DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek
www.digbib.org / William Shakespeare / Julius Cäsar

Anzeigeoptionen: WebBuch (kapitelweise), vollständiger Text: [HTML], [PDF], [TXT]

William Shakespeare: Julius Cäsar

Inhalt

Erster Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Zweiter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene]

Dritter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Vierter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene]

Fünfter Aufzug

[Erste Szene] [Zweite Szene] [Dritte Szene] [Vierte Szene] [Fünfte Szene]

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Rom. Der Garten des Brutus

Brutus tritt auf

Brutus.

He, Lucius! auf! -

Ich kann nicht aus der Höh der Sterne raten,

Wie nah der Tag ist. - Lucius, hörst du nicht? -

Ich wollt, es wär mein Fehler, so zu schlafen. -

Nun, Lucius, nun! Ich sag: erwach! Auf, Lucius! Lucius kommt.

Lucius.

Herr, riefet Ihr?

Brutus.

Bring eine Kerze mir ins Lesezimmer,

Und wenn sie brennt, so komm und ruf mich hier.

Lucius.

Ich will es tun, Herr. (Ab.)

Brutus.

Es muß durch seinen Tod geschehn. Ich habe

Für mein Teil keinen Grund, ihn wegzustoßen,

Als fürs gemeine Wohl. Er wünscht, gekrönt zu sein;

Wie seinen Sinn das ändern möchte, fragt sich.

Der warme Tag ist's, der die Natter zeugt;

Das heischt mit Vorsicht gehn. Ihn krönen? - Ja -

Und dann ist's wahr, wir leihn ihm einen Stachel,

Womit er kann nach Willkür Schaden tun.

Der Größe Mißbrauch ist, wenn von der Macht

Sie das Gewissen trennt; und, um von Cäsarn

Die Wahrheit zu gestehn, ich sah noch nie,

Daß ihn die Leidenschaften mehr beherrscht

Als die Vernunft. Doch oft bestätigt sich's,

Die Demut ist der jungen Ehrfurcht Leiter;

Wer sie hinanklimmt, kehrt den Blick ihr zu;

Doch hat er erst die höchste Spross' erreicht,

Dann kehret er der Leiter seinen Rücken,

Schaut himmelan, verschmäht die niedern Tritte,

Die ihn hinaufgebracht. Das kann auch Cäsar:

Drum, eh er kann, beugt vor. Und weil der Streit

Nicht Schein gewinnt durch das, was Cäsar ist,

Legt so ihn aus: das, was er ist, vergrößert,

Kann dies und jenes Übermaß erreichen.

Drum achtet ihn gleich einem Schlangenei,

Das, ausgebrütet, giftig würde werden

Wie sein Geschlecht, und würgt ihn in der Schale. Lucius kommt zurück.

Lucius.

Die Kerze brennt in Eurem Zimmer, Herr.

Als ich nach Feuerstein im Fenster suchte,

Fand ich dies Blatt, versiegelt; und ich weiß,

Es war nicht da, als ich zu Bette ging.

Brutus.

Geh wieder in dein Bett; es ist noch Nacht.

Ist morgen nicht des Märzen Idus, Knabe?

Lucius.

Ich weiß nicht, Herr.

Brutus.

Such im Kalender denn, und sag es mir.

Lucius.

Das will ich, Herr. (Ab.)

Brutus.

Die Ausdünstungen, schwirrend in der Luft,

Gewähren Licht genug, dabei zu lesen.

(Er öffnet den Brief und liest.)

«Brutus, du schläfst. Erwach und sieh dich selbst!

Soll Rom? - Sprich, schlage, stelle her!

Brutus, du schläfst. Erwache! -»

Oft hat man schon dergleichen Aufgebote

Mir in den Weg gestreut.

«Soll Rom?» - So muß ich es ergänzen:

«Soll Rom vor einem Manne beben?» Wie?

Mein Ahnherr trieb einst von den Straßen Roms

Tarquin hinweg, als er ein König hieß.

«Sprich, schlage, stelle her!» Werd ich zu sprechen,

Zu schlagen angemahnt? O Rom, ich schwöre,

Wenn nur die Herstellung erfolgt, empfängst du

Dein ganz Begehren von der Hand des Brutus! Lucius kommt zurück.

Lucius.

