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Shakespeare: Das Winter-Mährchen

Inhalt

Erster Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.]

Zweyter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.]

Dritter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Vierter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.] [Achte Scene.] [Neunte Scene.]

Fünfter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

Verwandelt sich in Sicilien. Leontes, Cleomenes, Dion, Paulina und Bediente treten auf.

Cleomenes.

Gnädigster Herr, ihr habt genug gethan; ihr habt die Busse eines Heiligen vollbracht: Ihr hättet keinen Fehler begehen können, den ihr nicht dadurch losgekauft hättet; ja, wenn ich reden soll wie ich denke, die Strenge eurer Busse übersteigt alles was ihr verbrochen haben könnet. Thut endlich was der Himmel auch gethan hat, vergesset euer Uebel und verzeiht euch selbst.

Leontes.

So lang' ich mich ihrer Person und ihrer Tugenden erinnere, kan ich das Unrecht das ich dadurch mir selbst zugefüget habe, nicht vergessen - - und wie groß ist dieses! Mein Thron ist ohne Erben; Ich habe die süsseste Gesellschaft, den Namen und die Hoffnungen eines Vaters verlohren; und das alles durch meine Schuld - -

Paulina.

Wahr, Gnädigster Herr, nur gar zu wahr; wenn ihr die ganze weibliche Welt, eine nach der andern heyrathetet, oder aus allen, welche sind, das beste nehmet, um ein einziges vollkommenes Weib daraus zu machen; so würde doch die, die ihr getödtet habt, unvergleichlich bleiben.

Leontes.

Ich denke so. Getödtet, sagst du? Getödtet? Ich, sie getödtet? Ich that es, aber du schlägst mich auf eine offene Wunde, indem du so sagst; schone meiner, ich bitte dich - - sage selten so - -

Cleomenes.

Sagt gar nicht so, Madame; ihr hättet tausend andre Sachen sagen können, die sich besser für die Umstände geschikt und euerm guten Herzen mehr Ehre gemacht hätten.

Paulina.

Ihr seyd einer von denen, welche gerne wollten, daß er sich wieder vermähle.

Dion.

Wenn ihr das nicht wollt, so habt ihr kein Mitleiden mit dem Staat, und erinnert euch nicht, was ein Fürst seinem Namen und seinem Volke schuldig ist; betrachtet wenig, was für Gefahren sein Königreich befallen können, wenn seine Majestät ohne Leibes-Erben abgienge, und es ungewissen Prätendenten zur Beute überliesse! Was würde untadelhafter seyn, was würde den abgeschiednen Geist seiner ersten Königin mehr vergnügen, als, zur Erhaltung des Königlichen Stammes, zum Besten des Landes, zu Befestigung seines zukünftigen Wohlstandes, ihren Plaz in dem Königlichen Bette durch eine liebenswürdige Nachfolgerinn eingenommen zu sehen.

Paulina.

Es giebt keine solche, keine die dieser Ehre würdig seyn könnte; und zudem wollen die Götter ihre geheime Absichten erfüllt haben. Sagte nicht das Orakel: Daß König Leontes keinen Erben haben solle, bis sein verlohrnes Kind gefunden worden sey? Und, ach! daß dieses geschehen werde, zu hoffen, wäre eben so ungereimt, als wenn ich hoffen wollte, mein Antigonus werde aus seinem Grab ausbrechen, und wieder zu mir kommen; denn ich wollte mein Leben daran sezen, daß er mit dem Kind umgekommen ist. Ihr sehet also, daß euer Rath den Willen der Götter wider sich hat - - (zum Könige.) Sorget nicht für Nachfolger; eine Krone findet allemal einen Erben. Der grosse Alexander hinterließ die seinige dem würdigsten; und so war sein Thronfolger doch der nächste auf den Besten.

Leontes.

Gute Paulina, ich liebe dich dafür, daß du Hermiones Andenken ehrest. O, hätte ich allezeit deinem Rathe gefolgt! So würde ich in diesem Augenblik an ihren Lippen hangen und glüklich seyn. - - Sagt mir nichts von einer andern Gemahlin; es giebt keine solche mehr; eine andre, die mit weniger Vorzügen eine bessere Begegnung fände, würde ihren seligen Geist bis in den himmlischen Wohnungen kränken; ihn nöthigen, auf diesem Schauplaz, wo wir ihn beleidigten, wieder zu erscheinen, und zu ruffen: Wie, nach mir? - -

Paulina.

Sie würde gerechte Ursache dazu haben.

Leontes.

Das würde sie, und sie würde mich in Wuth sezen, daß ich diejenige ermorden würde, die ich geheyrathet hätte.

Paulina.

Ich machte es so: Wär' ich der Geist, der herum gienge, ich wollt' euch befehlen ihre Augen anzusehen, und mir zu sagen, was ihr an ihr gesehen hättet, das eure Wahl rechtfertigen könnte; und dann wollt ich schreyen, daß sich eure Ohren spalten sollten, und mein leztes Wort sollte seyn: Gedenk an mich.

Leontes.

Sterne, Sterne, waren sie - - und alle andre Augen, nur todte Kohlen: Besorge du keine Gemahlin; ich will keine Gemahlin haben, Paulina.

Paulina.

Wollt ihr mir schweeren, daß ihr nicht wieder heyrathen wollt, bis ich's erlaube?

Leontes.

