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Shakespeare: Das Winter-Mährchen

Inhalt

Erster Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.]

Zweyter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.]

Dritter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Vierter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.] [Achte Scene.] [Neunte Scene.]

Fünfter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Vierter Aufzug.

Erste Scene.

Der Königliche Hof in Böhmen. Polixenes und Camillo treten auf.

Polixenes.

Ich bitte dich, guter Camillo, laß von mir ab; es ist mir schmerzlich dir irgend etwas abzuschlagen, aber dieses zu bewilligen, wäre gar der Tod.

Camillo.

Es ist nun bereits fünfzehn Jahre seit ich mein Vaterland zum leztenmal gesehen habe; und ob ich gleich den grössesten Theil meines Lebens ausser demselben zugebracht, so wünsch ich doch, daß meine Gebeine dort liegen möchten. Ueberdieß hat der bußfertige König, mein Herr, nach mir gesendet; vielleicht kan ich ihm in seinem kummervollen Zustand zu einigem Troste dienen; wenigstens bild ich mir's so ein, und das ist ein neuer Antrieb zu meiner Abreise.

Polixenes.

Wenn du noch einige Liebe für mich hast, Camillo, so zernichte nicht alle deine mir bisher geleistete Dienste, indem du mich izt verlässest; schreib' es deiner eignen Güte zu, daß ich dich nicht mehr entbehren kan: Es wäre mir besser, dich nie gehabt zu haben, als künftig ohne dich zu seyn. Du hast mir Geschäfte gemacht, die niemand als du, zu Stande bringen kan; gehen und das Angefangene unvollendet lassen, das würde alle Verdienste auslöschen, die du dir dabey um mich gemacht hast. Bin ich dafür nicht erkenntlich genug gewesen, (wie ich es denn nie genug seyn kan,) so will ich beflissen seyn, meine Dankbarkeit besser zu beweisen - - Nur sage mir, ich bitte dich, nichts mehr von diesem fatalen Sicilien - - Der blosse Name davon martert mich mit der Erinnerung an diesen bußfertigen König, wie du ihn nennest, an dessen noch immer blutenden Schmerz über den Verlust seiner Gemahlin und seiner Kinder ich nun gedoppelten Antheil nehme, seitdem uns unsre Aussöhnung wieder zu Brüdern gemacht hat - - Sage mir, wie lang' ist es, seit du den Prinzen Florisell meinen Sohn gesehen hast? Könige sind nicht unglüklicher, wenn sie übelgerathene Kinder haben, als sie es durch die Furcht sind, liebenswürdige zu verliehren.

Camillo.

Gnädigster Herr, es sind drey Tage seitdem ich den Prinzen sah; was für angenehme Angelegenheiten er haben mag, ist mir unbekannt; aber ich vermisse ihn so ungern, daß ich nothwendig habe wahrnehmen müssen, daß er sich seit einiger Zeit öfters von Hof entfernt, und seinen fürstlichen Uebungen nicht mehr mit dem vorigen Eifer obliegt.

Polixenes.

Das hab' ich auch wahrgenommen, Camillo, und es hat mir wichtig genug geschienen, seine Abwesenheiten durch wachsame Augen beobachten zu lassen. Ich habe durch dieses Mittel erfahren, daß er seine meiste Zeit in dem Hause eines gewissen Schäfers zubringe, eines einfältigen, gemeinen Landmanns, der, wie sie sagen, von nichts, und auf eine seinen Nachbarn unbegreifliche Weise, zu einem unsäglichen Reichthum angewachsen sey.

Camillo.

Ich habe von einem solchen Mann gehört, Sire, der eine wunderschöne Tochter haben soll; man sagt so viel ausserordentliches von ihr, daß es unbegreiflich ist, wie sie das alles in einer Bauer-Hütte habe werden können.

Polixenes.

Auch diß ist mir gesagt worden, und ich fürchte das sey der Angel, der meinen Sohn dahin zieht. Ich habe mir vorgesezt, mich in einer schiklichen Verkleidung selbst dahin zu verfügen, und du sollst mich begleiten; ich will mich mit dem Schäfer in Unterredung einlassen; ich denke, daß seine Einfalt mir leicht machen soll, die Ursache warum mein Sohn sich so viel bey ihm aufhält, heraus zu bringen - - Ich bitte dich, theile dieses Geschäfte mit mir, und leg indessen die Gedanken an Sicilien auf die Seite.

Camillo.

Ich bin gänzlich zu euern Diensten.

Polixenes.

Mein bester Camillo! - - Komm, wir müssen uns verkleiden. (Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.

Florisell und Perdita treten auf.

Florisell.

Wie reizend seyd ihr in diesem ungewöhnlichen Puz! Keine Schäferin, sondern Flora selbst, mitten unter dem schimmernden Gefolge des Frühlings! - - Für andre mag dieß unser Fest eine Schaf-Schur heissen; in meinen Augen ist es eine Zusammenkunft der Liebes-Götter, um euch, ihrer Königin, zu huldigen.

Perdita.

Mein gnädigster Herr, eure Ausschweiffungen zu tadeln, kommt mir nicht zu: O verzeihet, daß ich ihnen diesen Namen geben muß - - aber wie soll ich es anders nennen - - euer hohes Selbst, den grossen Erben dieses Reichs habt ihr durch eine Schäfer-Kleidung verdunkelt; und mich armes schlechtes Mädchen wie eine Göttin herausgepuzt. Glaubet mir, wenn unsre Leute nicht gewohnt wären, bey einem solchen Fest allerley kurzweilige Thorheiten zu sehen, ich würde erröthen, wenn ich euch in diesem Aufzug ansähe; versichert, ich denk' ich schaue in einen Spiegel der mir zeigt, wie niedrig ich bin, da ihr euch so weit herablassen müsset, um mir gleich zu werden.

Florisell.

