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William Shakespeare: Was ihr wollt

Inhalt

Erster Aufzug

[Erste Scene] [Zweite Scene] [Dritte Scene] [Vierte Scene] [Fünfte Scene] [Sechste Scene] [Siebende Scene] [Achte Scene] [Neunte Scene]

Zweiter Aufzug

[Erste Scene] [Zweyte Scene] [Dritte Scene] [Vierte Scene] [Fünfte Scene] [Sechste Scene] [Siebende, achte und neunte Scene]

Dritter Aufzug.

[Erste Scene] [Zweyte Scene] [Dritte Scene] [Vierte Scene] [Fünfte Scene] [Sechste Scene] [Siebende Scene] [Achte Scene] [Neunte Scene] [Zehnte Scene] [Eilfte Scene] [Zwölfte und dreyzehnte Scene] [Vierzehnte Scene]

Vierter Aufzug.

[Erste Scene] [Zweyten Scene] [Dritte Scene] [Vierten Scene] [Fünfte Scene]

Fünfter Aufzug.

[Abs. 1] [Erste Scene] [Zweyte Scene] [Dritten Scene] [Vierten Scene] [Fünften Scene] [Sechsten und siebenten Scene]

Dritter Aufzug.

Erste Scene

Olivia's Garten. Ein wiziger Wett-Kampf zwischen Viola und dem Narren.

Zweyte Scene

Sir Tobias mit seinem Freund, zu den Vorigen. Bald darauf auch Olivia und Maria.

Dritte Scene

Olivia und Viola allein.

Olivia.

Gebt mir eure Hand, mein Herr.

Viola.

Mit meinen unterthänigsten Diensten, Gnädige Frau.

Olivia.

Wie ist euer Name?

Viola.

Cäsario ist euers Dieners Name, schöne Princessin.

Olivia.

Meines Dieners, mein Herr? Die Welt hat ihre beste Anmuth verlohren, seitdem man erdichtete Gesinnungen Complimente nennt: Ihr seyd des Herzogs Orsino Diener, junger Mensch - -

Viola.

Und also der eurige, Gnädige Frau. Der Diener euers Dieners, muß nothwendig auch euer Diener seyn.

Olivia.

An ihn denk' ich nun gar nicht; ich wollte, seine Gedanken wären lieber gar leer als mit mir angefüllt.

Viola.

Gnädige Frau, ich komme in der Absicht, eure schönen Gedanken zu seinem Vortheil zu wenden.

Olivia.

O, mit eurer Erlaubniß, ich bitte euch - - Ich sagt' euch ja, ihr möchtet mir nichts mehr von ihm sagen. Ihr könntet eine andre Sayte rühren, wo ich euch lieber hören wollte als Musik aus dem Himmel.

Viola.

Gnädige Frau - -

Olivia.

Mit Erlaubniß, wenn ich bitten darf. Ich schikte euch, nach der lezten zaubrischen Erscheinung, die ihr hier machtet, einen Ring nach. Es war ein Schritt, dessen Bedeutung ihr nicht mißverstehen konntet, und der mich vielleicht in euern Augen herabgesezt hat. Was konntet ihr davon denken? Habt ihr deßwegen so nachtheilig von meiner Ehre gedacht als ein unempfindliches Herz denken kan? Einem von euerm Verstand, ist genug gesagt; ein Cypern, nicht ein Busen dekt mein armes Herz. Und nun laßt hören, was ihr zu sagen habt.

Viola.

Ich bedaure euch.

Olivia.

Das ist eine Stuffe zur Liebe.

Viola.

Nicht allemal; wir bedauren oft sogar unsre Feinde.

Olivia.

Wie dann, so ist es Zeit wieder zu lächeln. O Welt, wie geneigt die Armen sind stolz zu seyn! Wenn man ja zum Raube werden muß, so ist es doch besser durch einen Löwen zu fallen als durch einen Wolf. (Die Gloke schlägt.) Die Gloke wirft mir vor daß ich die Zeit verderbe. Fürchtet euch nicht, guter junger Mensch, ich mache keine Ansprüche an euch; und doch wenn Verstand und Jugend bey euch zur Reiffe gekommen seyn werden, so wird eure Frau, allem Ansehen nach, einen feinen Mann haben: Hier ligt euer Weg, westwärts.