Herr, vierzehn Tage sind vom März verstrichen. (Man klopft draußen.)

Brutus.

's ist gut. Geh an die Pforte; jemand klopft. (Lucius ab.)

Seit Cassius mich spornte gegen Cäsar,

Schlief ich nicht mehr.

Bis zur Vollführung einer furchtbarn Tat,

Vom ersten Antrieb, ist die Zwischenzeit

Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum.

Der Genius und die sterblichen Organe

Sind dann im Rat vereint; und die Verfassung

Des Menschen, wie ein kleines Königreich,

Erleidet dann den Zustand der Empörung. Lucius kommt zurück.

Lucius.

Herr, Euer Bruder Cassius wartet draußen;

Er wünschet Euch zu sehn.

Brutus.

Ist er allein?

Lucius.

Nein, es sind mehr noch bei ihm.

Brutus.

Kennst du sie?

Lucius.

Nein, Herr, sie tragen eingedrückt die Hüte

Und das Gesicht im Mantel halb begraben,

Daß ich durchaus sie nicht erkennen kann

An irgendeinem Zuge.

Brutus.

Laß sie sein. (Lucius ab.)

Es sind die Bundesbrüder. O Verschwörung!

Du schämst dich, die verdächtge Stirn bei Nacht

Zu zeigen, wann das Bös' am freisten ist?

O denn, bei Tag, wo willst du eine Höhle

Entdecken, dunkel gnug es zu verlarven,

Dein schnödes Antlitz? - Verschwörung, suche keine!

In Lächeln hüll es und in Freundlichkeit!

Denn trätst du auf in angeborner Bildung,

So wär der Erebus nicht finster gnug,

Vor Argwohn dich zu schützen. Cassius, Casca, Decius, Metellus Cimber und Trebonius treten auf.

Cassius.

Sind wir gelegen? Guten Morgen, Brutus!

Ich fürchte, daß wie Eure Ruhe stören.

Brutus.

Längst war ich auf und wach die ganze Nacht.

Kenn ich die Männer, welche mit Euch kommen?

Cassius.

Ja, jeden aus der Zahl; und keiner hier,

Der Euch nicht hoch hält, und ein jeder wünscht,

Ihr hättet nur die Meinung von Euch selbst,

Die jeder edle Römer von Euch hegt.

Dies ist Trebonius.

Brutus.

Er ist willkommen.

Cassius.

Dies Decius Brutus.

Brutus.

Er ist auch willkommen.

Cassius.

Dies Casca, dies Cinna, und dies Metellus Cimber.

Brutus.

Willkommen alle!

Was stellen sich für wache Sorgen zwischen

Die Nacht und eure Augen?

Cassius.

Auf ein Wort,

Wenn's Euch beliebt. (Sie reden leise miteinander.)

Decius.

Hier liegt der Ost: bricht da der Tag nicht an?

Casca.

Nein.

Cinna.

Doch, um Verzeihung! und die grauen Streifen,

Die das Gewölk durchziehn, sind Tagesboten.

Casca.

Ihr sollt gestehn, daß ihr euch beide trügt.

Die Sonn erscheint hier, wo mein Degen hinweist;

Das ist ein gut Teil weiter hin nach Süden,

Wenn ihr die junge Jahreszeit erwägt.

Zwei Monde noch, und höher gegen Norden

Steigt ihre Flamm empor, und grade hier

Steht hinterm Kapitol der hohe Ost.

Brutus.

Gebt eure Hand mir, einer nach dem andern.

Cassius.

Und lasset uns beschwören den Entschluß.

Brutus.

Nein, keinen Eid! Wenn nicht der Menschen Antlitz,

Das innre Seelenleid, der Zeit Verfall -

Sind diese Gründe schwach, so brecht nur auf,

Und jeder fort zu seinem trägen Bett!

Laßt frechgesinnte Tyrannei dann schalten,

Bis jeder nach dem Lose fällt. Doch tragen

Sie Feuer gnug in sich, wie offenbar,

Um Feige zu entflammen und mit Mut

Des Weibes schmelzendes Gemüt zu stählen:

O dann, Mitbürger! welchen andern Sporn

Als unsre Sache braucht es, uns zu stacheln

Zur Herstellung? Was für Gewähr, als diese:

Verschwiegne Römer, die das Wort gesprochen,

Und nicht zurückziehn? Welchen andern Eid,

Als Redlichkeit mit Redlichkeit im Bund,

Daß dies gescheh, wo nicht, dafür zu sterben?

