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Shakespeare: Das Winter-Mährchen

Inhalt

Erster Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.]

Zweyter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.]

Dritter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Vierter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.] [Achte Scene.] [Neunte Scene.]

Fünfter Aufzug.

[Erste Scene.] [Zweyte Scene.] [Dritte Scene.] [Vierte Scene.] [Fünfte Scene.] [Sechste Scene.] [Siebende Scene.]

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.

Der Pallast. Hermione, Mamillius, und einige Kammer-Frauen treten auf.

Hermione.

Nehmt mir den Knaben ab; er macht mir so viel Unruhe daß es nicht auszustehen ist.

1. Kammerfrau.

Kommt, Gnädiger Herr; wollt ihr mich nicht zu eurer Spiel-Gesellin?

Maximillius.

Nein, ich mag nichts mit euch zu thun haben.

1. Dame.

Warum nicht, mein allerliebstes Prinz?

Maximillius.

Ihr würdet mich immer küssen wollen, und mit mir reden als ob ich noch immer ein Wiegen-Kind wäre - - Euch hab' ich lieber.

2. Dame.

Und warum das, Gnädiger Herr?

Maximillius.

Um eurer schwarzen Augbraunen willen nicht; und doch sagen die Leute, schwarze Augbraunen lassen den Weibsbildern am besten; aber es muß nicht zuviel Haar daran seyn, sondern sie müssen einen halben Zirkel machen, oder einen halben Mond, und so fein, wie mit der Feder gezogen.

2. Dame.

Wer lehrte euch das?

Maximillius.

Das hab ich aus Weiber-Gesichtern gelernt: Seyd so gut, ihr, und sagt mir, was für eine Farbe haben eure Augbraunen?

1. Dame.

Blau, Gnädiger Herr.

Maximillius.

Ihr wollt euern Spaß mit mir treiben; ich habe wol eine Frau gesehen, die eine blaue Nase hatte, aber keine mit blauen Augbraunen.

1. Dame.

Hört ihr, die Königin eure Frau Mutter wird bald niederkommen: Dann werden wir unsre Dienste einem hübschen neuen Prinzen anbieten; und dann werdet ihr uns noch recht schön thun, wenn wir euch nur haben wollen.

2. Dame (zur ersten.)

Sie ist seit kurzem überaus dik worden - - Der Himmel gebe, daß es ihr glüklich gehe!

Hermione.

Was führt ihr hier für weise Discurse? Komm, junger Herr, ich bin nun wieder für dich. Komm, sez dich zu uns her, und erzähl uns was.

Maximillius.

Was wollt ihr haben, was lustiges oder was trauriges?

Hermione.

So lustig als du willt.

Maximillius.

Ein trauriges Mährchen schikt sich am besten in den Winter. Ich weiß eines von Feen und Kobolten.

Hermione.

Gut, das erzähl uns, junger Herr. Komm hieher, sez dich. Komm und sieh ob du mich mit deinen Kobolten recht zu fürchten machen kanst: Du kanst meisterlich damit umgehen.

Maximillius.

Es war einmal ein Mann - -

Hermione.

Nein, du must dich erst sezen, hernach fang an - -

Maximillius.

Der wohnte auf einem Kirchhof - - ich will's euch leise erzählen, damit es die Grillen dort nicht hören können.

Hermione.

So komm dann her, und sag mir's in's Ohr.

Zweyte Scene.

Leontes, Antigonus, und einige Herren vom Hofe treten auf.

Leontes.

Ihr traffet ihn dort an, sagt ihr? Seine Leute? den Camillo bey ihm?

Ein Hof-Cavalier.

Hinter dem kleinen Fichten-Wald traf ich sie an; in meinem Leben hab' ich keine Leute solche Schritte machen gesehen: Ich folgte ihnen mit den Augen bis in ihre Schiffe.

Leontes.

