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Shakespeare: Das Winter-Mährchen

Inhalt

Erster Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.]

Zweyter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.]

Dritter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Vierter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.] [Achte Scene.] [Neunte Scene.]

Fünfter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

Eine Gegend von Sicilien an der Küste. Cleomenes und Dion treten auf.

Cleomenes.

Das Clima ist ungemein mild, die Luft lieblich, das Erdreich fruchtbar, und der Tempel weit über die gewöhnlichen Beschreibungen, die von ihm gemacht werden.

Dion.

Er beschämt alles was das Gerüchte von ihm rühmt - - Alles darinn kündigt die gegenwärtige Gottheit an - - Die priesterliche Kleidung - - ich möchte sie fast himmlisch nennen - - das ehrwürdige Ansehen der Diener des Gottes - - und o! das Opfer, wie feyerlich, prächtig und mehr als irdisch in seiner ganzen Anordnung!

Cleomenes.

Und was über alles geht, der furchtbare Ausbruch der betäubenden Stimme des Orakels, die, mit Jupiters Donner verwandt, meine Sinne so dahinriß, daß ich vernichtet zu werden glaubte.

Dion.

Wenn der Endzwek unsrer Reise für die Königin so glüklich ausfallen wird, (und o! möcht' es so seyn,) als die Reise selbst uns angenehm gewesen, und glüklich von statten gegangen ist, so ist die Zeit wol darauf angewendet worden.

Cleomenes.

Grosser Apollo! wende alles zum Besten! - - Ich kan es gar nicht billigen, daß man mit diesen Bezüchtigungen so öffentlich und auf eine so ungestüme Art gegen Hermione losgebrochen ist.

Dion.

Nach den heftigen Maaßregeln die man genommen hat, wird die Sache bald ins Klare kommen oder geendigt werden - - Das Orakel, welches wir hier unter Apollo's grossem geheiligten Sigel mit uns bringen, wird den Ausspruch thun; vielleicht werden sehr unerwartete Dinge zum Vorschein kommen - - Geht, frische Pferde: Und erfreulich möge der Ausgang seyn! - - (Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.

Verwandelt sich in einen Gerichts-Hof. Leontes, die vornehmsten Herren vom Hofe, und verschiedene Beysizer und Officianten des Hof-Gerichts, im Cirkel sizend.

Leontes.

Dieses niedergesezte Gericht (mit tiefstem Schmerz müssen wir es sagen) führt den tödtlichen Stoß in unser Herz. Der beklagte Theil ist nichts geringeres als die Tochter eines Königs, unsre Gemahlin, und eine, welche wir nur zu sehr geliebt haben - - Dieses feyrliche Gericht wird uns, hoffentlich, gegen allen Vorwurf der Tyranney sicher stellen; dieses Gericht, wobey die Gerechtigkeit allein den Vorsiz haben, wo der Schuldigen ihre Vertheidigung nicht versagt und nur das Verbrechen gestraft werden soll - - Führet die Gefangene vor - -

Ein Officiant.

Es ist Sr. Hoheit Wille, daß die Königin vor Gericht gebracht werde. Stille! Hermione wird mit einer Wache herein geführt; Paulina und ihre Cammer-Frauen folgen.

Leontes.

Leset die Anklage.

Officiant (ließt.)

Hermione, Königliche Gemahlin des Durchlauchtigsten Leontes, Königs von Sicilien, du wirst hier vorgeladen und des Hochverraths angeklagt, darinn von dir begangen, daß du mit Polixenes, König von Böhmen, geehbruchet, und mit Camillo dich in ein Verständniß gegen das Leben unsers Gnädigsten Herrn, des Königs deines Gemahls, eingelassen; und daß, da dieser Anschlag durch zufällige Umstände zum Theil offenbar worden, du, Hermione, gegen die Treue und Pflicht eines getreuen Unterthanen, ihnen gerathen und Vorschub gethan, um sich bey nächtlicher Weile durch die Flucht zu retten.

Hermione.