Niemals, Paulina; so möge dereinst mein Schatten Ruhe finden!

Paulina.

Meine Herren, ihr seyd Zeugen dieses Eides.

Cleomenes.

Ihr mißbraucht seine Weichherzigkeit.

Paulina.

Es wäre dann, daß er eine zu sehen bekäme, welche Hermionen so ähnlich wäre, als es ihr Bildniß ist.

Cleomenes.

Ich bitte euch, Madam, laßt es genug seyn.

Paulina.

Und doch, wenn Se. Majestät wieder heyrathen will, wenn ihr es wollt, Gnädigster Herr, und so wollt, daß kein anders Mittel ist; so überlaßt mir die Sorge, euch eine Gemahlin auszusuchen; sie soll nicht so jung seyn als die erste war; aber sie soll so seyn, daß wenn der Geist eurer ersten Gemahlin umgienge, er Freude daran haben sollte, euch in ihren Armen zu sehen.

Leontes.

Meine redliche Paulina, wir werden uns nicht vermählen, bis du es uns rathen wirst.

Paulina.

Das soll geschehen, wenn eure erste Gemahlin wieder athmet; eher gewiß nicht!

Zweyte Scene.

Ein Hof-Bedienter zu den Vorigen.

Hofbedienter.

Einer der sich für den Prinzen Florisell, Sohn des Königs Polixenes ausgiebt, bittet mit seiner Gemahlin, der schönsten Dame die ich jemals gesehen habe, vor Euer Majestät gelassen zu werden.

Leontes.

Wie geht das zu? Er kommt nicht, wie es der Grösse seines Vaters anständig ist; eine so überraschende Erscheinung, ohne Veranlassung, ohne Ankündigung sagt uns, daß dieses kein vorsezlicher Besuch, sondern das Werk irgend eines Zufalls und der Nothwendigkeit seyn müsse. Hat er ein Gefolge?

Hofbedienter.

Nur wenige, und dem Ansehn nach, gemeine Leute.

Leontes.

Und seine Gemahlin, sagt ihr, bey ihm?

Hofbedienter.

Ja; das schönste Geschöpf in meinen Augen, das jemals die Sonne beschienen hat.

Paulina.

O Hermione, so wie die gegenwärtige Zeit sich allemal über eine bessere, die vergangen ist, selbst zu erheben pflegt, so muß deine Grabschrift nun auch dem was man izt siehet, Plaz machen. Ihr selbst, mein Herr, ihr habt einst gesagt, und geschrieben: Sie habe nie ihres gleichen gehabt, und könne nicht ihres gleichen haben; so hoch flog einst eure Muse zum Preiß ihrer Schönheit empor; das ist ein gewaltiger Abfall, nun zu sagen, ihr hättet eine Schönere gesehen.

Hofbedienter.

Um Vergebung, Gnädige Frau; in sechszehn Jahren vergißt sich die grösseste Schönheit, die nicht mehr ist; was diese betrift von der ich rede, so beruf ich mich auf eure eignen Augen, wenn ihr sie gesehen haben werdet; es ist ein Geschöpfe, die, wenn sie eine neue Secte aufbringen wollte, den Eifer aller andern Bekenner auslöschen, und mit ihrem blossen Anblik mehr Proselyten machen würde, als andre mit aller ihrer Redekunst.

Paulina.

Proselyten? Unter diesen würden wol wenig Weibsbilder seyn?

Hofbedienter.

Warum nicht? Die Weiber müssen sie lieben, weil sie ein Weibsbild ist, das alle Männer demüthig machen kan; und die Männer, weil sie die liebenswürdigste unter allen Weibern ist.

Leontes.

Gehe, du, Cleomenes, und führe ihn zu unsrer Umarmung - - Es ist seltsam, daß er uns so unvermuthet überraschen soll!

Paulina.

Hätte unser Prinz diese Stunde gesehen, er würde mit diesem jungen Herrn ein schönes Paar gemacht haben; es war kein voller Monat zwischen ihrem Alter.

Leontes.

Ich bitte dich, nicht weiter; du weissest, daß er für mich wieder stirbt, wenn von ihm gesprochen wird: In der That, deine Reden werden machen, daß mich der Anblik dieses jungen Prinzens ganz aus der Fassung bringen wird - - Da kommen sie ja schon.

Dritte Scene.

Florisell, Perdita, Cleomenes nebst einigen Hofleuten zu den Vorigen.

Leontes.

Ihr habt keine andre Gewähr für das was ihr seyd vonnöthen, mein Prinz, als eure Gestalt und Bildung. Euers Vaters Bild ist so vollkommen in euch abgedrükt, daß ich, wenn ich erst zwanzig Jahre hätte, euch Bruder nennen, und von irgend einem wilden Streich reden würde, wie wir in euerm Alter mit einander spielten - - Seyd mir von Herzen willkommen, wie eure schöne Princessin, Göttin, hätt' ich schier gesagt - - Ach! weh mir! Ich verlohr ein Paar, das so, wie ihr liebenswürdige Zwey, zwischen Himmel und Erde gestanden, und jedes Auge mit Wunder erfüllt haben möchte; und dann verlohr ich auch (alles durch meine eigne Thorheit) die Gesellschaft, ja sogar die Freundschaft euers rechtschaffnen Vaters, welchen ich, so traurig sein Anblik für mich seyn würde, dennoch noch einmal in meinem Leben zu sehen wünschte.