Laßt Priester, Memmen, listge Männer schwören,

Verdorrte Greis und solche Jammerseelen,

Die für das Unrecht danken; schwören laßt

Bei bösen Händeln Volk, dem man nicht traut.

Entehrt nicht so den Gleichmut unsrer Handlung

Und unsern unbezwinglich festen Sinn,

Zu denken, unsre Sache, unsre Tat

Brauch einen Eid; da jeder Tropfe Bluts,

Der edel fließt in jedes Römers Adern,

Sich seines echten Stamms verlustig macht,

Wenn er das kleinste Teilchen nur verletzt

Von irgendeinem Worte, das er gab.

Cassius.

Doch wie mit Cicero? Forscht man ihn aus?

Ich denk, er wird sehr eifrig für uns sein.

Casca.

Laßt uns ihn nicht vorübergehn.

Cinna.

Nein, ja nicht.

Metellus.

Gewinnt ihn ja für uns. Sein Silberhaar

Wird eine gute Meinung uns erkaufen

Und Stimmen werben, unser Werk zu preisen.

Sein Urteil habe unsre Hand gelenkt:

So wird es heißen; unsre Hastigkeit

Und Jugend wird im mindsten nicht erscheinen,

Von seinem würdgen Ansehn ganz bedeckt.

Brutus.

O nennt ihn nicht! Laßt uns ihm nichts eröffnen,

Denn niemals tritt er einer Sache bei,

Wenn andre sie erdacht.

Cassius.

So laßt ihn weg.

Casca.

's ist wahr; er paßt auch nicht.

Decius.

Wird niemand sonst, als Cäsar, angetastet?

Cassius.

Ja, gut bedacht! Mich dünkt, daß Mark Anton,

Der so beliebt beim Cäsar ist, den Cäsar

Nicht überleben darf. Er wird sich uns

Gewandt in Ränken zeigen, und ihr wißt,

Daß seine Macht, wenn er sie nutzt, wohl hinreicht,

Uns allen Not zu schaffen. Dem zu wehren,

Fall Cäsar und Antonius zugleich.

Brutus.

Zu blutge Weise, Cajus Cassius, wär's,

Das Haupt abschlagen und zerhaun die Glieder,

Wie Grimm beim Tod und Tücke hinterher.

Antonius ist ja nur ein Glied des Cäsar.

Laßt Opferer uns sein, nicht Schlächter, Cajus.

Wir alle stehen gegen Cäsars Geist,

Und in dem Geist des Menschen ist kein Blut.

O könnten wir doch Cäsars Geist erreichen

Und Cäsarn nicht zerstücken! Aber ach!

Cäsar muß für ihn bluten. Edle Freunde,

Laßt kühnlich uns ihn töten, doch nicht zornig;

Zerlegen laßt uns ihn, ein Mahl für Götter,

Nicht ihn zerhauen wie ein Aas für Hunde.

Laßt unsre Herzen, schlauen Herren gleich,

Zu rascher Tat aufwiegeln ihre Diener.

Und dann zum Scheine schmälen. Dadurch wird

Notwendig unser Werk und nicht gehässig;

Und wenn es so dem Aug des Volks erscheint,

Wird man uns Reiniger, nicht Mörder nennen.

Was Mark Anton betrifft, denkt nicht an ihn,

Denn er vermag nicht mehr als Cäsars Arm,

Wenn Cäsars Haupt erst fiel.

Cassius.

Doch fürcht ich ihn,

Denn seine Liebe hängt so fest am Cäsar.

Brutus.

Ach, guter Cassius, denket nicht an ihn!

Liebt er den Cäsar, so vermag er nichts

Als gegen sich; sich härmen, für ihn sterben.

Und das wär viel von ihm, weil er der Lust,

Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt.

Trebonius.

Es ist kein Arg in ihm; er sterbe nicht.

Denn er wird leben und dies einst belachen. (Die Glocke schlägt.)

Brutus.

Still! zählt die Glocke.

Cassius.

Sie hat drei geschlagen.

Trebonius.

Es ist zum Scheiden Zeit.

Cassius.

