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William Shakespeare: Julius Cäsar

Inhalt

Erster Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Zweiter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene]

Dritter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Vierter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Fünfter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene] [Fünfte Szene]

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Die Ebene von Philippi

Octavius, Antonius und ihr Heer

Octavius.

Nun, Mark Anton, wird meine Hoffnung wahr.

Ihr spracht, der Feind werd auf den Höhn sich halten

Und nicht herab in unsre Ebene ziehn;

Es zeigt sich anders: seine Scharen nahn!

Sie wollen zu Philippi hier uns mahnen

Und Antwort geben, eh wir sie befragt.

Antonius.

Pah, steck ich doch in ihren Herzen, weiß,

Warum sie's tun. Sie wären's wohl zufrieden,

Nach andern Plätzen hinzuziehn, und kommen

Mit bangem Trotz, im Wahn, durch diesen Aufzug

Uns vorzuspiegeln, sie besitzen Mut.

Allein dem ist nicht so. Ein Bote tritt auf.

Bote.

Bereitet euch, ihr Feldherrn.

Der Feind rückt an in wohlgeschloßnen Reihn.

Sein blutges Schlachtpanier ist ausgehängt,

Und etwas muß im Augenblick geschehn.

Antonius.

Octavius, führet langsam Euer Heer

Zur linken Hand der Ebene weiter vor.

Octavius.

Zur rechten ich; behaupte du die linke.

Antonius.

Was kreuzt Ihr mich, da die Entscheidung drängt?

Octavius.

Ich kreuz Euch nicht, doch ich verlang es so. (Marsch.)

Trommeln werden gerührt. Brutus und Cassius kommen mit ihrem Heere; Lucilius, Titinius, Messala und andre.

Brutus.

Sie halten still und wollen ein Gespräch.

Cassius.

Titinius, steh! Wir treten vor und reden.

Octavius.

Antonius, geben wir zur Schlacht das Zeichen?

Antonius.

Nein, Cäsar, laßt uns ihres Angriffs warten.

Kommt, tretet vor! Die Feldherrn wünschen ja

Ein Wort mit uns.

Octavius.

Bleibt stehn bis zum Signal.

Brutus.

Erst Wort, dann Schlag: nicht wahr, ihr Landsgenossen?

Octavius.

Nicht, daß wir mehr als ihr nach Worten fragen.

Brutus.

Gut Wort, Octavius, gilt wohl bösen Streich.

Antonius.

Ihr, Brutus, gebt bei bösem Streich gut Wort.

Des zeuget Cäsars Herz, durchbohrt von Euch,

Indes Ihr rieft: «Lang lebe Cäsar, Heil!»

Cassius.

Die Führung Eurer Streiche, Mark Anton,

Ist uns noch unbekannt; doch Eure Worte

Begehn an Hyblas Bienen Raub und lassen

Sie ohne Honig.

Antonius.

Nicht auch stachellos?

Brutus.

O ja! auch tonlos, denn Ihr habt ihr Summen

Gestohlen, Mark Anton, und drohet weislich,

Bevor Ihr stecht.

Antonius.

Ihr tatet's nicht, Verräter,

Als eure schnöden Dolch' einander stachen

In Cäsars Brust. Ihr zeigtet eure Zähne

Wie Affen, krocht wie Hunde, bücktet tief

Wie Sklaven euch und küßtet Cäsars Füße;

Derweil von hinten der verfluchte Casca

Mit tückschem Bisse Cäsars Nacken traf.

O Schmeichler!

Cassius.

Schmeichler! - Dankt Euch selbst nun, Brutus,

Denn diese Zunge würde heut nicht freveln,

Wär Cassius' Rat befolgt.

Octavius.

Zur Sache! kommt! Macht Widerspruch uns schwitzen,

So kostet rötre Tropfen der Erweis.

Seht! auf Verschworne zück ich dieses Schwert:

Wann, denkt ihr, geht es wieder in die Scheide?

Nie, bis des Cäsar dreiundzwanzig Wunden

Gerächt sind, oder bis ein andrer Cäsar

Mit Mord gesättigt der Verräter Schwert.

Brutus.