Florisell.

Gnädigster Herr, es geschah auf seinen Befehl, daß ich im Vorbeyfahren die Küste von Sicilien betreten habe, um Eu. Majestät von ihm den zärtlichsten Gruß zu überbringen, den ein König seinem Bruder senden kan; hätte ihm ein Anstoß von Unpäßlichkeit, dergleichen das annähernde Alter mit sich zu bringen pflegt, nicht das gewünschte Vermögen auf einige Zeit benommen, so würde er selbst die Länder und Meere zwischen euerm Thron und dem seinigen durchgemessen haben, um euch zu sehen; den er mehr liebt, (so befahl er mir zu sagen) als alle andre Scepter und diejenige, welche sie tragen, so viel ihrer sind.

Leontes.

O mein Bruder! Edelmüthiges Herz! Noch immer blutet das meinige von dem Unrecht, das ich dir gethan habe; diese neue Probe deiner seltnen Güte beschämt und verwirrt mich, so sehr sie mich erfreut - - Seyd willkommen in Sicilien, Prinz; willkommen, wie der Frühling der Erde. Und hat er sich entschliessen können, diese unvergleichliche Princessin dem gefahrvollen, oder doch wenigstens unfreundlichen Neptun auszusezen, um einen Mann zu grüssen, der ihrer Mühe nicht werth ist; vielweniger, daß sie ihre Person seinetwegen wage?

Florisell.

Gnädigster Herr, sie kommt aus Lybien.

Leontes.

Wo der tapfre Smalus, dieser ruhmvolle Beherrscher, sich zugleich lieben und fürchten macht?

Florisell.

Königlicher Herr, von dannen; von ihm, dessen Tochter seine Thränen beym Abschied sie ankündigten; von da haben wir mit einem freundlichen Südwind hieher gekreuzt, um den Auftrag zu vollziehen, den mir mein Vater an Eu. Majestät gegeben hatte; mein bestes Gefolge hab ich von euerm Ufer nach Böhmen vorausgeschikt, um zugleich mit dem guten Erfolg meiner Reise nach Lybien, auch meine und meiner Frauen glükliche Ankunft in Sicilien anzukünden.

Leontes.

Mögen die Götter ihre besten Einflüsse auf unsre Insel herabschütten, so lange ihr euch bey uns aufhaltet. Ihr habt einen tugendhaften Vater, einen verdienstvollen Mann, gegen dessen Person so heilig als sie ist, ich gesündiget habe; Ach! der gerecht-erzürnte Himmel hat mich dafür bestraft; er hat mich meiner Kinder beraubt, und euern Vater, wie er's verdiente, mit euch gesegnet, einem Erben der seiner würdig ist. Was würd' ich gewesen seyn, hätt' ich izt einen Sohn und eine Tochter vor mir sehen können, die so liebenswürdige Geschöpfe wären wie ihr beyde!

Vierte Scene.

Ein Herr vom Hofe zu den Vorigen.

Der Herr.

Gnädigster Gebieter, was ich erzählen muß, würde keinen Glauben verdienen, wenn der Beweis nicht so unwidersprechlich wäre - - Der König von Böhmen grüsset euch in eigner Person durch mich, und ersuchet euch, seinen Sohn fest machen zu lassen, der beydes seiner Würde und seiner Pflicht vergessen, von seinem Vater, von seinen Hoffnungen heimlich weggeflohen, und das mit eines Schäfers Tochter.

Leontes.

Der König in Böhmen? Wo ist er? Redet!

Der Herr.

Hier in eurer Stadt; ich komme diesen Augenblik von ihm. Ich merke, daß ich so verwirrt rede, wie es mein Erstaunen und mein Auftrag mit sich bringen: Da er im Begriff war an euern Hof, und wie es scheint, diesem schönen Paar nachzueilen, trift er unterwegs den Vater dieser anscheinenden Dame an, und ihren Bruder, welche beyde ihr Vaterland mit diesem jungen Prinzen verlassen haben.

Florisell.

So hat Camillo mich betrogen! Er, dessen Ehre und Redlichkeit bisher jedes Wetter aushielt - -

Der Herr.

Er ist bey dem König euerm Vater.

Leontes.

Wer? Camillo?

Der Herr.

Camillo, mein gebietender Herr, ich sprach mit ihm; er hat würklich diese armen Leute im Verhör. Niemals sah ich Elende so jämmerlich zittern; sie knien, sie küssen die Erde; sie verschweeren Leib und Leben, so oft sie reden; der König verstopft sich die Ohren, und droht ihnen mit einem vielfachen Tod.

Perdita.

O, mein armer Vater! - - Der Himmel hat Spionen wider uns ausgestellt; er will nicht daß unser Bündniß vollzogen werde.

Leontes.

Seyd ihr verheyrathet?

Florisell.

Wir sind es nicht, Gnädigster Herr, und werden es auch, dem Anschein nach, sobald nicht seyn; ich sehe wol, eh werden die Sterne die Thäler küssen; die Vergleichung paßt nur allzuwol.

Leontes.

Mein Prinz, ist diese Person die Tochter eines Königs?

Florisell.

Sie ist es, wenn sie jemals meine Frau wird.

Leontes.