Da alles was ich zu sagen haben kan, in dem blossen Widerspruch meiner Anklage besteht; und ich keine andre Zeugschaft meiner Unschuld aufstellen kan, als meine eigne; so wird es mir schwerlich etwas helfen, wenn ich sage, ich bin nicht schuldig: Das gegen meine Redlichkeit einmal gefaßte Vorurtheil, wird alles was sie sagen kan, zu falschen und leeren Ausflüchten machen. Aber, wenn Göttliche Mächte auf unsre menschlichen Handlungen herabschauen, (wie sie es gewiß thun) so zweifle ich nicht, daß Unschuld doch zulezt eine falsche Anklage zu Schanden machen, und Tyranney vor Geduld zittern wird - - Ihr, mein Herr und Gemahl, ihr wißt am besten, ob ihr es gleich am wenigsten zu wissen scheinet, daß mein vormaliger Lebens-Wandel so keusch, so ehrlich, und so untadelhaft gewesen ist, als ich izt unglüklich bin; und das ist mehr als irgend eine Geschichte, ja mehr als irgend ein Trauerspiel, obgleich mit allem Fleiß ausgesonnen, um Zuschauer herbey zu loken, aufweisen kan - - Denn hier steh' ich, die Genossin des Königlichen Bettes, die Theilhaberin des Throns, die Tochter eines grossen Königs, die Mutter eines hoffnungsvollen Prinzen, stehe und schwaze für Leben und Ehre, vor einem jeden, dem es gefällig ist zu kommen und zu hören. Was mein Leben betrift, das hat in meinen Augen alles verlohren, was es der Erhaltung werth machen könnte: Aber meine Ehre ist mein eigen, und für diese steh' ich hier. Ich appelliere an euer eignes Gewissen, mein Herr, wie ich bey euch in Gnaden gestanden, eh Polixenes an euern Hof kam, und ob ich es verdiente - - und, seitdem er gekommen ist, wie sorgfältig ich bemüht gewesen, mich eurer guten Gedanken von mir würdig zu erhalten; bin ich in Werken oder Gedanken nur Ein Jota über die Schranken der Ehre hinaus gegangen, so möge sich das Herz eines jeden der mich hört, verhärten, und meine nächste Blutsverwandten Fy über mein Grab ruffen!

Leontes.

Ich habe noch nie gehört, daß es einer, welche Muth genug hat so grobe Verbrechen zu wagen, an Verwegenheit gefehlt hätte, sie mit eben der Unverschämtheit wieder wegzuläugnen, womit sie selbige begangen hat.

Hermione.

Das ist wahr genug, aber es ist eine Beobachtung, mein Herr, die gar nicht für mich gemacht ist.

Leontes.

Ihr wollt sie euch nur nicht zueignen.

Hermione.

Mehr Fehler, als ich würklich habe, kan und soll ich auch nicht für mein erkennen. Was den Polyxenes mit dem ich hier angeklagt bin, betrift, so gestehe ich, ich liebte ihn, so wie es seine guten Eigenschaften verdienten, mit solch einer Art von Liebe, wie einer Frau, wie ich, anständig seyn kan; mit einer Liebe, gerade so einer und keiner andern, wie ihr selbst mir ihn zu lieben befahlet; wenn ich weniger gethan hätte, würde ich geglaubt haben, ungehorsam gegen euch, und undankbar gegen euern Freund zu seyn; einen Freund, den ihr mir selbst als den Freund eures Herzens angepriesen habt, und der euch von der Kindheit an bewiesen hatte, daß er's sey. Was eure Zusammen-Verschwörung betrift, so gestehe ich frey, daß ich gar nicht verstehe was ihr damit wollt: Alles was ich weiß ist, daß Camillo ein ehrlicher Mann war; aber warum er euern Hof verlassen hat, das wissen die Götter selbst nicht, wenn sie nicht mehr davon wissen als ich.

Leontes.

Ihr wußtet so gewiß um seine Flucht, als ihr wisset, was ihr in seiner Abwesenheit zu thun vorhattet.

Hermione.

Mein Herr, ihr redet eine Sprache, die ich nicht verstehe; mein Leben hängt nun einmal von euern Träumen ab; ich überlaß es euch.

Leontes.

