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Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig

Inhalt

Erster Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Zweiter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene] [Fünfte Szene] [Sechste Szene] [Siebente Szene] [Achte Szene] [Neunte Szene]

Dritter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene] [Fünfte Szene]

Vierter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene]

Fünfter Aufzug

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia, Nerissa und andre von ihrem Gefolge treten auf

Marokko.

Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht,

Die schattige Livrei der lichten Sonne,

Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt.

Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden,

Wo Phöbus' Glut kaum schmelzt des Eises Zacken,

Und ritzen wir uns Euch zulieb die Haut,

Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins.

Ich sag Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht

Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör ich,

Die edlen Jungfraun meines Landes haben

Es auch geliebt; ich wollte diese Farbe

Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn

Zu stehlen, meine holde Königin.

Porzia.

Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein

Die zarte Fordrung eines Mädchenauges;

Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt,

Mich von dem Recht des freien Wählens aus.

Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt,

Mir auferlegt durch seinen Willen, dem

Zur Gattin mich zu geben, welcher mich

Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte:

Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz,

Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt,

Auf meine Neigung.

Marokko.

Habt auch dafür Dank.

Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich

Mein Glück versuche. Bei diesem Säbel, der

Den Sophi schlug und einen Perserprinz,

Der dreimal Sultan Soliman besiegt:

Die wildsten Augen wollt ich überblitzen,

Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen,

Die Jungen reißen von der Bärin weg,

Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen,

Dich zu gewinnen, Fräulein! Aber ach!

Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen,

Wer tapfrer ist, so kann der beßre Wurf

Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand;

So unterliegt Alcides seinem Knaben,

Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt,

Verfehlen, was dem minder Würdgen wird,

Und Grames sterben.

Porzia.

Ihr müßt Eur Schicksal nehmen,

Es überhaupt nicht wagen, oder schwören,

Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt,

In Zukunft nie mit irgendeiner Frau

Von Eh zu sprechen: also seht Euch vor!

Marokko.

Ich will's auch nicht, kommt, bringt mich zur Entscheidung.

Porzia.

Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr

Das Los versuchen.

Marokko.

Gutes Glück also!

Bald über alles elend oder froh. (Alle ab.)

Zweite Szene

Venedig. Eine Straße

Lanzelot Gobbo kommt

Lanzelot.

Sicherlich, mein Gewissen läßt mir's zu, von diesem Juden, meinem Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und versucht mich und sagt zu mir: «Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter Lanzelot», oder «Guter Gobbo», oder «Guter Lanzelot Gobbo, brauch deine Beine, reiß aus, lauf davon.» Mein Gewissen sagt: «Nein, hüte dich, ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo»; oder, wie obgemeldet, «ehrlicher Lanzelot Gobbo; lauf nicht, laß das Ausreißen bleiben.» Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich aufpacken; «Marsch!» sagt der Feind; «fort!» sagt der Feind; «um des Himmels willen! faß dir ein wackres Herz», sagt der Feind, «und lauf». Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den Hals und sagt sehr weislich zu mir: «Mein ehrlicher Freund Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist», oder vielmehr eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas ansäuerlich. - Gut, mein Gewissen sagt: «Lanzelot, weich und wanke nicht!» - «Weiche», sagt der Feind; «wanke nicht», sagt mein Gewissen. «Gewissen», sage ich, «dein Rat ist gut»; «Feind», sage ich, «dein Rat ist gut». Lasse ich mich durch mein Gewissen regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der wahre eingefleischte Teufel, und, auf mein Gewissen, mein Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen freundschaftlichen Rat; ich will laufen, Feind! meine Fersen stehen dir zu Gebote, ich will laufen. Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.

Gobbo.

Musje, junger Herr, Er da, sei Er doch so gut: wo gehe ich wohl zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

Lanzelot (beiseite).

O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind, aber doch so ziemlich stockblind ist und mich nicht kennt. Ich will mir einen Spaß mit ihm machen.

Gobbo.

Musje, junger Herr, sei Er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

Lanzelot.

Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum.

Gobbo.

Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht?

Lanzelot.

Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot? (Beiseite.) Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen. - Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Gobbo.

Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn. Sein Vater, ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei Dank, recht wohlauf.

Lanzelot.

Gut, sein Vater mag sein, was er will; hier ist die Rede vom jungen Monsieur Lanzelot.

Gobbo.

Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr.

Lanzelot.

Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch: sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Gobbo.

Von Lanzelot, wenn's Eur Gnaden beliebt.

Lanzelot.

Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot, Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit Todes verblichen oder, um es rund herauszusagen, in die Ewigkeit gegangen.

Gobbo.

Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines Alters, meine beste Stütze. -

Lanzelot.

Seh ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein Stab oder eine Stütze? - Kennt Ihr mich, Vater?

Gobbo.

Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge - Gott hab ihn selig! - lebendig oder tot?

Lanzelot.

Kennt Ihr mich nicht, Vater?

Gobbo.

Lieber Himmel! ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht.

Lanzelot.

Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr mich doch wohl nicht kennen; das ist ein weiser Vater, der sein eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines Menschen Sohn kann's; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus.

Gobbo.

Ich bitte Euch, Herr, steht auf, ich bin gewiß, Ihr seid mein junge Lanzelot nicht.

Lanzelot.

Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben, sondern gebt mir Euern Segen. Ich bin Lanzelot, Euer Junge, der da war, Euer Sohn, der da ist, Euer Kind, das da sein wird.

Gobbo.

Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid.

Lanzelot.

Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber ich bin Lanzelot, des Juden Diener, und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist meine Mutter.

Gobbo.

Ganz recht, ihr Name ist Margrete; ich will einen Eid tun, wenn du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt? - Du hast mehr Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat.

Lanzelot.

Je, so läßt's ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse; ich weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als im Gesicht, da ich ihn das letztemal sah.

Gobbo.

Herrje, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr euch?

Lanzelot.

Gut, gut! aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe, davonzulaufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude; ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, soweit Gottes Erdboden reicht. Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem Juden länger diene. Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.

Bassanio.

Das könnt Ihr tun - aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt diese Livreien in Arbeit und bittet Graziano, sogleich in meine Wohnung zu kommen. (Ein Bedienter ab.)

Lanzelot.

Macht Euch an ihn, Vater?

Gobbo.

Gott segne Euer Gnaden!

Bassanio.

Großen Dank! Willst du was von mir?

Gobbo.

Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge -

Lanzelot.

Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird -

Gobbo.

Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklination zu dienen -

Lanzelot.

Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist: ich diene dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren wird -

Gobbo.

Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen sich wie Katzen und Hunde -

Lanzelot.

Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir Unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott will, ein alter Mann ist, notifizieren wird -

Gobbo.

Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden anbringen möchte, und mein Gesuch ist -

Lanzelot.

In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein Vater ist.

Bassanio.

Einer spreche für beide. Was wollt Ihr?

Lanzelot.

Euch dienen, Herr.

Gobbo.

Ja, das wollten wir Euch gehorsamst opponieren.

Bassanio.

Ich kenne dich, die Bitt ist dir gewährt;

Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen

Und dich empfohlen; wenn's empfehlenswert,

Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn,

Um einem armen Edelmann zu folgen.

Lanzelot.

Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er hat genug.

Bassanio.

Du triffst es; Vater, geh mit deinem Sohn.

Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn

Und frage dich nach meiner Wohnung hin.

(Zu seinen Begleitern.) Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei

Als seinen Kameraden; sorgt dafür!

Lanzelot.

Kommt her, Vater. - Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! ich habe gar kein Mundwerk am Kopfe. - Gut! - (Er besieht seine flache Hand.) Wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die Schrift zu schwören - Ich werde gut Glück haben; ohne Umstände, hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist 'ne Kleinigkeit an Frauen. Ach, fünfzehn Weiber sind nichts! elf Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für einen Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen und mich an der Ecke eines Federbettes beinah tot zu stoßen - das heiße ich gut davonkommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine gute Dirne mit ihrem Kram. - Kommt, Vater, ich nehme in einem Umsehn von dem Juden Abschied. (Lanzelot und der alte Gobbo ab.)