Gesegnet sey die Stunde, da mein guter Falke seinen Flug über deines Vaters Matten nahm.

Perdita.

Nun, der Himmel mög euch Ursache geben diese Stunde zu segnen! Mich macht diese Verwandlung zittern; wenn ihr gleich zu groß seyd, um zu wissen was Furcht ist - - Eben in diesem Augenblik zittre ich vor dem Gedanken, daß irgend ein Zufall euern Vater so gut als euch hieher führen könnte: Gütiger Himmel! Was würde er für Augen machen, seinen Prinzen, auf den er stolz seyn müßte, so unanständig verkleidet zu sehen! Was würde er sagen! Oder wie könnte ich in diesem geborgten fluttrichten Aufzug das Herz haben, die Strenge seines Anbliks auszuhalten?

Florisell.

Weg mit diesen Grillen, meine Schöne; bilde dir nichts als Scherze und Frölichkeit ein: Die Götter selbst haben sich nicht geschämt, wenn es die Liebe wollte, ihre Gottheiten in thierische Gestalten zu verbergen. Jupiter brüllte als Stier; Neptunus blökte als Schafbok; und der goldne Apollo wurde ein armer gemeiner Schäfer, wie ich izt zu seyn scheine. Keiner unter ihnen allen konnte seine Verwandlung mit einer so schönen Ursache rechtfertigen; keiner liebte mit einer so reinen, so tugendhaften Liebe - - Meine Absichten - -

Perdita.

Ach, was vermögen diese Absichten gegen den unwiderstehlichen Willen des Königs? Denn daß er sie billigen könnte, ist unmöglich - - Was wird die Folge davon seyn? - - Eines von diesen beyden unfehlbar - - entweder ihr werdet aufhören zu lieben, oder ich zu leben - -

Florisell.

Allerliebste Perdita, ich bitte dich, verfinstre die Frölichkeit unsers Fests nicht mit diesen selbstgemachten Schrekbildern; entweder will ich dein seyn, meine Schönste, oder mein Vater hat keinen Sohn. Denn ich müßte nur aufhören ich selbst zu seyn, wenn ich nicht dein seyn sollte. Das ist eine ausgemachte unabänderliche Sache, wenn gleich das Schiksal selbst Nein dazu sagen wollte. Sey aufgeräumt, meine Liebe! Erstike solche Gedanken, denk' eher an alles andre - - Unsre Gäste kommen schon - - Zeig ihnen ein fröliches Gesicht; bilde dir ein daß dieser Tag der Hochzeit-Tag sey, den wir beyde einander zugeschworen haben, daß er kommen soll.

Perdita.

O Dame Fortuna, sieh uns mit günstigen Augen an!

Dritte Scene.

Der Schäfer, Hans sein Sohn, Mopsa, Dorcas, Bediente, und mit ihnen Polixenes und Camillus, verkleidet, treten auf.

Florisell.

Seht, unsre Gäste! Heisset sie willkommen; muntert sie durch eure eigne Frölichkeit zur Freude auf - - Dieser Tag soll der Freude heilig seyn!

Schäfer.

Nun wie, Tochter - - warum so stille? Mein altes Weib, tröste sie Gott! die machte es ganz anders; die war an einem solchen Tag Haushälterin, Kellerin, Köchin, Frau und Magd, alles in Eigner Person; sie bewillkommte jedermann; sie bediente jedermann; sie sang, wenn der Reyhen an sie kam, ihr Lied, und tanzte ihren Tanz; bald war sie zu oberst am Tisch, bald in der Mitte; hieng izt um dessen Schulter, izt um dessen; ihr Gesicht war lauter Feuer, so viel hatte sie zu thun, und wenn sie endlich löschen mußte, so gieng sie mit ihrem Glas von einem zum andern, und nippte auf seine Gesundheit - - Aber du, du stehst ja bey Seite als ob du nicht dazu gehörtest, oder als ob du ein Gast und nicht die Wirthin wärest - - ich bitte dich, heisse diese unbekannte gute Freunde willkommen; das giebt gleich Gelegenheit besser mit einander bekannt zu werden. Komm, thu nicht so verschämt, zeige daß du Hauswirthin bey unserm Gastmahl bist. Komm und heiß uns willkommen zu deiner Schaf-Schur, so lieb es dir ist, daß deine gute Heerde gedeyhe.

Perdita zu Polixenes und Camillo:

Meine Herren, seyd willkommen, weil es doch meines Vaters Wille ist, daß ich heute die Wirthin vorstellen soll; ihr seyd willkommen, ihr Herren - - Gieb mir die Blumen dort, Dorcas - - Ehrwürdige Herren, dieser Rosmarin und diese Rauten sind für euch, sie behalten Farbe und Geruch den ganzen Winter durch; behaltet sie zu unserm Andenken, und seyd nochmals willkommen zu unserm Fest.

Polixenes.

Schöne Schäferin, ihr denkt, Winterblumen schiken sich am besten für alte Männer wie wir sind.

Perdita.

Herr, wenn das Jahr anfängt zu altern, um die Zeit wenn der Sommer noch nicht todt, und der Winter noch nicht gebohren ist, sind die schönsten Blumen der Jahrszeit unsre Nelken und unsre gestriemten Sommer-Violen, die von einigen die unächten Kinder der Natur genannt werden; an dergleichen Blumen ist unser bäurischer Garten unfruchtbar, und ich bekümmre mich nichts darum, Sezlinge davon zu bekommen.

Polixenes.

Warum verachtet ihr sie so, holdseliges Mädchen?

Perdita.

Weil ich sagen gehört habe, daß diese Blumen ihre bunte Farben der Kunst zu danken haben; und ich liebe die Kunst nicht, welche die Natur verschönern will.

Polixenes.

