DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek
www.digbib.org / Theodor Fontane / Poggenpuhls

Anzeigeoptionen: WebBuch (kapitelweise), vollständiger Text: [HTML], [PDF], [TXT]

Theodor Fontane: Poggenpuhls

Inhalt

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2]

Neuntes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3] [Abs. 4] [Abs. 5]

Zehntes Kapitel

[Sophie von Poggenpuhl an Frau von Poggenpuhl] [Schloß Adamsdorf, 16. Januar] [Schloß Adamsdorf, 19. Januar] [Heinrichsbaude, 22. Januar] [Schloß Adamsdorf, 25. Januar]

Elftes Kapitel

[Abs. 1] [Thorn, 8. Januar] [Abs. 2] [Berlin, 12. Januar] [Berlin, 15. Januar] [Berlin, 18. Januar] [Thorn, 19. Januar]

Zwölftes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3] [Abs. 4]

Dreizehntes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3] [Abs. 4] [Abs. 5]

Vierzehntes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3]

Fünfzehntes Kapitel

[Abs. 1] [Abs. 2] [Abs. 3] [Abs. 4] [Abs. 5] [Abs. 6]

Siebentes Kapitel

Man hatte Billets erhalten, gute Plätze, vierte Parkettreihe. Mitterwurzer, der gerade zum Gastspiel in Berlin war, gab den Dietrich von Quitzow, und gleich die Szene mit Wend von Ilenburg, Akt zwei, schlug mächtig ein. In der bald darauf folgenden Zwischenpause wandte sich der immer erregter gewordene Onkelgeneral an die rechts neben ihm sitzende Therese und sagte: »Merkwürdig, ganz wie Bismarck. Und dabei beide, so spielt der Zufall, wie Wand an Wand geboren; ich glaube, von Schönhausen bis Quitzöwel kann man mit einer Windbüchse schießen, oder ein Landbriefträger läuft es in einem Vormittag. Wunderbare Gegend, diese Gegend da; Langobardenland. Ja, wo's mal sitzt, da sitzt es. Was meinst du, Leo?«

Leo hätte gern geantwortet, aber so freiweg er sonst war, er genierte sich doch einigermaßen, weil er sah, daß man auf den Reihen vor und hinter ihm bereits die Köpfe zusammensteckte und tuschelte. Der Onkel sah es auch, nahm's aber nicht übel und dachte nur: »Kenn ich; berlinische Zimperei.«

Bald gegen zehn war die Vorstellung aus, und nach kurzer Beratung an einer etwas zugigen Ecke beschloß man, möglichst in der Nähe zu bleiben und in einem in der Charlottenstraße gelegenen Theaterrestaurant zu soupieren. Man fand hier alles so ziemlich besetzt, kam aber doch noch unter und traf nach Überfliegung der Speisekarte rasch die Wahl. Alle waren für Seezunge, mit Ausnahme von Therese, die sich für Makkaroni mit Tomaten erklärte. Gleich danach wurden ohne weiteres fünf Seidel wie ebenso viele Selbstverständlichkeiten vor sie hingepflanzt, und erst als diese Seidel schon halb geleert waren, erschien auch das Bestellte, was dem schon ziemlich nervös gewordenen alten General sein Gleichgewicht wiedergab. Er rückte nun seinen Teller etwas näher an sich heran, tröpfelte Zitronensaft auf die knusprige Panierung und sagte, während er gleich den ersten Bissen kennermäßig würdigte: »Ja, Berlin wird Weltstadt. Aber was mehr sagen will, es wird auch Seestadt. Sie reden ja schon von einem großen Hafen, ich glaube, da bei Tegel herum - und ich kann wohl sagen, diese Seezunge schmeckt, als ob wir den Hafen schon hätten oder als ob wir hier mindestens in Wilkens Keller in Hamburg säßen. Es sind das noch so Erinnerungen von achtundvierzig her, wo ich ein blutjunger Leutnant war, so wie Leo jetzt, nur schmalere Gage.«