Doch zweifl' ich noch,

Ob Cäsar heute wird erscheinen wollen;

Denn kürzlich ist er abergläubisch worden,

Ganz dem entgegen, wie er sonst gedacht

Von Träumen, Einbildung und heilgen Bräuchen.

Vielleicht, daß diese großen Wunderdinge,

Das ungewohnte Schrecken dieser Nacht

Und seiner Augurn Überredung ihn

Entfernt vom Kapitol für heute hält.

Decius.

Das fürchtet nimmer; wenn er das beschloß,

So übermeistr' ich ihn. Er hört es gern,

Das Einhorn lasse sich mit Bäumen fangen,

Der Löw im Netz, der Elefant in Gruben,

Der Bär mit Spiegeln und der Mensch durch Schmeichler;

Doch sag ich ihm, daß er die Schmeichler haßt,

Bejaht er es, am meisten dann geschmeichelt.

Laßt mich gewähren;

Denn ich verstehe sein Gemüt zu lenken,

Und will ihn bringen auf das Kapitol.

Cassius.

Ja, laßt uns alle gehn, um ihn zu holen.

Brutus.

Zur achten Stund aufs späteste, nicht wahr?

Cinna.

Das sei das Spätste, und dann bleibt nicht aus.

Metellus.

Cajus Ligarius ist dem Cäsar feind,

Der's ihm verwies, daß er Pompejus lobte;

Es wundert mich, daß niemand sein gedacht.

Brutus.

Wohl, guter Cimber, geht nur vor bei ihm;

Er liebt mich herzlich, und ich gab ihm Grund;

Schickt ihn hieher, so will ich schon ihn stimmen.

Cassius.

Der Morgen übereilt uns: laßt uns gehn.

Zerstreut euch, Freunde; doch bedenket alle,

Was ihr gesagt, und zeigt euch echte Römer.

Brutus.

Seht, werte Männer, frisch und fröhlich aus;

Tragt euren Vorsatz nicht auf eurer Stirn.

Nein, führt's hindurch, wie Helden unsrer Bühne,

mit munterm Geist und würdger Festigkeit.

Und somit insgesamt euch guten Morgen!

(Alle ab, außer Brutus.)

He, Lucius! - Fest im Schlaf? Es schadet nichts.

Genieß den honigschweren Tau des Schlummers.

Du siehst Gestalten nicht, noch Phantasien,

Womit geschäftge Sorg ein Hirn erfüllt;

Drum schläfst du so gesund. Portia tritt auf.

Portia.

Mein Gatte! Brutus!

Brutus.

Was wollt Ihr, Portia? warum steht Ihr auf?

Es dient Euch nicht, die zärtliche Natur

Dem rauhen kalten Morgen zu vertraun.

Portia.

Euch gleichfalls nicht. Unfreundlich stahlt Ihr, Brutus,

Von meinem Bett Euch; und beim Nachtmahl gestern

Erhobt Ihr plötzlich Euch und gingt umher,

Sinnend und seufzend mit verschränkten Armen.

Und wenn ich Euch befragte, was es sei,

So starrtet Ihr mich an mit finstern Blicken.

Ich drang in Euch, da riebt Ihr Euch die Stirn

Und stampftet ungeduldig mit dem Fuß;

Doch hielt ich an, doch gabt Ihr keine Rede

Und winktet mit der Hand unwillig weg,

Damit ich Euch verließ. Ich tat es auch,

Besorgt, die Ungeduld noch zu verstärken,

Die schon zu sehr entflammt schien, und zugleich

Mir schmeichelnd, nur von Laune rühr es her,

Die ihre Stunden hat bei jedem Mann.

Nicht essen, reden, schlafen läßt es Euch;

Und könnt es Eure Bildung so entstellen,

Als es sich Eurer Fassung hat bemeistert,

So kennt ich Euch nicht mehr. Mein teurer Gatte,

Teilt mir die Ursach Eures Kummers mit.

Brutus.

Ich bin nicht recht gesund, und das ist alles.

Portia.

Brutus ist weise; wär er nicht gesund,

Er nähm die Mittel wahr, um es zu werden.

Brutus.

Das tu ich, gute Portia; geh zu Bett.

Portia.

Ist Brutus krank? und ist es heilsam, so

Entblößt umherzugehn und einzusaugen

Den Dunst des Morgens? Wie, ist Brutus krank,

Und schleicht er vom gesunden Bett sich weg,

Der schnöden Ansteckung der Nacht zu trotzen?