O! wie vollkommen ist nun mein Verdacht gerechtfertiget! Wie richtig treffen meine Muthmassungen zu! Nur gar zu richtig! Wenn ich weniger wißte, würd' ich weniger unglüklich seyn - - Es kan eine Spinne in den Becher gefallen seyn, und einer trinkt; er schlukt sie unbemerkt mit herunter, und es schadet ihm nichts, bloß darum weil er nichts davon weiß; aber wenn einer das ekelhafte Ding im Schluken noch gewahr worden ist, wenn er weiß, daß er's hinunter geschlukt hat - - Das erschüttert seine Brust und seine Seiten mit Grauen und heftigen Erbrechungen - - Ich habe getrunken, und die Spinne gesehen - - Camillo half ihm dazu; es ist ein Anschlag gegen mein Leben, und gegen meine Crone auf dem Tapet - - Mein Mißtrauen befindet sich nur allzuwahr - - Der treulose Bube den ich gebrauchte, war schon von ihm gedungen: Er hat ihm mein Vorhaben verrathen, und ich bin nun der Narr im Spiele; nun können sie aus mir machen was sie wollen: Wie kam es dann, daß sie die Hinter-Thüren so leicht aufkriegen konnten?

Hof-Cavalier.

Das konnte Camillo leicht erhalten, da sie ihm schon öfters aufgemacht werden mußten, wenn er euern Befehl dazu hatte.

Leontes.

Ich weiß es nur zu wol - - Gebt mir den Jungen; (zu Hermione) ich bin froh, daß ihr ihn nicht gesäugt habt: Und doch, wenn er schon einige Züge von mir hat, so hat er doch zuviel von euerm Blut in sich - -

Hermione.

Was soll das seyn - - Scherz?

Leontes.

Tragt mir den Jungen weg; er soll nicht wieder zu ihr kommen; weg mit ihm, sie mag sich die Zeit mit dem vertreiben, mit dem sie schwanger geht; es ist doch Polixenes, der dir diese Geschwulst gemacht hat.

Hermione (ruhig.)

Und ich wollte wol sagen das hat er nicht; und ich wollte drauf schwören, ihr würdet mir glauben was ich sage, ungeachtet ihr das Gegentheil vorgäbet.

Leontes.

Ihr, meine Herren, schaut sie an, faßt sie wol ins Auge - - Eure Augen werden euch sagen, daß sie eine schöne Frau ist - - Dieses Lob muß ihr eingestanden werden - - Wie Schade, daß die Gerechtigkeit selbst euch zurük hält, wenn ihr hinzusezen wollt, sie sey so tugendhaft als sie schön ist - - Daß sie euch ein Hem! und ein Achsel-Züken abnöthigt, eh ihr die Worte sie ist tugendhaft, herausbringen könnt - - Ich will euch von diesem Zwang befreyen; wisset, und vernehmet es von demjenigen, der am meisten dadurch gekränket wird, sie ist eine Ehebrecherin.

Hermione.

Würde der schändlichste Bube, der in der Welt ist, so sagen, so würde er ein desto schändlicherer Bube seyn: Aber ihr, mein Herr, seyd bloß in einem Irrthum, wenn ihr so redet.

Leontes.

Ihr habt euch geirret, Madam, wie ihr den Polixenes für Leontes angesehen habt. O du, dein rechter Name würde den Mund eines Prinzen zu sehr befleken - - Ich habe es gesagt, sie ist eine Ehbrecherin; und ich habe gesagt mit wem: Ich sage noch mehr; sie ist eine Verrätherin, und Camillo ist ihr Mit-Verschworner - - er weiß um das, was sie erröthen sollte, sich selbst bewußt zu seyn - - er weiß daß sie nichts besser ist als diejenige, denen der Pöbel die unehrbarsten Titel giebt; ja, und daß sie an ihrer Flucht Antheil hat.

Hermione.

Nein, bey meinem Leben, ich weiß von allem diesem nichts: Wie wird euch das schmerzen, wenn euch dereinst die Augen aufgehen werden, daß ihr mich öffentlich so beschimpft habt! Mein liebster Gemahl, ihr werdet mir dann schwerlich eine hinlängliche Genugthüung geben können, wenn ihr sagt, daß ihr euch geirret habet.

Leontes.

Die Umstände, auf welche mein Urtheil sich gründet, lassen keiner Möglichkeit, mich geirret zu haben, Raum - - Hinweg mit ihr ins Gefängniß - - Derjenige, der nur ein Wort zu ihrem Vortheil spricht, muß eine Ursache dazu haben, die ihn mehr als doppelt schuldig macht.

Hermione.