Viola.

So wünsch' ich Euer Gnaden Vergnügen und guten Humor; habt ihr mir nichts an meinen Herrn aufzugeben, Madam?

Olivia.

Warte noch; ich bitte dich, sage mir was du von mir denkst?

Viola.

Ich denke, ihr denkt ihr seyd nicht was ihr seyd.

Olivia.

Wenn ich so denke, so denk ich das nemliche von euch.

Viola.

Und so denkt ihr recht, ich bin nicht was ich bin.

Olivia.

Ich wollt' ihr wäret wie ich euch wünschte.

Viola.

Würd' ich besser seyn, Madam, als wie ich bin? Ich wollt es wäre so, denn izt bin ich euer Narr.

Olivia.

Wie anmuthig selbst Verachtung und Zorn auf seinen schönen Lippen sizt.* Mördrische Schuld verräth sich nicht schneller, als Liebe die sich verbergen will: Die Nacht der Liebe ist Mittag. Cäsario, bey den Rosen des Frühlings, bey meiner jungfräulichen Ehre und Treue, und bey allem in der Welt, ich liebe dich so sehr, daß, troz allem deinem spröden Wesen, weder Wiz noch Vernunft meine Leidenschaft verbergen kan. Erzwinge dir daher, daß ich dir mein Herz selbst antrage, keinen Grund es zu verschmähen; denke lieber so, (du wirst so richtiger denken) gesuchte Liebe ist gut; aber ungesucht geschenkt, ist sie noch besser.

Viola.

Ich schwöre bey meiner Unschuld und Jugend, ich habe Ein Herz, Einen Busen, und Eine Treue, und diese hat kein Weibsbild; noch wird jemals Eine Meisterin davon seyn als ich selbst. Und hiemit, adieu, Gnädiges Fräulein; niemals werd' ich mich wieder gebrauchen lassen, euch meines Herrn Thränen vorzuweinen.

Olivia.

Komm nichts desto minder wieder; vielleicht mag es dir endlich gelingen, dieses Herz, das izt seine Liebe verabscheut, zu einer zärtlichern Gesinnung zu bewegen. (Sie gehen ab.)

Vierte Scene

Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Haus. Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian. Sir Tobias und Fabian bemühen sich den Sir Andreas zur Eifersucht gegen den Cäsario oder die verkleidete Viola zu reizen, und bereden ihn, Olivia habe dem Cäsario nur darum so gut begegnet, um zu sehen, ob er, Andreas, so geduldig dazu seyn werde; Sir Tobias sezt hinzu, sie habe ohnfehlbar erwartet, daß er irgend einen tapfern Ausfall gegen seinen Nebenbuhler wagen würde, und da dieses nicht geschehen, so sey er nun ganz gewiß sehr tief in ihrer guten Meynung gefallen. Du bist nun, sagt er, in den Norden, von meiner Nichte guter Meynung hineingesegelt, wo du hangen wirst wie ein Eiszapfe an eines Holländers Bart, wofern du dich nicht durch irgend eine kühne That wieder losmachst - - Kurz, sie bereden ihn endlich, daß er sich schlechterdings mit Cäsario schlagen müsse, und Sir Tobias erbietet sich, diesem die Ausforderung zu überbringen; welche zu schreiben dann Sir Andreas abgeht.