»Kann ich mir kaum denken, Onkel.«

»Nun, wir wollen das fallenlassen; so was wird leicht persönlich, und im Persönlichen liegen immer die Keime zu Streitigkeiten. Aber Kunst, Kunst, darüber läßt sich reden; Kunst ist immer friedlich. Sagt, Kinder, was war das eigentlich mit dem Berliner Jargon in dem Stück? Schon gleich als die Straußberger kamen und der Torwart nach ihnen auslugte, ging es damit los. Und das alles so um 1411 herum.«

»Ich denke mir«, sagte Therese, »der Dichter, ein Mann von Familie, wird doch wohl seine Studien dazu gemacht haben. Vielleicht, daß er Wendungen und Ausdrücke, die dich verwundern, in alten Magistratsakten gefunden hat.«

»Ach, Kind, das Berlinische, das da gesprochen wird, das ist noch keine hundert Jahre alt und manches noch keine zwanzig. Aber es mag wohl schwer sein. Am besten hat mir die polnische Gräfin gefallen, ich glaube Barbara mit Namen, eine schöne Person, das muß wahr sein. Auf dem Zettel stand: >Natürliche Tochter König Jagellos von Polen<. Will ich gern glauben; sie hatte so was, Augen wie Kohlen. Und dieser Dietrich; alle Wetter, muß der verwöhnt gewesen sein, um solche polnische Königstochter so abfallen zu lassen. Ich kenne nur wenig Fälle der Art, vielleicht den mit Karl dem Zwölften und der Aurora von Königsmarck. Aber dieser Fall ist eigentlich keiner. Denn das mit Karl dem Zwölften lag doch noch wieder anders; das hatte einen Haken...«

»Einen Haken? Welchen, Onkel?«

»Ach, Manonchen, das ist nichts für junge Damen. Und hier so öffentlich...«

»Dann sag es mir ins Ohr.«

»Geht auch nicht. Sieh, das sind so Finessen, auf die man warten muß, bis man sie zufällig mal aufpickt, sagen wir auf einem Einwickelbogen oder auf einem alten Zeitungsblatt, da wo die Gerichtssitzungen oder die historischen Miszellen stehn. Denn nach meinen Erfahrungen umschließt die sogenannte Makulatur einen ganz bedeutenden Geschichtsfonds, mehr als manche Geschichtsbücher. Ich würde mich dabei vielleicht auf Leo berufen, wenn er nicht mit seinem Kneifer beständig nach dem eleganten jungen Herrn da drüben hinüberlorgnettierte; da drüben am zweiten Tisch von uns. Und nun grüßt er auch noch.«

Wirklich, Leo war während der letzten Minuten ziemlich unaufmerksam gewesen, und jetzt erhob er sich von seinem Platz und ging auf den jungen Herrn zu, von dem der Onkel eben gesprochen. Es war unschwer zu sehen, daß beide gleichmäßig verwundert waren, sich hier zu finden, und nachdem sie, wie's schien, ein paar orientierende Fragen ausgetauscht hatten, führte Leo den hier so unerwartet Wiedergefundenen an den Poggenpuhlschen Tisch und sagte: »Lieber Onkel, erlaube mir, daß ich dir Herrn von Klessentin vorstelle. Alter Kamerad von mir, noch von den Kadetten her... Meine drei Schwestern...«

Herr von Klessentin, sehr gewandt und von typischer Leutnantshaltung, verbeugte sich gegen den General und die jungen Damen und bemerkte dann, daß er sich des Herrn Generals, der mal zum Besuch draußen in Lichterfelde gewesen sei, sehr wohl noch erinnere.

»Trifft zu, Herr von Klessentin. Ich war öfter draußen, mußte doch dann und wann nach dem Rechten sehn.« Und dabei wies er auf Leo. »Hat freilich nicht viel geholfen. Aber wollen Sie nicht bei uns einrücken? Dies ist der beste Tisch hier, etwas abgetrennt von den übrigen und kein Zug.«

Klessentin verbeugte sich, holte sein Seidel und nahm den Platz zwischen dem General und Therese.