Es regiert irgend ein böser Planet: Ich muß Geduld haben, bis der Himmel günstigere Aspekten giebt. Meine guten Herren, ich bin nicht so fertig zum Weinen, als es unser Geschlecht gröstentheils ist; der Mangel dieses eiteln Thaues wird vielleicht euer Mitleiden auftroknen; aber der ehrenvolle Schmerz den ich schweigend hier verschliesse, brennt heftiger, als daß ihn Thränen löschen könnten - - Ich bitte euch alle, meine Herren, denket das beste von mir was euer gutes Herz euch eingeben mag; und so geschehe dann des Königs Wille!

Leontes.

Werd ich Gehorsam finden?

Hermione.

Wer soll mit mir gehen? - - Ich bitte Eu. Hoheit, meine Kammer-Frauen bey mir zu lassen; denn, wie ihr sehet, so macht meine Figur ihre Gegenwart nothwendig - - Weint nicht, ihr närrischen Dinger, ihr habt keine Ursache dazu; wenn ihr jemals finden werdet, daß eure Frau diese Begegnung verdient hat, dann weint was ihr weinen könnt; die Widerwärtigkeit, die izt über mich kommt, dient zu meinem Besten. Adieu, mein Gemahl - - es ist mir schmerzlich, daß ich erlebt habe, euch bekümmert zu sehen; Kommt, meine Weiber, ihr habt Erlaubniß.

Leontes.

Geht, thut was ihr wollt - - fort. (Die Königin, mit einer Wache, und ihre Frauen, gehen ab.)

Ein Herr von Hofe.

Ich bitte Euer Hoheit, ruffet die Königin zurük.

Antigonus.

Sehet wohl zu, was ihr thut, Gnädigster Herr; wenn ihr Unrecht habt, so leiden drey Personen, und keine geringere als Ihr selbst, eure Königin, und euer Sohn.

Ein andrer Herr von Hofe.

Ich wollte mein Leben für sie sezen können, Gnädigster Herr - - und ich will es hiemit gethan haben, wenn ihr es annehmen wollt - - daß die Königin in den Augen des Himmels selbst unschuldig an dem, wessen ihr sie beschuldiget, ist.

Antigonus.

Findet sich's, daß sie es nicht ist, so will ich mich mit Ketten an mein Weib schmieden lassen; so will ich ihr nicht weiter trauen als ich sie sehe und fühle - - Wenn die Königin ungetreu ist, so ist jedes Quintchen Weiber-Fleisch, jeder weibliche Bluts-Tropfe in der Welt falsch.

Leontes.

Schweigt - -

Einige Herren.

Gnädigster Herr - -

Antigonus.

Was wir reden ist zu euerm Besten, nicht zum unsrigen - - Ihr seyd betrogen, und von irgend einem Ohrenbläser, der dafür zur Hölle fahren wird - - Wollte Gott ich wißte wer der Bube ist, er sollte sein leztes Brodt gegessen haben: Wenn Sie ihre Ehre verwirkt hat - - ich habe drey Töchter; die älteste ist eilf Jahre alt, die andre neun, und die dritte fünf oder sechs - - Wenn sich's so befindet, so sollen sie dafür büssen. Bey meiner Ehre, ich will sie alle verschneiden lassen; sie sollen nicht vierzehn Jahre alt werden, um Mütter von andern Spizbübinnen zu werden; sie sind meine einzigen Erben, und ich wollte mich lieber selbst aufhängen, als daß sie keine schöne Nachkommenschaft zur Welt bringen sollten.

Leontes.

Hört auf; nichts mehr; ihr habt zu stumpfe Sinnen für eine solche Sache; ich seh und fühle sie; es ist hier von keinen Muthmassungen die Rede; ich bin gewiß - -

Antigonus.

Wenn das ist, so brauchen wir kein Grab, um die Ehrlichkeit darein zu legen; es ist kein Gran von ihr übrig, nicht ein Gran, um den Gestank der ganzen in Unrath versunknen Erde erträglicher zu machen.

Leontes.

Wie? hab ich keinen Credit mehr, daß ihr noch zweifelt?

Ein Herr vom Hofe.

In dieser Sache wünschte ich daß ihr keinen hättet, Gnädiger Herr; ich wollte lieber, daß sich ihre Unschuld als daß sich euer Argwohn wahr befände, ihr möchtet auch getadelt werden so viel man wollte.