Cäsar, du kannst nicht durch Verräter sterben,

Du bringest denn sie mit.

Octavius.

Das hoff ich auch;

Von Brutus' Schwert war Tod mir nicht bestimmt.

Brutus.

O wärst du deines Stammes Edelster,

Du könntest, junger Mann, nicht schöner sterben.

Cassius.

Ein launisch Bübchen, unwert solchen Ruhms,

Gesellt zu einem Wüstling und 'nem Trinker.

Antonius.

Der alte Cassius!

Octavius.

Kommt, Antonius! fort!

Trotz in die Zähne schleudr' ich euch, Vertäter!

Wagt ihr zu fechten heut, so kommt ins Feld,

Wo nicht, wenn's euch gemutet. (Octavius und Antonius mit ihrem Heere ab.)

Cassius.

Nun tobe, Wind! schwill, Woge! schwimme, Nachen!

Der Sturm ist wach und alles auf dem Spiel.

Brutus.

Lucilius, hört! ich muß ein Wort Euch sagen.

Lucilius. Herr? (Brutus und Lucilius reden beiseite miteinander.)

Cassius.

Messala!

Messala.

Was befiehlt mein Feldherr?

Cassius.

Messala, dies ist mein Geburtstag; grade

An diesem Tag kam Cassius auf die Welt.

Gib mir die Hand, Messala, sei mein Zeuge,

Daß ich gezwungen, wie Pompejus einst,

An eine Schlacht all unsre Freiheit wage.

Du weißt, ich hielt am Epicurus fest

Und seiner Lehr; nun ändr' ich meinen Sinn

Und glaub an Dinge, die das Künftge deuten.

Auf unserm Zug von Sardes stürzten sich

Zwei große Adler auf das vordre Banner;

Da saßen sie und fraßen gierig schlingend

Aus unsrer Krieger Hand; sie gaben uns

Hieher bis nach Philippi das Geleit;

Heut morgen sind sie auf und fortgeflohn.

Statt ihrer fliegen Raben, Geier, Krähn

Uns überm Haupt und schaun herab auf uns

Als einen siechen Raub; ihr Schatten scheint

Ein Trauerhimmel, unter dem das Heer,

Bereit, den Atem auszuhauchen, liegt.

Messala.

Nein, glaubt das nicht.

Cassius.

Ich glaub es auch nur halb,

Denn ich bin frischen Mutes und entschlossen,

Zu trotzen standhaft jeglicher Gefahr.

Brutus.

Tu das, Lucilius.

Cassius.

Nun, mein edler Brutus,

Sein uns die Götter heute hold, auf daß wir

Gesellt in Frieden unserm Alter nahn!

Doch weil das Los der Menschen niemals sicher,

Laßt uns bedacht sein auf den schlimmsten Fall.

Verlieren wir dies Treffen, so ist dies

Das allerletzte Mal, daß wir uns sprechen:

Was habt Ihr dann Euch vorgesetzt zu tun?

Brutus.

Ganz nach der Vorschrift der Philosophie,

Wonach ich Cato um den Tod getadelt,

Den er sich gab (ich weiß nicht, wie es kommt,

Allein ich find es feig und niederträchtig,

Aus Furcht, was kommen mag, des Lebens Zeit

So zu verkürzen), will ich mit Geduld

Mich waffnen und den Willen hoher Mächte

Erwarten, die das Irdische regieren.

Cassius.

Dann, geht die Schlacht verloren, laßt Ihr's Euch

Gefallen, daß man durch die Straßen Roms

Euch im Triumphe führt?

Brutus.

Nein, Cassius, nein! Glaub mir, du edler Römer,

Brutus wird nie gebunden gehn nach Rom;

Er trägt zu hohen Sinn. Doch dieser Tag

Muß enden, was des Märzen Idus anfing;

Ob wir uns wieder treffen, weiß ich nicht:

Drum laßt ein ewig Lebewohl uns nehmen.

Gehab dich wohl, mein Cassius, für und für!

Sehn wir uns wieder, nun, so lächeln wir;

Wo nicht, so war dies Scheiden wohlgetan.

Cassius.

Gehab dich wohl, mein Brutus, für und für!