Gesezt, es gebe eine solche Kunst, so ist es doch allemal die Natur selbst, welche dasjenige macht wodurch sie verschönert wird; ihr seht, holdes Mädchen, wir vermählen einen edlen Zweig mit dem wildesten Stamme, und befruchten einen Baum von schlechterer Art durch die Knospe von einer edlern: Dieß ist Kunst, welche die Natur verbessert, ja so gar verwandelt, und doch ist diese Kunst nichts anders, als die Natur selbst.

Perdita.

So ist es.

Polixenes.

Bereichert also künftig euern Garten mit Sommer-Violen, und nennet sie nicht mehr unächte Kinder der Natur.

Perdita.

Das werd ich alsdann thun, wenn es mir einfallen wird, mich zu mahlen, und dann zu wünschen, daß dieser junge Mensch mich so gemahlt schöner finden möge, als in meiner eignen Farbe - - Hier sind Blumen für euch; Lavendel, Münze, Salvey, Majoran, Ringel-Blumen, die mit der Sonne zu Bette gehen, und weinend mit ihr aufstehen: Das sind Sommer-Blumen, und ich denke, sie schiken sich für Männer von mittlerm Alter - - Ihr seyd von Herzen willkommen.

Camillo.

Wenn ich einer von eurer Heerde wäre, ich würde das Grasen vergessen, und vom blossen Anschauen leben.

Perdita.

Geht, geht; ihr würdet so mager werden, daß euch ein Winter-Sturm durch und durch blasen würde - - Und nun, meine angenehmste Freundin, wollte ich, ich hätte Frühlings-Blumen, die sich für die schöne Jahrszeit euers Lebens schikten, und für euch, deren jüngfräuliche Blühte sich kaum zu öfnen angefangen - - O Proserpina, wer izt die Blumen hätte, die du vor Schreken von Plutons Wagen fallen liessest! Asphodil-Blumen, welche den Schwalben selbst zuvorkommen, und die Merzen-Winde durch ihre Schönheit fesseln; Veylchen, dunkel, aber anmuthiger als die Lider an Junons Augen und Cytherea's Athem; blasse Primuln, welche unvermählt sterben, eh sie den schimmernden Phöbus in seiner Stärke anschauen können; goldne Schonkiljen, Kayser-Kronen, und Lilien von allen Arten - - Diese möchte ich haben, um euch Kränze daraus zu winden, und dich, mein holder Freund, dich über und über damit zu bestreuen.

Florisell.

Was? Wie eine Leiche?

Perdita.

Nein, wie eine Bank, wo die Liebe ligen und spielen soll, nicht wie eine Leiche; oder (wenn ihr ja dieses Bild wollt) nicht anders begraben zu werden als lebendig, und in meinen Armen. Kommt, nehmt eure Blumen; es ist mir, ich spiele eine Rolle, wie ich in Pfingst-Schäfer-Spielen gesehen habe: Gewiß, dieser seltsame Anzug hat mir den Kopf verrükt - -

Florisell.

Alles was ihr thut ist unverbesserlich, meine Angenehmste. Wenn ihr redet, so möchte ich, daß ihr immer reden müßtet; singt ihr, so wollt' ich daß ihr alles was ihr den ganzen Tag zu sagen und zu verrichten habt, so gar euer Gebet, singen möchtet; tanzt ihr, so wünscht' ich, ihr wäret eine Welle auf dem Meer, damit ihr ewig nichts anders thätet, euch immer bewegen möchtet, immer so, ohne jemals aufzuhören. So ist es mit allem was ihr thut; jede eurer Handlungen ist, allein betrachtet, so vollkommen, als sich denken läßt, und erhält nichts desto weniger einen neuen Reiz von den übrigen; eine krönt die andre, und so sind alle Königinnen.

Perdita.

O, Dorikles! Euer Lob geht zu weit; würde nicht eure Jugend, und das unverfälschte Blut, das so schön aus ihr hervorscheint, die Gewähr leisten, daß ihr ein echter aufrichtiger Schäfer seyd, so müßt ich mit Recht besorgen, mein lieber Dorikles, ihr suchet mich durch eure Schmeicheleyen nur zu berüken.

Florisell.

Ich denke, ihr habt so wenig Ursache, das zu besorgen, als ich Willen habe, euch Ursache dazu zu geben. Aber, kommt; unsern Tanz, ich bitte euch; eure Hand, meine Perdita; so paaren sich Turtel-Dauben, die sich niemals wieder zu scheiden gedenken.

Perdita.

Ich wollte für sie schweeren können.

Polixenes zu Camillo.

Das ist das artigste Mädchen von ihrem Stande, das jemals über die grüne Flur weggeflogen ist; ihre Mine, ihre Gebehrden, ihr ganzes Wesen hat etwas das über ihren Stand hinausgeht, und zu edel für eine solche Dirne ist.

Camillo.

Eben sagt er ihr was, wovon sie über und über roth wird: In ganzem Ernst; sie ist die Königin aller Milch-Mädchen, und Käß-Nymphen in der Welt.

Hans.

Nun, lustig, ihr Musicanten, macht auf - -

Dorcas.

Mopsa muß deine Liebste seyn; (bey Seite) aber iß erst Knoblauch, damit dir ihre Küsse nichts schaden.

Mopsa.

Gut, ich bins zufrieden.

Hans.

Kein Wort mehr; wir sind nun alle Paar und Paar - - Hey da, macht auf - - Ein Tanz von Schäfern und Schäferinnen.

Polixenes zum alten Schäfer.

Ich bitte dich, guter Schäfer, wer ist der schöne junge Hirt, der mit deiner Tochter tanzt?

Schäfer.

Sie nennen ihn Dorikles, und er rühmt sich daß er von guter Herkunft sey; ich hab' es aus seinem eignen Mund, und ich glaub' es ihm; er sieht einem ehrlichen Menschen gleich; er sagt, meine Tochter gefall' ihm, und ich glaub' es auch: Denn er sieht in sie hinein, wie der Mond in ein Wasser, und steht da, und gukt ihr in die Augen, als ob er was lesen wolle, das darinn geschrieben stehe; und wenn ich euch aufrichtig reden soll, ich glaube, der Unterscheid beträgt keinen halben Kuß, welches von beyden das andre lieber habe.