Fünfte Scene

Fabian und Sir Tobias machen sich zum voraus über die Kurzweile lustig, die sie von diesem Zweykampf erwarten. Sir Tobias gesteht von seinem Freund daß er eine Memme sey; wenn man ihn öfnete, sagt er, und ihr findet nur soviel Blut in seiner Leber, daß eine Floh die Füsse darinn naß machen könnte, so will ich den Rest der Anatomie aufessen. Indem kommt Maria zu ihnen, und bittet sie mit ihr zu gehen und zu sehen, wie seltsam sich Malvolio in seinen gelben, unter den Knien gebundnen Strümpfen gebehrde, und wie pünctlich er der Vorschrift des von ihr unterschobnen Briefs nachlebe. Er lächelt (sagt sie) sein breites Gesicht in mehr Linien als auf der neuen Land-Carte sind, die mit den beyden Indien vermehrt ist; ihr habt euere Tage nichts so gesehen; ich bin gewiß, mein Fräulein wird ihm eine Ohrfeige geben; wenn sie's thut, so wird er lächeln und es für eine grosse Gunstbezeugung aufnemen.

Sechste Scene

Verwandelt sich in die Strasse. Sebastian und Antonio treten auf. Sie freuen sich einander wieder zufinden; Sebastian bittet seinen Freund mit ihm zu gehen, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehen; Antonio antwortet, er getraue sich, weil er ehedem gegen den Herzog gedient und ihm einen namhaften Schaden gethan habe, nicht, sich so öffentlich sehen zu lassen, er bestellt also den Sebastian auf den Abend ins Wirthshaus zum Elephanten, giebt ihm, auf den Fall, wenn er etwann Lust hätte etwas einzukauffen, seinen Beutel, und verläßt ihn, um ihm das Nacht-Quartier zu bestellen. * Von hier an bis zu Ende dieser Scene, ist im Original alles in Reimen.

Siebende Scene

Verwandelt sich in Olivias Haus.

Olivia und Maria.

Olivia.

Ich habe nach Cäsario geschikt; er sagt, er will kommen; was soll ich ihm für Ehre anthun? Was soll ich ihm geben? Denn Jugend wird öfters erkauft als erbettelt oder entlehnt - - Ich rede zu laut - - Wo ist Malvolio? Er ist ernsthaft und höflich, er schikt sich gut zu einem Bedienten für eine Person von meinen Umständen; wo ist Malvolio?

Maria.

Er kommt sogleich, Gnädiges Fräulein, aber in einem seltsamen Aufzug. Er ist ganz unfehlbar besessen, Gnädiges Fräulein.

Olivia.

Wie, wo fehlt es ihm? Raßt er denn?

Maria.

Nein, Gnädiges Fräulein, er thut nichts als lächeln; Euer Gnaden wird wohlthun, jemand zur Sicherheit bey sich zu haben: denn, ganz gewiß, der Mann ist nicht recht richtig unterm Hut.

Olivia.

Geh, ruf ihm. - - Malvolio tritt auf. - - Ich bin so närrisch als er immer, wenn traurige und lustige Narrheit auf eins hinauslauffen - - Nun, wie gehts, Malvolio?

Malvolio.

Liebstes Fräulein, ha, ha. (Er lächelt auf eine abgeschmakte Art.)

Olivia.

Lächelst du? Ich schikte nach dir, um dich zu einem ernsthaften Geschäfte zu gebrauchen.

Malvolio.

Ernsthaft? Ich könnte wol ernsthaft aussehen, dieses starke Binden unter den Knien macht einige Obstruction im Geblüt; aber was thut das? Wenn es nur Einer gefällt, so geht mir's vollkommen wie es in dem Sonnet heißt: Gefall ich Einer, so gefall ich Allen.

Olivia.

Wie, was bedeutet das, Mann? Was fehlt dir?

Malvolio.

Es ist in meinem Kopf nicht so schwarz als meine Beine gelb sind: Es ist mir richtig zu Handen gekommen, und Befehle sollen vollzogen werden. Ich denke, wir kennen diese schöne Römische Hand.

Olivia.

Willt du nicht zu Bette gehen, Malvolio?

Malvolio (leise.)

Zu Bette? Ja, Liebchen, und mit dir.

Olivia.

Gott behüte dich! Warum lächelst du so, und küssest deine Hand so oft?