Euer guter Vater hat sich so sehr beschleuniget, daß dieses jemals, wie ich sehe, wol noch lange dahinten bleiben wird. Es ist mir leid, sehr leid, daß ihr euch seine Ungnade zugezogen habt - - euch von Pflichten losgebrochen habt, welche heilig seyn sollten - - und eben so leid, daß eure Wahl nicht so reich an Stand als Schönheit ist, um sie mit dem Beyfall eines Vaters und der Welt bekrönt sehen zu können.

Florisell (zu Perdita.)

Schaue auf, meine Liebe; wenn uns gleich das Glük, unsre augenscheinliche Feindin, eben so hartherzig verfolgen sollte, wie mein Vater; so hat sie doch nicht die mindeste Gewalt unsre Liebe zu verändern. Ich bitte euch, Gnädigster Herr, erinnert euch der Zeit, da ihr jung waret wie ich izt bin - - Denket an das, was euer Herz damals fähig war, und laßt diese Gedanken meine Fürsprecher seyn; auf eure Bitte würde mein Vater die kostbarsten Sachen als Kleinigkeiten hingeben.

Leontes.

Glaubte ich das, so wollt ich um eure unvergleichliche Liebste bitten, die er nur für eine Kleinigkeit ansieht.

Paulina.

Mein Gnädigster Herr, ich sehe zuviel Jugend in euern Augen; Eure Königin war, keinen Monat lang eh sie starb, mehr solche gierige Blike werth, als was ihr izt anschauet.

Leontes.

Eben an sie dacht' ich bey diesen Bliken, die ihr mir unbillig zum Verbrechen macht - - (zu Florisell.) Aber ihr habt noch keine Antwort auf eure Bitte; ich will zu euerm Vater; in so fern eure Ehre von euern Begierden nicht überwältiget wird, bin ich ein Freund von ihnen und euch; mit dieser Gesinnung geh ich ihm entgegen; folget mir, bemerket den Weg den ich neme; kommt mein lieber Prinz. (Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.

Ein Plaz nicht weit vom Hofe. Autolicus und ein Edelmann vom Hofe.

Autolicus.

Ich bitte euch, mein Herr, waret ihr selbst bey dieser Erzählung gegenwärtig?

Edelmann.

Ich war dabey, wie das Kästchen aufgemacht wurde, und hörte den alten Schäfer erzählen, wie er es gefunden habe; auf dieses folgte eine kleine Pause von stillschweigender Erstaunung, und hierauf wurde uns befohlen, das Zimmer zu verlassen: Nur däucht mich, hörte ich den Schäfer sagen, er habe das Kind gefunden.

Autolicus.

Ich bin recht begierig, den Ausgang davon zu wissen.

Edelmann.

Davon kan ich euch nichts sagen; alles was ich bemerken konnte, war, daß der König und Camillo ihr Gesicht veränderten, einander ganz erstaunt ansahen, und durch ihre stummen Blike und blosse Gebehrden verriethen, daß etwas sehr unerwartetes und wichtiges entdekt worden sey - - aber was es sey, oder ob der Inhalt freudig oder traurig sey, das hätte wol der schärfste Beobachter vom blossen Ansehen nicht errathen; und das kan auch, wenn die Freude unverhofft und auf dem äussersten Grad ist, nicht anders seyn. Ein andrer Edelmann zu den Vorigen. Hier kommt jemand, der uns vielleicht mehr von der Sache sagen kan. Was giebts Neues, Rogero?

2. Edelmann.

Nichts als Freuden-Feuer: Das Orakel ist erfüllt; des Königs Tochter ist gefunden; kurz, es haben sich in dieser einzigen Stunde wunderbare Begebenheiten entwikelt, daß die Balladen-Macher das ganze Jahr durch genug zu thun haben werden. Ein dritter Edelmann zu den Vorigen. Hier kommt der Lady Paulina Hausmeister, der wird uns mehr Umstände sagen können. Wie geht's, mein Herr? Diese Zeitung, die für wahr gegeben wird, sieht einem alten Mährchen so gleich, daß ihre Wahrheit in starken Verdacht gezogen wird; hat der König seine Erbin gefunden?

3. Edelmann.

Nichts wahrers, wenn jemals die Umstände eine Wahrheit ins Licht gesezt haben: Die Beweise stimmen so gut zusammen, daß man schweeren sollte, man sehe mit eignen Augen, was man erzählen höret. Der Mantel der Königin Hermione - - Ihr Hals-Kleinod um den Hals des Kindes - - Briefe vom Antigonus bey ihm gefunden, deren Handschrift nicht zweifeln läßt, daß Antigonus sie geschrieben - - Die majestätische Gestalt dieser Creatur - - ihre vollkommne Aehnlichkeit mit ihrer Mutter - - ein gewisser Adel in ihrer Gemüthsart, und in ihrem Betragen, in welchem die Natur über die niedrige Erziehung zu triumphieren scheint - - und viele andre Umstände beweisen es bis zur Ueberzeugung, daß sie des Königs Tochter ist. Waret ihr bey der Zusammenkunft der beyden Könige gegenwärtig?

2. Edelmann.

Nein.