Polixenes.

Sie tanzt artig.

Schäfer.

Sie kan alles, wenn ich es schon nicht selbst sagen sollte; wenn sie der junge Dorikles überkommt, so kriegt er was mit ihr, wovon er sich wol nichts träumen läßt.

Vierte Scene.

Ein Knecht vom Hause tritt auf.

Knecht.

O Herr, wenn ihr nur den Hausirer vor der Thür hörtet, ihr würdet in euerm Leben mehr nach keiner Schellen-Trummel tanzen: Nein, der Dudelsak selbst könnt' euch nicht von der Stelle bringen; er singt euch eine Menge Töne, geschwinder als ihr Geld zählen könnet; es geht ihm vom Munde weg, als ob er lauter Balladen im Magen hätte; alle Leute laufen ihm nach, und können sich nicht satt an seinen Liedern hören.

Hans.

Er hätte nie gelegner kommen können; er soll herein kommen; ich bin ein gar zu grosser Liebhaber von Balladen, wenn die Historie recht erbärmlich ist, und die Melodie fein lustig geht; oder auch etwas recht lustiges aber nach einer kläglichen Weise.

Knecht.

Er hat Lieder für Manns- und Weibs-Bilder, lang und kurz, wie man's haben will; kein Krämer kan seine Kundsleute besser mit Hand-Schuhen versehen; er hat die artigsten Liebes-Lieder für junge Mädel, und so züchtig, alles so verblümt gegeben, daß ihr euch wundern werdet; wo ein andrer unverschämter Bursche die grosse Gloke anziehen würde, da läßt er das Mädel sagen - - Hi, sachte, du wirst mir doch kein Leid thun wollen, guter Freund - - und damit ist er abgewiesen.

Polixenes.

Der Bursche gefällt mir.

Hans.

Du kanst mir's glauben, der Mann muß Grüze im Kopfe haben; hat er auch hübsche Galanterie-Waaren?

Knecht.

Er hat Bänder von allen Farben im Regenbogen; Spizen; mehr als alle Advocaten in ganz Böhmen zu ihrem Handwerk verbrauchen könnten, wenn sie gleich Regimenterweise zu ihm kämen; Halstücher, Krausen, Nesseltuch, Leinwand; beym Wetter! er singt euch seine Sachen nach einander herunter, als ob es lauter Götter und Göttinnen wären - -

Hans Wurst.

Ich bitte dich, bring ihn herein; aber er muß singend hereinkommen.

Perdita.

Aber verbietet ihm, daß er keine unartige Worte in seinen Liedern gebrauche.

Hans Wurst.

Es giebt unter diesen Hausierern Leute die mehr hinter den Ohren haben als ihr euch einbildet, Schwester.

Perdita.

Oder als ich jemals Lust haben werde mir einzubilden. Autolicus kommt herein, und trägt singend alle seine Galanterie-Waaren an. Mopsa zieht ihren Liebhaber, Hans, auf, daß er ihr Bänder und parfümirte Handschuh kauffen solle; dieser entschuldigt sich damit, daß ihm sein Geld gestohlen worden sey, und erbietet sich endlich ihr Lieder zu kauffen.

Hans Wurst.

Was hast du hier? Lieder?

Mopsa.

Nun, kauffe etliche, ich bitte dich; ich liebe ein gedruktes Lied, wie mein Leben; denn so weiß man doch auch gewiß, daß sie wahr sind.

Autolicus.

Hier ist eins, das nach einer überaus kläglichen Weise geht, wie eines Wucherers Frau auf einmal mit zwanzig Geld-Säken ins Kindbette gekommen; und wie sie einen Gelust gehabt, Schlangen-Köpfe und geröstete Kröten zu essen.

Mopsa.

Meynt ihr, es sey wahr?

Autolicus.

Sehr wahr, und erst einen Monat alt.

Dorcas.

Behüte mich Gott davor, einen Wucherer zum Manne zu kriegen!

Autolicus.

Hier ist auch noch der Name der Hebamme, eine gewisse Frau Mährchen-Trägerin, und fünf oder sechs ehrliche Frauen, die bey der Niederkunft zugegen waren. Meynt ihr ich werde Lügen im Lande herum tragen?

Mopsa.

O, ich bitt' euch, kauft es.

Hans Wurst.

Nun, so legt es bey Seite, und laßt uns noch mehr Balladen sehen; wir wollen um die andern Sachen hernach handeln.

Autolicus.

Hier ist eine andre Ballade, von einem Fisch, der sich an einem Mittwoch den achtzigsten April vierzigtausend Faden hoch über dem Wasser an der See-Küste sehen ließ, und dieses Lied gegen die hartherzigen Mädchen sang; man glaubte, es sey ein Weibsbild gewesen, und in einen Fisch verwandelt worden, weil sie ihrem Liebhaber so unbarmherzig begegnet; das Lied ist überaus beweglich, und eben so wahr.

Dorcas.

So meynt ihr würklich, es sey wahr?

Autolicus.

Fünf Beamtete haben es eigenhändig unterschrieben; und Zeugschaften sind mehr da, als mein ganzer Pak fassen könnte.

Hans Wurst.

Legt es auch auf die Seite: Ein anders - -

Autolicus.

Hier ist ein lustiges, gar ein artiges Lied.

Mopsa.

Wir müssen auch etliche lustige haben.

Autolicus.

O, wenn euch damit gedient ist, hier ist eins, das seines gleichen nicht hat, und geht nach der Melodie zwoo Mädchen buhlten um Einen Mann; es ist kaum ein Mädel im ganzen Oberland, die es nicht singt: Man reißt sich darum, das kan ich euch sagen.

Mopsa.