Maria.

Was fehlt euch, Malvolio?

Malvolio.

Habt ihr zu fragen? Wahrhaftig! Nachtigallen antworten gleich Krähen!

Maria.

Wie untersteht ihr euch mit einer so lächerlichen Kühnheit vor meiner Gnäd. Fräulein zu erscheinen?

Malvolio.

Fürchte dich nicht vor Grösse; - - Das war wol gegeben.

Olivia.

Was meynst du damit, Malvolio.

Malvolio.

Einige werden groß gebohren - -

Olivia.

Ha?

Malvolio.

Andre arbeiten sich zur Grösse empor - -

Olivia.

Was sagst du?

Malvolio.

Und andern wird sie zugeworfen.

Olivia.

Der Himmel helfe dir wieder zurechte!

Malvolio.

Erinnre dich, wer dir befahl gelbe Strümpfe zu tragen - -

Olivia.

Deine gelbe Strümpfe?

Malvolio.

Und wünschte, daß du sie unterm Knie binden möchtest?

Olivia.

Unterm Knie binden?

Malvolio.

Geh, geh, du bist ein gemachter Mann, wenn du nur willst.

Olivia.

Was sagst du?

Malvolio.

Wo nicht, so bleibe dein Lebenlang ein Bedienter.

Olivia.

Wie, das ist ja eine wahre Hundstags-Tollheit. (Ein Bedienter meldet den Cäsario an, Olivia geht ab, nachdem sie Befehl ertheilt hat, daß man zu Malvolio Sorge trage.)

Achte Scene

Malvolio, der seine Sachen vortrefflich gemacht zu haben glaubt, bestärkt sich selbst, in einem kleinen Monologen, in seinem angenehmen Wahnwiz, und hält sich seines Glüks so gewiß, daß ihm nichts übrig bleibe, als den Göttern davor zu danken.

Neunte Scene

Sir Tobias, Fabian und Maria zu Malvolio.

Sir Tobias.

Wo ist er, wo ist er, im Namen alles dessen was gut ist? Und wenn alle Teufel in der Hölle sich ins Kleine zusammengezogen hätten und in ihn gefahren wären, so will ich mit ihm reden.

Fabian.

Hier ist er, hier ist er. Wie steht's um euch, Herr? Wie steht's um euch?

Malvolio.

Geht eurer Wege; ich entlaß euch; laßt mich bey mir selbst; geht eurer Wege.

Maria.

Seht, wie der böse Feind aus ihm heraus redt! Sagt ich's euch nicht? Sir Tobias, die Gnädige Fräulein bittet euch, Sorge zu ihm zu tragen.

Malvolio.

Ah, ha! Thut sie das?

Sir Tobias.

Geh, geh; still, still, wir müssen säuberlich mit ihm verfahren; laßt mich allein machen. Wie! Mann! Laß den Teufel nicht Meister seyn; bedenke, daß er ein Feind der Menschen ist.

Malvolio (ernsthaft und stolz.)

Wißt ihr auch was ihr sagt?

Maria.

Da seht ihr; wenn ihr was böses vom Teufel sagt, wie er's gleich zu Herzen nimmt - - Gott gebe, daß er nicht besessen seyn möge!

Fabian.

Man muß sein Wasser zu der weisen Frauen tragen.

Maria.

Meiner Treue, das soll auch gleich morgen gethan werden, wenn ich das Leben habe. Mein Gnädiges Fräulein würd' ihn um mehr als ich sagen mag nicht verliehren wollen.

Malvolio.

Nun wie, Jungfer?

Maria.

O Himmel!

Sir Tobias.

Ich bitte dich, schweige; das ist nicht das rechte Mittel: Siehst du nicht, daß du ihn nur böse machst? Laßt mich allein mit ihm.

Fabian.

Nur keinen andern Weg als Freundlichkeit; nur sanft, nur sanft; der böse Feind ist gar kurz angebunden, er läßt nicht grob mit sich umgehen.