Sehn wir uns wieder, lächeln wir gewiß;

Wo nicht, ist wahrlich wohlgetan dies Scheiden.

Brutus.

Nun wohl, rückt vor! O wüßte jemand doch

Das Ende dieses Tagwerks, eh es kommt!

Allein es gnüget, enden wird der Tag,

Dann wissen wir sein Ende. - Kommt und fort! (Alle ab.)

Zweite Szene

Das Schlachtfeld Getümmel. Brutus und Messala kommen

Brutus.

Reit, reit, Messala, reit! Bring diese Zettel

Den Legionen auf der andern Seite. (Lautes Getümmel.)

Laß sie auf einmal stürmen, denn ich merke,

Octavius' Flügel hält nur schwachen Stand;

Ein schneller Anfall wirft ihn übern Haufen.

Reit! reit, Messala! Laß herab sie kommen! (Beide ab.)

Dritte Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes Getümmel. Cassius und Titinius kommen

Cassius.

O sieh, Titinius! sieh! die Schurken fliehn.

Ich selbst ward meiner eignen Leute Feind:

Dies unser Banner wandte sich zur Flucht;

Ich schlug den Feigen und entriß es ihm.

Titinius.

O Cassius! Brutus gab das Wort zu früh.

Im Vorteil gegen den Octavius, setzt' er

Zu hitzig nach; sein Heer fing an zu plündern,

Indes uns alle Mark Anton umzingelt. Pindarus kommt.

Pindarus.

Herr, flieht doch weiter! flieht doch weiter weg!

Antonius ist in Euren Zelten, Herr;

Drum, edler Cassius, flieht! Flieht weit hinweg!

Cassius.

Der Hügel hier ist weit genug. Schau, schau,

Titinius! Sind das meine Zelte nicht,

Wo ich das Feuer sehe?

Titinius.

Ja, mein Feldherr.

Cassius.

Wenn du mich hebst, Titinius, so besteig

Mein Pferd, setz ihm die Sporen in die Seite,

Bis es zu jener Mannschaft dich gebracht

Und wieder her, damit ich sicher wisse,

Ob jene Mannschaft Freund ist oder Feind.

Titinius.

Wie ein Gedanke bin ich wieder hier. (Ab.)

Cassius.

Geh, Pindarus, steig höher auf den Hügel,

Denn mein Gesicht ist kurz; acht auf Titinius

Und sag mir, was du auf dem Feld entdeckst.

(Pindarus ab.)

An diesem Tage atmet ich zuerst;

Die Zeit ist um, und enden soll ich da,

Wo ich begann; mein Leben hat den Kreislauf

Vollbracht. - Du dort, was gibt's?

Pindarus (oben).

O Herr!

Cassius.

Was gibt's?

Pindarus.

Titinius ist von Reitern ganz umringt;

Sie jagen auf ihn zu, doch spornt er weiter.

Nun sind sie dicht schon bei ihm - nun Titinius!

Sie steigen ab - er auch - er ist gefangen;

Und horcht! sie jubeln laut. (Freudengeschrei.)

Cassius.

Steig nur herunter, sieh nicht weiter zu.

O Memme, die ich bin, so lang zu leben,

Bis ich den besten Freund vor meinen Augen

Gefangen sehen muß!

Pindarus kommt zurück.

Komm, Bursch, hieher!

Ich macht in Parthia dich zum Gefangnen

Und ließ dich schwören, deines Lebens schonend,

Was ich nur immer tun dich hieß', du wollest

Es unternehmen. Komm nun, halt den Schwur!

Sei frei nun, und mit diesem guten Schwert,

Das Cäsars Leib durchbohrt, triff diesen Busen.

Erwidre nichts! Hier fasse du das Heft,

Und ist mein Angesicht verhüllt, wie jetzt,

So führ das Schwert. - Cäsar, du bist gerächt

Und mit demselben Schwert, das dich getötet. (Er stirbt.)

Pindarus.

So bin ich frei, doch wär ich's lieber nicht,

Hätt es auf mir beruht. - O Cassius!