Eure Thaten sind meine Träume - - wie? Ihr habt einen Bastart vom Polixenes, und ich träumt es nur so? - - Diese Frechheit hat nur an eurer Schaamlosigkeit ihres gleichen - - Doch läugne immerhin; das kan uns in Erstaunen sezen, aber dir kan es nichts helfen; denn so wie dein Wechselbalg, wie es sich für eine solche Brut schikt, von der niemand Vater seyn will, (ein Umstand der freylich bey ihr nur ein Unglük, aber bey dir ein desto schwereres Verbrechen ist) wie sie hinausgeworfen worden ist, so sollt du unsre Gerechtigkeit fühlen: Erwarte von ihrer äussersten Milde nichts geringere als den Tod.

Hermione.

Sparet eure Drohungen, mein Herr; den Popanz, womit ihr mich schreken wollt, den such ich; Leben kan für mich kein Gut mehr seyn. Die Crone und das Vergnügen meines Lebens, eure Gunst, geb ich verlohren, denn ich fühle, daß sie verlohren ist, ob ich gleich nicht weiß, wie. Meine zweyte Freude, mein Sohn, mein erstgebohrner, von dem werd ich, wie eine angestekte Person durch Schlösser und Riegel versperrt. Mein dritter Trost, (ach! unter einem allzu-unglüklichen Stern gebohren!) ist von meiner Brust (die unschuldige Milch noch in seinem ganz unschuldigen Munde) weggerissen und ermordet worden; ich selbst bin mit einem Haß der keine Grenzen hat, als eine Meze durch alle Strassen ausgeruffen - - Sogar die Kindbett-Freyheiten, die dem geringsten Weibsbild zugestanden werden müssen, sind mir verweigert - - Zulezt, um das Maaß voll zu machen, habt ihr mich an diesen Plaz schleppen lassen in die freye Luft, vor der Zeit, da ich die Kräfte wieder erlangt hätte, es auszuhalten. Nun, mein gebietender Herr, sagt mir, wo sind die Glükseligkeiten, die ich mit dem Leben verliehren könnte? Schreitet also immer zur Sentenz: Aber das höret noch - - Verstehet mich nicht unrecht - - Nicht um mein Leben - - das acht' ich nicht soviel als einen Stroh-Halm - - Aber um meiner Ehre willen, muß ich euch sagen, wenn ich auf Bezüchtigungen, die keinen andern Beweis als eure Eifersucht haben, verurtheilt werde, so ist es Härte, nicht Justiz - - Meine Herren alle, ich unterwerfe mich dem Ausspruch des Orakels; Apollo soll mein Richter seyn!

Dritte Scene.

Dion und Cleomenes treten auf.

Ein Richter.

Euer Begehren ist billig; bringet also, und in Apollo's Namen! sein Orakel hervor!

Hermione.

Der Kaiser von Rußland war mein Vater - - o! daß er noch leben, und dieses Verhör seiner Tochter sehen möchte! daß er dieses volle Maaß meines Elends sehen möchte; nur mit Augen des Mitleidens, nicht der Rache!

Ein Gerichts-Official.

Ihr sollet hier schwören auf das Schwerdt der Gerechtigkeit, daß ihr, Cleomenes und Dion, beyde zu Delphi gewesen seyd, und von da dieses versiegelte Orakel mitgebracht, so wie ihr's aus den Händen der Priesterin des grossen Apollo empfangen habt; und daß ihr euch seitdem nicht erfrechet habt, das heilige Sigel zu erbrechen, und zu lesen, was es verschlossen hält.

Cleomenes. Dion.

Alles dieses beschwören wir.

Leontes.

Brecht die Sigel auf, und leset.

Der Official ließt:

Hermione ist keusch, Polixenes unschuldig, Camillo ein getreuer Unterthan, Leontes ein eifersüchtiger Tyrann, sein unschuldiges Kind, rechtmässig erzeugt; und ohne einen Erben soll der König leben, wofern das, was verlohren ist, nicht wieder gefunden wird.

Die Herren und Richter alle.

Nun, gelobet sey der grosse Apollo!

Hermione.

Gelobet!

Leontes.

Hast du es so gelesen wie es geschrieben ist?

Official.

Ja, Gnädigster Herr, sehet nur selbst - -

Leontes.

Das Orakel ist falsch - - Der Gerichts-Hof soll fortfahren - - es ist lauter Betrug. Ein Bedienter tritt auf.

Bedienter (erschroken und zitternd.)

Gnädigster, Gnädigster Herr - -

Leontes.

Was willt du? - -

Bedienter.