Sir Tobias.

Nun, wie, wie steht's, mein Truthähnchen? Wie geht's dir, mein Herzchen?

Malvolio.

Sir? - -

Sir Tobias.

Ja, ich bitte dich, komm du mit mir. Wie, Mann, es schikt sich nicht für einen so weisen Mann wie du bist mit dem Teufel den Narren zu treiben. An den Galgen mit dem garstigen Kohlenbrenner!

Maria.

Laßt ihn sein Gebet hersagen, lieber Sir Tobias; laßt ihn beten.

Malvolio.

Beten, du Affen-Gesicht?

Maria.

Da, hört ihr's, er will von nichts gutem reden hören.

Malvolio.

Scheret euch alle an den Galgen: Ihr seyd ein einfältiges dummes Pak; ich bin nicht euers Gelichters; ihr werdet mich seiner Zeit schon kennen lernen. (Er geht ab.)

Sir Tobias.

Ist's möglich?

Fabian.

Wenn man das in einer Comödie spielen würde, wer würd' es nicht als eine unwahrscheinliche Erdichtung verurtheilen? (In dem Rest dieser Scene freuen sich Sir Tobias und seine Consorten, daß ihnen ihre Absicht so wol gelungen sey, und entschliessen sich nicht abzulassen, bis sie den armen Malvolio, zur Züchtigung seines Uebermuths in ein finstres Gemach und an Bande gebracht haben würden.)

Zehnte Scene

Sir Andreas kommt mit der Ausforderung, die er indessen aufgesezt hat, zu den Vorigen, und ließt ihnen das abgeschmakteste Zeug vor, das man sich träumen lassen kan. Alle geben ihm ihren Beyfall, und muntern ihn auf, sich wohl zu halten. Sir Tobias nimmt auf sich, die Ausforderung dem Cäsario einzuhändigen und schikt den Sir Andreas in den Garten, wo er seinem Gegner, der sich würklich bey Fräulein Olivia befindet, aufpassen soll. Allein sobald er weggegangen ist, entdekt Tobias dem Fabian daß er weit entfernt sey, einem so feinen jungen Edelmann als Cäsario zu seyn scheine, ein so vollgültiges Document der verächtlichen Schwäche seines Gegners zu geben; denn so würde der Spaß gleich ein Ende haben: er finde also besser, seine Comission mündlich abzulegen, und dem jungen Cäsario einen ganz entsezlichen Begriff von Sir Andreassen Tapferkeit, und unbezwingbarer Wuth beyzubringen; auf diese Art, sezt er hinzu, werden beyde in eine solche Furcht gesezt werden, daß sie einander nur durch Blike tödten werden, wie die Basilisken.

Eilfte Scene

Olivia und Viola treten auf.

Olivia.

Zu einem Herzen von Stein hab' ich zuviel gesagt, und meine Ehre zu wohlfeil ausgelegt. Es ist etwas in mir, das mir meinen Fehler vorrükt; aber es ist ein so eigensinniger hartnäkiger Fehler, daß ihm Vorwürfe nichts abgewinnen können.

Viola.

Der Herzog, mein Herr befindet sich in dem nemlichen Falle.

Olivia.

Hier, tragt dieses Kleinod zu meinem Andenken; es enthält mein Bild; schlagt es nicht aus, es hat keine Zunge euch zu plagen; und ich bitte euch, kommt morgen wieder. Was könntet ihr von mir begehren, das mit Ehren gegeben werden kan, und ich euch abschlagen würde?

Viola.

Ich bitte um nichts als eure Liebe für meinen Herrn.

Olivia.

Wie kan ich ihm mit Ehren geben, was ich euch schon gegeben habe?

Viola.

Ich will euch dessen quitt halten.

Olivia.