Weit weg flieht Pindarus von diesem Lande,

Dahin, wo nie ein Römer ihn bemerkt. (Ab.) Titinius und Messala kommen.

Messala.

Es ist nur Tausch, Titinius; denn Octav

Ward von des edlen Brutus Macht geschlagen,

Wie Cassius' Legionen von Antonius.

Titinius.

Die Zeitung wird den Cassius sehr erquicken.

Messala.

Wo ließt Ihr ihn?

Titinius.

Ganz trostlos, neben ihm

Sein Sklave Pindarus, auf diesem Hügel.

Messala.

Ist er das nicht, der auf dem Boden liegt?

Titinius.

Er liegt nicht da wie lebend. - O mein Herz!

Messala.

Nicht wahr, er ist es?

Titinius.

Nein, er war's, Messala:

Doch Cassius ist nicht mehr. - O Abendsonne!

Wie du in deinen roten Strahlen sinkst,

So ging in Blut der Tag des Cassius unter.

Die Sonne Roms ging unter; unser Tag

Ist hingeflohn; nun kommen Wolken, Tau,

Gefahren; unsre Taten sind getan.

Mißtraun in mein Gelingen bracht ihn um.

Messala.

Mißtraun in guten Ausgang bracht ihn um.

O hassenswerter Wahn! der Schwermut Kind!

Was zeigst du doch dem regen Witz der Menschen

Das, was nicht ist! O Wahn, so bald empfangen,

Zu glücklicher Geburt gelangst du nie

Und bringst die Mutter um, die dich erzeugt.

Titinius.

Auf, Pindarus! Wo bist du, Pindarus?

Messala.

Such ihn, Titinius; ich indessen will

Zum edlen Brutus und sein Ohr durchbohren

Mit dem Bericht. Wohl nenn ich es durchbohren;

Denn scharfer Stahl und giftge Pfeile würden

Dem Ohr des Brutus so willkommen sein,

Als Meldung dieses Anblicks.

Titinius.

Eilt, Messala!

Ich suche Pindarus indessen auf. (Messala ab.)

Warum mich ausgesandt, mein wackrer Cassius?

Traf ich nicht deine Freunde? Setzten sie

Nicht diesen Siegeskranz auf meine Stirn,

Ihn dir zu bringen? Vernahmst du nicht ihr Jubeln?

Ach, jeden Umstand hast du mißgedeutet!

Doch halt, nimm diesen Kranz um deine Stirn;

Dein Brutus hieß mich dir ihn geben; ich

Vollführe sein Gebot. - Komm schleunig, Brutus,

Und sieh, wie ich den Cajus Cassius ehrte!

Verzeiht, ihr Götter! - Dies ist Römerbrauch:

Komm, Cassius' Schwert! triff den Titinius auch. (Er stirbt.) Getümmel. Messala kommt zurück mit Brutus, dem jungen Cato, Strato, Volumnius und Lucilius.

Brutus.

Wo? Wo, Messala? sag, wo liegt die Leiche?

Messala.

Seht, dort! Titinius trauert neben ihr.

Brutus.

Titinius' Antlitz ist emporgewandt.

Cato.

Er ist erschlagen.

Brutus.

O Julius Cäsar! Du bist mächtig noch;

Dein Geist geht um, er ist's, der unsre Schwerter

In unser eignes Eingeweide kehrt. (Lautes Getümmel.)

Cato.

Mein wackrer Freund Titinius! Seht doch her,

Wie er den toten Cassius gekränzt!

Brutus.

Und leben noch zwei Römer, diesen gleich?

Du letzter aller Römer, lebe wohl!

Unmöglich ist's, daß Rom je deinesgleichen

Erzeugen sollte. - Diesem Toten, Freunde,

Bin ich mehr Tränen schuldig, als ihr hier

Mich werdet zahlen sehen; aber, Cassius,

Ich finde Zeit dazu, ich finde Zeit.

Drum kommt, und schickt nach Thassos seine Leiche,

Er soll im Lager nicht bestattet werden;

Es schlüg uns nieder. - Komm, Lucilius!

Komm, junger Cato! Zu der Walstatt hin!

Ihr, Flavius und Labeo, laßt unsre Scharen rücken!