O, daß ich der unglükselige Bote seyn mußte! Der Prinz - - euer Sohn - - die Alteration über das Verhör der Königin - - er ist todt.

Leontes.

Was? er ist todt?

Bedienter.

Todt.

Leontes.

Apollo ist ergrimmt, und der Himmel selbst schleudert seine Keile auf meine Ungerechtigkeit herab - - Wie, was giebt's hier? (Die Königin sinkt ohnmächtig hin.)

Paulina.

Die Königin wird diese Zeitung nicht überleben - - Seht hieher, seht was der Tod für Arbeit macht.

Leontes.

Tragt sie fort; ihr Herz ist nur überladen; sie wird sich wieder erholen. - - (Paulina und die Frauen gehen mit Hermione, welche weggetragen wird.)

Vierte Scene.

Leontes.

Ich habe meinem Argwohn zuviel geglaubt: ich bitte euch, wendet alles an ihr Leben zu erhalten - - O Apollo! vergieb - - vergieb meine sinnlose Lästerung gegen dein Orakel! Ich will mich mit dem Polyxenes aussöhnen, mich von neuem um die Liebe meiner Königin bewerben, den ehrlichen Camillo zurük beruffen, ihn, dessen gutes Herz mir die Quaal erspart hat, daß ich mir noch die Ermordung meines Freundes vorwerfen müßte - - denn ihn erkießte ich in der Wuth meines eyfersüchtigen Fiebers zum Werkzeug, den Polixenes zu vergiften; aber ungeachtet ich ihm Belohnung in der einen Hand zeigte und Tod in der andern, war er doch zu edel, zu menschlich, mir zu gehorchen; er entfaltete meinen Anschlag meinem Königlichen Gast, und wollte lieber sein Vaterland und seine Güter, (die wie ihr wisset beträchtlich sind) dahinten lassen, und mit seiner unbeflekten Ehre nakend entfliehen, als meine Gunst mit einer Uebelthat erkauffen. Wie glänzt er neben meinem Rost! Wie viel schwärzer macht seine Tugend meine Aufführung!

Fünfte Scene.

Paulina zu den Vorigen.

Paulina.

O Jammer über Jammer! Schneidet mir meine Schnur-Brust auf, oder mein Herz zersprengt sie, und berstet zugleich.

Ein Herr vom Hofe.

Was ficht euch an, Gnädige Frau? Paulina kündigt dem Könige, nach einer langen Tirade von Schmähungen, und nachdem sie ihm alle seine Vergehungen in den unanständigsten Ausdrüken vorgeworfen, den Tod der Königin an.

Leontes.

Das verhüten die höhern Mächte!

Paulina.

Ich sage dir sie ist todt: Ich will es beschwören: Wenn du an Worten und Schwüren nicht genug hast, so geh und sieh selbst: Wenn ihr Farbe in ihre Lippen oder Glanz in ihre Augen, Wärme in ihre Gliedmaassen oder Athem in ihre Brust bringen könnt, so will ich vor euch niederfallen und euch wie einen Gott anbetten - - Aber, o du Tyrann! Zeige keine Reue über deine Thaten; sie sind zu abscheulich um durch alle Qualen die du fühlen kanst abgebüßt zu werden: Für dich ist nichts übrig als Verzweiflung. Tausend Kniee, zehntausend Jahre in einem fort, nakend, fastend auf einem kahlen Gebürge, in immerwährendem Winter und Sturm, könnten die Götter nicht bewegen, dahin zu sehen, wo du bist.

Leontes.

Fahre immer fort, fahre immer fort: Du kanst nicht zu viel sagen - - ich hab' es verdient, daß mir alle Zungen das Bitterste sagen, was sie können.

Ein Herr vom Hofe.

Sagt nichts mehr - - Die Umstände mögen seyn wie sie wollen, so habt ihr euch durch die unanständige Heftigkeit eurer Reden sehr vergangen.

Paulina.