3. Edelmann.

So habt ihr eine Scene verlohren, die man selbst gesehen haben muß, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Da hättet ihr sehen können wie eine Freude die andre krönte; dergestalt daß es nicht anders ließ, als ob die Traurigkeit weine, daß sie Abschied von ihnen nehmen müsse; denn ihre Freude schwamm in Thränen - - Das war ein Augen-Aufreissen, ein Hände-Drüken, ein Tumult von einander drängenden Empfindungen, wie man noch nie gesehen hat! Unser König, in eben dem Augenblik da er vor Freude über seine gefundene Tochter ausser sich selbst war, rief als ob er plözlich von einem schmerzhaften Gedanken getroffen würde: O! deine Mutter, deine Mutter! Dann bat er den König von Böhmen um Vergebung; dann umarmt' er seinen Schwieger-Sohn; dann fiel er wieder seiner Tochter um den Hals, und küßt' und drükte sie, daß sie hätte erstiken mögen. Einen Augenblik drauf dankt' er dem alten Schäfer, der in seinen ehrlichen grauen Haaren seitwärts stand, Augen und Hände aufhub, und vor Bestürzung und Freude nicht reden konnte. In meinem Leben hab' ich von keiner solchen Begebenheit gehört; alles ist zu wenig, was man davon sagen kan; wie ich euch sagte, man muß selbst dabey gewesen seyn.

2. Edelmann.

Was wurde dann, ich bitt euch, aus dem Antigonus, der das Kind von hier wegtrug?

3. Edelmann.

Das sieht wieder dem alten Mährchen so gleich, daß man es nur glauben muß, weil man sich nicht anders helfen kan; er wurde von einem Bären zerrissen; so erzählt des Schäfers Sohn, für den nicht nur seine Einfalt und Ehrlichkeit die Gewähr leistet, sondern auch noch ein Schnupf-Tuch und ein Ring, welche Paulina für ihres Gemahls seine erkennt.

1. Edelmann.

Was wurde aus seinem Schiff und aus seinen Leuten?

3. Edelmann.

Diese giengen in dem nemlichen Augenblik da ihr Herr ums Leben kam, und vor den Augen des alten Schäfers, am Strand in einem Sturm zu Grunde; so daß alle Werkzeuge welche zu der Aussezung des Kindes geholfen hatten, zu eben der Zeit verlohren giengen, da es gefunden wurde. Aber, o! den edeln Kampf zwischen Schmerz und Freude, der in Paulina's Gemüth vorgieng! Indem ihrem einten Aug eine Thräne über den Tod ihres Gemahls entfiel, erhob sich das andre über die Erfüllung des Orakels gen Himmel. Sie hob die Princessin über die Erde, und umarmte sie so inbrünstig als ob sie sie an ihr Herz anheften wollte, um nicht mehr in Gefahr zu kommen, sie zu verliehren.

1. Edelmann.

Wahrhaftig, eine Scene, welche es würdig war, lauter Könige und Prinzen zu Zuschauern zu haben!

3. Edelmann.

Einer von den schönsten Zügen unter allen, und der mir das Wasser in die Augen trieb, war, wie von dem Tode der Königin gesprochen wurde, und der König die Umstände, welche ihr das Leben gekostet, eben so aufrichtig bekannte als wehmüthig bejammerte - - wie während dieser Erzählung Aufmerksamkeit seine Tochter verwundete; bis von einem Zeichen des Schmerzens zum andern, sie mit einem Seufzer, der ihr Herz zerrissen zu haben schien - - fast möchte ich sagen Thränen blutete; denn ich bin gewiß, das meinige weinte Blut. Wer sonst Marmor war, veränderte seine Farbe; einige mußten die Augen wegwenden, alle waren tiefgerührt; wenn die ganze Welt sie in diesem Augenblik hätte sehen können, der Schmerz würde allgemein gewesen seyn.

1. Edelmann.

Sind sie wieder nach Hofe gegangen?

3. Edelmann.

Nein; die Princessin hörte von einer Statue ihrer Mutter, welche Paulina in Verwahrung hat; ein Stük, woran der grosse Meister, Julio Romano* viele Jahre gearbeitet, und welches er nur kürzlich zu Stande gebracht; dieser schöpferische Künstler, der, wenn er selbst Ewigkeit hätte und seinen Werken Athem geben könnte, die Natur um ihre Kundsame bringen würde, so vollkommen ist er ihr Affe. Sie versichern, er habe eine Hermione gemacht, welche der würklichen so sehr gleiche, daß man versucht werde, sie anzureden und auf eine Antwort zu warten. Dahin haben sie sich nun mit aller Begierigkeit der Liebe hin begeben, und dort gedenken sie, zu Nacht zu speisen.

2. Edelmann.

Ich dachte schon lange, Paulina müsse in diesem abgelegenen Hause eine besondere Angelegenheit haben; denn ich weiß, daß sie es, schon seit Hermionens Tod alle Tage zwey bis dreymal, allein und heimlich besucht hat. Wollen wir auch dahin, und die Zuschauer dieses frohen Auftritts vermehren helfen?

1. Edelmann.

Wer wollte wegbleiben, der das Recht des Zutritts hat? Jeder Augenblik muß einen neuen angenehmen Umstand gebähren, den wir verliehren indem wir hier verziehen. Kommt, wir wollen gehen. (Sie gehen ab.)

Autolicus (allein.)