Und reizet er die böse Fieberluft,

Sein Übel noch zu mehren? - Nein, mein Brutus,

Ihr tragt ein krankes Übel im Gemüt,

Wovon, nach meiner Stelle Recht und Würde,

Ich wissen sollte; und auf meinen Knien

Fleh ich bei meiner einst gepriesnen Schönheit,

Bei allen Euren Liebesschwüren, ja,

Bei jenem großen Schwur, durch welchen wir

Einander einverleibt und eins nur sind:

Enthüllt mir, Eurer Hälfte, Eurem Selbst,

Was Euch bekümmert, was zu Nacht für Männer

Euch zugesprochen; denn es waren hier

Sechs oder sieben, die ihr Antlitz selbst

Der Finsternis verbargen.

Brutus.

O kniet nicht, liebe Portia.

Portia.

Ich braucht es nicht, wärt Ihr mein lieber Brutus.

Ist's im Vertrag der Ehe, sagt mir, Brutus,

Bedungen, kein Geheimnis sollt ich wissen,

Das Euch gehört? Und bin ich Euer Selbst

Nur gleichsam, mit gewissen Einschränkungen?

Beim Mahl um Euch zu sein, Eur Bett zu teilen,

Auch wohl mit Euch zu sprechen? Wohn ich denn

Nur in der Vorstadt Eurer Zuneigung?

Ist es nur das, so ist ja Portia

Des Brutus Buhle nur und nicht sein Weib.

Brutus.

Ihr seid mein echtes, ehrenwertes Weib,

So teuer mir als wie die Purpurtropfen,

Die um mein trauernd Herz sich drängen.

Portia.

Wenn dem so wär, so wüßt ich dies Geheimnis.

Ich bin ein Weib, gesteh ich, aber doch

Ein Weib, das Brutus zur Gemahlin nahm.

Ich bin ein Weib, gesteh ich, aber doch

Ein Weib von gutem Rufe, Catos Tochter.

Denkt Ihr, ich sei so schwach wie mein Geschlecht,

Aus solchem Stamm erzeugt und so vermählt?

Sagt das Geheimnis mir: ich will's bewahren,

Ich habe meine Stärke hart erprüft,

Freiwillig eine Wunde mir versetzend

Am Schenkel hier; ertrüg ich das geduldig

Und ein Geheimnis meines Gatten nicht?

Brutus.

Ihr Götter, macht mich wert des edlen Weibes!

(Man klopft draußen.)

Horch! horch! man klopft; geh eine Weil hinein,

Und unverzüglich soll dein Busen teilen,

Was noch mein Herz verschließt.

Mein ganzes Bündnis will ich dir enthüllen

Und meiner finstern Stirne Zeichenschrift.

Verlaß mich schnell. (Portia ab.) Lucius und Ligarius kommen.

Brutus.

Wer klopft denn, Lucius?

Lucius.

Hier ist ein Kranker, der Euch sprechen will.

Brutus.

Ligarius ist's, von dem Metellus sprach.

Du, tritt beiseit. - Cajus Ligarius, wie?

Ligarius.

Nehmt einen Morgengruß von matter Zunge.

Brutus.

O welche Zeit erwählt Ihr, wackrer Cajus,

Ein Tuch zu tragen! Wärt Ihr doch nicht krank!

Ligarius.

Ich bin nicht krank, hat irgendeine Tat,

Des Namens Ehre würdig, Brutus vor.

Brutus.

Solch eine Tat, Ligarius, hab ich vor,

Wär Euer Ohr gesund, davon zu hören.

Ligarius.

Bei jedem Gott, vor dem sich Römer beugen,

Hier sag ich ab der Krankheit. Seele Roms!

Du wackrer Sohn, aus edlem Blut entsprossen!

Wie ein Beschwörer riefst du auf in mir

Den abgestorbnen Geist. Nun heiß mich laufen,

So will ich an Unmögliches mich wagen,

Ja Herr darüber werden. Was zu tun?

Brutus.

Ein Wagestück, das Kranke heilen wird.

Ligarius.

Doch gibt's nicht auch Gesunde krank zu machen?

Brutus.

Die gibt es freilich. Was es ist, mein Cajus,

Eröffn ich dir auf unserm Weg zu ihm,

An dem es muß geschehn.