Es ist mir leid; ich bereue alle Fehler, die ich begehen kan, sobald ich sie einsehe. Ach! nun seh ich's, ich habe mich durch die rasche weibliche Hize zuweit fortreissen lassen; er ist bis ins edle Herz verwundet. Was geschehen ist, und keine Hülfe mehr zuläßt, sollte man aus dem Sinne zu schlagen suchen. Betrübet euch nicht so sehr - - nein, lieber laßt mich dafür bestraft werden, daß ich euch an Dinge erinnert habe, die ihr vergessen solltet. Nun, mein gütigster Gebieter, mein Herr, mein Königlicher Herr, verzeihst einem albernen Weibsbilde; die Liebe, die ich zu eurer Gemahlin trug - - (sie weint.) alberne Weichherzigkeit! - - Ich will nichts mehr von ihr sagen, auch nichts von euern Kindern, ich will nicht mehr an meinen eignen Mann denken, der auch verlohren ist. Fasset nur auch ihr Geduld, so will ich gerne nichts sagen.

Leontes.

Du hast recht gesprochen, denn du sagtest nichts als Wahrheit; und diese höre ich lieber von dir als dein Mitleiden. Ich bitte dich, führe mich dahin wo die Leichen meiner Gemahlin und meines Sohnes liegen; sie sollen beyde Ein Grab haben. Auf ihrem Grabmal sollen zu meiner ewigen Schande die Ursachen ihres Todes zu lesen seyn; alle Tage will ich einmal die Capelle besuchen wo sie liegen, und die Thränen, die ich dort vergiesse, sollen meine Erquikung seyn. So lange als die Natur bey dieser Uebung dauren kan, so lange gelob' ich an, sie täglich zu halten. Kommt, und führet mich zu diesem traurigen Geschäfte. (Sie gehen ab.)

Sechste Scene.

Verwandelt sich in eine einöde Gegend in Böhmen nahe an der See.* Antigonus tritt mit einem Kind auf dem Arm und einem Schiffer auf.

Antigonus.

Du bist also gewiß, daß unser Schiff an die Wüsten von Böhmen angeländet hat?

Schiffer.

Ja, Gnädiger Herr, und ich besorge nur daß es zur Unzeit geschehen ist. Der Himmel sieht fürchterlich aus und droht mit einem gegenwärtigen Sturm. Auf mein Gewissen, die Götter sind über das was wir in Handen haben erzörnt, und geben's uns zu erkennen.

Antigonus.

Ihr heiliger Wille geschehe! Geh du an Bord zurük; sorge für deine Barke, ich will dir bald wieder ruffen.

Schiffer.

Eilet was ihr könnet, und waget euch nicht zu weit in das Land hinein; wir werden, allem Ansehen nach, ein heftiges Ungewitter bekommen - - Und zudem ist diese Gegend wegen der wilden Thiere berüchtiget, die sich hier aufhalten.

Antigonus.

Geh du nur; ich will dir auf dem Fusse folgen.

Schiffer (vor sich.)

Ich bin von Herzen froh, daß ich dieser Bürde los werde. (Er geht ab.)

Antigonus.