»Wir haben uns hier seßhaft gemacht«, fuhr der General fort, »weil es so nahe beim Theater ist... Sie waren drüben auch zugegen...«

»Zu Befehl, Herr General.«

»... Und ich möchte beinahe wetten, Sie links im Parkett bemerkt zu haben, sechste oder siebente Reihe.«

»Bedaure, Herr General; ich war dem Aktionsfeld um ein gut Teil näher...«

»Weiter vor?«

»Ja, Herr General. Auf der Bühne selbst.«

Alle (Leo mit eingeschlossen) fuhren neugierig, aber doch auch ein wenig schreckhaft zusammen, und man war froh, als der Onkel in einem heiteren Tone sagte: »Da hat man Sie zu beglückwünschen, Herr von Klessentin. Hinter den Kulissen; à  la bonne heure, so gut trifft es nicht jeder. Aber andrerseits, Pardon, bin ich doch auch wieder erstaunt, etwas Derartiges unter der jetzigen Verwaltung - die, soviel ich weiß, auf sittliche Strenge hält - sich überhaupt ermöglichen zu sehn. Oder sind es persönliche Beziehungen zum Graf Hochbergschen Hause?«

»Leider nicht, Herr General. Es handelt sich auch nicht um besondere, mich auszeichnende persönliche Beziehungen. Ich bin nämlich einfach Bühnenmitglied. Der Dietrich Schwalbe, dessen Sie sich vielleicht aus dem letzten Akt her entsinnen - auf dem Zettel steht Bannerträger; richtiger wäre vielleicht >Quitzowscher Milchbruder< gewesen, aber diese Bezeichnung unterließ man wohl aus Delikatesse -, dieser Dietrich Schwalbe bin ich.«

Therese bog ein wenig nach links hin aus, während die beiden jüngeren Mädchen noch mehr aufhorchten als vorher und auf den wiedergefundenen Freund ihres Bruders mit einem rasch sich steigernden Interesse blickten. Leo selbst schien immer noch etwas unsicher und war froh, als der Onkel mit großer Jovialität fortfuhr: »Freut mich, Herr von Klessentin. Man kann seinem König an jeder Stelle dienen; nur auf die Treue des Dienstes kommt es an...«

Klessentin verbeugte sich.

»Aber was mich überrascht, ich habe den Zettel wenigstens dreimal durchstudiert und bin Ihrem Namen nicht begegnet...«

»Er fehlt auch, Herr General. Auf dem Zettel heiße ich einfach Herr Manfred, nach meinem Vornamen. Es ist das so Sitte. Manfred ist mein nom de guerre.«

»Nom de guerre«, lachte der Alte. »Vorzüglich. Ein Klessentin tritt aus der Armee und wird Schauspieler, und im selben Augenblick, wo er dem Kriegshandwerk entsagt, kriegt er einen nom de guerre. Ein Glück dabei, daß Sie solchen hübschen Vornamen hatten. Aber so hübsch er ist, ich möchte doch fragen dürfen, können nicht durch solche poetisch historischen Vornamen allerlei Komplikationen entstehen, können Sie nicht beispielsweise grade mit Manfred in eine gewisse Verlegenheit geraten?«

»Ich mag die Möglichkeit nicht geradezu bestreiten, Herr General. Aber wenn ich die ganze lange Reihe der Rollen und Stücke durchnehme, so kann ich mir, was speziell meinen Namen angeht, eine solche Komplikation doch nur für den Fall denken, daß ich den Lord Byronschen Manfred zu spielen hätte. Dann würd es freilich auf dem Zettel heißen müssen: >Manfred... Herr Manfred<, was - soviel muß ich zugeben - das Publikum einigermaßen stutzig machen und eine momentane Verwirrung heraufbeschwören könnte.«

»Versteh, versteh. Eine Verwirrung übrigens, aus der Sie nichtsdestoweniger einen Ausweg finden würden.«

»Ich glaube dies bejahen zu dürfen, immer für den Fall, daß ich überhaupt in die hier angedeutete Lage kommen sollte. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen, weil ganz außerhalb meiner Sphäre.«