Gut, komm morgen wieder; lebe wohl - - (Sie geht ab - -) Ein Teufel der deine Gestalt hätte, könnte meine Seele bis in die Hölle loken - -

Zwölfte und dreyzehnte Scene

Sir Tobias kündigt den Zorn des furchtbaren Sir Andreas und seine Ausforderung dem verkappten Cäsario an, der Mühe genug hat seinen wenigen Muth zu einem solchen Zweykampf zu verbergen. Tobias verspricht ihm endlich seine guten Dienste, um wenigstens die Ursache der grausamen Ungnade zu erkundigen, welche Cäsario durch nichts verdient zu haben sich bewußt ist, und wo möglich den wüthenden Sir Andreas in etwas zu besänftigen. Tobias stellt sich als ob er zu diesem Ende abgehe, da indessen Fabian fortfährt der armen Viola Schreken einzujagen, und ihren Gegner als den besten Fechter und den fatalesten Widerpart den man in ganz Illyrien finden könne, abzumahlen. Sie gehen ab, um dem Sir Tobias Plaz zu geben, in der folgenden Scene, seinen Freund Andreas in eine eben so friedliebende Gemüths-Verfassung zu sezen. Er beschreibt ihm den Cäsario als einen eingefleischten Teufel, der des Sophi Hof-Fechtmeister gewesen sey, und keinen Stoß zu thun pflege, der nicht eine tödtliche Wunde mache. Andreas geräth darüber in solche Angst, daß er verspricht er wolle ihm sein bestes Pferd geben, wenn er die Sache auf sich beruhen lassen wolle. Indessen kommt Fabian mit Cäsario zurük, der, sobald er den Andreas erblikt, sich allen Heiligen zu empfehlen anfängt, ohne gewahr zu werden, daß Andreas wie eine Memme schlottert. Sir Tobias geht von dem einen zum andern, sagt einem jeden, sein Gegner wolle sich durch nichts in der Welt besänftigen lassen, und bringt sie endlich dahin, daß sie, ungern genug, die Degen zu ziehen anfangen; welches alles auf dem Theater eine äusserst lächerliche Scene machen muß.

Vierzehnte Scene

Indem sie ziehen, und Viola mit weinerlicher Stimme protestiert, daß es wider ihren Willen geschehe, kommt Antonio dazu, der durch die vollkommne Aehnlichkeit zwischen ihr und ihrem Bruder und durch ihre Verkleidung betrogen, sie für seinen jungen Freund Sebastiano ansieht, sich ins Mittel schlägt, und sich erklärt, er möge nun der beleidigte Theil oder der Beleidiger seyn, so mache er seine Sache zu seiner eignen. Sir Tobias der es übel nimmt, daß ihm sein Spaß verdorben werden soll, erklärt sich, wenn der Neuangekommne sich zu Cäsarios Secundanten aufwerfe, so wolle er sein Mann seyn; allein kaum haben sie gezogen, so kommt die Wache, bey deren Erblikung Viola den Sir Andreas bittet seinen Degen wieder einzusteken, welches sich dieser nicht zweymal sagen läßt. Antonio, der sich, wie man weiß, des Herzogs Ungnade zugezogen hatte, war verrathen worden. Die Wache suchte ihn auf; und da sie, der gemachten Beschreibung nach, ihren Mann gefunden zu haben glaubt, wird er auf Befehl des Herzogs Orsino in Verhaft genommen.

Antonio (nachdem er sich vergeblich hatte verläugnen wollen.)

Ich muß gehorchen. (Zu Cäsario.) Das begegnet mir, weil ich euch allenthalben aufsuchte. Aber dafür ist nun kein Mittel. Ich werde mich zu verantworten wissen. Was wollt ihr thun? Meine eigne Noth zwingt mich, daß ich meinen Beutel wieder abfordern muß. Dieser Zufall bekümmert mich viel weniger um meiner selbst willen, als weil ich euch unnüz werden muß: Ihr seyd betroffen, seh ich; aber laßt den Muth noch nicht sinken.

1. Officier.

Kommt, Herr, wir müssen fort.

Antonio (Zu Cäsario.)

Ich bin genöthigt euch um etwas Geld zu bitten.

Viola.