Leontes.

Was haben wir nöthig hierüber mit euch zu conferieren? Es war eine Wirkung unsrer natürlichen Leutseligkeit, daß wir mit euch in einer Sache redeten, wozu ihr keine Stimmen zu geben habt. Wenn ihr also so dumm seyd, oder euch geflissentlich so stellt, und die Wahrheit mit uns nicht sehen könnt, oder nicht sehen wollt; so behaltet eure Meynung für euch; wir bedürfen keiner weiteren Erinnerungen von euch; die Sache, der Gewinn und der Verlust, und die Disposition darüber, alles geht lediglich uns selbst an.

Antigonus.

Ich wünschte auch nur, mein Gebietender Herr, daß ihr sie noch länger bey euch selbst behalten, und nicht so öffentlich kund gemacht hättet.

Leontes.

Wie war das möglich? Entweder hat dich das Alter dummer gemacht, oder du bist zum Narren gebohren worden. Nachdem Camillo's Entweichung noch zu ihrer vorigen Vertraulichkeit, (welche so in die Augen fallend war, daß zur gänzlichen Evidenz nichts fehlte als sie in der wirklichen That zu ergreiffen) nachdem, sage ich, Camillo's Entweichung noch dazu gekommen, so war ich gezwungen, auf diese Art zu Werke zu gehen. Indessen und um in einer Sache von solcher Wichtigkeit nichts zu unterlassen, was zu mehrerer Bestätigung der Wahrheit dienen kan, hab' ich bereits mit fliegender Eilfertigkeit Dion und Cleomenes nach dem geheiligten Delphi, in Apollo's Tempel, abgesandt: Ihr wisset, daß es Leute sind, auf die man sich verlassen kan: Und die Antwort, die sie uns von dem Orakel bringen werden, soll mich zurükhalten, oder spornen. Hab ich nicht wol gethan?

Ein Herr vom Hofe.

Sehr wohl, Gnädigster Herr.

Leontes.

Wenn ich gleich für meine eigne Person Proben genug habe, und nicht weiters zu wissen brauche als was ich weiß, so wird das Orakel doch dazu dienen, die Gemüther der übrigen zu beruhigen, deren unwissende Leichtgläubigkeit sie unfähig macht, die Wahrheit durch sich selbst zu entdeken. Inzwischen haben wir für gut angesehen, sie von uns zu entfernen, und in sichre Verwahrung bringen zu lassen; um ihr die Gelegenheit abzuschneiden, das verräthrische Complot der beyden, die sich auf flüchtigen Fuß gesezt haben, auszuführen. Kommt, folgt uns; wir sehen uns bemüssiget öffentlich zu reden; denn dieser Handel wird uns alle aufweken - -

Antigonus.

Ja, zum Lachen, denk' ich, wenn die echte Wahrheit bekannt wäre. (Sie gehen ab.)

Dritte Scene.

Verwandelt sich in ein Gefängniß. Paulina, die Gemahlin des Antigonus, läßt den Kerkermeister herausrufen, und bittet vor die gefangne Königin gelassen zu werden: Da ihr aber dieses, vermöge des ausdrüklichen Königlichen Befehls abgeschlagen wird, so verlangt sie, ihr wenigstens eine Unterredung mit einer von ihren Kammer-Frauen zu gestatten. Dieses wird ihr bewilliget, doch so, daß der Kerkermeister dabey zugegen seyn solle. Emilia kommt also heraus und meldet der Paulina, daß Schreken und Kummer die Niederkunft der Königin befördert habe, und daß sie wirklich von einer Tochter entbunden sey; ein holdseliges Mädchen, (sagt Emilia) munter, und voller Leben: Sie gereicht der guten Königin zu vielem Trost: Meine arme Gefangne, sagt sie, ich bin so unschuldig als du - -

Paulina.