»Sie sind dessen sicher?«

»Vollkommen, Herr General. Der Lord Byronsche Manfred...«

»Und dann, Pardon, Herr von Klessentin, der ältere Bruder in der >Braut von Messina<... der, wenn mir recht ist, etwas weniger schuldbelastete...«

»... Zu Befehl, Herr General. Aber, Verzeihung, das ist eigentlich ein Don Manuel.«

»Ah, richtig, richtig. Den Manuel, Don Manfred oder auch bloß Manfred, das ist mir durcheinandergelaufen... Und Sie meinen, dieser Manfred, also wahrscheinlich auch dieser Manuel, beide Rollen, wie Sie sich ausdrückten, lägen ganz außerhalb Ihrer Sphäre.«

»Gewiß, Herr General. Der Byronsche Manfred ist eine Pyramidalrolle, groß, erhaben wie Lord Byron selbst, während ich durchaus auf einer Anfängerstufe stehe.«

»Das ändert sich. Das ist überall dasselbe. Heute Fähnrich und nach vierzig Jahren General; kommt Zeit, kommt Rat.«

»Wollte Gott, daß es so läge, Herr General. Aber es liegt anders. Ich bin nun mal in der Bühnenlaufbahn drin und muß jetzt dabei verbleiben, ein ewiges Umsatteln macht einen schlechten Eindruck. Aber es ist mir, gerade seit ich dabei bin, ganz klargeworden, daß >Herr Manfred< kein großer Künstlername werden wird... Es ist möglich oder wenigstens sehr wünschenswert, daß ich über kurz oder lang eine sogenannte gute Partie machen werde, nach welchem Ereignis ich keinen Augenblick zögern würde, mich von der Bühne wieder zurückzuziehen. Ich bin eigentlich gern Schauspieler, ja, ich könnte beinahe sagen mit Passion; aber trotzdem... eine Tiergartenvilla mit einem Delphinbrunnen, der immer plätschert und den Rasen bewässert...«

»Eine solche Villa, mein lieber Klessentin, würden Sie vorziehen. Das ist das, was ich eine gesunde Reaktion nenne. Gott gebe seinen Segen dazu. Ja, Park mit Reh und Wasserfall und mit alten Platanen, im Herbste goldgelb - das hat es mir auch angetan. Aber solange Sie nun noch mitmachen, ist da nicht ein Avancement möglich?«

»Schwerlich, Herr General.«

»... Und wenn nicht - verzeihen Sie meine Neugier, aber ich interessiere mich für all dergleichen -, also wenn nicht, in welchem Rollenfache hat man Sie denn eigentlich zu suchen? Wenn ich wieder auf meinem Gute sitze und nehme die Zeitung und lese: >Morgen, Mittwoch: »Wilhelm Tell«<, so will ich, nachdem ich das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gehabt habe - denn Sie gefallen mir außerordentlich, Herr von Klessentin; verzeihen Sie, daß ich Ihnen das so ohne weiteres sage -, so will ich doch wissen, wo ich Sie im >Tell< unterzubringen habe; für den Attinghaus sind Sie zu jung und für den Geßler nicht dämonisch genug; aber vielleicht Rudenz.«

»Sie greifen immer noch um etliche Stufen zu hoch, Herr General. Es gibt allerdings ein paar Ausnahmefälle, so zum Beispiel heute abend, wo ich mich als Quitzowscher Bannerträger von dem eigentlichen Gros um ein geringes abheben durfte, im ganzen aber dürfen mich der Herr General immer nur da suchen, wo Sie Gruppen und Rubriken finden: Erster Bürger, zweiter Mörder, dritter Pappenheimer; so sind mir die Würfel gefallen. Speziell im >Tell< bin ich natürlich mit auf dem Rütli und habe da den Mondregenbogen und dann später das Alpenglühen dicht hinter mir. Trotzdem - ich habe bis jetzt immer nur den Meier von Sarnen und ein einziges Mal auch den Auf der Mauer gespielt, und ich darf hinzusetzen, mein Ehrgeiz versteigt sich überhaupt nicht höher als bis zu Rösselmann. Ein schwacher Aufstieg. Aber um Ihnen nichts zu verschweigen, man verletzt auch schon durch ein so bescheidenes Avancement andrer Interessen. Und so viel liegt mir wieder nicht dran.«