Ligarius.

Macht Euch nur auf

Mit neu entflammtem Herzen folg ich Euch,

Zu tun, was ich nicht weiß. Doch es genügt,

Daß Brutus mir vorangeht.

Brutus.

Folgt mir denn. (Beide ab.)

Zweite Szene

Ein Zimmer in Cäsars Palaste

Donner und Blitz. Cäsar im Nachtkleide

Cäsar.

Zu Nacht hat Erd und Himmel Krieg geführt.

Calpurnia rief im Schlafe dreimal laut:

«O helft! Sie morden Cäsarn!» Niemand da? Ein Diener kommt.

Diener.

Herr?

Cäsar.

Geh, heiß die Priester gleich zum Opfer schreiten,

Und bring mir ihre Meinung vom Erfolg.

Diener. Es soll geschehn. (Ab.)

Calpurnia (tritt auf).

Was meint Ihr, Cäsar? Denkt Ihr auszugehn?

Ihr müßt heut keinen Schritt vom Hause weichen.

Cäsar.

Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren

Im Rücken nur gedroht; wenn sie die Stirn

Des Cäsar werden sehn, sind sie verschwunden.

Calpurnia.

Cäsar, ich hielt auf Wunderzeichen nie,

Doch schrecken sie mich nun. Im Haus ist jemand,

Der außer dem, was wir gesehn, gehört,

Von Greueln meldet, so die Wach erblickt'.

Es warf auf offner Gasse eine Löwin,

Und Grüft erlösten gähnend ihre Toten.

Wildglühnde Krieger fochten auf den Wolken,

In Reihn, Geschwadern und nach Kriegsgebrauch,

Wovon es Blut gesprüht aufs Kapitol.

Das Schlachtgetöse klirrte in der Luft;

Da wiehern Rosse, Männer röcheln sterbend,

Und Geister wimmerten die Straßen durch.

O Cäsar! unerhört sind diese Dinge;

Ich fürchte sie.

Cäsar.

Was kann vermieden werden,

Das sich zum Ziel die mächtgen Götter setzten?

Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,

So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.

Calpurnia.

Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben;

Der Himmel selbst flammt Fürstentod herab.

Cäsar.

Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt,

Die Tapfern kosten einmal nur den Tod.

Von allen Wundern, die ich je gehört,

Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,

Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,

Kommt, wann er kommen soll.

Der Diener kommt zurück.

Was dünkt den Augurn?

Diener.

Sie raten Euch, für heut nicht auszugehn.

Da sie dem Opfertier das Eingeweide

Ausnahmen, fanden sie kein Herz darin.

Cäsar.

Die Götter tun der Feigheit dies zur Schmach.

Ein Tier ja wäre Cäsar ohne Herz,

Wenn er aus Furcht sich heut zu Hause hielte.

Das wird er nicht; gar wohl weiß die Gefahr,

Cäsar sei noch gefährlicher als sie.

Wir sind zwei Leun, an einem Tag geworfen,

Und ich der ältre und der schrecklichste;

Und Cäsar wird doch ausgehn.

Calpurnia.

Ach, mein Gatte!

In Zuversicht geht Eure Weisheit unter.

Geht heute doch nicht aus; nennt's meine Furcht,

Die Euch zu Hause hält, nicht Eure eigne.

Wir senden Mark Anton in den Senat,

Zu sagen, daß Ihr unpaß heute seid.

Laßt mich auf meinen Knien dies erbitten.

Cäsar.

Ja, Mark Anton soll sagen, ich sei unpaß,

Und dir zulieb will ich zu Hause bleiben.

Decius tritt auf.

Sieh, Decius Brutus kommt; der soll's bestellen.

Decius.

Heil, Cäsar! Guten Morgen, würdger Cäsar!

Ich komm Euch abzuholen zum Senat.

Cäsar.

Und seid gekommen zur gelegnen Zeit,

Den Senatoren meinen Gruß zu bringen.

Sagt ihnen, daß ich heut nicht kommen will;

Nicht kann, ist falsch; daß ich's nicht wage, falscher;

Ich will nicht kommen heut, sagt ihnen das.

Calpurnia.

Sagt, er sei krank.

Cäsar.

Hilft Cäsar sich mit Lügen?

Streckt ich so weit erobernd meinen Arm,

Graubärten scheu die Wahrheit zu verkleiden?