Komm, armes Geschöpf; ich habe gehört, obgleich nie geglaubt, daß die Geister der Verstorbnen wieder kommen können; wenn sowas ist, so erschien mir deine Mutter in verwichner Nacht; denn nie hat ein Traum dem Wachen so gleich gesehen. Eine Creatur stellte sich mir vor, deren Haupt bald auf die eine bald auf die andere Seite hieng; nie sah ich ein Gefäß von solchen Schmerzen angefüllt - - und doch so viel Anstand in ihrem ganzen Wesen; ganz weiß gekleidet, wie das Bild der Unschuld, näherte sie sich der Cajüte worinn ich lag; sie neigte sich dreymal vor mir, aber wie sie den Mund zum reden öffnete, barsten ihre Augen in Thränen; endlich da sie sich erleichtert hatte, brachen diese Worte von ihr: Redlicher Antigonus, weil doch nun das Schiksal, gegen deine bessere Gesinnung dich zum Werkzeug der Wegwerfung meines armen Säuglings gemacht hat, so leg es in Böhmen nieder - - es sind Wildnisse genug dort, und sie sind weit genug von Sicilien entlegen, daß dein Eid nicht dadurch gebrochen wird; und weil dieses Kind für immer verlohren geschäzt wird, so gieb ihm, ich bitte dich, den Namen Perdita. Für dieses unfreundliche Geschäfte, das dir mein Gemahl aufgelegt hat, wirst du dein Weib Paulina niemals wieder sehen - - und hier that sie einen ängstlichen Schrey, und zerfloß in Luft. So erschroken ich war, so erholt' ich mich doch bald wieder, und dachte bey mir selbst, daß es etwas wirkliches und kein Traum gewesen seyn müsse: Träume sind Tand; aber für dieses einzige mal kan ich mir nicht verwehren abergläubisch zu seyn, und Reflexion auf dieses Gesicht zu machen. Ich glaube, daß Hermione den Tod erlidten haben wird; und daß Apollo, weil er weiß, daß dieses Kind wirklich dem König Polixenes angehört, haben will, daß es hieher, es sey nun zum Leben oder Tod, auf seines wahren Vaters Grund und Boden gelegt werde. (Er legt das Kind nieder.) So gerathe dann wol, du kleiner Sprößling! Hier liege, und hier dein Name; und hier Dinge, welche, wenn das Glük günstig ist, deine Erhaltung befördern, und doch dein bleiben können - - Es fängt an zu stürmen - - Armes unglükliches Geschöpf! das für seiner Mutter Fehler so grausam büssen muß - - Wie wird es dir gehen? - - Weinen kan ich nicht, aber mein Herz blutet - - O des unseligen Eids, durch den ich mich so gebunden habe! - - Lebe wohl! - - Der Tag wird immer dunkler; es sieht aus, als ob du ein rauhes Wiegen-Lied bekommen werdest; nie hab ich bey Tage einen so düstern Himmel gesehen - - Was für ein wildes Geschrey ist das - - ich habe hohe Zeit an Bord zu eilen - - Das ist eine Jagd - - Himmel! Ich bin verlohren. (Er flieht, von einem Bären verfolgt.) * Wie die See nach Böhmen kommen könne, war ein Umstand, den sich unser Autor vielleicht von darum nichts anfechten ließ, weil man in Mährchen auf die Geographie nicht zu achten pflegt.

Siebende Scene.

Ein alter Schäfer tritt auf.

Schäfer.

Ich wollte es wäre kein Alter zwischen zehn und drey und zwanzig, oder die jungen Leute müßten diese ganze Zeit über schlafen: Denn es ist doch in diesem Zwischen nichts als, Menschern Kinder machen, alte Leute foppen, stehlen, rauffen - - Hört ihr nun! Würde sich ein Mensch in der Welt einfallen lassen, bey einem solchen Wetter zu jagen, wenn es nicht diese Tollköpfe von neunzehn und zwey und zwanzig thäten? - - Sie haben mir zwey von meinen besten Schafen verscheucht, die nun, fürcht' ich, der Wolf eher finden wird als ihr Herr - - wenn ich sie noch irgendwo kriegen kan, so muß es an der Küste seyn, wo sie Epheu zu fressen finden - - Gut Glük! was haben wir hier? - - (Er hebt das Kind auf.) Gott sey bey uns! Ein Wikel-Kind! Ein recht hübsches Kind! Ein Junge, oder ein Mädchen, das wundert mich! - - Ein artiges Ding, ein recht artiges Ding; richtig, das wird ein Jungfern-Kindchen seyn: Wenn ich schon nicht gestudiert bin, so seh ich ihm doch an der Nase an, daß eine Kammer-Jungfer oder so was dahinter stekt. Das mag eine Stiegen-Arbeit gewesen seyn, eine Rausch-Arbeit, so was hinter der Thür hurtig weggemachtes - - Armes kleines Ding! denen ist wärmer gewesen, die dich gezeugt haben, als dir ist - - Ich will es aus Mitleiden aufheben und mit mir nehmen; aber ich will doch noch warten, bis mein Sohn kommt; ich hört' ihn eben holla ruffen - - Wie! he! holla, ho! (Hans Wurst tritt auf.)

Hans Wurst.

Holla, ho! - -

Schäfer.

Was, bist du so nah? Wenn du was sehen willst, von dem noch die Rede seyn wird, wenn du todt und verfault bist, so komm her. Nun, was fehlt dir, Mann?

Hans Wurst.

Ich habe zwey solche Spectakel gesehen, zu Wasser und zu Land; doch ich kan nicht sagen zu Wasser; denn es ist izt alles Himmel; ihr könntet würklich zwischen das Firmament und die See keine Steknadel steken.

Schäfer.