Nun könnte ich mir auf eine hübsche Beförderung Rechnung machen, wenn mir die Schande meines vorigen Lebens nicht im Licht stühnde. Ich brachte den alten Mann und seinen Sohn zum Prinzen an Bord; sagte ihm, ich hätte sie von einem Kistchen reden hören, und ich wisse nicht was; aber damals ließ ihm die übermäßige Liebe zu seiner vermeynten Schäfers-Tochter, welche sehr Seekrank zu werden anfieng, keine Zeit, darauf acht zu geben, und das Geheimniß blieb unentdekt. Aber das ist mir all eins; denn wenn ich selbst der Ausfindig-Macher dieses Geheimnisses gewesen wäre, so würd' ich, in dem feinen Ruf worinn ich stehe, wenig Vortheil davon gezogen haben - - Aber da kommen sie ja, denen ich wider meine Absicht gutes gethan habe - - schon ganz in den Schimmer ihres neu aufgeblühten Glüks gekleidet. * Wie Herr Warbürton vermuthet, wollte der Poet Michael Angelo schreiben. Im übrigen ist, ausser dem seltsamen Anachronismus, diese Stelle als eines von den schönsten Exempelchen von Unsinn, die in unserm ganzen Autor vorkommen, zu bemerken.

Sechste Scene.

Der Schäfer, und Hans, sein Sohn, treten auf.

Schäfer.

Komm, Junge; ich kan nun keine Kinder mehr haben; aber deine Söhne und Töchter werden alle hochedelgebohren seyn.

Hans (zu Autolicus.)

Ha, wir treffen einander eben recht an; ihr wolltet euch dieser Tagen nicht mit mir schlagen, weil ich nicht edelgebohren sey: Seht ihr diese Kleider? Sagt, ihr seht sie nicht, wenn ihr noch immer fort denkt, ich sey nicht hochedelgebohren. Ihr möchtet eben so wohl sagen, diese Kleider seyen nicht hochedelgebohren. Heißt mich lügen; thut es, und probiert ob ich izt nicht hochedelgebohren bin.

Autolicus.

Ich weiß es ganz wohl, Herr, daß ihr izt hochedelgebohren seyd.

Hans.

Ja, und das bin ich diese vier Stunden immer gewesen.

Schäfer.

Und ich auch, Junge.

Hans.

Und ihr auch; aber ich war noch vor meinem Vater hochedelgebohren; denn des Königs Sohn nahm mich bey der Hand, und nannte mich Bruder; und dann nannten die zween Könige meinen Vater, Bruder, und dann nannte der Prinz mich, mein Bruder, und die Princessin meine Schwester, meinen Vater, Vater, und da weinten wir zusammen, und das waren die ersten hochadelichen Thränen, die wir jemals vergossen haben.

Schäfer.

Ich hoff' es zu erleben, Sohn, daß wir noch andre vergiessen.

Autolicus (zu Hans.)

Gnädiger Herr, ich bitte euch unterthänigst mir alle die Fehler zu verzeihen, die ich gegen Euer Gnaden begangen habe, und mir euer gutes Vorwort bey dem Prinzen, meinem Herren, zu verleihen.

Schäfer.

Ich bitte dich, Sohn, thu's; wir müssen gnädig seyn, weil wir nun Gnädige Herren sind.

Hans.

Du willt also dein Leben bessern?

Autolicus.

Ja, wenn es Eu. Gnaden erlauben will.

Hans.

Gieb mir die Hand drauf; ich will dem Prinzen schwören, daß du ein so ehrlicher Kerl seyest, als irgend einer in Böhmen lebt.

Schäfer.

Sagen kanst du's wohl, aber nicht schweeren.

Hans.

Nicht schweeren, und bin nun ein Edelmann? Bauren und gemeines Volk mögen es sagen; ich will es beschweeren, ich.

Schäfer.

Aber, wenn es nun nicht wahr ist, Sohn?

Hans.

Es mag noch einmal so viel nicht wahr seyn, so kan ein wahrer Edelmann seinem Freunde zu gefallen, drauf schweeren: Ich will dem Prinzen schweeren, daß du ein plumper Kerl mit deinen Händen seyst, und daß du dich nie betrinken werdest; und doch weiß ich, daß du kein plumper Kerl mit deinen Händen bist, und daß du dich betrinken wirst; aber ich will drauf schweeren, und ich wollte du wärst ein plumper Kerl mit deinen Händen.

Autolicus.

Ich will es werden, Gnädiger Herr, nach äusserstem Vermögen.

Hans.

Thu' das, und wende alles dazu an; wenn ich mich nicht wundre, wie du das Herz hast dich zu betrinken, da du kein plumper Kerl bist, so glaube mir nichts mehr. Aber horcht, die Könige und die Prinzen unsre Vettern kommen, und gehen nun der Königin ihr Bildniß zu sehen. Komm geh mit uns: Wir wollen deine gute Herren seyn. (Sie gehen ab.)

Siebende Scene.

Verwandelt sich in Paulinas Haus. Leontes, Polixenes, Florisell, Perdita, Camillo, Paulina, verschiedene Herren vom Hofe, und Gefolge, treten auf.

Leontes.

O weise und gute Paulina, wie oft bist du mir zum Troste gewesen!

Paulina.

Mein Gnädigster Gebieter, was ich nicht recht that, das meynte ich doch gut; ihr habt mich für alle meine Dienste überflüssig bezahlt. Aber daß Eure Majestät mit dem Könige, ihrem Bruder, und diesen verlobten Erben beyder Kronen, gekommen ist, mein armes Haus zu besuchen; diß ist ein Uebermaaß von Gnade, welche zu verdienen mein übriges Leben nicht zureichen kan.