Geht, Decius! sagt nur: Cäsar will nicht kommen.

Decius.

Laßt einen Grund mich wissen, großer Cäsar,

Daß man mich nicht verlacht, wenn ich es sage.

Cäsar.

Der Grund ist nur mein Will'; ich will nicht kommen,

Das gnügt zu des Senats Befriedigung.

Doch um Euch insbesondre gnug zu tun,

Weil ich Euch liebe, will ich's Euch eröffnen:

Calpurnia hier, mein Weib, hält mich zu Haus.

Sie träumte diese Nacht, sie säh mein Bildnis,

Das wie ein Springbrunn klares Blut vergoß

Aus hundert Röhren; rüstge Römer kamen

Und tauchten lächelnd ihre Hände drein.

Dies legt sie aus als Warnungen und Zeichen

Und Unglück, das uns droht, und hat mich kniend

Gebeten, heute doch nicht auszugehn.

Decius.

Ihr habt den Traum ganz irrig ausgelegt;

Es war ein schönes, glückliches Gesicht.

Eur Bildnis, Blut aus vielen Röhren spritzend,

Worein so viele Römer lächelnd tauchten,

Bedeutet, saugen werd aus Euch das große Rom

Belebend Blut; und große Männer werden

Nach Heiligtümern und nach Ehrenpfändern

Sich drängen. Das bedeutet dieser Traum.

Cäsar.

Auf diese Art habt Ihr ihn wohl erklärt.

Decius.

Ja, wenn Ihr erst gehört, was ich Euch melde.

Wißt denn: an diesem Tag will der Senat

Dem großen Cäsar eine Krone geben.

Wenn Ihr nun sagen laßt, Ihr wollt nicht kommen,

So kann es sie gereun. Auch ließ' es leicht

Zum Spott sich wenden; jemand spräche wohl:

«Verschiebt die Sitzung bis auf andre Zeit,

Wenn Cäsars Gattin beßre Träume hat.»

Wenn Cäsar sich versteckt, wird man nicht flüstern:

«Seht! Cäsar fürchtet sich?»

Verzeiht mir, Cäsar; meine Herzensliebe

Heißt dieses mich zu Eurem Vorteil sagen,

Und Schicklichkeit steht meiner Liebe nach.

Cäsar.

Wie töricht scheint nun Eure Angst, Calpurnia!

Ich schäme mich, daß ich ihr nachgegeben.

Reicht mein Gewand mir her, denn ich will gehn.

Publius, Brutus, Ligarius, Metellus,

Casca, Trebonius und Cinna treten auf.

Da kommt auch Publius, um mich zu holen.

Publius.

Guten Morgen, Cäsar!

Cäsar.

Publius, willkommen! -

Wie, Brutus? seid Ihr auch so früh schon auf? -

Guten Morgen, Casca! - Cajus Ligarius,

So sehr war Cäsar niemals Euer Feind

Als dieses Fieber, das Euch abgezehrt. -

Was ist die Uhr?

Brutus.

Es hat schon acht geschlagen.

Cäsar.

Habt Dank für Eure Müh und Höflichkeit.

Antonius tritt auf.

Seht! Mark Anton, der lange schwärmt des Nachts,

Ist doch schon auf. - Antonius, seid gegrüßt!

Antonius.

Auch Ihr, erlauchter Cäsar!

Cäsar.

Befehlt, daß man im Hause fertig sei;

Es ist nicht recht, so auf sich warten lassen.

Ei, Cinna! - Ei, Metellus! - Wie, Trebonius?

Ich hab mit Euch ein Stündchen zu verplaudern;

Gedenkt daran, daß Ihr mich heut besucht,

Und bleibt mir nah, damit ich Euer denke.

Trebonius.

Das will ich, Cäsar - (beiseite) will so nah Euch sein,

Daß Eure besten Freunde wünschen sollen,

Ich wär entfernt gewesen.

Cäsar.

Lieben Freunde,

Kommt mit herein und trinkt ein wenig Weins,

Dann gehen wir gleich Freunden miteinander.

Brutus (beiseite).

Daß gleich nicht stets dasselbe ist, o Cäsar!

Das Herz des Brutus blutet, es zu denken. (Alle ab.)