Darauf wollt' ich schwören: Diese wunderlichen, gefahrvollen Launen des Königs! Der Henker hole sie! Aber man muß es ihm sagen, und das soll auch geschehen; es ist ein Dienst, der sich am besten für ein Frauenzimmer schikt. Ich will ihn auf mich nehmen - - Ich bitte euch, Emilia, versichert die Königin meiner gänzlichen Ergebenheit, und sagt ihr, wenn sie mir ihre kleine Princessin anvertrauen wolle, so woll' ich sie dem Könige zeigen und es auf mich nehmen, so laut als nur möglich ihr Fürsprecher zu seyn. Wir wissen nicht, wie ihn vielleicht der Anblik des Kinds erweichen mag; das Stillschweigen der reinen Unschuld überredet oft besser als die beredteste Zunge - - Paulina versichert Aemilien, daß ihr edelmüthiges Anerbieten der Königin desto angenehmer seyn werde, da sie selbst auf diesen Gedanken gekommen, und nur besorgt habe, daß sich niemand finden würde, der es wagen dürfte ihn auszuführen. Inzwischen macht der Kerkermeister auf den Fall daß die Königin einwilligen sollte, Aemilien die neugebohrne Princessin anzuvertrauen einige Schwierigkeit, ob er es, da er keinen Befehl dazu habe, passieren lassen dürfe; läßt sich aber von Aemilien damit beruhigen, daß das Kind eigentlich ein Gefangner im Mutterleib gewesen, und nach Gesez und Ordnung der Natur freygestellt worden, mit nichten aber als Gefangner des Königs anzusehen sey, als gegen welchen es sich auf keinerley Weise habe verfehlen können. Und hierauf begeben sie sich in ein anders Zimmer.

Vierte Scene.

Der Pallast. Leontes, Antigonus, Herren vom Hofe, und Trabanten treten auf.

Leontes (vor sich.)

Keine Ruhe, bey Tag noch Nacht - - es ist eine grosse Schwachheit, sich die Sachen so zu Gemüthe zu ziehen - - es würde so seyn, wenn der Gegenstand meiner Unruhe nicht noch unter den Lebendigen wäre - - wenigstens ein Theil davon, sie, die Ehebrecherin - - Denn was ihren Verführer betrift, den muß ich aus meinem Gehirn auswischen, da ihn mein Arm nicht erreichen kan: Aber sie hab' ich in meiner Gewalt - - Könnte mir jemand sagen, daß sie aus der Welt geschafft wäre, die Hälfte meiner Ruhe würde wieder kommen - - Ist niemand hier? - - Ein Bedienter kommt herein.

Bedienter.

Gnädigster Herr - -

Leontes.

Wie steht's um den Prinzen?

Bedienter.

Er schlief diese Nacht wohl; man hofft er habe das Schlimmste überstanden.

Leontes.

Wie edel sein Gemüth ist! Seitdem er die Schande seiner Mutter gewahr wurde, ist er auf einmal welk worden, geht traurig und niedergeschlagen herum, will nichts essen, und schämt sich, als ob er sich vor sich selbst verbergen möchte - - Lebhaftigkeit, Appetit, Schlaf, alles ist hin; er schwindet zusehends weg - - Laß mich allein, geh, sieh was er macht - - (Der Bediente geht ab.) - - Fie, fie, keinen Gedanken an ihn! - - Hier führt kein Weg zur Rache - - er ist zu mächtig; an sich selbst, und in seinen Freunden und Bundes-Genossen - - Laßt ihn wo er ist, bis die Zeit uns vielleicht einen Dienst thut - - Für izt soll sich unsre Rache an ihr ersättigen - - Camillo und Polixenes lachen izt über mich; machen sich eine Kurzweile aus meinem Kummer; sie sollten nicht lachen wenn ich sie erreichen könnte; noch soll sie lachen, die ich in meiner Gewalt habe - -

Fünfte Scene.

Paulina mit einem Kinde auf dem Arm tritt auf.

Ein Herr vom Hofe, an der Thüre.

Ihr könnt nicht vorkommen.

Paulina.

Ihr solltet euch vielmehr meiner annehmen, meine guten Herren. Ach Gott! ist euch mehr daran gelegen, seine tyrannische Leidenschaft als das Leben der Königin zu schonen? Einer tugendhaften, schuldlosen Seele; welche reiner ist, als er eifersüchtig.

Antigonus.

Laß es genug seyn.

Ein Bedienter vor der Thüre.

Gnädige Frau, er hat diese Nacht nie geschlaffen; wir haben ausdrüklichen Befehl, niemand vor ihn zu lassen.

Paulina.