»Bravo, bravo. Ganz mein Fall. Nur nicht andre beiseite schieben, nur nicht über Leichen.«

»Und dann, Herr General, wie man mit Recht sagt, daß auch die kleinen Existenzen ihre großen Momente haben, so ganz besonders auch beim Theater. Da ist beinahe keiner unter den mir gleichgestellten Kollegen, der sich nicht sagte: >Ja, dieser Matkowsky! dieser Matkowsky spielt den Mortimer und den Prinzen in Calderons »Leben ein Traum«, und er spielt beide gut, sehr gut; aber den Frießhardt (das ist, Verzeihung, der Kriegsknecht, der vor Geßlers Hut Wache steht) oder den Deveroux, der den Wallenstein mit der Partisane niederstößt, oder die Hexe im »Faust« oder - verzeihen Sie, meine Damen, daß ich meine Beispiele anscheinend mit Vorliebe grade aus dieser Sphäre nehme - die dritte »Macbeth«-Hexe, die spiele ich, da bin ich ihm über, diesem Matkowsky<... Und solche glücklichen Momente habe ich auch.«

»Mir sehr interessant, mein lieber Herr von Klessentin. Und nun müssen Sie auch noch einen Schritt weiter gehn und außer dem Meier von Sarnen, von dem ich, offen gestanden, eine nur dunkle Vorstellung habe, mir also außer diesem Meier von Sarnen noch ein paar andre Ihrer Paradepferde nennen, klein oder groß, denn man kann bekanntlich auch auf einem Pony paradieren.«

»Es schmeichelt mir, soviel freundlichem Interesse bei Ihnen zu begegnen, und ich wünsche nur, daß meine gern abzulegenden Geständnisse mich um dies freundliche Interesse nicht bringen mögen. Meine Begabung, wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann, liegt nämlich sonderbarerweise nach der Seite des Grotesken hin; auch meine heutige Rolle streifte wenigstens dieses Gebiet, und so darf ich denn wohl sagen, daß ich meine kleinen Triumphe bisher im >Sommernachtstraum< und besonders in Shakespeares >Heinrich dem Vierten<, zweiter Teil, errungen habe. Der Zufall, ein glücklicher oder unglücklicher, hat es so gefügt, daß ich die ganze Reihe der Falstaffschen Rekruten, also des sogenannten >Kanonenfutters<, durchgespielt habe, mit Ausnahme des Schwächlich. Einmal wurd ich sogar durch Händeklatschen von seiten Seiner Majestät ausgezeichnet, was mich begreiflicherweise sehr beglückte. Beim Publikum aber hab ich bisher in der Rolle des Bullkalb am meisten angesprochen.«

Therese begleitete dies Wort mit einer stolzen Kopfbewegung, die Herrn von Klessentin nicht entging, weshalb er sofort hinzusetzte: »Wenn man erst mal, und ich muß deshalb wiederholentlich die Verzeihung der Damen anrufen, beim Beichten ist, so kommen leicht Dinge zum Vorschein, die mehr oder weniger anstößig wirken. Und besonders wenn Shakespeare in Frage steht. In eben diesem >Heinrich dem Vierten< begegnen wir Personen und Namen, einer Witwe Hurtig beispielsweise... Nun, diese Witwe selbst möchte vielleicht noch gehn, aber neben ihr waltet auch ein blondes Dorchen seines Amtes, ein junges Mädchen mit einem Zunamen...«

»Oh, ich weiß, ich weiß«, lachte Manon.

»Du weißt es nicht«, sagte Therese mit dem ganzen Ernst einer älteren Schwester, die den Schul- und Erziehungsgang der Jüngeren überwacht und daraufhin eine Verantwortlichkeit übernommen hat.