Bassanio.

Tu das, ich bitt dich, guter Leonardo;

Ist dies gekauft und ordentlich besorgt,

Komm schleunig wieder; denn zur Nacht bewirt ich

Die besten meiner Freunde; eil dich, geh!

Leonardo.

Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn. Graziano kommt.

Graziano.

Wo ist dein Herr?

Leonardo.

Er geht da drüben, Herr. (Leonardo ab.)

Graziano.

Signor Bassanio!

Bassanio.

Graziano!

Graziano.

Ich habe ein Gesuch an Euch.

Bassanio.

Ihr habt es schon erlangt.

Graziano.

Ihr müßt mir's nicht weigern; ich muß mit Euch nach Belmont gehen.

Bassanio.

Nun ja, so müßt Ihr - aber hör, Graziano,

Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton:

Ein Wesen, welches gut genug dir steht

Und Augen wie den unsern nicht mißfällt.

Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint

Es allzufrei; drum nimm dir Müh und dämpfe

Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit

Den flüchtgen Geist, daß ich durch deine Wildheit

Dort nicht mißdeutet werd und meine Hoffnung

Zugrunde geht.

Graziano.

Signor Bassanio, hört mich:

Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge,

Mit Ehrfurcht red und dann und wann nur fluche,

Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt;

Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht

Den Hut mir halt und seufz und Amen sage;

Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle,

Wie einer, der, der Großmama zulieb,

Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr.

Bassanio.

Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt.

Graziano.

Nur heute nehm ich aus; das gilt nicht mir,

Was ich heut abend tu.

Bassanio.

Nein, das wär schade;

Ich bitt Euch, lieber in den kecksten Farben

Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde,

Die lustig wollen sein. Lebt wohl indes,

Ich habe ein Geschäft.

Graziano.

Und ich muß zu Lorenzo und den andern,

Doch auf den Abend kommen wir zu Euch. (Alle ab.)

Dritte Szene

Ein Zimmer in Shylocks Hause

Jessica und Lanzelot kommen

Jessica.

Es tut mir leid, daß du uns so verläßt;

Dies Haus ist Hölle, und du, ein lustger Teufel,

Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit.

Doch lebe wohl; da hast du 'nen Dukaten!

Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen

Lorenzo sehn als Gast von deinem Herrn.

Dann gib ihm diesen Brief, tu es geheim;

Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater

Mich mit dir reden sieht.

Lanzelot.

Adieu! - Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an dir wird, und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu! Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut allzusehr. (Ab.)

Jessica.

Leb wohl, du Guter!

Ach wie gehässig ist es nicht von mir,

Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme;

Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon,

Bin ich's nicht seines Herzens. O Lorenzo,

Hilf mir dies lösen! treu dem Worte bleib!

So werd ich Christin und dein liebend Weib. (Ab.)

Vierte Szene

Eine Straße

Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf

Lorenzo.

Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen,

Verkleiden uns in meinem Haus und sind

In einer Stunde alle wieder da.

Graziano.

Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet.

Salarino.

Auch keine Fackelträger noch bestellt.

Solanio.

Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht,

So ist es nichts und unterbliebe besser.

Lorenzo.

's ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden

Zur Vorbereitung.

Lanzelot kommt mit einem Briefe.

Freund Lanzelot, was bringst du?

Lanzelot.

Wenn's Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam andeuten.

Lorenzo.

Ich kenne wohl die Hand; ja, sie ist schön;

Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb,

Ist diese schöne Hand.

Graziano.

Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft.

Lanzelot.

Mit Eurer Erlaubnis, Herr.

Lorenzo.

Wo willst du hin?

Lanzelot.

Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden.

Lorenzo.

Da nimm dies; sag der schönen Jessica,

Daß ich sie treffen will. - Sag's heimlich! geh;

(Lanzelot ab.)

Ihr Herrn,

Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten?

Ich bin versehn mit einem Fackelträger.

Salarino.

Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach.

Solanio.

Das will ich auch.

Lorenzo.

Trefft mich und Graziano.

In einer Stund in Grazianos Haus.

Salarino.

Gut das, es soll geschehn. (Salarino und Solanio ab.)