Wie, Junge, was ist es dann?

Hans Wurst.

Ich wollte, ihr hättet nur gesehen, wie es tobt, wie es raßt, wie es das Ufer aufwühlt; aber das ist noch alles nichts; o! das erbärmliche Schreyen der armen Seelen - - sie izt zu sehen, und dann gleich wieder nicht zu sehen - - und wie das Schiff bald mit seinem grossen Mast den Mond durchbohrte, bald wieder von Schaum und Gäscht verschlungen wurde, als ob ihr ein Stükchen Kork in ein Bierfaß geworfen hättet. Und dann zu Lande - - wie ihm der Bär das Schulterbein ausriß, und wie er schrie daß ich ihm zu hülfe kommen sollte, und sagte, er heisse Antigonus, und sey ein Edelmann - - Aber um mit dem Schiff ein Ende zu machen, zu sehen, wie es vom Meer hineingeschlukt wurde; aber vorher, wie die armen Leute heulten, und wie ihnen die See zum Spott nachheulte - - Und wie der arme Herr heulte, und der Bär seiner spottete - - und beyde so laut heulten, daß man weder See noch Wetter davor hören konnte.

Schäfer.

Um Gottes willen, wenn war das, Junge?

Hans Wurst.

Izt, izt, diesen Augenblik erst; die Leute können unterm Wasser noch nicht kalt worden seyn, und der Bär kan den armen Herrn noch nicht halb aufgegessen haben; er ist noch an ihm.

Schäfer.

Ich wollt' ich wäre um den Weg gewesen, daß ich dem alten Mann hätte zu hülfe kommen können.

Hans Wurst.

Ich wollt' ihr wäret beym Schiff gewesen, daß ihr ihm hättet zu hülf kommen können; da würde euer Mitleiden ein schönes Stük Arbeit vor sich gefunden haben.

Schäfer.

Das sind böse, böse Zeitungen! Aber schau hier, Junge. Siehst du, daß ich glüklicher bin als du; du findest die Leute wenn sie sterben, und ich die neugebohrnen. Das ist was für dich, Junge; sieh hier, gelt, das ist ein Wikel-Tuch für ein Edelmanns-Kind! Schau nur einmal; heb es auf, heb es auf, Junge, mach's auf; so, laß sehen: Es ist mir geweissagt worden, ich werde noch einmal durch die Feen reich werden - - Das wird so ein ausgetauschtes Kind seyn: Mach' es auf; was ist darinn, Junge?

Hans Wurst.

Ihr seyd ein närrischer alter Mann; wenn euch die Sünden eurer Jugend vergeben sind, so wird's euch wohl kommen - - Gold! lauter Gold! - -

Schäfer.

Das ist Feen-Gold, Junge, es wird sich auch so weisen. Auf damit, heb es wohl auf; heim, heim, den nächsten Weg. Unser Glük ist gemacht, Junge; es kommt izt nur drauf an, daß wirs verschwiegen halten. Laß meine Schafe gehen; komm guter Junge, den nächsten Weg nach Hause.

Hans Wurst.

Geht ihr den nächsten Weg mit euerm Fund, ich will gehen und sehn, ob der Bär von dem Edelmann weggegangen ist; und wieviel er von ihm gegessen hat; Sie sind nie grimmig als wenn sie hungrig sind. Wenn noch was von ihm übrig ist, will ich's begraben.

Schäfer.

Das ist ein gutes Werk. Wenn du an dem was du noch von ihm findest, erkennen kanst, was er gewesen ist, so hohl mich, daß ichs auch sehe.

Hans Wurst.

Das will ich, ihr könnt mir ihn dann begraben helfen.

Schäfer.

Das ist ein glüklicher Tag für uns, Junge, und wir wollen gute Werke an ihm thun. (Sie gehen ab.) Die Zeit tritt nunmehr, als Chor, auf und bittet in einem Reimen-Spruch voll alltäglicher Sentenzen in schwülstigen Ausdrüken, die Zuschauer um Erlaubniß, in einem Sprung über sechszehn Jahre wegsezen zu dürfen, innerhalb welcher die kleine Perdita ein hübsches aufgeschossenes Mädchen geworden sey, von deren Begebenheiten man in den folgenden Aufzügen das mehrere zu vernehmen haben werde.


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