Wir können beyde die Melodie; wenn du eine Stimme nehmen willst, so kanst du's hören; es hat drey Stimmen.

Dorcas.

Es ist noch kein Monat, so hatten wir die Melodie - -

Autolicus.

Ich will eine Stimme für mich nehmen; ihr müßt wissen, das ist mein Handwerk: Nun, gebt Achtung auf eure Stimmen. (Sie singen das Lied mit einander.)

Hans (der sie unterbricht.)

Wenn ihr singen wollt, so wollen wir hinausgehen; mein Vater und diese Herren sind in einem ernsthaften Gespräch begriffen, und wir wollen sie nicht stören: Kommt, nehmt euern Kram mit. Mädel, ich will euch beyden was kauffen; aber wir müssen die Auswahl haben, Krämer; Kommt, ihr, Schleppsäke - -

Autolicus.

Aber ihr müßt auch brav für sie bezahlen. (Hans, Autolicus, Mopsa und Dorcas gehen ab.)

Fünfte Scene.

Ein Bedienter kündigt einen Tanz von zwölf Hirten an, die sich zur Belustigung der Anwesenden, in Satyren verkleidet haben.

Schäfer.

Weg, weg, wir brauchen sie nicht; es ist ohnehin schon närrisch genug bey uns zugegangen; ich bin gewiß, Herr, daß wir euch lange Weile machen.

Polixenes.

Ihr macht die Weile denen lang, die sie uns kurz machen wollen; ich bitte euch, laßt uns dieses vierfache Kleeblatt von Hirten sehen.

Bedienter.

Drey von ihnen, Herr, haben, ihrer Aussage nach, vor dem Könige getanzt: und der schlechteste von ihnen springt euch, mein Seel! zwölf und einen halben Fuß lang.

Schäfer.

Hör' auf zu plaudern; weil es diese guten Herren haben wollen, so laß sie herein kommen; aber gleich - - Ein Tanz von zwölf Satyren.

Polixenes (vor sich.)

Geht das nicht zu weit? - - Es ist Zeit, sie zu trennen; er ist unbesonnen, und spricht sehr lebhaft - - Zu Florisell. Nun, wie? schöner Schäfer? Euer Herz scheint so voll von etwas anderm zu seyn, daß ihr keinen Antheil an den Ergözungen dieses Festes nehmt. Wahrhaftig, wie ich jung war, und verliebt, wie ihr izt seyd, so pflegte ich mein Mädchen mit so vielen hübschen Sachen zu beladen, daß sie darunter hätte einsinken mögen: Ich würde des Krämers ganzen seidenen Schaz ausgekauft und ihr aufgedrungen haben; und ihr laßt ihn gehen, ohne um eines Dreyers werth mit ihm zu handeln. Wenn euer Mädchen das übel aufnähme, und einem Mangel an Liebe oder an Freygebigkeit zuschriebe; so sehe ich nicht, was ihr dagegen sagen könntet.

Florisell.

Alter Herr, ich weiß, daß sie keine Freude an solchen Lappereyen hat, wie diese sind; die Geschenke, die sie von mir erwartet, sind in meinem Herzen verschlossen; und das ist ihr schon geschenkt, obgleich noch nicht überliefert. (Zu Perdita.) O, höre mich meine Liebe vor diesem alten Herrn ausathmen, der wie es scheint, ehmals auch geliebt hat. Hier nehm' ich deine Hand, diese Hand, die so sanft ist als der Pflaum einer Daube, und so weiß als eines Mohren Zähne, oder der geläuterte Schnee, den der Nordwind zweymal durchgesiebt hat - -

Polixenes.

Und was folgt nun? Wie artig der junge Schäfer diese Hand zu waschen scheint, die vorher schön genug war! - - Ich habe euch irre gemacht; zu eurer Erklärung! Laßt mich hören was ihr gesinnt seyd.

Florisell.

Ja, und seyd mein Zeuge.

Polixenes.

Und mein Nachbar hier, auch?

Florisell.

Und er, und mehr als er, die Menschen, die Erde, der Himmel, und alles was ist und was Athem hat; seyd Zeugen, daß, wäre ich der gekrönte König des ganzen Erden-Kreises, und unter allen Sterblichen der würdigste, es zu seyn; wär' ich der schönste Jüngling, der jemals zärtliche Augen niederschlagen machte; hätte ich Stärke und Wissenschaft, mehr als jemals ein Mensch gehabt hat: So würd' ich es ohne ihre Liebe für nichts achten; alle diese Vorzüge für sie anwenden; sie zu ihrem Dienst verurtheilen, oder zu ihrem eignen Untergang.

Polixenes.

Schön gesprochen!

Camillo.

Das nenn' ich Liebe!

Schäfer.

Aber du, meine Tochter - - womit beantwortest du das?

Perdita.

Ich kan nicht so gut reden, nein, und es auch nicht besser meynen. Meine eignen Gesinnungen sind der Spiegel, worinn ich die Redlichkeit der seinigen sehe.

Schäfer.

Gebt einander die Hände, zum Unterpfand; und ihr, unbekannte Freunde, seyd ihr meine Zeugen: Ich geb' ihm meine Tochter, und soviel Mitgift dazu, bis es seinem eignen Vermögen gleich kommt.

Florisell.

O mein guter Alter, die Tugend eurer Tochter ist Mitgift genug für mich; wenn einer todt seyn wird, so werd' ich mehr haben, als ihr euch izt träumen lassen könnt, genug, um euch in Erstaunen zu sezen; Kommt, kommt, verlobet uns vor diesen Zeugen.

Schäfer.

Gebt mir eure Hand, und ihr, meine Tochter, die eurige.

Polixenes.

Sachte, Schäfer, sachte ein wenig; ich bitte euch, habt ihr einen Vater?

Florisell.

Ja; aber was wollt ihr mit ihm?

Polixenes.