»Doch, doch, und Leo kann es bezeugen. Und er muß es sogar, damit der Ärmste mal wieder zu Worte kommt. Er ist ja ganz in bewunderndem Zuhören aufgegangen, und ich wette, er hat die ganze Zeit über überlegt, welche Rollen ihm am besten passen würden.«

Sophie legte den Finger auf den Mund. Aber Manon sah es nicht oder wollte es nicht sehen und fuhr fort: »Und wir erleben es auch noch, daß wir nach dem Vorbilde von >Manfred... Herr Manfred< auf dem Theaterzettel lesen: >Leo... Herr Leo<. Der von ihm zu Spielende muß aber natürlich ein Papst sein, unter dem tu ich es nicht. Ja, Leo, das ist mein Ernst. Und ich würde mich vielleicht auch freuen, dich auf der Bühne zu sehn,. Warum auch nicht? Ich meine, man muß nur berühmt sein; auf welchem Gebiet, ist eigentlich ganz gleich.«

»Das ist dann«, unterbrach Therese, »der Grundsatz jenes auch berühmt Gewordenen, der den Tempel zu Korinth anzündete...«

»Ephesus...« , verbesserte Leo. »Korinth, da waren die Kraniche...«

»Das ist gleich, Tempel ist Tempel. Im übrigen, verzeih, Onkel, wenn ich, dir vorgreifend, an unsern Aufbruch mahne. Auch Herr von Klessentin wird mir verzeihen. Aber unsre gute Mama...«

»Versteht sich, versteht sich. Und noch dazu heute an ihrem Geburtstage... Leo« (und Onkel Eberhard nahm bei diesen Worten einen Schein aus seiner Brieftasche), »bitte, bemächtige dich des Kellners und bring alles ins klare. Herr von Klessentin, Sie begleiten uns vielleicht eine Strecke...«

»Mir eine große Ehre, Herr General. Aber bitte zugleich verzeihen zu wollen, wenn ich schon an der Friedrichstraßenecke mich verabschiede. Eine Verabredung... zwei Kameraden von meinem alten Regiment. Ich würde versuchen«, und er wandte sich an die jungen Damen, »Ihnen auch Ihren Herrn Bruder abtrünnig zu machen (wenn man mal in Berlin ist, will man auch Berliner Luft genießen), aber ich zweifle, daß seine ritterlichen Gesinnungen ihm diese Fahnenflucht gestatten.«

»Es wird sich leider verbieten, Herr von Klessentin«, sagte Therese mit einem bedeutungsvollen Lächeln. »Und was die Berliner Luft angeht, ich glaube, wir haben sie in der Großgörschenstraße reiner als in der Friedrichstraße ...«

»Reiner, aber nicht echter... mein gnädigstes Fräulein.«

Leo, der inzwischen die Rechnung beglichen hatte, gesellte sich ihnen wieder, und so brach man denn in corpore auf: der General mit Therese, Leo mit Manon, Herr von Klessentin mit Sophie, die weniger gesprochen, aber durch ihre Mienen all die Zeit über ein besonderes Interesse gezeigt hatte.

Sie fragte während ihres jetzt beginnenden Geplauders mit ihrem Partner auch nach Fräulein Conrad, von deren Verlobung sie ganz vor kurzem gehört habe. »Der Verlobte«, so bemerkte sie, »soll ein sehr scharfer Kritiker sein. Ich denke es mir schwer, einen Kritiker immer zur Seite zu haben. Es bedrückt und lähmt den höheren Flug.«

»Nicht immer. Wer fliegen kann, fliegt doch.«

»Ich freue mich, das aus Ihrem Munde zu hören...«

Und bei diesen Worten hatte man die Ecke der Leipziger und Friedrichstraße erreicht, und Herr von Klessentin empfahl sich; die Poggenpuhls aber gingen weiter auf das Potsdamer Tor zu, wo man sich am »Fürstenhofe« - nachdem Leo nicht bloß eine exakte Rechnungsablegung, sondern zu des Onkels großer Erheiterung auch eine Behändigung des verbliebenen Restes versucht hatte - mit einem »Bis auf morgen« voneinander verabschiedete.


Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitte per eMail melden.


[Startseite] [Fragen&Antworten] [Partner/Links] [Impressum]