Es ist drei Uhr, und, Römer, noch vor Nacht

Versuchen wir das Glück in einer zweiten Schlacht. (Alle ab.)

Vierte Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes Getümmel. Soldaten von beiden Heeren, fechtend; darauf Brutus, Cato, Lucilius und andre

Brutus.

Noch, Bürger, o noch haltet hoch die Häupter!

Cato.

Ein Bastard, der's nicht tut! Wer will mir folgen?

Ich rufe meinen Namen durch das Feld:

Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hört!

Feind der Tyrannen, Freund des Vaterlands!

Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hört!

Brutus (dringt auf den Feind ein).

Und ich bin Brutus, Marcus Brutus, ich;

Des Vaterlandes Freund: kennt mich als Brutus! (Ab, indem er auf den Feind eindringt. Cato wird überwältigt und fällt.)

Lucilius.

O junger, edler Cato! bist du hin?

Ja! tapfer wie Titinius stirbst du nun,

Man darf dich ehren als des Cato Sohn.

Erster Soldat.

Ergib dich, oder stirb!

Lucilius. Nur um zu sterben

Ergeb ich mich. Hier ist soviel für dich (Bietet ihm Geld an),

Daß du sogleich mich töten wirst; nun töte

Den Brutus, und es ehre dich sein Tod.

Erster Soldat.

Wir dürfen's nicht. - Ein edler Gefangner.

Zweiter Soldat.

Platz da!

Sagt dem Antonius, daß wir Brutus haben.

Erster Soldat.

Ich will es melden. - Sieh, da kommt der Feldherr.

Antonius tritt auf.

Wir haben Brutus, Herr! wir haben Brutus!

Antonius.

Wo ist er?

Lucilius.

In Sicherheit; Brutus ist sicher gnug.

Verlaß dich drauf, daß nimmermehr ein Feind

Den edlen Brutus lebend fangen wird.

Die Götter schützen ihn vor solcher Schmach!

Wo ihr ihn findet, lebend oder tot,

Er wird wie Brutus, wie er selbst, sich zeigen.

Antonius.

Dies ist nicht Brutus, Freund, doch auf mein Wort,

Ein nicht geringrer Fang. Verwahrt ihn wohl,

Erweist nur Gutes ihm; ich habe lieber

Zu Freunden solche Männer als zu Feinden.

Eilt! seht, ob Brutus tot ist oder lebt!

Und bringt Bericht zu des Octavius Zelt,

Wie alles sich begeben. (Alle ab.)

Fünfte Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes Brutus, Dardanius, Clitus, Strato und Volumnius treten auf

Brutus.

Kommt, armer Überrest von Freunden! ruht

An diesem Felsen.

Clitus.

Herr, Statilius zeigte

Das Fackellicht, doch kommt er nicht zurück;

Er ist gefangen oder gar erschlagen.

Brutus.

Setz dich zu mir. Erschlagen ist die Losung,

Es ist des Tages Sitte. - Höre, Clitus! (Spricht leise mit ihm.)

Clitus.

Wie, gnädger Herr? Ich? Nicht um alle Welt.

Brutus.

Still denn! kein Wort!

Clitus.

Eh tötet ich mich selbst.

Brutus.

Dardanius, hör! (Spricht leise mit ihm.)

Dardanius.

Ich eine solche Tat?

Clitus.

O Dardanius!

Dardanius.

O Clitus!

Clitus.

Welch einen schlimmen Antrag tat dir Brutus?

Dardanius.

Ich sollt ihn töten, Clitus; sieh, er sinnt.

Clitus.

Nun ist das herrliche Gefäß voll Gram,

So daß es durch die Augen überfließt.

Brutus.

Komm zu mir, Freund Volumnius: ein Wort!

Volumnius.

Was sagt mein Feldherr?

Brutus.

Dies, Volumnius:

Der Geist des Cäsar ist zu zweien Malen

Mir in der Nacht erschienen; erst zu Sardes,

Und vorge Nacht hier in Philippis Ebne.

Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Volumnius.

Nicht doch, mein Feldherr.

Brutus.

O ja, es ist gewiß, Volumnius.