Nicht so hizig, Herr; ich komme deßwegen, um ihm wieder zu seinem Schlaffe zu helfen. Solche Leute wie ihr, die wie seine Schatten neben ihm her kriechen, und jedem seiner unnöthigen Seufzer mit einem schmeichlerischen Nach-Seufzen antworten - - Solche Leute nähren die Ursache seiner Schlaflosigkeit. Ich komme ihm Wahrheiten zu sagen, die ihn so gewiß curieren können als sie wahr sind - - Laßt mich; ich werde mich nicht abweisen lassen.

Leontes.

Was giebts für ein Getöse hier, he?

Paulina.

Kein Getöse, Gnädigster Herr, sondern eine nothwendige Audienz für ein paar ehrliche Gevatterinnen.

Leontes.

Wie? - - Weg mit dieser zudringlichen Frau - - Antigonus, befahl ich dir nicht, sie sollte nicht vor mich kommen? Ich wußte, daß sie es im Sinn hatte.

Antigonus.

Gnädigster Herr, ich verbott es ihr, auf Gefahr sich euern Unwillen zuzuziehen, und den meinigen - - aber - -

Leontes.

Was? Kanst du sie nicht besser im Zaum halten?

Paulina.

Von allem was unrecht wäre, kan er's; aber in dieser Sache, verlaßt euch darauf - - er müßte es denn nur machen wie ihr, und mich einsperren lassen, weil ich rechtschaffen gehandelt hätte - - in dieser Sache soll er mich nicht zurükhalten können.

Antigonus.

Seht ihr nun, ihr hört es selbst; wenn sie einmal den Zaum zwischen die Zähne genommen hat, so muß ich sie rennen lassen; aber doch stolpert sie nicht.

Paulina.

Mein Gnädigster Oberherr, ich komme - - und ich bitte euch, hört mich an, eure getreue Magd, euern Arzt, und euere aufrichtige wolmeynende Rathgeberin; ich bin es, ob ich schon weniger Credit habe, als diejenigen, die euch am ergebensten zu seyn scheinen, ohne daß sie den Muth haben, eure Wunde anzurühren - - Ich sage, ich komme von eurer guten Königin.

Leontes.

Guten Königin?

Paulina.

Guten Königin, Gnädigster Herr; ja, von eurer guten Königin, sag' ich noch einmal, und wollt' es mit Schwerdt und Lanze gegen den Schlimmsten unter euch beweisen, wenn ich ein Mann wäre.

Leontes.

Treibt sie hinaus.

Paulina.

Unterstehe sich einer Hand an mich zu legen, wenn ihm seine Augen nur Kleinigkeiten sind: Ich will von mir selbst wieder gehen, aber zuvor will ich meine Commission ausrichten. Die gute Königin, denn sie ist gut, hat euch eine Tochter gebracht; hier ist sie, und bittet um euern Segen. (Sie legt das Kind vor ihm nieder.)

Leontes.

Hinaus! weg mit der Hexe! zur Thüre hinaus: Die verschmizte Kupplerin!

Paulina.

Das nicht; ich bin so unwissend in dieser Kunst als ihr, wenn ihr mich so betitelt; und nicht weniger ehrlich als ihr unsinnig seyd; und das ist, ich versichre euch, so wie die heutige Welt geht, genug um für ehrlich zu passieren.

Leontes.

Verräther, wollt ihr sie nicht hinausschmeissen? (Zum Antigonus.) Gieb ihr den Bastard; du alter Weiber-Narr, der sich von seiner Henne aus dem Hüner-Stall herauspiken läßt. Nimm den Bastard auf, nimm ihn auf, sag ich; gieb ihn deiner alten Schnarr-Pfeiffe.

Paulina.

Auf ewig ehrlos seyen deine Hände, wenn du die Princessin unter der gewaltthätigen Beschimpfung, womit er sie belegt, aufhebst.

Leontes.

Seht, er muß sein Weib fürchten.

Paulina.

Ich wollte, ihr machtet's so; so würdet ihr ohne Zweifel eure Kinder nicht verläugnen.

Leontes.

Ein Pak Verräther!

Antigonus.

Ich bin keiner, beym Gott des Tages!

Paulina.