Graziano.

Der Brief kam von der schönen Jessica?

Lorenzo.

Ich muß dir's nur vertraun: sie gibt mir an,

Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe;

Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen,

Ein Pagenanzug liege schon bereit.

Kommt je der Jud, ihr Vater, in den Himmel,

So ist's um seiner holden Tochter willen;

Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten,

Es müßte denn mit diesem Vorwand sein,

Daß sie von einem falschen Juden stammt.

Komm, geh mit mir und lies im Gehn dies durch;

Mir trägt die schöne Jessica die Fackel. (Beide ab.)

Fünfte Szene

Vor Shylocks Hause

Shylock und Lanzelot kommen

Shylock.

Gut, du wirst sehn mit deinen eignen Augen

Des alten Shylocks Abstand von Bassanio.

He, Jessica! - Du wirst nicht voll dich stopfen,

Wie du bei mir getan - He, Jessica! -

Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen -

He, sag ich, Jessica!

Lanzelot.

He, Jessica!

Shylock.

Wer heißt dich schrein? Ich hab's dir nicht geheißen.

Lanzelot.

Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun. Jessica kommt.

Jessica.

Ruft Ihr? Was ist Euch zu Befehl?

Shylock.

Ich bin zum Abendessen ausgebeten.

Da hast du meine Schlüssel, Jessica.

Zwar weiß ich nicht, warum ich geh; sie bitten

Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir;

Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender

Von Christen zehren. - Jessica, mein Kind,

Acht auf mein Haus! - Ich geh recht wider Willen.

Es braut ein Unglück gegen meine Ruh,

Denn diese Nacht träumt ich von Säcken Geldes.

Lanzelot.

Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft.

Shylock.

Ich seine auch.

Lanzelot.

Und sie haben sich verschworen. - Ich sage nicht, daß Ihr eine Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war.

Shylock.

Was? gibt es Masken? Jessica, hör an:

Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst

Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,

So klettre mir nicht an den Fenstern auf;

Steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße,

Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz

Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren -

Die Fenster, mein ich - zu und laß den Schall

Der albern' Geckerei nicht dringen in

Mein ehrbar Haus. Bei Jakobs Stabe schwör ich:

Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen;

Doch will ich gehn. - Du Bursch, geh mir voran;

Sag, daß ich komme.

Lanzelot.

Herr, ich will vorangehn.

Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allem;

Denn vorbeigehn wird ein Christ,

Wert, daß ihn 'ne Jüdin küßt. (Ab.)

Shylock.

Was sagt der Narr von Hagars Stamme? he?

Jessica.

Sein Wort war: «Fräulein, lebet wohl» - sonst nichts.

Shylock.

Der Laff ist gut genug, jedoch ein Fresser,

'ne Schnecke zum Gewinn und schläft bei Tag

Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock

Baun keine Drohnen; drum laß ich ihn gehn

Und laß ihn gehn zu einem, dem er möge

Den aufgeborgten Beutel leeren helfen.

Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein,

Vielleicht komm ich im Augenblicke wieder.

Tu, was ich dir gesagt, schließ hinter dir

Die Türen; fest gebunden, fest gefunden,

Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden. (Ab.)

Jessica.

Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn,

Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin. (Ab.)

Sechste Szene

Ebendaselbst

Graziano und Salarino kommen maskiert

Graziano.

Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo

Uns haltzumachen bat.

Salarino.

Die Stund ist fast vorbei.

Graziano.

Und Wunder ist es, daß er sie versäumt;

Verliebte laufen stets der Uhr voraus.

Salarino.

O zehnmal schneller fliegen Venus' Tauben,

Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln,

Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch

Gegebne Treu zu halten.

Graziano.

So geht's in allem; wer steht auf vom Mahl

Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß?

Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn

Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer,

Womit es sie betreten? Jedes Ding

Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen.

Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender

Eilt das beflaggte Schiff aus heimscher Bucht,

Geliebkost und gehetzt vom Buhler Wind!

Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim,

Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert,

Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind! Lorenzo tritt auf.

Salarino.

Da kommt Lorenzo, mehr hievon nachher.

Lorenzo.

Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug:

Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen.

Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt,

Dann wart ich auch so lang auf euch. - Kommt näher!

Hier wohnt mein Vater Jude - He! wer da? Jessica oben am Fenster in Knabentracht.

Jessica.

Wer seid Ihr? sagt's zu mehrer Sicherheit,

Wiewohl ich schwör, ich kenne Eure Stimme.

Lorenzo.

Lorenzo und dein Liebster.

Jessica.

Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja!

Denn wen lieb ich so sehr? Und nun, wer weiß

Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin?

Lorenzo.

Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir's.

Jessica.

Hier, fang dies Kästchen auf, es lohnt die Müh.

Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht,

Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch;

Doch Lieb ist blind, Verliebte sehen nicht

Die artgen Kinderein, die sie begehen;

Denn könnten sie's, Cupido würd erröten,

Als Knaben so verwandelt mich zu sehn.

Lorenzo.

Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein.

Jessica.

Was? muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach?

Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage.

Ei, Lieber, 's ist ein Amt zum kundbar machen;

Ich muß verheimlicht sein.

Lorenzo.

Das bist du, Liebe,

Im hübschen Anzug eines Knaben schon.

Doch komm sogleich,

Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon;

Wir werden bei Bassanios Fest erwartet.

Jessica.

Ich mach die Türen fest, vergülde mich

Mit mehr Dukaten noch und bin gleich bei Euch. (Tritt zurück.)

Graziano.

Nun! auf mein Wort! 'ne Göttin, keine Jüdin.

Lorenzo.

Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe;

Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe,

Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt,

Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt.

Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu,

Mir in beständigem Gemüt verwahrt.

Jessica kommt heraus.

Nun bist du da? - Ihr Herren, auf und fort!

Der Maskenzug erwartet schon uns dort. (Ab mit Jessica und Salarino.)

Antonio tritt auf.

Antonio.

Wer da?

Graziano.

Signor Antonio.

Antonio.

Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern?

Es ist neun Uhr, die Freund erwarten Euch.

Kein Tanz zur Nacht, der Wind hat sich gedreht,

Bassanio will im Augenblick an Bord;

Wohl zwanzig Boten schickt ich aus nach Euch.

Graziano.

Mir ist es lieb, nichts kann mich mehr erfreun,

Als unter Segel gleich die Nacht zu sein. (Beide ab.)

Siebente Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf, beide mit Gefolge

Porzia.

Geht, zieht beiseit den Vorhang und entdeckt

Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen. -

Trefft Eure Wahl nunmehr.

Marokko.

Von Gold das erste, das die Inschrift hat:

«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.»

Das zweite, silbern, führet dies Versprechen:

«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»

Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung:

«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»

Woran erkenn ich, ob ich recht gewählt?

Porzia.

Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz:

Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.

Marokko.

So leit ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn!

Ich muß die Sprüche nochmals überlesen.

Was sagt dies bleir'ne Kästchen?

«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»

Der gibt - wofür? für Blei? und wagt für Blei?

Dies Kästchen droht; wenn Menschen alles wagen,

Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns.

Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken,

Ich geb also und wage nichts für Blei.

Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe?

«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»

Soviel, als er verdient? - Halt ein, Marokko,

Und wäge deinen Wert mit steter Hand.

Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung,

Verdienest du genug, doch kann genug

Wohl nicht soweit bis zu dem Fräulein reichen.

Und doch, mich ängsten über mein Verdienst,

Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst.

Soviel, als ich verdiene? - Ja, das ist

Das Fräulein; durch Geburt verdien ich sie,

Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung;

Doch mehr verdien ich sie durch Liebe. Wie,

Wenn ich nicht weiter schweift und wählte hier?

Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben:

«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.

Das ist das Fräulein; alle Welt begehrt sie,

Aus jedem Weltteil kommen sie herbei,

Dies sterblich atmend Heilgenbild zu küssen;

Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden

Arabiens sind gebahnte Straßen nun

Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen;

Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt

Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm

Für diese fremden Geister; nein, sie kommen

Wie über einen Bach zu Porzias Anblick.