Weiß er was hievon?

Florisell.

Nein, und soll auch nichts davon wissen.

Polixenes.

Mich däucht, ein Vater ist bey seines Sohnes Hochzeit ein Gast, der die Tafel am besten ziert: Ich bitte euch, erlaubt mir noch eine Frage: Ist euer Vater nicht zu vernünftigen Geschäften untüchtig worden? Ist er nicht vor Alter kindisch, oder an seinen Sinnen geschwächt? Kan er hören? Kennt er die Leute noch? Kan er sein Vermögen noch verwalten? Oder ligt er zu Bette, und kan nichts weiter thun, als was er in seiner Kindheit that?

Florisell.

Nein, mein guter Herr; er ist gesund, und bey bessern Kräften als die meisten von seinem Alter.

Polixenes.

Bey meinem weissen Bart! wenn das ist, so handelt ihr nicht mit ihm wie ein Sohn mit seinem Vater handeln soll. Es ist billig, daß sich mein Sohn seine Ehgattin selbst wähle; aber es ist eben so billig, daß der Vater (dessen einzige Freude doch sonst nichts ist als eine schöne Nachkommenschaft) zu einem solchen Geschäfte auch ein Wort zu sagen habe.

Florisell.

Das geb' ich alles zu; aber aus einigen andern Gründen, mein ernsthafter Herr, welche sich nicht einem jeden sagen lassen, find' ich nöthig, meinen Vater nichts von diesem Geschäfte wissen zu lassen.

Polixenes.

Laßt es ihn wissen.

Florisell.

Es kan nicht seyn.

Polixenes.

Ich bitte euch darum.

Florisell.

Nein; er muß nichts davon wissen.

Schäfer.

Laß es ihn wissen, mein Sohn, er wird keine Ursache finden, deine Wahl zu mißbilligen, wenn er sie kennt.

Florisell.

Kommt, kommt; es kan nicht seyn; Höret unsern Bund - -

Polixenes.

Hört eure Ehscheidung, junger Herr, (der König giebt sich zu erkennen) den ich nicht mehr Sohn nennen kan; du bist zu niederträchtig, um für meinen Sohn erkannt zu werden - - Du, der Erbe eines Scepters, du der so begierig ist einen Schäferstab zu führen? - - Was dich betrift, alter Verräther, so bedaur' ich nur, daß ich, wenn ich dich hängen lasse, dein Leben bloß um eine Woche verkürzen kan - - Und du, junge Hexe, die den Königlichen Narren notwendig kennen mußtest, mit dem du dich eingelassen hast - -

Schäfer.

O, mein Herz berstet mir!

Polixenes.

Dir will ich dein schönes Gesichtchen so lange mit Dornen haken lassen, bis es noch schlechter aussehen wird als dein Stand ist. Du, verliebter Knabe, merke dir das - - wenn ich jemals finden werde, daß dir nur ein Seufzer darüber entwischt, daß du, wie es mein Wille ist, dieses Puppen-Gesicht in deinem Leben nicht wieder sehen sollst, so hast du einen Thron verlohren - - ich werde dich nicht mehr für mein Blut erkennen, nein, nicht für einen Anverwandten, nicht so nah, als irgend einer der mir von Deucalion her verwandt ist: Merke was ich sage, und folg' uns an den Hof - - Du Nichtswürdiger, für diesesmal, obgleich mit unsrer Ungnade sprechen wir dich von ihrem tödlichen Streiche frey: Und du, Zauberin, gut genug für einen Schafhirten, ja noch zu gut für diesen, der sich, wenn nicht unsre eigne Ehre dabey interessirt wäre, so gar deiner unwürdig macht; wenn du, von nun an, ihm jemals diese bäurische Thür eröfnest, oder seinen Leib mehr mit deinen Umarmungen umcirkelst, so will ich einen noch grausamern Tod für dich ausdenken, als du zu zart für ihn seyn wirst. (Er geht ab.)

Sechste Scene.

Perdita (für sich.)

Es ist unnöthig, ich bin schon verlohren - - (zu den übrigen) ich war nicht sehr erschroken; denn es war mir ein oder zweymal auf der Zunge, daß ich ihm sagen wollte, die nemliche Sonne, die seinen Hof bestralt, verberge ihr Antliz nicht vor unsrer Hütte, sondern schaue sie eben so freundlich an - - Wollt ihr euch nun gefallen lassen zu gehen, mein Herr? Ich sagte euch vor, daß es so kommen werde. Ich bitte euch, seyd für eure eigne Wohlfahrt besorgt: Ich bin nun aus meinem Traum erwacht; ich will ihm keinen Augenblik mehr nachhängen, sondern meine Schafe melken und weinen.

Camillo.

Nun, wie ists, alter Vater; rede noch einmal eh du stirbst.

Schäfer.

Ich kan weder reden noch denken; ich darf nicht an das denken was ich weiß. O Herr, ihr habt einen Mann von drey und achtzig Jahren zu Grunde gerichtet, der sich im Frieden in sein Grab zu legen hoffte; ja, auf dem nemlichen Bette zu sterben, wo mein Vater starb; zunächst an seinen redlichen Gebeinen zu liegen; nun wird mich irgend ein Henker in mein Grabtuch wikeln, und mich dahin legen, wo kein Priester die erste Schauffel voll Erde auf mich werfen wird. (zu Perdita.) O unglükselige! Du wußtest daß es der Kron-Prinz war, und wagtest es dennoch dich so weit mit ihm einzulassen. Alles verlohren! Alles verlohren!

Siebende Scene.

Florisell zu Camillo.

Warum seht ihr mich so an? Ich bin nur bekümmert, nicht erschroken; zurükgeworfen, aber nicht geändert; was ich war, bin ich noch; haltet mich für keinen so geduldigen Thoren, der sich wider seinen Willen, beym Zügel fortreissen läßt.

Camillo.