Dritte Szene

Eine Straße nahe beim Kapitol

Artemidorus tritt auf und liest einen Zettel

Artemidorus.

«Cäsar, hüte dich vor Brutus; sei wachsam gegen Cassius; halte dich weit vom Casca; habe ein Auge auf Cinna; mißtraue dem Trebonius; beobachte den Metellus Cimber; Decius Brutus liebt dich nicht; beleidigt hast du den Cajus Ligarius. Nur ein Sinn lebt in allen diesen Männern, und er ist gegen Cäsar gerichtet. Wo du nicht unsterblich bist, schau um dich. Sorglosigkeit gibt der Verschwörung Raum. Mögen dich die großen Götter schützen! Der Deinige Artemidorus.» Hier will ich stehn, bis er vorübergeht,

Und will ihm dies als Bittschrift überreichen.

Mein Herz bejammert, daß die Tugend nicht

Frei von dem Zahn des Neides leben kann.

O Cäsar, lies! so bist du nicht verloren;

Sonst ist das Schicksal mit Verrat verschworen. (Ab.)

Vierte Szene

Ein andrer Teil derselben Straße vor dem Hause des Brutus

Portia und Lucius kommen

Portia.

Ich bitt dich, Knabe, lauf in den Senat.

Halt dich mit keiner Antwort auf und geh!

Was wartest du?

Lucius.

Zu hören, was ich soll.

Portia.

Ich möchte dort und wieder hier dich haben,

Eh ich dir sagen kann, was du da sollst.

O Festigkeit, steh unverrückt mir bei,

Stell einen Fels mir zwischen Herz und Zunge!

Ich habe Mannessinn, doch Weibeskraft.

Wie fällt doch ein Geheimnis Weibern schwer! -

Bist du noch hier?

Lucius.

Was sollt ich, gnädge Frau?

Nur hin zum Kapitol und weiter nichts,

Und so zurück zu Euch, und weiter nichts?

Portia.

Nein, ob dein Herr wohl aussieht, melde mir,

Denn er ging unpaß fort, und merk dir recht,

Was Cäsar macht, wer mit Gesuch ihm naht.

Still, Knabe! Welch Geräusch?

Lucius.

Ich höre keins.

Portia.

Ich bitt dich, horch genau.

Ich hörte wilden Lärm, als föchte man,

Und der Wind bringt vom Kapitol ihn her.

Lucius.

Gewißlich, gnädge Frau, ich höre nichts. Ein Wahrsager kommt.

Portia.

Komm näher, Mann! Wo führt dein Weg dich her?

Wahrsager.

Von meinem Hause, liebe gnädge Frau.

Portia.

Was ist die Uhr?

Wahrsager.

Die neunte Stund etwa.

Portia.

Ist Cäsar schon aufs Kapitol gegangen?

Wahrsager.

Nein, gnädge Frau; ich geh, mir Platz zu nehmen,

Wo er vorbeizieht auf das Kapitol.

Portia.

Du hast an Cäsar ein Gesuch, nicht wahr?

Wahrsager.

Das hab ich, gnädge Frau. Beliebt es Cäsarn,

Aus Güte gegen Cäsar mich zu hören,

So bitt ich ihn, es gut mit sich zu meinen.

Portia.

Wie? weißt du, daß man ihm ein Leid will antun?

Wahrsager.

Keins seh ich klar vorher, viel, fürcht ich, kann geschehn.

Doch guten Tag! Hier ist die Straße eng;

Die Schar, die Cäsarn auf der Ferse folgt,

Von Senatoren, Prätorn, Supplikanten,

Würd einen schwachen Mann beinah erdrücken.

Ich will an einen freiern Platz und da

Den großen Cäsar sprechen, wenn er kommt. (Ab.)

Portia.

Ich muß ins Haus. Ach, welch ein schwaches Ding

Das Herz des Weibes ist! O Brutus!

Der Himmel helfe deinem Unternehmen. -

Gewiß, der Knabe hört' es. - Brutus wirbt um etwas,

Das Cäsar weigert. - O, es wird mir schlimm!

Lauf, Lucius, empfiehl mich meinem Gatten,

Sag, ich sei fröhlich, komm zu mir zurück

Und melde mir, was er dir aufgetragen. (Beide ab.)


Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitte per eMail melden.


[Startseite] [Fragen&Antworten] [Partner/Links] [Impressum]