Ich auch nicht, noch sonst jemand hier, als einer; und der ist er selbst - - Er, der die geheiligte Ehre seiner Selbst, seiner Königin, seines hoffnungs-vollen Sohns und seiner neugebohrnen Tochter Preiß gegeben und mit einer Schande gebrandmalet hat, die wenn sie sich einmal in die Meynung der Welt eingefressen hat, durch keinen Widerruf, durch keine ersinnliche Genugthüung wieder auszulöschen ist.

Leontes.

Eine natter-züngichte Beze, die kürzlich ihren Mann geprügelt hat, und nun mich anfällt! - - Diese kleine Roznase geht mich nichts an; Polixenes ist ihr Vater, weg mit ihr und ihrer Alten; werft sie ins Feuer.

Paulina.

Sie ist euer, und wenn wir das alte Sprüchwort auf euch applicieren dürften, sie sieht euch so gleich, daß sie nicht desto schöner ist. Seht hier, meine Herren, so klein der Format ist, das natürliche leibhafte Ebenbild ihres Vaters; Augen, Nase, Lippen, der Zug seiner Augbrauen, seine Stirne, das Grübchen in seinem Kinn, und in den Wangen, sein Lächeln, die völlige Bildung seiner Hand, seine Finger und Nägel. Und du, gute Göttin Natur, die du sie dem, der sie zeugte, so ähnlich machtest, wenn du auch die Gestaltung des Gemüths hast, so brauch alle Farben dazu, nur kein Gelb; sonst könnte die Königin wol, eben sowol wie er, auf den Argwohn gerathen, daß ihre Kinder nicht ihrem Manne gehörten.

Leontes.

Der garstige Schleppsak! Und du, Flegmatischer Geselle, verdienst gehangen zu werden, daß du ihr das Maul nicht stopfest - -

Antigonus.

Wenn ihr alle Männer hängen lassen wollt, die das nicht können, so wird euch schwerlich ein einziger Unterthan übrig bleiben.

Leontes.

Noch einmal, schafft sie fort.

Paulina.

Der unwürdigste, unnatürlichste Herr könnte nicht mehr thun.

Leontes.

Ich will dich zu Asche brennen lassen.

Paulina.

Sey es; so ist der der Kezer, der das Feuer anzünden läßt, nicht ich, die verbrennt wird. Ich will euch eben keinen Tyrannen nennen, aber diese höchst grausame Behandlung eurer Königin, (gegen welche ihr doch nicht im Stande seyd einen andern Zeugen aufzubringen, als eure eigne wakelnde Einbildung) schmekt ein wenig nach Tyranney; und wird euch verächtlich, ja abscheulich in den Augen der Welt machen.

Leontes.

Ich befehl es euch, bey euern Pflichten; werft sie aus dem Zimmer hinaus. Wär' ich ein Tyrann, wo wär' ihr Leben? Sie würde mich gewiß nicht so nennen, wenn sie wißte daß ich einer wäre. Weg mit ihr.

Paulina.

Ich bitte euch, stoßt mich nicht, ich will gehen. Seht zu euerm Kinde, Gnädigster Herr, es ist euer; die Götter mögen ihr einen bessern Schuzgeist senden! - - Hiemit gehabt euch wol, wir gehen. (Sie geht ab.)

Sechste Scene.

Leontes.

Du hast dein Weib hiezu aufgestiftet, Verräther - - Das soll mein Kind seyn? Weg damit! Eben du, du der ein so zärtliches Herz dagegen gehabt hast, trag es weg, und siehe zu, daß es diesen Augenblik ins Feuer geworfen und verzehret werde; eben du und kein andrer, als du - - Gleich heb' es auf. Noch in dieser Stunde bringe mir die Nachricht daß es geschehen sey, und Zeugen, die mir keinen Zweifel übrig lassen, oder dein Leben, und alles was du sonst noch dein nennest, ist verwirkt: Wenn du dich weigern, und mit meinem Grimm zusammenstossen willst, so sag es: Ich will dem Bastard sein Hirn mit meinen eignen Händen ausschlagen - - Geh, wirf es ins Feuer; denn du hast dein Weib aufgestiftet.

Antigonus.

Das that ich nicht, Gnädiger Herr; diese Herren, meine edeln Brüder, können es bezeugen, wenn sie wollen.

Ein Herr vom Hofe.

