde zu erstrecken. Zwar konnten sie den Schiffen der Martier nichts anhaben, aber ebensowenig konnten sie von diesen aufgehalten werden. Sie begaben sich nach allen denjenigen Punkten der Erde, wo die Martier große Anlagen zur Verwertung der Sonnenstrahlung geschaffen hatten, und bedrohten diese mit Vernichtung des martischen Eigentums. Zugleich drohte man mit der völligen Zerstörung der Außenstationen an den Polen. Hierdurch wäre nicht nur das Leben von einigen tausend Martiern, sondern auch ein unermeßliches Kapital und die Verbindung zwischen Erde und Mars zerstört worden.

Der gefangene Protektor korrespondierte von der Außenstation aus durch Lichtdepeschen mit dem Zentralrat des Mars. Hier erkannte man alsbald, daß die Gefahr ungeheurer Verluste und Verheerungen nur durch einen friedlichen Ausgleich zu vermeiden war. Der Zentralrat konnte nicht wagen, einen Vernichtungskrieg zu beginnen, der zwar schließlich mit der Ausrottung der Menschen und ihrer Kultur geendet, aber der Regierung der Marsstaaten die Verantwortung aufgebürdet hätte. Es wurde daher zwischen den Marsstaaten und dem Polreich der Erde einerseits, den Vereinigten Staaten, die auf einmal die führende Macht der Erde geworden waren, und den Großmächten Europas andererseits ein Waffenstillstand geschlossen, dessen Bestimmungen im wesentlichen folgende waren:

Das Recht der Menschen auf die Freiheit der Person wird anerkannt. Die Nume sollen auf der Erde keinerlei Vorrechte besitzen.

Das Protektorat über die Erde wird aufgehoben. Sämtliche bisherige Beamte der Marsstaaten auf der Erde und sämtliche Kriegsschiffe haben die Erde zu verlassen.

Die Kriegsgefangenen werden freigegeben.

Die Stationen der Martier auf den Polen sowie ihr gesamtes auf der Erde erworbenes Vermögen bleibt ihnen erhalten, desgleichen ihre Raumschiffe auf der Außenstation des Nordpols. Doch bleiben diese Stationen so lange im Besitz der Amerikaner, bis durch einen endgültigen Friedensvertrag das künftige Verhältnis der beiden Planeten geregelt sein wird, und zwar nach Maßgabe obiger Grundsätze.

Dieser Friedensvertrag ist innerhalb eines halben Erdenjahres abzuschließen und soll den freien Handelsverkehr beider Planeten als eine Bestimmung enthalten.

Der Sprung von der Not zur Rettung war so ungeheuer, daß man erst allmählich fassen konnte, welches Heil der Menschheit zuteil geworden. Und nun war die Freude unbeschreiblich.


Vom Mars kam Raumschiff auf Raumschiff und führte die Kriegsschiffe der Martier und diese selbst nach dem Nu zurück. Die Staaten ordneten aufs neue ihre Verfassungen und schlossen untereinander ein Friedensbündnis, das die zivilisierte Erde umfaßte. Die Grundsätze, welche der Menschenbund verbreitet und gepflegt hatte, trugen dabei ihre Früchte. Ein neuer Geist erfüllte die Menschheit, mutig erhob sie das Haupt in Frieden, Freiheit und Würde.

Am dritten August verließ das letzte Raumschiff der Martier die Erde. Erst wenn der definitive Friede geschlossen war, sollte ein regelmäßiger, friedlicher Verkehr wieder beginnen. Bis dahin durften nur Lichtdepeschen gewechselt werden.


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