Du siehst, Volumnius, wie es um uns steht;

Der Feind hat uns zum Abgrund hingetrieben. (Getümmel.)

Es ziemt sich mehr, von selbst hineinzuspringen,

Als zu erwarten seinen letzten Stoß.

Volumnius, wir gingen in die Schule

Zusammen, wie du weißt. Ich bitte dich

Um jener unsrer alten Liebe willen:

Halt du mein Schwert, indes ich drein mich stürze.

Volumnius.

Das, Brutus, ist kein Dienst für einen Freund. (Fortdauerndes Getümmel.)

Clitus.

Flieht, Herr, o flieht! Hier gilt kein Säumen mehr.

Brutus.

Lebt wohl denn, Ihr - und Ihr - und Ihr, Volumnius.

Du, Strato, lagst die ganze Zeit im Schlaf:

Leb wohl auch du! - Mitbürger, meinem Herzen

Ist's Wonne, daß ich noch im ganzen Leben

Nicht einen fand, der nicht getreu mir war.

Ich habe Ruhm von diesem Unglückstage,

Mehr, als Octavius und Mark Anton

Durch diesen schnöden Sieg erlangen werden.

So lebt zusammen wohl! Denn Brutus' Zunge

Schließt die Geschichte seines Lebens bald.

Nacht deckt mein Auge, mein Gebein will Ruh,

Es strebte längst nur dieser Stunde nach. (Getümmel. Geschrei hinter der Szene.- «Flieht! flieht! flieht!»)

Clitus.

Flieht, Herr! o flieht!

Brutus.

Nur fort! Ich will euch folgen.

(Clitus, Dardanius und Volumnius ab.)

Ich bitt dich, Strato, bleib bei deinem Herrn.

Du bist ein Mensch von redlichem Gemüt,

In deinem Leben war ein Funken Ehre.

Halt denn mein Schwert, und wende dich hinweg,

Indes ich drein mich stürze. Willst du, Strato?

Strato.

Gebt erst die Hand mir. Herr, gehabt Euch wohl!

Brutus.

Leb wohl, mein Freund! - Besänftge, Cäsar, dich!

Nicht halb so gern bracht ich dich um als mich. (Er stürzt sich auf sein Schwert und stirbt.)

Getümmel. Rückzug. Octavius und Antonius mit ihrem Heere, Messala und Lucilius kommen.

Octavius.

Wer ist der Mann?

Messala.

Der Diener meines Herrn.

Strato, wo ist dein Herr?

Strato.

Frei von den Banden, die Ihr tragt, Messala.

Die Sieger können nur zu Asch ihn brennen;

Denn Brutus unterlag allein sich selbst,

Und niemand sonst hat Ruhm von seinem Tode.

Lucilius.

So mußten wir ihn finden. - Dank dir, Brutus,

Daß du Lucilius' Rede wahr gemacht.

Octavius.

Des Brutus Leute nehm ich all in Dienst.

Willst du in Zukunft bei mir leben, Bursch?

Strato.

Ja, wenn Messala mich Euch überläßt.

Octavius.

Tut mir's zulieb, Messala.

Messala.

Strato, wie starb mein Herr?

Strato.

Ich hielt das Schwert, so stürzt' er sich hinein.

Messala.

Octavius, nimm ihn denn, daß er dir folge,

Der meinem Herrn den letzten Dienst erwies.

Antonius.

Dies war der beste Römer unter allen:

Denn jeder der Verschwornen, bis auf ihn,

Tat, was er tat, aus Mißgunst gegen Cäsar.

Nur er verband aus reinem Biedersinn

Und zum gemeinen Wohl sich mit den andern.

Sanft war sein Leben, und so mischten sich

Die Element' in ihm, daß die Natur

Aufstehen durfte und der Welt verkünden:

Dies war ein Mann!

Octavius.

Nach seiner Tugend laßt uns ihm begegnen

Mit aller Achtung und Bestattungsfeier.

Er lieg in meinem Zelte diese Nacht,

Mit Ehren wie ein Krieger angetan.

Nun ruft das Heer zur Ruh; laßt fort uns eilen

Und dieses frohen Tags Trophäen teilen. (Ab.)


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