Wir können es, Gnädiger Herr; er hat keine Schuld daran, daß sie gekommen ist.

Leontes.

Ihr seyd alle Lügner.

Alle.

Wir bitten Eu. Hoheit eine bessere Meynung von uns zu haben. Wir haben euch jederzeit getreulich gedient, und bitten euch, uns hiernach zu beurtheilen; und auf unsern Knien flehen wir, (als um die Belohnung unsrer vergangnen und künftigen Dienste) daß ihr von diesem Vorhaben ablasset, welches so entsezlich, so grausam ist, daß es böse Folgen nach sich ziehen könnte - - Wir alle bitten auf unsern Knien- -

Leontes.

Ich bin wie eine Feder, die jeder Wind herumweht wohin er will - - Soll ich leben, um diesen Bastart vor mir knien und mich Vater nennen zu sehen? Besser ihn izt zu verbrennen als ihm dann meinen Fluch zu geben - - Doch sey es; laßt ihn leben - - Nein, das soll er auch nicht - - Ihr, Herr, kommt ein wenig näher - - (zum Antigonus.) Ihr, der mit Dame Margareth eurer Hebamme hier, so dienstfertig gewesen seyd, um dieses Bastarts Leben zu retten, (denn ein Bastart ist es, so gewiß als dieser Bart grau ist - -) was wollt ihr wagen, um diesem Welchselbalg das Leben zu erhalten?

Antigonus.

Alles, Gnädigster Herr, was ich fähig bin und Großmuth auflegen kan - - zum wenigsten will ich, ein unschuldiges Geschöpf zu retten, das wenige Blut gerne hergeben, das ich noch in meinen Adern habe - - Alles, wenn es nur etwas mögliches ist.

Leontes.

Es soll möglich seyn - - schwöre bey diesem Schwerdt, daß du meinen Befehl vollziehen willt.

Antigonus.

Ich will, mein Gebietender Herr.

Leontes.

Merke wol auf, und halte Wort - - Denn die Unterlassung eines einzigen Punkts soll gegenwärtiger Tod nicht allein für dich, sondern auch für dein scharfzüngiges Weib seyn, welcher wir für diesesmal vergeben. Wir befehlen dir, so wahr du unser Vasall bist, daß du diesen weiblichen Bastart von hier weg, und an einen abgelegnen einöden Ort, ferne von unsern Landen und Gebieten tragen, und daß du es dort, ohne anderweitige Vorsorge, seinem Schiksal und der Gunst des Clima überlassen sollest - - Der Zufall mag dann seine Pfleg-Mutter seyn oder seinem Wesen ein Ende machen - - Thue es, oder erwarte das ärgste von meiner gerechten Rache - - Heb es auf.

Antigonus.

Ich schwöre, daß ich es thun will. Komm dann, armes Kind! Irgend ein mitleidiger Geist lehre Geyer und Raben, deine Ammen zu werden. Man erzählt von Wölfen und Bären daß sie ihre natürliche Wildheit bey Seite gesezt, und dergleichen milde Dienste gethan hätten - - Gnädigster Herr, lebet glüklicher als es diese That verdient - - Armes unschuldiges Geschöpf, sollst du zum Verderben verurtheilt seyn! - - (Er trägt das Kind hinweg.)

Leontes.

Nein, ich will keine fremde Brut in meinem Nest aufziehen. Ein Bote tritt auf.

Bote.

Gnädigster Herr, es ist eine Staffette von euern Abgesandten zum Orakel diese Stunde angekommen. Cleomenes und Dion sind glüklich von Delphi zurük gekommen, und werden in kurzem bey Hofe eintreffen.

Leontes.

Es sind erst drey und zwanzig Tage seitdem sie abgereißt sind: Die schnelle Expedition sagt mir vor, daß Apollo die Wahrheit sobald als nur möglich ans Licht gebracht wissen will. Schiket euch an, meine Herren, laßt den grossen Rath zusammenberuffen, damit unsrer treulosen Gemahlin der Proceß gemacht werde; denn da sie öffentlich angeklagt worden, so soll sie auch gerichtlich verhört und überwiesen werden - - So lange sie lebt, wird mir mein Herz eine Last seyn - - Verlaßt mich, und vollzieht meinen Befehl. (Sie gehen ab.)


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