Eins von den drein enthält ihr himmlisch Bild;

Soll Blei es in sich fassen? Lästrung wär's,

Zu denken solche Schmach; es wär zu schlecht,

Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern.

Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt,

Von zehnmal minderm Wert als reines Gold?

O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod

Ward nie geringer als in Gold gefaßt.

In England gibt's 'ne Münze, die das Bild

Von einem Engel führt, in Gold geprägt.

Doch der ist drauf gedruckt; hier liegt ein Engel

Ganz drin im goldnen Bett. - Gebt mir den Schlüssel,

Hier wähl ich, und geling es, wie es kann.

Porzia.

Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da,

So bin ich Euer. (Er schließt das goldne Kästchen auf.)

Marokko.

O Hölle, was ist hier?

Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel

Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen: «Alles ist nicht Gold, was gleißt,

Wie man oft Euch unterweist.

Manchen in Gefahr es reißt,

Was mein äußrer Schein verheißt;

Goldnes Grab hegt Würmer meist;

Wäret Ihr so weis als dreist,

Jung an Gliedern, alt an Geist,

So würdet Ihr nicht abgespeist

Mit der Antwort: Geht und reist.» Ja fürwahr, mit bittrer Kost;

Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost!

Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt

Mein Herz zu tief; so scheidet, wer verspielt. (Ab.)

Porzia.

Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht!

So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht. (Alle ab.)

Achte Szene

Venedig. Eine Straße

Salarino und Solanio treten auf

Salarino.

Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel;

Mit ihm ist Graziano abgereist,

Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo.

Solanio.

Der Schelm von Juden schrie den Dogen auf,

Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen.

Salarino.

Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel;

Doch da empfing der Doge den Bericht,

In einer Gondel habe man Lorenzo

Mit seiner Liebsten Jessica gesehn;

Auch gab Antonio ihm die Versichrung,

Sie sei'n nicht mit Bassanio auf dem Schiff.

Solanio.

Nie hört ich so verwirrte Leidenschaft,

So seltsam wild und durcheinander, als

Der Hund von Juden in den Straßen ausließ:

«Mein' Tochter - mein' Dukaten - o mein' Tochter!

Fort mit 'nem Christen - o mein' christlichen Dukaten!

Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten!

Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt,

Voll von Dukaten, doppelten Dukaten!

Gestohl'n von meiner Tochter; und Juwelen,

Zwei Stein'- zwei reich' und köstliche Gestein',

Gestohl'n von meiner Tochter! O Gerichte,

Find't mir das Mädchen! - Sie hat die Steine bei sich

Und die Dukaten.»

Salarino.

Ja, alle Gassenbuben folgen ihm

Und schrein: «Die Stein', die Tochter, die Dukaten!»

Solanio.

Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,

Sonst wird er hiefür zahlen.

Salarino.

Gut bedacht!

Mir sagte gestern ein Franzose noch,

Mit dem ich schwatzte, in der engen See,

Die Frankreich trennt von England, sei ein Schiff

Von unserm Land verunglückt, reich geladen;

Ich dachte des Antonio, da er's sagte,

Und wünscht im stillen, daß es seins nicht wär.

Solanio.

Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört;

Doch tut's nicht plötzlich, denn es könnt ihn kränken.

Salarino.

Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht.

Ich sah Bassanio und Antonio scheiden;

Bassanio sagt' ihm, daß er eilen wolle

Mit seiner Rückkehr. «Nein», erwidert' er,

«Schlag dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio,

Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen.

Und die Verschreibung, die der Jude hat,

Laß sie beschweren nicht dein liebend Herz.

Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz

Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen

Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen.»

Und hier, die Augen voller Tränen, wandt er

Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,

Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung,

Drückt' er Bassanios Hand. So schieden sie.

Solanio.

Ich glaub, er liebt die Welt nur seinetwegen;

Ich bitt Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden,

Um seine Schwermut etwas zu zerstreun

Auf ein und andre Art.

Salarino.

Ja, tun wir das. (Beide ab.)

Neunte Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

Nerissa kommt mit einem Bedienten

Nerissa.

Komm, hurtig, hurtig, zieh den Vorhang auf!