Mein Gnädigster Prinz, ihr kennet die Gemüthsart des Königs, euers Vaters: Izt ist keine Zeit ihm Vorstellungen zu machen: Er wird izt noch, wie ich besorge, kaum euern Anblik ertragen können; kommet also nicht vor ihn, ich bitte euch, bis sich sein erster Zorn gelegt hat.

Florisell.

Es ist auch mein Vorsaz nicht - - Ihr seyd Camillo, denke ich?

Camillo.

Er selbst, Gnädiger Herr.

Perdita zu Florisell.

Wie oft hab ich euch gesagt, es werde so gehen? Meine Würde werde nicht länger dauren, bis es offenbar werde?

Florisell.

Besorge nichts, so lange ich dir getreu bin; und wenn ich jemals meine Treue breche, dann laßt die Natur die Seiten der Erde zusammendrüken, und alles was zwischen ihnen ist, zermürsen - - Schlage deine Augen auf! - - Lösche mich immerhin aus der Thronfolge aus, Vater; ich bin Erbe von meiner Liebe.

Camillo.

Laßt euch rathen.

Florisell.

Das thue ich; aber von meinem Herzen; will sich meine Vernunft bequemen ihm zu gehorchen, so hab' ich Vernunft; wo nicht, so will ich ein Thor seyn, wenn es Thorheit ist seiner Empfindung zu folgen und glüklich dadurch zu seyn.

Camillo.

So spricht die Leidenschaft in Verzweiflung.

Florisell.

Nennt es wie ihr wollt; so bin ich gesinnt; so erfüll' ich meine Gelübde, ich kan nicht anders denken, als daß ich so wie ein ehrlicher Mann handle. Camillo, nicht um dieses Königreich, nicht um den Pomp eines vor mir knienden Hofes; nicht um alles was die Sonne sieht, oder der Ocean in unergründeten Tiefen verbirgt, will ich den Eid brechen, den ich dieser meiner schönen Geliebten geschworen habe: Ich bitte euch also, wenn ihr jemals meines Vaters Freund gewesen seyd, so bemühet euch, wenn er mich vermissen wird (denn es ist mein fester Entschluß daß er mich nimmermehr wieder sehen soll) seine Leidenschaft durch euern Zuspruch zu besänftigen; für das übrige lasset mich und mein Schiksal sorgen. Soviel könnet ihr wissen, und das möcht ihr ihm auch sagen, daß ich mich mit ihr zu Schiffe begeben habe. Zu gutem Glüke habe ich eines an dieser Küste in Bereitschaft, ob ich es gleich nicht zu diesem Gebrauch ausrüsten lassen. Wohin ich meinen Lauf zu richten gedenke, nüzt weder euch, zu wissen, noch mir, zu sagen.

Camillo.

O, mein Prinz, ich wollte euer Geist wäre leichter auf einen andern Entschluß zu bringen oder stärker für die gefährlichen Umstände, worein ihr euch stürzen wollt.

Florisell.

Höre, Perdita - - (zu Camillo.) Ich bin in einem Augenblik wieder euer. Unterdessen, daß Florisell mit Perdita bey Seite redet, überlegt Camillo mit sich selbst, daß, da der Prinz nun einmal unveränderlich zur Flucht entschlossen sey, dieses eine Gelegenheit wäre, wo er zu gleicher Zeit dem Prinzen einen wesentlichen Dienst erweisen, und sich selbst wieder den Anblik seines geliebten Siciliens und des unglüklichen Königs, seines Herrn, verschaffen könnte. Er faßt also auf der Stelle seinen Entschluß, und eröffnet dem Prinzen daß er ihm einen Vorschlag thun wolle, wie er seine Geliebte, unter dem Schuze des Königs von Sizilien, ruhig besizen könne, bis seine, des Camillo, Bemühungen und die Zeit seinen Vater dahin gebracht haben würden seine Liebe zu billigen. Damit seine Ankunft in Sicilien nicht das Ansehen eines Abentheuers oder einer Flucht habe, sollte er vorgeben, daß er von seinem Vater abgeschikt worden, um das alte Freundschafts-Bündniß, das unter beyden Königen vorgewaltet, wieder zu erneuern. Der Prinz, welcher ohnehin selbst noch nicht wußte, wohin er entfliehen wollte, nimmt diesen Vorschlag mit grosser Freude an, und Camillo verspricht ihm mit allem was zur glüklichen Ausführung desselben nöthig seyn könnte, an die Hand zu gehen. Indessen findet doch der Prinz noch verschiedene Schwierigkeiten, welche ihm aber Camillo alle beantwortet, und hievon Anlas nimmt, ihn ein wenig auf die Seite zu nehmen; ein bequemer Einfall um dem Autolicus Plaz und Zeit zu geben, die Zuschauer mit seinen Schelmereyen wieder eine Weile zu belustigen.

Achte Scene.

Autolicus tritt auf dem vordern Theil des Theaters auf.

Autolicus.