Was für Geld, mein Herr? - - Um eures edeln Bezeugens gegen mich willen, und weil ich zum Theil durch den verdrieslichen Zufall, der euch hier zugestossen ist, aus der grösten Verlegenheit gezogen worden bin, will ich euch etwas vorstreken; was ich habe ist was weniges, aber ich will doch mit euch theilen was ich habe; nemmt, das ist die Hälfte meines Vermögens.

Antonio.

Und ihr seyd fähig, mich izt zu mißkennen? Ist's möglich daß meine guten Dienste - - o sezt meine Noth nicht auf eine so harte Probe, oder ihr könntet mich zu der Niederträchtigkeit versuchen, euch die Freundschaft, die ich euch bewiesen habe, vorzurüken.

Viola.

Ich weiß von keiner, und kenne euch weder an eurer Stimme noch Gestalt. Ich hasse Undankbarkeit mehr an einem Mann als Aufschneiden, einbildisches Wesen, waschhafte Trunkenheit, oder irgend eine andre Untugend, wovon der anstekende Saame in unserm Blute stekt.

Antonio.

O Himmel! - -

Ein Officier.

Kommt, mein Herr, ich bitte euch, geht.

Antonio.

Laßt mich nur noch ein Wort sagen. Diesen jungen Menschen, den ihr hier seht, zog ich aus dem Rachen des Todes; ich that alles was der zärtlichste Bruder thun könnte, ihn wieder herzustellen; ich liebte ihn, und ließ mich von seiner Gestalt, die mir die besten Eigenschaften anzukündigen schien, so sehr einnehmen, daß ich ihn fast abgöttisch verehrte.

1. Officier.

Was geht das uns an? Die Zeit verstreicht indessen; fort!

Antonio.

Aber, oh, was für ein häßlicher Göze ist aus diesem Gotte worden. O Sebastiano, du machst der Schönheit Unehre. Wahrhaftig, man sollte niemand häßlich nennen, als Leute die kein gutes Herz haben. Tugend ist Schönheit; böse Leute, welche schön aussehen, sind hohle Klöze die der Teufel angestrichen hat.

1. Officier.

Der Mann fangt an zu rasen: weg mit ihm. Kommt, kommt, Herr.

Antonio.

Führt mich wohin ihr wollt. (Sie gehen ab.)

Viola.

Mich däucht es ist eine so wahre Leidenschaft in seinen Reden, daß er würklich glaubt was er sagt. Und doch ist gewiß daß ich ihn nicht kenne. O daß die Einbildung sich wahr befinden möge, o, daß es wahr sey, daß man, liebster Bruder, izt für dich mich angesehen habe - - Er nannte mich Sebastian; Ich sehe meinen Bruder noch lebend so oft ich in den Spiegel sehe, er sah vollkommen so aus, und gieng auch eben so gekleidet, von solcher Farbe, und so ausstaffiert wie ich; denn ihn copiere ich in dieser Verkleidung - - O, wenn es so ist, so werd' ich den Sturm und die Wellen liebreich statt grausam nennen. (Sie geht ab.)

Sir Tobias.

Ein recht schlechter armseliger Bube, und eine feigere Memme als eine Hindin; seine Schlechtigkeit zeigte sich in seiner Aufführung gegen seinen Freund, den er in der Noth verläugnete; und von seiner Feigheit kan euch Fabian erzählen.

Fabian.

Eine Memme ist er, eine recht fromme, friedfertiger feige Memme.

Sir Andreas.

Mein Seel! Ich will ihm nach und ihn prügeln.

Sir Tobias.

Thut das, gebt ihm Maulschellen, bis er genug hat, nur den Degen zieht nicht gegen ihn.

Sir Andreas.

Wenn ich's nicht thue - - (Er läuft fort.)

Fabian.

Kommt, wir müssen doch sehen, wie er das machen wird.

Sir Tobias.

Ich wollte wetten was man will, es wird doch nichts daraus werden. (Sie gehen ab.)


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