Leontes.

O Paulina, die Ehre, die wir euch erweisen ist Unruh; - - Aber, wir kamen um die Bildsäule unsrer Königin zu sehen. Eure Galerie haben wir durchgegangen, und mit vielem Vergnügen über manche seltne Stüke; aber das, was meine Tochter so sehnlich zu sehen verlangt, sahen wir nicht - - das Bild ihrer Mutter.

Paulina.

So wie sie im Leben unvergleichlich war, so übertrift auch ihr todtes Ebenbild, wie ich mit Recht glaube, alles was ihr jemals gesehen habt, oder eines Menschen Hand jemals gemacht hat; deßwegen bewahr' ich es auch mit mehr als gewöhnlicher Zuneigung auf. Aber hier ist es: Bereitet euch vor, das Leben so lebhaft vorgestellt zu sehen, als jemals der Schlaf den Tod vorgestellt hat. (Paulina zieht einen Vorhang und entdekt Hermione, gleich einer Bildsäule auf einem Fußgestelle stehend.) Euer Schweigen gefällt mir; es beweist euere Erstaunung nur desto besser - - Aber sagt mir nun, ihr zuerst, mein Gebietender Herr, kommt es nicht ziemlich nahe?

Leontes.

Ihre natürliche Stellung! - - O mache mir keine Vorwürfe, theurer Stein! damit ich in der That sagen kan, du seyst Hermione; denn sie war so zärtlich als Kindheit und Unschuld - - Aber, Paulina - - Hermione hatte nicht so viele Falten, war bey weitem nicht so alt, wie diß scheint.

Polixenes.

O, wahrhaftig nicht!

Paulina.

Desto grösser ist die Geschiklichkeit unsers Künstlers, der sechszehn Jahre überspringt, und sie so macht, als lebte sie izt.

Leontes.

Wie sie denn auch gelebt hätte, ach! so sehr zu meinem Trost, als dieser Anblik izt mein Herz durchbort. O! so stuhnd sie; mit dieser lebenden Majestät (warmes Leben, wie sie izt kalt steht) als ich zum erstenmal um ihre Liebe bat - - Ich schäme mich - - wirft mir dieser Stein nicht vor, daß ich mehr Stein sey, als er selbst? O Königliches Stüke! Es ist Zauberey in deiner Majestät, die meine Uebelthaten wieder in mein Gedächtniß gezaubert, und meiner bewundernden Tochter die Lebensgeister geraubt hat, daß sie, wie selbst versteinert, neben dir steht.

Perdita.

Erlaubet mir, und saget nicht, es sey Aberglauben, daß ich niederknien und um ihren Segen bitte - - Theure Königin, Theure Mutter, welche aufhörte, da ich kaum begann, gebt mir diese eure Hand zu küssen - -

Paulina.

O, Geduld; - - die Statue ist ganz neu aufgerichtet, die Farben sind noch nicht troken.

Camillo (zu Leontes.)

Gnädigster Herr, euer Schmerz ist zu dicht aufgetragen, da sechszehn Winter ihn nicht wegblasen, und sechszehn Sommer nicht auftroknen konnten; kaum lebte jemals ein Vergnügen so lange; und eines jeden andern Schmerz würde sich in so viel Zeit selbst aufgerieben haben.

Polixenes.

Mein theurer Bruder, gestattet dem, der die Ursache von allem diesem war, soviel Vermögen, euch soviel Schmerz abzunehmen, als er für seinen eignen Theil fühlt.

Paulina.

In der That, wenn ich gedacht hätte, der Anblik meines armen Bildes würde diese Würkung auf euch thun, so würd' ich's euch nicht haben sehen lassen.

Leontes.

O, zieht den Vorhang nicht.

Paulina.

Ich laß euch nicht länger so stehn und es anstarren; eure Einbildung könnt' euch sonst zulezt gar bereden, es rege sich.

Leontes.

Laß es seyn, laß es seyn; ich wollt ich wäre todt, wenn mir nicht izt schon so wäre - - Aber wer war der, der es machte? Sehet her, mein Herr; würdet ihr nicht meynen, es athme? und daß in diesen Adern würkliches Blut sey?

Polixenes.

Es ist meisterlich gemacht! wahres Leben scheint ihre Lippen zu erwärmen.

Leontes.

Es ist Regung in ihren Augen. Ists möglich daß die Kunst so weit gehen kan?

Paulina.

Ich muß den Vorhang ziehen, der König ist so sehr entzükt, daß er bald denken wird es lebe.

Leontes.

O liebe Paulina, mache mich das zwanzig Jahre in einem fort denken: Alle Vernunft in der Welt kan mir das Vergnügen dieses Wahnsinns nicht ersezen. Laß es wie es ist.

Paulina.

Es ist mir leid, Gnädigster Herr, daß ich euch zu einer so grossen Bewegung Anlaß gegeben habe; aber ich könnt euch noch mehr betrüben.

Leontes.

Thu es, Paulina; denn diese Traurigkeit hat etwas herzerquikendes in sich. Mich dünkt immer, es athme etwas von ihr gegen mich her. Welcher Meissel konnte jemals Athem heraus graben? Spotte niemand über mich, aber ich muß sie küssen.

Paulina.