Der Prinz von Arragon hat seinen Eid

Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl. Trompentenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider Gefolge.

Porzia.

Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz!

Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt,

Soll die Vermählung gleich gefeiert werden.

Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr ohne weiters

Im Augenblick von hier Euch wegbegeben.

Arragon.

Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten:

Zum ersten, niemals jemand kundzutun,

Welch Kästchen ich gewählt; sodann: verfehl ich

Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben

Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich:

Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt,

Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn.

Porzia.

Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der

Zu wagen kommt um mein geringes Selbst.

Arragon.

Und so bin ich gerüstet. Glück wohlauf

Nach Herzens Wunsch! - Gold, Silber, schlechtes Blei:

«Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.»

Du mußtest schöner aussehn, eh ich's täte.

Was sagt das goldne Kästchen? Ha, laßt sehn!

«Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.»

Was mancher Mann begehrt? - Dies mancher meint vielleicht

Die Torenmenge, die nach Scheine wählt,

Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt;

Die nicht ins Innre dringt und wie die Schwalbe

Im Wetter bauet an der Außenwand,

Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs.

Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt,

Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen,

Noch mich zu rohen Haufen stellen will.

Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach!

Sag mir noch mal die Inschrift, die du führst:

«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»

Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn,

Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein,

Den das Verdienst nicht stempelt? Maße keiner

Sich einer unverdienten Würde an.

O würden Güter, Rang und Ämter nicht

Verderbterweis erlangt und würde Ehre

Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft,

Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!

Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann!

Wie viel des Pöbels würde ausgesondert

Aus reiner Ehre Saat! und wieviel Ehre

Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,

Um neu zu glänzen! - Wohl, zu meiner Wahl!

«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»

Ich halt es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel,

Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf.

Porzia.

Zu lang geweilt für das, was Ihr da findet.

Arragon.

Was gibt's hier? Eines Gecken Bild, der blinzt

Und mir 'nen Zettel reicht! Ich will ihn lesen.

O wie so gar nicht gleichst du Porzien!

Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst!

«Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient.»

Verdient ich nichts als einen Narrenkopf?

Ist das mein Preis? Ist mein Verdienst nicht höher?

Porzia.

Fehlen und richten sind getrennte Ämter,

Und die sich widersprechen.

Arragon.

Was ist hier? «Siebenmal im Feur geklärt

Ward dies Silber: so bewährt

Ist ein Sinn, den nichts betört.

Mancher achtet Schatten wert,

Dem ist Schattenheil beschert;

Mancher Narr in Silber fährt,

So auch dieser, der Euch lehrt:

Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib

Immer trägt mich Euer Leib.

Geht und sucht Euch Zeitvertreib!» Mehr und mehr zum Narrn mich macht

Jede Stunde hier verbracht.

Mit einem Narrenkopf zum Frein

Kam ich her und geh mit zwein.

Herz, leb wohl! was ich versprach,

Halt ich, trage still die Schmach. (Arragon mit Gefolge ab.)

Porzia.

So ging dem Licht die Motte nach!

O diese weisen Narren! wenn sie wählen,

Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen.

Nerissa.

Die alte Sag ist keine Ketzerei.

Daß Frein und Hängen eine Schickung sei.

Porzia.

Komm, zieh den Vorhang zu, Nerissa. Ein Bedienter kommt.

Bedienter.

Wo ist mein Fräulein?

Porzia.

Hier; was will mein Herr?

Bedienter.

An Eurem Tor ist eben abgestiegen

Ein junger Venezianer, welcher kommt,

Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden,

Von dem er stattliche Begrüßung bringt;

Das heißt, nebst vielen artgen Worten, Gaben

Von reichem Wert; ich sahe niemals noch

Solch einen holden Liebesabgesandten.

Nie kam noch im April ein Tag so süß,

Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe,

Als dieser Bote seinem Herrn voran.

Porzia.

Nichts mehr, ich bitt dich; ich besorge fast,

Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter;

Du wendest solchen Festtagswitz an ihn.

Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun,

Cupidos Herold, so geschickt und fein.

Nerissa.

Bassanio, Herr des Herzens! laß es sein. (Alle ab.)


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