Ha, ha, was für eine Närrin die Ehrlichkeit ist! und Treuherzigkeit, ihre getreue Gefährtin, eine sehr einfältige Dame! Ich habe meinen ganzen Plunder verkauft; nicht ein einziges falsches Steinchen, nicht ein einziges Stük Band, Sak-Spiegel, Pommade-Kugel, Halsschnur, Schreib-Tafel, Lied, Messer, Handschuh, Borte, Armband, mit einem Wort nicht eines Hellers werth haben sie in meinem Pak übrig gelassen; sie drangen sich, wer das Erste seyn sollte, nicht anders als ob meine Schnurpfeiffereyen lauter Reliquen und Heiligthümer gewesen wären, und dem Käuffer einen sonderbaren Segen zugezogen hätten; bey dieser Gelegenheit machte ich meine Beobachtungen, und bemerkte, wessen Beutel die beste Mine hatte; und was ich bemerkte, das schrieb ich, zu gelegenheitlichem Gebrauch, in mein Gedächtniß. Mein guter Hans (dem nur etwas weniges mangelt, um ein ganz vernünftiger Bursche zu seyn) wurde so gewaltig in den Gesang der zwoo Mädchen verliebt, daß er keine Ruhe gab, bis er beydes Worte und Melodie hatte; und dieses zog den ganzen übrigen Hauffen so aufmerksam um mich her, daß alle ihre Sinnen in den Ohren stekten; man hätte einen Unterrok wegzwaken können ohne daß es jemand gemerkt hätte; ich wollte einen Bund Schlüssel an einer Kette weggefingert haben; sie hörten und fühlten nichts als meinen Gassenhauer, und bewunderten mit offnen Mäulern das Nichts ihres Inhalts. So daß ich während dieser Betäubung, worinn die guten Leute waren, den grösten Theil ihrer festlichen Beutel wegschnappte; und wäre nicht der alte Mann und mit Ach und Weh über seine Tochter und des Königs Sohn dahergekommen, und hätte meine Dolen aus dem Stroh gescheucht, es sollte mir kein lebendiger Beutel in der ganzen Armee übrig geblieben seyn. (Camillo, Florisell und Perdita kommen besser hervor.)

Camillo.

Seyd ruhig; meine Briefe, welche durch diesen Canal so bald anlangen werden, als ihr selbst, sollen diesem Zweifel schon begegnen.

Florisell.

Und diejenige, die ihr mir vom König Leontes verschaffen wollt - -

Camillo.

Sollen euern Vater zufrieden stellen.

Perdita.

Heil euch und euerm Vorhaben! Alles was ihr sagt giebt Hoffnung zu einem glüklichen Ausgang. Camillo wird indem den Autolicus gewahr, der seines Orts nicht wenig besorgt ist, man möchte seinen schönen Monologe gehört haben; Camillo beredet ihn, seine schlechte Kleider mit der Kleidung des Prinzen zu vertauschen; Perdita soll sich gleichfalls so unkenntlich machen als möglich, und beyde sich ohne Verzug zu Schiffe begeben. Sie gehen also mit einander ab, und Camillo bleibt nur noch so lange zurük, um zu sich selbst, oder vielmehr zu den Zuschauern zu sagen, daß er nun gerades Weges zum Könige gehen, und ihm von dieser Flucht und dem Ort wohin sie gerichtet sey, Nachricht geben wolle; er hofft ihn ohne Müh zum Nachsezen zu bewegen, und also in dessen Gesellschaft Sicilien wieder zu sehen, wornach, wie er sagt, er den Gelüsten einer schwängern Frauen habe.

Neunte Scene.

Autolicus (allein.)

Ich merke, wo dieses Geschäfte hinaus will; ein offnes Ohr, ein scharfes Aug und eine leichte Hand, sind drey nothwendige Eigenschaften zu einem Beutelschneider; eine gute Nase kan auch nichts schaden, um Arbeit für die übrigen Sinnen auszuspüren. Wie ich sehe, so leben wir in einer Zeit, wo die Schelmen ihr Glük machen. Das war ein hübscher Tausch, ohne was aufzugeben! In der That, die Götter haben diß Jahr viele Nachsicht für uns, und nehmen's wie es scheint, mit einem kleinen ex tempore nicht so genau. Der Prinz selbst ist im Begriff eine Büberey auszuführen; von seinem Vater, mit einem Kloz an seinen Füssen, davon zu lauffen. Dächte ich nicht es wäre ein Stük von Ehrlichkeit, wenn ich es dem Könige hinterbrächte, so wollt' ich's thun; aber mich dünkt die Spizbüberey ist grösser, wenn ich es geheim halte; ich will also meinem Handwerk getreu bleiben und schweigen. Inzwischen langen der Schäfer und Hans, sein Sohn, auf dem Theater an; sie sind im Begriff zum Könige zu gehen, ihm zu entdeken, daß Perdita nicht des Schäfers Tochter, sondern ein Fündling ist, und dieses mit den kostbaren Windeln und Kleinodien zu beweisen, die bey ihr gefunden worden, und welche sie in einem Kästchen bey sich haben. Autolicus ist ihnen in seiner Verkleidung unkennbar. Sie sehen ihn für einen Herrn vom Hofe an, und glauben ihm je mehr er pralt. Er läßt sich Geld von ihnen geben, um sie bey dem Könige anzumelden; weil er aber besorgt, ihre Erscheinung bey Hofe möchte der Flucht des Prinzen ein Hinderniß sezen, so macht er ihnen weiß, der König sey nicht in seinem Palast; er sey, um einen Anstoß von Melancholie zu vertreiben, an Bord eines neuen Schiffes gegangen, um eine kleine Lustreise zu machen. Er weiset sie also nach der Küste hin, wo der Prinz im Begriff ist sich einzuschiffen, und sie gehen treuherzig ab.

Autolicus (allein.)

Ich sehe wohl, wenn ich gleich den Vorsaz fassen wollte, ehrlich zu seyn, so giebt es mein Verhängniß nicht zu; es träufelt mir die Gelegenheiten in den Mund; schon wieder mit einer Schelmerey zween Vortheile erhascht! Geld, und den Anlaß mir um den Prinzen ein Verdienst zu machen; denn wer weiß, ob das nicht ein Mittel zu meinem Glüke werden kan. Ich hab' ihm nun diese zween einfältige Schöpsen zugewiesen; findt er für besser sie wieder fortzuschiken, und geht sie das was sie bey dem Könige zu thun haben, nichts an, so mag er mich immer hin einen Schurken dafür heissen, daß ich gar zu dienstfertig bin; gegen diesen Titel und die Ehre, die damit verbunden seyn mag, bin ich längst gestählt: ich will sie auf diese Gefahr, immer zu ihm bringen; es kan viel daran gelegen seyn. (Er geht ihnen nach.)


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