Thut es nicht, Gnädigster Herr; die Röthe auf ihren Lippen ist noch naß; ihr würdet sie verderben, wenn ihr sie küßtet; und eure eignen mit Oel-Farbe befleken; soll ich den Vorhang ziehen?

Leontes.

Nein, nicht in den nächsten zwanzig Jahren.

Perdita.

So lange könnt ich dastehn, und es in Einem fort anschauen.

Paulina.

Entweder entfernt euch von der Nische, oder entschließt euch noch mehr zu erstaunen; wenn ihr es sehen könnt, so will ich machen, daß die Statue sich bewegen soll, in der That; sie soll herunter steigen, und euch bey der Hand nehmen; aber dann werdet ihr denken, ich thue es mit Hülfe böser Geister, und ich schwöre euch, daß es nicht ist.

Leontes.

Ich bin bereit alles zu sehen was ihr sie thun, und alles zu hören, was ihr sie reden machen könnet; denn es ist eben so leicht zu machen, daß sie rede, als daß sie sich bewege.

Paulina.

Es wird erfordert, daß ihr allem euerm Glauben aufbietet; nur dann, so stehet alle still; und diejenige, welche denken, daß es nicht richtig damit zugehe, mögen sich wegbegeben.

Leontes.

Machet fort; kein Fuß soll sich regen.

Paulina.

Musik; erweke sie: erschalle: (Man hört Musik.) Es ist Zeit; steiget herab; seyd nicht mehr Stein; nähert euch und rühret alle die euch ansehen, mit Erstaunen. Kommt; ich will euer Grab einnehmen; nun, so kommt doch; vermachst dem Tod euere Unbeweglichkeit - - ihr seht, sie regt sich; (Hermione steigt herab.) Entsezet euch nicht; ihre Handlungen sollen so heilig seyn, als meine Zauberey erlaubt ist; weichet nicht vor ihr zurük - - nein, gebt ihr die Hand; wie sie jung war, mußtet ihr euch um ihre Gunst bemühen; nun da sie alt ist, muß sie um die eurige buhlen - -

Leontes (Indem er sie umarmt.)

O, sie ist warm; wenn das Zauberey ist, so laßt zaubern eine so erlaubte Kunst seyn als essen.

Polixenes.

Sie umarmt ihn.

Camillo.

Sie hängt sich an seinen Hals; wenn sie Leben in sich hat, so laßt sie auch reden.

Polixenes.

Und uns sagen, wo sie gelebt habe, oder wie sie sich aus dem Reiche der Todten weggestohlen?

Paulina.

Wenn man's euch nur sagte, daß sie lebt, so würdet ihr's wie ein altes Mährchen auszischen; aber ihr sehet daß sie lebt, ob sie gleich nicht spricht - - Noch eine kleine Geduld - - Gefällt es euch, schöne Prinzessin, so kommt näher, kniet nieder, und bittet eure Mutter um ihren Segen - - Wendet euch um, meine gnädigste Frau, unsre Perdita ist gefunden. (Sie stellt ihr Perdita vor, die sich vor Hermione auf die Knie wirft.)

Hermione.

Ihr Götter, schaut herab, und schüttet eure besten Segnungen alle auf meiner Tochter Haupt; sage mir, meine Eigne, wo bist du erhalten worden? Wo hast du gelebt? Wie hast du deines Vaters Hof gefunden? Denn du wirst hören, daß ich, von Paulinen versichert, das Orakel gebe Hoffnung daß du noch lebest, mich selbst aufgesparet habe, um diesen Ausgang noch zu sehen.

Paulina.

Zu allem diesem habt ihr nun Zeit genug; geht nun mit einander, ihr erlauchten Glüklichen alle, und theilet eines dem andern sein Entzüken mit; ich alte Turtel-Daube will auf irgend einen verwelkten Ast fliegen, und dort meinen Gatten, der nicht wieder gefunden werden kan, betrauren, bis ich selbst nicht mehr bin.

Leontes.

O, stille, Paulina; hast du mir wieder eine Gemahlin gegeben, so must du auch einen Mann von meiner Hand annehmen. Das ist etwas ausgemachtes zwischen uns und durch Gelübde bekräftiget. Du hast meine Hermione gefunden; wie, begreiffe ich noch nicht; denn ich glaubte, ich sehe sie todt; und habe, glüklicher Weise vergebens, manches Gebet auf ihrem Grabe gethan. Ich will nicht weit suchen, um einen Gemahl für dich zu finden, dessen Achtung für dich mir schon bekannt ist. Kommt, Camillo, und nehmt ihre Hand; ihr, dessen Werth und Rechtschaffenheit sich so vielfältig bewährt hat, und hier von zween Königen bezeugt wird - - Verlassen wir diesen Ort - - wie? Sehet meinen Bruder an: Vergebet mir, vergebet mir beyde, daß ich jemals fähig war, eure tugendhaften Blike durch bösen Argwohn zu trennen: Dieß ist euer Schwieger-Sohn, und der Sohn des Königs - - der durch eine wunderbare Fügung des Himmels mit eurer Tochter verbunden worden ist - - Gute Paulina, führe uns von hinnen, an einen Ort, wo wir einander mit mehr Bequemlichkeit über die Rolle fragen und antworten können, welche jedes in diesem langen Zeitraum, seit dem wir getrennt wurden, gespielt hat. Hurtig führt uns von hier. (Sie gehen ab.)


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